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Also sprach Zarathustra

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Also sprach Zarathustra

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Thus Spoke Zarathustra

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Zeno.org

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Friedrich Nietzsche

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Friedrich Nietzsche

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2015-06-29

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2015-06-29

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Friedrich Nietzsche

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Friedrich Nietzsche

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Also sprach Zarathustra

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Thus Spoke Zarathustra

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Ein Buch für Alle und Keinen

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A Book for All and None

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Zeno.org

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Impressum

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Imprint

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Zarathustras Vorrede

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Zarathustra's Prologue

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Als Zarathustra dreißig Jahre alt war, verließ er seine Heimat und den See seiner Heimat und ging in das Gebirge. Hier genoß er seines Geistes und seiner Einsamkeit und wurde dessen zehn Jahre nicht müde. Endlich aber verwandelte sich sein Herz, – und eines Morgens stand er mit der Morgenröte auf, trat vor die Sonne hin und sprach zu ihr also:

12

When Zarathustra was thirty years old, he left his homeland and the lake of his homeland and went into the mountains. There he enjoyed his spirit and his solitude and did not weary of it for ten years. But at last his heart transformed — and one morning he rose with the dawn, stepped before the sun, and spoke thus to it:

13

»Du großes Gestirn! Was wäre ein Glück, wenn du nicht die hättest, welchen du leuchtest!

13

"You great star! What would your happiness be had you not those for whom you shine!

14

Zehn Jahre kamst du hier herauf zu meiner Höhle: du würdest deines Lichtes und dieses Weges satt geworden sein, ohne mich, meinen Adler und meine Schlange.

14

For ten years you have climbed here to my cave: you would have grown weary of your light and this journey without me, my eagle, and my serpent.

15

Aber wir warteten deiner an jedem Morgen, nahmen dir deinen Überfluß ab und segneten dich dafür.

15

But we awaited you every morning, took your overflow from you, and blessed you for it.

16

Siehe! Ich bin meiner Weisheit überdrüssig, wie die Biene, die des Honigs zuviel gesammelt hat, ich bedarf der Hände, die sich ausstrecken.

16

Behold! I am weary of my wisdom, like the bee that has gathered too much honey; I need hands outstretched to receive it.

17

Ich möchte verschenken und austeilen, bis die Weisen unter den Menschen wieder einmal ihrer Torheit und die Armen wieder einmal ihres Reichtums froh geworden sind.

17

I would give and distribute until the wise among men have once more rejoiced in their folly, and the poor in their riches.

18

Dazu muß ich in die Tiefe steigen: wie du des Abends tust, wenn du hinter das Meer gehst und noch der Unterwelt Licht bringst, du überreiches Gestirn!

18

For this I must descend into the depths: as you do in the evening when you go behind the sea and bring light even to the underworld, you over-rich star!

19

Ich muß, gleich dir, untergehen, wie die Menschen es nennen, zu denen ich hinab will.

19

Like you, I must go under — as men say, to those to whom I shall descend.

20

So segne mich denn, du ruhiges Auge, das ohne Neid auch ein allzugroßes Glück sehen kann!

20

So bless me then, you tranquil eye that can behold even an all-too-great happiness without envy!

21

Segne den Becher, welcher überfließen will, daß das Wasser golden aus ihm fließe und überallhin den Abglanz deiner Wonne trage!

21

Bless the cup that wants to overflow, that the water may flow golden from it, carrying everywhere the reflection of your delight!

22

Siehe! Dieser Becher will wieder leer werden, und Zarathustra will wieder Mensch werden.«

22

Behold! This cup wants to become empty again, and Zarathustra wants to become human again."

23

– Also begann Zarathustras [277]Untergang.

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— Thus began Zarathustra's [277]going-under.

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Zarathustra stieg allein das Gebirge abwärts und niemand begegnete ihm. Als er aber in die Wälder kam, stand auf einmal ein Greis vor ihm, der seine heilige Hütte verlassen hatte, um Wurzeln im Walde zu suchen. Und also sprach der Greis zu Zarathustra:

25

Zarathustra descended alone from the mountains, encountering no one. But when he entered the forest, an old man suddenly stood before him, having left his holy hut to seek roots in the woods. And thus the old man spoke to Zarathustra:

26

»Nicht fremd ist mir dieser Wanderer: vor manchem Jahre ging er hier vorbei. Zarathustra hieß er; aber er hat sich verwandelt.

26

"This wanderer is no stranger to me: many years ago he passed this way. Zarathustra was his name; but he has transformed.

27

Damals trugst du deine Asche zu Berge: willst du heute dein Feuer in die Täler tragen? Fürchtest du nicht des Brandstifters Strafen?

27

Once you carried your ashes to the mountains: would you now carry your fire into the valleys? Do you not fear the arsonist's punishment?

28

Ja, ich erkenne Zarathustra. Rein ist sein Auge, und an seinem Munde birgt sich kein Ekel. Geht er nicht daher wie ein Tänzer?

28

Yes, I recognize Zarathustra. Pure is his eye, and no disgust lurks about his mouth. Does he not walk like a dancer?

29

Verwandelt ist Zarathustra, zum Kind ward Zarathustra, ein Erwachter ist Zarathustra: was willst du nun bei den Schlafenden?

29

Transfigured is Zarathustra; Zarathustra has become a child, an awakened one: what do you now seek among the sleepers?

30

Wie im Meere lebtest du in der Einsamkeit, und das Meer trug dich. Wehe, du willst ans Land steigen? Wehe, du willst deinen Leib wieder selber schleppen?«

30

You lived in solitude as in the sea, and the sea bore you. Alas, would you now climb ashore? Alas, would you again drag your own body?"

31

Zarathustra antwortete: »Ich liebe die Menschen.«

31

Zarathustra answered: "I love mankind."

32

»Warum«, sagte der Heilige, »ging ich doch in den Wald und in die Einöde? War es nicht, weil ich die Menschen allzusehr liebte?

32

"Why," said the saint, "did I go into the forest and the wilderness? Was it not because I loved mankind all too much?

33

Jetzt liebe ich Gott: die Menschen liebe ich nicht. Der Mensch ist mir eine zu unvollkommene Sache. Liebe zum Menschen würde mich umbringen.«

33

Now I love God: I do not love mankind. Man is to me an imperfect thing. Love of mankind would destroy me."

34

Zarathustra antwortete: »Was sprach ich von Liebe! Ich bringe den Menschen ein Geschenk!«

34

Zarathustra replied: "What did I say of love? I bring mankind a gift!"

35

»Gib ihnen nichts«, sagte der Heilige. »Nimm ihnen lieber etwas ab und trage es mit ihnen – das wird ihnen am wohlsten tun: wenn es dir nur wohltut!

35

"Give them nothing," said the saint. "Rather take something from them and bear it with them — that will please them most: if only it pleases you!

36

Und willst du ihnen geben, so gib nicht mehr als ein Almosen, und laß sie noch darum betteln!«

36

And if you would give to them, give no more than alms, and let them beg for even that!"

37

»Nein«, antwortete Zarathustra, »ich gebe kein Almosen. Dazu bin ich nicht arm genug.«

37

"No," answered Zarathustra, "I give no alms. For that I am not poor enough."

38

Der Heilige lachte über Zarathustra und sprach also: »So sieh zu, daß sie deine Schätze annehmen! Sie sind mißtrauisch gegen die Einsiedler und glauben nicht, daß wir kommen, um zu schenken.

38

The saint laughed at Zarathustra and spoke thus: "Then see that they accept your treasures! They are distrustful of hermits and do not believe we come to bestow gifts.

39

Unsre Schritte klingen ihnen zu einsam durch die Gassen. Und wie[278] wenn sie nachts in ihren Betten einen Mann gehen hören, lange bevor die Sonne aufsteht, so fragen sie sich wohl: wohin will der Dieb?

39

Our footsteps ring too solitary through their streets. And as when at night they hear a man walking long before the sun has risen, they likely ask themselves: where is the thief bound?

40

Gehe nicht zu den Menschen und bleibe im Walde! Gehe lieber noch zu den Tieren! Warum willst du nicht sein wie ich – ein Bär unter Bären, ein Vogel unter Vögeln?«

40

Go not to men, but stay in the forest! Rather go even to the beasts! Why will you not be as I am—a bear among bears, a bird among birds?"

41

»Und was macht der Heilige im Walde?« fragte Zarathustra.

41

"And what does the saint do in the forest?" asked Zarathustra.

42

Der Heilige antwortete: »Ich mache Lieder und singe sie, und wenn ich Lieder mache, lache, weine und brumme ich: also lobe ich Gott.

42

The saint answered: "I make songs and sing them, and when I make songs, I laugh, weep, and growl: thus I praise God.

43

Mit Singen, Weinen, Lachen und Brummen lobe ich den Gott, der mein Gott ist. Doch was bringst du uns zum Geschenke?«

43

With singing, weeping, laughing, and growling, I praise the God who is my God. Yet what gift do you bring us?"

44

Als Zarathustra diese Worte gehört hatte, grüßte er den Heiligen und sprach: »Was hätte ich euch zu geben! Aber laßt mich schnell davon, daß ich euch nichts nehme!« – Und so trennten sie sich voneinander, der Greis und der Mann, lachend, gleichwie zwei Knaben lachen.

44

When Zarathustra had heard these words, he saluted the saint and said: "What could I have to give you! But let me depart quickly, that I may take nothing from you!" — And thus they parted, the old man and the wanderer, laughing as two boys laugh.

45

Als Zarathustra aber allein war, sprach er also zu seinem Herzen: »Sollte es denn möglich sein! Dieser alte Heilige hat in seinem Walde noch nichts davon gehört, daß Gott tot ist!« –

45

When Zarathustra was alone, he spoke thus to his heart: "Could it be possible! This old saint in his forest has not yet heard that God is dead!" —

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Als Zarathustra in die nächste Stadt kam, die an den Wäldern liegt, fand er daselbst viel Volk versammelt auf dem Markte: denn es war verheißen worden, daß man einen Seiltänzer sehen solle. Und Zarathustra sprach also zum Volke:

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When Zarathustra entered the nearest town lying by the forest, he found many people gathered in the marketplace, for it had been announced that a tightrope walker would be seen. And Zarathustra spoke thus to the people:

48

Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr getan, ihn zu überwinden?

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I teach you the Overman. Man is something that shall be overcome. What have you done to overcome him?

49

Alle Wesen bisher schufen etwas über sich hinaus: und ihr wollt die Ebbe dieser großen Flut sein und lieber noch zum Tiere zurückgehn, als den Menschen überwinden?

49

All beings thus far have created something beyond themselves: and will you be the ebb of this great tide and revert to the beast rather than overcome man?

50

Was ist der Affe für den Menschen? Ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham. Und ebendas soll der Mensch für den Übermenschen sein: ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham.

50

What is the ape to man? A laughingstock or a painful embarrassment. And just so shall man be to the Overman: a laughingstock or a painful embarrassment.

51

Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht, und vieles ist in euch noch Wurm. Einst wart ihr Affen, und auch jetzt noch ist der Mensch mehr Affe, als irgendein Affe.

51

You have made your way from worm to man, and much in you is still worm. Once you were apes, and even now man is more ape than any ape.

52

Wer aber der Weiseste von euch ist, der ist auch nur ein Zwiespalt[279] und Zwitter von Pflanze und von Gespenst. Aber heiße ich euch zu Gespenstern oder Pflanzen werden?

52

But even the wisest among you is but a discordant hybrid of plant and phantom. Yet do I bid you become phantoms or plants?

53

Seht, ich lehre euch den Übermenschen!

53

Behold, I teach you the Overman!

54

Der Übermensch ist der Sinn der Erde. Euer Wille sage: der Übermensch sei der Sinn der Erde!

54

The Overman is the meaning of the earth. Let your will say: the Overman shall be the meaning of the earth!

55

Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht.

55

I entreat you, my brothers, remain faithful to the earth, and believe not those who speak to you of otherworldly hopes! Poisoners are they, whether they know it or not.

56

Verächter des Lebens sind es, Absterbende und selber Vergiftete, deren die Erde müde ist: so mögen sie dahinfahren!

56

Despisers of life are they, decaying and poisoned themselves, of whom the earth is weary: so let them perish!

57

Einst war der Frevel an Gott der größte Frevel, aber Gott starb, und damit starben auch diese Frevelhaften. An der Erde zu freveln ist jetzt das Furchtbarste und die Eingeweide des Unerforschlichen höher zu achten, als den Sinn der Erde!

57

Once blasphemy against God was the greatest blasphemy, but God died, and therewith died those blasphemers. To blaspheme the earth is now the most dreadful sin, and to esteem the entrails of the unknowable higher than the meaning of the earth!

58

Einst blickte die Seele verächtlich auf den Leib: und damals war diese Verachtung das Höchste – sie wollte ihn mager, gräßlich, verhungert. So dachte sie ihm und der Erde zu entschlüpfen.

58

Once the soul looked contemptuously upon the body: and then that contempt was the supreme good—soul wished the body meager, ghastly, famished. Thus it thought to escape the body and the earth.

59

Oh diese Seele war selber noch mager, gräßlich und verhungert: und Grausamkeit war die Wollust dieser Seele!

59

Oh, this soul itself was still gaunt, ghastly, and famished: and cruelty was the rapture of this soul!

60

Aber auch ihr noch, meine Brüder, sprecht mir: was kündet euer Leib von eurer Seele? Ist eure Seele nicht Armut und Schmutz und ein erbärmliches Behagen?

60

But you too, my brothers, tell me: what does your body proclaim of your soul? Is your soul not poverty and filth and wretched complacency?

61

Wahrlich, ein schmutziger Strom ist der Mensch. Man muß schon ein Meer sein, um einen schmutzigen Strom aufnehmen zu können, ohne unrein zu werden.

61

Verily, a muddy stream is man. One must already be a sea to receive a muddy stream without becoming defiled.

62

Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist dies Meer, in ihm kann eure große Verachtung untergehn.

62

Behold, I teach you the Overman: he is this sea, in him your great contempt can sink.

63

Was ist das Größte, das ihr erleben könnt? Das ist Stunde der großen Verachtung. Die Stunde, in der euch auch euer Glück zum Ekel wird und ebenso eure Vernunft und eure Tugend.

63

What is the greatest experience you may live through? It is the hour of great contempt. The hour when even your happiness turns to nausea, and likewise your reason and your virtue.

64

Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meinem Glücke! Es ist Armut und Schmutz und ein erbärmliches Behagen. Aber mein Glück sollte das Dasein selber rechtfertigen!«

64

The hour when you say: "What matters my happiness? It is poverty and filth and wretched complacency. Yet my happiness ought to justify existence itself!"

65

Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meiner Vernunft! Begehrt sie nach Wissen wie der Löwe nach seiner Nahrung? Sie ist Armut und Schmutz und ein erbärmliches Behagen!«[280]

65

The hour when you say: "What matters my reason? Does it crave knowledge as the lion its prey? It is poverty and filth and wretched complacency!"

66

Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meiner Tugend! Noch hat sie mich nicht rasen gemacht. Wie müde bin ich meines Guten und meines Bösen! Alles das ist Armut und Schmutz und ein erbärmliches Behagen!«

66

The hour when you say: "What matters my virtue? It has not yet driven me to frenzy. How weary I am of my good and my evil! All this is poverty and filth and wretched complacency!"

67

Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meiner Gerechtigkeit! Ich sehe nicht, daß ich Glut und Kohle wäre. Aber der Gerechte ist Glut und Kohle!«

67

The hour when you say: "What matters my justice? I do not see that I am flame and coal. Yet the just man is flame and coal!"

68

Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meinem Mitleiden! Ist nicht Mitleid das Kreuz, an das der genagelt wird, der die Menschen liebt? Aber mein Mitleiden ist keine Kreuzigung.«

68

The hour when you say: "What matters my compassion? Is not compassion the cross to which he is nailed who loves mankind? Yet my compassion is no crucifixion."

69

Spracht ihr schon so? Schriet ihr schon so? Ach, daß ich euch schon so schreien gehört hätte!

69

Have you spoken thus? Have you cried thus? Ah, that I had heard you cry thus!

70

Nicht eure Sünde – eure Genügsamkeit schreit gen Himmel, euer Geiz selbst in eurer Sünde schreit gen Himmel!

70

Not your sin—your self-satisfaction cries to heaven, your very avarice in sinning cries to heaven!

71

Wo ist doch der Blitz, der euch mit seiner Zunge lecke? Wo ist der Wahnsinn, mit dem ihr geimpft werden müßtet?

71

Where is the lightning to lick you with its tongue? Where is the madness with which you must be inoculated?

72

Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist dieser Blitz, der ist dieser Wahnsinn! –

72

Behold, I teach you the Overman: he is this lightning, he is this madness!—

73

Als Zarathustra so gesprochen hatte, schrie einer aus dem Volke: »Wir hörten nun genug von dem Seiltänzer; nun laßt uns ihn auch sehen!« Und alles Volk lachte über Zarathustra. Der Seiltänzer aber, welcher glaubte, daß das Wort ihm gälte, machte sich an sein Werk.

73

When Zarathustra had spoken thus, a man from the crowd cried: "We have heard enough of the rope-dancer; now let us see him!" And all the people laughed at Zarathustra. But the rope-dancer, believing these words concerned him, began his performance.

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Zarathustra aber sahe das Volk an und wunderte sich. Dann sprach er also:

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Zarathustra, however, gazed upon the people and marveled. Then he spoke thus:

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Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch – ein Seil über einem Abgrunde.

76

Man is a rope, fastened between beast and Overman—a rope over an abyss.

77

Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein gefährliches Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben.

77

A dangerous crossing-over, a dangerous wayfaring, a dangerous looking-back, a dangerous shuddering and standing still.

78

Was groß ist am Menschen, das ist, daß er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, daß er ein Übergang und ein Untergang ist.[281]

78

What is great in man is that he is a bridge and not an end: what can be loved in man is that he is a transition and a going-under.

79

Ich liebe die, welche nicht zu leben wissen, es sei denn als Untergehende, denn es sind die Hinübergehenden.

79

I love those who do not know how to live except by going under, for they are those who cross over.

80

Ich liebe die großen Verachtenden, weil sie die großen Verehrenden sind und Pfeile der Sehnsucht nach dem andern Ufer.

80

I love the great despisers, for they are the great venerators and arrows of longing for the other shore.

81

Ich liebe die, welche nicht erst hinter den Sternen einen Grund suchen, unterzugehen und Opfer zu sein: sondern die sich der Erde opfern, daß die Erde einst des Übermenschen werde.

81

I love those who seek no reason beyond the stars for going under and being sacrifices: but who sacrifice themselves to the earth, that the earth may one day belong to the Overman.

82

Ich liebe den, welcher lebt, damit er erkenne, und welcher erkennen will, damit einst der Übermensch lebe. Und so will er seinen Untergang.

82

I love him who lives that he may know, and who seeks to know that the Overman may one day live. And thus he wills his own going-under.

83

Ich liebe den, welcher arbeitet und erfindet, daß er dem Übermenschen das Hausbaue und zu ihm Erde, Tier und Pflanze vorbereite: denn so will er seinen Untergang.

83

I love him who labors and invents to build the Overman’s dwelling and prepares earth, beast, and plant for him: for thus he wills his going-under.

84

Ich liebe den, welcher seine Tugend liebt: denn Tugend ist Wille zum Untergang und ein Pfeil der Sehnsucht.

84

I love him who loves his virtue: for virtue is will to going-under and an arrow of longing.

85

Ich liebe den, welcher nicht einen Tropfen Geist für sich zurückbehält, sondern ganz der Geist seiner Tugend sein will: so schreitet er als Geist über die Brücke.

85

I love him who keeps not a drop of spirit for himself but would become wholly the spirit of his virtue: thus he strides as spirit over the bridge.

86

Ich liebe den, welcher aus seiner Tugend seinen Hang und sein Verhängnis macht: so will er um seiner Tugend willen noch leben und nicht mehr leben.

86

I love him who makes his virtue his inclination and his doom: thus for his virtue’s sake he wills to live on and live no more.

87

Ich liebe den, welcher nicht zu viele Tugenden haben will. Eine Tugend ist mehr Tugend als zwei, weil sie mehr Knoten ist, an den sich das Verhängnis hängt.

87

I love him who desires not too many virtues. One virtue is more virtue than two, for it is a greater knot where doom may cling.

88

Ich liebe den, dessen Seele sich verschwendet, der nicht Dank haben will und nicht zurückgibt: denn er schenkt immer und will sich nicht bewahren.

88

I love him whose soul squanders itself, who wants no thanks and gives none back: for he ever bestows and will not preserve himself.

89

Ich liebe den, welcher sich schämt, wenn der Würfel zu seinem Glücke fällt und der dann fragt: bin ich denn ein falscher Spieler? – denn er will zugrunde gehen.

89

I love him who is ashamed when the dice fall in his favor and who then asks: Am I then a cheating player? — For he wills to perish.

90

Ich liebe den, welcher goldne Worte seinen Taten vorauswirft und immer noch mehr hält, als er verspricht: denn er will seinen Untergang.

90

I love him who casts golden words before his deeds and ever fulfills more than he promises: for he wills his going-under.

91

Ich liebe den, welcher die Zukünftigen rechtfertigt und die Vergangenen erlöst: denn er will an den Gegenwärtigen zugrunde gehen.

91

I love him who justifies those yet to come and redeems those past: for he would perish by those present.

92

Ich liebe den, welcher seinen Gott züchtigt, weil er seinen Gott liebt: denn er muß am Zorne seines Gottes zugrunde gehen.[282]

92

I love him who chastens his god because he loves his god: for he must perish by the wrath of his god.

93

Ich liebe den, dessen Seele tief ist auch in der Verwundung, und der an einem kleinen Erlebnisse zugrunde gehen kann: so geht er gerne über die Brücke.

93

I love him whose soul is deep even in its wounding, and who may perish through a trifling experience: thus he gladly crosses the bridge.

94

Ich liebe den, dessen Seele übervoll ist, so daß er sich selber vergißt, und alle Dinge in ihm sind: so werden alle Dinge sein Untergang.

94

I love him whose soul overflows so that he forgets himself, and all things are in him: thus all things become his going-under.

95

Ich liebe den, der freien Geistes und freien Herzens ist: so ist sein Kopf nur das Eingeweide seines Herzens, sein Herz aber treibt ihn zum Untergang.

95

I love him who is free in spirit and free in heart: thus his head is but the entrails of his heart, yet his heart drives him to his going-under.

96

Ich liebe alle die, welche wie schwere Tropfen sind, einzeln fallend aus der dunklen Wolke, die über den Menschen hängt: sie verkündigen, daß der Blitz kommt, und gehn als Verkündiger zugrunde.

96

I love all who are like heavy drops falling singly from the dark cloud that hangs over mankind: they herald the coming lightning and perish as heralds.

97

Seht, ich bin ein Verkündiger des Blitzes, und ein schwerer Tropfen aus der Wolke: dieser Blitz aber heißt Übermensch –

97

Behold, I am a herald of the lightning and a heavy drop from the cloud: this lightning is called Overman —

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Als Zarathustra diese Worte gesprochen hatte, sahe er wieder das Volk an und schwieg. »Da stehen sie«, sprach er zu seinem Herzen, »da lachen sie: sie verstehen mich nicht, ich bin nicht der Mund für diese Ohren.

99

When Zarathustra had spoken these words, he beheld the people again and was silent. "There they stand," he said to his heart, "there they laugh; they comprehend me not. I am not the mouth for these ears.

100

Muß man ihnen erst die Ohren zerschlagen, daß sie lernen, mit den Augen hören? Muß man rasseln gleich Pauken und Bußpredigern? Oder glauben sie nur dem Stammelnden?

100

Must one first shatter their ears that they may learn to hear with their eyes? Must one clatter like kettledrums and penitential preachers? Or do they believe only the stammerer?

101

Sie haben etwas, worauf sie stolz sind. Wie nennen sie es doch, was sie stolz macht? Bildung nennen sie's, es zeichnet sie aus vor den Ziegenhirten.

101

They have something of which they are proud. What do they call that which makes them proud? Education they call it; it distinguishes them from goatherds.

102

Drum hören sie ungern von sich das Wort ›Verachtung‹. So will ich denn zu ihrem Stolze reden.

102

Therefore they dislike hearing the word ‘contempt’ spoken of them. So I shall speak to their pride.

103

So will ich ihnen vom Verächtlichsten sprechen: das aber ist der letzte Mensch

103

I shall speak to them of the most contemptible thing: that, however, is the last man."

104

Und also sprach Zarathustra zum Volke:

104

And thus spoke Zarathustra to the people:

105

Es ist an der Zeit, daß der Mensch sich sein Ziel stecke. Es ist an der Zeit, daß der Mensch den Keim seiner höchsten Hoffnung pflanze.

105

The time has come for man to set his goal. The time has come for man to plant the seed of his highest hope.

106

Noch ist sein Boden dazu reich genug. Aber dieser Boden wird einst arm und zahm sein, und kein hoher Baum wird mehr aus ihm wachsen können.[283]

106

His soil is still rich enough. But this soil shall one day be poor and tame, and no lofty tree shall be able to grow from it.

107

Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch nicht sehr den Pfeil seiner Sehnsucht über den Menschen hinaus wirft, und die Sehne seines Bogens verlernt hat, zu schwirren!

107

Woe! The hour approaches when man will no longer shoot the arrow of his longing beyond man, and the string of his bow shall have forgotten how to twang!

108

Ich sage euch: man muß noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.

108

I say unto you: one must still harbor chaos within oneself to give birth to a dancing star. I say unto you: you still carry chaos within you.

109

Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr gebären wird. Wehe! Es kommt die Zeit des verächtlichsten Menschen, der sich selber nicht mehr verachten kann.

109

Woe! The time approaches when humankind will no longer launch stars. Woe! The age of the most contemptible man is coming, he who can no longer despise himself.

110

Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen.

110

Behold! I show you the last man.

111

»Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?« – so fragt der letzte Mensch und blinzelt.

111

“What is love? What is creation? What is longing? What is a star?” – so asks the last man, blinking.

112

Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten.

112

The earth has become small, and upon it hops the last man, who makes everything small. His breed is as inexterminable as the flea; the last man lives longest.

113

»Wir haben das Glück erfunden« – sagen die letzten Menschen und blinzeln.

113

“We have invented happiness” – say the last men, blinking.

114

Sie haben die Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man braucht Wärme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn man braucht Wärme.

114

They have abandoned regions where life was harsh: for one needs warmth. One still loves one’s neighbor and rubs against them: for one needs warmth.

115

Krankwerden und Mißtrauen-haben gilt ihnen sündhaft: man geht achtsam einher. Ein Tor, der noch über Steine oder Menschen stolpert!

115

Becoming ill and harboring distrust are deemed sinful: one treads cautiously. A fool who still stumbles over stones or people!

116

Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben.

116

A little poison now and then: that makes for pleasant dreams. And much poison in the end, for a pleasant death.

117

Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt, daß die Unterhaltung nicht angreife.

117

One still works, for work is a pastime. But one takes care that the pastime does not exhaust.

118

Man wird nicht mehr arm und reich: beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich.

118

One no longer becomes poor or rich: both are too burdensome. Who still wants to rule? Who still wants to obey? Both are too troublesome.

119

Kein Hirt und eine Herde! Jeder will das Gleiche, jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig ins Irrenhaus.

119

No shepherd and one herd! All desire the same, all are equal: whoever feels differently enters the madhouse voluntarily.

120

»Ehemals war alle Welt irre« – sagen die Feinsten und blinzeln.

120

“Formerly, all the world was mad” – say the most refined, blinking.

121

Man ist klug und weiß alles, was geschehn ist: so hat man kein Ende zu spotten. Man zankt sich noch, aber man versöhnt sich bald – sonst verdirbt es den Magen.[284]

121

One is clever and knows all that has happened: thus there is no end to derision. One still quarrels but soon reconciles – else it spoils the digestion.

122

Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit.

122

One has one’s little pleasure for the day and one’s little pleasure for the night: but one honors health.

123

»Wir haben das Glück erfunden« – sagen die letzten Menschen und blinzeln. –

123

“We have invented happiness” – say the last men, blinking. –

124

Und hier endete die erste Rede Zarathustras, welche man auch »die Vorrede« heißt: denn an dieser stelle unterbrach ihn das Geschrei und die Lust der Menge. »Gib uns diesen letzten Menschen, oh Zarathustra«, – so riefen sie – »mache uns zu diesen letzten Menschen! So schenken wir dir den Übermenschen!« Und alles Volk jubelte und schnalzte mit der Zunge. Zarathustra aber wurde traurig und sagte zu seinem Herzen:

124

And here ended Zarathustra’s first discourse, which is also called “The Prologue”: for at this point the shouting and mirth of the crowd interrupted him. “Give us this last man, O Zarathustra” – they cried – “make us into these last men! Then we shall make you a gift of the Overman!” And all the people jubilated and clucked with their tongues. But Zarathustra grew sorrowful and said to his heart:

125

»Sie verstehen mich nicht: ich bin nicht der Mund für diese Ohren.

125

“They do not understand me: I am not the mouth for these ears.

126

Zu lange wohl lebte ich im Gebirge, zu viel horchte ich auf Bäche und Bäume: nun rede ich ihnen gleich den Ziegenhirten.

126

Too long have I dwelled in the mountains, too much have I heeded streams and trees: now I speak to them as to goatherds.

127

Unbewegt ist meine Seele und hell wie das Gebirge am Vormittag. Aber sie meinen, ich sei kalt und ein Spötter in furchtbaren Späßen.

127

Unmoved is my soul and bright as the mountains at dawn. Yet they think me cold, a mocker with dreadful jests.

128

Und nun blicken sie mich an und lachen: und indem sie lachen, hassen sie mich noch. Es ist Eis in ihrem Lachen.«

128

Now they gaze at me and laugh: and even as they laugh, they hate me still. There is ice in their laughter.”

129

6

129

6

130

Da aber geschah etwas, das jeden Mund stumm und jedes Auge starr machte. Inzwischen nämlich hatte der Seiltänzer sein Werk begonnen: er war aus einer kleinen Tür hinausgetreten und ging über das Seil, welches zwischen zwei Türmen gespannt war, also, daß es über dem Markte und dem Volke hing. Als er eben in der Mitte seines Weges war, öffnete sich die kleine Tür noch einmal, und ein bunter Gesell, einem Possenreißer gleich, sprang heraus und ging mit schnellen Schritten dem ersten nach. »Vorwärts, Lahmfuß«, rief seine fürchterliche Stimme, »vorwärts Faultier, Schleichhändler, Bleichgesicht! Daß ich dich nicht mit meiner Ferse kitzle! Was treibst du hier zwischen Türmen? In den Turm gehörst du, einsperren sollte man dich, einem Bessern, als du bist, sperrst du die freie Bahn!« – Und mit jedem Worte kam er ihm näher und näher: als er aber nur noch einen Schritt hinter ihm war, da geschah das Erschreckliche, das jeden Mund stumm und jedes Auge starr machte – er stieß ein Geschrei aus wie ein[285] Teufel und sprang über den hinweg, der ihm im Wege war. Dieser aber, als er so seinen Nebenbuhler siegen sah, verlor dabei den Kopf und das Seil; er warf seine Stange weg und schoß schneller als diese, wie ein Wirbel von Armen und Beinen, in die Tiefe. Der Markt und das Volk glich dem Meere, wenn der Sturm hineinfährt: alles floh auseinander und übereinander, und am meisten dort, wo der Körper niederschlagen mußte.

130

Then occurred that which rendered every mouth mute and every eye rigid. For meanwhile the rope-dancer had begun his performance: he had stepped through a small gate and was walking across the rope stretched between two towers, so that it hung over the marketplace and the people. Just as he had reached the midpoint of his path, the small gate opened once more and a brightly clad fellow resembling a jester sprang out, following the first with swift strides. "Forward, Lamefoot!" cried his fearsome voice, "Forward sluggard, smuggler, paleface! Lest I tickle you with my heel! What are you doing here among towers? You belong in the tower—one better than you blocks the free path!" With each word he drew nearer, until when but one step separated them, the dreadful thing happened that struck every mouth mute and every eye rigid—he uttered a cry like a devil and leapt over the man who stood in his path. The latter, seeing his rival thus triumph, lost both his head and the rope; he cast aside his pole and plunged downward faster than it, a whirl of arms and legs, into the depths. The marketplace and the people resembled a sea when a storm sweeps over it: all fled in chaos, most violently where the body was destined to strike.

131

Zarathustra aber blieb stehen, und gerade neben ihn fiel der Körper hin, übel zugerichtet und zerbrochen, aber noch nicht tot. Nach einer Weile kam dem Zerschmetterten das Bewußtsein zurück, und er sah Zarathustra neben sich knien. »Was machst du da?« sagte er endlich, »ich wußte es lange, daß mir der Teufel ein Bein stellen werde. Nun schleppt er mich zur Hölle: willst du's ihm wehren?«

131

Zarathustra remained standing, and the mangled body fell precisely beside him. After a time, consciousness returned to the shattered man, and he saw Zarathustra kneeling near him. "What are you doing here?" he said at last. "I long knew the devil would trip me up. Now he drags me to hell—would you thwart him?"

132

»Bei meiner Ehre, Freund«, antwortete Zarathustra, »das gibt es alles nicht, wovon du sprichst: es gibt keinen Teufel und keine Hölle. Deine Seele wird noch schneller tot sein als dein Leib: fürchte nun nichts mehr!«

132

"By my honor, friend," answered Zarathustra, "none of what you speak exists: there is no devil and no hell. Your soul will die even sooner than your body—fear nothing now."

133

Der Mann blickte mißtrauisch auf. »Wenn du die Wahrheit sprichst«, sagte er dann, »so verliere ich nichts, wenn ich das Leben verliere. Ich bin nicht viel mehr als ein Tier, das man tanzen gelehrt hat, durch Schläge und schmale Bissen.«

133

The man gazed up distrustfully. "If you speak truth," he said then, "I lose nothing by losing life. I am little more than a beast made to dance through blows and meager scraps."

134

»Nicht doch«, sprach Zarathustra; »du hast aus der Gefahr deinen Beruf gemacht, daran ist nichts zu verachten. Nun gehst du an deinem Beruf zugrunde: dafür will ich dich mit meinen Händen begraben.«

134

"Not so," spoke Zarathustra. "You made danger your vocation—there is nothing contemptible in that. Now you perish by your vocation: for this I shall bury you with my own hands."

135

Als Zarathustra dies gesagt hatte, antwortete der Sterbende nicht mehr; aber er bewegte die Hand, wie als ob er die Hand Zarathustras zum Danke suche. –

135

When Zarathustra had spoken thus, the dying man made no reply, but he moved his hand as if seeking Zarathustra's in gratitude. –

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7

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7

137

Inzwischen kam der Abend, und der Markt barg sich in Dunkelheit: da verlief sich das Volk, denn selbst Neugierde und Schrecken werden müde. Zarathustra aber saß neben dem Toten der Erde und war in Gedanken versunken: so vergaß er die Zeit. Endlich aber wurde es Nacht, und ein kalter Wind blies über den Einsamen. Da erhob sich Zarathustra und sagte zu seinem Herzen:

137

Meanwhile evening came, and the marketplace veiled itself in darkness. The people dispersed, for even curiosity and terror grow weary. Zarathustra sat beside the dead man on the ground, lost in thought—thus he forgot time. At last night fell, and a cold wind blew upon the solitary one. Then Zarathustra rose and said to his heart:

138

»Wahrlich, einen schönen Fischfang tat heute Zarathustra! Keinen Menschen fing er, wohl aber einen Leichnam.[286]

138

"Verily, a fine catch Zarathustra has made today! No man did he catch, but a corpse.

139

Unheimlich ist das menschliche Dasein und immer noch ohne Sinn: ein Possenreißer kann ihm zum Verhängnis werden.

139

Uncanny is human existence and ever without meaning: a jester may become its doom.

140

Ich will die Menschen den Sinn ihres Seins lehren: welcher ist der Übermensch, der Blitz aus der dunklen Wolke Mensch.

140

I shall teach men the meaning of their existence: which is the Overman, the lightning from the dark cloud of mankind."

141

Aber noch bin ich ihnen ferne, und ein Sinn redet nicht zu ihren Sinnen. Eine Mitte bin ich noch den Menschen zwischen einem Narren und einem Leichnam.

141

Yet still I am distant from them, and meaning does not speak to their senses. To men I remain midway between a fool and a corpse.

142

Dunkel ist die Nacht, dunkel sind die Wege Zarathustras. Komm, du kalter und steifer Gefährte! Ich trage dich dorthin, wo ich dich mit meinen Händen begrabe.«

142

Dark is the night, dark are Zarathustra’s paths. Come, cold and rigid companion! I shall bear you where I may bury you with my own hands.«

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143

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144

Als Zarathustra dies zu seinem Herzen gesagt hatte, lud er den Leichnam auf seinen Rücken und machte sich auf den Weg. Und noch nicht war er hundert Schritte gegangen, da schlich ein Mensch an ihn heran und flüsterte ihm ins Ohr – und siehe! Der, welcher redete, war der Possenreißer vom Turme. »Geh weg von dieser Stadt, oh Zarathustra«, sprach er; »es hassen dich hier zu viele. Es hassen dich die Guten und Gerechten, und sie nennen dich ihren Feind und Verächter; es hassen dich die Gläubigen des rechten Glaubens, und sie nennen dich die Gefahr der Menge. Dein Glück war es, daß man über dich lachte: und wahrlich, du redetest gleich einem Possenreißer. Dein Glück war es, daß du dich dem toten Hunde geselltest; als du dich so erniedrigtest, hast du dich selber für heute errettet. Geh aber fort aus dieser Stadt – oder morgen springe ich über dich hinweg, ein Lebendiger über einen Toten.« Und als er dies gesagt hatte, verschwand der Mensch; Zarathustra aber ging weiter durch die dunklen Gassen.

144

When Zarathustra had spoken these words to his heart, he lifted the corpse onto his back and set forth. Yet before he had walked a hundred paces, a man crept near and whispered in his ear—and behold! It was the jester from the tower who spoke. »Leave this town, O Zarathustra,« he said; »too many here hate you. The Good and the Just hate you and call you their enemy and scorner; the faithful of the true creed hate you and name you a danger to the multitude. Your good fortune was that they laughed at you—and truly, you spoke like a jester. Your good fortune was that you allied yourself with the dead dog; by thus humbling yourself, you saved yourself today. But depart from this town—or tomorrow I shall leap over you, a living man over a dead one.« Having said this, the man vanished; yet Zarathustra continued through the darkened streets.

145

Am Tore der Stadt begegneten ihm die Totengräber: sie leuchteten ihm mit der Fackel ins Gesicht, erkannten Zarathustra und spotteten sehr über ihn. »Zarathustra trägt den toten Hund davon: brav, daß Zarathustra zum Totengräber wurde! Denn unsere Hände sind zu reinlich für diesen Braten. Will Zarathustra wohl dem Teufel seinen Bissen stehlen? Nun wohlan! Und gut Glück zur Mahlzeit! Wenn nur nicht der Teufel ein besserer Dieb ist, als Zarathustra! – er stiehlt sie[287] beide, er frißt sie beide!« Und sie lachten miteinander und steckten die Köpfe zusammen.

145

At the town gate, the grave-diggers met him: they shone their torch in his face, recognized Zarathustra, and mocked him mightily. »Zarathustra carries off the dead dog! Bravo that Zarathustra has turned grave-digger! For our hands are too clean for this roast. Does Zarathustra mean to steal the Devil’s morsel? Well then! Good luck with the feast! If only the Devil isn’t a better thief than Zarathustra—he’ll steal them both, he’ll devour them both!« And they laughed together and put their heads close.

146

Zarathustra sagte dazu kein Wort und ging seines Weges. Als er zwei stunden gegangen war, an Wäldern und Sümpfen vorbei, da hatte er zu viel das hungrige Geheul der Wölfe gehört, und ihm selber kam der Hunger. So blieb er an einem einsamen Hause stehn, in dem ein Licht brannte.

146

Zarathustra spoke no word and went his way. After walking two hours past forests and swamps, he had heard too much of the wolves’ hungry howling, and hunger came upon him as well. So he halted at a lonely house where a light burned.

147

»Der Hunger überfällt mich«, sagte Zarathustra, »wie ein Räuber. In Wäldern und Sümpfen überfällt mich mein Hunger, und in tiefer Nacht.

147

»Hunger assails me,« said Zarathustra, »like a robber. Through forests and swamps my hunger assails me, and in the dead of night.

148

Wunderliche Launen hat mein Hunger. Oft kommt er mir erst nach der Mahlzeit, und heute kam er den ganzen Tag nicht: wo weilte er doch?«

148

Strange humors has my hunger. Often it comes only after I have eaten, and today it came not at all—where has he been lingering?«

149

Und damit schlug Zarathustra an das Tor des Hauses. Ein alter Mann erschien; er trug das Licht und fragte: »Wer kommt zu mir und zu meinem schlimmen Schlafe?«

149

With this, Zarathustra knocked at the house door. An old man appeared, bearing a light, and asked: »Who comes to me and my wretched sleep?«

150

»Ein Lebendiger und ein Toter«, sagte Zarathustra. »Gebt mir zu essen und zu trinken, ich vergaß es am Tage. Der, welcher den Hungrigen speiset, erquickt seine eigene Seele: so spricht die Weisheit.«

150

»A living man and a dead one,« said Zarathustra. »Give me food and drink—I forgot to during the day. He who feeds the hungry refreshes his own soul: thus speaks wisdom.«

151

Der Alte ging fort, kam aber gleich zurück und bot Zarathustra Brot und Wein. »Eine böse Gegend ist's für Hungernde«, sagte er; »darum wohne ich hier. Tier und Mensch kommen zu mir, dem Einsiedler. Aber heiße auch deinen Gefährten essen und trinken, er ist müder als du.« Zarathustra antwortete: »Tot ist mein Gefährte, ich werde ihn schwerlich dazu überreden.« »Das geht mich nichts an«, sagte der Alte mürrisch: »wer an meinem Hause anklopft, muß auch nehmen, was ich ihm biete. Eßt und gehabt euch wohl!« –

151

The old man withdrew but returned promptly, offering Zarathustra bread and wine. "A wretched region this is for the famished," said he; "thus I dwell here. Beast and human come to me, the hermit. Yet bid your companion eat and drink as well—he is wearier than you." Zarathustra answered: "Dead is my companion; persuasion would avail him little." "That concerns me not," growled the old man. "Who knocks at my door must take what I offer. Eat then, and be gone!" –

152

Darauf ging Zarathustra wieder zwei Stunden und vertraute dem Wege und dem Lichte der Sterne: denn er war ein gewohnter Nachtgänger und liebte es, allem Schlafenden ins Gesicht zu sehn. Als aber der Morgen graute, fand sich Zarathustra in einem tiefen Walde, und kein Weg zeigte sich ihm mehr. Da legte er den Toten in einen hohlen Baum sich zu Häupten – denn er wollte ihn vor den Wölfen schützen – und sich selber auf den Boden und das Moos. Und alsbald schlief er ein, müden Leibes, aber mit einer unbewegten Seele.[288]

152

Thereupon Zarathustra journeyed another two hours, trusting to the path and the starlight, for he was an accustomed night-wanderer who loved gazing into the faces of sleepers. But as dawn paled the sky, Zarathustra found himself in a deep forest with no path visible. He laid the corpse in a hollow tree at his head’s rest—to shield it from wolves—and stretched himself upon the earth and moss. Straightway he slept, wearied in body yet steadfast in soul.

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9

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9

154

Lange schlief Zarathustra, und nicht nur die Morgenröte ging über sein Antlitz, sondern auch der Vormittag. Endlich aber tat sein Auge sich auf: verwundert sah Zarathustra in den Wald und die Stille, verwundert sah er in sich hinein. Dann erhob er sich schnell, wie ein Seefahrer, der mit einem Male Land sieht, und jauchzte: denn er sah eine neue Wahrheit. Und also redete er dann zu seinem Herzen:

154

Long did Zarathustra slumber, and not only dawn’s blush but morning’s full light passed over his countenance. At last his eyes opened: he gazed outward at the forest and its stillness, then inward in wonder. Swiftly he rose, like a seafarer who suddenly sights land, and exulted—for he beheld a new truth. And thus he spoke to his heart:

155

»Ein Licht ging mir auf: Gefährten brauche ich, und lebendige – nicht tote Gefährten und Leichname, die ich mit mir trage, wohin ich will.

155

"A light has dawned upon me: companions I require—living ones, not corpses nor phantoms I must bear where I will.

156

Sondern lebendige Gefährten brauche ich, die mir folgen, weil sie sich selber folgen wollen – und dorthin, wohin ich will.

156

Living companions I need, who follow because they choose their own path—yet toward the goal I seek.

157

Ein Licht ging mir auf: nicht zum Volke rede Zarathustra, sondern zu Gefährten! Nicht soll Zarathustra einer Herde Hirt und Hund werden!

157

This truth illuminates me: Zarathustra shall not speak to the multitude, but to companions! Zarathustra shall not become a herd’s shepherd and hound!

158

Viele wegzulocken von der Herde – dazu kam ich. Zürnen soll mir Volk und Herde: Räuber will Zarathustra den Hirten heißen.

158

To lure many from the herd—this was my purpose. Let the people and the flock rage against me: Zarathustra would be called a robber by shepherds.

159

Hirten sage ich, aber sie nennen sich die Guten und Gerechten. Hirten sage ich: aber sie nennen sich die Gläubigen des rechten Glaubens.

159

Shepherds I say—yet they name themselves the Good and the Just. Shepherds I say—yet they style themselves the faithful of the true belief.

160

Siehe die Guten und Gerechten! Wen hassen sie am meisten? Den, der zerbricht ihre Tafeln der Werte, den Brecher, den Verbrecher – das aber ist der Schaffende.

160

Behold the Good and the Just! Whom do they hate most? The breaker of their tablets of values, the transgressor, the criminal—yet this is the creator.

161

Siehe die Gläubigen aller Glauben! Wen hassen sie am meisten? Den, der zerbricht ihre Tafeln der Werte, den Brecher, den Verbrecher – das aber ist der Schaffende.

161

Behold the adherents of all creeds! Whom do they hate most? The shatterer of their tablets, the lawbreaker, the destroyer—yet this is the creator.

162

Gefährten sucht der Schaffende und nicht Leichname, und auch nicht Herden und Gläubige. Die Mitschaffenden sucht der Schaffende, die, welche neue Werte auf neue Tafeln schreiben.

162

Companions the creator seeks, not corpses, nor herds nor believers. Fellow-creators the creator seeks—those who inscribe new values on new tablets.

163

Gefährten sucht der Schaffende, und Miterntende: denn alles steht bei ihm reif zur Ernte. Aber ihm fehlen die hundert Sicheln: so rauft er Ähren aus und ist ärgerlich.

163

The creator seeks fellow-reapers, for all stands ripe for harvest. Yet he lacks a hundred sickles: thus he plucks ears of corn and frets.

164

Gefährten sucht der Schaffende, und solche, die ihre Sicheln zu wetzen wissen. Vernichter wird man sie heißen und Verächter des Guten und Bösen. Aber die Erntenden sind es und die Feiernden.[289]

164

The creator seeks companions who know how to whet their sickles. They shall be called destroyers and despisers of Good and Evil. Yet they are the harvesters and the celebrants.

165

Mitschaffende sucht Zarathustra, Miterntende und Mitfeiernde sucht Zarathustra: was hat er mit Herden und Hirten und Leichnamen zu schaffen!

165

Fellow-creators Zarathustra seeks, fellow-reapers and fellow-celebrators. What has he to do with herds, shepherds, and corpses!

166

Und du, mein erster Gefährte, gehab dich wohl! Gut begrub ich dich in deinem hohlen Baume, gut barg ich dich vor den Wölfen.

166

And you, my first companion, fare well! Well have I buried you in your hollow tree, well have I hidden you from wolves.

167

Aber ich scheide von dir, die Zeit ist um. Zwischen Morgenröte und Morgenröte kam mir eine neue Wahrheit.

167

But I take my leave of you, the hour is fulfilled. Between dawn and dawn a new truth has come to me.

168

Nicht Hirt soll ich sein, nicht Totengräber. Nicht reden einmal will ich wieder mit dem Volke; zum letzten Male sprach ich zu einem Toten.

168

I shall be no shepherd, no grave-digger. Never again shall I speak to the people; for the last time have I spoken to the dead.

169

Den Schaffenden, den Erntenden, den Feiernden will ich mich zugesellen: den Regenbogen will ich ihnen zeigen und alle die Treppen des Übermenschen.

169

To creators, harvesters, and celebrants will I join myself: the rainbow shall I show them, and all the stairways to the Overman.

170

Den Einsiedlern werde ich mein Lied singen und den Zweisiedlern; und wer noch Ohren hat für Unerhörtes, dem will ich sein Herz schwer machen mit meinem Glücke.

170

To hermits shall I sing my song, and to those who dwell in twofold solitude; to him who still has ears for the unheard-of, I will make his heart heavy with my happiness.

171

Zu meinem Ziele will ich, ich gehe meinen Gang; über die Zögernden und Saumseligen werde ich hinwegspringen. Also sei mein Gang ihr Untergang!«

171

Toward my goal I will go, I follow my path; over the hesitant and dawdlers shall I leap. Thus let my going be their going-under!«

172

10

172

10

173

Dies hatte Zarathustra zu seinem Herzen gesprochen, als die Sonne im Mittag stand: da blickte er fragend in die Höhe – denn er hörte über sich den scharfen Ruf eines Vogels. Und siehe! Ein Adler zog in weiten Kreisen durch die Luft, und an ihm hing eine Schlange, nicht einer Beute gleich, sondern einer Freundin: denn sie hielt sich um seinen Hals geringelt.

173

Thus spoke Zarathustra to his heart as the sun stood at noon: then he gazed questioningly aloft – for he heard above him the sharp cry of a bird. And behold! An eagle wheeled through the air in wide circles, and from it hung a serpent, not as prey but as a companion: for she kept herself coiled about its neck.

174

»Es sind meine Tiere!« sagte Zarathustra und freute sich von Herzen.

174

»These are my beasts!« said Zarathustra, rejoicing at heart.

175

»Das stolzeste Tier unter der Sonne und das klügste Tier unter der Sonne – sie sind ausgezogen auf Kundschaft.

175

»The proudest creature under the sun and the wisest creature under the sun – they have gone forth to scout.

176

Erkunden wollen sie, ob Zarathustra noch lebe. Wahrlich, lebe ich noch?

176

They would learn whether Zarathustra still lives. Verily, do I still live?

177

Gefährlicher fand ich's unter Menschen als unter Tieren, gefährliche Wege geht Zarathustra. Mögen mich meine Tiere führen!«

177

More perilous did I find it among men than among beasts; perilous paths does Zarathustra tread. May my beasts guide me!«

178

Als Zarathustra dies gesagt hatte, gedachte er der Worte des Heiligen im Walde, seufzte und sprach also zu seinem Herzen:[290]

178

When Zarathustra had spoken these words, he recalled the words of the saint in the forest, sighed, and spoke thus to his heart:

179

»Möchte ich klüger sein! Möchte ich klug von Grund aus sein, gleich meiner Schlange!

179

»Would that I were wiser! Would that I were wise to the core, like my serpent!

180

Aber Unmögliches bitte ich da: so bitte ich denn meinen Stolz, daß er immer mit meiner Klugheit gehe!

180

But I ask the impossible: therefore do I ask my pride ever to go with my wisdom!

181

Und wenn mich einst meine Klugheit verläßt – ach, sie liebt es, davonzufliegen! – möge mein Stolz dann noch mit meiner Torheit fliegen!« –

181

And if my wisdom should desert me – alas, it loves to flee! – may my pride then fly still with my folly!« –

182

– Also begann Zarathustras Untergang.[291]

182

– Thus began Zarathustra's going-under.

183

Die Reden Zarathustras

183

The Speeches of Zarathustra

184

Von den drei Verwandlungen

184

Of the Three Metamorphoses

185

Drei Verwandlungen nenne ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kamele wird, und zum Löwen das Kamel, und zum Kinde zuletzt der Löwe.

185

Three metamorphoses of the spirit do I name unto you: how the spirit becomes a camel; and the camel, a lion; and the lion, at last, a child.

186

Vieles Schwere gibt es dem Geiste, dem starken, tragsamen Geiste, dem Ehrfurcht innewohnt: nach dem Schweren und Schwersten verlangt seine Stärke.

186

Many heavy things are there for the spirit, the strong reverent spirit that would bear much: for the heavy and the heaviest longs its strength.

187

Was ist schwer? so fragt der tragsame Geist, so kniet er nieder, dem Kamele gleich, und will gut beladen sein.

187

What is heavy? thus asks the load-bearing spirit, then kneels down like a camel and wants to be well laden.

188

Was ist das Schwerste, ihr Helden? so fragt der tragsame Geist, daß ich es auf mich nehme und meiner Stärke froh werde.

188

What is the heaviest thing, you heroes? so asks the load-bearing spirit, that I may take it upon me and rejoice in my strength.

189

Ist es nicht das: sich erniedrigen, um seinem Hochmut wehe zu tun? Seine Torheit leuchten lassen, um seiner Weisheit zu spotten?

189

Is it not this: to debase yourself in order to mortify your pride? To let your folly shine forth in order to mock your wisdom?

190

Oder ist es das: von unserer Sache scheiden, wenn sie ihren Sieg feiert? Auf hohe Berge steigen, um den Versucher zu versuchen?

190

Or is it this: to part from our cause when it triumphs? To climb high mountains in order to tempt the tempter?

191

Oder ist es das: sich von Eicheln und Gras der Erkenntnis nähren und um der Wahrheit willen an der Seele Hunger leiden?

191

Or is it this: to feed on the acorns and grass of knowledge and for truth's sake suffer hunger of the soul?

192

Oder ist es das: krank sein und die Tröster heimschicken und mit Tauben Freundschaft schließen, die niemals hören, was du willst?

192

Or is it this: to be sick and send away comforters and make friends with deafness that never hears what you want?

193

Oder ist es das: in schmutziges Wasser steigen, wenn es das Wasser der Wahrheit ist, und kalte Frösche und heiße Kröten nicht von sich weisen?

193

Or is it this: to wade into foul water when it is the water of truth, and not repulse cold frogs and hot toads?

194

Oder ist es das: die lieben, die und verachten, und dem Gespenste die Hand reichen, wenn es uns fürchten machen will?

194

Or is it this: to love those who despise us and offer our hand to the phantom when it would frighten us?

195

Alles dies Schwerste nimmt der tragsame Geist auf sich: dem Kamele gleich, das beladen in die Wüste eilt, also eilt er in seine Wüste.

195

All this heaviest burden the enduring spirit takes upon itself: like the camel that laden hastens into the desert, so it hastens into its own desert.

196

Aber in der einsamsten Wüste geschieht die zweite Verwandlung: zum Löwen wird hier der Geist, Freiheit will er sich erbeuten und Herr sein in seiner eignen Wüste.

196

But in the loneliest desert occurs the second metamorphosis: here the spirit becomes a lion; it would seize freedom as its prey and become sovereign in its own wilderness.

197

Seinen letzten Herrn sucht er sich hier: feind will er ihm werden und seinem letzten Gotte, um Sieg will er mit dem großen Drachen ringen.[293]

197

Here it seeks its ultimate master: it would become enemy to this master and to its final god; for victory it would wrestle with the great dragon.[293]

198

Welches ist der große Drache, den der Geist nicht mehr Herr und Gott heißen mag? »Du-sollst« heißt der große Drache. Aber der Geist des Löwen sagt »ich will«.

198

What is the great dragon that the spirit will no longer call lord and god? "Thou-shalt" is the great dragon. But the spirit of the lion says "I will".

199

»Du-sollst« liegt ihm am Wege, goldfunkelnd, ein Schuppentier, und auf jeder Schuppe glänzt golden »Du sollst!«

199

"Thou-shalt" lies in its path, sparkling with golden scales, a beast adorned, and upon every scale glitters golden "Thou shalt!"

200

Tausendjährige Werte glänzen an diesen Schuppen, und also spricht der mächtigste aller Drachen: »Aller Wert der Dinge – der glänzt an mir.«

200

Millennial values glitter on these scales, and thus speaks the mightiest of all dragons: "All value of things—it gleams upon me."

201

»Aller Wert ward schon geschaffen, und aller geschaffene Wert – das bin ich. Wahrlich, es soll kein ›Ich will‹ mehr geben!« Also spricht der Drache.

201

"All value has already been created, and all created value—that am I. Verily, there shall be no more 'I will'!" Thus speaks the dragon.

202

Meine Brüder, wozu bedarf es des Löwen im Geiste? Was genügt nicht das lastbare Tier, das entsagt und ehrfürchtig ist?

202

My brethren, why is the lion needed in the spirit? What does the burden-bearing beast that renounces and is reverent not suffice?

203

Neue Werte schaffen – das vermag auch der Löwe noch nicht: aber Freiheit sich schaffen zu neuem Schaffen – das vermag die Macht des Löwen.

203

To create new values—even that the lion cannot yet achieve: but to fashion freedom for new creation—that the lion’s power can achieve.

204

Freiheit sich schaffen und ein heiliges Nein auch vor der Pflicht: dazu, meine Brüder, bedarf es des Löwen.

204

To wrest freedom and a sacred No even before duty: for that, my brethren, the lion is required.

205

Recht sich nehmen zu neuen Werten – das ist das furchtbarste Nehmen für einen tragsamen und ehrfürchtigen Geist. Wahrlich, ein Rauben ist es ihm und eines raubenden Tieres Sache.

205

To claim the right to new values—this is the most terrifying claim for an enduring and reverent spirit. Truly, to it this is plunder, and the work of a beast of prey.

206

Als sein Heiligstes liebte er einst das »Du-sollst«: nun muß er Wahn und Willkür auch noch im Heiligsten finden, daß er sich Freiheit raube von seiner Liebe: des Löwen bedarf es zu diesem Raube.

206

Once it loved "Thou-shalt" as most sacred: now it must find illusion and caprice even in the most sacred, that freedom from its love it may capture: the lion is needed for this plunder.

207

Aber sagt, meine Brüder, was vermag noch das Kind, das auch der Löwe nicht vermochte? Was muß der raubende Löwe auch noch zum Kinde werden?

207

But tell me, my brethren, what can the child perform that even the lion could not? Why must the preying lion still become a child?

208

Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-sagen.

208

Innocence is the child, and forgetting, a new beginning, a play, a self-rolling wheel, a primal movement, a holy Yes-saying.

209

Ja, zum spiele des Schaffens, meine Brüder, bedarf es eines heiligen Ja-sagens: seinen Willen will nun der Geist, seine Welt gewinnt sich den Weltverlorene.

209

Yes, for the play of creation, my brethren, a holy Yes-saying is needed: its own will the spirit now willeth, its own world the world-lost one regaineth.

210

Drei Verwandlungen nannte ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kamele ward, und zum Löwen das Kamel, und der Löwe zuletzt zum Kinde. –

210

Three metamorphoses of the spirit have I named for you: how the spirit became a camel, the camel a lion, and the lion at last a child.—

211

Also sprach Zarathustra. Und damals weilte er in der Stadt, welche genannt wird: die bunte Kuh.[294]

211

Thus spoke Zarathustra. And at that time he sojourned in the town called: The Motley Cow.[294]

212

Von den Lehrstühlen der Tugend

212

Of the Teaching Chairs of Virtue

213

Man rühmte Zarathustra einen Weisen, der gut vom Schlafe und von der Tugend zu reden wisse: sehr werde er geehrt und gelohnt dafür, und alle Jünglinge säßen vor seinem Lehrstuhle. Zu ihm ging Zarathustra, und mit allen Jünglingen saß er vor seinem Lehrstuhle. Und also sprach der Weise:

213

Zarathustra was lauded unto a sage who could speak well of sleep and virtue: greatly was he honored and rewarded for this, and all youths sat before his teaching chair. To him went Zarathustra, and with all youths he sat before his chair. And thus spoke the sage:

214

Ehre und Scham vor dem Schlafe! Das ist das erste! Und allen aus dem Wege gehn, die schlecht schlafen und nachts wachen!

214

Honor and modesty before sleep! That is first! And avoid all who sleep poorly and keep vigil at night!

215

Schamhaft ist noch der Dieb vor dem Schlafe: stets stiehlt er sich leise durch die Nacht. Schamlos aber ist der Wächter der Nacht, schamlos trägt er sein Horn.

215

Even the thief is modest before sleep: ever he steals softly through the night. Shameless however is the night-watchman, shamelessly he bears his horn.

216

Keine geringe Kunst ist schlafen: es tut schon not, den ganzen Tag daraufhin zu wachen.

216

No slight art is sleeping: the whole day must one keep vigil unto its achievement.

217

Zehnmal mußt du des Tages dich selber überwinden: das macht eine gute Müdigkeit und ist Mohn der Seele.

217

Ten times daily must you overcome yourself: this begets wholesome weariness and is poppy for the soul.

218

Zehnmal mußt du dich wieder mit dir selber versöhnen; denn Überwindung ist Bitternis, und schlecht schläft der Unversöhnte.

218

Ten times must you reconcile yourself with yourself; for overcoming is bitterness, and the unreconciled sleep poorly.

219

Zehn Wahrheiten mußt du des Tages finden; sonst suchst du noch des Nachts nach Wahrheit, und deine Seele blieb hungrig.

219

Ten truths must you discover by day; else shall you seek truth by night, and your soul remain famished.

220

Zehnmal mußt du lachen am Tage und heiter sein: sonst stört dich der Magen in der Nacht, dieser Vater der Trübsal.

220

Ten times must you laugh by day and be merry: else your stomach, that father of gloom, will trouble you at night.

221

Wenige wissen das: aber man muß alle Tugenden haben, um gut zu schlafen. Werde ich falsch Zeugnis reden? Werde ich ehebrechen?

221

Few know this: but one must possess all virtues to sleep well. Shall I bear false witness? Commit adultery?

222

Werde ich mich gelüsten lassen meines Nächsten Magd? Das alles vertrüge sich schlecht mit gutem Schlafe.

222

Shall I covet my neighbor’s maidservant? All this ill accords with sound slumber.

223

Und selbst wenn man alle Tugenden hat, muß man sich noch auf eins verstehen: selber die Tugenden zur rechten Zeit schlafen schicken.

223

And even possessing all virtues, one must still master this: sending the virtues themselves to sleep at the proper hour.

224

Daß sie sich nicht miteinander zanken, die artigen Weiblein! Und über dich, du Unglückseliger!

224

Lest they quarrel among themselves, those amiable damsels! And over you, wretch!

225

Friede mit Gott und dem Nachbar: so will es der gute Schlaf. Und Friede auch noch mit des Nachbars Teufel! Sonst geht er bei dir des Nachts um.


Ehre der Obrigkeit und Gehorsam, und auch der krummen Obrigkeit! So will es der gute Schlaf. Was kann ich dafür, daß die Macht gerne auf krummen Beinen wandelt?[295]

225

Honor authority and obedience, even the crooked authority! Thus demands good sleep. What can I do if power prefers to walk on crooked legs?

226

Der soll mir immer der beste Hirt heißen, der sein Schaf auf die grünste Aue führt: so verträgt es sich mit gutem Schlafe.

226

He shall ever be called the best shepherd who leads his sheep to the greenest pasture: thus it accords with sound slumber.

227

Viel Ehren will ich nicht, noch große Schätze: das entzündet die Milz. Aber schlecht schläft es sich ohne einen guten Namen und einen kleinen Schatz.

227

Great honors or treasures I desire not: they inflame the spleen. But one sleeps ill without a good name and modest hoard.

228

Eine kleine Gesellschaft ist mir willkommener als eine böse: doch muß sie gehn und kommen zur rechten Zeit. So verträgt es sich mit gutem Schlafe.

228

A small circle pleases me more than a wicked one: yet it must come and go at the right time. Thus it accords with sound slumber.

229

Sehr gefallen mir auch die Geistig-Armen: sie fördern den Schlaf Selig sind die, sonderlich wenn man ihnen immer Recht gibt.

229

The poor in spirit also delight me: they promote sleep. Blessed are they, especially when one always grants them their way.

230

Also läuft der Tag dem Tugendsamen. Kommt nun die Nacht, so hüte ich mich wohl, den Schlaf zu rufen! Nicht will er gerufen sein, der Schlaf, der der Herr der Tugenden ist!

230

Thus passes the day for the virtuous. When night comes, I take care not to summon sleep! He dislikes being summoned, sleep, that lord of virtues!

231

Sondern ich denke, was ich des Tages getan und gedacht. Wiederkäuend frage ich mich, geduldsam gleich einer Kuh: welches waren doch deine zehn Überwindungen?

231

Instead, I reflect on what I did and thought by day. Ruminating, I question myself, patient as a cow: what were your ten overcomings?

232

Und welches waren die zehn Versöhnungen und die zehn Wahrheiten und die zehn Gelächter, mit denen sich mein Herz gütlich tat?

232

And what were the ten reconciliations, the ten truths, and the ten laughters with which my heart feasted?

233

Solcherlei erwägend und gewiegt von vierzig Gedanken, überfällt mich auf einmal der Schlaf, der Ungerufene, der Herr der Tugenden.

233

Pondering such things and rocked by forty thoughts, sleep—the unsummoned, the lord of virtues—suddenly overcomes me.

234

Der Schlaf klopft mir auf mein Auge: da wird es schwer. Der Schlaf berührt mir den Mund: da bleibt er offen.

234

Sleep taps my eyelid: it grows heavy. Sleep touches my mouth: it stays agape.

235

Wahrlich, auf weichen Sohlen kommt er mir, der liebste der Diebe, und stiehlt mir meine Gedanken: dumm stehe ich da wie dieser Lehrstuhl.

235

Verily, on soft soles comes he to me, the dearest of thieves, and steals my thoughts: I stand dumb as this lectern.

236

Aber nicht lange mehr stehe ich dann: da liege ich schon. –

236

But not long do I stand thus: soon I lie prostrate.

237

Als Zarathustra den Weisen also sprechen hörte, lachte er bei sich im Herzen: denn ihm war dabei ein Licht aufgegangen. Und also sprach er zu seinem Herzen:

237

When Zarathustra heard the sage speak thus, he laughed inwardly: for a light had dawned upon him. And thus he spoke to his heart:

238

Ein Narr ist mir dieser Weise da mit seinen vierzig Gedanken: aber ich glaube, daß er sich wohl auf das Schlafen versteht.

238

A fool is this sage with his forty thoughts: yet I deem him skilled in sleep.

239

Glücklich schon, wer in der Nähe dieses Weisen wohnt! Solch ein Schlaf steckt an, noch durch eine dicke Wand hindurch steckt er an.

239

Blest is he who dwells near this sage! Such sleep is contagious—it seeps even through thick walls.

240

Ein Zauber wohnt selbst in seinem Lehrstuhle. Und nicht vergebens saßen die Jünglinge vor dem Prediger der Tugend.

240

A magic dwells in his very lectern. Nor did the youths sit before this preacher of virtue in vain.

241

Seine Weisheit heißt: wachen, um gut zu schlafen. Und wahrlich,[296] hätte das Leben keinen Sinn und müßte ich Unsinn wählen, so wäre auch mir dies der wählenswürdigste Unsinn.

241

His wisdom is: stay awake to sleep well. And verily, were life without meaning and I forced to choose nonsense, this would be the most choiceworthy nonsense.

242

Jetzo verstehe ich klar, was einst man vor allem suchte, wenn man Lehrer der Tugend suchte. Guten Schlaf suchte man sich und mohnblumige Tugenden dazu!

242

Now I clearly understand what men of old sought above all when they sought teachers of virtue. Good sleep they sought for themselves, and poppy-strewn virtues to accompany it!

243

Allen diesen gelobten Weisen der Lehrstühle war Weisheit der Schlaf ohne Träume: sie kannten keinen bessern Sinn des Lebens.

243

To all these sages of the lecterns, wisdom was sleep without dreams: they knew no higher meaning to life.

244

Auch noch heute wohl gibt es einige, wie diesen Prediger der Tugend, und nicht immer so Ehrliche: aber ihre Zeit ist um. Und nicht mehr lange stehen sie noch: da liegen sie schon.

244

Even now there may still be some like this preacher of virtue – though not always so honest: but their time is past. And not much longer do they stand: soon they shall lie down.

245

Selig sind diese Schläfrigen: denn sie sollen bald einnicken. –

245

Blessed are these drowsy ones: for they shall soon nod off. –

246

Also sprach Zarathustra.[297]

246

Thus spoke Zarathustra.[297]

247

Von den Hinterweltlern

247

On the Afterworlders

248

Einst warf auch Zarathustra seinen Wahn jenseits des Menschen, gleich allen Hinterweltlern. Eines leidenden und zerquälten Gottes Werk schien mir da die Welt.

248

Once Zarathustra too cast his delusion beyond humanity, like all afterworlders. The world then seemed to me the work of a suffering and tormented God.

249

Traum schien mir da die Welt, und Dichtung eines Gottes; farbiger Rauch vor den Augen eines göttlich Unzufriednen.

249

A dream the world then seemed to me, and the fiction of a God; colored vapor before the eyes of a divinely discontented one.

250

Gut und Böse und Lust und Leid und Ich und Du – farbiger Rauch dünkte mich's vor schöpferischen Augen. Wegsehn wollte der Schöpfer von sich – da schuf er die Welt.

250

Good and evil and joy and pain and I and you – colored vapor this seemed to me before creative eyes. The creator wished to look away from himself – thereupon he created the world.

251

Trunkne Lust ist's dem Leidenden, wegzusehn von seinem Leiden und sich zu verlieren. Trunkne Lust und Selbst-sich-Verlieren dünkte mich einst die Welt.

251

For the sufferer, it is drunken joy to look away from his suffering and lose himself. Drunken joy and self-oblivion – thus the world once seemed to me.

252

Diese Welt, die ewig unvollkommene, eines ewigen Widerspruches Abbild und unvollkommnes Abbild – eine trunkne Lust ihrem unvollkommnen Schöpfer – also dünkte mich einst die Welt.

252

This world, eternally imperfect, the image of an eternal contradiction and imperfect image – a drunken joy to its imperfect creator – thus the world once seemed to me.

253

Also warf auch ich einst meinen Wahn jenseits des Menschen, gleich allen Hinterweltlern. Jenseits des Menschen in Wahrheit?

253

Thus I too once cast my delusion beyond humanity, like all afterworlders. Beyond humanity, truly?

254

Ach, ihr Brüder, dieser Gott, den ich schuf, war Menschen-Werk und -Wahnsinn, gleich allen Göttern!

254

Ah, my brothers, this God whom I created was human handiwork and madness, like all Gods!

255

Mensch war er, und nur ein armes Stück Mensch und Ich: aus der eigenen Asche und Glut kam es mir, dieses Gespenst, und wahrlich! Nicht kam es mir von Jenseits![297]

255

Human he was, and but a poor fragment of humanity and ego: from my own ashes and fire this phantom came to me, and verily! It did not come to me from beyond![297]

256

Was geschah, meine Brüder? Ich überwand mich, den Leidenden, ich trug meine eigne Asche zu Berge, eine hellere Flamme erfand ich mir. Und siehe! Da wich das Gespenst von mir!

256

What happened, my brothers? I overcame myself, the sufferer, I carried my own ashes to the mountains, invented for myself a brighter flame. And behold! Then the phantom withdrew from me!

257

Leiden wäre es mir jetzt und Qual dem Genesenen, solche Gespenster zu glauben: Leiden wäre es mir jetzt und Erniedrigung. Also rede ich zu den Hinterweltlern.

257

Now it would be suffering and torment to the convalescent to believe in such phantoms: suffering it would be now and humiliation. Thus I speak to the afterworlders.

258

Leiden war's und Unvermögen – das schuf alle Hinterwelten; und jener kurze Wahnsinn des Glücks, den nur der Leidendste erfährt.

258

Suffering and impotence – these created all afterworlds; and that brief madness of bliss which only the most suffering one experiences.

259

Müdigkeit, die mit einem Sprunge zum Letzten will, mit einem Todessprunge, eine arme unwissende Müdigkeit, die nicht einmal mehr wollen will: die schuf alle Götter und Hinterwelten.

259

Weariness that seeks to reach the ultimate with one leap, a death-leap; a poor ignorant weariness that no longer even desires to will: this created all Gods and afterworlds.

260

Glaubt es mir, meine Brüder! Der Leib war's, der am Leibe verzweifelte – der tastete mit den Fingern des betörten Geistes an die letzten Wände.

260

Believe me, my brothers! It was the body that despaired of the body – that groped with the fingers of a deluded spirit at the final walls.

261

Glaubt es mir, meine Brüder! Der Leib war's, der an der Erde verzweifelte – der hörte den Bauch des Seins zu sich reden.

261

Believe me, my brothers! It was the body that despaired of the earth – that heard the belly of being speak to it.

262

Und da wollte er mit dem Kopfe durch die letzten Wände, und nicht nur mit dem Kopfe – hinüber zu »jener Welt«.

262

And then it sought to crash through the final walls with its head – and not only with its head – over to “that world.”

263

Aber »jene Welt« ist gut verborgen vor dem Menschen, jene entmenschte unmenschliche Welt, die ein himmlisches Nichts ist; und der Bauch des Seins redet gar nicht zum Menschen, es sei denn als Mensch.

263

But “that world” is well concealed from humanity, that dehumanized inhuman world which is a heavenly nothingness; and the belly of being does not speak to humans at all, except as a human.

264

Wahrlich, schwer zu beweisen ist alles Sein und schwer zum Reden zu bringen. Sagt mir, ihr Brüder, ist nicht das Wunderlichste aller Dinge noch am besten bewiesen?

264

Verily, all being is hard to prove and hard to induce to speak. Tell me, my brothers, is not the strangest of all things still the best proved?

265

Ja, dies Ich und des Ichs Widerspruch und Wirrsal redet noch am redlichsten von seinem Sein, dieses schaffende, wollende, wertende Ich, welches das Maß und der Wert der Dinge ist.

265

Yea, this I and the I’s contradiction and turmoil speak most honestly of its being – this creating, willing, valuing I, which is the measure and meaning of things.

266

Und dies redlichste Sein, das Ich – das redet vom Leibe, und es will noch den Leib, selbst wenn es dichtet und schwärmt und mit zerbrochnen Flügeln flattert.

266

And this most honest being, the I – it speaks of the body and still desires the body, even when it poetizes and raves and flutters with broken wings.

267

Immer redlicher lernt es reden, das Ich: und je mehr es lernt, um so mehr findet es Worte und Ehren für Leib und Erde.

267

Ever more honestly it learns to speak, the I: and the more it learns, the more words and honors it finds for body and earth.

268

Einen neuen stolz lehrte mich mein Ich, den lehre ich die Menschen: nicht mehr den Kopf in den Sand der himmlischen Dinge zu stecken, sondern frei ihn zu tragen, einen Erden-Kopf, der der Erde Sinn schafft![298]

268

A new pride my I taught me, which I teach unto men: no longer to bury one’s head in the sand of heavenly things, but to bear it freely – an earthly head that creates meaning for earth!

269

Einen neuen Willen lehre ich die Menschen: diesen Weg wollen, den blindlings der Mensch gegangen, und gut ihn heißen und nicht mehr von ihm beiseite schleichen, gleich den Kranken und Absterbenden!

269

A new will I teach men: to will this path which humanity has blindly trodden, to call it good, and no longer to creep aside from it like the sickly and decaying!

270

Kranke und Absterbende waren es, die verachteten Leib und Erde und erfanden das Himmlische und die erlösenden Blutstropfen: aber auch noch diese süßen und düstern Gifte nahmen sie von Leib und Erde!

270

The sick and decaying were they who despised body and earth, and invented the heavenly and the redeeming blood-drops: but even these sweet and dark poisons they took from body and earth!

271

Ihrem Elende wollten sie entlaufen, und die Sterne waren ihnen zu weit. Da seufzten sie: »O daß es doch himmlische Wege gäbe, sich in ein andres Sein und Glück zu schleichen!« – da erfanden sie sich ihre Schliche und blutigen Tränklein!

271

They sought to escape their misery, and the stars seemed too distant. Then they sighed: “Oh, that there were heavenly paths to steal into another existence and happiness!” – so they contrived their cunning and bloody potions!

272

Ihrem Leibe und dieser Erde nun entrückt wähnten sie sich, diese Undankbaren. Doch wem dankten sie ihrer Entrückung Krampf und Wonne? Ihrem Leibe und dieser Erde.

272

Ungrateful ones! They fancied themselves transported beyond body and earth. But to whom did they owe the convulsion and rapture of their transport? To their body and this earth.

273

Milde ist Zarathustra den Kranken. Wahrlich, er zürnt nicht ihren Arten des Trostes und Undanks. Mögen sie Genesende werden und Überwindende und einen höheren Leib sich schaffen!

273

Gentle is Zarathustra toward the sick. Verily, he is not angered by their modes of consolation and ingratitude. May they become convalescents and overcomers, and create for themselves a higher body!

274

Nicht auch zürnt Zarathustra dem Genesenden, wenn er zärtlich nach seinem Wahne blickt und mitternachts um das Grab seines Gottes schleicht: aber Krankheit und kranker Leib bleiben mir auch seine Tränen noch.

274

Nor does Zarathustra begrudge the convalescent if he gazes tenderly upon his delusion and at midnight steals around the grave of his god: but sickness and a sickly body remain even his tears.

275

Vieles krankhafte Volk gab es immer unter denen, welche dichten und gottsüchtig sind; wütend hassen sie den Erkennenden und jene jüngste der Tugenden, welche heißt: Redlichkeit.

275

Much sickly rabble has there always been among those who poetize and crave divinity; furiously they hate the discerning ones and that youngest of virtues which is called: honesty.

276

Rückwärtsblicken sie immer nach dunklen Zeiten: da freilich war Wahn und Glaube ein ander Ding; Raserei der Vernunft war Gottähnlichkeit, und Zweifel Sünde.

276

Ever they look backward toward dark ages: then indeed were delusion and faith another matter; the frenzy of reason was godlikeness, and doubt was sin.

277

Allzugut kenne ich diese Gottähnlichen: sie wollen, daß an sie geglaubt werde, und Zweifel Sünde sei. Allzugut weiß ich auch, woran sie selber am besten glauben.

277

All too well I know these godlike ones: they insist that one believe in them, and that doubt be sin. All too well I know also wherein they themselves most firmly believe.

278

Wahrlich nicht an Hinterwelten und erlösende Blutstropfen: sondern an den Leib glauben auch sie am besten, und ihr eigener Leib ist ihnen ihr Ding an sich.

278

Verily, not in afterworlds and redeeming blood-drops: but in the body do they also believe most, and their own body is to them their thing-in-itself.

279

Aber ein krankhaftes Ding ist er ihnen: und gerne möchten sie aus der Haut fahren. Darum horchen sie nach den Predigern des Todes und predigen selber Hinterwelten.[299]

279

Yet a morbid thing it is to them, and fain would they shed their skin. Therefore they hearken to preachers of death and themselves preach afterworlds.

280

Hört mir lieber, meine Brüder, auf die Stimme des gesunden Leibes: eine redlichere und reinere Stimme ist dies.

280

Hearken rather, my brothers, to the voice of the healthy body: a more honest and purer voice is this.

281

Redlicher redet und reiner der gesunde Leib, der vollkommene und rechtwinklige: und er redet vom Sinn der Erde.

281

More honestly and purely speaks the healthy body, perfect and right-angled: and it speaks of the meaning of the earth.

282

Also sprach Zarathustra.[300]

282

Thus spoke Zarathustra.

283

Von den Verächtern des Leibes

283

Of the Despisers of the Body

284

Den Verächtern des Leibes will ich mein Wort sagen. Nicht umlernen und umlehren sollen sie mir, sondern nur ihrem eignen Leibe Lebewohl sagen – und also stumm werden.

284

To the despisers of the body will I speak my word. I would not have them learn and teach differently, but bid farewell to their own bodies – and thus become silent.

285

»Leib bin ich und Seele« – so redet das Kind. Und warum sollte man nicht wie die Kinder reden?

285

“Body am I and soul” – thus speaks the child. And why should one not speak like children?

286

Aber der Erwachte, der Wissende sagt: Leib bin ich ganz und gar, und nichts außerdem; und Seele ist nur ein Wort für ein Etwas am Leibe.

286

But the awakened one, the knowing one says: Body am I entirely, and nothing besides; and soul is but a word for something in the body.

287

Der Leib ist eine große Vernunft, eine Vielheit mit einem Sinne, ein Krieg und ein Frieden, eine Herde und ein Hirt.

287

The body is a great reason, a multiplicity with one sense, a war and a peace, a herd and a shepherd.

288

Werkzeug deines Leibes ist auch deine kleine Vernunft, mein Bruder, die du »Geist« nennst, ein kleines Werk- und Spielzeug deiner großen Vernunft.

288

A tool of your body is also your little reason, my brother, which you call "spirit"—a small instrument and plaything of your great reason.

289

»Ich« sagst du und bist stolz auf dies Wort. Aber das Größere ist, woran du nicht glauben willst – dein Leib und seine große Vernunft: die sagt nicht Ich, aber tut Ich.

289

"I" you say and are proud of this word. But greater is that in which you will not believe—your body and its great reason: it does not say "I," but performs "I."

290

Was der Sinn fühlt, was der Geist erkennt, das hat niemals in sich sein Ende. Aber Sinn und Geist möchten dich überreden, sie seien aller Dinge Ende: so eitel sind sie.

290

What the senses feel, what the spirit perceives—this never ends in itself. But senses and spirit would persuade you they are the end of all things: so vain are they.

291

Werk- und Spielzeuge sind Sinn und Geist: hinter ihnen liegt noch das Selbst. Das Selbst sucht auch mit den Augen der Sinne, es horcht auch mit den Ohren des Geistes.

291

Instruments and playthings are senses and spirit: behind them lies the Self. The Self seeks even with the eyes of the senses; it listens even with the ears of the spirit.

292

Immer horcht das Selbst und sucht: es vergleicht, bezwingt, erobert, zerstört. Es herrscht und ist auch des Ichs Beherrscher.

292

Ever the Self listens and seeks: it compares, subdues, conquers, destroys. It rules and is also the I's master.

293

Hinter deinen Gedanken und Gefühlen, mein Bruder, steht ein mächtiger Gebieter, ein unbekannter Weiser – der heißt Selbst. In deinem Leibe wohnt er, dein Leib ist er.[300]

293

Behind your thoughts and feelings, my brother, stands a mighty commander, an unknown sage—he is called Self. In your body he dwells, he is your body.

294

Es ist mehr Vernunft in deinem Leibe, als in deiner besten Weisheit. Und wer weiß denn, wozu dein Leib gerade deine beste Weisheit nötig hat?

294

There is more reason in your body than in your finest wisdom. And who knows for what purpose your body requires precisely your finest wisdom?

295

Dein Selbst lacht über dein Ich und seine stolzen Sprünge. »Was sind mir diese Sprünge und Flüge des Gedankens?« sagt es sich. »Ein Umweg zu meinem Zwecke. Ich bin das Gängelband des Ichs und der Einbläser seiner Begriffe.«

295

Your Self laughs at your I and its proud leaps. "What are these leaps and flights of thought to me?" it says. "A detour to my purpose. I am the leading string of the I and the prompter of its concepts."

296

Das Selbst sagt zum Ich: »hier fühle Schmerz!« Und da leidet es und denkt nach, wie es nicht mehr leide – und dazu eben soll es denken.

296

The Self says to the I: "Here feel pain!" Then it suffers and thinks how it may suffer no more—and for that very purpose it is meant to think.

297

Das Selbst sagt zum Ich: »hier fühle Lust!« Da freut es sich und denkt nach, wie es noch oft sich freue – und dazu eben soll es denken.

297

The Self says to the I: "Here feel joy!" Then it rejoices and thinks how it may rejoice again—and for that very purpose it is meant to think.

298

Den Verächtern des Leibes will ich ein Wort sagen. Daß sie verachten, das macht ihr Achten. Was ist es, das Achten und Verachten und Wert und Willen schuf?

298

To the despisers of the body I will speak a word. Their contempt is what creates their esteem. What is it that invented esteeming and despising and value and will?

299

Das schaffende Selbst schuf sich Achten und Verachten, es schuf sich Lust und Weh. Der schaffende Leib schuf sich den Geist als eine Hand seines Willens.

299

The creating Self created esteeming and despising; it created joy and sorrow. The creating body created the spirit as a hand of its will.

300

Noch in eurer Torheit und Verachtung, ihr Verächter des Leibes, dient ihr eurem Selbst. Ich sage euch: euer Selbst selber will sterben und kehrt sich vom Leben ab.

300

Even in your folly and contempt, you despisers of the body, you serve your Self. I tell you: your Self itself wants to die and turns away from life.

301

Nicht mehr vermag es das, was es am liebsten will – über sich hinaus zu schaffen. Das will es am liebsten, das ist seine ganze Inbrunst.

301

No longer can it do what it most desires—to create beyond itself. That is its most fervent desire, its whole passion.

302

Aber zu spät ward es ihm jetzt dafür – so will euer Selbst untergehn, ihr Verächter des Leibes.

302

But now it is too late for this—so your Self wants to perish, you despisers of the body.

303

Untergehn will euer Selbst, und darum wurdet ihr zu Verächtern des Leibes! Denn nicht mehr vermögt ihr über euch hinaus zu schaffen.

303

Your Self wants to perish, and therefore you became despisers of the body! For you can no longer create beyond yourselves.

304

Und darum zürnt ihr nun dem Leben und der Erde. Ein ungewußter Neid ist im scheelen Blick eurer Verachtung.

304

And therefore you now rage against life and earth. An unrecognized envy lurks in the sidelong glance of your contempt.

305

Ich gehe nicht euren Weg, ihr Verächter des Leibes! Ihr seid mir keine Brücken zum Übermenschen! –

305

I walk not your path, you despisers of the body! You are no bridges to the Overman!—

306

Also sprach Zarathustra.[301]

306

Thus spoke Zarathustra.

307

Von den Freuden- und Leidenschaften

307

On Joy and Passion

308

Mein Bruder, wenn du eine Tugend hast, und es deine Tugend ist, so hast du sie mit niemandem gemeinsam.

308

My brother, if you have a virtue, and it is your own virtue, you have it in common with no one.

309

Freilich, du willst sie bei Namen nennen und liebkosen; du willst sie am Ohre zupfen und Kurzweil mit ihr treiben.

309

Truly, you want to call it by name and caress it; you want to tug its ear and amuse yourself with it.

310

Und siehe! Nun hast du ihren Namen mit dem Volke gemeinsam und bist Volk und Herde geworden mir deiner Tugend!

310

And behold! Now you share its name with the people and have become the people and herd with your virtue!

311

Besser tätest du, zu sagen: »Unaussprechbar ist und namenlos, was meiner Seele Qual und Süße macht und auch noch der Hunger meiner Eingeweide ist.«

311

You would do better to say: "Ineffable and nameless is that which gives my soul torment and sweetness, and is even the hunger of my entrails."

312

Deine Tugend sei zu hoch für die Vertraulichkeit der Namen: und mußt du von ihr reden, so schäme dich nicht, von ihr zu stammeln.

312

Let your virtue be too exalted for the familiarity of names: and if you must speak of it, do not be ashamed to stammer.

313

So sprich und stammle: »Das ist mein Gutes, das liebe ich, so gefällt es mir ganz, so allein will ich das Gute.

313

Thus speak and stammer: "This is my good, this I love, thus it wholly pleases me, thus alone do I will the good.

314

Nicht will ich es als eines Gottes Gesetz, nicht will ich es als eine Menschen-Satzung und -Notdurft: kein Wegweiser sei es mir für Über-Erden und Paradiese.

314

I do not want it as the law of a god, nor as a human statute and necessity: let it not be my signpost to over-worlds and paradises.

315

Eine irdische Tugend ist es, die ich liebe: wenig Klugheit ist darin, und am wenigsten die Vernunft aller.

315

It is an earthly virtue that I love: little prudence is in it, and least of all the reason of all.

316

Aber dieser Vogel baute bei mir sich das Nest: darum liebe und herze ich ihn, – nun sitzt er bei mir auf seinen goldnen Eiern.«

316

But this bird built its nest within me: therefore I love and cherish it—now it sits beside me on its golden eggs."

317

So sollst du stammeln und deine Tugend loben.

317

Thus shall you stammer and praise your virtue.

318

Einst hattest du Leidenschaften und nanntest sie böse. Aber jetzt hast du nur noch deine Tugenden: die wuchsen aus deinen Leidenschaften.

318

Once you had passions and called them evil. But now you have only your virtues: they grew from your passions.

319

Du legtest dein höchstes Ziel diesen Leidenschaften ans Herz: da wurden sie deine Tugenden und Freudenschaften.

319

You set your highest goal in the heart of these passions: then they became your virtues and joyous passions.

320

Und ob du aus dem Geschlechte der Jähzornigen wärest oder aus dem der Wollüstigen oder der Glaubens-Wütigen oder der Rachsüchtigen:

320

Whether you came from the race of the hot-tempered, or the lustful, or the fanatical, or the vengeful:

321

Am Ende wurden alle deine Leidenschaften zu Tugenden und alle deine Teufel zu Engeln.

321

In the end, all your passions became virtues, and all your devils became angels.

322

Einst hattest du wilde Hunde in deinem Keller: aber am Ende verwandelten sie sich zu Vögeln und lieblichen Sängerinnen.

322

Once you had wild dogs in your cellar: but in the end, they transformed into birds and sweet songstresses.

323

Aus deinen Giften brautest du dir deinen Balsam; deine Kuh Trübsal melktest du – nun trinkst du die süße Milch ihres Euters.[302]

323

From your poisons you brewed your balsam; you milked your cow Affliction—now you drink the sweet milk from her udder.

324

Und nichts Böses wächst mehr fürderhin aus dir, es sei denn das Böse, das aus dem Kampfe deiner Tugenden wächst.

324

And nothing evil shall henceforth grow from you, except the evil that grows from the conflict of your virtues.

325

Mein Bruder, wenn du Glück hast, so hast du eine Tugend und nicht mehr: so gehst du leichter über die Brücke.

325

My brother, if you are fortunate, you have one virtue and no more: thus you walk lighter over the bridge.

326

Auszeichnend ist es, viele Tugenden zu haben, aber ein schweres Los; und mancher ging in die Wüste und tötete sich, weil er müde war, Schlacht und Schlachtfeld vor Tugenden zu sein.

326

It is distinction to have many virtues, but a heavy fate; and many have gone into the wilderness and killed themselves, weary of being battle and battlefield to virtues.

327

Mein Bruder, ist Krieg und Schlacht böse? Aber notwendig ist dies Böse, notwendig ist der Neid und das Mißtrauen und die Verleumdung unter deinen Tugenden.

327

My brother, are war and battle evil? Yet this evil is necessary; necessary are envy and mistrust and calumny among your virtues.

328

Siehe, wie jede deiner Tugenden begehrlich ist nach dem Höchsten: sie will deinen ganzen Geist, daß er ihr Herold sei, sie will deine ganze Kraft in Zorn, Haß und Liebe.

328

Behold how each of your virtues covets the highest: each wants your entire spirit to be its herald, your entire strength in wrath, hatred, and love.

329

Eifersüchtig ist jede Tugend auf die andre, und ein furchtbares Ding ist Eifersucht. Auch Tugenden können an der Eifersucht zugrunde gehn.

329

Jealous is every virtue of the others, and jealousy is a dreadful thing. Even virtues may perish through jealousy.

330

Wen die Flamme der Eifersucht umringt, der wendet zuletzt, gleich dem Skorpione, gegen sich selber den vergifteten Stachel.

330

Whom the flame of jealousy encircles will at last, like the scorpion, turn his poisoned sting against himself.

331

Ach, mein Bruder, sahst du noch nie eine Tugend sich selber verleumden und erstechen?

331

Ah, my brother, have you never seen a virtue slander and stab itself?

332

Der Mensch ist etwas, das überwunden werden muß: und darum sollst du deine Tugenden lieben – denn du wirst an ihnen zugrunde gehn. –

332

Man is something that must be overcome: and therefore you shall love your virtues—for you will perish by them.

333

Also sprach Zarathustra.[303]

333

Thus spoke Zarathustra.

334

Vom bleichen Verbrecher

334

Of the Pale Criminal

335

Ihr wollt nicht töten, ihr Richter und Opferer, bevor das Tier nicht genickt hat? Seht, der bleiche Verbrecher hat genickt: aus seinem Auge redet die große Verachtung.

335

You will not kill, you judges and sacrificers, until the beast has bowed its neck? Behold, the pale criminal has bowed his: from his eye speaks great contempt.

336

»Mein Ich ist etwas, das überwunden werden soll: mein Ich ist mir die große Verachtung des Menschen«: so redet es aus diesem Auge.

336

"My I is something that must be overcome: my I is to me the great contempt of man"—thus speaks that eye.

337

Daß er sich selber richtete, war sein höchster Augenblick: laßt den Erhabenen nicht wieder zurück in sein Niederes!

337

That he judged himself was his supreme moment: let the sublime not relapse into his baseness!

338

Es gibt keine Erlösung für den, der so an sich selber leidet, es sei denn der schnelle Tod.[303]

338

There is no redemption for him who suffers thus from himself, except swift death.

339

Euer Töten, ihr Richter, soll ein Mitleid sein und keine Rache. Und indem ihr tötet, seht zu, daß ihr selber das Leben rechtfertiget!

339

Your killing, you judges, shall be compassion and not revenge. And in killing, see that you yourselves justify life!

340

Es ist nicht genug, daß ihr euch mit dem versöhnt, den ihr tötet. Eure Traurigkeit sei Liebe zum Übermenschen: so rechtfertigt ihr euer Noch-Leben!

340

It is not enough that you reconcile yourselves with whom you kill. Let your sorrow be love for the Overman: thus you justify your continued existence!

341

»Feind« sollt ihr sagen, aber nicht »Bösewicht«; »Kranker« sollt ihr sagen, aber nicht »Schuft«; »Tor« sollt ihr sagen, aber nicht »Sünder«.

341

Say "enemy," not "villain"; say "sick," not "wretch"; say "fool," not "sinner."

342

Und du, roter Richter, wenn du laut sagen wolltest, was du alles schon in Gedanken getan hast: so würde jedermann schreien: »Weg mit diesem Unflat und Giftwurm!«

342

And you, crimson judge, if you loudly proclaimed all you have already done in thought, all would cry: "Away with this filth and poison-worm!"

343

Aber ein anderes ist der Gedanke, ein anderes die Tat, ein anderes das Bild der Tat. Das Rad des Grundes rollt nicht zwischen ihnen.

343

But thought is one thing, deed another, and the image of the deed yet another. The wheel of cause does not roll between them.

344

Ein Bild machte diesen bleichen Menschen bleich. Gleichwüchsig war er seiner Tat, als er sie tat: aber ihr Bild ertrug er nicht, als sie getan war.

344

An image made this pallid man pallid. He was equal to his deed when he committed it; but its image he could not endure once it was done.

345

Immer sah er sich nun als einer Tat Täter. Wahnsinn heiße ich dies: die Ausnahme verkehrte sich ihm zum Wesen.

345

Now he forever saw himself as the doer of one deed. Madness I call this: the exception twisted into his essence.

346

Der Strich bannt die Henne; der Streich, den er führte, bannte seine arme Vernunft – den Wahnsinn nach der Tat heiße ich dies.

346

A line mesmerizes the hen; the blow he struck mesmerized his poor reason—madness after the deed I call this.

347

Hört, ihr Richter! Einen anderen Wahnsinn gibt es noch: und der ist vor der Tat. Ach, ihr krocht mir nicht tief genug in diese Seele!

347

Hear me, you judges! There is another madness—that before the deed. Ah, you have not crawled deep enough into this soul!

348

So spricht der rote Richter: »Was mordete doch dieser Verbrecher? Er wollte rauben.« Aber ich sage euch: seine Seele wollte Blut, nicht Raub: er dürstete nach dem Glück des Messers!

348

Thus speaks the crimson judge: "Why did this criminal murder? He wanted to rob." But I say unto you: his soul wanted blood, not robbery—he thirsted for the bliss of the knife!

349

Seine arme Vernunft aber begriff diesen Wahnsinn nicht und überredete ihn. »Was liegt an Blut!« sprach sie; »willst du nicht zum mindesten einen Raub dabei machen? Eine Rache nehmen?«

349

Yet his poor reason grasped not this madness and persuaded him: "What matter blood?" it said. "Will you not at least commit robbery? Take revenge?"

350

Und er horchte auf seine arme Vernunft: wie Blei lag ihre Rede auf ihm, – da raubte er, als er mordete. Er wollte sich nicht seines Wahnsinns schämen.

350

And he heeded his poor reason: its speech lay upon him like lead—so he robbed as he murdered. He wished not to be ashamed of his madness.

351

Und nun wieder liegt das Blei seiner Schuld auf ihm, und wieder ist seine arme Vernunft so steif, so gelähmt, so schwer.

351

Now the lead of his guilt weighs upon him again, and again his poor reason is so stiff, so paralyzed, so heavy.

352

Wenn er nur den Kopf schütteln könnte, so würde seine Last herabrollen: aber wer schüttelt diesen Kopf?

352

If he could but shake his head, his burden would roll off—but who can shake this head?

353

Was ist dieser Mensch? Ein Haufen von Krankheiten, welche durch den Geist in die Welt hinausgreifen: da wollen sie ihre Beute machen.[304]

353

What is this man? A heap of diseases that reach through the spirit into the world—there they seek prey.

354

Was ist dieser Mensch? Ein Knäuel wilder Schlangen, welche selten beieinander Ruhe haben, – da gehen sie für sich fort und suchen Beute in der Welt.

354

What is this man? A knot of wild snakes that rarely rest together—so they go forth separately to seek prey in the world.

355

Seht diesen armen Leib! Was er litt und begehrte, das deutete sich diese arme Seele, – sie deutete es als mörderische Lust und Gier nach dem Glück des Messers.

355

Behold this poor body! What it suffered and craved, this poor soul interpreted—it interpreted it as murderous lust and greed for the bliss of the knife.

356

Wer jetzt krank wird, den überfällt das Böse, das jetzt böse ist: wehe will er tun, mit dem, was ihm wehe tut. Aber es gab andre Zeiten und ein andres Böses und Gutes.

356

Whoever now falls ill is assailed by the evil that is now evil—he seeks to inflict woe with what gives him woe. But there were other times and another evil and good.

357

Einst war der Zweifel böse und der Wille zum Selbst. Damals wurde der Kranke zum Ketzer und zur Hexe: als Ketzer und Hexe litt er und wollte leiden machen.

357

Once doubt was evil, and the will to self. Then the sick became heretic and witch: as heretic and witch they suffered and sought to make others suffer.

358

Aber dies will nicht in eure Ohren: euren Guten schade es, sagt ihr mir. Aber was liegt mir an euren Guten!

358

But this will not enter your ears—it would harm your Good, you tell me. But what care I for your Good!

359

Vieles an euren Guten macht mir Ekel, und wahrlich nicht ihr Böses. Wollte ich doch, sie hätten einen Wahnsinn, an dem sie zugrunde gingen, gleich diesem bleichen Verbrecher!

359

Much of your Good fills me with loathing, and verily not your Evil. Would that they had a madness by which they perished, like this pallid criminal!

360

Wahrlich, ich wollte, ihr Wahnsinn hieße Wahrheit oder Treue oder Gerechtigkeit: aber sie haben ihre Tugend, um lange zu leben, und in einem erbärmlichen Behagen.

360

Truly, I wish their madness were called truth or fidelity or justice—but they have their virtue to live long in wretched contentment.

361

Ich bin ein Geländer am Strome: fasse mich, wer mich fassen kann! Eure Krücke aber bin ich nicht. –

361

I am a railing by the torrent—let those grasp me who can! Your crutch I am not.

362

Also sprach Zarathustra.[305]

362

Thus spoke Zarathustra.[305]

363

Vom Lesen und Schreiben

363

On Reading and Writing

364

Von allem Geschriebenen liebe ich nur das, was einer mit seinem Blute schreibt. Schreibe mit Blut: und du wirst erfahren, daß Blut Geist ist.

364

Of all that is written, I love only what a man has written with his blood. Write with blood: and you will learn that blood is spirit.

365

Es ist nicht leicht möglich, fremdes Blut zu verstehen: ich hasse die lesenden Müßiggänger.

365

It is no easy task to understand unfamiliar blood: I hate the reading idlers.

366

Wer den Leser kennt, der tut nichts mehr für den Leser. Noch ein Jahrhundert Leser – und der Geist selber wird stinken.

366

Whoever knows the reader will do nothing further for the reader. Another century of readers—and the spirit itself will stink.

367

Daß jedermann lesen lernen darf, verdirbt auf die Dauer nicht allein das Schreiben, sondern auch das Denken.[305]

367

That everyone may learn to read corrupts in the long run not only writing but also thinking.[305]

368

Einst war der Geist Gott, dann wurde er zum Menschen, und jetz wird er gar noch Pöbel.

368

Once the spirit was God, then it became man, and now it is even becoming rabble.

369

Wer in Blut und Sprüchen schreibt, der will nicht gelesen, sondern auswendig gelernt werden.

369

Whoever writes in blood and proverbs does not want to be read but to be learned by heart.

370

Im Gebirge ist der nächste Weg von Gipfel zu Gipfel: aber dazu mußt du lange Beine haben. Sprüche sollen Gipfel sein: und die, zu denen gesprochen wird, Große und Hochwüchsige.

370

In the mountains, the shortest path is from peak to peak: but for that one must have long legs. Proverbs should be peaks: and those addressed should be great and towering.

371

Die Luft dünn und rein, die Gefahr nahe und der Geist voll einer fröhlichen Bosheit: so paßt es gut zueinander.

371

The air thin and pure, danger near, and the spirit full of a joyful malice: these things suit one another well.

372

Ich will Kobolde um mich haben, denn ich bin mutig. Mut, der die Gespenster verscheucht, schafft sich selber Kobolde, – der Mut will lachen.

372

I want goblins around me, for I am courageous. Courage that banishes ghosts creates its own goblins—courage wants to laugh.

373

Ich empfinde nicht mehr mit euch: diese Wolke, die ich unter mir sehe, diese Schwärze und Schwere, über die ich lache – gerade das ist eure Gewitterwolke.

373

I no longer feel as you do: this cloud I see beneath me, this blackness and heaviness at which I laugh—precisely this is your thundercloud.

374

Ihr seht nach oben, wenn ihr nach Erhebung verlangt. Und ich sehe hinab, weil ich erhoben bin.

374

You look aloft when you long for exaltation. And I look down because I am exalted.

375

Wer von euch kann zugleich lachen und erhoben sein?

375

Who among you can laugh and be exalted at once?

376

Wer auf den höchsten Bergen steigt, der lacht über alle Trauer-Spiele und Trauer-Ernste.

376

He who climbs the highest mountains laughs at all tragic plays and tragic earnestness.

377

Mutig, unbekümmert, spöttisch, gewalttätig – so will uns die Weisheit: sie ist ein Weib und liebt immer nur einen Kriegsmann.

377

Courageous, untroubled, mocking, violent—thus wisdom wants us: she is a woman and always loves only a warrior.

378

Ihr sagt mir: »das Leben ist schwer zu tragen.« Aber wozu hättet ihr vormittags euren Stolz und abends eure Ergebung?

378

You tell me: “Life is hard to bear.” But why would you have your pride in the morning and your resignation in the evening?

379

Das Leben ist schwer zu tragen: aber so tut mir doch nicht so zärtlich! Wir sind allesamt hübsche lastbare Esel und Eselinnen.

379

Life is hard to bear: but do not pretend to be so delicate! We are all fine asses and she-asses burdened with weight.

380

Was haben wir gemein mit der Rosenknospe, welche zittert, weil ihr ein Tropfen Tau auf dem Leibe liegt?

380

What have we in common with the rosebud, which trembles because a drop of dew lies upon it?

381

Es ist wahr: wir lieben das Leben, nicht, weil wir ans Leben, sondern weil wir ans Lieben gewöhnt sind.

381

It is true: we love life not because we are accustomed to living but because we are accustomed to loving.

382

Es ist immer etwas Wahnsinn in der Liebe. Es ist aber immer auch etwas Vernunft im Wahnsinn.

382

There is always some madness in love. But there is also always some reason in madness.

383

Und auch mir, der ich dem Leben gut bin, scheinen Schmetterlinge und Seifenblasen und was ihrer Art unter Menschen ist, am meisten vom Glücke zu wissen.

383

And even to me, who am well disposed toward life, butterflies and soap bubbles, and whatever among men resembles them, seem to know most about happiness.

384

Diese leichten törichten zierlichen beweglichen Seelchen flattern zu sehen – das verführt Zarathustra zu Tränen und Liedern.[306]

384

To see these light, foolish, delicate, fluttering souls flit about—that moves Zarathustra to tears and songs.[306]

385

Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde.

385

I would believe only in a god who could dance.

386

Und als ich meinen Teufel sah, da fand ich ihn ernst, gründlich, tief, feierlich; es war der Geist der Schwere – durch ihn fallen alle Dinge.

386

And when I saw my devil, I found him serious, thorough, profound, solemn: it was the Spirit of Gravity—through him all things fall.

387

Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tötet man. Auf, laßt uns den Geist der Schwere töten!

387

Not by wrath does one kill but by laughter. Come, let us kill the Spirit of Gravity!

388

Ich habe gehen gelernt: seitdem lasse ich mich laufen. Ich habe fliegen gelernt: seitdem will ich nicht erst gestoßen sein, um von der Stelle zu kommen.

388

I have learned to walk: since then I let myself run. I have learned to fly: since then I do not need to be pushed to move from the spot.

389

Jetzt bin ich leicht, jetzt fliege ich, jetzt sehe ich mich unter mir, jetzt tanzt ein Gott durch mich.

389

Now I am light, now I fly, now I see myself beneath myself, now a god dances through me.

390

Also sprach Zarathustra.[307]

390

Thus spoke Zarathustra.[307]

391

Vom Baum am Berge

391

Of the Tree on the Mountain

392

Zarathustras Auge hatte gesehn, daß ein Jüngling ihm auswich. Und als er eines Abends allein durch die Berge ging, welche die Stadt umschließen, die genannt wird »die bunte Kuh«: siehe, da fand er im Gehen diesen Jüngling, wie er an einen Baum gelehnt saß und müden Blickes in das Tal schaute. Zarathustra faßte den Baum an, bei welchem der Jüngling saß, und sprach also:

392

Zarathustra’s eye had seen that a youth shunned him. And as he walked alone through the mountains surrounding the town called "The Motley Cow" one evening, behold—he found this youth leaning against a tree, gazing wearily into the valley. Zarathustra grasped the tree where the youth sat and spoke thus:

393

»Wenn ich diesen Baum da mit meinen Händen schütteln wollte, ich würde es nicht vermögen.

393

"If I wished to shake this tree with my hands, I could not.

394

Aber der Wind, den wir nicht sehen, der quält und biegt ihn, wohin er will. Wir werden am schlimmsten von unsichtbaren Händen gebogen und gequält.«

394

But the wind we do not see torments and bends it as it pleases. We are bent and tormented most cruelly by invisible hands."

395

Da erhob sich der Jüngling bestürzt und sagte: »Ich höre Zarathustra und eben dachte ich an ihn.« Zarathustra entgegnete:

395

The youth rose in dismay and said: "I hear Zarathustra—and just now I was thinking of him." Zarathustra replied:

396

»Was erschrickst du deshalb? – Aber es ist mit dem Menschen wie mit dem Baume.

396

"Why do you startle at that? —But it is with humans as with trees.

397

Je mehr er hinauf in die Höhe und Helle will, um so stärker streben seine Wurzeln erdwärts, abwärts, ins Dunkle, Tiefe – ins Böse.«

397

The more they strive upward toward light and height, the more fiercely their roots plunge earthward, downward, into darkness, depth—into evil."

398

»Ja, ins Böse!« rief der Jüngling. »Wie ist es möglich, daß du meine Seele entdecktest?«

398

"Yes, into evil!" cried the youth. "How is it possible that you have uncovered my soul?"

399

Zarathustra lächelte und sprach: »Manche Seele wird man nie entdecken, es sei denn, daß man sie zuerst erfindet.«[307]

399

Zarathustra smiled and said: "Many a soul will never be uncovered unless it is first invented."

400

»Ja, ins Böse!« rief der Jüngling nochmals.

400

"Yes, into evil!" the youth cried again.

401

»Du sagtest die Wahrheit, Zarathustra. Ich traue mir selber nicht mehr, seitdem ich in die Höhe will, und niemand traut mir mehr, – wie geschieht dies doch?

401

"You speak truth, Zarathustra. I no longer trust myself since I aspired to heights, and no one trusts me—how has this come to pass?

402

Ich verwandele mich zu schnell: mein Heute widerlegt mein Gestern. Ich überspringe oft die Stufen, wenn ich steige, – das verzeiht mir keine Stufe.

402

I change too swiftly: my today refutes my yesterday. I often leap over steps when I climb—no step forgives me for that.

403

Bin ich oben, so finde ich mich immer allein. Niemand redet mit mir, der Frost der Einsamkeit macht mich zittern. Was will ich doch in der Höhe?

403

When I am aloft, I find myself ever alone. No one speaks to me; the frost of solitude makes me shiver. What do I seek in the heights?

404

Meine Verachtung und meine Sehnsucht wachsen miteinander; je höher ich steige, um so mehr verachte ich den, der steigt. Was will er doch in der Höhe?

404

My contempt and my longing grow together; the higher I climb, the more I despise those who climb. What do they seek in the heights?

405

Wie schäme ich mich meines Steigens und Stolperns! Wie spotte ich meines heftigen Schnaubens! Wie hasse ich den Fliegenden! Wie müde bin ich in der Höhe!«

405

How I blush at my climbing and stumbling! How I mock my furious panting! How I hate the flier! How weary I am in the heights!"

406

Hier schwieg der Jüngling. Und Zarathustra betrachtete den Baum, an dem sie standen, und sprach also:

406

Here the youth fell silent. And Zarathustra contemplated the tree where they stood, then spoke:

407

»Dieser Baum steht einsam hier am Gebirge; er wuchs hoch hinweg über Mensch und Tier.

407

"This tree stands solitary here on the mountain; it grew high above man and beast.

408

Und wenn er reden wollte, er würde niemanden haben, der ihn verstünde: so hoch wuchs er.

408

And if it could speak, none would understand it: so high has it grown.

409

Nun wartet er und wartet – worauf wartet er doch? Er wohnt dem Sitze der Wolken zu nahe: er wartet wohl auf den ersten Blitz?«

409

Now it waits and waits—for what does it wait? It dwells too near the seat of clouds; perhaps it waits for the first lightning?"

410

Als Zarathustra dies gesagt hatte, rief der Jüngling mit heftigen Gebärden: »Ja, Zarathustra, du sprichst die Wahrheit. Nach meinem Untergange verlangte ich, als ich in die Höhe wollte, und du bist der Blitz, auf den ich wartete! Siehe, was bin ich noch, seitdem du uns erschienen bist? Der Neid auf dich ist's, der mich zerstört hat!« – So sprach der Jüngling und weinte bitterlich. Zarathustra aber legte seinen Arm um ihn und führte ihn mit sich fort.

410

When Zarathustra said this, the youth cried with violent gestures: "Yes, Zarathustra, you speak truth! I longed for my going-under when I aspired to heights, and you are the lightning I awaited! Behold, what am I now, since you appeared among us? The envy of you has destroyed me!" So spoke the youth, weeping bitterly. But Zarathustra put his arm around him and led him away.

411

Und als sie eine Weile miteinander gegangen waren, hob Zarathustra also an zu sprechen:

411

After they had walked together awhile, Zarathustra began to speak:

412

Es zerreißt mir das Herz. Besser als deine Worte es sagen, sagt mir dein Auge alle deine Gefahr.[308]

412

My heart is torn. Better than your words express it, your eyes tell me all your peril.

413

Noch bist du nicht frei, du suchst noch nach Freiheit. Übernächtig machte dich dein Suchen und überwach.

413

You are not yet free; you still seek freedom. Your seeking has left you sleepless and over-wakeful.

414

In die freie Höhe willst du, nach Sternen dürstet deine Seele. Aber auch deine schlimmen Triebe dürsten nach Freiheit.

414

You long for the free heights, your soul thirsts for stars. Yet even your wicked impulses thirst for freedom.

415

Deine wilden Hunde wollen in die Freiheit; sie bellen vor Lust in ihrem Keller, wenn dein Geist alle Gefängnisse zu lösen trachtet.

415

Your wild hounds crave liberation; they bark with rapture in their cellar when your spirit strives to unlock all prisons.

416

Noch bist du mir ein Gefangener, der sich Freiheit ersinnt: ach, klug wird solchen Gefangenen die Seele, aber auch arglistig und schlecht.

416

To me, you remain a prisoner plotting freedom: ah, such prisoners grow cunning in soul—yet also cunning in deceit and malice.

417

Reinigen muß sich noch der Befreite des Geistes. Viel Gefängnis und Moder ist noch in ihm zurück: rein muß noch sein Auge werden.

417

The liberated spirit must still purify himself. Much prison mold and rot lingers within him: his eye must yet become pure.

418

Ja, ich kenne deine Gefahr. Aber bei meiner Liebe und Hoffnung beschwöre ich dich: wirf deine Liebe und Hoffnung nicht weg!

418

Yes, I know your peril. But by my love and hope I implore you: cast not away your love and hope!

419

Edel fühlst du dich noch, und edel fühlen dich auch die andern noch, die dir gram sind und böse Blicke senden. Wisse, daß allen ein Edler im Wege steht.

419

You still feel noble, and others still deem you noble—though they resent you and cast venomous glances. Know that to all, the noble one stands as an obstacle.

420

Auch den Guten steht ein Edler im Wege: und selbst wenn sie ihn einen Guten nennen, so wollen sie ihn damit beiseite bringen.

420

Even to the Good, the noble one is a hindrance: though they name him "good," they seek thereby to cast him aside.

421

Neues will der Edle schaffen und eine neue Tugend. Altes will der Gute, und daß Altes erhalten bleibe.

421

The noble soul wills to create what is new and a new virtue. The Good wills the old and its preservation.

422

Aber nicht das ist die Gefahr des Edlen, daß er ein Guter werde, sondern ein Frecher, ein Höhnender, ein Vernichter.

422

Yet the noble one’s peril lies not in becoming Good, but in becoming brazen—a mocker, a destroyer.

423

Ach, ich kannte Edle, die verloren ihre höchste Hoffnung. Und nun verleumdeten sie alle hohen Hoffnungen.

423

Alas, I have known noble ones who lost their highest hope. Then they slandered all high hopes.

424

Nun lebten sie frech in kurzen Lüsten, und über den Tag hin warfen sie kaum noch Ziele.

424

Now they wallow shamelessly in fleeting pleasures, barely aiming beyond the day.

425

»Geist ist auch Wollust« – so sagten sie. Da zerbrachen ihrem Geiste die Flügel: nun kriecht er herum und beschmutzt im Nagen.

425

"Spirit too is lust," they said. Then their spirit’s wings broke: now it crawls and soils itself as it gnaws.

426

Einst dachten sie Helden zu werden: Lüstlinge sind es jetzt. Ein Gram und ein Grauen ist ihnen der Held.

426

Once they dreamed of being heroes: now they are libertines. The hero is to them a torment and a horror.

427

Aber bei meiner Liebe und Hoffnung beschwöre ich dich: wirf den Helden in deiner Seele nicht weg! Halte heilig deine höchste Hoffnung! –

427

But by my love and hope I conjure you: do not discard the hero in your soul! Hold sacred your highest hope!

428

Also sprach Zarathustra.[309]

428

Thus spoke Zarathustra.[309]

429

Von den Predigern des Todes

429

Of the Preachers of Death

430

Es gibt Prediger des Todes: und die Erde ist voll von solchen, denen Abkehr gepredigt werden muß vom Leben.

430

There are preachers of death: and the earth teems with those to whom renunciation of life must be preached.

431

Voll ist die Erde von Überflüssigen, verdorben ist das Leben durch die Viel-zu-Vielen. Möge man sie mit dem »ewigen Leben« aus diesem Leben weglocken!

431

The earth overflows with the superfluous; life is corrupted by the all-too-many. Let them be lured from this life with the bait of "eternal life"!

432

»Gelbe«: so nennt man die Prediger des Todes, oder »Schwarze«. Aber ich will sie euch noch in andern Farben zeigen.

432

"Yellow ones"—so death’s preachers are called, or "black ones." Yet I shall show them to you in other hues.

433

Da sind die Fürchterlichen, welche in sich das Raubtier herumtragen und keine Wahl haben, es sei denn Lüste oder Selbstzerfleischung. Und auch ihre Lüste sind noch Selbstzerfleischung.

433

There are the fearsome ones who carry the beast within themselves and know no choice but lusts or self-laceration. Even their lusts are self-laceration.

434

Sie sind noch nicht einmal Menschen geworden, diese Fürchterlichen: mögen sie Abkehr predigen vom Leben und selber dahinfahren!

434

These dread beings have not yet become human: let them preach renunciation of life and pass away!

435

Da sind die Schwindsüchtigen der Seele: kaum sind sie geboren, so fangen sie schon an zu sterben und sehnen sich nach Lehren der Müdigkeit und Entsagung.

435

There are consumptives of soul: scarcely born, they begin to die, yearning for teachings of weariness and renunciation.

436

Sie wollen gerne tot sein, und wir sollten ihren Willen gut heißen! Hüten wir uns, diese Toten zu erwecken und diese lebendigen Särge zu versehren!

436

They would gladly be dead, and we should approve their will! Let us take care not to awaken these corpses or disturb these living coffins!

437

Ihnen begegnet ein Kranker oder ein Greis oder ein Leichnam; und gleich sagen sie: »das Leben ist widerlegt!«

437

When they meet a sick man, an old man, or a corpse, they say: "Life is refuted!"

438

Aber nur sie sind widerlegt und ihr Auge, welches nur das eine Gesicht sieht am Dasein.

438

But only they are refuted, and their eyes that see but one aspect of existence.

439

Eingehüllt in dicke Schwermut und begierig auf die kleinen Zufälle, welche den Tod bringen: so warten sie und beißen die Zähne aufeinander.

439

Shrouded in thick melancholy and craving the petty accidents that bring death: thus they wait, gnashing their teeth.

440

Oder aber: sie greifen nach Zuckerwerk und spotten ihrer Kinderei dabei: sie hängen an ihrem Strohhalm Leben und spotten, daß sie noch an einem Strohhalm hängen.

440

Or else they clutch at sugarplums and mock their childishness: they cling to their straw of life and mock that they still cling to a straw.

441

Ihre Weisheit lautet: »Ein Tor, der leben bleibt, aber so sehr sind wir Toren! Und das eben ist das Törichtste am Leben!« –

441

Their wisdom proclaims: "A fool who clings to life! But such fools are we! And this is the most foolish thing about life!"

442

»Das Leben ist nur Leiden«- so sagen andre und lügen nicht: so sorgt doch, daß ihr aufhört! So sorgt doch, daß das Leben aufhört, welches nur Leiden ist![310]

442

"Life is but suffering" – so say others who do not lie: then take care that you cease! Take care that the life which is only suffering comes to an end![310]

443

Und also laute die Lehre eurer Tugend: »Du sollst dich selber töten! Du sollst dich selber davonstehlen!« –

443

And thus shall the teaching of your virtue resound: "You shall kill yourself! You shall steal away from yourself!" –

444

»Wollust ist Sünde« – so sagen die einen, welche den Tod predigen – »laßt uns beiseite gehn und keine Kinder zeugen!«

444

"Voluptuousness is sin" – say those who preach death – "let us withdraw and beget no children!"

445

»Gebären ist mühsam« – sagen die andern – »wozu noch gebären? Man gebiert nur Unglückliche!« Und auch sie sind Prediger des Todes.

445

"To bear children is toil" – say others – "why still bear children? One bears only the unfortunate!" These too are preachers of death.

446

»Mitleid tut not« – so sagen die dritten. »Nehmt hin, was ich habe! Nehmt hin, was ich bin! Um so weniger bindet mich das Leben!«

446

"Compassion is needed" – say the third group. "Take what I possess! Take what I am! Thus shall life bind me less!"

447

Wären sie Mitleidige von Grund aus, so würden sie ihren Nächsten das Leben verleiden. Böse sein – das wäre ihre rechte Güte.

447

Were they truly compassionate at heart, they would make their neighbors loathe life. To be wicked – that would be their true goodness.

448

Aber sie wollen loskommen vom Leben: was schiert es sie, daß sie andre mit ihren Ketten und Geschenken noch fester binden! –

448

But they wish to be rid of life: what care they if with their chains and gifts they bind others more tightly! –

449

Und auch ihr, denen das Leben wilde Arbeit und Unruhe ist: seid ihr nicht sehr müde des Lebens? Seid ihr nicht sehr reif für die Predigt des Todes?

449

And you too, for whom life is wild labor and unrest: are you not weary of life? Are you not ripe for the sermon of death?

450

Ihr alle, denen die wilde Arbeit lieb ist und das Schnelle, Neue, Fremde – ihr ertragt euch schlecht, euer Fleiß ist Fluch und Wille, sich selber zu vergessen.

450

All of you who love wild toil and the swift, the new, the foreign – you endure yourselves poorly, your diligence is a curse and a will to self-oblivion.

451

Wenn ihr mehr an das Leben glaubtet, würdet ihr weniger euch dem Augenblicke hinwerfen. Aber ihr habt zum Warten nicht Inhalt genug in euch – und selbst zur Faulheit nicht!

451

If you believed more in life, you would surrender yourselves less to the moment. But you lack the inner substance for waiting – even for idleness!

452

Überall ertönt die Stimme derer, welche den Tod predigen: und die Erde ist voll von solchen, welchen der Tod gepredigt werden muß.

452

Everywhere echoes the voice of those who preach death: and the earth is full of those to whom death must be preached.

453

Oder »das ewige Leben«: das gilt mir gleich, – wofern sie nur schnell dahinfahren!

453

Or "eternal life" – it is all the same to me, provided they pass swiftly away!

454

Also sprach Zarathustra.[311]

454

Thus spoke Zarathustra.[311]

455

Vom Krieg und Kriegsvolke

455

On War and Warriors

456

Von unsern besten Feinden wollen wir nicht geschont sein, und auch von denen nicht, welche wir von Grund aus lieben. So laßt mich denn euch die Wahrheit sagen!

456

We do not wish to be spared by our best enemies, nor by those we love most deeply. So let me now speak truth to you!

457

Meine Brüder im Kriege! Ich liebe euch von Grund aus, ich bin und war euresgleichen. Und ich bin auch euer bester Feind. So laßt mich denn euch die Wahrheit sagen![311]

457

My brothers in war! I love you utterly; I am and have ever been your kind. And I am also your finest enemy. So let me speak truth to you![311]

458

Ich weiß um den Haß und Neid eures Herzens. Ihr seid nicht groß genug, um Haß und Neid nicht zu kennen. So seid denn groß genug, euch ihrer nicht zu schämen!

458

I know the hatred and envy in your hearts. You are not great enough to be free of hatred and envy. Be great enough, then, not to be ashamed of them!

459

Und wenn ihr nicht Heilige der Erkenntnis sein könnt, so seid mir wenigstens deren Kriegsmänner. Das sind die Gefährten und Vorläufer solcher Heiligkeit.

459

If you cannot be saints of knowledge, at least be its warriors. These are the companions and precursors of such sanctity.

460

Ich sehe viel Soldaten: möchte ich viel Kriegsmänner sehn! »Einform« nennt man's, was sie tragen: möge es nicht Ein-form sein, was sie damit verstecken!

460

I see many soldiers: would that I saw more warriors! What they wear is called "uniform" – may it not be uniform in spirit that they thereby conceal!

461

Ihr sollt mir solche sein, deren Auge immer nach einem Feinde sucht – nach eurem Feinde. Und bei einigen von euch gibt es einen Haß auf den ersten Blick.

461

You shall be men whose eyes ever seek an enemy – your enemy. And in some of you, there is hatred at first sight.

462

Euren Feind sollt ihr suchen, euren Krieg sollt ihr führen, und für eure Gedanken! Und wenn euer Gedanke unterliegt, so soll eure Redlichkeit darüber noch Triumph rufen!

462

You shall seek your enemy, wage your war – a war for your thoughts! And if your thought is vanquished, let your honesty still cry triumph!

463

Ihr sollt den Frieden lieben als Mittel zu neuen Kriegen. Und den kurzen Frieden mehr als den langen.

463

You shall love peace as a means to new wars. And the short peace more than the long.

464

Euch rate ich nicht zur Arbeit, sondern zum Kampfe. Euch rate ich nicht zum Frieden, sondern zum Siege. Eure Arbeit sei ein Kampf, euer Friede sei ein Sieg!

464

I do not counsel you to work, but to fight. I do not counsel you to peace, but to victory. Let your labor be a struggle, your peace a victory!

465

Man kann nur schweigen und stillsitzen, wenn man Pfeil und Bogen hat: sonst schwätzt und zankt man. Euer Friede sei ein Sieg!

465

One can remain silent and sit still only when one has arrow and bow: else one babbles and quarrels. Let your peace be a victory!

466

Ihr sagt, die gute Sache sei es, die sogar den Krieg heilige? Ich sage euch: der gute Krieg ist es, der jede Sache heiligt.

466

You claim it is the good cause that hallows even war? I say unto you: it is the good war that hallows every cause.

467

Der Krieg und der Mut haben mehr große Dinge getan, als die Nächstenliebe. Nicht euer Mitleiden, sondern eure Tapferkeit rettete bisher die Verunglückten.

467

War and courage have accomplished more great things than neighbor-love. Not your compassion, but your bravery has until now rescued the unfortunate.

468

»Was ist gut?« fragt ihr. Tapfer sein ist gut. Laßt die kleinen Mädchen reden: »gut sein ist, was hübsch zugleich und rührend ist.«

468

“What is good?” you ask. To be brave is good. Let little girls say: “Good is what is both pretty and touching.”

469

Man nennt euch herzlos: aber euer Herz ist echt, und ich liebe die Scham eurer Herzlichkeit. Ihr schämt euch eurer Flut, und andre schämen sich ihrer Ebbe.

469

They call you heartless: but your heart is genuine, and I love the shame of your heartfelt warmth. You are ashamed of your flood, while others are ashamed of their ebb.

470

Ihr seid häßlich? Nun wohlan, meine Brüder! So nehmt das Erhabne um euch, den Mantel des Häßlichen!

470

You are ugly? Well then, my brothers! Clothe yourselves in the sublime, the mantle of the ugly!

471

Und wenn eure Seele groß wird, so wird sie übermütig, und in eurer Erhabenheit ist Bosheit. Ich kenne euch.[312]

471

When your soul grows vast, it becomes overbearing, and in your sublimity there is malice. I know you well.[312]

472

In der Bosheit begegnet sich der Übermütige mit dem Schwächlinge. Aber sie mißverstehen einander. Ich kenne euch.

472

In malice, the audacious meet the weakling. Yet they misunderstand each other. I know you well.

473

Ihr dürft nur Feinde haben, die zu hassen sind, aber nicht Feinde zum Verachten. Ihr müßt stolz auf euern Feind sein: dann sind die Erfolge eures Feindes auch eure Erfolge.

473

You shall have only enemies to hate, not enemies to despise. You must take pride in your enemy: then your enemy’s successes shall also be your own.

474

Auflehnung – das ist die Vornehmheit am Sklaven. Eure Vornehmheit sei Gehorsam! Euer Befehlen selber sei ein Gehorchen!

474

Rebellion—that is the nobility of slaves. Let your nobility be obedience! Let even your commanding be a form of heeding!

475

Einem guten Kriegsmanne klingt »du sollst« angenehmer als »ich will«. Und alles, was euch lieb ist, sollt ihr euch erst noch befehlen lassen.

475

To a good warrior, “you shall” sounds sweeter than “I will.” And all that you cherish, you must first have commanded to yourselves.

476

Eure Liebe zum Leben sei Liebe zu eurer höchsten Hoffnung: und eure höchste Hoffnung sei der höchste Gedanke des Lebens!

476

Let your love for life be love for your highest hope: and let your highest hope be the highest thought of life!

477

Euren höchsten Gedanken aber sollt ihr euch von mir befehlen lassen – und er lautet: der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll.

477

But this highest thought you shall let me command to you—it is: The human is something that shall be overcome.

478

So lebt euer Leben des Gehorsams und des Krieges! Was liegt am Lang-Leben! Welcher Krieger will geschont sein!

478

Live, then, your life of obedience and war! What matter long life? What warrior wishes to be spared!

479

Ich schone euch nicht, ich liebe euch von Grund aus, meine Brüder im Kriege! –

479

I spare you not, I love you from the very heart, my brothers in war! –

480

Also sprach Zarathustra.[313]

480

Thus spoke Zarathustra.[313]

481

Vom neuen Götzen

481

Of the New Idol

482

Irgendwo gibt es noch Völker und Herden, doch nicht bei uns, meine Brüder: da gibt es Staaten.

482

Somewhere there are still peoples and herds, but not among us, my brothers: here there are states.

483

Staat? Was ist das? Wohlan! Jetzt tut mir die Ohren auf, denn jetzt sage ich euch mein Wort vom Tode der Völker.

483

State? What is that? Well then, open your ears to me, for now I shall speak to you my word concerning the death of peoples.

484

Staat heißt das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch; und diese Lüge kriecht aus seinem Munde: »Ich, der Staat, bin das Volk.«

484

State is the name of the coldest of all cold monsters. Coldly it lies too; and this lie crawls from its mouth: “I, the state, am the people.”

485

Lüge ist's! Schaffende waren es, die schufen die Völker und hängten einen Glauben und eine Liebe über sie hin: also dienten sie dem Leben.

485

A lie it is! Creators were they who created peoples and hung a faith and a love over them: thus they served life.

486

Vernichter sind es, die stellen Fallen auf für viele und heißen sie Staat: sie hängen ein Schwert und hundert Begierden über sie hin.

486

Destroyers are they who lay snares for the many and call it the state: they hang a sword and a hundred cravings over them.

487

Wo es noch Volk gibt, da versteht es den Staat nicht und haßt ihn als bösen Blick und Sünde an Sitten und Rechten.[313]

487

Where there is still a people, it does not comprehend the state and hates it as the evil eye, a sin against customs and laws.[313]

488

Dieses Zeichen gebe ich euch: jedes Volk spricht seine Zunge des Guten und Bösen: die versteht der Nachbar nicht. Seine Sprache erfand es sich in Sitten und Rechten.

488

This sign I give you: every people speaks its tongue of good and evil—its neighbor does not understand it. It invented its own language through customs and laws.

489

Aber der Staat lügt in allen Zungen der Guten und Bösen; und was er auch redet, er lügt – und was er auch hat, gestohlen hat er's.

489

But the state lies in all tongues of good and evil; and whatever it says, it lies—and whatever it has, it has stolen.

490

Falsch ist alles an ihm; mit gestohlenen Zähnen beißt er, der Bissige. Falsch sind selbst seine Eingeweide.

490

False is everything in it; with stolen teeth it bites, this biting beast. Even its entrails are false.

491

Sprachverwirrung des Guten und Bösen: dieses Zeichen gebe ich euch als Zeichen des Staates. Wahrlich, den Willen zum Tode deutet dieses Zeichen! Wahrlich, es winkt den Predigern des Todes!

491

Confusion of tongues of good and evil: this sign I give you as the sign of the state. Verily, this sign signifies the will to death! Verily, it beckons to the preachers of death!

492

Viel zu viele werden geboren: für die Überflüssigen ward der Staat erfunden!

492

All too many are born: for the superfluous the state was invented!

493

Seht mir doch, wie er sie an sich lockt, die Viel-zu-Vielen! Wie er sie schlingt und kaut und wiederkäut!

493

Behold these all-too-many, how the state lures them! How it devours them, chews them, regurgitates them!

494

»Auf der Erde ist nichts Größeres als ich: der ordnende Finger bin ich Gottes« – also brüllt das Untier. Und nicht nur Langgeohrte und Kurzgeäugte sinken auf die Knie!

494

"Nothing on earth is mightier than I: I am God's ordering finger!" – thus roars the cold beast. And not only the long-eared and short-sighted fall to their knees!

495

Ach, auch in euch, ihr großen Seelen, raunt er seine düsteren Lügen! Ach, er errät die reichen Herzen, die gerne sich verschwenden!

495

Ah, even in you, great souls, it whispers its shadowy lies! Ah, it divines those lavish hearts that gladly squander themselves!

496

Ja, auch euch errät er, ihr Besieger des alten Gottes! Müde wurdet ihr im Kampfe, und nun dient eure Müdigkeit noch dem neuen Götzen!

496

Yes, it divines you too, vanquishers of the old god! You grew weary in battle, and now your weariness serves this new idol!

497

Helden und Ehrenhafte möchte er um sich aufstellen, der neue Götze! Gerne sonnt er sich im Sonnenschein guter Gewissen – das kalte Untier!

497

Heroes and honorable ones it seeks to station around itself, this new idol! How it basks in the sunshine of clean consciences – the frigid beast!

498

Alles will er euch geben, wenn ihr ihn anbetet, der neue Götze: also kauft er sich den Glanz eurer Tugenden und den Blick eurer stolzen Augen.

498

It will grant you everything if you worship it, this new idol: thus it purchases the luster of your virtues and the gaze of your proud eyes.

499

Ködern will er mit euch die Viel-zu Vielen! Ja, ein Höllenkunststück ward da erfunden, ein Pferd des Todes, klirrend im Putz göttlicher Ehren!

499

It would use you as bait for the all-too-many! Yes, a hellish artifice was invented here, a death-steed clattering in the trappings of divine honors!

500

Ja, ein Sterben für viele ward da erfunden, das sich selber als Leben preist: wahrlich, ein Herzensdienst allen Predigern des Todes!

500

Yes, a dying for the multitude was invented here, one that calls itself life: verily, a heartfelt service to all preachers of death!

501

Staat nenne ich's, wo alle Gifttrinker sind, Gute und Schlimme: Staat, wo alle sich selber verlieren, Gute und Schlimme: Staat, wo der langsame Selbstmord aller – »das Leben« heißt.[314]

501

State I call it, where all drink poison – good and evil alike: state, where all lose themselves – good and evil alike: state, where the slow suicide of all is named – "life."

502

Seht mir doch diese Überflüssigen! Sie stehlen sich die Werke der Erfinder und die Schätze der Weisen: Bildung nennen sie ihren Diebstahl – und alles wird ihnen zu Krankheit und Ungemach!

502

Behold these superfluous ones! They steal the works of inventors and treasures of sages: education they call their theft – and everything turns to sickness and ruin in their hands!

503

Seht mir doch diese Überflüssigen! Krank sind sie immer, sie erbrechen ihre Galle und nennen es Zeitung. Sie verschlingen einander und können sich nicht einmal verdauen.

503

Behold these superfluous ones! Ever ailing, they vomit their bile and name it newspaper. They devour each other yet cannot digest themselves.

504

Seht mir doch diese Überflüssigen! Reichtümer erwerben sie und werden ärmer damit. Macht wollen sie und zuerst das Brecheisen der Macht, viel Geld – diese Unvermögenden!

504

Behold these superfluous ones! Wealth they acquire and grow poorer still. Power they crave – first the crowbar of power, much gold – these impotent ones!

505

Seht sie klettern, diese geschwinden Affen! Sie klettern übereinander hinweg und zerren sich also in den Schlamm und die Tiefe.

505

See them scramble, these nimble apes! They clamber over one another, dragging each other into mire and abyss.

506

Hin zum Throne wollen sie alle: ihr Wahnsinn ist es – als ob das Glück auf dem Throne säße! Oft sitzt der Schlamm auf dem Thron -und oft auch der Thron auf dem Schlamme.

506

All would reach the throne – madness it is, as if bliss sat upon thrones! Often filth sits on the throne – and often the throne on filth.

507

Wahnsinnige sind sie mir alle und kletternde Affen und Überheiße. Übel riecht mir ihr Götze, das kalte Untier: übel riechen sie mir alle zusammen, diese Götzendiener.

507

Madmen they seem to me, clambering apes and fevered fools. Foul reeks their idol, the cold beast: foul reek all these idol-worshipers together.

508

Meine Brüder, wollt ihr denn ersticken im Dunste ihrer Mäuler und Begierden? Lieber zerbrecht doch die Fenster und springt ins Freie!

508

My brothers, will you suffocate in the fumes of their mouths and appetites? Shatter the windows instead and leap into open air!

509

Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von der Götzendienerei der Überflüssigen!

509

Flee the stench! Withdraw from the idolatry of superfluous ones!

510

Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von dem Dampfe dieser Menschenopfer!

510

Flee the stench! Withdraw from the steam of these human sacrifices!

511

Frei steht großen Seelen auch jetzt noch die Erde. Leer sind noch viele Sitze für Einsame und Zweisame, um die der Geruch stiller Meere weht.

511

Free still remains the earth for great souls. Many seats stand empty for solitary ones and twosomes, where seas' breath whispers through still air.

512

Frei steht noch großen Seelen ein freies Leben. Wahrlich, wer wenig besitzt, wird um so weniger besessen: gelobt sei die kleine Armut!

512

Free still remains a free life for great souls. Verily, he who possesses little is so much less possessed: praised be modest poverty!

513

Dort, wo der Staat aufhört, da beginnt erst der Mensch, der nicht überflüssig ist: da beginnt das Lied des Notwendigen, die einmalige und unersetzliche Weise.

513

There where the state ends – look there, my brothers! Do you not see it, the rainbow and the bridges to the Overman?

514

Dort, wo der Staat aufhört – so seht mir doch hin, meine Brüder! Seht ihr ihn nicht, den Regenbogen und die Brücken des Übermenschen? –

514

There where the state ceases – behold it now, my brothers! Do you not see the rainbow and the bridges to the Overman? –

515

Also sprach Zarathustra.[315]

515

Thus spoke Zarathustra.

516

Von den Fliegen des Marktes

516

Of the Flies of the Market

517

Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit! Ich sehe dich betäubt vom Lärme der großen Männer und zerstochen von den Stacheln der kleinen.

517

Flee, my friend, into your solitude! I see you stunned by the clamor of great men and pricked by the stings of the small.

518

Würdig wissen Wald und Fels mit dir zu schweigen. Gleiche wieder dem Baume, den du liebst, dem breitästigen: still und aufhorchend hängt er über dem Meere.

518

Worthy are forest and rock to keep silent with you. Become again like the tree you love, the broad-branched one: silent and listening, it hangs over the sea.

519

Wo die Einsamkeit aufhört, da beginnt der Markt; und wo der Markt beginnt, da beginnt auch der Lärm der großen Schauspieler und das Geschwirr der giftigen Fliegen.

519

Where solitude ends, the marketplace begins; and where the marketplace begins, there begins too the noise of great actors and the buzzing of poisonous flies.

520

In der Welt taugen die besten Dinge noch nichts, ohne einen, der sie erst aufführt: große Männer heißt das Volk diese Aufführer.

520

In the world, even the finest things are worthless without someone to perform them first: the people call these performers great men.

521

Wenig begreift das Volk das Große, das ist: das Schaffende. Aber Sinne hat es für alle Aufführer und Schauspieler großer Sachen.

521

The people understand little of greatness—that is, of creation. Yet they have an instinct for all performers and actors of great things.

522

Um die Erfinder von neuen Werten dreht sich die Welt – unsichtbar dreht sie sich. Doch um die Schauspieler dreht sich das Volk und der Ruhm: so ist es der Welt Lauf.

522

The world revolves around the inventors of new values—invisibly it revolves. But the people and fame revolve around actors: such is the way of the world.

523

Geist hat der Schauspieler, doch wenig Gewissen des Geistes. Er glaubt immer an das, womit er am stärksten glauben macht – glauben an sich macht!

523

The actor has spirit, but little conscience of spirit. He always believes in that which makes others believe most fervently—belief in himself!

524

Morgen hat er einen neuen Glauben und übermorgen einen neueren. Rasche Sinne hat er, gleich dem Volke, und veränderliche Witterungen.

524

Tomorrow he has a new faith, and the day after, a newer one. He has quick senses, like the people, and changeable moods.

525

Umwerfen – das heißt ihm: beweisen. Tollmachen – das heißt ihm: überzeugen. Und Blut gilt ihm als aller Gründe bester.

525

To overthrow—that is his proof. To drive mad—that is his persuasion. And blood counts to him as the best of all reasons.

526

Eine Wahrheit, die nur in feine Ohren schlüpft, nennt er Lüge und Nichts. Wahrlich, er glaubt nur an Götter, die großen Lärm in der Welt machen!


Voll von feierlichen Possenreißern ist der Markt – und das Volk rühmt sich seiner großen Männer! das sind ihm die Herrn der Stunde.

526

The marketplace is full of solemn jesters—and the people boast of their great men! These they deem the Lords of the Hour.

527

Aber die Stunde drängt sie: so drängen sie dich: und auch von dir wollen sie Ja oder Nein. Wehe, du willst zwischen Für und Wider deinen Stuhl setzen?

527

But the hour presses them; so they press you. From you too they want a Yes or No. Alas, would you set your chair between For and Against?

528

Dieser Unbedingten und Drängenden halber sei ohne Eifersucht, du Liebhaber der Wahrheit! Niemals noch hängte sich die Wahrheit an den Arm eines Unbedingten.[316]

528

For the sake of these unconditional and urgent ones, be without envy, you lover of truth! Never yet has truth clung to the arm of an unconditional man.

529

Dieser Plötzlichen halber gehe zurück in deine Sicherheit: nur auf dem Markt wird man mit Ja? oder Nein? überfallen.

529

On account of these sudden ones, retreat into your security: only in the marketplace does one fall prey to Yes? or No?

530

Langsam ist das Erleben allen tiefen Brunnen: lange müssen sie warten, bis sie wissen, was in ihre Tiefe fiel.

530

Slow is the experience of all deep wells: long must they wait before they know what fell into their depths.

531

Abseits vom Markte und Ruhme begibt sich alles Große: abseits vom Markte und Ruhme wohnten von je die Erfinder neuer Werte.

531

All greatness takes place apart from the marketplace and fame: apart from the marketplace and fame have dwelt from of old the inventors of new values.

532

Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit: ich sehe dich von giftigen Fliegen zerstochen. Fliehe dorthin, wo rauhe, starke Luft weht!

532

Flee, my friend, into your solitude: I see you stung by poisonous flies. Flee to where the raw, strong air blows!

533

Fliehe in deine Einsamkeit! Du lebtest den Kleinen und Erbärmlichen zu nahe. Fliehe vor ihrer unsichtbaren Rache! Gegen dich sind sie nichts als Rache.

533

Flee into your solitude! You have lived too near to the small and pitiable. Flee from their invisible vengeance! Toward you, they are nothing but vengeance.

534

Hebe nicht mehr den Arm gegen sie! Unzählbar sind sie, und es ist nicht dein Los, Fliegenwedel zu sein.

534

Raise your arm no more against them! They are numberless, and it is not your lot to be a fly-swatter.

535

Unzählbar sind diese Kleinen und Erbärmlichen; und manchem stolzen Baue gereichten schon Regentropfen und Unkraut zum Untergange.

535

Innumerable are these small and pitiable ones; and many a proud structure has rain-drops and weeds brought to ruin.

536

Du bist kein Stein, aber schon wurdest du hohl von vielen Tropfen. Zerbrechen und zerbersten wirst du mir noch von vielen Tropfen.

536

You are no stone, yet already you have been hollowed by many drops. You will yet break and burst from the many drops.

537

Ermüdet sehe ich dich durch giftige Fliegen, blutig geritzt sehe ich dich an hundert Stellen; und dein Stolz will nicht einmal zürnen.

537

I see you wearied by poisonous flies, bloodied from a hundred scratches; and your pride refuses even to rage.

538

Blut möchten sie von dir in aller Unschuld, Blut begehren ihre blutlosen Seelen – und sie stechen daher in aller Unschuld.

538

Blood they want from you in all innocence; blood their bloodless souls crave—so they sting in all innocence.

539

Aber du Tiefer, du leidest zu tief auch an kleinen Wunden; und ehe du dich noch geheilt hast, kroch dir der gleiche Giftwurm über die Hand.

539

But you, profound one, you suffer too deeply even from small wounds; and before you had healed, the same poison-worm crawled over your hand.

540

Zu stolz bist du mir dafür, diese Naschhaften zu töten. Hüte dich aber, daß es nicht dein Verhängnis werde, all ihr giftiges Unrecht zu tragen!

540

You are too proud in my eyes to slay these nibbling vermin. But take heed lest it become your doom to bear all their venomous injustice!

541

Sie summen um dich auch mit ihrem Lobe: Zudringlichkeit ist ihr Loben. Sie wollen die Nähe deiner Haut und deines Blutes.

541

They buzz around you even with their praise: presumptuousness is their praise. They seek proximity to your skin and blood.

542

Sie schmeicheln dir wie einem Gotte oder Teufel; sie winseln vor dir wie vor einem Gotte oder Teufel. Was macht es! Schmeichler sind es und Winsler, und nicht mehr.

542

They flatter you as if you were a god or demon; they whimper before you as before a god or demon. What matter! Flatterers and whimperers they are, and nothing more.

543

Auch geben sie sich dir oft als Liebenswürdige. Aber das war immer die Klugheit der Feigen. Ja, die Feigen sind klug!

543

Often they affect graciousness before you. But that has ever been the cunning of the timid. Yes, the timid are cunning!

544

Sie denken viel über dich mit ihrer engen Seele – bedenklich bist du ihnen stets! Alles, was viel bedacht wird, wird bedenklich.[317]

544

They ponder much about you with their constricted souls – you are ever an object of suspicion to them! Whatever is much pondered becomes suspect.

545

Sie bestrafen dich für alle deine Tugenden. Sie verzeihen dir von Grund aus nur – deine Fehlgriffe.

545

They punish you for all your virtues. They absolve you only in this – your errors.

546

Weil du milde bist und gerechten Sinnes, sagst du: »unschuldig sind sie an ihrem kleinen Dasein.« Aber ihre enge Seele denkt: »Schuld ist alles große Dasein.«

546

Because you are gentle and just-minded, you say: "Guiltless are they in their petty existence." But their pinched souls think: "Guilty is all grand existence."

547

Auch wenn du ihnen milde bist, fühlen sie sich noch von dir verachtet; und sie geben dir deine Wohltat zurück mit versteckten Wehtaten.

547

Even when you show them kindness, they feel despised; they return your benefaction with covert malice.

548

Dein wortloser Stolz geht immer wider ihren Geschmack; sie frohlocken, wenn du einmal bescheiden genug bist, eitel zu sein.

548

Your silent pride ever offends their taste; they rejoice if ever you become humble enough to be vain.

549

Das, was wir an einem Menschen erkennen, das entzünden wir an ihm auch. Also hüte dich vor den Kleinen!

549

What we discern in a person, we inflame in them. Therefore beware the small ones!

550

Vor dir fühlen sie sich klein, und ihre Niedrigkeit glimmt und glüht gegen dich in unsichtbarer Rache.

550

Before you, they feel diminished; their baseness smolders and glows against you in unseen vengeance.

551

Merktest du nicht, wie oft sie stumm wurden, wenn du zu ihnen tratest, und wie ihre Kraft von ihnen ging wie der Rauch von einem erlöschenden Feuer?

551

Have you not marked how they fall mute when you approach, how their vigor flees like smoke from dying embers?

552

Ja, mein Freund, das böse Gewissen bist du deinen Nächsten: denn sie sind deiner unwert. Also hassen sie dich und möchten gerne an deinem Blute saugen.

552

Yea, my friend, you are the bad conscience to your neighbors: for they are unworthy of you. Thus they hate you and would gladly suck your blood.

553

Deine Nächsten werden immer giftige Fliegen sein; das, was groß an dir ist – das selber muß sie giftiger machen und immer fliegenhafter.

553

Your neighbors shall ever remain venomous flies; what is great in you – that itself must make them more venomous and ever more fly-like.

554

Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit und dorthin, wo eine rauhe, starke Luft weht. Nicht ist es dein Los, Fliegenwedel zu sein. –

554

Flee, my friend, into your solitude and to where a raw, vigorous air blows. It is not your lot to be a fly-swatter. –

555

Also sprach Zarathustra.[318]

555

Thus spoke Zarathustra.

556

Von der Keuschheit

556

On Chastity

557

Ich liebe den Wald. In den Städten ist schlecht zu leben: da gibt es zu viele der Brünstigen.

557

I love the forest. In cities it is ill to dwell: there too many are in heat.

558

Ist es nicht besser, in die Hände eines Mörders zu geraten, als in die Träume eines brünstigen Weibes?

558

Is it not better to fall into a murderer’s hands than into the dreams of a lustful woman?

559

Und seht mir doch diese Männer an: ihr Auge sagt es – sie wissen nichts Besseres auf Erden, als bei einem Weibe zu liegen.[318]

559

And behold these men: their eyes proclaim – they know no better thing on earth than lying with a woman.

560

Schlamm ist auf dem Grunde ihrer Seele; und wehe, wenn ihr Schlamm gar noch Geist hat!

560

Mire lies at the bottom of their souls; and woe if their mire has spirit!

561

Daß ihr doch wenigstens als Tiere vollkommen wäret! Aber zum Tiere gehört die Unschuld.

561

Would that you were at least perfect as beasts! But to beasts belongs innocence.

562

Rate ich euch, eure Sinne zu töten? Ich rate euch zur Unschuld der Sinne.

562

Do I counsel you to slay your senses? I counsel the innocence of senses.

563

Rate ich euch zur Keuschheit? Die Keuschheit ist bei einigen eine Tugend, aber bei vielen beinahe ein Laster.

563

Do I preach chastity? Chastity is a virtue in some, but in many almost a vice.

564

Diese enthalten sich wohl: aber die Hündin Sinnlichkeit blickt mit Neid aus allem, was sie tun.

564

These abstain, true: but the bitch Sensuality leers enviously from all they do.

565

Noch in die Höhen ihrer Tugend und bis in den kalten Geist hinein folgt ihnen dies Getier und sein Unfrieden.

565

Even into the heights of their virtue and into their cold spirit this beast pursues them with its discord.

566

Und wie artig weiß die Hündin Sinnlichkeit um ein Stück Geist zu betteln, wenn ihr ein Stück Fleisch versagt wird.


Ihr liebt Trauerspiele und alles, was das Herz zerbricht? Aber ich bin mißtrauisch gegen eure Hündin.

566

You love tragedies and all that breaks hearts? But I distrust your bitch Sensuality.

567

Ihr habt mir zu grausame Augen und blickt lüstern nach Leidenden. Hat sich nicht nur eure Wollust verkleidet und heißt sich Mitleiden?

567

Your eyes are too cruel, and you lustfully gaze upon sufferers. Has not your lust merely disguised itself and taken the name of pity?

568

Und auch dies Gleichnis gebe ich euch: nicht wenige, die ihren Teufel austreiben wollten, fuhren dabei selber in die Säue.

568

And this parable too I give unto you: not a few who sought to cast out their devil, thereby entered into the swine themselves.

569

Wem die Keuschheit schwer fällt, dem ist sie zu widerraten: daß sie nicht der Weg zur Hölle werde – das ist zu Schlamm und Brunst der Seele.

569

For whom chastity is burdensome, it is to be dissuaded: lest it become the path to hell—that is, to mud and soul’s ardor.

570

Rede ich von schmutzigen Dingen? Das ist mir nicht das Schlimmste.

570

Do I speak of filthy things? That is not the worst to me.

571

Nicht, wenn die Wahrheit schmutzig ist, sondern wenn sie seicht ist, steigt der Erkennende ungern in ihr Wasser.

571

Not when truth is filthy, but when it is shallow, does the knower reluctantly wade into its waters.

572

Wahrlich, es gibt Keusche von Grund aus: sie sind milder von Herzen, sie lachen lieber und reichlicher als ihr.

572

Verily, there are chaste ones from their very core: they are gentler of heart, and laugh more richly and readily than you.

573

Sie lachen auch über die Keuschheit und fragen: »was ist Keuschheit!

573

They laugh even at chastity and ask: “What is chastity?

574

Ist Keuschheit nicht Torheit? Aber diese Torheit kam zu uns, und nicht wir zu ihr.

574

Is chastity not folly? But this folly came to us, not we to it.

575

Wir boten diesem Gaste Herberge und Herz: nun wohnt er bei uns – mag er bleiben, wie lange er will!«

575

We offered this guest shelter and heart: now it dwells with us—let it stay as long as it will!”

576

Also sprach Zarathustra.[319]

576

Thus spoke Zarathustra.

577

Vom Freunde

577

On the Friend

578

»Einer ist immer zu viel um mich« – also denkt der Einsiedler. »Immer einmal eins – das gibt auf die Dauer zwei!«

578

“One is always too many around me”—thus thinks the hermit. “Always once one—in time, that becomes two!”

579

Ich und Mich sind immer zu eifrig im Gespräche: wie wäre es auszuhalten, wenn es nicht einen Freund gäbe?

579

I and Me are ever too fervent in discourse: how could one endure it, were there not a friend?

580

Immer ist für den Einsiedler der Freund der Dritte: der Dritte ist der Kork, der verhindert, daß das Gespräch der Zweie in die Tiefe sinkt.

580

For the hermit, the friend is ever the third: the third is the cork that prevents the conversation of the two from sinking into the depths.

581

Ach, es gibt zu viele Tiefen für alle Einsiedler. Darum sehnen sie sich so nach einem Freunde und nach seiner Höhe.

581

Alas, there are too many depths for all hermits. Therefore, they long so for a friend and for his heights.

582

Unser Glaube an andre verrät, worin wir gerne an uns selber glauben möchten. Unsre Sehnsucht nach einem Freunde ist unser Verräter.

582

Our faith in others betrays where we would fain have faith in ourselves. Our longing for a friend is our betrayer.

583

Und oft will man mit der Liebe nur den Neid überspringen. Und oft greift man an und macht sich einen Feind, um zu verbergen, daß man angreifbar ist.

583

And often, with love, one seeks only to leap over envy. And often one attacks and makes an enemy to conceal that one is vulnerable.

584

»Sei wenigstens mein Feind!« – so spricht die wahre Ehrfurcht, die nicht um Freundschaft zu bitten wagt.

584

“Be at least my enemy!”—thus speaks true reverence, which dares not beg for friendship.

585

Will man einen Freund haben, so muß man auch für ihn Krieg führen wollen: und um Krieg zu führen, muß man Feind sein können.

585

If one would have a friend, one must also be willing to wage war for him: and to wage war, one must be capable of being an enemy.

586

Man soll in seinem Freunde noch den Feind ehren. Kannst du an deinen Freund dicht herantreten, ohne zu ihm überzutreten?

586

In one’s friend, one should honor the enemy. Can you approach your friend closely without trespassing against him?

587

In seinem Freunde soll man seinen besten Feind haben. Du sollst ihm am nächsten mit dem Herzen sein, wenn du ihm widerstrebst.

587

In one’s friend, one shall have one’s best foe. You shall be closest to him in heart when you resist him.

588

Du willst vor deinem Freunde kein Kleid tragen? Es soll deines Freundes Ehre sein, daß du dich ihm gibst, wie du bist? Aber er wünscht dich darum zum Teufel!

588

Would you stand naked before your friend? It may honor your friend that you show yourself as you are—but for that, he wishes you to the devil!

589

Wer aus sich kein Hehl macht, empört: so sehr habt ihr Grund, die Nacktheit zu fürchten! Ja, wenn ihr Götter wäret, da dürftet ihr euch eurer Kleider schämen!

589

Who makes no secret of himself enrages others: so much reason have you to fear nakedness! Aye, were you gods, you might then be ashamed of your clothes!

590

Du kannst dich für deinen Freund nicht schön genug putzen: denn du sollst ihm ein Pfeil und eine Sehnsucht nach dem Übermenschen sein.

590

You cannot adorn yourself too finely for your friend: for you shall be to him an arrow and a longing for the Overman.

591

Sahst du deinen Freund schon schlafen – damit du erfahrest, wie er aussieht? Was ist doch sonst das Gesicht deines Freundes? Es ist dein eignes Gesicht, auf einem rauhen und unvollkommnen Spiegel.[320]

591

Have you watched your friend asleep—to learn how he looks? What else is your friend’s face but your own countenance, mirrored roughly and imperfectly?

592

Sahst du deinen Freund schon schlafen? Erschrakst du nicht, daß dein Freund so aussieht? Oh, mein Freund, der Mensch ist etwas, das überwunden werden muß.

592

Have you watched your friend asleep? Were you not startled that he appeared thus? Oh, my friend, the human is something that must be overcome.

593

Im Erraten und Stillschweigen soll der Freund Meister sein: nicht alles mußt du sehn wollen. Dein Traum soll dir verraten, was dein Freund im Wachen tut.

593

In divining and silence shall the friend be master: you must not seek to see all. Let your dream disclose what your friend does while awake.

594

Ein Erraten sei dein Mitleiden: daß du erst wissest, ob dein Freund Mitleiden wolle. Vielleicht liebt er an dir das ungebrochene Auge und den Blick der Ewigkeit.

594

Let your compassion be a divining: that you may first know whether your friend wants compassion. Perhaps he loves in you the unbroken eye and the gaze of eternity.

595

Das Mitleiden mit dem Freunde berge sich unter einer harten Schale, an ihm sollst du dir einen Zahn ausbeißen. So wird es seine Feinheit und Süße haben.

595

Hide your compassion for your friend beneath a hard shell—you shall bite out a tooth upon it. Thus shall it have delicacy and sweetness.

596

Bist du reine Luft und Einsamkeit und Brot und Arznei deinem Freunde? Mancher kann seine eignen Ketten nicht lösen und doch ist er dem Freunde ein Erlöser.

596

Are you pure air and solitude and bread and medicine to your friend? Many cannot break their own chains yet become redeemers to their friend.

597

Bist du ein Sklave? So kannst du nicht Freund sein. Bist du ein Tyrann? So kannst du nicht Freunde haben.

597

Are you a slave? Then you cannot be a friend. Are you a tyrant? Then you cannot have friends.

598

Allzulange war im Weibe ein Sklave und ein Tyrann versteckt. Deshalb ist das Weib noch nicht der Freundschaft fähig: es kennt nur die Liebe.

598

Too long have a slave and a tyrant been concealed in woman. Therefore, woman is not yet capable of friendship: she knows only love.

599

In der Liebe des Weibes ist Ungerechtigkeit und Blindheit gegen alles, was es nicht liebt. Und auch in der wissenden Liebe des Weibes ist immer noch Überfall und Blitz und Nacht neben dem Lichte.

599

In woman’s love there is injustice and blindness toward all she does not love. Even in the knowing love of woman, there are still ambush and lightning and night beside the light.

600

Noch ist das Weib nicht der Freundschaft fähig: Katzen sind immer noch die Weiber, und Vögel. Oder, besten Falles, Kühe.

600

Woman is not yet capable of friendship: women are still cats and birds. Or, at best, cows.

601

Noch ist das Weib nicht der Freundschaft fähig. Aber sagt mir, ihr Männer, wer von euch ist denn fähig der Freundschaft?

601

Woman is not yet capable of friendship. But tell me, you men, which of you is capable of friendship?

602

Oh über eure Armut, ihr Männer, und euren Geiz der Seele! Wie viel ihr dem Freunde gebt, das will ich noch meinem Feinde geben, und will auch nicht ärmer damit geworden sein.

602

Oh, your poverty, you men, and the miserliness of your souls! What you give to your friend, I would give even to my enemy, and should not thereby grow poorer.

603

Es gibt Kameradschaft: möge es Freundschaft geben!

603

There is camaraderie: may there be friendship!

604

Also sprach Zarathustra.[321]

604

Thus spoke Zarathustra.[321]

605

Von tausend und einem Ziele

605

Of a Thousand and One Goals

606

Viele Länder sah Zarathustra und viele Völker: so entdeckte er vieler Völker Gutes und Böses. Keine größere Macht fand Zarathustra auf Erden als Gut und Böse.

606

Zarathustra saw many lands and peoples: thus he discovered the Good and Evil of many peoples. No greater power did Zarathustra find on earth than Good and Evil.

607

Leben könnte kein Volk, das nicht erst schätzte; will es sich aber erhalten, so darf es nicht schätzen, wie der Nachbar schätzt.

607

No people could live without first esteeming; but to preserve itself, it must not esteem as its neighbor esteems.

608

Vieles, das diesem Volke gut hieß, hieß einem andern Hohn und Schmach: also fand ich's. Vieles fand ich hier böse genannt und dort mit purpurnen Ehren geputzt.

608

Much that one people called good, another called mockery and disgrace: thus I found it. Much I found here deemed evil and there adorned with purple honors.

609

Nie verstand ein Nachbar den andern: stets verwunderte sich seine Seele ob des Nachbarn Wahn und Bosheit.

609

Never did one neighbor understand another: his soul always marveled at his neighbor’s delusion and malice.

610

Eine Tafel der Güter hängt über jedem Volke. Siehe, es ist seiner Überwindungen Tafel; siehe, es ist die Stimme seines Willens zur Macht.

610

A tablet of values hangs over every people. Behold, it is the tablet of their overcomings; behold, it is the voice of their will to power.

611

Löblich ist, was ihm schwer gilt; was unerläßlich und schwer, heißt gut; und was aus der höchsten Not noch befreit, das Seltene, Schwerste – das preist es heilig.

611

Praised is what seems difficult to them; the indispensable and hard is called good; and whatever liberates from direst need, the rarest, most arduous – they sanctify as holy.

612

Was da macht, daß es herrscht und siegt und glänzt, seinem Nachbarn zu Grauen und Neide: das gilt ihm das Hohe, das Erste, das Messende, der Sinn aller Dinge.

612

Whatever makes them rule and triumph and shine, to the horror and envy of their neighbor: that they account the high, the first, the measure, the meaning of all things.

613

Wahrlich, mein Bruder, erkanntest du erst eines Volkes Not und Land und Himmel und Nachbar: so errätst du wohl das Gesetz seiner Überwindungen, und warum es auf dieser Leiter zu seiner Hoffnung steigt.

613

Truly, my brother, if you first knew a people’s need and land and sky and neighbor, you could guess the law of its overcomings, and why it climbs this ladder to its hope.

614

»Immer sollst du der erste sein und den andern vorragen: niemanden soll deine eifersüchtige Seele lieben, es sei denn den Freund« – dies machte einem Griechen die Seele zittern: dabei ging er seinen Pfad der Größe.

614

“Always shall you be the first and rise above others: your jealous soul shall love none but the friend” – this made the soul of a Greek tremble: thereby he walked his path of greatness.

615

»Wahrheit reden und gut mit Bogen und Pfeil verkehren« – so dünkte es jenem Volke zugleich lieb und schwer, aus dem mein Name kommt – der Name, welcher mir zugleich lieb und schwer ist.

615

“To speak the truth and handle bow and arrow well” – this seemed both dear and hard to the people from whom my name comes – the name that is both dear and hard to me.

616

»Vater und Mutter ehren und bis in die Wurzel der Seele hinein ihnen zu Willen sein«: diese Tafel der Überwindung hängte ein andres Volk über sich auf und wurde mächtig und ewig damit.[322]

616

“Honor father and mother and submit to them even to the root of the soul”: another people hung this tablet of overcoming over themselves and grew mighty and eternal thereby.[322]

617

»Treue üben und um der Treue willen Ehre und Blut auch an böse und gefährliche Sachen setzen«: also sich lehrend bezwang sich ein anderes Volk, und also sich bezwingend wurde es schwanger und schwer von großen Hoffnungen.

617

“To practice fidelity and for fidelity’s sake to stake honor and blood even on evil and dangerous things”: so teaching itself, another people mastered itself, and thus mastering itself, became pregnant and heavy with great hopes.

618

Wahrlich, die Menschen gaben sich alles ihr Gutes und Böses. Wahrlich, sie nahmen es nicht, sie fanden es nicht, nicht fiel es ihnen als Stimme vom Himmel.

618

Truly, humanity gave itself all its Good and Evil. Truly, it did not take them, nor find them, nor did they fall as a voice from heaven.

619

Werte legte erst der Mensch in die Dinge, sich zu erhalten, – er schuf erst den Dingen Sinn, einen Menschen-Sinn! Darum nennt er sich »Mensch«, das ist: der Schätzende.

619

It was man who first implanted values into things to preserve himself – he first created meaning for things, a human meaning! Therefore he calls himself "human," that is: the valuing one.

620

Schätzen ist Schaffen: hört es, ihr Schaffenden! Schätzen selber ist aller geschätzten Dinge Schatz und Kleinod.

620

Valuing is creating: hear this, you creators! Valuing itself is the treasure and jewel of all valued things.

621

Durch das Schätzen erst gibt es Wert: und ohne das Schätzen wäre die Nuß des Daseins hohl. Hört es, ihr Schaffenden!

621

Only through valuing is there value: and without valuing, the nut of existence would be hollow. Hear this, you creators!

622

Wandel der Werte – das ist Wandel der Schaffenden. Immer vernichtet, wer ein Schöpfer sein muß.

622

A transformation of values – that is the transformation of creators. Whoever must be a creator always destroys.

623

Schaffende waren erst Völker, und spät erst Einzelne; wahrlich, der Einzelne selber ist noch die jüngste Schöpfung.

623

Creators were first peoples, and only later individuals; truly, the individual themselves is still the youngest creation.

624

Völker hängten sich einst eine Tafel des Guten über sich. Liebe, die herrschen will, und Liebe, die gehorchen will, erschufen sich zusammen solche Tafeln.

624

Peoples once hung a tablet of Good above themselves. Love that seeks to rule and love that seeks to obey created such tablets together.

625

Älter ist an der Herde die Lust, als die Lust am Ich: und so lange das gute Gewissen Herde heißt, sagt nur das schlechte Gewissen: Ich.

625

The herd’s delight is older than the delight in the I: and as long as the good conscience is called herd, only the bad conscience says: I.

626

Wahrlich, das schlaue Ich, das lieblose, das seinen Nutzen im Nutzen vieler will: das ist nicht der Herde Ursprung, sondern ihr Untergang.

626

Truly, the cunning I, the loveless one that seeks its advantage in the advantage of many: that is not the origin of the herd, but its downfall.

627

Liebende waren es stets und Schaffende, die schufen Gut und Böse. Feuer der Liebe glüht in aller Tugenden Namen und Feuer des Zorns.

627

It has always been lovers and creators who created Good and Evil. The fire of love glows in all virtue’s names, and the fire of wrath.

628

Viele Länder sah Zarathustra und viele Völker: keine größere Macht fand Zarathustra auf Erden, als die Werke der Liebenden: »gut« und »böse« ist ihr Name.

628

Zarathustra saw many lands and many peoples: no greater power did Zarathustra find on earth than the works of lovers: "good" and "evil" is their name.

629

Wahrlich, ein Ungetüm ist die Macht dieses Lobens und Tadelns. Sagt, wer bezwingt es mir, ihr Brüder? Sagt, wer wirft diesem Tier die Fessel über die tausend Nacken?

629

Truly, a monster is this power of praising and condemning. Tell me, who will subdue it for me, my brothers? Tell me, who will cast the shackle over the thousand necks of this beast?

630

Tausend Ziele gab es bisher, denn tausend Völker gab es. Nur die Fessel der tausend Nacken fehlt noch, es fehlt das eine Ziel. Noch hat die Menschheit kein Ziel.[323]

630

A thousand goals have there been till now, for a thousand peoples there have been. Only the shackle for the thousand necks is still lacking, the one goal is still lacking. Humanity still has no goal.

631

Aber sagt mir doch, meine Brüder: wenn der Menschheit das Ziel noch fehlt, fehlt da nicht auch – sie selber noch? –

631

But tell me, my brothers: if humanity still lacks a goal, does it not also lack – itself? –

632

Also sprach Zarathustra.[324]

632

Thus spoke Zarathustra.

633

Von der Nächstenliebe

633

On the Love of the Neighbor

634

Ihr drängt euch um den Nächsten und habt schöne Worte dafür. Aber ich sage euch: eure Nächstenliebe ist eure schlechte Liebe zu euch selber.

634

You crowd around your neighbor and have fine words for it. But I say to you: your neighbor-love is your bad love of yourselves.

635

Ihr flüchtet zum Nächsten vor euch selber und möchtet euch daraus eine Tugend machen: aber ich durchschaue euer »Selbstloses«.

635

You flee to your neighbor to escape yourselves and would make a virtue of it: but I see through your "selflessness."

636

Das Du ist älter als das Ich; das Du ist heilig gesprochen, aber noch nicht das Ich: so drängt sich der Mensch hin zum Nächsten.

636

The You is older than the I; the You is pronounced holy, but not yet the I: so man crowds toward the neighbor.

637

Rate ich euch zur Nächstenliebe? Lieber noch rate ich euch zur Nächsten-Flucht und zur Fernsten-Liebe!

637

Do I counsel you to neighbor-love? Rather I counsel you to flee from the neighbor and to love the farthest!

638

Höher als die Liebe zum Nächsten ist die Liebe zum Fernsten und Künftigen; höher noch als die Liebe zu Menschen ist die Liebe zu Sachen und Gespenstern.

638

Higher than love of the neighbor is love of the farthest and the future; higher still than love of humans is love of things and phantoms.

639

Dies Gespenst, das vor dir herläuft, mein Bruder, ist schöner als du; warum gibst du ihm nicht dein Fleisch und seine Knochen? Aber du fürchtest dich und läufst zu deinem Nächsten.

639

This phantom that runs before you, my brother, is more beautiful than you; why do you not give it your flesh and bones? But you are afraid and run to your neighbor.

640

Ihr haltet es mit euch selber nicht aus und liebt euch nicht genug: nun wollt ihr den Nächsten zur Liebe verführen und euch mit seinem Irrtum vergolden.

640

You cannot endure yourselves and do not love yourselves enough: now you want to seduce your neighbor into love and gild yourselves with his error.

641

Ich wollte, ihr hieltet es nicht aus mit allerlei Nächsten und deren Nachbarn; so müßtet ihr aus euch selber euren Freund und sein überwallendes Herz schaffen.

641

Would that you could not endure all sorts of neighbors and their neighbors; then you would have to create your friend and his overflowing heart out of yourselves.

642

Ihr ladet euch einen Zeugen ein, wenn ihr von euch gut reden wollt; und wenn ihr ihn verführt habt, gut von euch zu denken, denkt ihr selber gut von euch.

642

You invite a witness when you want to speak well of yourselves; and when you have seduced him to think well of you, you think well of yourselves.

643

Nicht nur der lügt, welcher wider sein Wissen redet, sondern erst recht der, welcher wider sein Nichtwissen redet. Und so redet ihr von euch im Verkehre und belügt mit euch den Nachbar.

643

Not only he lies who speaks against his knowledge, but even more he who speaks against his ignorance. Thus you speak of yourselves in company and deceive your neighbor with yourselves.

644

Also spricht der Narr: »Der Umgang mit Menschen verdirbt den Charakter, sonderlich wenn man keinen hat.«[324]

644

Thus speaks the fool: "Association with people spoils the character – especially when one has none."

645

Der eine geht zum Nächsten, weil er sich sucht, und der andre, weil er sich verlieren möchte. Eure schlechte Liebe zu euch selber macht euch aus der Einsamkeit ein Gefängnis.

645

One goes to the neighbor because he seeks himself, and another because he wants to lose himself. Your bad love of yourselves makes solitude a prison for you.

646

Die Ferneren sind es, welche eure Liebe zum Nächsten bezahlen; und schon wenn ihr zu fünfen miteinander seid, muß immer ein sechster sterben.

646

It is the more distant who pay for your love of the neighbor; and when there are five of you together, a sixth must always perish.

647

Ich liebe auch eure Feste nicht: zu viel Schauspieler fand ich dabei, und auch die Zuschauer gebärdeten sich oft gleich Schauspielern.

647

I do not love your festivals either: I found too many actors there, and even the spectators often behaved like actors.

648

Nicht den Nächsten lehre ich euch, sondern den Freund. Der Freund sei euch das Fest der Erde und ein Vorgefühl des Übermenschen.

648

I do not teach you the neighbor, but the friend. Let the friend be to you a festival of the earth and a foretaste of the Overman.

649

Ich lehre euch den Freund und sein übervolles Herz. Aber man muß verstehn, ein Schwamm zu sein, wenn man von übervollen Herzen geliebt sein will.

649

I teach you the friend and his overflowing heart. But one must know how to be a sponge if one would be loved by overflowing hearts.

650

Ich lehre euch den Freund, in dem die Welt fertig dasteht, eine Schale des Guten – den schaffenden Freund, der immer eine fertige Welt zu verschenken hat.

650

I teach you the friend in whom the world stands complete, a vessel of the good – the creating friend, who always has a finished world to bestow.

651

Und wie ihm die Welt auseinanderrollte, so rollt sie ihm wieder in Ringen zusammen, als das Werden des Guten durch das Böse, als das Werden der Zwecke aus dem Zufalle.

651

And as the world unraveled for him, so it rolls back together in rings for him – as the becoming of good through evil, as the becoming of purpose from chance.

652

Die Zukunft und das Fernste sei dir die Ursache deines Heute: in deinem Freunde sollst du den Übermenschen als deine Ursache lieben.

652

Let the future and the farthest be the cause of your today: in your friend you shall love the Overman as your own cause.

653

Meine Brüder, zur Nächstenliebe rate ich euch nicht: ich rate euch zur Fernsten-Liebe.

653

My brothers, I do not counsel you to love your neighbor – I counsel you to love the farthest.

654

Also sprach Zarathustra.[325]

654

Thus spoke Zarathustra.

655

Vom Wege des Schaffenden

655

From the Way of the Creator

656

Willst du, mein Bruder, in die Vereinsamung gehen? Willst du den Weg zu dir selber suchen? Zaudere noch ein wenig und höre mich.

656

Do you wish, my brother, to go into solitude? Do you seek the way to yourself? Tarry a little and hear me.

657

»Wer sucht, der geht leicht selber verloren. Alle Vereinsamung ist Schuld«: also spricht die Herde. Und du gehörtest lange zur Herde.

657

"He who seeks may easily lose himself. All solitude is guilt" – thus speaks the herd. And you long belonged to the herd.

658

Die Stimme der Herde wird auch in dir noch tönen. Und wenn du sagen wirst: »ich habe nicht mehr ein Gewissen mit euch«, so wird es eine Klage und ein Schmerz sein.[325]

658

The voice of the herd will still echo within you. And when you say, "I no longer share one conscience with you," it will be a lament and a pain.

659

Siehe, diesen Schmerz selber gebar noch das eine Gewissen: und dieses Gewissens letzter Schimmer glüht noch auf deiner Trübsal.

659

Behold, this very pain was born of the one conscience: and the last glimmer of this conscience still smolders in your affliction.

660

Aber du willst den Weg deiner Trübsal gehen, welches ist der Weg zu dir selber? So zeige mir dein Recht und deine Kraft dazu!

660

But do you want to tread the path of your affliction, which is the way to yourself? Then show me your right and strength to do so!

661

Bist du eine neue Kraft und ein neues Recht? Eine erste Bewegung? Ein aus sich rollendes Rad? Kannst du auch Sterne zwingen, daß sie um dich sich drehen?

661

Are you a new strength and a new right? A primal movement? A wheel rolling from itself? Can you compel stars to revolve around you?

662

Ach, es gibt so viel Lüsternheit nach Höhe! Es gibt so viel Krämpfe der Ehrgeizigen! Zeige mir, daß du keiner der Lüsternen und Ehrgeizigen bist!

662

Alas, there is so much lusting for heights! There are so many convulsions of ambition! Show me that you are not one of the lustful or ambitious!

663

Ach, es gibt so viel große Gedanken, die tun nicht mehr als ein Blasebalg: sie blasen auf und machen leerer.

663

Alas, there are so many great thoughts that do no more than a bellows: they inflate and make emptier.

664

Frei nennst du dich? Deinen herrschenden Gedanken will ich hören und nicht, daß du einem Joche entronnen bist.

664

You call yourself free? Let me hear your ruling thought, not that you have escaped a yoke.

665

Bist du ein solcher, der einem Joche entrinnen durfte? Es gibt manchen, der seinen letzten Wert wegwarf, als er seine Dienstbarkeit wegwarf.

665

Are you such a one who had the right to escape a yoke? There are many who threw away their last value when they threw away their servitude.

666

Frei wovon? Was schiert das Zarathustra? Hell aber soll mir dein Auge künden: frei wozu?

666

Free from what? What does Zarathustra care? But your eye should clearly proclaim to me: free for what?

667

Kannst du dir selber dein Böses und dein Gutes geben und deinen Willen über dich aufhängen wie ein Gesetz? Kannst du dir selber Richter sein und Rächer deines Gesetzes?

667

Can you decree your own good and evil and hang your will over yourself as a law? Can you be your own judge and avenger of your law?

668

Furchtbar ist das Alleinsein mit dem Richter und Rächer des eignen Gesetzes. Also wird ein Stern hinausgeworfen in den öden Raum und in den eisigen Atem des Alleinseins.

668

Terrible it is to be alone with the judge and avenger of one’s own law. Thus is a star hurled into desolate space and the icy breath of solitude.

669

Heute noch leidest du an den Vielen, du Einer: heute noch hast du deinen Mut ganz und deine Hoffnungen.

669

Even now you suffer from the multitude, you solitary one: even now your courage remains whole and your hopes.

670

Aber einst wird dich die Einsamkeit müde machen, einst wird dein Stolz sich krümmen und dein Mut knirschen. Schreien wirst du einst »ich bin allein!«

670

But one day solitude will weary you, one day your pride shall bend and your valor gnash its teeth. You will cry out: “I am alone!”

671

Einst wirst du dein Hohes nicht mehr sehn und dein Niedriges allzunahe; dein Erhabnes selbst wird dich fürchten machen wie ein Gespenst. Schreien wirst du einst: »Alles ist falsch!«

671

One day you shall no longer see what towers above you and gaze too closely on what lies beneath; your own sublimity will frighten you like a specter. You will cry: “All is false!”

672

Es gibt Gefühle, die den Einsamen töten wollen; gelingt es ihnen nicht, nun, so müssen sie selber sterben! Aber vermagst du das, Mörder zu sein?[326]

672

There are feelings that seek to slay the solitary one; if they do not succeed, then they must die themselves! But are you capable of this—being a murderer?

673

Kennst du, mein Bruder, schon das Wort »Verachtung«? Und die Qual deiner Gerechtigkeit, solchen gerecht zu sein, die dich verachten?

673

Have you come to know, my brother, the word “contempt”? And the torment of your justice, to be just to those who hold you in contempt?

674

Du zwingst viele, über dich umzulernen; das rechnen sie dir hart an. Du kamst ihnen nahe und gingst doch vorüber: das verzeihen sie dir niemals.

674

You compel many to rethink their judgment of you; this they bitterly resent. You drew near to them yet passed by; this they never forgive.

675

Du gehst über sie hinaus: aber je höher du steigst, um so kleiner sieht dich das Auge des Neides. Am meisten aber wird der Fliegende gehaßt.

675

You rise above them: but the higher you ascend, the smaller you appear to envy’s eye. But the one who soars is hated most of all.

676

»Wie wolltet ihr gegen mich gerecht sein!« – mußt du sprechen – »ich erwähle mir eure Ungerechtigkeit als den mir zugemessnen Teil.«

676

“How dare you judge me justly!”—you must declare—“I choose your injustice as my allotted portion.”

677

Ungerechtigkeit und Schmutz werfen sie nach dem Einsamen: aber mein Bruder, wenn du ein Stern sein willst, so mußt du ihnen deshalb nicht weniger leuchten!

677

Injustice and filth they hurl at the solitary one: but my brother, if you would be a star, you must shine no less brightly for it!

678

Und hüte dich vor den Guten und Gerechten! Sie kreuzigen gerne die, welche sich ihre eigne Tugend erfinden – sie hassen den Einsamen.

678

Beware the Good and the Just! They love to crucify those who devise their own virtue—they hate the solitary one.

679

Hüte dich auch vor der heiligen Einfalt! Alles ist ihr unheilig, was nicht einfältig ist; sie spielt auch gerne mit dem Feuer – der Scheiterhaufen.

679

Beware too of holy simplicity! To it, all that is not simple is unholy; it also loves to play with fire—the pyre.

680

Und hüte dich auch vor den Anfällen deiner Liebe! Zu schnell streckt der Einsame dem die Hand entgegen, der ihm begegnet.

680

Beware the onslaughts of your love! All too swiftly does the solitary one extend a hand to any who encounter him.

681

Manchem Menschen darfst du nicht die Hand geben, sondern nur die Tatze: und ich will, daß deine Tatze auch Krallen habe.

681

To some you ought not to give your hand, but only your paw: and I desire that your paw bear claws.

682

Aber der schlimmste Feind, dem du begegnen kannst, wirst du immer dir selber sein; du selber lauerst dir auf in Höhlen und Wäldern.

682

Yet the fiercest enemy you will ever face is yourself; you lie in ambush for yourself in caves and woods.

683

Einsamer, du gehst den Weg zu dir selber! Und an dir selber führt dein Weg vorbei, und an deinen sieben Teufeln!

683

Solitary one, you walk the path to yourself! Your way leads past yourself—and past your seven devils!

684

Ketzer wirst du dir selber sein und Hexe und Wahrsager und Narr und Zweifler und Unheiliger und Bösewicht.

684

A heretic to yourself, a witch, a soothsayer, a fool, a doubter, a blasphemer, a villain.

685

Verbrennen mußt du dich wollen in deiner eignen Flamme: wie wolltest du neu werden, wenn du nicht erst Asche geworden bist!

685

You must be willing to consume yourself in your own flame: how could you become new unless you first turn to ashes!

686

Einsamer, du gehst den Weg des Schaffenden: einen Gott willst du dir schaffen aus deinen sieben Teufeln!

686

Solitary one, you walk the creator’s path: you would fashion a God from your seven devils!

687

Einsamer, du gehst den Weg des Liebenden: dich selber liebst du und deshalb verachtest du dich, wie nur Liebende verachten.

687

Solitary one, you walk the lover’s path: you love yourself, and therefore you hold yourself in contempt, as only lovers do.

688

Schaffen will der Liebende, weil er verachtet! Was weiß der von Liebe, der nicht gerade verachten mußte, was er liebte![327]

688

The lover seeks to create because he despises! What does one know of love who has not had to despise precisely what they loved!

689

Mit deiner Liebe gehe in deine Vereinsamung und mit deinem Schaffen, mein Bruder; und spät erst wird die Gerechtigkeit dir nachhinken.

689

Go into your solitude with your love and your creating, my brother; only later shall justice limp after you.

690

Mit meinen Tränen gehe in deine Vereinsamung, mein Bruder. Ich liebe den, der über sich selber hinaus schaffen will und so zugrunde geht. –

690

With my tears go into your solitude, my brother. I love him who seeks to create beyond himself and thus perishes.—

691

Also sprach Zarathustra.[328]

691

Thus spoke Zarathustra.

692

Von alten und jungen Weiblein

692

Of Old and Young Women

693

»Was schleichst du so scheu durch die Dämmerung, Zarathustra? Und was birgst du behutsam unter deinem Mantel?

693

“Why do you steal so timidly through the twilight, Zarathustra? And what do you guard so warily beneath your cloak?

694

Ist es ein Schatz, der dir geschenkt? Oder ein Kind, das dir geboren wurde? Oder gehst du jetzt selber auf den Wegen der Diebe, du Freund der Bösen?« –

694

Is it a treasure bestowed upon you? Or a child born to you? Or do you now tread the thieves’ path yourself, friend of the wicked?”—

695

Wahrlich, mein Bruder! sprach Zarathustra, es ist ein Schatz, der mir geschenkt wurde: eine kleine Wahrheit ist's, die ich trage.

695

Verily, my brother! spoke Zarathustra, it is a treasure given unto me: a small truth I bear.

696

Aber sie ist ungebärdig wie ein junges Kind; und wenn ich ihr nicht den Mund halte, so schreit sie überlaut.

696

Yet it is unruly as a young child; should I not cover its mouth, it would scream too loudly.

697

Als ich heute allein meines Weges ging, zur Stunde, wo die Sonne sinkt, begegnete mir ein altes Weiblein und redete also zu meiner Seele:

697

As I walked alone at sunset today, an aged woman crossed my path and spoke thus to my soul:

698

»Vieles sprach Zarathustra auch zu uns Weibern, doch nie sprach er uns über das Weib.«

698

"Much has Zarathustra said to us women, yet never has he spoken to us concerning Woman."

699

Und ich entgegnete ihr: »über das Weib soll man nur zu Männern reden.«

699

And I answered her: "One should speak of Woman only to men."

700

»Rede auch zu mir vom Weibe«, sprach sie; »ich bin alt genug, um es gleich wieder zu vergessen.«

700

"Speak to me too of Woman," she said; "I am old enough to forget it at once."

701

Und ich willfahrte dem alten Weiblein und sprach also zu ihm:

701

And I obliged the aged woman, speaking thus:

702

Alles am Weibe ist ein Rätsel, und alles am Weibe hat eine Lösung: sie heißt Schwangerschaft.

702

Everything about woman is a riddle, and everything about woman has one solution: it is called pregnancy.

703

Der Mann ist für das Weib ein Mittel: der Zweck ist immer das Kind. Aber was ist das Weib für den Mann?

703

Man is for woman a means: the end is always the child. But what is woman for man?

704

Zweierlei will der echte Mann: Gefahr und Spiel. Deshalb will er das Weib, als das gefährlichste Spielzeug.

704

Two things the authentic man desires: danger and play. Therefore he desires woman as the most perilous plaything.

705

Der Mann soll zum Kriege erzogen werden und das Weib zur Erholung des Kriegers: alles andre ist Torheit.[328]

705

Man shall be educated for war and woman for the warrior’s recreation: all else is folly.[328]

706

Allzusüße Früchte – die mag der Krieger nicht. Darum mag er das Weib; bitter ist auch noch das süßeste Weib.

706

Over-sweet fruits—these the warrior does not desire. Therefore he desires woman; bitter is even the sweetest woman.

707

Besser als ein Mann versteht das Weib die Kinder, aber der Mann ist kindlicher als das Weib.

707

Woman understands children better than man, but man is more childlike than woman.

708

Im echten Manne ist ein Kind versteckt: das will spielen. Auf, ihr Frauen, so entdeckt mir doch das Kind im Manne!

708

In the authentic man a child is concealed: it wants to play. Rise, women, and discover the child in man!

709

Ein Spielzeug sei das Weib, rein und fein, dem Edelsteine gleich, bestrahlt von den Tugenden einer Welt, welche noch nicht da ist.

709

Let woman be a plaything, pure and delicate, like a jewel irradiated by the virtues of a world yet unborn.

710

Der Strahl eines Sternes glänze in eurer Liebe! Eure Hoffnung heiße: »Möge ich den Übermenschen gebären!«

710

May a star’s gleam shine through your love! Let your hope be: "May I bear the Overman!"

711

In eurer Liebe sei Tapferkeit! Mit eurer Liebe sollt ihr auf den losgehn, der euch Furcht einflößt.

711

Let there be bravery in your love! With your love you shall assail whoever inspires your fear.

712

In eurer Liebe sei eure Ehre! Wenig versteht sich sonst das Weib auf Ehre. Aber dies sei eure Ehre, immer mehr zu lieben, als ihr geliebt werdet, und nie die zweiten zu sein.

712

Let honor dwell in your love! Woman understands little of honor otherwise. But let this be your honor: to love ever more than you are loved, and never be second.

713

Der Mann fürchte sich vor dem Weibe, wenn es liebt: da bringt es jedes Opfer, und jedes andre Ding gilt ihm ohne Wert.

713

Let man fear woman when she loves: for she sacrifices all, and all else becomes worthless to her.

714

Der Mann fürchte sich vor dem Weibe, wenn es haßt: denn der Mann ist im Grunde der Seele nur böse, das Weib aber ist dort schlecht.

714

Let man fear woman when she hates: for man is at bottom of soul merely wicked, but woman is base there.

715

Wen haßt das Weib am meisten? – Also sprach das Eisen zum Magneten: »Ich hasse dich am meisten, weil du anziehst, aber nicht stark genug bist, an dich zu ziehen.«


Das Glück des Mannes heißt: ich will. Das Glück des Weibes heißt: er will.

715

Man’s happiness is: I will. Woman’s happiness is: He wills.

716

»Siehe, jetzt eben ward die Welt vollkommen!« – also denkt ein jedes Weib, wenn es aus ganzer Liebe gehorcht.

716

"Behold, now the world has become perfect!"—thus thinks every woman when she obeys out of whole love.

717

Und gehorchen muß das Weib und eine Tiefe finden zu seiner Oberfläche. Oberfläche ist des Weibes Gemüt, eine bewegliche stürmische Haut auf einem seichten Gewässer.

717

And woman must obey and find depth for her surface. Surface is woman’s spirit—a mobile, stormy film over shallow waters.

718

Des Mannes Gemüt aber ist tief, sein Strom rauscht in unterirdischen Höhlen: das Weib ahnt seine Kraft, aber begreift sie nicht. –

718

Man’s spirit is deep; its torrent roars in subterranean caves: woman intuits its power but comprehends it not.—

719

Da entgegnete mir das alte Weiblein: »Vieles Artige sagte Zarathustra und sonderlich für die, welche jung genug dazu sind.

719

Then the aged woman answered me: "Zarathustra has spoken many charming things, particularly for those young enough to hear them.

720

Seltsam ist's, Zarathustra kennt wenig die Weiber, und doch hat er über sie recht! Geschieht dies deshalb, weil beim Weibe kein Ding unmöglich ist?[329]

720

Strange—Zarathustra knows women little, yet speaks rightly of them! Does this happen because with woman nothing is impossible?[329]

721

Und nun nimm zum Danke eine kleine Wahrheit! Bin ich doch alt genug für sie!

721

Now take in thanks a small truth! Am I not old enough for it?

722

Wickle sie ein und halte ihr den Mund: sonst schreit sie überlaut, diese kleine Wahrheit.«

722

Wrap it well and hold its mouth: else this small truth will scream too loudly."

723

»Gib mir, Weib, deine kleine Wahrheit!« sagte ich. Und also sprach das alte Weiblein:

723

“Give me, woman, your little truth!” I said. And thus spoke the little old woman:

724

»Du gehst zu Frauen? Vergiß die Peitsche nicht!« –

724

“You go to women? Do not forget the whip!” –

725

Also sprach Zarathustra.[330]

725

Thus spoke Zarathustra.[330]

726

Vom Biß der Natter

726

On the Adder’s Bite

727

Eines Tages war Zarathustra unter einem Feigenbaume eingeschlafen, da es heiß war, und hatte seine Arme über das Gesicht gelegt. Da kam eine Natter und biß ihn in den Hals, so daß Zarathustra vor Schmerz aufschrie. Als er den Arm vom Gesicht genommen hatte, sah er die Schlange an: da erkannte sie die Augen Zarathustras, wand sich ungeschickt und wollte davon. »Nicht doch«, sprach Zarathustra; »noch nahmst du meinen Dank nicht an! Du wecktest mich zur Zeit, mein Weg ist noch lang.« »Dein Weg ist noch kurz«, sagte die Natter traurig; »mein Gift tötet.« Zarathustra lächelte. »Wann starb wohl je ein Drache am Gift einer Schlange?« – sagte er. »Aber nimm dein Gift zurück! Du bist nicht reich genug, es mir zu schenken.« Da fiel ihm die Natter von neuem um den Hals und leckte ihm seine Wunde.

727

One day Zarathustra had fallen asleep under a fig tree, for the heat was great, with his arms covering his face. Then came an adder and bit him in the neck, so that Zarathustra cried out in pain. When he removed his arm from his face, he looked at the serpent: it recognized Zarathustra’s eyes, writhed awkwardly, and tried to slither away. “Do not depart,” spoke Zarathustra; “you have not yet received my thanks! You awakened me in due time; my path is still long.” “Your path is short,” said the adder mournfully; “my venom kills.” Zarathustra smiled. “When did a dragon ever die from a serpent’s venom?” – he said. “But take back your venom! You are not rich enough to bestow it upon me.” Then the adder coiled around his neck anew and licked his wound.

728

Als Zarathustra dies einmal seinen Jüngern erzählte, fragten sie: »Und was, o Zarathustra, ist die Moral deiner Geschichte?« Zarathustra antwortete darauf also:

728

When Zarathustra once recounted this to his disciples, they asked: “And what, O Zarathustra, is the moral of your tale?” To this Zarathustra answered thus:

729

Den Vernichter der Moral heißen mich die Guten und Gerechten: meine Geschichte ist unmoralisch.

729

The Good and the Just call me the destroyer of morality: my tale is immoral.

730

So ihr aber einen Feind habt, so vergeltet ihm nicht Böses mit Gutem: denn das würde beschämen. Sondern beweist, daß er euch etwas Gutes angetan hat.

730

If you have an enemy, do not requite his evil with good: for that would shame him. Rather prove that he has done you some good.

731

Und lieber zürnt noch, als daß ihr beschämt! Und wenn euch geflucht wird, so gefällt es mir nicht, daß ihr dann segnen wollt. Lieber ein wenig mitfluchen![330]

731

And better still to show anger than to feel shame! And if you are cursed, it does not please me that you then wish to bless. Better to curse a little in return![330]

732

Und geschah euch ein großes Unrecht, so tut mir geschwind fünf kleine dazu! Gräßlich ist der anzusehn, den allein das Unrecht drückt.

732

And if a great wrong is done to you, quickly commit five small wrongs in addition! Hideous is the sight of one oppressed by wrongs alone.

733

Wußtet ihr dies schon? Geteiltes Unrecht ist halbes Recht. Und der soll das Unrecht auf sich nehmen, der es tragen kann!

733

Did you know this already? A wrong shared is half a right. And let him bear the wrong who can endure it!

734

Eine kleine Rache ist menschlicher als gar keine Rache. Und wenn die Strafe nicht auch ein Recht und eine Ehre ist für den Übertretenden, so mag ich auch euer Strafen nicht.

734

A small revenge is more human than no revenge at all. And if punishment is not also a right and an honor for the transgressor, then I do not care for your punishments either.

735

Vornehmer ist's, sich unrecht zu geben als recht zu behalten, sonderlich, wenn man recht hat. Nur muß man reich genug dazu sein.

735

It is nobler to admit wrongdoing than to insist on being right, especially when one is right. But one must be rich enough for this.

736

Ich mag eure kalte Gerechtigkeit nicht; und aus dem Auge eurer Richter blickt mir immer der Henker und sein kaltes Eisen.

736

I do not care for your cold justice; from the eyes of your judges, I always see the executioner and his cold steel.

737

Sagt, wo findet sich die Gerechtigkeit, welche Liebe mit sehenden Augen ist?

737

Tell me, where is the justice that is love with seeing eyes?

738

so erfindet mir doch die Liebe, welche nicht nur alle Strafe, sondern auch alle schuld trägt!

738

Then invent for me the love that bears not only all punishment but all guilt!

739

So erfindet mir doch die Gerechtigkeit, die jeden freispricht, ausgenommen den Richtenden!

739

Invent for me the justice that acquits everyone except the judge!

740

Wollt ihr auch dies noch hören? An dem, der von Grund ausgerecht sein will, wird auch noch die Lüge zur Menschen-Freundlichkeit.

740

Would you hear this too? To him who would be thoroughly just, even the lie becomes human kindness.

741

Aber wie wollte ich gerecht sein von Grund aus! Wie kann ich jedem das Seine geben! Dies sei mir genug: ich gebe jedem das Meine.

741

But how could I be thoroughly just! How could I give each his due! Let this suffice me: I give each my own.

742

Endlich, meine Brüder, hütet euch, Unrecht zu tun allen Einsiedlern! Wie könnte ein Einsiedler vergessen! Wie könnte er vergelten!

742

Finally, my brothers, beware of wronging all hermits! How could a hermit forget! How could he requite!

743

Wie ein tiefer Brunnen ist ein Einsiedler. Leicht ist es, einen Stein hineinzuwerfen; sank er aber bis zum Grunde, sagt, wer will ihn wieder herausbringen?

743

A hermit is like a deep well. It is easy to throw a stone into it; but if it sinks to the bottom, tell me, who will retrieve it?

744

Hütet euch, den Einsiedler zu beleidigen! Tatet ihr's aber, nun, so tötet ihn auch noch!

744

Beware of offending the hermit! But if you do so – well, then kill him outright!

745

Also sprach Zarathustra.[331]

745

Thus spoke Zarathustra.[331]

746

Von Kind und Ehe

746

On Child and Marriage

747

Ich habe eine Frage für dich allein, mein Bruder: wie ein Senkblei werfe ich diese Frage in deine Seele, daß ich wisse, wie tief sie sei.[331]

747

I have a question for you alone, my brother: like a plumb line, I cast this question into your soul to gauge its depth.[331]

748

Du bist jung und wünschest dir Kind und Ehe. Aber ich frage dich: bist du ein Mensch, der ein Kind sich wünschen darf?

748

You are young and desire child and marriage. But I ask you: are you a man who dare wish for a child?

749

Bist du der Siegreiche, der Selbstbezwinger, der Gebieter der Sinne, der Herr deiner Tugenden? Also frage ich dich.

749

Are you the victorious one, the self-conqueror, the commander of your senses, the master of your virtues? Thus I ask you.

750

Oder redet aus deinem Wunsche das Tier und die Notdurft? Oder Vereinsamung? Oder Unfriede mit dir?

750

Or does the beast and necessity speak through your desire? Or solitude? Or discord within yourself?

751

Ich will, daß dein Sieg und deine Freiheit sich nach einem Kinde sehne. Lebendige Denkmale sollst du bauen deinem Siege und deiner Befreiung.

751

I will that your victory and freedom should yearn for a child. Living monuments shall you build to your victory and liberation.

752

Über dich sollst du hinausbauen. Aber erst mußt du mir selber gebaut sein, rechtwinklig an Leib und Seele.

752

Beyond yourself shall you build. But first you must be built squarely in body and soul.

753

Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf! Dazu helfe dir der Garten der Ehe!

753

Not merely onward shall you propagate, but upward! For this, may the garden of marriage aid you!

754

Einen höheren Leib sollst du schaffen, eine erste Bewegung, ein aus sich rollendes Rad – einen Schaffenden sollst du schaffen.

754

A higher body shall you create, a primal movement, a wheel rolling from itself – a creator shall you create.

755

Ehe: so heiße ich den Willen zu zweien, das Eine zu schaffen, das mehr ist, als die es schufen. Ehrfurcht voreinander nenne ich Ehe als vor den Wollenden eines solchen Willens.

755

Marriage: thus I name the will of two to become one, to create that which is greater than its creators. Reverence for this will I call marriage.

756

Dies sei der Sinn und die Wahrheit deiner Ehe. Aber das, was die Viel-zu-Vielen Ehe nennen, diese Überflüssigen – ach, wie nenne ich das?

756

Let this be the meaning and truth of your marriage. But what the all-too-many call marriage – these superfluous ones – ah, what shall I name it?

757

Ach, diese Armut der Seele zu zweien! Ach, dieser Schmutz der Seele zu zweien! Ach, dies erbärmliche Behagen zu zweien!

757

Ah, this poverty of soul in two! Ah, this filth of soul in two! Ah, this wretched complacency in two!

758

Ehe nennen sie dies alles; und sie sagen, ihre Ehen seien im Himmel geschlossen.

758

Marriage they call this; and they claim their unions are forged in heaven.

759

Nun, ich mag ihn nicht, diesen Himmel der Überflüssigen! Nein, ich mag sie nicht, diese im himmlischen Netz verschlungenen Tiere!

759

Well, I want no part of this heaven of Superfluous Ones! No, I want no part of these beasts entangled in celestial nets!

760

Ferne bleibe mir auch der Gott, der heranhinkt, zu segnen, was er nicht zusammenfügte!

760

Let stay far from me too the god who limps forth to bless what he never joined!

761

Lacht mir nicht über solche Ehen! Welches Kind hätte nicht Grund, über seine Eltern zu weinen?


Würdig schien mir dieser Mann und reif für den Sinn der Erde: aber als ich sein Weib sah, schien mir die Erde ein Haus für Unsinnige.

761

This man seemed worthy to me, ripe for earth’s meaning: but when I saw his wife, the earth appeared a house for the Senseless.

762

Ja, ich wollte, daß die Erde in Krämpfen bebte, wenn sich ein Heiliger und eine Gans miteinander paaren.

762

Yea, I would have the earth convulse when a saint mates with a goose.

763

Dieser ging wie ein Held auf Wahrheiten aus, und endlich erbeutete er sich eine kleine geputzte Lüge. Seine Ehe nennt er's.[332]

763

One went hunting truths like a hero, yet finally captured a gilded lie. His marriage he calls it.[332]

764

Jener war spröde im Verkehre und wählte wählerisch. Aber mit einem Male verdarb er für alle Male seine Gesellschaft: seine Ehe nennt er's.

764

Another stood aloof in company, choosing fastidiously. Then he spoiled his selection forever – his marriage he calls it.

765

Jener suchte eine Magd mit den Tugenden eines Engels. Aber mit einem Male wurde er die Magd eines Weibes, und nun täte es not, daß er darüber noch zum Engel werde.

765

Another sought a maid with an angel’s virtues. But suddenly he became a maid’s maid, and now needs must turn angel himself.

766

Sorgsam fand ich jetzt alle Käufer, und alle haben listige Augen. Aber seine Frau kauft auch der Listigste noch im Sack.

766

Meticulous I find all buyers now, with cunning eyes. Yet the shrewdest still purchases his wife sight unseen.

767

Viele kurze Torheiten – das heißt bei euch Liebe. Und eure Ehe macht vielen kurzen Torheiten ein Ende, als eine lange Dummheit.

767

Many brief follies – this you call love. Your marriage makes an end to many brief follies with one long stupidity.

768

Eure Liebe zum Weibe und des Weibes Liebe zum Manne: ach, möchte sie doch Mitleiden sein mit leidenden und verhüllten Göttern! Aber zumeist erraten zwei Tiere einander.

768

Your love for woman and woman’s love for man – ah, would it were compassion for suffering veiled gods! But mostly two beasts scent each other.

769

Aber auch noch eure beste Liebe ist nur ein verzücktes Gleichnis und eine schmerzhafte Glut. Eine Fackel ist sie, die euch zu höheren Wegen leuchten soll.

769

Yet even your finest love remains but an ecstatic parable, a painful ember. A torch to light your path to higher ways.

770

Über euch hinaus sollt ihr einst lieben! So lernt erst lieben! Und darum mußtet ihr den bittern Kelch eurer Liebe trinken.

770

Beyond yourselves shall you one day love! Therefore learn to love first! Thus must you drink love’s bitter draught.

771

Bitternis ist im Kelch auch der besten Liebe: so macht sie Sehnsucht zum Übermenschen, so macht sie Durst dir, dem Schaffenden!

771

Bitterness lies in the cup of the purest love: thus it breeds longing for the Overman, thus it stirs thirst in you, the creator!

772

Durst dem Schaffenden, Pfeil und Sehnsucht dem Übermenschen: sprich, mein Bruder, ist dies dein Wille zur Ehe?

772

Thirst in the creator, arrow and longing for the Overman: speak, my brother, is this your will to marriage?

773

Heilig heißt mir solch ein Wille und solche Ehe. –

773

Sacred I name such will and such marriage. –

774

Also sprach Zarathustra.[333]

774

Thus spoke Zarathustra.[333]

775

Vom freien Tode

775

On Free Death

776

Viele sterben zu spät, und einige sterben zu früh. Noch klingt fremd die Lehre: »stirb zur rechten Zeit!«

776

Many die too late, and some die too early. Still strange sounds the doctrine: "Die at the right time!"

777

Stirb zur rechten Zeit; also lehrt es Zarathustra.

777

Die at the right time; thus teaches Zarathustra.

778

Freilich, wer nie zur rechten Zeit lebt, wie sollte der je zur rechten Zeit sterben? Möchte er doch nie geboren sein! – Also rate ich den Überflüssigen.

778

Truly, he who never lives at the right time—how could he ever die at the right time? Would that he had never been born! Thus do I counsel the superfluous ones.

779

Aber auch die Überflüssigen tun noch wichtig mit ihrem Sterben, und auch die hohlste Nuß will noch geknackt sein.[333]

779

Yet even the superfluous make solemn fuss over their dying; even the hollowest nut still demands to be cracked.[333]

780

Wichtignehmen alle das Sterben: aber noch ist der Tod kein Fest. Noch erlernten die Menschen nicht, wie man die schönsten Feste weiht.

780

All take dying seriously: but death is not yet a festival. Men have not yet learned to consecrate the fairest festivals.

781

Den vollbringenden Tod zeige ich euch, der den Lebenden ein Stachel und ein Gelöbnis wird.

781

I show you the consummating death that becomes a spur and a vow to the living.

782

Seinen Tod stirbt der Vollbringende, siegreich, umringt von Hoffenden und Gelobenden.

782

The consummating one dies his death victoriously, surrounded by those who hope and make vows.

783

Also sollte man sterben lernen; und es sollte kein Fest geben, wo ein solcher Sterbender nicht der Lebenden Schwüre weihte!

783

Thus should one learn to die; and there should be no festival where such a dying man does not consecrate the oaths of the living!

784

Also zu sterben ist das Beste; das zweite aber ist: im Kampfe zu sterben und eine große Seele zu verschwenden.

784

To die thus is best; the next best is to die in battle and lavish a great soul.

785

Aber dem Kämpfenden gleich verhaßt wie dem Sieger ist euer grinsender Tod, der heranschleicht wie ein Dieb – und doch als Herr kommt.

785

But equally hateful to the fighter as to the victor is your grinning death that creeps up like a thief—yet comes as master.

786

Meinen Tod lobe ich euch, den freien Tod, der mir kommt, weil ich will.

786

My death I praise unto you, the free death that comes to me because I will it.

787

Und wann werde ich wollen? – Wer ein Ziel hat und einen Erben, der will den Tod zur rechten Zeit für Ziel und Erben.

787

And when shall I will it? He who has a goal and an heir will want death at the right time for his goal and heir.

788

Und aus Ehrfurcht vor Ziel und Erben wird er keine dürren Kränze mehr im Heiligtum des Lebens aufhängen.

788

And out of reverence for his goal and heir he will hang no more withered wreaths in the sanctuary of life.

789

Wahrlich, nicht will ich den Seildrehern gleichen: sie ziehen ihren Faden in die Länge und gehen dabei selber immer rückwärts.

789

Truly, I desire not to resemble the rope-makers: they lengthen their cords while walking backwards themselves.

790

Mancher wird auch für seine Wahrheiten und Siege zu alt; ein zahnloser Mund hat nicht mehr das Recht zu jeder Wahrheit.

790

Many grow too old for their truths and victories; a toothless mouth has no right to every truth.

791

Und jeder, der Ruhm haben will, muß sich beizeiten von der Ehre verabschieden und die schwere Kunst üben, zur rechten Zeit zu – gehn.

791

And whoever seeks fame must take leave of honor betimes and practice the difficult art of departing at the right time.

792

Man muß aufhören, sich essen zu lassen, wenn man am besten schmeckt: das wissen die, welche lange geliebt werden wollen.

792

One must cease letting oneself be eaten when one tastes best: this is known to those who wish to be long loved.

793

Saure Äpfel gibt es freilich, deren Los will, daß sie bis auf den letzten Tag des Herbstes warten: und zugleich werden sie reif, gelb und runzelig.

793

To be sure, there are sour apples whose fate requires them to wait until the last day of autumn: becoming ripe, yellow, and shriveled all at once.

794

Andern altert das Herz zuerst und andern der Geist. Und einige sind greis in der Jugend: aber spät jung erhält lang jung.

794

In some the heart grows old first; in others the spirit. And some are hoary in youth: but late youth preserves long youth.

795

Manchem mißrät das Leben: ein Giftwurm frißt sich ihm ans Herz. So möge er zusehn, daß ihm das Sterben um so mehr gerate.

795

For many, life fails: a poison-worm gnaws at their heart. Let them see to it that their death succeeds all the better.

796

Mancher wird nie süß, er fault im Sommer schon. Feigheit ist es, die ihn an seinem Aste festhält.[334]

796

Some never become sweet—they rot already in summer. Cowardice binds them to their branch.[334]

797

Viel zu viele leben und viel zu lange hängen sie an ihren Ästen. Möchte ein Sturm kommen, der all dies Faule und Wurmfressne vom Baume schüttelt!

797

All too many live, all too long they cling to their branches. Would that a storm came to shake all this rottenness and worm-eaten fruit from the tree!

798

Möchten Prediger kommen des schnellen Todes! Das wären mir die rechten Stürme und Schüttler an Lebensbäumen! Aber ich höre nur den langsamen Tod predigen und Geduld mit allem »Irdischen«.

798

Would that preachers came of the swift death! They would be the fitting storm and shakers of life's trees! But I hear only the slow death preached, and patience with all that is "earthly."

799

Ach, ihr predigt Geduld mit dem Irdischen? Dieses Irdische ist es, das zu viel Geduld mit euch hat, ihr Lästermäuler!

799

Ah, you preach patience with the earthly? It is the earthly that has too much patience with you, blasphemers!

800

Wahrlich, zu früh starb jener Hebräer, den die Prediger des langsamen Todes ehren: und vielen ward es seitdem zum Verhängnis, daß er zu früh starb.

800

Truly, that Hebrew died too young, he whom the preachers of slow death revere: and to many it has proved fatal that he died too young.

801

Noch kannte er nur Tränen und die Schwermut des Hebräers, samt dem Hasse der Guten und Gerechten – der Hebräer Jesus: da überfiel ihn die Sehnsucht zum Tode.

801

He knew only tears and the melancholy of the Hebrew, along with hatred for the good and just—that Hebrew Jesus: then seized him the longing for death.

802

Wäre er doch in der Wüste geblieben und ferne von den Guten und Gerechten! Vielleicht hätte er leben gelernt und die Erde lieben gelernt – und das Lachen dazu!

802

Would that he had remained in the desert and far from the Good and Just! Perhaps he might have learned to live and to love the earth – and laughter too!

803

Glaubt es mir, meine Brüder! Er starb zu früh; er selber hätte seine Lehre widerrufen, wäre er bis zu meinem Alter gekommen! Edel genug war er zum Widerrufen!

803

Believe me, my brothers! He died too early; he himself would have recanted his teaching had he reached my age! Noble enough was he to recant!

804

Aber ungereift war er noch. Unreif liebt der Jüngling, und unreif haßt er auch Mensch und Erde. Angebunden und schwer ist ihm noch Gemüt und Geistesflügel.

804

But he was still unripe. The youth loves immaturely and hates immaturely both man and earth. Bound and heavy still lie his heart and the wings of his spirit.

805

Aber im Manne ist mehr Kind als im Jünglinge, und weniger Schwermut: besser versteht er sich auf Tod und Leben.

805

Yet in the man there is more child than in the youth, and less melancholy: he better understands death and life.

806

Frei zum Tode und frei im Tode, ein heiliger Nein-Sager, wenn es nicht Zeit mehr ist zum Ja: also versteht er sich auf Tod und Leben.

806

Free for death and free in death, a holy No-sayer when the time for Yes has passed: thus he understands death and life.

807

Daß euer Sterben keine Lästerung sei auf Mensch und Erde, meine Freunde: das erbitte ich mir von dem Honig eurer Seele.

807

May your dying be no blasphemy against humanity and earth, my friends: this I entreat of the honey of your soul.

808

In eurem Sterben soll noch euer Geist und eure Tugend glühn, gleich einem Abendrot um die Erde: oder aber das Sterben ist euch schlecht geraten.

808

In your dying shall your spirit and virtue still glow, like a sunset glow around the earth: else your dying has gone ill.

809

Also will ich selber sterben, daß ihr Freunde um meinetwillen die Erde mehr liebt; und zur Erde will ich wieder werden, daß ich in der Ruhe habe, die mich gebar.[335]

809

Thus will I die myself, that you friends may love the earth more for my sake; and to earth will I return, that I may find rest in her who bore me.

810

Wahrlich, ein Ziel hatte Zarathustra, er warf seinen Ball: nun seid ihr Freunde meines Zieles Erbe, euch werfe ich den goldenen Ball zu.

810

Truly, Zarathustra had a goal; he cast his ball: now you friends are the heirs of my goal, to you I throw the golden ball.

811

Lieber als alles sehe ich euch, meine Freunde, den goldenen Ball werfen! Und so verziehe ich noch ein wenig auf Erden: verzeiht es mir!

811

More than all else, I love to see you, my friends, throw the golden ball! And so I tarry yet a little while on earth – forgive me for it!

812

Also sprach Zarathustra.[336]

812

Thus spoke Zarathustra.

813

Von der schenkenden Tugend

813

Of the Gift-Giving Virtue

814

1

814

1

815

Als Zarathustra von der Stadt Abschied genommen hatte, welcher sein Herz zugetan war und deren Name lautet: »die bunte Kuh« – folgten ihm viele, die sich seine Jünger nannten, und gaben ihm das Geleit. Also kamen sie an einen Kreuzweg: da sagte ihnen Zarathustra, daß er nunmehr allein gehen wolle; denn er war ein Freund des Alleingehens. Seine Jünger aber reichten ihm zum Abschiede einen Stab, an dessen goldnem Griffe sich eine Schlange um die Sonne ringelte. Zarathustra freute sich des Stabes und stützte sich darauf; dann sprach er also zu seinen Jüngern:

815

When Zarathustra had taken leave of the town to which his heart was attached, and whose name is "The Motley Cow" – many who called themselves his disciples followed him and gave him escort. Thus they came to a crossroads: there Zarathustra told them he would now walk alone, for he was a friend of walking solitary. His disciples, however, handed him at parting a staff with a golden handle, around which a serpent coiled itself about the sun. Zarathustra rejoiced in the staff and leaned upon it; then he spoke thus to his disciples:

816

Sagt mir doch: wie kam Gold zum höchsten Werte? Darum, daß es ungemein ist und unnützlich und leuchtend und mild im Glanze; es schenkt sich immer.

816

Tell me: how came gold to the highest value? Because it is uncommon and useless and gleaming and gentle in its splendor; it gives itself always.

817

Nur als Abbild höchsten Tugend kam Gold zum höchsten Werte. Goldgleich leuchtet der Blick dem Schenkenden. Goldes-Glanz schließt Friede zwischen Mond und Sonne.

817

Only as the image of the highest virtue did gold attain the highest value. Goldlike gleams the glance of the gift-giver. Golden radiance makes peace between moon and sun.

818

Ungemein ist die höchste Tugend und unnützlich, leuchtend ist sie und mild im Glanze: eine schenkende Tugend ist die höchste Tugend.

818

Uncommon is the highest virtue and useless, gleaming is it and gentle in its splendor: a gift-giving virtue is the highest virtue.

819

Wahrlich, ich errate euch wohl, meine Jünger, ihr trachtet, gleich mir, nach der schenkenden Tugend. Was hättet ihr mit Katzen und Wölfen gemeinsam?

819

Truly, I divine you well, my disciples: you strive, like me, for the gift-giving virtue. What would you have in common with cats and wolves?

820

Das ist euer Durst, selber zu Opfern und Geschenken zu werden: und darum habt ihr den Durst, alle Reichtümer in eure Seele zu häufen.

820

This is your thirst: to become sacrifices and gifts yourselves; and therefore you thirst to pile all riches into your soul.

821

Unersättlich trachtet eure Seele nach Schätzen und Kleinodien, weil eure Tugend unersättlich ist im Verschenken-Wollen.[336]

821

Insatiably does your soul strive for treasures and jewels, because your virtue is insatiable in wanting to give.

822

Ihr zwingt alle Dinge zu euch und in euch, daß sie aus eurem Borne zurückströmen sollen als die Gaben eurer Liebe.

822

You compel all things to come to you and into you, that they may flow back from your fountain as gifts of your love.

823

Wahrlich, zum Räuber an allen Werten muß solche schenkende Liebe werden; aber heil und heilig heiße ich diese Selbstsucht. –

823

Verily, such gift-giving love must become a robber of all values; but whole and holy I call this selfishness. –

824

Eine andre Selbstsucht gibt es, eine allzuarme, eine hungernde, die immer stehlen will, jene Selbstsucht der Kranken, die kranke Selbstsucht.

824

There exists another selfishness, an impoverished and starving one that forever seeks to steal—the selfishness of the sick, the morbid selfishness.

825

Mit dem Auge des Diebes blickt sie auf alles Glänzende; mit der Gier des Hungers mißt sie den, der reich zu essen hat; und immer schleicht sie um den Tisch der Schenkenden.

825

With the thief's eye, it gazes upon all that glitters; with the craving of hunger, it measures those who have abundance; and eternally it prowls around the table of those who give.

826

Krankheit redet aus solcher Begierde und unsichtbare Entartung; von siechem Leibe redet die diebische Gier dieser Selbstsucht.

826

Sickness speaks through such desire, and invisible degeneration; the thieving greed of this selfishness betrays an ailing body.

827

Sagt mir, meine Brüder: was gilt uns als Schlechtes und Schlechtestes? Ist es nicht Entartung? – Und auf Entartung raten wir immer, wo die schenkende Seele fehlt.

827

Tell me, my brothers: what do we deem base and most contemptible? Is it not degeneration?—And we always sense degeneration where the giving soul is absent.

828

Aufwärts geht unser Weg, von der Art hinüber zur Über-Art. Aber ein Grauen ist uns der entartende Sinn, welcher spricht: »Alles für mich.«

828

Our path ascends, from species toward superspecies. But the degenerating mind that cries, "All for myself!" fills us with horror.

829

Aufwärts fliegt unser Sinn: so ist er ein Gleichnis unsres Leibes, einer Erhöhung Gleichnis. Solcher Erhöhungen Gleichnisse sind die Namen der Tugenden.

829

Upward soars our spirit—a metaphor of our body, a metaphor of elevation. Such elevations are what the names of virtues signify.

830

Also geht der Leib durch die Geschichte, ein Werdender und ein Kämpfender. Und der Geist – was ist er ihm? Seiner Kämpfe und Siege Herold, Genoß und Widerhall.

830

Thus does the body journey through history, becoming and struggling. And the spirit—what is it to the body? A herald of its battles and triumphs, companion and echo.

831

Gleichnisse sind alle Namen von Gut und Böse: sie sprechen nicht aus, sie winken nur. Ein Tor, welcher von ihnen Wissen will.

831

All names of good and evil are metaphors: they do not speak plainly, they only beckon. A fool who seeks knowledge from them!

832

Achtet mir, meine Brüder, auf jede Stunde, wo euer Geist in Gleichnissen reden will: da ist der Ursprung eurer Tugend.

832

Mark well, my brothers, each hour when your spirit speaks through metaphors: there lies the origin of your virtue.

833

Erhöht ist da euer Leib und auferstanden; mit seiner Wonne entzückt er den Geist, daß er Schöpfer wird und Schätzer und Liebender und aller Dinge Wohltäter.

833

For then your body is elevated and resurrected; with its rapture, it enchants the spirit, making it a creator, a valuer, a lover, and a benefactor to all things.

834

Wenn euer Herz breit und voll wallt, dem Strome gleich, ein Segen und eine Gefahr den Anwohnenden: da ist der Ursprung eurer Tugend.

834

When your heart surges wide and full like a river, a blessing and a peril to those who dwell near: there lies the origin of your virtue.

835

Wenn ihr erhaben seid über Lob und Tadel, und euer Wille allen Dingen befehlen will, als eines Liebenden Wille: da ist der Ursprung eurer Tugend.[337]

835

When you rise above praise and blame, and your will commands all things as the will of a lover: there lies the origin of your virtue.

836

Wenn ihr das Angenehme verachtet und das weiche Bett, und von den Weichlichen euch nicht weit genug betten könnt: da ist der Ursprung eurer Tugend.

836

When you scorn comfort and the soft bed, fleeing far from the tenderlings: there lies the origin of your virtue.

837

Wenn ihr eines Willens Wollende seid, und diese Wende aller Not euch Notwendigkeit heißt: da ist der Ursprung eurer Tugend.

837

When you are the single-willed, and this turning point of all need becomes your necessity: there lies the origin of your virtue.

838

Wahrlich, ein neues Gutes und Böses ist sie! Wahrlich, ein neues tiefes Rauschen und eines neuen Quelles Stimme!

838

Verily, it is a new Good and Evil! Verily, a new deep murmuring and the voice of a new spring!

839

Macht ist sie, diese neue Tugend; ein herrschender Gedanke ist sie, und um ihn eine kluge Seele: eine goldene Sonne, und um sie die Schlange der Erkenntnis.

839

Power it is, this new virtue; a dominant thought with a cunning soul encircling it—a golden sun, entwined by the serpent of knowledge.

840

2

840

2

841

Hier schwieg Zarathustra eine Weile und sah mit Liebe auf seine Jünger. Dann fuhr er also fort zu reden – und seine Stimme hatte sich verwandelt.

841

Here Zarathustra fell silent for a time and gazed lovingly upon his disciples. Then he resumed speaking—and his voice had transformed.

842

Bleibt mir der Erde treu, meine Brüder, mit der Macht eurer Tugend! Eure schenkende Liebe und eure Erkenntnis diene dem Sinne der Erde! Also bitte und beschwöre ich euch.

842

Remain faithful to the earth, my brothers, with the power of your virtue! Let your giving love and your knowledge serve the earth’s meaning! Thus I implore and conjure you.

843

Laßt sie nicht davonfliegen vom Irdischen und mit den Flügeln gegen ewige Wände schlagen! Ach, es gab immer so viel verflogene Tugend!

843

Do not let them flee earthly things and beat their wings against eternal walls! Alas, how much virtue has flown astray!

844

Führt, gleich mir, die verflogene Tugend zur Erde zurück – ja, zurück zu Leib und Leben: daß sie der Erde ihren Sinn gebe, einen Menschen-Sinn!

844

Lead back to earth, as I do, the virtue that has flown astray—yes, back to body and life, that it may give earth its meaning, a human meaning!

845

Hundertfältig verflog und vergriff sich bisher so Geist wie Tugend. Ach, in unserm Leibe wohnt jetzt noch all dieser Wahn und Fehlgriff: Leib und Wille ist er da geworden.

845

A hundredfold have spirit and virtue thus far erred and flown astray. Ah, in our body dwells all this delusion and misstep—it has become body and will.

846

Hundertfältig versuchte und verirrte sich bisher so Geist wie Tugend. Ja, ein Versuch war der Mensch. Ach, viel Unwissen und Irrtum ist an uns Leib geworden!

846

A hundredfold has spirit and virtue thus far ventured and lost its way. Yes, humanity itself was an experiment. Alas, much ignorance and error has become flesh within us!

847

Nicht nur die Vernunft von Jahrtausenden – auch ihr Wahnsinn bricht an uns aus. Gefährlich ist es, Erbe zu sein.

847

Not only the reason of millennia – but their madness too breaks out in us. Dangerous it is to be an heir.

848

Noch kämpfen wir Schritt um Schritt mit dem Riesen Zufall, und über der ganzen Menschheit waltete bisher noch der Unsinn, der Ohne-Sinn.[338]

848

Still do we wrestle step by step with the giant Chance, and over all humanity there has hitherto reigned nonsense, the Void of Sense.

849

Euer Geist und eure Tugend diene dem Sinn der Erde, meine Brüder: und aller Dinge Wert werde neu von euch gesetzt! Darum sollt ihr Kämpfende sein! Darum sollt ihr Schaffende sein!

849

Let your spirit and your virtue serve the meaning of the earth, my brothers: and let the value of all things be newly fixed by you! For that shall you be warriors! For that shall you be creators!

850

Wissend reinigt sich der Leib; mit Wissen versuchend erhöht er sich; dem Erkennenden heiligen sich alle Triebe; dem Erhöhten wird die Seele fröhlich.

850

Through knowing the body purifies itself; through experimentation it elevates itself; to the discerning one all instincts become sacred; to the exalted the soul grows joyful.

851

Arzt, hilf dir selber: so hilfst du auch deinem Kranken noch. Das sei seine beste Hilfe, daß er den mit Augen sehe, der sich selber heil macht.

851

Physician, heal yourself: thus will you also heal your patient. Let this be his best cure – that he behold with eyes the self-healer.

852

Tausend Pfade gibt es, die noch nie gegangen sind, tausend Gesundheiten und verborgene Eilande des Lebens. Unerschöpft und unentdeckt ist immer noch Mensch und Menschen-Erde.

852

A thousand paths are there which have never yet been trodden, a thousand salubrities and hidden islands of life. Unexhausted and undiscovered is still man and man’s earth.

853

Wachet und horcht, ihr Einsamen! Von der Zukunft her kommen Winde mit heimlichem Flügelschlagen; und an feine Ohren ergeht gute Botschaft.

853

Watch and hearken, you solitary ones! From the future come winds with stealthy flight of wings; and to refined ears tidings are proclaimed.

854

Ihr Einsamen von heute, ihr Ausscheidenden, ihr sollt einst ein Volk sein: aus euch, die ihr euch selber auswähltet, soll ein auserwähltes Volk erwachsen – und aus ihm der Übermensch.

854

You solitary ones of today, you seceders, you shall one day be a people: out of you who have chosen yourselves shall a chosen people spring – and from it the Overman.

855

Wahrlich, eine Stätte der Genesung soll noch die Erde werden! Und schon liegt ein neuer Geruch um sie, ein Heilbringender – und eine neue Hoffnung!

855

Verily, a place of healing shall the earth yet become! And already a new fragrance floats around it, a salvation-bringing fragrance – and a new hope!

856

3

856

3

857

Als Zarathustra diese Worte gesagt hatte, schwieg er, wie einer, der nicht sein letztes Wort gesagt hat; lange wog er den Stab zweifelnd in seiner Hand. Endlich sprach er also: – und seine Stimme hatte sich verwandelt.

857

When Zarathustra had spoken these words, he paused like one who had not uttered his final word; long did he balance the staff doubtfully in his hand. At last he spoke thus – and his voice had transformed:

858

Allein gehe ich nun, meine Jünger! Auch ihr geht nun davon und allein! So will ich es.

858

Alone do I go now, my disciples! You too must now depart, and alone! Thus do I will it.

859

Wahrlich, ich rate euch: geht fort von mir und wehrt euch gegen Zarathustra! Und besser noch: schämt euch seiner! Vielleicht betrog er euch.

859

Verily, I counsel you: turn away from me and guard yourselves against Zarathustra! Better yet: be ashamed of him! Perhaps he deceived you.

860

Der Mensch der Erkenntnis muß nicht nur seine Feinde lieben, sondern auch seine Freunde hassen können.

860

The man of knowledge must be able not only to love his enemies but also to hate his friends.

861

Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Schüler bleibt. Und warum wollt ihr nicht an meinem Kranze rupfen?[339]

861

One repays a teacher badly if one remains only a pupil. And why do you not pluck at my wreath?

862

Ihr verehrt mich; aber wie, wenn eure Verehrung eines Tages umfällt? Hütet euch, daß euch nicht eine Bildsäule erschlage!

862

You venerate me; but what if your veneration should one day collapse? Beware lest a statue slay you!

863

Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was liegt an Zarathustra? Ihr seid meine Gläubigen: aber was liegt an allen Gläubigen!

863

You say you believe in Zarathustra? But what matters Zarathustra? You are my believers: but what matter all believers!

864

Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So tun alle Gläubigen; darum ist es so wenig mit allem Glauben.

864

You had not yet sought yourselves: then did you find me. Thus do all believers; therefore is all believing of so little account.

865

Nun heiße ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst, wenn ihr mich alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren.

865

Now I bid you lose me and find yourselves; and only when you have all denied me will I return to you.

866

Wahrlich, mit andern Augen, meine Brüder, werde ich mir dann meine Verlorenen suchen; mit einer andern Liebe werde ich euch dann lieben.

866

Verily, with other eyes, my brothers, shall I then seek my lost ones; with another love shall I then love you.

867

Und einst noch sollt ihr mir Freunde geworden sein und Kinder einer Hoffnung: dann will ich zum dritten Male bei euch sein, daß ich den großen Mittag mit euch feiere.

867

And once more shall you become my friends and children of a single hope: then will I be with you a third time, that I may celebrate the great noon with you.

868

Und das ist der große Mittag, da der Mensch auf der Mitte seiner Bahn steht zwischen Tier und Übermensch und seinen Weg zum Abende als seine höchste Hoffnung feiert: denn es ist der Weg zu einem neuen Morgen.

868

And it is the great noon when man stands midway between beast and Overman and celebrates his journey to the evening as his highest hope: for it is the path to a new morning.

869

Alsda wird sich der Untergehende selber segnen, daß er ein Hinübergehender sei; und die Sonne seiner Erkenntnis wird ihm im Mittage stehn.

869

Then will the going-under one bless himself for being a going-over; and the sun of his knowledge will stand at high noon.

870

»Tot sind alle Götter: nun wollen wir, daß der Übermensch lebe« – dies sei einst am großen Mittage unser letzter Wille! –

870

“Dead are all gods: now do we will that the Overman live” – let this be our final will at the great noon! –

871

Also sprach Zarathustra.[340]

871

Thus spoke Zarathustra.

872

Zweiter Teil

872

Second Part

873

Also sprach Zarathustra

873

Thus Spoke Zarathustra

874

»– und erst, wenn ihr mich alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren.

874

"—and only when you have all denied me shall I return to you.

875

Wahrlich, mit andern Augen, meine Brüder, werde ich mir dann meine Verlorenen suchen; mit einer andern Liebe werde ich euch dann lieben.«

875

Verily, with other eyes shall I then seek my lost ones, my brethren; with another love shall I love you then."

876

Zarathustra, von der schenkenden Tugend

876

Zarathustra, from the Gift-Giving Virtue

877

Das Kind mit dem Spiegel

877

The Child with the Mirror

878

Hierauf ging Zarathustra wieder zurück in das Gebirge und in die Einsamkeit seiner Höhle und entzog sich den Menschen: wartend gleich einem Sämann, der seinen Samen ausgeworfen hat. Seine Seele aber wurde voll von Ungeduld und Begierde nach denen, welche er liebte: denn er hatte ihnen noch viel zu geben. Dies nämlich ist das Schwerste, aus Liebe die offne Hand schließen und als Schenkender die Scham bewahren.

878

Thereupon Zarathustra returned again to the mountains and into the solitude of his cave, withdrawing from mankind: waiting like a sower who has cast his seed. But his soul became full of impatience and longing for those he loved: for he had yet more to give them. For this is hardest of all: to close the open hand out of love and keep modest as a giver.

879

Also vergingen dem Einsamen Monde und Jahre; seine Weisheit aber wuchs und machte ihm Schmerzen durch ihre Fülle.

879

Thus months and years passed over the solitary; his wisdom increased, and through its abundance caused him pain.

880

Eines Morgens aber wachte er schon vor der Morgenröte auf, besann sich lange auf seinem Lager und sprach endlich zu seinem Herzen:

880

One morning, however, he awoke before dawn, pondered long upon his couch, and at last spoke to his heart:

881

»Was erschrak ich doch so in meinem Traume, daß ich aufwachte? Trat nicht ein Kind zu mir, das einen Spiegel trug?

881

"Why did I start so in my dream that I awoke? Did not a child approach me, bearing a mirror?

882

›O Zarathustra‹ – sprach das Kind zu mir – ›schaue dich an im Spiegel!‹

882

'O Zarathustra,' said the child to me, 'look at thyself in the mirror!'

883

Aber als ich in den Spiegel schaute, da schrie ich auf, und mein Herz war erschüttert: denn nicht mich sahe ich darin, sondern eines Teufels Fratze und Hohnlachen.

883

But when I gazed into the mirror, I cried aloud, and my heart was shaken: for I saw not myself therein, but the sneering visage of a devil.

884

Wahrlich, allzugut verstehe ich des Traumes Zeichen und Mahnung: meine Lehre ist in Gefahr, Unkraut will Weizen heißen!

884

Verily, all too well do I understand the dream's portent and warning: my doctrine is in peril; weeds would be called wheat!

885

Meine Feinde sind mächtig worden und haben meiner Lehre Bildnis entstellt, also, daß meine Liebsten sich der Gaben schämen müssen, die ich ihnen gab.

885

My foes have grown mighty and have distorted the image of my teaching till my dearest ones must blush at the gifts I gave them.

886

Verloren gingen mir meine Freunde; die Stunde kam mir, meine Verlornen zu suchen!« –[341]

886

Lost are my friends; the hour has come for me to seek my lost ones!" —[341]

887

Mit diesen Worten sprang Zarathustra auf, aber nicht wie ein Geängstigter, der nach Luft sucht, sondern eher wie ein Seher und Sänger, welchen der Geist anfällt. Verwundert sahen sein Adler und seine Schlange auf ihn hin: denn gleich dem Morgenrote lag ein kommendes Glück auf seinem Antlitze.

887

With these words Zarathustra sprang up, not as one gasping in anguish, but rather as a seer and singer whom the spirit has seized. Amazed gazed his eagle and serpent upon him: for like the dawn glow lay an approaching happiness upon his countenance.

888

Was geschah mir doch, meine Tiere? – sagte Zarathustra. Bin ich nicht verwandelt? Kam mir nicht die Seligkeit wie ein Sturmwind?

888

What has befallen me, my animals? — said Zarathustra. Am I not transformed? Has bliss not come to me like a tempest?

889

Töricht ist mein Glück und Törichtes wird es reden: zu jung noch ist es – so habt Geduld mit ihm!

889

Foolish is my bliss and will speak foolish things: too young is it yet — have patience with it!

890

Verwundet bin ich von meinem Glücke: alle Leidenden sollen mir Ärzte sein!

890

Wounded am I by my happiness: all sufferers shall be physicians unto me!

891

Zu meinen Freunden darf ich wieder hinab und auch zu meinen Feinden! Zarathustra darf wieder reden und schenken und Lieben das Liebste tun!

891

To my friends may I descend again, and to mine enemies too! Zarathustra may speak again and bestow and love the beloved!

892

Meine ungeduldige Liebe fließt über in Strömen, abwärts, nach Aufgang und Niedergang. Aus schweigsamem Gebirge und Gewittern des Schmerzes rauscht meine Seele in die Täler.

892

My impatient love overflows in torrents, downward, toward sunrise and sunset. From silent mountains and storms of anguish rushes my soul into the valleys.

893

Zu lange sehnte ich mich und schaute in die Ferne. Zu lange gehörte ich der Einsamkeit: so verlernte ich das Schweigen.

893

Too long have I yearned and gazed into the distance. Too long have I belonged to solitude: thus have I unlearned silence.

894

Mund bin ich worden ganz und gar, und Brausen eines Bachs aus hohen Felsen: hinab will ich meine Rede stürzen in die Täler.

894

I have become wholly a mouth, and the roaring of a stream from lofty crags: down into the valleys I shall hurl my speech.

895

Und mag mein Strom der Liebe in Unwegsames stürzen! Wie sollte ein Strom nicht endlich den Weg zum Meere finden!

895

And may my torrent of love plunge into pathless realms! How should a torrent not finally find its way to the sea!

896

Wohl ist ein See in mir, ein einsiedlerischer, selbstgenugsamer; aber mein Strom der Liebe reißt ihn mit sich hinab – zum Meere!

896

Truly, there is a lake within me, hermetic and self-sufficient; but my torrent of love tears it downward — to the sea!

897

Neue Wege gehe ich, eine neue Rede kommt mir; müde wurde ich, gleich allen Schaffenden, der alten Zungen. Nicht will mein Geist mehr auf abgelaufnen Sohlen wandeln.

897

New paths do I tread, a new speech comes to me; weary have I grown, like all creators, of ancient tongues. No longer will my spirit walk on worn-out soles.

898

Zu langsam läuft mir alles Reden – in deinen Wagen springe ich, Sturm! Und auch dich will ich noch peitschen mit meiner Bosheit!

898

Too slow runs all speech for me — into thy chariot I leap, storm! And even thee shall I whip with my malice!

899

Wie ein Schrei und ein Jauchzen will ich über weite Meere hinfahren, bis ich die glückseligen Inseln finde, wo meine Freunde weilen: –

899

Like a cry and a jubilation shall I course across wide seas until I find the Blessèd Isles where my friends dwell: –

900

Und meine Feinde unter ihnen! Wie liebe ich nun jeden, zu dem ich nur reden darf! Auch meine Feinde gehören zu meiner Seligkeit.[342]

900

And my enemies among them! How I now love all to whom I may speak! Even my enemies belong to my bliss.

901

Und wenn ich auf mein wildestes Pferd steigen will, so hilft mir mein Speer immer am besten hinauf: der ist meines Fußes allzeit bereiter Diener: –

901

And when I would mount my wildest steed, my spear aids me best: ever ready as foot-servant –

902

Der Speer, den ich gegen meine Feinde schleudere! Wie danke ich es meinen Feinden, daß ich endlich ihn schleudern darf!

902

The spear I hurl against my enemies! How I thank my enemies that at last I may cast it!

903

Zu groß war die Spannung meiner Wolke: zwischen Gelächtern der Blitze will ich Hagelschauer in die Tiefe werfen.

903

Too great was the tension of my cloud: between lightning-laughter shall I cast hailstorms into the depths.

904

Gewaltig wird sich da meine Brust heben, gewaltig wird sie ihren Sturm über die Berge hinblasen: so kommt ihr Erleichterung.

904

Mightily shall my breast then heave, mightily shall it blow its tempest over mountains: thus comes relief.

905

Wahrlich, einem Sturme gleich kam mein Glück und meine Freiheit! Aber meine Feinde sollen glauben, der Böse rase über ihren Häuptern.

905

Verily, like a tempest comes my happiness and my freedom! But my enemies shall think the Evil One rages over their heads.

906

Ja, auch ihr werdet erschreckt sein, meine Freunde, ob meiner wilden Weisheit; und vielleicht flieht ihr davon samt meinen Feinden.

906

Yes, even you shall be terrified, my friends, by my wild wisdom; perhaps you will flee from it along with my foes.

907

Ach, daß ich's verstünde, euch mit Hirtenflöten zurückzulocken! Ach, daß meine Löwin Weisheit zärtlich brüllen lernte! Und vieles lernten wir schon miteinander!

907

Ah, that I knew how to lure you back with shepherd's pipes! Ah, that my lioness Wisdom might learn to roar tenderly! Much have we learned together!

908

Meine wilde Weisheit wurde trächtig auf einsamen Bergen; auf rauhen Steinen gebar sie ihr Junges, Jüngstes.

908

My wild wisdom became pregnant on lonely mountains; on rugged stones she bore her youngest child.

909

Nun läuft sie närrisch durch die harte Wüste und sucht und sucht nach sanftem Rasen – meine alte wilde Weisheit!

909

Now she runs madly through harsh wildernesses, seeking and seeking soft meadowland – my ancient wild wisdom!

910

Auf eurer Herzen sanften Rasen, meine Freunde! – auf eure Liebe möchte sie ihr Liebstes betten! –

910

Upon your hearts' tender meadows, my friends! – upon your love would she bed her dearest treasure!

911

Also sprach Zarathustra.[343]

911

Thus spoke Zarathustra.

912

Auf den glückseligen Inseln

912

Upon the Blessèd Isles

913

Die Feigen fallen von den Bäumen, sie sind gut und süß; und indem sie fallen, reißt ihnen die rote Haut. Ein Nordwind bin ich reifen Feigen.

913

Figs fall from trees; they are good and sweet. As they fall, their red skins split. A north wind am I to ripened figs.

914

Also, gleich Feigen, fallen euch diese Lehren zu, meine Freunde: nun trinkt ihren Saft und ihr süßes Fleisch! Herbst ist es umher und reiner Himmel und Nachmittag.

914

Thus, like figs, do these teachings fall to you, my friends: now drink their juice and sweet flesh! Autumn surrounds us, with pure skies and afternoon.

915

Seht, welche Fülle ist um uns! Und aus dem Überflusse heraus ist es schön hinaus zu blicken auf ferne Meere.[343]

915

Behold what abundance lies around us! From this overflow, 'tis fair to gaze across distant seas.

916

Einst sagte man Gott, wenn man auf ferne Meere blickte; nun aber lehrte ich euch sagen: Übermensch.

916

Men once said "God" when gazing across distant seas; but now I teach you to say: Overman.

917

Gott ist eine Mutmaßung; aber ich will, daß euer Mutmaßen nicht weiter reiche, als euer schaffender Wille.

917

God is a supposition; yet I will that your supposing be bounded by your creative will.

918

Könntet ihr einen Gott schaffen? – So schweigt mir doch von allen Göttern! Wohl aber könntet ihr den Übermenschen schaffen.

918

Could you create a god? – Then be silent about all gods! But you could surely create the Overman.

919

Nicht ihr vielleicht selber, meine Brüder! Aber zu Vätern und Vorfahren könntet ihr euch umschaffen des Übermenschen: und dies sei euer bestes Schaffen! –

919

Not perhaps yourselves, my brothers! But you could transform yourselves into forefathers and ancestors of the Overman: let this be your finest creation!

920

Gott ist eine Mutmaßung: aber ich will, daß euer Mutmaßen begrenzt sei in der Denkbarkeit.

920

God is a supposition: but I will that your supposing be confined to the conceivable.

921

Könntet ihr einen Gott denken? – Aber dies bedeute euch Wille zur Wahrheit, daß alles verwandelt werde in Menschen-Denkbares, Menschen-Sichtbares, Menschen-Fühlbares! Eure eignen Sinne sollt ihr zu Ende denken!

921

Could you conceive a god? – But let this signify will to truth, that all be transformed into the humanly conceivable, seeable, feelable! Your own senses shall you follow to their end!

922

Und was ihr Welt nanntet, das soll erst von euch geschaffen werden: eure Vernunft, euer Bild, euer Wille, eure Liebe soll es selber werden! Und wahrlich, zu eurer Seligkeit, ihr Erkennenden!

922

And what you called "world" shall first be created by you: your reason, image, will and love shall itself become this world! And verily, for your bliss, you knowers!

923

Und wie wolltet ihr das Leben ertragen ohne diese Hoffnung, ihr Erkennenden? Weder ins Unbegreifliche dürftet ihr eingeboren sein, noch ins Unvernünftige.

923

And how would you endure life without this hope, you knowers? Neither into the inconceivable nor the irrational may you be born.

924

Aber daß ich euch ganz mein Herz offenbare, ihr Freunde: wenn es Götter gäbe, wie hielte ich's aus, kein Gott zu sein! Also gibt es keine Götter.

924

But to reveal my whole heart to you, friends: if gods existed, how could I bear not to be a god! Therefore, gods do not exist.

925

Wohl zog ich den Schluß; nun aber zieht er mich. –

925

Truly, I drew this conclusion; but now it draws me. –

926

Gott ist eine Mutmaßung: aber wer tränke alle Qual dieser Mutmaßung, ohne zu sterben? Soll dem Schaffenden sein Glaube genommen sein und dem Adler sein Schweben in Adler-Fernen?

926

God is a supposition: but who could drink all the torment of this supposition without perishing? Shall the creator be robbed of his faith, and the eagle its soaring in eagle-farnesses?

927

Gott ist ein Gedanke, der macht alles Gerade krumm, und alles, was steht, drehend. Wie? Die Zeit wäre hinweg, und alles Vergängliche nur Lüge?

927

God is a thought that twists all straight lines crooked and makes whirl what stands firm. What? Would time vanish, and all transience be mere falsehood?

928

Dies zu denken ist Wirbel und Schwindel menschlichen Gebeinen, und noch dem Magen ein Erbrechen: wahrlich, die drehende Krankheit heiße ich's, solches zu mutmaßen.

928

To think this is vertigo and dizziness to human bones, and vomiting to the stomach: verily, I call this the whirling-sickness, to conjecture such things.

929

Böse heiße ich's und menschenfeindlich: all dies Lehren vom Einen und Vollen und Unbewegten und Satten und Unvergänglichen![344]

929

Evil I name it and hostile to humanity—all these doctrines of the One and the Full and the Immovable and the Sated and the Imperishable!

930

Alles Unvergängliche – das ist nur ein Gleichnis! Und die Dichter lügen zuviel. –

930

All things imperishable—that is but a metaphor! And poets lie too much.

931

Aber von Zeit und Werden sollen die besten Gleichnisse reden: ein Lob sollen sie sein und eine Rechtfertigung aller Vergänglichkeit!


Schaffen – das ist die große Erlösung vom Leiden, und des Lebens Leichtwerden. Aber daß der Schaffende sei, dazu selber tut Leid not und viel Verwandelung.

931

But of time and becoming shall the finest metaphors speak: they shall be a praise and justification of all transience!


Creating—that is the great redemption from suffering, and life’s growing light. But that the creator may be, suffering itself is needed, and much transformation.

932

Ja, viel bitteres Sterben muß in eurem Leben sein, ihr Schaffenden! Also seid ihr Fürsprecher und Rechtfertiger aller Vergänglichkeit.

932

Yea, much bitter dying must there be in your life, you creators! Thus are you advocates and justifiers of all transience.

933

Daß der Schaffende selber das Kind sei, das neu geboren werde, dazu muß er auch die Gebärerin sein wollen und der Schmerz der Gebärerin.

933

That the creator himself should be the child newborn, he must also be willing to be the birth-giver and endure the birth-giver’s pangs.

934

Wahrlich, durch hundert Seelen ging ich meinen Weg und durch hundert Wiegen und Geburtswehen. Manchen Abschied nahm ich schon, ich kenne die herzbrechenden letzten Stunden.

934

Verily, through a hundred souls I have walked my path, and through a hundred cradles and birth-throes. Many a farewell have I taken; I know the heart-rending last hours.

935

Aber so will's mein schaffender Wille, mein Schicksal. Oder, daß ich's euch redlicher sage: solches Schicksal gerade – will mein Wille.

935

But thus my creating will, my destiny, willeth it. Or, to speak more truthfully: such destiny itself—my will willeth.

936

Alles Fühlende leidet an mir und ist in Gefängnissen: aber mein Wollen kommt mir stets als mein Befreier und Freudebringer.

936

All feeling suffereth in me and is in prison: but my willing ever cometh to me as my emancipator and comforter.

937

Wollen befreit: das ist die wahre Lehre von Wille und Freiheit – so lehrt sie euch Zarathustra.

937

Willing liberates: that is the true doctrine of will and freedom—thus teacheth you Zarathustra.

938

Nicht-mehr-wollen und Nicht-mehr-schätzen und Nicht-mehr-schaffen! ach, daß diese große Müdigkeit mir stets fern bleibe!

938

No more willing, no more valuing, no more creating! Ah, that this great weariness may ever remain far from me!

939

Auch im Erkennen fühle ich nur meines Willens Zeuge- und Werde-Lust; und wenn Unschuld in meiner Erkenntnis ist, so geschieht dies, weil Wille zur Zeugung in ihr ist.

939

In knowledge too I feel only my will's procreative joy and becoming-joy; and if there be innocence in my knowledge, it is because will to procreation is in it.

940

Hinweg von Gott und Göttern lockte mich dieser Wille; was wäre denn zu schaffen, wenn Götter – da wären!

940

Away from God and gods did this will lure me: what would there be to create if gods—existed!

941

Aber zum Menschen treibt er mich stets von neuem, mein inbrünstiger Schaffens-Wille; so treibt's den Hammer hin zum Steine.

941

But to man doth it ever drive me anew, my fervent creative will; thus driveth it the hammer to the stone.

942

Ach, ihr Menschen, im Steine schläft mir ein Bild, das Bild meiner Bilder! Ach, daß es im härtesten, häßlichsten Steine schlafen muß!

942

Ah, you men, within the stone sleepeth an image for me, the image of my visions! Ah, that it should sleep in the hardest, ugliest stone!

943

Nun wütet mein Hammer grausam gegen sein Gefängnis. Vom Steine stäuben Stücke: was schiert mich das?

943

Now my hammer ragefully crusheth its prison. From the stone fly fragments: what care I?

944

Vollenden will ich's: denn ein Schatten kam zu mir – aller Dinge Stillstes und Leichtestes kam einst zu mir![345]

944

I will complete it: for a shadow came unto me—the stillest and lightest of all things once came to me!

945

Des Übermenschen Schönheit kam zu mir als Schatten. Ach, meine Brüder! Was gehen mich noch – die Götter an! –

945

The beauty of the Overman came to me as a shadow. Ah, my brethren! What are the gods—to me now!

946

Also sprach Zarathustra.[346]

946

Thus spoke Zarathustra.

947

Von den Mitleidigen

947

On the Compassionate

948

Meine Freunde, es kam eine Spottrede zu eurem Freunde: »seht nur Zarathustra! Wandelt er nicht unter uns wie unter Tieren?«

948

My friends, a taunt hath reached your friend: "Behold Zarathustra! Doth he walk not among us as among beasts?"

949

Aber so ist es besser geredet: »der Erkennende wandelt unter Menschen als unter Tieren.«

949

But thus should it rather be said: "The knower walketh among men as among beasts."

950

Der Mensch selber aber heißt dem Erkennenden: das Tier, das rote Backen hat.

950

To the knower himself, however, man is: the animal with red cheeks.

951

Wie geschah ihm das? Ist es nicht, weil er sich zu oft hat schämen müssen?

951

How hath this come to pass? Is it not because he hath had to be ashamed too oft?

952

Oh meine Freunde! So spricht der Erkennende: Scham, Scham, Scham – das ist die Geschichte des Menschen!

952

Oh my friends! Thus speaketh the knower: Shame, shame, shame—that is the history of man!

953

Und darum gebeut sich der Edle, nicht zu beschämen: Scham gebeut er sich vor allem Leidenden.

953

Therefore the noble one commands himself not to shame: shame he commands himself before all sufferers.

954

Wahrlich, ich mag sie nicht, die Barmherzigen, die selig sind in ihrem Mitleiden: zu sehr gebricht es ihnen an Scham.

954

Truly, I do not like them, the merciful, who are blissful in their compassion: too greatly they lack shame.

955

Muß ich mitleidig sein, so will ich's doch nicht heißen; und wenn ich's bin, dann gern aus der Ferne.

955

If I must be compassionate, I do not wish to be called so; and if I am, then preferably from afar.

956

Gerne verhülle ich auch das Haupt und fliehe davon, bevor ich noch erkannt bin: und also heiße ich euch tun, meine Freunde!

956

Gladly I would also conceal my head and flee before being recognized: and thus I bid you do likewise, my friends!

957

Möge mein Schicksal mir immer Leidlose, gleich euch, über den Weg führen, und solche, mit denen mir Hoffnung und Mahl und Honig gemein sein darf!

957

May my fate always lead the unhurtful, like you, across my path, and those with whom hope and feast and honey may be shared!

958

Wahrlich, ich tat wohl das und jenes an Leidenden: aber Besseres schien ich mir stets zu tun, wenn ich lernte, mich besser freuen.

958

Truly, I did this and that for sufferers: but better deeds I seemed to perform when I learned to rejoice more fully.

959

Seit es Menschen gibt, hat der Mensch sich zu wenig gefreut: das allein, meine Brüder, ist unsre Erbsünde!


Und lernen wir besser uns freuen, so verlernen wir am besten, andern wehe zu tun und Wehes auszudenken.

959

And when we learn to rejoice better, we unlearn best how to harm others and devise harm.

960

Darum wasche ich mir die Hand, die dem Leidenden half, darum wische ich mir auch noch die Seele ab.[346]

960

Therefore I wash the hand that helped the sufferer, therefore I wipe clean even my soul.

961

Denn daß ich den Leidenden leidend sah, dessen schämte ich mich um seiner Scham willen; und als ich ihm half, da verging ich mich hart an seinem Stolze.

961

For when I saw the sufferer suffering, I was ashamed for his shame; and when I helped him, I transgressed harshly against his pride.

962

Große Verbindlichkeiten machen nicht dankbar, sondern rachsüchtig; und wenn die kleine Wohltat nicht vergessen wird, so wird noch ein Nage-Wurm daraus.

962

Great obligations do not make grateful, but vengeful; and when a small kindness is not forgotten, it becomes a gnawing worm.

963

»Seid spröde im Annehmen! Zeichnet aus damit, daß ihr annehmt!« – also rate ich denen, die nichts zu verschenken haben.

963

"Be aloof in receiving! Distinguish yourselves by accepting!" – thus I counsel those who have nothing to give.

964

Ich aber bin ein Schenkender: gerne schenke ich, als Freund den Freunden. Fremde aber und Arme mögen sich die Frucht selber von meinem Baume pflücken: so beschämt es weniger.

964

But I am a giver: gladly I give, as a friend to friends. Let strangers and the poor pluck fruit from my tree themselves: thus there is less shame.

965

Bettler aber sollte man ganz abschaffen! Wahrlich, man ärgert sich, ihnen zu geben und ärgert sich, ihnen nicht zu geben.

965

But beggars should be abolished altogether! Truly, one resents giving to them and resents not giving.

966

Und insgleichen die Sünder und bösen Gewissen! Glaubt mir, meine Freunde: Gewissensbisse erziehn zum Beißen.

966

And likewise sinners and guilty consciences! Believe me, my friends: pangs of conscience teach biting.

967

Das Schlimmste aber sind die kleinen Gedanken. Wahrlich, besser noch bös getan, als klein gedacht!

967

But worst of all are petty thoughts. Truly, better to act wickedly than to think pettily!

968

Zwar ihr sagt: »die Lust an kleinen Bosheiten erspart uns manche große böse Tat.« Aber hier sollte man nicht sparen wollen.

968

You may say: "The pleasure in petty malice spares us many great wicked deeds." But here one should not wish to spare.

969

Wie ein Geschwür ist die böse Tat: sie juckt und kratzt und bricht heraus – sie redet ehrlich.

969

A wicked deed is like a boil: it itches and scratches and bursts forth – it speaks honestly.

970

»Siehe, ich bin Krankheit« – so redet die böse Tat; das ist ihre Ehrlichkeit.

970

"Behold, I am disease" – thus speaks the wicked deed; that is its honesty.

971

Aber dem Pilze gleich ist der kleine Gedanke: er kriecht und duckt sich und will nirgendswo sein – bis der ganze Leib morsch und welk ist vor kleinen Pilzen.

971

But like a mushroom is the petty thought: it creeps and crouches and wants to be nowhere – until the whole body is decayed and withered from little mushrooms.

972

Dem aber, der vom Teufel besessen ist, sage ich dies Wort ins Ohr: »besser noch, du ziehest deinen Teufel groß! Auch für dich gibt es noch einen Weg der Größe!« –

972

But to him who is possessed by the devil, I whisper this word in his ear: "Better still, you should rear your devil! For even you, there is still a path to greatness!"

973

Ach, meine Brüder! Man weiß von jedermann etwas zu viel! Und mancher wird uns durchsichtig, aber deshalb können wir noch lange nicht durch ihn hindurch.

973

Ah, my brothers! One knows somewhat too much about everyone! And many become transparent to us, yet that does not mean we can see through them.

974

Es ist schwer mit Menschen zu leben, weil Schweigen so schwer ist.

974

It is hard to live among men because silence is so difficult.

975

Und nicht gegen den, der uns zuwider ist, sind wir am unbilligsten, sondern gegen den, welcher uns gar nichts angeht.[347]

975

And we are most unjust not toward those who oppose us, but toward those who concern us not at all.

976

Hast du aber einen leidenden Freund, so sei seinem Leiden eine Ruhestätte, doch gleichsam ein hartes Bett, ein Feldbett: so wirst du ihm am besten nützen.

976

But if you have a suffering friend, be a resting place for his suffering, yet as it were a hard bed, a camp bed: thus will you serve him best.

977

Und tut dir ein Freund Übles, so sprich: »ich vergebe dir, was du mir tatest; daß du es aber dir tatest – wie könnte ich das vergeben!«

977

And if a friend does you wrong, say: "I forgive you what you did to me; but that you did it to yourself – how could I forgive that!"

978

Also redet alle große Liebe: die überwindet auch noch Vergebung und Mitleiden.

978

Thus speaks all great love: it overcomes even forgiveness and compassion.

979

Man soll sein Herz festhalten; denn läßt man es gehn, wie bald geht einem da der Kopf durch!

979

One should hold fast to one’s heart; for if one lets it go, how quickly one’s head is lost!

980

Ach, wo in der Welt geschahen größere Torheiten, als bei den Mitleidigen? Und was in der Welt stiftete mehr Leid als die Torheiten der Mitleidigen?

980

Alas, where in the world have greater follies occurred than among the compassionate? And what has bred more suffering than the follies of the compassionate?

981

Wehe allen Liebenden, die nicht noch eine Höhe haben, welche über ihrem Mitleiden ist!

981

Woe betide all lovers who lack a height surpassing their compassion!

982

Also sprach der Teufel einst zu mir: »auch Gott hat seine Hölle: das ist seine Liebe zu den Menschen.«

982

Thus spoke the devil to me once: "Even God has his hell: it is his love for mankind."

983

Und jüngst hörte ich ihn dies Wort sagen: »Gott ist tot; an seinem Mitleiden mit den Menschen ist Gott gestorben.« –

983

And most recently I heard him utter this: "God is dead; God perished of his compassion for mankind." –

984

So seid mir gewarnt vor dem Mitleiden: daher kommt noch den Menschen eine schwere Wolke! Wahrlich, ich verstehe mich auf Wetterzeichen!

984

Heed this warning against compassion: from it a heavy cloud yet approaches humanity! Verily, I understand weather-signs!

985

Merket aber auch dies Wort: alle große Liebe ist noch über all ihrem Mitleiden: denn sie will das Geliebte noch – schaffen!

985

But mark also this: all great love soars above its compassion, for it seeks yet to create the beloved!

986

»Mich selber bringe ich meiner Liebe dar, und meinen Nächsten gleich mir« – so geht die Rede allen Schaffenden.

986

"I offer myself to my love, and my neighbor as myself"—thus runs the speech of all creators.

987

Alle Schaffenden aber sind hart. –

987

Yet all creators are hard. –

988

Also sprach Zarathustra.[348]

988

Thus spoke Zarathustra.[348]

989

Von den Priestern

989

On the Priests

990

Und einstmals gab Zarathustra seinen Jüngern ein Zeichen und sprach diese Worte zu ihnen:

990

Once Zarathustra gave his disciples a sign and spoke these words to them:

991

»Hier sind Priester: und wenn es auch meine Feinde sind, geht mir still an ihnen vorüber und mit schlafendem Schwerte!

991

"Here stand priests—and though they are my enemies, pass silently by them with sleeping swords!

992

Auch unter ihnen sind Helden; viele von ihnen litten zuviel –: so wollen sie andre leiden machen.[348]

992

Among them too are heroes; many of them have suffered too much—thus they seek to make others suffer.[348]

993

Böse Feinde sind sie: nichts ist rachsüchtiger als ihre Demut. Und leicht besudelt sich der, welcher sie angreift.

993

Bitter foes they are: nothing is more vengeful than their humility. He who assails them easily defiles himself.

994

Aber mein Blut ist mit dem ihren verwandt; und ich will mein Blut auch noch in dem ihren geehrt wissen.« –

994

Yet my blood flows kindred to theirs; and I would have my blood honored even in theirs." –

995

Und als sie vorübergegangen waren, fiel Zarathustra der Schmerz an; und nicht lange hatte er mit seinem Schmerze gerungen, da hub er also an zu reden:

995

When they had passed, anguish overcame Zarathustra; and not long did he wrestle with it before he spoke thus:

996

Es jammert mich dieser Priester. Sie gehen mir auch wider den Geschmack; aber das ist mir das Geringste, seit ich unter Menschen bin.

996

These priests move me to pity. They offend my taste, but that matters least since I walk among men.

997

Aber ich leide und litt mit ihnen: Gefangene sind es mir und Abgezeichnete. Der, welchen sie Erlöser nennen, schlug sie in Banden: –

997

Yet I suffer—have long suffered—with them: prisoners they are to me, and branded. He whom they call Redeemer cast them into chains—

998

In Banden falscher Werte und Wahn-Worte! Ach, daß einer sie noch von ihrem Erlöser erlöste!

998

Chains of false values and delusive words! Oh, that someone might yet redeem them from their Redeemer!

999

Auf einem Eilande glaubten sie einst zu landen, als das Meer sie herumriß; aber siehe, es war ein schlafendes Ungeheuer!

999

Drifting at sea, they once believed they had reached an island—but behold, it was a slumbering monster!

1000

Falsche Werte und Wahn-Worte: das sind die schlimmsten Ungeheuer für Sterbliche, – lange schläft und wartet in ihnen das Verhängnis.

1000

False values and delusive words: these are the deadliest monsters for mortals—long does calamity sleep and wait within them.

1001

Aber endlich kommt es und wacht und frißt und schlingt, was auf ihm sich Hütten baute.

1001

But at last it awakens, devouring all who built huts upon it.

1002

O seht mir doch diese Hütten an, die sich diese Priester bauten! Kirchen heißen sie ihre süßduftenden Höhlen.

1002

Behold these huts called churches—their sweet-scented caverns!

1003

O über dies verfälschte Licht, diese verdumpfte Luft! Hier, wo die Seele zu ihrer Höhe hinauf – nicht fliegen darf!

1003

Oh, this counterfeit light, this stifling air! Here the soul may not soar to its heights!

1004

Sondern also gebietet ihr Glaube: »auf den Knien die Treppe hinan, ihr Sünder!«

1004

Thus commands their faith: "On your knees up the steps, you sinners!"

1005

Wahrlich, lieber sehe ich noch den Schamlosen, als die verrenkten Augen ihrer Scham und Andacht!

1005

Truly, I would sooner behold the shameless than the contorted eyes of their shame and devotion!

1006

Wer schuf sich solche Höhlen und Buß-Treppen? Waren es nicht solche, die sich verbergen wollten und sich vor dem reinen Himmel schämten?

1006

Who conceived these caverns and penitential stairs? Were they not those who sought to hide, ashamed before the pure sky?

1007

Und erst wenn der reine Himmel wieder durch zerbrochne Decken blickt, und hinab auf Gras und roten Mohn an zerbrochnen Mauern – will ich den Stätten dieses Gottes wieder mein Herz zuwenden.

1007

Only when the pure sky gazes again through shattered roofs, down upon grass and red poppies by broken walls—shall my heart turn back to this God’s abode.

1008

Sie nannten Gott, was ihnen widersprach und wehe tat: und wahrlich, es war viel Helden-Art in ihrer Anbetung![349]

1008

They named as God what opposed and tormented them—and verily, there was much of the hero in their worship![349]

1009

Und nicht anders wußten sie ihren Gott zu lieben, als indem sie den Menschen ans Kreuz schlugen!

1009

And they knew no other way to love their God than by nailing mankind to the cross!

1010

Als Leichname gedachten sie zu leben, schwarz schlugen sie ihren Leichnam aus; auch aus ihren Reden rieche ich noch die üble Würze von Totenkammern.

1010

As corpses they resolved to live; in black shrouds they swathed their corpses, and even from their speech I still smell the foul spice of charnel houses.

1011

Und wer ihnen nahe lebt, der lebt schwarzen Teichen nahe, aus denen heraus die Unke ihr Lied mit süßem Tiefsinne singt.

1011

And whoever dwells near them dwells near black pools from which the toad sings its song with sweet profundity.

1012

Bessere Lieder müßten sie mir singen, daß ich an ihren Erlöser glauben lerne: erlöster müßten mir seine Jünger aussehen!

1012

Better songs would they have to sing, that I might learn to believe in their Redeemer: more redeemed must his disciples appear unto me!

1013

Nackt möchte ich sie sehn: denn allein die Schönheit sollte Buße predigen. Aber wen überredet wohl diese vermummte Trübsal!

1013

Naked would I fain see them: for beauty alone should preach penitence. But whom could this muffled melancholy persuade!

1014

Wahrlich, ihre Erlöser selber kamen nicht aus der Freiheit und der Freiheit siebentem Himmel! Wahrlich, sie selber wandelten niemals auf den Teppichen der Erkenntnis!

1014

Verily, not from freedom’s seventh heaven did their redeemers come! Verily, they themselves never trod the carpets of knowledge!

1015

Aus Lücken bestand der Geist dieser Erlöser; aber in jede Lücke hatten sie ihren Wahn gestellt, ihren Lückenbüßer, den sie Gott nannten.

1015

Of gaps was the spirit of these redeemers composed; into every gap they stuffed their delusion, their stopgap, which they called God.

1016

In ihrem Mitleiden war ihr Geist ertrunken, und wenn sie schwollen und überschwollen von Mitleiden, schwamm immer obenauf eine große Torheit.

1016

In their pity was their spirit drowned, and when they swelled and overflowed with pity, there ever swam atop a great folly.

1017

Eifrig trieben sie und mit Geschrei ihre Herde über ihren Steg: wie als ob es zur Zukunft nur einen Steg gäbe! Wahrlich, auch diese Hirten gehörten noch zu den Schafen!

1017

Eagerly they drove their flock over their footbridge: as though toward the future there were but one footbridge! Verily, these shepherds too still belonged among the sheep!

1018

Kleine Geister und umfängliche Seelen hatten diese Hirten: aber, meine Brüder, was für kleine Länder waren bisher auch die umfänglichsten Seelen!

1018

Narrow spirits and ample souls had these shepherds: but, my brethren, what small domains have even the amplest souls been till now!

1019

Blutzeichen schrieben sie auf den Weg, den sie gingen, und ihre Torheit lehrte, daß man mit Blut die Wahrheit beweise.


Aber Blut ist der schlechteste Zeuge der Wahrheit; Blut vergiftet die reinste Lehre noch zu Wahn und Haß der Herzen.

1019

But blood is the worst witness to truth; blood poisoneth even the purest teaching, turning it to delusion and hatred of hearts.

1020

Und wenn einer durchs Feuer geht für seine Lehre – was beweist dies! Mehr ist's wahrlich, daß aus eignem Brande die eigne Lehre kommt!

1020

And if one go through fire for his doctrine—what doth that prove! Verily, it is more when one’s own teaching cometh out of one’s own burning!

1021

Schwüles Herz und kalter Kopf: wo dies zusammen trifft, da entsteht der Brausewind, der »Erlöser«.

1021

Sultry heart and cold head: where these meet, there ariseth the roaring wind, the “Redeemer.”

1022

Größere gab es wahrlich und Höher-Geborene, als die, welche das Volk Erlöser nennt, diese hinreißenden Brausewinde![350]

1022

Greater ones verily have there been, and higher-born, than those whom the people call redeemers, those rapturous tempests!

1023

Und noch von Größeren, als alle Erlöser waren, müßt ihr, meine Brüder, erlöst werden, wollt ihr zur Freiheit den Weg finden!

1023

And by greater ones than all redeemers must ye be redeemed, my brethren, if ye would find the way to freedom!

1024

Niemals noch gab es einen Übermenschen. Nackt sah ich beide, den größten und den kleinsten Menschen: –

1024

Never yet hath there been an Overman. Naked have I seen both the greatest and the smallest man:—

1025

Allzuähnlich sind sie noch einander. Wahrlich, auch den Größten fand ich – allzumenschlich! –

1025

All-too-similar are they still to one another. Verily, even the greatest I found—all-too-human!

1026

Also sprach Zarathustra.[351]

1026

Thus spake Zarathustra.

1027

Von den Tugendhaften

1027

Of the Virtuous

1028

Mit Donnern und himmlischen Feuerwerken muß man zu schlaffen und schlafenden Sinnen reden.

1028

With thunder and heavenly fireworks must one speak to indolent and somnolent senses.

1029

Aber der Schönheit Stimme redet leise: sie schleicht sich nur in die aufgewecktesten Seelen.

1029

But beauty’s voice speaketh gently: it stealeth only into the most awakened souls.

1030

Leise erbebte und lachte mir heut mein Schild; das ist der Schönheit heiliges Lachen und Beben.

1030

Gently did my shield quiver and laugh today; that is beauty’s holy laughing and trembling.

1031

Über euch, ihr Tugendhaften, lachte heut meine Schönheit. Und also kam ihre Stimme zu mir: »sie wollen noch – bezahlt sein!«

1031

At you, ye virtuous ones, laughed my beauty today. And thus came its voice unto me: “They still want—to be paid!”

1032

Ihr wollt noch bezahlt sein, ihr Tugendhaften! Wollt Lohn für Tugend und Himmel für Erden und Ewiges für euer Heute haben?

1032

Ye still want to be paid, ye virtuous ones! Want reward for virtue and heaven for earth, and eternity for your today?

1033

Und nun zürnt ihr mir, daß ich lehre, es gibt keinen Lohn- und Zahlmeister? Und wahrlich, ich lehre nicht einmal, daß Tugend ihr eigner Lohn ist.

1033

And now ye chide me that I teach there is no paymaster and reckoner? And verily, I do not even teach that virtue is its own reward.

1034

Ach, das ist meine Trauer: in den Grund der Dinge hat man Lohn und Strafe hineingelogen – und nun auch noch in den Grund eurer Seelen, ihr Tugendhaften!

1034

Ah! this is my sorrow: into the foundations of things have reward and punishment been insinuated—and now even into the foundations of your souls, ye virtuous ones!

1035

Aber dem Rüssel des Ebers gleich soll mein Wort den Grund eurer Seelen aufreißen; Pflugschar will ich euch heißen.

1035

But like the snout of the boar shall my word rend the soil of your souls; a ploughshare will I be called.

1036

Alle Heimlichkeiten eures Grundes sollen ans Licht; und wenn ihr aufgewühlt und zerbrochen in der Sonne liegt, wird auch eure Lüge von eurer Wahrheit ausgeschieden sein.

1036

All the hidden truths of your ground shall come to light; and when you lie upturned and broken in the sun, your falsehood shall be sundered from your truth.

1037

Denn dies ist eure Wahrheit: ihr seid zu reinlich für den Schmutz der Worte: Rache, Strafe, Lohn, Vergeltung.

1037

For this is your truth: you are too pure for the filth of words: vengeance, punishment, reward, retribution.

1038

Ihr liebt eure Tugend, wie die Mutter ihr Kind; aber wann hörte man, daß eine Mutter bezahlt sein wollte für ihre Liebe?[351]


Es ist euer liebstes Selbst, eure Tugend. Des Ringes Durst ist in euch; sich selber wieder zu erreichen, dazu ringt und dreht sich jeder Ring.

1038

You love your virtue as the mother loves her child; but when was it ever heard that a mother demanded payment for her love?


Your virtue is your dearest Self. The ring’s thirst is within you; every ring strives and twists to reach itself again.

1039

Und dem Sterne gleich, der erlischt, ist jedes Werk eurer Tugend: immer ist sein Licht noch unterwegs und wandert – und wann wird es nicht mehr unterwegs sein?

1039

And like a star that expires is every work of your virtue: its light is ever still journeying and wandering—when will it cease to journey?

1040

Also ist das Licht eurer Tugend noch unterwegs, auch wenn das Werk getan ist. Mag es nun vergessen und tot sein: sein Strahl von Licht lebt noch und wandert.

1040

Thus, the light of your virtue journeys even when the deed is done. Though it be forgotten and dead, its beam of light still lives and journeys.

1041

Daß eure Tugend euer Selbst sei, und nicht ein Fremdes, eine Haut, eine Bemäntelung: das ist die Wahrheit aus dem Grunde eurer Seele, ihr Tugendhaften! –

1041

That your virtue be your Self and not some foreign thing, a husk, a cloak: this is the truth from the ground of your soul, you virtuous ones!

1042

Aber wohl gibt es solche, denen Tugend der Krampf unter einer Peitsche heißt: und ihr habt mir zuviel auf deren Geschrei gehört!

1042

Yet there are those for whom virtue is a spasm under a lash—and you have heeded their clamor too much!

1043

Und andre gibt es, die heißen Tugend das Faulwerden ihrer Laster; und wenn ihr Haß und ihre Eifersucht einmal die Glieder strecken, wird ihre »Gerechtigkeit« munter und reibt sich die verschlafenen Augen.

1043

Others call virtue the sluggishness of their vices; and when their hatred and envy once stretch their limbs, their "justice" stirs and rubs sleep from its eyes.

1044

Und andre gibt es, die werden abwärts gezogen: ihre Teufel ziehn sie. Aber je mehr sie sinken, um so glühender leuchtet ihr Auge und die Begierde nach ihrem Gotte.

1044

Still others are dragged downward: their devils pull them. But the deeper they sink, the more fervently their eyes glow and their longing for their god.

1045

Ach, auch deren Geschrei drang zu euren Ohren, ihr Tugendhaften: »was ich nicht bin, das, das ist mir Gott und Tugend!«


Und andre gibt es, die kommen schwer und knarrend daher, gleich Wägen, die Steine abwärts fahren: die reden viel von Würde und Tugend – ihren Hemmschuh heißen sie Tugend!

1045not

Others come heavy and creaking, like carts bearing stones downhill: they speak much of dignity and virtue—their brake they call virtue!

1046

Und andre gibt es, die sind gleich Alltags-Uhren, die aufgezogen wurden; sie machen ihr Ticktack und wollen, daß man Ticktack-Tugend heiße.

1046

Others are like clockwork wound for daily use; they tick their tick-tock and want their ticking to be called virtue.

1047

Wahrlich, an diesen habe ich meine Lust: wo ich solche Uhren finde, werde ich sie mit meinem Spotte aufziehn; und sie sollen mir dabei noch schnurren!

1047

Truly, I delight in these: wherever I find such clocks, I shall wind them with my mockery—and they shall whirr for me!

1048

Und andre sind stolz über ihre Handvoll Gerechtigkeit und begehen um ihrerwillen Frevel an allen Dingen: also daß die Welt in ihrer Ungerechtigkeit ertränkt wird.

1048

Others are proud of their handful of justice and commit outrage upon all things for its sake—so that the world drowns in their injustice.

1049

Ach, wie übel ihnen das Wort »Tugend« aus dem Munde läuft! Und wenn sie sagen: »ich bin gerecht«, so klingt es immer gleich wie: »ich bin gerächt!«[352]

1049

Ah, how foully the word "virtue" falls from their lips! And when they say, "I am just," it always sounds like, "I am avenged!"

1050

Mit ihrer Tugend wollen sie ihren Feinden die Augen auskratzen; und sie erheben sich nur, um andre zu erniedrigen.

1050

With their virtue, they would claw out their enemies' eyes; they rise only to cast others down.

1051

Und wiederum gibt es solche, die sitzen in ihrem Sumpfe und reden also heraus aus dem Schilfrohr: »Tugend – das ist still im Sumpfe sitzen.

1051

Again, there are those who sit in their swamp and speak thus from the reeds: "Virtue—that is sitting still in the swamp.

1052

Wir beißen niemanden und gehen dem aus dem Wege, der beißen will; und in allem haben wir die Meinung, die man uns gibt.«

1052

We bite no one and avoid those who bite; in all things, we hold the opinion given to us."

1053

Und wiederum gibt es solche, die lieben Gebärden und denken: Tugend ist eine Art Gebärde.

1053

Others love gestures and think virtue a kind of gesture.

1054

Ihre Knie beten immer an, und ihre Hände sind Lobpreisungen der Tugend, aber ihr Herz weiß nichts davon.

1054

Their knees ever bend in worship, and their hands are hymns to virtue—but their hearts know nothing of it.

1055

Und wiederum gibt es solche, die halten es für Tugend, zu sagen: »Tugend ist notwendig«; aber sie glauben im Grunde nur daran, daß Polizei notwendig ist.

1055

Others deem it virtue to say, "Virtue is necessary"—but at heart they believe only that police are necessary.

1056

Und mancher, der das Hohe an den Menschen nicht sehen kann, nennt es Tugend, daß er ihr Niedriges allzunahe sieht: also heißt er seinen bösen Blick Tugend.

1056

And many who cannot see the heights in man call it virtue to peer too closely at his depths: thus they name their squinting eye virtue.

1057

Und einige wollen erbaut und aufgerichtet sein und heißen es Tugend; und andre wollen umgeworfen sein – und heißen es auch Tugend.

1057

And some desire to be edified and uplifted – this they name virtue; while others wish to be cast down – and likewise name it virtue.

1058

Und derart glauben fast alle daran, Anteil zu haben an der Tugend; und zum mindesten will ein jeder Kenner sein über »Gut« und »Böse«.

1058

Thus do nearly all believe they partake of virtue; and at the very least, each would be deemed a connoisseur of "good" and "evil."

1059

Aber nicht dazu kam Zarathustra, allen diesen Lügnern und Narren zu sagen: »was wißt ihr von Tugend! Was könntet ihr von Tugend wissen!« –

1059

Yet Zarathustra did not come to tell all these liars and fools: "What do you know of virtue? What could you know of virtue?" –

1060

Sondern, daß ihr, meine Freunde, der alten Worte müde würdet, welche ihr von den Narren und Lügnern gelernt habt:

1060

But rather, that you, my friends, might grow weary of the old words you learned from fools and liars:

1061

Müde würdet der Worte »Lohn«, »Vergeltung«, »Strafe«, »Rache in der Gerechtigkeit« –

1061

Weary of "Reward," "Retribution," "Punishment," "Revenge in the name of justice" –

1062

Müde würdet zu sagen: »daß eine Handlung gut ist, das macht, sie ist selbstlos.«

1062

Weary of declaring: "An action is good when it is selfless."

1063

Ach, meine Freunde! Daß euer Selbst in der Handlung sei, wie die Mutter im Kinde ist: das sei mir euer Wort von Tugend!

1063

Ah, my friends! Let your Self be in the deed as the mother is in the child: let this be your word of virtue!

1064

Wahrlich, ich nahm euch wohl hundert Worte und eurer Tugend liebste Spielwerke; und nun zürnt ihr mir, wie Kinder zürnen.

1064

Verily, I have stripped you of a hundred words and your virtue's dearest playthings – and now you resent me as children resent.

1065

Sie spielten am Meere – da kam die Welle und riß ihnen ihr Spielwerk in der Tiefe: nun weinen sie.[353]

1065

They played by the sea – then came a wave and swept their playthings into the depths: now they weep.

1066

Aber dieselbe Welle soll ihnen neue Spielwerke bringen und neue bunte Muscheln vor sie hin ausschütten!

1066

But that same wave shall bring them new playthings, scattering fresh-hued shells before them!

1067

So werden sie getröstet sein; und gleich ihnen sollt auch ihr, meine Freunde, eure Tröstungen haben – und neue bunte Muscheln! –

1067

Thus shall they be comforted; and like them, you too, my friends, shall find solace – and new bright shells! –

1068

Also sprach Zarathustra.[354]

1068

Thus spoke Zarathustra.

1069

Vom Gesindel

1069

Of the Rabble

1070

Das Leben ist ein Born der Lust; aber wo das Gesindel mittrinkt, da sind alle Brunnen vergiftet.

1070

Life is a wellspring of delight; but where the rabble drinks too, all fountains are poisoned.

1071

Allem Reinlichen bin ich hold; aber ich mag die grinsenden Mäuler nicht sehn und den Durst der Unreinen.

1071

To all that is clean I am well disposed; but I cannot endure grinning mouths and the thirst of the unclean.

1072

Sie warfen ihr Auge hinab in den Brunnen: nun glänzt mir ihr widriges Lächeln herauf aus dem Brunnen.

1072

They cast their eyes into the well: now their loathsome leer glimmers up at me from its depths.

1073

Das heilige Wasser haben sie vergiftet mit ihrer Lüsternheit; und als sie ihre schmutzigen Träume Lust nannten, vergifteten sie auch noch die Worte.

1073

They have fouled the sacred waters with their lust; and when they called their filthy dreams "delight," they poisoned even words.

1074

Unwillig wird die Flamme, wenn sie ihre feuchten Herzen ans Feuer legen; der Geist selber brodelt und raucht, wo das Gesindel ans Feuer tritt.

1074

The flame smolders resentfully when they press their damp hearts to the fire; the very spirit seethes and smokes where the rabble gathers near flame.

1075

Süßlich und übermürbe wird in ihrer Hand die Frucht: windfällig und wipfeldürr macht ihr Blick den Fruchtbaum.

1075

Cloying and overripe becomes the fruit in their hands: windfallen and treetop-withered their gaze makes the fruit tree.

1076

Und mancher, der sich vom Leben abkehrte, kehrte sich nur vom Gesindel ab: er wollte nicht Brunnen und Flamme und Frucht mit dem Gesindel teilen.

1076

And many a one who turned away from life merely turned away from the rabble: he would not share well and flame and fruit with the rabble.

1077

Und mancher, der in die Wüste ging und mit Raubtieren Durst litt, wollte nur nicht mit schmutzigen Kameltreibern um die Zisterne sitzen.

1077

And many a one who went into the wilderness and thirsted with beasts of prey wanted only not to sit at the cistern alongside filthy camel drivers.

1078

Und mancher, der wie ein Vernichter daher kam und wie ein Hagelschlag allen Fruchtfeldern, wollte nur seinen Fuß dem Gesindel in den Rachen setzen und also seinen Schlund stopfen.

1078

And many a one who came like a destroyer, like hailstorms to all cornfields, sought only to plant his foot in the rabble's maw and plug its gullet.

1079

Und nicht das ist der Bissen, an dem ich am meisten würgte, zu wissen, daß das Leben selber Feindschaft nötig hat und Sterben und Marterkreuze: –

1079

Nor was it the morsel that choked me most – to know that life itself requires enmity, and dying, and martyr-crosses: –

1080

Sondern ich fragte einst und erstickte fast an meiner Frage: wie? hat das Leben auch das Gesindel nötig?[354]

1080

But I once asked, near suffocating from the question: What? Must life need even the rabble?

1081

Sind vergiftete Brunnen nötig und stinkende Feuer und beschmutzte Träume und Maden im Lebensbrode?

1081

Are poisoned wells necessary, and stinking fires, and befouled dreams, and maggots in life's bread?

1082

Nicht mein Haß, sondern mein Ekel fraß mir hungrig am Leben! Ach, des Geistes wurde ich oft müde, als ich auch das Gesindel geistreich fand!

1082

Not my hatred, but my disgust gnawed hungrily at my life! Ah, how often my spirit grew weary when I found even the rabble possessed of spirit!

1083

Und den Herrschenden wandt ich den Rücken, als ich sah, was sie jetzt Herrschen nennen: Schachern und Markten um Macht – mit dem Gesindel!

1083

And I turned my back on rulers when I saw what they now call ruling: haggling and huckstering for power – with the rabble!

1084

Unter Völkern wohnte ich fremder Zunge, mit verschlossenen Ohren: daß mir ihres Schacherns Zunge fremd bliebe und ihr Markten um Macht.

1084

Among peoples of alien tongue I dwelled, ears sealed shut: that the haggling tongue and huckstering for power might remain foreign to me.

1085

Und die Nase mir haltend, ging ich unmutig durch alles Gestern und Heute: wahrlich übel riecht alles Gestern und Heute nach dem schreibenden Gesindel!

1085

And holding my nose, I walked sullenly through all yesterdays and todays: verily, all yesterday and today reeks foully of scribbling rabble!

1086

Einem Krüppel gleich, der taub und blind und stumm wurde: also lebte ich lange, daß ich nicht mit Macht- und Schreib- und Lust-Gesindel lebte.

1086

Like a cripple grown deaf, blind, and mute: thus I long lived, that I might not dwell among the power-grubbing, ink-stained, and lustful rabble.

1087

Mühsam stieg mein Geist Treppen, und vorsichtig; Almosen der Lust waren sein Labsal; am Stabe schlich dem Blinden das Leben.

1087

Laboriously did my spirit climb stairs, warily; alms of pleasure were its solace; life crept like a blind man groping with his staff.

1088

Was geschah mir doch? Wie erlöste ich mich vom Ekel? Wer verjüngte mein Auge? Wie erflog ich die Höhe, wo kein Gesindel mehr am Brunnen sitzt?

1088

What befell me? How did I free myself from disgust? Who rejuvenated my eyes? How did I soar to heights where no rabble sits by wells?

1089

Schuf mein Ekel selber mir Flügel und quellenahnende Kräfte? Wahrlich, ins Höchste mußte ich fliegen, daß ich den Born der Lust wiederfände!

1089

Did my own disgust fashion wings for me and forces divining springs? Verily, to the loftiest heights I had to fly, to rediscover the wellspring of joy!

1090

Oh, ich fand ihn, meine Brüder! Hier im Höchsten quillt mir der Born der Lust! Und es gibt ein Leben, an dem kein Gesindel mittrinkt!

1090

Oh, I found it, my brothers! Here in the highest realms springs my well of joy! And there exists a life from which no rabble drinks!

1091

Fast zu heftig strömst du mir, Quell der Lust! Und oft leerst du den Becher wieder, dadurch, daß du ihn füllen willst!

1091

You flow almost too fiercely for me, fountain of joy! And often you empty the cup again by striving to fill it!

1092

Und noch muß ich lernen, bescheidener dir zu nahen: allzuheftig strömt dir noch mein Herz entgegen –

1092

Yet must I learn to approach you more meekly: too violently does my heart still surge toward you –

1093

Mein Herz, auf dem mein Sommer brennt, der kurze, heiße, schwermütige, überselige: wie verlangt mein Sommer-Herz nach deiner Kühle![355]

1093

My heart, upon which my summer burns, brief, scorching, melancholy, overjoyed: how my summer-heart yearns for your coolness!

1094

Vorbei die zögernde Trübsal meines Frühlings! Vorüber die Bosheit meiner Schneeflocken im Juni! Sommer wurde ich ganz und Sommer-Mittag!

1094

Gone the lingering sorrow of my spring! Passed the malice of my June snowflakes! Summer have I become entire, summer at high noon!

1095

Ein Sommer im Höchsten mit kalten Quellen und seliger Stille: oh kommt, meine Freunde, daß die Stille noch seliger werde!

1095

A summit-summer with icy springs and blissful stillness: oh come, my friends, that the stillness may grow yet more blissful!

1096

Denn dies ist unsre Höhe und unsre Heimat: zu hoch und steil wohnen wir hier allen Unreinen und ihrem Durste.

1096

For this is our height and homeland: too steep and rugged we dwell here for all unclean ones and their thirsts.

1097

Werft nur eure reinen Augen in den Born meiner Lust, ihr Freunde! Wie sollte er darob trübe werden! Entgegenlachen soll er euch mit seiner Reinheit.

1097

Cast but your pure eyes into the wellspring of my joy, friends! How could it grow turbid thereby? It shall laugh back at you with its own purity!

1098

Auf dem Baume Zukunft bauen wir unser Nest; Adler sollen uns Einsamen Speise bringen in ihren Schnäbeln!

1098

In the tree Future we build our nest; eagles shall bring food to us solitaries in their beaks!

1099

Wahrlich, keine Speise, an der Unsaubere mitessen dürften! Feuer würden sie zu fressen wähnen und sich die Mäuler verbrennen!

1099

Verily, no meat where the unclean might share the feast! Fire would they think to devour, burning their mouths!

1100

Wahrlich, keine Heimstätten halten wir hier bereit für Unsaubere! Eishöhle würde ihren Leibern unser Glück heißen und ihren Geistern!

1100

Truly, no shelters hold we here prepared for the unclean! Ice caves would our bliss seem to their bodies, and to their spirits!

1101

Und wie starke Winde wollen wir über ihnen leben, Nachbarn den Adlern, Nachbarn dem Schnee, Nachbarn der Sonne: also leben starke Winde.

1101

And like strong winds shall we live above them, neighbors to eagles, neighbors to snow, neighbors to sun: thus live mighty gales.

1102

Und einem Winde gleich will ich einst noch zwischen sie blasen und mit meinem Geiste ihrem Geiste den Atem nehmen: so will es meine Zukunft.

1102

And like a wind shall I yet blow among them, my spirit stealing breath from their spirit: thus wills my future.

1103

Wahrlich, ein starker Wind ist Zarathustra allen Niederungen; und solchen Rat rät er seinen Feinden und allem, was spuckt und speit: »hütet euch, gegen den Wind zu speien!«

1103

Verily, Zarathustra is a fierce gale to all lowlands; and this counsel gives he to his enemies and all who spit and spew: "Beware spitting against the wind!"

1104

Also sprach Zarathustra.[356]

1104

Thus spoke Zarathustra.

1105

Von den Taranteln

1105

Of the Tarantulas

1106

Siehe, das ist der Tarantel Höhle! Willst du sie selber sehn? Hier hängt ihr Netz: rühre daran, daß es erzittert.

1106

Behold, this is the tarantula's den! Would you see the beast itself? Here hangs its web: touch it, that it may tremble.

1107

Da kommt sie willig: willkommen, Tarantel! Schwarz sitzt auf deinem Rücken dein Dreieck und Wahrzeichen; und ich weiß auch, was in deiner Seele sitzt.[356]

1107

There it comes willingly: welcome, tarantula! Black sits the triangle and emblem upon your back; and I know too what sits in your soul.

1108

Rache sitzt in deiner Seele: wohin du beißest, da wächst schwarzer Schorf; mit Rache macht dein Gift die Seele drehend!

1108

Revenge nests in your soul: wherever you bite, black scabs grow; with revenge your poison makes souls reel!

1109

Also rede ich zu euch im Gleichnis, die ihr die Seelen drehend macht, ihr Prediger der Gleichheit! Taranteln seid ihr mir und versteckte Rachsüchtige!

1109

Thus I speak to you in parable, you who make souls reel, you preachers of equality! Tarantulas you are to me, and hidden vengeful ones!

1110

Aber ich will eure Verstecke schon ans Licht bringen: darum lache ich euch ins Antlitz mein Gelächter der Höhe.

1110

But I shall drag your hiding places into light: therefore I laugh my laughter of heights into your faces!

1111

Darum reiße ich an eurem Netze, daß eure Wut euch aus eurer Lügen-Höhle locke, und eure Rache hervorspringe hinter eurem Wort »Gerechtigkeit«.

1111

Therefore I tear at your web, that your fury may lure you from your liar’s den, and your revenge spring forth from behind your word ‘justice’.

1112

Denn daß der Mensch erlöst werde von der Rache: das ist mir die Brücke zur höchsten Hoffnung und ein Regenbogen nach langen Unwettern.

1112

For that man be redeemed from revenge: that is to me the bridge to the highest hope and a rainbow after long tempests.

1113

Aber anders wollen es freilich die Taranteln. »Das gerade heiße uns Gerechtigkeit, daß die Welt voll werde von den Unwettern unsrer Rache« – also reden sie miteinander.

1113

But differently indeed do the tarantulas will it. ‘What we call justice is precisely that the world become filled with the tempests of our revenge’ – thus they speak among themselves.

1114

»Rache wollen wir üben und Beschimpfung an allen, die uns nicht gleich sind« – so geloben sich die Tarantel-Herzen.

1114

‘Vengeance we shall wreak and insult upon all who are not our equals’ – thus do the tarantula-hearts pledge.

1115

»Und ›Wille zur Gleichheit‹ – das selber soll fürderhin der Name für Tugend werden; und gegen alles, was Macht hat, wollen wir unser Geschrei erheben!«

1115

‘And “will to equality” – that itself shall henceforth be the name for virtue; and against all that has power we shall raise our outcry!’

1116

Ihr Prediger der Gleichheit, der Tyrannen-Wahnsinn der Ohnmacht schreit also aus euch nach »Gleichheit«: eure heimlichsten Tyrannen-Gelüste vermummen sich also in Tugend-Worte!

1116

You preachers of equality, the tyrant-madness of impotence cries thus from you for ‘equality’: your most secret tyrant-lusts thus disguise themselves in virtue-words!

1117

Vergrämter Dünkel, verhaltener Neid, vielleicht eurer Väter Dünkel und Neid: aus euch bricht's als Flamme heraus und Wahnsinn der Rache.

1117

Grimacing arrogance, stifled envy, perhaps the arrogance and envy of your fathers: from you it breaks forth as flame and madness of revenge.

1118

Was der Vater schwieg, das kommt im Sohne zum Reden; und oft fand ich den Sohn als des Vaters entblößtes Geheimnis.

1118

What the father kept silent, speaks in the son; and often have I found the son the unveiled secret of the father.

1119

Den Begeisterten gleichen sie: aber nicht das Herz ist es, was sie begeistert – sondern die Rache. Und wenn sie fein und kalt werden, ist's nicht der Geist, sondern der Neid, der sie fein und kalt macht.

1119

They resemble the inspired: yet it is not the heart that inspires them – but revenge. And when they grow subtle and cold, it is not spirit but envy that makes them subtle and cold.

1120

Ihre Eifersucht führt sie auch auf der Denker Pfade; und dies ist das Merkmal ihrer Eifersucht – immer gehn sie zu weit: daß ihre Müdigkeit sich zuletzt noch auf Schnee schlafen legen muß.

1120

Their jealousy leads them even on thinkers’ paths; and this is the sign of their jealousy – they always go too far: till their weariness must at last lie down to sleep in snow.

1121

Aus jeder ihrer Klagen tönt Rache, in jedem ihrer Lobsprüche ist ein Wehetun; und Richter-sein scheint ihnen Seligkeit.[357]

1121

From all their lamentations sounds revenge; in their praise there is malice; to be judges seems bliss to them.

1122

Also aber rate ich euch, meine Freunde: mißtraut allen, in welchen der Trieb, zu strafen, mächtig ist!

1122

Thus, however, do I counsel you, my friends: distrust all in whom the impulse to punish is powerful!

1123

Das ist Volk schlechter Art und Abkunft; aus ihren Gesichtern blickt der Henker und der Spürhund.

1123

They are people of bad lineage and descent; from their countenances peer the hangman and the sleuth-hound.

1124

Mißtraut allen denen, die viel von ihrer Gerechtigkeit reden! Wahrlich, ihren Seelen fehlt es nicht nur an Honig.

1124

Distrust all who talk much of their justice! Verily, their souls lack not only honey.

1125

Und wenn sie sich selber »die Guten und Gerechten« nennen, so vergeßt nicht, daß ihnen zum Pharisäer nichts fehlt als – Macht!

1125

And when they call themselves ‘the good and just,’ forget not that for them to be pharisees, nothing is lacking but – power!

1126

Meine Freunde, ich will nicht vermischt und verwechselt werden.

1126

My friends, I will not be mixed and confounded with others.

1127

Es gibt solche, die predigen meine Lehre vom Leben: und zugleich sind sie Prediger der Gleichheit und Taranteln.

1127

There are those who preach my doctrine of life: yet are they preachers of equality and tarantulas.

1128

Daß sie dem Leben zu Willen reden, ob sie gleich in ihrer Höhle sitzen, diese Gift-Spinnen, und abgekehrt vom Leben: das macht, sie wollen damit wehetun.


Solchen wollen sie damit wehetun, die jetzt die Macht haben: denn bei diesen ist noch die Predigt vom Tode am besten zu Hause.

1128

They wish thereby to hurt those who now have power: for among these the preaching of death is still most at home.

1129

Wäre es anders, so würden die Taranteln anders lehren: und gerade sie waren ehemals die besten Welt-Verleumder und Ketzer-Brenner.

1129

Were it otherwise, the tarantulas would teach differently: and verily, they themselves were once the foremost slanderers of the world and heretic-burners.

1130

Mit diesen Predigern der Gleichheit will ich nicht vermischt und verwechselt sein. Denn so redet mir die Gerechtigkeit: »die Menschen sind nicht gleich«.

1130

With these preachers of equality I will not be mixed and confounded. For thus speaks justice to me: ‘Men are not equal.’

1131

Und sie sollen es auch nicht werden! Was wäre denn meine Liebe zum Übermenschen, wenn ich anders spräche?

1131

Nor shall they become so! What would my love for the Overman be if I spoke otherwise?

1132

Auf tausend Brücken und Stegen sollen sie sich drängen zur Zukunft, und immer mehr Krieg und Ungleichheit soll zwischen sie gesetzt sein: so läßt mich meine große Liebe reden!

1132

Upon a thousand bridges and pathways shall they throng toward the future, and ever more war and inequality shall be set between them: thus speaks my great love!

1133

Erfinder von Bildern und Gespenstern sollen sie werden in ihren Feindschaften, und mit ihren Bildern und Gespenstern sollen sie noch gegeneinander den höchsten Kampf kämpfen!

1133

Inventors of images and ghosts shall they become in their hostilities, and with their images and ghosts they shall yet fight the supreme fight!

1134

Gut und böse, und reich und arm, und hoch und gering, und alle Namen der Werte: Waffen sollen es sein und klirrende Merkmale davon, daß das Leben sich immer wieder selber überwinden muß!

1134

Good and evil, and rich and poor, and high and low, and all names of values: these shall be weapons and clattering signs that life must ever overcome itself!

1135

In die Höhe will es sich bauen mit Pfeilern und Stufen, das Leben selber: in weite Fernen will es blicken und hinaus nach seligen Schönheiten – darum braucht es Höhe![358]

1135

Into heights it seeks to build itself with pillars and steps, life itself – into vast distances it seeks to gaze and toward blissful beauties – therefore it requires elevation![358]

1136

Und weil es Höhe braucht, braucht es Stufen und Widerspruch der Stufen und Steigenden! Steigen will das Leben und steigend sich überwinden.

1136

And since it requires elevation, it requires steps and contradiction of steps and climbers! Life desires to ascend and, ascending, to overcome itself.

1137

Und seht mir doch, meine Freunde! Hier, wo der Tarantel Höhle ist, heben sich eines alten Tempels Trümmer aufwärts – seht mir doch mit erleuchteten Augen hin!

1137

Behold now, my friends! Here where the tarantula’s den lies, the ruins of an ancient temple rise upward – gaze upon them with enlightened eyes!

1138

Wahrlich, wer hier einst seine Gedanken in Stein nach oben türmte, um das Geheimnis alles Lebens wußte er gleich dem Weisesten!

1138

Verily, he who once towered his thoughts in stone here knew life’s secret as intimately as the wisest!

1139

Daß Kampf und Ungleiches auch noch in der Schönheit sei, und Krieg um Macht und Übermacht: das lehrt er uns hier im deutlichsten Gleichnis.

1139

That strife and inequality exist even in beauty, and war for power and supremacy: this he teaches us here through the clearest metaphor.

1140

Wie sich göttlich hier Gewölbe und Bogen brechen, im Ringkampfe: wie mit Licht und Schatten sie wider einander streben, die göttlich-Strebenden –

1140

How divinely vaults and arches clash here in their wrestling: how light and shadow contend against each other, these divinely striving forms –

1141

Also sicher und schön laßt uns auch Feinde sein, meine Freunde! Göttlich wollen wir wider einander streben! –

1141

Thus let us too be enemies securely and beautifully, my friends! Divinely shall we strive against one another! –

1142

Wehe! Da biß mich selber die Tarantel, meine alte Feindin! Göttlich sicher und schön biß sie mich in den Finger!

1142

Alas! The tarantula itself has bitten me, my ancient foe! Divinely secure and beautiful, it sank its fangs into my finger!

1143

»Strafe muß sein und Gerechtigkeit« – so denkt sie: »nicht umsonst soll er hier der Feindschaft zu Ehren Lieder singen!«

1143

«Punishment must be met and justice served» – so it thinks: «not for naught shall he sing hymns here to the honor of enmity!»

1144

Ja, sie hat sich gerächt! Und wehe! nun wird sie mit Rache auch noch meine Seele drehend machen!

1144

Yes, it has taken vengeance! And alas! Now it will twist my soul with revenge as well!

1145

Daß ich mich aber nicht drehe, meine Freunde, bindet mich fest hier an diese Säule! Lieber noch Säulen-Heiliger will ich sein, als Wirbel der Rachsucht!

1145

But that I may not spin in frenzy, my friends, bind me fast to this pillar! Rather would I be a pillar-saint than a whirlwind of vengeance!

1146

Wahrlich, kein Dreh- und Wirbelwind ist Zarathustra; und wenn er ein Tänzer ist, nimmermehr doch ein Tarantel-Tänzer! –

1146

Truly, Zarathustra is no spinning maelstrom; and though he be a dancer, never shall he be a tarantella dancer! –

1147

Also sprach Zarathustra.[359]

1147

Thus spoke Zarathustra.[359]

1148

Von den berühmten Weisen

1148

Of the Famous Sages

1149

Dem Volke habt ihr gedient und des Volkes Aberglauben, ihr berühmten Weisen alle! – und nicht der Wahrheit! Und gerade darum zollte man euch Ehrfurcht.[359]

1149

You have served the people and the people’s superstition, all you famous sages! – and not the truth! For this very reason, they paid you reverence.[359]

1150

Und darum auch ertrug man euren Unglauben, weil er ein Witz und Umweg war zum Volke. So läßt der Herr seine Sklaven gewähren und ergötzt sich noch an ihrem Übermute.

1150

And thus they tolerated your unbelief, because it was a jest and detour to the people. So the master indulges his slaves, even delighting in their audacity.

1151

Aber wer dem Volke verhaßt ist wie ein Wolf den Hunden: das ist der freie Geist, der Fessel-Feind, der Nicht-Anbeter, der in Wäldern Hausende.

1151

But whoever is hated by the people as wolves are by dogs – that is the free spirit, the foe of fetters, the non-worshipper, the dweller in forests.

1152

Ihn zu jagen aus seinem Schlupfe – das hieß immer dem Volke »Sinn für das Rechte«: gegen ihn hetzt es noch immer seine scharfzahnigsten Hunde.

1152

To hunt him from his lair – this the people called «sense of righteousness»: against him they still set their sharpest-toothed hounds.

1153

»Denn die Wahrheit ist da: ist das Volk doch da! Wehe, wehe den Suchenden!« also scholl es von jeher.

1153

«For where the people are, there truth must dwell! Woe, woe to the seekers!» – thus it echoed through all ages.

1154

Eurem Volke wolltet ihr Recht schaffen in seiner Verehrung: das hießet ihr »Wille zur Wahrheit«, ihr berühmten Weisen!

1154

You sought to justify your people’s veneration: this you called «will to truth,» you famous sages!

1155

Und euer Herz sprach immer zu sich: »vom Volke kam ich: von dort her kam mir auch Gottes Stimme«.

1155

And your hearts always whispered: «From the people I came; from there too came the voice of God to me.»

1156

Hart-nackig und klug, dem Esel gleich, wart ihr immer als des Volkes Fürsprecher.

1156

Stubborn and cunning, like asses, you were ever the people’s advocates.

1157

Und mancher Mächtige, der gut fahren wollte mit dem Volke, spannte vor seine Rosse noch – ein Eselein, einen berühmten Weisen.

1157

And many a mighty one who sought smooth passage with the people harnessed before his steeds – a little ass, a famous sage.

1158

Und nun wollte ich, ihr berühmten Weisen, ihr würfet endlich das Fell des Löwen ganz von euch!

1158

Now, you famous sages, I wish you would at last cast off the lion’s skin entirely!

1159

Das Fell des Raubtiers, das buntgefleckte, und die Zotten des Forschenden, Suchenden, Erobernden!

1159

The pelt of the beast of prey, mottled and gaudy, the shaggy hide of the searcher, seeker, conqueror!

1160

Ach, daß ich an eure »Wahrhaftigkeit« glauben lerne, dazu müßtet ihr mir erst euren verehrenden Willen zerbrechen.

1160

Ah, that I might learn to believe in your “truthfulness”! For this, you must first shatter your reverential will.

1161

Wahrhaftig – so heiße ich den, der in götterlose Wüsten geht und sein verehrendes Herz zerbrochen hat.

1161

Truthful—thus I name him who ventures into godless deserts and has shattered his reverent heart.

1162

Im gelben Sande und verbrannt von der Sonne schielt er wohl durstig nach den quellenreichen Eilanden, wo Lebendiges unter dunkeln Bäumen ruht.

1162

In yellow sands, scorched by the sun, he peers thirstily toward isles rich with springs where life rests beneath shadowed trees.

1163

Aber sein Durst überredet ihn nicht, diesen Behaglichen gleich zu werden: denn wo Oasen sind, da sind auch Götzenbilder.

1163

Yet his thirst does not persuade him to become like those at ease: for where there are oases, there too are idols.

1164

Hungernd, gewalttätig, einsam, gottlos: so will sich selber der Löwen-Wille.

1164

Hungering, violent, lonesome, godless—thus the lion-will desires itself.

1165

Frei von dem Glück der Knechte, erlöst von Göttern und Anbetungen,[360] furchtlos und fürchterlich, groß und einsam: so ist der Wille des Wahrhaftigen.

1165

Free from the happiness of slaves, redeemed from gods and adorations, fearless and fearsome, great and solitary: such is the will of the truthful.

1166

In der Wüste wohnten von je die Wahrhaftigen, die freien Geister, als der Wüste Herren; aber in den Städten wohnen die gutgefütterten, berühmten Weisen – die Zugtiere.

1166

Since ancient times, the truthful ones, free spirits, have dwelled in deserts as their lords; but in cities dwell the well-fed famous sages—the beasts of burden.

1167

Immer nämlich ziehen sie, als Esel – des Volkes Karren!

1167

For ever they pull, as asses—the people’s carts!

1168

Nicht daß ich ihnen darob zürne: aber Dienende bleiben sie mir und Angeschirrte, auch wenn sie von goldnem Geschirre glänzen.


Und oft waren sie gute Diener und preiswürdige. Denn so spricht die Tugend: »Mußt du Diener sein, so suche den, welchem dein Dienst am besten nützt!

1168

And often they were good servants, worthy of praise. For thus speaks virtue: “If you must serve, seek him whom your service most benefits!

1169

Der Geist und die Tugend deines Herrn sollen wachsen, dadurch, daß du sein Diener bist: so wächsest du selber mit seinem Geiste und seiner Tugend!«

1169

The spirit and virtue of your master shall thrive through your service—so shall you grow with his spirit and virtue!”

1170

Und wahrlich, ihr berühmten Weisen, ihr Diener des Volkes! Ihr selber wuchset mit des Volkes Geist und Tugend – und das Volk durch euch! Zu euren Ehren sage ich das!

1170

And verily, you famous sages, servants of the people! You yourselves grew with the people’s spirit and virtue—and the people through you! This I say to your honor!

1171

Aber Volk bleibt ihr mir auch noch in euren Tugenden, Volk mit blöden Augen, – Volk, das nicht weiß, was Geist ist!

1171

Yet to me, you remain people even in your virtues—people with dull eyes, people who know not what spirit is!

1172

Geist ist das Leben, das selber ins Leben schneidet; an der eignen Qual mehrt es sich das eigne Wissen, – wußtet ihr das schon?

1172

Spirit is life that cuts into life itself; through its own agony, it increases its own knowledge—did you know this?

1173

Und des Geistes Glück ist dies: gesalbt zu sein und durch Tränen geweiht zum Opfertier, – wußtet ihr das schon?

1173

And the spirit’s joy is this: to be anointed and consecrated with tears as a sacrificial offering—did you know this?

1174

Und die Blindheit des Blinden und sein Suchen und Tappen soll noch von der Macht der Sonne zeugen, in die er schaute, – wußtet ihr das schon?

1174

The blindness of the blind, his seeking and groping, shall yet testify to the sun’s power into which he gazed—did you know this?

1175

Und mit Bergen soll der Erkennende bauen lernen! Wenig ist es, daß der Geist Berge versetzt, – wußtet ihr das schon?

1175

And with mountains shall the knower learn to build! It is little that spirit moves mountains—did you know this?

1176

Ihr kennt nur des Geistes Funken: aber ihr seht den Amboß nicht, der er ist, und nicht die Grausamkeit seines Hammers!

1176

You know only the spark of spirit: you do not see the anvil it is, nor the cruelty of its hammer!

1177

Wahrlich, ihr kennt des Geistes Stolz nicht! Aber noch weniger würdet ihr des Geistes Bescheidenheit ertragen, wenn sie einmal reden wollte!

1177

Truly, you know not the spirit’s pride! Still less would you endure the spirit’s humility, should it ever speak!

1178

Und niemals noch durftet ihr euren Geist in eine Grube von Schnee werfen: ihr seid nicht heiß genug dazu! So kennt ihr auch die Entzückungen seiner Kälte nicht.[361]

1178

Never yet have you cast your spirit into a pit of snow: you are not hot enough for that! Thus you know nothing of the ecstasies of its cold.

1179

In allem aber tut ihr mir zu vertraulich mit dem Geiste; und aus der Weisheit machtet ihr oft ein Armen- und Krankenhaus für schlechte Dichter.

1179

In all things, you behave too familiarly with spirit; and from wisdom, you have often made a poorhouse for bad poets.

1180

Ihr seid keine Adler: so erfuhrt ihr auch das Glück im Schrecken des Geistes nicht. Und wer kein Vogel ist, soll sich nicht über Abgründen lagern.

1180

You are no eagles: thus you have never known the bliss in the spirit’s terror. And whoever is no bird should not dwell above abysses.

1181

Ihr seid mir Laue: aber kalt strömt jede tiefe Erkenntnis. Eiskalt sind die innersten Brunnen des Geistes: ein Labsal heißen Händen und Handelnden.

1181

You are lukewarm to me: but all deep knowledge flows cold. Icy-cold are the innermost wells of spirit—a refreshment to hot hands and doers.

1182

Ehrbar steht ihr mir da und steif und mit geradem Rücken, ihr berühmten Weisen! – euch treibt kein starker Wind und Wille.

1182

Honorable you stand before me, rigid and straight-backed, you famous sakes!—no strong wind or will drives you.

1183

Saht ihr nie ein Segel über das Meer gehn, geründet und gebläht und zitternd vor dem Ungestüm des Windes?

1183

Have you never seen a sail cross the sea, rounded and billowed, trembling before the storm’s fury?

1184

Dem Segel gleich, zitternd vor dem Ungestüm des Geistes, geht meine Weisheit über das Meer – meine wilde Weisheit!

1184

Like that sail, quivering before the spirit’s tempest, my wisdom traverses the sea — my wild wisdom!

1185

Aber ihr Diener des Volkes, ihr berühmten Weisen – wie könntet ihr mit mir gehn! –

1185

But you servants of the people, you famous sages — how could you journey with me! —

1186

Also sprach Zarathustra.[362]

1186

Thus spoke Zarathustra.[362]

1187

Das Nachtlied

1187

The Night-Song

1188

Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch meine Seele ist ein springender Brunnen.

1188

Night it is: now all gushing fountains speak louder. And my soul too is a gushing fountain.

1189

Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine Seele ist das Lied eines Liebenden.

1189

Night it is: now all songs of lovers awaken. And my soul too is the song of a lover.

1190

Ein Ungestilltes, Unstillbares ist in mir; das will laut werden. Eine Begierde nach Liebe ist in mir, die redet selber die Sprache der Liebe.

1190

A thing unstilled, unstillable, is within me; it clamors to be heard. A craving for love is in me, which itself speaks the language of love.

1191

Licht bin ich: ach, daß ich Nacht wäre! Aber dies ist meine Einsamkeit, daß ich von Licht umgürtet bin.

1191

Light am I: ah, that I were night! Yet this is my solitude, to be girded by light.

1192

Ach, daß ich dunkel wäre und nächtig! Wie wollte ich an den Brüsten des Lichts saugen!

1192

Ah, that I were dark and nocturnal! How I would suckle at the breasts of light!

1193

Und euch selber wollte ich noch segnen, ihr kleinen Funkelsterne und Leuchtwürmer droben! – und selig sein ob eurer Licht-Geschenke.

1193

And even you I would bless, you little sparkling stars and glowworms above! — and rejoice in the gifts of your light.

1194

Aber ich lebe in meinem eignen Lichte, ich trinke die Flammen in mich zurück, die aus mir brechen.[362]

1194

Yet I dwell in my own light; I drink back the flames that burst from me.[362]

1195

Ich kenne das Glück des Nehmenden nicht; und oft träumte mir davon, daß Stehlen noch seliger sein müsse als Nehmen.

1195

I know not the happiness of the receiver; often I dream that stealing must be more blessed than receiving.

1196

Das ist meine Armut, daß meine Hand niemals ausruht vom Schenken; das ist mein Neid, daß ich wartende Augen sehe und die erhellten Nächte der Sehn sucht.

1196

This is my poverty: my hand never rests from giving; this is my envy: I see waiting eyes and the lit nights of longing.

1197

O Unseligkeit aller Schenkenden! O Verfinsterung meiner Sonne! O Begierde nach Begehren! O Heißhunger in der Sättigung!

1197

O misery of all givers! O eclipse of my sun! O craving for desire! O ravenous hunger in satiety!

1198

Sie nehmen von mir: aber rühre ich noch an ihre Seele? Eine Kluft ist zwischen Geben und Nehmen; und die kleinste Kluft ist am letzten zu überbrücken.

1198

They take from me: yet do I touch their souls? A chasm lies between giving and receiving; and the smallest chasm is hardest to bridge.

1199

Ein Hunger wächst aus meiner Schönheit: wehetun möchte ich denen, welchen ich leuchte, berauben möchte ich meine Beschenkten – also hungere ich nach Bosheit.

1199

A hunger grows from my beauty: I would inflict pain on those I illuminate, plunder those I have gifted — thus I hunger for malice.

1200

Die Hand zurückziehend, wenn sich schon ihr die Hand entgegenstreckt; dem Wasserfalle gleich zögernd, der noch im Sturze zögert – also hungere ich nach Bosheit.

1200

To withdraw my hand when another’s hand already reaches toward it; to hesitate, like the waterfall that delays even in its plunge — thus I hunger for malice.

1201

Solche Rache sinnt meine Fülle aus: solche Tücke quillt aus meiner Einsamkeit.

1201

Such vengeance brews from my abundance; such spite flows from my solitude.

1202

Mein Glück im Schenken erstarb im Schenken, meine Tugend wurde ihrer selber müde an ihrem Überflusse!

1202

My joy in giving perished in giving; my virtue wearied of itself through its excess!

1203

Wer immer schenkt, dessen Gefahr ist, daß er die Scham verliere; wer immer austeilt, dessen Hand und Herz hat Schwielen vor lauter Austeilen.

1203

Whoever gives perpetually risks losing all shame; whoever dispenses perpetually grows calluses on hands and heart from sheer dispensing.

1204

Mein Auge quillt nicht mehr über vor der Scham der Bittenden; meine Hand wurde zu hart für das Zittern gefüllter Hände.

1204

My eye no longer brims with shame at supplicants’ pleas; my hand has grown too hard for the trembling of filled hands.

1205

Wohin kam die Träne meinem Auge und der Flaum meinem Herzen? O Einsamkeit aller Schenkenden! O Schweigsamkeit aller Leuchtenden!

1205

Where have the tears gone from my eyes, the down from my heart? O solitude of all givers! O silence of all Radiant Ones!

1206

Viel Sonnen kreisen im öden Raume: zu allem, was dunkel ist, reden sie mit ihrem Lichte – mir schweigen sie.

1206

Many suns circle in barren space: to all that is dark, they speak with their light — to me, they are mute.

1207

O dies ist die Feindschaft des Lichts gegen Leuchtendes, erbarmungslos wandelt es seine Bahnen.

1207

O this is the light’s enmity toward the Radiant: mercilessly it pursues its course.

1208

Unbillig gegen Leuchtendes im tiefsten Herzen, kalt gegen Sonnen – also wandelt jede Sonne.

1208

Unjust toward the Radiant in its deepest heart, cold toward suns — thus every sun journeys.

1209

Einem Sturme gleich fliegen die Sonnen ihre Bahnen, das ist ihr Wandeln. Ihrem unerbittlichen Willen folgen sie, das ist ihre Kälte.[363]

1209

Like a tempest, suns fly their orbits — such is their wandering. They follow their relentless will — such is their coldness.[363]

1210

Oh, ihr erst seid es, ihr Dunklen, ihr Nächtigen, die ihr Wärme schafft aus Leuchtendem! Oh, ihr erst trinkt euch Milch und Labsal aus des Lichtes Eutern!

1210

Oh, it is you, you dark ones, you nightly ones, who create warmth from the Radiant! Oh, you alone drink milk and balm from light’s udders!

1211

Ach, Eis ist um mich, meine Hand verbrennt sich an Eisigem! Ach, Durst ist in mir, der schmachtet nach eurem Durste!

1211

Ah, ice surrounds me; my hand burns against frozen cold! Ah, thirst is in me, which languishes for your thirst!

1212

Nacht ist es: ach daß ich Licht sein muß! Und Durst nach Nächtigem! Und Einsamkeit!

1212

Night it is: ah that I must be light! And thirst for the nocturnal! And solitude!

1213

Nacht ist es: nun bricht wie ein Born aus mir mein Verlangen – – nach Rede verlangt mich.

1213

Night it is: now breaks forth from me like a wellspring my longing—verily, a craving for speech seizes me.

1214

Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch meine Seele ist ein springender Brunnen.

1214

Night it is: now louder speak all gushing fountains. And my soul too is a gushing fountain.

1215

Nacht ist es: nun erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine Seele ist das Lied eines Lieben den. –

1215

Night it is: now awaken all songs of lovers. And my soul too is the song of a lover.—

1216

Also sang Zarathustra.[364]

1216

Thus sang Zarathustra.[364]

1217

Das Tanzlied

1217

The Dance Song

1218

Eines Abends ging Zarathustra mit seinen Jüngern durch den Wald; und als er nach einem Brunnen suchte, siehe, da kam er auf eine grüne Wiese, die von Bäumen und Gebüsch still umstanden war: auf der tanzten Mädchen miteinander. Sobald die Mädchen Zarathustra erkannten, ließen sie vom Tanze ab; Zarathustra aber trat mit freundlicher Gebärde zu ihnen und sprach diese Worte:

1218

One evening Zarathustra walked through the forest with his disciples; and as he sought a well, behold, he came upon a green meadow, still encircled by trees and thickets: there maidens were dancing together. When the maidens recognized Zarathustra, they ceased their dance; yet Zarathustra approached them with kindly gesture and spoke these words:

1219

»Laßt vom Tanze nicht ab, ihr lieblichen Mädchen! Kein Spielverderber kam zu euch mit bösem Blick, kein Mädchen-Feind.

1219

“Do not cease your dancing, you lovely maidens! No spoilsport has come to you with evil eye, no foe of maidens.

1220

Gottes Fürsprecher bin ich vor dem Teufel: der aber ist der Geist der Schwere. Wie sollte ich, ihr Leichten, göttlichen Tänzen feind sein? Oder Mädchen-Füßen mit schönen Knöcheln?

1220

God’s advocate am I before the devil: yet the devil is the Spirit of Gravity. How should I, you lithe ones, be hostile to divine dances? Or to maidens’ feet with fair ankles?

1221

Wohl bin ich ein Wald und eine Nacht dunkler Bäume: doch wer sich vor meinem Dunkel nicht scheut, der findet auch Rosenhänge unter meinen Zypressen.

1221

True, I am a forest and a night of dark trees: but whoever does not fear my darkness will find rose-slopes beneath my cypresses.

1222

Und auch den kleinen Gott findet er wohl, der den Mädchen der liebste ist: neben dem Brunnen liegt er, still, mit geschlossenen Augen.

1222

And even the little god may he find, dearest to maidens: beside the spring he lies, still, with closed eyes.

1223

Wahrlich, am hellen Tage schlief er mir ein, der Tagedieb! Haschte er wohl zuviel nach Schmetterlingen?

1223

Verily, in broad daylight he fell asleep, the sluggard! Did he chase too many butterflies?

1224

Zürnt mir nicht, ihr schönen Tanzenden, wenn ich den kleinen[364] Gott ein wenig züchtige! Schreien wird er wohl und weinen – aber zum Lachen ist er noch im Weinen!

1224

Be not wroth with me, you fair dancers, if I chasten the little[364] god somewhat! He will cry and weep, I wager—but his weeping is ever laughable!

1225

Und mit Tränen im Auge soll er euch um einen Tanz bitten; und ich selber will ein Lied zu seinem Tanze singen:

1225

And with tears in his eyes shall he beg you for a dance; and I myself will sing a song for his dance:

1226

Ein Tanz- und Spottlied auf den Geist der Schwere, meinen allerhöchsten großmächtigsten Teufel, von dem sie sagen, daß er ›der Herr der Welt‹ sei.« –

1226

A dancing and mocking song against the Spirit of Gravity, my supreme, mightiest devil, of whom they say he is ‘the lord of this world.’”—

1227

Und dies ist das Lied, welches Zarathustra sang, als Kupido und die Mädchen zusammen tanzten:

1227

And this is the song Zarathustra sang as Cupid and the maidens danced together:

1228

In dein Auge schaute ich jüngst, oh Leben! Und ins Unergründliche schien ich mir da zu sinken.

1228

Into your eyes I gazed of late, O Life! And into the unfathomable I seemed to sink.

1229

Aber du zogst mich mit goldner Angel heraus; spöttisch lachtest du, als ich dich unergründlich nannte.

1229

But you drew me forth with golden angler’s rod; mocking you laughed when I called you unfathomable.

1230

»So geht die Rede aller Fische«, sprachst du; »was sie nicht ergründen, ist unergründlich.

1230

“So runs the speech of all fish,” you said; “what they fathom not is unfathomable.

1231

Aber veränderlich bin ich nur und wild und in allem ein Weib, und kein tugendhaftes:

1231

Yet mutable am I only, and wild, and in all things a woman—and no virtuous one:

1232

Ob ich schon euch Männern ›die Tiefe‹ heiße oder ›die Treue‹, ›die Ewige‹, die ›Geheimnisvolle‹

1232

Though you men name me ‘the Abyss’ or ‘Fidelity,’ ‘the Eternal,’ ‘the Mysterious’—

1233

Doch ihr Männer beschenkt uns stets mit den eignen Tugenden – ach, ihr Tugendhaften!«

1233

But you men ever endow us with your own virtues—ah, you virtuous ones!”

1234

Also lade sie, die Unglaubliche; aber ich glaube ihr niemals und ihrem Lachen, wenn sie bös von sich selber spricht.

1234

Thus laughed the Incredible One; yet I never believe her and her laughter when she speaks ill of herself.

1235

Und als ich unter vier Augen mit meiner wilden Weisheit redete, sagte sie mir zornig: »Du willst, du begehrst, du liebst, darum allein lobst du das Leben!«

1235

And when I talked face to face with my wild Wisdom, she said to me wrathfully: “You will, you crave, you love—therefore alone do you praise Life!”

1236

Fast hätte ich da bös geantwortet und der Zornigen die Wahrheit gesagt; und man kann nicht böser antworten, als wenn man seiner Weisheit »die Wahrheit sagt«.

1236

Almost had I answered wrathfully then and told the angry one the truth; and one cannot answer more wrathfully than by telling one’s Wisdom “the truth.”

1237

So nämlich steht es zwischen uns dreien. Von Grund aus liebe ich nur das Leben – und, wahrlich, am meisten dann, wenn ich es hasse!

1237

For thus stands our trinity. From the heart’s core I love only Life—and verily, most when I hate her!

1238

Daß ich aber der Weisheit gut bin und oft zu gut: das macht, sie erinnert mich gar sehr an das Leben!

1238

Yet that I am fond of Wisdom, and oft too fond: this makes—she reminds me so mightily of Life!

1239

Sie hat ihr Auge, ihr Lachen und sogar ihr goldnes Angelrütchen: was kann ich dafür, daß die beiden sich so ähnlich sehn?[365]

1239

She has her eye, her laughter, even her golden angling reed: what can I do that the two should look so alike?[365]

1240

Und als mich einmal das Leben fragte: Wer ist denn das, die Weisheit? – da sagte ich eifrig: »Ach ja! die Weisheit!

1240

And when Life once asked me: "Who then is this Wisdom?" – I answered eagerly: "Ah yes! Wisdom!

1241

Man dürstet um sie und wird nicht satt, man blickt durch Schleier, man hascht durch Netze.

1241

One thirsts for her yet is never sated, peers through veils, grasps through nets.

1242

Ist sie schön? Was weiß ich! Aber die ältesten Karpfen werden noch mit ihr geködert.

1242

Is she beautiful? What do I know! Yet even the oldest carp are lured by her.

1243

Veränderlich ist sie und trotzig; oft sah ich sie sich die Lippe beißen und den Kamm wider ihres Haares Strich führen.

1243

Mutable she is and defiant; oft I saw her bite her lip and comb her hair against its grain.

1244

Vielleicht ist sie böse und falsch, und in allem ein Frauenzimmer; aber wenn sie von sich selber schlecht spricht, da gerade verführt sie am meisten.«

1244

Perhaps she is wicked and false, in all things a woman; but when she speaks ill of herself, then most does she seduce."

1245

Als ich dies zu dem Leben sagte, da lachte es boshaft und machte die Augen zu. »Von wem redest du doch? sagte es, wohl von mir?

1245

When I spoke thus to Life, it laughed maliciously and closed its eyes. "Of whom do you speak?" it said, "Surely of me?

1246

Und wenn du Recht hättest – sagt man das mir so ins Gesicht! Aber nun sprich doch auch von deiner Weisheit!«

1246

And were you right – must you say such things to my face! Now speak also of your Wisdom!"

1247

Ach, und nun machtest du wieder dein Auge auf, oh geliebtes Leben! Und ins Unergründliche schien ich mir wieder zu sinken. –

1247

Ah, and now you opened your eyes again, oh beloved Life! And into unfathomable depths I seemed once more to sink. –

1248

Also sang Zarathustra. Als aber der Tanz zu Ende und die Mädchen fortgegangen waren, wurde er traurig.

1248

Thus sang Zarathustra. But when the dance ended and the maidens departed, he grew sorrowful.

1249

»Die Sonne ist lange schon hinunter«, sagte er endlich; »die Wiese ist feucht, von den Wäldern her kommt Kühle.

1249

"The sun has long since set," he said at last; "the meadow lies damp, from the woods comes chill.

1250

Ein Unbekanntes ist um mich und blickt nachdenklich. Was! Du lebst noch, Zarathustra?

1250

An unknown presence surrounds me, gazing pensively. What! Do you still live, Zarathustra?

1251

Warum? Wofür? Wodurch? Wohin? Wo? Wie? Ist es nicht Torheit, noch zu leben? –

1251

Why? Wherefore? Through what? Whither? Where? How? Is it not folly yet to live? –

1252

Ach, meine Freunde, der Abend ist es, der so aus mir fragt. Vergebt mir meine Traurigkeit!

1252

Ah, my friends, it is the evening that questions thus through me. Forgive my melancholy!

1253

Abend ward es: vergebt mir, daß es Abend ward!«

1253

Evening has come: forgive me that evening has come!"

1254

Also sprach Zarathustra.[366]

1254

Thus spoke Zarathustra.[366]

1255

Das Grablied

1255

The Grave-Song

1256

»Dort ist die Gräberinsel, die schweigsame; dort sind auch die Gräber meiner Jugend. Dahin will ich einen immergrünen Kranz des Lebens tragen.«

1256

"Yonder lies the isle of graves, the silent place; there too are the tombs of my youth. Thither will I bear an evergreen wreath of life."

1257

Also im Herzen beschließend fuhr ich über das Meer. –[366]

1257

Thus resolving in my heart, I sailed across the sea. –[366]

1258

Oh ihr, meiner Jugend Gesichte und Erscheinungen! Oh, ihr Blicke der Liebe alle, ihr göttlichen Augenblicke! Wie starbt ihr mir so schnell! Ich gedenke eurer heute wie meiner Toten.

1258

Oh visions and apparitions of my youth! Oh all glances of love, ye divine moments! How swiftly you perished! Today I remember you as I remember the dead.

1259

Von euch her, meinen liebsten Toten, kommt mir ein süßer Geruch, ein herz- und tränenlösender. Wahrlich, er erschüttert und löst das Herz dem einsam Schiffenden.

1259

From you, my dearest departed, comes a sweet fragrance, heart-rending and tear-loosing. Verily, it stirs and melts the heart of this solitary mariner.

1260

Immer noch bin ich der Reichste und Bestzubeneidende – ich der Einsamste! Denn ich hatte euch doch, und ihr habt mich noch: sagt, wem fielen, wie mir, solche Rosenäpfel vom Baume?

1260

Still am I the richest and most-to-be-envied – I, the loneliest! For I possessed you, and you possess me still: say, to whom fell such rose-apples from the tree as fell to me?

1261

Immer noch bin ich eurer Liebe Erbe und Erdreich, blühend zu eurem Gedächtnisse von bunten wildwachsenen Tugenden, oh ihr Geliebtesten!

1261

Still am I the heir and fertile soil of your love, blooming in commemoration of your memory with motley wild-grown virtues, oh most beloved ones!

1262

Ach, wir waren gemacht, einander nahe zu bleiben, ihr holden fremden Wunder; und nicht schüchternen Vögeln gleich kamt ihr zu mir und meiner Begierde – nein, als Trauende zu dem Trauenden!

1262

Ah, we were fashioned to dwell near one another, ye gracious alien wonders; not like timid birds did you come to me and my longing – nay, as trusting ones to the trustful!

1263

Ja, zur Treue gemacht, gleich mir, und zu zärtlichen Ewigkeiten: muß ich nun euch nach eurer Untreue heißen, ihr göttlichen Blicke und Augenblicke: keinen andern Namen lernte ich noch.

1263

Yea, made for faithfulness, like me, and for tender eternities: now must I name you after your faithlessness, ye divine glances and moments: no other name have I yet learned.

1264

Wahrlich, zu schnell starbt ihr mir, ihr Flüchtlinge. Doch floht ihr mich nicht, noch floh ich euch: unschuldig sind wir einander in unsrer Untreue.

1264

Verily, too swiftly did you perish, ye fugitives. Yet you fled not from me, nor I from you: innocent are we toward each other in our faithlessness.

1265

Mich zu töten, erwürgte man euch, ihr Singvögel meiner Hoffnungen! Ja, nach euch, ihr Liebsten, schoß immer die Bosheit Pfeile – mein Herz zu treffen!

1265

To slay me, they strangled you, ye songbirds of my hopes! Yea, at you, ye dearest ones, malice ever shot arrows – to pierce my heart!

1266

Und sie traf! Wart ihr doch stets mein Herzlichstes, mein Besitz und mein Besessen-sein: darum mußtet ihr jung sterben und allzu frühe!

1266

And it struck true! You were ever my most heartfelt possession and obsession: therefore you had to die young and all too soon!

1267

Nach dem Verwundbarsten, das ich besaß, schoß man den Pfeil: das waret ihr, denen die Haut einem Flaume gleich ist und mehr noch dem Lächeln, das an einem Blick erstirbt!

1267

At the most vulnerable thing I owned was the arrow shot – which was you, whose skin resembles down and still more a smile that perishes at a glance!

1268

Aber dies Wort will ich zu meinen Feinden reden: was ist alles Menschen-Morden gegen das, was ihr mir tatet!

1268

But this word I shall speak to my enemies: what is all human slaughter compared to what you did to me!

1269

Böseres tatet ihr mir, als aller Menschen-Mord ist; Unwiederbringliches nahmt ihr mir – also rede ich zu euch, meine Feinde!

1269

You did me worse evil than all murder – you took from me the irrecoverable! Thus I speak to you, my enemies!

1270

Mordetet ihr doch meiner Jugend Gesichte und liebste Wunder! Meine Gespielen nahmt ihr mir, die seligen Geister! Ihrem Gedächtnisse lege ich diesen Kranz und diesen Fluch nieder.[367]

1270

Murderers of my youth's visions and dearest wonders! You took from me my playmates, those blessed spirits! To their memory I lay this wreath and this curse.[367]

1271

Diesen Fluch gegen euch, meine Feinde! Machtet ihr doch mein Ewiges kurz, wie ein Ton zerbricht in kalter Nacht!

1271

This curse upon you, my enemies! You made my eternal brief as a tone shattering in cold night!

1272

Kaum als Aufblinken göttlicher Augen kam es mir nur – als Augenblick!

1272

Scarce as the flicker of divine eyes it came to me – for but a moment!

1273

Also sprach zur guten Stunde einst meine Reinheit: »göttlich sollen mir alle Wesen sein.«

1273

Thus spoke my purity in good hour: "All beings shall be divine to me."

1274

Da überfielt ihr mich mit schmutzigen Gespenstern; ach, wohin floh »nun jene gute Stunde!

1274

Then you assailed me with filthy specters; ah, whither fled that "good hour" now?

1275

Alle Tage sollen mir heilig sein« – so redete einst die Weisheit meiner Jugend: wahrlich, einer fröhlichen Weisheit Rede!

1275

"All my days shall be holy" – thus spoke once my youthful wisdom: verily, the language of joyous wisdom!

1276

Aber da stahlt ihr Feinde mir meine Nächte und verkauftet sie zu schlafloser Qual: ach, wohin floh nun jene fröhliche Weisheit?

1276

But then you enemies stole my nights and sold them to sleepless torment: ah, whither fled that joyous wisdom now?

1277

Einst begehrte ich nach glücklichen Vogelzeichen: da führtet ihr mir ein Eulen-Untier über den Weg, ein widriges. Ach, wohin floh da meine zärtliche Begierde?

1277

Once I longed for happy bird-omens: then you led an owl-monster across my path, an odious thing. Ah, whither fled my tender longing then?

1278

Allem Ekel gelobte ich einst zu entsagen: da verwandeltet ihr meine Nahen und Nächsten in Eiterbeulen. Ach, wohin floh da mein edelstes Gelöbnis?

1278

I vowed once to renounce all disgust: then you transformed my nearest and dearest into festering sores. Ah, whither fled my noblest vow then?

1279

Als Blinder ging ich einst selige Wege: da warft ihr Unflat auf den Weg des Blinden: und nun ekelt ihn des alten Blinden-Fußsteigs.

1279

As a blind man I once walked blessed paths: then you cast filth upon the blind man's way: and now he loathes the old blind footpath.

1280

Und als ich mein Schwerstes tat und meiner Überwindungen Sieg feierte: da machtet ihr die, welche mich liebten, schrein, ich tue ihnen am wehesten.

1280

And when I performed my hardest task and celebrated my victories of overcoming: then you made those who loved me cry that I wounded them most sorely.

1281

Wahrlich, das war immer euer Tun: ihr vergälltet mir meinen besten Honig und den Fleiß meiner besten Bienen.

1281

Verily, this was ever your doing: you soured for me the honey of my best labor and the industry of my finest bees.

1282

Meiner Mildtätigkeit sandtet ihr immer die frechsten Bettler zu; um mein Mitleiden drängtet ihr immer die unheilbar Schamlosen. So verwundetet ihr meine Tugenden in ihrem Glauben.

1282

To my charity you always sent the boldest beggars; around my pity you crowded the incurably shameless. Thus you wounded my virtues in their faith.

1283

Und legte ich noch mein Heiligstes zum Opfer hin: flugs stellte eure »Frömmigkeit« ihre fetteren Gaben dazu: also daß im Dampfe eures Fettes noch mein Heiligstes erstickte.

1283

And when I laid my holiest offering upon the altar: swiftly your "piety" placed its fatter gifts beside it, till my holiest choked in the fumes of your grease.

1284

Und einst wollte ich tanzen, wie nie ich noch tanzte: über alle Himmel weg wollte ich tanzen. Da überredetet ihr meinen liebsten Sänger.

1284

And once I wished to dance as never I danced: I would dance beyond all heavens. Then you seduced my dearest singer.

1285

Und nun stimmte er eine schaurige dumpfe Weise an; ach, er tutete mir wie ein düsteres Horn zu Ohren![368]

1285

And now he struck up a ghastly, hollow tune; ah, it droned in my ears like a mournful horn![368]

1286

Mörderischer Sänger, Werkzeug der Bosheit, Unschuldigster! Schon stand ich bereit zum besten Tanze: da mordetest du mit deinen Tönen meine Verzückung!

1286

Murderous minstrel, instrument of malice, most innocent one! I stood ready for the finest dance: then you slew my ecstasy with your tones!

1287

Nur im Tanze weiß ich der höchsten Dinge Gleichnis zu reden – und nun blieb mir mein höchstes Gleichnis ungeredet in meinen Gliedern!

1287

Only in dance can I speak the parable of highest things – and now my highest parable remained unspoken in my limbs!

1288

Ungeredet und unerlöst blieb mir die höchste Hoffnung! Und es starben mir alle Gesichte und Tröstungen meiner Jugend!

1288

Unspoken and unredeemed remained my highest hope! And all the visions and consolations of my youth died!

1289

Wie ertrug ich's nur? Wie verwand und überwand ich solche Wunden? Wie erstand meine Seele wieder aus diesen Gräbern?

1289

How did I endure it? How did I survive and surmount such wounds? How did my soul rise again from these tombs?

1290

Ja, ein Unverwundbares, Unbegrabbares ist an mir, ein Felsensprengendes: das heißt mein Wille. Schweigsam schreitet es und unverändert durch die Jahre.

1290

Yea, there is within me an unassailable, unburiable force – a rock-shattering force: this is called my will. Silently it strides through the years, immutable.

1291

Seinen Gang will er gehn auf meinen Füßen, mein alter Wille; herzenshart ist ihm der Sinn und unverwundbar.

1291

Its course shall be walked upon my feet, my ancient will; heart-hardened is its intent and invulnerable.

1292

Unverwundbar bin ich allein an meiner Ferse. Immer noch lebst du da und bist dir gleich, Geduldigster! Immer noch brachst du dich durch alle Gräber!

1292

Invulnerable am I only at my heel. There you still dwell, ever unchanged, Most Patient One! Still you have broken through all graves!

1293

In dir lebt auch noch das Unerlöste meiner Jugend; und als Leben und Jugend sitzest du hoffend hier auf gelben Grab-Trümmern.

1293

In you too lives the unredeemed of my youth; as life and youth itself, you sit hopeful upon yellow shards of graves.

1294

Ja, noch bist du mir aller Gräber Zertrümmerer: Heil dir, mein Wille! Und nur wo Gräber sind, gibt es Auferstehungen. –

1294

Yea, you remain to me the destroyer of all tombs: Hail to you, my will! And only where graves exist can there be resurrections. –

1295

Also sang Zarathustra.[369]

1295

Thus sang Zarathustra.[369]

1296

Von der Selbst-Überwindung

1296

On Self-Overcoming

1297

»Wille zur Wahrheit« heißt ihr's, ihr Weisesten, was euch treibt und brünstig macht?

1297

“Will to truth” you call it, you wisest ones, that which drives and inflames you?

1298

Wille zur Denkbarkeit alles Seienden: also heiße ich euren Willen!

1298

Will to thinkability of all that exists: thus I name your will!

1299

Alles Seiende wollt ihr erst denkbar machen: denn ihr zweifelt mit gutem Mißtrauen, ob es schon denkbar ist.

1299

All that exists you first wish to render thinkable: for with rightful mistrust you question whether it is already thinkable.

1300

Aber es soll sich euch fügen und biegen! So will's euer Wille. Glatt soll es werden und dem Geiste untertan, als sein Spiegel und Widerbild.

1300

Yet it shall bend and yield to you! Thus your will demands. Smooth it must become, subservient to the spirit, as its mirror and reflection.

1301

Das ist euer ganzer Wille, ihr Weisesten, als ein Wille zur Macht; und auch wenn ihr vom Guten und Bösen redet und von den Wertschätzungen.[369]

1301

This is your entire will, you wisest ones – a will to power; even when you speak of good and evil and value-valuations.[369]

1302

Schaffen wollt ihr noch die Welt, vor der ihr knien könnt: so ist es eure letzte Hoffnung und Trunkenheit.

1302

You still wish to create a world before which you can kneel: such is your ultimate hope and intoxication.

1303

Die Unweisen freilich, das Volk – die sind gleich dem Flusse, auf dem ein Nachen weiter schwimmt: und im Nachen sitzen feierlich und vermummt die Wertschätzungen.

1303

The unwise, the folk – they are like a river upon which a skiff drifts onward; and in that skiff sit solemn and masked your value-valuations.

1304

Euren Willen und eure Werte setztet ihr auf den Fluß des Werdens; einen alten Willen zur Macht verrät mir, was vom Volke als gut und böse geglaubt wird.

1304

Your will and values you cast upon the river of becoming; what the folk deem good and evil betrays to me an ancient will to power.

1305

Ihr wart es, ihr Weisesten, die solche Gäste in diesen Nachen setzten und ihnen Prunk und stolze Namen gaben – ihr und euer herrschender Wille!

1305

You, you wisest ones, placed such guests into this skiff and gave them pomp and haughty names – you and your sovereign will!

1306

Weiter trägt nun der Fluß euren Nachen: er muß ihn tragen. Wenig tut's, ob die gebrochene Welle schäumt und zornig dem Kiele widerspricht!

1306

Now the river bears your skiff onward: it must bear it. Little matters if the shattered wave foams and angrily defies the keel!

1307

Nicht der Fluß ist eure Gefahr und das Ende eures Guten und Bösen, ihr Weisesten: sondern jener Wille selber, der Wille zur Macht – der unerschöpfte zeugende Lebens-Wille.

1307

Not the river is your peril and the end of your good and evil, you wisest ones: but that will itself, the will to power – the inexhaustible procreative life-will.

1308

Aber damit ihr mein Wort versteht vom Guten und Bösen: dazu will ich euch noch mein Wort vom Leben sagen und von der Art alles Lebendigen.

1308

But that you may grasp my word concerning good and evil, I shall tell you my word concerning life and the nature of all living things.

1309

Dem Lebendigen ging ich nach, ich ging die größten und die kleinsten Wege, daß ich seine Art erkenne.

1309

I pursued the living, walking the greatest and smallest paths, that I might discern its nature.

1310

Mit hundertfachem Spiegel fing ich noch seinen Blick auf, wenn ihm der Mund geschlossen war: daß sein Auge mir rede. Und sein Auge redete mir.

1310

With a hundredfold mirror I caught its gaze even when its mouth was sealed: that its eye might speak to me. And its eye spoke to me.

1311

Aber, wo ich nur Lebendiges fand, da hörte ich auch die Rede vom Gehorsame. Alles Lebendige ist ein Gehorchendes.

1311

But wherever I found the living, there too I heard the language of obedience. All living things are obeying things.

1312

Und dies ist das zweite: dem wird befohlen, der sich nicht selber gehorchen kann. So ist es des Lebendigen Art.

1312

And this is the second truth: he who cannot obey himself is commanded. Such is the nature of the living.

1313

Dies aber ist das dritte, was ich hörte: daß Befehlen schwerer ist, als Gehorchen. Und nicht nur, daß der Befehlende die Last aller Gehorchenden trägt, und daß leicht ihn diese Last zerdrückt: –

1313

Yet this is the third thing I heard: that commanding is harder than obeying. Not only because the commander bears the burden of all who obey, and because this burden may crush him –

1314

Ein Versuch und Wagnis erschien mir in allem Befehlen; und stets, wenn es befiehlt, wagt das Lebendige sich selber dran.

1314

All commanding appeared to me as experiment and hazard; and whenever it commands, the living risks itself thereby.

1315

Ja noch, wenn es sich selber befiehlt: auch da noch muß es sein Befehlen büßen. Seinem eignen Gesetze muß es Richter und Rächer und Opfer werden.[370]

1315

Yea, even when it commands itself: even then must it atone for its commanding. To its own law it must become judge, avenger, and victim.

1316

Wie geschieht dies doch! so fragte ich mich. Was überredet das Lebendige, daß es gehorcht und befiehlt und befehlend noch Gehorsam übt?

1316

How comes this to pass? Thus I asked myself. What persuades the living to obey and command, and in commanding still practice obedience?

1317

Hört mir nun mein Wort, ihr Weisesten! Prüft es ernstlich, ob ich dem Leben selber ins Herz kroch, und bis in die Wurzeln seines Herzens!

1317

Hear now my word, you wisest ones! Test it earnestly, whether I have crept into life’s very heart and down to the roots of its heart!

1318

Wo ich Lebendiges fand, da fand ich Willen zur Macht; und noch im Willen des Dienenden fand ich den Willen, Herr zu sein.

1318

Wherever I found the living, there I found will to power; and even in the will of the servant I found the will to be master.

1319

Daß dem Stärkeren diene das Schwächere, dazu überredet es sein Wille, der über noch Schwächeres Herr sein will: dieser Lust allein mag es nicht entraten.

1319

That the weaker serve the stronger, its will persuades them; yet it desires to be master over what is weaker still: this delight it cannot forgo.

1320

Und wie das Kleinere sich dem Größeren hingibt, daß es Lust und Macht am Kleinsten habe: also gibt sich auch das Größte noch hin und setzt um der Macht willen – das Leben dran.

1320

And as the lesser surrenders to the greater, that it may have pleasure and power over the least: so even the greatest surrenders itself and stakes life itself—for the sake of power.

1321

Das ist die Hingebung des Größten, daß es Wagnis ist und Gefahr, und um den Tod ein Würfelspielen.

1321

This is the surrender of the greatest: that it is risk and danger and a dice game with death.

1322

Und wo Opferung und Dienste und Liebesblicke sind: auch da ist Wille, Herr zu sein. Auf Schleichwegen schleicht sich da der Schwächere in die Burg und bis ins Herz dem Mächtigeren – und stiehlt da Macht.

1322

And where there is sacrifice and service and love-glances: there too is the will to be master. On stealthy paths the weaker slips into the fortress and into the very heart of the mightier—and steals power.

1323

Und dies Geheimnis redete das Leben selber zu mir: »Siehe«, sprach es, »ich bin das, was sich immer selber überwinden muß.

1323

And this secret spoke Life itself to me: “Behold,” it said, “I am that which must ever overcome itself.

1324

Freilich, ihr heißt es Wille zur Zeugung oder Trieb zum Zwecke, zum Höheren, Ferneren, Vielfacheren: aber all dies ist eins und ein Geheimnis.

1324

To be sure, you call it will to procreation or impulse toward a goal, toward the higher, more distant, manifold: but all this is one and the same mystery.

1325

Lieber noch gehe ich unter, als daß ich diesem Einen absagte; und wahrlich, wo es Untergang gibt und Blätterfallen, siehe, da opfert sich Leben – um Macht!

1325

Rather would I perish than renounce this one thing; and verily, where there is perishing and leaf-falling, behold, there Life sacrifices itself—for power!

1326

Daß ich Kampf sein muß und Werden und Zweck und der Zwecke Widerspruch: ach, wer meinen Willen errät, errät wohl auch, auf welchen krummen Wegen er gehen muß!

1326

That I must be struggle and becoming and purpose and conflict of purposes: ah, he who divines my will surely divines also along what crooked paths it must travel!

1327

Was ich auch schaffe und wie ich's auch liebe, – bald muß ich Gegner ihm sein und meiner Liebe: so will es mein Wille.


Und auch du, Erkennender, bist nur ein Pfad und Fußtapfen meines Willens: wahrlich, mein Wille zur Macht wandelt auch auf den Füßen deines Willens zur Wahrheit![371]

1327

And you too, knower, are but a path and footprint of my will: verily, my will to power strides even upon the feet of your will to truth!

1328

Der traf freilich die Wahrheit nicht, der das Wort nach ihr schoß vom ›Willen zum Dasein‹: diesen Willen – gibt es nicht!

1328

He certainly did not hit truth who shot at it the phrase ‘will to existence’: that will—does not exist!

1329

Denn: was nicht ist, das kann nicht wollen; was aber im Dasein ist, wie könnte das noch zum Dasein wollen!

1329

For: what does not exist cannot will; but what is in existence, how could it still will existence!

1330

Nur, wo Leben ist, da ist auch Wille: aber nicht Wille zum Leben, sondern – so lehre ich's dich – Wille zur Macht!

1330

Only where life is, there too is will: but not will to life, rather—so I teach you—will to power!

1331

Vieles ist dem Lebenden höher geschätzt, als Leben selber; doch aus dem Schätzen selber heraus redet – der Wille zur Macht!« –

1331

Much is esteemed higher by the living than life itself; yet out of esteeming itself speaks—the will to power!”

1332

Also lehrte mich einst das Leben: und daraus löse ich euch, ihr Weisesten, noch das Rätsel eures Herzens.

1332

Thus Life once taught me: and with this I yet solve for you, you wisest ones, the riddle of your hearts.

1333

Wahrlich, ich sage euch: Gutes und Böses, das unvergänglich wäre – das gibt es nicht! Aus sich selber muß es sich immer wieder überwinden.

1333

Verily, I say to you: Good and Evil that are imperishable—such do not exist! From out of themselves they must ever overcome themselves anew.

1334

Mit euren Werten und Worten von Gut und Böse übt ihr Gewalt, ihr Wertschätzenden; und dies ist eure verborgene Liebe und eurer Seele Glänzen, Zittern und Überwallen.

1334

With your values and words of Good and Evil you exercise power, you value-valuers; and this is your hidden love and the trembling and overflowing of your souls.

1335

Aber eine stärkere Gewalt wächst aus euren Werten und eine neue Überwindung: an der zerbricht Ei und Eierschale.

1335

But a mightier power grows from your values and a new overcoming: at this the egg and eggshell shatter.

1336

Und wer ein Schöpfer sein muß im Guten und Bösen: wahrlich, der muß ein Vernichter erst sein und Werte zerbrechen.

1336

And whoever must be a creator in good and evil: verily, he must first be a destroyer and shatter values.

1337

Also gehört das höchste Böse zur höchsten Güte: diese aber ist die schöpferische. –

1337

Thus does the supreme evil belong to the highest goodness: but this is the creative. –

1338

Reden wir nur davon, ihr Weisesten, ob es gleich schlimm ist. Schweigen ist schlimmer; alle verschwiegenen Wahrheiten werden giftig.

1338

Let us speak of this, you wisest ones, even if it be grievous. Silence is worse; all truths left unspoken turn venomous.

1339

Und mag doch alles zerbrechen, was an unseren Wahrheiten zerbrechen – kann! Manches Haus gibt es noch zu bauen!

1339

And may all that can be shattered by our truths – shatter! Many a house remains yet to be built!

1340

Also sprach Zarathustra.[372]

1340

Thus spoke Zarathustra.[372]

1341

Von den Erhabenen

1341

Of the Sublime Ones

1342

Still ist der Grund meines Meeres: wer erriete wohl, daß er scherzhafte Ungeheuer birgt!

1342

Still is the ground of my sea: who could guess that it harbors jesting monsters!

1343

Unerschütterlich ist meine Tiefe: aber sie glänzt von schwimmenden Rätseln und Gelächtern.[372]

1343

Unshakeable is my depth: yet it gleams with drifting riddles and laughters.[372]

1344

Einen Erhabenen sah ich heute, einen Feierlichen, einen Büßer des Geistes: oh wie lachte meine Seele ob seiner Häßlichkeit!

1344

Today I beheld a sublime one, a solemn man, a penitent of the spirit: oh, how my soul laughed at his ugliness!

1345

Mit erhobener Brust und denen gleich, welche den Atem an sich ziehn: also stand er da, der Erhabene, und schweigsam:

1345

With chest uplifted, like those who draw breath laboriously: thus stood he, the sublime one, in silence:

1346

Behängt mit häßlichen Wahrheiten, seiner Jagdbeute, und reich an zerrissenen Kleidern; auch viele Dornen hingen an ihm – aber noch sah ich keine Rose.

1346

Adorned with ugly truths, the spoils of his hunt, and rich in tattered garments; many thorns hung upon him – yet did I see no rose.

1347

Noch lernte er das Lachen nicht und die Schönheit. Finster kam dieser Jäger zurück aus dem Walde der Erkenntnis.

1347

He has not yet learned laughter nor beauty. Gloomy did this hunter return from the forest of knowledge.

1348

Vom Kampfe kehrte er heim mit wilden Tieren: aber aus seinem Ernste blickt auch noch ein wildes Tier – ein unüberwundenes!

1348

From battle with wild beasts he came home: yet even from his earnestness peers a wild beast – unconquered!

1349

Wie ein Tiger steht er immer noch da, der springen will; aber ich mag diese gespannten Seelen nicht, unhold ist mein Geschmack allen diesen Zurückgezognen.

1349

Like a tiger poised to leap he still stands; but I dislike these strained souls, my taste rebels against all such self-recoilers.

1350

Und ihr sagt mir, Freunde, daß nicht zu streiten sei über Geschmack und Schmecken? Aber alles Leben ist Streit um Geschmack und Schmecken!

1350

And you tell me, friends, there is no disputing taste? But all life is a disputing of taste and savor!

1351

Geschmack: das ist Gewicht zugleich und Waagschale und Wägender; und wehe allem Lebendigen, das ohne Streit um Gewicht und Waagschale und Wägende leben wollte!

1351

Taste: that is weight and scale and weigher; and woe to all living that would live without strife over weight and scale and weigher!

1352

Wenn er seiner Erhabenheit müde würde, dieser Erhabene: dann erst würde seine Schönheit anheben, – und dann erst will ich ihn schmecken und schmackhaft finden.

1352

When this sublime one grows weary of his sublimity, then shall his beauty commence – and only then will I taste him and find him savory.

1353

Und erst, wenn er sich von sich selber abwendet, wird er über seinen eignen Schatten springen – und, wahrlich! hinein in seine Sonne.

1353

Only when he turns away from himself will he leap over his own shadow – and verily! into his sun.

1354

Allzulange saß er im Schatten, die Wangen bleichten dem Büßer des Geistes; fast verhungerte er an seinen Erwartungen.

1354

Too long has he sat in shadows, the penitent’s cheeks grew pale; he nearly starved on his expectations.

1355

Verachtung ist noch in seinem Auge; und Ekel birgt sich an seinem Munde. Zwar ruht er jetzt, aber seine Ruhe hat sich noch nicht in die Sonne gelegt.

1355

Contempt still lurks in his eye; disgust hides in his mouth. Though he now rests, his rest has not yet lain itself in sunlight.

1356

Dem Stiere gleich sollte er tun; und sein Glück sollte nach Erde riechen, und nicht nach Verachtung der Erde.

1356

Like the bull should he act; his bliss should smell of earth, not of contempt for earth.

1357

Als weißen Stier möchte ich ihn sehn, wie er schnaubend und brüllend der Pflugschar vorangeht: und sein Gebrüll sollte noch alles Irdische preisen![373]

1357

A white bull would I see him, snorting and bellowing before the plowshare: his roaring should praise all things earthly![373]

1358

Dunkel noch ist sein Antlitz; der Hand Schatten spielt auf ihm. Verschattet ist noch der Sinn seines Auges.

1358

Dark remains his countenance; the hand’s shadow plays upon it. Obfuscated still is the sense of his eye.

1359

Seine Tat selber ist noch der Schatten auf ihm: die Hand verdunkelt den Handelnden. Noch hat er seine Tat nicht überwunden.

1359

His deed itself is the shadow upon him: the hand darkens the doer. Not yet has he overcome his deed.

1360

Wohl liebe ich an ihm den Nacken des Stiers: aber nun will ich auch noch das Auge des Engels sehn.

1360

The bull’s neck I love in him: but now I long also to see the eye of the angel.

1361

Auch seinen Helden-Willen muß er noch verlernen: ein Gehobener soll er mir sein und nicht nur ein Erhabener – der Äther selber sollte ihn heben, den Willenlosen!

1361

His heroic will must he yet unlearn: an elevated one shall he be to me, not merely sublime – the very ether shall uplift him, the will-less!

1362

Er bezwang Untiere, er löste Rätsel: aber erlösen sollte er auch noch seine Untiere und Rätsel, zu himmlischen Kindern sollte er sie noch verwandeln.

1362

He subdued beasts, he solved riddles: but let him redeem his beasts and riddles, transform them to heavenly children.

1363

Noch hat seine Erkenntnis nicht lächeln gelernt und ohne Eifersucht sein; noch ist seine strömende Leidenschaft nicht stille geworden in der Schönheit.

1363

Not yet has his knowledge learned to smile, nor to be without envy; not yet has his torrential passion grown still in beauty.

1364

Wahrlich, nicht in der Sattheit soll sein Verlangen schweigen und untertauchen, sondern in der Schönheit! Die Anmut gehört zur Großmut des Großgesinnten.

1364

Truly, not in satiety shall his longing be hushed and submerged, but in beauty! Grace belongs to the magnanimity of the noble-minded.

1365

Den Arm über das Haupt gelegt: so sollte der Held ausruhn, so sollte er auch noch sein Ausruhen überwinden.

1365

With arm laid over his head: thus should the hero repose, thus should he yet overcome even his repose.

1366

Aber gerade dem Helden ist das Schöne aller Dinge Schwerstes. Unerringbar ist das Schöne allem heftigen Willen.

1366

But precisely to the hero is the Beautiful of all things the most arduous. Unattainable is Beauty to all violent will.

1367

Ein wenig mehr, ein wenig weniger: das gerade ist hier viel, das ist hier das meiste.

1367

A little more, a little less: precisely this is much here, this is the most here.

1368

Mit lässigen Muskeln stehn und mit abgeschirrtem Willen: das ist das Schwerste euch allen, ihr Erhabenen!

1368

To stand with slackened muscles and unharnessed will: this is the hardest for you all, you sublime ones!

1369

Wenn die Macht gnädig wird und herabkommt ins Sichtbare: Schönheit heiße ich solches Herabkommen.

1369

When power grows gracious and descends into the visible: Beauty do I name such descending.

1370

Und von niemandem will ich so als von dir gerade Schönheit, du Gewaltiger: deine Güte sei deine letzte Selbst-Überwältigung.

1370

And from none do I want Beauty so much as from you, you mighty one: let your goodness be your ultimate Self-Conquest.

1371

Alles Böse traue ich dir zu: darum will ich von dir das Gute.

1371

All evil do I trust to you: therefore do I desire the good from you.

1372

Wahrlich, ich lachte oft der Schwächlinge, welche sich gut glauben, weil sie lahme Tatzen haben!

1372

Verily, I have often laughed at the weaklings who think themselves good because they have crippled paws!

1373

Der Säule Tugend sollst du nachstreben: schöner wird sie immer und zarter, aber inwendig härter und tragsamer, je mehr sie aufsteigt.[374]

1373

To the virtue of the pillar shall you strive: ever fairer and tender does it grow inwardly, yet harder and more enduring as it ascends.

1374

Ja, du Erhabener, einst sollst du noch schön sein und deiner eignen Schönheit den Spiegel vorhalten.

1374

Yea, you sublime one, one day shall you yet be beautiful and hold the mirror up to your own beauty.

1375

Dann wird deine Seele vor göttlichen Begierden schaudern; und Anbetung wird noch in deiner Eitelkeit sein!

1375

Then shall your soul shudder with divine desires; and adoration shall yet dwell in your vanity!

1376

Dies nämlich ist das Geheimnis der Seele: erst, wenn sie der Held verlassen hat, naht ihr, im Traume – der Über-Held.

1376

For this is the soul's secret: only when the hero has abandoned it does the over-hero approach it – in dreams.

1377

Also sprach Zarathustra.[375]

1377

Thus spoke Zarathustra.

1378

Vom Lande der Bildung

1378

From the Land of Culture

1379

Zu weit hinein flog ich in die Zukunft: ein Grauen überfiel mich. Und als ich um mich sah, siehe! da war die Zeit mein einziger Zeitgenosse.

1379

Too far into the future did I fly: a horror seized me. And when I looked around me, behold! Time was my sole contemporary.

1380

Da floh ich rückwärts, heimwärts – und immer eilender: so kam ich zu euch, ihr Gegenwärtigen, und ins Land der Bildung.

1380

Then I fled backward, homeward – and ever swifter: thus came I unto you, you present-day men, and into the Land of Culture.

1381

Zum ersten Male brachte ich ein Auge mit für euch, und gute Begierde: wahrlich, mit Sehnsucht im Herzen kam ich.

1381

For the first time I brought an eye for you, and honest longing: verily, with yearning heart did I come.

1382

Aber wie geschah mir? So angst mir auch war – ich mußte lachen! Nie sah mein Auge etwas so Buntgesprenkeltes!

1382

But what happened to me? Though I was filled with dread – I had to laugh! Never did my eye behold anything so motley-spotted!

1383

Ich lachte und lachte, während der Fuß mir noch zitterte und das Herz dazu: »hier ist ja die Heimat aller Farbentöpfe!« – sagte ich.

1383

I laughed and laughed while my foot still trembled and my heart likewise: "Here is assuredly the home of all paint-pots!" – said I.

1384

Mit fünfzig Klexen bemalt an Gesicht und Gliedern: so saßet ihr da zu meinem Staunen, ihr Gegenwärtigen!

1384

With fifty splotches daubed on face and limbs: thus sat you there to my amazement, you present-day men!

1385

Und mit fünfzig Spiegeln um euch, die eurem Farbenspiele schmeichelten und nachredeten!


Wahrlich, ihr könntet gar keine bessere Maske tragen, ihr Gegenwärtigen, als euer eignes Gesicht ist! Wer könnte euch – erkennen!

1385

Verily, you could wear no better mask, you present-day men, than your own countenance! Who could – recognize you!

1386

Vollgeschrieben mit den Zeichen der Vergangenheit, und auch diese Zeichen überpinselt mit neuen Zeichen: also habt ihr euch gut versteckt vor allen Zeichendeutern!

1386

Overwritten with the signs of past ages, and these signs overpainted with new ones: thus have you cunningly hidden yourselves from all sign-diviners!

1387

Und wenn man auch Nierenprüfer ist: wer glaubt wohl noch, daß ihr Nieren habt! Aus Farben scheint ihr gebacken und aus geleimten Zetteln.

1387

And though one be a trier of reins: who would believe you have reins! You seem baked from colors and glued scraps.

1388

Alle Zeiten und Völker blicken bunt aus euren Schleiern; alle Sitten und Glauben reden bunt aus euren Gebärden.[375]

1388

All eras and peoples gaze motley from your veils; all customs and beliefs speak motley through your gestures.

1389

Wer von euch Schleier und Überwürfe und Farben und Gebärden abzöge: gerade genug würde er übrig behalten, um die Vögel damit zu erschrecken.

1389

Were one to strip from you veils, wraps, colors, and gestures: just enough would remain to frighten crows.

1390

Wahrlich, ich selber bin der erschreckte Vogel, der euch einmal nackt sah und ohne Farbe; und ich flog davon, als das Gerippe mir Liebe zuwinkte.

1390

Verily, I myself am the frightened crow that once saw you naked and colorless; I flew away when the skeleton beckoned love to me.

1391

Lieber wollte ich doch noch Tagelöhner sein in der Unterwelt und bei den Schatten des Ehemals! – feister und voller als ihr sind ja noch die Unterweltlichen!

1391

Rather would I be day-laborer in the underworld among the shades of the Once-Was! – fuller and fleshier are the underworldlings than you!

1392

Dies, ja dies ist Bitternis meinen Gedärmen, daß ich euch weder nackt noch bekleidet aushalte, ihr Gegenwärtigen!

1392

This, yes this is bitterness to my bowels, that I can endure you neither naked nor clothed, you present-day men!

1393

Alles Unheimliche der Zukunft, und was je verflogenen Vögeln Schauder machte, ist wahrlich heimlicher noch und traulicher als eure »Wirklichkeit«.

1393

All that is unhomely in the future, and all that ever made winged creatures shudder, is truly more homely and familiar than your "reality".

1394

Denn so sprecht ihr: »Wirkliche sind wir ganz, und ohne Glauben und Aberglauben«: also brüstet ihr euch – ach, auch noch ohne Brüste!

1394

For thus you declare: "We are wholly real, free from faith and superstition" - thus you preen yourselves, ah, even without plumage!

1395

Ja, wie solltet ihr glauben können, ihr Buntgesprenkelten! – die ihr Gemälde seid von allem, was je geglaubt wurde!

1395

How indeed should you be capable of belief, you motley-spotted ones! - you who are painted effigies of all that was ever believed!

1396

Wandelnde Widerlegungen seid ihr des Glaubens selber, und aller Gedanken Gliederbrechen. Unglaubwürdige: also heiße ich euch, ihr Wirklichen!

1396

Walking refutations of belief itself you are, the fracture of every thought's limb. Unbelievable ones: thus do I name you, you real ones!

1397

Alle Zeiten schwätzen widereinander in euren Geistern; und aller Zeiten Träume und Geschwätz waren wirklicher noch, als euer Wachsein ist!

1397

All ages babble discordantly through your spirits; and the dreams and chatter of all ages were yet more real than your waking hours!

1398

Unfruchtbare seid ihr: darum fehlt es euch an Glauben. Aber wer schaffen mußte, der hatte auch immer seine Wahr-Träume und Sternzeichen – und glaubte an Glauben! –

1398

Barren you are: therefore you lack faith. But whoever must create has ever possessed truth-dreams and star-signs - and believed in belief! -

1399

Halboffne Tore seid ihr, an denen Totengräber warten. Und das ist eure Wirklichkeit: »Alles ist wert, daß es zugrunde geht.«

1399

Half-opened gates you are, at which gravediggers wait. And this is your reality: "All things deserve to perish."

1400

Ach, wie ihr mir dasteht, ihr Unfruchtbaren, wie mager in den Rippen! Und mancher von euch hatte wohl dessen selber ein Einsehen.

1400

Ah, how you stand before me, you unfruitful ones, how gaunt of rib! And many among you have had inkling of this.

1401

Und er sprach: »es hat wohl da ein Gott, als ich schlief, mir heimlich etwas entwendet? Wahrlich, genug, sich ein Weibchen daraus zu bilden![376]

1401

And he spoke: "Did some god perhaps, as I slept, steal from me in secret? Verily, enough to fashion therefrom a little female!

1402

Wundersam ist die Armut meiner Rippen!« also sprach schon mancher Gegenwärtige.

1402

Marvelous is the poverty of my ribs!" Thus spoke many a present-day man.

1403

Ja, zum Lachen seid ihr mir, ihr Gegenwärtigen! Und sonderlich, wenn ihr euch über euch selber wundert!

1403

Truly, you are a laughter to me, you present-day men! And especially when you marvel at yourselves!

1404

Und wehe mir, wenn ich nicht lachen könnte über eure Verwunderung, und alles Widrige aus euren Näpfen hinuntertrinken müßte!

1404

And woe unto me if I could not laugh at your marveling, and had to drink down all that is repugnant from your cups!

1405

So aber will ich's mit euch leichter nehmen, da ich Schweres zu tragen habe; und was tut's mir, wenn sich Käfer und Flügelwürmer noch auf mein Bündel setzen!

1405

But now shall I deal lightly with you, for I have heavy burdens to bear; and what matter if beetles and winged grubs alight upon my load!

1406

Wahrlich, es soll mir darob nicht schwerer werden! Und nicht aus euch, ihr Gegenwärtigen, soll mir die große Müdigkeit kommen. –

1406

Verily, it shall not grow heavier thereby! Nor shall the great weariness come upon me through you, you present-day men. -

1407

Ach, wohin soll ich nun noch steigen mit meiner Sehnsucht! Von allen Bergen schaue ich aus nach Vater- und Mutterländern.

1407

Ah, whither shall I now ascend with my longing! From all mountains I gaze out for fatherlands and motherlands.

1408

Aber Heimat fand ich nirgends; unstät bin ich in allen Städten und ein Aufbruch an allen Toren.

1408

But a homeland I find nowhere; unrooted I drift through all cities, a departure at every gate.

1409

Fremd sind mir und ein Spott die Gegenwärtigen, zu denen mich jüngst das Herz trieb; und vertrieben bin ich aus Vater- und Mutterländern.

1409

Alien and mockery are the present-day men to whom my heart lately drove me; exiled am I from fatherlands and motherlands.

1410

So liebe ich allein noch meiner Kinder Land, das unentdeckte, im fernsten Meere: nach ihm heiße ich meine Segel suchen und suchen.

1410

Thus do I love only my children’s land, the undiscovered, in the farthest sea: for it I bid my sails search and search on.

1411

An meinen Kindern will ich es gutmachen, daß ich meiner Väter Kind bin: und an aller Zukunft – diese Gegenwart!

1411

Through my children shall I make amends for being my fathers’ child: and through all that is to come - this present!

1412

Also sprach Zarathustra.[377]

1412

Thus spoke Zarathustra.

1413

Von der unbefleckten Erkenntnis

1413

Of the Unblemished Perception

1414

Als gestern der Mond aufging, wähnte ich, daß er eine Sonne gebären wolle: so breit und trächtig lag er am Horizonte.

1414

When yestereve the moon arose, I fancied it would bear a sun: so broad and gravid it lay upon the horizon.

1415

Aber ein Lügner war er mir mit seiner Schwangerschaft; und eher noch will ich an den Mann im Monde glauben als an das Weib.

1415

But a liar it proved to me in its pregnancy; sooner would I believe in the man in the moon than in the woman.

1416

Freilich, wenig Mann ist er auch, dieser schüchterne Nachtschwärmer. Wahrlich, mit schlechtem Gewissen wandelt er über die Dächer.

1416

Truly, little manhood has he too, this timid night-reveller. Verily, with ill conscience he prowls over rooftops.

1417

Denn er ist lüstern und eifersüchtig, der Mönch im Monde, lüstern nach der Erde und nach allen Freuden der Liebenden.[377]

1417

For he is lustful and jealous, this monk in the moon, lustful for earth and for all lovers' joys.

1418

Nein, ich mag ihn nicht, diesen Kater auf den Dächern! Widerlich sind mir alle, die um halbverschlossne Fenster schleichen!

1418

Nay, I like him not, this tomcat upon the roofs! Odious to me are all who creep about half-shuttered windows!

1419

Fromm und schweigsam wandelt er hin auf Sternen-Teppichen – aber ich mag alle leisetretenden Mannsfüße nicht, an denen auch nicht ein Sporen klirrt.

1419

Pious and silent he treads upon star-strewn carpets – yet I cannot abide these soft-stepping man's feet where no spur jingles.

1420

Jedes Redlichen Schritt redet; die Katze aber stiehlt sich über den Boden weg. Siehe, katzenhaft kommt der Mond daher und unredlich. –

1420

An honest man's stride speaks plainly; but the cat slinks across the floor. Behold, moonlike comes this feline creature – dishonest! –

1421

Dieses Gleichnis gebe ich euch empfindsamen Heuchlern, euch, den »Rein-Erkennenden«! Euch heiße ich – Lüsterne!

1421

This parable I give to you sensitive hypocrites, you "pure knowers"! You I name – Lustful Ones!

1422

Auch ihr liebt die Erde und das Irdische: ich erriet euch wohl! – aber Scham ist in eurer Liebe und schlechtes Gewissen – dem Monde gleicht ihr!

1422

You too love the earth and the earthly: I have divined you well! – but shame dwells in your love and guilty conscience – you resemble the moon!

1423

Zur Verachtung des Irdischen hat man euren Geist überredet, aber nicht eure Eingeweide: die aber sind das Stärkste an euch!

1423

Your spirit was persuaded to despise the earthly, but not your entrails: yet these are your strongest part!

1424

Und nun schämt sich euer Geist, daß er euren Eingeweiden zu Willen ist, und geht vor seiner eignen Scham Schleich- und Lügenwege.

1424

Now your spirit blushes at obeying your entrails, and skulks down secretive, deceitful paths to hide its shame.

1425

»Das wäre mir das Höchste« – also redet euer verlogner Geist zu sich – »auf das Leben ohne Begierde zu schaun und nicht, gleich dem Hunde, mit hängender Zunge:

1425

"To gaze upon life without desire would be my highest" – thus your mendacious spirit whispers – "not like a dog with lolling tongue:

1426

Glücklich zu sein im Schauen, mit erstorbenem Willen, ohne Griff und Gier der Selbstsucht – kalt und aschgrau am ganzen Leibe, aber mit trunkenen Mondesaugen!

1426

To find bliss in contemplation, with will extinguished, without grasping or greedy self-interest – cold and ashen in body, yet with drunken moon-eyes!

1427

Das wäre mir das Liebste«, – also verführt sich selber der Verführte – »die Erde zu lieben, wie der Mond sie liebt, und nur mit dem Auge allein ihre Schönheit zu betasten.

1427

This would be most dear to me" – thus the self-seduced seduces himself – "to love the earth as the moon loves her, caressing her beauty with eyes alone.

1428

Und das heiße mir aller Dinge unbefleckte Erkenntnis, daß ich von den Dingen nichts will: außer daß ich vor ihnen daliegen darf wie ein Spiegel mit hundert Augen.« –

1428

And this I would call the unblemished knowledge of all things: to want nothing from them except to lie before them like a mirror with a hundred eyes." –

1429

Oh, ihr empfindsamen Heuchler, ihr Lüsternen! Euch fehlt die Unschuld in der Begierde: und nun verleumdet ihr drum das Begehren!

1429

Oh you sensitive hypocrites, you lustful ones! Your desire lacks innocence: therefore you slander all desiring!

1430

Wahrlich, nicht als Schaffende, Zeugende, Werdelustige liebt ihr die Erde!

1430

Verily, you love the earth not as creators, begetters, those who exult in becoming!

1431

Wo ist Unschuld? Wo der Wille zur Zeugung ist. Und wer über sich hinaus schaffen will, der hat mir den reinsten Willen.[378]

1431

Where is innocence? Where the will to beget. And whoever would create beyond himself possesses to me the purest will.

1432

Wo ist Schönheit? Wo ich mit allem Willen wollen muß; wo ich lieben und untergehn will, daß ein Bild nicht nur Bild bleibe.

1432

Where is beauty? Where I must will with all my will; where I want to love and perish, that an image may not remain mere image.

1433

Lieben und Untergehn: das reimt sich seit Ewigkeiten. Wille zur Liebe: das ist, willig auch sein zum Tode. Also rede ich zu euch Feiglingen!

1433

To love and to perish: this has rhymed through eternity. Will to love: that is to be willing also for death. Thus I speak to you cowards!

1434

Aber nun will euer entmanntes Schielen »Beschaulichkeit« heißen! Und was mit feigen Augen sich tasten läßt, soll »schön« getauft werden! Oh ihr Beschmutzer edler Namen!

1434

But now your emasculated leer shall be called "contemplation"! And what timorous eyes caress shall be baptized "beauty"! Oh you defilers of noble names!

1435

Aber das soll euer Fluch sein, ihr Unbefleckten, ihr Rein-Erkennenden, daß ihr nie gebären werdet: und wenn ihr auch breit und trächtig am Horizonte liegt!

1435

This shall be your curse, you unblemished ones, you pure knowers: that you shall never give birth – though you lie broad and pregnant on the horizon!

1436

Wahrlich, ihr nehmt den Mund voll mit edlen Worten: und wir sollen glauben, daß euch das Herz übergehe, ihr Lügenbolde?

1436

Truly, your mouths overflow with noble words: shall we believe your hearts overflow, you bold liars?

1437

Aber meine Worte sind geringe, verachtete, krumme Worte: gerne nehme ich auf, was bei eurer Mahlzeit unter den Tisch fällt.

1437

But my words are poor, despised, crooked words: gladly I gather what falls beneath your table during feasts.

1438

Immer noch kann ich mit ihnen – Heuchlern die Wahrheit sagen! Ja, meine Gräten, Muscheln und Stachelblätter sollen – Heuchlern die Nase kitzeln!

1438

Still can I use them – to tell hypocrites the truth! Yes, my fishbones, shells, and thorny leaves shall – make hypocrites' noses twitch!

1439

Schlechte Luft ist immer um euch und eure Mahlzeiten: eure lüsternen Gedanken, eure Lügen und Heimlichkeiten sind ja in der Luft!

1439

Foul air ever surrounds you and your feasts: your lustful thoughts, lies, and secrets hang thick in the atmosphere!

1440

Wagt es doch erst, euch selber zu glauben – euch und euren Eingeweiden! Wer sich selber nicht glaubt, lügt immer.

1440

Dare first to believe in yourselves – your own entrails! Whoever cannot believe themselves will ever lie.

1441

Eines Gottes Larve hängtet ihr um vor euch selber, ihr »Reinen«: in eines Gottes Larve verkroch sich euer greulicher Ringelwurm.

1441

A god's mask you hung before yourselves, you "pure ones": within a god's mask crawls your loathsome worm.

1442

Wahrlich, ihr täuscht, ihr »Beschaulichen«! Auch Zarathustra war einst der Narr eurer göttlichen Häute; nicht erriet er das Schlangengeringel, mit dem sie gestopft waren.

1442

Verily, you deceive, you "contemplative ones"! Zarathustra too was once the dupe of your divine husks; he discerned not the serpentine coils stuffed within.

1443

Eines Gottes Seele wähnte ich einst spielen zu sehn in euren Spielen, ihr Rein-Erkennenden! Keine bessere Kunst wähnte ich einst als eure Künste!

1443

A god’s soul I once imagined frolicking in your games, you pure knowers! No higher art had I deemed than your arts!

1444

Schlangen-Unflat und schlimmen Geruch verhehlte mir die Ferne: und daß einer Eidechse List lüstern hier herumschlich.

1444

Distance concealed from me the serpent’s filth and foul stench – that a lizard’s lustful cunning crept hereabouts.

1445

Aber ich kam euch nah: da kam mir der Tag – und nun kommt er euch, – zu Ende ging des Mondes Liebschaft!

1445

But I drew near to you: then came the day – and now it comes for you – the moon’s dalliance reaches its end!

1446

Seht doch hin! Ertappt und bleich steht er da – vor der Morgenröte![379] Denn schon kommt sie, die Glühende – ihre Liebe zur Erde kommt! Unschuld und Schöpfer-Begier ist alle Sonnen-Liebe!

1446

Behold! Caught pale and trembling – before dawn’s glow! For she approaches, the Ardent – her love for earth comes! All solar love is innocence and creator’s craving!

1447

Seht doch hin, wie sie ungeduldig über das Meer kommt! Fühlt ihr den Durst und den heißen Atem ihrer Liebe nicht?

1447

Mark how she surges impatient o’er the sea! Feel you not the thirst and fevered breath of her desire?

1448

Am Meere will sie saugen und seine Tiefe zu sich in die Höhe trinken: da hebt sich die Begierde des Meeres mit tausend Brüsten.

1448

At the ocean’s breast she would suckle, drink its depths into her heights: thus the sea’s longing rises with a thousand teats.

1449

Geküßt und gesaugt will es sein vom Durste der Sonne; Luft will es werden und Höhe und Fußpfad des Lichts und selber Licht!

1449

Kissed and suckled it wills to be by the sun’s thirst; air it wills to become, and height, and light’s footpath, and light itself!

1450

Wahrlich, der Sonne gleich liebe ich das Leben und alle tiefen Meere.

1450

Truly, sunlike do I love life and all fathomless seas.

1451

Und dies heißt mir Erkenntnis: alles Tiefe soll hinauf – zu meiner Höhe!

1451

And this is called knowledge to me: all depth shall ascend – to my heights!

1452

Also sprach Zarathustra.[380]

1452

Thus spoke Zarathustra.

1453

Von den Gelehrten

1453

Of Scholars

1454

Als ich im Schlafe lag, da fraß ein Schaf am Epheukranze meines Hauptes – fraß und sprach dazu: »Zarathustra ist kein Gelehrter mehr«.

1454

As I lay sleeping, a sheep gnawed at the ivy wreath upon my brow – gnawed and spake thus: "Zarathustra is no scholar now."

1455

Sprach's und ging stotzig davon und stolz. Ein Kind erzählte mir's.

1455

So it spoke and strutted off, proud. A child told me this.

1456

Gerne liege ich hier, wo die Kinder spielen, an der zerbrochnen Mauer, unter Disteln und roten Mohnblumen.

1456

Here I gladly rest where children play, by crumbled walls, midst thistles and crimson poppies.

1457

Ein Gelehrter bin ich den Kindern noch und auch den Disteln und roten Mohnblumen. Unschuldig sind sie, selbst noch in ihrer Bosheit.

1457

To children I remain a scholar, even to thistles and poppies. Innocent they are, even in mischief.

1458

Aber den Schafen bin ich's nicht mehr: so will es mein Los – gesegnet sei es!

1458

But to sheep I am no more: thus decrees my fate – blessed be it!

1459

Denn dies ist die Wahrheit: ausgezogen bin ich aus dem Hause der Gelehrten, und die Tür habe ich noch hinter mir zugeworfen.

1459

For this is truth: I have quit the house of scholars, and the door I slammed behind me.

1460

Zu lange saß meine Seele hungrig an ihrem Tische; nicht, gleich ihnen, bin ich auf das Erkennen abgerichtet wie auf das Nüsseknacken.

1460

Too long sat my soul hungry at their table; not like them am I trained to crack knowledge as one cracks nuts.

1461

Freiheit liebe ich und die Luft über frischer Erde; lieber noch will ich auf Ochsenhäuten schlafen, als auf ihren Würden und Achtbarkeiten.

1461

Freedom I love and air above fresh soil; better to sleep on ox hides than on their dignities and respectabilities.

1462

Ich bin zu heiß und verbrannt von eigenen Gedanken: oft will es mir den Atem nehmen. Da muß ich ins Freie und weg aus allen verstaubten Stuben.[380]

1462

I am scorched by my own thoughts – oft they choke my breath. Then must I flee outdoors, away from dusty chambers.

1463

Aber sie sitzen kühl in kühlem Schatten: sie wollen in allem nur Zuschauer sein und hüten sich, dort zu sitzen, wo die Sonne auf die Stufen brennt.

1463

But they sit cool in cool shade: spectators in all things, careful to perch where sunbeams never scorch the steps.

1464

Gleich solchen, die auf der Straße stehn und die Leute angaffen, welche vorübergehn: also warten sie auch und gaffen Gedanken an, die andre gedacht haben.

1464

Like those who gawk at passersby in streets, so they gape at thoughts others have thought.

1465

Greift man sie mit Händen, so stäuben sie um sich gleich Mehlsäcken, und unfreiwillig; aber wer erriete wohl, daß ihr Staub vom Korne stammt und von der gelben Wonne der Sommerfelder?

1465

Seize them, and they raise dust like flour sacks – unwittingly. Yet who’d guess their dust came from grain and summer fields’ golden bliss?

1466

Geben sie sich weise, so fröstelt mich ihrer kleinen Sprüche und Wahrheiten: ein Geruch ist oft an ihrer Weisheit, als ob sie aus dem Sumpfe stamme: und wahrlich, ich hörte auch schon den Frosch aus ihr quaken!

1466

When they pose as wise, their petty maxims make me shiver: their wisdom reeks of swamps – verily, I’ve heard frogs croak in it!

1467

Geschickt sind sie, sie haben kluge Finger: was will meine Einfalt bei ihrer Vielfalt! Alles Fädeln und Knüpfen und Weben verstehn ihre Finger: also wirken sie die Strümpfe des Geistes!

1467

Clever they are, with cunning fingers: what need have they of my simplicity? Their digits know all threading, knotting, weaving – thus they knit the hosiery of the spirit!

1468

Gute Uhrwerke sind sie: nur sorge man, sie richtig aufzuziehn! Dann zeigen sie ohne Falsch die Stunde an und machen einen bescheidnen Lärm dabei.

1468

Good clockworks are they: only take care to wind them properly! Then they mark the hour without falsity and make modest clamor in doing so.

1469

Gleich Mühlwerken arbeiten sie und Stampfen: man werfe ihnen nur seine Fruchtkörner zu! – sie wissen schon, Korn klein zu mahlen und weißen Staub daraus zu machen.

1469

Like millworks they labor and stamp: merely toss them your grain kernels! — they know well how to grind corn small and make white dust of it.

1470

Sie sehen einander gut auf die Finger und trauen sich nicht zum Besten. Erfinderisch in kleinen Schlauheiten, warten sie auf solche, deren Wissen auf lahmen Füßen geht – gleich Spinnen warten sie.

1470

They watch each other’s fingers vigilantly and trust no good intent. Inventive in petty cunning, they lie in wait for those whose knowledge limps on lame feet — like spiders lying in wait.

1471

Ich sah sie immer mit Vorsicht Gift bereiten; und immer zogen sie gläserne Handschuhe dabei an ihre Finger.

1471

I have always seen them cautiously brewing poison; and ever did they don glass gloves upon their fingers.

1472

Auch mit falschen Würfeln wissen sie zu spielen; und so eifrig fand ich sie spielen, daß sie dabei schwitzten.

1472

They also know how to play with loaded dice; and I found them playing so fervently that sweat dripped from them.

1473

Wir sind einander fremd, und ihre Tugenden gehn mir noch mehr wider den Geschmack, als ihre Falschheiten und falschen Würfel.

1473

We are alien to one another, and their virtues offend my taste more than their falsities and loaded dice.

1474

Und als ich bei ihnen wohnte, da wohnte ich über ihnen. Darüber wurden sie mir gram.

1474

And when I dwelt among them, I dwelled above them. For this they grew resentful.

1475

Sie wollen nichts davon hören, daß einer über ihren Köpfen wandelt; und so legten sie Holz und Erde und Unrat zwischen mich und ihre Köpfe.[381]

1475

They wish to hear nothing of one who walks over their heads; so they piled wood and earth and refuse between me and their pates.

1476

Also dämpften sie den Schall meiner Schritte: und am schlechtesten wurde ich bisher von den Gelehrtesten gehört.

1476

Thus they muffled the sound of my footsteps: and the most learned among them have heard me most poorly.

1477

Aller Menschen Fehl und Schwäche legten sie zwischen sich und mich – »Fehlboden« heißen sie das in ihren Häusern.

1477

All human flaws and frailties did they place between themselves and me — they call it "flawed flooring" in their houses.

1478

Aber trotzdem wandle ich mit meinen Gedanken über ihren Köpfen; und selbst, wenn ich auf meinen eignen Fehlern wandeln wollte, würde ich noch über ihnen sein und ihren Köpfen.

1478

Yet still I walk with my thoughts above their heads; and even were I to tread upon my own errors, I would remain above them and their heads.

1479

Denn die Menschen sind nicht gleich: so spricht die Gerechtigkeit. Und was ich will, dürften sie nicht wollen!

1479

For men are not equal: thus speaks Justice. And what I will, they would not dare to will!

1480

Also sprach Zarathustra.[382]

1480

Thus spoke Zarathustra.

1481

Von den Dichtern

1481

Of the Poets

1482

»Seit ich den Leib besser kenne«, – sagte Zarathustra zu einem seiner Jünger – »ist mir der Geist nur noch gleichsam Geist; und alles das ›Unvergängliche‹ – das ist auch nur ein Gleichnis.«

1482

“Since I have come to know the body more deeply,” — said Zarathustra to one of his disciples — “the spirit is to me but as spirit; and all the ‘imperishable’ — that too is but a metaphor.”

1483

»So hörte ich dich schon einmal sagen«, antwortete der Jünger; »und damals fügtest du hinzu: ›aber die Dichter lügen zu viel‹. Warum sagtest du doch, daß die Dichter zu viel lügen?«

1483

“I heard you speak thus once before,” answered the disciple; “and at that time you added: ‘but the poets lie too much.’ Why did you say that poets lie too much?”

1484

»Warum?« sagte Zarathustra. »Du fragst warum? Ich gehöre nicht zu denen, welche man nach ihrem Warum fragen darf.

1484

“Why?” said Zarathustra. “You ask why? I am not one of those who may be questioned about their Why.

1485

Ist denn mein Erleben von gestern? Das ist lange her, daß ich die Gründe meiner Meinungen erlebte.

1485

Is my experience but of yesterday? It is long since I lived through the reasons for my opinions.

1486

Müßte ich nicht ein Faß sein von Gedächtnis, wenn ich auch meine Gründe bei mir haben wollte?

1486

Must I not be a barrel of memory if I am to carry my reasons about with me?

1487

Schon zu viel ist mir's, meine Meinungen selber zu behalten; und mancher Vogel fliegt davon.

1487

It is already too much that I retain my own opinions; and many a bird flies away.

1488

Und mitunter finde ich auch ein zugeflogenes Tier in meinem Taubenschlage, das mir fremd ist, und das zittert, wenn ich meine Hand darauf lege.

1488

Now and then I find in my dovecote a strange creature that trembles when I lay my hand upon it.

1489

Doch was sagte dir einst Zarathustra? Daß die Dichter zu viel lügen? – Aber auch Zarathustra ist ein Dichter.

1489

But what did Zarathustra once say to you? That poets lie too much? — Yet Zarathustra himself is a poet.

1490

Glaubst du nun, daß er hier die Wahrheit redete? Warum glaubst du das?«

1490

Do you now believe he spoke truth here? Why do you believe it?”

1491

Der Jünger antwortete: »Ich glaube an Zarathustra.« Aber Zarathustra schüttelte den Kopf und lächelte.[382]

1491

The disciple answered: “I believe in Zarathustra.” But Zarathustra shook his head and smiled.

1492

Der Glaube macht mich nicht selig, sagte er, zumal nicht der Glaube an mich.

1492

Faith does not make me blessed, he said, least of all faith in me.

1493

Aber gesetzt, daß jemand allen Ernstes sagte, die Dichter lügen zu viel: so hat er Recht, – wir lügen zu viel.

1493

But supposing someone declared in all earnestness that poets lie too much: he would be right — we lie too much.

1494

Wir wissen auch zu wenig und sind schlechte Lerner: so müssen wir schon lügen.

1494

We know too little and are poor learners: so we must needs lie.

1495

Und wer von uns Dichtern hätte nicht seinen Wein verfälscht? Manch giftiger Mischmasch geschah in unsern Kellern, manches Unbeschreibliche ward da getan.

1495

And which among us poets has not adulterated his wine? Many a poisonous hodgepodge has been brewed in our cellars; much indescribable mischief was done there.

1496

Und weil wir wenig wissen, so gefallen uns von Herzen die geistig Armen, sonderlich wenn es junge Weibchen sind.

1496

And because we know so little, the spiritually impoverished delight us heartily — especially when they are young maidens.

1497

Und selbst nach den Dingen sind wir noch begehrlich, die sich die alten Weibchen abends erzählen. Das heißen wir selber an uns das Ewig-Weibliche.

1497

And even now we lust after the things that old women recount in their evening tales. This we ourselves call the Eternal Feminine within us.

1498

Und als ob es einen besondren geheimen Zugang zum Wissen gäbe, der sich denen verschütte, welche etwas lernen: so glauben wir an das Volk und seine »Weisheit«.

1498

As if there were some secret passageway to knowledge, now buried to those who would learn: thus do we believe in the people and their "wisdom."

1499

Das aber glauben alle Dichter: daß wer im Grase oder an einsamen Gehängen liegend die Ohrenspitze, etwas von den Dingen erfahre, die zwischen Himmel und Erde sind.

1499

Yet all poets believe this: that whoever lies in the grass or on lonely slopes, ears pricked, may learn something of what transpires between heaven and earth.

1500

Und kommen ihnen zärtliche Regungen, so meinen die Dichter immer, die Natur selber sei in sie verliebt:

1500

And when tender emotions stir them, poets ever fancy that Nature herself has fallen in love:

1501

Und sie schleiche zu ihrem Ohre, Heimliches hineinzusagen und verliebte Schmeichelreden: dessen brüsten und blähen sie sich vor allen Sterblichen!

1501

That she creeps to their ears to whisper secrets and amorous flatteries – of this they preen and puff themselves before all mortals!

1502

Ach, es gibt so viel Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich nur die Dichter etwas haben träumen lassen!

1502

Ah, there are so many things between heaven and earth of which only poets have dared to dream!

1503

Und zumal über dem Himmel: denn alle Götter sind Dichter-Gleichnis, Dichter-Erschleichnis!

1503

And most especially above the heavens: for all gods are poet's metaphor, poet's trickery!

1504

Wahrlich, immer zieht es uns hinan – nämlich zum Reich der Wolken: auf diese setzen wir unsre bunten Bälge und heißen sie dann Götter und Übermenschen: –

1504

Verily, we are ever drawn upward – to the realm of clouds! There we place our motley idols and name them gods and Overmen –

1505

Sind sie doch gerade leicht genug für diese Stühle! – alle diese Götter und Übermenschen.

1505

For are they not light enough to perch on such seats? – all these gods and Overmen.

1506

Ach, wie bin ich all des Unzulänglichen müde, das durchaus Ereignis sein soll! Ach, wie bin ich der Dichter müde![383]

1506

Ah, how weary I am of all this insufficiency that must needs pass for event! Ah, how weary I am of poets![383]

1507

Als Zarathustra so sprach, zürnte ihm sein Jünger, aber er schwieg. Und auch Zarathustra schwieg; und sein Auge hatte sich nach innen gekehrt, gleich als ob es in weite Fernen sähe. Endlich seufzte er und holte Atem.

1507

As Zarathustra spoke thus, his disciple grew wrathful, yet stayed silent. Zarathustra too fell silent, his gaze turned inward as if peering into vast distances. At last he sighed and drew breath.

1508

Ich bin von heute und ehedem, sagte er dann; aber etwas ist in mir, das ist von morgen und übermorgen und einstmals.

1508

"I am of today and yesterday," he then said, "but something in me is of tomorrow and the day after tomorrow and times yet to come."

1509

Ich wurde der Dichter müde, der alten und der neuen: Oberflächliche sind sie mir alle und seichte Meere.

1509

"I have grown weary of poets, the old and the new: to me they are all shallow, mere skin-deep seas.

1510

Sie dachten nicht genug in die Tiefe: darum sank ihr Gefühl nicht bis zu den Gründen.

1510

They did not think deeply enough: thus their feeling never sank to the depths.

1511

Etwas Wollust und etwas Langeweile: das ist noch ihr bestes Nachdenken gewesen.

1511

A touch of lust and a touch of boredom: this has been their deepest contemplation.

1512

Gespenster-Hauch und -Huschen gilt mir all ihr Harfen-Klingklang; was wußten sie bisher von der Inbrunst der Töne! –

1512

Ghostly whispers and rustlings are all their harp-song's clangor to me – what have they ever known of music's fervor!

1513

Sie sind mir auch nicht reinlich genug: sie trüben alle ihr Gewässer, daß es tief scheine.

1513

Nor are they clean enough for me: they muddy their waters to make them seem profound.

1514

Und gerne geben sie sich damit als Versöhner: aber Mittler und Mischer bleiben sie mir, und Halb-und-Halbe und Unreinliche! –

1514

And gladly would they pose as reconcilers: but to me they remain mediators and mixers, half-and-half creatures, impure! –

1515

Ach, ich warf wohl mein Netz in ihre Meere und wollte gute Fische fangen; aber immer zog ich eines alten Gottes Kopf herauf.

1515

Ah, I cast my net into their seas intending to catch good fish, but always I hauled up some old god's head.

1516

So gab dem Hungrigen das Meer einen Stein. Und sie selber mögen wohl aus dem Meere stammen.

1516

Thus the sea gave a stone to the hungry. And they themselves may well have sprung from the sea.

1517

Gewiß, man findet Perlen in ihnen: um so ähnlicher sind sie selber harten Schaltieren. Und statt der Seele fand ich oft bei ihnen gesalzenen Schleim.

1517

True, pearls may be found in them – so much the more do they resemble hard-shelled creatures. And instead of a soul, I often found briny slime within them.

1518

Sie lernten vom Meere auch noch seine Eitelkeit: ist nicht das Meer der Pfau der Pfauen?

1518

They learned vanity from the sea: is not the sea the peacock of peacocks?

1519

Noch vor dem Häßlichsten aller Büffel rollt es seinen Schweif hin, nimmer wird es seines Spitzenfächers von Silber und Seide müde.

1519

Even before the ugliest of all buffaloes it spreads its tail, never tiring of its silver-and-silk lace fan.

1520

Trutzig blickt der Büffel dazu, dem Sande nahe in seiner Seele, näher noch dem Dickicht, am nächsten aber dem Sumpfe.

1520

Sullenly the buffalo glares, his soul nearer to the sand, nearer still to thickets, nearest of all to the swamp.

1521

Was ist ihm Schönheit und Meer und Pfauen-Zierat! Dieses Gleichnis sage ich den Dichtern.

1521

What care he for beauty, the sea, or peacock splendor! This parable I speak to poets.

1522

Wahrlich, ihr Geist selber ist der Pfau der Pfauen und ein Meer von Eitelkeit!

1522

Verily, their very spirit is the peacock of peacocks, a sea of vanity!

1523

Zuschauer will der Geist des Dichters: sollten's auch Büffel sein! –[384]

1523

The poet's spirit demands spectators – even if they be buffaloes![384]

1524

Aber dieses Geistes wurde ich müde: und ich sehe kommen, daß er seiner selber müde wird.

1524

But of this spirit I have grown weary, and I foresee the hour when it grows weary of itself.

1525

Verwandelt sah ich schon die Dichter und gegen sich selber den Blick gerichtet.

1525

Already I have seen poets transformed, their gaze turned inward upon themselves."

1526

Büßer des Geistes sah ich kommen: die wuchsen aus ihnen.

1526

Penitents of the spirit I saw approaching: they burgeoned from out of them.

1527

Also sprach Zarathustra.[385]

1527

Thus spoke Zarathustra.[385]

1528

Von großen Ereignissen

1528

Of Great Events

1529

Es gibt eine Insel im Meere – unweit den glückseligen Inseln Zarathustras – auf welcher beständig ein Feuerberg raucht; von der sagt das Volk, und sonderlich sagen es die alten Weibchen aus dem Volke, daß sie wie ein Felsblock vor das Tor der Unterwelt gestellt sei: durch den Feuerberg selber aber führe der schmale Weg abwärts, der zu diesem Tore der Unterwelt geleite.

1529

There lies an isle in the sea—not far from Zarathustra's Blessèd Isles—where a fire-mountain ceaselessly smokes; of this isle, the people say, and particularly the old women among them, that it is set like a boulder before the gate of the underworld. Yet through the fire-mountain itself winds the narrow path descending to that underworld gate.

1530

Um jene Zeit nun, als Zarathustra auf den glückseligen Inseln weilte, geschah es, daß ein Schiff an der Insel Anker warf, auf welcher der rauchende Berg steht; und seine Mannschaft ging ans Land, um Kaninchen zu schießen. Gegen die Stunde der Mittags aber, da der Kapitän und seine Leute wieder beisammen waren, sahen sie plötzlich durch die Luft einen Mann auf sich zukommen, und eine Stimme sagte deutlich: »Es ist Zeit! Es ist die höchste Zeit!« Wie die Gestalt ihnen aber am nächsten war – sie flog aber schnell gleich einem Schatten vorbei, in der Richtung, wo der Feuerberg lag – da erkannten sie mit größter Bestürzung, daß es Zarathustra sei; denn sie hatten ihn alle schon gesehn, ausgenommen der Kapitän selber, und sie liebten ihn, wie das Volk liebt: also daß zu gleichen Teilen Liebe und Scheu besammen sind.

1530

Now during the time Zarathustra sojourned upon the Blessèd Isles, it came to pass that a ship anchored at this isle of smoking rock. Its crew went ashore to shoot rabbits. But at noon, when the captain and his men gathered again, they saw a man approaching through the air, and a voice declared distinctly: "The hour is come! The supreme hour is come!" When the figure drew nearest—flying like a shadow toward the fire-mountain—they recognized with utmost consternation that it was Zarathustra; for all had seen him before save the captain himself. They loved him as the common folk love: with mingled affection and awe.

1531

»Seht mir an!« sagte der alte Steuermann, »da fährt Zarathustra zur Hölle!« –

1531

"Behold!" cried the old helmsman, "Zarathustra descends to hell!"

1532

Um die gleiche Zeit, als diese Schiffer an der Feuerinsel landeten, lief das Gerücht umher, daß Zarathustra verschwunden sei; und als man seine Freunde fragte, erzählten sie, er sei bei Nacht zu Schiff gegangen, ohne zu sagen, wohin er reisen wolle.

1532

At the same hour these mariners landed on the fire-isle, rumors spread that Zarathustra had vanished. When questioned, his companions recounted that he had embarked by night without declaring his destination. Thus unrest grew; but after three days, the sailors' tale compounded this disquiet—and now all the people proclaimed that the devil had claimed Zarathustra. His disciples laughed at such talk, and one even jested: "Sooner would I believe Zarathustra claimed the devil." Yet in their heart of hearts, all were heavy with concern and longing. Great then was their joy when on the fifth day Zarathustra reappeared among them.

1533

Also entstand eine Unruhe; nach drei Tagen aber kam zu dieser Unruhe die Geschichte der Schiffsleute hinzu – und nun sagte alles[385] Volk, daß der Teufel Zarathustra geholt habe. Seine Jünger lachten zwar ob dieses Geredes; und einer von ihnen sagte sogar: »eher glaube ich noch, daß Zarathustra sich den Teufel geholt hat.« Aber im Grunde der Seele waren sie alle voll Besorgnis und Sehnsucht: so war ihre Freude groß, als am fünften Tage Zarathustra unter ihnen erschien.


Und dies ist die Erzählung von Zarathustras Gespräch mit dem Feuerhunde:

1533

And this is the account of Zarathustra's discourse with the fire hound:

1534

Die Erde, sagte er, hat eine Haut; und diese Haut hat Krankheiten. Eine dieser Krankheiten heißt zum Beispiel: »Mensch«.

1534

The earth, he said, has a skin; and this skin has maladies. One such malady is called "human."

1535

Und eine andere dieser Krankheiten heißt »Feuerhund«: über den haben sich die Menschen viel vorgelogen und vorlügen lassen.

1535

Another of these maladies is named "fire hound"—concerning whom men have told and been told many lies.

1536

Dies Geheimnis zu ergründen ging ich über das Meer: und ich habe die Wahrheit nackt gesehn, wahrlich! barfuß bin zum Halse.

1536

To fathom this mystery, I crossed the seas. Verily, I have seen truth laid bare—naked to the very gullet!

1537

Was es mit dem Feuerhund auf sich hat, weiß ich nun; und insgleichen mit all den Auswurf- und Umsturz-Teufeln, vor denen sich nicht nur alte Weibchen fürchten.

1537

Now I know the fire hound's nature, as too all excretory and subversive devils feared not merely by old wives.

1538

»Heraus mit dir, Feuerhund, aus deiner Tiefe!« rief ich, »und bekenne, wie tief diese Tiefe ist! Woher ist das, was du da heraufschnaubst?

1538

"Out with you, fire hound, from your depths!" I cried. "Confess—how deep are these depths? Whence comes the filth you spew?

1539

Du trinkst reichlich am Meere: das verrät deine versalzte Beredsamkeit! Fürwahr, für einen Hund der Tiefe nimmst du deine Nahrung zu sehr von der Oberfläche!

1539

You drink copiously from the sea: that betrays your briny eloquence! In truth, for a hound of the deep, you feed too greedily on the surface!

1540

Höchstens für den Bauchredner der Erde halt' ich dich: und immer, wenn ich Umsturz- und Auswurf-Teufel reden hörte, fand ich sie gleich dir: gesalzen, lügnerisch und flach.

1540

At most, I deem you the earth's ventriloquist. Whenever I hear subversive or excretory devils speak, I find them your kin: salt-crusted, mendacious, and shallow."

1541

Ihr versteht zu brüllen und mit Asche zu verdunkeln! Ihr seid die besten Großmäuler und lerntet sattsam die Kunst, Schlamm heiß zu sieden.

1541

You know how to roar and darken with ashes! You are the finest bellowers and have learned thoroughly the art of boiling mud to heat.

1542

Wo ihr seid, da muß stets Schlamm in der Nähe sein, und viel Schwammichtes, Höhlichtes, Eingezwängtes: das will in die Freiheit.

1542

Wherever you are, mud must ever be near, and much spongy matter, hollow spaces, and compressed things: these yearn for freedom.

1543

›Freiheit‹ brüllt ihr alle am liebsten: aber ich verlernte den Glauben an ›große Ereignisse‹, sobald viel Gebrüll und Rauch um sie herum ist.

1543

›Freedom‹ you all roar most eagerly: but I unlearned faith in ›great events‹ whenever much roaring and smoke surround them.

1544

Und glaube mir nur, Freund Höllenlärm! Die größten Ereignisse – das sind nicht unsre lautesten, sondern unsre stillsten Stunden.

1544

And believe me, friend hellish noise! The greatest events – these are not our loudest, but our stillest hours.

1545

Nicht um die Erfinder von neuem Lärme: um die Erfinder von neuen Werten dreht sich die Welt; unhörbar dreht sie sich.[386]

1545

Not around inventors of new clamor: the world revolves around inventors of new values; inaudibly it turns.[386]

1546

Und gesteh es nur! Wenig war immer nur geschehn, wenn dein Lärm und Rauch sich verzog. Was liegt daran, daß eine Stadt zur Mumie wurde, und eine Bildsäule im Schlamme liegt!

1546

And confess it! Little ever happened when your noise and smoke dissipated. What does it matter that a city became a mummy, or a statue lies in mud!

1547

Und dies Wort sage ich noch den Umstürzern von Bildsäulen. Das ist wohl die größte Torheit, Salz ins Meer und Bildsäulen in den Schlamm zu werfen.

1547

And this word I speak further to overthrowers of statues. Surely it is the greatest folly to cast salt into the sea and statues into the mud.

1548

Im Schlamme eurer Verachtung lag die Bildsäule: aber das ist gerade ihr Gesetz, daß ihr aus der Verachtung wieder Leben und lebende Schönheit wächst!

1548

In the mud of your contempt lay the statue: but precisely this is its law, that from contempt life and living beauty shall grow anew!

1549

Mit göttlicheren Zügen steht sie nun auf, und leidendverführerisch; und wahrlich! sie wird euch noch Dank sagen, daß ihr sie umstürztet, ihr Umstürzer!

1549

Now it stands with more divine features, suffering-seductive; and truly! It shall yet thank you for overthrowing it, you overthrowers!

1550

Diesen Rat aber rate ich Königen und Kirchen und allem, was alters- und tugendschwach ist – laßt euch nur umstürzen! Daß ihr wieder zum Leben kommt, und zu euch – die Tugend! –«

1550

But this counsel I give to kings and churches and all that is aged and virtue-weakened – let yourselves be overthrown! That you may revive, and to you – virtue! –«

1551

Also redete ich vor dem Feuerhunde: da unterbrach er mich mürrisch und fragte: »Kirche? Was ist denn das?«

1551

Thus I spoke before the fire hound: there he interrupted me sullenly and asked: »Church? What is that?«

1552

»Kirche?« antwortete ich, »das ist eine Art von Staat, und zwar die verlogenste. Doch schweig still, du Heuchelhund! Du kennst deine Art wohl am besten schon!

1552

»Church?« I answered, »it is a kind of State, and indeed the most mendacious. But be silent, hypocritical hound! You know your own kind best!

1553

Gleich dir selber ist der Staat ein Heuchelhund; gleich dir redet er gern mit Rauch und Gebrülle – daß er glauben mache, gleich dir, er rede aus dem Bauch der Dinge.

1553

Like you yourself, the State is a hypocritical hound; like you, it loves to speak with smoke and roaring – to make believe, like you, that it speaks from the belly of things.

1554

Denn er will durchaus das wichtigste Tier auf Erden sein, der Staat; und man glaubt's ihm auch.« –

1554

For it wants by all means to be the most important beast on earth, the State; and people believe it too.« –

1555

Als ich das gesagt hatte, gebärdete sich der Feuerhund wie unsinnig vor Neid. »Wie?« schrie er, »das wichtigste Tier auf Erden? Und man glaubt's ihm auch?« Und so viel Dampf und gräßliche Stimmen kamen ihm aus dem Schlunde, daß ich meinte, er werde vor Ärger und Neid ersticken.

1555

When I said this, the fire hound behaved as if mad with envy. »What?« he shrieked, »the most important beast on earth? And people believe it too?« And so much steam and ghastly voices issued from his gullet that I thought he would choke with rage and envy.

1556

Endlich wurde er stiller, und sein Keuchen ließ nach; sobald er aber stille war, sagte ich lachend:

1556

At last he grew quieter, and his panting subsided; but as soon as he was silent, I said laughing:

1557

»Du ärgerst dich, Feuerhund: also habe ich über dich Recht!

1557

»You are angered, fire hound: thus am I right about you!

1558

Und daß ich auch noch recht behalte, so höre von einem andern Feuerhunde: der spricht wirklich aus dem Herzen der Erde.[387]

1558

And that I may remain right, hear now of another fire hound: he speaks truly from the heart of the earth.[387]

1559

Gold haucht sein Atem und goldigen Regen: so will's das Herz ihm. Was ist ihm Asche und Rauch und heißer Schleim noch!

1559

Gold breathes his breath and golden rain: thus wills his heart. What are ashes and smoke and hot slime to him!

1560

Lachen flattert aus ihm wie ein buntes Gewölke; abgünstig ist er deinem Gurgeln und Speien und Grimmen der Eingeweide!

1560

Laughter flutters from him like a multicolored cloud; he is hostile to your gurgling and spewing and intestinal wrath!

1561

Das Gold aber und das Lachen – das nimmt er aus dem Herzen der Erde: denn daß du's nur weißt – das Herz der Erde ist von Gold

1561

But gold and laughter – these he takes from the heart of the earth: for know this – the heart of the earth is of gold

1562

Als dies der Feuerhund vernahm, hielt er's nicht mehr aus, mir zuzuhören. Beschämt zog er seinen Schwanz ein, sagte auf eine kleinlaute Weise Wau! Wau! und kroch hinab in seine Höhle. –

1562

When the fire hound heard this, he could no longer endure listening to me. Ashamed, he drew in his tail, whimpered »Wau! Wau!« and crawled down into his cave. –

1563

Also erzählte Zarathustra. Seine Jünger aber hörten ihm kaum zu: so groß war ihre Begierde, ihm von den Schiffsleuten, den Kaninchen und dem fliegenden Manne zu erzählen.

1563

Thus spoke Zarathustra. Yet his disciples scarcely listened to him, so great was their eagerness to tell him of the sailors, the rabbits, and the flying man.

1564

»Was soll ich davon denken!« sagte Zarathustra. »Bin ich denn ein Gespenst?

1564

"What shall I make of this?" said Zarathustra. "Am I then a phantom?

1565

Aber es wird mein Schatten gewesen sein. Ihr hörtet wohl schon einiges vom Wanderer und seinem Schatten?

1565

But it must have been my shadow. You have surely heard something of the wanderer and his shadow?

1566

Sicher aber ist das: ich muß ihn kürzer halten – er verdirbt mir sonst noch den Ruf.«

1566

Yet this is certain: I must keep it shorter—else it will yet ruin my reputation."

1567

Und nochmals schüttelte Zarathustra den Kopf und wunderte sich. »Was soll ich davon denken!« sagte er nochmals.

1567

And once more Zarathustra shook his head and wondered. "What shall I make of this?" he said again.

1568

»Warum schrie denn das Gespenst: ›Es ist Zeit! Es ist die höchste Zeit!‹

1568

"Why then did the phantom cry: 'It is time! It is the highest time!'

1569

Wozu ist es denn – höchste Zeit?«

1569

For what is it—the highest time?"

1570

Also sprach Zarathustra.[388]

1570

Thus spoke Zarathustra.

1571

Der Wahrsager

1571

The Soothsayer

1572

»– und ich sahe eine große Traurigkeit über die Menschen kommen. Die Besten wurden ihrer Werke müde.

1572

"—and I saw a great affliction descend upon mankind. The best grew weary of their works.

1573

Eine Lehre erging, ein Glaube lief neben ihr: ›alles ist leer, alles ist gleich, alles war!‹

1573

A doctrine spread, a faith ran beside it: 'All is empty, all is the same, all has been!'

1574

Und von allen Hügeln klang es wieder: ›alles ist leer, alles ist gleich, alles war!‹

1574

And from every hill it echoed back: 'All is empty, all is the same, all has been!'

1575

Wohl haben wir geerntet: aber warum wurden alle Früchte uns faul und braun? Was fiel vom bösen Monde bei der letzten Nacht hernieder?[388]

1575

We have reaped, yes—but why did all our fruits turn rotten and brown? What fell from the evil moon last night?

1576

Umsonst war alle Arbeit, Gift ist unser Wein geworden, böser Blick sengte unsre Felder und Herzen gelb.

1576

All our labor was in vain; our wine has become poison, an evil eye has scorched our fields and hearts yellow.

1577

Trocken würden wir alle; und fällt Feuer auf uns, so stäuben wir der Asche gleich – ja das Feuer selber machten wir müde.

1577

We all dried up; and when fire falls on us, we scatter like ashes—yes, we made even the fire weary.

1578

Alle Brunnen versiegten uns, auch das Meer wich zurück. Aller Grund will reißen, aber die Tiefe will nicht schlingen!

1578

All our wells have dried, even the sea retreated. Every foundation cracks—yet the abyss will not swallow!

1579

›Ach, wo ist noch ein Meer, in dem man ertrinken könnte‹: so klingt unsre Klage – hinweg über flache Sümpfe.

1579

'Alas, where is there still a sea in which one might drown?'—thus rings our lament across shallow swamps.

1580

Wahrlich, zum Sterben wurden wir schon zu müde; nun wachen wir noch und leben fort – in Grabkammern!« –

1580

Truly, we have become too weary even to die; now we stay awake and live on—in burial chambers!"

1581

Also hörte Zarathustra einen Wahrsager reden; und seine Weissagung ging ihm zu Herzen und verwandelte ihn. Traurig ging er umher und müde; und er wurde denen gleich, von welchen der Wahrsager geredet hatte.

1581

Thus Zarathustra heard a soothsayer speak; and the prophecy pierced his heart and transformed him. Mournful and weary he wandered, becoming like those of whom the soothsayer had spoken.

1582

Wahrlich, so sagte er zu seinen Jüngern, es ist um ein Kleines, so kommt diese lange Dämmerung. Ach, wie soll ich mein Licht hinüber retten!

1582

Truly, he said to his disciples, a little while and this long twilight comes. Ah, how shall I preserve my light through it!

1583

Daß es mir nicht ersticke in dieser Traurigkeit! Ferneren Welten soll es ja Licht sein, und noch fernsten Nächten!

1583

Let it not suffocate in this grief! It shall be a light to distant worlds and furthest nights yet!

1584

Dergestalt im Herzen bekümmert ging Zarathustra umher; und drei Tage lang nahm er nicht Trank und Speise zu sich, hatte keine Ruhe und verlor die Rede. Endlich geschah es, daß er in einen tiefen Schlaf verfiel. Seine Jünger aber saßen um ihn in langen Nachtwachen und warteten mit Sorge, ob er wach werde und wiederrede und genesen sei von seiner Trübsal.

1584

Thus heavy-hearted, Zarathustra wandered; for three days he took neither food nor drink, found no rest, and lost speech. At last he fell into a deep sleep. His disciples kept long night watches around him, waiting anxiously for him to awaken and speak again, and recover from his affliction.

1585

Dies aber ist die Rede, welche Zarathustra sprach, als er aufwachte; seine Stimme aber kam zu seinen Jüngern wie aus weiter Ferne.

1585

This is the discourse Zarathustra delivered upon waking; yet his voice came to his disciples as from afar:

1586

»Hört mir doch den Traum, den ich träumte, ihr Freunde, und helft mir seinen Sinn raten!

1586

"Hear now the dream I dreamed, friends, and help me divine its meaning!

1587

Ein Rätsel ist er mir noch, dieser Traum; sein Sinn ist verborgen in ihm und eingefangen und fliegt noch nicht über ihn hin mit freien Flügeln.

1587

It remains a riddle to me; its meaning is trapped within, not yet soaring free on liberated wings.

1588

Allem Leben hatte ich abgesagt, so träumte mir. Zum Nacht- und Grabwächter war ich worden, dort auf der einsamen Berg-Burg des Todes.[389]

1588

I had renounced all life—so I dreamed. I became a night watchman and gravekeeper in the solitary mountain fortress of death.

1589

Droben hütete ich seine Särge: voll standen die dumpfen Gewölbe von solchen Siegeszeichen. Aus gläsernen Särgen blickte mich überwundenes Leben an.

1589

There I guarded its coffins: the musty vaults stood full of such victory tokens. From glass coffins, vanquished life stared back at me.

1590

Den Geruch verstaubter Ewigkeiten atmete ich: schwül und verstaubt lag meine Seele. Und wer hätte dort auch seine Seele lüften können!

1590

I breathed the stench of dust-laden eternities: sultry and dust-choked lay my soul. And who could have aired his soul there!

1591

Helle der Mitternacht war immer um mich, Einsamkeit kauerte neben ihr; und, zu dritt, röchelnde Todesstille, die schlimmste meiner Freundinnen.

1591

The clarity of midnight ever surrounded me; loneliness crouched beside it, and thirdly, the rasping deathly stillness—the most dreadful of my companions.

1592

Schlüssel führte ich, die rostigsten aller Schlüssel; und ich verstand es, damit das knarrendste aller Tore zu öffnen.

1592

I carried keys, the rustiest of all keys; and I knew how to unlock the creakiest of all gates with them.

1593

Einem bitterbösen Gekrächze gleich lief der Ton durch die langen Gänge, wenn sich des Tores Flügel hoben: unhold schrie dieser Vogel, ungern wollte er geweckt sein.

1593

Like the croaking of some malign creature, the sound echoed through long corridors when the gate’s wings lifted: unholy was its cry, unwilling to be roused.

1594

Aber furchtbarer noch und herzzuschnürender war es, wenn es wieder schwieg und rings stille ward, und ich allein saß in diesem tückischen Schweigen.

1594

Yet more terrible and heart-constricting was the silence that followed—when all grew still, and I sat alone in this treacherous hush.

1595

So ging mir und schlich die Zeit, wenn Zeit es noch gab: was weiß ich davon! Aber endlich geschah das, was mich weckte.

1595

Thus time passed and stole away from me, if time still existed: what do I know of it? But at last came that which awoke me.

1596

Dreimal schlugen Schläge ans Tor, gleich Donnern, es hallten und heulten die Gewölbe dreimal wider: da ging ich zum Tore.

1596

Thrice came thunderous blows upon the gate; thrice the vaults roared and howled in answer. Then I approached the gate.

1597

Alpa! rief ich, wer trägt seine Asche zu Berge? Alpa! Alpa! Wer trägt seine Asche zu Berge?

1597

“Alpa!” I cried. “Who bears his ashes to the mountain? Alpa! Alpa! Who bears his ashes to the mountain?”

1598

Und ich drückte den Schlüssel und hob am Tore und mühte mich. Aber noch keinen Fingerbreit stand es offen:

1598

I turned the key and strained to lift the gate. Yet it opened not even a finger’s breadth:

1599

Da riß ein brausender Wind seine Flügel auseinander: pfeifend, schrillend und schneidend warf er mir einen schwarzen Sarg zu:

1599

When a howling wind tore its wings apart—whistling, shrill, and piercing, it hurled a black coffin toward me:

1600

Und im Brausen und Pfeifen und Schrillen zerbarst der Sarg und spie tausendfältiges Gelächter aus.

1600

And amid roaring, whistling, and shrieking, the coffin burst asunder, spewing forth a thousandfold laughter.

1601

Und aus tausend Fratzen von Kindern, Engeln, Eulen, Narren und kindergroßen Schmetterlingen lachte und höhnte und brauste es wider mich.

1601

From a thousand grimaces of children, angels, owls, fools, and child-sized butterflies, laughter, mockery, and tumult roared back at me.

1602

Gräßlich erschrak ich darob: es warf mich nieder. Und ich schrie vor Grausen, wie nie ich schrie.

1602

Horrified, I was cast down. I screamed with terror as never before.

1603

Aber der eigne Schrei weckte mich auf – und ich kam zu mir. –«

1603

But my own scream awakened me—and I returned to myself.—”

1604

Also erzählte Zarathustra seinen Traum und schwieg dann: denn er wußte noch nicht die Deutung seines Traumes. Aber der Jünger, den[390] er am meisten lieb hatte, erhob sich schnell, faßte die Hand Zarathustras und sprach:

1604

Thus Zarathustra recounted his dream and fell silent, for he still did not grasp its meaning. But the disciple he loved most rose swiftly, clasped Zarathustra’s hand, and spoke:

1605

»Dein Leben selber deutet uns diesen Traum, o Zarathustra!

1605

“Your very life interprets this dream for us, O Zarathustra!

1606

Bist du nicht selber der Wind mit schrillem Pfeifen, der den Burgen des Todes die Tore aufreißt?

1606

Are you not yourself the wind with shrill whistling, tearing open the gates of death’s citadels?

1607

Bist du nicht selber der Sarg voll bunter Bosheiten und Engelsfratzen des Lebens?

1607

Are you not yourself the coffin brimming with life’s motley malice and angelic grimaces?

1608

Wahrlich, gleich tausendfältigem Kindsgelächter kommt Zarathustra in alle Totenkammern, lachend über diese Nacht- und Grabwächter, und wer sonst mit düstern Schlüsseln rasselt.

1608

Truly, like a thousandfold laughter of children, Zarathustra enters all chambers of the dead, mocking the night-watchmen and grave-keepers, and all who rattle with gloomy keys.

1609

Schrecken und umwerfen wirst du sie mit deinem Gelächter; Ohnmacht und Wachwerden wird deine Macht über sie beweisen.

1609

You shall strike terror and overthrow them with your laughter; your power shall prove their faintness and rouse them awake.

1610

Und auch, wenn die lange Dämmerung kommt und die Todesmüdigkeit, wirst du an unserm Himmel nicht untergehn, du Fürsprecher des Lebens!

1610

Even when the long twilight comes and deathly weariness, you shall not set upon our heaven, O advocate of life!

1611

Neue Sterne ließest du uns sehen und neue Nachtherrlichkeiten; wahrlich, das Leben selber spanntest du wie ein buntes Gezelt über uns.

1611

New stars you have let us behold, new nocturnal splendors. Verily, life itself you have spread above us like a colorful canopy.

1612

Nun wird immer Kindes-Lachen aus Särgen quellen; nun wird immer siegreich ein starker Wind kommen aller Todesmüdigkeit: dessen bist du uns selber Bürge und Wahrsager!

1612

Now child-laughter shall forever surge from coffins; now a fierce wind shall triumph eternally over all deathly weariness—of this you yourself are our pledge and prophet!

1613

Wahrlich, sie selber träumtest du, deine Feinde: das war dein schwerster Traum!

1613

Truly, it was them you dreamed, your enemies: that was your heaviest dream!

1614

Aber wie du von ihnen aufwachtest und zu dir kamst, also sollen sie selber von sich aufwachen – und zu dir kommen!« –

1614

But as you awoke from them and came to yourself, so shall they awaken from themselves—and come to you!” —

1615

So sprach der Jünger; und alle anderen drängten sich nun um Zarathustra und ergriffen ihn bei den Händen und wollten ihn bereden, daß er vom Bette und von der Traurigkeit lasse und zu ihnen zurückkehre. Zarathustra aber saß aufgerichtet auf seinem Lager, und mit fremdem Blicke. Gleichwie einer, der aus langer Fremde heimkehrt, sah er auf seine Jünger und prüfte ihre Gesichter; und noch erkannte er sie nicht. Als sie aber ihn hoben und auf die Füße stellten, siehe, da verwandelte sich mit einem Male sein Auge; er begriff alles, was geschehn war, strich sich den Bart und sagte mit starker Stimme:

1615

Thus spoke the disciple; and now all the others pressed around Zarathustra, seized his hands, and sought to persuade him to rise from his bed and cast off his melancholy, returning to their company. But Zarathustra sat upright upon his couch with a distant gaze. Like one returning from long exile, he regarded his disciples and scrutinized their faces; still he recognized them not. Yet when they lifted him and set him on his feet, behold, his eye was suddenly transformed; he comprehended all that had transpired, stroked his beard, and spoke in a resolute voice:

1616

»Wohlan! Dies nun hat seine Zeit; sorgt mir aber dafür, meine Jünger, daß wir eine gute Mahlzeit machen, und in Kürze! Also gedenke ich Buße zu tun für schlimme Träume![391]

1616

»Well then! This matter has its hour; but see to it, my disciples, that we prepare a hearty feast, and swiftly! For thus do I intend to do penance for ill dreams!

1617

Der Wahrsager aber soll an meiner Seite essen und trinken: und wahrlich, ich will ihm noch ein Meer zeigen, in dem er ertrinken kann!«

1617

Let the soothsayer sit at my side to eat and drink: verily, I shall yet show him a sea in which he may drown!«

1618

Also sprach Zarathustra. Darauf aber blickte er dem Jünger, welcher den Traumdeuter abgegeben hatte, lange ins Gesicht und schüttelte dabei den Kopf –[392]

1618

Thus spoke Zarathustra. Then he gazed long into the face of the disciple who had interpreted the dream, shaking his head as he did so—

1619

Von der Erlösung

1619

On Redemption

1620

Als Zarathustra eines Tages über die große Brücke ging, umringten ihn die Krüppel und Bettler, und ein Bucklichter redete also zu ihm:

1620

When Zarathustra once crossed the great bridge, cripples and beggars surrounded him, and a hunchback spoke thus:

1621

»Siehe, Zarathustra! Auch das Volk lernt von dir und gewinnt Glauben an deine Lehre: aber, daß es ganz dir glauben soll, dazu bedarf es noch eines – du mußt erst noch uns Krüppel überreden! Hier hast du nun eine schöne Auswahl und wahrlich, eine Gelegenheit mit mehr als einem Schopfe! Blinde kannst du heilen und Lahme laufen machen; und dem, der zuviel hinter sich hat, könntest du wohl auch ein wenig abnehmen – das, meine ich, wäre die rechte Art, die Krüppel an Zarathustra glauben zu machen!«

1621

»Behold, Zarathustra! Even the people learn from you and grow convinced by your doctrine. Yet for them to believe utterly in you, one thing remains—you must first persuade us cripples! Here lies a fine selection, a chance grasped by more than one hook! You could heal the blind and make the lame walk; and from him who bears too much upon his back, you might lighten the burden—this, methinks, would be the surest way to make cripples believe in Zarathustra!«

1622

Zarathustra aber erwiderte dem, der da redete, also: »Wenn man dem Bucklichten seinen Buckel nimmt, so nimmt man ihm seinen Geist – also lehrt das Volk. Und wenn man dem Blinden seine Augen gibt, so sieht er zuviel schlimme Dinge auf Erden: also daß er den verflucht, der ihn heilte. Der aber, welcher den Lahmen laufen macht, der tut ihm den größten Schaden an: denn kaum kann er laufen, so gehn seine Laster mit ihm durch – also lehrt das Volk über Krüppel. Und warum sollte Zarathustra nicht auch vom Volke lernen, wenn das Volk von Zarathustra lernt?

1622

But Zarathustra answered him thus: »If one takes the hunch from the hunchback, one takes his spirit—so teaches the people. If one gives eyes to the blind, he beholds too many vile things on earth, so that he curses his healer. And he who makes the lame run does him the gravest harm, for no sooner can he run than his vices outpace him—thus the people’s wisdom concerning cripples. And why should Zarathustra not learn from the people, if the people learn from Zarathustra?

1623

Das ist mir aber das Geringste, seit ich unter Menschen bin, daß ich sehe: ›Diesem fehlt ein Auge und jenem ein Ohr und einem dritten das Bein, und andre gibt es, die verloren die Zunge oder die Nase oder den Kopf.‹

1623

Yet this is the least of my concerns since dwelling among men: to see that one lacks an eye, another an ear, a third a leg, while others have lost their tongue, nose, or head.

1624

Ich sehe und sah Schlimmeres und mancherlei so Abscheuliches, daß ich nicht von jeglichem reden und von einigem nicht einmal schweigen möchte: nämlich Menschen, denen es an allem fehlt, außer, daß sie eins zuviel haben – Menschen, welche nichts weiter sind, als[392] ein großes Auge oder ein großes Maul oder ein großer Bauch oder irgend etwas Großes – umgekehrte Krüppel heiße ich solche.

1624

I have seen and still see fouler things—abominations manifold, of which I dare not speak all, nor remain silent about some: beings who lack everything save that which they possess in excess—creatures who are nothing but a gigantic eye, a gaping maw, a swollen belly, or some other enormity. Inverted cripples I call such as these.«

1625

Und als ich aus meiner Einsamkeit kam und zum ersten Male über diese Brücke ging: da traute ich meinen Augen nicht und sah hin, und wieder hin, und sagte endlich: ›Das ist ein Ohr! Ein Ohr, so groß wie ein Mensch!‹ Ich sah noch besser hin: und wirklich, unter dem Ohre bewegte sich noch etwas, das zum Erbarmen klein und ärmlich und schmächtig war. Und wahrhaftig, das ungeheure Ohr saß auf einem kleinen dünnen Stiele – der Stiel aber war ein Mensch! Wer ein Glas vor das Auge nahm, konnte sogar noch ein kleines neidisches Gesichtchen erkennen; auch, daß ein gedunsenes Seelchen am Stiele baumelte. Das Volk sagte mir aber, daß große Ohr sei nicht nur ein Mensch, sondern ein großer Mensch, ein Genie. Aber ich glaubte dem Volke niemals, wenn es von großen Menschen redete – und behielt meinen Glauben bei, daß es ein umgekehrter Krüppel sei, der an allem zu wenig und an einem zu viel habe.«

1625

And when I emerged from my solitude and crossed this bridge for the first time, I could not trust my eyes. I looked closely, then looked again, and finally declared: 'That is an ear! An ear as large as a man!' I peered still closer: and verily, beneath the ear something moved—pitifully small, wretched, and meager. In truth, the monstrous ear sat upon a thin, slender stalk—and the stalk was a man! If one held a glass to the eye, one could even discern a tiny envious face; likewise, a bloated little soul dangling from the stalk. Yet the people told me this great ear was not merely a man but a great man, a genius. But I never believed the people when they spoke of great men—and held fast to my belief that this was an inverted cripple, deficient in all things but one to excess."

1626

Als Zarathustra so zu dem Bucklichten geredet hatte und zu denen, welchen er Mundstück und Fürsprecher war, wandte er sich mit tiefem Unmute zu seinen Jüngern und sagte:

1626

When Zarathustra had thus spoken to the hunchback and to those for whom he served as mouthpiece and advocate, he turned to his disciples with profound vexation and said:

1627

»Wahrlich, meine Freunde, ich wandle unter den Menschen wie unter den Bruchstücken und Gliedmaßen von Menschen!

1627

"Verily, my friends, I walk among men as among the fragments and limbs of men!

1628

Dies ist meinem Auge das Fürchterliche, daß ich den Menschen zertrümmert finde und zerstreuet wie über ein Schlacht- und Schlächterfeld hin.

1628

This is the horror to my eyes: I find humanity shattered and scattered as across a battlefield of slaughter.

1629

Und flüchtet mein Auge vom Jetzt zum Ehemals: es findet immer das Gleiche: Bruchstücke und Gliedmaßen und grause Zufälle – aber keine Menschen!

1629

And when my gaze flees from the Now to the Once-Was, it discovers the same: fragments and limbs and dreadful accidents—but no human beings!

1630

Das Jetzt und das Ehemals auf Erden – ach! meine Freunde – das ist mein Unerträglichstes; und ich wüßte nicht zu leben, wenn ich nicht noch ein Seher wäre, dessen, was kommen muß.

1630

The Now and the Once-Was on earth—ah, my friends—this is what is most unbearable to me. Nor could I endure life, were I not also a seer of what must come.

1631

Ein Seher, ein Wollender, ein Schaffender, eine Zukunft selber und eine Brücke zur Zukunft – und ach, auch noch gleichsam ein Krüppel an dieser Brücke: das alles ist Zarathustra.

1631

A seer, a willer, a creator, a future itself and a bridge to the future—and alas, also a cripple upon this bridge: all this is Zarathustra.

1632

Und auch ihr fragtet euch oft: »wer ist uns Zarathustra? Wie soll er uns heißen?« Und gleich mir selber gabt ihr euch Fragen zur Antwort.[393]

1632

Even you have often asked yourselves: 'Who is Zarathustra to us? What name shall we call him?' And like me, you answered yourselves with questions.

1633

Ist er ein Versprechender? Oder ein Erfüllter? Ein Erobernder? Oder ein Erbender? Ein Herbst? Oder eine Pflugschar? Ein Arzt? Oder ein Genesener?

1633

Is he a promiser? Or a fulfiller? A conqueror? Or an inheritor? A harvest? Or a plowshare? A physician? Or one healed?

1634

Ist er ein Dichter? Oder ein Wahrhaftiger? Ein Befreier? Oder ein Bändiger? Ein Guter? Oder ein Böser?

1634

Is he a poet? Or a truthful one? A liberator? Or a subduer? A good man? Or an evil one?

1635

Ich wandle unter Menschen als den Bruchstücken der Zukunft: jener Zukunft, die ich schaue.

1635

I walk among men as the fragments of the future—that future which I behold.

1636

Und das ist all mein Dichten und Trachten, daß ich in Eins dichte und zusammentrage, was Bruchstück ist und Rätsel und grauser Zufall.

1636

And all my creating and striving is this: to poetize and assemble into one what is fragment, riddle, and dreadful accident.

1637

Und wie ertrüge ich es, Mensch zu sein, wenn der Mensch nicht auch Dichter und Rätselrater und der Erlöser des Zufalls wäre!

1637

And how could I endure to be human, unless humanity were also poet and riddle-guesser and redeemer of chance!

1638

Die Vergangnen zu erlösen und alles »Es war« umzuschaffen in ein »So wollte ich es!« – das hieße mir erst Erlösung!

1638

To redeem the past and to transform every 'It was' into a 'Thus I willed it!'—that alone would I call redemption!

1639

Wille – so heißt der Befreier und Freudebringer: also lehrte ich euch, meine Freunde! Aber nun lernt dies hinzu: der Wille selber ist noch ein Gefangener.

1639

Will—so is the liberator and joy-bringer called: thus I taught you, my friends! But now learn this as well: the will itself remains a prisoner.

1640

Wollen befreit: aber wie heißt das, was auch den Befreier noch in Ketten schlägt?

1640

Willing liberates: but what is it called that still puts the liberator in chains?

1641

»Es war«: also heißt des Willens Zähneknirschen und einsamste Trübsal. Ohnmächtig gegen das, was getan ist – ist er allem Vergangenen ein böser Zuschauer.

1641

'It was'—thus gnash the will's teeth and lament its loneliest affliction. Powerless against what has been done, the will remains a spiteful spectator of all things past.

1642

Nicht zurück kann der Wille wollen; daß er die Zeit nicht brechen kann und der Zeit Begierde – das ist des Willens einsamste Trübsal.

1642

The will cannot will backward; that it cannot break time and time's desire—this is the will's loneliest affliction.

1643

Wollen befreit: was ersinnt sich das Wollen selber, daß es los seiner Trübsal werde und seines Kerkers spotte?

1643

Willing liberates: what does willing itself contrive to rid itself of its affliction and mock its dungeon?

1644

Ach, ein Narr wird jeder Gefangene! Närrisch erlöst sich auch der gefangene Wille.

1644

Ah, every prisoner becomes a fool! Foolishly too does the captive will redeem itself.

1645

Daß die Zeit nicht zurückläuft, das ist sein Ingrimm; »das, was war« – so heißt der Stein, den er nicht wälzen kann.

1645

That time does not run backward—this is its fury; "that which was"—thus is called the stone it cannot roll away.

1646

Und so wälzt er Steine aus Ingrimm und Unmut und übt Rache an dem, was nicht gleich ihm Grimm und Unmut fühlt.

1646

And so it rolls stones in fury and discontent, taking revenge on whatever does not share its rage and bitterness.

1647

Also wurde der Wille, der Befreier, ein Wehetäter: und an allem, was leiden kann, nimmt er Rache dafür, daß er nicht zurück kann.

1647

Thus the will, the liberator, became a tormentor; against all that can suffer, it takes vengeance for being unable to turn back.

1648

Dies, ja dies allein ist Rache selber: des Willens Widerwille gegen die Zeit und ihr »Es war«.[394]

1648

This, yes this alone is revenge itself: the will's aversion to time and its "it was."

1649

Wahrlich, eine große Narrheit wohnt in unserm Willen; und zum Fluche wurde es allem Menschlichen, daß diese Narrheit Geist lernte!

1649

Verily, a great folly dwells in our will; and it became a curse upon all humanity that this folly learned to be spirit!

1650

Der Geist der Rache: meine Freunde, das war bisher der Menschen bestes Nachdenken; und wo Leid war, da sollte immer Strafe sein.

1650

The spirit of revenge: my friends, that has been mankind's best reflection thus far; and where there was suffering, punishment was always due.

1651

»Strafe« nämlich, so heißt sich die Rache selber: mit einem Lügenwort heuchelt sie sich ein gutes Gewissen.

1651

"Punishment"—so revenge calls itself. With a lying word, it feigns a clear conscience.

1652

Und weil im Wollenden selber Leid ist, darob, daß er nicht zurück wollen kann – also sollte Wollen selber und alles Leben – Strafe sein!

1652

And because there is suffering in the willer itself, since it cannot will backward—thus all willing and life itself—were deemed punishment!

1653

Und nun wälzte sich Wolke auf Wolke über den Geist: bis endlich der Wahnsinn predigte: »Alles vergeht, darum ist alles wert zu vergehn!«

1653

And now cloud upon cloud rolled over the spirit—until at last madness preached: "All things pass away, therefore all things deserve to pass away!"

1654

»Und dies ist selber Gerechtigkeit, jenes Gesetz der Zeit, daß sie ihre Kinder fressen muß«: also predigte der Wahnsinn.

1654

"And this itself is justice, that law of time which must devour its children": thus preached madness.

1655

»Sittlich sind die Dinge geordnet nach Recht und Strafe. O wo ist die Erlösung vom Floß der Dinge und der Strafe ›Dasein‹?« Also predigte der Wahnsinn.

1655

"Things are ordered morally through right and punishment. Oh, where is redemption from the flux of things and the punishment of 'existence'?" Thus preached madness.

1656

»Kann es Erlösung geben, wenn es ein ewiges Recht gibt? Ach, unwälzbar ist der Stein ›Es war‹: ewig müssen auch alle Strafen sein!« Also predigte der Wahnsinn.

1656

"Can there be redemption if eternal justice exists? Ah, 'it was' is an immovable stone: eternal too must all punishments be!" Thus preached madness.

1657

»Keine Tat kann vernichtet werden: wie könnte sie durch die Strafe ungetan werden! Dies, dies ist das Ewige an der Strafe ›Dasein‹, daß das Dasein auch ewig wieder Tat und Schuld sein muß!

1657

"No deed can be annihilated: how could it be undone through punishment? This, this is what is eternal in the punishment 'existence'—that existence must eternally become deed and guilt again!

1658

Es sei denn, daß der Wille endlich sich selber erlöste und Wollen zu Nicht-Wollen würde –«: doch ihr kennt, meine Brüder, dies Fabellied des Wahnsinns!

1658

Unless the will should at last redeem itself, and willing become not-willing—": but you know, my brothers, this fable-song of madness!

1659

Weg führte ich euch von diesen Fabelliedern, als ich euch lehrte: »der Wille ist ein Schaffender«.

1659

Thus I led you away from these fable-songs when I taught you: "the will is a creator."

1660

Alles »Es war« ist ein Bruchstück, ein Rätsel, ein grauser Zufall – bis der schaffende Wille dazu sagt: »aber so wollte ich es!«

1660

All "it was" is a fragment, a riddle, a dreadful chance—until the creative will declares: "But thus I willed it!"

1661

– Bis der schaffende Wille dazu sagt: »Aber so will ich es! So werde ich's wollen!«

1661

—Until the creative will declares: "But thus I will it! Thus shall I will it!"

1662

Aber sprach er schon so? Und wann geschieht dies? Ist der Wille schon abgeschirrt von seiner eignen Torheit?

1662

But has it ever spoken thus? And when will this happen? Has the will yet unharnessed itself from its own folly?

1663

Wurde der Wille sich selber schon Erlöser und Freudebringer? Verlernte er den Geist der Rache und alles Zähneknirschen?

1663

Has the will become its own redeemer and joy-bringer? Has it unlearned the spirit of revenge and all teeth-gnashing?

1664

Und wer lehrte ihn Versöhnung mit der Zeit, und Höheres, als alle Versöhnung ist?[395]

1664

And who taught it reconciliation with time, and something higher than all reconciliation?

1665

Höheres als alle Versöhnung muß der Wille wollen, welcher der Wille zur Macht ist –: doch wie geschieht ihm das? Wer lehrte ihn auch noch das Zurückwollen?«

1665

Higher than all reconciliation must the will will—the will that is the will to power—: but how is this achieved? Who taught it also to will backward?"

1666

– Aber an dieser Stelle seiner Rede geschah es, daß Zarathustra plötzlich innehielt und ganz einem solchen gleich sah, der auf das äußerste erschrickt. Mit erschrecktem Auge blickte er auf seine Jünger; sein Auge durchbohrte wie mit Pfeilen ihre Gedanken und Hintergedanken. Aber nach einer kleinen Weile lachte er schon wieder und sagte begütigt:

1666

—But at this point in his discourse it happened that Zarathustra suddenly halted, looking like one utterly terrified. With a frightened gaze he stared at his disciples; his eye pierced their thoughts and concealed thoughts like arrows. Yet after a brief while he laughed again and spoke reassuringly:

1667

»Es ist schwer, mit Menschen zu leben, weil Schweigen so schwer ist. Sonderlich für einen Geschwätzigen.« –

1667

“It is hard to dwell among humans because silence is so difficult. Especially for one prone to chatter.” –

1668

Also sprach Zarathustra. Der Bucklichte aber hatte dem Gespräche zugehört und sein Gesicht dabei bedeckt; als er aber Zarathustra lachen hörte, blickte er neugierig auf und sagte langsam:

1668

Thus spoke Zarathustra. The hunchback, however, had listened to the conversation while covering his face; but when he heard Zarathustra laugh, he looked up curiously and said slowly:

1669

»Aber warum redet Zarathustra anders zu uns, als zu seinen Jüngern?«

1669

“But why does Zarathustra speak differently to us than to his disciples?”

1670

Zarathustra antwortete: »Was ist das zum Verwundern! Mit Bucklichten darf man schon bucklicht reden!«

1670

Zarathustra answered: “What is there to marvel at! With hunchbacks, one may well speak hunched!”

1671

»Gut«, sagte der Bucklichte; »und mit Schülern darf man schon aus der Schule schwätzen.

1671

“Good,” said the hunchback; “and with pupils, one may prattle from the schoolhouse.

1672

Aber warum redet Zarathustra anders zu seinen Schülern – als zu sich selber?«[396]

1672

But why does Zarathustra speak differently to his disciples – than to himself?”[396]

1673

Von der Menschen-Klugheit

1673

On Human Shrewdness

1674

Nicht die Höhe: der Abhang ist das Furchtbare!

1674

Not the height: the precipice is the terrible thing!

1675

Der Abhang, wo der Blick hinunter stürzt und die Hand hinauf greift. Da schwindelt dem Herzen vor seinem doppelten Willen.

1675

The precipice where the gaze plunges downward and the hand clutches upward. There, the heart grows dizzy before its twofold will.

1676

Ach, Freunde, erratet ihr wohl auch meines Herzens doppelten Willen.

1676

Ah, friends, do you perhaps also guess the twofold will of my heart?

1677

Das, das ist mein Abhang und meine Gefahr, daß mein Blick in die Höhe stürzt, und daß meine Hand sich halten und stützen möchte – an der Tiefe!

1677

This, this is my precipice and my danger, that my gaze hurtles toward the heights and that my hand would cling and brace itself – in the depths!

1678

An den Menschen klammert sich mein Wille, mit Ketten binde ich mich an den Menschen, weil es mich hinaufreißt zum Übermenschen: denn dahin will mein andrer Wille.[396]

1678

My will clings to humanity; with chains I bind myself to humans, for it drags me upward toward the Overman: toward that my other will strives.[396]

1679

Und dazu lebe ich blind unter den Menschen; gleich als ob ich sie nicht kennte: daß meine Hand ihren Glauben an Festes nicht ganz verliere.

1679

And for this I live blindly among humans, as if I knew them not: so that my hand does not wholly lose faith in what is firm.

1680

Ich kenne euch Menschen nicht: diese Finsternis und Tröstung ist oft um mich gebreitet.

1680

I know you humans not: this darkness and consolation often shrouds me.

1681

Ich sitze am Torwege für jeden Schelm und frage: wer will mich betrügen?

1681

I sit at the gateway for every rogue and ask: Who would deceive me?

1682

Das ist meine erste Menschen-Klugheit, daß ich mich betrügen lasse, um nicht auf der Hut zu sein vor Betrügern.

1682

This is my first human shrewdness: I allow myself to be deceived so that I need not be on guard against deceivers.

1683

Ach, wenn ich auf der Hut wäre vor dem Menschen: wie könnte meinem Balle der Mensch ein Anker sein! Zu leicht risse es mich hinauf und hinweg!

1683

Ah, if I were on guard against humans, how could humanity be an anchor to my ballast? Too lightly would it tear me upward and away!

1684

Diese Vorsehung ist über meinem Schicksal, daß ich ohne Vorsicht sein muß.

1684

This providence governs my fate: that I must be without caution.

1685

Und wer unter Menschen nicht verschmachten will, muß lernen, aus allen Gläsern zu trinken; und wer unter Menschen rein bleiben will, muß verstehn, sich auch mit schmutzigem Wasser zu waschen.

1685

And whoever would not perish of thirst among humans must learn to drink from all cups; and whoever would remain pure among humans must understand how to wash even with dirty water.

1686

Und also sprach ich oft mir zum Troste: »Wohlan! Wohlauf! Altes Herz! Ein Unglück mißriet dir: genieße dies als dein – Glück!«

1686

And thus I often spoke to console myself: “Come now! Cheer up! Old heart! A misfortune failed you: enjoy this as your – happiness!”

1687

Dies aber ist meine andre Menschen-Klugheit: ich schone die Eitlen mehr als die Stolzen.

1687

But this is my second human shrewdness: I spare the vain more than the proud.

1688

Ist nicht verletzte Eitelkeit die Mutter aller Trauerspiele? Wo aber Stolz verletzt wird, da wächst wohl etwas Besseres noch als Stolz ist.

1688

Is wounded vanity not the mother of all tragedies? But where pride is wounded, there may grow something better than pride.

1689

Damit das Leben gut anzuschaun sei, muß sein Spiel gut gespielt werden: dazu aber bedarf es guter Schauspieler.

1689

For life to be worth beholding, its play must be well performed: but for that, good actors are needed.

1690

Gute Schauspieler fand ich alle Eitlen: sie spielen und wollen, daß ihnen gern zugeschaut werde – all ihr Geist ist bei diesem Willen.


Sie führen sich auf, sie erfinden sich; in ihrer Nähe liebe ich's, dem Leben zuzuschaun – es heilt von der Schwermut.

1690

They posture, they invent themselves; near them I love to watch life – it heals melancholy.

1691

Darum schone ich die Eitlen, weil sie mir Ärzte sind meiner Schwermut und mich am Menschen fest halten als an einem Schauspiele.

1691

Thus I spare the vain, for they are physicians to my melancholy and bind me to humanity as to a spectacle.

1692

Und dann: wer ermißt am Eitlen die ganze Tiefe seiner Bescheidenheit! Ich bin ihm gut und mitleidig ob seiner Bescheidenheit.

1692

And then: who can fathom the full depth of the vain man’s humility! I am fond of him and pity him for his humility.

1693

Von euch will er seinen Glauben an sich lernen; er nährt sich an euren Blicken, er frißt das Lob aus euren Händen.[397]

1693

From you he seeks to learn his faith in himself; he feeds on your glances, he devours praise from your hands.[397]

1694

Euren Lügen glaubt er noch, wenn ihr gut über ihn lügt: denn im Tiefsten seufzt sein Herz: »was bin ich

1694

He still believes your lies when you flatter him well: for in his deepest heart sighs: “What am I?”

1695

Und wenn das die rechte Tugend ist, die nicht um sich selber weiß: nun, der Eitle weiß nicht um seine Bescheidenheit! –

1695

And if true virtue is that which knows not itself: well, the vain man knows not his humility! –

1696

Das ist aber meine dritte Menschen-Klugheit, daß ich mir den Anblick der Bösen nicht verleiden lasse durch eure Furchtsamkeit.

1696

This, however, is my third human shrewdness: that I let not my gaze be soured by your timidity at the sight of the evil.

1697

Ich bin selig, die Wunder zu sehn, welche heiße Sonne ausbrütet: Tiger und Palmen und Klapperschlangen.

1697

I am blessed to behold the wonders hatched by scorching suns: tigers and palms and rattlesnakes.

1698

Auch unter Menschen gibt es schöne Brut heißer Sonne und viel Wunderwürdiges an den Bösen.

1698

Among men too there exists fair offspring of fiery suns and much that is wondrous among the wicked.

1699

Zwar, wie eure Weisesten mir nicht gar so weise erschienen: so fand ich auch der Menschen Bosheit unter ihrem Rufe.

1699

Truly, just as your wisest men struck me as not so very wise, so too did I find humanity's malice falling short of its renown.

1700

Und oft fragte ich mit Kopfschütteln: Warum noch klappern, ihr Klapperschlangen?

1700

And oft I shook my head asking: Why still rattle, you rattlesnakes?

1701

Wahrlich, es gibt auch für das Böse noch eine Zukunft! Und der heißeste Süden ist noch nicht entdeckt für den Menschen.

1701

Verily, even for evil there remains a future! The hottest south remains undiscovered by humankind.

1702

Wie manches heißt jetzt schon ärgste Bosheit, was doch nur zwölf Schuhe breit und drei Monate lang ist! Einst aber werden größere Drachen zur Welt kommen.

1702

What now bears the name of vilest malice is but twelve shoes wide and three moons long! Yet greater dragons shall one day come into the world.

1703

Denn daß dem Übermenschen sein Drache nicht fehle, der Über-Drache, der seiner würdig ist: dazu muß viel heiße Sonne noch auf feuchten Urwald glühn!

1703

For the Overman shall lack not his dragon—the Over-Dragon worthy of him: to this end must scorching suns yet blaze upon primeval jungles!

1704

Aus euren Wildkatzen müssen erst Tiger geworden sein und aus euren Giftkröten Krokodile: denn der gute Jäger soll eine gute Jagd haben!

1704

From your wildcats shall tigers emerge, from your poison-toads, crocodiles: for the worthy hunter shall have worthy prey!

1705

Und wahrlich, ihr Guten und Gerechten! An euch ist viel zum Lachen und zumal eure Furcht vor dem, was bisher »Teufel« hieß!

1705

And verily, you good and just ones! In you lies much to provoke laughter, not least your dread of what men once called "devil"!

1706

So fremd seid ihr dem Großen mit eurer Seele, daß euch der Übermensch furchtbar sein würde in seiner Güte!

1706

So alien are you to greatness in your souls that the Overman's very goodness would strike you as dreadful!

1707

Und ihr Weisen und Wissenden, ihr würdet vor dem Sonnenbrande der Weisheit flüchten, in dem der Übermensch mit Lust seine Nacktheit badet!

1707

And you sages and knowers—you would flee the sunburn of wisdom where the Overman bathes his nakedness with delight!

1708

Ihr höchsten Menschen, denen mein Auge begegnete! das ist mein Zweifel an euch und mein heimliches Lachen: ich rate, ihr würdet meinen Übermenschen – Teufel heißen!

1708

You highest men my eyes have met! This is my doubt concerning you and my secret mirth: I surmise you would name my Overman—devil!

1709

Ach, ich ward dieser Höchsten und Besten müde: aus ihrer »Höhe« verlangte mich hinauf, hinaus, hinweg zu dem Übermenschen![398]

1709

Ah, I grew weary of these Highest and Best: from their "heights" I yearned to ascend—beyond, away, toward the Overman![398]

1710

Ein Grausen überfiel mich, als ich diese Besten nackend sah: da wuchsen mir die Flügel, fortzuschweben in ferne Zukünfte.

1710

A horror seized me when I saw these Best Ones naked: then wings sprouted to bear me soaring into distant futures.

1711

In fernere Zukünfte, in südlichere Süden, als je ein Bildner träumte: dorthin, wo Götter sich aller Kleider schämen!

1711

Into futures more remote, into southern realms more sultry than any sculptor ever dreamed—where gods grow ashamed of all garments!

1712

Aber verkleidet will ich euch sehn, ihr Nächsten und Mitmenschen, und gut geputzt, und eitel, und würdig, als »die Guten und Gerechten«, –

1712

Yet disguised I would see you, my neighbors and fellows—well-adorned, vain, and dignified as "the good and the just"—

1713

Und verkleidet will ich selber unter euch sitzen – daß ich euch und mich verkenne: das ist nämlich meine letzte Menschen-Klugheit. –

1713

And disguised I myself shall sit among you—that I may mistake you and myself: for this is my ultimate human shrewdness.—

1714

Also sprach Zarathustra.[399]

1714

Thus spoke Zarathustra.[399]

1715

Die stillste Stunde

1715

The Stillest Hour

1716

Was geschah mir, meine Freunde? Ihr seht mich verstört, fortgetrieben, unwillig-folgsam, bereit zu gehen – ach, von euch fortzugehen!

1716

What has befallen me, my friends? You see me troubled, driven forth, reluctant yet obedient—ah, prepared to depart even from you!

1717

Ja, noch einmal muß Zarathustra in seine Einsamkeit: aber unlustig geht diesmal der Bär zurück in seine Höhle!

1717

Yea, once more must Zarathustra retreat to his solitude: though this time the bear returns unwilling to his cave!

1718

Was geschah mir! Wer gebeut dies? – Ach, meine zornige Herrin will es so, sie sprach zu mir; nannte ich je euch schon ihren Namen?

1718

What has occurred? Who issued this decree?—Ah, my wrathful mistress wills it so; she spoke to me—have I yet uttered her name?

1719

Gestern gen Abend sprach zu mir meine stillste Stunde: das ist der Name meiner furchtbaren Herrin.

1719

Yesternight at dusk my Stillest Hour addressed me: such is the name of my fearsome mistress.

1720

Und so geschah's – denn alles muß ich euch sagen, daß euer Herz sich nicht verhärte gegen den plötzlich Scheidenden!

1720

Thus it came to pass—for I must recount all, lest your hearts harden against this sudden departure!

1721

Kennt ihr den Schrecken des Einschlafenden? –

1721

Know you the terror of one sinking into sleep?—

1722

Bis in die Zehen hinein erschrickt er, darob, daß ihm der Boden weicht und der Traum beginnt.

1722

To the very toes he trembles, feeling ground dissolve as dreams begin.

1723

Dieses sage ich euch zum Gleichnis. Gestern, zur stillsten Stunde, wich mir der Boden: der Traum begann.

1723

This parable I give you. Yesterday, in the stillest hour, my footing failed: the dream commenced.

1724

Der Zeiger rückte, die Uhr meines Lebens holte Atem –, nie hörte ich solche Stille um mich: also daß mein Herz erschrak.

1724

The hand moved, the clock of my life drew breath—never had I heard such silence round me: thus did my heart quake.

1725

Da sprach es ohne Stimme zu mir: »Du weißt es, Zarathustra?« –

1725

Then it spoke voicelessly to me: “You know it, Zarathustra?” –

1726

Und ich schrie vor Schrecken bei diesem Flüstern, und das Blut wich aus meinem Gesichte: aber ich schwieg.

1726

And I cried out in terror at this whisper, and the blood drained from my face: but I remained silent.

1727

Da sprach es abermals ohne Stimme zu mir: »Du weißt es, Zarathustra, aber du redest es nicht!« –[399]

1727

Then it spoke again without voice to me: “You know it, Zarathustra, but you will not speak it!” –[399]

1728

Und ich antwortete endlich gleich einem Trotzigen: »Ja, ich weiß es, aber ich will es nicht reden!«

1728

And at last I answered defiantly: “Yes, I know it, but I will not speak it!”

1729

Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: »Du willst nicht, Zarathustra? Ist dies auch wahr? Verstecke dich nicht in deinen Trotz!« –

1729

Then it spoke again voicelessly to me: “You will not, Zarathustra? Is this also true? Do not hide in your defiance!” –

1730

Und ich weinte und zitterte wie ein Kind und sprach: »Ach, ich wollte schon, aber wie kann ich es! Erlaß mir dies nur! Es ist über meine Kraft!«

1730

And I wept and trembled like a child and said: “Ah, I would speak it, but how can I? Spare me this! It is beyond my strength!”

1731

Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: »Was liegt an dir, Zarathustra! Sprich dein Wort und zerbrich!« –

1731

Then it spoke again without voice to me: “What matter are you, Zarathustra? Speak your word and shatter!” –

1732

Und ich antwortete: »Ach, es ist mein Wort? Wer bin ich? Ich warte des Würdigeren; ich bin nicht wert, an ihm auch nur zu zerbrechen.«

1732

And I answered: “Ah, is it my word? Who am I? I await one more worthy; I am not fit even to shatter upon it.”

1733

Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: »Was liegt an dir? Du bist mir noch nicht demütig genug. Die Demut hat das härteste Fell.« –

1733

Then it spoke again voicelessly to me: “What matter are you? You are still not humble enough. Humility has the toughest hide.” –

1734

Und ich antwortete: »Was trug nicht schon das Fell meiner Demut! Am Fuße wohne ich meiner Höhe: wie hoch meine Gipfel sind? Niemand sagte es mir noch. Aber gut kenne ich meine Täler.«

1734

And I answered: “What has the hide of my humility not borne! At the foot of my height I dwell: how high are my summits? None has yet told me. But well I know my valleys.”

1735

Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: »O Zarathustra, wer Berge zu versetzen hat, der versetzt auch Täler und Niederungen.« –

1735

Then it spoke again voicelessly to me: “O Zarathustra, whoever moves mountains also moves valleys and lowlands.” –

1736

Und ich antwortete: »Noch versetzte mein Wort keine Berge, und was ich redete, erreichte die Menschen nicht. Ich ging wohl zu den Menschen, aber noch langte ich nicht bei ihnen an.«

1736

And I answered: “My word has yet to move mountains, and what I spoke did not reach humanity. I walked among men, yet never arrived among them.”

1737

Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: »Was weißt du davon! Der Tau fällt auf das Gras, wenn die Nacht am verschwiegensten ist.« –

1737

Then it spoke again voicelessly to me: “What do you know of this! The dew falls on the grass when the night is most silent.” –

1738

Und ich antwortete: »Sie verspotteten mich, als ich meinen eigenen Weg fand und ging; und in Wahrheit zitterten damals meine Füße.

1738

And I answered: “They mocked me when I found and walked my own path; truly, my feet trembled then.

1739

Und so sprachen sie zu mir: du verlerntest den Weg, nun verlernst du auch das Gehen!«

1739

And they said to me: You have unlearned the path, now you have even unlearned walking!”

1740

Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: »Was liegt an ihrem Spotte! Du bist einer, der das Gehorchen verlernt hat: nun sollst du befehlen!

1740

Then it spoke again voicelessly to me: “What matter their mockery! You are one who has unlearned obedience: now you shall command!

1741

Weißt du nicht, wer allen am nötigsten tut? Der Großes befiehlt.

1741

Do you not know who is most needed by all? He who commands great things.

1742

Großes vollführen ist schwer: aber das Schwerere ist, Großes befehlen.

1742

To accomplish great things is hard: but harder still is to command great things.

1743

Das ist dein Unverzeihlichstes: du hast die Macht, und du willst nicht herrschen.« –

1743

This is your unforgivable flaw: you have the power, yet refuse to rule.” –

1744

Und dich antwortete: »Mir fehlt des Löwen Stimme zu allem Befehlen.«[400]

1744

And I answered: “I lack the lion’s voice for all commanding.”[400]

1745

Da sprach es wieder wie ein Flüstern zu mir: »Die stillsten Worte sind es, welche den Sturm bringen. Gedanken, die mit Taubenfüßen kommen, lenken die Welt.

1745

Then it whispered again to me: “It is the stillest words that bring the storm. Thoughts that come on dove’s feet guide the world.

1746

O Zarathustra, du sollst gehen als ein Schatten dessen, was kommen muß: so wirst du befehlen und befehlend vorangehen.« –

1746

O Zarathustra, you shall walk as the shadow of what must come: thus you shall command and lead as you command.” –

1747

Und ich antwortete: »Ich schäme mich.«

1747

And I answered: “I am ashamed.”

1748

Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: »Du mußt noch Kind werden und ohne Scham.

1748

Then it spoke again voicelessly to me: “You must yet become a child, free of shame.

1749

Der Stolz der Jugend ist noch auf dir, spät bist du jung geworden: aber wer zum Kinde werden will, muß auch noch seine Jugend überwinden.« –

1749

The pride of youth still clings to you; late have you grown young: but whoever would become a child must also overcome their youth.” –

1750

Und ich besann mich lange und zitterte. Endlich aber sagte ich, was ich zuerst sagte: »Ich will nicht.«

1750

And I pondered long and trembled. At last I said what I had said at first: “I will not.”

1751

Da geschah ein Lachen um mich. Wehe, wie dies Lachen mir die Eingeweide zerriß und das Herz aufschlitzte!

1751

Then laughter erupted around me. Woe, how this laughter tore my entrails and slit open my heart!

1752

Und es sprach zum letzten Male zu mir: »O Zarathustra, deine Früchte sind reif, aber du bist nicht reif für deine Früchte!

1752

And it spoke to me one final time: “O Zarathustra, your fruits are ripe, but you are not ripe for your fruits!

1753

So mußt du wieder in die Einsamkeit: denn du sollst noch mürbe werden.« –

1753

Thus must you return to solitude: for you must yet grow tender.” –

1754

Und wieder lachte es und floh: dann wurde es stille um mich wie mit einer zwiefachen Stille. Ich aber lag am Boden, und der Schweiß floß mir von der Gliedern.

1754

And again it laughed and fled; then silence fell around me like a twofold stillness. Yet I lay upon the ground, and sweat streamed from my limbs.

1755

– Nun hörtet ihr alles, und warum ich in meine Einsamkeit zurück muß. Nichts verschwieg ich euch, meine Freunde.

1755

—Now you have heard all, and why I must return to my solitude. I have concealed nothing from you, my friends.

1756

Aber auch dies hörtet ihr von mir, wer immer noch aller Menschen Verschwiegenster ist – und es sein will!

1756

But this too you have heard from me—who remains the most secretive of all humans, and wills to be so!

1757

Ach, meine Freunde! Ich hätte euch noch etwas zu sagen, ich hätte euch noch etwas zu geben! Warum gebe ich es nicht? Bin ich denn geizig?« –

1757

Ah, my friends! I would still have something to say to you, something to give! Why do I not give it? Am I then miserly?" —

1758

Als Zarathustra aber diese Worte gesprochen hatte, überfiel ihn die Gewalt des Schmerzes und die Nähe des Abschieds von seinen Freunden, also daß er laut weinte; und niemand wußte ihn zu trösten. Des Nachts aber ging er allein fort und verließ seine Freunde.[401]

1758

But when Zarathustra had spoken these words, the violence of his pain and the nearness of parting from his friends overwhelmed him, so that he wept aloud; and none could comfort him. Yet by night he departed alone, leaving his friends behind.

1759

Dritter Teil

1759

Third Part

1760

Also sprach Zarathustra

1760

Thus Spoke Zarathustra

1761

»Ihr seht nach oben, wenn ihr nach Erhebung verlangt. Und ich sehe hinab, weil ich erhoben bin.

1761

"You gaze upward when you yearn for elevation. But I look downward, for I am exalted.

1762

Wer von euch kann zugleich lachen und erhoben sein?

1762

Who among you can laugh and be uplifted at once?

1763

Wer auf den höchsten Bergen steigt, der lacht über alle Trauer-Spiele und Trauer-Ernste.«

1763

Whoever climbs the highest mountains laughs at all tragic plays and tragic earnestness."

1764

Zarathustra, vom Lesen und Schreiben

1764

Zarathustra, "On Reading and Writing"

1765

Der Wanderer

1765

The Wanderer

1766

Um Mitternacht war es, da nahm Zarathustra seinen Weg über den Rücken der Insel, daß er mit dem frühen Morgen an das andre Gestade käme: denn dort wollte er zu Schiff steigen. Es gab nämlich allda eine gute Reede, an der auch fremde Schiffe gern vor Anker gingen; die nahmen manchen mit sich, der von den glückseligen Inseln über das Meer wollte. Als nun Zarathustra so den Berg hinanstieg, gedachte er unterwegs des vielen einsamen Wanderns von Jugend an, und wie viele Berge und Rücken und Gipfel er schon gestiegen sei.

1766

At midnight, Zarathustra took his path across the ridge of the island to reach the opposite shore by dawn, for there he intended to board a ship. A good harbor lay there where foreign vessels gladly anchored; they carried many who wished to cross the sea from the Blessed Isles. As Zarathustra ascended the mountain, he reflected on the solitary wanderings of his youth and how many mountains, ridges, and summits he had already climbed.

1767

Ich bin ein Wanderer und ein Bergsteiger, sagte er zu seinem Herzen, ich liebe die Ebenen nicht, und es scheint, ich kann nicht lange still sitzen.

1767

"I am a wanderer and a mountain climber," he said to his heart. "I love not the plains, and it seems I cannot sit still long.

1768

Und was mir nun auch noch als Schicksal und Erlebnis komme – ein Wandern wird darin sein und ein Bergsteigen: man erlebt endlich nur noch sich selber.

1768

Whatever fate and experience now hold for me—wandering and climbing shall mark them: for in the end, one experiences only oneself.

1769

Die Zeit ist abgeflossen, wo mir noch Zufälle begegnen durften; und was könnte jetzt noch zu mir fallen, was nicht schon mein Eigen wäre!

1769

The time has fled when mere chance could cross my path; and what could now fall to me that is not already my own?

1770

Es kehrt nur zurück, es kommt mir endlich heim – mein eigen Selbst, und was von ihm lange in der Fremde war und zerstreut unter alle Dinge und Zufälle.

1770

It merely returns, it finally comes home to me—my own Self, and what of it long wandered abroad, scattered among things and accidents.

1771

Und noch eins weiß ich: ich stehe jetzt vor meinem letzten Gipfel und vor dem, was mir am längsten aufgespart war. Ach, meinen härtesten Weg muß ich hinan! Ach, ich begann meine einsamste Wanderung![403]

1771

And this too I know: I stand now before my ultimate summit and what was reserved for me longest. Ah, I must tread my hardest path! Ah, I have begun my loneliest wandering!

1772

Wer aber meiner Art ist, der entgeht einer solchen Stunde nicht: der Stunde, die zu ihm redet: »Jetzo erst gehst du deinen Weg der Größe! Gipfel und Abgrund – das ist jetzt in eins beschlossen!

1772

But whoever is of my kind cannot escape such an hour—the hour that speaks to him: 'Now at last you walk your path of greatness! Summit and abyss—they are now united in one!

1773

Du gehst deinen Weg der Größe: nun ist deine letzte Zuflucht worden, was bisher deine letzte Gefahr hieß!

1773

You walk your path of greatness: what was once your ultimate danger has now become your final refuge!

1774

Du gehst deinen Weg der Größe: das muß nun dein bester Mut sein, daß es hinter dir keinen Weg mehr gibt!

1774

You walk your path of greatness: this must now be your utmost courage, for there is no way left behind you!

1775

Du gehst deinen Weg der Größe; hier soll dir keiner nachschleichen! Dein Fuß selber löschte hinter dir den Weg aus, und über ihm steht geschrieben: Unmöglichkeit.

1775

You walk your path of greatness: here no one shall steal after you! Your own foot has erased the path behind you, and over it is written: Impossibility.

1776

Und wenn dir nunmehr alle Leitern fehlen, so mußt du verstehen, noch auf deinen eigenen Kopf zu steigen: wie wolltest du anders aufwärts steigen?

1776

If all ladders now fail you, you must learn to climb upon your own head: how else would you ascend higher?

1777

Auf deinen eigenen Kopf und hinweg über dein eigenes Herz! Jetzt muß das Mildeste an dir noch zum Härtesten werden.

1777

Upon your own head and beyond your own heart! Now even the gentlest part of you must become the hardest.

1778

Wer sich stets viel geschont hat, der kränkelt zuletzt an seiner vielen Schonung. Gelobt sei, was hart macht! Ich lobe das Land nicht, wo Butter und Honig – fließt!

1778

He who has spared himself too much sickens at last from such sparing. Praised be what makes hard! I do not praise the land where butter and honey—flow!"

1779

Von sich absehn lernen ist nötig, um viel zu sehn – diese Härte tut jedem Berge-Steigenden not.

1779

To learn to look away from oneself is needful in order to see much – such harshness is required of every mountain climber.

1780

Wer aber mit den Augen zudringlich ist als Erkennender, wie sollte der von allen Dingen mehr als ihre vorderen Gründe sehn!

1780

But he who intrudes upon things with eyes of a knower – how could such a one behold more than the foregrounds of all things!

1781

Du aber, o Zarathustra, wolltest aller Dinge Grund schaun und Hintergrund: so mußt du schon über dich selber steigen – hinan, hinauf, bis du auch deine Sterne noch unter dir hast!

1781

You, however, O Zarathustra, sought to gaze upon the grounds and backgrounds of all things: thus you must climb over yourself – upward, upward, until even your stars lie beneath you!

1782

Ja! Hinab auf mich selber sehn und noch auf meine Sterne: das erst hieße mir mein Gipfel, das blieb mir noch zurück als mein letzter Gipfel! –«

1782

Yes! To look down upon myself and even upon my stars: this alone I would call my summit, this remains reserved for me as my ultimate summit! –«

1783

Also sprach Zarathustra im Steigen zu sich, mit harten Sprüchlein sein Herz tröstend: denn er war wund am Herzen wie noch niemals zuvor. Und als er auf die Höhe des Bergrückens kam, siehe, da lag das andere Meer vor ihm ausgebreitet: und er stand still und schwieg lange. Die Nacht aber war kalt in dieser Höhe und klar und hellgestirnt.

1783

Thus spoke Zarathustra as he climbed, comforting his heart with austere maxims: for he was wounded in spirit as never before. And when he reached the crest of the mountain ridge, behold, there lay the other sea spread out before him: he stood still and long kept silent. The night, however, was cold and clear and glittering with stars in those heights.

1784

Ich erkenne mein Los, sagte er endlich mit Trauer. Wohlan! Ich bin bereit. Eben begann meine letzte Einsamkeit.[404]

1784

"I recognize my destiny," he said at last, sorrowfully. "Well then! I am ready. Now begins my ultimate solitude.[404]

1785

Ach, diese schwarze traurige See unter mir! Ach, diese schwangere nächtliche Verdrossenheit! Ach, Schicksal und See! Zu euch muß ich nun hinabsteigen!

1785

Ah, this black sorrowful sea below me! Ah, this brooding nocturnal discontent! Ah, destiny and sea! To you I must now descend!

1786

Vor meinem höchsten Berge stehe ich und vor meiner längsten Wanderung: darum muß ich erst tiefer hinab, als ich jemals stieg:

1786

I stand before my highest mountain and my longest journey: therefore must I first descend deeper than ever I have climbed:

1787

– tiefer hinab in den Schmerz, als ich jemals stieg, bis hinein in seine schwärzeste Flut! So will es mein Schicksal: Wohlan! Ich bin bereit.

1787

– deeper into pain than I ever climbed, down to its blackest flood! So wills my destiny: Well then! I am ready."

1788

Woher kommen die höchsten Berge? so fragte ich einst. Da lernte ich, daß sie aus dem Meere kommen.

1788

"Whence come the highest mountains?" I once asked. Then I learned that they come from the sea.

1789

Dies Zeugnis ist in ihr Gestein geschrieben und in die Wände ihrer Gipfel. Aus dem Tiefsten muß das Höchste zu seiner Höhe kommen. –

1789

This testimony is inscribed in their stone and on the walls of their summits. From the deepest must the highest attain its height. –

1790

Also sprach Zarathustra auf der Spitze des Berges, wo es kalt war; als er aber in die Nähe des Meeres kam und zuletzt allein unter den Klippen stand, da war er unterwegs müde geworden und sehnsüchtiger als noch zuvor.

1790

Thus spoke Zarathustra on the mountain peak where it was cold; but when he drew near to the sea and at last stood alone among the cliffs, weariness overtook him on his way, and a longing greater than any he had known.

1791

Es schläft jetzt alles noch, sprach er; auch das Meer schläft. Schlaftrunken und fremd blickt sein Auge nach mir.

1791

"All things sleep now," he said; "even the sea sleeps. Slumber-drunk and strange, its eye gazes at me.

1792

Aber es atmet warm, das fühle ich. Und ich fühle auch, daß es träumt. Es windet sich träumend auf harten Kissen.

1792

But warm is its breath, I feel it. And I feel too that it dreams. It tosses restlessly upon hard pillows in its dreaming.

1793

Horch! Horch! Wie es stöhnt von bösen Erinnerungen! Oder bösen Erwartungen?

1793

Hark! Hark! How it groans with evil memories! Or evil forebodings?

1794

Ach, ich bin traurig mit dir, du dunkles Ungeheuer, und mir selber noch gram um deinetwillen.

1794

Ah, I am sorrowful with you, dark monstrous sea, and angry with myself for your sake.

1795

Ach, daß meine Hand nicht Stärke genug hat! Gerne, wahrlich, möchte ich dich von bösen Träumen erlösen! –

1795

Ah, that my hand lacks strength! Gladly, in truth, would I deliver you from evil dreams! –"

1796

Und indem Zarathustra so sprach, lachte er mit Schwermut und Bitterkeit über sich selber. Wie! Zarathustra! sagte er, willst du noch dem Meere Trost singen?

1796

And as Zarathustra spoke thus, he laughed at himself with melancholy and bitterness. "What, Zarathustra!" he said, "Would you sing comfort even to the sea?

1797

Ach, du liebreicher Narr Zarathustra, du Vertrauens-Überseliger! Aber so warst du immer: immer kamst du vertraulich zu allem Furchtbaren.

1797

Ah, you loving fool Zarathustra, over-trusting as ever! Thus have you ever been: ever approaching familiarly all that is terrible.

1798

Jedes Ungetüm wolltest du noch streicheln. Ein Hauch warmen Atems, ein wenig weiches Gezottel an der Tatze –: und gleich warst du bereit, es zu lieben und zu locken.[405]

1798

Every monster you wished to caress. A whiff of warm breath, a little soft tuft of fur on its paw – and at once you were ready to love and lure it.[405]

1799

Die Liebe ist die Gefahr des Einsamsten, die Liebe zu allem, wenn es nur lebt! Zum Lachen ist wahrlich meine Narrheit und meine Bescheidenheit in der Liebe! –

1799

Love is the peril of the most solitary, love for all that lives if only it lives! Truly laughable are my folly and my modesty in love! –"

1800

Also sprach Zarathustra und lachte dabei zum andern Male: da aber gedachte er seiner verlassenen Freunde –, und wie als ob er sich mit seinen Gedanken an ihnen vergangen habe, zürnte er sich ob seiner Gedanken. Und alsbald geschah es, daß der Lachende weinte – vor Zorn und Sehnsucht weinte Zarathustra bitterlich.[406]

1800

Thus spoke Zarathustra, laughing as he did so; but then he remembered his abandoned friends—and as though he had transgressed against them with his thoughts, he grew wrathful at himself for these thoughts. And straightway it came to pass that the laugher wept—from wrath and longing did Zarathustra bitterly weep.[406]

1801

Vom Gesicht und Rätsel

1801

Of the Vision and the Riddle

1802

1

1802

1

1803

Als es unter den Schiffsleuten ruchbar wurde, daß Zarathustra auf dem Schiffe sei – denn es war ein Mann zugleich mit ihm an Bord gegangen, der von den glückseligen Inseln kam –, da entstand eine große Neugierde und Erwartung. Aber Zarathustra schwieg zwei Tage und war kalt und taub vor Traurigkeit, also, daß er weder auf Blicke noch auf Fragen antwortete. Am Abende aber des zweiten Tages tat er seine Ohren wieder auf, ob er gleich noch schwieg: denn es gab viel Seltsames und Gefährliches auf diesem Schiffe anzuhören, welches weither kam und noch weiterhin wollte. Zarathustra aber war ein Freund aller solchen, die weite Reisen tun und nicht ohne Gefahr leben mögen. Und siehe! zuletzt wurde ihm im Zuhören die eigne Zunge gelöst, und das Eis seines Herzens brach: – da begann er also zu reden:

1803

When word spread among the sailors that Zarathustra was aboard the ship—for a man had boarded with him from the Blessèd Isles—great curiosity and anticipation arose. Yet Zarathustra remained silent for two days, cold and deaf with sorrow, so that he answered neither glances nor questions. On the evening of the second day, however, he opened his ears again, though still silent: for there was much strange and perilous lore to be heard on this ship, which had journeyed from afar and sought yet farther shores. Zarathustra was ever a friend to those who voyage widely and refuse to live without peril. And behold! At last, through listening, his own tongue loosened, and the ice of his heart broke—and thus he began to speak:

1804

Euch, den kühnen Suchern, Versuchern, und wer je sich mit listigen Segeln auf furchtbare Meere einschiffte, –

1804

To you, bold seekers, tempters, and whoever has embarked with cunning sails upon terrifying seas—

1805

euch, den Rätsel-Trunkenen, den Zwielicht-Frohen, deren Seele mit Flöten zu jedem Irr-Schlunde gelockt wird:

1805

to you, intoxicated by riddles, glad of twilight, whose souls are lured by flutes to every chasm of delusion—

1806

– denn nicht wollt ihr mit feiger Hand einem Faden nachtasten; und, wo ihr erraten könnt, da haßt ihr es, zu erschließen

1806

—for with cowardly hand you would not trace a thread; and where you can divine, there you hate to deduce

1807

euch allein erzähle ich das Rätsel, das ich sah, – das Gesicht des Einsamsten. –

1807

to you alone I shall tell the riddle that I saw—the vision of the most solitary. —

1808

Düster ging ich jüngst durch leichenfarbne Dämmerung, – düster und hart, mit gepreßten Lippen. Nicht nur eine Sonne war mir untergegangen.[406]

1808

Sullenly I walked recently through corpse-colored twilight—sullen and stern, with lips compressed. More than one sun had set for me.[406]

1809

Ein Pfad, der trotzig durch Geröll stieg, ein boshafter, einsamer, dem nicht Kraut, nicht Strauch mehr zusprach: ein Berg-Pfad knirschte unter dem Trotz meines Fußes.

1809

A path that climbed defiantly through rubble, a malicious, lonely path, which neither herb nor shrub any longer cheered: a mountain-path crunched under the defiance of my foot.

1810

Stumm über höhnischem Geklirr von Kieseln schreitend, den Stein zertretend, der ihn gleiten ließ: also zwang mein Fuß sich aufwärts.

1810

Mute, treading over the mocking clatter of pebbles, crushing the stone that made it slip: thus my foot forced its way upward.

1811

Aufwärts – dem Geiste zum Trotz, der ihn abwärts zog, abgrundwärts zog, dem Geiste der Schwere, meinem Teufel und Erzfeinde.


Aufwärts – obwohl er auf mir saß, halb Zwerg, halb Maulwurf; lahm; lähmend; Blei durch mein Ohr, Bleitropfen-Gedanken in mein Hirn träufelnd.

1811

Upward—though he sat upon me, half-dwarf, half-mole; lame; paralyzing; dripping lead into my ear, leaden thoughts into my brain.

1812

»O Zarathustra«, raunte er höhnisch Silb' um Silbe, »du Stein der Weisheit! Du warfst dich hoch, aber jeder geworfene Stein muß – fallen!

1812

"O Zarathustra," he whispered scornfully, syllable by syllable, "you stone of wisdom! You hurled yourself high, but every hurled stone must—fall!

1813

O Zarathustra, du Stein der Weisheit, du Schleuderstein, du Stern-Zertrümmerer! Dich selber warfst du so hoch, – aber jeder geworfene Stein- muß fallen!

1813

O Zarathustra, stone of wisdom, sling-stone, star-shatterer! You flung yourself so high—but every hurled stone must fall!

1814

Verurteilt zu dir selber und zur eignen Steinigung: o Zarathustra, weit warfst du ja den Stein, – aber auf dich wird er zurückfallen!«

1814

Condemned to yourself and to your own stoning: O Zarathustra, far indeed did you hurl the stone—but it will fall back upon you!"

1815

Drauf schwieg der Zwerg; und das währte lange. Sein Schweigen aber drückte mich; und solchermaßen zu zwein ist man wahrlich einsamer als zu einem!

1815

Then the dwarf fell silent; and this lasted long. Yet his silence oppressed me; and to be thus twain is truly lonelier than to be alone!

1816

Ich stieg, ich stieg, ich träumte, ich dachte – aber alles drückte mich. Einem Kranken glich ich, den seine schlimme Marter müde macht, und den wieder ein schlimmerer Traum aus dem Einschlafen weckt. –

1816

I climbed, I climbed, I dreamed, I thought—but all things weighed upon me. I resembled a sick man whom grim torment wearies, and whom a grimmer dream rouses from sleep.—

1817

Aber es gibt etwas in mir, das ich Mut heiße: das schlug bisher mir jeden Unmut tot. Dieser Mut hieß mich endlich stille stehn und sprechen: »Zwerg! Du! Oder ich!« –

1817

But there is something within me that I call courage: thus far it has slain every weariness. This courage finally bade me stand still and speak: "Dwarf! You! Or I!" –

1818

Mut nämlich ist der beste Totschläger – Mut, welcher angreift: denn in jedem Angriffe ist klingendes Spiel.

1818

For courage is the finest slayer – courage that attacks: for in every attack there is resounding play.

1819

Der Mensch aber ist das mutigste Tier: damit überwand er jedes Tier. Mit klingendem Spiele überwand er noch jeden Schmerz; Menschen-Schmerz aber ist der tiefste Schmerz.

1819

But humankind is the most courageous animal: thereby it has overcome every beast. With resounding play it overcame even pain; yet human pain is the deepest pain.

1820

Der Mut schlägt auch den Schwindeltot an Abgründen: und wo stünde der Mensch nicht an Abgründen! Ist Sehen nicht selber – Abgründe sehen?[407]

1820

Courage also slays vertigo at abysses: and where does humankind not stand at abysses? Is seeing not itself – seeing abysses?

1821

Mut ist der beste Totschläger: der Mut schlägt auch das Mitleiden tot. Mitleiden aber ist der tiefste Abgrund: so tief der Mensch in das Leben sieht, so tief sieht er auch in das Leiden.

1821

Courage is the finest slayer: courage slays even compassion. Yet compassion is the deepest abyss: as deeply as one gazes into life, so deeply does one gaze into suffering.

1822

Mut aber ist der beste Totschläger, Mut, der angreift: der schlägt noch den Tod tot, denn er spricht: »War das das Leben? Wohlan! Noch einmal!«

1822

But courage is the finest slayer, courage that attacks: it slays even death, for it proclaims: "Was that life? Well then! Once more!"

1823

In solchem Spruche aber ist viel klingendes Spiel. Wer Ohren hat, der höre. –

1823

In such speech lies much resounding play. Let those who have ears hear. –

1824

2

1824

2

1825

»Halt! Zwerg!« sprach ich. »Ich! Oder du! Ich aber bin der Stärkere von uns beiden –: du kennst meinen abgründlichen Gedanken nicht! Den – könntest du nicht tragen!« –

1825

"Halt! Dwarf!" I spoke. "I! Or you! But I am the stronger of us two – you do not know my abysmal thought! That – you could not bear!" –

1826

Da geschah, was mich leichter machte: denn der Zwerg sprang mir von der Schulter, der Neugierige! Und er hockte sich auf einen Stein vor mich hin. Es war aber gerade da ein Torweg, wo wir hielten.

1826

Then occurred what lightened me: for the dwarf, that curious one, leapt from my shoulder! He crouched upon a stone before me. We stood precisely at a gateway where we halted.

1827

»Siehe diesen Torweg! Zwerg!« sprach ich weiter: »der hat zwei Gesichter. Zwei Wege kommen hier zusammen: die ging noch niemand zu Ende.

1827

"Behold this gateway! Dwarf!" I continued: "it has two faces. Two paths converge here: no one has ever walked either to its end.

1828

Diese lange Gasse zurück: die währt eine Ewigkeit. Und jene lang Gasse hinaus – das ist eine andre Ewigkeit.

1828

This long lane backward: it lasts an eternity. And that long lane forward – that is another eternity.

1829

Sie widersprechen sich, diese Wege; sie stoßen sich gerade vor den Kopf- und hier, an diesem Torwege, ist es, wo sie zusammenkommen. Der Name des Torwegs steht oben geschrieben: ›Augenblick‹.

1829

They contradict each other, these paths; they confront each other head-on – and here, at this gateway, is where they meet. The gateway's name is inscribed above: 'Moment.'

1830

Aber wer einen von ihnen weiter ginge – und immer weiter und immer ferner: glaubst du, Zwerg, daß diese Wege sich ewig widersprechen?« –

1830

But whoever were to walk one of them further – and ever further, ever beyond: do you believe, dwarf, that these paths eternally contradict?" –

1831

»Alles Gerade lügt«, murmelte verächtlich der Zwerg. »Alle Wahrheit ist krumm, die Zeit selber ist ein Kreis.«

1831

"All straight things lie," muttered the dwarf contemptuously. "All truth is crooked; time itself is a circle."

1832

»Du Geist der Schwere!« sprach ich zürnend, »mache dir es nicht zu leicht! Oder ich lasse dich hocken, wo du hockst, Lahmfuß, – und ich trug dich hoch!

1832

"You Spirit of Gravity!" I retorted wrathfully, "do not make this too easy! Or I shall leave you crouching where you crouch, lamefoot – and I carried you high!

1833

Siehe, sprach ich weiter, diesen Augenblick! Von diesem Torwege Augenblick läuft eine lange ewige Gasse rückwärts: hinter uns liegt eine Ewigkeit.[408]

1833

Behold," I continued, "this Moment! From this gateway called Moment, a long eternal lane runs backward: behind us lies an eternity.

1834

Muß nicht, was laufen kann von allen Dingen, schon einmal diese Gasse gelaufen sein? Muß nicht, was geschehn kann von allen Dingen, schon einmal geschehn, getan, vorübergelaufen sein?

1834

Must not all things that can run have already run this lane? Must not all things that can happen have already happened, been done, passed by?

1835

Und wenn alles schon dagewesen ist: was hältst du Zwerg von diesem Augenblick? Muß auch dieser Torweg nicht schon – dagewesen sein?

1835

And if all things have already existed: what do you think, dwarf, of this Moment? Must not this gateway too – have already existed?

1836

Und sind nicht solchermaßen fest alle Dinge verknotet, daß dieser Augenblick alle kommenden Dinge nach sich zieht? Also – – sich selber noch?

1836

And are not all things bound fast together in such a way that this Moment draws all coming things after it? Thus – itself as well?

1837

Denn, was laufen kann von allen Dingen: auch in dieser langen Gasse hinausmuß es einmal noch laufen! –

1837

For whatever can run: even in this long lane forwardmust it not run once more! –

1838

Und diese langsame Spinne, die im Mondscheine kriecht, und dieser Mondschein selber, und ich und du im Torwege, zusammen flüsternd, von ewigen Dingen flüsternd – müssen wir nicht alle schon dagewesen sein?

1838

And this slow spider crawling in the moonlight, and this moonlight itself, and you and I at this gateway, whispering together of eternal things – must we not all have existed before?

1839

– und wiederkommen und in jener anderen Gasse laufen, hinaus, vor uns, in dieser langen schaurigen Gasse – müssen wir nicht ewig wiederkommen? –«

1839

– and return and run down that other lane, outward, ahead of us, down this long dreadful lane – must we not eternally return?" –

1840

Also redete ich, und immer leiser: denn ich fürchtete mich vor meinen eignen Gedanken und Hintergedanken. Da, plötzlich, hörte ich einen Hund nahe heulen.

1840

Thus I spoke, and ever more softly: for I feared my own thoughts and hidden thoughts. Then, suddenly, I heard a dog howling nearby.

1841

Hörte ich jemals einen Hund so heulen? Mein Gedanke lief zurück. Ja! Als ich Kind war, in fernster Kindheit:

1841

Had I ever heard a dog howl thus? My thoughts raced backward. Yes! In my childhood, in the most distant childhood:

1842

– da hörte ich einen Hund so heulen. Und sah ihn auch, gesträubt, den Kopf nach oben, zitternd, in stillster Mitternacht, wo auch Hunde an Gespenster glauben:

1842

—there I heard a dog howl so. And saw it too, bristling, head lifted, trembling, in the stillest midnight, when even dogs believe in phantoms:

1843

– also daß es mich erbarmte. Eben nämlich ging der volle Mond, totschweigsam, über das Haus, eben stand er still, eine runde Glut, – still auf flachem Dache, gleich als auf fremdem Eigentume: –

1843

—so that I took pity. For the full moon, deathly silent, had just passed over the house, pausing there—a round glow—motionless on the flat roof, as upon forbidden ground:—

1844

darob entsetzte sich damals der Hund: denn Hunde glauben an Diebe und Gespenster. Und als ich wieder so heulen hörte, da erbarmte es mich abermals.

1844

this terrified the dog: for dogs believe in thieves and phantoms. And when I heard such howling again, pity seized me once more.

1845

Wohin war jetzt Zwerg? Und Torweg? Und Spinne? Und alles Flüstern? Träumte ich denn? Wachte ich auf? Zwischen wilden Klippen stand ich mit einem Male, allein, öde, im ödesten Mondscheine.

1845

Where now was the dwarf? The gateway? The spider? And all whispering? Was I dreaming? Was I waking? Amid jagged cliffs I stood abruptly, alone, desolate, in the bleakest moonlight.

1846

[409] Aber da lag ein Mensch! Und da! Der Hund, springend, gesträubt, winselnd – jetzt sah er mich kommen – da heulte er wieder, da schrie er – hörte ich je einen Hund so Hilfeschrein?

1846

[409] But there lay a man! And there! The dog, leaping, bristling, whining—now it saw me approaching—then it howled again, then shrieked—had I ever heard a dog scream so for help?

1847

Und, wahrlich, was ich sah, desgleichen sah ich nie. Einen jungen Hirten sah ich, sich windend, würgend, zuckend, verzerrten Antlitzes, dem eine schwarze schwere Schlange aus dem Munde hing.

1847

And truly, what I saw, I had never seen the like. A young shepherd I saw, writhing, choking, convulsing, his face distorted, from whose mouth hung a heavy black snake.

1848

Sah ich je so viel Ekel und bleiches Grauen auf einem Antlitze? Er hatte wohl geschlafen? Da kroch ihm die Schlange in den Schlund – da biß sie sich fest.

1848

Had I ever seen so much nausea and pale horror on one face? He must have been asleep? Then the snake crawled into his throat—there it bit itself fast.

1849

Meine Hand riß die Schlange und riß – umsonst! sie rieß die Schlange nicht aus dem Schlunde. Da schrie es aus mir: »Beiß zu! Beiß zu!


Den Kopf ab! Beiß zu!« – so schrie es aus mir, mein Grauen, mein Haß, mein Ekel, mein Erbarmen, all mein Gutes und Schlimmes schrie mit einem Schrei aus mir. –

1849

The head off! Bite down!”—so it cried from me, my horror, my hatred, my nausea, my pity—all that is good and wicked in me cried out in one scream.—

1850

Ihr Kühnen um mich! Ihr Sucher, Versucher, und wer von euch mit listigen Segeln sich in unerforschte Meere einschiffte! Ihr Rätsel-Frohen!

1850

You bold ones around me! You seekers, tempters, and whoever among you sails with cunning sails into uncharted seas! You riddle-drunk!

1851

So ratet mir doch das Rätsel, das ich damals schaute, so deutet mir doch das Gesicht des Einsamsten!

1851

Interpret for me the riddle I then witnessed, unravel the vision of the loneliest!

1852

Denn ein Gesicht war's und ein Vorhersehn: – was sah ich damals im Gleichnisse? Und wer ist, der einst noch kommen muß?

1852

For it was a vision and a foresight:—what did I behold then in metaphor? And who is he that must yet come?

1853

Wer ist der Hirt, dem also die Schlange in den Schlund kroch? Wer ist der Mensch, dem also alles Schwerste, Schwärzeste in den Schlund kriechen wird?

1853

Who is the shepherd into whose throat the snake crawled? Who is the man into whose throat all that is heaviest and blackest will crawl?

1854

– Der Hirt aber biß, wie mein Schrei ihm riet; er biß mit gutem Bisse! Weit weg spie er den Kopf der Schlange –: und sprang empor. –

1854

—But the shepherd bit, as my cry counseled; he bit with a good bite! Far away he spat the snake’s head—and sprang upright.—

1855

Nicht mehr Hirt, nicht mehr Mensch – ein Verwandelter, ein Umleuchteter, welcher lachte! Niemals noch auf Erden lachte je ein Mensch, wie er lachte!

1855

No longer a shepherd, no longer a man—a transfigured being, bathed in light, who laughed! Never yet on earth had any man laughed as he laughed!

1856

O meine Brüder, ich hörte ein Lachen, das keines Menschen Lachen war, – – und nun frißt ein Durst an mir, eine Sehnsucht, die nimmer stille wird.

1856

O my brothers, I heard a laughter that was no human laughter— —and now a gnawing thirst consumes me, a longing that will never be stilled.

1857

Meine Sehnsucht nach diesem Lachen frißt an mir: o wie ertrage ich's noch zu leben! Und wie ertrüge ich's, jetzt zu sterben! –

1857

My longing for this laughter devours me: oh, how can I bear to live still! And how could I bear to die now!—

1858

Also sprach Zarathustra.[410]

1858

Thus spoke Zarathustra.[410]

1859

Von der Seligkeit wider Willen

1859

Of Bliss Against One’s Will

1860

Mit solchen Rätseln und Bitternissen im Herzen fuhr Zarathustra über das Meer. Als er aber vier Tagereisen fern war von den glückseligen Inseln und von seinen Freunden, da hatte er allen seinen Schmerz überwunden –: siegreich und mit festen Füßen stand er wieder auf seinem Schicksal. Und damals redete Zarathustra also zu seinem frohlockenden Gewissen:

1860

With such riddles and bitterness in his heart, Zarathustra journeyed across the sea. Yet when he was four days’ voyage from the Blessèd Isles and his companions, he had overcome all his anguish—victorious and steadfast, he stood once more upon the terrain of his destiny. Then Zarathustra spoke thus to his exultant conscience:

1861

Allein bin ich wieder und will es sein, allein mit reinem Himmel und freiem Meere; und wieder ist Nachmittag um mich.

1861

Alone I am again and will it so, alone with pure sky and unfettered sea; and once more afternoon enfolds me.

1862

Des Nachmittags fand ich zum ersten Male einst meine Freunde, des Nachmittags auch zum anderen Male – zur Stunde, da alles Licht stiller wird.

1862

In afternoon’s light I first found my friends, and again in afternoon’s hour—when all illumination grows more silent.

1863

Denn was von Glück noch unterwegs ist zwischen Himmel und Erde, das sucht sich nun zur Herberge noch eine lichte Seele: vor Glück ist alles Licht jetzt stiller worden.

1863

For whatever happiness still wanders between heaven and earth now seeks lodging within a luminous soul: before happiness, all light has grown hushed.

1864

O Nachmittag meines Lebens! Einst stieg auch mein Glück zu Tale, daß es sich eine Herberge suche: da fand es diese offnen gastfreundlichen Seelen.

1864

O afternoon of my life! Once my own happiness descended to the valley to seek refuge: there it found these open, hospitable souls.

1865

O Nachmittag meines Lebens! Was gab ich nicht hin, daß ich eins hätte: diese lebendige Pflanzung meiner Gedanken und dies Morgenlicht meiner höchsten Hoffnung!

1865

O afternoon of my life! What have I not surrendered to possess one thing: this living plantation of my thoughts and dawnlight of my highest hope!

1866

Gefährten suchte einst der Schaffende und Kinder seiner Hoffnung: und siehe, es fand sich, daß er sie nicht finden könne, es sei denn, er schaffe sie selber erst.

1866

Once the creator sought companions and children of his hope: behold, he discovered he could not find them unless he first created them himself.

1867

Also bin ich mitten in meinem Werke, zu meinen Kindern gehend und von ihnen kehrend: um seiner Kinder willen muß Zarathustra sich selbst vollenden.

1867

Thus I labor at my work, journeying toward my children and returning from them: for his children’s sake must Zarathustra perfect himself.

1868

Denn von Grund aus liebt man nur sein Kind und Werk; und wo große Liebe zu sich selber ist, da ist sie der Schwangerschaft Wahrzeichen: so fand ich's.

1868

For one loves only one’s child and work from the root upward; where there is great love of oneself, it is the mark of pregnancy: so have I found it.

1869

Noch grünen mir meine Kinder in ihrem ersten Frühlinge, nahe beieinander stehend und gemeinsam von Winden geschüttelt, die Bäume meines Gartens und besten Erdreichs.[411]

1869

My children still flourish in their first spring, standing close together, shaken by common winds—the trees of my garden and richest soil.[411]

1870

Und wahrlich! Wo solche Bäume beieinander stehn, da sind glückselige Inseln!

1870

And verily! Where such trees stand side by side, there are Blessèd Isles!

1871

Aber einstmals will ich sie ausheben und einen jeden für sich allein stellen: daß er Einsamkeit lerne und Trotz und Vorsicht.

1871

Yet one day I shall uproot them and set each apart in solitude: that they may learn solitude and defiance and foresight.

1872

Knorrig und gekrümmt und mit biegsamer Härte soll er mir dann am Meere dastehn, ein lebendiger Leuchtturm unbesiegbaren Lebens.

1872

Gnarled and bent and with pliant hardness shall they then stand by the sea, a living lighthouse of unconquerable life.

1873

Dort, wo die Stürme hinab ins Meer stürzen, und des Gebirgs Rüssel Wasser trinkt, da soll ein jeder einmal seine Tag- und Nachtwachen haben, zu seiner Prüfung und Erkenntnis.

1873

There, where storms plunge seaward and the mountain’s snout drinks the waters, each shall keep his day- and night-watches for his testing and knowing.

1874

Erkannt und geprüft soll er werden, darauf, ob er meiner Art und Abkunft ist – ob er eines langen Willens Herr sei, schweigsam, auch wenn er redet, und nachgebend also, daß er im Geben nimmt: –


– daß er einst mein Gefährte werde und ein Mitschaffender und Mitfeiernder Zarathustras –: ein solcher, der mir meinen Willen auf meine Tafeln schreibt: zu aller Dinge vollerer Vollendung.

1874takes

—that he may one day become my companion and co-creator and co-celebrator of Zarathustra—one who inscribes my will upon my tablets for the fuller perfection of all things.

1875

Und um seinetwillen und seinesgleichen muß ich selber mich vollenden: darum weiche ich jetzt meinem Glücke aus und biete mich allem Unglücke an – zu meiner letzten Prüfung und Erkenntnis.

1875

And for his sake and his kin, I myself must be perfected: therefore I now evade my happiness and offer myself to all misfortune—for my final testing and knowing.

1876

Und wahrlich, Zeit war's, daß ich ging; und des Wanderers Schatten und die längste Weile und die stillste Stunde – alle redeten mir zu: »Es ist höchste Zeit!«

1876

Verily, the hour had come to depart; and the wanderer’s shadow and the longest tedium and the stillest hour—all spoke to me: “It is highest time!”

1877

Der Wind blies mir durchs Schlüsselloch und sagte »Komm!« Die Tür sprang mir listig auf und sagte »Geh!«

1877

The wind whistled through the keyhole, saying, “Come!” The door sprang cunningly ajar, saying, “Go!”

1878

Aber ich lag angekettet an die Liebe zu meinen Kindern: das Begehren legte mir diese Schlinge, das Begehren nach Liebe, daß ich meiner Kinder Beute würde und mich an sie verlöre.

1878

But I lay fettered by love for my children: desire cast this snare about me—desire for love, that I might become my children’s prey and lose myself to them.

1879

Begehren – das heißt mir schon: mich verloren haben. Ich habe euch, meine Kinder! In diesem Haben soll alles Sicherheit und nichts Begehren sein.

1879

To desire—that now means to me: to have lost myself. I possess you, my children! In this possession shall all be security and no more desiring.

1880

Aber brütend lag die Sonne meiner Liebe auf mir, im eignen Safte kochte Zarathustra, – da flogen Schatten und Zweifel über mich weg.

1880

Yet brooded the sun of my love upon me, Zarathustra stewed in his own juices – when shadows and doubts flew over me.

1881

Nach Frost und Winter gelüstete mich schon: »o daß Frost und Winter mich wieder knacken und knirschen machten!« seufzte ich: – da stiegen eisige Nebel aus mir auf.

1881

For frost and winter did I already crave: "Oh that frost and winter might make me crack and crunch again!" I sighed – and icy mists rose from me.

1882

Meine Vergangenheit brach ihre Gräber, manch lebendig begrabner Schmerz wachte auf –: ausgeschlafen hatte er sich nur, versteckt in Leichen-Gewänder.[412]

1882

My past burst its tombs; many a living pain, long buried alive, awoke –: it had but slept, shrouded in deathly garments.[412]

1883

Also rief mir alles in Zeichen zu: »es ist Zeit!« Aber ich – hörte nicht: bis endlich mein Abgrund sich rührte und mein Gedanke mich biß.

1883

Thus all things called to me in signs: "It is time!" But I – heard not: until at last my abyss stirred and my thought bit me.

1884

Ach, abgründlicher Gedanke, der du mein Gedanke bist! Wann finde ich die Stärke, dich graben zu hören und nicht mehr zu zittern?

1884

Ah, abysmal thought that art my thought! When shall I find strength to hear your burrowing and tremble no more?

1885

Bis zur Kehle hinauf klopft mir das Herz, wenn ich dich graben höre! Dein Schweigen noch will mich würgen, du abgründlich Schweigender!

1885

Up to my throat my heart throbs when I hear you burrow! Your very silence seeks to choke me, you abyss-dwelling mute!

1886

Noch wagte ich niemals, dich herauf zu rufen: genug schon, daß ich dich mit mir – trug! Noch war ich nicht stark genug zum letzten Löwen-Übermute und -Mutwillen.

1886

Never yet dared I summon you forth: enough that I – bore you with me! Not yet was I strong enough for the lion's final overboldness and wantonness.

1887

Genug des Furchtbaren war mir immer schon deine Schwere: aber einst soll ich noch die Stärke finden und die Löwen-Stimme, die dich heraufruft!

1887

Too terrible ever weighed your gravity upon me: but one day shall I yet find strength for the lion's voice that summons you forth!

1888

Wenn ich mich dessen erst überwunden habe, dann will ich mich auch des Größeren noch überwinden; und ein Sieg soll meiner Vollendung Siegel sein! –

1888

Once I overcome this, then shall I overcome even greater things; and a victory shall be the seal of my completion! –

1889

Inzwischen treibe ich noch auf ungewissen Meeren; der Zufall schmeichelt mir, der glattzüngige; vorwärts und rückwärts schaue ich – noch schaue ich kein Ende.

1889

Meanwhile I drift on uncertain seas; chance flatters me, the smooth-tongued; forward and backward I gaze – still see no end.

1890

Noch kam mir die Stunde meines letzten Kampfes nicht – oder kommt sie mir wohl eben? Wahrlich, mit tückischer Schönheit schaut mich rings Meer und Leben an!

1890

Not yet has come the hour of my final struggle – or comes it now? Verily, with treacherous beauty sea and life gaze upon me!

1891

O Nachmittag meines Lebens! O Glück vor Abend! O Hafen auf hoher See! O Friede im Ungewissen! Wie mißtraue ich euch allen!

1891

O afternoon of my life! O happiness before evening! O harbor on high seas! O peace amid uncertainty! How I mistrust you all!

1892

Wahrlich, mißtrauisch bin ich gegen eure tückische Schönheit! Dem Liebenden gleiche ich, der allzusamtenem Lächeln mißtraut.

1892

Verily, mistrustful am I of your treacherous beauty! Like a lover I stand, distrustful of over-velvety smiles.

1893

Wie er die Geliebteste vor sich her stößt, zärtlich noch in seiner Härte, der Eifersüchtige –, also stoße ich diese selige Stunde vor mir her.

1893

As the jealous lover thrusts his beloved before him, tender even in harshness – so do I thrust this blissful hour from me.

1894

Hinweg mit dir, du selige Stunde! Mit dir kam mir eine Seligkeit wider Willen! Willig zu meinem tiefsten Schmerze stehe ich hier – zur Unzeit kamst du!

1894

Away with you, blissful hour! Against my will you brought this beatitude! Willingly I stand here in my deepest pain – untimely you came!

1895

Hinweg mit dir, du selige Stunde! Lieber nimm Herberge dort – bei meinen Kindern! Eile! und segne sie vor Abend noch mit meinem Glücke!

1895

Away with you, blissful hour! Rather take shelter there – with my children! Hasten! And bless them before evening with my happiness!

1896

Da naht schon der Abend: die Sonne sinkt. Dahin – mein Glück! –[413]

1896

Now evening approaches: the sun sinks. Away – my happiness! –[413]

1897

Also sprach Zarathustra. Und er wartete auf sein Unglück die ganze Nacht: aber er wartete umsonst. Die Nacht blieb hell und still, und das Glück selber kam ihm immer näher und näher. Gegen Morgen aber lachte Zarathustra zu seinem Herzen und sagte spöttisch: »das Glück läuft mir nach. Das kommt davon, daß ich nicht den Weibern nachlaufe. Das Glück aber ist ein Weib.«[414]

1897

Thus spoke Zarathustra. And he waited all night for his misfortune: but he waited in vain. The night remained clear and still, and happiness itself drew ever nearer. At dawn Zarathustra laughed inwardly and said mockingly: "Happiness runs after me. That comes of not chasing women. For happiness is a woman."[414]

1898

Vor Sonnen-Aufgang

1898

Before Sunrise

1899

O Himmel über mir, du Reiner! Tiefer! Du Licht-Abgrund! Dich schauend schaudere ich vor göttlichen Begierden.

1899

O heaven above me, you Pure! Deep! You light-abyss! Gazing upon you, I tremble with divine desires.

1900

In deine Höhe mich zu werfen – das ist meine Tiefe! In deine Reinheit mich zu bergen – das ist meine Unschuld!

1900

To cast myself into your height – that is my depth! To hide myself in your purity – that is my innocence!

1901

Den Gott verhüllt seine Schönheit: so verbirgst du deine Sterne. Du redest nicht: so kündest du mir deine Weisheit.

1901

The God veils his beauty: thus you conceal your stars. You speak not: thereby proclaim you wisdom to me.

1902

Stumm über brausendem Meere bist du heut mir aufgegangen, deine Liebe und deine Scham redet Offenbarung zu meiner brausenden Seele.

1902

Silent over roaring seas you rose before me today; your love and shame reveal themselves to my roaring soul.

1903

Daß du schön zu mir kamst, verhüllt in deine Schönheit, daß du stumm zu mir sprichst, offenbar in deiner Weisheit:

1903

That you came to me in beauty, veiled in your beauty, that you spoke mutely to me, manifest in your wisdom:

1904

O wie erriete ich nicht alles Schamhafte deiner Seele! Vor der Sonne kamst du zu mir, dem Einsamsten.

1904

Oh, how could I not divine all that is bashful in your soul! Before the sun you came to me, the most solitary.

1905

Wir sind Freunde von Anbeginn: uns ist Gram und Grauen und Grund gemeinsam; noch die Sonne ist uns gemeinsam.

1905

We have been friends from the beginning: grief and horror and ground are common to us; even the sun is shared between us.

1906

Wir reden nicht zueinander, weil wir zu vieles wissen –: wir schweigen uns an, wir lächeln uns unser Wissen zu.

1906

We do not speak to one another, for we know too much –: we exchange silence, we smile our knowledge to each other.

1907

Bist du nicht das Licht zu meinem Feuer? Hast du nicht die Schwester-Seele zu meiner Einsicht?

1907

Are you not the light to my fire? Do you not hold the sister-soul to my insight?

1908

Zusammen lernten wir alles; zusammen lernten wir über uns zu uns selber aufsteigen und wolkenlos lächeln: –

1908

Together we learned everything; together we learned to ascend beyond ourselves and smile cloudlessly: –

1909

– wolkenlos hinab lächeln aus lichten Augen und aus meilenweiter Ferne, wenn unter uns Zwang und Zweck und Schuld wie Regen dampfen.

1909

– to smile cloudlessly down from luminous eyes and from miles of distance, when constraint and purpose and guilt steam like rain beneath us.

1910

Und wanderte ich allein: wes hungerte meine Seele in Nächten und Irr-Pfaden? Und stieg ich Berge, wen suchte ich je, wenn nicht dich, auf Bergen?[414]

1910

And when I wandered alone: for what did my soul hunger in nights and errant paths? And when I climbed mountains, whom did I seek, if not you, upon peaks?

1911

Und all mein Wandern und Bergsteigen: eine Not war's nur und ein Behelf des Unbeholfenen – fliegen allein will mein ganzer Wille, in dich hinein fliegen!

1911

All my wandering and mountain-climbing: it was but necessity and the expedient of the unskilled – my entire will desires only to fly, to fly into you!

1912

Und wen haßte ich mehr, als ziehende Wolken und alles, was dich befleckt? Und meinen eignen Haß haßte ich noch, weil er dich befleckte!

1912

And whom have I hated more than drifting clouds and all that stains you? Even my own hatred I hated, for it stained you!

1913

Den ziehenden Wolken bin ich gram, diesen schleichenden Raub-Katzen: sie nehmen dir und mir, was uns gemein ist – das ungeheure unbegrenzte Ja- und Amen-sagen.

1913

I resent the drifting clouds, those creeping thief-cats: they steal from you and me what is ours – the boundless, infinite Yes- and Amen-saying.

1914

Diesen Mittlern und Mischern sind wir gram, den ziehenden Wolken: diesen Halb- und Halben, welche weder segnen lernten, noch von Grund ausfluchen.

1914

We resent these mediators and mixers, the drifting clouds: these half-and-halfers, who learned neither to bless nor to curse from the ground up.

1915

Lieber will ich noch unter verschlossenem Himmel in der Tonne sitzen, lieber ohne Himmel im Abgrund sitzen, als dich, Licht-Himmel, mit Zieh-Wolken befleckt sehn!

1915

Rather would I sit under a sealed sky in a barrel, or in the abyss without sky, than see you, luminous sky, defiled by drifting clouds!

1916

Und oft gelüstete mich, sie mit zackichten Blitz-Golddrähten festzuheften, daß ich, gleich dem Donner, auf ihrem Kessel-Bauche die Pauke schlüge: –

1916

And often I longed to pin them fast with jagged lightning-gold wires, so that, like thunder, I might drum upon their cauldron-bellies: –

1917

– ein zorniger Paukenschläger, weil sie mir dein Ja! und Amen! rauben, du Himmel über mir, du Reiner! Lichter! Du Licht-Abgrund! – weil sie dir mein Ja! und Amen! rauben.

1917

– an angry drummer, for they steal my Yes! and Amen! from you, O heaven above me, pure one! Luminous! You light-abyss! – because they steal my Yes! and Amen!

1918

Denn lieber noch will ich Lärm und Donner und Wetter-Flüche, als diese bedächtige zweifelnde Katzen-Ruhe; und auch unter Menschen hasse ich am besten alle Leisetreter und Halb- und Halben und zweifelnde, zögernde Zieh-Wolken.

1918

For I would rather have noise and thunder and storm-curses than this cautious, doubting cat-calm; and among humans too, I most despise all soft-steppers and half-and-halfers and doubting, hesitating drifting clouds.

1919

Und »wer nicht segnen kann, der soll fluchen lernen!« – diese helle Lehre fiel mir aus hellem Himmel, dieser Stern steht auch noch in schwarzen Nächten an meinem Himmel.

1919

And “who cannot bless should learn to curse!” – this bright teaching fell to me from a bright sky; this star still stands in my heavens even in blackest nights.

1920

Ich aber bin ein Segnender und ein Ja-Sager, wenn du nur um mich bist, du Reiner! Lichter! Du Licht-Abgrund! – in alle Abgründe trage ich da noch mein segnendes Ja-sagen.

1920

But I am a blesser and a Yes-sayer, if only you are around me, pure one! Luminous! You light-abyss! – into all abysses I then carry my blessing Yes-saying.

1921

Zum Segnenden bin ich worden und zum Ja-Sagenden: und dazu rang ich lange und war ein Ringer, daß ich einst die Hände frei bekäme zum Segnen.

1921

I have become a blesser and a Yes-sayer: and for this I wrestled long and was a wrestler, that one day I might have free hands for blessing.

1922

Das aber ist mein Segnen: über jedwedem Ding als sein eigener Himmel stehn, als sein rundes Dach, seine azurne Glocke und ewige Sicherheit: und selig ist, wer also segnet![415]

1922

Yet this is my blessing: to stand over every thing as its own heaven, as its rounded dome, its azure bell and eternal security – blessed is he who blesses thus!

1923

Denn alle Dinge sind getauft am Borne der Ewigkeit und jenseits von Gut und Böse; Gut und Böse selber aber sind nur Zwischenschatten und feuchte Trübsale und Zieh-Wolken.

1923

For all things are baptized at the fountain of eternity, beyond Good and Evil; Good and Evil themselves are but intervening shadows and damp afflictions and drifting clouds.

1924

Wahrlich, ein Segnen ist es und kein Lästern, wenn ich lehre: »Über allen Dingen steht der Himmel Zufall, der Himmel Unschuld, der Himmel Ohngefähr, der Himmel Übermut.«

1924

Truly, it is a blessing and no blasphemy when I teach: “Over all things stands the heaven Chance, the heaven Innocence, the heaven Unconcern, the heaven Audacity.”

1925

»Von Ohngefähr« – das ist der älteste Adel der Welt, den gab ich allen Dingen zurück, ich erlöste sie von der Knechtschaft unter dem Zwecke.

1925

"From Chance" – this is the world's most ancient nobility, which I restored to all things; I redeemed them from bondage to purpose.

1926

Diese Freiheit und Himmels-Heiterkeit stellte ich gleich azurner Glocke über alle Dinge, als ich lehrte, daß über ihnen und durch sie kein »ewiger Wille« – will.

1926

This freedom and celestial serenity I set like an azure bell over all things when I taught: above them and through them flows no "eternal will."

1927

Diesen Übermut und diese Narrheit stellte ich an die Stelle jenes Willens, als ich lehrte: »bei allem ist eins unmöglich -Vernünftigkeit!«

1927

This defiance and folly I placed in lieu of that will when I proclaimed: "In all things, one thing is impossible—rationality!"

1928

Ein wenig Vernunft zwar, ein Same der Weisheit zerstreut von Stern zu Stern – dieser Sauerteig ist allen Dingen eingemischt: um der Narrheit willen ist Weisheit allen Dingen eingemischt!

1928

A morsel of reason, indeed, a seed of wisdom scattered from star to star—this leaven is mingled in all things: for folly's sake, wisdom is mingled in all things!

1929

Ein wenig Weisheit ist schon möglich; aber diese selige Sicherheit fand ich an allen Dingen: daß sie lieber noch auf den Füßen des Zufalls – tanzen.

1929

A little wisdom may yet be possible; but this blessed certainty I found in all things: that they would sooner dance—on the feet of chance.

1930

O Himmel über mir, du Reiner! Hoher! Das ist mir nun deine Reinheit, daß es keine ewige Vernunft-Spinne und -Spinnennetze gibt –

1930

O heaven above me, pure one! Sublime one! To me, your purity lies in this: that no eternal reason-spider spins webs here—

1931

– daß du mir ein Tanzboden bist für göttliche Zufälle, daß du mir ein Göttertisch bist für göttliche Würfel und Würfelspieler! –

1931

—that you are a dancing floor for divine hazards, a divine gaming table for gods and dice players!—

1932

Doch du errötest? Sprach ich Unaussprechbares? Lästerte ich, indem ich dich segnen wollte?

1932

Yet do you blush? Did I speak the unspeakable? Did I blaspheme while meaning to bless?

1933

Oder ist es die Scham zu zweien, welche dich erröten machte? – Heißest du mich gehn und schweigen, weil nun – der Tag kommt?

1933

Or was it the shame of two that made you crimson?—Do you bid me depart and be silent, now that—the day comes?

1934

Die Welt ist tief –: und tiefer, als je der Tag gedacht hat. Nicht alles darf vor dem Tage Worte haben. Aber der Tag kommt: so scheiden wir nun!


O Himmel über mir, du Schamhafter! Glühender! O du mein Glück vor Sonnen-Aufgang! Der Tag kommt: so scheiden wir nun! –

1934

O heaven above me, bashful one! Glowing one! O you, my bliss before sunrise! The day comes: let us part now!—

1935

Also sprach Zarathustra.[416]

1935

Thus spoke Zarathustra.[416]

1936

Von der verkleinernden Tugend

1936

On the Diminishing Virtue

1937

1

1937

1

1938

Als Zarathustra wieder auf dem festen Lande war, ging er nicht stracks auf sein Gebirge und seine Höhle los, sondern tat viele Wege und Fragen und erkundete dies und das, also, daß er von sich selber im Scherze sagte: »siehe einen Floß, der in vielen Windungen zurück zur Quelle fließt!« Denn er wollte in Erfahrung bringen, was sich inzwischen mit dem Menschen zugetragen habe: ob er größer oder kleiner geworden sei. Und einmal sah er eine Reihe neuer Häuser; da wunderte er sich und sagte:

1938

When Zarathustra returned to the mainland, he did not go straight to his mountains and cave but wandered many paths, questioning and probing, until he jested of himself: "Behold a river winding backward through twists to its source!" For he sought to learn what had transpired with mankind—whether it had grown greater or smaller. Once seeing a row of new houses, he marveled and said:

1939

»Was bedeuten diese Häuser? Wahrlich, keine große Seele stellte sie hin, sich zum Gleichnisse!

1939

"What do these houses signify? Truly, no great soul raised them as its emblem!

1940

Nahm wohl ein blödes Kind sie aus seiner Spielschachtel? Daß doch ein anderes Kind sie wieder in seine Schachtel täte.

1940

Did some foolish child take them from its toy box? Would that another child might put them back!

1941

Und diese Stuben und Kammern: können Männer da aus- und eingehen? Gemacht dünken sie mich für Seiden-Puppen; oder für Naschkatzen, die auch wohl an sich naschen lassen.«

1941

And these chambers—can men pass through them? They seem made for silken dolls or sweet-toothed cats that let others nibble them."

1942

Und Zarathustra blieb stehn und dachte nach. Endlich sagte er betrübt: »Es ist alles kleiner geworden!

1942

Zarathustra stood still and pondered. At last he spoke mournfully: "All has shrunk!

1943

Überall sehe ich niedrigere Tore: wer meiner Art ist, geht da wohl noch hindurch, aber – er muß sich bücken!

1943

Everywhere I see lower gates: those of my kind may still pass through—but they must stoop!

1944

O wann komme ich wieder in meine Heimat, wo ich mich nicht mehr bücken muß – nicht mehr bücken muß vor den Kleinen!« – Und Zarathustra seufzte und blickte in die Ferne. –

1944

O when shall I return to my homeland where I need no longer stoop—no longer stoop before the small ones!" And Zarathustra sighed, gazing into the distance.—

1945

Desselbigen Tages aber redete er seine Rede über die verkleinernde Tugend.

1945

That same day he delivered his discourse on the diminishing virtue.

1946

2

1946

2

1947

Ich gehe durch dies Volk und halte meine Augen offen: sie vergeben mir es nicht, daß ich auf ihre Tugenden nicht neidisch bin.

1947

I walk among this people, eyes open: they resent me for not envying their virtues.

1948

Sie beißen nach mir, weil ich zu ihnen sage: für kleine Leute sind kleine Tugenden nötig – und weil es mir hart eingeht, daß kleine Leute nötig sind![417]

1948

They snap at me because I tell them: small folk require small virtues—and because I choke on knowing that small folk are necessary![417]

1949

Noch gleiche ich dem Hahn hier auf fremdem Gehöfte, nach dem auch die Hennen beißen; doch darob bin ich diesen Hennen nicht ungut.

1949

I still resemble a rooster in a foreign farmyard, at whom even the hens peck—yet I bear these hens no ill will.

1950

Ich bin höflich gegen sie, wie gegen alles kleine Ärgernis; gegen das Kleine stachlicht zu sein, dünkt mich eine Weisheit für Igel.

1950

I am courteous toward them as toward all petty vexations; to be prickly toward what’s small strikes me as a hedgehog’s wisdom.

1951

Sie reden alle von mir, wenn sie abends ums Feuer sitzen – sie reden von mir, aber niemand denkt – an mich!

1951

They all speak of me when they sit around their evening fires—they speak of me, but none think—of me!

1952

Dies ist die neue Stille, die ich lernte: ihr Lärm um mich breitet einen Mantel über meine Gedanken.

1952

This is the new stillness I have learned: their noise about me spreads a cloak over my thoughts.

1953

Sie lärmen untereinander: »was will uns diese düstere Wolke? sehen wir zu, daß sie uns nicht eine Seuche bringe!«

1953

They clamor among themselves: “What does this dark cloud want of us? Let us take care it does not bring us pestilence!”

1954

Und jüngst riß ein Weib sein Kind an sich, das zu mir wollte: »Nehmt die Kinder weg!« schrie es; »solche Augen versengen Kinder-Seelen.«

1954

And recently a woman snatched her child from approaching me: “Take the children away!” she cried; “such eyes scorch the souls of children.”

1955

Sie husten, wenn ich rede: sie meinen, Husten sei ein Einwand gegen starke Winde – sie erraten nichts vom Brausen meines Glückes!

1955

They cough when I speak: they think coughing refutes tempests—they divine nothing of the roaring within my happiness!

1956

»Wir haben noch keine Zeit für Zarathustra« – so wenden sie ein; aber was liegt an einer Zeit, die für Zarathustra »keine Zeit hat«?


Und wenn sie gar mich rühmen: wie könnte ich wohl auf ihrem Ruhme einschlafen? Ein Stachel-Gürtel ist mir ihr Lob: es kratzt mich noch, wenn ich es von mir tue.

1956

And even if they praise me—how could I sleep upon their praise? To me their praise is a girdle of thorns: it scratches me even when I cast it off.

1957

Und auch das lernte ich unter ihnen: der Lobende stellt sich, als gebe er zurück, in Wahrheit aber will er mehr beschenkt sein!

1957

This too I learned among them: the flatterer acts as if he gave back, but in truth he wants more gifts!

1958

Fragt meinen Fuß, ob ihm ihre Lob- und Lock-Weise gefällt! Wahrlich, nach solchem Takt und Ticktack mag er weder tanzen, noch stille stehn.

1958

Ask my foot whether their fawning melodies please it! Truly, to such tick-tock it would neither dance nor stand still.

1959

Zur kleinen Tugend möchten sie mich locken und loben; zum Ticktack des kleinen Glücks möchten sie meinen Fuß überreden.

1959

To petty virtue they would lure and laud me; to the tick-tock of petty happiness they would persuade my foot.

1960

Ich gehe durch dies Volk und halte die Augen offen: sie sind kleiner geworden und werden immer kleiner – das aber macht ihre Lehre von Glück und Tugend.

1960

I walk through this people and keep my eyes open: they have become smaller and ever smaller—and this because of their doctrine of happiness and virtue.

1961

Sie sind nämlich auch in der Tugend bescheiden – denn sie wollen Behagen. Mit Behagen aber verträgt sich nur die bescheidene Tugend.

1961

For they are modest even in virtue—having learned complacency. Yet only modest virtue gets along with complacency.

1962

Wohl lernen auch sie auf ihre Art Schreiten und Vorwärts-Schreiten: das heiße ich ihr Humpeln –. Damit werden sie jedem zum Anstoß, der Eile hat.[418]

1962

True, they too learn to stride and stride forward: this I call their hobbling—thereby they become a stumbling block to all who hurry.

1963

Und mancher von ihnen geht vorwärts und blickt dabei zurück, mit versteiftem Nacken: Dem renne ich gern wider den Leib.

1963

And many a one walks ahead while stiff-necked gazing backward: I gladly collide with such.

1964

Fuß und Augen sollen nicht lügen, noch sich einander Lügen strafen. Aber es ist viel Lügnerei bei den kleinen Leuten.

1964

Let feet and eyes not lie nor contradict each other’s truths. But much deceit dwells among small folk.

1965

Einige von ihnen wollen, aber die meisten werden nur gewollt.

1965

Some of them will, but most are only willed.

1966

Einige von ihnen sind echt, aber die meisten sind schlechte Schauspieler.

1966

Some of them are genuine, but most are bad actors.

1967

Es gibt Schauspieler wider Wissen unter ihnen und Schauspieler wider Willen –, die Echten sind immer selten, sonderlich die echten Schauspieler.

1967

There are unconscious actors among them and unwilling actors—the genuine are always rare, especially genuine actors.

1968

Des Mannes ist hier wenig: darum vermännlichen sich ihre Weiber. Denn nur wer Mannes genug ist, wird im Weibe das Weiberlösen.

1968

Here there is little of man: therefore their women strive to masculinize themselves. For only he who is man enough will redeem—the woman in woman.

1969

Und diese Heuchelei fand ich unter ihnen am schlimmsten: daß auch die, welche befehlen, die Tugenden derer heucheln, welche dienen.

1969

This hypocrisy I found worst among them: even those who command counterfeit the virtues of those who serve.

1970

»Ich diene, du dienst, wir dienen« – so betet hier auch die Heuchelei der Herrschenden – und wehe, wenn der erste Herr nur der erste Diener ist!

1970

“I serve, you serve, we serve”—so prays even the hypocrisy of rulers—and woe if the first lord be but the first servant!

1971

Ach, auch in ihre Heucheleien verflog sich wohl meines Auges Neugier; und gut erriet ich all ihr Fliegen-Glück und ihr Summen um besonnte Fensterscheiben.

1971

Ah, even upon their hypocrisies my curious gaze once strayed; and well I divined their fly-happiness and buzzing around sunlit windows.

1972

Soviel Güte, soviel Schwäche sehe ich. Soviel Gerechtigkeit und Mitleiden, soviel Schwäche.

1972

So much kindness, so much weakness I see. So much justice and pity, so much weakness.

1973

Rund, rechtlich und gütig sind sie miteinander, wie Sandkörnchen rund, rechtlich und gütig mit Sandkörnchen sind.

1973

Round, righteous, and kind they are to one another, as grains of sand are round, righteous, and kind to grains of sand.

1974

Bescheiden ein kleines Glück umarmen – das heißen sie »Ergebung«! und dabei schielen sie bescheiden schon nach einem neuen kleinen Glücke aus.

1974

To modestly embrace a petty happiness—that they call “resignation”! Yet already they peer modestly toward another petty happiness.

1975

Sie wollen im Grunde einfältiglich eins am meisten: daß ihnen niemand wehe tue. So kommen sie jedermann zuvor und tun ihm wohl.

1975

At bottom, they most naively desire one thing: that no one should harm them. Thus they anticipate everyone by doing good.

1976

Dies aber ist Feigheit: ob es schon »Tugend« heißt. –

1976

But this is cowardice—though it be called "virtue."—

1977

Und wenn sie einmal rauh reden, diese kleinen Leute: ich höre darin nur ihre Heiserkeit – jeder Windzug nämlich macht sie heiser.

1977

And when these small folk speak harshly, I hear only their hoarseness—for every draft makes them hoarse.

1978

Klug sind sie, ihre Tugenden haben kluge Finger. Aber ihnen fehlen die Fäuste, ihre Finger wissen nicht, sich hinter Fäuste zu verkriechen.[419]

1978

Clever they are—their virtues have clever fingers. Yet they lack fists; their fingers know not how to hide within fists.[419]

1979

Tugend ist ihnen das, was bescheiden und zahm macht: damit machten sie den Wolf zum Hunde und den Menschen selber zu des Menschen bestem Haustiere.

1979

Virtue to them is what makes modest and tame: thus they turned the wolf into a dog and humanity itself into humanity’s favorite pet.

1980

»Wir setzten unsern Stuhl in die Mitte« – das sagt mir ihr Schmunzeln – »und ebenso weit weg von sterbenden Fechtern wie von vergnügten Säuen.«

1980

"We place our chair in the midst"—so their smugness tells me—"equally distant from dying duelists and contented swine."

1981

Dies aber ist – Mittelmäßigkeit: ob es schon Mäßigkeit heißt. –

1981

But this is—mediocrity: though it be named moderation.—

1982

3

1982

3

1983

Ich gehe durch dies Volk und lasse manches Wort fallen: aber sie wissen weder zu nehmen noch zu behalten.

1983

I walk among this people and let many words fall: but they know neither how to take nor keep them.

1984

Sie wundern sich, daß ich nicht kam, auf Lüste und Laster zu lästern; und wahrlich, ich kam auch nicht, daß ich vor Taschendieben warnte!

1984

They marvel that I came not to revile lusts and vices; truly, nor did I come to warn against pickpockets!

1985

Sie wundern sich, daß ich nicht bereit bin, ihre Klugheit noch zu witzigen und zu spitzigen: als ob sie noch nicht genug der Klüglinge hätten, deren Stimme mir gleich Schieferstiften kritzelt!


Und wenn ich rufe: »Flucht allen feigen Teufeln in euch, die gerne winseln und Hände falten und anbeten möchten«: so rufen sie: »Zarathustra ist gottlos.«

1985

And when I cry: "Curse all cowardly devils in you who crave to whimper and clasp hands in worship!"—they shout: "Zarathustra is godless."

1986

Und sonderlich rufen es ihre Lehrer der Ergebung –; aber gerade ihnen liebe ich's, in das Ohr zu schrein: Ja! Ich bin Zarathustra, der Gottlose!

1986

Especially their teachers of resignation shout this—yet precisely to them I love to shout in their ears: Yes! I am Zarathustra the godless!

1987

Diese Lehrer der Ergebung! Überallhin, wo es klein und krank und grindig ist, kriechen sie, gleich Läusen; und nur mein Ekel hindert mich, sie zu knacken.

1987

These teachers of resignation! Wherever there is anything small, sick, or scabby, they crawl like lice; only my disgust prevents me from cracking them.

1988

Wohlan! Dies ist meine Predigt für ihre Ohren: ich bin Zarathustra, der Gottlose, der da spricht »wer ist gottloser denn ich, daß ich mich seiner Unterweisung freue?«

1988

Behold! This is my sermon for their ears: I am Zarathustra the godless, who declares: "Who is more godless than I, that I may rejoice in his instruction?"

1989

Ich bin Zarathustra, der Gottlose: wo finde ich meinesgleichen? Und alle die sind meinesgleichen, die sich selber ihren Willen geben und alle Ergebung von sich abtun.

1989

I am Zarathustra the godless: where shall I find my equals? All who give themselves their own will and cast off all resignation are my kin.

1990

Ich bin Zarathustra, der Gottlose: ich koche mir noch jeden Zufall in meinem Topfe. Und erst, wenn er da gargekocht ist, heiße ich ihn willkommen, als meine Speise.[420]

1990

I am Zarathustra the godless: I cook every chance in my pot. And only when it has been thoroughly cooked do I welcome it as my sustenance.[420]

1991

Und wahrlich, mancher Zufall kam herrisch zu mir: aber herrischer noch sprach zu ihm mein Wille, – da lag er schon bittend auf den Knien –

1991

Truly, many a chance came imperiously to me—but more imperiously still my will spoke to it—and there it lay already begging on its knees—

1992

– bittend, daß er Herberge finde und Herz bei mir, und schmeichlerisch zuredend: »sieh doch, o Zarathustra, wie nur Freund zum Freunde kommt!« –

1992

—begging for shelter and a heart’s refuge, coaxing fawningly: "Behold, Zarathustra, how friend comes unto friend!"—

1993

Doch was rede ich, wo niemand meine Ohren hat! Und so will ich es hinaus in alle Winde rufen:

1993

But why speak where none have my ears? So I will shout it to all winds:

1994

Ihr werdet immer kleiner, ihr kleinen Leute! Ihr bröckelt ab, ihr Behaglichen! Ihr geht mir noch zugrunde –

1994

You grow ever smaller, you small folk! You crumble away, you comfort-seekers! You shall yet perish—

1995

– an euren vielen kleinen Tugenden, an eurem vielen kleinen Unterlassen, an eurer vielen kleinen Ergebung!

1995

—through your many petty virtues, through your many petty abstentions, through your many petty resignations!

1996

Zu viel schonend, zu viel nachgebend: so ist euer Erdreich! Aber daß ein Baum groß werde, dazu will er um harte Felsen harte Wurzeln schlagen!

1996

Too much sparing, too much yielding: such is your soil! But for a tree to grow great, it must strike roots around hard rocks!

1997

Auch was ihr unterlaßt, webt am Gewebe aller Menschen-Zukunft; auch euer Nichts ist ein Spinnennetz und eine Spinne, die von der Zukunft Blute lebt.

1997

What you omit weaves itself into the web of all human futurity; even your nothing is a spider’s web that feeds on the future’s blood.

1998

Und wenn ihr nehmt, so ist es wie stehlen, ihr kleinen Tugendhaften; aber noch unter Schelmen spricht die Ehre: »man soll nur stehlen, wo man nicht rauben kann.«

1998

And when you take, it is like stealing, you petty virtuous ones; but even among rogues, honor declares: "One should only steal where one cannot rob."

1999

»Es gibt sich« – das ist auch eine Lehre der Ergebung. Aber ich sage euch, ihr Behaglichen: es nimmt sich und wird immer mehr noch von euch nehmen!

1999

“It gives itself” – this too is a doctrine of submission. But I say to you, you complacent ones: it takes for itself and will ever take more from you!

2000

Ach, daß ihr alles halbe Wollen von euch abtätet und entschlossen würdet zur Trägheit wie zur Tat!

2000

Oh, that you would renounce all half-willed desires and become resolute in indolence as in action!

2001

Ach, daß ihr mein Wort verstündet: »Tut immerhin, was ihr wollt – aber seid erst solche, die wollen können

2001

Oh, that you understood my word: “Do whatever you will – but first become those who can will!”

2002

»Liebt immerhin euren Nächsten gleich euch, – aber seid mir erst solche, die sich selber lieben

2002

“Love your neighbor as yourselves – but first become such as love themselves

2003

– mit der großen Liebe lieben, mit der großen Verachtung lieben!« Also spricht Zarathustra, der Gottlose. –

2003

– love with the great love, love with the great contempt!” Thus speaks Zarathustra, the godless one. –

2004

Doch was rede ich, wo niemand meine Ohren hat! Es ist hier noch eine Stunde zu früh für mich.

2004

But why speak I where none have my ears! Here it is still an hour too early for me.

2005

Mein eigner Vorläufer bin ich unter diesem Volke, mein eigner Hahnen-Ruf durch dunkle Gassen.[421]

2005

My own forerunner am I among this people, my own rooster’s crow through darkened alleys.

2006

Aber ihre Stunde kommt! Und es kommt auch die meine! Stündlich werden sie kleiner, ärmer, unfruchtbarer – armes Kraut! armes Erdreich!

2006

But their hour comes! And mine too approaches! Hourly they dwindle, poorer, more barren – wretched weeds! wretched soil!

2007

Und bald sollen sie mir dastehn wie dürres Gras und Steppe, und wahrlich! ihrer selber müde – und mehr, als nach Wasser, nach Feuer lechzend!

2007

And soon shall they stand before me like parched grass and steppe, and verily! weary of themselves – and thirsting not for water, but for fire!

2008

O gesegnete Stunde des Blitzes! O Geheimnis vor Mittag! – Laufende Feuer will ich einst noch aus ihnen machen und Verkünder mit Flammen-Zungen: –

2008

O blessed hour of lightning! O mystery before noon! – Running fires I shall yet make of them and heralds with flame-tongued speech: –

2009

– verkünden sollen sie einst noch mit Flammen-Zungen: Er kommt, er ist nahe, der große Mittag!

2009

– with flame-tongues shall they yet proclaim: He comes, he is near, the great noon!

2010

Also sprach Zarathustra.[422]

2010

Thus spoke Zarathustra.

2011

Auf dem Ölberge

2011

Upon the Mount of Olives

2012

Der Winter, ein schlimmer Gast, sitzt bei mir zu Hause; blau sind meine Hände von seiner Freundschaft Händedruck.

2012

Winter, a grim guest, sits at home with me; blue are my hands from the handclasp of his friendship.

2013

Ich ehre ihn, diesen schlimmen Gast, aber lasse gerne ihn allein sitzen. Gerne laufe ich ihm davon; und, läuft man gut, so entläuft man ihm!

2013

I honor him, this grim guest, but gladly leave him sitting alone. Gladly I flee from him; and when one flees well, one escapes him!

2014

Mit warmen Füßen und warmen Gedanken laufe ich dorthin, wo der Windstille steht, zum Sonnen-Winkel meines Ölbergs.

2014

With warm feet and warm thoughts I run where the winds grow still – to the sunny nook of my olive mountain.

2015

Da lache ich meines gestrengen Gastes und bin ihm noch gut, daß er zu Hause mir die Fliegen wegfängt und vielen kleinen Lärm stille macht.

2015

There I laugh at my stern guest and remain kindly disposed toward him for chasing flies from my home and silencing petty noises.

2016

Er leidet es nämlich nicht, wenn eine Mücke singen will, oder gar zwei; noch die Gasse macht er einsam, daß der Mondschein drin nachts sich fürchtet.

2016

For he cannot abide a single mosquito singing, much less two; he makes even the lanes desolate, so moonlight fears to walk there at night.

2017

Ein harter Gast ist er – aber ich ehre ihn, und nicht bete ich, gleich den Zärtlingen, zum dickbäuchichten Feuer-Götzen.

2017

A harsh guest he is – yet I honor him, and do not pray, like the tender-hearted, to the pot-bellied fire-idol.

2018

Lieber noch ein wenig zähneklappern, als Götzen anbeten! – so will's meine Art. Und sonderlich bin ich allen brünstigen dampfenden dumpfigen Feuer-Götzen gram.

2018

Better even a little teeth-chattering than idol worship! – such is my nature. And especially do I detest all ardent, steaming, fume-filled fire-idols.

2019

Wen ich liebe, den liebe ich winters besser als sommers; besser spotte ich jetzt meiner Feinde und herzhafter, seit der Winter mir im Hause sitzt.[422]

2019

Whom I love, I love better in winter than summer; better now do I mock my enemies, and more heartily, since winter sits in my house.

2020

Herzhaft wahrlich, selbst dann noch, wenn ich zu Bett krieche –: da lacht und mutwillt noch mein verkrochenes Glück; es lacht noch mein Lügen-Traum.

2020

Heartily, in truth, even when I crawl into bed –: there laughs and frolics my hidden happiness; my lying dream still mocks.

2021

Ich ein – Kriecher? Niemals kroch ich im Leben vor Mächtigen; und log ich je, so log ich aus Liebe. Deshalb bin ich froh auch im Winter-Bette.

2021

I – a crawler? Never in life have I crawled before the mighty; and if I ever lied, I lied for love. Therefore am I joyful even in winter beds.

2022

Ein geringes Bett wärmt mich mehr als ein reiches, denn ich bin eifersüchtig auf meine Armut. Und im Winter ist sie mir am treusten.

2022

A meager bed warms me more than a rich one, for I am jealous of my poverty. And in winter she is most faithful to me.

2023

Mit einer Bosheit beginne ich jeden Tag, ich spotte des Winters mit einem kalten Bade: darob brummt mein gestrenger Hausfreund.

2023

Each day I begin with a mischief – I mock winter with a cold bath: whereat my stern housemate growls.

2024

Auch kitzle ich ihn gerne mit einem Wachskerzlein: daß er mir endlich den Himmel herauslasse aus aschgrauer Dämmerung.

2024

I also take pleasure in teasing him with a wax taper – that he may at last release the sky from ashen twilight.

2025

Sonderlich boshaft bin ich nämlich des Morgens: zur frühen Stunde, da der Eimer am Brunnen klirrt und die Rosse warm durch graue Gassen wiehern: –

2025

For particularly mischievous am I at morningtide: in the early hour when buckets clatter at wells and horses whinny warmly through gray lanes: –

2026

Ungeduldig warte ich da, daß mir endlich der lichte Himmel aufgehe, der schneebärtige Winter-Himmel, der Greis und Weißkopf –

2026

There I wait with impatience for the luminous sky to break open at last – the snow-bearded winter sky, that ancient white-haired one –

2027

– der Winter-Himmel, der schweigsame, der oft noch seine Sonne verschweigt!

2027

– the winter sky, the silent one, who so often withholds his sun!

2028

Lernte ich wohl von ihm das lange lichte Schweigen? Oder lernte er's von mir? Oder hat ein jeder von uns es selbst erfunden?

2028

Did I perhaps learn from him that long luminous silence? Or did he learn it from me? Or did each of us invent it for himself?

2029

Aller guten Dinge Ursprung ist tausendfältig – alle guten mutwilligen Dinge springen vor Lust ins Dasein: wie sollten sie das immer nur – einmal tun!

2029

All good things have a thousandfold origin – every good mischievous thing leaps into existence for joy: how could they ever act – but once!

2030

Ein gutes mutwilliges Ding ist auch das lange Schweigen und gleich dem Winter-Himmel blicken aus lichtem rundäugichtem Antlitze: –

2030

A good mischievous thing too is this long silence, gazing forth like the winter sky from a luminous round-eyed countenance: –

2031

– gleich ihm seine Sonne verschweigen und seinen unbeugsamen Sonnen-Willen: wahrlich, diese Kunst und diesen Winter-Mutwillen lernte ich gut!

2031

– like him withholding its sun and its unyielding sun-will: verily, this art and this winter-mischief I have learned well!

2032

Meine liebste Bosheit und Kunst ist es, daß mein Schweigen lernte, sich nicht durch Schweigen zu verraten.

2032

My dearest malice and art is that my silence has learned not to betray itself through silence.

2033

Mit Worten und Würfeln klappernd überliste ich mir die feierlichen Warter: allen diesen gestrengen Aufpassern soll mein Wille und Zweck entschlüpfen.

2033

With words and dice-clatter I outwit the solemn watchers: from all these stern sentinels shall my will and purpose slip away.

2034

Daß mir niemand in meinen Grund und letzten Willen hinab sehe – dazu erfand ich mir das lange lichte Schweigen.[423]

2034

That none might peer down into my ground and ultimate will – for this I devised my long luminous silence.[423]

2035

So manchen Klugen fand ich: der verschleierte sein Antlitz und trübte sein Wasser, daß niemand ihm hindurch und hinuntersehe.

2035

Many a clever one I found: he veiled his countenance and muddied his waters so none might see through to his depths.

2036

Aber zu ihm gerade kamen die klügeren Mißtrauer und Nußknacker: ihm gerade fischte man seinen verborgensten Fisch heraus!

2036

But precisely to him came the shrewder doubters and nutcrackers: from him they fished out his most hidden catch!

2037

Sondern die Hellen, die Wackern, die Durchsichtigen – das sind mir die klügsten Schweiger: denen so tief ihr Grund ist, daß auch das hellste Wasser ihn nicht – verrät. –

2037

But the bright, the bold, the transparent – these are to me the wisest silencers: in them the ground is so deep that even the clearest water does not – betray it. –

2038

Du schneebärtiger schweigender Winter-Himmel, du rundäugichter Weißkopf über mir! Oh, du himmlisches Gleichnis meiner Seele und ihres Mutwillens!

2038

You snow-bearded silent winter sky, you round-eyed whitehead above me! Oh, you celestial parable of my soul and its mischief!

2039

Und muß ich mich nicht verbergen, gleich einem, der Gold verschluckt hat – daß man mir nicht die Seele aufschlitze?

2039

And must I not conceal myself like one who has swallowed gold – lest they slit open my soul?

2040

Muß ich nicht Stelzen tragen, daß sie meine langen Beine übersehen – alle diese Neidbolde und Leidholde, die um mich sind?

2040

Must I not walk on stilts, that they overlook my long legs – all these envy-gnawers and sorrow-harborers around me?

2041

Diese räucherigen, stubenwarmen, verbrauchten, vergrünten, vergrämelten Seelen – wie könnte ihr Neid mein Glück ertragen!

2041

These fume-filled, stuffy, spent, mildewed, embittered souls – how could their envy endure my happiness!

2042

So zeige ich ihnen nur das Eis und den Winter auf meinen Gipfeln – und nicht, daß mein Berg noch alle Sonnengürtel um sich schlingt!

2042

Thus I show them only the ice and winter of my peaks – and not that my mountain winds all solar girdles about itself!

2043

Sie hören nur meine Winter-Stürme pfeifen: und nicht, daß ich auch überwarme Meere fahre, gleich sehnsüchtigen, schweren, heißen Südwinden.

2043

They hear only the whistling of my winter storms: and not that I also sail over sun-warmed seas, like yearning, heavy, sultry siroccos.

2044

Sie erbarmen sich noch meiner Unfälle und Zufälle – aber mein Wort heißt: »Laßt den Zufall zu mir kommen: unschuldig ist er, wie ein Kindlein!«


Wie könnten sie mein Glück ertragen, wenn ich nicht Unfälle und Winter-Nöte und Eisbären-Mützen und Schneehimmel-Hüllen um mein Glück legte!

2044my

How could they endure my happiness, did I not wrap accidents and winter hardships and bearskin caps and snow-sky mantles about it!

2045

– wenn ich mich nicht selbst ihres Mitleids erbarmte: des Mitleids dieser Neidbolde und Leidholde!

2045

– were I not myself to pity their compassion: the compassion of these envy-gnawers and sorrow-harborers!

2046

– wenn ich nicht selber vor ihnen seufzte und frostklapperte, und mich geduldsam in ihr Mitleid wickeln ließe!

2046

– were I not to sigh and chatter with cold before them, and patiently let myself be swaddled in their pity!

2047

Dies ist der weise Mutwille und Wohlwille meiner Seele, daß sie ihren Winter und ihre Froststürme nicht verbirgt; sie verbirgt auch ihre Frostbeulen nicht.

2047

This is the wise mischief and good will of my soul: that it hides not its winters and frost-storms; it hides not its chilblains either.

2048

Des einen Einsamkeit ist die Flucht des Kranken; des andern Einsamkeit die Flucht vor den Kranken.[424]

2048

For one, solitude is the flight of the sick; for another, it is flight from the sick.[424]

2049

Mögen sie mich klappern und seufzen hören vor Winterkälte, alle diese armen scheelen Schelme um mich! Mit solchem Geseufz und Geklapper flüchte ich noch vor ihren geheizten Stuben.

2049

Let them hear me clatter and sigh with winter cold, all these poor squint-eyed knaves around me! With such sighing and clattering I still flee their overheated chambers.

2050

Mögen sie mich bemitleiden und bemitseufzen ob meiner Frostbeulen: »am Eis der Erkenntnis erfriert er uns noch!« – so klagen sie.

2050

Let them pity and bewail my chilblains: “He freezes us to death upon the ice of knowledge!” – thus they lament.

2051

Inzwischen laufe ich mit warmen Füßen kreuz und quer auf meinem Ölberge: im Sonnen-Winkel meines Ölberges singe und spotte ich alles Mitleids. –

2051

Meanwhile, I run with warm feet hither and thither upon my Mount of Olives: in the sunny nook of my olive mountain I sing and mock all pity. –

2052

Also sang Zarathustra.[425]

2052

Thus sang Zarathustra.[425]

2053

Vom Vorübergehen

2053

On Passing By

2054

Also, durch viel Volk und vielerlei Städte langsam hindurchschreitend, ging Zarathustra auf Umwegen zurück zu seinem Gebirge und seiner Höhle. Und siehe, dabei kam er unversehens auch an das Stadttor der großen Stadt: hier aber sprang ein schäumender Narr mit ausgebreiteten Händen auf ihn zu und trat ihm in den Weg. Dies aber war der selbige Narr, welchen das Volk »den Affen Zarathustras« hieß: denn er hatte ihm etwas vom Satz und Fall der Rede abgemerkt und borgte wohl auch gerne vom Schatze seiner Weisheit. Der Narr aber redete also zu Zarathustra:

2054

Thus, passing slowly through many peoples and divers cities, Zarathustra returned by roundabout ways to his mountains and his cave. And behold, thereby he came unawares also to the gate of the great city: here, however, a foaming fool with outstretched hands sprang at him and stood in his path. This was the very same fool whom the people called “the ape of Zarathustra”: for he had aped something of his phrases and cadences, and liked to borrow from the treasure of his wisdom. The fool, however, spoke thus to Zarathustra:

2055

»O Zarathustra, hier ist die große Stadt: hier hast du nichts zu suchen und alles zu verlieren.

2055

“O Zarathustra, here lies the great city: here you have nothing to seek and everything to lose.

2056

Warum wolltest du durch diesen Schlamm waten? Habe doch Mitleiden mit deinem Fuße! Speie lieber auf das Stadttor und – kehre um!

2056

Why would you wade through this mire? Have pity on your foot! Rather spit upon the city gate and – turn back!

2057

Hier ist die Hölle für Einsiedler-Gedanken: hier werden große Gedanken lebendig gesotten und klein gekocht.

2057

Here is hell for hermit thoughts: here great thoughts are boiled alive and stewed down small.

2058

Hier verwesen alle großen Gefühle: hier dürfen nur klapperdürre Gefühlchen klappern!

2058

Here all great sentiments rot: only shriveled, rattling emotions may rattle here!

2059

Riechst du nicht schon die Schlachthäuser und Garküchen des Geistes? Dampft nicht diese Stadt vom Dunst geschlachteten Geistes?

2059

Do you not smell the slaughterhouses and cookshops of the spirit? Does this city not steam with the reek of slaughtered spirit?

2060

Siehst du nicht die Seele hängen wie schlaffe schmutzige Lumpen?

2060

Do you not see souls hanging like limp, filthy rags?

2061

– Und sie machen noch Zeitungen aus diesen Lumpen!

2061

– And from these rags they even make newspapers!

2062

Hörst du nicht, wie der Geist hier zum Wortspiel wurde? Widriges Wort-Spülicht bricht er heraus! – Und sie machen noch Zeitungen aus diesem Wort-Spülicht.[425]

2062

Do you not hear how the spirit here has become a word-game? Vile word swill it spews forth! – And from this word swill they still make newspapers.[425]

2063

Sie hetzen einander und wissen nicht, wohin? Sie erhitzen einander und wissen nicht, warum? Sie klimpern mit ihrem Bleche, sie klingeln mit ihrem Golde.

2063

They hound one another and know not whither? They inflame one another and know not why? They clatter with their tin, they jingle with their gold.

2064

Sie sind kalt und suchen sich Wärme bei gebrannten Wassern; sie sind erhitzt und suchen Kühle bei gefrorenen Geistern; sie sind alle siech und süchtig an öffentlichen Meinungen.

2064

They are cold and seek warmth in distilled waters; they are fevered and seek coolness from frozen spirits; they are all sick and addicted to public opinions.

2065

Alle Lüste und Laster sind hier zu Hause; aber es gibt hier auch Tugendhafte, es gibt viel anstellige angestellte Tugend: –

2065

All lusts and vices are at home here; but there are also virtuous ones here, much serviceable appointed virtue: –

2066

Viel anstellige Tugend mit Schreibfingern und hartem Sitz- und Warte-Fleische, gesegnet mit kleinen Bruststernen und ausgestopften steißlosen Töchtern.

2066

Much serviceable virtue with scribbling fingers and hard-seated waiting-flesh, blessed with little breast-stars and padded spineless daughters.

2067

Es gibt hier auch viel Frömmigkeit und viel gläubige Speichel-Leckerei, Schmeichel-Bäckerei vor dem Gott der Heerscharen.

2067

Here too there is much piety and much believing spittle-licking, honeyed obeisance before the God of Hosts.

2068

»Von oben« her träufelt ja der Stern und der gnädige Speichel; nach oben hin sehnt sich jeder sternenlose Busen.

2068

“From on high” drip the star and the gracious spittle; toward the heights yearns every starless bosom.

2069

Der Mond hat seinen Hof, und der Hof hat seine Mondkälber: zu allem aber, was vom Hofe kommt, betet das Bettel-Volk und alle anstellige Bettel-Tugend.

2069

The moon has its court, and the court has its moon-calves: to all that comes from the court, however, the beggar-people pray, and all serviceable beggar-virtue.

2070

»Ich diene, du dienst, wir dienen« – so betet alle anstellige Tugend hinauf zum Fürsten: daß der verdiente Stern sich endlich an den schmalen Busen hefte!

2070

“I serve, you serve, we serve” – thus prays all serviceable virtue up to the prince: that the well-earned star may finally fasten upon the narrow breast!

2071

Aber der Mond dreht sich noch um alles Irdische: so dreht sich auch der Fürst noch um das Aller-Irdischste –: das aber ist das Gold der Krämer.

2071

But the moon still revolves around all earthly things: so too the prince revolves around the most earthly of all –: which is the gold of hucksters.

2072

Der Gott der Heerscharen ist kein Gott der Goldbarren; der Fürst denkt, aber der Krämer – lenkt!

2072

The God of Hosts is no god of gold ingots; the prince proposes, but the huckster – disposes!

2073

Bei allem, was licht und stark und gut in dir ist, o Zarathustra! Speie auf diese Stadt der Krämer und kehre um!

2073

By all that is luminous and strong and good in you, O Zarathustra! Spit upon this city of hucksters and turn back!

2074

Hier fließt alles Blut faulicht und lauicht und schaumicht durch alle Adern: speie auf die große Stadt, welche der große Abraum ist, wo aller Abschaum zusammenschäumt!

2074

Here all blood flows putrid and tepid and frothy through every vein: spew upon the great city, which is the vast refuse heap where all scum foams together!

2075

Speie auf die Stadt der eingedrückten Seelen und schmalen Brüste, der spitzen Augen, der klebrigen Finger –

2075

Spew upon the city of crushed souls and narrow breasts, of pointed eyes and sticky fingers –

2076

– auf die Stadt der Aufdringlinge, der Unverschämten, der Schreib- und Schreihälse, der überheizten Ehrgeizigen: –[426]

2076

– upon the city of the intrusive, the brazen, the scribbling and screeching rabble, the overheated ambitious: –[426]

2077

– wo alles Anbrüchige, Anrüchige, Lüsterne, Düstere, Übermürbe, Geschwürige, Verschwörerische zusammenschwärt: –

2077

– where everything festering, fetid, lustful, gloomy, overripe, ulcerous, conspiratorial festers together: –

2078

– speie auf die große Stadt und kehre um!« – –

2078

– spew upon the great city and turn back!« – –

2079

Hier aber unterbrach Zarathustra den schäumenden Narren und hielt ihm den Mund zu.

2079

But here Zarathustra interrupted the frothing fool and clamped his mouth shut.

2080

»Höre endlich auf!« rief Zarathustra, »mich ekelt lange schon deiner Rede und deiner Art!

2080

»Cease at last!« cried Zarathustra, »long have your speech and manner sickened me!

2081

Warum wohntest du so lange am Sumpfe, daß du selber zum Frosch und zur Kröte werden mußtest?

2081

Why did you dwell so long in the swamp that you yourself became a frog and toad?

2082

Fließt dir nicht selber nun ein faulichtes schaumichtes Sumpf-Blut durch die Adern, daß du also quaken und lästern lerntest?

2082

Does not a putrid swamp-blood now flow through your own veins, that you learned to croak and slander thus?

2083

Warum gingst du nicht in den Wald? Oder pflügtest die Erde? Ist das Meer nicht voll von grünen Eilanden?

2083

Why did you not go into the forest? Or till the earth? Is the sea not full of green isles?

2084

Ich verachte dein Verachten; und wenn du mich warntest, – warum warntest du dich nicht selber?

2084

I despise your contempt; and had you warned me – why did you not warn yourself?

2085

Aus der Liebe allein soll mir mein Verachten und mein warnender Vogel auffliegen: aber nicht aus dem Sumpfe! –

2085

From love alone shall my contempt and warning bird take flight – not from the swamp! –

2086

Man heißt dich meinen Affen, du schäumender Narr: aber ich heiße dich mein Grunze-Schwein – durch Grunzen verdirbst du mir noch mein Lob der Narrheit.

2086

They call you my ape, you frothing fool: but I name you my grunting swine – through grunting you corrupt even my praise of folly.

2087

Was war es denn, was dich zuerst grunzen machte? Daß niemand dir genug geschmeichelt hat – darum setztest du dich hin zu diesem Unrate, daß du Grund hättest viel zu grunzen, –

2087

What first made you grunt? That none flattered you enough – so you sat upon this filth to have cause for much grunting –

2088

– daß du Grund hättest zu vieler Rache! Rache nämlich, du eitler Narr, ist all dein Schäumen, ich erriet dich wohl!

2088

– to have cause for much revenge! For revenge, you vain fool, is all your frothing – I saw through you well!

2089

Aber dein Narren-Wort tut mir Schaden, selbst wo du Recht hast! Und wenn Zarathustras Wort sogar hundertmal recht hätte: du würdest mit meinem Wort immer – unrecht tun

2089

But your fool’s words harm me, even where you are right! And were Zarathustra’s word a hundred times justified – you would still – do wrong with my word!«

2090

Also sprach Zarathustra; und er blickte die große Stadt an, seufzte und schwieg lange. Endlich redete er also:

2090

Thus spoke Zarathustra; and he gazed upon the great city, sighed, and long kept silent. At last he spoke thus:

2091

Mich ekelt auch dieser großen Stadt und nicht nur dieses Narren. Hier und dort ist nichts zu bessern, nichts zu bösern.

2091

This great city too sickens me – not merely this fool. Here and there naught can be bettered, naught worsened.

2092

Wehe dieser großen Stadt! – Und ich wollte, ich sähe schon die Feuersäule, in der sie verbrannt wird![427]

2092

Woe to this great city! – Would that I already saw the pillar of fire in which it shall be consumed![427]

2093

Denn solche Feuersäulen müssen dem großen Mittage vorangehn. Doch dies hat seine Zeit und sein eigenes Schicksal. –

2093

For such pillars of fire must precede the great noontide. Yet this has its own time and destiny. –

2094

Diese Lehre aber gebe ich dir, du Narr, zum Abschiede: wo man nicht mehr lieben kann, da soll man – vorübergehn! –

2094

But this teaching I give you, fool, at parting: where one can no longer love, there one should – pass by! –

2095

Also sprach Zarathustra und ging an dem Narren und der großen Stadt vorüber.[428]

2095

Thus spoke Zarathustra and passed by the fool and the great city.[428]

2096

Von den Abtrünnigen

2096

Of the Apostates

2097

1

2097

1

2098

Ach, liegt alles schon welk und grau, was noch jüngst auf dieser Wiese grün und bunt stand! Und wie vielen Honig der Hoffnung trug ich von hier in meine Bienenkörbe!

2098

Ah, all lies wilted and grey upon this meadow that lately stood green and colorful here! And how much honey of hope I carried from here to my beehives!

2099

Diese jungen Herzen sind alle schon alt geworden – und nicht alt einmal! nur müde, gemein, bequem – sie heißen es »wir sind wieder fromm geworden«.

2099

These young hearts have all grown old – and not even old! but weary, common, complacent – they call it »we have become pious again«.

2100

Noch jüngst sah ich sie in der Frühe auf tapferen Füßen hinauslaufen: aber ihre Füße der Erkenntnis wurden müde, und nun verleumden sie auch noch ihre Morgen-Tapferkeit!

2100

Just lately I saw them sally forth at dawn on valiant feet: but their feet of knowledge grew weary, and now they slander even their morning valor!

2101

Wahrlich, mancher von ihnen hob einst die Beine wie ein Tänzer, ihm winkte das Lachen in meiner Weisheit: – da besann er sich. Eben sah ich ihn krumm – zum Kreuze kriechen.

2101

Truly, many a one once lifted his legs like a dancer, the laughter of my wisdom beckoned to him: – then he reconsidered. Just now I saw him bent – crawling toward the cross.

2102

Um Licht und Freiheit flatterten sie einst gleich Mücken und jungen Dichtern. Ein wenig älter, ein wenig kälter: und schon sind sie Dunkler und Munkler und Ofenhocker.

2102

Once they fluttered toward light and freedom like gnats and young poets. A little older, a little colder: now they have grown darker, mumblers, stove-squatters.

2103

Verzagte ihnen wohl das Herz darob, daß mich die Einsamkeit verschlang gleich einem Walfische? Lauschte ihr Ohr wohl sehnsüchtiglange umsonst nach mir und meinen Trompeten- und Herolds-Rufen?

2103

Did their hearts perhaps despair that solitude swallowed me like a whale? Did their ears listen longingly in vain for me and my trumpet-blasts and herald-cries?

2104

– Ach! Immer sind ihrer nur wenige, deren Herz einen langen Mut und Übermut hat; und solchen bleibt auch der Geist geduldsam. Der Rest aber ist feige.

2104

– Ah! There are ever but few whose hearts possess enduring boldness and audacity; and in such the spirit too remains patient. The rest are cowardly.

2105

Der Rest: das sind immer die Allermeisten, der Alltag, der Überfluß, die Viel-zu-Vielen – diese alle sind feige! –[428]

2105

The rest: these are always the majority, the everyday, the superfluous, the all-too-many – all these are cowardly! –[428]

2106

Wer meiner Art ist, dem werden auch die Erlebnisse meiner Art über den Weg laufen: also, daß seine ersten Gesellen Leichname und Possenreißer sein müssen.

2106

Whoever is of my kind will encounter experiences akin to mine: thus, his first companions must be corpses and jesters.

2107

Seine zweiten Gesellen aber – die werden sich seine Gläubigen heißen: ein lebendiger Schwarm, viel Liebe, viel Torheit, viel unbärtige Verehrung.

2107

But his second companions – they will call themselves his believers: a living swarm, much love, much folly, much beardless adoration.

2108

An diese Gläubigen soll der nicht sein Herz binden, wer meiner Art unter Menschen ist; an diese Lenze und bunten Wiesen soll der nicht glauben, wer die flüchtig-feige Menschenart kennt!

2108

Let him who is of my kind among men not bind his heart to these believers; let him who knows the fleeting-cowardly nature of humankind not trust these springtimes and motley meadows!

2109

Könnten sie anders, so würden sie auch anders wollen. Halb- und Halbe verderben alles Ganze. Daß Blätter welk werden – was ist da zu klagen!

2109

Could they do otherwise, they would also will otherwise. Half-and-halfers corrupt all that is whole. That leaves wither – what is there to lament!

2110

Laß sie fahren und fallen, o Zarathustra, und klage nicht! Lieber noch blase mit raschelnden Winden unter sie, –

2110

Let them go and fall, O Zarathustra, and do not lament! Better still, blow with rustling winds among them –

2111

– blase unter diese Blätter, o Zarathustra: daß alles Welke schneller noch von dir davonlaufe! –

2111

– blow among these leaves, O Zarathustra: that all that is withered may flee from you yet swifter! –

2112

2

2112

2

2113

»Wir sind wieder fromm geworden« – so bekennen diese Abtrünnigen; und manche von ihnen sind noch zu feige, also zu bekennen.

2113

"We have become pious again" – thus confess these Apostates; and some among them are still too cowardly to confess it.

2114

Denen sehe ich ins Auge – denen sage ich es ins Gesicht und in die Röte ihrer Wangen: ihr seid solche, welche wieder beten!

2114

I look into their eyes – to their faces and the blushing of their cheeks I say: you are those who pray again!

2115

Es ist aber eine Schmach, zu beten! Nicht für alle, aber für dich und mich, und wer auch im Kopfe sein Gewissen hat. Für dich ist es eine Schmach, zu beten!

2115

But it is a disgrace to pray! Not for all, but for you and me, and whoever has conscience in his head. For you, it is a disgrace to pray!

2116

Du weißt es wohl: dein feiger Teufel in dir, der gerne Hände-falten und Hände-in-den-Schoß-legen und es bequemer haben möchte – dieser feige Teufel redet dir zu »es gibt einen Gott!«

2116

You know it well: the cowardly devil within you who would gladly fold hands and rest hands in laps and have things easier – this cowardly devil whispers to you, "there is a God!"

2117

Damit aber gehörst du zur lichtscheuen Art, denen Licht nimmer Ruhe läßt; nun mußt du täglich deinen Kopf tiefer in Nacht und Dunst stecken!

2117

Thereby you belong to the light-shunning kind, whom light leaves restless; now you must daily plunge your head deeper into night and haze!

2118

Und wahrlich, du wähltest die Stunde gut: denn eben wieder fliegen die Nachtvögel aus. Die Stunde kam allem lichtscheuen Volke, die Abend- und Feierstunde, wo es nicht – »feiert«.

2118

And verily, you chose your hour well: for now the night-birds take flight again. The hour has come for all light-shunning folk, the evening hour of leisure when they do not – "leisure."

2119

Ich höre und rieche es: es kam ihre Stunde für Jagd und Umzug, nicht zwar für eine wilde Jagd, sondern für eine zahme lahme schnüffelnde Leisetreter- und Leisebeter-Jagd, –[429] – für eine Jagd auf seelenvolle Duckmäuser: alle Herzens-Mausefallen sind jetzt wieder aufgestellt! Und wo ich einen Vorhang aufhebe, da kommt ein Nachtfalterchen herausgestürzt.

2119

I hear and smell it: their hour has come for hunt and procession, not for a wild hunt, but for a tame lame sniffing soft-stepper hunt and soft-prayer hunt –[429] – a hunt for soulful sneaks: all heart-mousetraps are now set again! And wherever I lift a curtain, a night-moth comes fluttering out.

2120

Hockte es da wohl zusammen mit einem andern Nachtfalterchen? Denn überall rieche ich kleine verkrochne Gemeinden; und wo es Kämmerlein gibt, da gibt es neue Bet-Brüder drin und den Dunst von Bet-Brüdern.

2120

Was it sitting there with another night-moth? For everywhere I smell little hidden congregations; and wherever there are alcoves, there are new prayer-brothers within and the fume of prayer-brothers.

2121

Sie sitzen lange Abende beieinander und sprechen: »lasset uns wieder werden wie die Kindlein und ›lieber Gott‹ sagen!« – an Mund und Magen verdorben durch die frommen Zuckerbäcker.

2121

They sit together through long evenings and say: "let us become like little children again and say 'dear God'!" – their mouths and stomachs ruined by pious confectioners.

2122

Oder sie sehen lange Abende einer listigen lauernden Kreuzspinne zu, welche den Spinnen selber Klugheit predigt und also lehrt: »unter Kreuzen ist gut spinnen!«

2122

Or they spend long evenings watching a cunning lurking cross-spider, who preaches cleverness to spiders themselves and teaches: "under crosses is good spinning!"

2123

Oder sie sitzen tagsüber mit Angelruten an Sümpfen und glauben sich tief damit; aber wer dort fischt, wo es keine Fische gibt, den heiße ich noch nicht einmal oberflächlich!

2123

Or they sit by swamps with fishing rods by day and fancy themselves profound thereby; but whoever fishes where no fish dwell, him I call not even shallow!

2124

Oder sie lernen fromm-froh die Harfe schlagen bei einem Lieder-Dichter, der sich gern jungen Weibchen ins Herz harfnen möchte – denn er wurde der alten Weibchen müde und ihres Lobpreisens.

2124

Or they learn pious-merry harp-strumming from some ballad-poet who longs to harp his way into young maidens' hearts – for he grew weary of old hags and their eulogies.

2125

Oder sie lernen gruseln bei einem gelahrten Halb-Tollen, der in dunklen Zimmern wartet, daß ihm die Geister kommen – und der Geist ganz davonläuft!

2125

Or they learn shuddering from some half-mad pedant who waits in darkened chambers for spirits to visit him – till the spirit wholly flees!

2126

Oder sie horchen einem alten umgetriebnen Schnurr- und Knurrpfeifer zu, der trüben Winden die Trübsal der Töne ablernte; nun pfeift er nach dem Winde und predigt in trüben Tönen Trübsal.

2126

Or they listen to an old windbag fiddler who learned sorrow's tones from gloomy winds; now he whistles with the gale and preaches affliction in murkey notes.

2127

Und einige von ihnen sind sogar Nachtwächter geworden: die verstehen jetzt in Hörner zu blasen und nachts umherzugehn und alte Sachen aufzuwecken, die lange schon eingeschlafen sind.

2127

And some among them have even become night-watchmen: they now know how to blow horns and prowl by night, rousing ancient matters long since put to rest.

2128

Fünf Worte von alten Sachen hörte ich gestern nachts an der Garten-Mauer: die kamen von solchen alten betrübten trocknen Nachtwächtern.

2128

Five words about bygone things I overheard last night by the garden wall: they came from such aged, mournful, parched night-watchmen.

2129

»Für einen Vater sorgt er nicht genug um seine Kinder: Menschen-Väter tun dies besser!« –

2129

"As a father he cares too little for his children: human fathers do better!" –

2130

»Er ist zu alt! Er sorgt schon gar nicht mehr um seine Kinder« – also antwortete der andre Nachtwächter.[430]

2130

"He's too old! He cares no longer for his children at all" – thus answered the other watchman.

2131

»Hat er denn Kinder? Niemand kann's beweisen, wenn er's selber nicht beweist! Ich wollte längst, er bewiese es einmal gründlich.«

2131

"Has he children then? None can prove it unless he proves it himself! Long have I wished he'd demonstrate it thoroughly."

2132

»Beweisen? Als ob der je etwas bewiesen hätte! Beweisen fällt ihm schwer; er hält große Stücke darauf, daß man ihm glaubt

2132

"Prove? As if he ever proved anything! Proof comes hard to him; he thinks it mighty fine that folk should believe him."

2133

»Ja! Ja! Der Glaube macht ihn selig, der Glaube an ihn. Das ist so die Art alter Leute! So geht's uns auch!« –

2133

"Aye! Aye! Faith brings him bliss, faith in him. Such is the way of old men! So too with us!" –

2134

– Also sprachen zueinander die zwei alten Nachtwächter und Lichtscheuchen, und tuteten darauf betrübt in ihre Hörner: so geschah's gestern nachts an der Garten-Mauer.

2134

– Thus spoke the two aged night-watchmen and light-scarecrows to each other, then tooted mournfully on their horns: thus it happened last night by the garden wall.

2135

Mir aber wand sich das Herz vor Lachen und wollte brechen und wußte nicht, wohin? und sank ins Zwerchfell.

2135

But my heart contorted with laughter and near burst, knowing not whither to turn, and sank into my diaphragm.

2136

Wahrlich, das wird noch mein Tod sein, daß ich vor Lachen ersticke, wenn ich Esel betrunken sehe und Nachtwächter also an Gott zweifeln höre.

2136

Verily, this shall yet be my death – that I choke with laughter seeing asses drunk and night-watchmen thus doubting God!

2137

Ist es denn nicht lange vorbei auch für alle solche Zweifel? Wer darf noch solche alte eingeschlafne lichtscheue Sachen aufwecken!

2137

Has not the time long passed for all such doubts? Who dare rouse these ancient light-shunning matters long since laid to rest!

2138

Mit den alten Göttern ging es ja lange schon zu Ende: – und wahrlich, ein gutes fröhliches Götter-Ende hatten sie!

2138

With the old gods matters concluded long ago – and truly, they had a good joyful gods’ ending!

2139

Sie »dämmerten« sich nicht zu Tode – das lügt man wohl! Vielmehr: sie haben sich selber einmal zu Tode – gelacht!

2139

They did not "twilight" themselves to death – that's a lie! Rather: they once laughed themselves to death!

2140

Das geschah, als das gottloseste Wort von einem Gotte selber ausging – das Wort: »Es ist ein Gott! Du sollst keinen andern Gott haben neben mir!«

2140

This occurred when the most godless word issued from a god's own mouth – the decree: "There is one God! Thou shalt have no other gods before me!"

2141

– ein alter Grimm-Bart von Gott, ein eifersüchtiger, vergaß sich also: –

2141

– an ancient wrath-bearded god, a jealous one, forgot himself thus: –

2142

Und alle Götter lachten damals und wackelten auf ihren Stühlen und riefen: »Ist das nicht eben Göttlichkeit, daß es Götter, aber keinen Gott gibt?«

2142

And all gods laughed then and rocked upon their thrones crying: "Is this not sheer divinity that there are gods but no God?"

2143

Wer Ohren hat, der höre. –

2143

Let him who hath ears, hear. –

2144

Also redete Zarathustra in der Stadt, die er liebte und welche zubenannt ist »die bunte Kuh«. Von hier nämlich hatte er nur noch zwei Tage zu gehen, daß er wieder in seine Höhle käme und zu seinen Tieren; seine Seele aber frohlockte beständig ob der Nähe seiner Heimkehr. –[431]

2144

Thus spoke Zarathustra in the town he loved, which is surnamed "The Motley Cow." For from here he had but two days' journey to regain his cave and his animals; yet his soul rejoiced unceasingly at the nearness of his homecoming.

2145

Die Heimkehr

2145

The Homecoming

2146

O Einsamkeit! Du meine Heimat Einsamkeit! Zu lange lebte ich wild in wilder Fremde, als daß ich nicht mit Tränen zu dir heimkehrte!

2146

O Solitude! You my homeland Solitude! Too long I dwelt wild in wild alien lands, that I return not to you with tears!

2147

Nun drohe mir nur mit dem Finger, wie Mütter drohn, nun lächle mir zu, wie Mütter lächeln, nun sprich nur: »Und wer war das, der wie ein Sturmwind einst von mir davonstürmte? –

2147

Now threaten me but with thy finger as mothers threaten; now smile upon me as mothers smile, now say but: »And who was it that once stormed away from me like a tempest? –

2148

– der scheidend rief: zu lange saß ich bei der Einsamkeit, da verlernte ich das Schweigen! Das – lerntest du nun wohl?

2148

– who departing cried: too long did I sit in solitude, thus I unlearned silence! This – have you now learned?

2149

O Zarathustra, alles weiß ich: und daß du unter den Vielen verlassener warst, du Einer, als je bei mir!

2149

O Zarathustra, I know all: that you were more forsaken among the multitude, you solitary one, than ever with me!

2150

Ein anderes ist Verlassenheit, ein anderes Einsamkeit: das – lerntest du nun! Und daß du unter Menschen immer wild und fremd sein wirst:

2150

Forsakenness is one thing, solitude another: this – have you now learned! And that among men you shall ever be wild and strange:

2151

– wild und fremd auch noch, wenn sie dich lieben: denn zuerst von allem wollen sie geschont sein!

2151

– wild and strange even when they love you: for above all they desire to be spared!

2152

Hier aber bist du bei dir zu Heim und Hause; hier kannst du alles hinausreden und alle Gründe ausschütten, nichts schämt sich hier versteckter, verstockter Gefühle.

2152

Here however are you at your own hearth and home; here may you utter all things and pour forth all reasons, nothing here feels shame at hidden, hardened feelings.

2153

Hier kommen alle Dinge liebkosend zu deiner Rede und schmeicheln dir: denn sie wollen auf deinem Rücken reiten. Auf jedem Gleichnis reitest du hier zu jeder Wahrheit.

2153

Here do all things come caressingly to your discourse and flatter you: for they desire to ride upon your back. Upon every parable you ride here to every truth.

2154

Aufrecht und aufrichtig darfst du hier zu allen Dingen reden: und wahrlich, wie Lob klingt es ihren Ohren, daß einer mit allen Dingen – gerade redet!

2154

Upright and openly may you here speak to all things: and verily, how like praise it sounds to their ears that one should speak – straightforwardly with all things!

2155

Ein anderes aber ist Verlassensein. Denn, weißt du noch, o Zarathustra? Als damals dein Vogel über dir schrie, als du im Walde standest, unschlüssig, wohin? unkundig, einem Leichnam nahe: –


– als du sprachst: mögen mich meine Tiere führen! Gefährlicher fand ich's unter Menschen, als unter Tieren: – Das war Verlassenheit!

2155

– when you spoke: May my animals lead me! More perilous found I it among men than among beasts: – That was forsakenness!

2156

Und weißt du noch, o Zarathustra? Als du auf deiner Insel saßest, unter leeren Eimern ein Brunnen Weins, gebend und ausgebend, unter Durstigen schenkend und ausschenkend:

2156

And do you remember, O Zarathustra? When you sat on your isle, a well of wine among empty buckets, giving and pouring out, distributing to the thirsty:

2157

– bis du endlich durstig allein unter Trunkenen saßest und nächtlich klagtest ›ist Nehmen nicht seliger als Geben? Und Stehlen noch seliger als Nehmen?‹ – Das war Verlassenheit![432]

2157

– until at last you sat thirsty alone among the drunken and nightly lamented ›Is taking not more blessed than giving? And stealing yet more blessed than taking?‹ – That was forsakenness![432]

2158

Und weißt du noch, o Zarathustra? Als deine stillste Stunde kam und dich von dir selber forttrieb, als sie mit bösem Flüstern sprach: ›Sprich und zerbrich!‹

2158

And do you remember, O Zarathustra? When your stillest hour came and drove you forth from yourself, whispering wickedly: ›Speak and be shattered!‹

2159

– als sie dir all dein Warten und Schweigen leid machte und deinen demütigen Mut entmutigte: Das war Verlassenheit!« –

2159

– when it made you weary of all waiting and silence and discouraged your humble courage: That was forsakenness!« –

2160

O Einsamkeit! Du meine Heimat Einsamkeit! Wie selig und zärtlich redet deine Stimme zu mir!

2160

O Solitude! You my homeland Solitude! How blissfully and tenderly your voice speaks to me!

2161

Wir fragen einander nicht, wir klagen einander nicht, wir gehen offen miteinander durch offne Türen.

2161

We question not each other, we lament not each other, we walk openly through open doors.

2162

Denn offen ist es bei dir und hell; und auch die Stunden laufen hier auf leichteren Füßen. Im Dunklen nämlich trägt man schwerer an der Zeit, als im Lichte.

2162

For with you all is open and clear; even the hours here run on lighter feet. In darkness, time weighs heavier than in light.

2163

Hier springen mir alles Seins Worte und Wort-Schreine auf: alles Sein will hier Wort werden, alles Werden will hier von mir reden lernen.

2163

Here spring open to me all being's words and word-shrines: all being here desires to become word, all becoming here desires to learn speech from me.

2164

Da unten aber – da ist alles Reden umsonst! Da ist Vergessen und Vorübergehn die beste Weisheit: Das – lernte ich nun!

2164

Down there however – all speech is vain! There forgetting and passing by are the best wisdom: This – have I now learned!

2165

Wer alles bei den Menschen begreifen wollte, der müßte alles angreifen. Aber dazu habe ich zu reinliche Hände.

2165

Who would grasp all among men must handle all. But for that my hands are too clean.

2166

Ich mag schon ihren Atem nicht einatmen; ach, daß ich so lange unter ihrem Lärm und üblen Atem lebte!

2166

I would not even breathe their breath; alas, that I lived so long amid their noise and foul breath!

2167

O selige Stille um mich! O reine Gerüche um mich! O wie aus tiefer Brust diese Stille reinen Atem holt! O wie sie horcht, diese selige Stille!

2167

O blessed stillness around me! O pure fragrances around me! O how this stillness draws pure breath from deep breasts! O how it listens, this blessed stillness!

2168

Aber da unten – da redet alles, da wird alles überhört. Man mag seine Weisheit mit Glocken einläuten: die Krämer auf dem Markte werden sie mit Pfennigen überklingeln!

2168

But down there – there all things speak, there all things are overheard. One may ring one's wisdom with bells: the market-place merchants will out-jingle it with pennies!

2169

Alles bei ihnen redet, niemand weiß mehr zu verstehn. Alles fällt ins Wasser, nichts fällt mehr in tiefe Brunnen.

2169

All things among them speak, none knows any longer how to understand. All things fall into water, nothing falls into deep wells anymore.

2170

Alles bei ihnen redet, nichts gerät mehr und kommt zu Ende. Alles gackert, aber wer will noch still auf dem Neste sitzen und Eier brüten?

2170

Everything among them speaks, nothing succeeds and comes to an end. Everything cackles, but who would still sit quietly on the nest to brood eggs?

2171

Alles bei ihnen redet, alles wird zerredet. Und was gestern noch zu hart war für die Zeit selber und ihren Zahn: heute hängt es zerschabt und zernagt aus den Mäulern der Heutigen.

2171

Everything among them speaks, everything is dissipated in talk. And what yesterday was still too hard for Time itself and its tooth: today hangs frayed and gnawed from the mouths of today’s chatterers.

2172

Alles bei ihnen redet, alles wird verraten. Und was einst Geheimnis hieß und Heimlichkeit tiefer Seelen, heute gehört es den Gassen-Trompetern und andern Schmetterlingen.[433]

2172

Everything among them speaks, everything is betrayed. And what was once called mystery and secrecy of profound souls, now belongs to street-trumpeters and other butterflies.

2173

O Menschenwesen, du wunderliches! Du Lärm auf dunkeln Gassen! Nun liegst du wieder hinter mir – meine größte Gefahr liegt hinter mir!

2173

O human existence, you strange thing! You noise on darkened alleys! Now you lie behind me once more—my greatest peril lies behind me!

2174

Im Schonen und Mitleiden lag immer meine größte Gefahr; und alles Menschenwesen will geschont und gelitten sein.

2174

In sparing and compassion lay ever my greatest peril; and all human existence craves to be spared and pitied.

2175

Mit verhaltenen Wahrheiten, mir Narrenhand und vernarrtem Herzen und reich an kleinen Lügen des Mitleidens – also lebte ich immer unter Menschen.

2175

With truths withheld, with fool’s hand and infatuated heart, and rich in petty lies of compassion—thus I always lived among them.

2176

Verkleidet saß ich unter ihnen, bereit, mich zu verkennen, daß ich sie ertrüge, und gern mir zuredend »du Narr, du kennst die Menschen nicht!«

2176

Disguised I sat among them, ready to misjudge myself so that I might endure them, and gladly counseling myself: “You fool, you do not know humans!”

2177

Man verlernt die Menschen, wenn man unter Menschen lebt: zu viel Vordergrund ist an allen Menschen – was sollen da weitsichtige, weitsüchtige Augen!

2177

One unlearns humanity when living among humans: too much foreground lies in all people—what use are far-seeing, far-seeking eyes there!

2178

Und wenn sie mich verkannten: ich Narr schonte sie darob mehr als mich: gewohnt zur Härte gegen mich und oft noch an mir selber mich rächend für diese Schonung.

2178

And when they misunderstood me: I, the fool, spared them more than myself—accustomed to hardness toward myself and often taking revenge on myself for such sparing.

2179

Zerstochen von giftigen Fliegen und ausgehöhlt, dem Steine gleich, von vielen Tropfen Bosheit, so saß ich unter ihnen und redete mir noch zu: »unschuldig ist alles Kleine an seiner Kleinheit!«

2179

Stung by venomous flies and hollowed, like a stone, by many drops of malice, I sat among them and still told myself: “Innocent is all smallness of its pettiness!”

2180

Sonderlich die, welche sich »die Guten« heißen, fand ich als die giftigsten Fliegen: sie stechen in aller Unschuld, sie lügen in aller Unschuld; wie vermöchten sie gegen mich – gerecht zu sein!

2180

Especially those who call themselves “the good” I found to be the most poisonous flies: they sting in all innocence, they lie in all innocence; how could they ever be—just toward me!

2181

Wer unter den Guten lebt, den lehrt Mitleid lügen. Mitleid macht dumpfe Luft allen freien Seelen. Die Dummheit der Guten nämlich ist unergründlich.

2181

Whoever lives among the good is taught by compassion to lie. Compassion stifles all free souls. For the stupidity of the good is unfathomable.

2182

Mich selber verbergen und meinen Reichtum – das lernte ich da unten: denn jeden fand ich noch arm am Geiste. Das war der Lug meines Mitleidens, daß ich bei jedem wußte,

2182

To conceal myself and my riches—that is what I learned down there: for I found everyone still poor in spirit. This was the lie of my compassion—that I knew of each,

2183

– daß ich jedem es ansah und anroch, was ihm Geistes genug und was ihm schon Geistes zuviel war!

2183

—that I saw and scented in each what sufficed his spirit and what overburdened his spirit!

2184

Ihre steifen Weisen: ich hieß sie weise, nicht steif – so lernte ich Worte verschlucken. Ihre Totengräber: ich hieß sie Forscher und Prüfer – so lernte ich Worte vertauschen.

2184

Their stiff sages: I called them wise, not stiff—thus I learned to swallow words. Their grave-diggers: I called them researchers and examiners—thus I learned to exchange words.

2185

Die Totengräber graben sich Krankheiten an. Unter altem Schutte ruhn schlimme Dünste. Man soll den Morast nicht aufrühren. Man soll auf Bergen leben.[434]

2185

Grave-diggers dig themselves into sickness. Beneath old rubble rest foul vapors. One should not stir the mire. One should live upon mountains.

2186

Mit seligen Nüstern atme ich wieder Berges-Freiheit! Erlöst ist endlich meine Nase vom Geruch alles Menschenwesens!

2186

With blissful nostrils I breathe mountain-freedom again! At last redeemed is my nose from the stench of all human existence!

2187

Von scharfen Lüften gekitzelt, wie von schäumenden Weinen, niest meine Seele – niest und jubelt sich zu: Gesundheit!

2187

Tickled by sharp breezes, as by foaming wines, my soul sneezes—sneezes and jubilates to itself: Gesundheit!

2188

Also sprach Zarathustra.[435]

2188

Thus spoke Zarathustra.

2189

Von den drei Bösen

2189

Concerning the Three Evils

2190

1

2190

1

2191

Im Traum, im letzten Morgentraume stand ich heut auf einem Vorgebirge – jenseits der Welt, hielt eine Waage und wog die Welt.

2191

In a dream, in the last dawn-dream, I stood today upon a promontory—beyond the world, held a scale and weighed the world.

2192

O daß zu früh mir die Morgenröte kam: die glühte mich wach, die Eifersüchtige! Eifersüchtig ist sie immer auf meine Morgentraum-Gluten.

2192

O that the dawn-glowing came too early: she who glowed me awake, the jealous one! Jealous is she always of the glow of my dawn-dreams.

2193

Meßbar für den, der Zeit hat, wägbar für einen guten Wäger, erfliegbar für starke Fittiche, erratbar für göttliche Nüsseknacker: also fand mein Traum die Welt: –

2193

Measurable for him who has time, weighable for a good weigher, reachable by strong wings, solvable by divine nutcrackers: thus did my dream find the world: —

2194

Mein Traum, ein kühner Segler, halb Schiff, halb Windsbraut, gleich Schmetterlingen schweigsam, ungeduldig gleich Edelfalken: wie halte er doch zum Welt-Wägen heute Geduld und Weile!

2194

My dream, a bold mariner – half-ship, half-whirlwind – silent as butterflies, impatient as falcons: how did it bear such patience and leisure for today’s weighing of the world!

2195

Sprach ihm heimlich wohl meine Weisheit zu, meine lachende wache Tags-Weisheit, welche über alle »unendliche Welten« spottet? Denn sie spricht: »wo Kraft ist, wird auch die Zahl Meisterin: die hat mehr Kraft.«

2195

Did my wisdom whisper secrets to it – my laughing wakeful day-wisdom that mocks all "infinite worlds"? For it declares: "where there is power, the Number becomes mistress: she has more power."

2196

Wie sicher schaute mein Traum auf diese endliche Welt, nicht neugierig, nicht altgierig, nicht fürchtend, nicht bittend: –

2196

How confidently did my dream gaze upon this finite world – neither curious, nor covetous, neither fearful nor beseeching: –

2197

– als ob ein voller Apfel sich meiner Hand böte, ein reifer Goldapfel, mit kühl-sanfter samtener Haut – so bot sich mir die Welt: –

2197

– as if a full apple offered itself to my hand, a ripe golden apple with cool, smooth, velvet skin – so the world offered itself to me: –

2198

– als ob ein Baum mir winke, ein breitästiger, starkwilliger, gekrümmt zur Lehne und noch zum Fußbrett für den Wegmüden: so stand die Welt auf meinem Vorgebirge: –

2198

– as if a tree beckoned to me, broad-branched, strong-willed, bent as a backrest and footstool for the wayworn – so the world stood upon my promontory: –

2199

– als ob zierliche Hände mir einen Schrein entgegentrügen – einen Schrein, offen für das Entzücken schamhafter verehrender Augen: also bot sich mir heute die Welt entgegen: –[435]

2199

– as if delicate hands bore a casket toward me – a casket open to the delight of bashful, reverent eyes – thus did the world present itself to me today: –

2200

– nicht Rätsel genug, um Menschen-Liebe davon zu scheuchen, nicht Lösung genug, um Menschen-Weisheit einzuschläfern – ein menschlichgutes Ding war mir heut die Welt, der man so Böses nachredet!

2200

– not riddle enough to repel human love, not solution enough to lull human wisdom – a human-good thing the world seemed to me this day, so maligned by slander!

2201

Wie danke ich es meinem Morgentraum, daß ich also in der Frühe heut die Welt wog! Als ein menschlichgutes Ding kam er zu mir, dieser Traum und Herzenströster!

2201

How I thank my morning dream that at dawn I thus weighed the world! As a human-good thing it came to me, this dream and heart’s comforter!

2202

Und daß ich's ihm gleichtue am Tage und sein Bestes ihm nach- und ablerne: will ich jetzt die drei bösesten Dinge auf die Waage tun und menschlich gut abwägen. –

2202

And that I may emulate it by day and learn its highest virtue: now shall I place the three most evil things upon the scales and weigh them humanly-good. –

2203

Wer da segnen lehrte, der lehrte auch fluchen: welches sind in der Welt die drei bestverfluchten Dinge? Diese will ich auf die Waage tun.

2203

He who taught blessing also taught cursing: what are the three most accursed things in the world? These I shall place upon the scales.

2204

Wollust, Herrschsucht, Selbstsucht: diese drei wurden bisher am besten verflucht und am schlimmsten beleu- und belügenmundet – diese drei will ich menschlich gut abwägen.

2204

Voluptuousness, Lust for Power, Selfishness: these three have been most reviled and most lied about – these three I shall weigh humanly-good.

2205

Wohlauf! Hier ist mein Vorgebirg, und da das Meer: das wälzt sich zu mir heran, zottelig, schmeichlerisch, das getreue alte hundertköpfige Hunds-Ungetüm, das ich liebe.

2205

Onward! Here is my promontory, and there the sea: it rolls toward me, shaggy, flattering, the faithful old hundred-headed hound-monster I love!

2206

Wohlauf! Hier will ich die Waage halten über gewälztem Meere: und auch einen Zeugen wähle ich, daß er zusehe – dich, du Einsiedler-Baum, dich starkduftigen, breitgewölbten, den ich liebe! –

2206

Onward! Here over the churning sea I shall hold the scales – and choose a witness to behold: you, hermit-tree, broad-vaulted, fragrant, whom I love! –

2207

Auf welcher Brücke geht zum Dereinst das Jetzt? Nach welchem Zwange zwingt das Hohe sich zum Niederen? Und was heißt auch das Höchste noch – hinaufwachsen? –

2207

By what bridge does the Now pass into the Hereafter? What compulsion drives the High to descend? And what bids even the Highest – still grow upward? –

2208

Nun steht die Waage gleich und still: drei schwere Fragen warf ich hinein, drei schwere Antworten trägt die andre Waagschale.

2208

Now the scales stand balanced and still: three grave questions I cast in, three grave answers weigh the other scale.

2209

2

2209

2

2210

Wollust: allen bußhemdigen Leib-Verächtern ihr Stachel und Pfahl, und als »Welt« verflucht bei allen Hinterweltlern: denn sie höhnt und narrt alle Wirr- und Irr-Lehrer.

2210

Voluptuousness: to all chastity’s scourges the goad and stake; cursed as "world" by afterworlders – for it mocks and dupes all muddled preachers.

2211

Wollust: dem Gesindel das langsame Feuer, auf dem es verbrannt wird; allem wurmichten Holze, allen stinkenden Lumpen der bereite Brunst- und Brodel-Ofen.

2211

Voluptuousness: to the rabble, the slow fire for their burning; to worm-eaten wood and stinking rags, the ready furnace and cauldron.

2212

Wollust: für die freien Herzen unschuldig und frei, das Garten-Glück der Erde, aller Zukunft Dankes-Überschwang an das Jetzt.[436]

2212

Voluptuousness: to free hearts, innocent and wild – the garden-bliss of earth, all futures’ grateful ecstasy to the Now.

2213

Wollust: nur dem Welken ein süßlich Gift, für die Löwen-Willigen aber die große Herzstärkung, und der ehrfürchtig geschonte Wein der Weine.

2213

Voluptuousness: sweet venom only to the withered, but to lion-willed souls the great cordial, the wine of wines reverently spared.

2214

Wollust: das große Gleichnis-Glück für höheres Glück und höchste Hoffnung. Vielem nämlich ist Ehe verheißen und mehr als Ehe, –

2214

Voluptuousness: the great parable-happiness for higher bliss and highest hope. To many, marriage is promised – and more than marriage –

2215

– vielem, das fremder sich ist, als Mann und Weib: – und wer begriff es ganz, wie fremd sich Mann und Weib sind!

2215

– to many things more alien to each other than man and woman: – and who has fully comprehended how alien man and woman are!

2216

Wollust: – doch ich will Zäune um meine Gedanken haben und auch noch um meine Worte: daß mir nicht in meine Gärten die Schweine und Schwärmer brechen! –

2216

Voluptuousness: – yet I shall raise fences around my thoughts and even around my words: lest swine and enthusiasts breach my gardens! –

2217

Herrschsucht: die Glüh-Geißel der härtesten Herzensharten; die grause Marter, die sich dem Grausamsten selber aufspart; die düstre Flamme lebendiger Scheiterhaufen.

2217

Lust for Power: the glowing scourge of the hardest-hearted; the gruesome torture reserved for the cruelest themselves; the dark flame of living pyres.

2218

Herrschsucht: die boshafte Bremse, die den eitelsten Völkern aufgesetzt wird; die Verhöhnerin aller ungewissen Tugend; die auf jedem Rosse und jedem Stolze reitet.

2218

Lust for Power: the malicious curb set upon the vainest nations; the mocker of all ambiguous virtue; that which rides upon every steed and pride.

2219

Herrschsucht: das Erdbeben, das alles Morsche und Höhlichte bricht und aufbricht; die rollende grollende strafende Zerbrecherin übertünchter Gräber; das blitzende Fragezeichen neben vorzeitigen Antworten.

2219

Lust for Power: the earthquake that shatters and ruptures all that is rotten and hollow; the rolling, rumbling, punishing demolisher of whitewashed graves; the lightning-question beside premature answers.

2220

Herrschsucht: vor deren Blick der Mensch kriecht und duckt und fröhnt und niedriger wird als Schlange und Schwein – bis endlich die große Verachtung aus ihm aufschreit –,

2220

Lust for Power: before whose gaze man crawls and cowers and toils and grows lower than serpent and swine – until at last the great contempt cries out from him –,

2221

Herrschsucht: die furchtbare Lehrerin der großen Verachtung, welche Städten und Reichen ins Antlitz predigt »hinweg mit dir!« – bis es aus ihnen selber aufschreit »hinweg mit mir

2221

Lust for Power: the terrible teacher of great contempt, who preaches to cities and realms "away with you!" – until they themselves cry out "away with me!"

2222

Herrschsucht: die aber lockend auch zu Reinen und Einsamen und hinauf zu selbstgenugsamen Höhen steigt, glühend gleich einer Liebe, welche purpurne Seligkeiten lockend an Erdenhimmel malt.

2222

Lust for Power: which yet ascends alluringly to the pure and solitary, upward to self-sufficient heights, glowing like love that paints crimson bliss upon earthly skies.

2223

Herrschsucht: doch wer hieße es Sucht, wenn das Hohe hinab nach Macht gelüstet! Wahrlich, nichts Sieches und Süchtiges ist an solchem Gelüsten und Niedersteigen!

2223

Lust for Power: but who would call it lust when the lofty hungers to stoop for power! Verily, nothing sick or craving dwells in such hunger and descent!

2224

Daß die einsame Höhe sich nicht ewig vereinsame und selbst begnüge; daß der Berg zu Tal komme, und die Winde der Höhe zu den Niederungen: –[437]

2224

That the lonely height may not remain eternally lonely and self-satisfied; that the mountain descend to the valley, and the winds of the heights to the lowlands: –[437]

2225

O wer fände den rechten Tauf- und Tugendnamen für solche Sehnsucht! »Schenkende Tugend« – so nannte das Unnennbare einst Zarathustra.

2225

Oh, who could find the rightful baptismal and virtuous name for such yearning! "Gift-Giving Virtue" – thus Zarathustra once named the unnameable.

2226

Und damals geschah es auch – und wahrlich, es geschah zum ersten Male! – daß sein Wort die Selbstsucht selig pries, die heile, gesunde Selbstsucht, die aus mächtiger Seele quillt: –

2226

And at that time it came to pass – and truly, for the first time! – that his words blessed selfishness, the hale, healthy selfishness that wells from a mighty soul: –

2227

– aus mächtiger Seele, zu welcher der hohe Leib gehört, der schöne, sieghafte, erquickliche, um den herum jedwedes Ding Spiegel wird:

2227

– from a mighty soul, to which belongs the noble body: beautiful, triumphant, invigorating, around which all things become mirrors:

2228

– der geschmeidige überredende Leib, der Tänzer, dessen Gleichnis und Auszug die selbst-lustige Seele ist. Solcher Leiber und Seelen Selbst-Lust heißt sich selber: »Tugend«.

2228

– the supple, persuasive body, the dancer whose parable and epitome is the self-joyous soul. The self-joy of such bodies and souls calls itself: "virtue."

2229

Mit ihren Worten von Gut und Schlecht schirmt sich solche Selbst-Lust wie mit heiligen Hainen; mit den Namen ihres Glücks bannt sie von sich alles Verächtliche.

2229

With words of good and evil, such self-joy fortifies itself as with sacred groves; with the names of its bliss, it banishes all that is contemptible.

2230

Von sich weg bannt sie alles Feige; sie spricht: schlecht – das ist feige! Verächtlich dünkt ihr der immer Sorgende, Seufzende, Klägliche und wer auch die kleinsten Vorteile aufliest.

2230

It banishes all craven things from itself; it declares: wretched – that is craven! It holds in contempt the ever-anxious, sighing, lamenting one, and whoever hoards even the pettiest advantages.

2231

Sie verachtet auch alle wehselige Weisheit: denn wahrlich, es gibt auch Weisheit, die im Dunklen blüht, eine Nachtschatten-Weisheit: als welche immer seufzt: »Alles ist eitel!«

2231

It despises too all woebegone wisdom: for verily, there is wisdom that blooms in darkness, a nightshade wisdom: which ever sighs: "All is vanity!"

2232

Das scheue Mißtrauen gilt ihr gering, und jeder, wer Schwüre statt Blicke und Hände will: auch alle allzu mißtrauische Weisheit, denn solche ist feiger Seelen Art.

2232

Timorous mistrust seems base to it, as do all who demand oaths instead of glances and clasped hands: and all over-mistrustful wisdom, for such is the way of craven souls.

2233

Geringer noch gilt ihr der Schnell-Gefällige, der Hündische, der gleich auf dem Rücken liegt, der Demütige; und auch Weisheit gibt es, die demütig und hündisch und fromm und schnell-gefällig ist.

2233

Still baser seems the obsequious, the doggish, who cower on their backs, the humble; and there exists wisdom that is humble and doggish and pious and obsequious.

2234

Verhaßt ist ihr gar und ein Ekel, wer nie sich wehren will, wer giftigen Speichel und böse Blicke hinunterschluckt, der Allzu-Geduldige, Alles-Dulder, Allgenügsame: das nämlich ist die knechtische Art.

2234

Loathed and abhorred by it is he who never resists, who swallows venomous spittle and evil glances, the over-patient one, all-endurer, all-contented: for this is the servile-nature.

2235

Ob einer vor Göttern und göttlichen Fußtritten knechtisch ist, ob vor Menschen und blöden Menschen-Meinungen: alle Knechts-Art speit sie an, diese selige Selbstsucht!

2235

Whether one be servile before gods and divine foot-stampings, or before men and foolish human opinions: all servile-nature does this blessed selfishness spit upon!

2236

Schlecht: so heißt sie alles, was geknickt und knickerisch-knechtisch ist, unfreie Zwinker-Augen, gedrückte Herzen, und jene falsche nachgebende Art, welche mit breiten feigen Lippen küßt.[438]

2236

Wretched: thus it brands the crouching and cringing, the unfree blinking eyes, the oppressed hearts, and that counterfeit yielding manner which kisses with broad cowardly lips.

2237

Und After-Weisheit: so heißt sie alles, was Knechte und Greise und Müde witzeln; und sonderlich die ganze schlimme aberwitzige, überwitzige Priester-Narrheit!

2237

And pseudo-wisdom: thus it mocks all that servants and graybeards and the weary prate; and especially the whole wicked priestly folly!

2238

Die After-Weisen aber, alle die Priester, Weltmüden, und wessen Seele von Weibs- und Knechtsart ist – o wie hat ihr Spiel von jeher der Selbstsucht übel mitgespielt!

2238

The pseudo-wise ones, however – all priests, world-weary souls, and those whose souls are of womanish and servile nature – oh how their game has ever played foul with selfishness!

2239

Und das gerade sollte Tugend sein und Tugend heißen, daß man der Selbstsucht übel mitspiele! Und »selbstlos« – so wünschten sich selber mit gutem Grunde alle diese weltmüden Feiglinge und Kreuzspinnen!

2239

And precisely this should be virtue and be called virtue – that one play foul with selfishness! And "selfless" – so do all these world-weary cowards and cross-spiders wish themselves with good reason!

2240

Aber denen allen kommt nun der Tag, die Wandlung, das Richtschwert, der große Mittag: da soll vieles offenbar werden!

2240

But unto all these comes now the day, the transformation, the sword of judgment, the great noon: then shall much be revealed!

2241

Und wer das Ich heil und heilig spricht und die Selbstsucht selig, wahrlich, der spricht auch, was er weiß, ein Weissager: »Siehe, er kommt, er ist nahe, der große Mittag!«

2241

And he who proclaims the ego holy and blessed, and selfishness sanctified – verily, such a prophet speaks what he knows: "Behold, it comes, it is nigh, the great noon!"

2242

Also sprach Zarathustra.[439]

2242

Thus spoke Zarathustra.

2243

Vom Geist der Schwere

2243

Of the Spirit of Gravity

2244

1

2244

1

2245

Mein Mundwerk – ist des Volks: zu grob und herzlich rede ich für die Seidenhasen. Und noch fremder klingt mein Wort allen Tinten-Fischen und Feder-Füchsen.

2245

My speech – is of the people: too coarse and heartfelt do I speak for silken hares. Stranger still sounds my word to all ink-fish and quill-foxes.

2246

Meine Hand – ist eine Narrenhand: wehe allen Tischen und Wänden, und was noch Platz hat für Narren-Zierat, Narren-Schmierat!

2246

My hand – is a fool’s hand: woe unto all tables and walls that yet find space for fool’s baubles and fool’s scrawlings!

2247

Mein Fuß – ist ein Pferdefuß; damit trapple und trabe ich über Stock und Stein, kreuz- und quer-feld-ein, und bin des Teufels vor Lust bei allem schnellen Laufen.

2247

My foot – is a horse’s hoof; with it I clatter over stock and stone, cross-country in wild gallop, devilishly joyful in all swift running.

2248

Mein Magen – ist wohl eines Adlers Magen? Denn er liebt am liebsten Lammfleisch. Gewißlich aber ist er eines Vogels Magen.

2248

My stomach – is perhaps an eagle’s stomach? For it loves most the flesh of lambs. Yet truly, it is a bird’s stomach.

2249

Von unschuldigen Dingen genährt und von wenigem, bereit und ungeduldig zu fliegen, davonzufliegen – das ist nun meine Art: wie sollte nicht etwas daran von Vogel-Art sein![439]

2249

Nourished by innocent things and little, ready and impatient to fly, to fly away – that is now my nature: how could there not be something of bird-nature in this!

2250

Und zumal, daß ich dem Geist der Schwere feind bin, das ist Vogel-Art: und wahrlich, totfeind, erzfeind, urfeind! O wohin flog und verflog sich nicht schon meine Feindschaft!

2250

And above all, that I am enemy to the Spirit of Gravity – that is bird-nature: verily, deadly enemy, arch-enemy, primordial enemy! Oh where has my enmity not flown and misflown!

2251

Davon könnte ich schon ein Lied singen – und will es singen: ob ich gleich allein in leerem Hause bin und es meinen eignen Ohren singen muß.

2251

Of this I could even sing a song – and will sing it: though I be alone in an empty house and must sing it to mine own ears.

2252

Andre Sänger gibt es freilich, denen macht das volle Haus erst ihre Kehle weich, ihre Hand gesprächig, ihr Auge ausdrücklich, ihr Herz wach – denen gleiche ich nicht. –

2252

There are other singers, to be sure, whose throats are softened by full houses, whose hands grow eloquent, whose eyes expressive, whose hearts awakened – but I am not of their kind.

2253

2

2253

2

2254

Wer die Menschen einst fliegen lehrt, der hat alle Grenzsteine verrückt; alle Grenzsteine selber werden ihm in die Luft fliegen, die Erde wird er neu taufen – als »die Leichte«.

2254

He who teaches mankind to fly shall have moved all boundary-stones; the boundary-stones themselves shall fly into the air before him, the earth shall he rename – "the Lightweight."

2255

Der Vogel Strauß läuft schneller als das schnellste Pferd, aber auch er steckt noch den Kopf schwer in schwere Erde: also der Mensch, der noch nicht fliegen kann.

2255

The ostrich runs swifter than the fastest horse, yet still it buries its head heavily in heavy earth: even so the man who cannot yet fly.

2256

Schwer heißt ihm Erde und Leben; und so will es der Geist der Schwere! Wer aber leicht werden will und ein Vogel, der muß sich selber lieben – also lehre ich.

2256

Heavy seems earth and life to him; and thus wills the Spirit of Gravity! But he who would become light and a bird must love himself – thus do I teach.

2257

Nicht freilich mit der Liebe der Siechen und Süchtigen: denn bei denen stinkt auch die Eigenliebe!

2257

Not, indeed, with the love of the sick and addicted: for even their self-love reeks!

2258

Man muß sich selber lieben lernen – also lehre ich – mit einer heilen und gesunden Liebe: daß man es bei sich selber aushalte und nicht umherschweife.

2258

One must learn to love oneself—thus I teach—with a whole and wholesome love: that one may endure oneself and not roam restlessly.

2259

Solches Umherschweifen tauft sich »Nächstenliebe«: mit diesem Worte ist bisher am besten gelogen und geheuchelt worden, und sonderlich von solchen, die aller Welt schwer fielen.

2259

Such restless wandering calls itself "neighbor-love": with this phrase, hypocrisy has been most artfully cloaked, especially by those burdened with the world’s weight.

2260

Und wahrlich, das ist kein Gebot für heute und morgen, sich lieben lernen. Vielmehr ist von allen Künsten diese die feinste, listigste, letzte und geduldsamste.

2260

And verily, this is no commandment for today or tomorrow, to learn to love oneself. Rather, of all arts, this is the subtlest, craftiest, ultimate, and most patient.

2261

Für seinen Eigener ist nämlich alles Eigene gut versteckt; und von allen Schatzgruben wird die eigne am spätesten ausgegraben – also schafft es der Geist der Schwere.

2261

For to one’s own self, all that is one’s own is well concealed; and of all treasure-hoards, one’s own is unearthed last—so ordains the Spirit of Gravity.

2262

Fast in der Wiege gibt man uns schon schwere Worte und Werte[440] mit: »Gut« und »Böse« – so heißt sich diese Mitgift. Um derentwillen vergibt man uns, daß wir leben.

2262

Almost from the cradle are we laden with heavy words and values: "Good" and "Evil"—thus names this dowry. For its sake, they forgive us for living.

2263

Und dazu läßt man die Kindlein zu sich kommen, daß man ihnen beizeiten wehre, sich selber zu lieben: also schafft es der Geist der Schwere.

2263

Moreover, they bid children come to them, that they may early forbid self-love: so ordains the Spirit of Gravity.

2264

Und wir – wir schleppen treulich, was man uns mitgibt, auf harten Schultern und über rauhe Berge! Und schwitzen wir, so sagt man uns: »Ja, das Leben ist schwer zu tragen!«

2264

And we—we faithfully bear what is given us, on hard shoulders and over rugged mountains! And when we sweat, they tell us: "Yes, life is hard to bear!"

2265

Aber der Mensch nur ist sich schwer zu tragen! Das macht, er schleppt zu vieles Fremde auf seinen Schultern. Dem Kamele gleich kniet er nieder und läßt sich gut aufladen.

2265

But only man is hard to bear! For he carries too much foreign weight upon his shoulders. Like the camel, he kneels down and lets himself be well burdened.

2266

Sonderlich der starke, tragsame Mensch, dem Ehrfurcht innewohnt: zu viele fremde schwere Worte und Werte lädt er auf sich – nun dünkt das Leben ihm eine Wüste!

2266

Especially the strong, enduring man, in whom reverence dwells: too many foreign heavy words and values he loads upon himself—then life seems to him a desert!

2267

Und wahrlich! Auch manches Eigene ist schwer zu tragen! Und viel Inwendiges am Menschen ist der Auster gleich, nämlich ekel und schlüpfrig und schwer erfaßlich –,

2267

And verily! Much that is one’s own is also heavy to bear! And much inwardness in man is akin to the oyster—loathsome, slippery, and hard to grasp—

2268

– also daß eine edle Schale mit edler Zierat fürbitten muß. Aber auch diese Kunst muß man lernen: Schale haben und schönen Schein und kluge Blindheit!

2268

—so that a noble shell with noble ornament must plead for it. But this art too must be learned: to possess a shell and a fair semblance and prudent blindness!

2269

Abermals trügt über manches am Menschen, daß manche Schale gering und traurig und zu sehr Schale ist. Viel verborgene Güte und Kraft wird nie erraten; die köstlichsten Leckerbissen finden keine Schmecker!

2269

Again, much about man is deceptive, for many a shell is paltry and mournful and too much a shell. Much hidden goodness and power is never guessed; the rarest delicacies find no tasters!

2270

Die Frauen wissen das, die köstlichsten: ein wenig fetter, ein wenig magerer – o wie viel Schicksal liegt in so wenigem!

2270

Women know this, the most exquisite: a touch more flesh, a touch less—oh, how much fate lies in such slight measure!

2271

Der Mensch ist schwer zu entdecken und sich selber noch am schwersten; oft lügt der Geist über die Seele. Also schafft es der Geist der Schwere.

2271

Man is hard to discover—hardest of all to himself. Often the spirit lies about the soul. So ordains the Spirit of Gravity.

2272

Der aber hat sich selber entdeckt, welcher spricht: Das ist mein Gutes und Böses: damit hat er den Maulwurf und Zwerg stumm gemacht, welcher spricht: »Allen gut, allen bös«.

2272

But he who has discovered himself says: This is my Good and Evil. Thereby he silences the mole and dwarf who murmur: "Good for all, evil for all."

2273

Wahrlich, ich mag auch solche nicht, denen jegliches Ding gut und diese Welt gar die beste heißt. Solche nenne ich die Allgenügsamen.

2273

Verily, I dislike also those for whom every thing is good and this world the best. Such I call the All-contented.

2274

Allgenügsamkeit, die alles zu schmecken weiß: das ist nicht der beste Geschmack! Ich ehre die widerspenstigen wählerischen Zungen und Mägen, welche »Ich« und »Ja« und »Nein« sagen lernten.[441]

2274

All-contentedness, which knows how to taste everything: that is not the best taste! I honor the recalcitrant, fastidious tongues and stomachs, which have learned to say "I" and "Yes" and "No."

2275

Alles aber kauen und verdauen – das ist eine rechte Schweine-Art! Immer I-A sagen – das lernte allein der Esel, und wer seines Geistes ist! –

2275

But to chew and digest all things—that is the very way of swine! To ever say I-A—that only the ass learned, and whoever is of his spirit!

2276

Das tiefe Gelb und das heiße Rot: so will es mein Geschmack – der mischt Blut zu allen Farben. Wer aber sein Haus weiß tüncht, der verrät mir eine weißgetünchte Seele.

2276

Deep yellow and burning red—thus my taste demands—it mingles blood with all colors. But whoever whitewashes his house betrays to me a whitewashed soul.

2277

In Mumien verliebt die einen, die andern in Gespenster; und beide gleich feind allem Fleisch und Blute – o wie gehen beide mir wider den Geschmack! Denn ich liebe Blut.

2277

Some are enamored of mummies, others of phantoms—both alike hostile to flesh and blood. Oh, how both offend my taste! For I love blood.

2278

Und dort will ich nicht wohnen und weilen, wo jedermann spuckt und speit: das ist nun mein Geschmack – lieber noch lebte ich unter Dieben und Meineidigen. Niemand trägt Gold im Munde.

2278

Nor would I dwell where all men spit and spew: such is my taste – better to live among thieves and perjurers. None carries gold within his mouth.

2279

Widriger aber sind mir noch alle Speichellecker; und das widrigste Tier von Mensch, das ich fand, das taufte ich Schmarotzer: das wollte nicht lieben und doch von Liebe leben.

2279

More repugnant to me still are all lickspittles; and the most loathsome human beast I found I named parasite: it would not love yet feed on love’s marrow.

2280

Unselig heiße ich alle, die nur eine Wahl haben: böse Tiere zu werden oder böse Tierbändiger: bei solchen würde ich mir keine Hütten bauen.

2280

Unblessed I call those who have but one choice: to become malignant beasts or malignant beast-tamers; among such I would not pitch my tent.

2281

Unselig heiße ich auch die, welche immer warten müssen – die gehen mir wider den Geschmack: alle die Zöllner und Krämer und Könige und andren Länder- und Ladenhüter.

2281

Unblessed too I name those who must ever wait – they offend my taste: all tax-gatherers and hucksters and kings and other keepers of lands and shops.

2282

Wahrlich, ich lernte das Warten auch und von Grund aus – aber nur das Warten auf mich. Und über allem lernte ich stehn und gehn und laufen und springen und klettern und tanzen.

2282

Verily, I too learned waiting – root and branch – but waiting for myself. And above all I learned standing and walking and running and leaping and climbing and dancing.

2283

Das ist aber meine Lehre: wer einst fliegen lernen will, der muß erst stehn und gehn und laufen und klettern und tanzen lernen – man erfliegt das Fliegen nicht!

2283

This is my teaching: he who would one day fly must first learn standing and walking and running and climbing and dancing – one does not fly into flying!

2284

Mit Strickleitern lernte ich manches Fenster erklettern, mit hurtigen Beinen klomm ich auf hohe Masten: auf hohen Masten der Erkenntnis sitzen dünkte mich keine geringe Seligkeit, –

2284

By rope ladders I learned to scale many a window, with swift legs I climbed slender masts: to sit atop swaying masts of knowledge seemed to me no petty bliss –

2285

– gleich kleinen Flammen flackern auf hohen Masten: ein kleines Licht zwar, aber doch ein großer Trost für verschlagene Schiffer und Schiffbrüchige! –

2285

– tiny flames flickering on high masts: a small light indeed, yet great comfort to storm-tossed sailors and the shipwrecked!

2286

Auf vielerlei Weg und Weise kam ich zu meiner Wahrheit: nicht auf einer Leiter stieg ich zur Höhe, wo mein Auge in meine Ferne schweift.[442]

2286

By diverse paths and ways I came to my truth; no single ladder bore me to heights where my eye roams distant realms.[442]

2287

Und ungern nur fragte ich stets nach Wegen – das ging mir immer wider den Geschmack! Lieber fragte und versuchte ich die Wege selber.

2287

Reluctantly did I ever ask directions – this ever jarred my taste! Far better to question the paths themselves.

2288

Ein Versuchen und Fragen war all mein Gehen – und wahrlich, auch antworten muß man lernen auf solches Fragen! Das aber – ist mein Geschmack:

2288

All my progress was trial and questioning – and verily, one must learn answering such questioning! Yet this – is my taste:

2289

– kein guter, kein schlechter, aber mein Geschmack, dessen ich weder Scham noch Hehl mehr habe.

2289

– neither good nor ill, but my taste, for which I feel neither shame nor concealment.

2290

»Das – ist nun mein Weg – wo ist der eure?« so antwortete ich denen, welche mich »nach dem Wege« fragten. Den Weg nämlich – den gibt es nicht!

2290

"This – is now my path – where is yours?" Thus I answered those who asked "the way." For the way – it does not exist!

2291

Also sprach Zarathustra.[443]

2291

Thus spoke Zarathustra.[443]

2292

Von alten und neuen Tafeln

2292

Of Old and New Tablets

2293

1

2293

1

2294

Hier sitze ich und warte, alte zerbrochene Tafeln um mich und auch neue halbbeschriebene Tafeln. Wann kommt meine Stunde?

2294

Here I sit waiting, amid old shattered tablets and new half-inscribed tablets. When comes my hour?

2295

– die Stunde meines Niederganges, Unterganges: denn noch ein mal will ich zu den Menschen gehn.

2295

– the hour of my down-going, my going-under: for once more I will go unto mankind.

2296

Des warte ich nun: denn erst müssen mir die Zeichen kommen, daß es meine Stunde sei – nämlich der lachende Löwe mit dem Taubenschwarme.

2296

For this I now wait: first must signs come telling it is my hour – namely, the laughing lion with the flock of doves.

2297

Inzwischen rede ich als einer, der Zeit hat, zu mir selber. Niemand erzählt mir Neues: so erzähle ich mir mich selber. –

2297

Meanwhile I speak to myself as one who has time. None tells me news: so I tell myself my own tale. –

2298

2

2298

2

2299

Als ich zu den Menschen kam, da fand ich sie sitzen auf einem alten Dünkel: alle dünkten sich lange schon zu wissen, was dem Menschen gut und böse sei.

2299

When I came unto men, I found them seated upon an old conceit: each fancied himself long since acquainted with good and evil.

2300

Eine alte müde Sache dünkte ihnen alles Reden von Tugend; und wer gut schlafen wollte, der sprach vor Schlafengehen noch von »Gut« und »Böse«.[443]

2300

All talk of virtue seemed to them a wearisome antique; and whoever wished sleep well spoke of "Good" and "Evil" ere retiring.[443]

2301

Diese Schläferei störte ich auf, als ich lehrte: was gut und böse ist, das weiß noch niemand – es sei denn der Schaffende!

2301

This drowsiness I disrupted when I taught: what is good and evil no one yet knows – except the creator!

2302

– Das aber ist der, welcher des Menschen Ziel schafft und der Erde ihren Sinn gibt und ihre Zukunft: dieser erst schafft es, daß etwas gut und böse ist.

2302

– He however is the maker of man’s goal, giving earth its meaning and future: he alone creates the ground whereon it stands that aught is good or evil.

2303

Und ich hieß sie ihre alten Lehr-Stühle umwerfen, und wo nur jener alte Dünkel gesessen hatte; ich hieß sie lachen über ihre großen Tugend-Meister und Heiligen und Dichter und Welt-Erlöser.

2303

And I bade them overturn their old professorial chairs wherever that ancient conceit had sat enthroned; I bade them laugh at their great virtue-mongers and saints and poets and world-redeemers.

2304

Über ihre düsteren Weisen hieß ich sie lachen, und wer je als schwarze Vogelscheuche warnend auf dem Baume des Lebens gesessen hatte.

2304

I bade them laugh at their gloomy sages, and whoever had ever sat warning like a black scarecrow in the tree of life.

2305

An ihre große Gräberstraße setzte ich mich und selber zu Aas und Geiern – und ich lachte über all ihr Einst und seine mürbe verfallende Herrlichkeit.

2305

By their great cemetery road I sat myself among carrion and vultures – and I laughed at all their past and its crumbling decaying glory.

2306

Wahrlich, gleich Bußpredigern und Narren schrie ich Zorn und Zeter über all ihr Großes und Kleines – daß ihr Bestes so gar klein ist! Daß ihr Bösestes so gar klein ist! – also lachte ich.

2306

Truly, like penitent preachers and fools, I cried wrath and indignation over all their greatness and smallness – that their best was so utterly petty! That their worst was so utterly petty! – thus I laughed.

2307

Meine weise Sehnsucht schrie und lachte also aus mir, die auf Bergen geboren ist, eine wilde Weisheit wahrlich! – meine große flügelbrausende Sehnsucht.

2307

My wise longing cried and laughed thus from within me, born upon mountains – a wild wisdom truly! – my great wing-whirring longing.

2308

Und oft riß sie mich fort und hinauf und hinweg und mitten im Lachen: da flog ich wohl schaudernd, ein Pfeil, durch sonnentrunkenes Entzücken:

2308

And often it swept me away and upward and onward mid laughter: then I flew shuddering like an arrow through sun-intoxicated delight:

2309

– hinaus in ferne Zukünfte, die kein Traum noch sah, in heißere Süden, als je sich Bildner träumten: dorthin, wo Götter tanzend sich aller Kleider schämen: –

2309

– out into distant futures which no dream has glimpsed, into hotter souths than artists ever dreamed: where gods dancing feel shame of all garments:

2310

– daß ich nämlich in Gleichnissen rede, und gleich Dichtern hinke und stammle: und wahrlich, ich schäme mich, daß ich noch Dichter sein muß!

2310

– that I might speak in parables, and limp and stammer like poets: and verily, I am ashamed that I must still be a poet!

2311

Wo alles Werden mich Götter-Tanz und Götter-Mutwillen dünkte, und die Welt los- und ausgelassen und zu sich selber zurückfliehend: –

2311

Where all Becoming seemed to me a gods’ dance and divine mischief, and the world unchained and unrestrained fleeing back to itself: –

2312

– als ein ewiges Sich-Fliehn und -Wiedersuchen vieler Götter, als das selige Sich-Widersprechen, Sich-Wieder-hören, Sich-Wieder-Zuge-hören vieler Götter: –

2312

– as an eternal fleeing from and seeking each other of many gods, as the blessed self-contradiction, self-hearing, self-rejoining of many gods: –

2313

Wo alle Zeit mich ein seliger Hohn auf Augenblicke dünkte, wo die Notwendigkeit die Freiheit selber war, die selig mit dem Stachel der Freiheit spielte: –[444]

2313

Where all time seemed to me a blessed mockery of moments, where necessity was freedom itself, playing blissfully with the spur of freedom: –

2314

Wo ich auch meinen alten Teufel und Erzfeind wiederfand, den Geist der Schwere, und alles, was er schuf: Zwang, Satzung, Not und Folge und Zweck und Wille und Gut und Böse: –

2314

Where I also found again my old devil and arch-enemy, the Spirit of Gravity, and all that he created: constraint, statute, need and consequence and purpose and will and good and evil: –

2315

Denn muß nicht dasein, über das getanzt, hinweggetanzt werde? Müssen nicht um der Leichten, Leichtesten willen – Maulwürfe und schwere Zwerge dasein? –

2315

For must there not exist that over which one dances, dances away? Must there not be moles and heavy dwarfs – for the sake of the light, the lightest?

2316

3

2316

3

2317

Dort war's auch, wo ich das Wort »Übermensch« vom Wege auflas, und daß der Mensch etwas sei, das überwunden werden müsse,

2317

There too I picked up the word "Overman" by the wayside, and that man is something that must be overcome,

2318

– daß der Mensch eine Brücke sei und kein Zweck: sich selig preisend ob seines Mittags und Abends, als Weg zu neuen Morgenröten:

2318

– that man is a bridge and not an end: blessing himself for his noon and evening, as a way to new dawns:

2319

– das Zarathustra-Wort vom großen Mittage, und was sonst ich über den Menschen aufhängte, gleich purpurnen zweiten Abendröten.

2319

– the Zarathustra-word of the great noon, and whatever else I hung over mankind like purple second sunset glows.

2320

Wahrlich, auch neue Sterne ließ ich sie sehn samt neuen Nächten; und über Wolken und Tag und Nacht spannte ich noch das Lachen aus wie ein buntes Gezelt.

2320

Truly, I made them see new stars too with new nights; and over clouds and day and night I stretched laughter like a multicolored canopy.

2321

Ich lehrte sie all mein Dichten und Trachten: in eins zu dichten und zusammenzutragen, was Bruchstück ist am Menschen und Rätsel und grauser Zufall, –

2321

I taught them all my poetizing and striving: to compose into One what in man is fragment and riddle and dreadful accident –

2322

– als Dichter, Rätselrater und Erlöser des Zufalls lehrte ich sie an der Zukunft schaffen, und alles, das war –, schaffend zu erlösen.

2322

– as poets and riddle-readers and redeemers of chance, I taught them to work upon the future, and through creation to redeem all that has been.

2323

Das Vergangne am Menschen zu erlösen und alles »Es war« umzuschaffen, bis der Wille spricht: »Aber so wollte ich es! So werde ich's wollen –«

2323

To redeem the past in mankind and to recreate all "It was" until the Will says: "But thus I willed it! Thus shall I will it –"

2324

– dies hieß ich ihnen Erlösung, dies allein lehrte ich sie Erlösung heißen. – –

2324

– this I called redemption, this alone I taught them to call redemption. – –

2325

Nun warte ich meiner Erlösung –, daß ich zum letzten Male zu ihnen gehe.

2325

Now I await my redemption – that I may go to them one last time.

2326

Denn noch ein mal will ich zu den Menschen: unter ihnen will ich untergehen, sterbend will ich ihnen meine reichste Gabe geben!

2326

For once more will I go to mankind: among them will I go under, dying will I give them my richest gift!

2327

Der Sonne lernte ich das ab, wenn sie hinabgeht, die Überreiche: Gold schüttet sie da ins Meer aus unerschöpflichem Reichtume, –

2327

From the sun I learned this when it goes down, the over-rich one: gold does it pour into the sea from inexhaustible riches—

2328

– also, daß der ärmste Fischer noch mit goldenem Ruder rudert! Dies nämlich sah ich einst und wurde der Tränen nicht satt im Zuschauen – –[445]

2328

—so that even the poorest fisherman rows with a golden oar! For this I once saw and did not weary of weeping as I watched— —[445]

2329

Der Sonne gleich will auch Zarathustra untergehn: nun sitzt er hier und wartet, alte zerbrochene Tafeln um sich und auch neue Tafeln – halbbeschriebene.

2329

Like the sun would Zarathustra also go under: now he sits here waiting, old broken tablets around him and also new tablets—half inscribed.

2330

4

2330

4

2331

Siehe, hier ist eine neue Tafel: aber wo sind meine Brüder, die sie mit mir zu Tale und in fleischerne Herzen tragen? –

2331

Behold, here is a new tablet: but where are my brothers to carry it with me into the valley and into fleshly hearts?—

2332

Also heischt es meine große Liebe zu den Fernsten: schone deinen Nächsten nicht! Der Mensch ist etwas, das überwunden werden muß.

2332

Thus commands my great love for the farthest ones: spare not your neighbor! Man is something that must be overcome.

2333

Es gibt vielerlei Weg und Weise der Überwindung: da siehe du zu! Aber nur ein Possenreißer denkt: »der Mensch kann auch übersprungen werden.«

2333

There are many ways and manners of overcoming: see you to it! But only a jester thinks: "Man can also be leaped over."

2334

Überwinde dich selber noch in deinem Nächsten: und ein Recht, das du dir rauben kannst, sollst du dir nicht geben lassen!

2334

Overcome yourself even in your neighbor: and a right which you can seize for yourself, you shall not allow to be given you!

2335

Was du tust, das kann dir keiner wieder tun. Siehe, es gibt keine Vergeltung.


Wer sich nicht befehlen kann, der soll gehorchen. Und mancher kann sich befehlen, aber da fehlt noch viel, daß er sich auch gehorche!

2335

He who cannot command himself shall obey. And many a one can command himself, but still far greater is it to make himself obey!

2336

5

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5

2337

Also will es die Art edler Seelen: sie wollen nichts umsonst haben, am wenigsten das Leben.

2337

Thus wills the kind of noble souls: they desire to have nothing for nothing, least of all life.

2338

Wer vom Pöbel ist, der will umsonst leben; wir anderen aber, denen das Leben sich gab – wir sinnen immer darüber, was wir am besten dagegen geben!

2338

He who is of the rabble wishes to live for nothing; we others, however, to whom life gave itself—we ever ponder what we can best give in return!

2339

Und wahrlich, dies ist eine vornehme Rede, welche spricht: »Was uns das Leben verspricht, das wollen wir – dem Leben halten!«

2339

And verily, this is a noble speech that says: "What we promise, that shall we keep—to life itself!"

2340

Man soll nicht genießen wollen, wo man nicht zu genießen gibt. Und – man soll nicht genießen wollen!

2340

One shall not wish to enjoy where one does not give enjoyment. And—one shall not wish to enjoy!

2341

Genuß und Unschuld nämlich sind die schamhaftesten Dinge: Beide wollen nicht gesucht sein. Man soll sie haben –, aber man soll eher noch nach Schuld und Schmerzen suchen! –[446]

2341

For enjoyment and innocence are the most bashful things: neither desires to be sought. One shall possess them—but one shall rather seek for guilt and pain! —[446]

2342

6

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6

2343

O meine Brüder, wer ein Erstling ist, der wird immer geopfert. Nun aber sind wir Erstlinge.

2343

O my brothers, whoever is a firstling is ever sacrificed. Now, however, are we firstlings.

2344

Wir bluten alle an geheimen Opfertischen, wir brennen und braten alle zu Ehren alter Götzenbilder.

2344

We all bleed at secret sacrificial altars; we all burn and roast in honor of ancient idols.

2345

Unser Bestes ist noch jung: das reizt alte Gaumen. Unser Fleisch ist zart, unser Fell ist nur ein Lamm-Fell – wie sollten wir nicht alte Götzenpriester reizen!

2345

Our fairest is still young: that tickles old palates. Our flesh is tender, our hide is but a lamb's skin—how should we not excite ancient idol-priests!

2346

In uns selber wohnt er noch, der alte Götzenpriester, der unser Bestes sich zum Schmause brät. Ach, meine Brüder, wie sollten Erstlinge nicht Opfer sein!

2346

Within ourselves dwells he still, the ancient idol-priest, who broils our fairest for his feast. Ah, my brothers, how could firstlings fail to be sacrifices!

2347

Aber so will es unsre Art; und ich liebe die, welche sich nicht bewahren wollen. Die Untergehenden liebe ich mit meiner ganzen Liebe: denn sie gehn hinüber. –

2347

But so wills our kind; and I love those who would not preserve themselves. Those going under I love with my whole love: for they cross over.—

2348

7

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2349

Wahr sein – das können wenige! Und wer es kann, der will es noch nicht! Am wenigsten aber können es die Guten.

2349

To be true—that can few! And he who can, will not! Least of all, however, can the good be true.

2350

O diese Guten! Gute Menschen reden nie die Wahrheit; für den Geist ist solchermaßen gut sein eine Krankheit.

2350

O these good ones! Good men never speak the truth; for the spirit, to be thus good is a sickness.

2351

Sie geben nach, diese Guten, sie ergeben sich, ihr Herz spricht nach, ihr Grund gehorcht: wer aber gehorcht, der hört sich selber nicht!

2351

They yield, these good ones, they submit themselves; their heart repeats, their ground obeys: he who obeys, however, does not listen to himself!

2352

Alles, was den Guten böse heißt, muß zusammenkommen, daß eine Wahrheit geboren werde: o meine Brüder, seid ihr auch böse genug zu dieser Wahrheit?

2352

All that is called evil by the good must come together that one truth may be born: O my brothers, are you also evil enough for this truth?

2353

Das verwegene Wagen, das lange Mißtrauen, das grausame Nein, der Überdruß, das Schneiden ins Lebendige – wie selten kommt das zusammen! Aus solchem Samen aber wird – Wahrheit gezeugt!

2353

The daring venture, the prolonged distrust, the cruel No, the tedium, the cutting into the quick—how seldom do these come together! From such seed, however—is truth begotten!

2354

Neben dem bösen Gewissen wuchs bisher alles Wissen! Zerbrecht, zerbrecht mir, ihr Erkennenden, die alten Tafeln!

2354

Beside the bad conscience has all knowledge grown so far! Shatter, shatter, you discerning ones, the old tablets!

2355

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2356

Wenn das Wasser Balken hat, wenn Stege und Geländer über den Fluß springen: wahrlich, da findet keiner Glauben, der da spricht: »Alles ist im Fluß.«[447]

2356

When waters bear planks, when bridges and railings leap across the river – verily, none will trust him who declares: "All is in flux!"[447]

2357

Sondern selber die Tölpel widersprechen ihm. »Wie?« sagen die Tölpel, »alles wäre im Flusse? Balken und Geländer sind doch über dem Flusse!«

2357

Even fools contradict him. "What?" cry the fools. "All in flux? Yet planks and railings lie above the river!"

2358

»Über dem Flusse ist alles fest, alle die Werte der Dinge, die Brücken, Begriffe, alles ›Gut‹ und ›Böse‹: das ist alles fest

2358

"Above the river all stands firm – all values of things, bridges, concepts, 'Good' and 'Evil' – all is fixed!"

2359

Kommt gar der harte Winter, der Fluß-Tierbändiger: dann lernen auch die Witzigsten Mißtrauen; und, wahrlich, nicht nur die Tölpel sprechen dann: »Sollte nicht alles – stille stehn

2359

But when the harsh winter comes, the river-beast tamer, even the cleverest grow doubtful. Truly, not just fools then say: "Should not all – stand still?"

2360

»Im Grunde steht alles stille« –, das ist eine rechte Winter-Lehre, ein gut Ding für unfruchtbare Zeit, ein guter Trost für Winterschläfer und Ofenhocker.

2360

"At bottom, all stands still" – this is proper winter-teaching, fit for barren times, a hollow comfort for hibernators and stove-squatters.

2361

»Im Grund steht alles still« –: dagegen aber predigt der Tauwind!

2361

"At bottom, all stands still" – but against this preaches the thawing wind!

2362

Der Tauwind, ein Stier, der kein pflügender Stier ist – ein wütender Stier, ein Zerstörer, der mit zornigen Hörnern Eis bricht! Eis aber – – bricht Stege!

2362

The thawing wind – a bull that does not plow! A raging bull, a destroyer who smashes ice with furious horns! And ice – breaks bridges!

2363

O meine Brüder, ist jetzt nicht alles im Flusse? Sind nicht alle Geländer und Stege ins Wasser gefallen? Wer hielte sich noch an »Gut« und »Böse«?

2363

O my brothers, is not everything in flux now? Have all railings and bridges not fallen into the waters? Who still clings to "Good" and "Evil"?

2364

»Wehe uns! Heil uns! Der Tauwind weht!« – Also predigt mir, o meine Brüder, durch alle Gassen!

2364

"Woe to us! Hail to us! The thawing wind blows!" – Thus, O my brothers, preach through every street!

2365

9

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2366

Es gibt einen alten Wahn, der heißt Gut und Böse. Um Wahrsager und Sterndeuter drehte sich bisher das Rad dieses Wahns.

2366

There exists an ancient delusion named Good and Evil. Around soothsayers and star-gazers this delusion’s wheel has turned.

2367

Einst glaubte man an Wahrsager und Sterndeuter: und darum glaubte man »alles ist Schicksal: du sollst, denn du mußt!«

2367

Once, men believed in soothsayers and star-gazers – thus they believed: "All is destiny: you shall, for you must!"

2368

Dann wieder mißtraute man allen Wahrsagern und Sterndeutern: und darum glaubte man »alles ist Freiheit: du kannst, denn du willst!«

2368

Later, they mistrusted all soothsayers and star-gazers – thus they believed: "All is freedom: you can, for you will!"

2369

O meine Brüder, über Sterne und Zukunft ist bisher nur gewähnt, nicht gewußt worden: und darum ist über Gut und Böse bisher nur gewähnt, nicht gewußt worden!

2369

O my brothers, concerning stars and futures, there has been only delusion, not knowledge. Thus, concerning Good and Evil, there has been only delusion, not knowledge!

2370

10

2370

10

2371

»Du sollst nicht rauben! Du sollst nicht totschlagen!« – solche Worte hieß man einst heilig; vor ihnen beugte man Knie und Köpfe und zog die Schuhe aus.[448]

2371

"Thou shalt not steal! Thou shalt not kill!" – such words were once called holy. Before them, men bowed knees and heads and removed their shoes.[448]

2372

Aber ich frage euch: wo gab es je bessere Räuber und Totschläger in der Welt, als es solche heilige Worte waren?

2372

But I ask you: where have there ever been better thieves and killers in the world than in these holy words?

2373

Ist in allem Leben selber nicht – Rauben und Totschlagen? Und daß solche Worte heilig hießen, wurde damit die Wahrheit selber nicht – totgeschlagen?

2373

Is not all life itself – stealing and killing? And when such words were called holy, was not truth itself – slain?

2374

Oder war es eine Predigt des Todes, daß heilig hieß, was allem Leben widersprach und widerriet? – O meine Brüder, zerbrecht, zerbrecht mir die alten Tafeln![449]

2374

Or was it a sermon of death that sanctified what contradicted and condemned all life? – O my brothers, shatter, shatter these ancient tablets![449]

2375

11

2375

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2376

Dies ist mein Mitleid mit allem Vergangenen, daß ich sehe: es ist preisgegeben, –

2376

This is my pity for all that is past: I see it is abandoned –

2377

– der Gnade, dem Geiste, dem Wahnsinne jedes Geschlechtes preisgegeben, das kommt und alles, was war, zu seiner Brücke umdeutet!

2377

– surrendered to the mercy, spirit, and madness of each new generation that reinterprets all that was into its own bridge!

2378

Ein großer Gewalt-Herr könnte kommen, ein gewitzter Unhold, der mit seiner Gnade und Ungnade alles Vergangene zwänge und zwängte: bis es ihm Brücke würde und Vorzeichen und Herold und Hahnenschrei.

2378

A great despot might come, a cunning monster who could force all past things into compliance through his mercy and malice – until they became his bridge, omen, and herald’s cry.

2379

Dies aber ist die andre Gefahr und mein andres Mitleiden – wer vom Pöbel ist, dessen Gedenken geht zurück bis zum Großvater – mit dem Großvater aber hört die Zeit auf.

2379

Yet here lies another danger, another pity: the rabble’s memory stretches back only to their grandfather – with their grandfather, time ceases.

2380

Also ist alles Vergangene preisgegeben: denn es könnte einmal kommen, daß der Pöbel Herr würde, und in seichten Gewässern alle Zeit ertränke.

2380

Thus, all past is abandoned – for the rabble may yet become master, drowning all time in shallow waters.

2381

Darum, o meine Brüder, bedarf es eines neuen Adels, der allem Pöbel und allem Gewalt-Herrischen Widersacher ist und auf neue Tafeln neu das Wort schreibt »edel«.

2381

Therefore, O my brothers, there is need for a new nobility that opposes all rabble and all domineering power, and inscribes anew upon fresh tablets the word "noble."

2382

Vieler Edlen nämlich bedarf es und vielerlei Edlen, daß es Adel gebe! Oder, wie ich einst im Gleichnis sprach: »Das eben ist Göttlichkeit, daß es Götter, aber keinen Gott gibt!«

2382

For many nobles are needed, and nobles of manifold kinds, that nobility may exist! Or as I once spoke in metaphor: "This is Divinity itself—that there are gods, but no God!"

2383

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2384

O meine Brüder, ich weihe und weise euch zu einem neuen Adel: ihr sollt mir Zeuger und Züchter werden und Sämänner der Zukunft –[449]

2384

O my brothers, I consecrate and direct you toward a new nobility: you shall become begetters and breeders and sowers of the future—

2385

– wahrlich, nicht zu einem Adel, den ihr kaufen könntet gleich den Krämern und mit Krämer-Golde: denn wenig Wert hat alles, was seinen Preis hat.

2385

—verily, not to a nobility you could purchase like shopkeepers with shopkeepers’ gold: for whatever has its price is of little value.

2386

Nicht, woher ihr kommt, mache euch fürderhin eure Ehre, sondern wohin ihr geht! Euer Wille und euer Fuß, der über euch selber hinaus will – das mache eure neue Ehre!

2386

Let it no longer be your honor from whence you come, but whither you go! Your will and your foot that wills beyond yourselves—let these be your new honor!

2387

Wahrlich nicht, daß ihr einem Fürsten gedient habt – was liegt noch an Fürsten! – oder dem, was steht, zum Bollwerk wurdet, daß es fester stünde!

2387

Truly, not that you served a prince—what are princes still good for!—or became bulwarks for what stands, that it might stand firmer!

2388

Nicht, daß euer Geschlecht an Höfen höfisch wurde, und ihr lerntet, bunt, einem Flamingo ähnlich, lange Stunden in flachen Teichen stehn.

2388

Nor that your lineage grew courtly at courts, and you learned to stand for long hours like gaudy flamingoes in shallow ponds—

2389

– Denn Stehen-können ist ein Verdienst bei Höflingen; und alle Höflinge glauben, zur Seligkeit nach dem Tode gehöre – Sitzen-dürfen! –

2389

—for being able to stand is a merit among courtiers, and all courtiers believe that bliss after death consists in—being allowed to sit!—

2390

Nicht auch, daß ein Geist, den sie heilig nennen, eure Vorfahren in gelobte Länder führte, die ich nicht lobe: denn wo der schlimmste aller Bäume wuchs, das Kreuz, – an dem Lande ist nichts zu loben! –

2390

Nor that a spirit they call holy led your forefathers into lands of promise, which I do not praise: for where the worst of all trees grew—the cross—there is nothing to praise!

2391

– und wahrlich, wohin dieser »heilige Geist« auch seine Ritter führte, immer liefen bei solchen Zügen – Ziegen und Gänse und Kreuz- und Querköpfe voran! –

2391

—and verily, wherever this "Holy Ghost" led its knights, goats and geese and cross-eyed fools always ran ahead of such processions!—

2392

O meine Brüder, nicht zurück soll euer Adel schauen, sondern hinaus! Vertriebene sollt ihr sein aus allen Vater- und Urväterländern!

2392

O my brothers, your nobility shall gaze not backward but forward! You shall be exiles from all fatherlands and forefather-lands!

2393

Eurer Kinder Land sollt ihr lieben: diese Liebe sei euer neuer Adel – das unentdeckte, im fernsten Meere! Nach ihm heiße ich eure Segel suchen und suchen!

2393

You shall love your children’s land—this love shall be your new nobility: the undiscovered land in the farthest seas! To seek it, I bid your sails hunt unceasingly!

2394

An euren Kindern sollt ihr gut machen, daß ihr eurer Väter Kinder seid: Alles Vergangene sollt ihr so erlösen! Diese neue Tafel stelle ich über euch!

2394

Through your children, you shall make amends for being your fathers’ children: thus shall you redeem all that is past! This new tablet I place above you!

2395

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2396

»Wozu leben? Alles ist eitel! Leben – das ist Stroh dreschen; Leben – das ist sich verbrennen und doch nicht warm werden.« –

2396

"Why live? All is vanity! Life—that is threshing straw; Life—that is burning oneself yet never growing warm."—

2397

Solch altertümliches Geschwätz gilt immer noch als »Weisheit«; daß es aber alt ist und dumpfig riecht, darum wird es besser geehrt. Auch der Moder adelt. –

2397

Such antiquated prattle still passes for "wisdom"; yet precisely because it is old and reeks of mold, it is honored. Even decay confers dignity.—

2398

Kinder durften so reden: die scheuen das Feuer, weil es sie brannte! Es ist viel Kinderei in den alten Büchern der Weisheit.[450]

2398

Children might speak thus: they fear fire because it burned them! There is much childishness in the ancient books of wisdom.

2399

Und wer immer »Stroh drischt«, wie sollte der auf das Dreschen lästern dürfen! Solchem Narren müßte man doch das Maul verbinden!

2399

And whoever "threshes straw"—how dare such a one rail against threshing! Such fools should be muzzled!

2400

Solche setzen sich zu Tisch und bringen nichts mit, selbst den guten Hunger nicht – und nun lästern sie »alles ist eitel!«

2400

They sit at table bringing nothing with them, not even good hunger—and now they sneer: "All is vanity!"

2401

Aber gut essen und trinken, o meine Brüder, ist wahrlich keine eitle Kunst! Zerbrecht, zerbrecht mir die Tafeln der Nimmer-Frohen!

2401

But to eat and drink well, O my brothers, is verily no vain art! Shatter, shatter the tablets of the never-joyous!

2402

14

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2403

»Dem Reinen ist alles rein« – so spricht das Volk. Ich aber sage euch: den Schweinen wird alles Schwein!

2403

"To the pure, all is pure"—so speaks the mob. But I say to you: to swine, all becomes swinish!

2404

Darum predigen die Schwärmer und Kopfhänger, denen auch das Herz niederhängt: »Die Welt selber ist ein kotiges Ungeheuer.«

2404

Hence preach the visionaries and head-hangers whose hearts also droop: "The world itself is a filthy monster."

2405

Denn diese alle sind unsäuberlichen Geistes; sonderlich aber jene, welche nicht Ruhe noch Rast haben, es sei denn, sie sehen die Welt von hinten – die Hinterweltler!

2405

For all these are of unclean spirit—especially those who have neither peace nor rest unless they behold the world from behind—these afterworlders!

2406

Denen sage ich ins Gesicht, ob es gleich nicht lieblich klingt: die Welt gleicht darin dem Menschen, daß sie einen Hintern hat – so viel ist wahr!

2406

To them I declare to their faces, though it ring unlovely: the world resembles man in that it has a posterior – this much is true!

2407

Es gibt in der Welt viel Kot: so viel ist wahr! Aber darum ist die Welt selber noch kein kotiges Ungeheuer!

2407

There is much filth in the world: this much is true! But for that reason, the world itself is not yet a filthy monstrosity!

2408

Es ist Weisheit darin, daß vieles in der Welt übel riecht: der Ekel selber schafft Flügel und quellenahnende Kräfte!

2408

There is wisdom in this: that much in the world reeks foully. Disgust itself grants wings and wellspring-divining powers!

2409

An dem Besten ist noch etwas zum Ekeln; und der Beste ist noch etwas, das überwunden werden muß! –

2409

Even in the finest there remains something to disgust; and the finest must still be overcome! –

2410

O meine Brüder, es ist viel Weisheit darin, daß viel Kot in der Welt ist! –

2410

Oh my brothers, there is much wisdom in this: that there is much filth in the world! –

2411

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2412

Solche Sprüche hörte ich fromme Hinterweltler zu ihrem Gewissen reden; und wahrlich, ohne Arg und Falsch – ob es schon nichts Falscheres in der Welt gibt, noch Ärgeres.

2412

Such maxims I heard pious afterworlders speak to their consciences – and truly, without malice or guile, though nothing falser or more venomous exists.

2413

»Laß doch die Welt der Welt sein! Hebe dawider auch nicht einen Finger auf!«

2413

«Let the world remain as it is! Raise not a finger against it!»

2414

»Laß, wer da wolle, die Leute würgen und stechen und schneiden und schaben: hebe dawider auch nicht einen Finger auf! Darob lernen sie noch der Welt absagen.«[451]

2414

«Let whoever will throttle, stab, flay, and scrape mankind: raise not a finger against it! Thus they learn to renounce the world.»

2415

»Und deine eigne Vernunft – die sollst du selber görgeln und würgen; denn es ist eine Vernunft von dieser Welt, – darob lernst du selber der Welt absagen.« –

2415

«And your own reason – you shall throttle and strangle it yourself; for it is reason of this world – thus you learn to renounce the world.» –

2416

– Zerbrecht, zerbrecht mir, o meine Brüder, diese alten Tafeln der Frommen! Zersprecht mir die Sprüche der Welt-Verleumder!

2416

– Shatter, oh my brothers, shatter these ancient tablets of the pious! Shatter the maxims of the world-slanderers!

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2418

»Wer viel lernt, der verlernt alles heftige Begehren« – das flüstert man heute sich zu auf allen dunklen Gassen.

2418

«Who learns much unlearns all vehement craving» – this whisper now courses through every dark alley.

2419

»Weisheit macht müde, es lohnt sich – nichts; du sollst nicht begehren!«- diese neue Tafel fand ich hängen selbst auf offnen Märkten.

2419

«Wisdom wearies; nothing is worthwhile! You shall not crave!» – this new tablet I found hung even in open markets.

2420

Zerbrecht mir, o meine Brüder, zerbrecht mir auch diese neue Tafel! Die Welt-Müden hängten sie hin und die Prediger des Todes, und auch die Stockmeister: denn seht, es ist auch eine Predigt zur Knechtschaft! –

2420

Break it for me, oh my brothers, break this new tablet too! The world-weary hung it there, and the preachers of death, and the jailers: behold, it is a sermon for slavery! –

2421

Daß sie schlecht lernten und das Beste nicht, und alles zu früh und alles zu geschwind: daß sie schlecht aßen, daher kam ihnen jener verdorbene Magen, –

2421

Because they learned poorly and not the best, too early and too hastily: because they ate poorly, their stomachs turned ruined –

2422

– ein verdorbener Magen ist nämlich ihr Geist: der rät zum Tode! Denn wahrlich, meine Brüder, der Geist ist ein Magen!

2422

– a ruined stomach is their spirit: it counsels death! For truly, my brothers, the spirit is a stomach!

2423

Das Leben ist ein Born der Lust: aber aus wem der verdorbene Magen redet, der Vater der Trübsal, dem sind alle Quellen vergiftet.

2423

Life is a wellspring of joy: but for him from whom a ruined stomach speaks, father of affliction, all springs are poisoned.

2424

Erkennen: das ist Lust dem Löwen-willigen! Aber wer müde wurde, der wird selber nur »gewollt«, mit dem spielen alle Wellen.


Und so ist es immer schwacher Menschen Art: sie verlieren sich auf ihren Wegen. Und zuletzt fragt noch ihre Müdigkeit: »wozu gingen wir jemals Wege! Es ist alles gleich!«

2424joy

Thus is ever the way of feeble men: they lose themselves on their paths. At last their weariness asks: «Why did we ever take paths? All is vain!»

2425

Denen klingt es lieblich zu Ohren, daß gepredigt wird: »Es verlohnt sich nichts! Ihr sollt nicht wollen!« Dies aber ist eine Predigt zur Knechtschaft.

2425

To them it sounds sweet to hear preached: «Nothing is worthwhile! You shall not will!» But this is a sermon for slavery.

2426

O meine Brüder, ein frischer Brause-Wind kommt Zarathustra allen Weg-Müden; viele Nasen wird er noch niesen machen!

2426

Oh my brothers, a fresh roaring wind is Zarathustra to all way-weary; many noses will he yet make sneeze!

2427

Auch durch Mauern bläst mein freier Atem, und hinein in Gefängnisse und eingefangne Geister![452]

2427

My free breath blows even through walls into prisons and captive minds!

2428

Wollen befreit: denn Wollen ist Schaffen: so lehre ich. Und nur zum Schaffen sollt ihr lernen!

2428

To will liberates: for willing is creating: thus I teach. And only for creating shall you learn!

2429

Und auch das Lernen sollt ihr erst von mir lernen, das Gut-Lernen! – Wer Ohren hat, der höre!

2429

And even learning shall you first learn from me – learning well! – He who has ears, let him hear!

2430

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2431

Da steht der Nachen – dort hinüber geht es vielleicht ins große Nichts. – Aber wer will in dies »Vielleicht« einsteigen?

2431

There lies the boat – perhaps it sails into the great Void. But who would board this «Perhaps»?

2432

Niemand von euch will in den Todes-Nachen einsteigen! Wieso wollt ihr dann Welt-Müde sein!

2432

None of you would board the death-boat! How then could you call yourselves world-weary!

2433

Weltmüde! Und noch nicht einmal Erd-Entrückte wurdet ihr! Lüstern fand ich euch immer noch nach Erde, verliebt noch in die eigne Erd-Müdigkeit!

2433

World-weary ones! And not even earth-detached have you become! Ever lustful I found you still for earth, enamored still of your own earth-weariness!

2434

Nicht umsonst hängt euch die Lippe herab – ein kleiner Erden-Wunsch sitzt noch darauf! Und im Auge – schwimmt da nicht ein Wölkchen unvergessner Erden-Lust?

2434

Not for nothing does your lip hang slack — a petty earthly desire still clings to it! And in your eye — does there not drift a cloud of unforgotten earthly delight?

2435

Es gibt auf Erden viel gute Erfindungen, die einen nützlich, die andern angenehm: derentwegen ist die Erde zu lieben.

2435

Upon earth there are many good inventions, some useful, others pleasing: for these reasons is earth to be loved.

2436

Und mancherlei so gut Erfundenes gibt es da, daß es ist wie des Weibes Busen: nützlich zugleich und angenehm.

2436

And much that is so well devised may be found there, like a woman’s bosom: at once useful and pleasing.

2437

Ihr Welt-Müden aber! Ihr Erden-Faulen! Euch soll man mit Ruten streichen! Mit Rutenstreichen soll man euch wieder muntre Beine machen.

2437

But you world-weary ones! You earth-sluggards! You should be lashed with switches! Lashings shall make your legs sprightly again!

2438

Denn: seid ihr nicht Kranke und verlebte Wichte, deren die Erde müde ist, so seid ihr schlaue Faultiere oder naschhafte verkrochene Lust-Katzen. Und wollt ihr nicht wieder lustig laufen, so sollt ihr – dahinfahren!

2438

For if you are not sickly and decaying wretches of whom earth is weary, then you are cunning sloths or stealthy, sweet-toothed pleasure-glutting cats. And if you will not run with joy, then — you shall perish!

2439

An Unheilbaren soll man nicht Arzt sein wollen: also lehrt es Zarathustra – so sollt ihr dahinfahren!

2439

For the incurable, one should not desire to be a physician: thus teaches Zarathustra — therefore, perish!

2440

Aber es gehört mehr Mut dazu, ein Ende zu machen, als einen neuen Vers: das wissen alle Ärzte und Dichter. –

2440

But it takes greater courage to make an end than to forge a new verse: all physicians and poets know this. —

2441

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2442

O meine Brüder, es gibt Tafeln, welche die Ermüdung, und Tafeln, welche die Faulheit schuf, die faulige: ob sie schon gleich reden, so wollen sie doch ungleich gehört sein. –[453]

2442

O my brothers, there are tablets wrought by weariness, and tablets wrought by sloth, the putrid sloth: though they speak alike, they demand to be heard unalike. —

2443

Seht hier diesen Verschmachtenden! Nur eine Spanne weit ist er noch von seinem Ziele, aber vor Müdigkeit hat er sich trotzig hier in den Staub gelegt: dieser Tapfere!

2443

Behold this man swooning! He is but a hand’s breadth from his goal, yet from weariness he has defiantly cast himself into the dust: this valiant one!

2444

Vor Müdigkeit gähnt er Weg und Erde und Ziel und sich selber an: keinen Schritt will er noch weiter tun, – dieser Tapfere!

2444

From weariness he yawns at path and earth and goal and himself: not a step further will he take — this valiant one!

2445

Nun glüht die Sonne auf ihn, und die Hunde lecken nach seinem Schweiße: aber er liegt da in seinem Trotze und will lieber verschmachten: –

2445

Now the sun beats upon him, and dogs lick at his sweat: but he lies there in his defiance and would rather parch —

2446

– eine Spanne weit von seinem Ziele verschmachten! Wahrlich, ihr werdet ihn noch an den Haaren in seinen Himmel ziehen müssen – diesen Helden!

2446

— parch a hand’s breadth from his goal! Verily, you shall yet drag him by the hair into his heaven — this hero!

2447

Besser noch, ihr laßt ihn liegen, wohin er sich gelegt hat, daß der Schlaf ihm komme, der Tröster, mit kühlendem Rausche-Regen:

2447

Better still, leave him lying where he has cast himself, that sleep may come to him, the comforter, with cooling drizzle:

2448

Laßt ihn liegen, bis er von selber wach wird – bis er von selber alle Müdigkeit widerruft und was Müdigkeit aus ihm lehrte!

2448

Let him lie until he awakens of his own — until he revokes all weariness and what weariness has taught him!

2449

Nur, meine Brüder, daß ihr die Hunde von ihm scheucht, die faulen Schleicher, und all das schwärmende Geschmeiß: –

2449

Only, my brothers, drive away the dogs from him, the indolent skulkers, and all the swarming vermin: —

2450

– all das schwärmende Geschmeiß der »Gebildeten«, das sich am Schweiße jedes Helden – gütlich tut! –

2450

— all the swarming vermin of the “cultured,” that feast upon the sweat of every hero —!

2451

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2452

Ich schließe Kreise um mich und heilige Grenzen; immer wenigere steigen mit mir auf immer höhere Berge: ich baue ein Gebirge aus immer heiligeren Bergen. –

2452

I draw circles around me and sacred boundaries; ever fewer ascend with me to ever loftier mountains: I build a range from peaks of growing holiness. —

2453

Wohin ihr aber auch mit mir steigen mögt, o meine Brüder: seht zu, daß nicht ein Schmarotzer mit euch steige!

2453

But wherever you climb with me, O my brothers: take heed that no parasite climbs with you!

2454

Schmarotzer: das ist ein Gewürm, ein kriechendes, geschmiegtes, das fett werden will an euren kranken wunden Winkeln.

2454

Parasite: that is a worm, a creeping, cringing thing, that seeks to grow fat on your infirm and wounded recesses.

2455

Und das ist seine Kunst, daß ersteigende Seelen errät, wo sie müde sind: in euren Gram und Unmut, in eure zarte Scham baut er sein ekles Nest.

2455

And this is its art: to divine ascending souls where they grow weary; in your grief and discontent, in your tender shame, it builds its loathsome nest.

2456

Wo der Starke schwach, der Edle allzumild ist – dahinein baut er sein ekles Nest: der Schmarotzer wohnt, wo der Große kleine wunde Winkel hat.

2456

Where the strong are frail, where the noble are overgentle — there it builds its loathsome nest: the parasite dwells where the great have small, wounded recesses.

2457

Was ist die höchste Art alles Seienden und was die geringste? Der[454] Schmarotzer ist die geringste Art; wer aber höchster Art ist, der ernährt die meisten Schmarotzer.

2457

What is the highest type of all beings and what the lowest? The parasite is the lowest type; but he who is of the highest kind sustains the most parasites.

2458

Die Seele nämlich, welche die längste Leiter hat und am tiefsten hinunter kann: wie sollten nicht an der die meisten Schmarotzer sitzen?

2458

For the soul that has the longest ladder and can descend deepest—how could it not harbor the most parasites?

2459

– die umfänglichste Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren und schweifen kann; die notwendigste, welche sich aus Lust in den Zufall stürzt: –

2459

—the most expansive soul, which may roam and stray furthest within itself; the most necessary soul, which in ecstasy plunges into chance:—

2460

– die seiende Seele, welche ins Werden taucht; die habende, welche ins Wollen und Verlangen will: –

2460

—the soul that is, diving into becoming; the soul that has, yet wills to enter wanting and desire:—

2461

– die sich selber fliehende, die sich selber im weitesten Kreise einholt; die weiseste Seele, welcher die Narrheit am süßesten zuredet: –

2461

—the soul fleeing itself, encircling itself in the widest orbit; the wisest soul, to whom folly speaks most sweetly:—

2462

– die sich selber liebendste, in der alle Dinge ihr Strömen und Widerströmen und Ebbe und Flut haben: – o wie sollte die höchste Seele nicht die schlimmsten Schmarotzer haben?

2462

—the soul most in love with itself, in whom all things find their ebb and flow, surge and tide:—oh, how could the highest soul not have the vilest parasites?

2463

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2464

O meine Brüder, bin ich denn grausam? Aber ich sage: was fällt, das soll man auch noch stoßen!

2464

O my brothers, am I then cruel? Yet I say: what is falling should also be pushed!

2465

Das Alles von heute – das fällt, das verfällt: wer wollte es halten! Aber ich – ich will es noch stoßen!

2465

All that is of today—it falls, it decays—who would preserve it? But I—I will push it further!

2466

Kennt ihr die Wollust, die Steine in steile Tiefen rollt? – Diese Menschen von heute: seht sie doch, wie sie in meine Tiefe rollen!

2466

Do you know the rapture of rolling stones into precipitous depths?—Behold these moderns, how they tumble into my abyss!

2467

Ein Vorspiel bin ich besserer Spieler, o meine Brüder! Ein Beispiel! Tut nach meinem Beispiele!

2467

I am a prelude to better players, O my brothers! An example! Follow my example!

2468

Und wen ihr nicht fliegen lehrt, den lehrt mir – schneller fallen! –[455]

2468

And whom you cannot teach to fly, teach instead to—fall faster!—[455]

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2470

Ich liebe die Tapferen: aber es ist nicht genug, Hau-Degen sein – man muß auch wissen Hau-schau-wen!

2470

I love the brave: but it is not enough to be a swordsman who slashes—one must also know whom to slash!

2471

Und oft ist mehr Tapferkeit darin, daß einer an sich hält und vorübergeht: damit er sich dem würdigeren Feinde aufspare!

2471

And often there is greater bravery in restraining oneself and passing by—to save oneself for a worthier enemy!

2472

Ihr sollt nur Feinde haben, die zu hassen sind, aber nicht Feinde zum Verachten: ihr müßt stolz auf euren Feind sein: also lehrte ich schon einmal.[455]

2472

You shall have only enemies to be hated, not enemies to be despised: you must take pride in your enemy—thus I once taught.[455]

2473

Dem würdigeren Feinde, o meine Freunde, sollt ihr euch aufsparen: darum müßt ihr an vielem vorübergehn, –

2473

For the worthier enemy, O my friends, you must reserve yourselves: therefore you must pass by much—

2474

– sonderlich an vielem Gesindel, das euch in die Ohren lärmt von Volk und Völkern.

2474

—especially the rabble who clamor in your ears about "peoples" and "nations."

2475

Haltet euer Auge rein von ihrem Für und Wider! Da gibt es viel Recht, viel Unrecht: wer da zusieht, wird zornig.

2475

Keep your eyes untainted by their pros and cons! There is much right and wrong here: whoever gazes upon it grows wrathful.

2476

Dreinschaun, dreinhaun – das ist da eins: darum geht weg in die Wälder und legt euer Schwert schlafen!

2476

To glare and to strike—here they are one: therefore withdraw into the forests and let your swords sleep!

2477

Geht eure Wege! Und laßt Volk und Völker die ihren gehn! – dunkle Wege wahrlich, auf denen auch nicht eine Hoffnung mehr wetterleuchtet!

2477

Walk your paths! Let peoples and nations walk theirs!—dark paths, truly, where not even a single hope flashes!

2478

Mag da der Krämer herrschen, wo alles, was noch glänzt – Krämer-Gold ist! Es ist die Zeit der Könige nicht mehr: was sich heute Volk heißt, verdient keine Könige.

2478

Let hucksters rule where all that glitters—is huckster-gold! This is no age for kings: what now calls itself a people deserves no kings.

2479

Seht doch, wie diese Völker jetzt selber den Krämern gleich tun: sie lesen sich die kleinsten Vorteile noch aus jedem Kehricht!

2479

Observe how these peoples themselves mimic hucksters: they pick even the pettiest advantages from every heap of refuse!

2480

Sie lauern einander auf, sie lauern einander etwas ab – das heißen sie »gute Nachbarschaft«. O selige ferne Zeit, wo ein Volk sich sagte: »ich will über Völker – Herr sein!«

2480

They lie in wait for one another, they spy on one another—this they call "good neighborliness." O blessed distant age when a people declared: "I shall be—master over peoples!"

2481

Denn, meine Brüder: das Beste soll herrschen, das Beste will auch herrschen! Und wo die Lehre anders lautet, da – fehlt es am Besten.

2481

For, my brothers: the best must rule, and the best wills to rule! Where the teaching says otherwise—there the best is lacking.

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22

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2483

Wenn die – Brot umsonst hätten, wehe! Wonach würden die schrein! Ihr Unterhalt – das ist ihre rechte Unterhaltung; und sie sollen es schwer haben!

2483

If bread were given freely to these—woe! For what would they clamor? Their sustenance—that is their true amusement; let it remain hard-won!

2484

Raubtiere sind es: in ihrem »Arbeiten« – da ist auch noch Rauben, in ihrem »Verdienen« – da ist auch noch Überlisten! Darum sollen sie es schwer haben!

2484

They are beasts of prey: in their "laboring"—there is still plundering; in their "earning"—there is still swindling! Let them thus struggle!

2485

Bessere Raubtiere sollen sie also werden, feinere, klügere, menschen-ähnlichere: der Mensch nämlich ist das beste Raubtier.

2485

Let them become finer beasts of prey, subtler, wiser, more human-like: for of all beasts of prey, man is the most excellent.

2486

Allen Tieren hat der Mensch schon ihre Tugenden abgeraubt: das macht, von allen Tieren hat es der Mensch am schwersten gehabt.

2486

To all animals has man already stolen their virtues: this makes man's existence the most arduous of all creatures.

2487

Nur noch die Vögel sind über ihm. Und wenn der Mensch noch fliegen lernte, wehe! wohinauf – würde seine Raublust fliegen![456]

2487

Only birds remain above him. And should man yet learn to fly, alas! whither – would his rapacious lust fly![456]

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2489

So will ich Mann und Weib: kriegstüchtig den einen, gebärtüchtig das andre, beide aber tanztüchtig mit Kopf und Beinen.

2489

Thus do I desire man and woman: the one fit for battle, the other fit for bearing, yet both dance-ready with head and limbs.

2490

Und verloren sei uns der Tag, wo nicht einmal getanzt wurde! Und falsch heiße uns jede Wahrheit, bei der es nicht ein Gelächter gab!

2490

And lost be to us the day when no dancing occurred! And false be deemed every truth where no laughter accompanied it!

2491

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2492

Euer Eheschließen: seht zu, daß es nicht ein schlechtes Schließen sei! Ihr schlosset zu schnell: so folgt daraus – Ehebrechen!

2492

Your marriage-making: see that it not become a wretched binding! You bind too swiftly—thus follows marriage-breaking!

2493

Und besser noch Ehebrechen als Ehe-biegen, Ehe-lügen! – So sprach mir ein Weib: »wohl brach ich die Ehe, aber zuerst brach die Ehe – mich!«

2493

Better marriage-breaking than marriage-bending, marriage-lying!—Thus spoke a woman to me: “I broke marriage, but first marriage broke—me!”

2494

Schlimm-Gepaarte fand ich immer als die schlimmsten Rachsüchtigen: sie lassen es aller Welt entgelten, daß sie nicht mehr einzeln laufen.

2494

Ill-matched pairs I’ve always found the bitterest avengers: they make the whole world pay for no longer running solitary.

2495

Deswillen will ich, daß Redliche zueinander reden: »wir lieben uns: laßt uns zusehn, daß wir uns lieb behalten! Oder soll unser Versprechen ein Versehen sein?

2495

Therefore I bid the upright speak thus: “We love each other: let us see that we keep loving! Or was our promise a miscalculation?

2496

– Gebt uns eine Frist und kleine Ehe, daß wir zu sehn, ob wir zur großen Ehe taugen! Es ist ein großes Ding, immer zu zweien sein!«

2496

—Grant us a reprieve and trial marriage, that we may discern our fitness for greater union! To dwell ever paired is no small matter!”

2497

Also rate ich allen Redlichen; und was wäre denn meine Liebe zum Übermenschen und zu allem, was kommen soll, wenn ich anders riete und redete!

2497

Such counsel I give all upright ones; for what would my love for the Overman and all that is to come signify, were I to counsel and speak otherwise!

2498

Nicht nur fort euch zu pflanzen, sondern hinauf – dazu, o meine Brüder, helfe euch der Garten der Ehe!

2498

Not merely to propagate yourselves, but to propagate upward—may the garden of marriage aid you in this, O my brothers!

2499

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2500

Wer über alte Ursprünge weise wurde, siehe, der wird zuletzt nach Quellen der Zukunft suchen und nach neuen Ursprüngen. –

2500

Who grows wise concerning ancient origins will ultimately seek future springs and new beginnings.—

2501

O meine Brüder, es ist nicht über lange, da werden neue Völker entspringen und neue Quellen hinab in neue Tiefen rauschen.

2501

O my brothers, ere long shall new peoples arise and new torrents roar into uncharted depths.

2502

Das Erdbeben nämlich – das verschüttet viel Brunnen, das schafft viel Verschmachten: das hebt auch innre Kräfte und Heimlichkeiten ans Licht.[457]

2502

For the earthquake—it buries many wells, it breeds much thirst—yet it also raises inner forces and secrets to light.[457]

2503

Das Erdbeben macht neue Quellen offenbar. Im Erdbeben alter Völker brechen neue Quellen aus.

2503

The earthquake reveals new springs. In the earthquake of ancient peoples, new fountains erupt.

2504

Und wer da ruft: »Siehe hier ein Brunnen für viele Durstige, ein Herz für viele Sehnsüchtige, ein Wille für viele Werkzeuge«: – um den sammelt sich ein Volk, das ist: viel Versuchende.

2504

And whoever cries: “Behold a well for the parched multitude, one heart for the yearning, one will for myriad tools!”—around such a one gathers a people: multitudes of experimenters.

2505

Wer befehlen kann, wer gehorchen muß – das wird da versucht! Ach, mit welch langem Suchen und Raten und Mißraten und Lernen und Neu-Versuchen!

2505

Who can command, who must obey—therein lies the trial! Ah, what protracted seeking, guessing, erring, learning, and fresh attempts!

2506

Die Menschen-Gesellschaft: die ist ein Versuch, so lehre ich's – ein langes Suchen: sie sucht aber den Befehlenden! –

2506

Human society: an experiment, thus I teach—a prolonged seeking: yet it seeks the commander!—

2507

– ein Versuch, o meine Brüder! Und kein »Vertrag«! Zerbrecht, zerbrecht mir solch Wort der Weich-Herzen und Halb- und Halben!

2507

—An experiment, O my brothers! Not some “contract”! Shatter, shatter this word of the tender-hearted and half-hearted!

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2509

O meine Brüder! Bei welchen liegt doch die größte Gefahr aller Menschen-Zukunft? Ist es nicht bei den Guten und Gerechten? –

2509

O my brothers! Where lies the greatest peril for all humanity’s future? Is it not with the Good and the Just?—

2510

– als bei denen, die sprechen und im Herzen fühlen: »Wir wissen schon, was gut ist und gerecht, wir haben es auch; wehe denen, die hier noch suchen!«

2510

—With those who say and feel in their hearts: “We already know what is good and just, we possess it; woe unto those still seeking here!”

2511

Und was für Schaden auch die Bösen tun mögen: der Schaden der Guten ist der schädlichste Schaden!

2511

Whatever harm the wicked may inflict—the harm of the Good is the most calamitous harm!

2512

Und was für Schaden auch die Welt-Verleumder tun mögen: der Schaden der Guten ist der schädlichste Schaden.

2512

Whatever harm the world-slanderers may wreak—the harm of the Good remains the deadliest poison.

2513

O meine Brüder, den Guten und Gerechten sah einer einmal ins Herz, der da sprach: »es sind die Pharisäer«. Aber man verstand ihn nicht.

2513

O my brothers, one who peered into the hearts of the Good and Just declared: “They are the Pharisees.” But none understood him.

2514

Die Guten und Gerechten selber durften ihn nicht verstehen: ihr Geist ist eingefangen in ihr gutes Gewissen. Die Dummheit der Guten ist unergründlich klug.

2514

The good and the Just themselves could not understand him: their spirit is imprisoned by their good conscience. The stupidity of the Good is unfathomably clever.

2515

Das aber ist die Wahrheit: die Guten müssen Pharisäer sein – sie haben keine Wahl!

2515

But this is the truth: the Good must be Pharisees—they have no choice!

2516

Die Guten müssen den kreuzigen, der sich seine eigne Tugend erfindet! Das ist die Wahrheit!

2516

The Good must crucify him who invents his own virtue! That is the truth!

2517

Der zweite aber, der ihr Land entdeckte, Land, Herz und Erdreich der Guten und Gerechten: das war, der da fragte: »wen hassen sie am meisten?«[458]

2517

But the second, who discovered their land—the land, heart, and soil of the good and the Just—was he who asked: “Whom do they hate most?”

2518

Den Schaffenden hassen sie am meisten: den, der Tafeln bricht und alte Werte, den Brecher – den heißen sie Verbrecher.

2518

They hate the creators most: him who breaks tablets and old values, the breaker—they call him a criminal.

2519

Die Guten nämlich – die können nicht schaffen: die sind immer der Anfang vom Ende: –

2519

For the Good cannot create: they are always the beginning of the end—

2520

– sie kreuzigen den, der neue Werte auf neue Tafeln schreibt, sie opfern sich die Zukunft – sie kreuzigen alle Menschen-Zukunft!

2520

—they crucify him who writes new values on new tablets, they sacrifice the future to themselves—they crucify all Human-Future!

2521

Die Guten – die waren immer der Anfang vom Ende. –

2521

The Good—they have always been the beginning of the end.—

2522

27

2522

27

2523

O meine Brüder, verstandet ihr auch dies Wort? Und was ich einst sagte vom »letzten Menschen«? – –

2523

O my brothers, did you grasp this word? And what I once said of the “last men”?— —

2524

Bei welchen liegt die größte Gefahr aller Menschen-Zukunft? Ist es nicht bei den Guten und Gerechten?

2524

Where lies the greatest danger to all Human-Future? Is it not with the good and the Just?

2525

Zerbrecht, zerbrecht mir die Guten und Gerechten! – O meine Brüder, verstandet ihr auch dies Wort?

2525

Smash, smash for me the good and the Just!—O my brothers, have you understood this word?

2526

28

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2527

Ihr flieht von mir? Ihr seid erschreckt? Ihr zittert vor diesem Worte?

2527

Do you flee from me? Are you terrified? Do you tremble at this word?

2528

O meine Brüder, als ich euch die Guten zerbrechen hieß und die Tafeln der Guten: da erst schiffte ich den Menschen ein auf seine hohe See.

2528

O my brothers, when I commanded you to shatter the Good and their tablets: only then did I launch humanity onto the high seas.

2529

Und nun erst kommt ihm der große Schrecken, das große Umsich-sehn, die große Krankheit, der große Ekel, die große See-Krankheit.

2529

And now at last comes the great terror, the great looking-around, the great sickness, the great nausea, the great seasickness.

2530

Falsche Küsten und falsche Sicherheiten lehrten euch die Guten; in Lügen der Guten wart ihr geboren und geborgen. Alles ist in den Grund hinein verlogen und verbogen durch die Guten.

2530

False shores and false securities did the Good teach you; in the lies of the Good were you born and sheltered. All things are rotted and warped to their core by the Good.

2531

Aber wer das Land »Mensch« entdeckte, entdeckte auch das Land »Menschen-Zukunft«. Nun sollt ihr mir Seefahrer sein, wackere, geduldsame!

2531

But whoever discovered the land “Human” also discovered the land “Human-Future.” Now you shall be seafarers for me—sturdy, patient!

2532

Aufrecht geht mir beizeiten, o meine Brüder, lernt aufrecht gehn! Das Meer stürmt: viele wollen an euch sich wieder aufrichten.

2532

Walk upright in good time, O my brothers, learn to walk upright! The sea storms: many will seek to right themselves through you.

2533

Das Meer stürmt: alles ist im Meere. Wohlan! Wohlauf! Ihr alten Seemanns-Herzen![459]

2533

The sea storms: all is in the sea. Onward! Upward! You old mariner-hearts!

2534

Was Vaterland! Dorthin will unser Steuer, wo unser Kinder-Land ist! Dorthinaus, stürmischer als das Meer, stürmt unsre große Sehnsucht! –

2534

What is fatherland! Thither our helm points, where our children’s land lies! Thitherward, stormier than the sea, storms our great longing!—

2535

29

2535

29

2536

»Warum so hart!« – sprach zum Diamanten einst die Küchen-Kohle; »sind wir denn nicht Nah-Verwandte?« –

2536

“Why so hard?”—the kitchen coal once said to the diamond; “are we not close kindred?”—

2537

Warum so weich? O meine Brüder, also frage ich euch: seid ihr denn nicht – meine Brüder?

2537

Why so soft? O my brothers, thus I ask you: are you not—my brothers?

2538

Warum so weich, so weichend und nachgebend? Warum ist so viel Leugnung, Verleugnung in eurem Herzen? So wenig Schicksal in eurem Blicke?

2538

Why so soft, so yielding and pliant? Why is there so much denial, self-denial in your hearts? So little destiny in your gaze?

2539

Und wollt ihr nicht Schicksale sein und Unerbittliche: wie könntet ihr mit mir – siegen?


Und wenn eure Härte nicht blitzen und scheiden und zerschneiden will: wie könntet ihr einst mit mir – schaffen?

2539

And if your hardness does not flash and sever and cut through: how could you one day—create with me?

2540

Die Schaffenden nämlich sind hart. Und Seligkeit muß es euch dünken, eure Hand auf Jahrtausende zu drücken wie auf Wachs, –

2540

For creators are hard. And bliss must it seem to you to press your hand upon millennia as upon wax—

2541

– Seligkeit, auf dem Willen von Jahrtausenden zu schreiben wie auf Erz, – härter als Erz, edler als Erz. Ganz hart ist allein das Edelste.

2541

—bliss to write upon the will of millennia as upon bronze—harder than bronze, nobler than bronze. Only the noblest is wholly hard.

2542

Diese neue Tafel, o meine Brüder, stelle ich über euch: werdet hart!

2542

This new tablet, O my brothers, I place over you: become hard!

2543

30

2543

30

2544

O du mein Wille! Du Wende aller Not, du meine Notwendigkeit! Bewahre mich vor allen kleinen Siegen!

2544

O you my Will! You turning point of all distress, my necessity! Preserve me from all petty victories!

2545

Du Schickung meiner Seele, die ich Schicksal heiße! Du In-mir! Über-mir! Bewahre und spare mich auf zu einem großen Schicksale!

2545

You destiny of my soul, whom I name Fate! You Within-me! Above-me! Preserve and hoard me for one great destiny!

2546

Und deine letzte Größe, mein Wille, spare dir für dein letztes auf – daß du unerbittlich bist in deinem Siege! Ach, wer unterlag nicht seinem Siege!

2546

And your ultimate greatness, my Will, reserve for your final hour – that you remain unrelenting in your victory! Alas, who has not succumbed to their triumph!

2547

Ach, wessen Auge dunkelte nicht in dieser trunkenen Dämmerung! Ach, wessen Fuß taumelte nicht und verlernte im Siege – stehen! –

2547

Alas, whose eye does not darken in this drunken twilight! Alas, whose foot does not stagger and forget, in victory – how to stand! –

2548

– Daß ich einst bereit und reif sei im großen Mittage: bereit und reif gleich glühendem Erze, blitzschwangrer Wolke und schwellendem Milch-Euter: –[460]

2548

– That I may one day be prepared and ripe in the great noontide: prepared and ripe like molten ore, a lightning-pregnant cloud, and swelling udders of milk: –

2549

– bereit zu mir selber und zu meinem verborgensten Willen: ein Bogen brünstig nach seinem Pfeile, ein Pfeil brünstig nach seinem Sterne: –

2549

– prepared for myself and for my most hidden Will: a bow lusting for its arrow, an arrow lusting for its star: –

2550

– ein Stern, bereit und reif in seinem Mittage, glühend, durchbohrt, selig vor vernichtenden Sonnen-Pfeilen: –

2550

– a star ready and ripe in its noontide, glowing, pierced, blissful before annihilating sun-arrows: –

2551

– eine Sonne selber und ein unerbittlicher Sonnen-Wille, zum Vernichten bereit im Siegen!

2551

– a sun itself and an unrelenting solar Will, ready to destroy in victory!

2552

O Wille, Wende aller Not, du meine Notwendigkeit! Spare mich auf zu einem großen Siege! – –

2552

O Will, turning-point of all necessity, you my necessity! Hoard me for one great victory! – –

2553

Also sprach Zarathustra.[461]

2553

Thus spoke Zarathustra.

2554

Der Genesende

2554

The Convalescent

2555

1

2555

1

2556

Eines Morgens, nicht lange nach seiner Rückkehr zur Höhle, sprang Zarathustra von seinem Lager auf wie ein Toller, schrie mit furchtbarer Stimme und gebärdete sich, als ob noch einer auf dem Lager läge, der nicht davon aufstehn wolle; und also tönte Zarathustras Stimme, daß seine Tiere erschreckt hinzukamen, und daß aus allen Höhlen und Schlupfwinkeln, die Zarathustras Höhle benachbart waren, alles Getier davonhuschte – fliegend, flatternd, kriechend, springend, wie ihm nur die Art von Fuß und Flügel gegeben war. Zarathustra aber redete diese Worte:

2556

One morning, not long after returning to his cave, Zarathustra leapt from his bed like a madman, roared with a terrible voice, and gesticulated as though someone still lay upon the couch unwilling to rise. And Zarathustra's voice resounded so fiercely that his animals came running in terror, and from every cave and crevice neighboring his abode, all creatures fled – winging, fluttering, crawling, leaping, each according to its gifts of limb and wing. But Zarathustra spoke these words:

2557

Herauf, abgründlicher Gedanke, aus meiner Tiefe! Ich bin dein Hahn und Morgen-Grauen, verschlafener Wurm: auf! auf! Meine Stimme soll dich schon wach krähen!

2557

Arise, abysmal thought, from my depths! I am your rooster and dawn, you drowsy worm: up! up! My voice shall crow you awake!

2558

Knüpfe die Fessel deiner Ohren los: horche! Denn ich will dich hören! Auf! Auf! Hier ist Donners genug, daß auch Gräber horchen lernen!

2558

Unfasten the fetter of your ears: hearken! For I will make you hear! Up! Up! Here is thunder enough to teach graves to listen!

2559

Und wische den Schlaf und alles Blöde, Blinde aus deinen Augen! Höre mich auch mit deinen Augen: meine Stimme ist ein Heilmittel noch für Blindgeborne.

2559

And wipe the sleep and all dim, blind folly from your eyes! Hear me even with your eyes: my voice is a remedy even for those born blind.

2560

Und bist du erst wach, sollst du mir ewig wach bleiben. Nicht ist das meine Art, Urgroßmütter aus dem Schlafe wecken, daß ich sie heiße – weiterschlafen![461]

2560

And once awakened, you shall stay awake eternally. It is not my way to rouse great-grandmothers from sleep only to bid them – sleep on!

2561

Du regst dich, dehnst dich, röchelst? Auf! Auf! Nicht röcheln – reden sollst du mir! Zarathustra ruft dich, der Gottlose!

2561

You stir, stretch, gasp? Up! Up! No gasping – you shall speak to me! Zarathustra summons you, the godless one!

2562

Ich, Zarathustra, der Fürsprecher des Lebens, der Fürsprecher des Leidens, der Fürsprecher des Kreises – dich rufe ich, meinen abgründlichsten Gedanken!

2562

I, Zarathustra, advocate of life, advocate of suffering, advocate of the circle – I call you, my most abysmal thought!

2563

Heil mir! Du kommst – ich höre dich! Mein Abgrund redet, meine letzte Tiefe habe ich ans Licht gestülpt!

2563

Hail to me! You come – I hear you! My abyss speaks, my ultimate depth I have overturned into light!

2564

Heil mir! Heran! Gib die Hand – – ha! laß! Haha! – – Ekel, Ekel, Ekel – – – wehe mir!

2564

Hail to me! Come! Give your hand – – ha! let go! Haha! – – Disgust, disgust, disgust – – – woe is me!

2565

2

2565

2

2566

Kaum aber hatte Zarathustra diese Worte gesprochen, da stürzte er nieder gleich einem Toten und blieb lange wie ein Toter. Als er aber wieder zu sich kam, da war er bleich und zitterte und blieb liegen und wollte lange nicht essen noch trinken. Solches Wesen dauerte an ihm sieben Tage; seine Tiere verließen ihn aber nicht bei Tag und Nacht, es sei denn, daß der Adler ausflog, Speise zu holen. Und was er holte und zusammenraubte, das legte er auf Zarathustras Lager: also daß Zarathustra endlich unter gelben und roten Beeren, Trauben, Rosenäpfeln, wohlriechendem Krautwerke und Pinien-Zapfen lag. Zu seinen Füßen aber waren zwei Lämmer gebreitet, welche der Adler mit Mühe ihren Hirten abgeraubt hatte.

2566

But scarcely had Zarathustra uttered these words when he collapsed like one dead and remained long as a corpse. When he came to himself again, he was pale and trembling and lay still, refusing food and drink. This condition lasted seven days; yet his animals did not forsake him day or night, save when the eagle flew forth to fetch prey. And whatever it seized and scavenged, it laid upon Zarathustra’s bed: thus he lay at last among yellow and red berries, grapes, rose-apples, fragrant herbs, and pine cones. At his feet two lambs were spread, which the eagle had with difficulty wrested from their shepherds.

2567

Endlich, nach sieben Tagen, richtete sich Zarathustra auf seinem Lager auf, nahm einen Rosenapfel in die Hand, roch daran und fand seinen Geruch lieblich. Da glaubten seine Tiere, die Zeit sei gekommen, mit ihm zu reden.

2567

At last, after seven days, Zarathustra raised himself on his bed, took a rose-apple in his hand, smelled it, and found its fragrance pleasing. Then his animals deemed the time had come to speak with him.

2568

»O Zarathustra«, sagten sie, »nun liegst du schon sieben Tage so, mit schweren Augen: willst du dich nicht endlich wieder auf deine Füße stellen?

2568

“O Zarathustra,” they said, “you have lain thus for seven days with heavy eyes: will you not at last rise to your feet?

2569

Tritt hinaus aus deiner Höhle: die Welt wartet dein wie ein Garten. Der Wind spielt mit schweren Wohlgerüchen, die zu dir wollen; und alle Bäche möchten dir nachlaufen.

2569

Step forth from your cave: the world awaits you like a garden. The wind plays with heavy fragrances that long for you; and all streams would run after you.

2570

Alle Dinge sehnen sich nach dir, dieweil du sieben Tage allein bliebst, – tritt hinaus aus deiner Höhle! Alle Dinge wollen deine Ärzte sein![462]

2570

All things yearn for you, since you remained alone seven days—step forth from your cave! All things would be your physicians![462]

2571

Kam wohl eine neue Erkenntnis zu dir, eine saure, schwere? Gleich angesäuertem Teige lagst du, deine Seele ging auf und schwoll über alle ihre Ränder. –«

2571

Has some new knowledge come to you, a bitter, heavy thing? Like leavened dough you lay; your soul rose and swelled beyond all its bounds. –”

2572

– O meine Tiere, antwortete Zarathustra, schwätzt also weiter und laßt mich zuhören! Es erquickt mich so, daß ihr schwätzt: wo geschwätzt wird, da liegt mir schon die Welt wie ein Garten.

2572

– “O my animals,” answered Zarathustra, “prattle on and let me listen! It refreshes me so to hear you chatter: where there is chatter, the world lies before me already as a garden.

2573

Wie lieblich ist es, daß Worte und Töne da sind: sind nicht Worte und Töne Regenbogen und Schein-Brücken zwischen Ewig-Geschiedenem?

2573

How lovely that words and tones exist: are words and tones not rainbows and illusory bridges between eternally divided things?

2574

Zu jeder Seele gehört eine andre Welt; für jede Seele ist jede andre Seele eine Hinterwelt.

2574

To each soul belongs another world; to every soul, every other soul is an afterworld.

2575

Zwischen dem Ähnlichsten gerade lügt der Schein am schönsten; denn die kleinste Kluft ist am schwersten zu überbrücken.

2575

Between the most similar of things, illusion lies most beautifully; for the smallest chasm is the hardest to bridge.

2576

Für mich – wie gäbe es ein Außer-mir? Es gibt kein Außen! Aber das vergessen wir bei allen Tönen; wie lieblich ist es, daß wir vergessen!

2576

For me—how could there be an outside-of-me? There is no outside! But this we forget with every sound; how sweet it is that we forget!

2577

Sind nicht den Dingen Namen und Töne geschenkt, daß der Mensch sich an den Dingen erquicke? Es ist eine schöne Narretei, das Sprechen: damit tanzt der Mensch über alle Dinge.

2577

Are names and sounds not given to things so that humankind may take delight in them? Speaking is a beautiful folly: with it, man dances over all things.

2578

Wie lieblich ist alles Reden und alle Lüge der Töne! Mit Tönen tanzt unsre Liebe auf bunten Regenbögen. –

2578

How delightful is all speech and all the lies of sounds! Upon colorful rainbows does our love dance with tones. –

2579

– »O Zarathustra«, sagten darauf die Tiere, »solchen, die denken wie wir, tanzen alle Dinge selber: das kommt und reicht sich die Hand und lacht und flieht – und kommt zurück.

2579

– “O Zarathustra,” said his animals then, “to those who think as we do, all things themselves dance: they come and clasp hands, laugh, and flee—and return.

2580

Alles geht, alles kommt zurück; ewig rollt das Rad des Seins. Alles stirbt, alles blüht wieder auf, ewig läuft das Jahr des Seins.

2580

All things pass, all things return; eternally rolls the wheel of Being. All things die, all things blossom anew; eternally runs the year of Being.

2581

Alles bricht, alles wird neu gefügt; ewig baut sich das gleiche Haus des Seins. Alles scheidet, alles grüßt sich wieder; ewig bleibt sich treu der Ring des Seins.

2581

All things break, all things are joined anew; eternally builds itself the same house of Being. All things part, all things greet each other again; eternally remains faithful the ring of Being.

2582

In jedem Nu beginnt das Sein; um jedes Hier rollt sich die Kugel Dort. Die Mitte ist überall. Krumm ist der Pfad der Ewigkeit.« –

2582

In every Now, Being begins; around every Here rolls the sphere There. The center is everywhere. Crooked is the path of eternity.” –

2583

– O ihr Schalks-Narren und Drehorgeln! antwortete Zarathustra und lächelte wieder, wie gut wißt ihr, was sich in sieben Tagen erfüllen mußte: –

2583

– “O you rogues and barrel-organs!” answered Zarathustra, smiling once more, “how well you know what had to be fulfilled in seven days: –

2584

– und wie jenes Untier mir in den Schlund kroch und mich würgte! Aber ich biß ihm den Kopf ab und spie ihn weg von mir.[463]

2584

—and how that beast crawled into my gullet and choked me! But I bit off its head and spat it out.[463]

2585

Und ihr – ihr machtet schon ein Leier-Lied daraus? Nun aber liege ich da, müde noch von diesem Beißen und Wegspein, krank noch von der eigenen Erlösung.

2585

And you—you already fashioned this into a lyre-song? Now I lie here, still weary from this biting and spitting, still sick from my own redemption.

2586

Und ihr schautet dem allen zu? O meine Tiere, seid auch ihr grausam? Habt ihr meinem großen Schmerze zuschaun wollen, wie Menschen tun? Der Mensch nämlich ist das grausamste Tier.

2586

And you watched all this? O my beasts, are you too cruel? Did you wish to behold my great pain, as humans do? For man is the cruelest animal.

2587

Bei Trauerspielen, Stierkämpfen und Kreuzigungen ist es ihm bisher am wohlsten geworden auf Erden; und als er sich die Hölle erfand, siehe, da war das sein Himmel auf Erden.

2587

At tragic plays, bullfights, and crucifixions, he has felt most at ease on earth; and when he invented hell—behold, that became his heaven on earth.

2588

Wenn der große Mensch schreit –: flugs läuft der kleine hinzu; und die Zunge hängt ihm aus dem Halse vor Lüsternheit. Er aber heißt es sein »Mitleiden«.

2588

When the great man cries out—the small man comes running; his tongue hangs from his throat with lust. Yet he calls this his “compassion.”

2589

Der kleine Mensch, sonderlich der Dichter – wie eifrig klagt er das Leben in Worten an! Hört hin, aber überhört mir die Lust nicht, die in allem Anklagen ist!

2589

The small man, especially the poet—how eagerly he accuses life with words! Listen, but do not miss the glee hidden in all accusation!

2590

Solche Ankläger des Lebens: die überwindet das Leben mit einem Augenblinzeln. »Du liebst mich?« sagt die Freche; »warte noch ein wenig, noch habe ich für dich nicht Zeit.«

2590

Such accusers of life—life overcomes them with a blink of an eye. “Do you love me?” says the brazen one. “Wait a little longer—I have no time for you yet.”

2591

Der Mensch ist gegen sich selber das grausamste Tier; und bei allem, was sich »Sünder« und »Kreuzträger« und »Büßer« heißt, überhört mir die Wollust nicht, die in diesem Klagen und Anklagen ist!

2591

Man is the cruelest animal toward himself. And for all who call themselves “sinners,” “cross-bearers,” or “penitents”—do not overlook the rapture in their lamentation and blame!

2592

Und ich selber – will ich damit des Menschen Ankläger sein? Ach, meine Tiere, das allein lernte ich bisher, daß dem Menschen sein Bösestes nötig ist zu seinem Besten, –

2592

And I myself—do I thus become man’s accuser? Ah, my beasts, this alone have I learned so far: that the worst in man is necessary for his best—

2593

– daß alles Böseste seine beste Kraft ist und der härteste Stein dem höchsten Schaffenden; und daß der Mensch besser und böser werden muß: –

2593

—that all that is most wicked is his greatest strength, the hardest stone for the highest creator; and that man must grow better and worse:—

2594

Nicht an dies Marterholz war ich geheftet, daß ich weiß: der Mensch ist böse – sondern ich schrie, wie noch niemand geschrien hat:

2594

I was not nailed to this torture-stake to know that man is wicked—but I cried as none has ever cried:

2595

»Ach, daß sein Bösestes so gar klein ist! Ach, daß sein Bestes so gar klein ist!«

2595

“Alas, that his wickedest is still so small! Alas, that his best is still so small!”

2596

Der große Überdruß am Menschen – der würgte mich und war mir in den Schlund gekrochen: und was der Wahrsager wahrsagte: »Alles ist gleich, es lohnt sich nichts, Wissen würgt.«

2596

The great weariness with man—this choked me and crawled into my gullet. And what the soothsayer foretold: “All is the same, nothing is worthwhile, knowledge chokes.”

2597

Eine lange Dämmerung hinkte vor mir her, eine todesmüde, todestrunkene Traurigkeit, welche mit gähnendem Munde redete.[464]

2597

A long twilight limped before me, a death-weary, death-drunk sorrow that spoke with a yawning mouth.[464]

2598

»Ewig kehrt er wieder, der Mensch, des du müde bist, der kleine Mensch« – so gähnte meine Traurigkeit und schleppte den Fuß und konnte nicht einschlafen.

2598

“Eternally he returns, the man of whom you are weary, the small man”—so yawned my sorrow, dragging its foot, unable to sleep.

2599

Zur Höhle wandelte sich mir die Menschen-Erde, ihre Brust sank hinein, alles Lebendige ward mir Menschen-Moder und Knochen und morsche Vergangenheit.

2599

The earth of man transformed into a cavern for me; its breast sank inward, all that lived became human decay and bones and moldering past.

2600

Mein Seufzen saß auf allen Menschen-Gräbern und konnte nicht mehr aufstehn; mein Seufzen und Fragen unkte und würgte und nagte und klagte bei Tag und Nacht:

2600

My sighing perched on all human graves and could no longer rise; my sighing and questioning croaked, choked, gnawed, and wailed day and night:

2601

– »ach, der Mensch kehrt ewig wieder! Der kleine Mensch kehrt ewig wieder!«

2601

—“Ah, man returns eternally! The small man returns eternally!”

2602

Nackt hatte ich einst beide gesehn, den größten Menschen und den kleinsten Menschen: allzuähnlich einander – allzumenschlich auch den Größten noch!

2602

Once I saw them both naked, the greatest man and the smallest man: all too alike—even the greatest, all too human!

2603

Allzuklein der Größte! – das war mein Überdruß am Menschen! Und ewige Wiederkunft auch des Kleinsten! – das war mein Überdruß an allem Dasein!

2603

The greatest all too small!—that was my weariness with man! And the eternal recurrence even of the smallest!—that was my weariness with all existence!

2604

Ach, Ekel! Ekel! Ekel! – – Also sprach Zarathustra und seufzte und schauderte; denn er erinnerte sich seiner Krankheit. Da ließen ihn aber seine Tiere nicht weiterreden.

2604

Ah, Disgust! Disgust! Disgust!— —Thus spoke Zarathustra, sighing and shuddering, for he remembered his sickness. But his beasts would not let him speak further.

2605

»Sprich nicht weiter, du Genesender!« – so antworteten ihm seine Tiere, »sondern geh hinaus, wo die Welt auf dich wartet gleich einem Garten.

2605

"Speak no more, O convalescent!" – thus answered his animals, "but go forth where the world awaits thee like a garden.

2606

Geh hinaus zu den Rosen und Bienen und Taubenschwärmen! Sonderlich aber zu den Singe-Vögeln: daß du ihnen das Singen ablernst.

2606

Go forth to roses and bees and flocks of doves! But most especially to the songbirds: that thou mayst learn singing from them.

2607

Singen nämlich ist für Genesende; der Gesunde mag reden. Und wenn auch der Gesunde Lieder will, will er andre Lieder doch als der Genesende.«

2607

For singing befiteth the convalescent; the hale may speak. And though the hale desire songs, they want other songs than convalescents."

2608

– »O ihr Schalks-Narren und Drehorgeln, so schweigt doch!« – antwortete Zarathustra und lächelte über seine Tiere. »Wie gut ihr wißt, welchen Trost ich mir selber in sieben Tagen erfand!

2608

– "O ye merry rogues and barrel-organs, be silent now!" – answered Zarathustra, smiling at his animals. "How well ye know what solace I devised for myself in seven days!

2609

Daß ich wieder singen müsse – den Trost erfand ich mir und diese Genesung: wollt ihr auch daraus gleich wieder ein Leier-Lied machen?«[465]

2609

That I must sing again – this solace did I devise and this convalescence: would ye straightway fashion another lyre-song from it?"[465]

2610

– »Sprich nicht weiter«, antworteten ihm abermals seine Tiere; »lieber noch, du Genesender, mache dir erst eine Leier zurecht, eine neue Leier!

2610

– "Speak no more," answered his animals again; "rather, O convalescent, prepare thyself a lyre first – a new lyre!

2611

Denn siehe doch, o Zarathustra! Zu deinen neuen Liedern bedarf es neuer Leiern.

2611

For behold, O Zarathustra! For thy new songs there needeth new lyres.

2612

Singe und brause über, o Zarathustra, heile mit neuen Liedern deine Seele: daß du dein großes Schicksal tragest, das noch keines Menschen Schicksal war!

2612

Sing and overflow, O Zarathustra, heal thy soul with new songs that thou mayst bear thy great destiny, which no man hath yet borne!

2613

Denn deine Tiere wissen es wohl, o Zarathustra, wer du bist und werden mußt: siehe, du bist der Lehrer der ewigen Wiederkunft –, das ist nun dein Schicksal!

2613

For thy animals know well, O Zarathustra, who thou art and must become: behold, thou art the teacher of the eternal recurrence – that is now thy destiny!

2614

Daß du als der erste diese Lehre lehren mußt – wie sollte dies große Schicksal nicht auch deine größte Gefahr und Krankheit sein!

2614

That thou must be the first to teach this doctrine – how could this great destiny not also be thy greatest peril and sickness!

2615

Siehe, wir wissen, was du lehrst: daß alle Dinge ewig wiederkehren und wir selber mit, und daß wir schon ewige Male dagewesen sind, und alle Dinge mit uns.

2615

Behold, we know what thou teachest: that all things eternally return, and ourselves with them, and that we have already existed eternities before, and all things with us.

2616

Du lehrst, daß es ein großes Jahr des Werdens gibt, ein Ungeheuer von großem Jahre: das muß sich, einer Sanduhr gleich, immer wieder von neuem umdrehn, damit es von neuem ablaufe und auslaufe: –

2616

Thou teachest that there is a great year of becoming, a colossus of a great year: which must, like an hourglass, ever turn itself anew, that it may anew run down and run out: –

2617

– so daß alle diese Jahre sich selber gleich sind, im Größten und auch im Kleinsten, so daß wir selber in jedem großen Jahre uns selber gleich sind, im Größten und auch im Kleinsten.

2617

– so that all these years are alike in the greatest and also in the smallest things, so that we ourselves in every great year are alike in the greatest and also in the smallest.

2618

Und wenn du jetzt sterben wolltest, o Zarathustra: siehe, wir wissen auch, wie du da zu dir sprechen würdest – aber deine Tiere bitten dich, daß du noch nicht sterbest!

2618

And if thou shouldst now die, O Zarathustra: behold, we know also how thou wouldst then speak to thyself – but thine animals entreat thee not to die yet!

2619

Du würdest sprechen und ohne Zittern, vielmehr aufatmend vor Seligkeit: denn eine große Schwere und Schwüle wäre von dir genommen, du Geduldigster! –

2619

Thou wouldst speak, trembling not, but rather exhaling bliss: for a great heaviness and oppression would be lifted from thee, thou most patient one! –

2620

›Nun sterbe und schwinde ich‹, würdest du sprechen, ›und im Nu bin ich ein Nichts. Die Seelen sind so sterblich wie die Leiber.

2620

'Now I die and vanish,' wouldst thou say, 'and in an instant I become nothing. Souls are as mortal as bodies.

2621

Aber der Knoten von Ursachen kehrt wieder, in den ich verschlungen bin – der wird mich wieder schaffen! Ich selber gehöre zu den Ursachen der ewigen Wiederkunft.

2621

But the knot of causes in which I am entangled returneth again – it will recreate me! I myself am part of the causes of the eternal recurrence.

2622

Ich komme wieder, mit dieser Sonne, mit dieser Erde, mit diesem Adler, mit dieser Schlange – nicht zu einem neuen Leben oder besseren Leben oder ähnlichen Leben:[466]

2622

I come again, with this sun, with this earth, with this eagle, with this serpent – not to a new life or better life or similar life:[466]

2623

– ich komme ewig wieder zu diesem gleichen und selbigen Leben, im Größten und auch im Kleinsten, daß ich wieder aller Dinge ewige Wiederkunft lehre, –

2623

– I come eternally again to this identical and selfsame life, in the greatest things and in the smallest, that I may again teach the eternal recurrence of all things –

2624

– daß ich wieder das Wort spreche vom großen Erden- und Menschen-Mittage, daß ich wieder den Menschen den Übermenschen künde.

2624

– that I may again utter the word of the great noon of earth and man, that I may again proclaim the Overman to men.

2625

Ich sprach mein Wort, ich zerbreche an meinem Wort: so will es mein ewiges Loos –, als Verkündiger gehe ich zugrunde!

2625

I spoke my word, I break upon my word: thus willeth mine eternal fate – as herald I perish!

2626

Die Stunde kam nun, daß der Untergehende sich selber segnet. Also – endet Zarathustras Untergang.‹« – –

2626

The hour hath now come when he who goeth under shall bless himself. Thus – endeth Zarathustra's going-under." – –

2627

Als die Tiere diese Worte gesprochen hatten, schwiegen sie und warteten, daß Zarathustra etwas zu ihnen sagen werde: aber Zarathustra hörte nicht, daß sie schwiegen. Vielmehr lag er still, mit geschlossenen Augen, einem Schlafenden ähnlich, ob er schon nicht schlief: denn er unterredete sich eben mit seiner Seele. Die Schlange aber und der Adler, als sie ihn solchermaßen schweigsam fanden, ehrten die große Stille um ihn und machten sich behutsam davon.[467]

2627

When the animals had spoken these words, they fell silent and waited for Zarathustra to say something to them: but Zarathustra did not notice their silence. Rather, he lay still with closed eyes, resembling one asleep though not sleeping—for he was conversing with his soul. The serpent and the eagle, finding him thus silent, honored the great stillness surrounding him and withdrew cautiously.

2628

Von der großen Sehnsucht

2628

Of the Great Longing

2629

O meine Seele, ich lehrte dich»Heute«sagen wie»Einst«und»Ehemals« und über alles Hier und Da und Dort deinen Reigen hinwegtanzen.

2629

O my soul, I taught you to say “Today” as “Once” and “Formerly,” and to dance your round over every Here and There and Yonder.

2630

O meine Seele, ich erlöste dich von allen Winkeln, ich kehrte Staub, Spinnen und Zwielicht von dir ab.

2630

O my soul, I redeemed you from all nooks; I brushed dust, spiders, and twilight away from you.

2631

O meine Seele, ich wusch die kleine Scham und die Winkel-Tugend von dir ab und überredete dich, nackt vor den Augen der Sonne zu stehn.

2631

O my soul, I washed from you the petty shame and nook-virtue, persuading you to stand naked before the eyes of the sun.

2632

Mit dem Sturme, welcher »Geist« heißt, blies ich über deine wogende See; alle Wolken blies ich davon, ich erwürgte selbst die Würgerin, die »Sünde« heißt.

2632

With the storm called “Spirit,” I blew across your billowing sea; all clouds I dispersed, I strangled even the strangler named “Sin.”

2633

O meine Seele, ich gab dir das Recht, nein zu sagen wie der Sturm, und ja zu sagen, wie offner Himmel ja sagt: still wie Licht stehst du und gehst du nun durch verneinende Stürme.

2633

O my soul, I gave you the right to say No like the storm and Yes like the open sky says Yes: calm as light you now stand and walk through denying tempests.

2634

O meine Seele, ich gab dir die Freiheit zurück über Erschaffnes und Unerschaffnes: und wer kennt, wie du sie kennst, die Wollust des Zukünftigen?[467]

2634

O my soul, I restored to you freedom over the created and uncreated: and who knows, as you know, the voluptuous delight of what is to come?

2635

O meine Seele, ich lehrte dich das Verachten, das nicht wie ein Wurmfraß kommt, das große, das liebende Verachten, welches am meisten liebt, wo es am meisten verachtet.

2635

O my soul, I taught you the contempt that does not creep like a worm’s gnawing—the great, loving contempt that loves most where it most despises.

2636

O meine Seele, ich lehrte dich so überreden, daß du zu dir die Gründe selber überredest: der Sonne gleich, die das Meer noch zu ihrer Höhe überredet.

2636

O my soul, I taught you to persuade so that you persuade even the grounds themselves to you: like the sun that persuades even the sea to its height.

2637

O meine Seele, ich nahm von dir alles Gehorchen, Kniebeugen und Herr-Sagen; ich gab dir selber den Namen »Wende der Not« und »Schicksal«.

2637

O my soul, I took from you all obeying, knee-bending, and lord-worshiping; I myself gave you the names “Turning Point of Necessity” and “Destiny.”

2638

O meine Seele, ich gab dir neue Namen und bunte Spielwerke, ich hieß dich »Schicksal«und»Umfang der Umfänge« und »Nabelschnur der Zeit« und »azurne Glocke«.

2638

O my soul, I gave you new names and motley playthings; I called you “Destiny,” “Circumference of Circumferences,” “Time’s Umbilical,” and “Azure Bell.”

2639

O meine Seele, deinem Erdreich gab ich alle Weisheit zu trinken, alle neuen Weine und auch alle unvordenklich alten starken Weine der Weisheit.

2639

O my soul, to your soil I gave all wisdom to drink—all new wines and even the immemorially ancient, potent wines of wisdom.

2640

O meine Seele, jede Sonne goß ich auf dich und jede Nacht und jedes Schweigen und jede Sehnsucht – da wuchsest du mir auf wie ein Weinstock.

2640

O my soul, I poured every sun upon you and every night and every silence and every longing—there you grew up for me like a vine.

2641

O meine Seele, überreich und schwer stehst du nun da, ein Weinstock mit schwellenden Eutern und gedrängten braunen Gold-Weintrauben: –

2641

O my soul, now you stand overrich and heavy, a vine with swelling udders and tightly clustered golden-brown grapes—

2642

– gedrängt und gedrückt von deinem Glücke, wartend vor Überflusse und schamhaft noch ob deines Wartens.

2642

crowded and pressed by your happiness, waiting in superabundance yet bashful in your waiting.

2643

O meine Seele, es gibt nun nirgends eine Seele, die liebender wäre und umfangender und umfänglicher! Wo wäre Zukunft und Vergangenes näher beisammen als bei dir?

2643

O my soul, nowhere is there a soul more loving, encompassing, and expansive! Where could Future and Past dwell closer than within you?

2644

O meine Seele, ich gab dir alles, und alle meine Hände sind an dich leer geworden – und nun! Nun sagst du mir lächelnd und voll Schwermut: »Wer von uns hat zu danken? –

2644

O my soul, I gave you everything, and all my hands are emptied for your sake—and now! Now you say to me, smiling and melancholy: “Which of us has thanks to give?—

2645

– hat der Geber nicht zu danken, daß der Nehmende nahm? Ist Schenken nicht eine Notdurft? Ist Nehmen nicht – Erbarmen?« –

2645

Does the giver not owe thanks that the receiver received? Is giving not a need? Is taking not—mercy?”

2646

O meine Seele, ich verstehe das Lächeln deiner Schwermut: dein Über-Reichtum selber streckt nun sehnende Hände aus!

2646

O my soul, I understand the smile of your melancholy: your very overrichness now stretches out yearning hands!

2647

Deine Fülle blickt über brausende Meere hin und sucht und wartet; die Sehnsucht der Über-Fülle blickt aus deinem lächelnden Augen-Himmel!

2647

Your fullness gazes out over roaring seas, seeking and waiting; the longing of overfullness peers from your smiling sky-eyes!

2648

Und wahrlich, o meine Seele! Wer sähe dein Lächeln und schmölze[468] nicht vor Tränen? Die Engel selber schmelzen vor Tränen ob der Über-Güte deines Lächelns.

2648

And verily, O my soul! Who could behold your smile and not dissolve[468] into tears? Even angels melt into tears at the over-goodness of your smile.

2649

Deine Güte und Über-Güte ist es, die nicht klagen und weinen will: und doch sehnt sich, o meine Seele, dein Lächeln nach Tränen und dein zitternder Mund nach Schluchzen.

2649

Your goodness and over-goodness are what refuse to lament and weep: yet, O my soul, your smile yearns for tears, and your trembling mouth for sobs.

2650

»Ist alles Weinen nicht ein Klagen? Und alles Klagen nicht ein Anklagen?« Also redest du zu dir selber, und darum willst du, o meine Seele, lieber lächeln, als dein Leid ausschütten

2650

“Is all weeping not a lament? And all lamenting not an accusation?” Thus you speak to yourself, and therefore, O my soul, you would rather smile than pour forth your sorrow—

2651

– in stürzende Tränen ausschütten all dein Leid über deine Fülle und über all die Drängnis des Weinstocks nach Winzer und Winzermesser!

2651

—pour forth in cascading tears all your sorrow over your abundance and over the vine’s tormenting thirst for the vintager and the vintager’s knife!

2652

Aber willst du nicht weinen, nicht ausweinen deine purpurne Schwermut, so wirst du singen müssen, o meine Seele! – Siehe, ich lächle selber, der ich dir solches vorhersage:

2652

But if you will not weep, not drain your crimson melancholy, then you must sing, O my soul! Behold, I myself smile as I foretell this:

2653

– singen, mit brausendem Gesange, bis alle Meere still werden, daß sie deiner Sehnsucht zuhorchen, –

2653

—sing with roaring song, until all seas grow still to hearken to your longing—

2654

– bis über stille sehnsüchtige Meere der Nachen schwebt, das güldene Wunder, um dessen Gold alle guten schlimmen wunderlichen Dinge hüpfen: –

2654

—until over still, yearning seas the skiff glides, that golden marvel, around whose gold all things good, wicked, and wondrous leap—

2655

– auch vieles große und kleine Getier und alles, was leichte wunderliche Füße hat, daß es auf veilchenblauen Pfaden laufen kann, –

2655

—even many creatures great and small, and all that have light, wondrous feet to race on violet-blue paths—

2656

– hin zu dem güldenen Wunder, dem freiwilligen Nachen und zu seinem Herrn: das aber ist der Winzer, der mit diamantenem Winzermesser wartet, –

2656

—toward the golden marvel, the voluntary skiff and its master: but this is the vintager who waits with a diamond-edged knife—

2657

– dein großer Löser, o meine Seele, der Namenlose – – dem zukünftige Gesänge erst Namen finden! Und wahrlich, schon duftet dein Atem nach zukünftigen Gesängen, –

2657

—your great redeemer, O my soul, the nameless one—for whom future songs shall first find names! Verily, your breath already breathes the fragrance of future songs—

2658

– schon glühst du und träumst, schon trinkst du durstig an allen tiefen klingenden Trost-Brunnen, schon ruht deine Schwermut in der Seligkeit zukünftiger Gesänge! –

2658

—already you glow and dream, already you drink thirstily from all deep, resounding wells of solace, already your melancholy rests in the bliss of future songs!—

2659

O meine Seele, nun gab ich dir alles und auch mein letztes, und alle meine Hände sind an dich leer geworden: – daß ich dich singen hieß, siehe, das war mein letztes!

2659

O my soul, now I have given you all, even my last, and my hands are emptied by you:—that I bade you sing, behold, this was my final gift!

2660

Daß ich dich singen hieß, sprich nun, sprich: wer von uns hat jetzt – zu danken? – Besser aber noch: singe mir, singe, o meine Seele! Und mich laß danken! –

2660

That I bade you sing—speak now, speak: who of us now—owes thanks? Yet better still: sing to me, sing, O my soul! And let me give thanks!—

2661

Also sprach Zarathustra.[469]

2661

Thus spoke Zarathustra.[469]

2662

Das andere Tanzlied

2662

The Other Dance-Song

2663

1

2663

1

2664

»In dein Auge schaute ich jüngst, o Leben: Gold sah ich in deinem Nacht-Auge blinken, – mein Herz stand still vor dieser Wollust:

2664

“Into your eye I gazed lately, O Life: gold I saw gleaming in your night-eye—my heart stood still with rapture:

2665

– einen goldenen Kahn sah ich blinken auf nächtigen Gewässern, einen sinkenden, trinkenden, wieder winkenden goldenen Schaukel-Kahn!

2665

—a golden skiff I saw gleaming on night-dark waters, a sinking, drinking, ever-winking golden rocking-skiff!

2666

Nach meinem Fuße, dem tanzwütigen, warfst du einen Blick, einen lachenden fragenden schmelzenden Schaukel-Blick:

2666

At my foot, dancing-mad, you cast a glance—a laughing, questioning, melting, rocking glance:

2667

Zweimal nur regtest du deine Klapper mit kleinen Händen – da schaukelte schon mein Fuß vor Tanz-Wut. –

2667

Twice only you shook your rattle with tiny hands—then my foot already quivered with dance-fury.—

2668

Meine Fersen bäumten sich, meine Zehen horchten, dich zu verstehen: trägt doch der Tänzer sein Ohr – in seinen Zehen!

2668

My heels arched, my toes listened to understand you: does not the dancer wear his ear—in his toes!

2669

Zu dir hin sprang ich: da flohst du zurück vor meinem Sprunge; und gegen mich züngelte deines fliehenden fliegenden Haars Zunge!

2669

Toward you I leapt: but you fled backward from my leap; and your fleeing, flying hair’s tongues lashed toward me!

2670

Von dir weg sprang ich und von deinen Schlangen: da standst du schon, halbgewandt, das Auge voll Verlangen.

2670

Away from you I sprang, away from your serpents: there you stood, half-turned, eyes brimming with desire.

2671

Mit krummen Blicken – lehrst du mich krumme Bahnen; auf krummen Bahnen lernt mein Fuß – Tücken!

2671

With crooked glances—you teach me crooked paths; on crooked paths my foot learns—guile!

2672

Ich fürchte dich nahe, ich liebe dich ferne; deine Flucht lockt mich, dein Suchen stockt mich – ich leide, aber was litt ich um dich nicht gerne!

2672

I fear you near, I love you far; your flight allures me, your seeking halts me—I suffer, yet what would I not gladly suffer for you!

2673

Deren Kälte zündet, deren Haß verführt, deren Flucht bindet, deren Spott – rührt:

2673

You whose cold kindles, whose hatred seduces, whose flight binds, whose mockery—moves:

2674

– wer haßte dich nicht, dich große Binderin, Umwinderin, Versucherin, Sucherin, Finderin! Wer liebte dich nicht, dich unschuldige, ungeduldige, windseilige, kindsäugige Sünderin!

2674

—who would not hate you, you great binder, entwiner, temptress, seeker, finder! Who would not love you, you innocent, impatient, wind-swift, child-eyed sinner!

2675

Wohin ziehst du mich jetzt, du Ausbund und Unband? Und jetzt fliehst du mich wieder, du süßer Wildfang und Undank!

2675

Where do you draw me now, you paragon and unruly one? And now you flee me again, you sweet wildling and ingrate!

2676

Ich tanze dir nach, ich folge dir auch auf geringer Spur. Wo bist du? Gib mir die Hand! Oder einen Finger nur!

2676

I dance after you, I follow even your faintest trace. Where are you? Give me your hand! Or just a finger!

2677

Hier sind Höhlen und Dickichte: wir werden uns verirren! – Halt! Steh still! Siehst du nicht Eulen und Fledermäuse schwirren?

2677

Here are caves and thickets: we shall lose our way!—Halt! Stand still! Do you not see owls and bats fluttering?

2678

Du Eule! Du Fledermaus! Du willst mich äffen? Wo sind wir? Von den Hunden lerntest du dies Heulen und Kläffen.[470]

2678

You owl! You bat! You mean to mock me? Where are we? From hounds you learned this howling and yapping.

2679

Du fletschest mich lieblich an mit weißen Zähnlein, deine bösen Augen springen gegen mich aus lockichtem Mähnlein!

2679

You bare your little white teeth at me so sweetly; your wicked eyes leap at me from beneath tangled locks!

2680

Das ist ein Tanz über Stock und Stein: ich bin der Jäger – willst du mein Hund oder meine Gemse sein?

2680

This is a dance over roots and stones: I am the hunter—will you be my hound or my chamois?

2681

Jetzt neben mir! Und geschwind, du boshafte Springerin! Jetzt hinauf! Und hinüber! – Wehe! Da fiel ich selber im Springen hin!

2681

Now beside me! And swiftly, you wicked leaper! Now up! And over!—Alas! In leaping, I myself fell!

2682

O sieh mich liegen, du Übermut, und um Gnade flehn! Gerne möchte ich mit dir – lieblichere Pfade gehn!

2682

Oh see me lying here, you audacity, pleading for mercy! Gladly would I walk with you—on lovelier paths!

2683

– der Liebe Pfade durch stille bunte Büsche! Oder dort den See entlang: da schwimmen und tanzen Goldfische!

2683

—paths of love through quiet colorful bushes! Or there along the lake: where golden fish swim and dance!

2684

Du bist jetzt müde? Da drüben sind Schafe und Abendröten: ist es nicht schön, zu schlafen, wenn Schäfer flöten?

2684

Are you weary? Over yonder are sheep and sunset glows: is it not sweet to sleep when shepherds flute?

2685

Du bist so arg müde? Ich trage dich hin, laß nur die Arme sinken! Und hast du Durst – ich hätte wohl etwas, aber dein Mund will es nicht trinken! –

2685

Are you so very weary? I’ll carry you there, let your arms drop! And if you thirst—I have something, but your mouth refuses to drink!—

2686

– O diese verfluchte flinke gelenke Schlange und Schlupf-Hexe! Wo bist du hin? Aber im Gesicht fühle ich von deiner Hand zwei Tupfen und rote Klexe!

2686

—Oh this cursed nimble supple serpent and slink-witch! Where have you gone? But on my face I feel two flecks and red smears from your hand!

2687

Ich bin es wahrlich müde, immer dein schafichter Schäfer zu sein! Du Hexe, habe ich dir bisher gesungen, nun sollst du mir – schrein!

2687

Truly, I am weary of always being your sheepish shepherd! You witch, if I have sung to you till now, now you shall—scream!

2688

Nach dem Takt meiner Peitsche sollst du mir tanzen und schrein! Ich vergaß doch die Peitsche nicht? – Nein!« –

2688

To the crack of my whip you shall dance and scream! Did I forget the whip?—No!«—

2689

2

2689

2

2690

Da antwortete mir das Leben also und hielt sich dabei die zierlichen Ohren zu:

2690

Then Life answered me, covering her dainty ears:

2691

»O Zarathustra! Klatsche doch nicht so fürchterlich mit deiner Peitsche! Du weißt es ja: Lärm mordet Gedanken – und eben kommen mir so zärtliche Gedanken.

2691

»O Zarathustra! Do not crack your whip so terribly! You know it well: noise murders thoughts—and just now such tender thoughts come to me.

2692

Wir sind beide zwei rechte Tunichtgute und Tunichtböse. Jenseits von Gut und Böse fanden wir unser Eiland und unsre grüne Wiese – wir zwei allein! Darum müssen wir schon einander gut sein!

2692

We are both two true rogues and rogues. Beyond Good and Evil we found our isle and green meadow—we two alone! Therefore we must be kind to each other!

2693

Und lieben wir uns auch nicht von Grund aus –, muß man sich denn gram sein, wenn man sich nicht von Grund aus liebt?[471]

2693

And even if we do not love each other from the depths—must we resent each other for not loving utterly?

2694

Und daß ich dir gut bin und oft zu gut, das weißt du: und der Grund ist, daß ich auf deine Weisheit eifersüchtig bin. Ah, diese tolle alte Närrin von Weisheit!

2694

And that I am often too kind to you—you know it: the reason is I am jealous of your wisdom. Ah, this mad old fool of a wisdom!

2695

Wenn dir deine Weisheit einmal davonliefe, ach! da liefe dir schnell auch meine Liebe noch davon.« –

2695

If your wisdom ever ran away, alas! My love would swiftly run after it too.«—

2696

Darauf blickte das Leben nachdenklich hinter sich und um sich und sagte leise: »O Zarathustra, du bist mir nicht treu genug!

2696

Then Life looked thoughtfully behind and around, whispering: »O Zarathustra, you are not faithful enough to me!

2697

Du liebst mich lange nicht so sehr wie du redest; ich weiß, du denkst daran, daß du mich bald verlassen willst.

2697

You do not love me nearly as much as you say; I know you think of leaving me soon.

2698

Es gibt eine alte schwere schwere Brumm-Glocke: die brummt nachts bis zu deiner Höhle hinauf: –

2698

There is an old heavy tolling bell: it booms nightly up to your cave:—

2699

– hörst du diese Glocke mitternachts die Stunde schlagen, so denkst du zwischen eins und zwölf daran –

2699

—when you hear this bell strike midnight between one and twelve, you think—

2700

– du denkst daran, o Zarathustra, ich weiß es, daß du mich bald verlassen willst!« –

2700

—you think, O Zarathustra, I know it—that you will soon leave me!«—

2701

»Ja«, antwortete ich zögernd, »aber du weißt es auch –« Und ich sagte ihr etwas ins Ohr, mitten hinein zwischen ihre verwirrten gelben törichten Haar-Zotteln.

2701

“Yes,” I answered hesitantly, “but you too know—” And I whispered something into her ear, right amidst her tangled yellow foolish hair-tufts.

2702

»Du weißt das, o Zarathustra? Das weiß niemand. – –«

2702

“You know this, O Zarathustra? No one knows this. — —”

2703

Und wir sahen uns an und blickten auf die grüne Wiese, über welche eben der kühle Abend lief, und weinten miteinander. – Damals aber war mir das Leben lieber, als je alle meine Weisheit. –

2703

And we gazed at each other and looked upon the green meadow, over which the cool evening was gliding, and wept together. — But in that hour, life was dearer to me than all my wisdom ever was. —

2704

Also sprach Zarathustra.

2704

Thus spoke Zarathustra.

2705

3

2705

3

2706

Eins!

2706

One!

2707

O Mensch! Gib acht!

2707

O man! Take heed!

2708

Zwei!

2708

Two!

2709

Was spricht die tiefe Mitternacht?

2709

What does the deep midnight declare?

2710

Drei!

2710

Three!

2711

»Ich schlief, ich schlief –,

2711

“I slept, I slept —,

2712

[472] Vier!

2712

[472] Four!

2713

Aus tiefem Traum bin ich erwacht: –

2713

From deepest dream I have awoken: —

2714

Fünf!

2714

Five!

2715

Die Welt ist tief,

2715

The world is deep,

2716

Sechs!

2716

Six!

2717

Und tiefer als der Tag gedacht.

2717

And deeper than day has fathomed.

2718

Sieben!

2718

Seven!

2719

Tief ist ihr Weh –,

2719

Deep is its woe —,

2720

Acht!

2720

Eight!

2721

Lust – tiefer noch als Herzeleid:

2721

Joy — deeper still than heart’s agony:

2722

Neun!

2722

Nine!

2723

Weh spricht: Vergeh!

2723

Woe speaks: ‘Pass away!’

2724

Zehn!

2724

Ten!

2725

Doch alle Lust will Ewigkeit –,

2725

But all joy craves eternity —,

2726

Elf!

2726

Eleven!

2727

– will tiefe, tiefe Ewigkeit!«

2727

— craves deep, deep eternity!”

2728

Zwölf![473]

2728

Twelve![473]

2729

Die sieben Siegel

2729

The Seven Seals

2730

(Oder: das Ja- und Amen-Lied)

2730

(Or: The Yes and Amen Song)

2731

1

2731

1

2732

Wenn ich ein Wahrsager bin und voll jenes wahrsagerischen Geistes, der auf hohem Joche zwischen zwei Meeren wandelt, –

2732

If I am a soothsayer, filled with that soothsaying spirit that wanders on high ridges between two seas —

2733

zwischen Vergangenem und Zukünftigem als schwere Wolke wandelt, – schwülen Niederungen feind und allem, was müde ist und nicht sterben noch leben kann:

2733

wandering like a heavy cloud between past and future — a foe to sultry lowlands and all that is weary, unable to die or live:

2734

zum Blitze bereit im dunklen Busen und zum erlösenden Lichtstrahle, schwanger von Blitzen, die ja! sagen, ja! lachen, zu wahrsagerischen Blitzstrahlen: –

2734

ready for lightning in its dark bosom and redeeming shafts of light, pregnant with lightnings that say Yes! laugh Yes! ready for divinatory lightning bolts: —

2735

– selig aber ist der also Schwangere! Und wahrlich, lange muß als schweres Wetter am Berge hängen, wer einst das Licht der Zukunft zünden soll! –

2735

— blessed is he who is thus pregnant! And verily, whoever longs to kindle the light of the future must hang long like a tempest over the mountain! —

2736

o wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem hochzeitlichen Ring der Ringe – dem Ring der Wiederkunft![473]

2736

O how should I not burn ardently for eternity and for the nuptial ring of rings — the Ring of Recurrence![473]

2737

Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, es sei denn dieses Weib, das ich liebe: denn ich liebe dich, o Ewigkeit!

2737

Never yet have I found the woman from whom I wanted children, unless it be this woman I love: for I love you, O Eternity!

2738

Denn ich liebe dich, o Ewigkeit!

2738

For I love you, O Eternity!

2739

2

2739

2

2740

Wenn mein Zorn je Gräber brach, Grenzsteine rückte und alte Tafeln zerbrochen in steile Tiefen rollte:

2740

If ever my wrath burst graves, shifted boundary stones, and cast old tablets broken into steep depths:

2741

Wenn mein Hohn je vermoderte Worte zerblies, und ich wie ein Besen kam den Kreuzspinnen und als Fegewind alten verdumpften Grabkammern:

2741

If ever my mockery blew moldered words to the wind, and I came like a broom to cross-spiders and as a scourging wind to sepulchers:

2742

Wenn ich je frohlockend saß, wo alte Götter begraben liegen, weltsegnend, weltliebend neben den Denkmalen alter Welt-Verleumder: –

2742

If ever I sat jubilant where old gods lay buried, world-blessing, world-loving, beside the monuments of old world-slanderers: —

2743

– denn selbst Kirchen und Gottes-Gräber liebe ich, wenn der Himmel erst reinen Auges durch ihre zerbrochenen Decken blickt; gern sitze ich gleich Gras und rotem Mohne auf zerbrochnen Kirchen –

2743

— for even churches and godly graves I love, if heaven gazes with pure eyes through their shattered domes; gladly I sit like grass and red poppies on shattered churches —

2744

o wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem hochzeitlichen Ring der Ringe, – dem Ring der Wiederkunft?

2744

O how should I not burn ardently for eternity and for the nuptial ring of rings — the Ring of Recurrence?

2745

Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, es sei denn dieses Weib, das ich liebe: denn ich liebe dich, o Ewigkeit!

2745

Never yet have I found the woman from whom I wanted children, unless it be this woman I love: for I love you, O Eternity!

2746

Denn ich liebe dich, o Ewigkeit!

2746

For I love you, O Eternity!

2747

3

2747

3

2748

Wenn je ein Hauch zu mir kam vom schöpferischen Hauche und von jener himmlischen Not, die noch Zufälle zwingt, Sternen-Reigen zu tanzen:

2748

If ever a breath of creative breath came to me, of that heavenly necessity that compels even chance to dance in starry orbits:

2749

Wenn ich je mit dem Lachen des schöpferischen Blitzes lachte, dem der lange Donner der Tat grollend, aber gehorsam nachfolgt:

2749

If ever I laughed the laughter of creative lightning, followed obediently but grumblingly by the long thunder of deed:

2750

Wenn ich je am Göttertisch der Erde mit Göttern Würfel spielte, daß die Erde bebte und brach und Feuerflüsse heraufschnob: –

2750

If ever I played dice with gods at the gods’ table of the earth, till the earth quaked and burst, spewing forth rivers of fire: —

2751

– denn ein Göttertisch ist die Erde, und zitternd von schöpferischen neuen Worten und Götter-Würfen: –

2751

— for the earth is a gods’ table, trembling with creative new words and divine dice-throws: —

2752

o wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem hochzeitlichen Ring der Ringe – dem Ring der Wiederkunft?[474]

2752

Oh how should I not burn ardently for eternity and for the nuptial ring of rings – the ring of eternal recurrence?[474]

2753

Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, es sei denn dieses Weib, das ich liebe: denn ich liebe dich, o Ewigkeit!

2753

Never yet have I found the woman from whom I desired children, unless it be this woman whom I love: for I love you, O eternity!

2754

Denn ich liebe dich, o Ewigkeit!

2754

For I love you, O eternity!

2755

4

2755

4

2756

Wenn ich je vollen Zuges trank aus jenem schäumenden Würz- und Mischkruge, in dem alle Dinge gut gemischt sind:

2756

If ever I drank full draughts from that foaming spice and mixing-jar where all things are blended well:

2757

Wenn meine Hand je Fernstes zum Nächsten goß und Feuer zu Geist und Lust zu Leid und Schlimmstes zum Gütigsten:

2757

If my hand ever poured the farthest into the nearest, fire into spirit, joy into sorrow, and the most vile into the most kind:

2758

Wenn ich selber ein Korn bin von jenem erlösenden Salze, welches macht, daß alle Dinge im Mischkruge gut sich mischen: –

2758

If I myself am a grain of that redemptive salt which makes all things mingle well in the mixing-jar: –

2759

– denn es gibt ein Salz, das Gutes mit Bösem bindet; und auch das Böseste ist zum Würzen würdig und zum letzten Überschäumen: –

2759

– for there is a salt that binds good with evil; even the most wicked is worthy to spice and final overflowing froth: –

2760

O wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem hochzeitlichen Ring der Ringe – dem Ring der Wiederkunft?

2760

Oh how should I not burn ardently for eternity and for the nuptial ring of rings – the ring of eternal recurrence?

2761

Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, es sei denn dieses Weib, das ich liebe: denn ich liebe dich, o Ewigkeit!

2761

Never yet have I found the woman from whom I desired children, unless it be this woman whom I love: for I love you, O eternity!

2762

Denn ich liebe dich, o Ewigkeit!

2762

For I love you, O eternity!

2763

5

2763

5

2764

Wenn ich dem Meere hold bin und allem, was Meeres-Art ist, und am holdesten noch, wenn es mir zornig widerspricht:

2764

If I am fond of the sea and all that is of sea-nature, and fondest when it angrily contradicts me:

2765

Wenn jene suchende Lust in mir ist, die nach Unentdecktem die Segel treibt, wenn eine Seefahrer-Lust in meiner Lust ist:

2765

If that questing delight dwells in me which drives sails toward the undiscovered, if a mariner’s joy lives in my delight:

2766

Wenn je mein Frohlocken rief: »die Küste schwand – nun fiel mir die letzte Kette ab –


– das Grenzenlose braust um mich, weit hinaus glänzt mir Raum und Zeit, wohlan! wohlauf! altes Herz!« –

2766

– the boundless roars around me, far out glitter space and time – onward! onward! old heart!” –

2767

O wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem hochzeitlichen Ring der Ringe, – dem Ring der Wiederkunft?

2767

Oh how should I not burn ardently for eternity and for the nuptial ring of rings – the ring of eternal recurrence?

2768

Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, es sei denn dieses Weib, das ich liebe: denn ich liebe dich, o Ewigkeit!

2768

Never yet have I found the woman from whom I desired children, unless it be this woman whom I love: for I love you, O eternity!

2769

Denn ich liebe dich, o Ewigkeit![475]

2769

For I love you, O eternity![475]

2770

6

2770

6

2771

Wenn meine Tugend eines Tänzers Tugend ist, und ich oft mit beiden Füßen in gold-smaragdenes Entzücken sprang:

2771

If my virtue is a dancer’s virtue, and I have often leapt with both feet into golden-emerald rapture:

2772

Wenn meine Bosheit eine lachende Bosheit ist, heimisch unter Rosenhängen und Lilien-Hecken:

2772

If my malice is a laughing malice, at home among rose slopes and lily hedges:

2773

– im Lachen nämlich ist alles Böse beieinander, aber heilig- und losgesprochen durch seine eigne Seligkeit: –

2773

– for in laughter all evil is gathered, yet sanctified and absolved through its own bliss: –

2774

Und wenn das mein A und O ist, daß alles Schwere leicht, aller Leib Tänzer, aller Geist Vogel werde: und wahrlich, das ist mein A und O! –

2774

And if this is my Alpha and Omega, that all heaviness becomes light, every body a dancer, every spirit a bird: and verily, this is my Alpha and Omega! –

2775

O wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem hochzeitlichen Ring der Ringe – dem Ring der Wiederkunft!

2775

Oh how should I not burn ardently for eternity and for the nuptial ring of rings – the ring of eternal recurrence!

2776

Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, es sei denn dieses Weib, das ich liebe: denn ich liebe dich, o Ewigkeit!

2776

Never yet have I found the woman from whom I desired children, unless it be this woman whom I love: for I love you, O eternity!

2777

Denn ich liebe dich, o Ewigkeit!

2777

For I love you, O eternity!

2778

7

2778

7

2779

Wenn ich je stille Himmel über mir ausspannte und mit eignen Flügeln in eigne Himmel flog:

2779

If ever I spread still heavens above me and soared into my own skies with my own wings:

2780

Wenn ich spielend in tiefen Licht-Fernen schwamm, und meiner Freiheit Vogel-Weisheit kam: –

2780

If I swam playfully in deep light-distances, and my freedom’s bird-wisdom came: –

2781

– so aber spricht Vogel-Weisheit: »Siehe, es gibt kein Oben, kein Unten! Wirf dich umher, hinaus, zurück, du Leichter! Singe! sprich nicht mehr!

2781

– thus speaks bird-wisdom: “Behold, there is no above, no below! Fling yourself about, outward, backward, you light one! Sing! speak no more!

2782

– sind alle Worte nicht für die Schweren gemacht? Lügen dem Leichten nicht alle Worte! Singe! sprich nicht mehr!«

2782

– are not all words made for the heavy? Do all words not lie to the light? Sing! speak no more!”

2783

O wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem hochzeitlichen Ring der Ringe – dem Ring der Wiederkunft?

2783

Oh how should I not burn ardently for eternity and for the nuptial ring of rings – the ring of eternal recurrence?

2784

Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, es sei denn dieses Weib, das ich liebe: denn ich liebe dich, o Ewigkeit!

2784

Never yet have I found the woman from whom I desired children, unless it be this woman whom I love: for I love you, O eternity!

2785

Denn ich liebe dich, o Ewigkeit![476]

2785

For I love you, O eternity![476]

2786

Vierter und letzter Teil

2786

Fourth and Final Part

2787

Also sprach Zarathustra

2787

Thus Spoke Zarathustra

2788

Ach, wo in der Welt geschahen größere Torheiten, als bei den Mitleidigen? Und was in der Welt stiftete mehr Leid, als die Torheiten der Mitleidigen?

2788

Alas, where in the world have greater follies occurred than among the compassionate? And what in the world has wrought more suffering than the follies of the compassionate?

2789

Wehe allen Liebenden, die nicht noch eine Höhe haben, welche über ihrem Mitleiden ist!

2789

Woe betide all lovers who lack a height surpassing their pity!

2790

Also sprach der Teufel einst zu mir: »auch Gott hat seine Hölle: das ist seine Liebe zu den Menschen.«

2790

Thus spoke the devil to me once: "Even God has his hell: it is his love for mankind."

2791

Und jüngst hörte ich ihn dies Wort sagen: »Gott ist tot; an seinem Mitleiden mit den Menschen ist Gott gestorben.«

2791

And most recently I heard him utter this: "God is dead; God died of his compassion for mankind."

2792

Also sprach Zarathustra

2792

Thus Spoke Zarathustra

2793

Das Honig-Opfer

2793

The Honey Sacrifice

2794

– Und wieder liefen Monde und Jahre über Zarathustras Seele, und er achtete dessen nicht; sein Haar aber wurde weiß. Eines Tages, als er auf einem Steine vor seiner Höhle saß und still hinausschaute, – man schaut aber dort auf das Meer hinaus, und hinweg über gewundene Abgründe –, da gingen seine Tiere nachdenklich um ihn herum und stellten sich endlich vor ihn hin.

2794

—And moons and years again flowed over Zarathustra’s soul, unnoticed; yet his hair turned white. One day, as he sat silently gazing from a stone before his cave—for from there one looks upon the sea and beyond winding chasms—his animals circled him pensively and at last stood before him.

2795

»O Zarathustra«, sagten sie, »schaust du wohl aus nach deinem Glücke?« – »Was liegt am Glücke!« antwortete er, »ich trachte lange nicht mehr nach Glücke, ich trachte nach meinem Werke.« – »O Zarathustra«, redeten die Tiere abermals, »das sagst du als einer, der des Guten übergenug hat. Liegst du nicht in einem himmelblauen See von Glück«? – »Ihr Schalks-Narren«, antwortete Zarathustra und lächelte, »wie gut wähltet ihr das Gleichnis! Aber ihr wißt auch, daß mein Glück schwer ist, und nicht wie eine flüssige Wasserquelle: es drängt mich, und will nicht von mir, und tut gleich geschmolzenem Peche.« –

2795

"O Zarathustra," they said, "do you gaze out in search of your happiness?" — "What matters happiness?" he replied. "I have long ceased striving for happiness; I strive for my work." — "O Zarathustra," the animals spoke again, "you say this as one who has abundance of good. Do you not lie in a sky-blue lake of happiness?" — "You merry rogues," answered Zarathustra, smiling, "how apt your metaphor! Yet you know well that my happiness is heavy, not like a fluid spring. It presses upon me and will not leave, like molten pitch." —

2796

Da gingen die Tiere wieder nachdenklich um ihn herum und stellten sich dann abermals vor ihn hin. »O Zarathustra«, sagten sie, »daher also kommt es, daß du selber immer gelber und dunkler wirst, obschon dein Haar weiß und flächsern aussehen will? Siehe doch, du sitzest in deinem Peche!« – »Was sagt ihr da, meine Tiere«, sagte Zarathustra und lachte dazu, »wahrlich, ich lästerte, als ich von Peche[477] sprach. Wie mir geschieht, so geht es allen Früchten, die reif werden. Es ist der Honig in meinen Adern, der mein Blut dicker und auch meine Seele stiller macht.« – »So wird es sein, o Zarathustra«, antworteten die Tiere und drängten sich an ihn; »willst du aber nicht heute auf einen hohen Berg steigen? Die Luft ist rein, und man sieht heute mehr von der Welt als jemals.« – »Ja, meine Tiere«, antwortete er, »ihr ratet trefflich und mir nach dem Herzen: ich will heute auf einen hohen Berg steigen! Aber sorgt, daß dort Honig mir zur Hand sei, gelber, weißer, guter, eisfrischer Waben-Goldhonig. Denn wisset, ich will droben das Honig-Opfer bringen.« –

2796

Then the animals circled him pensively once more and stood before him again. "O Zarathustra," they said, "this is why you yourself grow ever sallow and dark, though your hair seeks to appear white and flaxen. Behold, you sit in your pitch!" — "What say you, my animals?" spoke Zarathustra, laughing. "Truly, I blasphemed when I spoke of pitch. What befalls me is the lot of all ripening fruit. It is the honey in my veins that thickens my blood and stills my soul." — "So it must be, O Zarathustra," answered the animals, pressing close. "But will you not ascend a high mountain today? The air is pure, and today one sees more of the world than ever." — "Yes, my animals," he replied, "your counsel is excellent and to my heart’s liking. Today I shall climb a high mountain! But see that honey is at hand—yellow, white, good, ice-cool golden comb honey. For know this: I mean to offer a honey sacrifice there above." —

2797

Als Zarathustra aber oben auf der Höhe war, sandte er die Tiere heim, die ihn geleitet hatten, und fand, daß er nunmehr allein sei – da lachte er aus ganzem Herzen, sah sich um und sprach also:

2797

When Zarathustra reached the summit, he dismissed the animals that had accompanied him. Finding himself alone, he laughed from his very core, gazed about, and spoke thus:

2798

Daß ich von Opfern sprach und Honig-Opfern, eine List war's nur meiner Rede und, wahrlich, eine nützliche Torheit! Hier oben darf ich schon freier reden, als vor Einsiedler-Höhlen und Einsiedler-Haustieren.

2798

That I spoke of sacrifices and honey sacrifices—this was but a ruse of my speech, a useful folly! Here above I may speak more freely than before hermits’ caves and their household beasts.

2799

Was opfern! Ich verschwende, was mir geschenkt wird, ich Verschwender mit tausend Händen: wie dürfte ich das noch – opfern heißen!

2799

Sacrifice? I squander what is bestowed upon me, squanderer with a thousand hands—how could I still call this—sacrifice?

2800

Und als ich nach Honig begehrte, begehrte ich nur nach Köder und süßem Seime und Schleime, nach dem auch Brummbären und wunderliche mürrische böse Vögel die Zunge lecken:

2800

And when I craved honey, what I truly desired was bait – sweet sap and slime, the kind that makes growling bears and strange sullen birds lick their tongues:

2801

– nach dem besten Köder, wie er Jägern und Fischfängern nottut. Denn wenn die Welt wie ein dunkler Tierwald ist und aller wilden Jäger Lustgarten, so dünkt sie mich noch mehr und lieber ein abgründliches reiches Meer,

2801

– the finest lure needed by hunters and fishers. For though the world resembles a dark forest of beasts and a pleasure-ground for wild huntsmen, to me it seems more like an unfathomable abundant sea,

2802

– ein Meer voll bunter Fische und Krebse, nach dem es auch Götter gelüsten möchte, daß sie an ihm zu Fischern würden und zu Netz-Auswerfern: so reich ist die Welt an Wunderlichem, großem und kleinem!

2802

– a sea teeming with motley fish and crabs, over which even gods might lust to become fishers and casters of nets: so rich is the world in wonders both vast and small!

2803

Sonderlich die Menschen-Welt, das Menschen-Meer – nach dem werfe ich nun meine goldene Angelrute aus und spreche: tue dich auf, du Menschen-Abgrund!

2803

Particularly the human world, this human sea – toward this I now cast my golden fishing rod and proclaim: Open wide, O human abyss!

2804

Tue dich auf und wirf mir deine Fische und Glitzer-Krebse zu! Mit meinem besten Köder ködere ich mir heute die wunderlichsten Menschen-Fische![478]

2804

Open wide and toss me your fish and glittering crabs! With my choicest bait I shall lure the strangest human fish today!

2805

– mein Glück selber werfe ich hinaus in alle Weiten und Fernen, zwischen Aufgang, Mittag und Niedergang, ob nicht an meinem Glücke viele Menschen-Fische zerrn und zappeln lernen.

2805

– I cast my very happiness into all distances and depths, between sunrise, noon, and sunset, to see if many human fish might not thrash and writhe toward my bliss.

2806

Bis sie, anbeißend an meine spitzen verborgenen Haken, hinauf müssen in meine Höhe, die buntesten Abgrund-Gründlinge zu dem boshaftigsten aller Menschen-Fischfänger.

2806

Until, biting at my sharp hidden hooks, they must rise to my heights – the most motley abyssal groundlings to the most malicious of all human fishers.

2807

Der nämlich bin ich von Grund und Anbeginn, ziehend, heranziehend, hinaufziehend, aufziehend, ein Zieher, Züchter und Zuchtmeister, der sich nicht umsonst einstmals zusprach: »Werde, der du bist!«

2807

This I have been from the foundation and beginning – dragging, drawing upward, hauling, a dragger, trainer, and taskmaster who once admonished himself not in vain: "Become who you are!"

2808

Also mögen nunmehr die Menschen zu mir hinauf kommen: denn noch warte ich der Zeichen, daß es Zeit sei zu meinem Niedergange; noch gehe ich selber nicht unter, wie ich muß, unter Menschen.

2808

Thus may humans now ascend toward me: for I still await the signs that it is time for my descent; I myself do not yet go under, as I must, among humankind.

2809

Dazu warte ich hier, listig und spöttisch auf hohen Bergen, kein Ungeduldiger, kein Geduldiger, vielmehr einer, der auch die Geduld verlernt hat – weil er nicht mehr »duldet«.

2809

Here I wait, cunning and mocking upon high mountains, neither impatient nor patient – rather one who has unlearned patience itself, for he no longer "suffers."

2810

Mein Schicksal nämlich läßt mir Zeit: es vergaß mich wohl? Oder sitzt es hinter einem großen Steine im Schatten und fängt Fliegen?

2810

For my fate grants me time: has it forgotten me? Or does it sit behind some great stone in the shade, catching flies?

2811

Und wahrlich, ich bin ihm gut darob, meinem ewigen Schicksale, daß es mich nicht hetzt und drängt und mir Zeit zu Possen läßt und Bosheiten: also daß ich heute zu einem Fischfange auf diesen hohen Berg stieg.

2811

Truly, I am grateful to my eternal fate that it does not hound or pressure me, leaving me time for jests and malice: thus I ascended this high mountain today to fish.

2812

Fing wohl je ein Mensch auf hohen Bergen Fische? Und wenn es auch eine Torheit ist, was ich hier oben will und treibe: besser noch dies, als daß ich da unten feierlich würde vor Warten und grün und gelb –

2812

Has any man fished from high peaks before? Even if my purpose here is folly, better this than to grow solemn below, green and yellow –

2813

– ein gespreizter Zornschnauber vor Warten, ein heiliger Heule-Sturm aus Bergen, ein Ungeduldiger, der in die Täler hinabruft: »Hört, oder ich peitsche euch mit der Geißel Gottes!«

2813

– a pompous snorter of rage while waiting, a holy howling storm from mountains, an impatient one who shouts into valleys: "Hearken, lest I scourge you with God's whip!"

2814

Nicht daß ich solchen Zürnern darob gram würde: zum Lachen sind sie mir gut genug! Ungeduldig müssen sie schon sein, diese großen Lärmtrommeln, welche heute oder niemals zu Worte kommen!

2814

Not that I bear such wrathful ones ill will – they amuse me well enough! They must needs be impatient, these great noise-drums that find voice only today or never!

2815

Ich aber und mein Schicksal – wir reden nicht zum Heute, wir reden auch nicht zum Niemals: wir haben zum Reden schon Geduld und Zeit und Überzeit. Denn einst muß er doch kommen und darf nicht vorübergehn.[479]

2815

But I and my fate – we speak not to today, nor to never: we hold patience and time and surplus time for speech. For someday he must come who cannot pass by.

2816

Wer muß einst kommen und darf nicht vorübergehn? Unser großer Hazar, das ist unser großes fernes Menschen-Reich, das Zarathustra-Reich von tausend Jahren – –

2816

Who must come and cannot pass by? Our great Hazar, our vast distant human realm – the Zarathustra-reign of a thousand years—

2817

Wie ferne mag solches »Ferne« sein? was geht's mich an! Aber darum steht es mir doch nicht minder fest –, mit beiden Füßen stehe ich sicher auf diesem Grunde,

2817

How distant is such "distance"? What matters it to me? Yet its certainty stands no less firm – with both feet I stand secure upon this ground,

2818

– auf einem ewigen Grunde, auf hartem Urgesteine, auf diesem höchsten härtesten Urgebirge, zu dem alle Winde kommen als zur Wetterscheide, fragend nach wo? und woher? und wohinaus?

2818

– upon an eternal foundation, on primordial stone, on this highest hardest primordial mountain range where all winds gather as at a weather-dividing peak, asking whence? and whither? and why?

2819

Hier lache, lache, meine helle heile Bosheit! Von hohen Bergen wirf hinab dein glitzerndes Spott-Gelächter! Ködere mit deinem Glitzern mir die schönsten Menschen-Fische!

2819

Laugh here, laugh, my bright wholesome malice! From high mountains cast down your glittering scornful laughter! With your gleam, lure the fairest human fish for me!

2820

Und was in allen Meeren mir zugehört, mein An-und-für-mich in allen Dingen – das fische mir heraus, das führe zu mir herauf: des warte ich, der boshaftigste aller Fischfänger.

2820

And whatever in all seas belongs to me, my inmost essence in all things – that fish out for me, that bring up to me: for this I wait, most malicious of fishers.

2821

Hinaus, hinaus, meine Angel! Hinein, hinab, Köder meines Glücks! Träufle deinen süßesten Tau, mein Herzens-Honig! Beiße, meine Angel, in den Bauch aller schwarzen Trübsal!

2821

Out, out, my line! In, down, bait of my bliss! Drip your sweetest dew, honey of my heart! Bite, my hook, into the belly of all black affliction!

2822

Hinaus, hinaus, mein Auge! O welche vielen Meere rings um mich, welch dämmernde Menschen-Zukünfte! Und über mir – welch rosenrote Stille! Welch entwölktes Schweigen![480]

2822

Out, out, my eye! O what seas surround me, what dawning human futures! And above me – what rose-red silence! What cloudless hush!

2823

Der Notschrei

2823

The Cry of Distress

2824

Des nächsten Tages saß Zarathustra wieder auf seinem Steine vor der Höhle, während die Tiere draußen in der Welt herumschweiften, daß sie neue Nahrung heimbrächten – auch neuen Honig: denn Zarathustra hatte den alten Honig bis auf das letzte Korn vertan und verschwendet. Als er aber dermaßen dasaß, mit einem Stecken in der Hand, und den Schatten seiner Gestalt auf der Erde abzeichnete, nachdenkend, und wahrlich! nicht über sich und seinen Schatten – da erschrak er mit einemmale und fuhr zusammen: denn er sahe neben seinem Schatten noch einen andern Schatten. Und wie er schnell um sich blickte und aufstand, siehe, da stand der Wahrsager neben ihm, derselbe, den er einstmals an seinem Tische gespeist und getränkt hatte, der Verkündiger der großen Müdigkeit, welcher lehrte: »Alles ist[480] gleich, es lohnt sich nichts, Welt ist ohne Sinn, Wissen würgt.« Aber sein Antlitz hatte sich inzwischen verwandelt; und als ihm Zarathustra in die Augen blickte, wurde sein Herz abermals erschreckt: so viel schlimme Verkündigungen und aschgraue Blitze liefen über dies Gesicht.

2824

The next day Zarathustra sat again on the stone before his cave while his animals roamed abroad to bring home new food – and new honey: for he had squandered every last drop of the old. As he sat thus, tracing his shadow on the earth with a stick, lost in thought – and truly! not contemplating himself or his shadow – he suddenly started and recoiled: for beside his shadow he saw another. When he swiftly turned and rose, behold, there stood the soothsayer beside him, the same one he had once fed at his table, the herald of great weariness who taught: "All is vain, nothing worthwhile, the world is meaningless, knowledge chokes." But his face had since transformed; and when Zarathustra looked into his eyes, his heart was again stricken – so many ill omens and ash-gray lightnings played across that visage.

2825

Der Wahrsager, der es wahrgenommen, was sich in Zarathustras Seele zutrug, wischte mit der Hand über sein Antlitz hin, wie als ob er dasselbe wegwischen wollte; desgleichen tat auch Zarathustra. Und als beide dergestalt sich schweigend gefaßt und gekräftigt hatten, gaben sie sich die Hände, zum Zeichen, laß sie sich wiedererkennen wollten.

2825

The soothsayer, perceiving what stirred in Zarathustra's soul, wiped his hand over his face as though to erase it; Zarathustra did likewise. When both had thus composed and strengthened themselves in silence, they clasped hands as a sign they wished to recognize each other anew.

2826

»Sei mir willkommen«, sagte Zarathustra, »du Wahrsager der großen Müdigkeit, du sollst nicht umsonst einstmals mein Tisch- und Gastfreund gewesen sein. Iß und trink auch heute bei mir und vergib es, daß ein vergnügter alter Mann mit dir zu Tische sitzt!« – »Ein vergnügter alter Mann?« antwortete der Wahrsager, den Kopf schüttelnd: »wer du aber auch bist oder sein willst, o Zarathustra, du bist es zum längsten hier oben gewesen – dein Nachen soll über kurzem nicht mehr im Trocknen sitzen!« – »Sitze ich denn im Trocknen?« – fragte Zarathustra lachend. – »Die Wellen um deinen Berg«, antwortete der Wahrsager, »steigen und steigen, die Wellen großer Not und Trübsal: die werden bald auch deinen Nachen heben und dich davontragen.« – Zarathustra schwieg hierauf und wunderte sich. – »Hörst du noch nichts?« fuhr der Wahrsager fort: »rauscht und braust es nicht herauf aus der Tiefe?« – Zarathustra schwieg abermals und horchte: da hörte er einen langen, langen Schrei, welchen die Abgründe sich zuwarfen und weitergaben, denn keiner wollte ihn behalten: so böse klang er.

2826

"Be welcome," said Zarathustra, "you soothsayer of great weariness, you shall not in vain have once been my table companion and guest. Eat and drink today with me too, and forgive that a cheerful old man sits at table with you!" — "A cheerful old man?" answered the soothsayer, shaking his head. "But whoever you are or would be, O Zarathustra, you have been up here too long — your boat shall sit in dry dock no longer!" — "Do I sit in dry dock?" — asked Zarathustra laughing. — "The waves around your mountain," answered the soothsayer, "rise and rise, the waves of great need and affliction: soon they shall lift your boat too and carry you away." — Here Zarathustra fell silent and marveled. — "Do you still hear nothing?" continued the soothsayer: "does it not rush and roar up from the depths?" — Zarathustra again fell silent and listened: then he heard a long, drawn-out cry which the abysses tossed to one another as none wished to keep it, so evil did it sound.

2827

»Du schlimmer Verkündiger«, sprach endlich Zarathustra, »das ist ein Notschrei und der Schrei eines Menschen; der mag wohl aus einem schwarzen Meere kommen. Aber was geht mich Menschen-Not an! Meine letzte Sünde, die mir aufgespart blieb, weißt du wohl, wie sie heißt?«

2827

"You ill herald," Zarathustra spoke at last, "that is a cry of distress and the cry of a human being; it may well come from a black sea. But what is human distress to me! My ultimate sin, which was reserved for me — do you know how it is called?"

2828

– »Mitleiden!« antwortete der Wahrsager aus einem überströmenden Herzen und hob beide Hände empor – »o Zarathustra, ich komme, daß ich dich zu deiner letzten Sünde verführe!« –

2828

— "Compassion!" answered the soothsayer from an overflowing heart, raising both hands aloft — "O Zarathustra, I come to seduce you to your ultimate sin!" —

2829

Und kaum waren diese Worte gesprochen, da erscholl der Schrei abermals, und länger und ängstlicher als vorher, auch schon viel näher.[481]

2829

And scarcely were these words spoken when the cry resounded again, longer and more anguished than before, and now much nearer.

2830

»Hörst du? Hörst du, o Zarathustra?« rief der Wahrsager, »dir gilt der Schrei, dich ruft er: komm, komm, komm, es ist Zeit, es ist höchste Zeit!« –

2830

"Hear you? Hear you, O Zarathustra?" cried the soothsayer. "The cry is for you, it calls you: come, come, come, it is time, it is high time!" —

2831

Zarathustra schwieg hierauf, verwirrt und erschüttert; endlich fragte er, wie einer, der bei sich selber zögert: »Und wer ist das, der dort mich ruft?«

2831

Here Zarathustra fell silent, confused and shaken; at last he asked, like one hesitating within himself: "And who is it that calls me there?"

2832

»Aber du weißt es ja«, antwortete der Wahrsager heftig, »was verbirgst du dich? Der höhere Mensch ist es, der nach dir schreit!«

2832

"But you know it well," answered the soothsayer vehemently, "why do you dissemble? It is the higher man who cries for you!"

2833

»Der höhere Mensch?« schrie Zarathustra von Grausen erfaßt: »was will der? Was will der? Der höhere Mensch! Was will der hier?« – und seine Haut bedeckte sich mit Schweiß.

2833

"The higher man?" cried Zarathustra, seized with horror. "What does he want? What does he want? The higher man! What does he want here?" — and his skin became bathed in sweat.

2834

Der Wahrsager aber antwortete nicht auf die Angst Zarathustras, sondern horchte und horchte nach der Tiefe zu. Als es jedoch lange Zeit dort stille blieb, wandte er seinen Blick zurück und sahe Zarathustra stehn und zittern.

2834

The soothsayer, however, gave no answer to Zarathustra's terror but listened intently toward the depths. When all remained silent there for a long while, he turned his gaze back and saw Zarathustra standing and trembling.

2835

»O Zarathustra«, hob er mit trauriger Stimme an, »du stehst nicht da wie einer, den sein Glück drehend macht: du wirst tanzen müssen, daß du mir nicht umfällst!

2835

"O Zarathustra," he began in a sorrowful tone, "you do not stand here like one made giddy by his happiness: you must dance lest you collapse!

2836

Aber wenn du auch vor mir tanzen wolltest und alle deine Seitensprünge springen: niemand soll mir doch sagen dürfen: ›Siehe, hier tanzt der letzte frohe Mensch!‹

2836

But even if you should dance before me with all your leaps and sidesteps, none would dare say: 'Behold, here dances the last joyous man!'

2837

Umsonst käme einer auf diese Höhe, der den hier suchte: Höhlen fände er wohl und Hinter-Höhlen, Verstecke für Versteckte, aber nicht Glücks-Schachte und Schatzkammern und neue Glücks-Goldadern.

2837

In vain would anyone come to these heights seeking him: they would find caves indeed and back-caves and hiding places for the hidden, but not shafts of happiness and treasure chambers and new veins of golden bliss."

2838

Glück – wie fände man wohl das Glück bei solchen Vergrabenen und Einsiedlern! Muß ich das letzte Glück noch auf glückseligen Inseln suchen und ferne zwischen vergessenen Meeren?

2838

Happiness—how could one find happiness among such buried hermits? Must I still seek the ultimate happiness on blessed isles, far across forgotten seas?

2839

Aber alles ist gleich, es lohnt sich nichts, es hilft kein Suchen, es gibt auch keine glückseligen Inseln mehr!« – –

2839

But all things are indifferent, nothing repays effort, no seeking avails; there are no blessed isles left!« — —

2840

Also seufzte der Wahrsager; bei seinem letzten Seufzer aber wurde Zarathustra wieder hell und sicher, gleich einem, der aus einem tiefen Schlunde ans Licht kommt. »Nein! Nein! Dreimal nein!« rief er mit starker Stimme und strich sich den Bart – »das weiß ich besser! Es gibt noch glückselige Inseln! Stille davon, du seufzender Trauersack![482]

2840

Thus sighed the soothsayer; but at his last sigh, Zarathustra became bright and assured, like one emerging from dark chasms into light. »No! No! Thrice no!« he cried with a strong voice, stroking his beard—»This I know better! Blessed isles still exist! Silence on that, you sighing sackcloth![482]

2841

Höre davon auf zu plätschern, du Regenwolke am Vormittag! Stehe ich denn nicht schon da, naß von deiner Trübsal und begossen wie ein Hund?

2841

Cease your drizzling lament, you raincloud of the morning! Do I not stand here already, drenched by your melancholy, soaked like a dog?

2842

Nun schüttle ich mich und laufe dir davon, daß ich wieder trocken werde: des darfst du nicht wunder haben! Dünke ich dir unhöflich? Aber hier ist mein Hof.

2842

Now I shake myself and flee from you to dry again—do not marvel at this! Do I seem discourteous? But here is my court.

2843

Was aber deinen höheren Menschen angeht: wohlan! ich suche ihn flugs in jenen Wäldern: daher kam sein Schrei. Vielleicht bedrängt ihn da ein böses Tier.

2843

As for your higher man—well then! I shall seek him straightway in yonder forests: from there his cry came. Perhaps a beast of prey assails him.

2844

Er ist in meinem Bereiche: darin soll er mir nicht zu Schaden kommen! Und wahrlich, es gibt viele böse Tiere bei mir.« –

2844

He is in my domain; therein he shall come to no harm! And verily, many beasts of prey dwell here.« —

2845

Mit diesen Worten wandte sich Zarathustra zum Gehen. Da sprach der Wahrsager: »O Zarathustra, du bist ein Schelm!

2845

With these words, Zarathustra turned to depart. Then spoke the soothsayer: »O Zarathustra, you are a rogue!

2846

Ich weiß es schon: du willst mich los sein! Lieber noch läufst du in die Wälder und stellst bösen Tieren nach!

2846

I know it well: you would be rid of me! You would sooner run into forests to stalk wild beasts!

2847

Aber was hilft es dir? Des Abends wirst du doch mich wiederhaben; in deiner eignen Höhle werde ich dasitzen, geduldig und schwer wie ein Klotz – und auf dich warten!«

2847

But what avails it? By evening you shall have me again; in your own cave I shall sit, patient and heavy as a block—and await you!«

2848

»So sei's!« rief Zarathustra zurück im Fortgehn: »und was mein ist in meiner Höhle, gehört auch dir, meinem Gastfreunde!

2848

»So be it!« cried Zarathustra over his shoulder as he strode away: »and what is mine in my cave belongs also to you, my guest!

2849

Solltest du aber drin noch Honig finden, wohlan! so lecke ihn nur auf, du Brummbär, und versüße deine Seele! Am Abende nämlich wollen wir beide guter Dinge sein,

2849

But should you find honey there—well then! Lick it up, you growl-bear, and sweeten your soul! For this evening, we shall both be merry—

2850

– guter Dinge und froh darob, daß dieser Tage zu Ende ging! Und du selber sollst zu meinen Liedern als mein Tanzbär tanzen.

2850

—merry and glad that this day has ended! And you yourself shall dance to my songs as my dancing bear.

2851

Du glaubst nicht daran? Du schüttelst den Kopf? Wohlan! Wohl- auf! Alter Bär! Aber auch ich – bin ein Wahrsager.«

2851

You doubt it? You shake your head? Well then! Up with you, old bear! But I too—am a soothsayer.«

2852

Also sprach Zarathustra.[483]

2852

Thus spoke Zarathustra.[483]

2853

Gespräch mit den Königen

2853

Discourse with the Kings

2854

1

2854

1

2855

Zarathustra war noch keine Stunde in seinen Bergen und Wäldern unterwegs, da sahe er mit einem Male einen seltsamen Aufzug. Gerade auf dem Wege, den er hinabwollte, kamen zwei Könige gegangen,[483] mit Kronen und Purpurgürteln geschmückt und bunt wie Flamingo-Vögel: die trieben einen beladenen Esel vor sich her. »Was wollen diese Könige in meinem Reiche?« sprach Zarathustra erstaunt zu seinem Herzen und versteckte sich geschwind hinter einem Busche. Als aber die Könige bis zu ihm herankamen, sagte er, halblaut, wie einer, der zu sich allein redet: »Seltsam! Seltsam! Wie reimt sich das zusammen? Zwei Könige sehe ich – und nur einen Esel!«

2855

Zarathustra had not wandered an hour through his mountains and forests when suddenly he beheld a strange procession. Upon the very path he meant to descend came two kings walking,[483] adorned with crowns and purple sashes, gaudy as flamingos; they drove a laden ass before them. »What do these kings seek in my realm?« said Zarathustra in astonishment to his heart, swiftly concealing himself behind a bush. But as the kings drew near, he murmured, half-aloud like one speaking to himself: »Strange! Strange! How does this rhyme? Two kings I see—and but one ass!«

2856

Da machten die beiden Könige halt, lächelten, sahen nach der Stelle hin, woher die Stimme kam, und sahen sich nachher selber ins Gesicht. »Solcherlei denkt man wohl auch unter uns«, sagte der König zur Rechten, »aber man spricht es nicht aus.«

2856

At this, the two kings halted, smiled, glanced toward the voice’s source, then looked each other in the face. »Such things are thought among us too,« said the king on the right, »but left unspoken.«

2857

Der König zur Linken aber zuckte mit den Achseln und antwortete:

2857

The king on the left shrugged his shoulders and answered:

2858

»Das mag wohl ein Ziegenhirt sein. Oder ein Einsiedler, der zu lange unter Felsen und Bäumen lebte. Gar keine Gesellschaft nämlich verdirbt auch die guten Sitten.«

2858

"That must be some goat-herd. Or a hermit who has lived too long among rocks and trees. For even good manners decay when utterly deprived of company."

2859

»Die guten Sitten?« entgegnete unwillig und bitter der andre König: »wem laufen wir denn aus dem Wege? Ist es nicht den ›guten Sitten‹? Unsrer ›guten Gesellschaft‹?

2859

"Good manners?" retorted the other king with vexed bitterness. "Whom do we flee if not 'good manners'? Our own 'good society'?

2860

Lieber, wahrlich, unter Einsiedlern und Ziegenhirten als mit unserm vergoldeten falschen überschminkten Pöbel leben – ob er sich schon ›gute Gesellschaft‹ heißt,

2860

By my troth, better to dwell among hermits and goat-herds than endure our gilded, counterfeit, painted rabble—though they style themselves 'good society,'

2861

– ob er sich schon ›Adel‹ heißt. Aber da ist alles falsch und faul, voran das Blut, dank alten schlechten Krankheiten und schlechteren Heil-Künstlern.

2861

—though they style themselves 'nobility.' Here all is falsity and rot, beginning with the bloodline, corrupted by ancient maladies and quacks more vile than the sickness.

2862

Das Beste und Liebste ist mir heute noch ein gesunder Bauer, grob, listig, hartnäckig, langhaltig: das ist heute die vornehmste Art.

2862

What I cherish most today is a robust peasant—coarse, cunning, stubborn, enduring: that is now the noblest breed.

2863

Der Bauer ist heute der Beste; und Bauern-Art sollte Herr sein! Aber es ist das Reich des Pöbels – ich lasse mir nichts mehr vormachen. Pöbel aber, das heißt: Mischmasch.

2863

The peasant is today the finest; peasant stock should rule! Yet this is the age of the rabble—I’ll no longer be deceived. Rabble, I say—a hodgepodge.

2864

Pöbel-Mischmasch: darin ist alles in allem durcheinander, Heiliger und Hallunke und Junker und Jude und jeglich Vieh aus der Arche Noäh.

2864

Rabble-hodgepodge: saints and scoundrels, gentry and Jews, every beast from Noah’s Ark stewed together.

2865

Gute Sitten! Alles ist bei uns falsch und faul. Niemand weiß mehr zu verehren: dem gerade laufen wir davon. Es sind süßliche zudringliche Hunde, sie vergolden Palmenblätter.

2865

Good manners! All is warped and festering here. None remember reverence—and from this we flee. They are fawning, gilded lapdogs, draping palm leaves in gilt.

2866

Dieser Ekel würgt mich, daß wir Könige selber falsch wurden,[484] überhängt und verkleidet durch alten vergilbten Großväter-Prunk, Schaumünzen für die Dümmsten und die Schlauesten und wer heute alles mit der Macht Schacher treibt!

2866

This loathing chokes me—that we kings ourselves turned counterfeit,[484] draped in our grandsires’ yellowed pomp, showpieces for fools and schemers and all who now barter with power!

2867

Wir sind nicht die Ersten – und müssen es doch bedeuten: dieser Betrügerei sind wir endlich satt und ekel geworden.

2867

We are not the first—yet must play the part: this fraud has sickened us to the bone.

2868

Dem Gesindel gingen wir aus dem Wege, allen diesen Schreihälsen und Schreib-Schmeißfliegen, dem Krämer-Gestank, dem Ehrgeiz-Gezappel, dem üblen Atem –: pfui, unter dem Gesindel leben,

2868

We fled the mob—their clamoring scribes, merchant-stench, ambition’s twitching, foul breath—ugh, to live among rabble,

2869

– pfui, unter dem Gesindel die Ersten zu bedeuten! Ach, Ekel! Ekel! Ekel! Was liegt noch an uns Königen!« –

2869

—ugh, to masquerade as first among rabble! Ah, loathing! Loathing! Loathing! What are kings to us now!" —

2870

»Deine alte Krankheit fällt dich an«, sagte hier der König zur Linken, »der Ekel fällt dich an, mein armer Bruder. Aber du weißt es doch, es hört uns einer zu.«

2870

"Your old malady takes you again," said the king on the left, "loathing seizes you, my poor brother. Yet you know we are overheard."

2871

Sofort erhob sich Zarathustra, der zu diesen Reden Ohren und Augen aufgesperrt hatte, aus seinem Schlupfwinkel, trat auf die Könige zu und begann:

2871

At once Zarathustra rose from his hiding place, having strained ears and eyes toward their speech, stepped toward the kings, and began:

2872

»Der Euch zuhört, der Euch gerne zuhört, ihr Könige, der heißt Zarathustra.

2872

"He who listens to you, who listens gladly, you kings—his name is Zarathustra.

2873

Ich bin Zarathustra, der einst sprach: ›Was liegt noch an Königen!‹ Vergebt mir, ich freute mich, als Ihr zueinander sagtet: ›Was liegt an uns Königen!‹

2873

I am Zarathustra, who once declared: 'What are kings anymore?' Forgive me—I rejoiced when you said to each other: 'What are kings to us!'

2874

Hier aber ist mein Reich und meine Herrschaft: was mögt Ihr wohl in meinem Reiche suchen? Vielleicht aber fandet Ihr unterwegs, was ich suche: nämlich den höheren Menschen.«

2874

But here lies my realm and dominion: what might you seek in my domain? Perhaps you found along your path what I seek: the higher human."

2875

Als dies die Könige hörten, schlugen sie sich an die Brust und sprachen mit einem Munde: »Wir sind erkannt!

2875

Hearing this, the kings struck their breasts and spoke as one: "We are known!

2876

Mit dem Schwerte dieses Wortes zerhaust du unsres Herzens dickste Finsternis. Du entdecktest unsre Not, denn siehe! wir sind unterwegs, daß wir den höheren Menschen fänden –

2876

With the sword of your words, you cleave the thickest gloom in our hearts. You unveil our anguish—behold! We journey to find the higher human—

2877

– den Menschen, der höher ist als wir: ob wir gleich Könige sind. Ihm führen wir diesen Esel zu. Der höchste Mensch nämlich soll auf Erden auch der höchste Herr sein.

2877

—the human loftier than ourselves, though we are kings. To him we lead this ass. For the highest man on earth should also be the highest lord."

2878

Es gibt kein härteres Unglück in allem Menschen-Schicksale, als wenn die Mächtigen der Erde nicht auch die ersten Menschen sind. Da wird alles falsch und schief und ungeheuer.

2878

There exists no harsher misfortune in all human destiny than when the mighty of the earth are not also the foremost men. Then all becomes warped and monstrous.

2879

Und wenn sie gar die letzten sind und mehr Vieh als Mensch: da[485] steigt und steigt der Pöbel im Preise, und endlich spricht gar die Pöbel-Tugend: ›siehe, ich allein bin Tugend!‹« –

2879

And should they even be the last remnants—more beast than man—then the rabble’s worth inflates ever higher until at last the rabble-virtue proclaims: ‘Behold, I alone am virtue!’» —

2880

»Was hörte ich eben?« antwortete Zarathustra; »welche Weisheit bei Königen! Ich bin entzückt, und, wahrlich, schon gelüstet's mich, einen Reim darauf zu machen: –

2880

«What have I just heard?» replied Zarathustra. «What wisdom from kings! I am enraptured, and verily, a rhyme now compels me to shape—

2881

– mag es auch ein Reim werden, der nicht für jedermanns Ohren taugt. Ich verlernte seit langem schon die Rücksicht auf lange Ohren. Wohlan! Wohlauf!

2881

—though it be a rhyme unfit for all ears. Long have I unlearned deference toward long-eared listeners. Well then! Onward!

2882

(Hier aber geschah es, daß auch der Esel zu Worte kam: er sagte aber deutlich und mit bösem Willen I-A.)

2882

(Here it came to pass that the ass too found speech: yet he uttered clearly and with malice, I-A.)

2883

Einstmals – ich glaub, im Jahr des Heiles Eins –

2883

Once—methinks in the year of grace One—

2884

Sprach die Sibylle, trunken sonder Weins:

2884

Thus spoke the Sibyl, drunken without wine:

2885

»Weh, nun geht's schief!

2885

«Woe! Now all goes awry!

2886

Verfall! Verfall! Nie sank die Welt so tief!

2886

Decay! Decay! Never sank the world so low!

2887

Rom sank zur Hure und zur Huren-Bude,

2887

Rome fell to harlot and to harlot’s sty,

2888

Roms Cäsar sank zum Vieh, Gott selbst – ward Jude!«

2888

Rome’s Caesar sank to beast, God Himself—became a Jew!»

2889

2

2889

2

2890

An diesen Reimen Zarathustras weideten sich die Könige; der König zur Rechten aber sprach: »O Zarathustra, wie gut taten wir, daß wir auszogen, dich zu sehn!

2890

The kings feasted upon Zarathustra’s rhyme; yet the king to the right spoke: «O Zarathustra, how well we did to set forth and seek thee!

2891

Deine Feinde nämlich zeigten uns dein Bild in ihrem Spiegel: da blicktest du mit der Fratze eines Teufels und hohnlachend: also daß wir uns vor dir fürchteten.

2891

For thine enemies showed us thy image in their mirror: there thou glared with a devil’s grimace, mocking—so that we feared thee.

2892

Aber was half's! Immer wieder stachst du uns in Ohr und Herz mit deinen Sprüchen. Da sprachen wir endlich: was liegt daran, wie er aussieht!

2892

But what availed it? Ever anew thou didst prick our ears and hearts with thy maxims. At last we said: What matter how he appears?

2893

Wir müssen ihn hören, ihn, der lehrt: ›ihr sollt den Frieden lieben als Mittel zu neuen Kriegen, und den kurzen Frieden mehr als den langen!‹

2893

We must hear him, him who teaches: ‘Love peace as a means to new wars, and the brief peace more than the long!’

2894

Niemand sprach je so kriegerische Worte: ›Was ist gut? Tapfer sein ist gut. Der gute Krieg ist's, der jede Sache heiligt.‹

2894

None ever spoke more warlike words: ‘What is good? To be brave is good. The good war is that which hallows every cause.’

2895

O Zarathustra, unserer Väter Blut rührte sich bei solchen Worten in unserm Leibe: das war wie die Rede des Frühlings zu alten Weinfässern.[486]

2895

O Zarathustra, our fathers’ blood stirred within us at such words: it was like the voice of spring to ancient wine-casks.

2896

Wenn die Schwerter durcheinander liefen gleich rotgefleckten Schlangen, da wurden unsre Väter dem Leben gut; alles Friedens Sonne dünkte sie flau und lau, der lange Frieden aber machte Scham.

2896

When swords crossed like red-spotted serpents, then our fathers grew fond of life; all peace’s sun seemed to them pallid and lukewarm, while long peace bred shame.

2897

Wie sie seufzten, unsre Väter, wenn sie an der Wand blitzblanke ausgedorrte Schwerter sahen! Denen gleich dürsteten sie nach Krieg. Ein Schwert nämlich will Blut trinken und funkelt vor Begierde.« – –

2897

How they sighed, our fathers, when they saw gleaming, parched swords hung on walls! Like those blades, they thirsted for war. For a sword yearns to drink blood and glitters with desire.» — —

2898

– Als die Könige dergestalt mit Eifer von dem Glück ihrer Väter redeten und schwätzten, überkam Zarathustra keine kleine Lust, ihres Eifers zu spotten: denn ersichtlich waren es sehr friedfertige Könige, welche er vor sich sah, solche mit alten und feinen Gesichtern. Aber er bezwang sich. »Wohlan!« sprach er, »dorthin führt der Weg, da liegt die Höhle Zarathustras; und dieser Tag soll einen langen Abend haben! Jetzt aber ruft mich eilig ein Notschrei fort von Euch.

2898

—As the kings thus fervently spoke and prattled of their fathers’ glory, Zarathustra felt keen temptation to mock their zeal: for plainly these were most peaceable kings before him, with aged and refined faces. Yet he restrained himself. «Well then!» he said, «thither lies the path to Zarathustra’s cave; and this day shall have a long evening! But now a cry of distress urgently calls me from you.

2899

Es ehrt meine Höhle, wenn Könige in ihr sitzen und warten wollen: aber, freilich, Ihr werdet lange warten müssen!

2899

It honors my cave when kings sit and wait within: yet, in truth, you shall wait long!

2900

Je nun! Was tut's! Wo lernt man heute besser warten als an Höfen? Und der Könige ganze Tugend, die ihnen übrigblieb – heißt sie heute nicht: Warten-können

2900

Well then! What matter? Where better to learn waiting today than at courts? And the sole virtue left to kings—is it not now called: the ability to wait

2901

Also sprach Zarathustra.[487]

2901

Thus spoke Zarathustra.[487]

2902

Der Blutegel

2902

The Leech

2903

Und Zarathustra ging nachdenklich weiter und tiefer, durch Wälder und vorbei an moorigen Gründen; wie es aber jedem ergeht, der über schwere Dinge nachdenkt, so trat er unversehens dabei auf einen Menschen. Und siehe, da spritzten ihm mit einem Male ein Weheschrei und zwei Flüche und zwanzig schlimme Schimpfworte ins Gesicht: also daß er in seinem Schrecken den Stock erhob und auch auf den Getretenen noch zuschlug. Gleich darauf aber kam ihm die Besinnung; und sein Herz lachte über die Torheit, die er eben getan hatte.

2903

And Zarathustra walked onward, brooding and descending through forests and past marshy depths; but as befalls all who ponder weighty matters, he unwittingly trod upon a man. Behold—a cry of pain, two curses, and twenty vile oaths sprayed suddenly into his face, so that in his fright he raised his staff and struck even the trampled one. Yet immediately his senses returned, and his heart laughed at the folly he had just committed.

2904

»Vergib«, sagte er zu dem Getretenen, der sich grimmig erhoben und gesetzt hatte, »vergib und vernimm vor allem erst ein Gleichnis.

2904

"Forgive me," he said to the trampled one, who had risen wrathfully and sat up, "forgive me, and first hear a parable.

2905

Wie ein Wanderer, der von fernen Dingen träumt, unversehens auf einsamer Straße einen schlafenden Hund anstößt, einen Hund, der in der Sonne liegt:[487]

2905

Like a wanderer who dreams of distant things and stumbles unawares upon a sleeping dog lying in the sun on a lonesome path:

2906

– wie da beide auffahren, sich anfahren, Todfeinden gleich, diese zwei zu Tod Erschrockenen: also erging es uns.

2906

—how then both start up and snap at each other like mortal enemies, these two deathly startled beings—so it befell us.

2907

Und doch! Und doch – wie wenig hat gefehlt, daß sie einander liebkosten, dieser Hund und dieser Einsame! Sind sie doch beide – Einsame!«

2907

And yet! And yet—how near they came to caressing each other, this dog and this solitary! For are they not both—solitary souls!"

2908

– »Wer du auch sein magst«, sagte immer noch grimmig der Getretene, »du trittst mir auch mit deinem Gleichnis zu nahe, und nicht nur mit deinem Fuße!

2908

—"Whoever you may be," retorted the trampled one, still grim, "you press upon me with your parable as with your foot!

2909

Siehe doch, bin ich denn ein Hund?« – und dabei erhob sich der Sitzende und zog seinen nackten Arm aus dem Sumpfe. Zuerst nämlich hatte er ausgestreckt am Boden gelegen, verborgen und unkenntlich gleich solchen, die einem Sumpf-Wilde auflauern.

2909

Look now—am I then a dog?" And here the seated man drew his naked arm from the mire. For he had lain outstretched on the ground, hidden and indistinguishable, like those who lie in wait for swamp-game.

2910

»Aber was treibst du doch!« rief Zarathustra erschreckt, denn er sahe, daß über den nackten Arm weg viel Blut floß – »was ist dir zugestoßen? Biß dich, du Unseliger, ein schlimmes Tier?«

2910

"But what are you doing here?" cried Zarathustra in alarm, for he saw that much blood flowed over the naked arm—"what has befallen you? Has some vile beast bitten you, hapless one?"

2911

Der Blutende lachte, immer noch erzürnt. »Was geht's dich an!« sagte er und wollte weitergehn. »Hier bin ich heim und in meinem Bereiche. Mag mich fragen, wer da will: einem Tölpel aber werde ich schwerlich antworten.«

2911

The bleeding man laughed, still wrathful. "What concern is it of yours?" he said and made to leave. "Here I am at home and in my domain. Let whoever will question me—but to a fool I shall hardly answer."

2912

»Du irrst«, sagte Zarathustra mitleidig und hielt ihn fest, »du irrst: hier bist du nicht bei dir, sondern in meinem Reiche, und darin soll mir keiner zu Schaden kommen.

2912

"You err," said Zarathustra pityingly, holding him fast, "you err: here you are not in your own realm but in mine, and in it none shall come to harm.

2913

Nenne mich aber immerhin, wie du willst – ich bin, der ich sein muß. Ich selber heiße mich Zarathustra.

2913

Call me what you will—I am who I must be. I call myself Zarathustra.

2914

Wohlan! Dort hinauf geht der Weg zu Zarathustras Höhle: die ist nicht fern, – willst du nicht bei mir deiner Wunden warten?

2914

Come! The path upward to Zarathustra's cave lies there—it is not far. Will you not tend your wounds as my guest?

2915

Es ging dir schlimm, du Unseliger, in diesem Leben: erst biß dich das Tier, und dann – trat dich der Mensch!« –

2915

You have fared ill in this life, wretched one: first the beast bit you, and then—man trampled you!"—

2916

Als aber der Getretene den Namen Zarathustras hörte, verwandelte er sich. »Was geschieht mir doch!« rief er aus, »wer kümmert mich denn noch in diesem Leben, als dieser eine Mensch, nämlich Zarathustra, und jenes eine Tier, das vom Blute lebt, der Blutegel?

2916

But when the trampled one heard the name Zarathustra, he was transformed. "What is happening to me?" he cried, "who now holds meaning for me in this life save this one man, Zarathustra, and that one beast that lives on blood—the leech?

2917

Des Blutegels halber lag ich hier an diesem Sumpfe wie ein Fischer, und schon war mein ausgehängter Arm zehnmal angebissen, da beißt noch ein schönerer Igel nach meinem Blute, Zarathustra selber![488]

2917

For the leech's sake I lay here by this swamp like a fisher, and already my outstretched arm had been bitten tenfold when a finer vampire still thirsted for my blood—Zarathustra himself!

2918

O Glück! O Wunder! Gelobt sei dieser Tag, der mich in diesen Sumpf lockte! Gelobt sei der beste lebendigste Schröpfkopf, der heut lebt, gelobt sei der große Gewissens-Blutegel Zarathustra!« –

2918

O happiness! O miracle! Praised be this day that lured me into the mire! Praised be the best living cupping-glass of our age, praised be this great conscience-leech, Zarathustra!"—

2919

Also sprach der Getretene; und Zarathustra freute sich über seine Worte und ihre feine ehrfürchtige Art. »Wer bist du?« fragte er und reichte ihm die Hand, »zwischen uns bleibt viel aufzuklären und aufzuheitern: aber schon, dünkt mich, wird es reiner heller Tag.«

2919

Thus spoke the trampled one; and Zarathustra rejoiced at his words and their refined reverential manner. "Who are you?" he asked, extending his hand, "much remains to be clarified and brightened between us: but already, it seems to me, the day grows purer and clearer."

2920

»Ich bin der Gewissenhafte des Geistes«, antwortete der Gefragte, »und in Dingen des Geistes nimmt es nicht leicht einer strenger, enger und härter als ich, ausgenommen der, von dem ich's lernte, Zarathustra selber.

2920

"I am the conscientious one of the spirit," answered the questioned man, "and in matters of the spirit, none takes things more severely, narrowly, and rigorously than I - save he from whom I learned it, Zarathustra himself.

2921

Lieber nichts wissen, als vieles halb wissen! Lieber ein Narr sein auf eigne Faust, als ein Weiser nach fremdem Gutdünken! Ich – gehe auf den Grund:

2921

Better to know nothing than to know many things by halves! Better to be a fool on one's own terms than a sage by another's measure! I - go to the root:

2922

– was liegt daran, ob er groß oder klein ist? Ob er Sumpf oder Himmel heißt? Eine Handbreit Grund ist mir genug: wenn er nur wirklich Grund und Boden ist!

2922

—what matters whether it is called swamp or sky? A hand's breadth of foundation suffices me, so long as it is truly ground and soil!

2923

– eine Handbreit Grund: darauf kann man stehn. In der rechten Wissen-Gewissenschaft gibt es nichts Großes und nichts Kleines.«

2923

—a hand's breadth of ground: there one can stand. In the proper science of knowledge there is nothing great and nothing small."

2924

»So bist du vielleicht der Erkenner des Blutegels?« fragte Zarathustra; »und du gehst dem Blutegel nach bis auf die letzten Gründe, du Gewissenhafter?«

2924

"Then perhaps you are the connoisseur of the leech?" inquired Zarathustra; "and you pursue the leech to its ultimate grounds, you conscientious one?"

2925

»O Zarathustra«, antwortete der Getretene, »das wäre ein Ungeheures, wie dürfte ich mich dessen unterfangen!

2925

"O Zarathustra," answered the trampled one, "that would be monstrous—how could I presume such a thing!

2926

Wes ich aber Meister und Kenner bin, das ist des Blutegels Hirn: – das ist meine Welt!

2926

But what I am master and knower of is the leech's brain—that is my world!

2927

Und es ist auch eine Welt! Vergib aber, daß hier mein Stolz zu Worte kommt, denn ich habe hier nicht meinesgleichen. Darum sprach ich ›hier bin ich heim‹.

2927

And that too is a world! Forgive that my pride speaks here, for I have no equal in this realm. Therefore I said 'here I am at home.'

2928

Wie lange gehe ich schon diesem einen nach, dem Hirn des Blutegels, daß die schlüpfrige Wahrheit mir hier nicht mehr entschlüpfe! Hier ist mein Reich!

2928

How long have I pursued this one thing—the leech's brain—so that the slippery truth might no longer escape me here! Here lies my domain!

2929

– darob warf ich alles andere fort, darob wurde mir alles andre gleich; und dicht neben meinem Wissen lagert mein schwarzes Unwissen.

2929

—for this I cast all else aside, for this all else became indifferent to me; and right beside my knowledge lies my black ignorance.

2930

Mein Gewissen des Geistes will es so von mir, daß ich eins weiß und sonst alles nicht weiß: es ekelt mich aller Halben des Geistes, aller Dunstigen, Schwebenden, Schwärmerischen.[489]

2930

My conscience of the spirit demands that I know one thing and nothing else: I am sickened by all half-spirits, all misty, hovering, rapturous ones.[489]

2931

Wo meine Redlichkeit aufhört, bin ich blind und will auch blind sein. Wo ich aber wissen will, will ich auch redlich sein, nämlich hart, streng, eng, grausam, unerbittlich.

2931

Where my integrity ends, I am blind and wish to remain blind. But where I wish to know, I also wish to be honest—that is, hard, strict, narrow, cruel, inexorable.

2932

Daß du einst sprachst, o Zarathustra: ›Geist ist das Leben, das selber ins Leben schneidet‹, das führte und verführte mich zu deiner Lehre. Und, wahrlich, mit eignem Blute mehrte ich mir das eigne Wissen!«

2932

That you once said, O Zarathustra: 'Spirit is the life that itself cuts into life'—this guided and seduced me to your teaching. And verily, with my own blood I increased my own knowledge!"

2933

– »Wie der Augenschein lehrt«, fiel Zarathustra ein; denn immer noch floß das Blut an dem nackten Arme des Gewissenhaften herab. Es hatten nämlich zehn Blutegel sich in denselben eingebissen.

2933

—"As appearance teaches," interjected Zarathustra; for blood still flowed from the bare arm of the conscientious one. Ten leeches had fastened upon it.

2934

»O du wunderlicher Gesell, wie viel lehrt mich dieser Augenschein da, nämlich du selber! Und nicht alles dürfte ich vielleicht in deine strengen Ohren gießen!

2934

"O strange companion, how much this appearance here teaches me—namely, yourself! Though perhaps not all should be poured into your strict ears!

2935

Wohlan! So scheiden wir hier! Doch möchte ich gerne dich wiederfinden. Dort hinauf führt der Weg zu meiner Höhle: heute Nacht sollst du dort mein lieber Gast sein!

2935

Come! Let us part here. Yet I would gladly find you again. The path upward leads to my cave: tonight you shall be my cherished guest there!

2936

Gerne möchte ich's auch an deinem Leibe wieder gutmachen, daß Zarathustra dich mit Füßen trat: darüber denke ich nach. Jetzt aber ruft mich ein Notschrei eilig fort von dir.«

2936

I would gladly make amends upon your body for Zarathustra treading upon you with his feet: this I shall consider. But now a cry of distress urgently calls me away from you."

2937

Also sprach Zarathustra.[490]

2937

Thus spoke Zarathustra.[490]

2938

Der Zauberer

2938

The Sorcerer

2939

1

2939

1

2940

Als aber Zarathustra um einen Felsen herumbog, da sahe er, nicht weit unter sich, auf dem gleichen Wege, einen Menschen, der die Glieder warf wie ein Tobsüchtiger und endlich bäuchlings zur Erde niederstürzte. »Halt!« sprach da Zarathustra zu seinem Herzen, »der dort muß wohl der höhere Mensch sein, von ihm kam jener schlimme Notschrei, – ich will sehn, ob da zu helfen ist.« Als er aber hinzulief, an die Stelle, wo der Mensch auf dem Boden lag, fand er einen zitternden alten Mann mit stieren Augen; und wie sehr sich Zarathustra mühte, daß er ihn aufrichte und wieder auf seine Beine stelle, es war umsonst. Auch schien der Unglückliche nicht zu merken, daß jemand um ihn sei; vielmehr sah er sich immer mit rührenden Gebärden[490] um, wie ein von aller Welt Verlassener und Vereinsamter. Zuletzt aber, nach vielem Zittern, Zucken und Sich-Zusammenkrümmen, begann er also zu jammern:

2940

But when Zarathustra rounded a rocky outcrop, he saw not far below on the same path a man flailing his limbs like one possessed, who then collapsed face-first onto the earth. "Hold!" spoke Zarathustra to his heart. "That must be the higher man—from him came that grievous cry of distress. Let me see if aid may be given." Yet when he rushed to the spot where the man lay prostrate, he found a trembling old man with glassy eyes. Though Zarathustra strained to raise him and set him on his feet, all efforts proved vain. The wretch seemed unaware of any presence, instead casting about with pitiable gestures like one abandoned and utterly alone. At last, after much shuddering, twitching, and contortions, he began this lament:

2941

Wer wärmt mich, wer liebt mich noch?

2941

Who warms me, who still loves me?

2942

Gebt heiße Hände!

2942

Give burning hands!

2943

Gebt Herzens-Kohlenbecken!

2943

Give heart's charcoal-brazier!

2944

Hingestreckt, schaudernd,

2944

Prone, shuddering,

2945

Halbtotem gleich, dem man die Füße wärmt –

2945

Like a half-dead man whose feet they chafe—

2946

Geschüttelt, ach! von unbekannten Fiebern,

2946

Shaken, ah! by unknown fevers,

2947

Zitternd vor spitzen eisigen Frost-Pfeilen,

2947

Trembling beneath icy frost-darts,

2948

Von dir gejagt, Gedanke!

2948

Hunted by you, Thought!

2949

Unnennbarer! Verhüllter! Entsetzlicher!

2949

Unnameable! Veiled! Horrid!

2950

Du Jäger hinter Wolken!

2950

You hunter behind clouds!

2951

Darniedergeblitzt von dir,

2951

Struck down by your lightning,

2952

Du höhnisch Auge, das mich aus Dunklem anblickt: – so liege ich,

2952

You mocking eye that peers from darkness—so I lie,

2953

Biege mich, winde mich, gequält

2953

Writhing, twisting, racked

2954

Von allen ewigen Martern,

2954

By all eternal torments,

2955

Getroffen

2955

Smitten

2956

Von dir, grausamster Jäger,

2956

By you, cruelest hunter,

2957

Du unbekannter – Gott!

2957

You unknown—God!

2958

Triff tiefer!

2958

Strike deeper!

2959

Triff einmal noch!

2959

Strike once more!

2960

Zerstich, zerbrich dies Herz!

2960

Pierce through, shatter this heart!

2961

Was soll dies Martern

2961

What mean these tortures

2962

Mit zähnestumpfen Pfeilen?

2962

With blunted arrows?

2963

Was blickst du wieder,

2963

Why gaze again,

2964

Der Menschen-Qual nicht müde,

2964

Not weary of human anguish,

2965

Mit schadenfrohen Götter-Blitz-Augen?

2965

With gods'-lightning-eyes gloating?

2966

Nicht töten willst du,

2966

You will not kill,

2967

Nur martern, martern?

2967

Only torment, torment?

2968

Wozu – mich martern,

2968

Why—torment me,

2969

Du schadenfroher unbekannter Gott? –

2969

You gloating unknown God?—

2970

Haha! Du schleichst heran?[491]

2970

Haha! You steal nearer?[491]

2971

Bei solcher Mitternacht

2971

In such midnight hour,

2972

Was willst du? Sprich!

2972

What would you? Speak!

2973

Du drängst mich, drückst mich –

2973

You crowd me, crush me—

2974

Ha! schon viel zu nahe!

2974

Ha! Already too close!

2975

Weg! Weg!

2975

Away! Away!

2976

Du hörst mich atmen,

2976

You hear me breathe,

2977

Du behorchst mein Herz,

2977

You eavesdrop on my heart,

2978

Du Eifersüchtiger –

2978

You jealous one—

2979

Worauf doch eifersüchtig?

2979

Jealous of what?

2980

Weg! Weg! Wozu die Leiter?

2980

Away! Away! Why the ladder?

2981

Willst du hinein,

2981

Would you climb in,

2982

Ins Herz,

2982

Into the heart,

2983

Einsteigen, in meine heimlichsten

2983

Ascend into my most secret

2984

Gedanken einsteigen?

2984

Thoughts?

2985

Schamloser! Unbekannter – Dieb!

2985

Shameless one! Unknown—thief!

2986

Was willst du dir erstehlen?

2986

What would you pilfer?

2987

Was willst du dir erhorchen?

2987

What would you overhear?

2988

Was willst du dir erfoltern,

2988

What would you extort,

2989

Du Folterer!

2989

You torturer!

2990

Du – Henker-Gott!

2990

You—Executioner-God!

2991

Oder soll ich, dem Hunde gleich,

2991

Or shall I, like a dog,

2992

Vor dir mich wälzen?

2992

Grovel before you?

2993

Hingebend, begeistert-außer-mir,

2993

Prostrate, ecstatic,

2994

Dir – Liebe zuwedeln?

2994

Wag love's tail—for you?

2995

Umsonst! Stich weiter,

2995

In vain! Stab deeper,

2996

Grausamster Stachel! Nein,

2996

Cruelest barb! No,

2997

Kein Hund – dein Wild nur bin ich,

2997

No dog—your prey am I,

2998

Grausamster Jäger!

2998

Cruelest hunter!

2999

Dein stolzester Gefangner,

2999

Your proudest captive,

3000

Du Räuber hinter Wolken!

3000

You robber behind clouds!

3001

Sprich endlich!

3001

Speak at last!

3002

Was willst du, Wegelagerer, von mir?

3002

What would you, path-robber, from me?

3003

Du Blitz-Verhüllter! Unbekannter! Sprich,

3003

You lightning-veiled! Unknown! Speak,

3004

Was willst du, unbekannter – Gott? – –[492]

3004

What do you want, unknown—God?— —[492]

3005

Wie? Lösegeld?

3005

What? Ransom?

3006

Was willst du Lösegelds?

3006

What ransom would you have?

3007

Verlange viel – das rät mein Stolz!

3007

Demand much—so counsels my pride!

3008

Und rede kurz – das rät mein andrer Stolz!

3008

And speak briefly—so counsels my other pride!

3009

Haha!

3009

Haha!

3010

Mich – willst du? Mich?

3010

Me—you want? Me?

3011

Mich – ganz?...

3011

Me—entire?...

3012

Haha!

3012

Haha!

3013

Und marterst mich, Narr, der du bist,

3013

And torture me, fool that you are,

3014

Zermarterst meinen Stolz?

3014

Tearing my pride to shreds?

3015

Gib Liebe mir – wer wärmt mich noch?

3015

Give love to me—who warms me still?

3016

Wer liebt mich noch? – gib heiße Hände,

3016

Who loves me still? – give warm hands,

3017

Gib Herzens-Kohlenbecken,

3017

Give heart’s brazier,

3018

Gib mir, dem Einsamsten,

3018

Give to me, the loneliest,

3019

Den Eis, ach! siebenfaches Eis

3019

Ice, ah! sevenfold ice

3020

Nach Feinden selber,

3020

That teaches longing even for enemies,

3021

Nach Feinden schmachten lehrt,

3021

For enemies themselves,

3022

Gib, ja ergib

3022

Give, nay surrender

3023

Grausamster Feind,

3023

Cruelest enemy,

3024

Mir – dich! – –

3024

To me – yourself! – –

3025

Davon!

3025

Away!

3026

Da floh er selber,

3026

Then fled he himself,

3027

Mein letzter einziger Genoß,

3027

My last sole companion,

3028

Mein großer Feind,

3028

My greatest foe,

3029

Mein Unbekannter,

3029

My Unknown One,

3030

Mein Henker-Gott! –

3030

My Executioner-God! –

3031

– Nein! Komm zurück,

3031

– No! Return,

3032

Mit allen deinen Martern!

3032

With all your tortures!

3033

Zum Letzten aller Einsamen

3033

To the last of all solitaries

3034

O komm zurück!

3034

O return!

3035

All meine Tränen-Bäche laufen

3035

All my streams of tears

3036

Zu dir den Lauf![493]

3036

Run their course to you![493]

3037

Und meine letzte Herzens-Flamme –

3037

And my final heart’s flame –

3038

Dir glüht sie auf!

3038

For you it flares!

3039

O komm zurück,

3039

O come back,

3040

Mein unbekannter Gott! Mein Schmerz!

3040

My unknown God! My pain!

3041

Mein letztes – Glück!

3041

My last – happiness!

3042

2

3042

2

3043

– Hier aber konnte sich Zarathustra nicht länger halten, nahm seinen Stock und schlug mit allen Kräften auf den Jammernden los. »Halt ein!« schrie er ihm zu, mit ingrimmigem Lachen, »halt ein, du Schauspieler! Du Falschmünzer! Du Lügner aus dem Grunde! Ich erkenne dich wohl!

3043

– But here Zarathustra could no longer contain himself, seized his staff, and struck the wailing man with all his might. “Cease!” he cried out to him with wrathful laughter, “cease, you actor! You counterfeiter! You liar from the depths! I recognize you well!

3044

Ich will dir schon warme Beine machen, du schlimmer Zauberer, ich verstehe mich gut darauf, solchen wie du bist – einzuheizen!«

3044

I shall warm your legs for you, you wretched sorcerer—I know well how to heat the likes of you!”

3045

– »Laß ab«, sagte der alte Mann und sprang vom Boden auf, »schlage nicht mehr, o Zarathustra! Ich trieb's also nur zum Spiele!

3045

– “Desist,” said the old man, springing up from the ground, “strike no more, O Zarathustra! I did it only in play!

3046

Solcherlei gehört zu meiner Kunst; dich selber wollte ich auf die Probe stellen, als ich dir diese Probe gab! Und, wahrlich, du hast mich gut durchschaut!

3046

Such things belong to my art; I wished to test you when I gave you this trial! And verily, you saw through me thoroughly!

3047

Aber auch du – gabst mir von dir keine kleine Probe: du bist hart, du weiser Zarathustra! Hart schlägst du zu mit deinen ›Wahrheiten‹, dein Knüttel erzwingt von mir – diese Wahrheit!«

3047

Yet you too—gave me no small test of yourself: you are hard, wise Zarathustra! You strike harshly with your ‘truths’; your cudgel wrests from me—this truth!”

3048

– »Schmeichle nicht,« antwortete Zarathustra, immer noch erregt und finsterblickend, »du Schauspieler aus dem Grunde! Du bist falsch: was redest du – von Wahrheit!

3048

– “Flatter not,” answered Zarathustra, still agitated and darkly gazing, “you actor from the abyss! You are false: why speak you—of truth!

3049

Du Pfau der Pfauen, du Meer der Eitelkeit, was spieltest du vor mir, du schlimmer Zauberer, an wen sollte ich glauben, als du in solcher Gestalt jammertest?«

3049

You peacock of peacocks, you sea of vanity, what did you perform before me, you wicked sorcerer—in whom should I believe when you lamented in such guise?”

3050

»Den Büßer des Geistes«, sagte der alte Mann, »den – spielte ich: du selber erfandest einst dies Wort –

3050

The penitent of the spirit,” said the old man, “him—I performed: you yourself once coined this phrase—

3051

– den Dichter und Zauberer, der gegen sich selber endlich seinen Geist wendet, den Verwandelten, der an seinem bösen Wissen und Gewissen erfriert.

3051

—the poet and sorcerer who at last turns his spirit against himself, the transformed one who freezes through his evil knowledge and conscience.

3052

Und gesteh es nur ein: es währte lange, o Zarathustra, bis du hinter[494] meine Kunst und Lüge kamst! Du glaubtest an meine Not, als du mir den Kopf mit beiden Händen hieltest, –

3052

And confess it: it took long, O Zarathustra, before you saw through[494] my art and deceit! You believed in my distress when you held my head with both hands—

3053

– ich hörte dich jammern ›man hat ihn zu wenig geliebt, zu wenig geliebt!‹ Daß ich dich soweit betrog, darüber frohlockte inwendig meine Bosheit.«

3053

—I heard you lament, ‘he has been loved too little, loved too little!’ That I deceived you so thoroughly made my malice inwardly rejoice.”

3054

»Du magst Feinere betrogen haben als mich«, sagte Zarathustra hart. »Ich bin nicht auf der Hut vor Betrügern, ich muß ohne Vorsicht sein: so will es mein Los.

3054

“You may have deceived subtler men than I,” said Zarathustra sternly. “I am not on guard against deceivers; I must be without caution: so decrees my fate.

3055

Du aber – mußt betrügen: so weit kenne ich dich! Du mußt immer zwei- drei- vier- fünfdeutig sein! Auch was du jetzt bekanntest, war mir lange nicht wahr und nicht falsch genug!

3055

But you—must deceive: so far do I know you! You must ever be ambiguous, threefold, fourfold, fivefold! Even what you now confessed was neither true nor false enough for me!

3056

Du schlimmer Falschmünzer, wie könntest du anders! Deine Krankheit würdest du noch schminken, wenn du dich deinem Arzte nackt zeigtest.

3056

You wicked counterfeiter, how could it be otherwise! You would paint your sickness in hues even when you lie naked before your physician.

3057

So schminktest du eben vor mir deine Lüge, als du sprachst: ›ich trieb's also nur zum Spiele!‹ Es war auch Ernst darin, du bist etwas von einem Büßer des Geistes!

3057

Thus did you paint your lie before me when you said, ‘I did it only in play!’ There was earnestness in it too—you are something of a penitent of the spirit!

3058

Ich errate dich wohl: du wurdest der Bezauberer aller, aber gegen dich hast du keine Lüge und List mehr übrig – du selber bist dir entzaubert!

3058

I divine you well: you became the enchanter of all, but against yourself you have no lie and guile left—you are disenchanted to yourself!”

3059

Du erntetest den Ekel ein, als deine eine Wahrheit. Kein Wort ist mehr an dir echt, aber dein Mund: nämlich der Ekel, der an deinem Munde klebt.« –

3059

You reaped disgust as your one truth. No word remains genuine in you save your mouth: that is, the disgust clinging to your lips." –

3060

– »Wer bist du doch!« schrie hier der alte Zauberer mit einer trotzigen Stimme, »wer darf also zu mir reden, dem Größten, der heute lebt?«

3060

– "Who do you think you are!" cried the old sorcerer with defiant voice, "who dares speak thus to me, the greatest man alive today?"

3061

– und ein grüner Blitz schoß aus seinem Auge nach Zarathustra. Aber gleich darauf verwandelte er sich und sagte traurig:

3061

– and a green flash shot from his eye toward Zarathustra. But in the next moment he transformed himself and said mournfully:

3062

»O Zarathustra, ich bin's müde, es ekelt mich meiner Künste, ich bin nicht groß, was verstelle ich mich! Aber, du weißt es wohl – ich suchte nach Größe!

3062

"O Zarathustra, I am weary of it, my arts disgust me, I am not great—why do I dissemble? But you know it well—I sought greatness!

3063

Einen großen Menschen wollte ich vorstellen und überredete viele: aber diese Lüge ging über meine Kraft. An ihr zerbreche ich.

3063

I sought to portray a great man and persuaded many: but this lie surpassed my strength. Through it I am broken.

3064

O Zarathustra, alles ist Lüge an mir; aber daß ich zerbreche – dies mein Zerbrechen ist echt

3064

O Zarathustra, all in me is lies; yet this breaking—this breaking of mine is genuine!"

3065

»Es ehrt dich«, sprach Zarathustra düster und zur Seite niederblickend, »es ehrt dich, daß du nach Größe suchtest, aber es verrät dich auch. Du bist nicht groß.[495]

3065

"It honors you," spoke Zarathustra gloomily, casting his gaze aside, "it honors you that you sought greatness, but it betrays you too. You are not great. [495]

3066

Du schlimmer alter Zauberer, das ist dein Bestes und Redlichstes, was ich an dir ehre, daß du deiner müde wurdest und es aussprachst: ›ich bin nicht groß‹.

3066

You wretched old sorcerer, this is the best and most honest thing I honor in you: that you grew weary of yourself and proclaimed: 'I am not great'.

3067

Darin ehre ich dich als einen Büßer des Geistes: und wenn auch nur für einen Hauch und Husch, diesen einen Augenblick warst du – echt.

3067

Therein I honor you as a penitent of the spirit: even if only for a breath and flicker, in that one moment you were—genuine.

3068

Aber sprich, was suchst du hier in meinen Wäldern und Felsen? Und wenn du mir dich in den Weg legtest, welche Probe wolltest du von mir? –

3068

But speak—what do you seek here in my forests and crags? And having cast yourself across my path, what trial did you intend for me? –

3069

– wes versuchtest du mich?« –

3069

– what temptation did you devise for me?" –

3070

Also sprach Zarathustra, und seine Augen funkelten. Der alte Zauberer schwieg eine Weile, dann sagte er: »Versuchte ich dich? Ich – suche nur.

3070

Thus spoke Zarathustra, his eyes blazing. The old sorcerer fell silent awhile, then said: "Did I tempt you? I—merely seek.

3071

O Zarathustra, ich suche einen Echten, Rechten, Einfachen, Eindeutigen, einen Menschen aller Redlichkeit, ein Gefäß der Weisheit, einen Heiligen der Erkenntnis, einen großen Menschen!

3071

O Zarathustra, I seek one who is genuine, righteous, simple, unambiguous, a vessel of honesty, a saint of knowledge, a great man!

3072

Weißt du es denn nicht, o Zarathustra? Ich suche Zarathustra

3072

Do you not know it, O Zarathustra? I seek Zarathustra."

3073

– Und hier entstand ein langes Stillschweigen zwischen beiden; Zarathustra aber versank tief hinein in sich selber, also daß er die Augen schloß. Dann aber, zu seinem Unterredner zurückkehrend, ergriff er die Hand des Zauberers und sprach, voller Artigkeit und Arglist:

3073

– Here arose a long silence between them; but Zarathustra sank deep into himself, so that he closed his eyes. Then, returning to his interlocutor, he took the sorcerer's hand and spoke, full of courtesy and cunning:

3074

»Wohlan! Dort hinauf führt der Weg, da liegt die Höhle Zarathustras. In ihr darfst du suchen, wen du finden möchtest.

3074

"Come then! The path leads upward there—there lies Zarathustra's cave. Within it you may seek whom you wish to find.

3075

Und frage meine Tiere um Rat, meinen Adler und meine Schlange: die sollen dir suchen helfen. Meine Höhle aber ist groß.

3075

And take counsel from my animals, my eagle and my serpent: they shall aid your search. My cave, however, is vast.

3076

Ich selber freilich – ich sah noch keinen großen Menschen. Was groß ist, dafür ist das Auge der Feinsten heute grob. Es ist das Reich des Pöbels.

3076

I myself—truth be told—have yet seen no great man. What is great, the keenest eyes today are too coarse for it. This is the realm of the rabble.

3077

So manchen fand ich schon, der streckte und blähte sich, und das Volk schrie: »Seht da, einen großen Menschen!« Aber was helfen alle Blasebälge! Zuletzt fährt der Wind heraus.

3077

Many have I found who stretched and bloated themselves, and the people cried: 'Behold, a great man!' But what use are all bellows? The wind escapes in the end.

3078

Zuletzt platzt ein Frosch, der sich zu lange aufblies: da fährt der Wind heraus. Einem Geschwollnen in den Bauch stechen, das heiße ich eine brave Kurzweil. Hört das, ihr Knaben!

3078

In the end, a frog that puffed itself up too long bursts: then the wind escapes. To lance the swollen belly—that I call brave pastime. Hear this, you boys!

3079

Dies Heute ist des Pöbels: wer weiß da noch, was groß, was klein ist! Wer suchte da mit Glück nach Größe! Ein Narr allein: den Narren glückt's.[496]

3079

This Today belongs to the rabble: who still knows what is great, what small? Who seeks greatness with success? A fool alone: fools succeed. [496]

3080

Du suchst nach großen Menschen, du wunderlicher Narr? Wer lehrte's dich? Ist heute dazu die Zeit? O du schlimmer Sucher, was – versuchst du mich?« – –

3080

You seek great men, you preposterous fool? Who taught you this? Is this the time for it? O you wretched seeker—why do you—tempt me?" – –

3081

Also sprach Zarathustra, getrösteten Herzens, und ging lachend seines Wegs fürbaß.[497]

3081

Thus spoke Zarathustra, heart consoled, and laughing he strode onward. [497]

3082

Außer Dienst

3082

Retired from service

3083

Nicht lange aber, nachdem Zarathustra sich von dem Zauberer losgemacht hatte, sahe er wiederum jemanden am Wege sitzen, den er ging, nämlich einen schwarzen langen Mann mit einem hageren Bleichgesicht: der verdroß ihn gewaltig. »Wehe«, sprach er zu seinem Herzen, »da sitzt vermummte Trübsal, das dünkt mich von der Art der Priester: was wollen die in meinem Reiche?

3083

Not long after Zarathustra had freed himself from the sorcerer, he saw another figure sitting by the path he trod – a gaunt pale-faced man in black garb: this vexed him mightily. "Alas," he spoke to his heart, "there sits masked melancholy, which strikes me as priestly in kind – what do they seek in my realm?

3084

Wie! Kaum bin ich jenem Zauberer entronnen: muß mir da wieder ein anderer Schwarzkünstler über den Weg laufen, –

3084

What! Scarcely have I escaped that sorcerer – must another black magician now cross my path –

3085

– irgendein Hexenmeister mit Handauflegen, ein dunkler Wundertäter von Gottes Gnaden, ein gesalbter Welt-Verleumder, den der Teufel holen möge!

3085

– some laying-on-of-hands conjurer, a shadowy miracle-worker by divine grace, an anointed slanderer of existence, whom the devil may take!

3086

Aber der Teufel ist nie am Platze, wo er am Platze wäre: immer kommt er zu spät, dieser vermaledeite Zwerg und Klumpfuß!« –

3086

But the devil is never where he ought to be – always he arrives too late, this accursed dwarf and clubfoot!" –

3087

Also fluchte Zarathustra ungeduldig in seinem Herzen und gedachte, wie er abgewandten Blicks an dem schwarzen Manne vorüberschlüpfe: aber siehe, es kam anders. Im gleichen Augenblicke nämlich hatte ihn schon der Sitzende erblickt; und nicht unähnlich einem solchen, dem ein unvermutetes Glück zustößt, sprang er auf und ging auf Zarathustra los.

3087

Thus Zarathustra cursed impatiently within his heart and resolved to slip past the black-clad man with averted gaze – but behold, it came otherwise. For in that very instant, the seated one had already spied him; and not unlike one whom unexpected fortune befalls, he sprang up and hastened toward Zarathustra.

3088

»Wer du auch bist, du Wandersmann«, sprach er, »hilf einem Verirrten, einem Suchenden, einem alten Manne, der hier leicht zu Schaden kommt!

3088

"Whoever you may be, wayfarer," he spoke, "aid a lost soul, a seeker, an old man who might easily come to harm here!

3089

Diese Welt hier ist mir fremd und fern, auch hörte ich wilde Tiere heulen; und der, welcher mir hätte Schutz bieten können, der ist selber nicht mehr.

3089

This world is strange and alien to me, and I hear wild beasts howling; while he who might have offered me shelter – he himself is no more.

3090

Ich suchte den letzten frommen Menschen, einen Heiligen und Einsiedler, der allein in seinem Walde noch nichts davon gehört hatte, was alle Welt heute weiß.«[497]

3090

I sought the last pious man, a saint and hermit who in his forest solitude had yet heard nothing of what all the world now knows."

3091

»Was weiß heute alle Welt?« fragte Zarathustra. »Etwa dies, daß der alte Gott nicht mehr lebt, an den alle Welt einst geglaubt hat?«

3091

"What does all the world now know?" asked Zarathustra. "Is it this – that the old God in whom all once believed lives no longer?"

3092

»Du sagst es«, antwortete der alte Mann betrübt. »Und ich diente diesem alten Gotte bis zu seiner letzten Stunde.

3092

"You speak it," answered the old man sorrowfully. "And I served that ancient God until his final hour.

3093

Nun aber bin ich außer Dienst, ohne Herrn, und doch nicht frei, auch keine Stunde mehr lustig, es sei denn in Erinnerungen.

3093

Now I am out of service – masterless, yet unfree; nor do I know joy for another hour, save through remembrance.

3094

Dazu stieg ich in diese Berge, daß ich endlich wieder ein Fest mir machte, wie es einem alten Papste und Kirchen-Vater zukommt: denn wisse, ich bin der letzte Papst! – ein Fest frommer Erinnerungen und Gottesdienste.

3094

Thus I climbed these mountains to hold at last a feast befitting an aged pope and church-father – for know, I am the last pope! – a feast of pious memories and divine offices.

3095

Nun aber ist er selber tot, der frömmste Mensch, jener Heilige im Walde, der seinen Gott beständig mit Singen und Brummen lobte.

3095

But now he too is dead, that most devout man, the forest saint who ceaselessly praised his God through song and murmuring.

3096

Ihn selber fand ich nicht mehr, als ich seine Hütte fand – wohl aber zwei Wölfe darin, welche um seinen Tod heulten – denn alle Tiere liebten ihn. Da lief ich davon.

3096

When I found his hut, I found him not – only two wolves within howling over his death, for all beasts loved him. So I fled.

3097

Kam ich also umsonst in diese Wälder und Berge? Da entschloß sich mein Herz, daß ich einen anderen suchte, den Frömmsten aller derer, die nicht an Gott glauben –, daß ich Zarathustra suchte!«

3097

Have I then wandered these woods and peaks in vain? My heart resolved to seek another – the most pious among those who believe not in God – to seek Zarathustra himself!"

3098

Also sprach der Greis und blickte scharfen Auges den an, welcher vor ihm stand; Zarathustra aber ergriff die Hand des alten Papstes und betrachtete sie lange mit Bewunderung.

3098

Thus spoke the greybeard, fixing keen eyes upon him who stood before him; whereupon Zarathustra seized the old pope's hand and long contemplated it with wonder.

3099

»Siehe da, du Ehrwürdiger«, sagte er dann, »welche schöne und lange Hand! Das ist die Hand eines solchen, der immer Segen ausgeteilt hat. Nun aber hält sie den fest, welchen du suchst, mich, Zarathustra.

3099

"Behold, Venerable One," he said at length, "what comely and noble hands! These are the hands of one who ever dispensed blessings. Now they clasp him whom you sought – me, Zarathustra.

3100

Ich bin's, der gottlose Zarathustra, der da spricht: wer ist gottloser als ich, daß ich mich seiner Unterweisung freue?« –

3100

I am the godless Zarathustra who declares: Who is more godless than I, that I might rejoice in his instruction?" –

3101

Also sprach Zarathustra und durchbohrte mit seinen Blicken die Gedanken und Hintergedanken des alten Papstes. Endlich begann dieser:

3101

Thus spoke Zarathustra, piercing through the old pope's thoughts and hidden musings. At last the aged one began:

3102

»Wer ihn am meisten liebte und besaß, der hat ihn nun am meisten auch verloren –:

3102

»He who loved and possessed him most has now also lost him most –:

3103

– siehe, ich selber bin wohl von uns beiden jetzt der Gottlosere? Aber wer könnte daran sich freuen!« –

3103

– behold, between us two, am I not now the more godless one? But who could take joy in this!« –

3104

– »Du dientest ihm bis zuletzt«, fragte Zarathustra nachdenklich, nach einem tiefen Schweigen, »du weißt, wie er starb? Ist es wahr, was man spricht, daß ihn das Mitleiden erwürgte,[498] – daß er es sah, wie der Mensch am Kreuze hing, und es nicht ertrug, daß die Liebe zum Menschen seine Hölle und zuletzt sein Tod wurde?« –

3104

– »You served him until the end«, Zarathustra inquired pensively after a deep silence, »do you know how he died? Is it true what they say – that pity choked him,[498] that he saw the man hanging upon the cross and could not endure how love for humanity became his hell and ultimately his death?« –

3105

Der alte Papst aber antwortete nicht, sondern blickte scheu und mit einem schmerzlichen und düsteren Ausdrucke zur Seite.

3105

The old pope, however, gave no answer but glanced aside with a pained and gloomy expression.

3106

»Laß ihn fahren«, sagte Zarathustra nach einem langen Nachdenken, indem er immer noch dem alten Manne gerade ins Auge blickte.

3106

»Let him rest«, Zarathustra said after long contemplation, still gazing straight into the old man’s eyes.

3107

»Laß ihn fahren, er ist dahin. Und ob es dich auch ehrt, daß du diesem Toten nur Gutes nachredest, so weißt du so gut als ich, wer er war; und daß er wunderliche Wege ging.«

3107

»Let him rest, he is gone. And though it honors you to speak only good of this dead one, you know as well as I who he was – and that he walked strange paths.«

3108

»Unter drei Augen gesprochen«, sagte erheitert der alte Papst (denn er war auf einem Auge blind), »in Dingen Gottes bin ich aufgeklärter als Zarathustra selber – und darf es sein.

3108

»Between three eyes I speak«, said the old pope cheerfully (for he was blind in one eye), »in matters of God, I am more enlightened than Zarathustra himself – and may be so.

3109

Meine Liebe diente ihm lange Jahre, mein Wille ging allem seinem Willen nach. Ein guter Diener aber weiß alles, und mancherlei auch, was sein Herr sich selbst verbirgt.

3109

My love served him long years; my will followed all his will. But a good servant knows everything, even what his master hides from himself.

3110

Es war ein verborgener Gott, voller Heimlichkeit. Wahrlich zu einem Sohne sogar kam er nicht anders als auf Schleichwegen. An der Tür seines Glaubens steht der Ehebruch.

3110

He was a hidden god, full of secrecy. Truly, even to his own son he came only by stealth. Adultery stands at the threshold of his faith.

3111

Wer ihn als einen Gott der Liebe preist, denkt nicht hoch genug von der Liebe selber. Wollte dieser Gott nicht auch Richter sein? Aber der Liebende liebt jenseits von Lohn und Vergeltung.

3111

Who praises him as a god of love does not esteem love itself highly enough. Did this god not wish to be a judge? But the lover loves beyond reward and retribution.

3112

Als er jung war, dieser Gott aus dem Morgenlande, da war er hart und rachsüchtig und erbaute sich eine Hölle zum Ergötzen seiner Lieblinge.

3112

When he was young, this god from the Orient, he was harsh and vengeful and built himself a hell for the delight of his favorites.

3113

Endlich aber wurde er alt und weich und mürbe und mitleidig, einem Großvater ähnlicher als einem Vater, am ähnlichsten aber einer wackeligen alten Großmutter.

3113

At last, however, he grew old and soft and brittle and pitiful, more like a grandfather than a father – most like a tottering old grandmother.

3114

Da saß er, welk, in seinem Ofenwinkel, härmte sich ob seiner schwachen Beine, weltmüde, willensmüde, und erstickte eines Tages an seinem allzugroßen Mitleiden.« –

3114

There he sat, shriveled, in his stove-corner, fretting over his feeble legs, world-weary, will-weary, until one day he suffocated in his all-too-great pity.« –

3115

»Du alter Papst«, sagte hier Zarathustra dazwischen, »hast du das mit Augen angesehn? Es könnte wohl so abgegangen sein: so, und auch anders. Wenn Götter sterben, sterben sie immer viele Arten Todes.

3115

»You old pope«, Zarathustra interjected, »did you witness this with your own eyes? It might well have happened thus: so, and otherwise. When gods die, they always die many kinds of death.

3116

Aber wohlan! So oder so, so und so – er ist dahin! Er ging meinen Ohren und Augen wider den Geschmack, Schlimmeres möchte ich ihm nicht nachsagen.[499]

3116

But come! Be it so or otherwise – he is gone! He offended my ears and eyes; worse than this I would not speak of him.[499]

3117

Ich liebe alles, was hell blickt und redlich redet. Aber er – du weißt es ja, du alter Priester, es war etwas von deiner Art an ihm, von Priester-Art – er war vieldeutig.

3117

I love all that looks bright and speaks candidly. But he – you know it well, old priest – there was something of your kind in him, something priestly-natured – he was ambiguous.

3118

Er war auch undeutlich. Was hat er uns darob gezürnt, dieser Zornschnauber, daß wir ihn schlecht verstünden! Aber warum sprach er nicht reinlicher?

3118

He was also obscure. How he raged at us, this wrath-snorter, for misunderstanding him! But why did he not speak more clearly?

3119

Und lag es an unsern Ohren, warum gab er uns Ohren, die ihn schlecht hörten? War Schlamm in unsern Ohren, wohlan! wer legte ihn hinein?

3119

And if our ears were at fault, why did he give us ears that heard him ill? If there was mire in our ears – well then! Who poured it there?

3120

Zu vieles mißriet ihm, diesem Töpfer, der nicht ausgelernt hatte! Daß er aber Rache an seinen Töpfen und Geschöpfen nahm, dafür daß sie ihm schlecht gerieten – das war eine Sünde wider den guten Geschmack.

3120

Too much miscarried for him, this potter who had not completed his apprenticeship! That he took revenge on his pots and creatures for their turning out badly – that was a sin against good taste.

3121

Es gibt auch in der Frömmigkeit guten Geschmack: der sprach endlich: »Fort mit einem solchen Gotte! Lieber keinen Gott, lieber auf eigne Faust Schicksal machen, lieber Narr sein, lieber selber Gott sein!«

3121

Even in piety there exists good taste: he finally declared: “Away with such a God! Better no God, better forge destiny on one’s own, better be a fool, better be God oneself!”

3122

– »Was höre ich!« sprach hier der alte Papst mit gespitzen Ohren; »o Zarathustra, du bist frömmer als du glaubst, mit einem solchen Unglauben! Irgendein Gott in dir bekehrte dich zu deiner Gottlosigkeit.

3122

– “What do I hear!” interjected the old pope with ears perked; “O Zarathustra, you are more devout than you believe, with such godlessness! Some God within you has converted you to your unbelief.

3123

Ist es nicht deine Frömmigkeit selber, die dich nicht mehr an einen Gott glauben läßt? Und deine übergroße Redlichkeit wird dich auch noch jenseits von Gut und Böse wegführen!

3123

Is it not your very piety that no longer lets you believe in a God? And your overabundant honesty will yet carry you beyond Good and Evil!

3124

Siehe doch, was blieb dir aufgespart? Du hast Augen und Hand und Mund, die sind zum Segnen vorherbestimmt seit Ewigkeit. Man segnet nicht mit der Hand allein.

3124

Behold, what remains reserved for you? You have eyes and hands and mouth, predestined for blessing since eternity. One does not bless with the hand alone.

3125

In deiner Nähe, ob du schon der Gottloseste sein willst, wittere ich einen heimlichen Weih- und Wohlgeruch von langen Segnungen: mir wird wohl und wehe dabei.

3125

In your presence, though you would be the most godless, I scent a secret aroma of sanctity and fragrant benediction from long blessings: it makes me both glad and sorrowful.

3126

Laß mich dein Gast sein, o Zarathustra, für eine einzige Nacht! Nirgends auf Erden wird es mir jetzt wohler als bei dir!« –

3126

Let me be your guest, O Zarathustra, for a single night! Nowhere on earth would I fare better than with you!” –

3127

»Amen! So soll es sein!« sprach Zarathustra mit großer Verwunderung, »dort hinauf führt der Weg, da liegt die Höhle Zarathustras.

3127

“Amen! So shall it be!” spoke Zarathustra with great astonishment, “that path leads upward, there lies Zarathustra’s cave.

3128

Gerne, fürwahr, würde ich dich selber dahin geleiten, du Ehrwürdiger, denn ich liebe alle frommen Menschen. Aber jetzt ruft mich eilig ein Notschrei weg von dir.[500]

3128

Gladly, in truth, would I guide you there myself, you venerable one, for I love all devout people. But now a cry of distress urgently calls me away from you.

3129

In meinem Bereiche soll mir niemand zu Schaden kommen; meine Höhle ist ein guter Hafen. Und am liebsten möchte ich jedweden Traurigen wieder auf festes Land und feste Beine stellen.

3129

Within my realm, none shall come to harm; my cave is a safe harbor. And most gladly would I set every sorrowful soul back upon firm land and steady legs.

3130

Wer aber nähme dir deine Schwermut von der Schulter? Dazu bin ich zu schwach. Lange, wahrlich, möchten wir warten, bis dir einer deinen Gott wieder aufweckt.

3130

But who could lift your melancholy from your shoulders? For that, I am too weak. Long, verily, might we wait before one awakens your God again for you.

3131

Dieser alte Gott lebt nämlich nicht mehr: der ist gründlich tot.« –

3131

For this ancient God lives no more: he is thoroughly dead.” –

3132

Also sprach Zarathustra.[501]

3132

Thus spoke Zarathustra.

3133

Der häßlichste Mensch

3133

The Ugliest Man

3134

– Und wieder liefen Zarathustras Füße durch Berge und Wälder, und seine Augen suchten und suchten, aber nirgends war der zu sehen, welchen sie sehn wollten, der große Notleidende und Notschreiende. Auf dem ganzen Wege aber frohlockte er in seinem Herzen und war dankbar. »Welche guten Dinge«, sprach er, »schenkte mir doch dieser Tag, zum Entgelt, daß er schlimm begann! Welche seltsamen Unterredner fand ich!

3134

– And once more Zarathustra’s feet raced through mountains and forests, his eyes searching and seeking, but nowhere could he find the one he wished to see – the great sufferer in distress and cry of anguish. Yet along the way his heart exulted with gratitude. “What fine gifts,” he said, “has this day bestowed upon me, as recompense for its ill beginning! What strange interlocutors I have found!

3135

An deren Worten will ich lange nun kauen gleich als an guten Körnern; klein soll mein Zahn sie mahlen und malmen, bis sie mir wie Milch in die Seele fließen!« –

3135

Their words I shall long chew like good grain; my teeth shall grind and mill them small until they flow like milk into my soul!” –

3136

Als aber der Weg wieder um einen Felsen bog, veränderte sich mit einem Male die Landschaft, und Zarathustra trat in ein Reich des Todes. Hier starrten schwarze und rote Klippen empor: kein Gras, kein Baum, keine Vogelstimme. Es war nämlich ein Tal, welches alle Tiere mieden, auch die Raubtiere; nur daß eine Art häßlicher, dicker, grüner Schlangen, wenn sie alt wurden, hierher kamen, um zu sterben. Darum nannten dies Tal die Hirten: Schlangen-Tod.

3136

But as the path curved around a crag, the landscape shifted suddenly, and Zarathustra entered a realm of death. Here black and red cliffs jutted upward: no grass, no tree, no birdsong. For this was a valley all creatures shunned, even beasts of prey; save that a kind of loathsome, thick green serpent, when aged, came hither to die. Thus did the herdsmen name this valley: Serpent-Death.

3137

Zarathustra aber versank in eine schwarze Erinnerung, denn ihm war, als habe er schon einmal in diesem Tal gestanden. Und vieles Schwere legte sich ihm über den Sinn: also, daß er langsam ging und immer langsamer und endlich still stand. Da aber sahe er, als er die Augen auftat, etwas, das am Wege saß, gestaltet wie ein Mensch, und kaum wie ein Mensch, etwas Unaussprechliches. Und mit einem Schlage überfiel Zarathustra die große Scham darob, daß er so etwas[501] mit den Augen angesehen habe: errötend bis hinauf an sein weißes Haar, wandte er den Blick ab und hob den Fuß, daß er diese schlimme Stelle verlasse. Da aber wurde die tote Öde laut: vom Boden auf nämlich quoll es gurgelnd und röchelnd, wie Wasser nachts durch verstopfte Wasser-Röhren gurgelt und röchelt; und zuletzt wurde daraus eine Menschen-Stimme und Menschen-Rede – die lautete also:

3137

But Zarathustra sank into a black remembrance, for it seemed to him as though he had once stood in this valley before. And many heavy thoughts weighed upon his mind: so that he walked slowly and ever more slowly, until at last he stood still. Then, opening his eyes, he beheld something sitting by the wayside, shaped like a human yet scarcely human—something unspeakable. And suddenly great shame overcame Zarathustra that he had gazed upon such a sight[501]: blushing to the roots of his white hair, he averted his eyes and lifted his foot to depart this accursed place. But then the dead desolation resounded: from the ground bubbled a gurgling and rattling, like water choking through clogged pipes by night; until at last it became human voice and speech—which spoke thus:

3138

»Zarathustra! Zarathustra! Rate mein Rätsel! Sprich, sprich! Was ist die Rache am Zeugen?

3138

“Zarathustra! Zarathustra! Solve my riddle! Speak, speak! What is the revenge upon the witness?

3139

Ich locke dich zurück, hier ist glattes Eis! Sieh zu, sieh zu, ob dein Stolz sich hier nicht die Beine bricht!

3139

I lure you back—here lies smooth ice! Take heed, take heed, lest your pride break its legs here!

3140

Du dünkst dich weise, du stolzer Zarathustra! So rate doch das Rätsel, du harter Nüsseknacker – das Rätsel, das ich bin! So sprich doch: wer bin ich

3140

You deem yourself wise, proud Zarathustra! Then crack this riddle, you hard nutcracker—the riddle that I am! Speak then: who am I?”

3141

– Als aber Zarathustra diese Worte gehört hatte – was glaubt ihr wohl, daß sich da mit seiner Seele zutrug? Das Mitleiden fiel ihn an; und er sank mit einem Male nieder, wie ein Eichbaum, der lange vielen Holzschlägern widerstanden hat – schwer, plötzlich, zum Schrecken selber für die, welche ihn fällen wollten. Aber schon stand er wieder vom Boden auf, und sein Antlitz wurde hart.

3141

—Now when Zarathustra heard these words—what do you suppose transpired in his soul? Compassion assailed him; and he sank down suddenly like an oak tree that has long resisted many woodcutters—heavily, abruptly, terrifying even those who sought to fell him. But already he rose again from the ground, and his countenance hardened.

3142

»Ich erkenne dich wohl«, sprach er mit einer erzenen Stimme: »du bist der Mörder Gottes! Laß mich gehn.

3142

“I recognize you well,” he spoke in a voice of bronze: “you are the murderer of God! Let me pass.

3143

Du ertrugst den nicht, der dich sah – der dich immer und durch und durch sah, du häßlichster Mensch! Du nahmst Rache an diesem Zeugen!«

3143

You could not endure him who saw you—who saw you always, through and through, you ugliest of men! You took revenge upon this witness!”

3144

Also sprach Zarathustra und wollte davon; aber der Unaussprechliche faßte nach einem Zipfel seines Gewandes und begann von neuem zu gurgeln und nach Worten zu suchen. »Bleib!« sagte er endlich –

3144

Thus spoke Zarathustra and turned to leave; but the unspeakable one seized a corner of his garment and began anew to gurgle and grope for words. “Stay!” he said at last—

3145

»– bleib! Geh nicht vorüber! Ich erriet, welche Axt dich zu Boden schlug: Heil dir, o Zarathustra, daß du wieder stehst!

3145

“—stay! Do not pass by! I guessed what axe struck you to the ground: Hail to you, O Zarathustra, that you stand again!

3146

Du errietest, ich weiß es gut, wie dem zumute ist, der ihn tötete – dem Mörder Gottes. Bleib! Setze dich her zu mir, es ist nicht umsonst.

3146

You have guessed, I know it well, the heart of him who slew him—the murderer of God. Stay! Sit here with me—it is not in vain.

3147

Zu wem wollte ich, wenn nicht zu dir? Bleib, setze dich! Blicke mich aber nicht an! Ehre also – meine Häßlichkeit!

3147

To whom should I turn, if not to you? Stay, sit! But do not look at me! Honor thus—my ugliness!

3148

Sie verfolgen mich: nun bist du meine letzte Zuflucht. Nicht mit ihrem Hasse, nicht mit ihren Häschern – o solcher Verfolgung würde ich spotten und stolz und froh sein![502]

3148

They pursue me: now you are my last refuge. Not their hatred, not their bailiffs—oh, such persecution I would mock and be proud and glad of![502]

3149

War nicht aller Erfolg bisher bei den Gut-Verfolgten? Und wer gut verfolgt, lernt leicht folgen – ist er doch einmal – hinterher! Aber ihr Mitleid ist's –

3149

Has not all success hitherto been with the well-persecuted? And he who is well-persecuted learns easily to follow—once he is—behind! But it is their compassion

3150

– ihr Mitleid ist's, vor dem ich flüchte und dir zuflüchte. O Zarathustra, schütze mich, du meine letzte Zuflucht, du einziger, der mich erriet:

3150

—their compassion from which I flee, and to you I flee. O Zarathustra, protect me, you my last refuge, you sole one who guessed me:

3151

– du errietest, wie dem zumute ist, welcher ihn tötete. Bleib! Und willst du gehn, du Ungeduldiger: geh nicht den Weg, den ich kam. Der Weg ist schlecht.

3151

—you guessed the heart of him who killed him. Stay! And if you would go, you impatient one—go not the way I came. That path is foul.”

3152

Zürnst du mir, daß ich zu lange schon rede-radebreche? Daß ich schon dir rate? Aber wisse, ich bin's, der häßlichste Mensch,

3152

Are you angered that I speak too long—stammering? That I advise you? But know this: I am the ugliest man,

3153

– der auch die größten schwersten Füße hat. Wo ich ging, ist der Weg schlecht. Ich trete alle Wege tot und zuschanden.

3153

– who bears the largest, heaviest feet. Where I tread, the path is ruined. I trample all ways to death and disgrace.

3154

Daß du aber an mir vorübergingst, schweigend; daß du errötetest, ich sah es wohl: daran erkannte ich dich als Zarathustra.

3154

Yet that you passed me by in silence; that you blushed—this I saw clearly: by this I recognized you as Zarathustra.

3155

Jedweder andere hätte mir sein Almosen zugeworfen, sein Mitleiden, mit Blick und Rede. Aber dazu – bin ich nicht Bettler genug, das errietest du –

3155

Any other would have cast me alms of pity—with glance and speech. But for that—I am not beggar enough, as you divined—

3156

– dazu bin ich zu reich, reich an Großem, an Furchtbarem, am Häßlichsten, am Unaussprechlichsten! Deine Scham, o Zarathustra, ehrte mich!

3156

—for that, I am too rich, rich in greatness, in terror, in ugliness, in the unspeakable! Your shame, O Zarathustra, honored me!

3157

Mit Not kam ich heraus aus dem Gedräng der Mitleidigen – daß ich den einzigen fände, der heute lehrt ›Mitleiden ist zudringlich‹ – dich, o Zarathustra!

3157

With difficulty I escaped the throng of the compassionate—to find the one who today teaches: ‘Compassion is intrusive’—you, O Zarathustra!

3158

– sei es eines Gottes, sei es der Menschen Mitleiden: Mitleiden geht gegen die Scham. Und Nicht-helfen-wollen kann vornehmer sein als jene Tugend, die zuspringt.

3158

—whether divine or human pity matters not: pity violates shame. And to refuse aid may prove nobler than the virtue that leaps to assist.

3159

Das aber heißt heute Tugend selber bei allen kleinen Leuten, das Mitleiden – die haben keine Ehrfurcht vor großem Unglück, vor großer Häßlichkeit, vor großem Mißraten.

3159

This is now called virtue itself among all small folk—compassion. They have no reverence for great calamity, great ugliness, great failure.

3160

Über diese alle blicke ich hinweg, wie ein Hund über die Rücken wimmelnder Schafherden wegblickt. Es sind kleine wohlwollige wohlwillige graue Leute.

3160

I look beyond them all, like a dog gazing over the backs of teeming sheep herds. They are small, benevolent, gray-souled creatures.

3161

Wie ein Reiher verachtend über flache Teiche wegblickt, mit zurückgelegtem Kopfe: so blicke ich über das Gewimmel grauer kleiner Wellen und Willen und Seelenweg.[503]

3161

As a heron peers contemptuously across shallow ponds, head drawn back—so I gaze upon the swarm of gray little waves, wills, and soul-paths.

3162

Zu lange hat man ihnen recht gegeben, diesen kleinen Leuten: so gab man ihnen endlich auch die Macht – nun lehren sie: ›gut ist nur, was kleine Leute gut heißen‹.

3162

Too long have they been granted their petty truths; now they wield power—and preach: ‘Only what small folk deem good is good.’

3163

Und ›Wahrheit‹ heißt heute, was der Prediger sprach, der selber aus ihnen herkam, jener wunderliche Heilige und Fürsprecher der kleinen Leute, welcher von sich zeugte ›ich – bin die Wahrheit‹.

3163

And ‘Truth’ now means what the preacher proclaimed—that strange saint and advocate of small folk who testified: ‘I—am the Truth.’

3164

Dieser Unbescheidne macht nun lange schon den kleinen Leuten den Kamm hoch schwellen – er, der keinen kleinen Irrtum lehrte, als er lehrte ›ich – bin die Wahrheit‹.

3164

This brazen one has long swollen small heads with pride—he who taught no minor error when he declared: ‘I—am the Truth.’

3165

Ward einem Unbescheidnen jemals höflicher geantwortet? – Du aber, o Zarathustra, gingst an ihm vorüber und sprachst: ›Nein! Nein! Dreimal nein!‹

3165

Has insolence ever been answered more courteously? Yet you, O Zarathustra, passed him by and cried: ‘No! No! Thrice no!’

3166

Du warntest vor seinem Irrtum, du warntest als der erste vor dem Mitleiden – nicht alle, nicht keinen, sondern dich und deine Art.

3166

You warned against his error, you were first to warn against pity—not for all, nor none, but for yourself and your kind.

3167

Du schämst dich an der Scham des großen Leidenden; und wahrlich, wenn du sprichst ›von dem Mitleiden her kommt eine große Wolke, habt acht, ihr Menschen!‹

3167

You feel shame at the shame of great sufferers. Truly, when you say: ‘From pity comes a heavy cloud—beware, O humankind!’

3168

– wenn du lehrst ›alle Schaffenden sind hart, alle große Liebe ist über ihrem Mitleiden‹: o Zarathustra, wie gut dünkst du mich eingelernt auf Wetter-Zeichen!

3168

—when you teach: ‘All creators are hard; all great love surpasses pity’—Zarathustra, how well you school me in storm-signs!

3169

Du selber aber – warne dich selber auch vor deinem Mitleiden! Denn viele sind zu dir unterwegs, viele Leidende, Zweifelnde, Verzweifelnde, Ertrinkende, Frierende.

3169

But you—warn even yourself against your pity! For many are journeying to you—the afflicted, doubting, despairing, drowning, freezing.

3170

Ich warne dich auch vor mir. Du errietest mein bestes, schlimmstes Rätsel, mich selber und was ich tat. Ich kenne die Axt, die dich fällt.

3170

I warn you also against myself. You solved my finest, foulest riddle—myself and my deed. I know the axe that fells you.

3171

Aber er – mußte sterben: er sah mit Augen, welche alles sahn – er sah des Menschen Tiefen und Gründe, alle seine verhehlte Schmach und Häßlichkeit.

3171

Yet he—had to die: he saw with eyes that saw all—he pierced humanity’s depths and abysses, all its hidden shame and ugliness.

3172

Sein Mitleiden kannte keine Scham: er kroch in meine schmutzigsten Winkel. Dieser Neugierigste, Über-Zudringliche, Über-Mitleidige mußte sterben.

3172

His pity knew no shame: he crawled into my filthiest corners. This most curious, overreaching, over-pitying one—he had to die.

3173

Er sah immer mich: an einem solchen Zeugen wollte ich Rache haben – oder selber nicht leben.

3173

He always saw me—against such a witness I sought vengeance—or to cease living myself.

3174

Der Gott, der alles sah, auch den Menschen: dieser Gott mußte sterben! Der Mensch erträgt es nicht, daß solch ein Zeuge lebt.«[504] Also sprach der häßlichste Mensch. Zarathustra aber erhob sich und schickte sich an fortzugehn: denn ihn fröstelte bis in seine Eingeweide.

3174

The god who saw everything, even man — this god had to die! Man cannot endure that such a witness should live.«[504] Thus spoke the ugliest man. But Zarathustra rose and prepared to depart: for a chill pierced him to his very bowels.

3175

»Du Unaussprechlicher«, sagte er, »du warntest mich vor deinem Wege. Zum Danke dafür lobe ich dir den meinen. Siehe, dort hinauf liegt die Höhle Zarathustras.

3175

»You unspeakable one,« he said, »you warned me of your path. In gratitude, I commend mine to you. Behold, yonder lies Zarathustra’s cave.

3176

Meine Höhle ist groß und tief und hat viele Winkel; da findet der Versteckteste sein Versteck.

3176

My cave is large and deep, with many nooks; there the most concealed may find concealment.

3177

Und dicht bei ihr sind hundert Schlüpfe und Schliche für kriechendes, flatterndes und springendes Getier.

3177

And close by it are a hundred burrows and passages for creeping, fluttering, and leaping creatures.

3178

Du Ausgestoßener, der du dich selber ausstießest, du willst nicht unter Menschen und Menschen-Mitleid wohnen? Wohlan, so tu's mir gleich! So lernst du auch von mir; nur der Täter lernt.

3178

You outcast who cast yourself out, you refuse to dwell among men and human pity? Very well! Do as I do! Thus you shall learn from me; only the doer learns.

3179

Und rede zuerst und -nächst mit meinen Tieren! Das stolzeste Tier und das klügste Tier – die möchten uns beiden wohl die rechten Ratgeber sein!« – –

3179

And first speak with my beasts! The proudest beast and the wisest beast — they shall be the proper counselors for us both!« — —

3180

Also sprach Zarathustra und ging seiner Wege, nachdenklicher und langsamer noch als zuvor: denn er fragte sich vieles und wußte sich nicht leicht zu antworten.

3180

Thus spoke Zarathustra and went his way, more reflective and slower than before: for he questioned himself much and found no ready answers.

3181

»Wie arm ist doch der Mensch!« dachte er in seinem Herzen, »wie häßlich, wie röchelnd, wie voll verborgener Scham!

3181

»How impoverished is man!« he thought in his heart, »how ugly, how wheezing, how full of hidden shame!

3182

Man sagt mir, daß der Mensch sich selber liebe: ach, wie groß muß diese Selber-Liebe sein! Wie viel Verachtung hat sie wider sich!

3182

They tell me that man loves himself — ah, how great must this self-love be! How much contempt it harbors against itself!

3183

Auch dieser da liebte sich, wie er sich verachtete – ein großer Liebender ist er mir und ein großer Verächter.

3183

This one too loved himself as he despised himself — to me, he is a great lover and a great despiser.

3184

Keinen fand ich noch, der sich tiefer verachtet hätte: auch das ist Höhe. Wehe, war der vielleicht der höhere Mensch, dessen Schrei ich hörte?

3184

None have I yet found who despised themselves more deeply — that too is height. Alas, was this perhaps the higher man whose cry I heard?

3185

Ich liebe die großen Verachtenden. Der Mensch aber ist etwas, das überwunden werden muß.« – –[505]

3185

I love the great despisers. But man is something that must be overcome.« — —[505]

3186

Der freiwillige Bettler

3186

The Voluntary Beggar

3187

Als Zarathustra den häßlichsten Menschen verlassen hatte, fror ihn, und er fühlte sich einsam: es ging ihm nämlich vieles Kalte und Einsame durch die Sinne, also, daß darob auch seine Glieder kälter wurden. Indem er aber weiter und weiter stieg, hinauf, hinab, bald an grünen Weiden vorbei, aber auch über wilde steinichte Lager, wo[505] ehedem wohl eine ungeduldiger Bach sich zu Bett gelegt hatte: da wurde ihm mit einem Male wieder wärmer und herzlicher zu Sinne.

3187

When Zarathustra left the ugliest man, he grew cold and felt desolate: for much that was icy and lonely passed through his senses, so that even his limbs grew colder. But as he climbed onward and downward, now past green meadows, now over wild stony beds where[505] some impatient brook had once laid its course: he suddenly felt warmer and more heartfelt.

3188

»Was geschah mir doch?« fragte er sich, »etwas Warmes und Lebendiges erquickt mich, das muß in meiner Nähe sein.

3188

»What has come over me?« he asked himself, »something warm and living revives me; it must be near.

3189

Schon bin ich weniger allein; unbewußte Gefährten und Brüder schweifen um mich, ihr warmer Atem rührt an meine Seele.«

3189

Already I am less alone; unconscious companions and brethren wander about me; their warm breath touches my soul.«

3190

Als er aber um sich spähte und nach den Tröstern seiner Einsamkeit suchte: siehe, da waren es Kühe, welche auf einer Anhöhe beieinanderstanden; deren Nähe und Geruch hatten sein Herz erwärmt. Diese Kühe aber schienen mit Eifer einem Redenden zuzuhören und gaben nicht auf den acht, der herankam. Wie aber Zarathustra ganz in ihrer Nähe war, hörte er deutlich, daß eine Menschen-Stimme aus der Mitte der Kühe heraus redete; und ersichtlich hatten sie allesamt ihre Köpfe dem Redenden zugedreht.

3190

But as he looked around and sought the comforters of his solitude: behold, there stood cows gathered on a knoll; their nearness and odor had warmed his heart. These cows, however, seemed to listen with fervor to a speaker and paid no heed to the approaching man. But when Zarathustra drew quite near them, he heard distinctly that a human voice spoke from amid the cattle; and evidently they had all turned their heads toward the speaker.

3191

Da sprang Zarathustra mit Eifer hinauf und drängte die Tiere auseinander, denn er fürchtete, daß hier jemandem ein Leids geschehn sei, welchem schwerlich das Mitleid von Kühen abhelfen mochte. Aber darin hatte er sich getäuscht; denn siehe, da saß ein Mensch auf der Erde und schien den Tieren zuzureden, daß sie keine Scheu vor ihm haben sollten, ein friedfertiger Mensch und Berg-Prediger, aus dessen Augen die Güte selber predigte. »Was suchst du hier?« rief Zarathustra mit Befremden.

3191

Then Zarathustra sprang forward eagerly, parting the beasts asunder, for he feared some harm had come to one whom even bovine pity might ill relieve. Yet here his eyes deceived him: behold, a man sat upon the earth addressing the cattle as if to soothe their timidity – a tranquil soul, a mountain preacher, from whose very gaze benevolence sermonized. "What quest brings you here?" cried Zarathustra in astonishment.

3192

»Was ich hier suche?« antwortete er: »dasselbe, was du suchst, du Störenfried! nämlich das Glück auf Erden.

3192

"What quest?" replied he: "the same as yours, O disturber of peace! Earthly felicity.

3193

Dazu aber möchte ich von diesen Kühen lernen. Denn, weißt du wohl, einen halben Morgen schon rede ich ihnen zu, und eben wollten sie mir Bescheid geben. Warum doch störst du sie?

3193

To this end, I would learn from these kine. For mark you, half the morning I've discoursed with them, and even now they prepared their answer. Why do you interrupt?

3194

So wir nicht umkehren und werden wie die Kühe, so kommen wir nicht in das Himmelreich. Wir sollten ihnen nämlich eins ablernen: das Wiederkäuen.

3194

Unless we turn back and become as cattle, we shall not enter the kingdom of heaven. One thing must we learn from them: rumination.

3195

Und wahrlich, wenn der Mensch auch die ganze Welt gewönne und lernte das eine nicht, das Wiederkäuen: was hülfe es! Er würde nicht seine Trübsal los.

3195

Verily, though man won all the world yet learned not this art of chewing the cud – what profit were it? He'd not be rid of his affliction –

3196

– seine große Trübsal: die aber heißt heute Ekel. Wer hat heute von Ekel nicht Herz, Mund und Augen voll? Auch du! Auch du! Aber siehe doch diese Kühe an!« –[506]

3196

– his great affliction, which today is called disgust. Who now has not heart, mouth and eyes overflowing with disgust? You too! You too! But behold these kine!" –[506]

3197

Also sprach der Berg-Prediger und wandte dann seinen eignen Blick Zarathustra zu – denn bisher hing er mit Liebe an den Kühen –: da aber verwandelte er sich. »Wer ist das, mit dem ich rede?« rief er erschreckt und sprang vom Boden empor.

3197

Thus spoke the mountain preacher, then turned his gaze upon Zarathustra – for till now it clung lovingly to the cattle – and in that moment his countenance changed. "Who is this I address?" he cried aghast, springing from the ground.

3198

»Dies ist der Mensch ohne Ekel, dies ist Zarathustra selber, der Überwinder des großen Ekels, dies ist das Auge, dies ist der Mund, dies ist das Herz Zarathustras selber.«

3198

"This is the man without disgust, this is Zarathustra himself, vanquisher of great nausea, this the eye, this the mouth, this the very heart of Zarathustra!"

3199

Und indem er also sprach, küßte er dem, zu welchem er redete, die Hände, mit überströmenden Augen, und gebärdete sich ganz als einer, dem ein kostbares Geschenk und Kleinod unversehens vom Himmel fällt. Die Kühe aber schauten dem allen zu und wunderten sich.

3199

And as he spoke, he kissed the hands of him he addressed, tears streaming, comporting himself as one upon whom heaven's precious gift falls unawares. The cattle stared at this exchange and marvelled.

3200

»Sprich nicht von mir, du Wunderlicher! Lieblicher!« sagte Zarathustra und wehrte seiner Zärtlichkeit, »sprich mir erst von dir! Bist du nicht der freiwillige Bettler, der einst einen großen Reichtum von sich warf, –

3200

"Speak not of me, you wondrous fool!" said Zarathustra, checking his effusions. "First speak of yourself! Are you not the voluntary beggar who cast away great riches –

3201

– der sich seines Reichtums schämte und der Reichen, und zu den Ärmsten floh, daß er ihnen seine Fülle und sein Herz schenke? Aber sie nahmen ihn nicht an.«

3201

– who grew ashamed of wealth and the wealthy, fleeing to the destitute to bestow his abundance and heart? Yet they received him not."

3202

»Aber sie nahmen mich nicht an«, sagte der freiwillige Bettler, »du weißt es ja. So ging ich endlich zu den Tieren und zu diesen Kühen.«

3202

"They received me not," confessed the voluntary beggar, "as you well know. So at last I came to beasts and these kine."

3203

»Da lerntest du«, unterbrach Zarathustra den Redenden, »wie es schwerer ist, recht geben als recht nehmen, und daß gut schenken eine Kunst ist und die letzte listigste Meister-Kunst der Güte.«

3203

"There you learned," Zarathustra interrupted, "how harder it is to give rightly than take rightly, and that good giving is an art – the ultimate, most cunning masterpiece of benevolence."

3204

»Sonderlich heutzutage«, antwortete der freiwillige Bettler: »heute nämlich, wo alles Niedrige aufständisch ward und scheu und auf seine Art hoffärtig: nämlich auf Pöbel-Art.

3204

"Especially in this age," the beggar answered, "when all that's base grows mutinous – shy yet puffed up in its plebeian pride.

3205

Denn es kam die Stunde, du weißt es ja, für den großen schlimmen langen langsamen Pöbel- und Sklaven-Aufstand: der wächst und wächst!

3205

For the hour has come – you know it well – of the great, slow, malignant rabble-and-slave revolt: swelling ever vaster!

3206

Nun empört die Niedrigen alles Wohltun und kleine Weggeben; und die Überreichen mögen auf der Hut sein!

3206

Now the lowly rage against all charity and petty alms-giving. Let the over-rich beware!

3207

Wer heute gleich bauchichten Flaschen tröpfelt aus allzuschmalen Hälsen – solchen Flaschen bricht man heute gern den Hals.

3207

Who today drips like narrow-necked bottles through parsimonious spouts – such bottles men now gladly break!"

3208

Lüsterne Gier, gallichter Neid, vergrämte Rachsucht, Pöbel-Stolz: das sprang mir alles ins Gesicht. Es ist nicht mehr wahr, daß die Armen selig sind. Das Himmelreich aber ist bei den Kühen.«[507]

3208

Lustful greed, bilious envy, embittered vengefulness, rabble-pride—all this leapt at my face. It is no longer true that the blessed are the poor. The kingdom of heaven, however, resides with the cows.«[507]

3209

»Und warum ist es nicht bei den Reichen?« fragte Zarathustra versuchend, während er den Kühen wehrte, die den Friedfertigen zutraulich anschnauften.

3209

»And why does it not reside with the rich?« asked Zarathustra, testing him, while fending off the cows that trustfully nuzzled the peaceable one.

3210

»Was versuchst du mich?« antwortete dieser. »Du weißt es selber besser noch als ich. Was trieb mich doch zu den Ärmsten, o Zarathustra? War es nicht der Ekel vor unsern Reichsten?

3210

»Why do you test me?« he replied. »You yourself know this better than I. What drove me to the poorest, O Zarathustra? Was it not my loathing of our wealthiest?

3211

– vor den Sträflingen des Reichtums, welche sich ihren Vorteil aus jedem Kehricht auflesen, mit kalten Augen, geilen Gedanken, vor diesem Gesindel, das gen Himmel stinkt,

3211

—of the convicts of wealth, who scavenge profit from every refuse heap with cold eyes and lecherous thoughts, before this rabble that reeks to high heaven,

3212

– vor diesem vergüldeten, verfälschten Pöbel, dessen Väter Langfinger oder Aasvögel oder Lumpensammler waren, mit Weibern willfährig, lüstern, vergeßlich – sie haben's nämlich alle nicht weit zur Hure –

3212

—before this gilded, adulterated rabble whose forefathers were pickpockets or carrion crows or ragpickers—with women compliant, lustful, forgetful—for they are all but a step away from harlotry—

3213

Pöbel oben, Pöbel unten! Was ist heute noch ›arm‹ und ›reich‹! Diesen Unterschied verlernte ich – da floh ich davon, weiter, immer weiter, bis ich zu diesen Kühen kam.«

3213

Rabble above, rabble below! What is ‘poor’ and ‘rich’ today? I unlearned this distinction—so I fled, farther and farther, until I came to these cows.«

3214

Also sprach der Friedfertige und schnaufte selber und schwitzte bei seinen Worten: also daß die Kühe sich von neuem wunderten. Zarathustra aber sah ihm immer mit Lächeln ins Gesicht, als er so hart redete, und schüttelte dazu schweigend den Kopf.

3214

Thus spoke the peaceable one, panting and sweating as he uttered these words, so that the cows marveled anew. But Zarathustra gazed into his face with a smile as he spoke so harshly, silently shaking his head.

3215

»Du tust dir Gewalt an, du Berg-Prediger, wenn du solche harte Worte brauchst. Für solche Härte wuchs dir nicht der Mund, nicht das Auge.

3215

»You do violence to yourself, you mountain preacher, using such harsh words. Neither your mouth nor your eyes were shaped for such severity.

3216

Auch, wie mich dünkt, dein Magen selber nicht: dem widersteht all solches Zürnen und Hassen und Überschäumen. Dein Magen will sanftere Dinge: du bist kein Fleischer.

3216

Nor, it seems to me, is your stomach suited to it: it rebels against all this wrath and hatred and frothing. Your stomach craves gentler fare: you are no butcher.

3217

Vielmehr dünkst du mich ein Pflanzler und Wurzelmann. Vielleicht malmst du Körner. Sicherlich aber bist du fleischlichen Freuden abhold und liebst den Honig.«

3217

Rather, you strike me as a planter and root-digger. Perhaps you grind grain. But assuredly, you shun fleshly pleasures and adore honey.«

3218

»Du errietest mich gut«, antwortete der freiwillige Bettler mit erleichtertem Herzen. »Ich liebe den Honig, ich malme auch Körner, denn ich suchte, was lieblich mundet und reinen Atem macht:

3218

»You have guessed me well,« answered the voluntary beggar with a lightened heart. »I adore honey, I do grind grain, for I sought what delights the palate and makes the breath pure:

3219

– auch was lange Zeit braucht, ein Tag- und Maul-Werk für sanfte Müßiggänger und Tagediebe.

3219

—something that takes time, a day’s work for gentle idlers and day-dawdlers.

3220

Am weitesten freilich brachten es diese Kühe: die erfanden sich das Wiederkäuen und In-der-Sonne-Liegen. Auch enthalten sie sich aller schweren Gedanken, welche das Herz blähn.«[508]

3220

But these cows have achieved the most: they invented rumination and lying in the sun. They also abstain from all heavy thoughts that bloat the heart.«[508]

3221

– »Wohlan!« sagte Zarathustra, »du solltest auch meine Tiere sehn, meinen Adler und meine Schlange – ihresgleichen gibt es heute nicht auf Erden.

3221

—»Enough!« said Zarathustra, »you should also behold my animals—my eagle and my serpent—their like does not exist on earth today.

3222

Siehe, dorthin führt der Weg zu meiner Höhle: sei diese Nacht ihr Gast. Und rede mit meinen Tieren vom Glück der Tiere, –

3222

Behold, the path to my cave lies yonder: be my guest this night. Speak with my animals of the happiness of beasts—

3223

– bis ich selber heimkomme. Denn jetzt ruft ein Notschrei mich eilig weg von dir. Auch findest du neuen Honig bei mir, eisfrischen Waben-Goldhonig: den iß!

3223

—until I myself return home. For now, a cry of distress summons me hastily away. You will also find fresh honey at my dwelling, ice-cool golden comb honey: eat it!

3224

Jetzt aber nimm flugs Abschied von deinen Kühen, du Wunderlicher! Lieblicher! ob es dir schon schwer werden mag. Denn es sind deine wärmsten Freunde und Lehrmeister!« –

3224

But now bid swift farewell to your cows, you wondrous one! Gentle soul!—though it may grieve you. For they are your warmest friends and teachers!«—

3225

»– Einen ausgenommen, den ich noch lieber habe«, antwortete der freiwillige Bettler. »Du selber bist gut, und besser noch als eine Kuh, o Zarathustra!«

3225

»—Save one whom I love still more,« answered the voluntary beggar. »You yourself are good, and better even than a cow, O Zarathustra!«

3226

»Fort, fort mit dir! du arger Schmeichler!« schrie Zarathustra mit Bosheit, »was verdirbst du mich mit solchem Lob und Schmeichel-Honig?«

3226

»Away, away with you! You cunning flatterer!« cried Zarathustra with vehemence, »why corrupt me with such praise and honeyed flattery?«

3227

»Fort, fort von mir!« schrie er noch einmal und schwang seinen Stock nach dem zärtlichen Bettler: der aber lief hurtig davon.[509]

3227

»Away, away from me!« he cried once more, brandishing his staff at the tender-hearted beggar: but the latter swiftly took flight.[509]

3228

Der Schatten

3228

The Shadow

3229

Kaum aber war der freiwillige Bettler davongelaufen und Zarathustra wieder mit sich allein, da hörte er hinter sich eine neue Stimme, die rief: »Halt! Zarathustra! So warte doch! ich bin's ja, o Zarathustra, ich, dein Schatten!« Aber Zarathustra wartete nicht, denn ein plötzlicher Verdruß überkam ihn ob des vielen Zudrangs und Gedrängs in seinen Bergen. »Wo ist meine Einsamkeit hin?« sprach er.

3229

Scarcely had the voluntary beggar fled and Zarathustra found himself alone again, when he heard behind him a new voice calling: »Halt! Zarathustra! Wait now! It is I, O Zarathustra – I, your Shadow!« But Zarathustra did not wait, for sudden vexation overcame him at the excessive thronging and jostling within his mountain realm. »Whither has my solitude vanished?« he declared.

3230

»Es wird mir wahrlich zu viel; dies Gebirge wimmelt, mein Reich ist nicht mehr von dieser Welt, ich brauche neue Berge.

3230

»Verily, this is too much; these peaks teem, my kingdom is no longer of this world – I require new mountains.

3231

Mein Schatten ruft mich? Was liegt an meinem Schatten! Mag er mir nachlaufen! ich – laufe ihm davon.«

3231

My Shadow calls me? What care I for my Shadow? Let it pursue me! I – shall flee from it.«

3232

Also sprach Zarathustra zu seinem Herzen und lief davon. Aber der, welcher hinter ihm war, folgte ihm nach: so daß alsbald drei Laufende hintereinander her waren, nämlich voran der freiwillige Bettler, dann Zarathustra und zudritt und – hinterst sein Schatten.[509]

3232

Thus spoke Zarathustra to his heart and ran onward. But he who followed behind gave chase: so that soon three runners raced in succession – first the voluntary beggar, then Zarathustra, and thirdly, trailing last – his Shadow.[509]

3233

Nicht lange liefen sie so, da kam Zarathustra zur Besinnung über seine Torheit und schüttelte mit einem Rucke allen Verdruß und Überdruß von sich.

3233

They had not run long thus when Zarathustra came to his senses regarding his folly and shook off all vexation and weariness in one convulsive motion.

3234

»Wie!« sprach er, »geschahen nicht von je die lächerlichsten Dinge bei uns alten Einsiedlern und Heiligen?

3234

»How now!« he spoke, »have not the most laughable things always transpired among us ancient hermits and saints?

3235

Wahrlich, meine Torheit wuchs hoch in den Bergen! Nun höre ich sechs alte Narren-Beine hintereinander her klappern!

3235

Truly, my folly soared high in these mountains! Now I hear six fools’ legs clattering in pursuit!

3236

Darf aber Zarathustra sich wohl vor einem Schatten fürchten? Auch dünkt mich zu guter Letzt, daß er längere Beine hat als ich.«

3236

But dare Zarathustra fear a Shadow? Moreover, methinks in the end – he possesses longer legs than I.«

3237

Also sprach Zarathustra, lachend mit Augen und Eingeweiden, blieb stehen und drehte sich schnell herum – und siehe, fast warf er dabei seinen Nachfolger und Schatten zu Boden: so dicht schon folgte ihm derselbe auf den Fersen, und so schwach war er auch. Als er ihn nämlich mit Augen prüfte, erschrak er wie vor einem plötzlichen Gespenste: so dünn, schwärzlich, hohl und überlebt sah dieser Nachfolger aus.

3237

Thus spoke Zarathustra, laughing with eyes and entrails, stood still, and swiftly turned about – and behold, he nearly threw his pursuer and Shadow to the ground: so closely had the latter followed at his heels, and so feeble was he besides. For when Zarathustra examined him with his gaze, he startled as at a sudden phantom: so gaunt, blackened, hollow, and timeworn did this follower appear.

3238

»Wer bist du?« fragte Zarathustra heftig, »was treibst du hier? Und weshalb heißest du dich meinen Schatten? Du gefällst mir nicht.«

3238

»Who are you?« Zarathustra demanded fiercely, »what do you here? And why call yourself my Shadow? You displease me.«

3239

»Vergib mir«, antwortete der Schatten, »daß ich's bin; und wenn ich dir nicht gefalle, wohlan, o Zarathustra! darin lobe ich dich und deinen guten Geschmack.

3239

»Forgive me,« answered the Shadow, »that it is I; and if I displease you – well then, O Zarathustra! For that I praise you and your fine discernment.

3240

Ein Wanderer bin ich, der viel schon hinter deinen Fersen herging: immer unterwegs, aber ohne Ziel, auch ohne Heim: also daß mir wahrlich wenig zum Ewigen Juden fehlt, es sei denn, daß ich nicht ewig und auch nicht Jude bin.

3240

A wanderer am I, who has long trodden in your footsteps: ever journeying, yet without destination, without home – verily, I lack but little to be the Eternal Jew, save that I am neither eternal nor a Jew.

3241

Wie? Muß ich immerdar unterwegs sein? Von jedem Winde gewirbelt, unstet, fortgetrieben? O Erde, du wardst mir zu rund!

3241

What? Must I forever wander? Tossed by every wind, unsteadfast, driven onward? O Earth, you have grown too round for me!

3242

Auf jeder Oberfläche saß ich schon, gleich müdem Staube schlief ich ein auf Spiegeln und Fensterscheiben: alles nimmt von mir, nichts gibt, ich werde dünn – fast gleiche ich einem Schatten.

3242

Upon every surface have I sat, like weary dust I slept on mirrors and windowpanes: all things take from me, none gives – I grow thin – almost resemble a shadow.

3243

Dir aber, o Zarathustra, flog und zog ich am längsten nach, und, verbarg ich mich schon vor dir, so war ich doch dein bester Schatten: wo du nur gesessen hast, saß ich auch.

3243

But you, O Zarathustra, I have followed and fluttered after longest; and though I hid myself from you, I was ever your finest Shadow: where you sat, there too sat I.

3244

Mit dir bin ich in fernsten, kältesten Welten umgegangen, einem Gespenste gleich, das freiwillig über Winterdächer und Schnee läuft.[510]

3244

With you I walked through the farthest, coldest worlds, like a phantom that freely roams over winter roofs and snows.[510]

3245

Mit dir strebte ich in jedes Verbotene, Schlimmste, Fernste: und wenn irgend etwas an mir Tugend ist, so ist es, daß ich vor keinem Verbote Furcht hatte.

3245

With you I strove into every forbidden, vilest, remotest realm: and if any virtue remains in me, it is that I feared no prohibition.

3246

Mit dir zerbrach ich, was je mein Herz verehrte, alle Grenzsteine und Bilder warf ich um, den gefährlichsten Wünschen lief ich nach – wahrlich, über jedwedes Verbrechen lief ich einmal hinweg.

3246

With you I shattered all that my heart ever revered, overturned every boundary stone and idol, pursued the most perilous desires – verily, I once strode beyond every crime.

3247

Mit dir verlernte ich den Glauben an Worte und Werte und große Namen. Wenn der Teufel sich häutet, fällt da nicht auch sein Name ab? Der ist nämlich auch Haut. Der Teufel selber ist vielleicht – Haut.

3247

Through you I unlearned belief in words, values, and grand names. When the devil sheds his skin, does his name not fall away too? For that too is but skin. The devil himself may be – mere skin.

3248

›Nichts ist wahr, alles ist erlaubt‹: so sprach ich mir zu. In die kältesten Wasser stürzte ich mich, mit Kopf und Herzen. Ach, wie oft stand ich darob nackt als roter Krebs da!

3248

"Nothing is true, all is permitted": thus I spoke to myself. I plunged headlong into the coldest waters. Ah, how often I stood there naked as a red crab!

3249

Ach, wohin kam mir alles Gute und alle Scham und aller Glaube an die Guten! Ach, wohin ist jene verlogne Unschuld, die ich einst besaß, die Unschuld der Guten und ihrer edlen Lügen!

3249

Ah, where has all goodness fled, all modesty, all faith in the virtuous? Ah, where is that mendacious innocence I once possessed, the innocence of the good and their noble lies!

3250

Zu oft, wahrlich, folgte ich der Wahrheit dicht auf dem Fuße: da trat sie mir vor den Kopf. Manchmal meinte ich zu lügen, und siehe! da erst traf ich – die Wahrheit.

3250

Too often, in truth, I followed Truth at her heels – till she turned and kicked me in the face. Sometimes I thought to lie – but behold! Only then did I strike – Truth.

3251

Zu viel klärte sich mir auf: nun geht es mich nichts mehr an. Nichts lebt mehr, das ich liebe – wie sollte ich noch mich selber lieben?

3251

Too much has been revealed to me: now nothing concerns me. Nothing I love still lives – how then should I still love myself?

3252

›Leben, wie ich Lust habe, oder gar nicht leben‹: so will ich's, so will's auch der Heiligste. Aber, wehe! wie habe ich noch – Lust?

3252

"Live as I desire, or not at all": thus I will it, thus wills the Holiest. But alas – how do I still have – desire?

3253

Habe ich – noch ein Ziel? Einen Hafen, nach dem mein Segel läuft?

3253

Do I – still possess a goal? A haven toward which my sail strains?

3254

Einen guten Wind? Ach, nur wer weiß, wohin er fährt, weiß auch, welcher Wind gut und sein Fahrwind ist.

3254

A favorable wind? Ah, only he who knows whither he sails knows which wind is good, which his driving wind.

3255

Was blieb mir noch zurück? Ein Herz, müde und frech; ein unsteter Wille; Flatter-Flügel; ein zerbrochnes Rückgrat.

3255

What remains to me? A heart wearied to insolence; an unsteady will; fluttering wings; a broken backbone.

3256

Dies Suchen nach meinem Heim: o Zarathustra, weißt du wohl, dies Suchen war meine Heimsuchung, es frißt mich auf.

3256

This search for my home: O Zarathustra, know you well this search has been my home-affliction – it consumes me.

3257

Wo ist – mein Heim? Darnach frage und suche und suchte ich, das fand ich nicht. O ewiges Überall, o ewiges Nirgendwo, o ewiges – Umsonst!«

3257

Where is – my home? For this I ask and seek and have sought – yet found it not. O eternal Everywhere, O eternal Nowhere, O eternal – In Vain!"

3258

Also sprach der Schatten, und Zarathustras Gesicht verlängerte sich bei seinen Worten. »Du bist mein Schatten!« sagte er endlich, mit Traurigkeit.[511]

3258

Thus spoke the Shadow, and Zarathustra's countenance lengthened at these words. "You are my Shadow!" he said at last, mournfully.[511]

3259

»Deine Gefahr ist keine kleine, du freier Geist und Wanderer! Du hast einen schlimmen Tag gehabt: sieh zu, daß dir nicht noch ein schlimmerer Abend kommt!

3259

"Your peril is great, you free spirit and wanderer! You've endured an evil day: take heed lest a worse evening overtake you!

3260

Solchen Unsteten, wie du, dünkt zuletzt auch ein Gefängnis selig. Sahst du je, wie eingefangne Verbrecher schlafen? Sie schlafen ruhig, sie genießen ihre neue Sicherheit.

3260

To rootless ones like you, even a prison may seem blissful at last. Have you seen how captured criminals sleep? They sleep soundly, relishing newfound security.

3261

Hüte dich, daß dich nicht am Ende noch ein enger Glaube einfängt, ein harter, strenger Wahn! Dich nämlich verführt und versucht nunmehr jegliches, das eng und fest ist.

3261

Beware lest some narrow faith imprison you at last, some harsh, rigid delusion! For now, all that's confined and fixed tempts and beguiles you.

3262

Du hast das Ziel verloren: wehe, wie wirst du diesen Verlust verscherzen und verschmerzen? Damit – hast du auch den Weg verloren!

3262

You've lost the goal: how will you endure and digest this loss? Through this – you've lost the path too!

3263

Du armer Schweifender, Schwärmender, du müder Schmetterling! willst du diesen Abend eine Rast und Heimstätte haben? So gehe hinauf zu meiner Höhle!

3263

You poor wayfarer, daydreamer, you weary fleeting butterfly! Would you have rest and shelter this evening? Then ascend to my cave!

3264

Dorthin führt der Weg zu meiner Höhle. Und jetzo will ich schnell wieder von dir davonlaufen. Schon liegt es wie ein Schatten auf mir.

3264

Thither lies the path to my cave. Now I'll swiftly run from you again. Already a shadow's weight lies upon me.

3265

Ich will allein laufen, daß es wieder hell um mich werde. Dazu muß ich noch lange lustig auf den Beinen sein. Des Abends aber wird bei mir – getanzt!« – –

3265

I must run alone to regain clarity around me. For this, I must yet dance long on my legs. But come evening – there shall be dancing!" – –

3266

Also sprach Zarathustra.[512]

3266

Thus spoke Zarathustra.[512]

3267

Mittags

3267

At Noon

3268

– Und Zarathustra lief und lief und fand niemanden mehr und war allein und fand immer wieder sich und genoß und schlürfte seine Einsamkeit und dachte an gute Dinge, – stundenlang. Um die Stunde des Mittags aber, als die Sonne gerade über Zarathustras Haupte stand, kam er an einem alten krummen und knorrichten Baume vorbei, der von der reichen Liebe eines Weinstocks rings umarmt und vor sich selber verborgen war: von dem hingen gelbe Trauben in Fülle dem Wandernden entgegen. Da gelüstete ihn, einen kleinen Durst zu löschen und sich eine Traube abzubrechen; als er aber schon den Arm dazu ausstreckte, da gelüstete ihn etwas anderes noch mehr: nämlich sich neben den Baum niederzulegen, um die Stunde des vollkommenen Mittags, und zu schlafen.

3268

– And Zarathustra ran and ran and found no one anymore and was alone and ever again discovered himself, savoring and sipping his solitude while pondering good things – for hours. But at the hour of noon, when the sun stood precisely over Zarathustra’s head, he came upon an old gnarled and knotted tree embraced round by the lavish love of a grapevine, hidden even from itself: from it hung clusters of yellow grapes in abundance, reaching toward the wanderer. Then he was moved to quench a slight thirst and pluck a grape; but as he stretched forth his arm, a still deeper longing seized him – to lie down beside the tree in the hour of perfect noon and sleep.

3269

Dies tat Zarathustra; und sobald er auf dem Boden lag, in der Stille[512] und Heimlichkeit des bunten Grases, hatte er auch schon seinen kleinen Durst vergessen und schlief ein. Denn, wie das Sprichwort Zarathustras sagt: eins ist notwendiger als das andre. Nur daß seine Augen offen blieben – sie wurden nämlich nicht satt, den Baum und die Liebe des Weinstocks zu sehn und zu preisen. Im Einschlafen aber sprach Zarathustra also zu seinem Herzen:

3269

This Zarathustra did; and as soon as he lay upon the earth in the stillness and secrecy of the dappled grass, his small thirst already forgotten, he fell asleep. For, as Zarathustra’s proverb says: one thing is more needful than another. Yet his eyes remained open – for they could not sate themselves with gazing upon and praising the tree and the grapevine’s devotion. And as he drifted into slumber, Zarathustra spoke thus to his heart:

3270

»Still! Still! Ward die Welt nicht eben vollkommen? Was geschieht mir doch?

3270

»Hush! Hush! Has the world not just now become perfect? What is happening to me?

3271

Wie ein zierlicher Wind, ungesehn, auf getäfeltem Meere tanzt, leicht, federleicht: so – tanzt der Schlaf auf mir.

3271

Like a delicate wind, unseen, dancing upon lacquered seas, light as down: so – sleep dances upon me.

3272

Kein Auge drückt er mir zu, die Seele läßt er mir wach. Leicht ist er, wahrlich! federleicht.

3272

He presses not my eyelids shut; he leaves my soul awake. Light he is, verily! Light as down.

3273

Er überredet mich, ich weiß nicht wie? er betupft mich inwendig mit schmeichelnder Hand, er zwingt mich. Ja, er zwingt mich, daß meine Seele sich ausstreckt: –

3273

He persuades me, I know not how; he strokes my innards with coaxing hands, he compels me. Yea, he compels me, till my soul stretches itself out: –

3274

– wie sie mir lang und müde wird, meine wunderliche Seele! Kam ihr eines siebenten Tages Abend gerade am Mittage? Wandelte sie zu lange schon selig zwischen guten und reifen Dingen?

3274

– how long and weary it grows, my wondrous soul! Did the evening of a seventh day overtake her at noon? Has she wandered too long, blissful among good and ripened things?

3275

Sie streckt sich lang aus, lang – länger! sie liegt stille, meine wunderliche Seele. Zu viel Gutes hat sie schon geschmeckt, diese goldene Traurigkeit drückt sie, sie verzieht den Mund.

3275

She stretches herself long – longer! She lies still, my wondrous soul. Too much sweetness has she tasted; this golden sadness weighs upon her, twisting her mouth.

3276

– Wie ein Schiff, das in seine stillste Bucht einlief – nun lehnt es sich an die Erde, der langen Reisen müde und der ungewissen Meere. Ist die Erde nicht treuer?

3276

– Like a ship gliding into its stillest cove – now it leans against the earth, weary of long voyages and uncertain seas. Is not the land more faithful?

3277

Wie solch ein Schiff sich dem Lande anlegt, anschmiegt – da genügt's, daß eine Spinne vom Lande her zu ihm ihren Faden spinnt. Keiner stärkeren Taue bedarf es da.

3277

As such a ship nestles close to shore – a spider’s thread spun from land to its mast suffices. No stronger ropes are needed here.

3278

Wie solch ein müdes Schiff in der stillsten Bucht: so ruhe auch ich nun der Erde nahe, treu, zutrauend, wartend, mit den leisesten Fäden ihr angebunden.

3278

As such a weary ship rests in the stillest cove: so I now lie near the earth, faithful, trusting, waiting, bound to her by the faintest threads.

3279

O Glück! O Glück! Willst du wohl singen, o meine Seele? Du liegst im Grase. Aber das ist die heimliche feierliche Stunde, wo kein Hirt seine Flöte bläst.

3279

O happiness! O happiness! Would you sing, my soul? You lie in the grass. Yet this is the secret solemn hour when no shepherd pipes his flute.

3280

Scheue dich! Heißer Mittag schläft auf den Fluren. Singe nicht! Still! Die Welt ist vollkommen.[513]

3280

Be wary! Hot noon sleeps upon the meadows. Sing not! Hush! The world is perfect.

3281

Singe nicht, du Gras-Geflügel, o meine Seele! Flüstere nicht einmal! Sieh doch – still! der alte Mittag schläft, er bewegt den Mund: trinkt er nicht eben einen Tropfen Glücks –

3281

Sing not, you grass-winged one, O my soul! Whisper not even! Behold – hush! The ancient noon sleeps, his lips twitching: does he not sip a droplet of bliss –

3282

– einen alten braunen Tropfen goldenen Glücks, goldenen Weins? Es huscht über ihn hin, sein Glück lacht. So – lacht ein Gott. Still! –

3282

– an old brown droplet of golden bliss, golden wine? It trickles over him; his bliss laughs. Thus – laughs a god. Hush! –

3283

– ›Zum Glück, wie wenig genügt schon zum Glücke!‹ So sprach ich einst und dünkte mich klug. Aber es war eine Lästerung: das lernte ich nun. Kluge Narrn reden besser.

3283

– ›For happiness, how little suffices for happiness!‹ So I once spoke, deeming myself wise. But it was blasphemy: this I have now learned. Wise fools speak better.

3284

Das wenigste gerade, das Leiseste, Leichteste, einer Eidechse Rascheln, ein Hauch, ein Husch, ein Augen-Blick – wenig macht die Art des besten Glücks. Still!

3284

The smallest things, the most subtle, the lightest – a lizard’s rustle, a breath, a flicker, the blink of an eye – little makes the essence of the finest bliss. Still!

3285

– Was geschah mir: Horch! Flog die Zeit wohl davon? Falle ich nicht? Fiel ich nicht – horch! in den Brunnen der Ewigkeit?

3285

– What has befallen me? Hark! Has time fled? Do I not fall? Have I not fallen – hark! – into the well of eternity?

3286

– Was geschieht mir? Still! Es sticht mich – wehe – ins Herz? Ins Herz! Oh zerbrich, zerbrich, Herz, nach solchem Glücke, nach solchem Stiche!

3286

– What is happening to me? Still! It pierces me – ah! – through the heart? Through the heart! Oh, break, break, heart, after such bliss, after such a sting!

3287

– Wie? Ward die Welt nicht eben vollkommen? Rund und reif? O des goldenen runden Reifs – wohin fliegt er wohl? Laufe ich ihm nach! Husch!

3287

– What? Did the world not just become perfect? Round and ripe? Oh, the golden round ring – where does it fly? I shall chase it! Swift!

3288

Still – –« (und hier dehnte sich Zarathustra und fühlte, daß er schlafe).

3288

Still – –« (and here Zarathustra stretched and felt that he slept).

3289

»Auf!« sprach er zu sich selber, »du Schläfer! Du Mittagsschläfer! Wohlan, wohlauf, ihr alten Beine! Zeit ist's und Überzeit, manch gut Stücks Wegs blieb euch noch zurück –

3289

»Up!« he said to himself, »you sleeper! You noon-sleeper! Come now, up with you, old limbs! Time and past time, much good road remains ahead –

3290

Nun schlieft ihr euch aus, wie lange doch? Eine halbe Ewigkeit! Wohlan, wohlauf nun, mein altes Herz! Wie lange erst darfst du nach solchem Schlaf – dich auswachen?«

3290

Now you have slept your fill – how long? Half an eternity! Come now, up with you, my ancient heart! How long after such sleep – must you wake anew?«

3291

(Aber da schlief er schon von neuem ein, und seine Seele sprach gegen ihn und wehrte sich und legte sich wieder hin) – »Laß mich doch! Still! Ward nicht die Welt eben vollkommen? O des goldnen runden Balls!«

3291

(But then he fell asleep again, and his soul spoke against him and resisted and lay down once more) – »Let me be! Still! Did the world not just become perfect? Oh, the golden round orb!«

3292

»Steh auf«, sprach Zarathustra, »du kleine Diebin, du Tagediebin! Wie? Immer noch sich strecken, gähnen, seufzen, hinunterfallen in tiefe Brunnen?

3292

»Rise up,« spoke Zarathustra, »you petty thief, you daylight idler! What? Still stretching, yawning, sighing, plunging into deep wells?

3293

Wer bist du doch! O meine Seele!« (und hier erschrak er, denn ein Sonnenstrahl fiel vom Himmel herunter auf sein Gesicht.)[514]

3293

Who are you, truly? Oh, my soul!« (and here he startled, for a sunbeam fell from the sky onto his face.)[514]

3294

»O Himmel über mir«, sprach er seufzend und setzte sich aufrecht, »du schaust mir zu? Du horchst meiner wunderlichen Seele zu?

3294

»O sky above me,« he sighed, sitting upright, »you gaze upon me? You listen to my wondrous soul?

3295

Wann trinkst du diesen Tropfen Taus, der auf alle Erden-Dinge niederfiel – wann trinkst du diese wunderliche Seele –

3295

When will you drink this drop of dew that fell upon all earthly things – when will you drink this strange soul –

3296

– wann, Brunnen der Ewigkeit! du heiterer schauerlicher Mittags-Abgrund! wann trinkst du meine Seele in dich zurück?«

3296

– when, well of eternity! You serene and dreadful noon-abyss! When will you draw my soul back into yourself?«

3297

Also sprach Zarathustra und erhob sich von seinem Lager am Baume wie aus einer fremden Trunkenheit: und siehe, da stand die Sonne immer noch gerade über seinem Haupte. Es möchte aber einer daraus mit Recht abnehmen, daß Zarathustra damals nicht lange geschlafen habe.[515]

3297

Thus spoke Zarathustra, rising from his bed by the tree as from a foreign intoxication: and behold, the sun still stood directly above his head. Yet one might rightly infer from this that Zarathustra had not slept long.[515]

3298

Die Begrüßung

3298

The Greeting

3299

Am späten Nachmittage war es erst, daß Zarathustra, nach langem umsonstigen Suchen und Umherstreifen, wieder zu seiner Höhle heimkam. Als er aber derselben gegenüberstand, nicht zwanzig Schritt mehr von ihr ferne, da geschah das, was er jetzt am wenigsten erwartete: von neuem hörte er den großen Notschrei. Und, erstaunlich! diesmal kam derselbige aus seiner eignen Höhle. Es war aber ein langer vielfältiger seltsamer Schrei, und Zarathustra unterschied deutlich, daß er sich aus vielen Stimmen zusammensetze: mochte er schon, aus der Ferne gehört, gleich dem Schrei aus einem einzigen Munde klingen.

3299

It was late afternoon before Zarathustra, after long and fruitless searching and wandering, returned to his cave. But as he stood facing it, no more than twenty paces away, the least expected thing occurred: once more he heard the great cry of distress. And astonishingly, this time it came from his own cave. It was a prolonged, manifold, and peculiar cry, and Zarathustra discerned clearly that it was composed of many voices – though heard from afar, it might have seemed to issue from a single mouth.

3300

Da sprang Zarathustra auf seine Höhle zu, und siehe! welches Schauspiel erwartete ihn erst nach diesem Hörspiele! Denn da saßen sie allesamt beieinander, an denen er des Tags vorübergegangen war: der König zur Rechten und der König zur Linken, der alte Zauberer, der Papst, der freiwillige Bettler, der Schatten, der Gewissenhafte des Geistes, der traurige Wahrsager und der Esel; der häßlichste Mensch aber hatte sich eine Krone aufgesetzt und zwei Purpurgürtel umgeschlungen – denn er liebte es, gleich allen Häßlichen, sich zu verkleiden und schön zu tun. Inmitten aber dieser betrübten Gesellschaft stand der Adler Zarathustras, gesträubt und unruhig, denn er sollte auf zu vieles antworten, wofür sein Stolz keine Antwort hatte; die kluge Schlange aber hing um seinen Hals.[515]

3300

Then Zarathustra sprang toward his cave, and behold! What spectacle awaited him after this play of voices! For there sat all those he had passed by that day gathered together: the king at the right and the king at the left, the old sorcerer, the pope, the voluntary beggar, the Shadow, the Conscientious One of the Spirit, the sorrowful soothsayer, and the ass; but the ugliest man had crowned himself and draped two purple sashes about him — for like all the hideous, he loved to disguise himself and adorn his semblance. Amidst this mournful company stood Zarathustra’s eagle, bristled and restless, for it was expected to answer too much that its pride found no reply to; yet the wise serpent coiled about its neck.[515]

3301

Dies alles schaute Zarathustra mit großer Verwunderung; dann aber prüfte er jeden einzelnen seiner Gäste mit leutseliger Neugierde, las ihre Seelen ab und wunderte sich von neuem. Inzwischen hatten sich die Versammelten von ihren Sitzen erhoben und warteten mit Ehrfurcht, daß Zarathustra reden werde. Zarathustra aber sprach also:

3301

All this Zarathustra surveyed with great astonishment; then he examined each guest with gracious curiosity, reading their souls, and marveled anew. Meanwhile, the assembled ones rose from their seats and waited reverently for Zarathustra to speak. And Zarathustra spoke thus:

3302

»Ihr Verzweifelnden! Ihr Wunderlichen! Ich hörte also euren Notschrei? Und nun weiß ich auch, wo der zu suchen ist, den ich umsonst heute suchte: der höhere Mensch –:

3302

»Ye despairing ones! Ye strange ones! So it was your cry of distress I heard? And now I know where to seek him whom I sought in vain today: the higher man

3303

– in meiner eignen Höhle sitzt er, der höhere Mensch! Aber was wundere ich mich! Habe ich ihn nicht selber zu mir gelockt, durch Honig-Opfer und listige Lockrufe meines Glücks?

3303

— in mine own cave he sits, the higher man! Yet why do I marvel? Did I not myself lure him here with honey-offerings and cunning calls of my happiness?

3304

Doch dünkt mir, ihr taugt euch schlecht zur Gesellschaft, ihr macht einander das Herz unwirsch, ihr Notschreienden, wenn ihr hier beisammen sitzt? Es muß erst einer kommen,

3304

But methinks ye ill-suit each other as companions; ye breed disquiet in each other’s hearts, ye criers of distress, sitting thus together. One must first come —

3305

– einer, der euch wieder lachen macht, ein guter fröhlicher Hanswurst, ein Tänzer und Wind und Wildfang, irgendein alter Narr: – was dünket euch?

3305

— one who makes ye laugh again, a good merry jester, a dancer and gust and madcap, some old fool — what think ye?

3306

Vergebt mir doch, ihr Verzweifelnden, daß ich vor euch mit solch kleinen Worten rede, unwürdig, wahrlich, solcher Gäste! Aber ihr erratet nicht, was mein Herz mutwillig macht: –

3306

Forgive me, ye despairing ones, that I speak such petty words before you, unworthy, verily, of such guests! But ye cannot guess what makes my heart frolicsome: —

3307

– ihr selber tut es und euer Anblick, vergebt es mir! Jeder nämlich wird mutig, der einem Verzweifelnden zuschaut. Einem Verzweifelnden zuzusprechen – dazu dünkt sich jeder stark genug.

3307

— ’tis yourselves, and the sight of you; forgive me for it! For everyone grows bold who beholds one in despair. To address the despairing — each deems himself strong enough for that.

3308

Mir selber gabt ihr diese Kraft – eine gute Gabe, meine hohen Gäste! Ein rechtschaffnes Gastgeschenk! Wohlan, so zürnt nun nicht, daß ich euch auch vom Meinigen anbiete.

3308

To me, ye yourselves gave this strength — a goodly gift, my noble guests! A worthy guest-offering! Well then, be not wrathful if I offer you something of mine in turn.

3309

Dies hier ist mein Reich und meine Herrschaft: was aber mein ist, für diesen Abend und diese Nacht soll es euer sein. Meine Tiere sollen euch dienen: meine Höhle sei eure Ruhestatt!

3309

This here is my realm and dominion: but what is mine shall be yours for this evening and night. My animals shall serve you; let my cave be your resting place!

3310

Bei mir zu Heim und Hause soll keiner verzweifeln, in meinem Reviere schütze ich jeden vor seinen wilden Tieren. Und das ist das erste, was ich euch anbiete: Sicherheit!

3310

In my home and hearth, none shall despair; within my domain, I protect all from their wild beasts. And this is the first thing I offer you: safety!

3311

Das zweite aber ist: mein kleiner Finger. Und habt ihr den erst, so nehmt nur noch die ganze Hand, wohlan! und das Herz dazu! Willkommen hier, willkommen, meine Gastfreunde!«[516]

3311

The second is: my little finger. And once ye have that, take the whole hand too — aye, and the heart besides! Welcome here, welcome, my guest-friends!«[516]

3312

Also sprach Zarathustra und lachte vor Liebe und Bosheit. Nach dieser Begrüßung verneigten sich seine Gäste abermals und schwiegen ehrfürchtig; der König zur Rechten aber antwortete ihm in ihrem Namen.

3312

Thus spoke Zarathustra, laughing with love and mischief. After this greeting, his guests bowed again and stood silent in reverence; but the king at the right answered him on their behalf:

3313

»Daran, o Zarathustra, wie du uns Hand und Gruß botest, erkennen wir dich als Zarathustra. Du erniedrigtest dich vor uns; fast tatest du unserer Ehrfurcht wehe –:

3313

»By this, O Zarathustra, how thou didst offer us thy hand and greeting, we recognize thee as Zarathustra. Thou didst humble thyself before us; thou nearly wounded our reverence —:

3314

– wer aber vermöchte gleich dir sich mit solchem Stolze zu erniedrigen? Das richtet uns selber auf, ein Labsal ist es unsern Augen und Herzen.

3314

—but who could humble himself with such pride as yours? That alone lifts us up; it is a balm to our eyes and hearts.

3315

Dies allein nur zu schaun, stiegen gern wir auf höhere Berge, als dieser Berg ist. Als Schaulustige nämlich kamen wir, wir wollten sehn, was trübe Augen hell macht.

3315

To behold this alone, we would gladly ascend higher mountains than this one. For we came as sight-seekers, longing to behold what brightens clouded eyes.

3316

Und siehe, schon ist es vorbei mit allem unsern Notschrein. Schon steht Sinn und Herz uns offen und ist entzückt. Wenig fehlt: und unser Mut wird mutwillig.

3316

And behold, all our cries of distress have now ceased. Our minds and hearts stand open, enraptured. A little more, and our courage shall turn wanton.

3317

Nichts, o Zarathustra, wächst Erfreulicheres auf Erden als ein hoher starker Wille: der ist ihr schönstes Gewächs. Eine ganze Landschaft erquickt sich an einem solchen Baume.

3317

Nothing more joyous grows on earth, O Zarathustra, than a lofty, unyielding will: it is the fairest growth. An entire landscape refreshes itself beneath such a tree.

3318

Der Pinie vergleiche ich, wer gleich dir, o Zarathustra, aufwächst: lang, schweigend, hart, allein, besten biegsamsten Holzes, herrlich, –

3318

To the pine tree I compare him who, like you, O Zarathustra, grows tall—silent, enduring, solitary, of the finest, most pliant wood, magnificent—

3319

– zuletzt aber hinausgreifend mit starken grünen Ästen nach seiner Herrschaft, starke Fragen fragend vor Winden und Wettern und was immer auf Höhen heimisch ist,

3319

—yet at last stretching forth strong green branches toward his dominion, hurling bold questions at winds and storms and all that dwells on heights,

3320

– stärker antwortend, ein Befehlender, ein Siegreicher: o wer sollte nicht, solche Gewächse zu schaun, auf hohe Berge steigen?

3320

—answering more fiercely still, a commander, a victor: O who would not climb high mountains to gaze upon such growths?

3321

Deines Baumes hier, oh Zarathustra, erlabt sich auch der Düstere, der Mißratene, an deinem Anblicke wird auch der Unstete sicher und heilt sein Herz.

3321

At your tree here, O Zarathustra, even the gloomy and malformed find solace; the unsettled grow steady at your sight and heal their hearts.

3322

Und wahrlich, zu deinem Berge und Baume richten sich heute viele Augen; eine große Sehnsucht hat sich aufgemacht, und manche lernten fragen: wer ist Zarathustra?

3322

Truly, toward your mountain and tree, many eyes now turn; a great longing has arisen, and many have learned to ask: Who is Zarathustra?

3323

Und wem du jemals dein Lied und deinen Honig ins Ohr geträufelt: alle die Versteckten, die Einsiedler, die Zweisiedler sprachen mit einem Male zu ihrem Herzen:[517]

3323

And whoever has ever had your song and honey poured into their ear—all the hidden ones, hermits, paired hermits—now cry aloud from their hearts:

3324

›Lebt Zarathustra noch? Es lohnt sich nicht mehr zu leben, alles ist gleich, alles ist umsonst: oder – wir müssen mit Zarathustra leben!‹

3324

‘Does Zarathustra still live? Life is no longer worth living; all is the same, all is vain—or else we must live with Zarathustra!’

3325

›Warum kommt er nicht, der sich so lange ankündigte?‹ also fragen viele; ›verschlang ihn die Einsamkeit? Oder sollen wir wohl zu ihm kommen?‹

3325

‘Why does he not come, he who so long proclaimed himself?’ many ask. ‘Has solitude devoured him? Or should we perhaps go to him?’

3326

Nun geschieht's, daß die Einsamkeit selber mürbe wird und zerbricht, einem Grabe gleich, das zerbricht und seine Toten nicht mehr halten kann. Überall sieht man Auferstandene.

3326

Now it happens that solitude itself grows brittle and breaks, like a tomb that cracks and can no longer hold its dead. Everywhere, the resurrected walk.

3327

Nun steigen und steigen die Wellen um deinen Berg, o Zarathustra. Und wie hoch auch deine Höhe ist, viele müssen zu dir hinauf; dein Nachen soll nicht lange mehr im Trocknen sitzen.

3327

Now waves surge around your mountain, O Zarathustra. However high your summit, many must climb to you; your boat shall not long remain stranded.

3328

Und daß wir Verzweifelnde jetzt in deine Höhle kamen und schon nicht mehr verzweifeln: ein Wahr- und Vorzeichen ist es nur, davon, daß Bessere zu dir unterwegs sind, –

3328

That we, the despairing, came to your cave and now despair no more—this is but a sign and portent that better ones are journeying toward you—

3329

– denn er selber ist zu dir unterwegs, der letzte Rest Gottes unter Menschen, das ist: alle die Menschen der großen Sehnsucht, des großen Ekels, des großen Überdrusses,

3329

—for he himself is on his way to you, the last remnant of God among men: all those plagued by great longing, great disgust, great weariness,

3330

– alle, die nicht leben wollen, oder sie lernen wieder hoffen – oder sie lernen von dir, oh Zarathustra, die große Hoffnung!«

3330

—all who no longer wish to live unless they learn to hope again—or unless they learn from you, O Zarathustra, the great hope!”

3331

Also sprach der König zur Rechten und ergriff die Hand Zarathustras, um sie zu küssen; aber Zarathustra wehrte seiner Verehrung und trat erschreckt zurück, schweigend und plötzlich wie in weite Fernen entfliehend. Nach einer kleinen Weile aber war er schon wieder bei seinen Gästen, blickte sie mit hellen, prüfenden Augen an und sprach:

3331

Thus spoke the king on the right, seizing Zarathustra’s hand to kiss it; but Zarathustra resisted his homage, recoiling in alarm, silent, as if fleeing into distant realms. Yet after a brief pause, he returned to his guests, gazed at them with clear, probing eyes, and said:

3332

»Meine Gäste, ihr höheren Menschen, ich will deutsch und deutlich mit euch reden. Nicht auf euch wartete ich hier in diesen Bergen.«

3332

“My guests, you higher men, I shall speak to you plainly and in the German manner: It was not for you that I waited in these mountains.”

3333

(»Deutsch und deutlich? Daß Gott erbarm!« sagte hier der König zur Linken, beiseite; »man merkt, er kennt die lieben Deutschen nicht, dieser Weise aus dem Morgenlande!

3333

(“Plain and German? God have mercy!” whispered the king on the left, turning aside. “This sage from the East knows nothing of our dear Germans!

3334

Aber er meint ›deutsch und derb‹ – wohlan! Das ist heutzutage noch nicht der schlimmste Geschmack!«)

3334

But he means ‘German and crude’—very well! In these days that is not the worst taste!«)

3335

»Ihr mögt wahrlich insgesamt höhere Menschen sein«, fuhr Zarathustra fort, »aber für mich – seid ihr nicht hoch und stark genug.

3335

»You may indeed all be higher men,« continued Zarathustra, »but for me—you are not high and strong enough.

3336

Für mich, das heißt: für das Unerbittliche, das in mir schweigt, aber nicht immer schweigen wird. Und gehört ihr zu mir, so doch nicht als mein rechter Arm.[518]

3336

For me—that is: for the inexorable within me that remains silent but will not remain silent forever. And even if you belong to me, you are not my right arm.[518]

3337

Wer nämlich selber auf kranken und zarten Beinen steht, gleich euch, der will vor allem, ob er's weiß oder sich verbirgt: daß er geschont werde.

3337

For whoever stands on infirm and tender legs, like you, desires above all—whether aware or not—to be spared.

3338

Meine Arme und meine Beine aber schone ich nicht, ich schone meine Krieger nicht: wieso könntet ihr zu meinem Kriege taugen?

3338

But I spare neither my arms nor my legs, I spare my warriors not: how then could you be fit for my warfare?

3339

Mit euch verdürbe ich mir jeden Sieg noch. Und mancher von euch fiele schon um, wenn er nur den lauten Schall meiner Trommeln hörte.

3339

With you, every victory of mine would still be ruined. Many among you would collapse merely hearing the loud thunder of my drums.

3340

Auch seid ihr mir nicht schön genug und wohlgeboren. Ich brauche reine glatte Spiegel für meine Lehren; auf eurer Oberfläche verzerrt sich noch mein eignes Bildnis.

3340

Nor are you sufficiently beautiful or nobly born for me. I require pure, smooth mirrors for my teachings; upon your surfaces, my own image is distorted.

3341

Eure Schultern drückt manche Last, manche Erinnerung; manch schlimmer Zwerg hockt in euren Winkeln. Es gibt verborgenen Pöbel auch in euch.

3341

Your shoulders bear many burdens, many memories; many a vile dwarf squats in your corners. There is hidden rabble even within you.

3342

Und seid ihr auch hoch und höherer Art: vieles an euch ist krumm und mißgestalt. Da ist kein Schmied in der Welt, der euch mir zurecht und gerade schlüge.

3342

And though you are lofty and of higher kind, much about you is crooked and misshapen. There is no smith in the world who could hammer you straight for me.

3343

Ihr seid nur Brücken: mögen Höhere auf euch hinüberschreiten! Ihr bedeutet Stufen: so zürnt dem nicht, der über euch hinweg in seine Höhe steigt!

3343

You are but bridges: may higher ones stride over you! You signify steps: so do not resent him who climbs beyond you toward his height!

3344

Aus eurem Samen mag auch mir einst ein echter Sohn und vollkommener Erbe wachsen: aber das ist ferne. Ihr selber seid die nicht, welchen mein Erbgut und Name zugehört.

3344

From your seed may yet grow for me one day a true son and perfect heir: but that is distant. You yourselves are not those to whom my heritage and name belong.

3345

Nicht auf euch warte ich hier in diesen Bergen, nicht mit euch darf ich zum letzten Male niedersteigen. Als Vorzeichen kamt ihr mir nur, daß schon Höhere zu mir unterwegs sind, –

3345

Not for you do I wait here in these mountains; with you I may not descend for the last time. You came only as omens that higher ones are already on their way to me—

3346

nicht die Menschen der großen Sehnsucht, des großen Ekels, des großen Überdrusses und das, was ihr den Überrest Gottes nanntet.

3346

not the men of great longing, great disgust, great weariness, nor what you called the remnant of God.

3347

– Nein! Nein! Dreimal nein! Auf andere warte ich hier in diesen Bergen und will meinen Fuß nicht ohne sie von dannen heben,

3347

—No! No! Thrice no! For others I wait here in these mountains, and I will not lift my foot from this place without them,

3348

– auf Höhere, Stärkere, Sieghaftere, Wohlgemutere, solche, die rechtwinklig gebaut sind an Leib und Seele: lachende Löwen müssen kommen!

3348

—for those higher, stronger, more victorious, more joyous, built squarely in body and soul: laughing lions must come!

3349

Oh, meine Gastfreunde, ihr Wunderlichen – hörtet ihr noch nichts von meinen Kindern? Und daß sie zu mir unterwegs sind?

3349

Oh, my strange guests—have you heard nothing yet of my children? That they are journeying toward me?

3350

Sprecht mir doch von meinen Gärten, von meinen glückseligen Inseln, von meiner neuen schönen Art – warum sprecht ihr mir nicht davon?[519]

3350

Speak to me of my gardens, of my blissful isles, of my new beautiful breed—why do you not speak of these?[519]

3351

Dies Gastgeschenk erbitte ich mir von eurer Liebe, daß ihr mir von meinen Kindern sprecht. Hierzu bin ich reich, hierzu ward ich arm: was gab ich nicht hin,

3351

This guest-gift I implore from your love: that you speak to me of my children. For this I am rich; for this I became poor: what have I not surrendered—

3352

– was gäbe ich nicht hin, daß ich eins hätte: diese Kinder, diese lebendige Pflanzung, diese Lebensbäume meines Willens und meiner höchsten Hoffnung!«

3352

—what would I not surrender, to possess one thing: these children, this living plantation, these trees of life of my will and highest hope!«

3353

Also sprach Zarathustra und hielt plötzlich inne in seiner Rede: denn ihn überfiel seine Sehnsucht, und er schloß Augen und Mund vor der Bewegung seines Herzens. Und auch alle seine Gäste schwiegen und standen still und bestürzt: nur daß der alte Wahrsager mit Händen und Gebärden Zeichen gab.[520]

3353

Thus spoke Zarathustra, suddenly halting his speech: for his longing overcame him, and he closed eyes and mouth, shaken by his heart’s tumult. All his guests fell silent, standing still and dismayed—only the old soothsayer gestured with hands and features.[520]

3354

Das Abendmahl

3354

The Last Supper

3355

An dieser Stelle nämlich unterbrach der Wahrsager die Begrüßung Zarathustras und seiner Gäste: er drängte sich vor, wie einer, der keine Zeit zu verlieren hat, faßte die Hand Zarathustras und rief: »Aber Zarathustra!

3355

At this moment, the soothsayer interrupted Zarathustra’s greeting to his guests: he pressed forward like one with no time to lose, seized Zarathustra’s hand, and cried: »But Zarathustra!

3356

Eins ist notwendiger als das andre, so redest du selber: wohlan, eins ist mir jetzt notwendiger als alles andere.

3356

One thing is more needful than another, as you yourself say: very well, one thing is now more needful to me than all else.«

3357

Ein Wort zur rechten Zeit: hast du mich nicht zum Mahle eingeladen? Und hier sind viele, die lange Wege machten. Du willst uns doch nicht mit Reden abspeisen?

3357

A word in due season: did you not invite me to a feast? And here are many who have journeyed far. Surely you do not mean to feed us with speeches?

3358

Auch gedachtet ihr alle mir schon zu viel des Erfrierens, Ertrinkens, Erstickens und anderer Leibes-Notstände: keiner aber gedachte meines Notstandes, nämlich des Verhungerns –«

3358

Moreover, you all thought too much of freezing, drowning, suffocating, and other bodily perils: yet none considered my peril – namely, starvation—«

3359

(Also sprach der Wahrsager; wie die Tiere Zarathustras aber diese Worte hörten, liefen sie vor Schrecken davon. Denn sie sahen, daß, was sie auch am Tage heimgebracht hatten, nicht genug sein werde, den einen Wahrsager zu stopfen.)

3359

(Thus spoke the soothsayer; but when Zarathustra’s animals heard these words, they fled in terror. For they saw that whatever they had brought home by day would not suffice to fill this one soothsayer.)

3360

»Eingerechnet das Verdursten«, fuhr der Wahrsager fort. »Und ob ich schon Wasser hier plätschern höre, gleich Reden der Weisheit, nämlich reichlich und unermüdlich: ich – will Wein!

3360

»Not to mention thirst,« the soothsayer continued. »And though I hear water splashing here like speeches of wisdom – abundant and tireless – I – want wine!

3361

Nicht jeder ist gleich Zarathustra ein geborner Wassertrinker. Wasser taugt auch nicht für Müde und Verwelkte: uns gebührt Wein – der erst gibt plötzliches Genesen und stegreife Gesundheit!«[520]

3361

Not everyone is a born water-drinker like Zarathustra. Water suits neither the weary nor the withered: we deserve wine – it alone brings sudden recovery and ready-made health!«

3362

Bei dieser Gelegenheit, da der Wahrsager nach Wein begehrte, geschah es, daß auch der König zur Linken, der Schweigsame, einmal zu Worte kam. »Für Wein«, sprach er, »trugen wir Sorge, ich samt meinem Bruder, dem Könige zur Rechten: wir haben Weins genug – einen ganzen Esel voll. So fehlt nichts als Brot.«

3362

At this plea for wine, it happened that the king on the left, the silent one, finally spoke. »For wine,« he said, »we took care – my brother, the king on the right, and I. We have wine enough – a whole ass-load. Nothing is lacking but bread.«

3363

»Brot?« entgegnete Zarathustra und lachte dazu. »Nur gerade Brot haben Einsiedler nicht. Aber der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern auch vom Fleische guter Lämmer, deren ich zwei habe:

3363

»Bread?« retorted Zarathustra, laughing. »Hermits alone lack bread. But man lives not by bread alone, but also by the flesh of good lambs, of which I have two:

3364

Die soll man geschwinde schlachten und würzig, mit Salbei, zubereiten: so liebe ich's. Und auch an Wurzeln und Früchten fehlt es nicht, gut genug selbst für Lecker- und Schmeckerlinge; noch an Nüssen und andern Rätseln zum Knacken.

3364

These shall be swiftly slaughtered and seasoned with sage: thus I love it. Nor is there want of roots and fruits, fit even for epicures; nor of nuts and other riddles to crack.

3365

Also wollen wir in Kürze eine gute Mahlzeit machen. Wer aber mit essen will, muß auch mit Hand anlegen, auch die Könige. Bei Zarathustra nämlich darf auch ein König Koch sein.«

3365

Thus shall we soon prepare a right good meal. But let all who would eat also lend a hand – even kings. With Zarathustra, even a king may be a cook.«

3366

Mit diesem Vorschlage war allen nach dem Herzen geredet: nur daß der freiwillige Bettler sich gegen Fleisch und Wein und Würzen sträubte.

3366

This proposal pleased all hearts save that of the voluntary beggar, who protested against meat, wine, and spices.

3367

»Nun hört mir doch diesen Schlemmer Zarathustra!« sagte er scherzhaft, »geht man dazu in Höhlen und Hoch-Gebirge, daß man solche Mahlzeiten macht?

3367

»Hark to this glutton Zarathustra!« he said jestingly. »Does one retire to caves and high mountains to feast thus?

3368

Nun freilich verstehe ich, was er einst uns lehrte: ›Gelobt sei die kleine Armut!‹ und warum er die Bettler abschaffen will.«

3368

Now indeed I grasp what he once taught: ›Blessed be modest poverty!‹ And why he would abolish beggars.«

3369

»Sei guter Dinge«, antwortete ihm Zarathustra, »wie ich es bin. Bleibe bei deiner Sitte, du Trefflicher, malme deine Körner, trink dein Wasser, lobe deine Küche: wenn sie dich nur fröhlich macht!

3369

»Be of good cheer,« Zarathustra replied, »as I am. Follow your own way, excellent one! Grind your grains, drink your water, praise your fare – if only it gladdens you!

3370

Ich bin ein Gesetz nur für die Meinen, ich bin kein Gesetz für alle. Wer aber zu mir gehört, der muß von starken Knochen sein, auch von leichten Füßen, –

3370

I am a law only for my own; I am no law for all. But whoever belongs to me must have strong bones and light feet –

3371

– lustig zu Kriegen und Festen, kein Düsterling, kein Traum-Hans, bereit zum Schwersten wie zu seinem Feste, gesund und heil.

3371

– eager for war and feasting, no melancholic, no dream-Hans, ready for the hardest task as for a festival, hale and whole.

3372

Das Beste gehört den Meinen und mir; und gibt man's uns nicht, so nehmen wir's: die beste Nahrung, den reinsten Himmel, die stärksten Gedanken, die schönsten Fraun!« –

3372

The best belongs to my kind and me; and if it be not given us, we take it: the choicest food, the purest sky, the strongest thoughts, the fairest women!« –

3373

Also sprach Zarathustra; der König zur Rechten aber entgegnete: »Seltsam! Vernahm man je solche kluge Dinge aus dem Munde eines Weisen?[521]

3373

Thus spoke Zarathustra; and the king on the right answered: »Strange! Has such wisdom ever been heard from a sage’s lips?

3374

Und wahrlich, das ist das Seltsamste an einem Weisen, wenn er zu alledem auch noch klug und kein Esel ist.«

3374

And verily, the strangest thing in a sage is this: that besides all else, he is wise – and not an ass.«

3375

Also sprach der König zur Rechten und wunderte sich; der Esel aber sagte zu seiner Rede mit bösem Willen I-A. Dies aber war der Anfang von jener langen Mahlzeit, welche »das Abendmahl« in den Historien-Büchern genannt wird. Bei derselben wurde von nichts anderem geredet als vom höheren Menschen.[522]

3375

Thus spoke the king on the right and marveled; but the ass spoke to his words with ill will I-A. This marked the beginning of that long feast which in historical chronicles is called "the Last Supper." At this gathering, nothing was spoken of but the higher men.[522]

3376

Vom höheren Menschen

3376

Concerning the Higher Men

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Als ich zum ersten Male zu den Menschen kam, da tat ich die Einsiedler-Torheit, die große Torheit: ich stellte mich auf den Markt.

3378

When first I came among men, I committed the hermit’s folly, the great folly: I stood in the marketplace.

3379

Und als ich zu allen redete, redete ich zu keinem. Des Abends aber waren Seiltänzer meine Genossen, und Leichname; und ich selber fast ein Leichnam.

3379

And though I spoke to all, I spoke to none. Yet by evening, rope-dancers and corpses were my companions; and I myself was nearly a corpse.

3380

Mit dem neuen Morgen aber kam mir eine neue Wahrheit: da lernte ich sprechen »Was geht mich Markt und Pöbel und Pöbel-Lärm und lange Pöbel-Ohren an!«

3380

With the new dawn, however, a new truth came to me: I learned to say, "What matter to me the marketplace, the rabble, the rabble’s clamor, and their long rabble-ears?"

3381

Ihr höheren Menschen, dies lernt von mir: auf dem Markt glaubt niemand an höhere Menschen. Und wollt ihr dort reden, wohlan! Der Pöbel aber blinzelt »wir sind alle gleich«.

3381

You higher men, learn this from me: in the marketplace, none believe in higher men. And if you wish to speak there, very well! But the rabble blinks and whispers, "We are all equal."

3382

»Ihr höheren Menschen« – so blinzelt der Pöbel – »es gibt keine höheren Menschen, wir sind alle gleich, Mensch ist Mensch, vor Gott – sind wir alle gleich!«

3382

"You higher men" — so blinks the rabble — "there are no higher men, we are all equal; man is man, before God — we are all equal!"

3383

Vor Gott! – Nun aber starb dieser Gott. Vor dem Pöbel aber wollen wir nicht gleich sein. Ihr höheren Menschen, geht weg vom Markt!

3383

Before God! — But now this God has died. Before the rabble, however, we will not be equal. You higher men, depart from the marketplace!

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2

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Vor Gott! – Nun aber starb dieser Gott! Ihr höheren Menschen, dieser Gott war eure größte Gefahr.

3385

Before God! — But now this God has died! You higher men, this God was your greatest peril.

3386

Seit er im Grabe liegt, seid ihr erst wieder auferstanden. Nun erst kommt der große Mittag, nun erst wird der höhere Mensch-Herr![522]

3386

Only since he lies in the grave have you been resurrected. Now comes the great noon, now the higher man becomes — lord![522]

3387

Verstandet ihr dies Wort, o meine Brüder? Ihr seid erschreckt: wird euren Herzen schwindlig? Klafft euch hier der Abgrund? Kläfft euch hier der Höllenhund?

3387

Have you understood this word, O my brothers? You are terrified: do your hearts grow dizzy? Does the abyss yawn before you? Does the hellhound snarl at you?

3388

Wohlan! Wohlauf! Ihr höheren Menschen! Nun erst kreißt der Berg der Menschen-Zukunft. Gott starb: nun wollen wir – daß der Übermensch lebe.

3388

Well then! Upward! You higher men! Now first labors the mountain of Human-Future. God died: now we desire — that the Overman shall live.

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Die Sorglichsten fragen heute: »wie bleibt der Mensch erhalten?« Zarathustra aber fragt als der einzige und erste: »wie wird der Mensch überwunden

3390

The most cautious ask today, "How shall man be preserved?" But Zarathustra asks, as the first and only one, "How shall man be overcome?"

3391

Der Übermensch liegt mir am Herzen, der ist mein erstes und einziges – und nicht der Mensch: nicht der Nächste, nicht der Ärmste, nicht der Leidendste, nicht der Beste. –

3391

The Overman lies close to my heart — he is my first and only concern — and not man: not the neighbor, not the poorest, not the most suffering, not the best. —

3392

O meine Brüder, was ich lieben kann am Menschen, das ist, daß er ein Übergang ist und ein Untergang. Und auch an euch ist vieles, das mich lieben und hoffen macht.

3392

O my brothers, what I love in man is that he is a transition and a going-under. And in you too there is much that makes me love and hope.

3393

Daß ihr verachtetet, ihr höheren Menschen, das macht mich hoffen. Die großen Verachtenden nämlich sind die großen Verehrenden.

3393

That you despise — this gives me hope. For the great despisers are the great venerators.

3394

Daß ihr verzweifeltet, daran ist viel zu ehren. Denn ihr lerntet nicht, wie ihr euch ergäbet, ihr lerntet die kleinen Klugheiten nicht.

3394

That you despaired — therein lies much to honor. For you did not learn how to surrender, you did not learn petty prudence.

3395

Heute nämlich wurden die kleinen Leute Herr: die predigen alle Ergebung und Bescheidung und Klugheit und Fleiß und Rücksicht und das lange Und-so-weiter der kleinen Tugenden.

3395

Today the small folk have become lords: they preach resignation, acquiescence, prudence, industry, consideration, and the long litany of petty virtues.

3396

Was von Weibsart ist, was von Knechtsart stammt und sonderlich der Pöbel-Mischmasch: Das will nun Herr werden alles Menschen-Schicksals – o Ekel! Ekel! Ekel!

3396

What is of womanish breed, what springs from servile-nature, and especially the rabble-hodgepodge — that now seeks to become master of all human destiny — O disgust! Disgust! Disgust!

3397

Das frägt und frägt und wird nicht müde: »wie erhält sich der Mensch, am besten, am längsten, am angenehmsten?« Damit – sind sie die Herren von heute.

3397

This questions and questions and never tires: "How shall man preserve himself best, longest, most pleasantly?" With this — they are the lords of today.

3398

Diese Herren von heute überwindet mir, o meine Brüder – diese kleinen Leute: die sind des Übermenschen größte Gefahr!

3398

Overcome these lords of today for me, O my brothers — these small folk: they are the Overman’s greatest peril!

3399

Überwindet mir, ihr höheren Menschen, die kleinen Tugenden, die kleinen Klugheiten, die Sandkorn-Rücksichten, den Ameisen-Kribbelkram, das erbärmliche Behagen, das »Glück der meisten« –![523]

3399

Overcome for me, you higher men, the petty virtues, the petty prudences, the sand-grain considerations, the ant-swarm’s hubbub, the wretched complacency, the "happiness of the greatest number" —![523]

3400

Und lieber verzweifelt, als daß ihr euch ergebt. Und, wahrlich, ich liebe euch dafür, daß ihr heute nicht zu leben wißt, ihr höheren Menschen! So nämlich lebt ihr – am besten!

3400

And choose despair rather than surrender. Verily, I love you for not knowing how to live today, you higher men! For thus you live—best!

3401

4

3401

4

3402

Habt ihr Mut, o meine Brüder? Seid ihr herzhaft? Nicht Mut vor Zeugen, sondern Einsiedler- und Adler-Mut, dem auch kein Gott mehr zusieht?

3402

Have you courage, my brothers? Are you stout-hearted? Not courage before witnesses, but hermit’s and eagle courage which even gods no longer behold?

3403

Kalte Seelen, Maultiere, Blinde, Trunkene heißen mir nicht herzhaft. Herz hat, wer Furcht kennt, aber Furcht zwingt; wer den Abgrund sieht, aber mit Stolz.

3403

Cold souls, mules, the blind, and the drunken I do not call stout-hearted. He has heart who knows fear but compels it; who gazes into the abyss yet with pride.

3404

Wer den Abgrund sieht, aber mit Adlers-Augen, – wer mit Adlers-Krallen den Abgrund faßt: der hat Mut. – –

3404

Who beholds the abyss with eagle eyes—who grasps the abyss with eagle talons: he has courage. ——

3405

5

3405

5

3406

»Der Mensch ist böse« – so sprachen mir zum Troste alle Weisesten. Ach, wenn es heute nur noch wahr ist! Denn das Böse ist des Menschen beste Kraft.

3406

“Man is evil”—so spoke all the wisest to console me. Ah, if only it were still true today! For evil is man’s best strength.

3407

»Der Mensch muß besser und böser werden« – so lehre ich. Das Böseste ist nötig zu des Übermenschen Bestem.

3407

“Man must become better and eviler”—so I teach. The most evil is needed for the Overman’s best.

3408

Das mochte gut sein für jenen Prediger der kleinen Leute, daß er litt und trug an des Menschen Sünde. Ich aber erfreue mich der großen Sünde als meines großen Trostes. –

3408

It may have suited that preacher of the small folk to suffer and bear man’s sin. But I rejoice in great sin as my great consolation. ——

3409

Solches ist aber nicht für lange Ohren gesagt. Jedwedes Wort gehört auch nicht in jedes Maul. Das sind feine ferne Dinge: nach denen sollen nicht Schafs-Klauen greifen!

3409

Such words, however, are not for long ears. Not every word belongs in every mouth. These are delicate distant things: let no sheep’s claws grasp them!

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3411

Ihr höheren Menschen, meint ihr, ich sei da, gut zu machen, was ihr schlecht machtet?

3411

You higher men, do you suppose I am here to mend what you have spoiled?

3412

Oder ich wollte fürderhin euch Leidende bequemer betten? Oder euch Unsteten, Verirrten, Verkletterten neue leichtere Fußsteige zeigen?[524]

3412

Or to make your suffering more comfortable? Or show new footpaths to you restless, straying, mountain-climbing ones?[524]

3413

Nein! Nein! Dreimal nein! Immer mehr, immer Bessere eurer Art sollen zugrunde gehn – denn ihr sollt es immer schlimmer und härter haben. So allein –

3413

No! No! Thrice no! Ever more, ever better ones of your kind shall perish—for you shall have it ever worse and harder. Thus alone—

3414

– so allein wächst der Mensch in die Höhe, wo der Blitz ihn trifft und zerbricht: hoch genug für den Blitz!

3414

—thus alone does man climb to the height where lightning strikes and shatters him: high enough for lightning!

3415

Auf Weniges, auf Langes, auf Fernes geht mein Sinn und meine Sehnsucht: was ginge mich euer kleines, vieles, kurzes Elend an!

3415

My mind and longing aim at the few, the long, the distant: what concern have I with your small, manifold, brief miseries!

3416

Ihr leidet mir noch nicht genug! Denn ihr leidet an euch, ihr littet noch nicht am Menschen. Ihr würdet lügen, wenn ihr's anders sagtet! Ihr leidet alle nicht, woran ich litt. – –

3416

You do not yet suffer enough for me! For you suffer from yourselves, you have not yet suffered from man. You would lie if you claimed otherwise! None of you suffers what I suffered. ——

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7

3418

Es ist mir nicht genug, daß der Blitz nicht mehr schadet. Nicht ableiten will ich ihn: er soll lernen für mich – arbeiten. –

3418

It does not suffice me that lightning no longer harms. I will not divert it: it shall learn to work—for me.

3419

Meine Weisheit sammelt sich lange schon gleich einer Wolke, sie wird stiller und dunkler. So tut jede Weisheit, welche einst Blitze gebären soll. –

3419

My wisdom has long gathered like a cloud, growing stiller and darker. So does all wisdom that shall one day bear lightning. ——

3420

Diesen Menschen von heute will ich nicht Licht sein, nicht Licht heißen. Die – will ich blenden. Blitz meiner Weisheit! stich ihnen die Augen aus!

3420

For these men of today I will not be a light, nor be called light. Them—I will blind. Lightning of my wisdom! Strike out their eyes!

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3422

Wollt nichts über euer Vermögen: es gibt eine schlimme Falschheit bei solchen, die über ihr Vermögen wollen.

3422

Do not will beyond your power: there is a wicked falseness in those who will beyond their power.

3423

Sonderlich, wenn sie große Dinge wollen! Denn sie wecken Mißtrauen gegen große Dinge, diese feinen Falschmünzer und Schauspieler:–

3423

Especially when they will great things! For they rouse distrust of great things, these subtle counterfeiters and actors:—

3424

– bis sie endlich falsch vor sich selber sind, schieläugig, übertünchter Wurmfraß, bemäntelt durch starke Worte, durch Aushänge-Tugenden, durch glänzende falsche Werke.

3424

—until at last they are false to themselves, squint-eyed, whitewashed decay, cloaked by loud words, by virtuous display, by glittering false deeds.

3425

Habt da eine gute Vorsicht, ihr höheren Menschen! Nichts nämlich gilt mir heute kostbarer und seltner als Redlichkeit.

3425

Take good heed here, you higher men! For nothing seems to me rarer today than honesty.

3426

Ist dies Heute nicht des Pöbels? Pöbel aber weiß nicht, was groß, was klein, was gerade und redlich ist: der ist unschuldig krumm, der lügt [525]immer.

3426

Is this not the rabble’s hour? The rabble knows not what is great, small, straight, or honest: it is innocently crooked, it lies [525] ever.

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3428

Habt heute ein gutes Mißtrauen, ihr höheren Menschen, ihr Beherzten! Ihr Offenherzigen! Und haltet eure Gründe geheim! Dies Heute nämlich ist des Pöbels.

3428

Keep good distrust today, you higher men, you stout-hearted! You open-hearted ones! And keep your reasons secret! For this today belongs to the rabble.

3429

Was der Pöbel ohne Gründe einst glauben lernte, wer könnte ihm durch Gründe das – umwerfen?

3429

What the rabble once learned to believe without reason—who could overthrow it for them by reason?

3430

Und auf dem Markte überzeugt man mit Gebärden. Aber Gründe machen den Pöbel mißtrauisch.

3430

In the marketplace one convinces with gestures. But reasons make the rabble distrustful.

3431

Und wenn da einmal die Wahrheit zum Siege kam, so fragt euch mit gutem Mißtrauen: »welch starker Irrtum hat für sie gekämpft?«

3431

And even when truth once triumphed there, ask yourselves with good suspicion: “What strong error fought on its behalf?”

3432

Hütet euch auch vor den Gelehrten! Die hassen euch: denn sie sind unfruchtbar! Sie haben kalte vertrocknete Augen, vor ihnen liegt jeder Vogel entfedert.

3432

Beware too of the scholars! They hate you, for they are barren! They have cold, desiccated eyes; before them, every bird lies plucked.

3433

Solche brüsten sich damit, daß sie nicht lügen: aber Ohnmacht zur Lüge ist lange noch nicht Liebe zur Wahrheit. Hütet euch!

3433

Such men boast that they do not lie: but inability to lie is far from love of truth. Beware!

3434

Freiheit von Fieber ist lange noch nicht Erkenntnis! Ausgekälteten Geistern glaube ich nicht. Wer nicht lügen kann, weiß nicht, was Wahrheit ist.

3434

Freedom from fever is not knowledge! I do not trust chilled spirits. Who cannot lie does not know what truth is.

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3436

Wollt ihr hoch hinaus, so braucht die eignen Beine! Laßt euch nicht empor tragen, setzt euch nicht auf fremde Rücken und Köpfe!

3436

If you would ascend high, use your own legs! Do not let yourselves be carried up, do not seat yourselves on others’ backs and heads!

3437

Du aber stiegst zu Pferde? Du reitest nun hurtig hinauf zu deinem Ziele? Wohlan, mein Freund! Aber dein lahmer Fuß sitzt auch mit zu Pferde!

3437

But did you mount a horse? Now you ride briskly toward your goal? Very well, my friend! But your lame foot also sits astride the horse!

3438

Wenn du an deinem Ziele bist, wenn du von deinem Pferde springst: auf deiner Höhe gerade, du höherer Mensch – wirst du stolpern![526]

3438

When you reach your goal, when you leap from your horse: precisely at your height, you higher man—you will stumble!

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3440

Ihr Schaffenden, ihr höheren Menschen! Man ist nur für das eigne Kind schwanger.

3440

You creators, you higher men! One is only pregnant for one’s own child.

3441

Laßt euch nichts vorreden, einreden! Wer ist denn euer Nächster? Und handelt ihr auch »für den Nächsten« – ihr schafft doch nicht für ihn![526]

3441

Let nothing be insinuated or imposed upon you! Who is your neighbor? And even if you act “for the neighbor”—you still do not create for him!

3442

Verlernt mir doch dies »Für«, ihr Schaffenden: eure Tugend gerade will es, daß ihr kein Ding mit »für« und »um« und »weil« tut. Gegen diese falschen kleinen Worte sollt ihr euer Ohr zukleben.

3442

Unlearn this “For,” you creators: your very virtue wills that you do no thing with “for,” “on account of,” or “because.” Against these false little words you should stop up your ears!

3443

Das »für den Nächsten« ist die Tugend nur der kleinen Leute: da heißt es »gleich und gleich« und »Hand wäscht Hand« – sie haben nicht Recht noch Kraft zu eurem Eigennutz!

3443

“For the neighbor” is the virtue only of the small folk: there it is called “like with like” and “hand washes hand”—they have neither right nor strength for your self-interest!

3444

In eurem Eigennutz, ihr Schaffenden, ist der Schwangeren Vorsicht und Vorsehung! Was niemand noch mit Augen sah, die Frucht: die schirmt und schont und nährt eure ganze Liebe.

3444

In your self-interest, you creators, lies the pregnant’s prudence and providence! What no eye has yet seen—the fruit—is sheltered and nourished by all your love.

3445

Wo eure ganze Liebe ist, bei eurem Kinde, da ist auch eure ganze Tugend! Euer Werk, euer Wille ist euer »Nächster«: laßt euch keine falschen Werte einreden!

3445

Where your whole love is, with your child, there too is your whole virtue! Your work, your will is your “neighbor”: let no false values be whispered to you!

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3447

Ihr Schaffenden, ihr höheren Menschen! Wer gebären muß, der ist krank; wer aber geboren hat, ist unrein.

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You creators, you higher men! Who must give birth is sick; but who has given birth is unclean.

3448

Fragt die Weiber: man gebiert nicht, weil es Vergnügen macht. Der Schmerz macht Hühner und Dichter gackern.

3448

Ask the women: one does not give birth because it is pleasurable. Pain makes hens and poets cluck.

3449

Ihr Schaffenden, an euch ist viel Unreines. Das macht, ihr mußtet Mütter sein.

3449

You creators—much uncleanness clings to you. That is because you had to be mothers.

3450

Ein neues Kind: oh, wie viel neuer Schmutz kam auch zur Welt! Geht beiseite! Und wer geboren hat, soll seine Seele rein waschen!

3450

A new child: oh, how much new filth also came into the world! Step aside! And let those who have given birth wash their souls clean!

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3452

Seid nicht tugendhaft über eure Kräfte! Und wollt nichts von euch wider die Wahrscheinlichkeit!

3452

Do not be virtuous beyond your strength! And demand nothing of yourselves against probability!

3453

Geht in den Fußstapfen, wo schon eurer Väter Tugend ging! Wie wolltet ihr hoch steigen, wenn nicht eurer Väter Wille mit euch steigt?

3453

Walk in the footsteps where your fathers’ virtue already walked! How would you climb high if your fathers’ will does not climb with you?

3454

Wer aber Erstling sein will, sehe zu, daß er nicht auch Letztling werde! Und wo die Laster eurer Väter sind, darin sollt ihr nicht Heilige bedeuten wollen!

3454

But who would be a firstborn, take care that he does not also become a lastborn! And where your fathers’ vices are, do not pretend to be saints!

3455

Wessen Väter es mit Weibern hielten und mit starken Weinen und Wildschweinen: was wäre es, wenn der von sich Keuschheit wollte?[527]

3455

Whose fathers kept company with women and with strong wines and wild boars: what would it matter if he demanded chastity of himself?

3456

Eine Narrheit wäre es! Viel, wahrlich, dünkt es mich für einen solchen, wenn er eines oder zweier oder dreier Weiber Mann ist.

3456

A folly it would be! Truly, such a man would strike me as comical if he were husband to one or two or three women.

3457

Und stiftete er Klöster und schriebe über die Tür: »der Weg zum Heiligen« – ich spräche doch: wozu! es ist eine neue Narrheit!

3457

And were he to found monasteries and inscribe above the gate: "the Path to the Saint" – I would still say: to what end? It is a new folly!

3458

Er stiftete sich selber ein Zucht- und Fluchthaus: wohl bekomm's! Aber ich glaube nicht daran.

3458

He built himself a penitentiary and refuge: may it serve him well! But I place no faith in it.

3459

In der Einsamkeit wächst, was einer in sie bringt, auch das innere Vieh. Solchergestalt widerrät sich vielen die Einsamkeit.

3459

In solitude grows what one carries into it – even the inner beast. Thus solitude discommends itself to many.

3460

Gab es Schmutzigeres bisher auf Erden als Wüsten-Heilige? Um die herum war nicht nur der Teufel los – sondern auch das Schwein.

3460

Has there ever been anything filthier on earth than desert saints? Around them not only the devil ran loose – but the swine too.

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3462

Scheu, beschämt, ungeschickt, einem Tiger gleich, dem der Sprung mißriet: also, ihr höheren Menschen, sah ich oft euch beiseite schleichen. Ein Wurf mißriet euch.

3462

Timid, ashamed, awkward, like a tiger whose leap has failed: thus, you higher men, I have often seen you slink aside. A cast miscarried with you.

3463

Aber, ihr Würfelspieler, was liegt daran! Ihr lerntet nicht spielen und spotten, wie man spielen und spotten muß! Sitzen wir nicht immer an einem großen Spott- und Spieltische?

3463

But what does it matter, you dicers! You have not learned to play and mock as one must play and mock! Do we not sit forever at a great table of mockery and play?

3464

Und wenn euch Großes mißriet, seid ihr selber darum – mißraten? Und mißrietet ihr selber, mißriet darum – der Mensch? Mißriet aber der Mensch: wohlan! wohlauf!

3464

And if greatness miscarried with you – did you yourselves thereby – miscarry? And if you miscarried – did humanity thereby miscarry? But if humanity miscarries – well then! Onward!

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3466

Je höher von Art, je seltener gerät ein Ding. Ihr höheren Menschen hier, seid ihr nicht alle – mißgeraten?

3466

The higher the nature, the rarer the achievement. You higher men here – are you not all – miscarried?

3467

Seid guten Muts, was liegt daran! Wie vieles ist noch möglich! Lernt über euch selber lachen, wie man lachen muß!

3467

Take heart – what does it matter! How much remains possible! Learn to laugh at yourselves as one must laugh!

3468

Was Wunders auch, daß ihr mißrietet und halb gerietet, ihr Halbzerbrochenen! Drängt und stößt sich nicht in euch – des Menschen Zukunft?

3468

What wonder that you miscarried and half-succeeded, you half-broken ones! Does not the human future thrust and jostle within you?

3469

Des Menschen Fernstes, Tiefstes, Sternen-Höchstes, seine ungeheure Kraft: schäumt das nicht alles gegeneinander in eurem Topfe?

3469

The farthest, deepest, starry heights of humanity, its monstrous strength – do these not all seethe against each other in your cauldron?

3470

Was Wunders, daß mancher Topf zerbricht! Lernt über euch lachen, wie man lachen muß! Ihr höheren Menschen, o wie vieles ist noch möglich![528]

3470

What wonder that many a cauldron breaks! Learn to laugh as one must laugh! You higher men – oh, how much remains possible!

3471

Und wahrlich, wie viel geriet schon! Wie reich ist diese Erde an kleinen guten vollkommenen Dingen, an Wohlgeratenem!

3471

And verily, how much has already succeeded! How rich is this earth in small good perfect things, in well-wrought achievements!

3472

Stellt kleine gute vollkommene Dinge um euch, ihr höheren Menschen! Deren goldene Reife heilt das Herz. Vollkommnes lehrt hoffen.

3472

Surround yourselves with small good perfect things, you higher men! Their golden ripeness heals the heart. The perfected teaches hope.

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3474

Welches war hier auf Erden bisher die größte Sünde? War es nicht das Wort dessen, der sprach: »Wehe denen, die hier lachen!«

3474

What has been the greatest sin here on earth? Was it not the word of him who said: "Woe unto those who laugh here!"

3475

Fand er zum Lachen auf der Erde selber keine Gründe? So suchte er nur schlecht. Ein Kind findet hier noch Gründe.

3475

Did he find no reason for laughter on earth? Then he searched poorly. A child finds reasons here still.

3476

Der – liebte nicht genug: sonst hätte er auch uns geliebt, die Lachenden! Aber er haßte und höhnte uns, Heulen und Zähneklappern verhieß er uns.

3476

He – loved not enough: else would he have loved us laughers too! But he hated and jeered at us, promising us wailing and gnashing of teeth.

3477

Muß man denn gleich fluchen, wo man nicht liebt? Das – dünkt mich ein schlechter Geschmack. Aber so tat er, dieser Unbedingte. Er kam vom Pöbel.

3477

Must one straightway curse where one does not love? That – seems to me poor taste. But thus he acted, this unconditional one. He sprang from the rabble.

3478

Und er selber liebte nur nicht genug: sonst hätte er weniger gezürnt, daß man ihn nicht liebe. Alle große Liebe will nicht Liebe – die will mehr.

3478

And he himself loved not enough – else would he have raged less that men loved him not. All great love desires beyond love – it desires more.

3479

Geht aus dem Wege allen solchen Unbedingten! Das ist eine arme kranke Art, eine Pöbel-Art: sie sehn schlimm diesem Leben zu, sie haben den bösen Blick für diese Erde.

3479

Step aside from all such unconditionals! They are a wretched sick breed, a rabble-breed: they look askance at this life, they have the evil eye for this earth.

3480

Geht aus dem Wege allen solchen Unbedingten! Sie haben schwere Füße und schwüle Herzen – sie wissen nicht zu tanzen. Wie möchte solchen wohl die Erde leicht sein!

3480

Step aside from all such unconditionals! They have heavy feet and sultry hearts – they know not how to dance. How could the earth be light to such as these!

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Krumm kommen alle guten Dinge ihrem Ziele nahe. Gleich Katzen machen sie Buckel, sie schnurren innewendig vor ihrem nahen Glücke – alle guten Dinge lachen.

3482

All good things approach their goal crookedly. Like cats they arch their backs, purring inwardly at their nearing bliss – all good things laugh.

3483

Der Schritt verrät, ob einer schon auf seiner Bahn schreitet: so seht mich gehn! Wer aber seinem Ziele nahe kommt, der tanzt.

3483

One's gait betrays whether one walks one's own path: behold me walk! But whoever nears their goal – dances.

3484

Und, wahrlich, zum Standbild ward ich nicht, noch stehe ich nicht da, starr, stumpf, steinern, eine Säule; ich liebe geschwindes Laufen.[529]

3484

And verily, I have not become a statue; nor do I stand here rigid, dull, stony, a column; I love swift running.[529]

3485

Und wenn es auf Erden auch Moor und dicke Trübsal gibt: wer leichte Füße hat, läuft über Schlamm noch hinweg und tanzt wie auf gefegtem Eise.

3485

Though there be mires and thick affliction on earth: whoever has light feet runs over mud as if on swept ice.

3486

Erhebt eure Herzen, meine Brüder, hoch! höher! Und vergeßt mir auch die Beine nicht! Erhebt auch eure Beine, ihr guten Tänzer, und besser noch: ihr steht auch auf dem Kopf!

3486

Lift up your hearts, my brothers, high! higher! And do not forget your legs! Lift up your legs too, you good dancers—and better still: stand on your heads!

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3488

Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: ich selber setzte mir diese Krone auf, ich selber sprach heilig mein Gelächter. Keinen anderen fand ich heute stark genug dazu.

3488

This crown of the laughing one, this wreath of roses: I myself set this crown upon my head, I myself pronounced my laughter holy. None other have I found today strong enough for this.

3489

Zarathustra der Tänzer, Zarathustra der Leichte, der mit den Flügeln winkt, ein Flugbereiter, allen Vögeln zuwinkend, bereit und fertig, ein Selig-Leichtfertiger: –

3489

Zarathustra the Dancer, Zarathustra the Lightfoot, who beckons with wings, ready for flight, waving to all birds, poised and prepared, a blissfully frivolous one:—

3490

Zarathustra der Wahrsager, Zarathustra der Wahrlacher, kein Ungeduldiger, kein Unbedingter, einer, der Sprünge und Seitensprünge liebt; ich selber setzte mir diese Krone auf!

3490

Zarathustra the Soothsayer, Zarathustra the True-Laugher, no impatient one, no absolutist, one who loves leaps and side-leaps; I myself set this crown upon my head!

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Erhebt eure Herzen, meine Brüder, hoch! höher! Und vergeßt mir auch die Beine nicht! Erhebt auch eure Beine, ihr guten Tänzer, und besser noch: ihr steht auch auf dem Kopf!

3492

Lift up your hearts, my brothers, high! higher! And do not forget your legs! Lift up your legs too, you good dancers—and better still: stand on your heads!

3493

Es gibt auch im Glück schweres Getier, es gibt Plumpfüßler von Anbeginn. Wunderlich mühn sie sich ab, einem Elefanten gleich, der sich müht auf dem Kopf zu stehn.

3493

Even in happiness there are heavy creatures, clodhoppers from the beginning. Strangely they labor, like an elephant striving to stand on its head.

3494

Besser aber noch närrisch sein vor Glücke als närrisch vor Unglücke, besser plump tanzen, als lahm gehn. So lernt mir doch meine Weisheit ab: auch das schlimmste Ding hat zwei gute Kehrseiten, –

3494

Better to be mad with happiness than mad with misfortune, better to dance clumsily than walk lamely. Learn my wisdom: even the worst thing has two good reverse sides—

3495

– auch das schlimmste Ding hat gute Tanzbeine: so lernt mir doch euch selbst, ihr höheren Menschen, auf eure rechten Beine stellen!

3495

—even the worst thing has good dancing legs: so learn, you higher men, to stand on your right legs!

3496

So verlernt mir doch Trübsal-Blasen und alle Pöbel-Traurigkeit! O wie traurig dünken mich heute des Pöbels Hanswürste noch! Dies Heute aber ist des [530]Pöbels.

3496

So unlearn affliction-bladders and all rabble-sadness! Oh, how mournful the rabble’s buffoons still seem to me today! This Today, however, belongs to the [530]rabble.

3497

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3498

Dem Winde tut mir gleich, wenn er aus seinen Berghöhlen stürzt: nach seiner eignen Pfeife will er tanzen, die Meere zittern und hüpfen unter seinen Fußtapfen.

3498

Be like the wind when it rushes from its mountain caves: to its own piping it will dance; the seas tremble and leap under its footsteps.

3499

Der den Eseln Flügel gibt, der Löwinnen melkt, gelobt sei dieser gute unbändige Geist, der allem Heute und allem Pöbel wie ein Sturmwind kommt, –


– der Distel- und Tiftelköpfen feind ist und allen welken Blättern und Unkräutern: gelobt sei dieser wilde gute freie Sturmgeist, welcher auf Mooren und Trübsalen wie auf Wiesen tanzt!

3499

—hostile to thistle-heads and prickly minds, to all withered leaves and weeds: praised be this wild good free storm-spirit that dances on marshes and afflictions as on meadows!

3500

Der die Pöbel-Schwindhunde haßt und alles mißratene düstere Gezücht: gelobt sei dieser Geist aller freien Geister, der lachende Sturm, welcher allen Schwarzsichtigen, Schwärsüchtigen Staub in die Augen bläst!

3500

Who hates the rabble’s mongrel hounds and all ill-bred gloomy brood: praised be this spirit of all free spirits, the laughing storm that blows dust into the eyes of all black-sighted, black-souled ones!

3501

Ihr höheren Menschen, euer Schlimmstes ist: ihr lerntet alle nicht tanzen, wie man tanzen muß – über euch hinweg tanzen! Was liegt daran, daß ihr mißrietet!

3501

You higher men, your worst flaw is: you have all not learned to dance as one must dance—dancing beyond yourselves! What does it matter that you miscarried!

3502

Wie vieles ist noch möglich! So lernt doch über euch hinweglachen! Erhebt eure Herzen, ihr guten Tänzer, hoch! höher! Und vergeßt mir auch das gute Lachen nicht!

3502

How much is still possible! So learn to laugh beyond yourselves! Lift up your hearts, you good dancers, high! higher! And do not forget good laughter!

3503

Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: euch, meinen Brüdern, werfe ich diese Krone zu! Das Lachen sprach ich heilig; ihr höheren Menschen, lernt mir – lachen![531]

3503

This crown of the laughing one, this wreath of roses: to you, my brothers, I throw this crown! Laughter I have pronounced holy; you higher men, learn to laugh![531]

3504

Das Lied der Schwermut

3504

The Song of Melancholy

3505

1

3505

1

3506

Als Zarathustra diese Reden sprach, stand er nahe dem Eingange seiner Höhle; mit den letzten Worten aber entschlüpfte er seinen Gästen und floh für eine kurze Weile ins Freie.

3506

When Zarathustra had spoken these words, he stood near the entrance of his cave; but with his final utterance he slipped away from his guests and fled briefly into the open air.

3507

»O reine Gerüche um mich«, rief er aus, »o selige Stille um mich! Aber wo sind meine Tiere? Heran, heran, mein Adler und meine Schlange![531]

3507

"O pure fragrances around me," he cried, "O blessed stillness around me! But where are my animals? Come forth, come forth, my eagle and my serpent!

3508

Sagt mir doch, meine Tiere: diese höheren Menschen insgesamt – riechen sie vielleicht nicht gut? O reine Gerüche um mich! Jetzo weiß und fühle ich erst, wie ich euch, meine Tiere, liebe.«

3508

Tell me, my animals: these higher men all together—do they perhaps not smell wholesome? O pure fragrances around me! Only now do I know and feel how I love you, my animals."

3509

– Und Zarathustra sprach nochmals: »ich liebe euch, meine Tiere!« Der Adler aber und die Schlange drängten sich an ihn, als er diese Worte sprach, und sahen zu ihm hinauf. Solchergestalt waren sie zu drei still beisammen und schnüffelten und schlürften miteinander die gute Luft. Denn die Luft war hier draußen besser als bei den höheren Menschen.

3509

—And Zarathustra spoke again: "I love you, my animals!" But the eagle and the serpent pressed close to him as he spoke these words, gazing up at him. Thus they remained together in stillness, the three of them, sniffing and sipping the good air in unison. For the air here outside was sweeter than among the higher men.

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2

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2

3511

Kaum aber hatte Zarathustra seine Höhle verlassen, da erhob sich der alte Zauberer, sah listig umher und sprach: »Er ist hinaus!

3511

No sooner had Zarathustra left his cave than the old sorcerer rose, glanced cunningly about, and said: "He is gone!

3512

Und schon, ihr höheren Menschen – daß ich euch mit diesem Lob- und Schmeichel-Namen kitzle, gleich ihm selber – schon fällt mich mein schlimmer Trug- und Zaubergeist an, mein schwermütiger Teufel,

3512

And now, you higher men—let me tickle you with this flattering name, as he himself does—already my wicked deceitful spirit, my melancholy devil assails me,

3513

– welcher diesem Zarathustra ein Widersacher ist aus dem Grunde: vergebt es ihm! Nun will er vor euch zaubern, er hat gerade seine Stunde; umsonst ringe ich mit diesem bösen Geiste.

3513

—this spirit who is Zarathustra's sworn enemy. Forgive him! Now he wishes to perform magic before you; he has precisely his hour. In vain do I wrestle with this evil spirit.

3514

Euch allen, welche Ehren ihr euch mit Worten geben mögt, ob ihr euch ›die freien Geister‹ nennt oder ›die Wahrhaftigen‹ oder ›die Büßer des Geistes‹ oder ›die Entfesselten‹ oder ›die großen Sehnsüchtigen‹ –

3514

To all of you, whatever honorable titles you may claim—whether you call yourselves 'free spirits' or 'truthful ones' or 'penitents of the spirit' or 'the unbound' or 'the great yearning ones'—

3515

– euch allen, die ihr am großen Ekel leidet gleich mir, denen der alte Gott starb und noch kein neuer Gott in Wiegen und Windeln liegt, – euch allen ist mein böser Geist und Zauber-Teufel hold.

3515

—to all of you who, like me, suffer from the great disgust, for whom the old God has died and no new God yet lies in cradles and swaddling clothes—to all of you, my evil spirit and sorcerer-devil is gracious.

3516

Ich kenne euch, ihr höheren Menschen, ich kenne ihn – ich kenne auch diesen Unhold, den ich wider Willen liebe, diesen Zarathustra: er selber dünkt mich öfter gleich einer schönen Heiligen-Larve,

3516

I know you, higher men; I know him—I know this monster whom I love against my will, this Zarathustra: he often seems to me like a beautiful saintly mask,

3517

– gleich einem neuen wunderlichen Mummenschanze, in dem sich mein böser Geist, der schwermütige Teufel, gefällt – ich liebe Zarathustra, so dünkt mich oft, um meines bösen Geistes willen. –

3517

—a strange new masquerade in which my evil spirit, the melancholy devil, takes delight—I love Zarathustra, so it often seems to me, for the sake of my evil spirit. —

3518

Aber schon fällt der mich an und zwingt mich, dieser Geist der Schwermut, dieser Abend-Dämmerungs-Teufel: und, wahrlich, ihr höheren Menschen, es gelüstet ihn –[532] – macht nur die Augen auf! – es gelüstet ihn, nackt zu kommen, ob männlich, ob weiblich, noch weiß ich's nicht: aber er kommt, er zwingt mich, wehe! macht eure Sinne auf!

3518

But already he assails me and compels me, this spirit of melancholy, this twilight devil: and verily, you higher men, he lusts—

3519

Der Tag klingt ab, allen Dingen kommt nun der Abend, auch den besten Dingen; hört nun und seht, ihr höheren Menschen, welcher Teufel, ob Mann, ob Weib, dieser Geist der Abend-Schwermut ist!«

3519

The day wanes; evening now comes to all things, even to the best things. Hear now and see, you higher men, what devil—whether man or woman—this spirit of twilight-melancholy is!"

3520

Also sprach der alte Zauberer, sah listig umher und griff dann zu seiner Harfe.

3520

Thus spoke the old sorcerer, cast a cunning glance about him, and seized his harp.

3521

3

3521

3

3522

Bei abgehellter Luft,

3522

In the clarified air,

3523

Wenn schon des Taus Tröstung

3523

When already the dew's consolation

3524

Zur Erde niederquillt,

3524

Wells down unseen, unheard—

3525

Unsichtbar, auch ungehört –

3525

For tender-footed is

3526

Denn zartes Schuhwerk trägt

3526

The comforter dew, like all gentle consolers—:

3527

Der Tröster Tau gleich allen Trost-Milden –:


Gedenkst du da, gedenkst du, heißes Herz,

3527

Do you remember, remember, fervent heart,

3528

Wie einst du durstetest,

3528

How once you thirsted,

3529

Nach himmlischen Tränen und Tau-Geträufel

3529

After heavenly tears and dew-drops

3530

Versengt und müde durstetest,

3530

Parched and wearily thirsted,

3531

Dieweil auf gelben Gras-Pfaden

3531

While on yellow grass-paths

3532

Boshaft abendliche Sonnenblicke

3532

Malicious evening sun-glances

3533

Durch schwarze Bäume um dich liefen,

3533

Ran about you through black trees,

3534

Blendende Sonnen-Glutblicke, schadenfrohe?

3534

Blinding sun-glare-glances, gloating?

3535

»Der Wahrheit Freier? Du?« – so höhnten sie –

3535

»A suitor of truth? You?« — thus they mocked —

3536

»Nein! Nur ein Dichter!

3536

»No! Merely a poet!

3537

Ein Tier, ein listiges, raubendes, schleichendes,

3537

A beast, cunning, rapacious, slinking,

3538

Das lügen muß,

3538

That must lie,

3539

Das wissentlich, willentlich lügen muß:

3539

That knowingly, willfully must lie:

3540

Nach Beute lüstern,

3540

Lusting for prey,

3541

Bunt verlarvt,

3541

Gaudily masked,

3542

Sich selber Larve,[533]

3542

Itself a mask,[533]

3543

Sich selbst zur Beute –

3543

Itself become prey —

3544

Das – der Wahrheit Freier?

3544

That — a suitor of truth?

3545

Nein! Nur Narr! Nur Dichter!

3545

No! Mere fool! Mere poet!

3546

Nur Buntes redend,

3546

Spewing motley words,

3547

Aus Narren-Larven bunt herausschreiend,

3547

Shrieking motley through fools’ masks,

3548

Herumsteigend auf lügnerischen Wort-Brücken,

3548

Clambering upon mendacious word-bridges,

3549

Auf bunten Regenbogen,

3549

Across motley rainbows,

3550

Zwischen falschen Himmeln

3550

Between counterfeit heavens

3551

Und falschen Erden,

3551

And counterfeit earths,

3552

Herumschweifend, herumschwebend, –

3552

Roaming, hovering, —

3553

Nur Narr! Nur Dichter!

3553

Mere fool! Mere poet!

3554

Das – der Wahrheit Freier?

3554

That — a suitor of truth?

3555

Nicht still, starr, glatt, kalt,


Zum Bilde worden,

3555

Turned to effigy,

3556

Zur Gottes-Säule,

3556

To godly pillar,

3557

Nicht aufgestellt vor Tempeln,

3557

Not stationed before temples,

3558

Eines Gottes Türwart:

3558

A god’s gatekeeper:

3559

Nein! feindselig solchen Wahrheits-Standbildern,

3559

No! Hostile to such truth-idols,

3560

In jeder Wildnis heimischer als vor Tempeln,

3560

More at home in all wilderness than before temples,

3561

Voll Katzen-Mutwillens,

3561

Brimming with feline mischief,

3562

Durch jedes Fenster springend

3562

Leaping through every window,

3563

Husch! in jeden Zufall,

3563

Swift! into every chance,

3564

Jedem Urwalde zuschnüffelnd,

3564

Sniffing toward primal forests,

3565

Süchtig-sehnsüchtig zuschnüffelnd,

3565

Sniffing with addict’s yearning,

3566

Daß du in Urwäldern

3566

That in primal forests

3567

Unter buntgefleckten Raubtieren

3567

Among dappled beasts of prey

3568

Sündlich-gesund und bunt und schön liefest,

3568

You might run sinfully hale and motley and fair,

3569

Mit lüsternen Lefzen,

3569

With lustful jowls,

3570

Selig-höhnisch, selig-höllisch, selig-blutgierig,

3570

Blissfully jeering, blissfully hellish, blissfully bloodthirsty,

3571

Raubend, schleichend, lugend liefest: –

3571

Ravaging, slinking, peering: —

3572

Oder dem Adler gleich, der lange,

3572

Or like the eagle that long,

3573

Lange starr in Abgründe blickt,

3573

Long stares into abysses,

3574

In seine Abgründe: – –[534]

3574

Into its abysses: — —[534]

3575

O wie sie sich hier hinab,

3575

Oh how they coil downward,

3576

Hinunter, hinein,

3576

Downward, inward,

3577

In immer tiefere Tiefen ringeln! –

3577

Into ever deeper depths! —

3578

Dann,

3578

Then,

3579

Plötzlich, geraden Zugs,

3579

Suddenly,

3580

Gezückten Flugs,

3580

In straight flight,

3581

Auf Lämmer stoßen,

3581

With pinions quivering,

3582

Jach hinab, heißhungrig,

3582

Plunge upon lambs,

3583

Nach Lämmern lüstern,


Gram allen Lamms-Seelen,

3583

Wrathful toward all lamb-souls,

3584

Grimmig-gram allem, was blickt

3584

Fiercely wrathful toward whatever gazes

3585

Schafmäßig, lammäugig, krauswollig,

3585

Sheeplike, lamb-eyed, woolly-curled,

3586

Grau, mit Lamms-Schafs-Wohlwollen!

3586

Gray, with lambs’ sheepish benevolence!

3587

Also

3587

Thus

3588

Adlerhaft, pantherhaft

3588

Eagle-like, panther-like

3589

Sind des Dichters Sehnsüchte,

3589

Are the poet’s yearnings,

3590

Sind deine Sehnsüchte unter tausend Larven,

3590

Are your yearnings under a thousand masks,

3591

Du Narr! Du Dichter!

3591

You fool! You poet!

3592

Der du den Menschen schautest

3592

You who saw mankind

3593

So Gott als Schaf –:

3593

As both god and sheep —:

3594

Den Gott zerreißen im Menschen

3594

To rend the god in man

3595

Wie das Schaf im Menschen,

3595

As the sheep in man,

3596

Und zerreißend lachen

3596

And rending laugh

3597

Das, das ist deine Seligkeit!

3597

That, that is your bliss!

3598

Eines Panthers und Adlers Seligkeit!

3598

A panther’s and eagle’s bliss!

3599

Eines Dichters und Narren Seligkeit!« – –

3599

A poet’s and fool’s bliss!« — —

3600

Bei abgehellter Luft,

3600

When air grows clear,

3601

Wenn schon des Monds Sichel

3601

As the moon’s sickle

3602

Grün zwischen Purpurröten

3602

Green amid crimson gloamings

3603

Und neidisch hinschleicht:

3603

Creeps envious:

3604

– dem Tage feind,

3604

— Day’s foe,

3605

Mit jedem Schritte heimlich[535]

3605

With furtive steps[535]

3606

An Rosen-Hängematten

3606

Sickling through rose-hung hammocks

3607

Hinsichelnd, bis sie sinken,

3607

Till they droop,

3608

Nacht-abwärts blaß hinabsinken: –

3608

Pale, sinking nightward: —

3609

So sank ich selber einstmals

3609

Thus once sank I myself

3610

Aus meinem Wahrheits-Wahnsinne,

3610

From my truth-madness,

3611

Aus meinen Tages-Sehnsüchten,

3611

From my day-longings,

3612

Des Tages müde, krank vom Lichte,

3612

Weary of day, sick of light,

3613

– sank abwärts, abendwärts, schattenwärts:

3613

— Sank downward, eveningward, shadowward:

3614

Von einer Wahrheit

3614

By one truth

3615

Verbrannt und durstig:

3615

Scorched and thirsting:

3616

– gedenkst du noch, gedenkst du, heißes Herz,

3616

— Do you recall, do you recall, hot heart,

3617

Wie da du durstetest? –

3617

How then you thirsted? —

3618

Daß ich verbannt sei

3618

That I be exiled

3619

Von aller Wahrheit,

3619

From all truth,

3620

Nur Narr!

3620

Mere fool!

3621

Nur Dichter![536]

3621

Mere poet![536]

3622

Von der Wissenschaft

3622

From science

3623

Also sang der Zauberer; und alle, die beisammen waren, gingen gleich Vögeln unvermerkt in das Netz seiner listigen und schwermütigen Wollust. Nur der Gewissenhafte des Geistes war nicht eingefangen: er nahm flugs dem Zauberer die Harfe weg und rief: »Luft! Laßt gute Luft herein! Laßt Zarathustra herein! Du machst diese Höhle schwül und giftig, du schlimmer alter Zauberer!

3623

Thus sang the sorcerer; and all who sat together drifted like birds unwittingly into the net of his cunning and wistful melancholy. Only the Conscientious One of the Spirit remained unensnared: he swiftly wrested the harp from the sorcerer and cried: »Air! Let good air flow in! Let Zarathustra enter! You render this cave stifling and venomous, you wicked old enchanter!

3624

Du verführst, du Falscher, Feiner, zu unbekannten Begierden und Wildnissen. Und wehe, wenn solche wie du von der Wahrheit Redens und Wesens machen!

3624

You seduce with false subtleties toward unknown desires and wildernesses. And woe unto those who, like you, posture and prattle of truth!

3625

Wehe allen freien Geistern, welche nicht vor solchen Zauberern auf der Hut sind! Dahin ist es mit ihrer Freiheit: du lehrst und lockst zurück in Gefängnisse, –

3625

Woe to all free spirits who keep no guard against such sorcerers! Their freedom is undone: you teach and lure them back into prisons –

3626

– du alter schwermütiger Teufel, aus deiner Klage klingt eine Lockpfeife, du gleichst solchen, welche mit ihrem Lobe der Keuschheit heimlich zu Wollüsten laden!«[536]

3626

– you ancient melancholy devil, your lamentations sound a siren’s flute, you resemble those who with praises of chastity secretly invite to wantonness!«[536]

3627

Also sprach der Gewissenhafte; der alte Zauberer aber blickte um sich, genoß seines Sieges und verschluckte darüber den Verdruß, welchen ihm der Gewissenhafte machte. »Sei still!« sagte er mit bescheidener Stimme, »gute Lieder wollen gut widerhallen; nach guten Liedern soll man lange schweigen.

3627

Thus spoke the Conscientious One; but the old sorcerer glanced about, savoring his triumph and swallowing the vexation this reproach stirred. »Be silent!« he said with feigned humility, »fine songs deserve fine echoes; after fine songs one should long keep silence.

3628

So tun es diese alle, die höheren Menschen. Du aber hast wohl wenig von meinem Lied verstanden? In dir ist wenig von einem Zaubergeiste.«

3628

Thus do all these higher men. Yet you, methinks, grasped little of my song? In you dwells scant trace of a magician’s spirit.«

3629

»Du lobst mich«, entgegnete der Gewissenhafte, »indem du mich von dir abtrennst, wohlan! Aber ihr anderen, was sehe ich? Ihr sitzt alle noch mit lüsternen Augen da –:

3629

»You flatter me,« retorted the Conscientious One, »by setting me apart from yourself – very well! But you others – what do I see? You still sit there with lustful eyes –:

3630

Ihr freien Seelen, wohin ist eure Freiheit! Fast, dünkt mich's, gleicht ihr solchen, die lange schlimmen tanzenden nackten Mädchen zusahn: eure Seelen ranzen selber!

3630

You free souls, where has your freedom fled? It seems to me you have become like those who long gape at lewd dancing maidens – your very souls writhe!

3631

In euch, ihr höheren Menschen, muß mehr von dem sein, was der Zauberer seinen bösen Zauber- und Truggeist nennt – wir müssen wohl verschieden sein.

3631

Within you, higher men, must dwell more of what this sorcerer calls his evil wizardry and deceit-spirit – we must indeed be different.

3632

Und wahrlich, wir sprachen und dachten genug mitsammen, ehe Zarathustra heimkam zu seiner Höhle, als daß ich nicht wüßte: wir sind verschieden.

3632

And verily, we spoke and thought together enough ere Zarathustra returned to his cave, so that I know well: we are different.

3633

Wir suchen Verschiednes auch hier oben, ihr und ich. Ich nämlich suche mehr Sicherheit, deshalb kam ich zu Zarathustra. Der nämlich ist noch der festeste Turm und Wille –

3633

We seek different things even here above, you and I. For I seek greater security, and therefore came to Zarathustra. He remains the firmest tower and will –

3634

– heute, wo alles wackelt, wo alle Erde bebt. Ihr aber, wenn ich eure Augen sehe, die ihr macht, fast dünkt mich's, ihr sucht mehr Unsicherheit,

3634

– in this age where all things totter, where the very earth quakes. But you – when I behold your eyes – it almost seems you crave more insecurity,

3635

– mehr Schauder, mehr Gefahr, mehr Erdbeben. Euch gelüstet, fast dünkt mich's so, vergebt meinem Dünkel, ihr höheren Menschen –

3635

– more tremors, more peril, more upheaval. You lust – forgive my presumption, higher men –

3636

– euch gelüstet nach dem schlimmsten gefährlichsten Leben, das mir am meisten Furcht macht, nach dem Leben wilder Tiere, nach Wäldern, Höhlen, steilen Bergen und Irr-Schlünden.

3636

– you lust for life at its most perilous and feral, which strikes me with utmost dread: for wildernesses, caverns, jagged peaks and labyrinthine chasms.

3637

Und nicht die Führer aus der Gefahr gefallen euch am besten, sondern die euch von allen Wegen abführen, die Verführer. Aber, wenn solch Gelüsten an euch wirklich ist, so dünkt es mich trotzdem unmöglich.

3637

And it is not guides out of danger you prize most, but those who lead you astray – the seducers. Yet if such craving truly grips you, I deem it nonetheless impossible.

3638

Furcht nämlich – das ist des Menschen Erb- und Grundgefühl; aus der Furcht erklärt sich jegliches, Erbsünde und Erbtugend. Aus der Furcht wuchs auch meine Tugend, die heißt: Wissenschaft.[537]

3638

For Fear – that is humanity’s hereditary and fundamental sentiment; from fear spring all things, original sin and ancestral virtue. From fear too grew my virtue, which is called: Science.[537]

3639

Die Furcht nämlich vor wildem Getier – die wurde dem Menschen am längsten angezüchtet, einschließlich das Tier, das er in sich selber birgt und fürchtet – Zarathustra heißt es ›das innere Vieh‹.

3639

Fear of wild beasts – this was bred longest into humankind, including fear of the beast he harbors within himself – what Zarathustra names ›the inner beast‹.

3640

Solche lange alte Furcht, endlich fein geworden, geistlich, geistig – heute, dünkt mich, heißt sie: Wissenschaft.« –

3640

This ancient primal fear, at last refined, spiritualized, intellectualized – today, methinks, it is called: Science.« –

3641

Also sprach der Gewissenhafte; aber Zarathustra, der eben in seine Höhle zurückkam und die letzte Rede gehört und erraten hatte, warf dem Gewissenhaften eine Handvoll Rosen zu und lachte ob seiner »Wahrheiten«. »Wie!« rief er, »was hörte ich da eben? Wahrlich, mich dünkt, du bist ein Narr oder ich selber bin's: und deine ›Wahrheit‹ stelle ich rucks und flugs auf den Kopf.

3641

Thus spoke the Conscientious One; but Zarathustra, having just returned to his cave and overheard this final discourse, flung a handful of roses at the Conscientious One and laughed at his "truths." "What!" he cried, "what have I just heard? Verily, methinks you are a fool—or I myself am one! And your ‘truth’ I shall overturn headlong in an instant.

3642

Furcht nämlich – ist unsre Ausnahme. Mut aber und Abenteuer und Lust am Ungewissen, am Ungewagten – Mut dünkt mich des Menschen ganze Vorgeschichte.

3642

For fear—is our exception. But courage and adventure and delight in the uncertain, the unventured—courage, methinks, is humanity’s primal ancestry.

3643

Den wildesten mutigsten Tieren hat er alle ihre Tugenden abgeneidet und abgeraubt: so erst wurde er – zum Menschen.

3643

From the wildest, most courageous beasts did he wrest and steal all their virtues: thus only did he become—human.

3644

Dieser Mut, endlich fein geworden, geistlich, geistig, dieser Menschen-Mut mit Adler-Flügeln und Schlangen-Klugheit: der, dünkt mich, heißt heute –«

3644

This courage, at last refined, spiritualized, intellectualized—this human courage with eagle-wings and serpent-cunning: this, methinks, is called today—«

3645

»Zarathustra!« schrien alle, die beisammen saßen, wie aus einem Munde und machten dazu ein großes Gelächter; es hob sich aber von ihnen wie eine schwere Wolke. Auch der Zauberer lachte und sprach mit Klugheit: »Wohlan! Er ist davon, mein böser Geist!

3645

«Zarathustra!» cried all who sat together as with one voice, bursting into great laughter; yet from them rose a heavy cloud-like mirth. The sorcerer too laughed and spoke shrewdly: «Well then! My evil spirit has fled!

3646

Und habe ich euch nicht selber vor ihm gewarnt, als ich sagte, daß er ein Betrüger sei, ein Lug- und Truggeist?

3646

Did I not myself warn you of him, saying he was a deceiver, a spirit of lies and guile?

3647

Sonderlich nämlich, wenn er sich nackend zeigt. Aber was kann ich für seine Tücken! Habe ich ihn und die Welt geschaffen?

3647

Especially when he appears naked! But what am I to do against his wiles? Did I create him and the world?

3648

Wohlan! Seien wir wieder gut und guter Dinge! Und ob schon Zarathustra böse blickt – seht ihn doch! er ist mir gram –:

3648

Well then! Let us be good again and of good cheer! Though Zarathustra glares darkly—behold him! He bears me grudge—:

3649

– bevor die Nacht kommt, lernt er wieder mich lieben und loben, er kann nicht lange leben, ohne solche Torheiten zu tun.

3649

—ere night falls, he shall learn to love and praise me again; he cannot live long without committing such follies.

3650

Der – liebt seine Feinde: diese Kunst versteht er am besten von allen, die ich sah. Aber er nimmt Rache dafür – an seinen Freunden!«

3650

He—loves his enemies: this art he understands better than any I have seen. But he takes revenge for it—upon his friends!»

3651

Also sprach der alte Zauberer, und die höheren Menschen zollten ihm Beifall: so daß Zarathustra herumging und mit Bosheit und Liebe seinen Freunden die Hände schüttelte – gleichsam als einer, der an[538] allen etwas gutzumachen und abzubitten hat. Als er aber dabei an die Tür seiner Höhle kam, siehe, da gelüstete ihn schon wieder nach der guten Luft da draußen und nach seinen Tieren – und er wollte hinausschlüpfen.[539]

3651

Thus spoke the old sorcerer, and the higher men applauded him, so that Zarathustra wandered about, shaking his friends’ hands with malice and love—as if to atone[538] and apologize to each. But as he reached the cave’s entrance, behold, his longing seized him again for the good air outside and his animals—and he sought to slip away.[539]

3652

Unter Töchtern der Wüste

3652

Among Daughters of the Desert

3653

1

3653

1

3654

»Gehe nicht davon!« sagte da der Wanderer, der sich den Schatten Zarathustras nannte, »bleibe bei uns, es möchte uns sonst die alte dumpfe Trübsal wieder anfallen.

3654

«Do not depart!» said then the Wanderer, who called himself Zarathustra’s shadow. «Stay with us—lest the old gloomy affliction overtake us again.

3655

Schon gab uns jener alte Zauberer von seinem Schlimmsten zum besten, und siehe doch, der gute fromme Papst da hat Tränen in den Augen und sich ganz wieder aufs Meer der Schwermut eingeschifft.

3655

Already that old sorcerer regaled us with his worst, and behold, the good pious Pope here has tears in his eyes and has wholly embarked again on the sea of melancholy.

3656

Diese Könige mögen wohl vor uns noch gute Miene machen: das lernten die nämlich von uns allen heute am besten! Hätten sie aber keine Zeugen, ich wette, auch bei ihnen finge das böse Spiel wieder an –

3656

These kings may still put on brave faces before us: for that lesson they learned best from us all today! But were there no witnesses, I wager even their wicked play would resume—

3657

– das böse Spiel der ziehenden Wolken, der feuchten Schwermut, der verhängten Himmel, der gestohlenen Sonnen, der heulenden Herbst-Winde!

3657

—the wicked play of drifting clouds, damp melancholy, veiled skies, stolen suns, howling autumn winds!

3658

– das böse Spiel unsres Heulens und Notschreiens: bleibe bei uns, o Zarathustra! Hier ist viel verborgenes Elend, das reden will, viel Abend, viel Wolke, viel dumpfe Luft!

3658

—the wicked play of our wailing and distress-cries: remain with us, O Zarathustra! Here lies much hidden misery that would speak, much twilight, much cloud, much stifled air!

3659

Du nährtest uns mit starker Manns-Kost und kräftigen Sprüchen: laß es nicht zu, daß uns zum Nachtisch die weichlichen weiblichen Geister wieder anfallen!

3659

You nourished us with strong manly fare and potent maxims: let not the tender womanish spirits assail us for dessert!

3660

Du allein machst die Luft um dich herum stark und klar! Fand ich je auf Erden so gute Luft als bei dir in deiner Höhle?

3660

You alone make the air around you strong and clear! Have I ever found on earth such good air as in your cave?»

3661

Viele Länder sah ich doch, meine Nase lernte vielerlei Luft prüfen und abschätzen: aber bei dir schmecken meine Nüstern ihre größte Lust!

3661

Many lands have I seen, my nose learned to test and appraise many kinds of air: but by you, my nostrils taste their supreme delight!

3662

Es sei denn, – es sei denn –, o vergib eine alte Erinnerung! Vergib mir ein altes Nachtisch-Lied, das ich einst unter Töchtern der Wüste dichtete: –[539]

3662

Unless—unless—oh forgive an old remembrance! Forgive me an old after-dinner song which I once composed among daughters of the desert: –

3663

– bei denen nämlich gab es gleich gute helle morgenländische Luft; dort war ich am fernsten vom wolkigen feuchten schwermütigen Alt-Europa!

3663

—for among them was found equally good bright Oriental air; there was I furthest from cloudy damp gloomy Old Europe!

3664

Damals liebte ich solcherlei Morgenland-Mädchen und andres blaues Himmelreich, über dem keine Wolken und keine Gedanken hängen.

3664

In those days I loved such Oriental maidens and other azure realms of heaven over which no clouds or thoughts brood.

3665

Ihr glaubt es nicht, wie artig sie dasaßen, wenn sie nicht tanzten, tief, aber ohne Gedanken, wie kleine Geheimnisse, wie bebänderte Rätsel, wie Nachtisch-Nüsse –

3665

You would not believe how comely they sat there, when not dancing, deep but without thoughts, like little secrets, like ribboned enigmas, like after-dinner nuts—

3666

bunt und fremd fürwahr! aber ohne Wolken: Rätsel, die sich raten lassen: solchen Mädchen zu Liebe erdachte ich damals einen Nachtisch-Psalm.«

3666

colorful and foreign indeed! yet without clouds: riddles that may be guessed: for the love of such maidens did I then devise an after-dinner psalm."

3667

Also sprach der Wanderer und Schatten; und ehe jemand ihm antwortete, hatte er schon die Harfe des alten Zauberers ergriffen, die Beine gekreuzt und blickte gelassen und weise um sich: – mit den Nüstern aber zog er langsam und fragend die Luft ein, wie einer, der in neuen Ländern neue fremde Luft kostet. Darauf hob er mit einer Art Gebrüll zu singen an.

3667

Thus spoke the Wanderer and Shadow; and before anyone answered him, he had already seized the harp of the old magician, crossed his legs, and gazed calmly and wisely about him:—with his nostrils he slowly and questioningly inhaled the air, like one who tastes new foreign air in new lands. Then he began to sing with a kind of roaring.

3668

2

3668

2

3669

Die Wüste wächst: weh Dem, der Wüsten birgt!

3669

The desert grows: woe to him who harbors deserts!

3670

– Ha! Feierlich!

3670

—Hail! Solemnly!

3671

In der Tat feierlich!

3671

In truth, solemnly!

3672

Ein würdiger Anfang!

3672

A worthy beginning!

3673

Afrikanisch feierlich!

3673

African in solemnity!

3674

Eines Löwen würdig

3674

Worthy of a lion

3675

Oder eines moralischen Brüllaffen –

3675

Or of a moral screech-ape—

3676

– aber nichts für euch,

3676

—but nothing for you,

3677

Ihr allerliebsten Freundinnen,

3677

You dearest maidens,

3678

Zu deren Füßen mir

3678

At whose feet I,

3679

Zum ersten Male,

3679

For the first time,

3680

Einem Europäer unter Palmen,

3680

A European beneath palm trees,

3681

Zu sitzen vergönnt ist. Sela.

3681

Am granted to sit. Sela.

3682

Wunderbar wahrlich!

3682

Marvelous, truly!

3683

Da sitze ich nun,[540]

3683

Here I sit now,

3684

Der Wüste nahe, und bereits

3684

Near the desert, yet

3685

So ferne wieder der Wüste,

3685

So far from the desert,

3686

Auch in nichts noch verwüstet:

3686

And in naught yet desolated:

3687

Nämlich hinabgeschluckt

3687

For I am swallowed down

3688

Von dieser kleinsten Oasis –:

3688

By this smallest oasis—:

3689

– sie sperrte gerade gähnend

3689

—it gaped open yawning

3690

Ihr liebliches Maul auf,

3690

Its lovely mouth,

3691

Das wohlriechendste aller Mäulchen:

3691

The most fragrant of all little mouths:

3692

Da fiel ich hinein,

3692

Then I fell in,

3693

Hinab, hindurch – unter euch,

3693

Down, through—among you,

3694

Ihr allerliebsten Freundinnen! Sela.

3694

You dearest maidens! Sela.

3695

Heil, Heil jenem Walfische,

3695

Hail, hail to that whale,

3696

Wenn er also es seinem Gaste

3696

If he thus made his guest

3697

Wohl sein ließ! – ihr versteht

3697

So well!—you grasp

3698

Meine gelehrte Anspielung?

3698

My learned allusion?

3699

Heil seinem Bauche,

3699

Hail to his belly,

3700

Wenn er also

3700

If it was indeed

3701

Ein so lieblicher Oasis-Bauch war

3701

Such a lovely oasis-belly

3702

Gleich diesem: was ich aber in Zweifel ziehe,

3702

As this: but I doubt it—

3703

– dafür komme ich aus Europa,

3703

—for that I come from Europe,

3704

Das zweifelsüchtiger ist als alle

3704

Which is more doubt-ridden than all

3705

Ältlichen Eheweibchen.

3705

Elderly little wives.

3706

Möge Gott es bessern!

3706

May God mend it!

3707

Amen!

3707

Amen!

3708

Da sitze ich nun,

3708

Here I sit now,

3709

In dieser kleinsten Oasis,

3709

In this smallest oasis,

3710

Einer Dattel gleich,

3710

Like a date,

3711

Braun, durchsüßt, goldschwürig, lüstern

3711

Brown, sweetened, golden-ulcered, lusting

3712

Nach einem runden Mädchenmunde,

3712

For a rounded maiden’s mouth,

3713

Mehr noch aber nach mädchenhaften

3713

But more still for maidenly

3714

Eiskalten schneeweißen schneidigen

3714

Ice-cold snow-white biting

3715

Beißzähnen: nach denen nämlich

3715

Incisors: for after these

3716

Lechzt das Herz allen heißen Datteln. Sela.[541]

3716

The heart of all hot dates yearns. Sela.

3717

Den genannten Südfrüchten

3717

To the aforementioned southern fruits

3718

Ähnlich, allzuähnlich

3718

Similar, all too similar,

3719

Liege ich hier, von kleinen

3719

I lie here, by tiny

3720

Flügelkäfern

3720

Wingèd beetles

3721

Umschnüffelt und umspielt,

3721

Sniffed at and played with,

3722

Insgleichen von noch kleineren

3722

And likewise by still smaller

3723

Törichteren sündhafteren

3723

Foolisher, sinfuller

3724

Wünschen und Einfällen, –

3724

Wishes and whimsies—

3725

Umlagert von euch,

3725

Besieged by you,

3726

Ihr stummen, ihr ahnungsvollen

3726

You silent, you foreboding

3727

Mädchen-Katzen,

3727

Maiden-cats,

3728

Dudu und Suleika,

3728

Dudu and Suleika,

3729

umsphinxt, daß ich in ein Wort

3729

ensphinxed, that into one word

3730

Viel Gefühle stopfe:

3730

I cram many feelings:

3731

(Vergebe mir Gott

3731

(May God forgive me

3732

Diese Sprach-Sünde!)

3732

This linguistic sin!)

3733

– sitze hier, die beste Luft schnüffelnd,

3733

—sit here, sniffing the finest air,

3734

Paradieses-Luft wahrlich,

3734

Verily air of Paradise,

3735

Lichte leichte Luft, goldgestreifte,

3735

Bright, buoyant air, gold-streaked,

3736

So gute Luft nur je

3736

Such good air as only

3737

Vom Monde herabfiel –

3737

From the moon has fallen—

3738

Sei es aus Zufall,

3738

Was it by chance,

3739

Oder geschah es aus Übermute?

3739

Or did it spring from wantonness?

3740

Wie die alten Dichter erzählen.

3740

As the ancient poets tell.

3741

Ich Zweifler aber ziehe es

3741

But I, the doubter, cast

3742

In Zweifel, dafür aber komme ich

3742

Doubt upon it; for this I come

3743

Aus Europa,

3743

From Europe,

3744

Das zweifelsüchtiger ist als alle

3744

Which is more doubt-ridden than all

3745

Ältlichen Eheweibchen.

3745

Aged little wives.

3746

Möge Gott es bessern!

3746

May God amend it!

3747

Amen!

3747

Amen!

3748

Diese schönste Luft trinkend,

3748

Drinking this fairest air,

3749

Mit Nüstern geschwellt gleich Bechern,

3749

Nostrils swelling like goblets,

3750

Ohne Zukunft, ohne Erinnerungen,

3750

Without future, without memories,

3751

So sitze ich hier, ihr[542]

3751

Thus I sit here, you

3752

Allerliebsten Freundinnen,

3752

Most beloved friends,

3753

Und sehe der Palme zu,

3753

And gaze upon the palm tree,

3754

Wie sie, einer Tänzerin gleich,

3754

How she bends and sways and swings her hips like a dancer,

3755

Sich biegt und schmiegt und in der Hüfte wiegt,

3755

—one joins in, watching long!

3756

– man tut es mit, sieht man lange zu!

3756

Like a dancer who, as it seems to me,

3757

Einer Tänzerin gleich, die, wie mir scheinen will,

3757

Has stood too long, perilously long,

3758

Zu lange schon, gefährlich lange

3758

Ever, ever on one leg alone?

3759

Immer, immer nur auf einem Beine stand?

3759

—thereby forgetting, as it seems to me,

3760

– da vergaß sie darob, wie mir scheinen will,

3760

Her other leg?

3761

Das andre Bein?

3761

At least in vain

3762

Vergebens wenigstens

3762

Did I seek the missing

3763

Suchte ich das vermißte

3763

Twin-jewel

3764

Zwillings-Kleinod

3764

—namely, the other leg—

3765

– nämlich das andre Bein –

3765

In the holy proximity

3766

In der heiligen Nähe

3766

Of her most beloved, most delicate

3767

Ihres allerliebsten, allerzierlichsten

3767

Fan-flutter-frilled skirt.

3768

Fächer- und Flatter- und Flitterröckchens.

3768

Yes, if you would but believe me,

3769

Ja, wenn ihr mir, ihr schönen Freundinnen,

3769

You fair friends:

3770

Ganz glauben wollt:

3770

She has lost it!

3771

Sie hat es verloren!

3771

Gone it is!

3772

Es ist dahin!

3772

Forever gone!

3773

Auf ewig dahin!

3773

The other leg!

3774

Das andre Bein!

3774

Oh, pity for that lovely other leg!

3775

O schade um das liebliche andere Bein!

3775

Where—might it linger, abandoned in mourning?

3776

Wo – mag es wohl weilen und verlassen trauern?

3776

The solitary leg?

3777

Das einsame Bein?

3777

In fear perhaps of a

3778

In Furcht vielleicht vor einem

3778

Fierce golden-maned

3779

Grimmen blondgelockten

3779

Lion-monster? Or perhaps already

3780

Löwen-Untiere? Oder gar schon

3780

Gnawed, nibbled away—

3781

Abgenagt, abgeknabbert –

3781

Wretched, alas! Alas! Nibbled away! Sela.

3782

Erbärmlich, wehe! wehe! abgeknabbert! Sela.

3782

Oh, weep not,

3783

O weint mir nicht,

3783

Tender hearts!

3784

Weiche Herzen!

3784

Weep not, you

3785

Weint mir nicht, ihr

3785

Date-hearts! Milk-bosoms!

3786

Dattel-Herzen! Milch-Busen![543]

3786

You licorice-heart—

3787

Ihr Süßholz-Herz–

3787

Pouches!

3788

Beutelchen!

3788

Weep no more,

3789

Weine nicht mehr,

3789

Pale Dudu!

3790

Bleiche Dudu!

3790

Be a man, Suleika! Courage! Courage!

3791

Sei ein Mann, Suleika! Mut! Mut!

3791

—Or should there perchance

3792

– Oder sollte vielleicht

3792

Be something fortifying, heart-strengthening

3793

Etwas Stärkendes, Herz-Stärkendes

3793

Here in this place?

3794

Hier am Platze sein?

3794

An anointed maxim?

3795

Ein gesalbter Spruch?

3795

A solemn exhortation?—

3796

Ein feierlicher Zuspruch? –

3796

Ha! Rise up, Dignity!

3797

Ha! Herauf, Würde!

3797

Virtue’s dignity! European dignity!

3798

Tugend-Würde! Europäer-Würde!

3798

Blow, blow again,

3799

Blase, blase wieder,

3799

Bellows of virtue!

3800

Blasebalg der Tugend!

3800

Ha!

3801

Ha!

3801

Roar once more,

3802

Noch einmal brüllen,

3802

Roar morally!

3803

Moralisch brüllen!

3803

As a moral lion

3804

Als moralischer Löwe

3804

Before the daughters of the desert roar!

3805

Vor den Töchtern der Wüste brüllen!

3805

—For virtue’s howl,

3806

– Denn Tugend-Geheul,

3806

You most beloved maidens,

3807

Ihr allerliebsten Mädchen,

3807

Is more than all

3808

Ist mehr als alles

3808

European fervor, European hunger!

3809

Europäer-Inbrunst, Europäer-Heißhunger!

3809

And here I stand now,

3810

Und da stehe ich schon,

3810

As a European,

3811

Als Europäer,

3811

I cannot do otherwise, God help me!

3812

Ich kann nicht anders, Gott helfe mir!

3812

Amen!

3813

Amen!

3813

The desert grows: woe unto him who harbors deserts![544]

3814

Die Wüste wächst: weh Dem, der Wüsten birgt![544]

3814

The Awakening

3815

Die Erweckung

3815

1

3816

1

3816

After the song of the Wanderer and Shadow, the cave suddenly filled with clamor and laughter; and since all the assembled guests spoke at once, and even the ass, thus emboldened,[544] no longer remained silent, Zarathustra felt a slight aversion and scorn toward his visitors—though he rejoiced in their mirth. For it seemed to him a sign of convalescence. So he slipped outside and spoke to his animals.

3817

Nach dem Liede des Wanderers und Schattens wurde die Höhle mit einem Male voll Lärmens und Lachens; und da die versammelten Gäste alle zugleich redeten, und auch der Esel, bei einer solchen Ermutigung,[544] nicht mehr still blieb, überkam Zarathustra ein kleiner Widerwille und Spott gegen seinen Besuch: ob er sich gleich ihrer Fröhlichkeit erfreute. Denn sie dünkte ihm ein Zeichen der Genesung. So schlüpfte er hinaus ins Freie und sprach zu seinen Tieren.

3817

«Where has their distress gone?» he said, already breathing relief from his own slight weariness—«with me, it seems, they unlearned crying out in need!

3818

»Wo ist nun ihre Not hin?« sprach er, und schon atmete er selber von seinem kleinen Überdrusse auf – »bei mir verlernten sie, wie mich dünkt, das Notschrein!

3818

—though, alas, not yet crying.» And Zarathustra covered his ears, for just then the I-A of the ass mingled wondrously with the jubilant uproar of these higher men.

3819

– wenn auch, leider, noch nicht das Schrein.« Und Zarathustra hielt sich die Ohren zu, denn eben mischte sich das I-A des Esels wunderlich mit dem Jubel-Lärm dieser höheren Menschen.

3819

«They are merry,» he began again, «and who knows? Perhaps at their host’s expense; and if they learned laughter from me, it is still not my laughter they learned.

3820

»Sie sind lustig«, begann er wieder, »und wer weiß? vielleicht auf ihres Wirtes Unkosten; und lernten sie von mir lachen, so ist es doch nicht mein Lachen, das sie lernten.


Aber was liegt daran! Es sind alte Leute: sie genesen auf ihre Art, sie lachen auf ihre Art; meine Ohren haben schon Schlimmeres erduldet und wurden nicht unwirsch.

3820

But what does it matter! They are old people: they convalesce in their own manner, they laugh in their own manner; my ears have endured worse things and grew not sullen.

3821

Dieser Tag ist ein Sieg: er weicht schon, er flieht, der Geist der Schwere, mein alter Erzfeind! Wie gut will dieser Tag enden, der so schlimm und schwer begann!

3821

This day is a victory: already it retreats, it flees, the Spirit of Gravity, my ancient archenemy! How well this day ends, which began so foul and leaden!

3822

Und enden will er. Schon kommt der Abend: über das Meer herreitet er, der gute Reiter! Wie er sich wiegt, der Selige, Heimkehrende, in seinen purpurnen Sätteln!

3822

And it wills to end. Already evening approaches: over the sea he rides hither, the good rider! How he sways, the Blessed One, the Homecoming One, in his crimson saddles!

3823

Der Himmel blickt klar dazu, die Welt liegt tief: o all ihr Wunderlichen, die ihr zu mir kamt, es lohnt sich schon, bei mir zu leben!«

3823

The sky gazes clear upon it, the world lies deep: O all you wondrous ones who came to me, it is already worth living here with me!«

3824

Also sprach Zarathustra. Und wieder kam da das Geschrei und Gelächter der höheren Menschen aus der Höhle: da begann er von neuem.

3824

Thus spoke Zarathustra. And again the clamor and laughter of the higher men resounded from the cave: thereupon he began anew.

3825

»Sie beißen an, mein Köder wirkt, es weicht auch ihnen ihr Feind, der Geist der Schwere. Schon lernen sie über sich selber lachen: höre ich recht?

3825

»They take the bait, my lure works, their enemy the Spirit of Gravity retreats from them too. Already they learn to laugh at themselves: do I hear rightly?

3826

Meine Manns-Kost wirkt, mein Saft- und Kraft-Spruch: und wahrlich, ich nährte sie nicht mit Bläh-Gemüsen! Sondern mit Krieger-Kost, mit Eroberer-Kost: neue Begierden weckte ich.

3826

My manly fare takes effect, my sap-rich and strength speech: and verily, I fed them no bloating vegetables! But with warrior’s fare, with conqueror’s fare: new desires I awakened.

3827

Neue Hoffnungen sind in ihren Armen und Beinen, ihr Herz streckt sich aus. Sie finden neue Worte, bald wird ihr Geist Mutwillen atmen.[545]

3827

New hopes stir in their arms and legs, their hearts stretch outward. They find new words, soon their spirit shall breathe mischief.

3828

Solche Kost mag freilich nicht für Kinder sein, noch auch für sehnsüchtige alte und junge Weibchen. Denen überredet man anders die Eingeweide; deren Arzt und Lehrer bin ich nicht.

3828

Such fare may not suit children, nor yet longing old and young women. Their entrails are persuaded otherwise; I am not their physician nor teacher.

3829

Der Ekel weicht diesen höheren Menschen: wohlan! das ist mein Sieg. In meinem Reiche werden sie sicher, alle dumme Scham läuft davon, sie schütten sich aus.

3829

The disgust departs from these higher men: well then! That is my victory. In my realm they grow secure; all foolish shame flees, they unburden themselves.

3830

Sie schütten ihr Herz aus, gute Stunden kehren ihnen zurück, sie feiern und käuen wieder – sie werden dankbar.

3830

They pour out their hearts, good hours return to them, they celebrate and ruminate anew—they become grateful.

3831

Das nehme ich als das beste Zeichen: sie werden dankbar. Nicht lange noch, und sie denken sich Feste aus und stellen Denksteine ihren alten Freuden auf.

3831

This I take for the best sign: they grow grateful. Not long hence, they will devise festivals and erect memorials to their old joys.

3832

Es sind Genesende!« Also sprach Zarathustra fröhlich zu seinem Herzen und schaute hinaus; seine Tiere aber drängten sich an ihn und ehrten sein Glück und sein Stillschweigen.

3832

They are convalescents!« Thus spoke Zarathustra joyfully to his heart and gazed outward; his animals, however, pressed close to him, honoring his happiness and his silence.

3833

2

3833

2

3834

Plötzlich aber erschrak das Ohr Zarathustras: die Höhle nämlich, welche bisher voller Lärmens und Gelächters war, wurde mit einem Male totenstill; – seine Nase aber roch einen wohlriechenden Qualm und Weihrauch, wie von brennenden Pinien-Zapfen.

3834

Suddenly Zarathustra’s ear was startled: for the cave, which had hitherto been filled with noise and laughter, fell deathly silent in an instant—his nose, however, caught a fragrance of sweet smoke and incense, as of burning pine cones.

3835

»Was geschieht? Was treiben sie?« fragte er sich und schlich zum Eingange heran, daß er seinen Gästen, unvermerkt, zusehen könne. Aber, Wunder über Wunder! was mußte er da mit seinen eignen Augen sehn!

3835

»What is happening? What are they doing?« he asked himself, and stole to the entrance to observe his guests unnoticed. But wonder upon wonder! What his own eyes then beheld!

3836

»Sie sind alle wieder fromm geworden, sie beten, sie sind toll!« – sprach er und verwunderte sich über die Maßen. Und, fürwahr! alle diese höheren Menschen, die zwei Könige, der Papst außer Dienst, der schlimme Zauberer, der freiwillige Bettler, der Wanderer und Schatten, der alte Wahrsager, der Gewissenhafte des Geistes und der häßlichste Mensch: sie lagen alle gleich Kindern und gläubigen alten Weibchen auf den Knien und beteten den Esel an. Und eben begann der häßlichste Mensch zu gurgeln und zu schnauben, wie als ob etwas Unaussprechliches aus ihm herauswolle; als er es aber wirklich bis zu Worten gebracht hatte, siehe, da war es eine fromme seltsame Litanei zur Lobpreisung des angebeteten und angeräucherten Esels. Diese Litanei aber klang also:[546]

3836

»They have all become pious again, they pray, they are mad!«—he cried, marveling beyond measure. And verily! All these higher men—the two kings, the pope emeritus, the wicked sorcerer, the voluntary beggar, the wanderer and shadow, the old soothsayer, the conscientious one in spirit, and the ugliest man—they all knelt like children and devout old women, worshipping the ass. And just then the ugliest man began to gurgle and snort as if something inexpressible strove to emerge from him; but when he finally found words, behold, it was a pious strange litany in praise of the adored and censed ass. This litany, however, ran thus:

3837

Amen! Und Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Stärke sei unserm Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit!

3837

Amen! And glory, honor, wisdom, thanks, praise, and strength be unto our God from eternity to eternity!

3838

– Der Esel aber schrie dazu I-A.

3838

– And the ass brayed I-A in response.

3839

Er trägt unsre Last, er nahm Knechtsgestalt an, er ist geduldsam von Herzen und redet niemals nein; und wer seinen Gott liebt, der züchtigt ihn.

3839

He bears our burdens, he took the form of a servant, patient of heart and never saying nay; and whoever loves his God chastises him.

3840

– Der Esel aber schrie dazu I-A.

3840

– And the ass brayed I-A in response.

3841

Er redet nicht: es sei denn, daß er zur Welt, die er schuf, immer ja sagt: also preist er seine Welt. Seine Schlauheit ist es, die nicht redet: so bekömmt er selten Unrecht.

3841

He speaks not, save ever saying Yea to the world he created: thus he praises his creation. His cunning lies in silence; thus he seldom errs.

3842

– Der Esel aber schrie dazu I-A.

3842

– And the ass brayed I-A in response.

3843

Unscheinbar geht er durch die Welt. Grau ist die Leib-Farbe, in welche er seine Tugend hüllt. Hat er Geist, so verbirgt er ihn; jedermann aber glaubt an seine langen Ohren.

3843

Unassuming he walks through the world. Gray is the body-hue in which he veils his virtue. If he has spirit, he hides it; yet all believe in his long ears.

3844

– Der Esel aber schrie dazu I-A.

3844

– And the ass brayed I-A in response.

3845

Welche verborgene Weisheit ist das, daß er lange Ohren trägt und allein ja und nimmer nein sagt! Hat er nicht die Welt erschaffen nach seinem Bilde, nämlich so dumm als möglich?

3845

What hidden wisdom is this, that he wears long ears and only says Yea, never Nay! Did he not fashion the world in his own image—that is, as dumb as possible?

3846

– Der Esel aber schrie dazu I-A.

3846

– And the ass brayed I-A in response.

3847

Du gehst gerade und krumme Wege; es kümmert dich wenig, was uns Menschen gerade oder krumm dünkt. Jenseits von Gut und Böse ist dein Reich. Es ist deine Unschuld, nicht zu wissen, was Unschuld ist.

3847

You tread straight and crooked paths; little care you for what men deem straight or crooked. Beyond Good and Evil lies your realm. Your innocence knows not what innocence is.

3848

– Der Esel aber schrie dazu I-A.

3848

– And the ass brayed I-A in response.

3849

Siehe doch, wie du niemanden von dir stößest, die Bettler nicht, noch die Könige. Die Kindlein lässest du zu dir kommen, und wenn dich die bösen Buben locken, so sprichst du einfältiglich I-A.

3849

Behold how you spurn none—neither beggars nor kings. You let children come to you, and when wicked boys entice you, you answer artlessly, I-A.

3850

– Der Esel aber schrie dazu I-A.

3850

– And the ass brayed I-A in response.

3851

Du liebst Eselinnen und frische Feigen, du bist kein Kostverächter. Eine Distel kitzelt dir das Herz, wenn du gerade Hunger hast. Darin liegt eines Gottes Weisheit.

3851

You love she-asses and fresh figs, you are no scorner of fare. A thistle tickles your heart when hunger strikes. Herein lies a god’s wisdom.

3852

– Der Esel aber schrie dazu I-A.[547]

3852

– And the ass brayed I-A in response.

3853

Das Eselsfest

3853

The Festival of the Ass

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1

3854

1

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An dieser Stelle der Litanei aber konnte Zarathustra sich nicht länger bemeistern, schrie selber I-A, lauter noch als der Esel, und sprang mitten unter seine toll gewordenen Gäste. »Aber was treibt ihr da, ihr Menschenkinder?« rief er, indem er die Betenden vom Boden emporriß. »Wehe, wenn euch jemand anderes zusähe als Zarathustra:

3855

At this point in the litany Zarathustra could no longer contain himself. He cried "I-A!" even louder than the ass and sprang into the midst of his frenzied guests. "What madness is this, you children of men?" he shouted, hauling the worshippers to their feet. "Woe betide you if any but Zarathustra saw this!

3856

Jeder würde urteilen, ihr wäret mit eurem neuen Glauben die ärgsten Gotteslästerer oder die törichtsten aller alten Weiblein!

3856

All would judge you the worst blasphemers or the most foolish of withered crones!

3857

Und du selber, du alter Papst, wie stimmt das mit dir selber zusammen, daß du solchergestalt einen Esel hier als Gott anbetest?« –

3857

And you, old pope—how does it accord with your nature to worship an ass here as God?"

3858

»O Zarathustra«, antwortete der Papst, »vergib mir, aber in Dingen Gottes bin ich aufgeklärter noch als du. Und so ist's billig.

3858

"O Zarathustra," replied the pope, "forgive me, but in matters divine I am more enlightened than you. So it is meet.

3859

Lieber Gott also anbeten, in dieser Gestalt, als in gar keiner Gestalt! Denke über diesen Spruch nach, mein hoher Freund: du errätst geschwind, in solchem Spruch steckt Weisheit.

3859

Better to worship God in this guise than in no guise at all! Ponder this maxim, my noble friend: you’ll swiftly grasp the wisdom in such a saying.

3860

Der, welcher sprach ›Gott ist ein Geist‹ – der machte bisher auf Erden den größten Schritt und Sprung zum Unglauben: solch Wort ist auf Erden nicht leicht wieder gutzumachen!

3860

He who declared 'God is a Spirit' took earth’s greatest leap toward unbelief—such words are not easily atoned for on this ground!

3861

Mein altes Herz springt und hüpft darob, daß es auf Erden noch etwas anzubeten gibt. Vergib das, o Zarathustra, einem alten frommen Papst-Herzen!« –

3861

My aged heart leaps that there yet remains something to worship here. Forgive this, O Zarathustra, in an old pontiff’s pious heart!"

3862

– »Und du«, sagte Zarathustra zu dem Wanderer und Schatten, »du nennst und wähnst dich einen freien Geist? Und treibst hier solchen Götzen- und Pfaffendienst?

3862

"And you," Zarathustra said to the Wanderer and Shadow, "you style yourself a free spirit? Yet here you practice this priestcraft and idolatry!

3863

Schlimmer, wahrlich, treibst du's hier noch als bei deinen schlimmen braunen Mädchen, du schlimmer neuer Gläubiger!«

3863

Truly, you commit worse here than with your dusky maidens, you reprobate new believer!"

3864

»Schlimm genug«, antwortete der Wanderer und Schatten, »du hast recht: aber was kann ich dafür! Der alte Gott lebt wieder, o Zarathustra, du magst reden, was du willst.

3864

"Most grievously," answered the Wanderer and Shadow, "you speak truly: yet how am I to blame? The old god lives again, O Zarathustra—say what you will.

3865

Der häßlichste Mensch ist an allem schuld: der hat ihn wieder auferweckt. Und wenn er sagt, daß er ihn einst getötet habe: Tod ist bei Göttern immer nur ein Vorurteil.«[548]

3865

The ugliest man bears guilt for all: he has resurrected him. And though he claims to have slain him once—for gods, death remains ever a prejudice." [548]

3866

– »Und du«, sprach Zarathustra, »du schlimmer alter Zauberer, was tatest du! Wer soll, in dieser freien Zeit, fürderhin an dich glauben, wenn du an solche Götter-Eseleien glaubst?

3866

—"And you," said Zarathustra, "you wicked old sorcerer, what have you wrought? Who in this liberated age shall henceforth believe in you, when you bow to such gods’ follies?

3867

Es war eine Dummheit, was du tatest; wie konntest du, du Kluger, eine solche Dummheit tun!«

3867

This was folly—how could you, the shrewd one, commit such idiocy?"

3868

»O Zarathustra«, antwortete der kluge Zauberer, »du hast recht, es war eine Dummheit – es ist mir auch schwer genug geworden.«

3868

"O Zarathustra," replied the cunning sorcerer, "you are right—it was folly, and it has cost me dearly."

3869

– »Und du gar«, sagte Zarathustra zu dem Gewissenhaften des Geistes, »erwäge doch und lege den Finger an deine Nase! Geht hier denn nichts wider dein Gewissen? Ist dein Geist nicht zu reinlich für dies Beten und den Dunst dieser Betbrüder?«

3869

—"And you," Zarathustra turned to the Conscientious One of the Spirit, "consider well and place your finger upon your nose! Does nothing here revolt your conscience? Is your mind not too fastidious for this praying and the vapor of these prayer-mongers?"

3870

»Es ist etwas daran«, antwortete der Gewissenhafte und legte den Finger an die Nase, »es ist etwas an diesem Schauspiele, das meinem Gewissen sogar wohltut.

3870

"There is something here," answered the Conscientious One, touching his nose, "something in this spectacle that even soothes my conscience.

3871

Vielleicht, daß ich an Gott nicht glauben darf: gewiß aber ist, daß Gott mir in dieser Gestalt noch am glaubwürdigsten dünkt.

3871

Perhaps I dare not believe in God—yet in this guise, he seems most credible to me.

3872

Gott soll ewig sein, nach dem Zeugnisse der Frömmsten: wer so viel Zeit hat, läßt sich Zeit. So langsam und so dumm als möglich: damit kann ein solcher es doch sehr weit bringen.

3872

By the testimony of the pious, God is eternal: he who has such time may take his time. Slow and dim as he is—such a one may yet go far.

3873

Und wer des Geistes zu viel hat, der möchte sich wohl in die Dumm- und Narrheit selber vernarren. Denke über dich selber nach, o Zarathustra!

3873

And whoever overflows with spirit might well plunge into folly itself. Reflect on yourself, O Zarathustra!

3874

Du selber – wahrlich! auch du könntest wohl aus Überfluß und Weisheit zu einem Esel werden.

3874

You too—verily!—might turn into an ass through excess of wisdom.

3875

Geht nicht ein vollkommner Weiser gern auf den krümmsten Wegen? Der Augenschein lehrt es, o Zarathustra – dein Augenschein!«

3875

Does not a consummate sage gladly walk the most crooked paths? Appearances teach it, O Zarathustra—your own appearances!"

3876

– »Und du selber zuletzt«, sprach Zarathustra und wandte sich gegen den häßlichsten Menschen, der immer noch auf dem Boden lag, den Arm zu dem Esel emporhebend (er gab ihm nämlich Wein zu trinken). »Sprich, du Unaussprechlicher, was hast du da gemacht!

3876

—"And lastly, you," said Zarathustra, turning to the ugliest man, who still lay on the ground, lifting his arm toward the ass (for he had given it wine to drink). "Speak, you Ineffable One—what have you done?

3877

Du dünkst mich verwandelt, dein Auge glüht, der Mantel des Erhabenen liegt um deine Häßlichkeit: was tatest du?

3877

You seem transformed; your eyes blaze, the mantle of sublimity cloaks your ugliness—what have you wrought?

3878

Ist es denn wahr, was jene sagen, daß du ihn wieder auferwecktest? Und wozu? War er nicht mit Grund abgetötet und abgetan?

3878

Is it true, as they say, that you reawakened him? And why? Was he not rightly slain and discarded?

3879

Du selber dünkst mich aufgeweckt: was tatest du? was kehrtest du um? Was bekehrtest du dich? Sprich, du Unaussprechlicher!«[549]

3879

You yourself seem awakened—what did you do? What did you overturn? What did you convert? Speak, you Unspeakable One!" [549]

3880

»O Zarathustra«, antwortete der häßlichste Mensch, »du bist ein Schelm!

3880

"O Zarathustra," answered the ugliest man, "you are a rogue!

3881

Ob der noch lebt oder wieder lebt oder gründlich tot ist, – wer von uns beiden weiß das am besten? Ich frage dich.

3881

Whether he still lives or lives again or lies utterly dead—which of us knows best? I ask you.

3882

Eins aber weiß ich, – von dir selber lernte ich's einst, o Zarathustra: wer am gründlichsten töten will, der lacht.

3882

One thing I know—I learned it once from you, O Zarathustra: he who wants to kill most thoroughly—laughs.

3883

›Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tötet man‹ – so sprachst du einst. O Zarathustra, du Verborgener, du Vernichter ohne Zorn, du gefährlicher Heiliger, – du bist ein Schelm!«

3883

'Not by wrath, but by laughter does one kill'—thus you once spoke. O Zarathustra, you Hidden One, you Destroyer without wrath, you dangerous saint—you are a rogue!"

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2

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Da aber geschah es, daß Zarathustra, verwundert über lauter solche Schelmen-Antworten, zur Tür seiner Höhle zurück sprang und, gegen alle seine Gäste gewendet, mit starker Stimme schrie:

3885

At this, Zarathustra—astonished by such roguish answers—leapt back toward the door of his cave and, turning to all his guests, cried with a mighty voice:

3886

»O ihr Schalks-Narren allesamt, ihr Possenreißer! Was verstellt und versteckt ihr euch vor mir!

3886

"O you pack of jesters and mountebanks! Why this masquerade, this concealment before me!

3887

Wie doch einem jeden von euch das Herz zappelte vor Lust und Bosheit, darob, daß ihr endlich einmal wieder wurdet wie die Kindlein, nämlich fromm, –

3887

How each of your hearts quivered with delight and mischief, rejoicing that you had at last become like little children once more—that is, pious—

3888

– daß ihr endlich wieder tatet wie Kinder tun, nämlich betetet, hände-faltetet und ›lieber Gott‹ sagtet!

3888

—that you at last did as children do: prayed, folded your hands, and said, “Dear God!”

3889

Aber nun laßt mir diese Kinderstube, meine eigne Höhle, wo heute alle Kinderei zu Hause ist. Kühlt hier draußen euren heißen Kinder-Übermut und Herzenslärm ab!

3889

But now leave me this nursery, my own cave, where today all childishness is at home. Cool your feverish childlike exuberance and the clamor of your hearts here in the open air!

3890

Freilich: so ihr nicht werdet wie die Kindlein, so kommt ihr nicht in das Himmelreich.« (Und Zarathustra zeigte mit den Händen nach oben.)

3890

Verily: unless you become as little children, you shall not enter the kingdom of heaven.” (And Zarathustra gestured upward with his hands.)

3891

»Aber wir wollen auch gar nicht ins Himmelreich: Männer sind wir worden, – so wollen wir das Erdenreich

3891

“But we desire nothing of the kingdom of heaven: we have become men—so we desire the kingdom of earth.”

3892

3

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Und noch einmal hob Zarathustra an zu reden. »O meine neuen Freunde«, sprach er – »ihr Wunderlichen, ihr höheren Menschen, wie gut gefallt ihr mir nun, –[550]

3893

And once more Zarathustra began to speak. “O my new friends,” he said—“you strange beings, you higher men, how well you please me now—[550]

3894

– seit ihr wieder fröhlich wurdet! Ihr seid wahrlich alle aufgeblüht: mich dünkt, solchen Blumen, wie ihr seid, tun neue Feste not,

3894

—since you have grown joyful again! Truly, you have all blossomed: such flowers as you are, it seems to me, need new festivals

3895

– ein kleiner tapferer Unsinn, irgendein Gottesdienst und Eselsfest, irgendein alter fröhlicher Zarathustra-Narr, ein Brausewind, der euch die Seelen hell bläst.

3895

—a small, valiant folly, some divine service and Festival of the Ass, some old joyful Zarathustra-fool, a roaring wind to blow your souls bright.

3896

Vergeßt diese Nacht und dies Eselsfest nicht, ihr höheren Menschen! Das erfandet ihr bei mir, das nehme ich als gutes Wahrzeichen,

3896

Do not forget this night and this Festival of the Ass, you higher men! This you invented while with me—I take it as a good omen—

3897

– solcherlei erfinden nur Genesende!

3897

—such things are invented only by convalescents!

3898

Und feiert ihr es abermals, dieses Eselsfest, tut's euch zuliebe, tut's auch mir zuliebe! Und zu meinem Gedächtnis!«

3898

And if you celebrate it again, this Festival of the Ass, do it for your own sake, and do it also for mine! And in my memory!”

3899

Also sprach Zarathustra.[551]

3899

Thus spoke Zarathustra.[551]

3900

Das trunkne Lied

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The Drunken Song

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Inzwischen aber war einer nach dem andern hinausgetreten ins Freie und in die kühle nachdenkliche Nacht; Zarathustra selber aber führte den häßlichsten Menschen an der Hand, daß er ihm seine Nacht-Welt und den großen runden Mond und die silbernen Wasserstürze bei seiner Höhle zeige. Da standen sie endlich still beieinander, lauter alte Leute, aber mit einem getrösteten tapferen Herzen und verwundert bei sich, daß es ihnen auf Erden so wohl war; die Heimlichkeit der Nacht aber kam ihnen näher und näher ans Herz. Und von neuem dachte Zarathustra bei sich: »O wie gut sie mir nun gefallen, diese höheren Menschen!« – aber er sprach es nicht aus, denn er ehrte ihr Glück und ihr Stillschweigen. –

3902

Meanwhile, one after another had stepped out into the open and into the cool, pensive night; Zarathustra himself, however, led the ugliest man by the hand to show him his night-world, the great round moon, and the silver cascades near his cave. There they stood at last, silent together, all aged souls yet with comforted courageous hearts, marveling inwardly that it felt so good to be on earth; the secrecy of the night crept closer and closer to their hearts. And Zarathustra thought once more: “O how well they please me now, these higher men!”—but he did not speak it aloud, honoring their happiness and their silence.—

3903

Da aber geschah das, was an jenem erstaunlichen langen Tage das Erstaunlichste war: der häßlichste Mensch begann noch einmal und zum letztenmal zu gurgeln und zu schnauben, und als er es bis zu Worten gebracht hatte, siehe, da sprang eine Frage rund und reinlich aus seinem Munde, eine gute tiefe klare Frage, welche allen, die ihm zuhörten, das Herz im Leibe bewegte.

3903

Then occurred the most astonishing thing of that long, astonishing day: the ugliest man began once more, and for the last time, to gurgle and snort, and when he had wrestled his way to words, behold, a question leaped forth from his mouth, round and pure, a good, deep, lucid question that stirred the hearts of all who heard it.

3904

»Meine Freunde insgesamt«, sprach der häßlichste Mensch, »was dünket euch? Um dieses Tages willen – ich bin's zum ersten Male zufrieden, daß ich das ganze Leben lebte.[551]

3904

“My friends all together,” spoke the ugliest man, “what do you think? For the sake of this day—I am for the first time content that I have lived my entire life.[551]

3905

Und daß ich so viel bezeuge, ist mir noch nicht genug. Es lohnt sich auf der Erde zu leben: ein Tag, ein Fest mit Zarathustra lehrte mich die Erde lieben.

3905

And that I testify to so much is still not enough. It is worth living on earth: one day, one festival with Zarathustra taught me to love the earth.

3906

›War das – das Leben?‹ will ich zum Tode sprechen. ›Wohlan! Noch einmal!‹

3906

‘Was this—life?’ I would say to death. ‘Very well! Once more!’

3907

Meine Freunde, was dünket euch? Wollt ihr nicht gleich mir zum Tode sprechen: War das – das Leben? Um Zarathustras willen, wohlan! Noch einmal!« – –

3907

My friends, what do you think? Will you not, like me, say to death: Was this—life? For Zarathustra’s sake: Very well! Once more!’”— —

3908

Also sprach der häßlichste Mensch; es war aber nicht lange vor Mitternacht. Und was glaubt ihr wohl, daß damals sich zutrug? Sobald die höheren Menschen seine Frage hörten, wurden sie sich mit einem Male ihrer Verwandlung und Genesung bewußt, und wer ihnen dieselbe gegeben habe: da sprangen sie auf Zarathustra zu, dankend, verehrend, liebkosend, ihm die Hände küssend, so wie es der Art eines jeden eigen war: also, daß einige lachten, einige weinten. Der alte Wahrsager aber tanzte vor Vergnügen; und wenn er auch, wie manche Erzähler meinen, damals voll süßen Weines war, so war er gewißlich noch voller des süßen Lebens und hatte aller Müdigkeit abgesagt. Es gibt sogar solche, die erzählen, daß damals der Esel getanzt habe: nicht umsonst nämlich habe ihm der häßlichste Mensch vorher Wein zu trinken gegeben. Dies mag sich nun so verhalten oder auch anders; und wenn in Wahrheit an jenem Abende der Esel nicht getanzt hat, so geschahen doch damals größere und seltsamere Wunderdinge, als es das Tanzen eines Esels wäre. Kurz, wie das Sprichwort Zarathustras lautet: »was liegt daran!«

3908

Thus spoke the ugliest man; and it was not long before midnight. And what think you occurred then? When the higher men heard his question, they became suddenly conscious of their transformation and convalescence, and of him who had wrought it: thereupon they rushed toward Zarathustra, thanking, honoring, caressing, kissing his hands, each according to his own manner: so that some laughed, some wept. The old soothsayer, however, danced with delight; and though he may then have been full of sweet wine, as some narrators suppose, he was assuredly still fuller of sweet life, having renounced all weariness. There are even those who relate that the ass then danced: for not in vain had the ugliest man previously given it wine to drink. Now this may have been so or otherwise; and if in truth the ass did not dance that evening, yet greater and stranger wonders occurred than the dancing of an ass would have been. In short, as Zarathustra's proverb runs: "What matters it?"

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Zarathustra aber, als sich dies mit dem häßlichsten Menschen zutrug, stand da wie ein Trunkener: sein Blick erlosch, seine Zunge lallte, seine Füße schwankten. Und wer möchte auch erraten, welche Gedanken dabei über Zarathustras Seele liefen? Ersichtlich aber wich sein Geist zurück und floh voraus und war in weiten Fernen und gleichsam »auf hohem Joche«, wie geschrieben steht, »zwischen zwei Meeren,

3910

But Zarathustra, when this occurred with the ugliest man, stood there like one drunken: his gaze grew dim, his tongue faltered, his feet staggered. And who could divine what thoughts then coursed through Zarathustra's soul? But visibly his spirit retreated and fled before him, dwelling in remote distances, as it were "upon high ridges," as it is written, "between two seas,

3911

– zwischen Vergangenem und Zukünftigem als schwere Wolke wandelnd«. Allgemach aber, während ihn die höheren Menschen in[552] den Armen hielten, kam er ein wenig zu sich selber zurück und wehrte mit den Händen dem Gedränge der Verehrenden und Besorgten; doch sprach er nicht. Mit einem Male aber wandte er schnell den Kopf, denn er schien etwas zu hören: da legte er den Finger an den Mund und sprach: »Kommt!«

3911

—wandering like a heavy cloud betwixt past and future." Gradually, however, while the higher men held him in their arms, he came somewhat to himself and with his hands restrained the throng of reverent and anxious admirers; yet he spoke not. All at once he turned his head quickly, for he seemed to hear something: then laying his finger to his lips, he said: "Come!"

3912

Und alsbald wurde es rings still und heimlich; aus der Tiefe aber kam langsam der Klang einer Glocke herauf. Zarathustra horchte danach, gleich den höheren Menschen; dann aber legte er zum andern Male den Finger an den Mund und sprach wiederum: »Kommt! Kommt! Es geht gen Mitternacht!« – und seine Stimme hatte sich verwandelt. Aber immer noch rührte er sich nicht von der Stelle: da wurde es noch stiller und heimlicher, und alles horchte, auch der Esel, und Zarathustras Ehrentiere, der Adler und die Schlange, insgleichen die Höhle Zarathustras und der große kühle Mond und die Nacht selber. Zarathustra aber legte zum dritten Male die Hand an den Mund und sprach:

3912

And immediately it grew still and secret around them; from the depths there rose slowly the tolling of a bell. Zarathustra listened, as did the higher men; but then he laid his finger to his lips a second time and spoke again: "Come! Come! The midnight approaches!"—and his voice had now changed. Yet still he stirred not from the spot: then it grew yet stiller and more secret, and all listened—even the ass, and Zarathustra's honored beasts, the eagle and the serpent, likewise Zarathustra's cave and the great cool moon and the night herself. But Zarathustra raised his hand to his mouth a third time and spoke:

3913

Kommt! Kommt! Kommt! Laßt uns jetzo wandeln! Es ist die Stunde: laßt uns in die Nacht wandeln!

3913

Come! Come! Come! Let us now wander! The hour is upon us: let us wander into the night!

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Ihr höheren Menschen, es geht gen Mitternacht: da will ich euch etwas in die Ohren sagen, wie jene alte Glocke es mir ins Ohr sagt, –

3915

You higher men, midnight draws nigh: I will say something into your ears, as that ancient bell murmurs it into mine—

3916

– so heimlich, so schrecklich, so herzlich, wie jene Mitternachts-Glocke zu mir es redet, die mehr erlebt hat als ein Mensch:

3916

—as secretly, as terribly, as heartily as that midnight bell speaks to me, which has witnessed more than any human:

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– welche schon eurer Väter Herzens-Schmerzens-Schläge abzählte – ach! ach! wie sie seufzt! wie sie im Traume lacht! die alte tiefe tiefe Mitternacht!

3917

—which has counted even your fathers' heart-wrenching throes—ah! ah! how it sighs! how it laughs in dreams! the ancient deep deep midnight!

3918

Still! Still! Da hört sich manches, das am Tage nicht laut werden darf; nun aber, bei kühler Luft, da auch aller Lärm eurer Herzen stille ward, –

3918

Hush! Hush! Here many things may be heard that dare not be loud by day; but now, in cool air, when even the clamor of your hearts has grown still—

3919

– nun redet es, nun hört es sich, nun schleicht es sich in nächtliche überwache Seelen: ach! ach! wie sie seufzt! wie sie im Traume lacht!

3919

—now it speaks, now it is heard, now it steals into over-wakeful nocturnal souls: Alas! Alas! How she sighs! How she laughs in dreams!

3920

– hörst du's nicht, wie sie heimlich, schrecklich, herzlich zu dir redet, die alte tiefe tiefe Mitternacht?

3920

—do you not hear how secretly, terribly, tenderly she speaks to you, the ancient deep deep Midnight?

3921

O Mensch, gib acht![553]

3921

O Human, take heed![553]

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Wehe mir! Wo ist die Zeit hin? Sank ich nicht in tiefe Brunnen? Die Welt schläft –

3923

Woe is me! Where has time fled? Did I not sink into deep wells? The world sleeps—

3924

Ach! Ach! Der Hund heult, der Mond scheint. Lieber will ich sterben, sterben, als euch sagen, was mein Mitternachts-Herz eben denkt.

3924

Alas! Alas! The dog howls, the moon shines. I would sooner die, die, than tell you what my midnight-heart now thinks.

3925

Nun starb ich schon. Es ist dahin. Spinne, was spinnst du um mich? Willst du Blut? Ach! Ach! der Tau fällt, die Stunde kommt –

3925

Now I am already dead. It is gone. Spider, why spin you around me? Do you crave blood? Alas! Alas! The dew falls, the hour comes—

3926

– die Stunde, wo mich fröstelt und friert, die fragt und fragt und fragt: »wer hat Herz genug dazu?

3926

—the hour that chills and freezes me, that asks and asks and asks: “Who has heart enough for this?

3927

– wer soll der Erde Herr sein? Wer will sagen: so sollt ihr laufen, ihr großen und kleinen Ströme!«

3927

—who shall be master of the earth? Who will proclaim: thus shall you flow, you mighty and petty streams!”

3928

– die Stunde naht: o Mensch, du höherer Mensch, gib acht! diese Rede ist für feine Ohren, für deine Ohren – was spricht die tiefe Mitternacht?

3928

—the hour draws near: O Human, you higher human, take heed! This speech is for refined ears, for your ears—what does the deep Midnight declare?

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3929

5

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Es trägt mich dahin, meine Seele tanzt. Tagewerk! Tagewerk! Wer soll der Erde Herr sein?

3930

It carries me away, my soul dances. Day’s labor! Day’s labor! Who shall be master of the earth?

3931

Der Mond ist kühl, der Wind schweigt. Ach! Ach! Flogt ihr schon hoch genug? Ihr tanztet: aber ein Bein ist doch kein Flügel.

3931

The moon is cool, the wind hushed. Alas! Alas! Have you not flown high enough? You danced: yet a leg is no wing.

3932

Ihr guten Tänzer, nun ist alle Lust vorbei: Wein ward Hefe, jeder Becher ward mürbe, die Gräber stammeln.

3932

You fine dancers, now all joy is past: wine turned to dregs, every cup grown brittle, the graves stammer.

3933

Ihr flogt nicht hoch genug: nun stammeln die Gräber »erlöst doch die Toten! Warum ist so lange Nacht? Macht uns nicht der Mond trunken?«

3933

You flew not high enough: now the graves stammer, “redeem the dead! Why is night so long? Does the moon not make us drunk?”

3934

Ihr höheren Menschen, erlöst doch die Gräber, weckt die Leichname auf! Ach, was gräbt noch der Wurm? Es naht, es naht die Stunde, –

3934

You higher men, redeem the graves, awaken the corpses! Ah, why does the worm still burrow? The hour nears, it nears—

3935

– es brummt die Glocke, es schnarrt noch das Herz, es gräbt noch der Holzwurm, der Herzenswurm. Ach! Ach! Die Welt ist tief!

3935

—the bell booms, the heart still rattles, the woodworm still burrows, the heartworm. Alas! Alas! The world is deep!

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6

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Süße Leier! Süße Leier! Ich liebe deinen Ton, deinen trunkenen Unken-Ton! – wie lang her, wie fern her kommt mir dein Ton, weit her, von den Teichen der Liebe![554]

3937

Sweet lyre! Sweet lyre! I love your sound, your drunken toad-croak!—how long ago, how far away your tone comes to me, from distant pools of love![554]

3938

Du alte Glocke, du süße Leier! Jeder Schmerz riß dir ins Herz, Vaterschmerz, Väterschmerz, Urväterschmerz; deine Rede wurde reif, –

3938

You ancient bell, you sweet lyre! Every pain tore into your heart, father-pain, forefathers’-pain, primal pain; your speech grew ripe—

3939

– reif gleich goldenem Herbste und Nachmittage, gleich meinem Einsiedlerherzen – nun redest du: die Welt selber ward reif, die Traube bräunt,

3939

—ripe as golden autumn and afternoon, like my hermit-heart—now you speak: the world itself grew ripe, the grape darkens,

3940

– nun will sie sterben, vor Glück sterben. Ihr höheren Menschen, riecht ihr's nicht? Es quillt heimlich ein Geruch herauf,

3940

—now it wills to die, to die of bliss. You higher men, do you not smell it? A scent wells up secretly,

3941

– ein Duft und Geruch der Ewigkeit, ein rosenseliger brauner Gold-Wein-Geruch von altem Glücke,


– von trunkenem Mitternachts-Sterbeglücke, welches singt: die Welt ist tief, und tiefer als der Tag gedacht!

3941

—of drunken midnight’s death-bliss, which sings: the world is deep, and deeper than day has ever conceived!

3942

7

3942

7

3943

Laß mich! Laß mich! Ich bin zu rein für dich. Rühre mich nicht an! Ward meine Welt nicht eben vollkommen?

3943

Let me be! Let me be! I am too pure for you. Touch me not! Did my world not just become perfect?

3944

Meine Haut ist zu rein für deine Hände. Laß mich, du dummer tölpischer dumpfer Tag! Ist die Mitternacht nicht heller?

3944

My skin is too pure for your hands. Let me be, you dull cloddish day! Is Midnight not brighter?

3945

Die Reinsten sollen der Erde Herr sein, die Unerkanntesten, Stärksten, die Mitternachts-Seelen, die heller und tiefer sind als jeder Tag.

3945

The purest shall be masters of the earth, the unrecognized, strongest, the midnight-souls, who are brighter and deeper than any day.

3946

O Tag, du tappst nach mir? Du tastest nach meinem Glücke? Ich bin dir reich, einsam, eine Schatzgrube, eine Goldkammer?

3946

O Day, do you grope for me? Do you fumble for my joy? To you, I am rich, solitary, a treasure-mine, a gold-vault?

3947

O Welt, du willst mich? Bin ich dir weltlich? Bin ich dir geistlich? Bin ich dir göttlich? Aber Tag und Welt, ihr seid zu plump, –

3947

O World, do you crave me? Am I worldly to you? Am I spiritual? Am I divine? But Day and World, you are too crude—

3948

– habt klügere Hände, greift nach tieferem Glücke, nach tieferem Unglücke, greift nach irgendeinem Gotte, greift nicht nach mir:

3948

– have wiser hands, reach for deeper happiness, for deeper unhappiness, reach for some god, reach not for me:

3949

– mein Unglück, mein Glück ist tief, du wunderlicher Tag, aber doch bin ich kein Gott, keine Gottes-Hölle: tief ist ihr Weh.

3949

– my unhappiness, my happiness is deep, you strange day, yet I am no god, no god’s inferno: deep is her woe.

3950

8

3950

8

3951

Gottes Weh ist tiefer, du wunderliche Welt! Greife nach Gottes Weh, nicht nach mir! Was bin ich! Eine trunkene süße Leier, –

3951

God’s woe is deeper, you strange world! Grasp at God’s woe, not at me! What am I! A drunken sweet lyre –

3952

– eine Mitternachts-Leier, eine Glocken-Unke, die niemand versteht, aber welche reden muß, vor Tauben, ihr höheren Menschen! Denn ihr versteht mich nicht![555]

3952

– a midnight-lyre, a bell-frog that none comprehends, but which must speak before deaf ears, you higher men! For you do not understand me![555]

3953

Dahin! Dahin! O Jugend! O Mittag! O Nachmittag! Nun kam Abend und Nacht und Mitternacht, – der Hund heult, der Wind:

3953

Gone! Gone! O youth! O noon! O afternoon! Now comes evening and night and midnight – the dog howls, the wind:

3954

– ist der Wind nicht ein Hund? Er winselt, er kläfft, er heult. Ach! Ach! wie sie seufzt! wie sie lacht, wie sie röchelt und keucht, die Mitternacht!

3954

– is the wind not a dog? It whines, it barks, it howls. Ah! Ah! how she sighs! how she laughs, how she rasps and gasps, this midnight!

3955

Wie sie eben nüchtern spricht, diese trunkene Dichterin! sie übertrank wohl ihre Trunkenheit? sie wurde überwach? sie käut zurück?

3955

How soberly she speaks now, this drunken poetess! Did she overdrink her drunkenness? Did she grow over-wakeful? Does she chew her cud?

3956

– ihr Weh käut sie zurück, im Traume, die alte tiefe Mitternacht und mehr noch ihre Lust. Lust nämlich, wenn schon Weh tief ist: Lust ist tiefer noch als Herzeleid.

3956

– she chews her woe in dreams, this old deep midnight, and even more her joy. For joy, though woe be deep: joy is deeper still than heartache.

3957

9

3957

9

3958

Du Weinstock! Was preisest du mich! Ich schnitt dich doch! Ich bin grausam, du blutest –: was will dein Lob meiner trunkenen Grausamkeit?

3958

You grapevine! Why do you praise me? Did I not cut you? I am cruel, you bleed – what means your praise of my drunken cruelty?

3959

»Was vollkommen ward, alles Reife – will sterben!« so redest du. Gesegnet, gesegnet sei das Winzermesser! Aber alles Unreife will leben: wehe!

3959

»What has become perfect, all that is ripe – wants to die!« so you speak. Blessed, blessed be the vintager’s knife! But all unripe things want to live: alas!

3960

Weh spricht: »Vergeh! Weg, du Wehe!« Aber alles, was leidet, will leben, daß es reif werde und lustig und sehnsüchtig,

3960

Woe says: »Perish! Away, you woe!« But all that suffers wants to live, to ripen into joy and longing,

3961

– sehnsüchtig nach Fernerem, Höherem, Hellerem. »Ich will Erben, so spricht alles, was leidet, ich will Kinder, ich will nicht mich«, –

3961

– longing for what is farther, higher, brighter. »I want heirs,« so speaks all that suffers, »I want children, I do not want myself« –

3962

Lust aber will nicht Erben, nicht Kinder – Lust will sich selber, will Ewigkeit, will Wiederkunft, will Alles-sich-ewig-gleich.

3962

But joy wants no heirs, no children – joy wants itself, wants eternity, wants recurrence, wants all things eternally the same.

3963

Weh spricht: »Brich, blute, Herz! Wandle, Bein! Flügel, flieg! Hinan! Hinauf! Schmerz!« Wohlan! Wohlauf! O mein altes Herz: Weh spricht: »vergeh

3963

Woe says: »Break, bleed, heart! Walk, leg! Wings, fly! Upward! Onward! Pain!« Up! Onward! O my ancient heart: Woe says: »Perish

3964

10

3964

10

3965

Ihr höheren Menschen, was dünket euch? Bin ich ein Wahrsager? Ein Träumender? Trunkener? Ein Traumdeuter? Eine Mitternachts-Glocke?

3965

You higher men, what think you? Am I a soothsayer? A dreamer? A drunkard? A dream interpreter? A midnight bell?

3966

Ein Tropfen Taus? Ein Dunst und Duft der Ewigkeit? Hört ihr's nicht? Riecht ihr's nicht? Eben ward meine Welt vollkommen, Mitternacht ist auch Mittag, –[556]

3966

A drop of dew? A vapor and fragrance of eternity? Do you not hear it? Do you not smell it? Just now my world became perfect, midnight is also noon –[556]

3967

Schmerz ist auch eine Lust, Fluch ist auch ein Segen, Nacht ist auch eine Sonne – geht davon oder ihr lernt: ein Weiser ist auch ein Narr.

3967

Pain is also a joy, a curse is also a blessing, night is also a sun – depart from here or you will learn: a sage is also a fool.

3968

Sagtet ihr jemals ja zu einer Lust? Oh, meine Freunde, so sagtet ihr ja auch zu allem Wehe. Alle Dinge sind verkettet, verfädelt, verliebt, –

3968

Did you ever say yes to one joy? Oh my friends, then you said yes to all woe. All things are chained, entwined, enamored –

3969

– wolltet ihr jemals einmal zweimal, spracht ihr jemals »du gefällst mir, Glück! Husch! Augenblick!« so wolltet ihr alles zurück!

3969

– if you ever wanted one thing twice, if you ever said »you please me, happiness! Quick! Moment!« then you wanted everything back!

3970

– Alles von neuem, alles ewig, alles verkettet, verfädelt, verliebt, oh, so liebtet ihr die Welt, –

3970

– All anew, all eternal, all chained, entwined, enamored, oh, then you loved the world –

3971

– ihr Ewigen, liebt sie ewig und allezeit: und auch zum Weh sprecht ihr: vergeh, aber komm zurück! Denn alle Lust will – Ewigkeit!

3971

– you eternal ones, love it eternally and forever: and even to woe you say: perish, but return! For all desire wills – eternity!

3972

11

3972

11

3973

Alle Lust will aller Dinge Ewigkeit, will Honig, will Hefe, will trunkene Mitternacht, will Gräber, will Gräber-Tränen-Trost, will vergüldetes Abendrot –

3973

All desire wills eternity of all things, wills honey, wills yeast, wills drunken midnight, wills graves, wills grave-tears’ solace, wills gilded sunset –

3974

was will nicht Lust! sie ist durstiger, herzlicher, hungriger, schrecklicher, heimlicher als alles Weh, sie will sich, sie beißt in sich, des Ringes Wille ringt in ihr, –

3974

what does desire not want! It is thirstier, more fervent, hungrier, more dreadful, more secretive than all woe; it wants itself, it bites into itself, the will of the ring wrestles within it –

3975

– sie will Liebe, sie will Haß, sie ist überreich, schenkt, wirft weg, bettelt, daß einer sie nimmt, dankt dem Nehmenden, sie möchte gern gehaßt sein, –

3975

– it wants love, it wants hate, it is overrich, gives lavishly, casts away, begs for someone to take it, thanks the taker, it would gladly be hated –

3976

– so reich ist Lust, daß sie nach Wehe durstet, nach Hölle, nach Haß, nach Schmach, nach dem Krüppel, nach Welt, – denn diese Welt, o ihr kennt sie ja!

3976

– so rich is desire that it thirsts for woe, for hell, for hate, for shame, for the cripple, for the world – for this world, oh, you know it well!

3977

Ihr höheren Menschen, nach euch sehnt sie sich, die Lust, die unbändige, selige – nach eurem Weh, ihr Mißratenen! Nach Mißratenem sehnt sich alle ewige Lust.

3977

You higher men, desire yearns for you – the unruly, blissful desire – for your woe, you malformed ones! All eternal desire longs for the malformed.

3978

Denn alle Lust will sich selber, drum will sie auch Herzeleid! O Glück, o Schmerz! Oh brich, Herz! Ihr höheren Menschen, lernt es doch, Lust will Ewigkeit,

3978

For all desire wants itself, thus it wants heart’s agony! O happiness! O pain! Oh, break, heart! You higher men, learn this: desire wants eternity,

3979

– Lust will aller Dinge Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit![557]

3979

– desire wants the eternity of all things, wants deep, deep eternity![557]

3980

12

3980

12

3981

Lerntet ihr nun mein Lied? Errietet ihr, was es will? Wohlan! Wohlauf! Ihr höheren Menschen, so singt mir nun meinen Rundgesang!

3981

Have you now learned my song? Have you guessed what it intends? Wohlan! Wohlauf! You higher men, sing me now my roundelay!

3982

Singt mir nun selber das Lied, des Name ist ›Noch einmal‹, des Sinn ist ›in alle Ewigkeit!‹ – singt, ihr höheren Menschen, Zarathustras Rundgesang!

3982

Sing now yourselves the song whose name is “Once More,” whose meaning is “into all eternity!” – sing, you higher men, Zarathustra’s roundelay!

3983

O Mensch! Gib acht!

3983

O man! Take heed!

3984

Was spricht die tiefe Mitternacht?

3984

What does deep midnight declare?

3985

»Ich schlief, ich schlief –,

3985

“I slept, I slept –,

3986

Aus tiefem Traum bin ich erwacht: –

3986

From deepest dream I now awake: –

3987

Die Welt ist tief,

3987

The world is deep,

3988

Und tiefer als der Tag gedacht.

3988

And deeper than day has conceived.

3989

Tief ist ihr Weh –,

3989

Deep is its woe –,

3990

Lust – tiefer noch als Herzeleid:

3990

Desire – deeper still than heart’s agony:

3991

Weh spricht: Vergeh!

3991

Woe speaks: ‘Perish!’

3992

Doch alle Lust will Ewigkeit –,

3992

Yet all desire seeks eternity –,

3993

will tiefe, tiefe Ewigkeit!«[558]

3993

seeks deep, deep eternity!«[558]

3994

Das Zeichen

3994

The Sign

3995

Des Morgens aber nach dieser Nacht sprang Zarathustra von seinem Lager auf, gürtete sich die Lenden und kam heraus aus seiner Höhle, glühend und stark, wie eine Morgensonne, die aus dunklen Bergen kommt.

3995

But on the morning after this night, Zarathustra sprang from his bed, girded his loins, and emerged from his cave, glowing and strong, like a morning sun rising from dark mountains.

3996

»Du großes Gestirn«, sprach er, wie er einstmals gesprochen hatte, »du tiefes Glücks-Auge, was wäre all dein Glück, wenn du nicht die hättest, welchen du leuchtest!

3996

“You great star,” he spoke, as he once had, “you deep eye of happiness, what would all your happiness be if you did not have those for whom you shine!

3997

Und wenn sie in ihren Kammern blieben, während du schon wach bist und kommst und schenkst und austeilst: wie würde darob deine stolze Scham zürnen!

3997

And if they remained in their chambers while you are already awake, coming, giving, and bestowing: how your proud shame would rage at this!

3998

Wohlan! sie schlafen noch, diese höheren Menschen, während ich wach bin: das sind nicht meine rechten Gefährten! Nicht auf sie warte ich hier in meinen Bergen.[558]

3998

Wohlan! These higher men still sleep while I am awake: these are not my rightful companions! It is not for them I wait here in my mountains.[558]

3999

Zu meinem Werke will ich, zu meinem Tage: aber sie verstehen nicht, was die Zeichen meines Morgens sind, mein Schritt – ist für sie kein Weckruf.

3999

To my work I will go, to my day: but they do not understand the signs of my dawn; my step – is no waking call to them.

4000

Sie schlafen noch in meiner Höhle, ihr Traum trinkt noch an meinen trunkenen Liedern. Das Ohr doch, das nach mir horcht, – das gehorchende Ohr fehlt in ihren Gliedern.«

4000

They still sleep in my cave; their dream still drinks from my drunken songs. But the ear that listens for me – the heeding ear is lacking in their limbs.”

4001

– Dies hatte Zarathustra zu seinem Herzen gesprochen, als die Sonne aufging: da blickte er fragend in die Höhe, denn er hörte über sich den scharfen Ruf seines Adlers. »Wohlan!« rief er hinauf, »so gefällt und gebührt es mir. Meine Tiere sind wach, denn ich bin wach.

4001

– Zarathustra had spoken this to his heart as the sun rose: then he gazed questioningly upward, for he heard the sharp cry of his eagle above him. “Wohlan!” he cried upward, “so it pleases and befits me. My animals are awake, for I am awake.

4002

Mein Adler ist wach und ehrt gleich mir die Sonne. Mit Adlers-Klauen greift er nach dem neuen Lichte. Ihr seid meine rechten Tiere; ich liebe euch.

4002

My eagle is awake and honors the sun as I do. With eagle’s claws it grasps for the new light. You are my rightful animals; I love you.

4003

Aber noch fehlen mir meine rechten Menschen!« –

4003

But my rightful humans are still lacking!” –

4004

Also sprach Zarathustra; da aber geschah es, daß er sich plötzlich wie von unzähligen Vögeln umschwärmt und umflattert hörte – das Geschwirr so vieler Flügel aber und das Gedräng um sein Haupt war so groß, daß er die Augen schloß. Und wahrlich, einer Wolke gleich fiel es über ihn her, einer Wolke von Pfeilen gleich, welche sich über einen neuen Feind ausschüttet. Aber siehe, hier war es eine Wolke der Liebe, und über einen neuen Freund.

4004

Thus spoke Zarathustra; but then it came to pass that he suddenly heard himself surrounded and fluttered about by countless birds – the whirring of so many wings and the press around his head grew so great that he shut his eyes. Verily, it descended upon him like a cloud, like a cloud of arrows pouring over a new enemy. But behold, here it was a cloud of love, pouring over a new friend.

4005

»Was geschieht mir?« dachte Zarathustra in seinem erstaunten Herzen und ließ sich langsam auf dem großen Steine nieder, der neben dem Ausgange seiner Höhle lag. Aber, indem er mit den Händen um sich und über sich und unter sich griff und den zärtlichen Vögeln wehrte, siehe, da geschah ihm etwas noch Seltsameres: er griff nämlich dabei unvermerkt in ein dichtes warmes Haar-Gezottel hinein; zugleich aber erscholl vor ihm ein Gebrüll – ein sanftes langes Löwen-Brüllen.

4005

"What is happening to me?" thought Zarathustra in his astonished heart, and slowly lowered himself onto the great stone beside the mouth of his cave. But as he groped about with his hands above, below, and around him, warding off the tender birds, behold, something stranger still occurred: for unwittingly he clutched into a thick warm mane of hair – and simultaneously a roar resounded before him: a soft, prolonged lion's roar.

4006

»Das Zeichen kommt«, sprach Zarathustra, und sein Herz verwandelte sich. Und in Wahrheit, als es helle vor ihm wurde, da lag ihm ein gelbes mächtiges Getier zu Füßen und schmiegte das Haupt an seine Knie und wollte nicht von ihm lassen vor Liebe, und tat einem Hunde gleich, welcher seinen alten Herrn wiederfindet. Die Tauben aber waren mit ihrer Liebe nicht minder eifrig als der Löwe; und jedes Mal, wenn eine Taube über die Nase des Löwen huschte, schüttelte der Löwe das Haupt und wunderte sich und lachte dazu.[559]

4006

"The sign is at hand," spoke Zarathustra, and his heart transformed. And truly, when it grew bright before him, there lay at his feet a yellow mighty beast, nestling its head against his knees and refusing to leave him out of love, acting like a hound that has found its old master. Yet the doves were no less fervent in their love than the lion; and each time a dove husched over the lion's nose, he shook his head in wonderment and laughed the while.

4007

Zu dem allen sprach Zarathustra nur ein Wort: »meine Kinder sind nahe, meine Kinder« –, dann wurde er ganz stumm. Sein Herz aber war gelöst, und aus seinen Augen tropften Tränen herab und fielen auf seine Hände. Und er achtete keines Dings mehr und saß da, unbeweglich und ohne daß er sich noch gegen die Tiere wehrte. Da flogen die Tauben ab und zu und setzten sich ihm auf die Schulter und liebkosten sein weißes Haar und wurden nicht müde mit Zärtlichkeit und Frohlocken. Der starke Löwe aber leckte immer die Tränen, welche auf die Hände Zarathustras herabfielen, und brüllte und brummte schüchtern dazu. Also trieben es diese Tiere. –

4007

To all this Zarathustra spoke but one word: "My children are near, my children" – then he fell utterly silent. His heart was unbound, and tears dropped from his eyes onto his hands. He heeded nothing now, sitting motionless, no longer resisting the animals. The doves fluttered to and fro, alighting on his shoulders, caressing his white hair, tireless in their tenderness and exultation. The mighty lion meanwhile licked the tears that fell upon Zarathustra's hands, roaring and growling bashfully. Thus did these creatures carry on.

4008

Dies alles dauerte eine lange Zeit, oder eine kurze Zeit: denn, recht gesprochen, gibt es für dergleichen Dinge auf Erden keine Zeit –. Inzwischen aber waren die höheren Menschen in der Höhle Zarathustras wach geworden und ordneten sich miteinander zu einem Zuge an, daß sie Zarathustra entgegengingen und ihm den Morgengruß böten: denn sie hatten gefunden, als sie erwachten, daß er schon nicht mehr unter ihnen weilte. Als sie aber zur Tür der Höhle gelangten und das Geräusch ihrer Schritte ihnen voranlief, da stutzte der Löwe gewaltig, kehrte sich mit einem Male von Zarathustra ab und sprang, wildbrüllend, auf die Höhle los; die höheren Menschen aber, als sie ihn brüllen hörten, schrien alle auf, wie mit einem Munde, und flohen zurück und waren im Nu verschwunden.

4008

This lasted a long while, or a short while: for properly speaking, such things have no time on earth. Meanwhile, the higher men in Zarathustra's cave had awakened and arranged themselves into a procession to greet him at dawn – for they had discovered upon waking that he no longer dwelled among them. But as they reached the cave's mouth, their footsteps echoing before them, the lion started violently, turned suddenly from Zarathustra, and sprang, roaring savagely, toward the cave. When the higher men heard his roar, they all screamed as with one voice, fled back, and vanished in an instant.

4009

Zarathustra selber aber, betäubt und fremd, erhob sich von seinem Sitze, sah um sich, stand staunend da, fragte sein Herz, besann sich und war allein. »Was hörte ich doch?« sprach er endlich langsam, »was geschah mir eben?«

4009

Zarathustra himself, dazed and estranged, rose from his seat, looked about, stood in wonderment, questioned his heart, pondered, and found himself alone. "What was it I heard?" he finally spoke slowly. "What has just befallen me?"

4010

Und schon kam ihm die Erinnerung, und er begriff mit einem Blicke alles, was zwischen gestern und heute sich begeben hatte. »Hier ist ja der Stein«, sprach er und strich sich den Bart, »auf dem saß ich gestern am Morgen; und hier trat der Wahrsager zu mir, und hier hörte ich zuerst den Schrei, den ich eben hörte, den großen Notschrei.

4010

Then remembrance came upon him, and with one glance he comprehended all that had transpired between yesterday and today. "Here lies the stone," he spoke, stroking his beard, "on which I sat yesterday at morn; here the soothsayer approached me, and here first I heard the cry, that very cry I heard again—the great cry of distress.

4011

O ihr höheren Menschen, von eurer Not war's ja, daß gestern am Morgen jener alte Wahrsager mir wahrsagte, –

4011

O ye higher men, it was your distress that yesterday at morn the old soothsayer prophesied to me—

4012

– zu eurer Not wollte er mich verführen und versuchen: o Zarathustra, sprach er zu mir, ich komme, daß ich dich zu deiner letzten Sünde verführe.[560]

4012

—to lure and tempt me toward your distress: O Zarathustra, he said to me, I come to seduce you into your ultimate sin.

4013

Zu meiner letzten Sünde? rief Zarathustra und lachte zornig über sein eigenes Wort: was blieb mir doch aufgespart als meine letzte Sünde?«

4013

My ultimate sin? cried Zarathustra, laughing wrathfully at his own words: what was reserved for me as my ultimate sin?"

4014

– Und noch einmal versank Zarathustra in sich und setzte sich wieder auf den großen Stein nieder und sann nach. Plötzlich sprang er empor, –

4014

—And once more Zarathustra sank into himself and sat down again upon the great stone, pondering. Suddenly he sprang up—

4015

»Mitleiden! Das Mitleiden mit dem höheren Menschen!« schrie er auf, und sein Antlitz verwandelte sich in Erz. »Wohlan! Das – hatte seine Zeit!

4015

"Compassion! Compassion for the higher man!" he cried out, his countenance transformed to bronze. "Well then! That—has had its hour!

4016

Mein Leid und mein Mitleiden – was liegt daran! Trachte ich denn nach Glücke? Ich trachte nach meinem Werke!

4016

My suffering and my compassion—what matter they? Do I strive after happiness? I strive after my work!

4017

Wohlan! Der Löwe kam, meine Kinder sind nahe, Zarathustra ward reif, meine Stunde kam: –

4017

Well then! The lion came, my children are near, Zarathustra has ripened, my hour has come: —

4018

Dies ist mein Morgen, mein Tag hebt an: herauf nun, herauf, du großer Mittag!« – –

4018

This is my morning, my day is breaking: arise now, arise, thou great noon!" — —

4019

Also sprach Zarathustra und verließ seine Höhle, glühend und stark, wie eine Morgensonne, die aus dunklen Bergen kommt.[561]

4019

Thus spoke Zarathustra and left his cave, glowing and strong, like a morning sun emerging from dark mountains.

4020

Biographie

4020

Biography

4021

1844

15. Oktober: Friedrich Nietzsche wird als Sohn eines Pfarrers in Röcken in Sachsen geboren.

1849

Der Tod des Vaters trifft Nietzsche früh.

1850

Mit Mutter und Schwester siedelt er nach Naumburg an der Saale über.

1854

Es entstehen erste Gedichte und Kompositionen.

1858

Nietzsche wird Internatsschüler des Gymnasiums Schulpforta bei Naumburg.

1864

Er nimmt das Studium der Theologie und klassischen Philologie an der Universität Bonn auf.

1865

Nietzsche folgt seinem Lehrer Ritschl nach Leipzig und setzt sein Studium fort. Er macht erste Bekanntschaft mit Schopenhauers Schriften.

1866

Er schließt Freundschaft mit Erwin Rohde.

1868

8. November: Nietzsche lernt Richard Wagner in Leipzig kennen.

1869

Auf Empfehlung Ritschls wird Nietzsche an die Universität Basel als außerordentlicher Professor der klassischen Philologie berufen.17. Mai: Erster Besuch bei Wagner in Tribschen bei Luzern.Ende Mai hält Nietzsche seine Antrittsrede an der Universität Basel über »Homer und die klassische Philologie«. Er macht die Bekanntschaft Jacob Burckhardts.Es beginnt die Arbeit an »Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik«.

1870

Nietzsche wird zum ordentlichen Professor ernannt.Am Deutsch-Französischen Krieg nimmt er als freiwilliger Krankenhelfer teil.Im Oktober kehrt er nach Basel zurück und freundet sich mit dem Theologen Franz Overbeck an.

4021

1844

October 15: Friedrich Nietzsche is born as the son of a pastor in Röcken, Saxony.

1849

The death of his father strikes Nietzsche early.

1850

He moves with his mother and sister to Naumburg an der Saale.

1854

His first poems and compositions emerge.

1858

Nietzsche becomes a boarding student at Schulpforta Gymnasium near Naumburg.

1864

He begins studying theology and classical philology at the University of Bonn.

1865

Nietzsche follows his teacher Ritschl to Leipzig and continues his studies. He first encounters Schopenhauer's writings.

1866

He forms a friendship with Erwin Rohde.

1868

November 8: Nietzsche meets Richard Wagner in Leipzig.

1869

On Ritschl's recommendation, Nietzsche is appointed extraordinary professor of classical philology at the University of Basel.May 17: First visit to Wagner in Tribschen near Lucerne. At the end of May, Nietzsche delivers his inaugural lecture at the University of Basel on "Homer and Classical Philology." He meets Jacob Burckhardt. Begins work on The Birth of Tragedy from the Spirit of Music.

1870

Nietzsche is promoted to full professor. Serves as a volunteer medical orderly in the Franco-Prussian War. Returns to Basel in October and befriends theologian Franz Overbeck.

4022

1872

»Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« erscheint und erregt sofort Aufsehen. Mit dem »Dionysischen« und dem »Apollinischen« führt Nietzsche einen durch Schopenhauers »Wille und Vorstellung« angeregten Gegensatz ein, der für sein ganzes Werk prägend bleibt. Dabei ist ihm die Herkunft von Schopenhauers »Wille« und »Vorstellung« deutlich anzumerken.Es entstehen die Basler Vorträge »Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten« (posthum veröffentlicht).22. Mai: Zur Grundsteinlegung des Bayreuther Festspielhauses ist Nietzsche bei Wagner in Bayreuth.

1873

»Erste Unzeitgemäße Betrachtung: David Friedrich Strauß, der Bekenner und der Schriftsteller«.»Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen« (posthum veröffentlicht).

1874

»Zweite Unzeitgemäße Betrachtung: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben«,»Dritte Unzeitgemäße Betrachtung: Schopenhauer als Erzieher«.

1876

»Vierte Unzeitgemäße Betrachtung: Richard Wagner in Bayreuth«.Nietzsche besucht die ersten »Bayreuther Festspiele«.Es beginnt die Freundschaft mit dem Psychologen Paul Reé.Aufgrund zunehmender schwer definierbarer Krankheit (Migräne?) wird Nietzsche von der Universität Basel beurlaubt und verbringt den Winter mit Reé in Sorrent. In Sorrent auch letztes Zusammensein mit Wagner.

1878

Erster Teil von »Menschliches Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister«.Damit ist Nietzsche in die zweite Phase seines Schaffens eingetreten, die »aufklärerische« oder »positivistische«. Er kritisiert und demaskiert allen idealistischen Schwulst bezieht in diesem Zusammenhang auch Position gegen Wagner.Wagner übersendet Nietzsche den »Parsifal«, dieser übersendet »Menschliches Allzumenschliches«. Danach bricht der Kontakt zu Wagner ab.

4022

1872

The Birth of Tragedy from the Spirit of Music is published and immediately causes a sensation. With the "Dionysian" and the "Apollinian," Nietzsche introduces a duality inspired by Schopenhauer’s The World as Will and Representation, which remains foundational throughout his work. The influence of Schopenhauer’s "will" and "representation" is unmistakable here.The Basel Lectures on the Future of Our Educational Institutions are composed (published posthumously).22 May: Nietzsche attends the cornerstone-laying ceremony of the Bayreuth Festival Theatre with Wagner in Bayreuth.

1873

First Untimely Meditation: David Strauss, the Confessor and the Writer.Philosophy in the Tragic Age of the Greeks (published posthumously).

1874

Second Untimely Meditation: On the Use and Abuse of History for Life.Third Untimely Meditation: Schopenhauer as Educator.

1876

Fourth Untimely Meditation: Richard Wagner in Bayreuth.Nietzsche attends the first Bayreuth Festival.The friendship with psychologist Paul Réé begins.Due to worsening, ill-defined health issues (migraines?), Nietzsche is granted leave from the University of Basel and spends the winter with Réé in Sorrento. This marks his final meeting with Wagner.

1878

First volume of Human, All Too Human: A Book for Free Spirits.This marks Nietzsche’s transition into his second creative phase: the "enlightened" or "positivistic" period. He critiques and dismantles all idealistic grandiosity, taking explicit aim at Wagner in this context.Wagner sends Nietzsche a copy of Parsifal; Nietzsche reciprocates with Human, All Too Human. Their correspondence ceases thereafter.

4023

1879

Nietzsche erkrankt schwer und legt sein Lehramt an der Universität nieder.»Vermischte Meinungen und Sprüche«.

1880

»Der Wanderer und sein Schatten« (1886 als zweiter Teil von »Menschliches Allzumenschliches« veröffentlicht.)Nietzsche hält sich zum ersten Mal in Venedig auf und verbringt den ersten Winter in Genua.

1881

Nietzsche verbringt den ersten Sommer in Sils-Maria und hört in Genua erstmals Bizets Oper »Carmen«. Sie wirkt wie eine Erlösung von Wagner und vom düsteren Norden.»Morgenröte«.

1882

»Die fröhliche Wissenschaft«.Im Frühjahr reist er nach Sizilien und lernt Lou Andreas-Salomé kennen.

1883

Erster und zweiter Teil von »Also sprach Zarathustra«.

1884

Dritter Teil des »Zarathustra«.

1885

Vierter Teil des »Zarathustra«. Alle Teile erscheinen im Privatdruck. Der »Zarathustra« ist die bekannteste und für lange Zeit wirksamste Schrift Nietzsches. Hier taucht erstmals die Vision des »Übermenschen« auf.

1886

»Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft«.Die kurze Schrift enthält in einer gedrängten, ausgefeilten Sprache die Kerngedanken von Nietzsches Philosophie. Die Geschichte seit den Griechen wird als Verfallsgeschichte (Dekadenz) verstanden. Verantwortlich für den Niedergang ist der abendländische Geist selbst, der sich in Gestalt von Sokrates die Gleichheit zum Maßstab gesetzt und damit das Mittelmaß eingeführt hat. Die »Philosophie der Zukunft« ist ein Appell an die wenigen großen Geister, sich zu erheben und dadurch die europäische Kultur von Grund auf zu erneuern.Es kommt zu einem letzten Treffen mit Erich Rohde in Leipzig.

4023

1879

Nietzsche’s health deteriorates severely, leading him to resign his professorship.Mixed Opinions and Maxims.

1880

The Wanderer and His Shadow (published in 1886 as the second volume of Human, All Too Human).Nietzsche visits Venice for the first time and spends his initial winter in Genoa.

1881

Nietzsche spends his first summer in Sils-Maria and hears Bizet’s opera Carmen in Genoa. It strikes him as a liberation from Wagner and the gloom of the North.Dawn.

1882

The Gay Science.In spring, he travels to Sicily and meets Lou Andreas-Salomé.

1883

First and second parts of Thus Spoke Zarathustra.

1884

Third part of Zarathustra.

1885

Fourth part of Zarathustra. All parts are privately printed. Zarathustra becomes Nietzsche’s most famous and enduringly influential work, introducing the vision of the "Overman."

1886

Beyond Good and Evil: Prelude to a Philosophy of the Future.This concise work, written in dense, polished prose, distills the core ideas of Nietzsche’s philosophy. He interprets post-Hellenic history as a narrative of decline (Decadence), attributing this degeneration to the Western spirit itself, which—embodied in Socrates—imposed equality as a standard and thereby institutionalized mediocrity. The "Philosophy of the Future" appeals to the few great minds to rise up and radically renew European culture.Nietzsche meets Erwin Rohde for the last time in Leipzig.

4024

1887

»Zur Genealogie der Moral«. Die psychologisch angelegte Untersuchung bildet den Hintergrund von »Jenseits von Gut und Böse«.

1888

Georg Brandes hält an der Universität Kopenhagen Vorlesungen über Nietzsches Philosophie.»Der Fall Wagner«.Nietzsche beendet die Arbeit an den »Dionysos-Dithyramben«.»Der Antichrist. Versuch einer Kritik des Christentums« erscheint als »Umwertung aller Werte I«.»Ecce homo« entsteht (1908 posthum veröffentlicht). Hier spricht Nietzsche über sich selbst und seine an Größenwahn grenzende Berufung.»Nietzsche contra Wagner. Aktenstücke eines Psychologen« (posthum veröffentlicht).

1889

»Die Götzendämmerung oder wie man mit dem Hammer philosophiert«.In Turin kommt es zum Zusammenbruch Nietzsches. Das Leiden tritt offen als Geisteskrankheit auf, der Patient redet irre und verschickt größenwahnsinnige Nachrichten, die bemerkenswerterweise nicht ohne Bezug zu Nietzsches philosophischen Ideen sind, ja sogar als deren Konsequenz gedeutet werden können. Nach wenigen Tagen klingt die – in der Terminologie der Psychiatrie – »produktive Phase« von Nietzsches Erkrankung ab, und er fällt in einen Dämmerzustand, der bis zu seinem Tod anhält.

1897

Nach dem Tod der Mutter, die ihn bis dahin gepflegt hat, siedelt die Schwester Elisabeth mit ihrem Bruder nach Weimar über. Unter ihrer Leitung entsteht dort das »Nietzsche-Archiv«, das einer tendenziösen Rezeption des Philosophen in den folgenden Jahrzehnten Vorschub leistet und vor groben Textfälschungen nicht zurückschreckt.

1900

25. August: Nietzsche stirbt in Weimar.

4024

1887

On the Genealogy of Morality. This psychologically oriented inquiry provides the background to Beyond Good and Evil.

1888

Georg Brandes delivers lectures on Nietzsche’s philosophy at the University of Copenhagen.The Case of Wagner.Nietzsche completes work on the Dionysian Dithyrambs.The Antichrist: An Attempted Critique of Christianity is published as Revaluation of All Values I.Ecce homo is written (posthumously published in 1908). Here, Nietzsche speaks of himself and his vocation, which borders on megalomania.Nietzsche contra Wagner: Documents of a Psychologist (posthumously published).

1889

Twilight of the Idols, or How to Philosophize with a Hammer.In Turin, Nietzsche suffers a mental collapse. His affliction manifests openly as insanity: he speaks incoherently and sends grandiose, delusional messages that, remarkably, are not without connection to his philosophical ideas—indeed, they might even be interpreted as their logical consequence. Within days, what psychiatry terms the “productive phase” of Nietzsche’s illness subsides, and he lapses into a twilight state that persists until his death.

1897

After the death of his mother, who had cared for him until then, his sister Elisabeth relocates with her brother to Weimar. Under her direction, the Nietzsche Archive is established there, fostering a biased reception of the philosopher over subsequent decades and not shying away from crude textual forgeries.

1900

25 August: Nietzsche dies in Weimar.

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Impressum

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Imprint

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Links

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4028

Sammlung Zeno.org

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Zeno.org Collection

4029

Die Sammlung Zeno.org erscheint im Verlag der Contumax GmbH & Co. KG, Berlin. Die Ausgaben der Sammlung basieren auf zuverlässigen Textgrundlagen. Die Seitenkonkordanz zu anerkannten Studienausgaben machen die Texte auch in wissenschaftlichem Zusammenhang zitierfähig. Die Paginierung der Textgrundlage wird in diesem E-Book mitgeführt und verlinkt auf den Ausgangstext von Zeno.org.

4029

The Zeno.org Collection is published by Contumax GmbH & Co. KG, Berlin. The editions in this collection are based on reliable textual sources. Page concordances with recognized scholarly editions ensure these texts can be cited in academic contexts. The pagination of the source text is retained in this e-book and linked to the original text on Zeno.org.

4030

Herausgeber der Reihe: Michael Holzinger

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Series Editor: Michael Holzinger

4031

Reihengestaltung: Viktor Harvion

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Series Design: Viktor Harvion

4032

Buchausgabe

4032

Print Edition

4033

Diese E-Book-Ausgabe ist als gedrucktes Buch erhältlich - als Geschenk oder Archivexemplar. Sie unterstützen damit die Digitalisierung weiterer Bücher durch Zeno.org.

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Im Online-Lesesaal können Sie das gesetzte Buch vollständig einsehen; dort finden Sie auch die Bezugsmöglichkeiten.

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The fully typeset book can be viewed in its entirety in the online reading room, where purchasing options are also provided.

4035

Weitere E-Books

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Additional E-Books

4036

Die Liste der kostenlosen E-Books bei Zeno.org wird laufend erweitert.

4036

The list of free e-books available on Zeno.org is continually expanding.

4037

Bibliographische Angaben

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Bibliographic Data

4038

Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen

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Friedrich Nietzsche: Thus Spoke Zarathustra: A Book for All and None

4039

Vollständiger, durchgesehener Neusatz mit einer Biographie des Autors bearbeitet und eingerichtet von Michael Holzinger.

4039

Complete, revised new edition with a biography of the author, edited and prepared by Michael Holzinger.

4040

ISBN 978-3-8430-2093-0

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ISBN 978-3-8430-2093-0

4041

Historische Angaben

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Historical Notes

4042

Erstdrucke: Chemnitz (E. Schmeitzner) 1883 (1. und 2. Teil); Chemnitz (E. Schmeitzner) 1884 (3. Teil); Leipzig (C.G. Naumann) 1885 (4. Teil, Privatdruck); Leipzig 1892 (1. vollständige Ausgabe, herausgegeben von P. Gast, d. i. Heinrich Köselitz).

4042

First editions: Chemnitz (E. Schmeitzner) 1883 (Parts 1 and 2); Chemnitz (E. Schmeitzner) 1884 (Part 3); Leipzig (C.G. Naumann) 1885 (Part 4, private printing); Leipzig 1892 (first complete edition, edited by P. Gast, i.e., Heinrich Köselitz).

4043

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

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Bibliographic Information from the German National Library

4044

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind über http://www.dnb.de abrufbar.

4044

The German National Library lists this publication in its catalog; detailed bibliographic data can be accessed at http://www.dnb.de.

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Lizenz

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