Die Geburt der Tragödie oder Griechentum und Pessimismus
Die Geburt Der Tragödie Deutsch 01
The Birth of Tragedy German 01
Friedrich Nietzsche
Friedrich Nietzsche
0101-01-01T00:00:00+00:00
0101-01-01T00:00:00+00:00
Friedrich Nietzsche
Friedrich Nietzsche
Die Geburt der Tragödie oder Griechentum und Pessimismus
The Birth of Tragedy or Hellenism and Pessimism
Versuch einer Selbstkritik
Attempt at a Self-Criticism
1886
1886
1
1
Was auch diesem fragwürdigen Buche zugrunde liegen mag: es muß eine Frage ersten Ranges und Reizes gewesen sein, noch dazu eine tief persönliche Frage - Zeugnis dafür ist die Zeit, in der es entstand, trotz der es entstand, die aufregende Zeit des deutsch-französischen Krieges von 1870/71. Während die Donner der Schlacht von Wörth über Europa weggingen, saß der Grübler und Rätselfreund, dem die Vaterschaft dieses Buches zuteil ward, irgendwo in einem Winkel der Alpen, sehr vergrübelt und verrätselt, folglich sehr bekümmert und unbekümmert zugleich, und schrieb seine Gedanken über die Griechen nieder, - den Kern des wunderlichen und schlecht zugänglichen Buches, dem diese späte Vorrede (oder Nachrede) gewidmet sein soll. Einige Wochen darauf: und er befand sich selbst unter den Mauern von Metz, immer noch nicht losgekommen von den Fragezeichen, die er zur vorgeblichen »Heiterkeit« der Griechen und der griechischen Kunst gesetzt hatte; bis er endlich, in jenem Monat tiefster Spannung, als man in Versailles über den Frieden beriet, auch mit sich zum Frieden kam und, langsam von einer aus dem Felde heimgebrachten Krankheit genesend, die »Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« letztgültig bei sich feststellte. - Aus der Musik? Musik und Tragödie? Griechen und Tragödien-Musik? Griechen und das Kunstwerk des Pessimismus? Die wohlgeratenste, schönste, bestbeneidete, zum Leben verführendste Art der bisherigen Menschen, die Griechen - wie? gerade sie hatten die Tragödie nötig? Mehr noch - die Kunst? Wozu - griechische Kunst?...
Whatever may underlie this questionable book: it must have been a question of the first rank and fascination, moreover a deeply personal question - attested by the era of its conception, despite that era, the agitated time of the Franco-Prussian War of 1870/71. While the thunder of the Battle of Wörth rolled over Europe, the brooder and riddle-friend to whom the paternity of this book fell sat somewhere in an Alpine nook, deeply brooding and perplexed, hence both troubled and untroubled, and wrote down his thoughts about the Greeks - the kernel of that strange and scarcely accessible book to which this belated preface (or postscript) is dedicated. A few weeks later: he found himself beneath the walls of Metz, still haunted by the question marks he had appended to the purported "serenity" of the Greeks and their art; until finally, in that month of profound tension when peace negotiations were underway at Versailles, he made peace with himself and, slowly recovering from an illness contracted on the battlefield, definitively established within himself The Birth of Tragedy from the Spirit of Music. - From music? Music and tragedy? Greeks and tragic music? Greeks and the artwork of pessimism? The most accomplished, beautiful, envied, life-enticing species of humanity thus far, the Greeks - how? Did they of all peoples need tragedy? More yet - art? To what end - Greek art?...
Man errät, an welche Stelle hiermit das große Fragezeichen vom Werte des Daseins gesetzt war. Ist Pessimismus notwendig das Zeichen des Niedergangs, Verfalls, des Mißratenseins, der ermüdeten und geschwächten Instinkte? - wie er es bei den Indern war, wie er es, allem Anschein nach, bei uns, den »modernen« Menschen und Europäern ist? Gibt es einen Pessimismus der Stärke? Eine intellektuelle Vorneigung für das Harte, Schauerliche, Böse, Problematische des Daseins aus Wohlsein, aus überströmender Gesundheit, aus Fülle des Daseins? Gibt es vielleicht ein Leiden an der Überfülle selbst? Eine versucherische Tapferkeit des schärfsten Blicks, die nach dem Furchtbaren verlangt, als nach dem Feinde, dem würdigen Feinde, an dem sie ihre Kraft erproben kann? an dem sie lernen will, was »das Fürchten« ist? Was bedeutet, gerade bei den Griechen der besten, stärksten, tapfersten Zeit, der tragische Mythus? Und das ungeheure Phänomen des Dionysischen? Was, aus ihm geboren, die Tragödie? - Und wiederum: das, woran die Tragödie starb, der Sokratismus der Moral, die Dialektik, Genügsamkeit und Heiterkeit des theoretischen Menschen - wie? könnte nicht gerade dieser Sokratismus ein Zeichen des Niedergangs, der Ermüdung, Erkrankung, der anarchisch sich lösenden Instinkte sein? Und die »griechische Heiterkeit« des späteren Griechentums nur eine Abendröte? Der epikurische Wille gegen den Pessimismus nur eine Vorsicht des Leidenden? Und die Wissenschaft selbst, unsere Wissenschaft - ja, was bedeutet überhaupt, als Symptom des Lebens angesehn, alle Wissenschaft? Wozu, schlimmer noch, woher - alle Wissenschaft? Wie? Ist Wissenschaftlichkeit vielleicht nur eine Furcht und Ausflucht vor dem Pessimismus? Eine feine Notwehr gegen - die Wahrheit? Und, moralisch geredet, etwas wie Feig- und Falschheit? Unmoralisch geredet, eine Schlauheit? O Sokrates, Sokrates, war das vielleicht dein Geheimnis? O geheimnisvoller Ironiker, war dies vielleicht deine - Ironie? - -
One surmises where the great question mark concerning the value of existence was here placed. Is pessimism necessarily the sign of decline, decay, malformation, of weary and weakened instincts? - as it was among the Indians, as it appears to be among us "modern" Europeans? Is there a pessimism of strength? An intellectual predilection for what is hard, terrible, evil, problematic in existence, arising from wellbeing, overflowing health, plenitude of being? Perhaps a suffering from overfullness itself? A testing courage of the keenest gaze that craves the terrible as the worthy enemy against which to prove its strength? From which to learn what "fearing" means? What does the tragic myth signify among the Greeks of their best, strongest, most valiant age? And the tremendous phenomenon of the Dionysian? What, born from it, is tragedy? - Then again: that which killed tragedy - the Socratism of morality, dialectics, the contentment and serenity of the theoretical man - how? Could not precisely this Socratism be a symptom of decline, fatigue, sickness, of anarchically disintegrating instincts? And the "Greek serenity" of later Hellenism merely a twilight glow? The Epicurean will opposing pessimism merely a precaution of the sufferer? And science itself, our science - indeed, what does all science signify as a symptom of life? Whence - worse yet, wherefore - all science? How? Might scientificity be merely fear and evasion of pessimism? A subtle self-defense against - truth? Morally speaking, something like cowardice and deceit? Immorally speaking, a ruse? O Socrates, Socrates, was this perhaps your secret? O mysterious ironist, was this perhaps your - irony? - -
2
2
Was ich damals zu fassen bekam, etwas Furchtbares und Gefährliches, ein Problem mit Hörnern, nicht notwendig gerade ein Stier, jedenfalls ein neues Problem: heute würde ich sagen, daß es das Problem der Wissenschaft selbst war - Wissenschaft zum ersten Male als problematisch, als fragwürdig gefaßt. Aber das Buch, in dem mein jugendlicher Mut und Argwohn sich damals ausließ - was für ein unmögliches Buch mußte aus einer so jugendwidrigen Aufgabe erwachsen! Aufgebaut aus lauter vorzeitigen übergrünen Selbsterlebnissen, welche alle hart an der Schwelle des Mitteilbaren lagen, hingestellt auf den Boden der Kunst - denn das Problem der Wissenschaft kann nicht auf dem Boden der Wissenschaft erkannt werden -, ein Buch vielleicht für Künstler mit dem Nebenhange analytischer und retrospektiver Fähigkeiten (das heißt für eine Ausnahme-Art von Künstlern, nach denen man suchen muß und nicht einmal suchen möchte...), voller psychologischer Neuerungen und Artisten-Heimlichkeiten, mit einer Artisten-Metaphysik im Hintergrunde, ein Jugendwerk voller Jugendmut und Jugend-Schwermut, unabhängig, trotzig-selbständig auch noch, wo es sich einer Autorität und eignen Verehrung zu beugen scheint, kurz ein Erstlingswerk auch in jedem schlimmen Sinne des Wortes, trotz seines greisenhaften Problems, mit jedem Fehler der Jugend behaftet, vor allem mit ihrem »Viel zu lang«, ihrem »Sturm und Drang«; andererseits, in Hinsicht auf den Erfolg, den es hatte (insonderheit bei dem großen Künstler, an den es sich wie zu einem Zwiegespräch wendete, bei Richard Wagner) ein bewiesenes Buch, ich meine ein solches, das jedenfalls »den Besten seiner Zeit« genuggetan hat. Daraufhin sollte es schon mit einiger Rücksicht und Schweigsamkeit behandelt werden; trotzdem will ich nicht gänzlich unterdrücken, wie unangenehm es mir jetzt erscheint, wie fremd es jetzt nach sechzehn Jahren vor mir steht, - vor einem älteren, hundertmal verwöhnteren, aber keineswegs kälter gewordenen Auge, das auch jener Aufgabe selbst nicht fremder wurde, an welche sich jenes verwegene Buch zum ersten Male herangewagt hat - die Wissenschaft unter der Optik des Künstlers zu sehen, die Kunst aber unter der des Lebens...
What I then grasped, something fearsome and dangerous, a problem with horns, not necessarily a bull but at any rate a new problem: today I would say it was the problem of science itself - science grasped for the first time as problematic, as questionable. But the book in which my youthful courage and suspicion vented themselves - what an impossible book had to emerge from so untimely a task! Constructed from precociously overripe personal experiences all lying at the threshold of communicability, erected on the ground of art - for the problem of science cannot be recognized on the ground of science - a book perhaps for artists with an ancillary capacity for analysis and retrospection (that is, for an exceptional kind of artist, whom one must seek but does not even care to seek...), brimming with psychological innovations and artist's arcana, with an artist's metaphysics in the background, a youthful work full of youthful defiance and melancholy, independent even where it seems to bow before authority and personal veneration, in short a first work even in every bad sense, despite its aged problem, afflicted with all the flaws of youth, above all its "lengthiness" and "storm and stress"; on the other hand, considering the success it had (especially with the great artist to whom it addressed itself as in a dialogue, Richard Wagner), a proven book, I mean one that at least satisfied "the best of its time." For this reason it should be treated with some consideration and silence; yet I will not wholly suppress how disagreeable it now seems to me, how strange it stands before me after sixteen years - before an older eye a hundred times more spoiled but by no means colder, which has not become estranged from the task itself that this audacious book dared to approach for the first time: to view science through the optic of the artist, but art through the optic of life...
3
3
Nochmals gesagt, heute ist es mir ein unmögliches Buch, - ich heiße es schlecht geschrieben, schwerfällig, peinlich, bilderwütig und bilderwirrig, gefühlsam, hier und da verzuckert bis zum Femininischen, ungleich im Tempo, ohne Willen zur logischen Sauberkeit, sehr überzeugt und deshalb des Beweisens sich überhebend, mißtrauisch selbst gegen die Schicklichkeit des Beweisens, als Buch für Eingeweihte, als »Musik« für solche, die auf Musik getauft, die auf gemeinsame und seltne Kunst-Erfahrungen hin von Anfang der Dinge an verbunden sind, als Erkennungszeichen für Blutsverwandte in artibus, - ein hochmütiges und schwärmerisches Buch, das sich gegen das profanum vulgus der »Gebildeten« von vornherein noch mehr als gegen das »Volk« abschließt, welches aber, wie seine Wirkung bewies und beweist, sich gut genug auch darauf verstehen muß, sich seine Mitschwärmer zu suchen und sie auf neue Schleichwege und Tanzplätze zu locken. Hier redete jedenfalls - das gestand man sich mit Neugierde ebenso als mit Abneigung ein - eine fremde Stimme, der Jünger eines noch »unbekannten Gottes«, der sich einstweilen unter die Kapuze des Gelehrten, unter die schwere und dialektische Unlustigkeit des Deutschen, selbst unter die schlechten Manieren des Wagnerianers versteckt hat; hier war ein Geist mit fremden, noch namenlosen Bedürfnissen, ein Gedächtnis strotzend von Fragen, Erfahrungen, Verborgenheiten, welchen der Name Dionysos wie ein Fragezeichen mehr beigeschrieben war; hier sprach - so sagte man sich mit Argwohn - etwas wie eine mystische und beinahe mänadische Seele, die mit Mühsal und willkürlich, fast unschlüssig darüber, ob sie sich mitteilen oder verbergen wolle, gleichsam in einer fremden Zunge stammelt. Sie hätte singen sollen, diese »neue Seele«und nicht reden! Wie schade, daß ich, was ich damals zu sagen hatte, es nicht als Dichter zu sagen wagte: ich hätte es vielleicht gekonnt! Oder mindestens als Philologe; - bleibt doch auch heute noch für den Philologen auf diesem Gebiete beinahe alles zu entdecken und auszugraben! Vor allem das Problem, daß hier ein Problem vorliegt, - und daß die Griechen, so lange wir keine Antwort auf die Frage »was ist dionysisch?« haben, nach wie vor gänzlich unerkannt und unvorstellbar sind...
Let me reiterate: today this book strikes me as impossible – I deem it poorly written, ponderous, cumbrous, image-mad and image-confounding, sentimental, here and there saccharine to the point of effeminacy, uneven in tempo, devoid of will toward logical cleanliness, overly convinced and therefore disdainful of demonstration, mistrustful even of the propriety of demonstration. A book for initiates, "music" for those baptized in music, for those bound together from the primal beginnings of things by shared and rare artistic experiences, a shibboleth for blood-relatives in artibus – an arrogant and ecstatic book that from the outset closes itself off more decisively against the profanum vulgus of the "educated" than against the "folk." Yet its effect has proven – and continues to prove – that it knows well enough how to seek out its fellow ecstatics and lure them onto new secret paths and dancing grounds. Here spoke – as even admirers and detractors reluctantly conceded – an alien voice, the disciple of a still "unknown god," who for the time being hid beneath the scholar's cowl, beneath Teutonic gravity and dialectical ill-humor, even beneath the bad manners of a Wagnerian. Here was a spirit with strange, nameless needs, a memory bursting with questions, experiences, arcana, to which the name Dionysos was appended like one more question mark. Here spoke – so one told oneself with suspicion – something like a mystical and almost maenadic soul that stammered with difficulty in a foreign tongue, equally undecided whether to communicate or conceal itself. It should have sung, this "new soul" – and not spoken! How lamentable that I lacked the courage to utter as a poet what I had to say then – perhaps I could have done so! Or at least as a philologist – for even today nearly everything in this domain remains to be discovered and excavated by philologists! Above all the problem that here there exists a problem – and that the Greeks, as long as we have no answer to the question "what is Dionysian?," remain utterly unrecognizable and unimaginable...
4
4
Ja, was ist dionysisch? - In diesem Buche steht eine Antwort darauf, - ein »Wissender« redet da, der Eingeweihte und Jünger seines Gottes. Vielleicht würde ich jetzt vorsichtiger und weniger bereut von einer so schweren psychologischen Frage reden, wie sie der Ursprung der Tragödie bei den Griechen ist. Eine Grundfrage ist das Verhältnis des Griechen zum Schmerz, sein Grad von Sensibilität, - blieb dies Verhältnis sich gleich? oder drehte es sich um? - jene Frage, ob wirklich sein immer stärkeres Verlangen nach Schönheit, nach Festen, Lustbarkeiten, neuen Kulten aus Mangel, aus Entbehrung, aus Melancho[1]lie, aus Schmerz erwachsen ist? Gesetzt nämlich, gerade dies wäre wahr - und Perikles (oder Thukydides) gibt es uns in der großen Leichenrede zu verstehen -: woher müßte dann das entgegengesetzte Verlangen, das der Zeit nach früher hervortrat, stammen, das Verlangen nach dem Häßlichen, der gute strenge Wille des älteren Hellenen zum Pessimismus, zum tragischen Mythus, zum Bilde alles Furchtbaren, Bösen, Rätselhaften, Vernichtenden, Verhängnisvollen auf dem Grunde des Daseins, - woher müßte dann die Tragödie stammen? Vielleicht aus der Lust, aus der Kraft, aus überströmender Gesundheit, aus übergroßer Fülle? Und welche Bedeutung hat dann, physiologisch gefragt, jener Wahnsinn, aus dem die tragische wie die komische Kunst erwuchs, der dionysische Wahnsinn? Wie? Ist Wahnsinn vielleicht nicht notwendig das Symptom der Entartung, des Niedergangs, der überspäten Kultur? Gibt es vielleicht - eine Frage für Irrenärzte - Neurosen der Gesundheit? der Volks-Jugend und -Jugendlichkeit? Worauf weist jene Synthesis von Gott und Bock im Satyr? Aus welchem Selbsterlebnis, auf welchen Drang hin mußte sich der Grieche den dionysischen Schwärmer und Urmenschen als Satyr denken? Und was den Ursprung des tragischen Chors betrifft: gab es in jenen Jahrhunderten, wo der griechische Leib blühte, die griechische Seele von Leben überschäumte, vielleicht endemische Entzückungen? Visionen und Halluzinationen, welche sich ganzen Gemeinden, ganzen Kultversammlungen mitteilten? Wie? wenn die Griechen, gerade im Reichtum ihrer Jugend, den Willen zum Tragischen hatten und Pessimisten waren? wenn es gerade der Wahnsinn war, um ein Wort Platos zu gebrauchen, der die größten Segnungen über Hellas gebracht hat? Und wenn, andererseits und umgekehrt, die Griechen gerade in den Zeiten ihrer Auflösung und Schwäche immer optimistischer, oberflächlicher, schauspielerischer, auch nach Logik und Logisierung der Welt brünstiger, also zugleich »heiterer« und »wissenschaftlicher« wurden? Wie? könnte vielleicht, allen »modernen Ideen« und Vorurteilen des demokratischen Geschmacks zum Trotz, der Sieg des Optimismus, die vorherrschend gewordene Vernünftigkeit, der praktische und theoretische Utilitarismus, gleich der Demokratie selbst, mit der er gleichzeitig ist, - ein Symptom der absinkenden Kraft, des nahenden Alters, der physiologischen Ermüdung sein? Und gerade nicht - der Pessimismus? War Epikur ein Optimist - gerade als Leidender? - - Man sieht, es ist ein ganzes Bündel schwerer Fragen, mit dem sich dieses Buch belastet hat, - fügen wir seine schwerste Frage noch hinzu! Was bedeutet, unter der Optik des Lebens gesehn, - die Moral?...
Yes, what is Dionysian? – This book offers an answer – a "knower" speaks here, the initiate and disciple of his god. Perhaps I might now speak more cautiously and less eloquently about such a profound psychological question as the origin of tragedy among the Greeks. A fundamental issue is the Hellenic relation to pain, their degree of sensitivity – did this relation remain constant? Or did it reverse itself? – The question of whether their ever-intensifying craving for beauty, festivals, pleasures, new cults arose from want, deprivation, melancholy, pain. For if this were true – and Pericles (or Thucydides) intimates as much in the great funeral oration – from what source would the opposing impulse have sprung, the one chronologically prior, the craving for the ugly, the good stern will of the older Hellenes toward pessimism, toward the tragic myth, toward images of all that is terrible, evil, enigmatic, destructive, calamitous at life's foundation? Whence then must tragedy have arisen? Perhaps from lust, from power, from overflowing health, from overgreat fullness? And what then is the physiological significance of that madness from which tragic and comic art grew – Dionysian madness? Could madness perhaps be not necessarily a symptom of degeneration, decline, overripe culture? Are there perhaps – a question for alienists – neuroses of health? Of racial youth and youthfulness? What does that synthesis of god and goat in the satyr signify? From what self-experience, under what compulsion, did the Greek have to conceive the Dionysian enthusiast and primordial man as a satyr? And regarding the origin of the tragic chorus: were there in those centuries when the Greek body flourished, when the Greek soul overflowed with life, perhaps endemic ecstasies? Visions and hallucinations shared by entire communities, entire cult assemblies? What if the Greeks, precisely during the plenitude of their youth, possessed the will to the tragic and were pessimists? What if madness itself, to use a Platonic phrase, brought the greatest blessings upon Hellas? And conversely, what if the Greeks in their eras of dissolution and weakness became increasingly optimistic, superficial, histrionic, more ardent for logic and logicalization of the world – hence simultaneously "more cheerful" and "more scientific"? How might we explain – against all "modern ideas" and democratic prejudices – the victory of optimism, the predominance of reason, practical and theoretical utilitarianism (which coincides with democracy itself), as symptoms of declining strength, approaching senescence, physiological exhaustion? And not – of pessimism? Was Epicurus an optimist – precisely as one afflicted? – You see, this book carries a whole bundle of grave questions – let us add its weightiest! What does morality signify, viewed through the optics of life?...
5
5
Bereits im Vorwort an Richard Wagner wird die Kunst - und nicht die Moral - als die eigentlich metaphysische Tätigkeit des Menschen hingestellt; im Buche selbst kehrt der anzügliche Satz mehrfach wieder, daß nur als ästhetisches Phänomen das Dasein der Welt gerechtfertigt ist. In der Tat, das ganze Buch kennt nur einen Künstler-Sinn und -Hintersinn hinter allem Geschehen, - einen »Gott«, wenn man will, aber gewiß nur einen gänzlich unbedenklichen und unmoralischen Künstler-Gott, der im Bauen wie im Zerstören, im Guten wie im Schlimmen, seiner gleichen Lust und Selbstherrlichkeit innewerden will, der sich, Welten schaffend, von der Not der Fülle und Überfülle, vom Leiden der in ihm gedrängten Gegensätze löst. Die Welt, in jedem Augenblick die erreichte Erlösung Gottes, als die ewig wechselnde, ewig neue Vision des Leidendsten, Gegensätzlichsten, Widerspruchreichsten, der nur im Scheine sich zu erlösen weiß: diese ganze Artisten-Methaphysik mag man willkürlich, müßig, phantastisch nennen -, das Wesentliche daran ist, daß sie bereits einen Geist verrät, der sich einmal auf jede Gefahr hin gegen die moralische Ausdeutung und Bedeutsamkeit des Daseins zur Wehre setzen wird. Hier kündigt sich, vielleicht zum ersten Male, ein Pessimismus »jenseits von Gut und Böse« an, hier kommt jene »Perversität der Gesinnung« zu Wort und Formel, gegen welche Schopenhauer nicht müde geworden ist, im voraus seine zornigsten Flüche und Donnerkeile zu schleudern, - eine Philosophie, welche es wagt, die Moral selbst in die Welt der Erscheinung zu setzen, herabzusetzen und nicht nur unter die »Erscheinungen« (im Sinne des idealistischen terminus technicus), sondern unter die »Täuschungen«, als Schein, Wahn, Irrtum, Ausdeutung, Zurechtmachung, Kunst. Vielleicht läßt sich die Tiefe dieses widermoralischen Hanges am besten aus dem behutsamen und feindseligen Schweigen ermessen, Mut dem in dem ganzen Buche das Christentum behandelt ist, - das Christentum als die ausschweifendste Durchfigurierung des moralischen Themas, welche die Menschheit bisher anzuhören bekommen hat. In Wahrheit, es gibt zu der rein ästhetischen Weltauslegung und Welt-Rechtfertigung, wie sie in diesem Buche gelehrt wird, keinen größeren Gegensatz als die christliche Lehre, welche nur moralisch ist und sein will und mit ihren absoluten Maßen, zum Beispiel schon mit ihrer Wahrhaftigkeit Gottes, die Kunst, jede Kunst ins Reich der Lüge verweist, - das heißt verneint, verdammt, verurteilt. Hinter einer derartigen Denk- und Wertungsweise, welche kunstfeindlich sein muß, solange sie irgendwie echt ist, empfand ich von jeher auch das Lebensfeindliche, den ingrimmigen rachsüchtigen Widerwillen gegen das Leben selbst: denn alles Leben ruht auf Schein, Kunst, Täuschung, Optik, Notwendigkeit des Perspektivischen und des Irrtums. Christentum war von Anfang anwesentlich und gründlich, Ekel und Überdruß des Lebens am Leben, welcher sich unter dem Glauben an ein »anderes« oder »besseres« Leben nur verkleidete, nur versteckte, nur aufputzte. Der Haß auf die »Welt«, der Fluch auf die Affekte, die Furcht vor der Schönheit und Sinnlichkeit, ein Jenseits, erfunden, um das Diesseits besser zu verleumden, im Grunde ein Verlangen ins Nichts, ans Ende, ins Ausruhen, hin zum »Sabbat der Sabbate« - dies alles dünkte mich, ebenso wie der unbedingte Wille des Christentums, nur moralische Werte gelten zu lassen, immer wie die gefährlichste und unheimlichste Form aller möglichen Formen eines »Willens zum Untergang«, zum mindesten ein Zeichen tiefster Erkrankung, Müdigkeit, Mißmutigkeit, Erschöpfung, Verarmung an Leben, - denn vor der Moral (insonderheit christlichen, das heißt unbedingten Moral) muß das Leben beständig und unvermeidlich Unrecht bekommen, weil Leben etwas essentiell Unmoralisches ist, - muß endlich das Leben, erdrückt unter dem Gewichte der Verachtung und des ewigen Neins, als begehrens-unwürdig, als unwert an sich empfunden werden. Moral selbst - wie? sollte Moral nicht ein »Wille zur Verneinung des Lebens«, ein heimlicher Instinkt der Vernichtung, ein Verfalls-, Verkleinerungs-, Verleumdungsprinzip, ein Anfang vom Ende sein? Und, folglich, die Gefahr der Gefahren?... Gegen die Moral also kehrte sich damals, mit diesem fragwürdigen Buche, mein Instinkt, als ein fürsprechender Instinkt des Lebens, und erfand sich eine grundsätzliche Gegenlehre und Gegenwertung des Lebens, eine rein artistische, eine antichristliche. Wie sie nennen? Als Philologe und Mensch der Worte taufte ich sie, nicht ohne einige Freiheit - denn wer wüßte den rechten Namen des Antichrist? - auf den Namen eines griechischen Gottes: ich hieß sie die dionysische. –
Already in the preface addressed to Richard Wagner, art—not morality—is posited as humanity's authentically metaphysical activity; throughout the book itself, the provocative thesis recurs that existence and the world are justified only as an aesthetic phenomenon. Indeed, the entire treatise recognizes solely an artist's meaning and subtext behind all events—a "God" if one wishes, yet assuredly an utterly unprincipled and amoral artist-god who in both creation and destruction, in benevolence and malice, seeks to become conscious of his equal joy and sovereignty, who liberates himself through world-fashioning from the anguish of overfullness, from the suffering of contradictions compressed within him. This world as God's perpetually attained redemption—as the ever-changing, ever-renewed vision of the most suffering, most contradictory, most tension-ridden being, who can redeem himself only through semblance—this entire artist-metaphysics may be called arbitrary, idle, fantastic. Yet its essential revelation is a spirit that will henceforth defend itself at all costs against the moral interpretation and significance of existence. Here perhaps announces itself for the first time a pessimism "beyond good and evil"; here gives voice that "perversity of disposition" against which Schopenhauer never wearied of hurling his most irate thunderbolts and curses in advance—a philosophy that dares to place morality itself within the phenomenal world, degrading it not merely to the status of "appearance" (in the idealist technical sense) but to that of "deception," as semblance, delusion, error, interpretation, contrivance, art. The depth of this counter-moral propensity may perhaps best be measured by the cautious and hostile silence maintained throughout the book regarding Christianity—Christianity as the most extravagant elaboration of the moral theme ever proposed to humanity. In truth, there exists no greater antithesis to the purely aesthetic world-interpretation and world-justification taught here than the Christian doctrine, which is and desires to be exclusively moral, dismissing all art into the realm of falsehood through its absolute measures—for example through its God of truthfulness—that is, negating, condemning, damning it. Behind such a mode of thought and valuation, which must remain hostile to art so long as it is in any way genuine, I have always sensed hostility to life itself—a vengeful, rancorous revulsion against life: for all life rests upon semblance, art, deception, optics, the necessity of perspective and error. From its inception, Christianity was fundamentally nausea and weariness with life that merely disguised, concealed, adorned itself under the belief in an "other" or "better" life. The hatred of "world," the curse upon affects, the fear of beauty and sensuality, an otherworld invented to better slander this world—at bottom, a craving for nothingness, cessation, rest, the "Sabbath of Sabbaths"—all this struck me, like Christianity's unconditional will to recognize only moral values, as the most perilous and uncanny form of all possible forms of a "will to destruction"—at the very least as the sign of profound sickness, weariness, sullenness, exhaustion, impoverishment of life. For before morality (particularly Christian, i.e., unconditional morality), life must perpetually and inevitably be in the wrong, since life is something essentially amoral—it must ultimately, crushed under the weight of contempt and the eternal No, be felt as unworthy of desire, as valueless in itself. And morality itself—what? Might morality not be a "will to negate life," a secret instinct of annihilation, a principle of decay, diminution, calumny, a beginning of the end? Hence—the danger of dangers?... It was against morality that my instinct then turned with this questionable book, as an advocate of life, inventing for itself a fundamental counter-doctrine and counter-valuation of life—a purely artistic, anti-Christian doctrine. By what name? As a philologist and man of words I baptized it—not without some liberty, for who could claim to know the rightful name of the Antichrist?—with the name of a Greek divinity: I called it the Dionysian.
6
6
Man versteht, an welche Aufgabe ich bereits mit diesem Buche zu rühren wagte?... Wie sehr bedauere ich es jetzt, daß ich damals noch nicht den Mut (oder die Unbescheidenheit?) hatte, um mir in jedem Betrachte für so eigne Anschauungen und Wagnisse auch eine eigne Sprache zu erlauben, - daß ich mühselig mit Schopenhauerischen und Kantischen Formeln fremde und neue Wertschätzungen auszudrücken suchte, welche dem Geiste Kantens und Schopenhauers, ebenso wie ihrem Geschmacke, von Grund aus entgegen gingen! Wie dachte doch Schopenhauer über die Tragödie? »Was allem Tragischen den eigentümlichen Schwung zur Erhebung gibt« - sagt er, Welt als Wille und Vorstellung II, 495 - »ist das Aufgehen der Erkenntnis, daß die Welt, das Leben kein rechtes Genügen geben könne, mithin unsrer Anhänglichkeit nicht wert sei: darin besteht der tragische Geist -, er leitet demnach zur Resignation hin.« O wie anders redete Dionysos zu mir! O wie ferne war mir damals gerade dieser ganze Resignationismus! - Aber es gibt etwas viel Schlimmeres an dem Buche, das ich jetzt noch mehr bedauere, als mit Schopenhauerischen Formeln dionysische Ahnungen verdunkelt und verdorben zu haben: daß ich mir nämlich überhaupt das grandiose griechische Problem, wie mir es aufgegangen war, durch Einmischung der modernsten Dinge verdarb! Daß ich Hoffnungen anknüpfte, wo nichts zu hoffen war, wo alles allzudeutlich auf ein Ende hinwies! Daß ich, auf Grund der deutschen letzten Musik, vom »deutschen Wesen« zu fabeln begann, wie als ob es eben im Begriffsei, sich selbst zu entdecken und wiederzufinden - und das zu einer Zeit wo der deutsche Geist, der nicht vor langem noch den Willen zur Herrschaft über Europa, die Kraft zur Führung Europas gehabt hatte eben letztwillig und endgültig abdankte und, unter dem pomphaften Vorwan[1]de einer Reichs-Begründung, seinen Übergang zur Vermittelmäßigung, zur Demokratie und den »modernen Ideen« machte! In der Tat, inzwischen lernte ich hoffnungslos und schonungslos genug von diesem »deutschen Wesen« denken, insgleichen von der jetzigen deutschen Musik, als welche Romantik durch und durch ist und die ungriechischeste aller möglichen Kunstformen: überdies aber eine Nervenverderberin ersten Ranges, doppelt gefährlich bei einem Volke, das den Trunk liebt und die Unklarheit als Tugend ehrt, nämlich in ihrer doppelten Eigenschaft als berauschendes und zugleich benebelndes Narkotikum. - Abseits freilich von allen übereilten Hoffnungen und fehlerhaften Nutzanwendungen auf Gegenwärtigstes, mit denen ich mir damals mein erstes Buch verdarb, bleibt das große dionysische Fragezeichen, wie es darin gesetzt ist, auch in betreff der Musik, fort und fort bestehn: wie müßte eine Musik beschaffen sein, welche nicht mehr romantischen Ursprungs wäre, gleich der deutschen, - sondern dionysischen?...
One grasps what task I already dared to touch upon with this book? ... How deeply I now regret that I then still lacked the courage (or immodesty?) to permit myself a wholly idiosyncratic language for such singular perspectives and ventures—that I laboriously sought to express unprecedented valuations through Schopenhauerian and Kantian formulations fundamentally opposed to the spirit of Kant and Schopenhauer no less than to their tastes! How did Schopenhauer himself conceive of tragedy? "What gives all tragedy its peculiar impetus toward exaltation," he states in The World as Will and Representation II, 495, "is the awakening recognition that the world, that life, can afford no true satisfaction, and is thus not worthy of our attachment: herein lies the tragic spirit—it leads accordingly to resignation." Oh how differently Dionysos spoke to me! Oh how utterly foreign this entire gospel of resignation was to me then!—But there is something far worse in this book, which I now regret even more than having obscured and corrupted Dionysian intimations with Schopenhauerian formulas: namely, that I generally spoiled the grandiose Greek problem as it had dawned upon me by intermingling modern concerns! That I linked hopes where nothing permitted hope, where everything pointed all too clearly to an ending! That I began to fantasize about the "German essence" based on recent German music—as if it were on the verge of discovering itself, of rediscovering itself—at a time when the German spirit, which not long ago had possessed the will to dominate Europe and the strength to lead Europe, was just then making its final testament and abdication, under the pompous pretext of founding a Reich, by transitioning into mediocrity, democracy, and "modern ideas"! In truth, I have since learned to think about this "German essence" hopelessly and ruthlessly enough—likewise about present-day German music, which is Romanticism through and through and the most un-Greek of all possible art forms: moreover, a first-rate nerve-corruptor, doubly dangerous for a people that loves drink and honors obscurity as a virtue—in its dual capacity as an intoxicating and befogging narcotic.—To be sure, apart from all premature hopes and erroneous applications to the present with which I then ruined my first book, the great Dionysian question mark remains as posed therein—even regarding music: What would a music have to be like that is no longer of Romantic origin, like the German, but rather Dionysian?...
7
7
- Aber, mein Herr, was in aller Welt ist Romantik, wenn nicht Ihr Buch Romantik ist? Läßt sich der tiefe Haß gegen »Jetztzeit«, »Wirklichkeit« und »moderne Ideen« weiter treiben, als es in Ihrer Artisten-Metaphysik geschehen ist? - welche lieber noch an das Nichts, lieber noch an den Teufel als an das »Jetzt« glaubt? Brummt nicht ein Grundbaß von Zorn und Vernichtungslust unter aller Ihrer kontrapunktischen Stimmen-Kunst und Ohren-Verführerei hinweg, eine wütende Entschlossenheit gegen alles, was »jetzt« ist, ein Wille, welcher nicht gar zu ferne vom praktischen Nihilismus ist und zu sagen scheint »lieber mag nichts wahr sein, als daß ihr Recht hättet, als daß eure Wahrheit Recht behielte!« Hören Sie selbst, mein Herr Pessimist und Kunstvergöttlicher, mit aufgeschlossnerem Ohre eine einzige ausgewählte Stelle Ihres Buches an, jene nicht unberedte Drachentöter-Stelle, welche für junge Ohren und Herzen verfänglich-rattenfängerisch klingen mag: wie? ist das nicht das echte rechte Romantiker-Bekenntnis von 1830, unter der Maske des Pessimismus von 1850? hinter dem auch schon das übliche Romantiker-Finale präludiert, - Bruch, Zusammenbruch, Rückkehr und Niedersturz vor einem alten Glauben, vor dem alten Gotte... Wie? ist Ihr Pessimisten-Buch nicht selbst ein Stück Antigriechentum und Romantik, selbst etwas »ebenso Berauschendes als Benebelndes«, ein Narkotikum jedenfalls, ein Stück Musik sogar, deutscher Musik? Aber man höre:
—But, my dear sir, what in all the world is Romanticism if not your book Romanticism? Can hatred for the "present age," "reality," and "modern ideas" be pushed further than in your artist-metaphysics—which would rather believe in the Nothing, even in the Devil, than in the "Now"? Does not a ground bass of wrath and annihilation-lust rumble beneath all your contrapuntal vocal artistry and aural seduction—a furious resolve against all that "is," a will that comes perilously close to practical nihilism and seems to declare: "Let nothing be true rather than that you should be right, that your truth should prevail!" Listen for yourself, my Herr Pessimist and deifier of art, with opened ears to a single chosen passage from your book—that not ineloquent dragonslayer passage which may sound temptingly Pied Piper-like to young ears and hearts: How? Is this not the genuine proper Romantic confession of 1830 under the mask of 1850 pessimism? Does it not already prelude the usual Romantic finale—rupture, collapse, return and prostration before an ancient faith, before the old God... How? Is your pessimism-book not itself a piece of anti-Hellenism and Romanticism, something "equally intoxicating and befogging," a narcotic at any rate, a piece of music even—German music? But hear this:
»Denken wir uns eine herauswachsende Generation mit dieser Unerschrockenheit des Blicks, mit diesem heroischen Zug ins Ungeheure, denken wir uns den kühnen Schritt dieser Drachentöter, die stolze Verwegenheit, mit der sie allen den Schwächlichkeitsdoktrinen des Optimismus den Rücken kehren, um im Ganzen und Vollen ›resolut zu leben‹: sollte es nicht nötig sein, daß der tragische Mensch dieser Kultur, bei seiner Selbsterziehung zum Ernst und zum Schrecken, eine neue Kunst, die Kunst des metaphysischen Trostes, die Tragödie als die ihm zugehörige Helena begehren und mit Faust ausrufen muß: Und sollt' ich nicht, sehnsüchtigster Gewalt, Ins Leben ziehn die einzigste Gestalt?«
"Let us imagine a rising generation with this fearless gaze, with this heroic drive toward the monstrous; let us envision the bold stride of these dragonslayers, the proud audacity with which they turn their backs on all the enfeebling doctrines of optimism in order to 'live resolutely' in wholeness and fullness: would it not be necessary for the tragic human of this culture, in his self-education for seriousness and terror, to desire a new art, the art of metaphysical consolation—tragedy as the Helena belonging to him—and to exclaim with Faust: And should I not, with fervent might, Draw into life that form of highest height?"
»Sollte es nicht nötig sein?«... Nein, dreimal nein! ihr jungen Romantiker: es sollte nicht nötig sein! Aber es ist sehr wahrscheinlich, daß es so endet, daß ihr so endet, nämlich »getröstet«, wie geschrieben steht, trotz aller Selbsterziehung zum Ernst und zum Schrecken, »metaphysisch getröstet«, kurz wie Romantiker enden, christlich... Nein! Ihr solltet vorerst die Kunst des diesseitigen Trostes lernen, - ihr solltet lachen lernen, meine jungen Freunde, wenn anders ihr durchaus Pessimisten bleiben wollt; vielleicht daß ihr daraufhin, als Lachende, irgendwann einmal alle metaphysische Trösterei zum Teufel schickt - und die Metaphysik voran! Oder, um es in der Sprache jenes dionysischen Unholds zu sagen, der Zarathustra heißt:
"Would it not be necessary?"... No, thrice no! You young Romantics: it should not be necessary! But it is highly probable that you will end thus—"consoled," as it is written, despite all self-education toward seriousness and terror, "metaphysically consoled," in short, as Romantics end: Christianly... No! You should first learn the art of this-worldly solace—you should learn to laugh, my young friends, if you are determined to remain pessimists. Perhaps someday, as laughers, you may then dispatch all metaphysical consolation to the devil—and metaphysics first! Or, to speak in the language of that Dionysian rogue called Zarathustra:
»Erhebt eure Herzen, meine Brüder, hoch, höher! Und vergeßt mir auch die Beine nicht! Erhebt auch eure Beine, ihr guten Tänzer, und besser noch: ihr steht auch auf dem Kopf!
"Raise up your hearts, my brothers, high! Higher! And do not forget your legs! Raise up your legs too, you fine dancers—and better still: stand on your heads!
Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: ich selber setzte mir diese Krone auf, ich selber sprach heilig mein Gelächter. Keinen anderen fand ich heute stark genug dazu.
This crown of the laugher, this rosary crown: I myself set this crown upon my head, I myself consecrated my laughter. No other have I found strong enough for it today."
Zarathustra der Tänzer, Zarathustra der Leichte, der mit den Flügeln winkt, ein Flugbereiter, allen Vögeln zuwinkend, bereit und fertig, ein Selig -Leichtfertiger: -
Zarathustra the Dancer, Zarathustra the Weightless One, beckoning with wings, a flight-ready being, signaling to all birds, prepared and perfected, a blissfully frivolous one: —
Zarathustra der Wahrsager, Zarathustra der Wahrlacher, kein Ungeduldiger, kein Unbedingter, einer, der Sprünge und Seitensprünge liebt: ich selber setzte mir diese Krone auf!
Zarathustra the Soothsayer, Zarathustra the Truth-Laugher, no impatient soul, no absolutist, one who loves leaps and sidesteps: I myself placed this crown upon me!
Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: euch, meinen Brüdern, werfe ich diese Krone zu! Das Lachen sprach ich heilig: ihr höheren Menschen, lernt mir - lachen!
This crown of the laughing one, this rosary crown: to you, my brothers, I cast this crown! Laughter I proclaimed sacred: you higher men, learn from me — to laugh!
« Also sprach Zarathustra, vierter Teil
Thus Spoke Zarathustra, Part Four
Vorwort an Richard Wagner
Preface to Richard Wagner
Um mir alle die möglichen Bedenklichkeiten, Aufregungen und Mißverständnisse ferne zu halten, zu denen die in dieser Schrift vereinigten Gedanken bei dem eigentümlichen Charakter unserer ästhetischen Öffentlichkeit Anlaß geben werden, und um auch die Einleitungsworte zu derselben mit der gleichen beschaulichen Wonne schreiben zu können, deren Zeichen sie selbst, als das Petrefakt guter und erhebender Stunden, auf jedem Blatte trägt, vergegenwärtige ich mir den Augenblick, in dem sie, mein hochverehrter Freund, diese Schrift empfangen werden: wie sie, vielleicht nach einer abendlichen Wanderung im Winterschnee, den entfesselten Prometheus auf dem Titelblatte betrachten, meinen Namen lesen und sofort überzeugt sind, daß, mag in dieser Schrift stehen, was da wolle, der Verfasser etwas Ernstes und Eindringliches zu sagen hat, ebenfalls daß er, bei allem, was er sich erdachte, mit Ihnen wie mit einem Gegenwärtigen verkehrte und nur etwas dieser Gegenwart Entsprechendes niederschreiben durfte. Sie werden dabei sich erinnern, daß ich zu gleicher Zeit, als Ihre herrliche Festschrift über Beethoven entstand, das heißt in den Schrecken und Erhabenheiten des eben ausgebrochnen Krieges, mich zu diesen Gedanken sammelte. Doch würden diejenigen irren, welche etwa bei dieser Sammlung an den Gegensatz von patriotischer Erregung und ästhetischer Schwelgerei, von tapferem Ernst und heiterem Spiel denken sollten: denen möchte vielmehr, bei einem wirklichen Lesen dieser Schrift, zu ihrem Erstaunen deutlich werden, mit welchem ernsthaft deutschen Problem wir zu tun haben, das von uns recht eigentlich in die Mitte deutscher Hoffnungen, als Wirbel und Wendepunkt, hingestellt wird. Vielleicht aber wird es für eben dieselben überhaupt anstößig sein, ein ästhetisches Problem so ernst genommen zu sehn, falls sie nämlich in der Kunst nicht mehr als ein lustiges Nebenbei, als ein auch wohl zu missendes Schellengeklingel zum »Ernst des Daseins« zu erkennen imstande sind: als ob niemand wüßte, was es bei dieser Gegenüberstellung mit einem solchen »Ernste des Daseins« auf sich habe. Diesen Ernsthaften diene zur Belehrung, daß ich von der Kunst als der höchsten Aufgabe und der eigentlich metaphysischen Tätigkeit dieses Lebens im Sinne des Mannes überzeugt bin, dem ich hier, als meinem erhabenen Vorkämpfer auf dieser Bahn, diese Schrift gewidmet haben will.
To spare myself all possible reservations, agitations, and misunderstandings that the thoughts assembled in this treatise might provoke given the peculiar character of our aesthetic public — and to compose these prefatory words with the same contemplative delight that marks every page of this work as the petrified trace of noble and exalting hours — I envision the moment when you, my revered friend, shall receive this text. I imagine you contemplating the unchained Prometheus on the title page after an evening walk through winter snows, reading my name, and at once being convinced that whatever this work contains, its author has something earnest and penetrating to say — that here, as in all his meditations, he conversed with you as with a present witness, committing only what befits such presence. You will recall how I gathered these thoughts precisely when your glorious Beethoven commemorative essay took shape amidst the terrors and sublimities of the freshly erupted war. Yet let those err who might suspect here a conflict between patriotic fervor and aesthetic revelry, between valorous earnestness and merry play. To such readers, if they truly engage this text, it shall dawn with astonishment that we confront a profoundly German problem, placed as the vortex and turning point at the very core of German hopes. But perhaps these same readers will take offense at seeing an aesthetic problem treated with such gravity — if indeed they can recognize in art nothing more than a pleasant diversion, a trivial tambourine jingle appended to the "seriousness of existence," as though none grasped what such opposition implies about that vaunted "seriousness." For these solemn souls, let it be known: I hold art to be life's supreme task and its properly metaphysical activity, in the spirit of the man to whom I dedicate this work as my sublime precursor on this path.
Basel, Ende des Jahres 1871
Basel, end of 1871
Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik
The Birth of Tragedy from the Spirit of Music
1872
1872
1
1
Wir werden viel für die ästhetische Wissenschaft gewonnen haben, wenn wir nicht nur zur logischen Einsicht, sondern zur unmittelbaren Sicherheit der Anschauung gekommen sind, daß die Fortentwickelung der Kunst an die Duplizität des Apollinischen und des Dionysischen gebunden ist: in ähnlicher Weise, wie die Generation von der Zweiheit der Geschlechter, bei fortwährendem Kampfe und nur periodisch eintretender Versöhnung, abhängt. Diese Namen entlehnen wir von den Griechen, welche die tiefsinnigen Geheimlehren ihrer Kunstanschauung zwar nicht in Begriffen, aber in den eindringlich deutlichen Gestalten ihrer Götterwelt dem Einsichtigen vernehmbar machen. An ihre beiden Kunstgottheiten, Apollo und Dionysus, knüpft sich unsere Erkenntnis, daß in der griechischen Welt ein ungeheurer Gegensatz, nach Ursprung und Zielen, zwischen der Kunst des Bildners, der apollinischen, und der unbildlichen Kunst der Musik, als der des Dionysus, besteht: beide so verschiedne Triebe gehen nebeneinander her, zumeist im offnen Zwiespalt miteinander und sich gegenseitig zu immer neuen kräftigeren Geburten reizend, um in ihnen den Kampf jenes Gegensatzes zu perpetuieren, den das gemeinsame Wort »Kunst« nur scheinbar überbrückt; bis sie endlich, durch einen metaphysischen Wunderakt des hellenischen »Willens«, miteinander gepaart erscheinen und in dieser Paarung zuletzt das ebenso dionysische als apollinische Kunstwerk der attischen Tragödie erzeugen.
We shall have made significant progress for aesthetic science when we attain not merely logical comprehension but the immediate certainty of intuition that art's evolution depends on the duality of the Apollinian and the Dionysian — akin to procreation's dependence on the duality of sexes, with their perpetual strife and periodically intervening reconciliation. These terms we borrow from the Greeks, whose divinely lucid figures communicate the arcane doctrines of their art-view to the discerning — not through concepts, but through the thunderously vivid forms of their Olympian pantheon. Through their twin art-deities, Apollo and Dionysus, we grasp the immense opposition in origin and aims between the sculptor's Apollinian art and the imageless Dionysian art of music. These two divergent drives advance side by side, mostly in open conflict, inciting each other to ever-new and mightier births wherein their antagonism finds perpetuation — until at last, through a metaphysical miracle of the Hellenic Will, they appear coupled, and in this coupling generate the Attic tragedy, that doubly Dionysian and Apollinian artwork.
Um uns jene beiden Triebe näherzubringen, denken wir sie uns zunächst als die getrennten Kunstwelten des Traumes und des Rausches; zwischen welchen physiologischen Erscheinungen ein entsprechender Gegensatz wie zwischen dem Apollinischen und dem Dionysischen zu bemerken ist. Im Traume traten zuerst, nach der Vorstellung des Lukretius, die herrlichen Göttergestalten vor die Seelen der Menschen, im Traume sah der große Bildner den entzückenden Gliederbau über, menschlicher Wesen, und der hellenische Dichter, um die Geheimnisse der poetischen Zeugung befragt, würde ebenfalls an den Traum erinnert und eine ähnliche Belehrung gegeben haben, wie sie Hans Sachs in den Meistersingern gibt:
To approach these two impulses, let us first conceive them as the separate art-worlds of dream and intoxication. Between these physiological phenomena lies a contrast analogous to that between the Apollinian and Dionysian. In dreams — so Lucretius teaches — the resplendent divine forms first appeared to human souls; in dreams the great sculptor beheld the entrancing proportions of superhuman beings; and the Hellenic poet, questioned about the mysteries of poetic creation, would likewise have invoked the dream, offering instruction akin to Hans Sachs's counsel in Die Meistersinger:
Mein Freund, das grad ist Dichters Werk,
My friend, precisely this is the poet's task:
daß er sein Träumen deut' und merk'.
to mark and interpret his dreams.
Glaubt mir, des Menschen wahrster Wahn
Believe me, the truest illusion of man
wird ihm im Traume aufgetan:
is revealed to him in dreams:
all Dichtkunst und Poeterei
all poetry and versifying
ist nichts als Wahrtraum-Deuterei.
is nothing but truth-dream interpretation.
Der schöne Schein der Traumwelten, in deren Erzeugung jeder Mensch voller Künstler ist, ist die Voraussetzung aller bildenden Kunst, ja auch, wie wir sehen werden, einer wichtigen Hälfte der Poesie. Wir genießen im unmittelbaren Verständnisse der Gestalt, alle Formen sprechen zu uns, es gibt nichts Gleichgültiges und Unnötiges. Bei dem höchsten Leben dieser Traumwirklichkeit haben wir doch noch die durchschimmernde Empfindung ihres Scheins: wenigstens ist dies meine Erfahrung, für deren Häufigkeit, ja Normalität, ich manches Zeugnis und die Aussprüche der Dichter beizubringen hätte. Der philosophische Mensch hat sogar das Vorgefühl, daß auch unter dieser Wirklichkeit, in der wir leben und sind, eine zweite ganz andre verborgen liege, daß also auch sie ein Schein sei; und Schopenhauer bezeichnet geradezu die Gabe, daß einem zu Zeiten die Menschen und alle Dinge als bloße Phantome oder Traumbilder vorkommen, als das Kennzeichen philosophischer Befähigung. Wie nun der Philosoph zur Wirklichkeit des Daseins, so verhält sich der künstlerisch erregbare Mensch zur Wirklichkeit des Traumes; er sieht genau und gern zu: denn aus diesen Bildern deutet er sich das Leben, an diesen Vorgängen übt er sich für das Leben. Nicht etwa nur die angenehmen und freundlichen Bilder sind es, die er mit jener Allverständlichkeit an sich erfährt: auch das Ernste, Trübe, Traurige, Finstere, die plötzlichen Hemmungen, die Neckereien des Zufalls, die bänglichen Erwartungen, kurz die ganze »göttliche Komödie« des Lebens, mit dem Inferno, zieht an ihm vorbei, nicht nur wie ein Schattenspiel - denn er lebt und leidet mit in diesen Szenen - und doch auch nicht ohne jene flüchtige Empfindung des Scheins; und vielleicht erinnert sich mancher, gleich mir, in den Gefährlichkeiten und Schrecken des Traumes sich mitunter ermutigend und mit Erfolg zugerufen zu haben: »Es ist ein Traum! Ich will ihn weiter träumen!« Wie man mir auch von Personen erzählt hat, die die Kausalität eines und desselben Traumes über drei und mehr aufeinanderfolgende Nächte hin fortzusetzen imstande waren: Tatsachen, welche deutlich Zeugnis dafür abgeben, daß unser innerstes Wesen, der gemeinsame Untergrund von uns allen, mit tiefer Lust und freudiger Notwendigkeit den Traum an sich erfährt.
The beautiful semblance of dream-worlds, in whose production every human being proves themselves a consummate artist, constitutes the precondition for all plastic art—indeed, as we shall see, for a crucial half of poetry as well. We apprehend forms through immediate understanding; every contour speaks to us, nothing appears indifferent or superfluous. Even amidst the most intense vitality of this dream-reality, we retain the shimmering awareness of its illusory nature: at least such has been my experience, for whose frequency—nay, normality—I could adduce numerous testimonies and poetic utterances. The philosophical mind even harbors a presentiment that beneath this reality in which we live and move, another utterly different reality lies concealed—that this too is mere semblance. Schopenhauer explicitly identifies the capacity to perceive human beings and all things at times as mere phantoms or dream-images as the hallmark of philosophical aptitude. Just as the philosopher relates to the reality of existence, so the artistically excitable person relates to the reality of dreams: they observe with exactitude and delight, interpreting life through these images while rehearsing for life through these sequences. Nor does this involve merely pleasant and amiable visions—the solemn, the gloomy, the sorrowful, the ominous, sudden impediments, the taunts of chance, anxious anticipations—in short, the entire "divine comedy" of life, complete with its Inferno, parades before them not as mere shadow-play (for they live and suffer through these scenes), yet never without that fleeting sensation of illusion. Some may recall, as I do, having occasionally encouraged themselves during the perils and terrors of dreams by exclaiming: "It is a dream! I wish to dream it onward!" I have heard accounts of persons capable of sustaining the causal continuity of a single dream across three or more consecutive nights—facts bearing vivid witness that our innermost essence, the communal substratum of us all, experiences dreaming with profound delight and joyful necessity.
Diese freudige Notwendigkeit der Traumerfahrung ist gleichfalls von den Griechen in ihrem Apollo ausgedrückt worden: Apollo, als der Gott aller bildnerischen Kräfte, ist zugleich der wahrsagende Gott. Er, der seiner Wurzel nach der »Scheinende«, die Lichtgottheit ist, beherrscht auch den schönen Schein der inneren Phantasie-Welt. Die höhere Wahrheit, die Vollkommenheit dieser Zustände im Gegensatz zu der lückenhaft verständlichen Tageswirklichkeit, sodann das tiefe Bewußtsein von der in Schlaf und Traum heilenden und helfenden Natur ist zugleich das symbolische Analogon der wahrsagenden Fähigkeit und überhaupt der Künste, durch die das Leben möglich und lebenswert gemacht wird. Aber auch jene zarte Linie, die das Traumbild nicht überschreiten darf, um nicht pathologisch zu wirken, widrigenfalls der Schein als plumpe Wirklichkeit uns betrügen würde -darf nicht im Bilde des Apollo fehlen: jene maßvolle Begrenzung, jene Freiheit von den wilderen Regungen, jene weisheitsvolle Ruhe des Bildnergottes. Sein Auge muß »sonnenhaft«, gemäß seinem Ursprunge, sein; auch wenn es zürnt und unmutig blickt, liegt die Weihe des schönen Scheines auf ihm. Und so möchte von Apollo in einem exzentrischen Sinne das gelten, was Schopenhauer von dem im Schleier der Maja befangenen Menschen sagt, Welt als Wille und Vorstellung 1, S. 416: »Wie auf dem tobenden Meere, das, nach allen Seiten unbegrenzt, heulend Wellenberge erhebt und senkt, auf einem Kahn ein Schiffer sitzt, dem schwachen Fahrzeug vertrauend; so sitzt, mitten in einer Welt von Qualen, ruhig der einzelne Mensch, gestützt und vertrauend auf das principium individuationis.« Ja es wäre von Apollo zu sagen, daß in ihm das unerschütterte Vertrauen auf jenes principium und das ruhige Dasitzen des in ihm Befangenen seinen erhabensten Ausdruck bekommen habe, und man möchte selbst Apollo als das herrliche Götterbild des principii individuationis bezeichnen, aus dessen Gebärden und Blicken die ganze Lust und Weisheit des »Scheines« samt seiner Schönheit, zu uns spräche.
This joyful necessity of dream-experience found expression among the Greeks through their Apollo. As the god of all plastic powers, Apollo is simultaneously the divinatory deity. He who by his root nature is the "Shining One," the divinity of light, also governs the fair illusion of our inner fantasy-world. The higher truth, the perfection of these states in contrast to the fragmentarily intelligible reality of daylight—alongside the profound awareness of nature's healing and succoring power in sleep and dream—forms the symbolic analogue of prophetic capacity and indeed of all arts that render life possible and worth living. Yet even that delicate boundary which the dream-image must not overstep lest it induce pathology—for then semblance would delude us as crude reality—must not be absent from Apollo's image: that measured restraint, that freedom from wilder impulses, that calm sagacity of the plastic deity. His eye must remain "solar" in keeping with his origin; even when wrathful or sullen, the consecration of fair semblance rests upon him. Thus, in an eccentric sense, Apollo might embody what Schopenhauer says of the human being enmeshed in the veil of Maya (The World as Will and Representation, Vol. I, p. 416): "As on the tempestuous sea, boundless on every side, howling mountainous waves rise and fall, a sailor sits in his skiff trusting the frail craft; so amidst a world of torments sits the individual human being, supported by and trusting the principium individuationis." Indeed, of Apollo we might say that in him the unshakable faith in this principle and the tranquil composure of its captive attain their most sublime expression. One might even designate Apollo as the magnificent divine image of the principium individuationis, from whose gestures and gaze the entire delight and wisdom of "semblance," together with its beauty, would address us.
An derselben Stelle hat uns Schopenhauer das ungeheure Grausen geschildert, welches den Menschen ergreift, wenn er plötzlich an den Erkenntnisformen der Erscheinung irre wird, indem der Satz vom Grunde, in irgendeiner seiner Gestaltungen, eine Ausnah[1]me zu erleiden scheint. Wenn wir zu diesem Grausen die wonnevolle Verzückung hinzunehmen, die bei demselben zerbrechen des principii individuationis aus dem innersten Grunde des Menschen, ja der Natur emporsteigt, so tun wir einen Blick in das Wesen des Dionysischen, das uns am nächsten noch durch die Analogie des Rausches gebracht wird. Entweder durch den Einfluß des narkotischen Getränkes, von dem alle ursprünglichen Menschen und Völker in Hymnen sprechen, oder bei dem gewaltigen, die ganze Natur lustvoll durchdringenden Nahen des Frühlings erwachen jene dionysischen Regungen, in deren Steigerung das Subjektive zu völliger Selbstvergessenheit hinschwindet. Auch im deutschen Mittelalter wälzten sich unter der gleichen dionysischen Gewalt immer wachsende Scharen, singend und tanzend, von Ort zu Ort: in diesen Sankt-Johann- und Sankt-Veittänzern erkennen wir die bacchischen Chöre der Griechen wieder, mit ihrer Vorgeschichte in Kleinasien, bis hin zu Babylon und den orgiastischen Sakäen. Es gibt Menschen, die, aus Mangel an Erfahrung oder aus Stumpfsinn, sich von solchen Erscheinungen wie von »Volkskrankheiten«, spöttisch oder bedauernd im Gefühl der eigenen Gesundheit abwenden: die Armen ahnen freilich nicht, wie leichenfarbig und gespenstisch eben diese ihre »Gesundheit« sich ausnimmt, wenn an ihnen das glühende Leben dionysischer Schwärmer vorüberbraust.
In the same passage, Schopenhauer has depicted the tremendous horror that seizes humanity when the cognitive forms of appearance suddenly become questionable—when the principle of sufficient reason seems to suffer an exception in one of its guises. If we add to this horror the blissful ecstasy arising from the innermost ground of humanity and nature when the principium individuationis shatters, we gain insight into the essence of the Dionysian, which we may approach most closely through the analogy of intoxication. Whether through the influence of narcotic draughts hymned by all primal peoples, or through the exuberant advent of spring penetrating all nature with lust, those Dionysian stirrings awaken—stirrings in whose intensification the subjective vanishes into complete self-oblivion. Even in the German Middle Ages, ever-growing throngs writhed from place to place under the same Dionysian compulsion, singing and dancing: in these Saint John and Saint Vitus dancers we recognize the Bacchic choruses of the Greeks with their Asiatic provenance stretching back to Babylon and the orgiastic Sacaea. There are those who, through inexperience or dullness, turn away from such phenomena with mockery or pity, fortified by the consciousness of their own health. Yet these poor wretches cannot suspect how cadaverous and spectral their so-called "health" appears when the flaming life of Dionysian enthusiasts whirls past them.
Unter dem Zauber des Dionysischen schließt sich nicht nur der Bund zwischen Mensch und Mensch wieder zusammen: auch die entfremdete, feindliche oder unterjochte Natur feiert wieder ihr Versöhnungsfest mit ihrem verlorenen Sohne, dem Menschen. Freiwillig beut die Erde ihre Gaben, und friedfertig nahen die Raubttiere der Felsen und der Wüste. Mit Blumen und Kränzen ist der Wagen des Dionysus überschüttet: unter seinem Joche schreiten Panther und Tiger. Man verwandele das Beethovensche Jubellied der »Freude« in ein Gemälde und bleibe mit seiner Einbildungskraft nicht zurück, wenn die Millionen schauervoll in den Staub sinken: so kann man sich dem Dionysischen nähern. Jetzt ist der Sklave freier Mann, jetzt zerbrechen alle die starren, feindseligen Abgrenzungen, die Not, Willkür oder »freche Mode« zwischen den Menschen festgesetzt haben. Jetzt, bei dem Evangelium der Weltenharmonie, fühlt sich jeder mit seinem Nächsten nicht nur vereinigt, versöhnt, verschmolzen, sondern eins, als ob der Schleier der Maja zerrissen wäre und nur noch in Fetzen vor dem geheimnisvollen Ur-Einen herumflattere. Singend und tanzend äußert sich der Mensch als Mitglied einer höheren Gemeinsamkeit: er hat das Gehen und das Sprechen verlernt und ist auf dem Wege, tanzend in die Lüfte emporzufliegen. Aus seinen Gebärden spricht die Verzauberung. Wie jetzt die Tiere reden, und die Erde Milch und Honig gibt, so tönt auch aus ihm etwas Übernatürliches: als Gott fühlt er sich, er selbst wandelt jetzt so verzückt und erhoben, wie er die Götter im Traume wandeln sah. Der Mensch ist nicht mehr Künstler, er ist Kunstwerk geworden: die Kunstgewalt der ganzen Natur, zur höchsten Wonnebefriedigung des Ur-Einen, offenbart sich hier unter den Schauern des Rausches. Der edelste Ton, der kostbarste Marmor wird hier geknetet und behauen, der Mensch, und zu den Meißelschlägen des dionysischen Weltenkünstlers tönt der eleusinische Mysterienruf: »Ihr stürzt nieder, Millionen? Ahnest du den Schöpfer, Welt?« -
Under the spell of the Dionysian, not only does the bond between human beings reknit itself: even alienated, hostile, or subjugated Nature celebrates her Reconciliation Feast with her prodigal son, humankind. The earth freely offers up her gifts, and the beasts of prey from rock and desert approach in peace. The chariot of Dionysus is heaped with flowers and garlands: beneath his yoke stride panther and tiger. Transform Beethoven's jubilant "Ode to Joy" into a painting and let your imagination not lag behind when millions sink shuddering into the dust: thus may you approach the Dionysian. Now the slave becomes a free man; now all the rigid, hostile barriers that necessity, caprice, or "impudent fashion" have erected between humans are shattered. Now, with the gospel of world-harmony, each feels himself not only united, reconciled, and merged with his neighbor but as one with him, as if the veil of Maya had been torn asunder and now fluttered in tatters before the mysterious Primal Unity. Singing and dancing, man expresses himself as a member of a higher communality: he has unlearned walking and speaking and is on the verge of soaring dancing into the heavens. Enchantment speaks from his gestures. Just as the beasts now speak and the earth yields milk and honey, so something supernatural resounds from within him: he feels himself a god, moving now in ecstatic exaltation as he saw the gods move in his dreams. Man is no longer an artist, he has become a work of art: the artistic power of the whole cosmos, to the highest raptures of the Primal Unity, reveals itself here under the shuddering awe of intoxication. The noblest clay, the most precious marble—man—is here kneaded and hewn, and to the chisel blows of the Dionysian world-artist echoes the cry of the Eleusinian Mysteries: "Do you fall prostrate, millions? Do you sense your Creator, world?"
2
2
Wir haben bis jetzt das Apollinische und seinen Gegensatz, das Dionysische, als künstlerische Mächte betrachtet, die aus der Natur selbst, ohne Vermittlung des menschlichen Künstlers, hervorbrechen, und in denen sich ihre Kunsttriebe zunächst und auf direktem Wege befriedigen: einmal als die Bilderwelt des Traumes, deren Vollkommenheit ohne jeden Zusammenhang mit der intellektuellen Höhe oder künstlerischen Bildung des einzelnen ist, andererseits als rauschvolle Wirklichkeit, die wiederum des einzelnen nicht achtet, sondern sogar das Individuum zu vernichten und durch eine mystische Einheitsempfindung zu erlösen sucht. Diesen unmittelbaren Kunstzuständen der Natur gegenüber ist jeder Künstler »Nachahmer«, und zwar entweder apollonischer Traumkünstler oder dionysischer Rauschkünstler oder endlich - wie beispielsweise in der griechischen Tragödie - zugleich Rausch- und Traumkünstler: als welchen wir uns etwa zu denken haben, wie er, in der dionysischen Trunkenheit und mystischen Selbstentäußerung, einsam und abseits von den schwärmenden Chören niedersinkt und wie sich ihm nun, durch apollinische Traumeinwirkung, sein eigener Zustand, d.h. seine Einheit mit dem innersten Grunde der Welt in einem gleichnisartigen Traumbilde offenbart.
We have thus far considered the Apollinian and its antithesis, the Dionysian, as artistic powers that erupt from nature herself, without the mediation of the human artist, and in which her artistic impulses find satisfaction in the most immediate and direct way: first as the image-world of dreams, whose perfection bears no relation to the intellectual height or artistic cultivation of the individual; then as intoxicated reality, which likewise takes no heed of the individual, even seeking to annihilate him and redeem him through a mystical feeling of oneness. In contrast to these immediate artistic states of nature, every artist is an "imitator"—that is, either an Apollinian dream-artist or a Dionysian intoxicated-artist or finally—as in Greek tragedy, for example—simultaneously an artist of intoxication and dreams: we may imagine him sinking down in Dionysian drunkenness and mystical self-abnegation, solitary and apart from the reveling choruses, until, through Apollinian dream-inspiration, his own state—his oneness with the inmost ground of the world—reveals itself to him in a symbolic dream-image.
Nach diesen allgemeinen Voraussetzungen und Gegenüberstellungen nahen wir uns jetzt den Griechen, um zu erkennen, in welchem Grade und bis zu welcher Höhe jene Kunsttriebe der Natur in ihnen entwickelt gewesen sind: wodurch wir in den Stand gesetzt werden, das Verhältnis des griechischen Künstlers zu seinen Urbildern, oder, nach dem aristotelischen Ausdrucke, »die Nachahmung der Natur« tiefer zu verstehn und zu würdigen. Von den Träumen der Griechen ist trotz aller Traumliteratur derselben und zahlreichen Traumanekdoten nur vermutungsweise, aber doch mit ziemlicher Sicherheit zu sprechen: bei der unglaublich bestimmten und sicheren plastischen Befähigung ihres Auges, samt ihrer hellen und aufrichtigen Farbenlust, wird man sich nicht entbrechen können, zur Beschämung aller spätergeborenen, auch für ihre Träume eine logische Kausalität der Linien und Umrisse, Farben und Gruppen, eine ihren besten Reliefs ähnelnde Folge der Szenen vorauszusetzen, deren Vollkommenheit uns, wenn eine Vergleichung möglich wäre, gewiß berechtigen würde, die träumenden Griechen als Homere und Homer als einen träumenden Griechen zu bezeichnen: in einem tieferen Sinne, als wenn der moderne Mensch sich hinsichtlich seines Traumes mit Shakespeare zu vergleichen wagt.
After these general premises and distinctions, let us now approach the Greeks to discern to what degree and height these natural artistic impulses developed within them—thereby enabling us to more deeply grasp and assess the Greek artist's relation to his archetypes or, in Aristotelian terms, the "imitation of nature." Concerning the dreams of the Greeks, despite all their dream-literature and numerous dream-anecdotes, we can speak only conjecturally—though with considerable certainty. Given their incredibly definite and assured plastic aptitude, along with their lucid and sincere delight in color, one cannot resist assuming—to the shame of all posterity—that their dreams too exhibited a logical causality of lines and contours, hues and groupings, a sequence of scenes resembling their finest bas-reliefs, whose perfection would surely justify us, if comparison were possible, in designating the dreaming Greeks as Homers and Homer as a dreaming Greek—in a deeper sense than when the modern man presumes to compare his own dreams with Shakespeare.
Dagegen brauchen wir nicht nur vermutungsweise zu sprechen, wenn die ungeheure Kluft aufgedeckt werden soll, welche die dionysischen Griechen von den dionysischen Barbaren trennt. Aus allen Enden der alten Welt - um die neuere hier beiseite zu lassen -, von Rom bis Babylon können wir die Existenz dionysischer Feste nachweisen deren Typus sich, bestenfalls, zu dem Typus der griechischen verhält wie der bärtige Satyr, dem der Bock Namen und Attribute verlieh, zu Dionysus selbst. Fast überall lag das Zentrum dieser Feste in einer überschwänglichen geschlechtlichen Zuchtlosigkeit, deren Wellen über jedes Familientum und dessen ehrwürdige Satzungen hinwegfluteten; gerade die wildesten Bestien der Natur wurden hier entfesselt, bis zu jener abscheulichen Mischung von Wollust und Grausamkeit, die mir immer als der eigentliche »Hexentrank« erschienen ist. Gegen die fieberhaften Regungen jener Feste, deren Kenntnis auf allen Land und Seewegen zu den Griechen drang, waren sie, scheint es, eine Zeit lang völlig gesichert und geschützt durch die hier in seinem ganzen Stolz sich aufrichtende Gestalt des Apollo, der das Medusenhaupt keiner gefährlicheren Macht entgegenhalten konnte als dieser fratzenhaft ungeschlachten dionysischen, Es ist die dorische Kunst, in der sich jene majestätisch-ablehnende Haltung des Apollo verewigt hat. Bedenklicher und sogar unmöglich wurde dieser Widerstand, als endlich aus der tiefsten Wurzel des Hellenischen heraus sich ähnliche Triebe Bahn brachen: jetzt beschränkte sich das Wirken des delphischen Gottes darauf, dem gewaltigen Gegner durch eine zur rechten Zeit abgeschlossene Versöhnung die vernichtenden Waffen aus der Hand zu nehmen. Diese Versöhnung ist der wichtigste Moment in der Geschichte des griechischen Kultus: wohin man blickt, sind die Umwälzungen dieses Ereignisses sichtbar. Es war die Versöhnung zweier Gegner, mit scharfer Bestimmung ihrer von jetzt ab einzuhaltenden Grenzlinien und mit periodischer Übersendung von Ehrengeschenken; im Grunde war die Kluft nicht überbrückt. Sehen wir aber, wie sich unter dem Drucke jenes Friedensschlusses die dionysische Macht offenbarte, so erkennen wir jetzt, im Vergleiche mit jenen babylonischen Sakäen und ihrem Rückschritte des Menschen zum Tiger und Affen, in den dionysischen Orgien der Griechen die Bedeutung von Welterlösungsfesten und Verklärungstagen. Erst bei ihnen erreicht die Natur ihren künstlerischen Jubel, erst bei ihnen wird die Zerreißung des principii individuationis ein künstlerisches Phäno[1]men. Jener scheußliche Hexentrank aus Wollust und Grausamkeit war hier ohne Kraft: nur die wundersame Mischung und Doppelheit in den Affekten der dionysischen Schwärmer errinnert an ihn - wie Heilmittel an tödliche Gifte erinnern -, jene Erscheinung, daß Schmerzen Lust erwecken, daß der Jubel der Brust qualvolle Töne entreißt. Aus der höchsten Freude tönt der Schrei des Entsetzens oder der sehnende Klagelaut über einen unersetzlichen Verlust. In jenen griechischen Festen bricht gleichsam ein sentimentalischer Zug der Natur hervor, als ob sie über ihre Zerstückelung in Individuen zu seufzen habe. Der Gesang und die Gebärdensprache solcher zwiefach gestimmter Schwärmer war für die homerisch-griechische Welt etwas Neues und Unerhörtes: und insbesondere erregte ihr die dionysische Musik Schrecken und Grausen. Wenn die Musik scheinbar bereits als eine apollinische Kunst bekannt war, so war sie dies doch nur, genau genommen, als Wellenschlag des Rhythmus, dessen bildnerische Kraft zur Darstellung apollinischer Zustände entwickelt wurde. Die Musik des Apollo war dorische Architektonik in Tönen, aber in nur angedeuteten Tönen, wie sie der Kithara zu eigen sind. Behutsam ist gerade das Element, als unapollinisch, ferngehalten, das den Charakter der dionysischen Musik und damit der Musik überhaupt ausmacht, die erschütternde Gewalt des Tones, der einheitliche Strom des Melos und die durchaus unvergleichliche Welt der Harmonie. Im dionysischen Dithyrambus wird der Mensch zur höchsten Steigerung aller seiner symbolischen Fähigkeiten gereizt; etwas Nieempfundenes drängt sich zur Äußerung, die Vernichtung des Schleiers der Maja, das Einssein als Genius der Gattung, ja der Natur. Jetzt soll sich das Wesen der Natur symbolisch ausdrücken; eine neue Welt der Symbole ist nötig, einmal die ganze leibliche Symbolik, nicht nur die Symbolik des Mundes, des Gesichts, des Wortes, sondern die volle, alle Glieder rhythmisch bewegende Tanzgebärde. Sodann wachsen die anderen symbolischen Kräfte, die der Musik, in Rhythmik, Dynamik und Harmonie plötzlich ungestüm. Um diese Gesamtentfesselung aller symbolischen Kräfte zu fassen, muß der Mensch bereits auf jener Höhe der Selbstentäußerung angelangt sein, die in jenen Kräften sich symbolisch aussprechen will: der dithyrambische Dionysusdiener wird somit nur von seinesgleichen verstanden! Mit welchem Erstaunen mußte der apollinische Grieche auf ihn blicken! Mit einem Erstaunen, das um so größer war, als sich ihm das Grausen beimischte, daß ihm jenes alles doch eigentlich so fremd nicht sei, ja, daß sein apollinisches Bewußtsein nur wie ein Schleier diese dionysische Welt vor ihm verdecke.
Here we need not speak conjecturally when exposing the tremendous chasm separating the Dionysian Greeks from the Dionysian barbarians. From every corner of the ancient world – leaving aside the modern – from Rome to Babylon, we can substantiate the existence of Dionysian festivals whose type relates to the Greek type at best as the bearded satyr, to whom the goat lent its name and attributes, relates to Dionysus himself. At their core lay almost universally an exuberant sexual licentiousness whose waves overwhelmed every familial dignity and its venerable statutes; here the most savage beasts of nature were unleashed, ascending to that loathsome amalgam of lust and cruelty which has always appeared to me as the veritable "witches' brew." Against the febrile convulsions of those festivals – whose reverberations reached the Greeks through all land and sea routes – they seem for a time to have been utterly secured and shielded by the Apollinian figure rearing here in all its pride, for Apollo could oppose no more perilous power with the Gorgon's head than this grotesquely uncouth Dionysian force. It is through Doric art that this majestically repudiating stance of Apollo achieves eternalization. More precarious – indeed impossible – did this resistance become when analogous drives finally erupted from the deepest roots of the Hellenic character itself. The Delphic god's intervention now limited itself to wresting the annihilating weapons from his formidable adversary's grasp through a timely concluded reconciliation. This reconciliation marks the most momentous event in Greek religious history: wherever one looks, the transformative ripples of this event are visible. It was a truce between two antagonists, establishing sharp boundaries for their future coexistence through periodic exchanges of honorary tributes – yet fundamentally, the chasm remained unbridged. But if we observe how the Dionysian power revealed itself under the pressure of this peace pact, we now recognize in the Greek Dionysian orgies – compared to the Babylonian Sacaea with their regressive metamorphosis of man into tiger and ape – the significance of world-redemptive festivals and transfiguration days. Here alone does nature attain her artistic jubilation; here alone does the rending of the principii individuationis become an artistic phenomenon. That repulsive witches' brew of lust and cruelty here lies impotent: only the wondrous mixture and duality in the affects of Dionysian ecstatics recalls it – as remedies recall deadly poisons – in the phenomenon whereby pains awaken pleasure, whereby jubilation wrings agonized cries from the breast. From the highest joy sounds the shriek of horror or the longing lament over irredeemable loss. In these Greek festivals, a sentimental trait of nature seems to break forth, as though she were sighing over her dismemberment into individuals. The song and gestural language of such dually attuned ecstatics represented something unprecedented within the Homeric-Greek world – indeed, Dionysian music above all aroused terror and dread in them. If music had previously been known as an Apollinian art, it was so only as a wave-beat of rhythm, whose formative power had been developed for the representation of Apollinian states. Apollinian music was Doric architecture translated into sound, yet in merely suggested tones such as belong to the cithara. Precisely that element which constitutes the essence of Dionysian music – and thus of music generally – was carefully excluded as un-Apollinian: the shattering power of tone, the unitary flood of melody, and the utterly incomparable realm of harmony. In the Dionysian dithyramb, man is incited to the supreme intensification of all his symbolic faculties; something never before experienced struggles for expression – the annihilation of the veil of Maya, oneness as the genius of the species, nay, as nature herself. Now the essence of nature must express itself symbolically; a new world of symbols becomes necessary: first the full bodily symbolism, not merely the symbolism of lips, face, and speech, but the complete choreographic movement of all limbs in rhythmic dance. Then the other symbolic forces – those of music in rhythmics, dynamics, and harmony – erupt with sudden vehemence. To comprehend this total unleashing of symbolic capacities, man must already have attained that height of self-abandonment which seeks to express itself through those very symbols: the dithyrambic votary of Dionysus is therefore intelligible only to his own kind! With what astonishment – and mingled horror – must the Apollinian Greek have gazed upon him! An astonishment all the greater as he dimly sensed that all this was not so utterly alien to him after all – that indeed his Apollinian consciousness was but a veil hiding this Dionysian world from his view.
3
3
Um dies zu begreifen, müssen wir jenes kunstvolle Gebäude der apollinische Kultur gleichsam Stein um Stein abtragen, bis wir die Fundamente erblicken, auf die es begründet ist. Hier gewahren wir nun zuerst die herrlichen olympischen Göttergestalten, die auf den Giebeln dieses Gebäudes stehen, und deren Taten, in weithin leuchtenden Reliefs dargestellt, seine Friese zieren. Wenn unter ihnen auch Apollo steht, als eine einzelne Gottheit neben anderen und ohne den Anspruch einer ersten Stellung, so dürfen wir uns dadurch nicht beirren lassen. Derselbe Trieb, der sich in Apollo versinnlichte, hat überhaupt jene ganze olympische Welt geboren, und in diesem Sinne darf uns Apollo als Vater derselben gelten. Welches war das ungeheure Bedürfnis, aus dem eine so leuchtende Gesellschaft olympischer Wesen entsprang?
To comprehend this, we must dismantle that artful edifice of Apollinian culture stone by stone until we glimpse the foundations upon which it rests. Here we first behold the glorious Olympian deities crowning its pediments, their deeds illuminating the friezes in radiant bas-relief. Though Apollo stands among them as one deity beside others without claim to primacy, let this not mislead us. The same impulse embodied in Apollo begot this entire Olympian world, and in this sense, he may be regarded as its progenitor. What tremendous necessity gave birth to this luminous society of Olympian beings?
Wer, mit einer anderen Religion im Herzen, an diese Olympier herantritt und nun nach sittlicher Höhe, ja Heiligkeit, nach unleiblicher Vergeistigung, nach erbarmungsvollen Liebesblicken bei ihnen sucht, der wird unmutig und enttäuscht ihnen bald den Rücken kehren müssen. Hier erinnert nichts an Askese, Geistigkeit und Pflicht: hier redet nur ein üppiges, ja triumphierendes Dasein zu uns, in dem alles Vorhandene vergöttlicht ist, gleichviel ob es gut oder böse ist. Und so mag der Beschauer recht betroffen vor diesem phantastischen Überschwang des Lebens stehn, um sich zu fragen, mit welchem Zaubertrank im Leibe diese übermütigen Menschen das Leben genossen haben mögen, daß, wohin sie sehen, Helena, das »in süßer Sinnlichkeit schwebende« Idealbild ihrer eigenen Existenz, ihnen entgegenlacht. Diesem bereits rückwärts gewandten Beschauer müssen wir aber zurufen: Geh nicht von dannen, sondern höre erst, was die griechische Volksweisheit von diesem selben Leben aussagt, das sich hier mit so unerklärlicher Heiterkeit vor dir ausbreitet. Es geht die alte Sage, daß König Midas lange Zeit nach dem weisen Silen, dem Begleiter des Dionysus, im Walde gejagt habe, ohne ihn zu fangen. Als er ihm endlich in die Hände gefallen ist, fragt der König, was für den Menschen das Allerbeste und Allervorzüglichste sei. Starr und unbeweglich schweigt der Dämon; bis er, durch den König gezwungen, endlich unter gellem Lachen in diese Worte ausbricht: »Elendes Eintagsgeschlecht, des Zufalls Kinder und der Mühsal, was zwingst du mich dir zu sagen, was nicht zu hören für dich das Ersprießlichste ist? Das Allerbeste ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, nichts zu sein. Das Zweitbeste aber ist für dich - bald zu sterben.«
Let the observer bearing another religion in his heart approach these Olympians seeking moral elevation, sanctity, disembodied spirituality, or compassionate gazes of love—he shall soon turn away in bitter disappointment. Here no trace of asceticism, spirituality, or duty speaks; here existence triumphant and luxuriant addresses us, deifying all that exists, whether good or evil. Confronted by this fantastical excess of vitality, the spectator might stand perplexed, wondering what enchanted draught these exuberant mortals imbibed to behold Helen—that "sweetly sensuous" ideal of their own being—smiling back wherever they gaze. To this backward-glancing observer we must cry: "Tarry not in departure, but hear first what Greek folk wisdom proclaims about this very existence spreading before you with inexplicable serenity!"
Wie verhält sich zu dieser Volksweisheit die olympische Götterwelt? Wie die entzückungsreiche Vision des gefolterten Märtyrers zu seinen Peinigungen.
The ancient legend tells how King Midas long hunted wise Silenus, Dionysus' companion, through the forest without capture. When at last the daemon falls into his clutches, the king demands to know what is best and most excellent for humankind. The demon remains rigidly silent until, compelled by the king, he shrieks with shrill laughter: "Wretched ephemeral race, children of chance and toil, why force me to speak what were better left unheard? The supreme good is wholly beyond your reach: not to be born, not to be, to be nothing. The second best is this—to die soon."
Jetzt öffnet sich uns gleichsam der olympische Zauberberg und zeigt uns seine Wurzeln. Der Grieche kannte und empfand die Schrecken und Entsetzlichkeiten des Daseins: um überhaupt leben zu können, mußte er vor sie hin die glänzende Traumgeburt der Olympischen Stellen. Jenes ungeheure Mißtrauen gegen die titanischen Mächte der Natur, jene über allen Erkenntnissen erbarmungslos thronende Moira, jener Geier des großen Menschenfreundes Prometheus, jenes Schreckenslos des weisen Odipus, jener Geschlechtsfluch der Atriden, der Orest zum Muttermorde zwingt, kurz jene ganze Philosophie des Waldgottes, samt ihren mythischen Exempeln, an der die schwermütigen Etrurier zugrunde gegangen sind - wurde von den Griechen durch jene künstlerische Mittelwelt der Olympier fortwährend von neuem überwunden, jedenfalls verhüllt und dem Anblick entzogen. Um leben zu können, mußten die Griechen diese Götter, aus tiefster Nötigung, schaffen: welchen Hergang wir uns wohl so vorzustellen haben, daß aus der ursprünglichen titanischen Götterordnung des Schreckens durch jenen apollinischen Schönheitstrieb in langsamen Übergängen die olympische Götterordnung der Freude entwickelt wurde: wie Rosen aus dornigem Gebüsch hervorbrechen. Wie anders hätte jenes so reizbar empfindende, so ungestüm begehrende, zum Leiden so einzig befähigte Volk das Dasein ertragen können, wenn ihm nicht dasselbe, von einer höheren Glorie umflossen, in seinen Göttern gezeigt worden wäre. Derselbe Trieb, der die Kunst ins Leben ruft, als die zum Weiterleben verführende Ergänzung und Vollendung des Daseins, ließ auch die olympische Welt entstehen, in der sich der hellenische »Wille« einen verklärenden Spiegel vorhielt. So rechtfertigen die Götter das Menschenleben, indem sie es selbst leben - die allein genügende Theodicee! Das Dasein unter dem hellen Sonnenscheine solcher Göt[1]ter wird als das an sich Erstrebenswerte empfunden, und der eigentliche Schmerz der homerischen Menschen bezieht sich auf das Abscheiden aus ihm, vor allem auf das baldige Abscheiden: so daß man jetzt von ihnen, mit Umkehrung der silenischen Weisheit, sagen könnte, »das Allerschlimmste sei für sie, bald zu sterben, das Zweitschlimmste, überhaupt einmal zu sterben.« Wenn die Klage einmal ertönt, so klingt sie wieder vom kurzlebenden Achilles, von dem blättergleichen Wechsel und Wandel des Menschengeschlechts, von dem Untergang der Heroenzeit. Es ist des größten Helden nicht unwürdig, sich nach dem Weiterleben zu sehnen, sei es selbst als Tagelöhner. So ungestüm verlangt, auf der apollinischen Stufe, der »Wille« nach diesem Dasein, so eins fühlt sich der homerische Mensch mit ihm, daß selbst die Klage zu seinem Preisliede wird.
How does the Olympian divine order relate to this folk wisdom? As the martyr's beatific vision relates to his tortures.
Hier muß nun ausgesprochen werden, daß diese von den neueren Menschen so sehnsüchtig angeschaute Harmonie, ja Einheit des Menschen mit der Natur, für die Schiller das Kunstwort »naiv« in Geltung gebracht hat, keinesfalls ein so einfacher, sich von selbst ergebender, gleichsam unvermeidlicher Zustand ist, dem wir an der Pforte jeder Kultur, als einem Paradies der Menschheit begegnen müßten: dies konnte nur eine Zeit glauben, die den Emil Rousseaus sich auch als Künstler zu denken suchte und in Homer einen solchen am Herzen der Natur erzogenen Künstler Emil gefunden zu haben wähnte. Wo uns das »Naive« in der Kunst begegnet, haben wir die höchste Wirkung der apollinischen Kultur zu erkennen: welche immer erst ein Titanenreich zu stürzen und Ungetüme zu töten hat und durch kräftige Wahnvorspiegelungen und lustvolle Illusionen über eine schreckliche Tiefe der Weltbetrachtung und reizbarste Leidensfähigkeit Sieger geworden sein muß. Aber wie selten wird das Naive, jenes völlige Verschlungensein in der Schönheit des Scheines, erreicht! Wie unaussprechbar erhaben ist deshalb Homer, der sich als einzelner zu jener apollinischen Volkskultur verhält wie der einzelne Traumkünstler zur Traumbefähigung des Volks und der Natur überhaupt. Die homerische »Naivität« ist nur als der vollkommene Sieg der apollinischen Illusion zu begreifen: es ist dies eine solche Illusion, wie sie die Natur, zur Erreichung ihrer Absichten, so häufig verwendet. Das wahre Ziel wird durch ein Wahnbild verdeckt: nach diesem strecken wir die Hände aus, und jenes erreicht die Natur durch unsre Täuschung. In den Griechen wollte der »Wille« sich selbst, in der Verklärung des Genius und der Kunstwelt, anschauen; um sich zu verherrlichen, mußten seine Geschöpfe sich selbst als verherrlichenswert empfinden, sie mußten sich in einer höheren Sphäre wiedersehn, ohne daß diese vollendete Welt der Anschauung als Imperativ oder als Vorwurf wirkte. Dies ist die Sphäre der Schönheit, in der sie ihre Spiegelbilder, die Olympischen, sahen. Mit dieser Schönheitsspiegelung kämpfte der hellenische »Wille« gegen das dem künstlerischen korrelative Talent zum Leiden und zur Weisheit des Leidens: und als Denkmal seines Sieges steht Homer vor uns, der naive Künstler.
Now the Olympian magic mountain opens before us, revealing its roots. The Greek knew and felt existence's terrors and horrors: to endure life at all, he had to interpose before them the resplendent dream-born Olympians. That monstrous distrust of nature's Titanic forces, that Moira enthroned remorselessly above all knowledge, that vulture devouring Prometheus the great philanthropist, the dreadful fate of wise Oedipus, the ancestral curse driving Orestes to matricide—in short, that entire philosophy of the woodland god which doomed the melancholy Etruscans—was continually overcome anew by the Greeks through this artistic middle world of Olympians, at least veiled from sight. To live, the Greeks were compelled by profound necessity to create these gods—a process we must conceive as the Apollinian impulse toward beauty gradually transmuting the original Titanic order of terror into the Olympian order of joy: as roses bursting from thorny bushes. How else could this people, so hypersensitive, so vehement in desire, so uniquely capable of suffering, have borne existence unless shown to them transfigured in their gods? The same impulse that summons art into being as life's seductive complement and consummation gave birth to the Olympian world wherein the Hellenic "Will" held before itself a transfiguring mirror. Thus do the gods justify human existence by living it themselves—the only satisfactory theodicy! Under the radiant sunshine of such deities, existence is felt as intrinsically desirable, and the true sorrow of Homeric man concerns departure from it—above all, imminent departure. Now we might reverse Silenus' wisdom and say of them: "The worst fate is to die soon; the second worst, to die at all." When lamentation sounds, it echoes Achilles' brief life, the leaf-like flux of human generations, the twilight of the heroic age. Even the greatest hero finds no shame in craving continued existence as a day laborer. So vehemently does the "Will," at the Apollinian stage, desire this existence, so completely does the Homeric primordial human identify with it, that even lament becomes a paean.
Here we must declare that this harmony - indeed unity between humanity and nature - which moderns contemplate with such yearning, and for which Schiller established the artistic term "naive," is by no means so simple a state, nor one that arises spontaneously or inevitably confronts us as humanity's paradise at the threshold of every culture. Only an age could believe this that imagined Rousseau's Émile as an artist and fancied it had discovered such a nature-nurtured artist Émile in Homer. Wherever we encounter the "naive" in art, we must recognize the supreme effect of Apollinian culture - which must always first overthrow a Titanic realm and slay monsters, having triumphed through vigorous delusional illusions and joyous semblances over the terrifying depth of world-contemplation and an overacute capacity for suffering. But how rarely is true naiveté attained - that complete absorption in the beauty of semblance! How ineffably sublime is Homer, who as an individual stands toward this Apollinian folk-culture as the solitary dream-artist stands toward the dream-capacity of the people and of nature itself! Homeric "naiveté" can only be understood as the perfect victory of Apollinian illusion: an illusion such as nature so frequently employs to achieve her ends. The true goal is veiled by a phantasm: toward this phantom we stretch our hands, while nature attains her end through our deception. In the Greeks, the "Will" desired to behold itself transfigured in the genius and artistic world; to glorify itself, its creatures had to feel themselves worthy of glorification, had to see themselves again in a higher sphere without this perfected world of contemplation functioning as imperative or reproach. This is the sphere of beauty, wherein they beheld their mirrored images, the Olympians. With this mirror of beauty, the Hellenic "Will" combated its artistically correlative talent for suffering and wisdom of suffering - and as a monument to its victory stands Homer before us, the naive artist.
4
4
Über diesen naiven Künstler gibt uns die Traumanalogie einige Belehrung. Wenn wir uns den Träumenden vergegenwärtigen, wie er, mitten in der Illusion der Traumwelt und ohne sie zu stören, sich zuruft: »es ist ein Traum, ich will ihn weiter träumen«, wenn wir hieraus auf eine tiefe innere Lust des Traumanschauens zu schließen haben, wenn wir andererseits, um überhaupt mit dieser inneren Lust am Schauen träumen zu können, den Tag und seine schreckliche Zudringlichkeit völlig vergessen haben müssen: so dürfen wir uns alle diese Erscheinungen etwa in folgender Weise, unter der Leitung des traumdeutenden Apollo, interpretieren. So gewiß von den beiden Hälften des Lebens, da wachen und der träumenden Hälfte, uns die erstere als die ungleich bevorzugtere, wichtigere, würdigere, lebenswertere, ja allein gelebte dünkt: so möchte ich doch, bei allem Anscheine einer Paradoxie, für jenen geheimnisvollen Grund unseres Wesens dessen Erscheinung wir sind, gerade die entgegengesetzte Wertschätzung des Traumes behaupten. Je mehr ich nämlich in der Natur jene allgewaltigen Kunsttriebe und in ihnen eine inbrünstige Sehnsucht zum Schein, zum Erlöstwerden durch den Schein gewahr werde, um so mehr fühle ich mich zu der metaphysischen Annahme gedrängt, daß das Wahrhaft-Seiende und Ur-Eine, als das Ewig-Leidend und Widerspruchsvolle, zugleich die entzückende Vision, den lustvollen Schein zu seiner steten Erlösung braucht: welchen Schein wir, völlig in ihm befangen und aus ihm bestehend, als das Wahrhaft-Nichtseiende, d.h. als ein forrwährendes Werden in Zeit, Raum und Kausalität, mit anderen Worten, als empirische Realität zu empfinden genötigt sind. Sehen wir also einmal von unsrer eignen »Realität« für einen Augenblick ab, fassen wir unser empirisches Dasein, wie das der Welt überhaupt, als eine in jedem Moment erzeugte Vorstellung des Ur-Einen, so muß uns jetzt der Traum als der Schein des Scheins, somit als eine noch höhere Befriedigung der Urbegierde nach dem Schein hin gelten. Aus diesem selben Grunde hat der innerste Kern der Natur jene unbeschreibliche Lust an dem naiven Künstler und dem naiven Kunstwerke, das gleichfalls nur »Schein des Scheins« ist. Raffael, selbst einer jener unsterblichen »Naiven«, hat uns in einem gleichnisartigen Gemälde jenes Depotenzieren des Scheins zum Schein, den Urprozeß des naiven Künstlers und zugleich der apollinischen Kultur, dargestellt. In seiner Transfiguration zeigt uns die untere Hälfte, mit dem besessenen Knaben, den verzweifelnden Trägern, den ratlos geängstigten Jüngern, die Widerspiegelung des ewigen Urschmerzes, des einzigen Grundes der Welt: der »Schein« ist hier Widerschein des ewigen Widerspruchs, des Vaters der Dinge. Aus diesem Schein steigt nun, wie ein ambrosischer Duft, eine visionsgleiche neue Scheinwelt empor, von der jene im ersten Schein Befangenen nichts sehen - ein leuchtendes schweben in reinster Wonne und Schmerzlosem, aus weiten Augen strahlenden Anschauen. Hier haben wir, in höchster Kunstsymbolik, jene apollinische Schönheitswelt und ihren Untergrund, die schreckliche Weisheit des Silen, vor unseren Blicken und begreifen, durch Intuition, ihre gegenseitige Notwendigkeit. Apollo aber tritt uns wiederum als die Vergöttlichung des principii individuationis entgegen, in dem allein das ewig erreichte Ziel des Ur-Einen, seine Erlösung durch den Schein, sich vollzieht: er zeigt uns mit erhabenen Gebärden, wie die ganze Welt der Qual nötig ist, damit durch sie der einzelne zur Erzeugung der erlösenden Vision gedrängt werde und dann, ins Anschauen derselben versunken, ruhig auf seinem schwankenden Kahne, inmitten des Meeres, sitze.
The dream-analogy provides some instruction about this naive artist. If we imagine the dreamer in the midst of his dream-world's illusion calling out to himself: "This is a dream - I will continue dreaming!" - if we must infer from this a profound inner joy in dream-contemplation - if, on the other hand, to dream at all with this joy in contemplation, we must have utterly forgotten the day and its terrible importunity - then we may interpret all these phenomena under Apollo's guidance as dream-interpreter. Though we deem the waking half of life immeasurably more privileged, important, and worthy than its dreaming counterpart (appearances notwithstanding), I would assert for that mysterious ground of our being whose manifestation we are precisely the inverse valuation of dreams. The more I perceive in nature those omnipotent artistic impulses and their ardent craving for semblance, for redemption through semblance, the more I feel compelled to the metaphysical assumption that the Truly Existing and Primal Unity, as the eternally suffering and contradictory, simultaneously requires the rapturous vision and blissful semblance for its perpetual redemption. This semblance we, being utterly immersed in it and composed of it, are constrained to experience as True Non-Being - that is, as perpetual Becoming in time, space, and causality - in other words, as empirical reality. If we momentarily abstract from our own "reality," grasping our empirical existence and the world's as moment-by-moment generated representations of the Primal Unity, then dream must appear to us as the semblance of semblance, hence as a still higher satisfaction of the primal craving for semblance. For this same reason, nature's innermost core takes ineffable delight in the naive artist and naive artwork, which are likewise merely "semblance of semblance." Raphael, himself one of those immortal "naive" ones, has symbolically depicted this depoetizing of semblance into semblance - the primal process of the naive artist and simultaneously of Apollinian culture - in his Transfiguration. The painting's lower half shows the possessed boy, despairing bearers, and terror-stricken disciples: here we see mirrored the eternal primordial pain, the sole ground of the world. "Semblance" here is the reflection of eternal contradiction, father of all things. From this semblance rises like an ambrosian fragrance a new visionary world of semblance, invisible to those trapped in the first semblance - a luminous hovering in purest bliss and painless contemplation beaming from wide-eyed countenances. Here before our eyes, through supreme artistic symbolism, we behold both the Apollinian beauty-world and its substratum, the terrible wisdom of Silenus, and intuitively comprehend their mutual necessity. Apollo confronts us again as the deification of the principii individuationis, wherein alone the perpetually attained goal of the Primal Unity - its redemption through semblance - is consummated. With sublime gestures he shows us how the entire world of torment is necessary, that through it the individual may be compelled to produce the redeeming vision, then sink into contemplation of it, serenely seated in his rocking skiff amid the seas.
Diese Vergöttlichung der Individuation kennt, wenn sie überhaupt imperativisch und Vorschriften gebend gedacht wird, nur ein Gesetz, das Individuum, d.h. die Einhaltung der Grenzen des Individuums, das Maß im hellenischen Sinne. Apollo, als ethische Gottheit, fordert von den Seinigen das Maß und, um es einhalten zu können, Selbsterkenntnis. Und so läuft neben der ästhetischen Notwendigkeit der Schönheit die Forderung des »Erkenne dich selbst« und des »Nicht zu viel!« her, während Selbstüberhebung und Übermaß als die eigentlich feindseligen Dämonen der nicht-apollinischen Sphäre, daher als Eigenschaften der vor-apollinischen Zeit, des Titanenzeitalters, und der außer-apollinischen Welt, d.h. der Barbarenwelt, erachtet wurden. Wegen seiner titanenhaften Liebe zu den Menschen mußte Prometheus von den Geiern zerrissen werden, seiner übermäßigen Weisheit halber, die das Rätsel der Sphinx löste, mußte Ödipus in einen verwirrenden Strudel von Untaten stürzen: so interpretierte der delphische Gott die griechische Vergangenheit.
This deification of individuation, when conceived as imperative and prescriptive, recognizes only one law—the individual itself, i.e., the observance of individual boundaries, measure in the Hellenic sense. Apollo, as an ethical deity, demands measure from his followers and, to maintain it, self-knowledge. Thus, alongside the aesthetic necessity of beauty runs the demand to "know thyself" and "nothing in excess," while self-aggrandizement and excess were deemed the truly hostile daemons of the non-Apollinian sphere, attributes of the pre-Apollinian age—the Titanic era—and the extra-Apollinian world, i.e., the barbarian realm. For his Titanic love of humanity, Prometheus had to be torn by vultures; for his excessive wisdom in solving the Sphinx's riddle, Oedipus was plunged into a vortex of atrocities: thus did the Delphic god interpret the Greek past.
»Titanenhaft« und »barbarisch« dünkte dem apollinischen Griechen auch die Wirkung, die das Dionysische erregte: ohne dabei sich verhehlen zu können, daß er selbst doch zugleich auch innerlich mit jenen gestürzten Titanen und Heroen verwandt sei. Ja er mußte noch mehr empfinden: sein ganzes Dasein, mit aller Schönheit und Mäßigung, ruhte auf einem verhüllten Untergrunde des Leidens und der Erkenntnis, der ihm wieder durch jenes Dionysische aufgedeckt wurde. Und siehe! Apollo konnte nicht ohne Dionysus leben! Das »Titanische« und das »Barbarische« war zuletzt eine eben solche Notwendigkeit wie das Apollinische! Und nun denken wir uns, wie in diese auf den Schein und die Mäßigung gebaute und künstlich gedämmte Welt der ekstatische Ton der Dionysusfeier in immer lockenderen Zauberweisen hineinklang, wie in diesen das ganze Übermaß der Natur in Lust, Leid und Erkenntnis, bis zum durchdringenden Schrei, laut wurde denken wir uns, was diesem dämonischen Volksgesange gegenüber der psalmodierende Künstler des Apollo, mit dem gespensterhaften Harfenklange, bedeuten konnte! Die Musen der Künste des »Scheins« verblaßten vor einer Kunst, die in ihrem Rausche die Wahrheit sprach die Weisheit des Silen rief Wehe! Wehe! aus gegen die heiteren Olympier. Das Individuum, mit allen seinen Grenzen und Maßen, ging hier in der Selbstvergessenheit der dionysischen Zustände unter und vergaß die apollinischen Satzungen. Das Übermaß enthüllte sich als Wahrheit, der Widerspruch, die aus Schmerzen geborene Wonne sprach von sich aus dem Herzen der Natur heraus. Und so war, überall dort, wo das Dionysische durchdrang, das Apollinische aufgehoben und vernichtet. Aber ebenso gewiß ist, daß dort, wo der erste Ansturm ausgehalten wurde, das Ansehen und die Majestät des delphischen Gottes starrer und drohender als je sich äußerte. Ich vermag nämlich den dorischen Staat und die dorische Kunst mir nur als ein fortgesetztes Kriegslager des Apollinischen zu erklären: nur in einem unausgesetzten Widerstreben gegen das titanisch-barbarische Wesen des Dionysischen konnte eine so trotzig-spröde, mit Bollwerken umschlossene Kunst, eine so kriegsgemäße und herbe Erziehung, ein so grausames und rücksichtsloses Staatswesen von längerer Dauer sein.
"Titanic" and "barbaric" seemed to the Apollinian Greek the effects provoked by the Dionysian—though he could not conceal that he himself was inwardly kin to those deposed Titans and heroes. Indeed, he had to feel something more: his entire existence, with all its beauty and moderation, rested on a veiled substratum of suffering and knowledge unveiled to him through the Dionysian. And behold! Apollo could not live without Dionysus! The "Titanic" and the "barbaric" were ultimately as necessary as the Apollinian! Now imagine how into this world—built on semblance and measure, artificially dammed—the ecstatic clamor of the Dionysian festival resounded with ever more seductive magic; how in this clamor the whole excess of nature in joy, sorrow, and knowledge erupted even to the piercing shriek; imagine what the psalm-chanting artist of Apollo, with his spectral harp-tones, could mean beside this daemonic folk-song! The Muses of the arts of "semblance" paled before an art that spoke truth in its intoxication; the wisdom of Silenus cried "Woe! Woe!" against the serene Olympians. The individual, with all his boundaries and measures, dissolved here in the self-oblivion of Dionysian states, forgetting the Apollinian statutes. Excess revealed itself as truth; contradiction, the bliss born of pain, spoke from the heart of nature. Wherever the Dionysian broke through, the Apollinian was suspended and annihilated. Yet it is equally certain that where the first assault was withstood, the authority and majesty of the Delphic god manifested more rigidly and threateningly than ever. For I can explain the Doric state and Doric art only as a perpetual martial encampment of the Apollinian: only through unremitting resistance to the Titanic-barbaric essence of the Dionysian could such a defiantly austere art—fortified by ramparts, warlike in discipline, a polity so ruthless and unyielding—endure.
Bis zu diesem Punkte ist des weiteren ausgeführt worden, was ich am Eingange dieser Abhandlung bemerkte: wie das Dionysische und das Apollinische, in immer neuen aufeinanderfolgenden Geburten, und sich gegenseitig steigernd, das hellenische Wesen beherrscht haben: wie aus dem »erzenen« Zeitalter, mit seinen Titanenkämpfen und seiner herben Volksphilosophie, sich unter dem Walten des apollinischen Schönheitstriebes die homerische Welt entwickelt, wie diese »naive« Herrlichkeit wieder von dem einbrechenden Strome des Dionysischen verschlungen wird, und wie dieser neuen Macht gegenüber sich das Apollinische zur starren Majestät der dorischen Kunst und Weltbetrachtung erhebt. Wenn auf diese Weise die ältere hellenische Geschichte, im Kampf jener zwei feindseligen Prinzipien, in vier große Kunststufen zerfällt: so sind wir jetzt gedrängt, weiter nach dem letzten Plane dieses Werdens und Treibens zu fragen, falls uns nicht etwa die letzterreichte Periode, die der dorischen Kunst, als die Spitze und Absicht jener Kunsttriebe gelten sollte: und hier bietet sich unseren Blicken das erhabene und hochgepriesene Kunstwerk der attischen Tragödie und des dramatischen Dithyrambus, als das gemeinsame Ziel beider Triebe, deren geheimnisvolles Ehebündnis, nach langem vorhergehenden Kampfe, sich in einem solchen Kinde - das zugleich Antigone und Kassandra ist - verherrlicht hat.
Up to this point, I have elaborated what I noted at this treatise's outset: how the Dionysian and Apollinian, through continual rebirths and mutual intensification, governed the Hellenic essence; how from the "bronze" age with its Titanic struggles and austere folk-philosophy, the Homeric world unfolded under the Apollinian beauty-drive; how this "naive" splendor was again engulfed by the inrushing Dionysian torrent; and how, against this new power, the Apollinian rose to the rigid majesty of Doric art and world-contemplation. If older Hellenic history thus fractures into four great artistic epochs through the struggle of these two hostile principles, we are compelled to inquire into the ultimate purpose of this becoming and striving—unless we are to regard the final epoch, that of Doric art, as the summit and goal of these artistic drives. Here the sublime and celebrated artwork of Attic tragedy and the dramatic dithyramb presents itself as the shared aim of both drives, whose mysterious nuptial alliance—after long antecedent strife—glorified itself in such a child, one who is simultaneously Antigone and Cassandra.
5
5
Wir nahen uns jetzt dem eigentlichen Ziele unsrer Untersuchung, die auf die Erkenntnis des dionysisch-apollonischen Genius und seines Kunstwerkes, wenigstens auf das ahnungsvolle Verständnis jenes Einleitungsmysteriums gerichtet ist. Hier fragen wir nun zunächst, wo jener neue Keim sich zuerst in der hellenischen Welt bemerkbar macht, der sich nachher bis zur Tragödie und zum dramatischen Dithyrambus entwickelt. Hierüber gibt uns das Altertum selbst bildlich Aufschluß, wenn es als die Urväter und Fackelträger der griechischen Dichtung Homer und Archilochus auf Bildwerken, Gemmen usw. nebeneinander stellt, in der sicheren Empfindung, daß nur diese beiden gleich völlig originalen Naturen, von denen aus ein Feuerstrom auf die gesamte griechische Nachwelt fortfließe, zu erachten seien. Homer, der in sich versunkene greise Träumer, der Typus des apollinischen, naiven Künstlers, sieht nun staunend den leidenschaftlichen Kopf des wild durchs Dasein getriebenen kriegerischen Musendieners Archilochus: und die neuere Ästhetik wußte nur deutend hinzuzufügen, daß hier dem »objektiven« Künstler der erste »subjektive« entgegengestellt sei. Uns ist mit dieser Deutung wenig gedient, weil wir den subjektiven Künstler nur als schlechten Künstler kennen und in jeder Art und Höhe der Kunst vor allem und zuerst Besiegung des subjektiven, Erlösung vom »Ich« und stillschweigen jedes individuellen Willens und Gelüstens fordern, ja ohne Objektivität, ohne reines interesseloses Anschauen nie an die geringste wahrhaft künstlerische Erzeugung glauben können. Darum muß unsre Ästhetik erst jenes Problem lösen, wie der »Lyriker« als Künstler möglich ist: er, der, nach der Erfahrung aller Zeiten, immer »ich« sagt und die ganze chromatische Tonleiter seiner Leidenschaften und Begehrungen vor uns absingt. Gerade dieser Archilochus erschreckt uns, neben Homer, durch den Schrei seines Hasses und Hohnes, durch die trunknen Ausbrüche seiner Begierde; ist er, der erste subjektiv genannte Künstler, nicht damit der eigentliche Nichtkünstler? Woher aber dann die Verehrung, die ihm, dem Dichter, gerade auch das delphische Orakel der Herd der »objektiven« Kunst, in sehr merkwürdigen Aussprüchen erwiesen hat?
We now approach the true aim of our inquiry, directed toward recognizing the Dionysian-Apollinian genius and his artwork, at least toward an intuitive comprehension of that Introductory Mystery. Here we first ask: where does that new seed become perceptible in the Hellenic world, later developing into tragedy and dramatic dithyramb? Ancient antiquity itself provides pictorial testimony by placing Homer and Archilochus side by side on cameos and reliefs as the primal fathers and torchbearers of Greek poetry, with the instinctive certainty that only these two equally original natures – from whom a torrent of fire streams forth upon all subsequent Greek generations – deserve consideration. Homer, the aged dreamer absorbed in himself, the archetype of the Apollinian, naïve artist, now gazes astonished at the passionate countenance of Archilochus, the warrior-servant of the Muses driven wildly through existence. Modern aesthetics could only interpret this by labeling the first "objective" artist here confronted by the first "subjective" artist. This interpretation aids us little, for we know the subjective artist only as a poor artist, and demand in every art and artistic elevation first and foremost the conquest of the subjective, redemption from the "I," and the silencing of all individual will and desire; indeed, we cannot believe in the slightest truly artistic production without objectivity, without pure, disinterested contemplation. Hence our aesthetics must first solve the problem of how the "lyricist" is possible as an artist: he who, according to the testimony of all ages, perpetually says "I" and parades before us the entire chromatic scale of his passions and desires. Precisely this Archilochus startles us beside Homer through his cries of hatred and scorn, through the drunken eruptions of his desire. Is he not, this first so-called "subjective" artist, thereby the true non-artist? Yet how then explain the reverence shown to him, the poet, even by the Delphic oracle – that bastion of "objective" art – through remarkable pronouncements?
Über den Prozeß seines Dichtens hat uns Schiller durch eine ihm selbst unerklärliche, doch nicht bedenklich scheinende psychologische Beobachtung Licht gebracht; er gesteht nämlich, als den vorbereitenden Zustand vor dem Aktus des Dichtens nicht etwa eine Reihe von Bildern, mit geordneter Kausalität der Gedanken, vor sich und in sich gehabt zu haben, sondern vielmehr eine musikalische Stimmung (»Die Empfindung ist bei mir anfangs ohne bestimmten und klaren Gegenstand; dieser bildet sich erst später. Eine gewisse musikalische Gemütsstimmung geht vorher, und auf diese folgt bei mir erst die poetische Idee«), Nehmen wir jetzt das wichtigste Phänomen der ganzen antiken Lyrik hinzu, die überall als natürlich geltende Vereinigung, ja Identität des Lyrikers mit dem Musiker - der gegenüber unsre neuere Lyrik wie ein Götterbild ohne Kopf erscheint -, so können wir jetzt, auf Grund unsrer früher dargestellten ästhetischen Metaphysik, uns in folgender Weise den Lyriker erklären. Er ist zuerst, als dionysischer Künstler, gänzlich mit dem Ur-Einen, seinem Schmerz und Widerspruch, eins geworden und produziert das Abbild dieses Ur-Einen als Musik, wenn anders diese mit Recht eine Wiederholung der Welt und ein zweiter Abguß derselben genannt worden ist; jetzt aber wird diese Musik ihm wieder, wie in einem gleichnisartigen Traumbilde, unter der apollinischen Traumeinwirkung sichtbar. Jener bild- und begrifflose Widerschein des Urschmerzes in der Musik, mit seiner Erlösung im Scheine, erzeugt jetzt eine zweite Spiegelung, als einzelnes Gleichnis oder Exempel. Seine Subjektivität hat der Künstler bereits in dem dionysischen Prozeß aufgegeben: das Bild, das ihm jetzt seine Einheit mit dem Herzen der Welt zeigt, ist eine Traumszene, die jenen Urwiderspruch und Urschmerz, samt der Urlust des Scheines, versinnlicht. Das »Ich« des Lyrikers tönt also aus dem Abgrunde des Seins: seine »Subjektivität« im Sinne der neueren Ästhetiker ist eine Einbildung. Wenn Archilochus, der erste Lyriker der Griechen, seine rasende Liebe und zugleich seine Verachtung den Töchtern des Lykambes kundgibt, so ist es nicht seine Leidenschaft, die vor uns in orgiastischem Taumel tanzt: wir sehen Dionysus und die Mänaden, wir sehen den berauschten Schwärmer Archilochus zum Schlafe niedergesunken wie ihn uns Euripides in den Bacchen beschreibt, den Schlaf auf hoher Alpentrift, in der Mittagssonne -: und jetzt tritt Apollo an ihn heran und berührt ihn mit dem Lorbeer. Die dionysisch-musikalische Verzauberung des Schläfers sprüht jetzt gleichsam Bilderfunken um sich, lyrische Gedichte, die in ihrer höchsten Entfaltung Tragödien und dramatische Dithyramben heißen.
Concerning his poetic process, Schiller illuminated it through a psychological observation inexplicable yet unhesitatingly accepted: he confessed that before the act of poetic creation he experienced not a sequence of images with orderly causal connections, but rather a musical mood ("In my case, sensation initially lacks a definite, clear object; this forms itself afterward. A certain musical disposition of mind precedes, and only thereafter does the poetic idea follow"). If we now consider the paramount phenomenon of all ancient lyric – the universally acknowledged natural union, indeed identity, of lyricist and musician (compared to which our modern lyric resembles a headless statue of a god) – we may interpret the lyricist through our earlier aesthetic metaphysics as follows. As a Dionysian artist, he has first become wholly one with the Primal Unity, its pain and contradiction, and produces the image of this Primal Unity as music – if music may rightly be termed a repetition of the world and a second casting of it. Now this music becomes visible to him again, as in a metaphorical dream-image, under Apollinian dream influence. That imageless, conceptless reflection of primordial pain in music, with its redemption through semblance, now generates a second mirroring as specific metaphor or exemplum. The artist has already surrendered his subjectivity in the Dionysian process; the image that now reveals his unity with the world's heart is a dream scene symbolizing the primal contradiction and primordial pain, along with the primordial joy of semblance. The "I" of the lyricist thus resounds from the abyss of Being; his "subjectivity" in the modern aesthetic sense is a delusion. When Archilochus, the first Greek lyricist, proclaims his frenzied love and scorn for Lycambes' daughters, it is not his passion dancing before us in orgiastic frenzy: we see Dionysus and the Maenads, we behold the intoxicated rapturer Archilochus sunk in slumber – as Euripides depicts him in the Bacchae – asleep on a high alpine meadow beneath the noon sun. Then Apollo approaches and touches him with the laurel. The Dionysian-musical enchantment of the sleeper now sprays sparks of imagery around itself – lyrical poems that, in their supreme unfolding, are named tragedies and dramatic dithyrambs.
Der Plastiker und zugleich der ihm verwandte Epiker ist in das reine Anschauen der Bilder versunken. Der dionysische Musiker ist ohne jedes Bild völlig nur selbst Urschmerz und Urwiederklang desselben. Der lyrische Genius fühlt aus dem mystischen Selbstentäußerungs- und Einheitszustande eine Bilder- und Gleichniswelt hervorwachsen, die eine ganz andere Färbung, Kausalität und Schnelligkeit hat als jene Welt des Plastikers und Epikers. Während der letztgenannte in diesen Bildern und nur in ihnen mit freudigem Behagen lebt und nicht müde wird, sie bis auf die kleinsten Züge hin liebevoll anzuschauen, während selbst das Bild des zürnenden Achilles für ihn nur ein Bild ist, dessen zürnenden Ausdruck er mit jener Traumlust am Scheine genießt - so daß er, durch diesen Spiegel des Scheines, gegen das Einswerden und Zusammenschmelzen mit seinen Gedanken geschützt ist -, so sind dagegen die Bilder des Lyrikers nichts als er selbst und gleichsam nur verschiedene Objektivationen von ihm, weshalb er als bewegender Mittelpunkt jener Welt »ich« sagen darf: nur ist diese Ichheit nicht dieselbe, wie die des wachen, empirisch-realen Menschen, sondern die einzige überhaupt wahrhaft seiende und ewige, im Grunde der Dinge ruhende Ichheit, durch deren Abbilder der lyrische Genius bis auf den Grund der Dinge hindurchsieht. Nun denken wir uns einmal, wie er unter diesen Abbildern auch sich selbst als Nichtgenius erblickt, d.h. sein »Subjekt«, das ganze Gewühl subjektiver, auf ein bestimmtes, ihm real dünkendes Ding gerichteter Leidenschaften und Willensregungen; wenn es jetzt scheint, als ob der lyrische Genius und der mit ihm verbundene Nichtgenius eins wäre und als ob der erstere von sich selbst jenes Wörtchen »ich« spräche, so wird uns jetzt dieser Schein nicht mehr verführen können, wie er allerdings diejenigen verführt hat, die den Lyriker als den subjektiven Dichter bezeichnet haben. In Wahrheit ist Archilochus, der leidenschaftlich entbrannte, liebende und hassende Mensch, nur eine Vision des Genius, der bereits nicht mehr Archilochus, sondern Weltgenius ist und der seinen Urschmerz in jenem Gleichnisse vom Menschen Archilochus symbolisch ausspricht: während jener subjektiv wollende und begehrende Mensch Archilochus überhaupt nie und nimmer Dichter sein kann. Es ist aber gar nicht nötig, daß der Lyriker gerade nur das Phänomen des Menschen Archilochus vor sich sieht als Wiederschein des ewigen Seins; und die Tragödie beweist, wie weit sich die Visionswelt des Lyrikers von jenem allerdings zunächst stehenden Phänomen entfernen kann.
The plastic artist and his kindred epic poet remain absorbed in the pure contemplation of images. The Dionysian musician exists without any image whatsoever, being wholly primal pain and its primordial resonance. The lyrical genius feels a world of images and metaphors emerging from the mystical state of self-renunciation and primordial unity – a world possessing coloration, causality, and velocity utterly distinct from those of the plastic artist's and epic poet's realms. While the latter dwells joyfully within these images, never tiring of lovingly contemplating even the minutest traits – even the image of wrathful Achilles remaining for him but an image whose irate expression he relishes with dreamlike delight in semblance – thereby shielded by this mirror of semblance from fusion and coalescence with his creations – the images of the lyricist are nothing but himself, as it were diverse objectivations of his being. Hence he may pronounce "I" as the moving center of this world. Yet this I-ness differs fundamentally from that of the wakeful, empirically real human; it is rather the sole truly existent and eternal I-ness resting at the foundation of all things, through whose mirrored reflections the lyrical genius gazes into the very abyss of existence. Let us imagine him perceiving among these reflections his own non-genius – his "subject," that entire tumult of subjective passions and volitional impulses directed toward what appears real to him. Should it now seem as though the lyrical genius and his attached non-genius were one, as though the former uttered the little word "I" about himself, this semblance can no longer deceive us – though it has indeed deceived those who designate the lyricist as the subjective poet. In truth, Archilochus, the passionately inflamed human consumed by love and hate, is but a vision of the genius who has already ceased being Archilochus, having become the world-genius that symbolically expresses its primal pain through the metaphor of the man Archilochus. For that subjectively willing and desiring human Archilochus could never – in any sense – be a poet. Nor need the lyricist limit himself to envisioning merely the phenomenon of the man Archilochus as reflection of eternal Being. Tragedy demonstrates how far the visionary world of the lyricist may depart from this phenomenon that admittedly lies nearest at hand.
Schopenhauer, der sich die Schwierigkeit, die der Lyriker für die philosophische Kunstbetrachtung macht, nicht verhehlt hat, glaubt einen Ausweg gefunden zu haben, den ich nicht mit ihm gehen kann, während ihm allein, in seiner tiefsinnigen Metaphysik der Musik, das Mittel in die Hand gegeben war, mit dem jene Schwierigkeit entscheidend beseitigt werden konnte: wie ich dies, in seinem Geiste und zu seiner Ehre, hier getan zu haben glaube. Dagegen bezeichnet er als das eigentümliche Wesen des Liedes folgendes (Welt als Wille und Vorstellung I, S. 295): »Es ist das Subjekt des Willens, d.h. das eigene Wollen, was das Bewußtsein des Singenden füllt, oft als ein entbundenes, befriedigtes Wollen (Freude), wohl noch öfter aber als ein gehemmtes (Trauer), immer als Affekt, Leidenschaft, bewegter Gemütszustand. Neben diesem jedoch und zugleich damit wird durch den Anblick der umgebenden Natur der Singende sich seiner bewußt als Subjekts des reinen, willenlosen Erken[1]nens, dessen unerschütterliche selige Ruhe nunmehr in Kontrast tritt mit dem Drange des immer beschränkten, immer noch dürftigen Wollens: die Emp[1]findung dieses Kontrastes, dieses Wechselspieles ist eigentlich, was sich im Ganzen des Liedes ausspricht und was überhaupt den lyrischen Zustand ausmacht. In diesem tritt gleichsam das reine Erkennen zu uns heran, um uns vom Wollen und seinem Drange zu erlösen: wir folgen, doch nur auf Augenblicke: immer von neuem entreißt das Wollen, die Erinnerung an unsere persönlichen Zwecke, uns der ruhigen Beschauung; aber auch immer wieder entlockt uns dem Wollen die nächste schöne Umgebung, in welcher sich die reine willenlose Erkenntnis uns darbietet. Darum geht im Liede und der lyrischen Stimmung das Wollen (das persönliche Interesse des Zwecks) und das reine Anschauen der sich darbietenden Umgebung wundersam gemischt durcheinander: es werden Beziehungen zwischen beiden gesucht und imaginiert; die subjektive Stimmung, die Affektion des Willens, teilt der angeschauten Umgebung und diese wiederum jener ihre Farbe im Reflex mit: von diesem ganzen so gemischten und geteilten Gemütszustande ist das echte Lied der Abdruck.« Wer vermöchte in dieser Schilderung zu verkennen, daß hier die Lyrik als eine unvollkommen erreichte, gleichsam im Sprunge und selten zum Ziel kommende Kunst charakterisiert wird, ja als eine Halbkunst, deren Wesen darin bestehen solle, daß das Wollen und das reine Anschauen, d.h. der unästhetische und der ästhetische Zustand, wundersam durcheinandergemischt seien? Wir behaupten vielmehr, daß der ganze Gegensatz, nach dem wie nach einem Wertmesser auch noch Schopenhauer die Künste einteilt, der des Subjektiven und des Objektiven, überhaupt in der Ästhetik ungehörig ist, da das Subjekt, das wollende und seine egoistischen Zwecke fördernde Individuum nur als Gegner, nicht als Ursprung der Kunst gedacht werden kann. Insofern aber das Subjekt Künstler ist, ist es bereits von seinem individuellen Willen erlöst und gleichsam Medium geworden, durch das hindurch das eine wahrhaft seiende Subjekt seine Erlösung im Scheine feiert. Denn dies muß uns vor allem, zu unserer Erniedrigung und Erhöhung, deutlich sein, daß die ganze Kunstkomödie durchaus nicht für uns, etwa unsrer Besserung und Bildung wegen, aufgeführt wird, ja daß wir ebensowenig die eigentlichen Schöpfer jener Kunstwelt sind: wohl aber dürfen wir von uns selbst annehmen, daß wir für den wahren Schöpfer derselben schon Bilder und künstlerische Projektionen sind und in der Bedeutung von Kunstwerken unsre höchste Würde haben - denn nur als ästhetisches Phänomen ist das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt; - während freilich unser Bewußtsein über diese unsre Bedeutung kaum ein andres ist, als es die auf Leinwand gemalten Krie[1]ger von der auf ihr dargestellten Schlacht haben. Somit ist unser ganzes Kunstwissen im Grunde ein völlig illusorisches, weil wir als Wissende mir jenem Wesen nicht eins und identisch sind, das sich als einziger Schöpfer und Zuschauer jener Kunstkomödie, einen ewigen Genuß bereitet. Nur soweit der Genius im Aktus der künstlerischen Zeugung mit jenem Urkünstler der Welt verschmilzt, weiß er etwas über das ewige Wesen der Kunst; denn in jenem Zustande ist er, wunderbarerweise, dem unheimlichen Bild des Märchens gleich das die Augen drehn und sich selber anschaun kann; jetzt ist er zugleich Subjekt und Objekt, zugleich Dichter, Schauspieler und Zuschauer.
Schopenhauer, who did not conceal the difficulty the lyricist poses for philosophical aesthetics, believed he had found an escape route which I cannot follow – though his profound metaphysics of music uniquely provided the means to decisively resolve this difficulty, an achievement I here profess to have accomplished in his spirit and to his honor. Conversely, he characterizes the essential nature of song as follows (The World as Will and Representation I, p. 295): "It is the subject of the Will – that is, one's own willing – that fills the singer's consciousness, often as unbound, satisfied willing (joy), but even more frequently as constrained willing (sorrow), always as emotion, passion, agitated mental state. Alongside this and simultaneously, through contemplation of surrounding nature, the singer becomes conscious of himself as subject of pure will-less knowing, whose unshakable blissful serenity now contrasts with the urgency of ever-restricted, ever-needy willing. The sensation of this contrast and interplay is what truly expresses itself throughout the song's totality and constitutes the lyrical state. Here pure knowing approaches us, as it were, to deliver us from willing and its urgency. We follow – but only momentarily: ever anew, willing tears us from serene contemplation through remembrance of personal aims; yet ever anew, the next beautiful environment entices us from willing as pure will-less knowing presents itself. Hence in song and lyrical mood, willing (the personal interest in goals) and pure contemplation of presented surroundings intermingle wondrously: relations between both are sought and imagined; the subjective mood, the affect of will, imparts its hue to the contemplated environment and vice versa through reflection. The genuine song bears the imprint of this entire intermingled and divided mental state." Who could fail to recognize in this description the characterization of lyric poetry as an imperfectly attained art that reaches its goal only through leaps and bounds – indeed as a half-art whose essence supposedly lies in the wondrous intermingling of willing and pure contemplation, i.e., the unaesthetic and aesthetic states? We counter-assert that the entire subjective/objective dichotomy through which Schopenhauer still classifies the arts – and which he employs as a value metric – proves utterly inappropriate to aesthetics. For the subject – the willing individual promoting egoistic aims – can only be conceived as art's adversary, never its source. To the extent that the subject becomes artist, it has already been redeemed from individual will, becoming a medium through which the one truly existent Subject celebrates its redemption in semblance. For we must first and foremost recognize – to our humiliation and exaltation – that this entire artistic comedy is by no means performed for our sake, as if for our improvement or education. Nor are we truly the creators of this art-world; rather, we may presume ourselves to be images and artistic projections for the true Creator, finding our highest dignity in the significance of artworks – for existence and the world find eternal justification only as aesthetic phenomenon. Yet our consciousness of this significance scarcely differs from that which painted warriors on canvas might have of the battle depicted there. Thus our entire artistic knowledge proves ultimately illusory, for as knowers we remain non-identical with that Essence which, as sole Creator and Spectator of this artistic comedy, prepares for itself eternal delight. Only insofar as the genius merges with the world's primordial Artist during the act of artistic procreation does he gain knowledge about art's eternal essence. In this state, he becomes miraculously akin to the eerie fairy-tale figure that can rotate its eyes and behold itself; here he is simultaneously Subject and Object – poet, actor, and spectator in one.
6
6
In betreff des Archilochus hat die gelehrte Forschung entdeckt, daß er das Volkslied in die Literatur eingeführt habe, und daß ihm, dieser Tat halber, jene einzige Stellung neben Homer in der allgemeinen Schätzung der Griechen zukomme. Was aber ist das Volkslied im Gegensatz zu dem völlig apollinischen Epos? Was anders als das perpetuum vestigium einer Vereinigung des Apollinischen und des Dionysischen; seine ungeheure, über alle Völker sich erstreckende und in immer neuen Geburten sich steigernde Verbreitung ist uns ein Zeugnis dafür, wie stark jener künstlerische Doppeltrieb der Natur ist: der in analoger Weise seine Spuren im Volkslied hinterläßt, wie die orgiastischen Bewegungen eines Volkes sich in seiner Musik verewigen. Ja es müßte auch historisch nachweisbar sein, wie jede an Volksliedern reich produktive Periode zugleich auf das stärkste durch dionysische Strömungen erregt worden ist, welche wir immer als Untergrund und Voraussetzung des Volksliedes zu betrachten haben.
Concerning Archilochus, scholarly inquiry has revealed that he introduced the folk song into literature, and that this deed secured him his unique position alongside Homer in the universal esteem of the Greeks. But what is the folk song in contrast to the wholly Apollinian epic? What else but the perpetual vestige of a union between the Apollinian and the Dionysian? Its prodigious dissemination across all peoples, ever multiplying in new births, testifies to the immense power of nature's artistic dual drive—a drive that leaves its traces in folk songs analogously to how a people's orgiastic movements immortalize themselves in its music. Indeed, it should be historically demonstrable that every period rich in folk song production was simultaneously most intensely agitated by Dionysian currents, which we must always regard as the substrate and precondition of the folk song.
Das Volkslied aber gilt uns zuallernächst als musikalischer Weltspiegel, als ursprüngliche Melodie, die sich jetzt eine parallele Traumerscheinung sucht und diese in der Dichtung ausspricht. Die Melodie ist also das Erste und Allgemeine, das deshalb auch mehrere Objektivationen, in mehreren Texten, an sich erleiden kann. Sie ist auch das bei weitem Wichtigere und Notwendigere in der naiven Schätzung des Volkes. Die Melodie gebiert die Dichtung aus sich, und zwar immer wieder von neuem; nichts andres will uns die Strophenform des Volksliedes sagen: welches Phänomen ich immer mit Erstaunen betrachtet habe, bis ich endlich diese Erklärung fand. Wer eine Sammlung von Volksliedern, z.B. des Knaben Wunderhorn, auf diese Theorie hin ansieht, der wird unzählige Beispiele finden, wie die fortwährend gebärende Melodie Bilderfunken um sich aussprüht, die in ihrer Buntheit, ihrem jähen Wechsel, ja ihrem tollen Sichüberstürzen eine dem epischen Scheine und seinem ruhigen Fortströmen wildfremde Kraft offenbaren. Vom Stand[1]punkte des Epos ist diese ungleiche und unregelmäßige Bilderwelt der Lyrik einfach zu verurteilen: und dies haben gewiß die feierlichen epischen Rhapsoden der apollinischen Feste im Zeitalter des Terpander getan. In der Dichtung des Volksliedes sehen wir also die Sprache auf das stärkste angespannt, die Musik nachzuahmen: deshalb beginnt mit Archilochus eine neue Welt der Poesie, die der homerischen in ihrem tiefsten Grunde widerspricht. Hiermit haben wir das einzig mögliche Verhältnis zwischen Poesie und Musik, Wort und Ton bezeichnet: das Wort, das Bild, der Begriffsucht einen der Musik analogen Ausdruck und erleidet jetzt die Gewalt der Musik an sich. In diesem Sinne dürfen wir in der Sprachgeschichte des griechischen Volkes zwei Hauptströmungen unterscheiden, je nachdem die Sprache die Erscheinungsund Bilderwelt oder die Musikwelt nachahmte. Man denke nur einmal tiefer über die sprachliche Differenz der Farbe, des syntaktischen Baus, des Wortmaterials bei Homer und Pindar nach, um die Bedeutung dieses Gegensatzes zu begreifen; ja es wird einem dabei handgreiflich deutlich, daß zwischen Homer und Pin[1]dar die orgiastischen Flötenweisen des Olympus erklungen sein müssen, die noch im Zeitalter des Aristoteles, inmitten einer unendlich entwickelteren Musik, zu trunkner Begeisterung hinrissen und gewiß in ihrer ursprünglichen Wirkung alle dichterischen Ausdrucksmittel der gleichzeitigen Menschen zur Nachahmung aufgereizt haben. Ich erinnere hier an ein bekanntes, unserer Ästhetik nur anstößig dünkendes Phänomen unserer Tage. Wir erleben es immer wieder, wie eine Beethovensche Symphonie die einzelnen Zuhörer zu einer Bilderrede nötigt, sei es auch, daß eine Zusammenstellung der verschiedenen, durch ein Tonstück erzeugten Bilderwelten sich recht phantastisch bunt, ja widersprechend ausnimmt: an solchen Zusammenstellungen ihren armen Witz zu üben und das doch wahrlich erklärenswerte Phänomen zu übersehen, ist recht in der Art jener Ästhetik. Ja selbst wenn der Tondichter in Bildern über eine Komposition geredet hat, etwa wenn er eine Symphonie als pastorale und einen Satz als »Szene am Bach«, einen anderen als »lustiges Zusammensein der Landleute« bezeichnet, so sind das ebenfalls nur gleichnisartige, aus der Musik geborne Vorstellungen - und nicht etwa die nachgeahmten Gegenstände der Musik - Vorstellungen, die über den dionysischen Inhalt der Musik uns nach keiner Seite hin belehren können, ja die keinen ausschließlichen Wert neben andern Bildern haben. Diesen Prozeß einer Entladung der Musik in Bildern haben wir uns nun auf eine jugendfrische, sprachlich schöpferische Volksmenge zu übertragen, um zur Ahnung zu kommen, wie das strophische Volkslied entsteht, und wie das ganze Sprachvermögen durch das neue Prinzip der Nachahmung der Musik aufgeregt wird.
The folk song presents itself to us first and foremost as a musical world-mirror, as primordial melody that now seeks its parallel dream-apparition and expresses this through poetry. Melody is thus the primary and universal element, capable therefore of enduring multiple objectifications in distinct texts. It is also by far the weightier and more essential element in the naive valuation of the people. Melody gives birth to poetry anew each time—this is precisely what the strophic form of the folk song declares, a phenomenon I long contemplated with astonishment until I arrived at this explanation. Whoever examines a folk song collection like Des Knaben Wunderhorn through this theoretical lens will find countless instances where the ceaselessly generative melody scatters image-sparks around itself, whose variegated hues, abrupt shifts, and frenzied cascades reveal a power utterly alien to epic semblance and its tranquil flow. From the standpoint of the epic, this unequal and irregular imagistic realm of lyricism must be condemned—as indeed it was by the solemn epic rhapsodes at Apollinian festivals during Terpander's age. In folk poetry, we see language strained to its utmost to imitate music: hence with Archilochus begins a new poetic world that fundamentally contradicts the Homeric. Here we have defined the only possible relation between poetry and music, word and tone: the word, image, and concept now seek an expression analogous to music and submit to its dominion. In this sense, we may discern two main currents in the linguistic history of the Greek people, corresponding to whether language imitated the world of phenomena and images or the world of music. Consider but deeply the chromatic difference in language, syntactic structure, and vocabulary between Homer and Pindar to grasp the significance of this antithesis—indeed, it becomes palpably clear that between Homer and Pindar resounded the orgiastic flute-melodies of Olympus, which even in Aristotle's time, amidst vastly more developed music, still induced rapturous enthusiasm and must have provoked all contemporary poetic means of expression to imitation in their primal potency. Here I recall a familiar phenomenon of our own age, which our aesthetics finds merely offensive. We continually witness how a Beethoven symphony compels individual listeners to pictorial speech, though the collocation of image-worlds produced by a musical piece may appear fantastically variegated or even contradictory. To exercise meager wit upon such collocations while overlooking the genuinely remarkable phenomenon is characteristic of that aesthetics. Even when the tone-poet speaks figuratively about a composition—calling a symphony "pastoral" and a movement "Scene by the Brook," another "Merry Gathering of Peasants"—these remain metaphor-born conceptions emerging from the music, not the music's imitated objects. They cannot illuminate the Dionysian content of music in any direction and possess no exclusive value compared to other images. To understand how the strophic folk song arises, we must transpose this process of musical discharge into images onto a linguistically creative, youthfully vigorous populace. Only thus may we intuit how the entire linguistic capacity becomes excited through the new principle of musical imitation.
Dürfen wir also die lyrische Dichtung als die nachahmende Effulguration der Musik in Bildern und Begriffen betrachten, so können wir jetzt fragen: »als was erscheint die Musik im Spiegel der Bildlichkeit und der Begriffe?« Sie erscheint als Wille, das Wort im schopenhauerischen Sinne genommen, d.h. als Gegensatz der ästhetischen, rein beschaulichen willenlosen Stimmung. Hier unterscheide man nun so scharf als möglich den Begriff des Wesens von dem der Er[1]scheinung denn die Musik kann, ihrem Wesen nach, unmöglich Wille sein, weil sie als solcher gänzlich aus dem Bereich der Kunst zu bannen wäre -denn der Wille ist das an sich Unästhetische -; aber sie erscheint als Wille. Denn um ihre Erscheinung in Bildern auszudrücken, braucht der Lyriker alle Regungen der Leidenschaft, vom Flüstern der Neigung bis zum Grollen des Wahnsinns; unter dem Triebe, in apollinischen Gleichnissen von der Musik zu reden, versteht er die ganze Natur und sich in ihr nur als das ewig Wollende, Begehrende, Sehnende. Insofern er aber die Musik in Bildern deutet, ruht er selbst in der stillen Meeresruhe der apollinischen Betrachtung, so sehr auch alles, was er durch das Medium der Musik anschaut, um ihn herum in drängender und treibender Bewegung ist. Ja wenn er sich selbst durch dasselbe Medium erblickt, so zeigt sich ihm sein eignes Bild im Zustande des unbefriedigten Gefühls: sein eignes Wollen, Sehnen, Stöhnen, Jauchzen ist ihm ein Gleichnis, mit dem er die Musik sich deutet. Dies ist das Phänomen des Lyrikers: als apollinischer Genius interpretiert er die Musik durch das Bild des Willens, während er selbst, völlig losgelöst von der Gier des Willens, reines ungetrübtes Sonnenauge ist.
If we may thus consider lyric poetry as the imitative effulguration of music in images and concepts, we may now ask: "In what form does music appear when mirrored through imagery and concepts?" It manifests as Will—using the word in Schopenhauer's sense—that is, as the antithesis of the aesthetic, purely contemplative will-less disposition. Here we must sharply distinguish between the concept of essence and that of appearance. For music, in its essence, cannot possibly be Will, since as such it would be wholly banished from the realm of art (for Will is the unaesthetic element per se); yet it appears as Will. To express this appearance in images, the lyric poet requires all the stirrings of passion, from the whisper of affection to the roar of madness. Driven by the impulse to speak of music through Apollinian metaphors, he apprehends all nature—and himself within it—solely as the eternally willing, desiring, yearning being. Yet insofar as he interprets music through images, he himself rests in the tranquil serenity of Apollinian contemplation, even as everything he perceives through music's medium surges around him in urgent, propulsive motion. Indeed, when he gazes upon himself through this same medium, his own image appears to him in a state of unfulfilled feeling: his own willing, longing, groaning, exulting become for him a metaphor through which he interprets music. This constitutes the lyricist's phenomenon: as an Apollinian genius, he interprets music through the image of Will, while himself remaining wholly detached from the greed of willing—a pure, untroubled eye of the sun.
Diese ganze Erörterung hält daran fest, daß die Lyrik ebenso abhängig ist vom Geiste der Musik, als die Musik selbst, in ihrer völligen Unumschränktheit, das Bild und den Begriff nicht braucht, sondern ihn nur neben sich erträgt. Die Dichtung des Lyrikers kann nichts aussagen, was nicht in der ungeheuersten Allgemeinheit und Allgültigkeit bereits in der Musik lag, die ihn zur Bilderrede nötigte. Der Weltsymbolik der Musik ist eben deshalb mit der Sprache auf keine Weise erschöpfend beizukommen, weil sie sich auf den Urwiderspruch und Urschmerz im Herzen des Ur-Einen symbolisch bezieht, somit eine Sphäre symbolisiert, die über alle Erscheinung und vor aller Erscheinung ist. Ihr gegenüber ist vielmehr jede Erscheinung nur Gleichnis: daher kann die Sprache, als Organ und Symbol der Erscheinungen, nie und nirgends das tiefste Innere der Musik nach außen kehren, sondern bleibt immer, sobald sie sich auf Nachahmung der Musik einläßt, nur in einer äußerlichen Berührung mit der Musik, während deren tiefster Sinn, durch alle Lyrische Beredsamkeit, uns auch keinen Schritt näher gebracht werden kann.
This entire exposition maintains that lyric poetry depends on the spirit of music to the same degree that music itself, in its absolute sovereignty, neither needs images nor concepts but merely tolerates them. The lyric poet's verse can express nothing that was not already present in the most prodigious universality and validity within the music that compelled him to this pictorial speech. Precisely because music's cosmic symbolism defies exhaustive translation into language—it being a symbolic reference to the primordial contradiction and primordial pain at the heart of the Primal Unity, thus symbolizing a sphere beyond and prior to all appearance—every phenomenon stands to it as mere metaphor. Language, as organ and symbol of appearances, can never externalize music's innermost depths; rather, whenever it attempts to imitate music, it achieves only superficial contact. Through all lyric eloquence, music's profoundest essence remains not one whit more accessible to us.
7
7
Alle die bisher erörterten Kunstprinzipien müssen wir jetzt zu Hilfe nehmen, um uns in dem Labyrinth zurechtzufinden, als welches wir den Ursprung der griechischen Tragödie bezeichnen müssen. Ich denke nichts Ungereimtes zu behaupten, wenn ich sage, daß das Problem dieses Ursprungs bis jetzt noch nicht einmal ernsthaft aufgestellt, geschweige denn gelöst ist, so oft auch die zerflatternden Fetzen der antiken Überlieferung schon kombinatorisch aneinandergenäht und wieder auseinandergerissen sind. Diese Überlieferung sagt uns mit voller Entschiedenheit, daß die Tragödie aus dem tragischen Chore entstanden ist und ursprünglich nur Chor und nichts als Chor war: woher wir die Verpflichtung nehmen, diesem tragischen Chore als dem eigentlichen Urdrama ins Herz zu sehen, ohne uns an den geläufigen Kunst[1]redensarten - daß er der idealische Zuschauer sei oder das Volk gegenüber der fürstlichen Region der Szene zu vertreten habe - irgendwie genügen zu lassen. Jener zuletzt erwähnte, für manchen Politiker erhaben klingende Erläuterungsgedanke - als ob das unwandelbare Sittengesetz von den demokratischen Athenern in dem Volkschore dargestellt sei, der über die leidenschaftlichen Ausschreitungen und Ausschweifungen der Könige hinaus immer Recht behalte - mag noch so sehr durch ein Wort des Aristoteles nahegelegt sein: auf die ursprüngliche Formation der Tragödie ist er ohne Einfluß, da von jenen rein religiösen Ursprüngen der ganze Gegensatz von Volk und Fürst, überhaupt jegliche politisch-soziale Sphäre ausgeschlossen ist; aber wir möchten es auch in Hinsicht auf die uns bekannte klassische Form des Chors bei Äschylus und Sophokles für Blasphemie erachten, hier von der Ahnung einer »konstitutionellen Volksvertretung« zu reden, vor welcher Blasphemie andere nicht zurückgeschrocken sind. Eine konstitutionelle Volksvertretung kennen die antiken Staatsverfassungen in praxi nicht und haben sie hoffentlich auch in ihrer Tragödie nicht einmal »geahnt«.
We must now summon all the previously discussed artistic principles to navigate the labyrinth we must recognize as the origin of Greek tragedy. I venture no absurdity in asserting that this problem of origins has not yet been seriously posed, let alone solved, however often the fluttering tatters of ancient tradition have been combinatorially stitched together and torn asunder. Tradition decisively informs us that tragedy arose from the tragic chorus, being originally chorus and nothing but chorus. Hence we are obliged to peer into the heart of this tragic chorus as the ur-drama itself, without finding satisfaction in the trite artistic platitudes—that it represents the "ideal spectator" or the populace confronting the princely domain of the stage. This latter notion, so loftily resonant to certain political sensibilities—as though the immutable moral law were embodied in the democratic Athenian chorus, ever triumphant over royal passions and excesses—may find support in a phrase of Aristotle's. Yet such ideas hold no bearing on tragedy's primordial formation, for the entire antithesis between people and monarch—indeed, the political-social sphere as such—is excluded from those purely religious origins. Regarding the classical choral form we know from Aeschylus and Sophocles, we should deem it blasphemy to speak here of a "presentiment of constitutional popular representation"—a blasphemy from which others have not recoiled. Ancient constitutions knew no constitutional popular representation in practice, and it is to be hoped they did not even "presentiment" it in their tragedies.
Viel berühmter als diese politische Erklärung des Chors ist der Gedanke A. W. Schlegels, der uns den Chor gewissermaßen als den Inbegriff und Extrakt der Zuschauermenge, als den »idealischen Zuschauer« zu betrachten anempfiehlt. Diese Ansicht, zusammengehalten mit jener historischen Überlieferung, daß ursprünglich die Tragödie nur Chor war, erweist sich als das, was sie ist, als eine rohe, unwissenschaftliche, doch glänzende Behauptung, die ihren Glanz aber nur durch ihre konzentrierte Form des Ausdrucks, durch die echt germanische Voreingenommenheit für alles, was »idealisch« genannt wird, und durch unser momentanes Erstaunt sein erhalten hat. Wir sind nämlich erstaunt, sobald wir das uns gut bekannte Theaterpublikum mit jenem Chore vergleichen und uns fragen, ob es wohl möglich sei, aus diesem Publikum je etwas dem tragischen Chore Analoges herauszuidealisieren. Wir leugnen dies im stillen und wundern uns jetzt ebenso über die Kühnheit der Schlegelschen Behauptung wie über die total verschiedene Natur des griechischen Publikums. Wir hatten nämlich doch immer gemeint, daß der rechte Zuschauer, er sei wer er wolle, sich immer bewußt bleiben müsse, ein Kunstwerk vor sich zu haben, nicht eine empirische Realität: während der tragische Chor der Griechen in den Gestalten der Bühne leibhafte Existenzen zu erkennen genötigt ist. Der Okeanidenchor glaubt wirklich den Titan Prometheus vor sich zu sehen und hält sich selbst für ebenso real wie den Gott der Szene. Und das sollte die höchste und reinste Art des Zuschauers sein, gleich den Okeaniden den Prometheus für leiblich vorhanden und real zu halten? Und es wäre das Zeichen des idealischen Zuschauers auf die Bühne zu laufen und den Gott von seinen Martern zu befreien? Wir hatten an ein ästhetisches Publikum geglaubt und den einzelnen Zuschauer um so befähigter gehalten, je mehr er imstande war, das Kunstwerk als Kunst, d.h. ästhetisch zu nehmen; und jetzt deutete uns der Schlegelsche Ausdruck an, daß der vollkommne idealische Zuschauer die Welt der Szene gar nicht ästhetisch, sondern leibhaft empirisch auf sich wirken lasse. O über diese Griechen! seufzten wir; sie werfen uns unsre Ästhetik um! Daran aber gewöhnt, wiederholten wir den Schlegelschen Spruch, so oft der Chor zur Sprache kam.
Far more renowned than this political interpretation of the chorus is A.W. Schlegel's notion, which commends us to regard the chorus as the quintessence and extract of the audience—the "ideal spectator." This view, when juxtaposed with the historical tradition that tragedy was originally only chorus, reveals itself as what it is: a crude, unscientific yet brilliant assertion—brilliant solely through its concentrated expression, through the characteristically Germanic bias for all things labeled "ideal," and through our momentary astonishment. For we are astonished when we compare the theater audience familiar to us with that chorus and ask whether anything analogous to the tragic chorus could ever be idealized from such a public. We silently deny this and now marvel equally at the audacity of Schlegel's claim and at the fundamentally alien nature of the Greek audience. We had always supposed that the true spectator, whoever he might be, must remain conscious of having before him a work of art, not an empirical reality—whereas the tragic chorus of the Greeks was compelled to recognize corporeal existences in the stage figures. The chorus of Oceanids believes it actually sees the Titan Prometheus before it and considers itself as real as the stage deity. Are we then to accept that the highest and purest type of spectator is one who, like the Oceanids, regards Prometheus as bodily present and real? That it would be the mark of the ideal spectator to rush onto the stage and free the god from his torments? We had believed in an aesthetic audience and deemed the individual spectator more competent the more he could apprehend the artwork as art—that is, aesthetically. Now Schlegel's formulation suggests that the perfect ideal spectator allows the scenic world to act upon him not aesthetically but as empirical actuality. O these Greeks! we sighed; they overthrow our aesthetics! Yet, once accustomed, we reiterated Schlegel's dictum whenever the chorus was discussed.
Aber jene so ausdrückliche Überlieferung redet hier gegen Schlegel: der Chor an sich, ohne Bühne, also die primitive Gestalt der Tragödie und jener Chor idealischer Zuschauer vertragen sich nicht miteinander. Was wäre das für eine Kunstgattung, die aus dem Begriff des Zuschauers herausgezogen wäre, als deren eigentliche Form der »Zuschauer an sich« zu gelten hätte. Der Zuschauer ohne Schauspiel ist ein widersinniger Begriff. Wir fürchten, daß die Geburt der Tragödie weder aus der Hochachtung vor der sittlichen Intelligenz der Masse, noch aus dem Begriff des schauspiellosen Zuschauers zu erklären sei, und halten dies Problem für zu tief, um von so flachen Betrachtungsarten auch nur berührt zu werden.
But here the explicit tradition speaks against Schlegel: the chorus by itself—without the stage, i.e., the primal form of tragedy—and this chorus of ideal spectators are mutually irreconcilable. What art form could be derived from the concept of the spectator, where the "spectator as such" would serve as its essential form? The spectator without spectacle is a contradictory notion. We fear that the birth of tragedy can be explained neither from reverence for the moral intelligence of the masses nor from the concept of the spectatorless spectator; we hold this problem to be too profound to be even grazed by such shallow modes of consideration.
Eine unendlich wertvollere Einsicht über die Bedeutung des Chors hatte bereits Schiller in der berühmten Vorrede zur Braut von Messina verraten, der den Chor als eine lebendige Mauer betrachtete, die die Tragödie um sich herum zieht, um sich von der wirklichen Welt rein abzuschließen und sich ihren idealen Boden und ihre poetische Freiheit zu bewahren.
An infinitely more valuable insight into the chorus's significance had already been disclosed by Schiller in the famous preface to The Bride of Messina, where he regards the chorus as a living wall that tragedy draws around itself to demarcate itself cleanly from the actual world and preserve its ideal ground and poetic freedom.
Schiller kämpft mit dieser seiner Hauptwaffe gegen den gemeinen Begriff des Natürlichen, gegen die bei der dramatischen Poesie gemeinhin geheischte Illusion. Während der Tag selbst auf dem Theater nur ein künstlicher, die Architektur nur eine symbolische sei und die metrische Sprache einen idealen Charakter trage, herrsche immer noch der Irrtum im ganzen: es sei nicht genug, daß man das nur als eine poetische Freiheit dulde, was doch das Wesen aller Poesie sei. Die Einführung des Chores sei der entscheidende Schritt, mit dem jedem Naturalismus in der Kunst offen und ehrlich der Krieg erklärt werde. -Eine solche Betrachtungsart ist es, scheint mir, für die unser sich über legen wähnendes Zeitalter das wegwerfende Schlagwort »Pseudoidealismus« gebraucht. Ich fürchte, wir sind dagegen mit unserer jetzigen Verehrung des Natürlichen und Wirklichen am Gegenpol alles Idealismus angelangt, nämlich in der Region der Wachsfigurenkabinette. Auch in ihnen gibt es eine Kunst, wie bei gewissen beliebten Romanen der Gegenwart: nur quäle man uns nicht mit dem Anspruch, daß mit dieser Kunst der Schiller-Goethesche »Pseudoidealismus« überwunden sei.
With this principal weapon, Schiller combats the vulgar notion of the natural and the illusion conventionally demanded of dramatic poetry. While the very day on the stage is artificial, the architecture symbolic, and metrical speech bears an ideal character, the error still prevails that one must merely tolerate as poetic license what in fact constitutes the essence of all poetry. The introduction of the chorus is the decisive step whereby open and honest war is declared against naturalism in art. Such a perspective, it seems to me, is dismissed by our self-styled enlightened age with the catchword "pseudo-idealism." I fear we moderns, with our current veneration for the natural and real, stand at the antipodes of all idealism, having arrived in the region of wax museums. Here too there is an art, as in certain popular contemporary novels—only let us not be harassed by claims that Schiller-Goethean "pseudo-idealism" has been vanquished through such art.
Freilich ist es ein »idealer« Boden, auf dem, nach der richtigen Einsicht Schillers, der griechische Satyrchor, der Chor der ursprünglichen Tragödie, zu wandeln pflegt, ein Boden, hoch emporgehoben über die wirkliche Wandelbahn der Sterblichen. Der Grieche hat sich für diesen Chor die Schwebegerüste eines fingierten Naturzustandes gezimmert und auf sie hin fingierte Naturwesen gestellt. Die Tragödie ist auf diesem Fundamente emporgewachsen und freilich schon deshalb von Anbeginn an einem peinlichen Abkonterfeien der Wirklichkeit enthoben gewesen. Dabei ist es doch keine willkürlich zwischen Himmel und Erde hineinphantasierte Welt: vielmehr eine Welt von gleicher Realität und Glaubwürdigkeit, wie sie der Olymp samt seinen Insassen für den gläubigen Hellenen besaß. Der Satyr als der dionysische Choreut lebt in einer religiös zugestandenen Wirklichkeit unter der Sanktion des Mythus und des Kultus. Daß mit ihm die Tragödie beginnt, daß aus ihm die dionysische Weisheit der Tragödie spricht, ist ein hier uns ebenso befremdendes Phänomen, wie überhaupt die Entstehung der Tragödie aus dem Chore. Vielleicht gewinnen wir einen Ausgangspunkt der Betrachtung, wenn ich die Behauptung hinstelle, daß sich der Satyr, das fingierte Naturwesen, zu dem Kulturmenschen in gleicher Weise verhält, wie die dionysische Musik zur Zivilisation. Von letzterer sagt Richard Wagner, daß sie von der Musik aufgehoben werde wie der Lampenschein vom Tageslicht. In gleicher Weise, glaube ich, fühlte sich der griechische Kulturmensch im Angesicht des Satyrchors aufgehoben: und dies ist die nächste Wirkung der dionysischen Tragödie, daß der Staat und die Gesellschaft, überhaupt die Klüfte zwischen Mensch und Mensch einem übermächtigen Einheitsgefühle weichen, welches an das Herz der Natur zurückführt. Der metaphysische Trost - mit welchem, wie ich schon hier andeute, uns jede wahre Tragödie entläßt - daß das Leben im Grunde der Dinge trotz allem Wechsel der Erscheinungen unzerstörbar mächtig und lustvoll sei, dieser Trost erscheint in leibhafter Deutlichkeit als Satyrchor, als Chor von Naturwesen, die gleichsam hinter aller Zivilisation unvertilgbar leben und trotz allem Wechsel der Generationen und der Völkergeschichte ewig dieselben bleiben.
It is indeed an "ideal" ground upon which, according to Schiller's correct insight, the Greek satyr chorus—the chorus of primal tragedy—moves: a ground elevated high above the actual thoroughfare of mortals. For this chorus, the Greek constructed the hovering framework of a fictive state of nature, placing upon it fictive natural beings. Tragedy grew upon this foundation and was thereby from the outset exempted from the embarrassing task of copying reality. Yet it is no capricious world fantasized between heaven and earth; rather, it is a world possessing the same reality and credibility that Olympus with its inhabitants held for the believing Hellene. The satyr as Dionysian chorist lives in a religiously sanctioned reality under the aegis of myth and cult. That tragedy begins with him, that Dionysian wisdom speaks through him, remains for us as bewildering a phenomenon as the very genesis of tragedy from the chorus. Perhaps we gain a starting point for inquiry if I posit that the satyr—the fictive natural being—relates to the cultured human as Dionysian music relates to civilization. Of the latter, Richard Wagner says that it is nullified by music as lamplight is by daylight. Similarly, I believe, the Greek cultured human felt himself nullified in the presence of the satyr chorus: this being the immediate effect of Dionysian tragedy—that the state and society, indeed all gulfs between human beings, yield to an overwhelming sense of unity that leads back to nature's heart. The metaphysical solace—with which, as I here intimate, every true tragedy dismisses us—that life at the ground of things, despite all phenomenal change, remains indestructibly powerful and joyous; this solace appears with corporeal clarity as the satyr chorus, as the chorus of natural beings who live ineradicably behind all civilization and remain eternally the same despite every shift in generations and national histories.
Mit diesem Chore tröstet sich der tiefsinnige und zum zartesten und schwersten Leiden einzig befähigte Hellene, der mit schneidigem Blicke mitten in das furchtbare Vernichtungstreiben der sogenannten Weltgeschichte, ebenso wie in die Grausamkeit der Natur geschaut hat und in Gefahr ist, sich nach einer buddhistischen Verneinung des Willens zu sehnen. Ihn rettet die Kunst, und durch die Kunst rettet ihn sich - das Leben.
Through this chorus, the profound Hellene - uniquely capable of the most delicate and grievous suffering, whose piercing gaze has penetrated into the terrible annihilation-drive of so-called world history as much as into nature's cruelty - consoles himself. He stands in peril of longing for a Buddhist negation of the Will. Art saves him - and through art, life saves itself in him.
Die Verzückung des dionysischen Zustandes mit seiner Vernichtung der gewöhnlichen Schranken und Grenzen des Daseins enthält nämlich während seiner Dauer ein lethargisches Element, in das sich alles persönlich in der Vergangenheit Erlebte eintaucht. So scheidet sich durch diese Kluft der Vergessenheit die Welt der alltäglichen und der dionysischen Wirklichkeit voneinander ab. Sobald aber jene alltägliche Wirklichkeit wieder ins Bewußtsein tritt, wird sie mit Ekel als solche empfunden; eine asketische, willenverneinende Stimmung ist die Frucht jener Zustände. In diesem Sinne hat der dionysische Mensch Ähnlichkeit mit Hamlet: beide haben einmal einen wahren Blick in das Wesen der Dinge getan, sie haben erkannt, und es ekelt sie zu handeln; denn ihre Handlung kann nichts am ewigen Wesen der Dinge ändern, sie empfinden es als lächerlich oder schmachvoll, daß ihnen zugemutet wird, die Welt, die aus den Fugen ist, wieder einzurichten. Die Erkenntnis tötet das Handeln, zum Handeln gehört das Umschleiertsein durch die Illusion - das ist die Hamletlehre, nicht jene wohlfeile Weisheit von Hans dem Träumer, der aus zu viel Reflexion, gleichsam aus einem Überschuß von Möglichkeiten, nicht zum Handeln kommt; nicht das Reflektieren, nein! - die wahre Erkenntnis, der Einblick in die grauenhafte Wahrheit überwiegt jedes zum Handeln antreibende Motiv, bei Hamlet sowohl als bei dem dionysischen Menschen. Jetzt verfängt kein Trost mehr, die Sehnsucht geht über eine Welt nach dem Tode, über die Götter selbst hinaus, das Dasein wird, samt seiner gleißenden Wiederspiegelung in den Göttern oder in einem unsterblichen Jenseits, verneint. In der Bewußtheit der einmal geschauten Wahrheit sieht jetzt der Mensch überall nur das Entsetzliche oder Absurde des Seins, jetzt versteht er das Symbolische im Schicksal der Ophelia, jetzt erkennt er die Weisheit des Waldgottes Silen: es ekelt ihn.
For the ecstasy of the Dionysian state, with its annihilation of the ordinary boundaries and limitations of existence, contains during its duration a lethargic element into which all personal experiences from the past are submerged. Thus the chasm of oblivion separates the worlds of everyday reality and Dionysian reality. Yet as soon as this everyday reality re-enters consciousness, it is apprehended with nausea: an ascetic mood of Will-negation becomes the fruit of these states. In this sense, the Dionysian man resembles Hamlet: both have once gazed into the true essence of things, they have gained knowledge, and action repels them; for their deeds can alter nothing in the eternal nature of things. They perceive it as ludicrous or shameful that they should be tasked to set right a world which is out of joint. Knowledge kills action; action requires the veiling of illusion - this is the Hamlet doctrine, not that cheap wisdom about John-a-Dreams who cannot act from excessive reflection, from a surplus of possibilities. No! The true insight, the vision of the horrific truth, outweighs any motive for action - in Hamlet as in the Dionysian man. Now no consolation avails; longing transcends a world beyond death, beyond the gods themselves; existence is negated along with its glittering reflection in the gods or an immortal hereafter. In the wakefulness of truth once glimpsed, man now sees everywhere only the terror or absurdity of Being. Now he comprehends the symbolism in Ophelia's fate; now he recognizes the wisdom of the forest god Silenus: nausea overcomes him.
Hier, in dieser höchsten Gefahr des Willens, naht sich, als rettende, heilkundige Zauberin, die Kunst: sie allein vermag jene Ekelgedanken über das Entsetzliche oder Absurde des Daseins in Vorstellungen umzubiegen, mit denen sich leben läßt: diese sind das Erhabene als die künstlerische Bändigung des Entsetzlichen und das Komische als die künstlerische Entladung vom Ekel des Absurden. Der Satyrchor des Dithyrambus ist die rettende Tat der griechischen Kunst; an der Mittelwelt dieser dionysischen Begleiter erschöpften sich jene vorhin beschriebenen Anwandlungen.
Here, at this supreme peril of the Will, Art approaches as a saving, healing sorceress. She alone can bend those nauseating thoughts about the terror or absurdity of existence into representations with which one can live: these are the sublime as the artistic taming of the terrible, and the comedic as the artistic discharge from the nausea of absurdity. The satyr chorus of the dithyramb is the redemptive deed of Greek art; through this intermediary world of Dionysian companions, the paroxysms described earlier exhaust themselves.
8
8
Der Satyr wie der idyllische Schäfer unserer neueren Zeit sind beide Ausgeburten einer auf das Ursprüngliche und Natürliche gerichteten Sehnsucht; aber mit welchem festen unerschrocknen Griffe faßte der Grieche nach seinem Waldmenschen, wie verschämt und weichlich tändelt der moderne Mensch mit dem Schmeichelbild eines zärtlichen, flötenden, weichgearteten Hirten! Die Natur, an der noch keine Erkenntnis gearbeitet, in der die Riegel der Kultur noch unerbrochen sind - das sah der Grieche in seinem Satyr, der ihm deshalb noch nicht mit dem Affen zusammenfiel. Im Gegenteil: es war das Urbild des Menschen, der Ausdruck seiner höchsten und stärksten Regungen, als begeisterter Schwärmer, den die Nähe des Gottes entzückt, als mitleidender Genosse, in dem sich das Leiden des Gottes wiederholt, als Weisheitsverkünder aus der tiefsten Brust der Natur heraus, als Sinnbild der geschlechtlichen Allgewalt der Natur, die der Grieche gewöhnt ist mit ehrfürchtigem Staunen zu betrachten. Der Satyr war etwas Erhabenes und Göttliches: so mußte er besonders dem schmerzlich gebrochnen Blick des dionysischen Menschen dünken. Ihn hätte der geputzte, erlogene Schäfer beleidigt: auf den unverhüllten und unverkümmert großartigen Schriftzügen der Natur weilte sein Auge in erhabener Befriedigung; hier war die Illusion der Kultur von dem Urbilde des Menschen weggewischt, hier enthüllte sich der wahre Mensch, der bärtige Satyr, der zu seinem Gotte aufjubelt. Vor ihm schrumpfte der Kulturmensch zur lügenhaften Karikatur zusammen. Auch für diese Anfänge der tragischen Kunst hat Schiller Recht: der Chor ist eine lebendige Mauer gegen die anstürmende Wirklichkeit, weil er -der Satyrchor - das Dasein wahrhaftiger, wirklicher, vollständiger abbildet als der gemeinhin sich als einzige Realität achtende Kulturmensch. Die Sphäre der Poesie liegt nicht außerhalb der Welt, als eine phantastische Unmöglichkeit eines Dichterhirns: sie will das gerade Gegenteil sein, der ungeschminkte Ausdruck der Wahrheit, und muß eben deshalb den lügenhaften Aufputz jener vermeinten Wirklichkeit des Kulturmenschen von sich werfen. Der Kontrast dieser eigentlichen Naturwahrheit und der sich als einzige Realität gebärdenden Kulturlüge ist ein ähnlicher wie zwischen dem ewigen Kern der Dinge, dem Ding an sich, und der gesamten Erscheinungswelt: und wie die Tragödie mit ihrem metaphysischen Troste auf das ewige Leben jenes Daseinskernes, bei dem fortwährenden Untergange der Erscheinungen, hinweist, so spricht bereits die Symbolik des Satyrchors in einem Gleichnis jenes Urverhältnis zwischen Ding an sich und Erscheinung aus. Jener idyllische Schäfer des modernen Menschen ist nur ein Konterfei der ihm als Natur geltenden Summe von Bildungsillusionen; der dionysische Grieche will die Wahrheit und die Natur in ihrer höchsten Kraft - er sieht sich zum Satyr verzaubert.
The satyr and the idyllic shepherd of our modern age are both offspring of a nostalgia directed toward the primordial and natural. But with what firm, fearless grasp did the Greek seize his forest-being, while how timidly and delicately does modern man toy with the flattering image of a tender, flute-playing, soft-natured shepherd! The nature not yet processed by knowledge, whose cultural locks remain unbroken - this the Greek saw in his satyr, which therefore did not merge for him with the ape. On the contrary: it was the archetype of man, the expression of his highest and most intense emotions, as an inspired ecstatic enraptured by the god's proximity, as a compassionate comrade in whom the god's suffering is reiterated, as a wisdom-proclaimer from nature's deepest breast, as the emblem of nature's sexual omnipotence which the Greek contemplated with reverent awe. The satyr was something sublime and divine: thus he must have appeared particularly to the painfully fractured gaze of the Dionysian man. The adorned, mendacious shepherd would have offended him; his eye lingered in sublime satisfaction on nature's unveiled, uncurtailed grand script. Here the cultural illusion was erased from the primordial image of man; here the true human being revealed himself - the bearded satyr jubilating toward his god. Before him, the cultured human shrank into a deceitful caricature. Schiller was right about these origins of tragic art too: the chorus is a living rampart against reality's onslaught because the satyr chorus represents existence as more genuine, real, and complete than the cultured human who habitually considers himself the sole reality. Poetry's sphere does not lie beyond the world as some fantastical impossibility of a poet's brain; it desires to be precisely the opposite - the unvarnished expression of truth. Hence it must cast off the deceitful adornments of that alleged reality posited by cultured humanity. The contrast between this authentic natural truth and the cultural lie posturing as sole reality resembles that between the eternal core of things - the thing-in-itself - and the entire phenomenal world. And just as tragedy points with metaphysical solace to the eternal life of that existential core amidst the perpetual perishing of appearances, so too does the symbolism of the satyr chorus express through metaphor this primordial relation between thing-in-itself and phenomenon. The modern idyllic shepherd is but a counterfeit of the sum of cultural illusions he calls "nature"; the Dionysian Greek willed truth and nature in their highest potency - he saw himself transfigured into the satyr.
Unter solchen Stimmungen und Erkenntnissen jubelt die schwärmende Schar der Dionysusdiener: deren Macht sie selbst vor ihren eignen Augen verwandelt, so daß sie sich als wiederhergestellte Naturgenien, als Satyrn, zu erblicken wähnen. Die spätere Konstitution des Tragödienchors ist die künstlerische Nachahmung jenes natürlichen Phänomens; bei der nun allerdings eine Scheidung von dionysischen Zuschauern und dionysischen Verzauberten nötig wurde. Nur muß man sich immer gegenwärtig halten, daß das Publikum der attischen Tragödie sich selbst in dem Chore der Orchestra wiederfand, daß es im Grunde keinen Gegensatz von Publikum und Chor gab: denn alles ist nur ein großer erhabener Chor von tanzenden und singenden Satyrn oder von solchen, welche sich durch diese Satyrn repräsentieren lassen. Das Schlegelsche Wort muß sich uns hier in einem tieferen Sinne erschließen. Der Chor ist der »idealische Zuschauer«, insofern er der einzige Schauer ist, der Schauer der Visionswelt der Szene. Ein Publikum von Zuschauern, wie wir es kennen, war den Griechen unbekannt: in ihren Theatern war es jedem, bei dem in konzentrischen Bogen sich erhebenden Terrassenbau des Zuschauerraumes, möglich, die gesamte Kulturwelt um sich herum ganz eigentlich zu übersehen und in gesättigtem Hinschauen selbst Choreut sich zu wähnen. Nach dieser Einsicht dürfen wir den Chor, auf seiner primitiven Stufe in der Urtragödie, eine Selbstspiegelung des dionysischen Menschen nennen: welches Phänomen am deutlichsten durch den Prozeß des Schauspielers zu machen ist, der, bei wahrhafter Begabung, sein von ihm darzustellendes Rollenbild zum Greifen wahrnehmbar vor seinen Augen schweben sieht. Der Satyrchor ist zu allererst eine Vision der dionysischen Masse, wie wiederum die Welt der Bühne eine Vision dieses Satyrchors ist: die Kraft dieser Vision ist stark genug, um gegen den Eindruck der »Realität«, gegen die rings auf den Sitzreihen gelagerten Bildungsmenschen den Blick stumpf und unempfindlich zu machen. Die Form des griechischen Theaters erinnert an ein einsames Gebirgstal: die Architektur der Szene erscheint wie ein leuchtendes Wolkenbild, welches die im Gebirge herumschwärmenden Bacchen von der Höhe aus erblicken, als die herrliche Umrahmung, in deren Mitte ihnen das Bild des Dionysus offenbar wird.
Amidst such moods and revelations, the ecstatic throng of Dionysian votaries exults: the power transforming them before their very eyes leads them to imagine themselves as restored primordial nature-spirits, as satyrs. The subsequent constitution of the tragic chorus constitutes an artistic imitation of this natural phenomenon—though here a distinction between Dionysian spectators and Dionysian transfigured votaries became necessary. Yet we must continually recall that the audience of Attic tragedy found itself mirrored in the chorus of the orchestra, that fundamentally no opposition existed between spectator and chorus; for all was but a single sublime chorus of dancing and singing satyrs, or of those represented by these satyrs. Schlegel's dictum must here reveal itself to us in a profounder sense: the chorus is the "ideal spectator" insofar as it remains the sole beholder—the beholder of the visionary world upon the stage. A spectator-audience such as we know was alien to the Greeks: within their theaters, rising in concentric arcs of terraced seating, each individual could survey the entire cultural cosmos around them and, in satiated contemplation, fancy themselves a choreut. From this understanding, we may designate the chorus at its primordial stage in proto-tragedy as the self-reflection of Dionysian humanity—a phenomenon most vividly illustrated through the actor's process, who, when truly gifted, perceives the role-image he embodies hovering palpably before his eyes. The satyr chorus constitutes first and foremost a vision of the Dionysian mass, just as the stage-world conversely becomes a vision of this satyr chorus. The potency of this vision proves sufficient to render obtuse and insensate the gaze toward "reality"—toward the cultivated men encamped upon the surrounding tiers. The form of the Greek theater recalls a solitary mountain vale: the architecture of the skēnē appears as a luminous cloud-formulation, such as the maenads roaming the heights might behold—the resplendent frame within whose center the epiphany of Dionysus manifests.
Jene künstlerische Urerscheinung, die wir hier zur Erklärung des Tragödienchors zur Sprache bringen, ist, bei unserer gelehrtenhaften Anschauung über die elementaren künstlerischen Prozesse, fast anstößig; während nichts ausgemachter sein kann, als daß der Dichter nur dadurch Dichter ist, daß er von Gestalten sich umringt sieht, die vor ihm leben und handeln, und in deren innerstes Wesen er hineinblickt. Durch eine eigentümliche Schwäche der modernen Begabung sind wir geneigt, uns das ästhetische Urphänomen zu kompliziert und abstrakt vorzustellen. Die Metapher ist für den echten Dichter nicht eine rhetorische Figur, sondern ein stellvertretendes Bild, das ihm wirklich, an Stelle eines Begriffes, vorschwebt. Der Charakter ist für ihn nicht etwas aus zusammengesuchten Einzelzügen komponiertes Ganzes, sondern eine vor seinen Augen aufdringlich lebendige Person, die von der gleichen Vision des Malers sich nur durch das fortwährende Weiterleben und Weiterhandeln unterscheidet. Wodurch schildert Homer so viel anschaulicher als alle Dichter? Weil er um so viel mehr anschaut. Wir reden über Poesie so abstrakt, weil wir alle schlechte Dichter zu sein pflegen. Im Grunde ist das ästhetische Phänomen einfach; man habe nur die Fähigkeit, fortwährend ein lebendiges Spiel zu sehen und immerfort von Geisterscharen umringt zu leben, so ist man Dichter; man fühle nur den Trieb, sich selbst zu verwandeln und aus anderen Leibern und Seelen herauszureden, so ist man Dramatiker.
This primordial artistic phenomenon we here invoke to explicate the tragic chorus appears nearly scandalous to our scholarly conceptions of elementary aesthetic processes. Yet nothing could be more certain than that the poet is poet only through beholding living forms encircling him, whose innermost essence he penetrates. Through a peculiar weakness of modern aptitude, we are prone to imagine the aesthetic Ur-phenomenon as excessively complex and abstract. For the true poet, metaphor is not a rhetorical device but a surrogate-image that actually hovers before him in place of conceptual abstraction. Character is not for him a composite assembled from accumulated traits, but an urgently vital personage before his eyes—distinguished from the painter's vision solely through its perpetual animation and agency. How does Homer visualize so much more palpably than all poets? Because he gazes so much more intently. We discourse upon poetry so abstractly because we are all generally poor poets. At bottom, the aesthetic phenomenon is simple: if one but possesses the capacity to ceaselessly behold a living play and dwell perpetually amidst spirit-hosts, one becomes a poet; if one feels the compulsion to transform oneself and speak through alien bodies and souls, one becomes a dramatist.
Die dionysische Erregung ist imstande, einer ganzen Masse diese künstlerische Begabung mitzuteilen, sich von einer solchen Geisterschar umringt zu sehen, mit der sie sich innerlich eins weiß. Dieser Prozeß des Tragödienchors ist das dramatische Urphänomen: sich selbst vor sich verwandelt zu sehen und jetzt zu handeln, als ob man wirklich in einen andern Leib, in einen andern Charakter eingegangen wäre. Dieser Prozeß steht an dem Anfang der Entwicklung des Dramas. Hier ist etwas anderes als der Rhapsode, der mit seinen Bildern nicht verschmilzt, sondern sie, dem Maler ähnlich, mit betrachtendem Auge außer sich sieht; hier ist bereits ein Aufgeben des Individuums durch Einkehr in eine fremde Natur. Und zwar tritt dieses Phänomen epidemisch auf: eine ganze Schar fühlt sich in dieser Weise verzaubert. Der Dithyramb ist deshalb wesentlich von jedem anderen Chorgesange unterschieden. Die Jungfrauen, die, mit Lorbeerzweigen in der Hand, feierlich zum Tempel des Apollo ziehn und dabei ein Prozessionslied singen, bleiben, wer sie sind, und behalten ihren bürgerlichen Namen: der dithyrambische Chor ist ein Chor von Verwandelten, bei denen ihre bürgerliche Vergangenheit, ihre soziale Stellung völlig vergessen ist: sie sind die zeitlosen, außerhalb aller Gesellschaftssphären lebenden Diener ihres Gottes geworden. Alle andere Chorlyrik der Hellenen ist nur eine ungeheure Steigerung des apollinischen Einzelsängers; während im Dithyramb eine Gemeinde von unbewußten Schauspielern vor uns steht, die sich selbst untereinander als verwandelt ansehen.
Dionysian excitation can impart to an entire multitude this artistic faculty—to perceive themselves encircled by such spirit-hosts with whom they feel inwardly united. This process of the tragic chorus is the dramatic Ur-phenomenon: to behold oneself transformed before oneself and now to act as though one had truly entered another body, another character. This process stands at the genesis of drama's evolution. Here is something distinct from the rhapsode, who does not merge with his images but observes them externally, painter-like, with contemplative eye. Here occurs the surrender of individuality through absorption into alien nature—and this phenomenon erupts epidemically: an entire throng feels itself thus enchanted. The dithyramb is thereby fundamentally differentiated from all other choral song. Maidens who solemnly advance to Apollo's temple bearing laurel branches while chanting processional hymns remain who they are, retaining their civic names. The dithyrambic chorus is a chorus of transfigured beings who have utterly forgotten their civic past and social station: they have become timeless servants of their god, existing beyond all societal spheres. All other Hellenic choral lyric constitutes but a colossal intensification of the Apollinian solo-singer; whereas in the dithyramb, a community of unconscious actors stands before us, mutually perceiving one another as transformed.
Die Verzauberung ist die Voraussetzung aller dramatischen Kunst. In dieser Verzauberung sieht sich der dionysische Schwärmer als Satyr und als Satyr wiederum schaut er den Gott, d.h. er sieht in seiner Verwandlung eine neue Vision außer sich, als apollinische Vollendung seines Zustandes. Mit dieser neuen Vision ist das Drama vollständig.
Enchantment is the precondition of all dramatic art. In this enchantment, the Dionysian ecstatic beholds himself as satyr, and as satyr in turn beholds the god—that is, in his metamorphosis he perceives a new vision outside himself, the Apollinian consummation of his state. With this new vision, drama achieves its completion.
Nach dieser Erkenntnis haben wir die griechische Tragödie als den dionysischen Chor zu verstehen, der sich immer von neuem wieder in einer apollinischen Bilderwelt entladet. Jene Chorpartien, Mut denen die Tragödie durchflochten ist, sind also gewissermaßen der Mutterschoß des ganzen sogenannten Dialogs, d.h. der gesamten Bühnenwelt, des eigentlichen Dramas. In mehreren aufeinanderfolgenden Entladungen strahlt dieser Urgrund der Tragödie jene Vision des Dramas aus: die durchaus Traumerscheinung und insofern epischer Natur ist, andrerseits aber, als Objektivation eines dionysischen Zustandes, nicht die apollinische Erlösung im Scheine, sondern im Gegenteil das Zerbrechen des Individuums und sein Einswerden mit dem Ursein darstellt. Somit ist das Drama die apollinische Versinnlichung dionysischer Erkenntnisse und Wirkungen und dadurch wie durch eine ungeheure Kluft vom Epos abgeschieden.
In light of this insight, we must comprehend Greek tragedy as the Dionysian chorus that perpetually discharges itself anew into an Apollinian world of images. Those choral passages through which tragedy is interwoven constitute thereby the womb of the entire so-called dialogue - that is, the complete stage-world, the true drama. Through successive discharges, this primordial ground of tragedy radiates visions of dramatic action: while these visions are fundamentally dream-appearances and thus epic in nature, they simultaneously embody the Dionysian state's objectivity, manifesting not Apollinian redemption through semblance but rather the shattering of individuality and its fusion with primordial being. Thus drama emerges as the Apollinian embodiment of Dionysian insights and effects, separated from epic poetry by an immense chasm.
Der Chor der griechischen Tragödie, das Symbol der gesamten dionysisch erregten Masse, findet an dieser unserer Auffassung seine volle Erklärung. Während wir, mit der Gewöhnung an die Stellung eines Chors auf der modernen Bühne, zumal eines Opernchors, gar nicht begreifen konnten, wie jener tragische Chor der Griechen älter, ursprünglicher, ja wichtiger sein sollte, als die eigentliche »Aktion« - wie dies doch so deutlich überliefert war -, während wir wiederum mit jener überlieferten hohen Wichtigkeit und Ursprünglichkeit nicht reimen konnten, warum er doch nur aus niedrigen dienenden Wesen, ja zuerst nur aus bocksartigen Satyrn zusammengesetzt worden sei, während uns die Orchestra vor der Szene immer ein Rätsel blieb, sind wir jetzt zu der Einsicht gekommen, daß die Szene samt der Aktion im Grunde und ursprünglich nur als Vision gedacht wurde, daß die einzige »Realität« eben der Chor ist, der die Vision aus sich erzeugt und von ihr mit der ganzen Symbolik des Tanzes, des Tones und des Wortes redet. Dieser Chor schaut in seiner Vision seinen Herrn und Meister Dionysus und ist darum ewig der dienende Chor: er sieht, wie dieser, der Gott, leidet und sich verherrlicht, und handelt deshalb selbst nicht. Bei dieser, dem Gotte gegenüber durchaus dienenden Stellung ist er doch der höchste, nämlich dionysische Ausdruck der Natur und redet darum, wie diese, in der Begeisterung Orakel- und Weisheitssprüche: als der mitleidende ist er zugleich der weise, aus dem Herzen der Welt die Wahrheit verkündende. So entsteht denn jene phantastische und so anstößig scheinende Figur des weisen und begeisterten Satyrs, der zugleich »der tumbe Mensch« im Gegensatz zum Gotte ist: Abbild der Natur und ihrer stärksten Triebe, ja Symbol derselben und zugleich Verkünder ihrer Weisheit und Kunst: Musiker, Dichter, Tänzer, Geisterseher in einer Person.
The chorus of Greek tragedy - symbol of the entire Dionysian-ecstatic mass - finds its complete explication through our interpretation. Whereas modern spectators, accustomed to the subordinate position of operatic choruses, struggled to grasp how this tragic chorus could precede, surpass, and fundamentally outweigh the dramatic "action" (as tradition clearly affirms), and whereas the chorus's paradoxical composition from lowly satyrs remained confounding - we now recognize that the stage and its action were originally conceived as pure vision. The sole "reality" resides in the chorus itself, which generates visions and speaks through the symbolism of dance, tone, and word. This chorus beholds in ecstatic vision its lord Dionysus, hence remaining eternally a serving chorus: witnessing the god's suffering and glorification, it refrains from action. Though subservient to the deity, it simultaneously expresses nature's supreme Dionysian voice, uttering through rapture oracular wisdom - compassionate yet sage, proclaiming truth from the world's core. Thus arises that fantastical yet profoundly significant figure of the inspired wise satyr, who embodies both "the simple man" opposing divinity and nature's primal forces: symbol and herald of nature's wisdom and artistry - musician, poet, dancer, and visionary merged into one.
Dionysus, der eigentliche Bühnenheld und Mittelpunkt der Vision, ist gemäß dieser Erkenntnis und gemäß der Überlieferung, zuerst, in der allerältesten Periode der Tragödie, nicht wahrhaft vorhanden, sondern wird nur als vorhanden vorgestellt: d.h. ursprünglich ist die Tragödie nur »Chor« und nicht »Drama«. Später wird nun der Versuch gemacht, den Gott als einen realen zu zeigen und die Visionsgestalt samt der verklärenden Umrahmung als jedem Auge sichtbar darzustellen: damit beginnt das »Drama« im engeren Sinne. Jetzt bekommt der dithyrambische Chor die Aufgabe, die Stimmung der Zuhörer bis zu dem Grade dionysisch anzuregen, daß sie, wenn der tragische Held auf der Bühne erscheint, nicht etwa den unförmlich maskierten Menschen sehen, sondern eine gleichsam aus ihrer eignen Verzückung geborene Visionsgestalt. Denken wir uns Admet mit tiefem Sinnen seiner jüngst abgeschiedenen Gattin Alcestis gedenkend und ganz im geistigen Anschauen derselben sich verzehrend - wie ihm nun plötzlich ein ähnlich gestaltetes, ähnlich schreitendes Frauenbild in Verhüllung entgegengeführt wird: denken wir uns seine plötzliche zitternde Unruhe, sein stürmisches Vergleichen, seine instinktive Überzeugung - so haben wir ein Analogon zu der Empfindung, mit der der dionysisch erregte Zuschauer den Gott auf der Bühne heranschreiten sah, mit dessen Leiden er bereits eins geworden ist. Unwillkürlich übertrug er das ganze magisch vor seiner Seele zitternde Bild des Gottes auf jene maskierte Gestalt und löste ihre Realität gleichsam in eine geisterhafte Unwirklichkeit auf. Dies ist der apollinische Traumeszustand, in dem die Welt des Tages sich verschleiert und eine neue Welt, deutlicher, verständlicher, ergreifender als jene und doch schattengleicher, in fortwährendem Wechsel sich unserem Auge neu gebiert. Demgemäß erkennen wir in der Tragödie einen durchgreifenden Stilgegensatz: Sprache, Farbe, Beweglichkeit, Dynamik der Rede treten in der dionysischen Lyrik des Chors und andrerseits in der apollinischen Traumwelt der Szene als völlig gesonderte Sphären des Ausdrucks auseinander. Die apollinischen Erscheinungen, in denen sich Dionysus objektiviert, sind nicht mehr »ein ewiges Meer, ein wechselnd Weben, ein glühend Leben«, wie es die Musik des Chors ist, nicht mehr jene nur empfundenen, nicht zum Bilde verdichteten Kräfte, in denen der begeisterte Dionysusdiener die Nähe des Gottes spürt: jetzt spricht, von der Szene aus, die Deutlichkeit und Festigkeit der epischen Gestaltung zu ihm, jetzt redet Dionysus nicht mehr durch Kräfte, sondern als epischer Held, fast mit der Sprache Homers.
Dionysus, the true protagonist and visionary focus, existed initially - according to tradition and our present understanding - not as physical presence but as imagined reality: tragedy's earliest form was pure "chorus" rather than "drama." The subsequent attempt to render the god physically visible, presenting the visionary figure and its transfigured framework as ocular reality, marks the emergence of "drama" proper. The dithyrambic chorus now assumes the task of Dionysian excitation, preparing spectators to perceive not a masked actor but a vision born from their collective ecstasy. Consider Admet deep in contemplation of his deceased Alcestis, consumed by her spiritual image: when a veiled figure resembling her approaches, his trembling agitation and instinctive recognition mirror the Dionysian spectator's experience as the god-procession unfolds. Unconsciously, the spectator projects the divine image quivering before his soul onto the masked form, dissolving its reality into spectral ideality. This constitutes the Apollinian dream-state where daylight reality fades, supplanted by a clearer yet more spectral world born in perpetual metamorphosis. Here we discern tragedy's fundamental stylistic antithesis: language, color, movement, and verbal dynamism diverge into distinct expressive realms - the Dionysian lyric of the chorus versus the Apollinian dream-world of the stage. Apollinian manifestations through which Dionysus becomes objectified no longer resemble the chorus's musical "eternal sea, weaving flux, glowing life," nor the formless divine energies sensed by ecstatic votaries. Now Dionysus speaks through epic clarity as a Homeric hero, the stage radiating definitive form.
9
9
Alles, was im apollinischen Teile der griechischen Tragödie, im Dialoge, auf die Oberfläche kommt, sieht einfach, durchsichtig, schön aus. In diesem Sinne ist der Dialog ein Abbild des Hellenen, dessen Natur sich im Tanze offenbart, weil im Tanze die größte Kraft nur potenziell ist, aber sich in der Geschmeidigkeit und Üppigkeit der Bewegung verrät. So überrascht uns die Sprache der sophokleischen Helden durch ihre apollinische Bestimmtheit und Helligkeit, so daß wir sofort bis in den innersten Grund ihres Wesens zu blicken wähnen, mit einigem Erstaunen, daß der Weg bis zu diesem Grunde so kurz ist. Sehen wir aber einmal von dem auf die Oberfläche kommenden und sichtbar werdenden Charakter des Helden ab - der im Grunde nichts mehr ist als das auf eine dunkle Wand geworfene Lichtbild, d.h. Erscheinung durch und durch -, dringen wir vielmehr in den Mythus ein, der in diesen hellen Spiegelungen sich projiziert, so erleben wir plötzlich ein Phänomen, das ein umgekehrtes Verhältnis zu einem bekannten optischen hat. Wenn wir bei einem kräftigen Versuch, die Sonne ins Auge zu fassen, uns geblendet abwen[1]den, so haben wir dunkle farbige Flecken gleichsam als Heilmittel vor den Augen: umgekehrt sind jene Lichtbildererscheinungen des sophokleischen Helden, kurz das Apollinische der Maske, notwendige Erzeugungen eines Blickes ins Innere und schreckliche der Natur, gleichsam leuchtende Flecken zur Heilung des von grausiger Nacht versehrten Blickes. Nur in diesem Sinne dürfen wir glauben, den ernsthaften und bedeutenden Begriff der »griechischen Heiterkeit« richtig zu fassen; während wir allerdings den falsch verstandenen Begriff dieser Heiterkeit im Zustande ungefährdeten Behagens auf allen Wegen und Stegen der Gegenwart antreffen.
Everything manifesting in the Apollinian element of Greek tragedy - in the dialogue - emerges as simple, translucent, beautiful. In this sense, the dialogue becomes an image of the Hellene, whose nature reveals itself in dance, for in dance the greatest force remains latent yet betrays itself through supple and luxuriant motion. Thus the language of Sophoclean heroes astonishes us through its Apollinian precision and luminosity, making us imagine we peer into their innermost essence - though with some amazement that the path to this core proves so brief. But if we disregard the character emerging to the surface and becoming visible - which fundamentally amounts to nothing more than a luminous image cast upon a dark wall, mere appearance through and through - and instead penetrate into the myth projected through these radiant reflections, we suddenly confront a phenomenon bearing inverse relation to a familiar optical principle. When we avert our gaze after straining to behold the sun, dark chromatic patches hover before our eyes as healing remedies; conversely, those luminous-image-phenomena of the Sophoclean hero - in short, the Apollinian aspect of the mask - become necessary productions of gazing into nature's terrible depths, glowing palliatives for eyes seared by gruesome night. Only thus may we presume to grasp the serious and profound concept of "Greek cheerfulness" correctly - whereas we indeed encounter its misinterpreted counterpart, the notion of carefree contentment, ubiquitously parading through modern byways.
Die leidvollste Gestalt der griechischen Bühne, der unglückselige Ödipus, ist von Sophokles als der edle Mensch verstanden worden, der zum Irrtum und zum Elend trotz seiner Weisheit bestimmt ist, der aber am Ende durch sein ungeheures Leiden eine magische segensreiche Kraft um sich ausübt, die noch über sein Verscheiden hinaus wirksam ist. Der edle Mensch sündigt nicht, will uns der tiefsinnige Dichter sagen: durch sein Handeln mag jedes Gesetz, jede natürliche Ordnung, ja die sittliche Welt zugrunde gehen, eben durch dieses Handeln wird ein höherer magischer Kreis von Wirkungen gezogen, die eine neue Welt auf Nietzsche: den Ruinen der umgestürzten alten gründen. Das will uns der Dichter, insofern er zugleich religiöser Denker ist, sagen: als Dichter zeigt er uns zuerst einen wunderbar geschürzten Prozeßknoten, den der Richter langsam, Glied für Glied, zu seinem eigenen Verderben löst; die echt hellenische Freude an dieser dialektischen Lösung ist so groß, daß hierdurch ein Zug von überlegener Heiterkeit über das ganze Werk kommt, der den schauderhaften Voraussetzungen jenes Prozesses überall die Spitze abbricht. Im »Odipus auf Kolonos« treffen wir diese selbe Heiterkeit, aber in eine unendliche Verklärung emporgehoben; dem vom Übermaße des Elends betroffenen Greise gegenüber, der allem, was ihn betrifft, rein als Leidender preisgegeben ist - steht die überirdische Heiterkeit, die aus göttlicher Sphäre herniederkommt und uns andeutet, daß der Held in seinem rein passiven Verhalten seine höchste Aktivität erlangt, die weit über sein Leben hinausgreift, während sein bewußtes Dichten und Trachten im früheren Leben ihn nur zur Passivität geführt hat. So wird der für das sterbliche Auge unauflöslich verschlungene Prozeßknoten der Odipusfabel langsam entwirrt - und die tiefste menschliche Freude überkommt uns bei diesem göttlichen Gegenstück der Dialektik. Wenn wir mit dieser Erklärung dem Dichter gerecht geworden sind, so kann doch immer noch gefragt werden, ob damit der Inhalt des Mythus erschöpft ist: und hier zeigt sich, daß die ganze Auffassung des Dichters nichts ist als eben jenes Lichtbild, welches uns, nach einem Blick in den Abgrund, die heilende Natur vorhält. Odipus der Mörder seines Vaters, der Gatte seiner Mutter, Odipus der Rätsellöser der Sphinx! Was sagt uns die geheimnisvolle Dreiheit dieser Schicksalstaten? Es gibt einen uralten, besonders persischen Volksglauben, daß ein weiser Magier nur aus Inzest geboren werden könne: was wir uns, im Hinblick auf den rätsellösenden und seine Mutter freienden Odipus, sofort so zu interpretieren haben, daß dort, wo durch weissagende und magische Kräfte der Bann von Gegenwart und Zukunft, das starre Gesetz der Individuation und überhaupt der eigentliche Zauber der Natur gebrochen ist, eine ungeheure Naturwidrigkeit - wie dort der Inzest - als Ursache vorausgegangen sein muß; denn wie könnte man die Natur zum Preisgeben ihrer Geheimnisse zwingen, wenn nicht dadurch, daß man ihr siegreich widerstrebt, d.h. durch das Unnatürliche? Diese Erkenntnis sehe ich in jener entsetzlichen Dreiheit der Ödipusschicksale ausgeprägt: derselbe, der das Rätsel der Natur - jener doppelgearteten Sphinx - löst, muß auch als Mörder des Vaters und Gatte der Mutter die heiligsten Naturordnungen zerbrechen. Ja der Mythus scheint uns zuraunen zu wollen, daß die Weisheit und gerade die dionysische Weisheit ein naturwidriger Greuel sei, daß der, welcher durch sein Wissen die Natur in den Abgrund der Vernichtung stürzt, auch an sich selbst die Auflösung der Natur zu erfahren habe. »Die Spitze der Weisheit kehrt sich gegen den Weisen; Weisheit ist ein Verbrechen an der Natur«: solche schreckliche Sätze ruft uns der Mythus zu: der hellenische Dichter aber berührt wie ein Sonnenstrahl die erhabene und furchtbare Memnonssäule des Mythus, so daß er plötzlich zu tönen beginnt - in sophokleischen Melodien!
The most suffering figure of the Greek stage, the ill-starred Oedipus, was conceived by Sophocles as the noble man destined for error and misery despite his wisdom, yet who ultimately exerts a magical beneficent force through his monstrous suffering - a force persisting beyond his demise. "The noble man does not sin," the profound poet seems to tell us: through such a being's actions, every law, natural order, even the moral world may perish, yet precisely through these deeds a higher magical sphere of effects is conjured, founding a new world upon the ruins of the overturned old. This the poet communicates as religious thinker; as poet, he first presents an intricately tangled procedural knot that the judge slowly unravels link by link to his own perdition. The authentically Hellenic delight in this dialectical unraveling proves so potent that a vein of superior cheerfulness pervades the entire work, blunting the horrific premises underlying this trial. In "Oedipus at Colonus," we encounter this same cheerfulness now transfigured into infinite radiance. Against the old man overwhelmed by excess of suffering - utterly exposed as passive sufferer to all affecting him - stands a supraterrestrial serenity descending from divine spheres, intimating that through purely passive comportment the hero attains supreme activity extending far beyond his life, whereas his conscious strivings in earlier existence led only to passivity. Thus the inextricably knotted procedural tangle of the Oedipus legend gradually loosens - and profoundest human joy overcomes us before this divine counterpart to dialectic. Yet even if this interpretation does the poet justice, we may still ask whether the myth's content is thereby exhausted. Here it becomes evident that the poet's entire conception constitutes precisely that luminous image which healing nature holds before us after we have gazed into the abyss. Oedipus, murderer of his father, husband of his mother, Oedipus the solver of the Sphinx's riddle! What speaks through the mysterious trinity of these fateful deeds? An ancient Persian folk belief maintains that a wise magus must be born of incest: this we must interpret through Oedipus - riddle-solver and mother-wedder - as signifying that wherever prophetic and magical powers break the spell of present and future, the rigid law of individuation, and nature's fundamental enchantment, some monstrous unnaturalness (such as incest) must have preceded as cause. For how could nature be compelled to yield her secrets save through victorious resistance against her - that is, through the unnatural? I discern this knowledge stamped in the dreadful triad of Oedipus's destinies: he who solves nature's riddle - that twofold Sphinx - must also, as father-slayer and mother-spouse, violate nature's most sacred orders. Indeed, the myth whispers that wisdom, particularly Dionysian wisdom, constitutes an unnatural atrocity - that whoever hurls nature into the abyss of destruction through knowledge must himself experience nature's dissolution. "The pinnacle of wisdom turns against the wise; wisdom is a crime against nature" - such terrifying propositions the myth cries out to us. But the Hellenic poet touches this sublime and awful Memnon's Column of myth like a sunbeam, so that suddenly it resounds with Sophoclean melodies!
Der Glorie der Passivität Stelle ich jetzt die Glorie der Aktivität gegenüber, welche den Prometheus des Äschylus umleuchtet. Was uns hier der Denker Äschylus zu sagen hatte, was er aber als Dichter durch sein gleichnisartiges Bild uns nur ahnen läßt, das hat uns der jugendliche Goethe in den verwegenen Worten seines Prometheus zu enthüllen gewußt:
To the glory of passivity I now juxtapose the glory of activity irradiating Aeschylus's Prometheus. What the thinker Aeschylus had to tell us here - yet as poet merely lets us intuit through symbolic imagery - the young Goethe has revealed through the audacious words of his Prometheus:
»Hier sitz ich, forme Menschen
"Here sit I, forming mortals
Nach meinem Bilde,
In mine own image,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
A race to resemble me,
Zu leiden, zu weinen,
To suffer, to weep,
Zu genießen und zu freuen sich,
To revel and rejoice,
Und dein nicht zu achten,
And heed thee not,
Wie ich!«
As I!"
Der Mensch, ins Titanische sich steigernd, erkämpft sich selbst seine Kultur und zwingt die Götter, sich mit ihm zu verbinden, weil er in seiner selbsteignen Weisheit die Existenz und die Schranken derselben in seiner Hand hat. Das Wunderbarste an jenem Promethensgedicht, das seinem Grundgedanken nach der eigentliche Hymnus der Unfrömmigkeit ist, ist aber der tiefe äschyleische Zug nach Gerechtigkeit: das unermeßliche Leid des kühnen »Einzelnen« auf der einen Seite, und die göttliche Not, ja Ahnung einer Götterdämmerung auf der andern, die zur Versöhnung, zum metaphysischen Einssein zwingende Macht jener beiden Leidenswelten - dies alles erinnert auf das stärkste an den Mittelpunkt und Hauptsatz der äschyleischen Weltbetrachtung, die über Göttern und Menschen die Moira als ewige Gerechtigkeit thronen sieht. Bei der erstaunlichen Kühnheit, mit der Äschylus die olympische Welt auf seine Gerechtigkeitswagschalen stellt, müssen wir uns vergegenwärtigen, daß der tiefsinnige Grieche einen unverrückbar festen Untergrund des metaphysischen Denkens in seinen Mysterien hatte, und daß sich an den Olympiern alle seine skeptischen Anwandlungen entladen konnten. Der griechische Künstler insbesondere empfand im Hinblick auf die Gottheiten ein dunkles Gefühl wechselseitiger Abhängigkeit: und gerade im Prometheus des Äschylus ist dieses Gefühl symbolisiert. Der titanische Künstler fand in sich den trotzigen Glauben, Menschen schaffen und olympische Götter wenigstens vernichten zu können: und dies durch seine höhere Weisheit, die er freilich durch ewiges Leiden zu büßen gezwungen war. Das herrliche »Können« des großen Genius, das selbst mit ewigem Leide zu gering bezahlt ist, der herbe Stolz des Künstlers - das ist Inhalt und Seele der äschyleischen Dichtung, während Sophokles in seinem Ödipus das Siegeslied des Heiligen präludierend anstimmt. Aber auch mit jener Deutung, die Äschylus dem Mythus gegeben hat, ist dessen erstaunliche Schreckenstiefe nicht ausgemessen: vielmehr ist die Werdelust des Künstlers, die jedem Unheil trotzende Heiterkeit des künstlerischen Schaffens nur ein lichtes Wolken- und Himmelsbild, das sich auf einem schwarzen See der Traurigkeit spiegelt. Die Prometheussage ist ein ursprüngliches Eigentum der gesamten arischen Völkergemeinde und ein Dokument für deren Begabung zum Tiefsinnig-Tragischen, ja es möchte nicht ohne Wahrscheinlichkeit sein, daß diesem Mythus für das arische Wesen eben dieselbe charakteristische Bedeutung innewohnt, die der Sündenfallmythus für das semitische hat, und daß zwischen beiden Mythen ein Verwandtschaftsgrad existiert, wie zwischen Bruder und Schwester. Die Voraussetzung jenes Promethensmythus ist der überschwängliche Wert, den eine naive Menschheit dem Feuer beilegt als dem wahren Palladium jeder aufsteigenden Kultur: daß aber der Mensch frei über das Feuer waltet und es nicht nur ein Geschenk vom Himmel, als zündenden Blitzstrahl oder wärmenden Sonnenbrand, empfängt, erschien jenen beschaulichen Ur-Menschen als ein Frevel, als ein Raub an der göttlichen Natur. Und so stellt gleich das erste philosophische Problem einen peinlichen unlösbaren Widerspruch zwischen Mensch und Gott hin und rückt ihn wie einen Felsblock an die Pforte jeder Kultur. Das Beste und Höchste, dessen die Menschheit teilhaftig werden kann, erringt sie durch einen Frevel und muß nun wieder seine Folgen dahinnehmen, nämlich die ganze Flut von Leiden und von Kümmernissen, mit denen die beleidigten Himmlischen das edel emporstrebende Menschengeschlecht heimsuchen - müssen: ein herber Gedanke, der durch die Würde, die er dem Frevel erteilt, seltsam gegen den semitischen Sündefallmythus absticht, in welchem die Neugierde, die lügnerische Vorspiegelung, die Verführbarkeit, die Lüsternheit, kurz eine Reihe vornehmlich weiblicher Affektionen als der Ursprung des Übels angesehen wurde. Das, was die arische Vorstellung auszeichnet, ist die erhabene Ansicht von der aktiven Sünde als der eigentlich prometheischen Tugend: womit zugleich der ethische Untergrund der pessimistischen Tragödie gefunden ist, als die Rechtfertigung des menschlichen Übels, und zwar sowohl der menschlichen Schuld als des dadurch verwirkten Leidens. Das Unheil im Wesen der Dinge - das der beschauliche Arier nicht geneigt ist wegzudeuteln -, der Widerspruch im Herzen der Welt offenbart sich ihm als ein Durcheinander verschiedener Welten, z.B. einer göttlichen und einer menschlichen, von denen jede als Individuum im Recht ist, aber als einzelne neben einer anderen für ihre Individuation zu leiden hat. Bei dem heroischen Drange des einzelnen ins Allgemeine, bei dem Versuche, über den Bann der Individuation hinauszuschreiten und das eine Weltwesen selbst sein zu wollen, erleidet er an sich den in den Dingen verborgenen Urwiderspruch, d.h. er frevelt und leidet. So wird von den Ariern der Frevel als Mann, von den Semiten die Sünde als Weib verstanden, so wie auch der Urfrevel vom Manne, die Ursünde vom Weibe begangen wird. Übrigens sagt der Hexenchor:
Man, by escalating into the Titanic, wrests his culture for himself and compels the gods to ally with him, since within his own self-acquired wisdom he holds the existence and limitations of the gods in his grasp. The most wondrous aspect of that Promethean poem—which in its fundamental conception constitutes the veritable hymn of impiety—is the profound Aeschylean striving for justice: the immeasurable suffering of the bold "individual" on one side, and the divine distress, indeed the presentiment of a twilight of the gods, on the other; that compelling power toward reconciliation and metaphysical unity arising from these two realms of anguish—all this most forcefully recalls the central tenet of Aeschylus's world-contemplation, which envisions Moira enthroned above gods and mortals as eternal justice. In confronting the astounding audacity with which Aeschylus places the Olympian world upon his scales of justice, we must recall that the profound Greek possessed an immovable metaphysical foundation in his Mysteries, while discharging all skeptical impulses upon the Olympians. The Greek artist in particular harbored an obscure feeling of mutual dependency toward the deities—a sentiment symbolized precisely in Aeschylus's Prometheus. The Titanic artist discovered within himself the defiant belief that he could create men and at least annihilate Olympian gods—through his higher wisdom, which he was nevertheless compelled to expiate through eternal suffering. The magnificent "capability" of the great genius—purchased too cheaply even with eternal agony—the bitter pride of the artist: this is the content and soul of Aeschylean poetry, while Sophocles in his Oedipus preludes the victory hymn of the saint. Yet even with Aeschylus's interpretation, the myth's astonishing abyssal terror remains unfathomed: rather, the creative joy of the artist, the serenity of artistic creation that defies all calamity, is but a luminous cloud-image mirrored upon a black lake of sorrow. The Prometheus myth constitutes an original possession of the entire Aryan folk community and a testament to their aptitude for profoundly tragic thought. Indeed, it may not be improbable that this myth holds for the Aryan essence the same characteristic significance as the myth of original sin does for the Semitic—that between these two myths exists a kinship like that between brother and sister. The presupposition of the Promethean myth is the extravagant value ascribed to fire by naive humanity as the true palladium of ascending culture. That man freely controls fire—receiving it not as a heavenly gift through lightning's ignition or the sun's warmth—appeared to those contemplative primordial humans as impiety, as theft from divine nature. Thus the first philosophical problem posits a tormentingly insoluble contradiction between man and god, placing it like a boulder at the gateway of every culture. The noblest attainment of humanity is wrested through transgression, which in turn necessitates suffering the flood of woes and cares with which the offended celestials plague the aspiring race—a bitter thought that, through the dignity it confers upon transgression, contrasts strangely with the Semitic myth of the fall. There, curiosity, mendacious pretense, susceptibility to temptation, lust—in short, a series of predominantly feminine affects—were deemed the origin of evil. What distinguishes the Aryan conception is the sublime view of active sin as the authentically Promethean virtue: herewith is found the ethical substratum of pessimistic tragedy as the justification of human evil—both of human guilt and the suffering thereby incurred. The calamity in the essence of things—which the contemplative Aryan disdains to gloss over—reveals itself to him as a clash of disparate worlds, for instance a divine and a human, each justified as individuals yet suffering for their individuation when existing alongside another. In the heroic striving of the individual toward universality, in the attempt to transcend the spell of individuation and to become the very essence of the world, he endures within himself the primordial contradiction hidden in things—that is, he commits transgression and suffers. Thus the Aryans comprehend transgression as masculine, while the Semites understand sin as feminine—just as the primal transgression is committed by man, the primal sin by woman. Moreover, as the witches' chorus declares:
»Wir nehmen das nicht so genau:
"We do not take it so strictly:
Mit tausend Schritten machts die Frau;
A thousand steps suffice for woman's pace;
Doch wie sie auch sich eilen kann,
Though she may hasten as she can,
Mit einem Sprunge machts der Mann.«
A single leap achieves it for the man."
Wer jenen innersten Kern der Prometheussage versteht - nämlich die dem titanisch strebenden Individuum gebotene Notwendigkeit des Frevels -, der muß auch zugleich das Unapollinische dieser pessimistischen Vorstellung empfinden; denn Apollo will die Einzelwesen gerade dadurch zur Ruhe bringen, daß er Grenzlinien zwischen ihnen zieht und daß er immer wieder an diese als an die heiligsten Weltgesetze mit seinen Forderungen der Selbsterkenntnis und des Maßes erinnert. Damit aber bei dieser apollinischen Tendenz die Form nicht zu ägyptischer Steifigkeit und Kälte erstarre, damit nicht unter dem Bemühen, der einzelnen Welle ihre Bahn und ihr Bereich vorzuschreiben, die Bewegung des ganzen Sees ersterbe, zerstörte von Zeit zu Zeit wieder die hohe Flut des Dionysischen alle jene kleinen Zirkel, in die der einseitig apollinische »Wille« das Hellenentum zu ban[1]nen suchte. Jene plötzlich anschwellende Flut des Dionysischen nimmt dann die einzelnen kleinen Wellenberge der Individuen auf ihren Rücken, wie der Bruder des Prometheus, der Titan Atlas, die Erde. Dieser titanische Drang, gleichsam der Atlas aller einzelnen zu werden und sie mit breitem Rücken höher und höher, weiter und weiter zu tragen, ist das Gemeinsame zwischen dem Prometheischen und dem Dionysischen. Der äschyleische Prometheus ist in diesem Betracht eine dionysische Maske, während in jenem vorhin erwähnten tiefen Zuge nach Gerechtigkeit Äschylus seine väterliche Abstammung von Apollo, dem Gotte der Individuation und der Gerechtigkeitsgrenzen, dem Einsichtigen verrät. Und so möchte das Doppelwesen des äschyleischen Prometheus, seine zugleich dionysische und apollinische Natur in begrifflicher Formel so ausgedrückt werden können: »Alles Vorhandene ist gerecht und ungerecht und in beidem gleich berechtigt.
Whoever grasps the innermost core of the Promethean myth—namely the necessity of transgression imposed upon the Titanically striving individual—must simultaneously sense the non-Apollinian character of this pessimistic conception. For Apollo seeks to pacify individual beings precisely by drawing boundary lines between them and by repeatedly reminding them of these as the holiest world-laws through his demands for self-knowledge and measure. Yet lest form congeal into Egyptian rigidity and coldness under this Apollinian tendency, lest the lake's entire movement perish through the effort to prescribe each individual wave its course and domain, the surging flood of the Dionysian periodically destroyed all those petty circles in which the one-sidedly Apollinian "will" sought to confine Hellenism. That suddenly swelling Dionysian tide then lifts individual wave-crests onto its back like Atlas, the Titan brother of Prometheus bearing the earth. This Titanic impulse—to become the Atlas of all individuals and carry them ever higher and farther on one's broad back—constitutes the common element between the Promethean and Dionysian. The Aeschylean Prometheus in this regard is a Dionysian mask, while in the aforementioned profound striving for justice, Aeschylus betrays his paternal lineage from Apollo, god of individuation and justice's boundaries, to the discerning observer. Thus the dual nature of Aeschylean Prometheus—his concurrent Dionysian and Apollinian essence—might be conceptually formulated as: "All that exists is just and unjust, and equally justified in both."
« Das ist deine Welt! Das heißt eine Welt! –
"This is thy world! A world, thou sayest? –
10
10
Es ist eine unanfechtbare Überlieferung, daß die griechische Tragödie in ihrer ältesten Gestalt nur die Leiden des Dionysus zum Gegenstand hatte, und daß der längere Zeit hindurch einzig vorhandene Bühnenheld eben Dionysus war. Aber mit der gleichen Sicherheit darf behauptet werden, daß niemals bis auf Euripides Dionysus aufgehört hat, der tragische Held zu sein, sondern daß alle die berühmten Figuren der griechischen Bühne, Prometheus, Ödipus usw. nur Masken jenes ursprünglichen Helden Dionysus sind. Daß hinter allen diesen Masken eine Gottheit steckt, das ist der eine wesentliche Grund für die so oft angestaunte typische »Idealität« jener berühmten Figuren. Es hat ich weiß nicht wer behauptet, daß alle Individuen als Individuen komisch und damit untragisch seien: woraus zu entnehmen wäre, daß die Griechen überhaupt Individuen auf der tragischen Bühne nicht ertragen konnten. In der Tat scheinen sie so empfunden zu haben: wie überhaupt jene platonische Unterscheidung und Wertabschätzung der »Idee« im Gegensatze zum »Idol«, zum Abbild, tief im hellenischen Wesen begründet liegt. Um uns aber der Terminologie Platos zu bedienen, so wäre von den tragischen Gestalten der hellenischen Bühne etwa so zu reden: der eine wahrhaft reale Dionysus erscheint in einer Vielheit der Gestalten, in der Maske eines kämpfenden Helden und gleichsam in das Netz des Einzelwillens verstrickt. So wie jetzt der erscheinende Gott redet und handelt, ähnelt er einem irrenden strebenden leidenden Individuum: und daß er überhaupt mit dieser epischen Bestimmtheit und Deutlichkeit erscheint, ist die Wirkung des Traumdeuters Apollo, der dem Chore seinen dionysischen Zustand durch jene gleichnisartige Erscheinung deutet. In Wahrheit aber ist jener Held der leidende Dionysus der Mysterien, jener die Leiden der Individuation an sich erfahrende Gott, von dem wundervolle Mythen erzählen, wie er als Knabe von den Titanen zerstückelt worden sei und nun in diesem Zustande als Zagreus verehrt werde: wobei angedeutet wird, daß diese Zerstückelung, das eigentlich dionysische Leiden, gleich einer Umwandlung in Luft, Wasser, Erde und Feuer sei, daß wir also den Zustand der Individuation als den Quell und Urgrund alles Leidens, als etwas an sich Verwerfliches, zu betrachten hätten. Aus dem Lächeln dieses Dionysus sind die olympischen Götter, aus seinen Tränen die Menschen entstanden. In jener Existenz als zerstückelter Gott hat Dionysus die Doppelnatur eines grausamen verwilderten Dämons und eines milden sanftmütigen Herrschers. Die Hoffnung der Epopten ging aber auf eine Wiedergeburt des Dionysus, die wir jetzt als das Ende der Individuation ahnungsvoll zu begreifen haben: diesem kommenden dritten Dionysus erscholl der brausende Jubelgesang der Epopten. Und nur in dieser Hoffnung gibt es einen Strahl von Freude auf dem Antlitze der zerrissenen, in Individuen zertrümmerten Welt: wie es der Mythus durch die in ewige Trauer versenkte Demeter verbildlicht, welche zum ersten Male wieder sich freut, als man ihr sagt, sie könne den Dionysus noch einmal gebären. In den angeführten Anschauungen haben wir bereits alle Bestandteile einer tiefsinnigen und pessimistischen Weltbetrachtung und zugleich damit die Mysterienlehre der Tragödie zusammen: die Grunderkenntnis von der Einheit alles Vorhandenen, die Betrachtung der Individuation als des Urgrundes des Übels, die Kunst als die freudige Hoffnung, daß der Bann der Individuation zu zerbrechen sei, als die Ahnung einer wiederhergestellten Einheit. –
It stands as irrefutable tradition that Greek tragedy in its earliest form had solely the sufferings of Dionysus as its subject, and that for an extended period the sole stage protagonist was Dionysus himself. Yet with equal certainty we may assert that until Euripides, Dionysus never ceased to be the tragic hero—all those celebrated figures of the Greek stage, Prometheus, Oedipus, etc., being but masks of this primordial hero. That a deity lies concealed behind all these masks constitutes the essential reason for the oft-admired "ideal" typicality of these famous figures. Some unknown thinker once declared all individuals as individuals to be comic and thus untragic—from which we might infer that the Greeks could not endure individuals on the tragic stage. Indeed they seem to have felt thus: as that Platonic distinction and valuation between "Idea" and "idol," between archetype and image, is deeply rooted in the Hellenic character. To employ Platonic terminology, we might speak of the tragic personae of the Greek stage thus: the one truly real Dionysus appears in a multiplicity of forms, masked as a struggling hero and enmeshed in the net of individual will. As the manifest god now speaks and acts, he resembles an erring, striving, suffering individual—yet this epically definite and distinct manifestation results from Apollo's intervention as dream-interpreter, who through this symbolic apparition communicates the chorus's Dionysian state to the audience. In truth, however, this hero is the suffering Dionysus of the Mysteries—the god experiencing the agonies of individuation, of whom marvelous myths relate how he was dismembered as a boy by Titans and now worshipped as Zagreus: thereby intimating that this dismemberment—the properly Dionysian suffering—is equivalent to transformation into air, water, earth, and fire, that we must regard the state of individuation as the source and primal ground of all suffering, as inherently reprehensible. From the smile of this Dionysus sprang the Olympian gods; from his tears, mankind. In his existence as dismembered god, Dionysus bears the dual nature of a cruel, savage demon and a gentle, temperate ruler. The initiates' hope however lay in Dionysus' rebirth, which we now presciently comprehend as the end of individuation: to this coming third Dionysus the initiates' roaring hymns of jubilation were addressed. Only through this hope does a ray of joy illumine the countenance of a world torn asunder and shattered into individuals—as mythically symbolized by Demeter plunged in eternal grief, who rejoices anew only when told she may bear Dionysus once more. In these conceptions we already find all elements of a profound pessimistic worldview and simultaneously the mystery doctrine of tragedy: the fundamental insight into the unity of all existence; the recognition of individuation as primal source of evil; art as the joyous hope that the spell of individuation may be broken, the presentiment of unity restored.
Es ist früher angedeutet worden, daß das homerische Epos die Dichtung der olympischen Kultur ist, mit der sie ihr eignes Siegeslied über die Schrecken des Titanenkampfes gesungen hat. Jetzt, unter dem übermächtigen Einflusse der tragischen Dichtung, werden die homerischen Mythen von neuem umgeboren und zeigen in dieser Metempsychose, daß inzwischen auch die olympische Kultur von einer noch tieferen Weltbetrachtung besiegt worden ist. Der trotzige Titan Prometheus hat es seinem olympischen Peiniger angekündigt, daß einst seiner Herrschaft die höchste Gefahr drohe, falls er nicht zur rechten Zeit sich mit ihm verbinden werde. In Äschylus erkennen wir das Bündnis des erschreckten, vor seinem Ende bangenden Zeus mit dem Titanen. So wird das frühere Titanenzeitalter nachträglich wieder aus dem Tartarus ans Licht geholt. Die Philosophie der wilden und nackten Natur schaut die vorübertanzenden Mythen der homerischen Welt mit der unverhüllten Miene der Wahrheit an: sie erbleichen, sie zittern vor dem blitzartigen Auge dieser Göttin - bis sie die mächtige Faust des dionysischen Künstlers in den Dienst der neuen Gottheit zwingt. Die dionysische Wahrheit übernimmt das gesamte Bereich des Mythus als Symbolik ihrer Erkenntnisse und spricht diese teils in dem öffentlichen Kultus der Tragödie, teils in den geheimen Begehungen dramatischer Mysterienfeste, aber immer unter der alten mythischen Hülle aus. Welche Kraft war dies, die den Prometheus von seinen Geiern befreite und den Mythus zum Vehikel dionysischer Weisheit umwandelte? Dies ist die heraklesmäßige Kraft der Musik: als welche, in der Tragödie zu ihrer höchsten Erscheinung gekommen, den Mythus mit neuer tiefsinnigster Bedeutsamkeit zu interpretieren weiß; wie wir dies als das mächtigste Vermögen der Musik früher schon zu charakterisieren hatten. Denn es ist das Los jedes Mythus, allmählich in die Enge einer angeblich historischen Wirklichkeit hineinzukriechen und von irgendeiner späteren Zeit als einmaliges Faktum mit historischen Ansprüchen behandelt zu werden: und die Griechen waren bereits völlig auf dem Wege, ihren ganzen mythischen Jugendtraum mit Scharfsinn und Willkür in eine historisch-pragmatische Jugendgeschichte umzustempeln. Denn dies ist die Art, wie Religionen abzusterben pflegen: wenn nämlich die mythischen Voraussetzungen einer Religion unter den strengen, verstandesmäßigen Augen eines rechtgläubigen Dogmatismus als eine fertige Summe von historischen Ereignissen systematisiert werden und man anfängt, ängstlich die Glaubwürdigkeit der Mythen zu verteidigen, aber gegen jedes natürliche Weiterleben und Weiterwuchern derselben sich zu sträuben, wenn also das Gefühl für den Mythus abstirbt und an seine Stelle der Anspruch der Religion auf historische Grundlagen tritt. Diesen absterbenden Mythus ergriff jetzt der neugeborne Genius der dionysischen Musik: und in seiner Hand blühte er noch einmal, mit Farben, wie er sie noch nie gezeigt, mit einem Duft, der eine sehnsüchtige Ahnung einer metaphysischen Welt erregte. Nach diesem letzten Aufglänzen fällt er zusammen, seine Blätter werden welk, und bald haschen die spöttischen Luciane des Altertums nach den von allen Winden fortgetragenen, entfärbten und verwüsteten Blumen. Durch die Tragödie kommt der Mythus zu seinem tiefsten Inhalt, seiner ausdrucksvollsten Form; noch einmal erhebt er sich, wie ein verwundeter Held, und der ganze Überschuß von Kraft, samt der weisheitsvollen Ruhe des sterbenden, brennt in seinem Auge mit letztem, mächtigem Leuchten.
It was previously suggested that the Homeric epic constitutes the poetry of Olympian culture, through which it sang its own paean of victory over the terrors of the Titanomachy. Now, under the overwhelming influence of tragic poetry, the Homeric myths undergo rebirth through metempsychosis, revealing that Olympian culture itself has meanwhile been vanquished by an even more profound worldview. The defiant Titan Prometheus warned his Olympian tormentor that the highest peril would one day threaten his reign unless he timely allied himself with the Titan. In Aeschylus, we recognize the covenant between the terror-stricken Zeus – trembling before his own demise – and the Titan. Thus the earlier Titanic age is retrospectively drawn from Tartarus into the light. The philosophy of wild and naked nature gazes with unveiled countenance upon the dancing myths of the Homeric world: they pale, they tremble before the lightning eye of this goddess – until the mighty fist of the Dionysian artist compels them into service of the new deity. Dionysian truth appropriates the entire domain of myth as symbolism for its insights, expressing them partly through the public cult of tragedy and partly through secret rites of dramatic Mystery Festivals, yet always beneath the ancient mythical veil. What force liberated Prometheus from his vultures and transformed myth into the vehicle of Dionysian wisdom? It was the Herculean power of music: having attained its supreme manifestation in tragedy, music could now interpret myth with unprecedented profundity – that prodigious capacity of music we earlier characterized. For it is the fate of every myth to creep gradually into the narrow confines of so-called historical reality and to be treated by later ages as a unique fact demanding historical validation. The Greeks had already embarked on converting their entire mythical dreamworld through sophistry and caprice into a pseudo-historical pragmatism of their youth. This is how religions perish: when their mythical presuppositions become systematized under the severe, rational gaze of orthodox dogmatism as a completed summa of historical events; when one anxiously defends the credibility of myths while resisting their natural proliferation; when the sense for myth withers and religion's claim to historical foundations prevails. The newly born genius of Dionysian music now seized this dying myth: beneath his touch, it flowered once more with hues never before seen, exuding fragrances that stirred longing premonitions of a metaphysical realm. After this final effulgence, myth collapsed; its leaves withered, and soon the Lucians of antiquity chased after the discolored petals scattered by all winds. Through tragedy, myth attained its deepest content and most expressive form; like a wounded hero, it rose once more, its dying eyes ablaze with the entire surplus of strength and the wise serenity of expiration.
Was wolltest du, frevelnder Euripides, als du diesen sterbenden noch einmal zu deinem Frondienste zu zwingen suchtest? Er starb unter deinen gewaltsamen Händen: und jetzt brauchtest du einen nachgemachten, maskierten Mythus, der sich wie der Affe des Herakles mit dem alten Prunke nur noch aufzuputzen wußte. Und wie dir der Mythus starb, so starb dir auch der Genius der Musik: mochtest du auch mit gierigem zugreifen alle Gärten der Musik plündern, auch so brachtest du es nur zu einer nachgemachten maskierten Musik. Und weil du Dionysus verlassen, so verließ dich auch Apollo; jage alle Leidenschaften von ihrem Lager auf und banne sie in deinen Kreis, spitze und feile dir für die Reden deiner Helden eine sophistische Dialektik zurecht - auch deine Helden haben nur nachgeahmte maskierte Leidenschaften und sprechen nur nachgeahmte maskierte Reden.
What did you seek, sacrilegious Euripides, in forcing this dying myth into your servitude? It perished under your violent hands – now requiring a counterfeit masked myth that, like Herakles' ape, could only deck itself in antiquated splendor. As myth died through you, so too perished the genius of music: though you plundered every garden of musical art with rapacious hands, you achieved only mimetic masked music. Having abandoned Dionysus, Apollo likewise deserted you; rouse all passions from their lairs and confine them within your sphere, hone sophistical dialectics for your heroes' speeches – yet these heroes harbor only counterfeit masked passions, uttering only counterfeit masked words.
11
11
Die griechische Tragödie ist anders zugrunde gegangen als sämtliche ältere schwesterliche Kunstgattungen: sie starb durch Selbstmord, infolge eines unlösbaren Konfliktes, also tragisch, während jene alle in hohem Alter des schönsten und ruhigsten Todes verblichen sind. Wenn es nämlich einem glücklichen Naturzustande gemäß ist, mit schöner Nachkommenschaft und ohne Krampf vom Leben zu scheiden, so zeigt uns das Ende jener älteren Kunstgattungen einen solchen glücklichen Naturzustand: sie tauchen langsam unter, und vor ihren ersterbenden Blicken steht schon ihr schönerer Nachwuchs und reckt mit Mutiger Gebärde ungeduldig das Haupt. Mit dem Tode der griechischen Tragödie dagegen entstand eine ungeheure, überall tief empfundene Leere; wie einmal griechische Schiffer zu Zeiten des Tiberius an einem einsamen Eiland den erschütternden Schrei hörten »der große Pan ist tot«: so klang es jetzt wie ein schmerzlicher Klageton durch die hellenische Welt: »die Tragödie ist tot! Die Poesie selbst ist mit ihr verlorengegangen! Fort, fort mit euch verkümmerten, abgemagerten Epigonen! Fort in den Hades, damit ihr euch dort an den Brosamen der vormaligen Meister einmal sattessen könnt!«
Greek tragedy met its end differently from all elder sister-arts: it died by suicide through an irresolvable conflict – thus tragically – whereas those others expired peacefully at advanced age in most beautiful serenity. If departing life without convulsions, leaving fair progeny behind, constitutes a blessed natural death, then the demise of those elder arts reveals such felicity: they sank slowly, their fading gaze already beholding their fairer offspring impatiently raising bold heads. But with tragedy's death came an immense, profoundly felt void. As Greek sailors in Tiberius' time heard the shattering cry "The great Pan is dead!" from a lonely isle, so now a grievous lament echoed through the Hellenic world: "Tragedy is dead! Poetry itself has perished with her! Begone, withered epigones! Descend to Hades, there to glut yourselves on the crumbs of past masters!"
Als aber nun doch noch eine neue Kunstgattung aufblühte, die in der Tragödie ihre Vorgängerin und Meisterin verehrte, da war mit Schrecken wahrzunehmen, daß sie allerdings die Züge ihrer Mutter trage, aber dieselben, die jene in ihrem langen Todeskampfe gezeigt hatte. Diesen Todeskampf der Tragödie kämpfte Euripides; jene spätere Kunstgattung ist als neuere attische Komödie bekannt. In ihr lebte die entartete Gestalt der Tragödie fort, zum Denkmale ihres überaus mühseligen und gewaltsamen Hinscheidens.
Yet when a new art form later blossomed, venerating tragedy as its precursor and mistress, horror revealed that it bore precisely those features which its mother had displayed in her death throes. Euripides fought this mortal combat of tragedy; the subsequent art form became known as the newer Attic comedy. In it lived the degenerate form of tragedy – a monument to its agonizing and violent demise.
Bei diesem Zusammenhange ist die leidenschaftliche Zuneigung begreiflich, welche die Dichter der neueren Komödie zu Euripides empfanden; so daß der Wunsch des Philemon nicht weiter befremdet, der sich sogleich aufhängen lassen mochte, nur um den Euripides in der Unterwelt aufsuchen zu können: wenn er nur überhaupt überzeugt sein dürfte, daß der Verstorbene auch jetzt noch bei Verstande sei. Will man aber in aller Kürze und ohne den Anspruch, damit etwas Erschöpfendes zu sagen, dasjenige bezeichnen, was Euripides mit Menander und Philemon gemein hat und was für jene so auf, regend vorbildlich wirkte: so genügt es zu sagen, daß der Zuschauer von Euripides auf die Bühne gebracht worden ist. Wer erkannt hat, aus welchem Stoffe die prometheischen Tragiker vor Euripides ihre Helden formten und wie ferne ihnen die Absicht lag, die treue Maske der Wirklichkeit auf die Bühne zu bringen, der wird auch über die gänzlich abweichende Tendenz des Euripides im klaren sein. Der Mensch des alltäglichen Lebens drang durch ihn aus den Zuschauerräumen auf die Szene, der Spiegel, in dem früher nur die großen und kühnen Züge zum Ausdruck kamen, zeigte jetzt jene peinliche Treue, die auch die mißlungenen Linien der Natur gewissenhaft wiedergibt. Odyssens, der typische Hellene der älteren Kunst, sank jetzt unter den Händen der neueren Dichter zur Figur des Graecolus herab, der von jetzt ab als gutmütig-verschmitzter Haussklave im Mittelpunkte des dramatischen Interesses steht. Was Euripides sich in den aristophanischen »Fröschen« zum Verdienst anrechnet, daß er die tragische Kunst durch seine Hausmittel von ihrer pomphaften Beleibtheit befreit habe, das ist vor allem an seinen tragischen Helden zu spüren. Im wesentlichen sah und hörte jetzt der Zuschauer seinen Doppelgänger auf der euripideischen Bühne und freute sich, daß jener so gut zu reden verstehe. Bei dieser Freude blieb es aber nicht: man lernte selbst bei Euripides sprechen, und dessen rühmt er sich selbst im Wettkampfe mit Äschylus: wie durch ihn jetzt das Volk kunstmäßig und mit den schlausten sophistikationen zu beobachten, zu verhandeln und Folgerungen zu ziehen gelernt habe. Durch diesen Umschwung der öffentlichen Sprache hat er überhaupt die neuere Komödie möglich gemacht. Denn von jetzt ab war es kein Geheimnis mehr, wie und mit welchen Sentenzen die Alltäglichkeit sich auf der Bühne vertreten könne. Die bürgerliche Mittelmäßigkeit, auf die Euripides alle seine politischen Hoffnungen aufbaute, kam jetzt zu Wort, nachdem bis dahin in der Tragödie der Halbgott, in der Komödie der betrunkene Satyr oder der Halbmensch den Sprachcharakter bestimmt hatten. Und so hebt der aristophanische Euripides zu seinem Preise hervor, wie er das allgemeine, allbekannte, alltägliche Leben und Treiben dargestellt habe, über das ein jeder zu urteilen befähigt sei. Wenn jetzt die ganze Masse philosophiere, mit unerhörter Klugheit Land und Gut verwalte und ihre Prozesse führe, so sei dies sein Verdienst und der Erfolg der von ihm dem Volke eingeimpften Weisheit.
Within this context, the passionate affinity felt by the poets of the New Comedy for Euripides becomes comprehensible. Thus we are less astonished by Philemon’s wish—that he might hang himself merely to seek Euripides in the underworld—provided he could be assured the deceased still retained his reason. To succinctly characterize what Euripides shared with Menander and Philemon—what rendered him so stimulatingly exemplary for them—it suffices to note that Euripides brought the spectator onto the stage. Whoever has grasped the material from which the Promethean tragic poets before Euripides shaped their heroes, and how remote their intent was to place the faithful mask of reality upon the stage, will also comprehend the radically divergent tendency of Euripides. Through him, the man of everyday life invaded the scene from the spectator benches; the mirror that once reflected only grand and audacious traits now meticulously reproduced nature’s botched contours. Odysseus, the archetypal Hellene of older art, dwindled in the hands of newer poets to the figure of the Graeculus—the genial, sly household slave who now occupied dramatic centrality. What Euripides boasts of in Aristophanes' Frogs—that through his domestic remedies he emancipated tragic art from its pompous corpulence—is felt most acutely in his tragic heroes. Essentially, the spectator now beheld and heard his own double on the Euripidean stage and rejoiced that such a figure could speak so well. But this was not all: one learned to speak from Euripides himself, as he vaunts in his contest with Aeschylus, boasting how through him the people now observed artfully, negotiated with the shrewdest sophistries, and drew conclusions. This transformation of public discourse enabled the New Comedy altogether. Henceforth, it was no mystery how everyday life could represent itself onstage through maxims. Bourgeois mediocrity—the foundation of Euripides’ political hopes—now found its voice, whereas tragedy had hitherto been determined by the demigod and comedy by the drunken satyr or semihuman. Thus Aristophanes’ Euripides extols himself for depicting universal, familiar, quotidian life and activity—matters over which any spectator could pass judgment. If the masses now philosophized, managed estates with unprecedented acumen, and conducted lawsuits, this was his merit—the fruit of the wisdom he had instilled in the people.
An eine derartig zubereitete und aufgeklärte Masse durfte sich jetzt die neuere Komödie wenden, für die Euripides gewissermaßen der Chorlehrer geworden ist; nur daß diesmal der Chor der Zuschauer eingeübt werden mußte. Sobald dieser in der euripideischen Tonart zu singen geübt war, erhob sich jene schachspielartige Gattung des Schauspiels, die neuere Komödie, mit ihrem fortwährenden Triumphe der Schlauheit und Verschlagenheit. Euripides aber - der Chorlehrer - wurde unaufhörlich gepriesen: ja man würde sich getötet haben, um noch mehr von ihm zu lernen, wenn man nicht gewußt hätte, daß die tragischen Dichter eben so tot seien wie die Tragödie. Mit ihr aber hatte der Hellene den Glauben an seine Unsterblichkeit aufgegeben, nicht nur den Glauben an eine ideale Vergangenheit, sondern auch den Glauben an eine ideale Zukunft. Das Wort aus der bekannten Grabschrift »als Greis leichtsinnig und grillig« gilt auch vom greisen Hellenentume. Der Augenblick, der Witz, der Leichtsinn, die Laune sind seine höchsten Gottheiten; der fünfte stand, der des Sklaven, kommt, wenigstens der Gesinnung nach, jetzt zur Herrschaft: und wenn jetzt überhaupt noch von »griechischer Heiterkeit« die Rede sein darf, so ist es die Heiterkeit des Sklaven, der nichts schweres zu verantworten, nichts Großes zu erstreben, nichts Vergangenes oder Zukünftiges höher zu schätzen weiß als das Gegenwärtige. Dieser Schein der »griechischen Heiterkeit« war es, der die tiefsinnigen und furchtbaren Naturen der vier ersten Jahrhunderte des Christentums so empörte: ihnen erschien diese weibische Flucht vor dem Ernst und dem Schrecken, dieses feige Sichgenügenlassen am bequemen Genuß - nicht nur verächtlich, sondern als die eigentlich antichristliche Gesinnung. Und ihrem Einfluß ist es zuzuschreiben, daß die durch Jahrhunderte fortlebende Anschauung des griechischen Altertums mit fast unüberwindlicher Zähigkeit jene blaßrote Heiterkeitsfarbe festhielt - als ob es nie ein sechstes Jahrhundert mit seiner Geburt der Tragödie, seinen Mysterien, seinen Pythagoras und Heraklit gegeben hätte, ja als ob die Kunstwerke der großen Zeit gar nicht vorhanden wären, die doch - jedes für sich -aus dem Boden einer solchen greisenhaften und sklavenmäßigen Daseinslust und Heiterkeit gar nicht zu erklären sind und auf eine völlig andere Weltbetrachtung als ihren Existenzgrund hinweisen.
To this prepared and enlightened mass the New Comedy could now address itself, for which Euripides had in a sense become chorus-trainer—though here the chorus of spectators itself required schooling. Once drilled to sing in the Euripidean key, there emerged that chessboard genre of drama, the New Comedy, with its perpetual triumph of slyness and guile. Euripides—the chorus-trainer—was ceaselessly lauded; indeed, men would have killed themselves to learn more from him had they not known that tragic poets were as dead as tragedy itself. Yet with tragedy, the Hellene had relinquished belief in his own immortality—not merely belief in an ideal past but also in an ideal future. The epitaph’s phrase “as an old man frivolous and capricious” applies equally to senescent Hellenism. The moment, the jest, frivolity, and whim became its supreme deities; the fifth estate, that of the slave, now attained dominance—at least in disposition. If one still speaks of “Greek serenity,” it is the serenity of the slave who has nothing consequential to answer for, nothing great to strive toward, who values nothing past or future above the present. This semblance of “Greek serenity” so enraged the profound and formidable natures of Christianity’s first four centuries: to them, this effeminate flight from earnestness and terror, this cowardly complacency in facile pleasure, appeared not only contemptible but as the quintessentially anti-Christian mentality. Through their influence, the enduring conception of Greek antiquity persisted for centuries with near-indomitable tenacity, cloaked in that pale-red hue of serenity—as if there had never been a sixth century with its birth of tragedy, its Mysteries, its Pythagoras and Heraclitus; as if the artworks of the great epoch simply did not exist—works that each, in themselves, defy explanation through such senile, slavish exuberance and instead point to an entirely different mode of world-interpretation as their existential ground.
Wenn zuletzt behauptet wurde, daß Euripides den Zuschauer auf die Bühne gebracht habe, um zugleich damit den Zuschauer zum Urteil über das Drama erst wahrhaft zu befähigen, so entsteht der Schein, als ob die ältere tragische Kunst aus einem Mißverhältnis zum Zuschauer nicht herausgekommen sei: und man möchte versucht sein, die radikale Tendenz des Euripides, ein entsprechendes Verhältnis zwischen Kunstwerk und Publikum zu erzielen, als einen Fortschritt über Sophokles hinaus zu preisen. Nun aber ist »Publikum« nur ein Wort und durchaus keine gleichartige und in sich verharrende Größe. Woher soll dem Künstler die Verpflichtung kommen, sich einer Kraft zu akkomodieren, die ihre Stärke nur in der Zahl hat? Und wenn er sich, seiner Begabung und seinen Absichten nach, über jeden einzelnen dieser Zuschauer erhaben fühlt, wie dürfte er vor dem gemeinsamen Ausdruck aller dieser ihm untergeordneten Kapazitäten mehr Achtung empfinden als vor dem relativ am höchsten begabten einzelnen Zuschauer? In Wahrheit hat kein griechischer Künstler mit größerer Verwegenheit und Selbstgenügsamkeit sein Publikum durch ein langes Leben hindurch behandelt als gerade Euripides: er, der selbst da noch, als die Masse sich ihm zu Füßen warf, in erhabenem Trotze seiner eigenen Tendenz öffentlich ins Gesicht schlug, derselben Tendenz, mit der er über die Masse gesiegt hatte. Wenn dieser Genius die geringste Ehrfurcht vor dem Pandämonium des Publikums gehabt hätte, so wäre er unter den Keulenschlägen seiner Mißerfolge längst vor der Mitte seiner Laufbahn zusammengebrochen. Wir sehen bei dieser Erwägung, daß unser Ausdruck, Euripides habe den Zuschauer auf die Bühne gebracht, um den Zuschauer wahrhaft urteilsfähig zu machen, nur ein provisorischer war, und daß wir nach einem tieferen Verständnis seiner Tendenz zu suchen haben. Umgekehrt ist es ja allerseits bekannt, wie Äschylus und Sophokles Zeit ihres Lebens, ja weit über dasselbe hinaus, im Vollbesitze der Volksgunst standen, wie also bei diesen Vorgängern des Euripides keineswegs von einem Mißverhältnis zwischen Kunstwerk und Publikum die Rede sein kann. Was trieb den reichbegabten und unablässig zum Schaffen gedrängten Künstler so gewaltsam von dem Wege ab, über dem die Sonne der größten Dichternamen und der unbewölkte Himmel der Volksgunst leuchteten? Welche sonderbare Rücksicht auf den Zuschauer führte ihn dem Zuschauer entgegen? Wie konnte er aus zu hoher Achtung vor seinem Publikum - sein Publikum mißachten?
If it were finally claimed that Euripides brought the spectator onto the stage to thereby truly enable the spectator to judge the drama, the illusion arises as if the older tragic art had never overcome a fundamental incongruity with its audience - tempting one to praise Euripides' radical tendency for establishing an appropriate relationship between artwork and public as progress beyond Sophocles. Yet "public" remains merely a word, by no means a homogeneous and self-identical entity. From where should the obligation arise for the artist to accommodate a power whose strength lies solely in numbers? If he feels superior to each individual spectator in talent and intention, how could he show greater respect for the collective expression of all these subordinate capacities than for the relatively most gifted single spectator? In truth, no Greek artist treated his public with bolder defiance and self-sufficiency throughout a long career than Euripides himself - he who even when the masses prostrated themselves before him, in sublime obstinacy publicly contradicted his own tendency, that very tendency through which he had triumphed over the masses. Had this genius harbored the slightest reverence for the pandemonium of the public, he would have collapsed under the club blows of his failures long before the midpoint of his career. Considering this, our earlier formulation - that Euripides brought the spectator onto the stage to render them truly capable of judgment - proves merely provisional, compelling us to seek a deeper understanding of his tendency. Contrarily, it is universally acknowledged that Aeschylus and Sophocles enjoyed full popular favor throughout their lives and beyond, making any talk of incongruity between artwork and public wholly inapplicable to these predecessors of Euripides. What then drove this lavishly gifted and ceaselessly productive artist so violently from the path bathed in sunlight by the greatest poetic names and the cloudless heaven of popular favor? What strange regard for the spectator made him turn against the spectator? How could he, through excessive respect for his public - come to disdain his public?
Euripides fühlte sich - das ist die Lösung des eben dargestellten Rätsels - als Dichter wohl über die Masse, nicht aber über zwei seiner Zuschauer erhaben: die Masse brachte er auf die Bühne, jene beiden Zuschauer verehrte er als die allein urteilsfähigen Richter und Meister aller seiner Kunst: ihren Weisungen und Mahnungen folgend, übertrug er die ganze Welt von Empfindungen, Leidenschaften und Erfahrungen, die bis jetzt auf den Zuschauerbänken als unsichtbarer Chor zu jeder Festvorstellung sich einstellten, in die Seelen seiner Bühnenhelden, ihren Forderungen gab er nach, als er für diese neuen Charaktere auch das neue Wort und den neuen Ton suchte, in ihren Stimmen allein hörte er die gültigen Richtersprüche seines Schaffens ebenso wie die siegverheißende Ermutigung, wenn er von der Justiz des Publikums sich wieder einmal verurteilt sah.
Euripides felt himself - here lies the solution to the enigma just presented - as a poet elevated above the masses, yet not above two of his spectators: the masses he brought onto the stage, but those two spectators he revered as the sole competent judges and masters of his art. Following their injunctions and admonitions, he transferred the entire world of sentiments, passions, and experiences that had hitherto occupied the spectator benches as an invisible chorus attending every festival performance into the souls of his stage heroes. Yielding to their demands, he sought new words and tones for these new characters; in their voices alone did he hear valid verdicts on his creations, as well as victory-promising encouragement whenever public judgment condemned him anew.
Von diesen beiden Zuschauern ist der eine - Euripides selbst, Euripides als Denker, nicht als Dichter. Von ihm könnte man sagen, daß die außerordentliche Fülle seines kritischen Talentes, ähnlich wie bei Lessing, einen produktiv künstlerischen Nebentrieb wenn nicht erzeugt, so doch fortwährend befruchtet habe. Mit dieser Begabung, mit aller Helligkeit und Behendigkeit seines kritischen Denkens hatte Euripides im Theater gesessen und sich angestrengt, an den Meisterwerken seiner großen Vorgänger wie an dunkelgewordenen Gemälden Zug um Zug, Linie um Linie wiederzuerkennen. Und hier nun war ihm begegnet, was dem in die tieferen Geheimnisse der äschyleischen Tragödie Eingeweihten nicht unerwartet sein darf: er gewahrte etwas Inkommensurables in jedem Zug und in jeder Linie, eine gewisse täuschende Bestimmtheit und zugleich eine rätselhafte Tiefe, ja Unendlichkeit des Hintergrundes. Die klarste Figur hatte immer noch einen Kometenschweif an sich, der ins Ungewisse, Unaufhellbare zu deuten schien. Dasselbe Zwielicht lag über dem Bau des Dramas, zumal über der Bedeutung des Chors. Und wie zweifelhaft blieb ihm die Lösung der ethischen Probleme! Wie fragwürdig die Behandlung der Mythen! Wie ungleichmäßig die Verteilung von Glück und Unglück! Selbst in der Sprache der älteren Tragödie war ihm vieles anstößig, mindestens rätselhaft; besonders fand er zu viel Pomp für einfache Verhältnisse, zu viel Tropen und Ungeheuerlichkeiten für die Schlichtheit der Charaktere. So saß er, unruhig grübelnd, im Theater, und er, der Zuschauer, gestand sich, daß er seine großen Vorgänger nicht verstehe. Galt ihm aber der Verstand als die eigentliche Wurzel alles Genießens und Schaffens, so mußte er fragen und um sich schauen, ob denn niemand so denke wie er und sich gleichfalls jene Inkommensurabilität eingestehe. Aber die vielen und mit ihnen die besten einzelnen hatten nur ein mißtrauisches Lächeln für ihn; erklären aber konnte ihm keiner, warum seinen Bedenken und Einwendungen gegenüber die großen Meister doch im Rechte seien. Und in diesem qualvollen Zustande fand er den anderen Zuschauer, der die Tragödie nicht begriff und deshalb nicht achtete. Mit diesem im Bunde durfte er es wagen, aus seiner Vereinsamung heraus den ungeheuren Kampf gegen die Kunstwerke des Äschylus und Sophokles zu beginnen - nicht mit Streitschriften, sondern als dramatischer Dichter, der seine Vorstellung von der Tragödie der überlieferten entgegenstellt. –
Of these two spectators, one is Euripides himself - Euripides the thinker, not the poet. It might be said of him that his extraordinary abundance of critical talent, akin to Lessing's, if not generating a productive artistic subsidiary impulse, at least perpetually fertilized it. Endowed with this gift, with all the lucidity and agility of his critical thought, Euripides sat in the theater laboriously reconstructing line by line the faded paintings of his great predecessors' masterpieces. Here he encountered what should not surprise initiates into the deeper mysteries of Aeschylean tragedy: he perceived something incommensurable in every feature and line - a deceptive definiteness coupled with enigmatic depth, indeed an infinitude of background. The clearest figure still trailed a comet's tail suggesting the uncertain and inscrutable. The same twilight shrouded the drama's structure, particularly the chorus's significance. How dubious seemed the resolution of ethical problems! How questionable the treatment of myths! How uneven the distribution of fortune and calamity! Even the language of older tragedy struck him as offensive, at minimum puzzling; he found excessive pomp for simple circumstances, excessive tropes and monstrosities for characters' plainness. Thus he sat restlessly brooding in the theater, this spectator confessing he did not comprehend his great predecessors. Yet since he considered intellect the true root of all aesthetic enjoyment and creation, he had to inquire whether others shared his perspective and likewise admitted this incommensurability. But the multitude - even the best among them - met him only with distrustful smiles; none could explain why his doubts and objections should outweigh the masters' authority. In this agonized state, he discovered the other spectator who neither understood nor respected tragedy. Allied with this partner, he dared emerge from his isolation to wage tremendous war against the artworks of Aeschylus and Sophocles - not through polemics, but as a dramatic poet opposing his tragic conception to the traditional one.
12
12
Bevor wir diesen anderen Zuschauer bei Namen nennen, verharren wir hier einen Augenblick, um uns jenen früher geschilderten Eindruck des Zwiespältigen und Inkommensurablen im Wesen der äschyleischen Tragödie selbst ins Gedächtnis zurückzurufen. Denken wir an unsere eigene Befremdung dem Chore und dem tragischen Helden jener Tragödie gegenüber, die wir beide mit unseren Gewohnheiten ebensowenig wie mit der Überlieferung zu reimen wußten - bis wir jene Doppelheit selbst als Ursprung und Wesen der griechischen Tragödie wiederfanden, als den Ausdruck zweier ineinandergewobenen Kunsttriebe, des Apollinischen und des Dionysischen.
Before naming this other spectator, let us pause to recall our earlier described impression of the dual and incommensurable nature inherent in Aeschylean tragedy itself. Let us remember our own bewilderment toward the chorus and tragic hero of that tragedy - elements irreconcilable with our habits and traditions until we rediscovered this very duality as the origin and essence of Greek tragedy: the expression of two interlaced artistic impulses, the Apollinian and the Dionysian.
Jenes ursprüngliche und allmächtige dionysische Element aus der Tragödie auszuscheiden und sie rein und neu auf undionysischer Kunst, Sitte und Weltbetrachtung aufzubauen - dies ist die jetzt in heller Beleuchtung sich uns enthüllende Tendenz des Euripides.
To excise that primordial and omnipotent Dionysian element from tragedy and reconstruct it purely anew upon non-Dionysian art, custom, and worldview - this is Euripides' tendency now revealed to us in glaring illumination.
Euripides selbst hat am Abend seines Lebens die Frage nach dem Wert und der Bedeutung dieser Tendenz in einem Mythus seinen Zeitgenossen auf das nachdrücklichste vorgelegt. Darf überhaupt das Dionysische bestehn? Ist es nicht mit Gewalt aus dem hellenischen Boden auszurotten? Gewiß, sagt uns der Dichter, wenn es nur möglich wäre; aber der Gott Dionysus ist zu mächtig: der verständigste Gegner - wie Pentheus in den »Bacchen« - wird unvermutet von ihm bezaubert und läuft nachher mit dieser Verzauberung in sein Verhängnis. Das Urteil der beiden Greise Kadmus und Tiresias scheint auch das Urteil des greisen Dichters zu sein: das Nachdenken der klügsten einzelnen werfe jene alten Volkstraditionen, jene sich ewig fortpflanzende Verehrung des Dionysus nicht um, ja es gezieme sich, solchen wunderbaren Kräften gegenüber, mindestens eine diplomatisch vorsichtige Teilnahme zu zeigen: wobei es aber immer noch möglich sei, daß der Gott an einer so lauen Beteiligung Anstoß nehme und den Diplomaten - wie hier den Kadmus - schließlich in einen Drachen verwandle. Dies sagt uns der Dichter, der mit heroischer Kraft ein langes Leben hindurch dem Dionysus widerstanden hat - um am Ende desselben mit einer Glorifikation seines Gegners und einem Selbstmorde seine Laufbahn zu schließen, einem schwin[1]delndem gleich, der, um nur dem entsetzlichen, nicht mehr erträglichen Wirbel zu entgehen, sich vom Turme herunterstürzt. Jene Tragödie ist ein Protest gegen die Ausführbarkeit seiner Tendenz; ach, und sie war bereits ausgeführt! Das Wunderbare war geschehn: als der Dichter widerrief, hatte bereits seine Tendenz gesiegt. Dionysus war bereits von der tragischen Bühne verscheucht und zwar durch eine aus Euripides redende dämonische Macht. Auch Euripides war in gewissem Sinne nur Maske: die Gottheit, die aus ihm redete, war nicht Dionysus, auch nicht Apollo, sondern ein ganz neugeborner Dämon, genannt Sokrates. Dies ist der neue Gegensatz: das Dionysische und das Sokratische, und das Kunstwerk der griechischen Tragödie ging an ihm zugrunde. Mag nun auch Euripides uns durch seinen Widerruf zu trösten suchen, es gelingt ihm nicht: der herrlichste Tempel liegt in Trümmern; was nützt uns die Wehklage des Zerstörers und sein Geständnis, daß es der schönste aller Tempel gewesen sei? Und selbst daß Euripides zur Strafe von den Kunstrichtern aller Zeiten in einen Drachen verwandelt worden ist -wen möchte diese erbärmliche Kompensation befriedigen?
In the twilight of his life, Euripides himself presented the question of the value and significance of this tendency to his contemporaries through a myth of utmost urgency. Should the Dionysian persist at all? Must it not be violently uprooted from Hellenic soil? Assuredly, the poet tells us—if only it were possible! But the god Dionysus proves too mighty: even the most rational opponent, like Pentheus in The Bacchae, is unexpectedly enchanted by him and thereby races toward his doom. The judgment of the two elders Cadmus and Tiresias appears also to reflect the aged poet’s own verdict: the reflections of the wisest individuals cannot overturn those ancient folk traditions, that eternally self-propagating veneration of Dionysus. Indeed, when faced with such wondrous forces, one ought at least to adopt a diplomatically cautious participation—though even then, the god may take offense at such lukewarm engagement and ultimately transform the diplomat (here Cadmus) into a dragon. This the poet declares, he who heroically resisted Dionysus throughout his long life—only to conclude his career with a glorification of his adversary and a suicide, like a man reeling from vertigo who hurls himself from a tower to escape the unbearable, unendurable vortex. That tragedy itself stands as a protest against the feasibility of his own project. Alas, yet it had already been accomplished! The miraculous had transpired: even as the poet recanted, his tendency had triumphed. Dionysus had already been expelled from the tragic stage—banished by a daemonic power speaking through Euripides. In a certain sense, Euripides too was but a mask: the divinity that spoke through him was neither Dionysus nor Apollo, but a newborn daemon called Socrates. Here lies the new antithesis: the Dionysian versus the Socratic. The artwork of Greek tragedy perished upon this opposition. Though Euripides seeks to console us through his recantation, he fails. The most splendid temple lies in ruins—what use to us is the lament of the destroyer or his confession that it had been the fairest of temples? And even if Euripides has been transformed into a dragon as punishment by art-judges of all ages—what pitiful compensation could ever satisfy?
Nähern wir uns jetzt jener sokratischen Tendenz, mit der Euripides die äschyleische Tragödie bekämpfte und besiegte.
Let us now approach that Socratic tendency through which Euripides combated and vanquished Aeschylean tragedy.
Welches Ziel - so müssen wir uns jetzt fragen - konnte die euripideische Absicht, das Drama allein auf das Undionysische zu gründen, in der höchsten Idealität ihrer Durchführung überhaupt haben? Welche Form des Dramas blieb noch übrig, wenn es nicht aus dem Geburtsschoße der Musik, in jenem geheimnisvollen Zwielicht des Dionysischen geboren werden sollte? Allein das dramatisierte Epos: in welchem apollinischen Kunstgebiete nun freilich die tragische Wirkung unerreichbar ist. Es kommt hierbei nicht auf den Inhalt der dargestellten Ereignisse an; ja ich möchte behaupten, daß es Goethe in seiner projektierten »Nausikaa« unmöglich gewesen sein würde, den Selbstmord jenes idyllischen Wesens - der den fünften Akt ausfüllen sollte -tragisch ergreifend zu machen; so ungemein ist die Gewalt des Episch-Apollinischen, daß es die schreckensvollsten Dinge mit jener Lust am Scheine und der Erlösung durch den Schein vor unseren Augen verzaubert. Der Dichter des dramatischen Epos kann ebensowenig wie der epische Rhapsode mit seinen Bildern völlig verschmelzen: er ist immer noch ruhig unbewegte, aus weiten Augen blickende Anschauung, die die Bilder vor sich sieht. Der Schauspieler in seinem dramatisierten Epos bleibt im tiefsten Grunde immer noch Rhapsode; die Weihe des inneren Träumens liegt auf allen seinen Aktionen, so daß er niemals ganz Schauspieler ist.
What goal—we must now ask—could the Euripidean intention to ground drama solely upon the non-Dionysian have pursued in its most ideal execution? What form of drama remained possible if it was not to be born from the womb of music, from that mysterious twilight of the Dionysian? Only the dramatized epic—an Apollinian art-form in which the tragic effect is inherently unattainable. The content of the depicted events is irrelevant here. Indeed, I would assert that Goethe, in his projected Nausikaa, could never have rendered the suicide of that idyllic figure (intended to fill the fifth act) tragically moving, so overwhelming is the power of the epic-Apollinian to transfigure even the most dreadful things through its delight in semblance and redemption through semblance. The poet of the dramatized epic, like the epic rhapsodist, cannot fully merge with his images; he remains the serene, wide-eyed contemplation beholding visions before him. The actor in such a dramatized epic remains at bottom a rhapsodist; the consecration of inner dreaming lies upon all his actions, so that he is never wholly an actor.
Wie verhält sich nun diesem Ideal des apollinischen Dramas gegenüber das euripideische Stück? Wie zu dem feierlichen Rhapsoden der alten Zeit jener jüngere, der sein Wesen im platonischen »Jon« also beschreibt: »Wenn ich etwas Trauriges sage, füllen sich meine Augen mit Tränen; ist aber das, was ich sage, schrecklich und entsetzlich, dann stehen die Haare meines Hauptes vor Schauder zu Berge, und mein Herz klopft.« Hier merken wir nichts mehr von jenem epischen Verlorensein im Scheine, von der affektlosen Kühle des wahren Schauspielers, der, gerade in seiner höchsten Tätigkeit, ganz Schein und Lust am Scheine ist. Euripides ist der Schauspieler mit dem klopfenden Herzen, mit den zu Berge stehenden Haaren; als sokratischer Denker entwirft er den Plan, als leidenschaftlicher Schauspieler führt er ihn aus. Reiner Künstler ist er weder im Entwerfen noch im Ausführen. So ist das euripideische Drama ein zugleich kühles und feuriges Ding, zum Erstarren und zum Verbrennen gleich befähigt; es ist ihm unmöglich, die apollinische Wirkung des Epos zu erreichen, während es andererseits sich von den dionysischen Elementen möglichst gelöst hat und jetzt, um überhaupt zu wirken, neue Erregungsmittel braucht, die nun nicht mehr innerhalb der beiden einzigen Kunsttriebe, des apollinischen und des dionysischen, liegen können. Diese Erregungsmittel sind kühle paradoxe Gedanken - an Stelle der apollinischen Anschauungen - und feurige Affekte - an Stelle der dionysischen Entzückungen - und zwar höchst realistisch nachgemachte, keineswegs in den Äther der Kunst getauchte Gedanken und Affekte.
How then does the Euripidean play relate to this ideal of Apollinian drama? As the younger rhapsodist in Plato’s Ion describes his art: “When I speak of sorrow, my eyes fill with tears; when I speak of terror and horror, my hair stands on end and my heart pounds.” Here we discern nothing of that epic absorption in semblance, of the affectless coolness of the true actor who, precisely in his highest activity, is pure semblance and joy in semblance. Euripides is the actor with pounding heart and bristling hair. As a Socratic thinker, he plans his work; as a passionate actor, he executes it. He is no pure artist either in conception or execution. Thus, Euripidean drama is a cold and fiery thing, equally capable of freezing and burning. It cannot attain the Apollinian effect of the epic, while having emancipated itself as far as possible from Dionysian elements. To achieve any effect at all, it now requires new stimulants that lie beyond the two sole artistic impulses—the Apollinian and the Dionysian. These stimulants are frigidly paradoxical thoughts (substituted for Apollinian contemplations) and blazing affects (replacing Dionysian transports)—thoughts and affects copied with crude realism, never bathed in the ether of art.
Haben wir demnach so viel erkannt, daß es Euripides überhaupt nicht gelungen ist, das Drama allein auf das Apollinische zu gründen, daß sich vielmehr seine undionysische Tendenz in eine naturalistische und unkünstlerische verirrt hat, so werden wir jetzt dem Wesen des ästhetischen Sokratismus schon näher treten dürfen, dessen oberstes Gesetz ungefähr so lautet: »Alles muß verständig sein, um schön zu sein«; als Parallelsatz zu dem sokratischen »nur der Wissende ist tugendhaft«. Mit diesem Kanon in der Hand maß Euripides alles einzelne und rektifizierte es gemäß diesem Prinzip: die Sprache, die Charaktere, den dramaturgischen Aufbau, die Chormusik. Was wir im Vergleich mit der sophokleischen Tragödie so häufig dem Euripides als dichterischen Mangel und Rückschritt anzurechnen pflegen, das ist zumeist das Produkt jenes eindringenden kritischen Prozesses, jener verwegenen Verständigkeit. Der euripideische Prolog diene uns als Beispiel für die Produktivität jener rationalistischen Methode. Nichts kann unserer Bühnentechnik widerstrebender sein als der Prolog im Drama des Euripides. Daß eine einzelne auftretende Person am Eingange des Stückes erzählt, wer sie sei, was der Handlung vorangehe, was bis jetzt geschehen, ja was im Verlaufe des Stückes geschehen werde, das würde ein moderner Theaterdichter als ein Mutwilliges und nicht zu verzeihendes Verzichtleisten auf den Effekt der Spannung bezeichnen. Man weiß ja alles, was geschehen wird; wer wird abwarten wollen, daß dies wirklich geschieht? - da ja hier keinesfalls das aufregende Verhältnis eines wahrsagenden Traumes zu einer später eintretenden Wirklichkeit stattfindet. Ganz anders reflektierte Euripides. Die Wirkung der Tragödie beruhte niemals auf der epischen Spannung, auf der anreizenden Ungewißheit, was sich jetzt und nachher ereignen werde: vielmehr auf einen großen rhetorisch-lyrischen Szenen, in denen die Leidenschaft und die Dialektik des Haupthelden zu einem breiten und mächtigen Strome anschwoll. Zum Pathos, nicht zur Handlung bereitete alles vor: und was nicht zum Pathos vorbereitete, das galt als verwerflich. Das aber, was die genußvolle Hingabe an solche Szenen am stärksten erschwert, ist ein dem Zuhörer fehlendes Glied, eine Lücke im Gewebe der Vorgeschichte; solange der Zuhörer noch ausrechnen muß, was diese und jene Person bedeute, was dieser und jener Konflikt der Neigungen und Absichten für Voraussetzungen habe, ist seine volle Versenkung in das Leiden und Tun der Hauptpersonen, ist das atemlose Mitleiden und Mitfürchten noch nicht möglich. Die äschyleisch-sophokleische Tragödie verwandte die geistreichsten Kunstmittel, um dem Zuschauer in den ersten Szenen gewissermaßen zufällig alle jene zum Verständnis notwendigen Fäden in die Hand zu geben: ein Zug, in dem sich jene edle Künstlerschaft bewährt, die das notwendige Formelle gleichsam maskiert und als Zufälliges erscheinen läßt. Immerhin aber glaubte Euripides zu bemerken, daß während jener ersten Szenen der Zuschauer in eigentümlicher Unruhe sei, um das Rechenexempel der Vorgeschichte auszurechnen, so daß die dichterischen Schönheiten und das Pathos der Exposition für ihn verlorenginge. Deshalb stellte er den Prolog noch vor die Exposition und legte ihn einer Person in den Mund, der man Vertrauen schenken durfte: eine Gottheit mußte häufig den Verlauf der Tragödie dem Publikum gewissermaßen garantieren und jeden Zweifel an der Realität des Mythus nehmen: in ähnlicher Weise, wie Descartes die Realität der empirischen Welt nur durch die Appellation an die Wahrhaftigkeit Gottes und seine Unfähigkeit zur Lüge zu beweisen vermochte. Dieselbe göttliche Wahrhaftigkeit braucht Euripides noch einmal am Schlusse seines Dramas, um die Zukunft seiner Helden dem Publikum sicherzustellen: dies ist die Aufgabe des berüchtigten deus ex machina. Zwischen der epischen Vorschau und Hinausschau liegt die dramatisch-lyrische Gegenwart, das eigentliche »Drama«.
Having thus discerned that Euripides utterly failed to ground drama upon the Apollinian alone, that his non-Dionysian tendency rather strayed into naturalistic inartistry, we may now approach more closely the essence of aesthetic Socratism, whose supreme law roughly states: "Everything must be intelligible to be beautiful"; a parallel to the Socratic dictum "Only the knowing one is virtuous." With this canon as his measure, Euripides assessed every dramatic element - language, characters, dramaturgical structure, choral music - rectifying all according to this rational principle. What we customarily censure in Euripides as poetic deficiency and regression when compared to Sophoclean tragedy is predominantly the product of this intrusive critical process, this reckless intellectualism. Let the Euripidean prologue exemplify the productivity of such rationalist method. Nothing could contradict our modern stagecraft more violently than the prologue in Euripidean drama. That a single figure should announce at the play's outset their identity, preceding events, even future plot developments - this would strike contemporary playwrights as willful surrender of suspense's effect, unforgivably squandering tension. When all is foreknown, who would await its enactment? - especially absent the thrilling relation between prophetic dream and subsequent reality. Euripides reasoned otherwise. Tragedy's effect never resided in epic suspense, in titillating uncertainty about imminent events, but rather in those grand rhetorical-lyric scenes where the protagonist's passion and dialectics swelled into torrential majesty. All prepared for pathos, not action; whatever failed to serve pathos stood condemned. Yet what most obstructs rapt absorption in such scenes is the spectator's missing narrative thread, gaps in the backstory's fabric. While the audience still calculates characters' significances and conflicts' premises, complete immersion in protagonists' agonies - that breathless com-passion and shared dread - remains impossible. The Aeschylean-Sophoclean tragedy employed cunning artistic means to slip necessary exposition threads into the spectator's hand during opening scenes through apparent chance - a hallmark of noble artistry that masks formal necessities as accidents. Still, Euripides fancied he observed spectators restlessly solving expositional equations during these initial scenes, thereby missing poetic beauties and expository pathos. Hence he placed the prologue before the exposition, entrusting it to an authoritative voice: frequently a deity guaranteeing the tragedy's course, dispelling mythic doubts, much as Descartes proved empirical reality through God's veracity. This same divine truthfulness Euripides requires again at drama's close through the notorious deus ex machina, securing the heroes' future. Between epic preview and postview lies the dramatic-lyric present - the true "drama."
So ist Euripides vor allem als Dichter der Widerhall seiner bewußten Erkenntnisse; und gerade dies verleiht ihm eine so denkwürdige Stellung in der Geschichte der griechischen Kunst. Ihm muß im Hinblick auf sein kritisch-produktives schaffen oft zumute gewesen sein, als sollte er den Anfang der Schrift des Anaxagoras für das Drama lebendig machen, deren erste Worte lauten: »im Anfang war alles beisammen: da kam der Verstand und schuf Ordnung«. Und wenn Anaxagoras mit seinem »Nus« unter den Philosophen wie der erste Nüchterne unter lauter Trunkenen erschien, so mag auch Euripides sein Verhältnis zu den anderen Dichtern der Tragödie unter einem ähnlichen Bilde begriffen haben. Solange der einzige Ordner und Walter des Alls, der Nus, noch vom künstlerischen Schaffen ausgeschlossen war, war noch alles in einem chaotischen Urbrei beisammen; so mußte Euripides urteilen, so mußte er die »trunkenen« Dichter als der erste »Nüchterne« verurteilen. Das, was Sophokles von Äschylus gesagt hat, er tue das Rechte, obschon unbewußt, war gewiß nicht im Sinne des Euripides gesagt: der nur soviel hätte gelten lassen, daß Äschylus, weil er unbewußt schaffe, das Unrechte schaffe. Auch der göttliche Plato redet vom schöpferischen Vermögen des Dichters, insofern dies nicht die bewußte Einsicht ist, zu allermeist nur ironisch und stellt es der Begabung des Wahrsagers und Traumdeuters gleich; sei doch der Dichter nicht eher fähig zu dichten, als bis er bewußtlos geworden sei, und kein Verstand mehr in ihm wohne. Euripides unternahm es, wie es auch Plato unternommen hat, das Gegenstück des »unverständigen« Dichters der Welt zu zeigen, sein ästhetischer Grundsatz »alles muß bewußt sein, um schön zu sein«, ist, wie ich sagte, der Parallelsatz zu dem sokratischen »alles muß bewußt sein, um gut zu sein«. Demgemäß darf uns Euripides als der Dichter des ästhetischen Sokratismus gelten. Sokrates aber war jener zweite Zuschauer, der die ältere Tragödie nicht begriff und deshalb nicht achtete; mit ihm im Bunde wagte Euripides, der Herold eines neuen Kunstschaffens zu sein. Wenn an diesem die ältere Tragödie zugrunde ging, so ist also der ästhetische Sokratismus das mörderische Prinzip: insofern aber der Kampf gegen das Dionysische der älteren Kunst gerichtet war, erkennen wir in Sokrates den Gegner des Dionysus, den neuen Orpheus, der sich gegen Dionysus erhebt und, obschon bestimmt, von den Mänaden des athenischen Gerichtshofes zerrissen zu werden, doch den übermächtigen Gott selbst zur Flucht nötigt: welcher, wie damals, als er vor dem Edonerkönig Lykurg floh, sich in die Tiefen des Meeres rettete, nämlich in die mystischen Fluten eines die ganze Welt allmählich überziehenden Geheimkultus.
Thus Euripides stands foremost as the poet of conscious knowledge's reverberations - a position granting him monumental significance in Greek art's history. In his critical-productive labor, he likely often felt tasked with animating Anaxagoras' cosmological treatise for drama, whose opening declares: "In the beginning all was chaos; then came Mind and imposed order." As Anaxagoras' "Nous" appeared among philosophers like the first sober man amidst drunkards, so Euripides may have conceived his relation to other tragedians. While artistic creation excluded the Nous - that sole cosmic arranger - all remained primordial chaos; thus Euripides judged, thus condemned "drunken" poets as the first "sober" critic. Sophocles' praise of Aeschylus - that he did right unconsciously - certainly found no favor with Euripides, who would retort that unconscious creation breeds error. Even Plato speaks ironically of poets' creative power (insofar as it lacks conscious insight), comparing it to soothsayers' trances; for poets cannot versify until reason deserts them. Euripides undertook, as Plato later would, to exhibit the antithesis of the "irrational" poet; his aesthetic axiom "All must be conscious to be beautiful" parallels Socrates' "All must be conscious to be good." Hence Euripides may be deemed the poet of aesthetic Socratism. Socrates himself was that second spectator who neither comprehended nor respected older tragedy; allied with him, Euripides dared herald new artistry. If older tragedy perished thereby, aesthetic Socratism stands as the murderous principle. But insofar as this struggle opposed the Dionysian in ancient art, we recognize Socrates as Dionysus' antagonist - the new Orpheus who rebels against Dionysus and, though fated to be torn asunder by the Maenads of Athenian jurisprudence, compels the overpowering god to flee. As when Dionysus fled King Lycurgus of Edonia, he now plunged into ocean depths - into the mystical tides of a secret cult gradually submerging the world.
13
13
Daß Sokrates eine enge Beziehung der Tendenz zu Euripides habe, entging dem gleichzeitigen Altertume nicht; und der beredteste Ausdruck für diesen glücklichen Spürsinn ist jene in Athen umlaufende sage, Sokrates pflege dem Euripides im Dichten zu helfen. Beide Namen wurden von den Anhängern der »guten alten Zeit« in einem Atem genannt, wenn es galt, die Volksverführer der Gegenwart aufzuzählen: von deren Einflusse es herrühre, daß die alte marathonische vierschrötige Tüchtigkeit an Leib und Seele immer mehr einer zweifelhaften Aufklärung, bei fortschreitender Verkümmerung der leiblichen und seelischen Kräfte, zum Opfer falle. In dieser Tonart, halb mit Entrüstung, halb mit Verachtung, pflegt die aristophanische Komödie von jenen Männern zu reden, zum Schrecken der Neueren, welche zwar Euripides gerne preisgeben, aber sich nicht genug darüber wundern können, daß Sokrates als der erste und oberste Sophist, als der Spiegel und Inbegriff aller sophistischen Bestrebungen bei Aristophanes erscheine: wobei es einzig einen Trost gewährt, den Aristophanes selbst als einen liederlich lügenhaften Alcibiades der Poesie an den Pranger zu Stellen. Ohne an dieser Stelle die tiefen Instinkte des Aristophanes gegen solche Angriffe in Schutz zu nehmen, fahre ich fort, die enge Zusammengehörigkeit des Sokrates und des Euripides aus der antiken Empfindung heraus zu erweisen; in welchem Sinne namentlich daran zu erinnern ist, daß Sokrates als Gegner der tragischen Kunst sich des Besuchs der Tragödie enthielt und nur, wenn ein neues Stück des Euripides aufgeführt wurde, sich unter den Zuschauern einstellte. Am berühmtesten ist aber die nahe Zusammenstellung beider Namen in dem delphischen Orakelspruche, welcher Sokrates als den Weisesten unter den Menschen bezeichnete, zugleich aber das Urteil abgab, daß dem Euripides der zweite Preis im Wettkampfe der Weisheit gebühre.
That Socrates stood in close ideological kinship with Euripides did not escape the notice of their contemporaries. The most eloquent testimony to this perspicacious intuition lies in the Athenian rumor that Socrates customarily assisted Euripides in his poetic compositions. Both names were invoked in the same breath by adherents of the "good old days" when enumerating the demagogues corrupting the present age - men whose influence allegedly caused the stalwart marathonian vigor of body and soul to be increasingly sacrificed to dubious enlightenment amid the progressive atrophy of physical and spiritual powers. It is in this key - half indignant, half contemptuous - that Aristophanic comedy speaks of these men, much to the horror of modern scholars who gladly abandon Euripides to criticism yet marvel that Socrates should appear in Aristophanes as the prime Sophist, the mirror and epitome of all sophistic tendencies. Their sole consolation lies in pillorying Aristophanes himself as a mendacious Alcibiades of poetry. Without here defending Aristophanes' profound instincts against such attacks, I shall continue demonstrating the intimate connection between Socrates and Euripides through classical testimony. Particularly noteworthy in this context is the Delphic oracle that proclaimed Socrates the wisest of men while awarding Euripides second prize in the contest of wisdom.
Als der dritte in dieser Stufenleiter war Sophokles genannt; er, der sich gegen Äschylus rühmen durfte, er tue das Rechte, und zwar, weil er wisse, was das Rechte sei. Offenbar ist gerade der Grad der Helligkeit dieses Wissens dasjenige, was jene drei Männer gemeinsam als die drei »Wissenden« ihrer Zeit auszeichnet.
Sophocles was named third in this hierarchy - he who could boast against Aeschylus that he did what was right because he knew what was right. Evidently, it was precisely the degree of clarity in this knowing that distinguished these three men as the "knowers" par excellence of their epoch.
Das schärfste Wort aber für jene neue und unerhörte Hochschätzung des Wissens und der Einsicht sprach Sokrates, als er sich als den Einzigen vorfand, der sich eingestehe, nichts zu wissen; während er, auf seiner kritischen Wanderung durch Athen, bei den größten Staatsmännern, Rednern, Dichtern und Künstlern vorsprechend, überall die Einbildung des Wissens antraf. Mit Staunen erkannte er, daß alle jene Berühmtheiten selbst über ihren Beruf ohne richtige und sichere Einsicht seien und denselben nur aus Instinkt trieben. »Nur aus Instinkt«: mit diesem Ausdruck berühren wir Herz und Mittelpunkt der sokratischen Tendenz. Mit ihm verurteilt der Sokratismus ebenso die bestehende Kunst wie die bestehende Ethik: wohin er seine prüfenden Blicke richtet, sieht er den Mangel der Einsicht und die Macht des Wahns und schließt aus diesem Mangel auf die innerliche Verkehrtheit und Verwerflichkeit des Vorhandenen. Von diesem einen Punkte aus glaubte Sokrates das Dasein korrigieren zu müssen: er, der Einzelne, tritt mit der Miene der Nichtachtung und der Überlegenheit, als der Vorläufer einer ganz anders gearteten Kultur, Kunst und Moral, in eine Welt hinein, deren Zipfel mit Ehrfurcht zu erhaschen wir uns zum größten Glücke rechnen würden.
The most radical formulation of this unprecedented overvaluation of knowledge and insight came from Socrates himself when he professed to be the sole individual conscious of knowing nothing. During his critical perambulations through Athens, conversing with statesmen, orators, poets and artists, he everywhere encountered the delusion of knowledge. To his astonishment, he found that all these eminent figures lacked proper understanding of their own vocations, practicing them merely through instinct. "Merely through instinct" - with this phrase we touch the very heart of the Socratic tendency. Through this lens, Socratism condemned existing art and ethics alike. Wherever his probing gaze fell, he perceived a deficit of insight and a preponderance of delusion, deducing from this lack the intrinsic perversity and reprehensibility of all that existed. From this single vantage point, Socrates believed it necessary to rectify existence. He, the solitary individual, strode into the world wearing the countenance of disdain and superiority - a herald of an entirely different culture, art and morality - entering a realm whose mere fringes we would count it our greatest fortune to grasp with reverence.
Dies ist die ungeheure Bedenklichkeit, die uns jedesmal, angesichts des Sokrates, ergreift und die uns immer und immer wieder anreizt, Sinn und Absicht dieser fragwürdigsten Erscheinung des Altertums zu erkennen. Wer ist das, der es wagen darf, als ein Einzelner das griechische Wesen zu verneinen, das als Homer, Pindar und Äschylus, als Phidias, als Perikles, als Pythia und Dionysus, als der tiefste Abgrund und die höchste Höhe unserer staunenden Anbetung gewiß ist? Welche dämonische Kraft ist es, die diesen Zaubertrank in den Staub zu schütten sich erkühnen darf? Welcher Halbgott ist es, dem der Geisterchor der Edelsten der Menschheit zurufen muß: »Weh! Weh! Du hast sie zerstört, die schöne Welt, mit mächtiger Faust; sie stürzt, sie zerfällt!«
This is the tremendous anxiety that seizes us whenever we confront Socrates - an anxiety that perpetually provokes us to discern the meaning and intent of antiquity's most questionable phenomenon. Who is this who dares, as a single individual, to negate the Hellenic essence - that essence embodied in Homer, Pindar and Aeschylus, in Phidias, Pericles, Pythia and Dionysus, which we venerate as the profoundest abyss and loftiest peak of our wonder? What daemonic power could presume to spill this magic potion into the dust? What demigod is this before whom the chorus of humanity's noblest spirits must cry: "Alas! Alas! Thou hast destroyed it, the beautiful world, with mighty fist! It totters, it crumbles!"
Einen Schlüssel zu dem Wesen des Sokrates bietet uns jene wunderbare Erscheinung, die als »Dämonion des Sokrates« bezeichnet wird. In besonderen Lagen, in denen sein ungeheurer Verstand ins Schwanken geriet, gewann er einen festen Anhalt durch eine in solchen Momenten sich äußernde göttliche Stimme. Diese Stimme mahnt, wenn sie kommt, immer ab. Die instinktive Weisheit zeigt sich bei dieser gänzlich abnormen Natur nur, um dem bewußten Erkennen hier und da hindernd entgegenzutreten. Während doch bei allen produktiven Menschen der Instinkt gerade die schöpferisch-affirmative Kraft ist, und das Bewußtsein kritisch und abmahnend sich gebärdet: wird bei Sokrates der Instinkt zum Kritiker, das Bewußtsein zum Schöpfer - eine wahre Monstrosität per defectum! Und zwar nehmen wir hier einen monströsen defectus jeder mystischen Anlage wahr, so daß Sokrates als der spezifische Nicht-Mystiker zu bezeichnen wäre, in dem die logische Natur durch eine Superfötation ebenso exzessiv entwickelt ist wie im Mystiker jene instinktive Weisheit. Andrerseits aber war es jenem in Sokrates erscheinenden logischen Triebe völlig versagt, sich gegen sich selbst zu kehren; in diesem fessellosen Dahinströmen zeigt er eine Naturgewalt, wie wir sie nur bei den allergrößten instinktiven Kräften zu unsrer schaudervollen Überraschung antreffen. Wer nur einen Hauch von jener göttlichen Naivität und Sicherheit der sokratischen Lebensrichtung aus den platonischen Schriften gespürt hat, der fühlt auch, wie das ungeheure Triebrad des logischen Sokratismus gleichsam hinter Sokrates in Bewegung ist, und wie dies durch Sokrates wie durch einen Schatten hindurch angeschaut werden muß. Daß er aber selbst von diesem Verhältnis eine Ahnung hatte, das drückt sich in dem würdevollen Ernste aus, mit dem er seine göttliche Berufung überall und noch vor seinen Richtern geltend machte. Ihn darin zu widerlegen war im Grunde ebenso unmöglich als seinen die Instinkte auflösenden Einfluß gutzuheißen. Bei diesem unlösbaren Konflikte war, als er einmal vor das Forum des griechischen Staates gezogen war, nur eine einzige Form der Verurteilung geboten, die Verbannung; als etwas durchaus Rätselhaftes, Unrubrizierbares, Unaufklärbares hätte man ihn über die Grenze weisen dürfen, ohne laß irgendeine Nachwelt im Recht gewesen wäre, die Athener einer schmählichen Tat zu zeihen. Daß aber der Tod und nicht nur die Verbannung über ihn ausgesprochen wurde, das scheint Sokrates selbst, mit völliger Klarheit und ohne den natürlichen Schauder vor dem Tode, durchgesetzt zu haben: er ging in den Tod, mit jener Ruhe, mit der er nach Platos Schilderung als der letzte der Zecher im frühen Tagesgrauen das Symposion verläßt, um einen neuen Tag zu beginnen; indes hinter ihm, auf den Bänken und auf der Erde, die verschlafenen Tischgenossen zurückbleiben, um von Sokrates, dem wahrhaften Erotiker, zu träumen. Der sterbende Sokrates wurde das neue, noch nie sonst geschaute Ideal der edlen griechischen Jugend: vor allen hat sich der typische hellenische Jüngling, Plato, mit aller inbrünstigen Hingebung seiner Schwärmerseele vor diesem Bilde niedergeworfen.
The key to understanding Socrates' nature lies in that wondrous phenomenon designated as the "daemonion of Socrates." In moments when his colossal intellect faltered, he secured stability through a divine voice manifesting itself on such occasions. This voice, whenever it came, always counseled restraint. The instinctive wisdom within this utterly abnormal nature reveals itself solely to obstruct conscious cognition intermittently. Whereas among all productive individuals, instinct constitutes the creative-affirmative force while consciousness assumes a critical and admonishing role, in Socrates instinct becomes the critic and consciousness the creator — a true monstrosity by defect! Here we perceive a monstrous deficiency of all mystical disposition, such that Socrates should be termed the specific non-mystic, in whom logical nature was developed through superfetation as excessively as instinctive wisdom in the mystic. Conversely, the logical drive manifesting in Socrates remained utterly incapable of turning against itself; in this unrestrained torrent, it exhibits a natural force we encounter only in the greatest instinctive powers to our awestruck amazement. Whoever has sensed even a breath of that divine naiveté and certainty in the Socratic life-direction from Plato's writings also feels how the gigantic driving wheel of logical Socratism moves behind Socrates, as it were, and how this must be observed through Socrates as through a shadow. That he himself harbored an intimation of this relation is expressed in the solemn earnestness with which he everywhere asserted his divine vocation, even before his judges. To refute him in this was fundamentally as impossible as to approve his influence dissolving the instincts. Faced with this insoluble conflict when summoned before the tribunal of the Greek state, only one verdict was appropriate — exile: as something utterly enigmatic, unclassifiable, and inexplicable, they should have expelled him beyond the frontier, so that no posterity could justly reproach the Athenians for an ignoble deed. That death rather than mere exile was decreed, Socrates himself appears to have compelled with perfect clarity and without natural dread of death. He approached death with the serenity Plato depicts as he departs the Symposium at early dawn as the last reveler to begin a new day, while behind him on benches and floor remain his sleeping table companions, left to dream of Socrates — the true eroticist. The dying Socrates became the new, hitherto unseen ideal for noble Greek youth: above all others, Plato — the archetypal Hellenic youth — prostrated himself before this image with all the fervent devotion of his rapturous soul.
14
14
Denken wir uns jetzt das eine große Zyklopenauge des Sokrates auf die Tragödie gewandt, jenes Auge, in dem nie der holde Wahnsinn künstlerischer Begeisterung geglüht hat - denken wir uns, wie es jenem Auge versagt war, in die dionysischen Abgründe mit Wohlgefallen zu schauen - was eigentlich mußte es in der »erhabenen und hochgepriesenen« tragischen Kunst, wie sie Plato nennt, erblicken? Etwas recht Unvernünftiges, mit Ursachen, die ohne Wirkungen, und mit Wirkungen, die ohne Ursachen zu sein schienen; dazu das ganze so bunt und mannigfaltig, daß es einer besonnenen Gemütsart widerstreben müsse, für reizbare und empfindliche Seelen aber ein gefährlicher Zunder sei. Wir wissen, welche einzige Gattung der Dichtkunst von ihm begriffen wurde, die äsopische Fabel: und dies geschah gewiß mit jener lächelnden Anbequemung, mit welcher der ehrliche gute Gellert in der Fabel von der Biene und der Henne das Lob der Poesie singt:
Let us imagine that great Cyclopean eye of Socrates turned upon tragedy — an eye in which never glowed the sweet madness of artistic inspiration — imagine how it was denied that eye to gaze with pleasure into the Dionysian abysses. What must it have discerned in that "sublime and much-lauded" tragic art, as Plato calls it? Something utterly unreasonable — with causes lacking effects and effects lacking causes, the whole so motley and multifarious that it must repel sober temperaments while becoming dangerous tinder for sensitive souls. We know the sole poetic genre comprehensible to him was the Aesopian fable, and this was surely accomplished with that smiling condescension in which the honest worthy Gellert extols poetry's purpose through the fable of the bee and the hen:
»Du siehst an mir, wozu sie nützt,
"You see in me to what end she’s inclined,
Dem, der nicht viel Verstand besitzt,
For those with little wit designed,
Die Wahrheit durch ein Bild zu sagen.«
To speak the truth through images’ veil."
Nun aber schien Sokrates die tragische Kunst nicht einmal »die Wahrheit zu sagen«: abgesehen davon, daß sie sich an den wendet, der »nicht viel Verstand besitzt«, also nicht an den Philosophen: ein zweifacher Grund, von ihr fernzubleiben. Wie Plato, rechnete er sie zu den schmeichlerischen Künsten, die nur das Angenehme, nicht das Nützliche darstellen, und verlangte deshalb bei seinen Jüngern Enthaltsamkeit und strenge Absonderung von solchen unphilosophischen Reizungen; mit solchem Erfolge, daß der jugendliche Tragödiendichter Plato zuallererst seine Dichtungen verbrannte, um Schüler des Sokrates werden zu können. Wo aber unbesiegbare Anlagen gegen die sokratischen Maximen ankämpften, war die Kraft derselben, samt der Wucht jenes ungeheuren Charakters, immer noch groß genug, um die Poesie selbst in neue und bis dahin unbekannte Stellungen zu drängen.
Yet to Socrates, tragic art seemed not even "to speak the truth" — aside from addressing those "with little wit," hence not philosophers. This dual rationale sufficed for avoidance. Like Plato, he numbered it among the flattering arts portraying only the agreeable, not the useful, and thus demanded his disciples practice abstinence and strict segregation from such unphilosophical allurements — with such success that the young tragedian Plato first burned his poems to become Socrates' disciple. Where unconquerable talents resisted Socratic maxims, their power — augmented by the colossal force of that personality — remained mighty enough to compel poetry itself into novel and hitherto unknown positions.
Ein Beispiel dafür ist der eben genannte Plato: er, der in der Verurteilung der Tragödie und der Kunst überhaupt gewiß nicht hinter dem naiven Zynismus seines Meisters zurückgeblieben ist, hat doch aus voller künstlerischer Notwendigkeit eine Kunstform schaffen müssen, die gerade mit den vorhandenen und von ihm abgewiesenen Kunstformen innerlich verwandt ist. Der Hauptvorwurf, den Plato der älteren Kunst zu machen hatte - daß sie Nachahmung eines Scheinbildes sei, also noch einer niedrigeren Sphäre, als die empirische Welt ist, angehöre -, durfte vor allem nicht gegen das neue Kunstwerk gerichtet werden: und so sehen wir denn Plato bestrebt, über die Wirklichkeit hinauszugehn und die jener Pseudo-Wirklichkeit zugrunde liegende Idee darzustellen. Damit aber war der Denker Plato auf einem Umwege ebendahin gelangt, wo er als Dichter stets heimisch gewesen war, und von wo aus Sophokles und die ganze ältere Kunst feierlich gegen jenen Vorwurf protestierten. Wenn die Tragödie alle früheren Kunstgattungen in sich aufgesaugt hatte, so darf dasselbe wiederum in einem exzentrischen Sinne vom platonischen Dialoge gelten, der, durch Mischung aller vorhandenen Stile und Formen erzeugt, zwischen Erzählung, Lyrik, Drama, zwischen Prosa und Poesie in der Mitte schwebt und damit auch das strenge ältere Gesetz der einheitlichen sprachlichen Form durchbrochen hat; auf welchem Wege die zynischen Schriftsteller noch weiter gegangen sind, die in der größten Buntscheckigkeit des Stils, im Hin- und Herschwanken zwischen prosaischen und metrischen Formen, auch das literarische Bild des »rasenden Sokrates«, den sie im Leben darzustellen pflegten, erreicht haben. Der platonische Dialog war gleichsam der Kahn, auf dem sich die schiffbrüchige ältere Poesie samt allen ihren Kindern rettete: auf einem engen Raum zusammengedrängt und dem einen Steuermann Sokrates ängstlich untertänig, fuhren sie jetzt in eine neue Welt hinein, die an dem phantastischen Bilde dieses Aufzugs sich nie satt sehen konnte. Wirklich hat für die ganze Nachwelt Plato das Vorbild einer neuen Kunstform gegeben, das Vorbild des Romans: der als die unendlich gesteigerte äsopische Fabel zu bezeichnen ist, in der die Poesie in einer ähnlichen Rangordnung zur dialektischen Philosophie lebt, wie viele Jahrhunderte hindurch dieselbe Philosophie zur Theologie: nämlich als ancilla. Dies war die neue Stellung der Poesie, in die sie Plato unter dem Drucke des dämonischen Sokrates drängte.
An example of this is the aforementioned Plato: he who in condemning tragedy and art in general certainly did not lag behind the naive cynicism of his master, was nevertheless compelled by full artistic necessity to create an art form that was intrinsically akin to the existing art forms he had rejected. The principal objection Plato made to older art - that it was an imitation of a phantom image, thus belonging to an even lower sphere than the empirical world - could not above all be directed against this new artwork: and so we see Plato striving to transcend reality and to represent the Idea underlying that pseudo-reality. Thereby, however, the thinker Plato arrived by a detour at the very point where the poet Plato had always been at home, and from which Sophocles and all the older art had solemnly protested against that objection. If tragedy had absorbed all earlier art forms into itself, the same may be said in an eccentric sense of the Platonic dialogue, which, produced through the mixture of all extant styles and forms, hovers midway between narrative, lyric, drama, between prose and poetry, thereby breaking the strict older law of unified linguistic form. The Cynic writers carried this further still, achieving through the greatest variegation of style, oscillating between prosaic and metrical forms, the literary image of the "raving Socrates" they were accustomed to portray in life. The Platonic dialogue was as it were the lifeboat upon which the shipwrecked older poetry saved itself along with all its children: crowded into a narrow space and tremblingly submissive to the single helmsman Socrates, they now sailed into a new world whose fantastical spectacle they could never tire of beholding. Truly, Plato gave to all posterity the prototype of a new art form, the prototype of the novel: which may be designated as the infinitely enhanced Aesopian fable, wherein poetry lives in a similar hierarchical relation to dialectical philosophy as that same philosophy maintained for many centuries toward theology: namely as ancilla. This was the new position of poetry into which Plato forced it under the pressure of the daemonic Socrates.
Hier überwächst der philosophische Gedanke die Kunst und zwingt sie zu einem engen Sich-Anklammern an den Stamm der Dialektik. In dem logischen Schematismus hat sich die apollinische Tendenz verpuppt: wie wir bei Euripides etwas Entsprechendes und außerdem eine Übersetzung des Dionysischen in den naturalistischen Affekt wahrzunehmen hatten. Sokrates, der dialektische Held im platonischen Drama, erinnert uns an die verwandte Natur des euripideischen Helden, der durch Grund und Gegengrund seine Handlungen verteidigen muß und dadurch so oft in Gefahr gerät, unser tragisches Mitleiden einzubüßen: denn wer vermöchte das optimistische Element im Wesen der Dialektik zu verkennen, das in jedem Schlusse sein Jubelfest feiert und allein in kühler Helle und Bewußtheit atmen kann: das optimistische Element, das, einmal in die Tragödie eingedrungen, ihre dionysischen Regionen allmählich überwuchern und sie notwendig zur Selbstvernichtung treiben muß - bis zum Todessprunge ins bürgerliche Schauspiel. Man vergegenwärtige sich nur die Konsequenzen der sokratischen Sätze: »Tügend ist Wissen; es wird nur gesündigt aus Unwissenheit; der Tugendhafte ist der Glückliche«; in diesen drei Grundformen des Optimismus liegt der Tod der Tragödie. Denn jetzt muß der tugendhafte Held Dialektiker sein, jetzt muß zwischen Tugend und Wissen, Glaube und Moral ein notwendiger sichtbarer Verband sein, jetzt ist die transzendentale Gerechtigkeitslösung des Äschylus zu dem flachen und frechen Prinzip der »poetischen Gerechtigkeit« mit seinem üblichen deux ex machina erniedrigt.
Here philosophical thought overshadows art and compels it to cling tightly to the trunk of dialectic. The Apollinian tendency has encased itself in the logical schematism: just as we observed something analogous in Euripides, along with a translation of the Dionysian into naturalistic affect. Socrates, the dialectical hero in the Platonic drama, reminds us of the related nature of the Euripidean hero, who must justify his actions through reasons and counter-reasons, thereby often risking the loss of our tragic pity. For who could fail to recognize the optimistic element inherent in the essence of dialectic, which celebrates its jubilee in every conclusion and can breathe only in cool lucidity and consciousness: that optimistic element which, having once penetrated tragedy, must gradually overgrow its Dionysian regions and necessarily drive it toward self-annihilation - even to the death-leap into bourgeois drama. Let us but consider the consequences of the Socratic propositions: "Virtue is knowledge; sin is committed only through ignorance; the virtuous man is the happy man." In these three fundamental forms of optimism lies the death of tragedy. For now the virtuous hero must be a dialectician; now there must be a necessary visible bond between virtue and knowledge, faith and morality; now the transcendental justice solution of Aeschylus is degraded to the shallow and insolent principle of "poetic justice" with its customary deus ex machina.
Wie erscheint dieser neuen sokratisch-optimistischen Bühnenwelt gegenüber jetzt der Chor und überhaupt der ganze musikalisch-dionysische Untergrund der Tragödie? Als etwas Zufälliges, als eine auch wohl zu missende Reminiszenz an den Ursprung der Tragödie; während wir doch eingesehen haben, daß der Chor nur als Ursache der Tragödie und des Tragischen überhaupt verstanden werden kann. Schon bei Sophokles zeigt sich jene Verlegenheit in betreff des Chors - ein wichtiges Zeichen, daß schon bei ihm der dionysische Boden der Tragödie zu zerbröckeln beginnt. Er wagt es nicht mehr, dem Chor den Hauptanteil der Wirkung anzuvertrauen, sondern schränkt sein Bereich dermaßen ein, daß er jetzt fast den Schauspielern koordiniert erscheint, gleich als ob er aus der Orchestra in die Szene hineingehoben würde: womit freilich sein Wesen völlig zerstört ist, mag auch Aristoteles gerade dieser Auffassung des Chors seine Beistimmung geben. Jene Verrückung der Chorposition, welche Sophokles jedenfalls durch seine Praxis und, der Überlieferung nach, sogar durch eine Schrift an, empfohlen hat, ist der erste Schritt zur Vernichtung des Chors, deren Phasen in Euripides, Agathon und der neueren Komödie mit er, schreckender Schnelligkeit aufeinanderfolgen. Die optimistische Dialektik treibt mit der Geißel ihrer Syllogismen die Musik aus der Tragödie: d.h. sie zerstört das Wesen der Tragödie, welches sich einzig als eine Manifestation und Verbildlichung dionysischer Zustände, als sichtbare Symbolisierung der Musik, als die Traumwelt eines dionysischen Rausches interpretieren läßt.
How does the chorus and indeed the entire musical-Dionysian substratum of tragedy appear in contrast to this new Socratic-optimistic stage-world? As something accidental, a readily dispensable remnant of tragedy's origin. Yet we have recognized that the chorus can be understood only as the cause of tragedy and of the tragic itself. Already in Sophocles we perceive that embarrassment regarding the chorus - an important sign that the Dionysian soil of tragedy is beginning to crumble. He no longer dares entrust the chorus with the main share of the effect, but confines its sphere so severely that it now appears almost coequal with the actors, as if it had been lifted from the orchestra onto the stage. Thereby its essence is utterly destroyed, even though Aristotle endorses this very conception of the chorus. That displacement of the chorus' position which Sophocles at any rate recommended through his practice and, according to tradition, even through a treatise, marks the first step toward the chorus' annihilation, whose phases follow one another with frightful rapidity in Euripides, Agathon, and the New Comedy. Optimistic dialectic drives music out of tragedy with the scourge of its syllogisms: that is, it destroys the essence of tragedy, which can be interpreted solely as a manifestation and visualization of Dionysian states, as visible symbolization of music, as the dream-world of Dionysian ecstasy.
Haben wir also sogar eine schon vor Sokrates wirkende antidionysische Tendenz anzunehmen, die nur in ihm einen unerhört großartigen Ausdruck gewinnt: so müssen wir nicht vor der Frage zurückschrecken, wohin denn eine solche Erscheinung wie die des Sokrates deute: die wir doch nicht imstande sind, angesichts der platonischen Dialoge, als eine nur auflösende negative Macht zu begreifen. Und so gewiß die allernächste Wirkung des sokratischen Triebes auf eine Zersetzung der dionysischen Tragödie ausging, so zwingt uns eine tiefsinnige Lebenserfahrung des Sokrates selbst zu der Frage, ob denn zwischen dem Sokratismus und der Kunst notwendig nur ein antipodisches Verhältnis bestehe und ob die Geburt eines »künstlerischen Sokrates« überhaupt etwas in sich Widerspruchsvolles sei.
Are we then compelled to assume an anti-Dionysian tendency already operative before Socrates, one that merely attained unprecedented grandeur of expression through him? We must not shrink from the question: what does such a phenomenon as Socrates signify? Confronting the Platonic dialogues, we cannot dismiss him as merely a dissolving negative force. While the immediate effect of the Socratic impulse manifestly wrought the disintegration of Dionysian tragedy, a profound existential revelation in Socrates himself compels us to ask: must Socratism and art necessarily stand in antipodal relation? Could the birth of an "artistic Socrates" contain an intrinsic contradiction?
Jener despotische Logiker hatte nämlich hier und da der Kunst gegenüber das Gefühl einer Lücke, einer Leere, eines halben Vorwurfs, einer vielleicht versäumten Pflicht. Öfters kam ihm, wie er im Gefängnis seinen Freunden erzählt, ein und dieselbe Traumerscheinung, die immer dasselbe sagte: »Sokrates, treibe Musik!« Er beruhigt sich bis zu seinen letzten Tagen mit der Meinung, sein Philosophieren sei die höchste Musenkunst, und glaubt nicht recht, daß eine Gottheit ihn an jene »gemeine, populäre Musik« erinnern werde. Endlich im Gefängnis versteht er sich, um sein Gewissen gänzlich zu entlasten, auch dazu, jene von ihm gering geachtete Musik zu treiben. Und in dieser Gesinnung dichtet er ein Proömium auf Apollo und bringt einige äsopische Fabeln in Verse. Das war etwas der dämonischen warnenden Stimme Ähnliches, was ihn zu diesen Übungen drängte, es war seine apollinische Einsicht, daß er wie ein Barbarenkönig ein edles Götterbild nicht verstehe und in der Gefahr sei, sich an seiner Gottheit zu versündigen - durch sein Nichtverstehn. Jenes Wort der sokratischen Traumerscheinung ist das einzige Zeichen einer Bedenklichkeit über die Grenzen der logischen Natur: vielleicht - so mußte er sich fragen -ist das mir Nichtverständliche doch nicht auch sofort das Unverständige? Vielleicht gibt es ein Reich der Weisheit, aus dem der Logiker verbannt ist? Vielleicht ist die Kunst sogar ein notwendiges Korrelativum und Supplement der Wissenschaft?
For that despotic logician occasionally felt an artistic lacuna—a void, a half-accusation, perhaps a neglected duty. As he recounted to friends in prison, a recurrent dream-apparition visited him, ever repeating: "Socrates, practice music!" Until his final hours, he consoled himself with the belief that his philosophizing constituted the supreme Muse-art, scarcely crediting the deity's reminder of "common, popular music." Only in prison did he finally comply to unburden his conscience, composing a hymn to Apollo and versifying Aesop's fables. Here pulsed something akin to his daemonic warning voice—an Apollinian insight that he, like a barbarian king, failed to comprehend a noble divine image, risking sacrilege through incomprehension. That dream-word of Socrates remains the sole intimation of doubt regarding logical nature's limits: Might the incomprehensible not ipso facto be the nonsensical? Could there exist a realm of wisdom from which the logician is exiled? Might art even constitute a necessary correlative and supplement to science?
15
15
Im Sinne dieser letzten ahnungsvollen Fragen muß nun ausgesprochen werden, wie der Einfluß des Sokrates, bis auf diesen Moment hin, ja in alle Zukunft hinaus, sich, gleich einem in der Abendsonne immer größer werdenden Schatten, über die Nachwelt hin ausgebreitet hat, wie derselbe zur Neuschaffung der Kunst - und zwar der Kunst im bereits metaphysischen, weitesten und tiefsten Sinne - immer wieder nötigt und, bei seiner eignen Unendlichkeit, auch deren Unendlichkeit verbürgt.
In the spirit of these portentous questions, we must declare how the Socratic influence—spreading over posterity like a shadow lengthening in the evening sun—perpetually compels art's re-creation in its most metaphysical, expansive, and profound sense. Its own infinitude vouches for art's eternal renewal.
Bevor dies erkannt werden konnte, bevor die innerste Abhängigkeit jeder Kunst von den Griechen, den Griechen von Homer bis auf Sokrates, überzeugend dargetan war, mußte es uns mit diesen Griechen ergehen wie den Athenern mit Sokrates. Fast jede Zeit und Bildungsstufe hat einmal sich mit tiefem Mißmute von den Griechen zu befreien gesucht, weil angesichts derselben alles Selbstgeleistete, scheinbar völlig Originelle und recht aufrichtig Bewunderte plötzlich Farbe und Leben zu verlieren schien und zur mißlungenen Kopie, ja zur Karikatur zusammenschrumpfte. Und so bricht immer von neuem einmal der herzliche Ingrimm gegen jenes anmaßliche Völkchen hervor, das sich erkühnte, alles Nichteinheimische für alle Zeiten als »barbarisch« zu bezeichnen: wer sind jene, fragt man sich, die, obschon sie nur einen ephemeren historischen Glanz, nur lächerlich engbegrenzte Institutionen, nur eine zweifelhafte Tüchtigkeit der Sitte aufzuweisen haben und sogar mit häßlichen Lastern gekennzeichnet sind, doch die Würde und Sonderstellung unter den Völkern in Anspruch nehmen, die dem Genius unter der Masse zukommt? Leider war man nicht so glücklich, den Schierlingsbecher zu finden, mit dem ein solches Wesen einfach abgetan werden konnte: denn alles Gift, das Neid, Verleumdung und Ingrimm in sich erzeugten, reichte nicht hin, jene selbstgenugsame Herrlichkeit zu vernichten. Und so schämt und fürchtet man sich vor den Griechen; es sei denn, daß einer die Wahrheit über alles achte und so sich auch diese Wahrheit einzugestehen wage, daß die Griechen unsere und jegliche Kultur als Wagenlenker in den Händen haben, daß aber fast immer Wagen und Pferde von zu geringem Stoffe und der Glorie ihrer Führer unangemessen sind, die dann es für einen Scherz erachten, ein solches Gespann in den Abgrund zu jagen: über den sie selbst, mit dem Sprunge des Achilles, hinwegsetzen.
Before recognizing this truth—before demonstrating art's innermost dependence on the Greeks from Homer to Socrates—we stood toward these Greeks as the Athenians toward Socrates. Nearly every epoch and cultural stage has sought liberation from the Greeks through profound vexation, seeing all self-wrought achievements, seemingly original and sincerely admired, lose color and vitality before them, shriveling into botched copies or caricatures. Repeatedly bursts forth heartfelt indignation against that presumptuous folk who dared eternalize all non-native things as "barbaric." Who are they, we ask, who—despite ephemeral historical radiance, laughably circumscribed institutions, dubious moral prowess, and repulsive vices—presume genius's privileged rank among nations? Alas, we find no hemlock cup to dispatch such presumption; all poisons brewed from envy, slander, and spleen prove insufficient to annihilate that self-sufficient glory. Thus we feel shame and dread before the Greeks—unless one values truth above all and dares confess: the Greeks hold the reins as charioteers of our and every culture, though chariot and steeds usually prove too base for their drivers' splendor. These drivers deem it sport to plunge such teams into the abyss—over which they themselves leap with Achilles' vault.
Um die Würde einer solchen Führerstellung auch für Sokrates zu erweisen, genügt es, in ihm den Typus einer vor ihm unerhörten Daseinsform zu erkennen, den Typus des theoretischen Menschen, über dessen Bedeutung und Ziel zur Einsicht zu kommen, unsere nächste Aufgabe ist. Auch der theoretische Mensch hat ein unendliches Vergnügen am Vorhandenen, wie der Künstler, und ist wie jener vor der praktischen Ethik des Pessimismus und vor seinen nur im Finsteren leuchtenden Lynkeusaugen durch jenes Genügen geschützt. Wenn nämlich der Künstler bei jeder Enthüllung der Wahrheit immer nur mit verzückten Blicken an dem hängen bleibt, was auch jetzt, nach der Enthüllung, noch Hülle bleibt, genießt und befriedigt sich der theoretische Mensch an der abgeworfenen Hülle und hat sein höchstes Lustziel in dem Prozeß einer immer glücklichen, durch eigene Kraft gelingenden Enthüllung. Es gäbe keine Wissenschaft, wenn ihr nur um jene eine nackte Göttin und um nichts anderes zu tun wäre. Denn dann müßte es ihren Jüngern zumute sein, wie solchen, die ein Loch gerade durch die Erde graben wollten: von denen ein jeder einsieht, daß er, bei größter und lebenslänglicher Anstrengung, nur ein ganz kleines Stück der ungeheuren Tiefe zu durchgraben imstande sei, welches vor seinen Augen durch die Arbeit des nächsten wieder überschüttet wird, so daß ein dritter wohl daran zu tun scheint, wenn er auf eigne Faust eine neue Stelle für seine Bohrversuche wählt. Wenn jetzt nun einer zur Überzeugung beweist, daß auf diesem direkten Wege das Antipodenziel nicht zu erreichen sei, wer wird noch in den alten Tiefen weiterarbeiten wollen, es sei denn, daß er sich nicht inzwischen genügen lasse, edles Gestein zu finden oder Naturgesetze zu entdecken. Darum hat Lessing, der ehrlichste theoretische Mensch, es auszusprechen gewagt, daß ihm mehr am suchen der Wahrheit als an ihr selbst gelegen sei: womit das Grundgeheimnis der Wissenschaft, zum Erstaunen, ja Ärger der Wissenschaftlichen, aufgedeckt worden ist. Nun steht freilich neben dieser vereinzelten Erkenntnis, als einem Exzeß der Ehrlichkeit, wenn nicht des Übermutes, eine tiefsinnige Wahnvorstellung, welche zuerst in der Person des Sokrates zur Welt kam, - jener unerschütterliche Glaube, daß das Denken, an dem Leitfaden der Kausalität, bis in die tiefsten Abgründe des Seins reiche, und daß das Denken das Sein nicht nur zu erkennen, sondern sogar zu korrigieren imstande sei. Dieser erhabene metaphysische Wahn ist als Instinkt der Wissenschaft beigegeben und führt sie immer und immer wieder zu ihren Grenzen, an denen sie in Kunst umschlagen muß: aus welche es eigentlich, bei diesem Mechanismus, abgesehen ist.
To substantiate the dignity of such a leading position even for Socrates, it suffices to recognize in him the archetype of an existential form unprecedented before him - the theoretical man, whose significance and ultimate purpose our immediate task is to comprehend. The theoretical man too finds infinite pleasure in what exists, like the artist, and like him is shielded by this satisfaction from the practical ethics of pessimism and from the lynx-eyed vision that shines only in darkness. For while the artist, with rapt gaze, clings to what remains veiled even after revelation, the theoretical man takes delight in the cast-off husk and attains his highest joy in the ever-fruitful process of unveiling accomplished through his own power. There would be no science if it concerned itself solely with that naked goddess and nothing else. For then its disciples would feel as do those who wished to dig a hole straight through the earth: each would perceive that even with the greatest lifelong effort, he could only bore through a tiny fragment of the immeasurable depth, which would then be filled in again by his neighbor's labor, so that a third might seem prudent to choose a new spot for his own borings. Now if someone were to demonstrate conclusively that this direct path could never reach the antipodal goal, who would care to toil further in the old depths unless he had meanwhile contented himself with discovering noble ores or divining natural laws? Therefore Lessing, the most honest of theoretical men, dared proclaim that he cared more for the pursuit of truth than for truth itself - thereby exposing the fundamental secret of science, to the astonishment and vexation of scientists. Beside this singular insight - an excess of honesty if not hubris - stands a profound delusion that first came to light in Socrates: that unshakable faith that thought, guided by causality's thread, can penetrate the deepest abysses of being, and that thought is capable not merely of knowing but even of correcting being. This sublime metaphysical presumption accompanies science as an instinct and perpetually drives it toward its limits, where it must metamorphose into art - which is, in truth, the covert aim of this entire mechanism.
Schauen wir jetzt, mit der Fackel dieses Gedankens, auf Sokrates hin: so erscheint er uns als der erste, der an der Hand jenes Instinktes der Wissenschaft nicht nur leben, sondern - was bei weitem mehr ist -auch sterben konnte; und deshalb ist das Bild des sterbenden Sokrates als des durch wissen und Gründe der Todesfurcht enthobenen Menschen das Wappenschild, das über dem Eingangstor der Wissenschaft einen jeden an deren Bestimmung erinnert, nämlich das Dasein als begreiflich und damit als gerechtfertigt erscheinen zu machen: wozu freilich, wenn die Gründe nicht reichen, schließlich auch der Mythus dienen muß, den ich sogar als notwendige Konsequenz, ja als Absicht der Wissenschaft soeben bezeichnete.
If we now gaze upon Socrates with the torch of this thought, he appears to us as the first who could not only live but - far more remarkably - die under the guidance of this scientific instinct; hence the image of the dying Socrates as the man liberated from the fear of death through knowledge and reason becomes the emblem emblazoned above science's portal, reminding all of its mission: to render existence comprehensible and thereby justified. To this end, where reasons prove insufficient, myth too must ultimately serve - that myth which I have just designated as the necessary consequence, indeed the very purpose, of science.
Wer sich einmal anschaulich macht, wie nach Sokrates, dem Mystagogen der Wissenschaft, eine Philosophenschule nach der anderen wie Welle auf Welle sich ablöst, wie eine nie geahnte Universalität der Wissensgier in dem weitesten Bereich der gebildeten Welt und als eigentliche Aufgabe für jeden höher Befähigten die Wissenschaft auf die hohe See führte, von der sie niemals seitdem wieder völlig vertrieben werden konnte, wie durch diese Universalität erst ein gemeinsames Netz des Gedankens über den gesamten Erdball, ja mit Ausblicken über die Gesetzlichkeit eines ganzen Sonnensystems, gespannt wurde; wer dies alles, samt der erstaunlich hohen Wissenspyramide der Gegenwart, sich vergegenwärtigt, der kann sich nicht entbrechen, in Sokrates den einen Wendepunkt und Wirbel der sogenannten Weltgeschichte zu sehen. Denn dächte man sich einmal diese ganze unbezifferbare Summe von Kraft, die für jene Welttendenz verbraucht worden ist, nicht im Dienste des Erkennens, sondern auf die praktischen, d.h. egoistischen Ziele der Individuen und Völker verwendet, so wäre wahrscheinlich in allgemeinen Vernichtungskämpfen und fortdauernden Völkerwanderungen die instinktive Lust zum Leben so abgeschwächt, daß, bei der Gewohnheit des Selbstmordes, der einzelne vielleicht den letzten Rest von Pflichtgefühl empfinden müßte, wenn er, wie der Bewohner der Fidschi-Inseln, als Sohn seine Eltern, als Freund seinen Freund erdrosselt: ein praktischer Pessimismus, der selbst eine grausenhafte Ethik des Völkermordes aus Mitleid erzeugen könnte - der übrigens überall in der Welt vorhanden ist und vorhanden war, wo nicht die Kunst in irgendwelchen Formen, besonders als Religion und Wissenschaft, zum Heilmittel und zur Abwehr jenes Pesthauchs erschienen ist.
Let one visualize how, after Socrates, that mystagogue of science, wave upon wave of philosophical schools succeeded each other; how an unprecedented universality of epistemic craving spread across the educated world as the true vocation for every higher talent, steering science onto the high seas from which it could never again be wholly banished; how through this universality a shared web of thought was first cast over the entire globe with glimpses into the lawful order of a solar system. Confronted with all this, alongside the astonishingly lofty pyramid of contemporary knowledge, one cannot escape seeing in Socrates the pivotal vortex of so-called world history. For imagine if this incalculable sum of energy expended for this global tendency had been employed not in the service of cognition but toward practical - that is, egoistic - ends of individuals and nations: in all likelihood, through universal wars of annihilation and perpetual migrations, the instinctive lust for life would have become so enfeebled that, habituated to suicide, the individual might feel his last vestige of duty when strangling parents as a son or friends as a comrade - a practical pessimism that could spawn an ethic of genocide born of pity, such as exists and has existed everywhere in the world wherever art in any form, particularly as religion or science, has not appeared as remedy and safeguard against this pestilential breath.
Angesichts dieses praktischen Pessimismus ist Sokrates das Urbild des theoretischen Optimisten, der in dem bezeichneten Glauben an die Ergründlichkeit der Natur der Dinge dem Wissen und der Erkenntnis die Kraft einer Universalmedizin beilegt und im Irrtum das Übel an sich begreift. In jene Gründe einzudringen und die wahre Erkenntnis vom Schein und vom Irrtum zu sondern, dünkte dem sokratischen Menschen der edelste, selbst der einzige wahrhaft menschliche Beruf zu sein: so wie jener Mechanismus der Begriffe, Urteile und Schlüsse von Sokrates ab als höchste Betätigung und bewunderungswürdigste Gabe der Natur über alle anderen Fähigkeiten geschätzt wurde. Selbst die erhabensten sittlichen Taten, die Regungen des Mitleids, der Aufopferung, des Heroismus und jene schwer zu erringende Meeresstille der Seele, die der apollinische Grieche Sophrosyne nannte, wurden von Sokrates und seinen gleichgesinnten Nachfolgern bis auf die Gegenwart hin aus der Dialektik des Wissens abgeleitet und demgemäß als lehrbar bezeichnet. Wer die Lust einer sokratischen Erkenntnis an sich erfahren hat und spürt, wie diese, in immer weiteren Ringen, die ganze Welt der Erscheinungen zu umfassen sucht, der wird von da an keinen Stachel, der zum Dasein drängen könnte, heftiger empfinden als die Begierde, jene Eroberung zu vollenden und das Netz undurchdringbar fest zu spinnen. Einem so Gestimmten erscheint dann der platonische Sokrates als der Lehrer einer ganz neuen Form der »griechischen Heiterkeit« und Daseinsseligkeit, welche sich in Handlungen zu entladen sucht und diese Entladungen zumeist in mäeutischen und erziehenden Einwirkungen auf edle Jünglinge, zum Zweck der endlichen Erzeugung des Genius, finden wird.
In the face of this practical pessimism, Socrates stands as the primal archetype of the theoretical optimist who, in his faith in the fathomability of nature's essence, attributes to knowledge and insight the power of a universal panacea, while error is deemed the evil par excellence. To penetrate these depths and separate true knowledge from illusion and error seemed to the Socratic man the noblest, indeed the only authentically human vocation. From Socrates onward, that mechanism of concepts, judgments, and inferences came to be prized as the supreme activity and most admirable endowment of nature, surpassing all other faculties. Even the loftiest ethical deeds - compassion, self-sacrifice, heroism, and that oceanic serenity of soul the Apollonian Greek termed Sophrosyne - were derived by Socrates and his intellectual descendants down to the present day from the dialectic of knowledge and accordingly deemed teachable. Whoever has experienced the pleasure of Socratic cognition and feels how, in ever-widening concentric circles, it seeks to encompass the whole phenomenal world will henceforth know no spur driving existence more urgently than the craving to complete this conquest and weave the net impenetrably tight. To one thus disposed, the Platonic Socrates appears as the teacher of an entirely new form of "Greek cheerfulness" and existential bliss, seeking discharge in action and finding it chiefly in maieutic and pedagogical effects upon noble youths - all toward the ultimate generation of genius.
Nun aber eilt die Wissenschaft, von ihrem kräftigen Wahne angespornt, unaufhaltsam bis zu ihren Grenzen, an denen ihr im Wesen der Logik verborgener Optimismus scheitert. Denn die Peripherie des Kreises der Wissenschaft hat unendlich viele Punkte, und während noch gar nicht abzusehen ist, wie jemals der Kreis völlig ausgemessen werden könnte, so trifft doch der edle und begabte Mensch, noch vor der Mitte seines Daseins und unvermeidlich, auf solche Grenzpunkte der Peripherie, wo er in das Unaufhellbare starrt. Wenn er hier zu seinem Schrecken sieht, wie die Logik sich an diesen Grenzen um sich selbst ringelt und endlich sich in den Schwanz beißt - da bricht die neue Form der Erkenntnis durch, die tragische Erkenntnis, die, um nur ertragen zu werden, als Schutz und Heilmittel die Kunst braucht.
Yet now science, spurred by its vigorous delusion, rushes inexorably toward its limits, where the optimism hidden in the essence of logic founders. For the circumference of science's circle has infinitely many points, and while it remains utterly unforeseeable how this circle could ever be fully measured, the noble and gifted individual inevitably encounters boundary points of this periphery before the midpoint of their existence—staring into the inscrutable. When here, to their horror, they see logic coiling upon itself and finally biting its own tail—then the new form of knowledge breaks through: tragic knowledge, which, to be endurable, requires art as protection and remedy.
Schauen wir, mit gestärkten und an den Griechen erlabten Augen, auf die höchsten Sphären derjenigen Welt, die uns umflutet, so gewahren wir die in Sokrates vorbildlich erscheinende Gier der unersättlichen optimistischen Erkenntnis in tragische Resignation und Kunstbedürftigkeit umgeschlagen: während allerdings dieselbe Gier, auf ihren niederen Stufen, sich kunstfeindlich äußern und vornehmlich die dionysisch-tragische Kunst innerlich verabscheuen muß, wie dies an der Bekämpfung der äschyleischen Tragödie durch den Sokratismus beispielsweise dargestellt wurde.
If we gaze with eyes fortified and refreshed by the Greeks upon the highest spheres of the world surging around us, we discern how the insatiably optimistic thirst for knowledge—exemplified in Socrates—has turned into tragic resignation and artistic need. Yet this same thirst, on its lower levels, must manifest as antagonistic to art and particularly abhor the Dionysian-tragic art within—as demonstrated by Socratism's struggle against Aeschylean tragedy.
Hier nun klopfen wir, bewegten Gemütes, an die Pforten der Gegenwart und Zukunft: wird jenes »Umschlagen« zu immer neuen Konfigurationen des Genius und gerade des musiktreibenden Sokrates führen? Wird das über das Dasein gebreitete Netz der Kunst, sei es auch unter dem Namen der Religion oder der Wissenschaft, immer fester und zarter geflochten werden, oder ist ihm bestimmt, unter dem ruhelos barbarischen Treiben und Wirbeln, das sich jetzt »die Gegenwart« nennt, in Fetzen zu reißen? - Besorgt, doch nicht trostlos stehen wir eine kleine Weile beiseite, als die Beschaulichen, denen es erlaubt ist, Zeugen jener ungeheuren Kämpfe und Übergänge zu sein. Ach! Es ist der Zauber dieser Kämpfe, daß, wer sie schaut, sie auch kämpfen muß!
Here we knock, with stirred hearts, at the gates of the present and future: Will this "reversal" lead to ever-new configurations of genius—even of a music-practicing Socrates? Will the net of art cast over existence, whether under the name of religion or science, be woven ever tighter and finer? Or is it fated to tear into shreds under the restless barbaric tumult and vortex now called "the present"? Anxiously yet not without solace, we stand aside momentarily as contemplatives permitted to witness these colossal struggles and transitions. Alas! The enchantment of these battles lies in this: whoever beholds them must also join the fray!
16
16
An diesem ausgeführten historischen Beispiel haben wir klarzumachen gesucht, wie die Tragödie an dem Entschwinden des Geistes der Musik ebenso gewiß zugrunde geht, wie sie aus diesem Geiste allein geboren werden kann. Das Ungewöhnliche dieser Behauptung zu mildern und andererseits den Ursprung dieser unserer Erkenntnis aufzuzeigen, müssen wir uns jetzt freien Blicks den analogen Erscheinungen der Gegenwart gegenüberstellen; wir müssen mitten hinein in jene Kämpfe treten, welche, wie ich eben sagte, zwischen der unersättlichen optimistischen Erkenntnis und der tragischen Kunstbedürftigkeit in den höchsten Sphären unserer jetzigen Welt gekämpft werden. Ich will hierbei von allen den anderen gegnerischen Trieben absehen, die zu jeder Zeit der Kunst und gerade der Tragödie entgegenarbeiten und die auch in der Gegenwart in dem Maße siegesgewiß um sich greifen, daß von den theatralischen Künsten z.B. allein die Posse und das Ballett in einem einigermaßen üppigen Wuchern ihre vielleicht nicht für jedermann wohlriechenden Blüten treiben. Ich will nur von der erlauchtesten Gegnerschaft der tragischen Weltbetrachtung reden und meine damit die in ihrem tiefsten Wesen optimistische Wissenschaft, mit ihrem Ahnherrn Sokrates an der Spitze. Alsbald sollen auch die Mächte bei Namen genannt werden, welche mir eine Wiedergeburt der Tragödie - und welche andere selige Hoffnungen für das deutsche Wesen! - zu verbürgen scheinen.
Through this extended historical example, we have sought to clarify how tragedy must perish with the waning of the spirit of music, just as it can be born solely from this spirit. To temper the strangeness of this assertion while revealing the origin of our insight, we must now confront analogous phenomena of the present with unflinching gaze—plunging into those struggles being waged in the highest spheres of our contemporary world between insatiably optimistic knowledge and tragic artistic need. Here I disregard all other antagonistic impulses hostile to art—especially tragedy—which today spread with such triumphant confidence that, of theatrical arts, only farce and ballet flourish luxuriantly (if not fragrantly for all). I speak solely of the most illustrious opposition to the tragic worldview: science in its profoundly optimistic essence, led by its patriarch Socrates. Soon we shall name the forces that seem to me to guarantee tragedy's rebirth—and with it, what other blessed hopes for the German essence!
Bevor wir uns mitten in jene Kämpfe hineinstürzen, hüllen wir uns in die Rüstung unserer bisher eroberten Erkenntnisse. Im Gegensatz zu allen denen, welche beflissen sind, die Künste aus einem einzigen Prinzip, als dem notwendigen Lebensquell jedes Kunstwerks, abzuleiten, halte ich den Blick auf jene beiden künstlerischen Gottheiten der Griechen, Apollo und Dionysus, geheftet und erkenne in ihnen die lebendigen und anschaulichen Repräsentanten zweier in ihrem tiefsten Wesen und ihren höchsten Zielen verschiedenen Kunstwelten. Apollo steht vor mir als der verklärende Genius des principii individuationis, durch den allein die Erlösung im Scheine wahrhaft zu erlangen ist: während unter dem mystischen Jubelruf des Dionysus der Bann der Individuation zersprengt wird und der Weg zu den Müttern des Seins, zu dem innersten Kern der Dinge offenliegt. Dieser ungeheure Gegensatz, der sich zwischen der plastischen Kunst als der apollinischen und der Musik als der dionysischen Kunst klaffend auftut, ist einem einzigen der großen Denker in dem Maße offenbar geworden, daß er, selbst ohne jene Anleitung der hellenischen Göttersymbolik, der Musik einen verschiedenen Charakter und Ursprung vor allen anderen Künsten zuerkannte, weil sie nicht, wie jene alle, Abbild der Erscheinung, sondern unmittelbar Abbild des Willens selbst sei und also zu allem Physischen der Welt das Metaphysische, zu aller Erscheinung das Ding an sich darstelle. (Schopenhauer, Welt als Wille und Vorstellung I, S. 310.) Auf diese wichtigste Erkenntnis aller Ästhetik, mit der, in einem ernsteren Sinne genommen, die Ästhetik erst beginnt, hat Richard Wagner, zur Bekräftigung ihrer ewigen Wahrheit seinen Stempel gedrückt, wenn er im »Beethoven« feststellt, daß die Musik nach ganz anderen ästhetischen Prinzipien als alle bildenden Künste und überhaupt nicht nach der Kategorie der Schönheit zu bemessen sei: obgleich eine irrige Ästhetik, an der Hand einer mißleiteten und entarteten Kunst, von jenem in der bildnerischen Welt geltenden Begriff der Schönheit aus sich gewöhnt habe, von der Musik eine ähnliche Wirkung wie von den Werken der bildenden Kunst zu fordern, nämlich die Erregung des Gefallens an schönen Formen. Nach der Erkenntnis jenes ungeheuren Gegensatzes fühlte ich eine starke Nötigung, mich dem Wesen der griechischen Tragödie und damit der tiefsten Offenbarung des hellenischen Genius zu nahen: denn erst jetzt glaubte ich des Zaubers mächtig zu sein, über die Phraseologie unserer üblichen Ästhetik hinaus, das Urproblem der Tragödie mir leibhaft vor die Seele stellen zu können: wodurch mir ein so befremdlich eigentümlicher Blick in das Hellenische vergönnt war, daß es mir Scheinen mußte, als ob unsre so stolz sich gebärdende klassisch-hellenische Wissenschaft in der Hauptsache bis jetzt nur an Schattenspielen und Äußerlichkeiten sich zu weiden gewußt habe.
Before diving into these battles, let us don the armor of our acquired knowledge. Contra those who derive the arts from a single principle as the necessary life-source of every artwork, I fix my gaze upon the Greeks' two artistic deities, Apollo and Dionysus, recognizing them as living embodiments of two art-worlds differing profoundly in essence and highest aims. Apollo stands before me as the transfiguring genius of the principii individuationis, through whom redemption in semblance becomes attainable. In contrast, Dionysus's mystic cry of jubilee shatters the spell of individuation, laying open the path to the Mothers of Being—to the innermost core of things. This yawning chasm between plastic art as Apollinian and music as Dionysian art became apparent to one great thinker to such a degree that, even without Hellenic divine symbolism, he ascribed music a distinct character and origin from all other arts: since music is not an image of phenomena but an immediate image of the will itself, representing the metaphysical to all physicality, the thing-in-itself to all appearance (Schopenhauer, World as Will and Representation I, p. 310). To this supreme aesthetic insight—which marks aesthetics' true commencement when taken seriously—Richard Wagner affixed his seal of confirmation, declaring in his Beethoven essay that music must be measured by wholly different aesthetic principles from the visual arts, indeed transcending the category of beauty. A misguided aesthetics, conditioned by a degenerate art, has erroneously demanded from music effects akin to those of visual arts—the arousal of pleasure in beautiful forms. Confronted by this colossal antithesis, I felt compelled to approach Greek tragedy's essence and thereby the Hellenic genius's deepest revelation. Only now did I believe myself empowered to bypass our customary aesthetic jargon and confront tragedy's primal problem directly—granting me such an uncanny glimpse into Hellenism that it seemed our classically-obsessed scholarship had hitherto feasted only on shadow-plays and externals.
Jenes Urproblem möchten wir vielleicht mit dieser Frage berühren: welche ästhetische Wirkung entsteht, wenn jene an sich getrennten Kunstmächte des Apollinischen und des Dionysischen nebeneinander in Tätigkeit geraten? Oder in kürzerer Form: wie verhält sich die Musik zu Bild und Begriff? - Schopenhauer, dem Richard Wagner gerade für diesen Punkt eine nicht zu überbietende Deutlichkeit und Durchsichtigkeit der Darstellung nachrühmt, äußert sich hierüber am ausführlichsten in der folgenden Stelle, die ich hier in ihrer ganzen Länge wiedergeben werde. Welt als Wille und Vorstellung I, S. 309: »Diesem allen zufolge können wir die erscheinende Welt, oder die Natur, und die Musik als zwei verschiedene Ausdrücke derselben Sache ansehen, welche selbst daher das allein Vermittelnde der Analogie beider ist, dessen Erkenntnis erfordert wird, um jene Analogie einzusehen. Die Musik ist demnach, wenn als Ausdruck der Welt angesehen, eine im höchsten Grad allgemeine Sprache, die sich sogar zur Allgemeinheit der Begriffe ungefähr verhält wie diese zu den einzelnen Dingen. Ihre Allgemeinheit ist aber keineswegs jene leere Allgemeinheit der Abstraktion, sondern ganz anderer Art, und ist verbunden mit durchgängiger deutlicher Bestimmtheit. Sie gleicht hierin den geometrischen Figuren und den Zahlen, welche als die allgemeinen Formen aller möglichen Objekte der Erfahrung und auf alle a priori anwendbar, doch nicht abstrakt, sondern anschaulich und durchgängig bestimmt sind. Alle möglichen Bestrebungen, Erregungen und Äußerungen des Willens, alle jene Vorgänge im Innern des Menschen, welche die Vernunft in den weiten negativen Begriff Gefühl wirft, sind durch die unendlich vielen möglichen Melodien auszudrücken, aber immer in der Allgemeinheit bloßer Form, ohne den Stoff, immer nur nach dem An-sich, nicht nach der Erscheinung, gleichsam die innerste Seele derselben, ohne Körper. Aus diesem innigen Verhältnis, welches die Musik zum wahren Wesen aller Dinge hat, ist auch dies zu erklären, daß, wenn zu irgendeiner Szene, Handlung, Vorgang, Umgebung eine passende Musik ertönt, diese uns den geheimsten Sinn derselben aufzuschließen scheint und als der richtigste und deutlichste Kommentar dazu auftritt: ingleichen, daß es dem, der sich dem Eindruck einer Symphonie ganz hingibt, ist, als sähe er alle möglichen Vorgänge des Lebens und der Welt an sich vorüberziehen: dennoch kann er, wenn er sich besinnt, keine Ähnlichkeit angeben zwischen jenem Tonspiel und den Dingen, die ihm vorschwebten. Denn die Musik ist, wie gesagt, darin von allen anderen Künsten verschieden, daß sie nicht Abbild der Erscheinung, oder richtiger, der adäquaten Objektität des Willens, sondern unmittelbar Abbild des Willens selbst ist und also zu allem Physischen der Welt das Metaphysische, zu aller Erscheinung das Ding an sich darstellt. Man könnte demnach die Welt ebensowohl verkörperte Musik, als verkörperten Willen nennen: daraus also ist es erklärlich, warum Musik jedes Gemälde, ja jede Szene des wirklichen Lebens und der Welt, sogleich in erhöhter Bedeutsamkeit hervortreten läßt; freilich um so mehr, je analoger ihre Melodie dem innern Geiste der gegebenen Erscheinung ist. Hierauf beruht es, daß man ein Gedicht als Gesang, oder eine anschauliche Darstellung als Pantomime, oder beides als Oper der Musik unterlegen kann. Solche einzelne Bilder des Menschenlebens, der allgemeinen Sprache der Musik untergelegt, sind nie mit durchgängiger Notwendigkeit ihr verbunden oder entsprechend; sondern sie stehen zu ihr nur im Verhältnis eines beliebigen Beispiels zu einem allgemeinen Begriff: sie stellen in der Bestimmtheit der Wirklichkeit dasjenige dar, was die Musik in der Allgemeinheit bloßer Form aussagt. Denn die Melodien sind gewissermaßen, gleich den allgemeinen Begriffen, ein Abstraktum der Wirklichkeit. Diese nämlich, also die Welt der einzelnen Dinge, liefert das Anschauliche, das Besondere und Individuelle, den einzelnen Fall, sowohl zur Allgemeinheit der Begriffe, als zur Allgemeinheit der Melodien, welche beide Allgemeinheiten einander aber in gewisser Hinsicht entgegengesetzt sind; indem die Begriffe nur die allererst aus der Anschauung abstrahierten Formen, gleichsam die abgezogene äußere Schale der Dinge enthalten, also ganz eigentlich Abstrakta sind; die Musik hingegen den innersten aller Gestaltung vorhergängigen Kern, oder das Herz der Dinge gibt. Dies Verhältnis ließe sich recht gut in der Sprache der Scholastiker ausdrücken, indem man sagte: die Begriffe sind die universalia post rem, die Musik aber gibt die universalia ante rem, und die Wirklichkeit die universalia in re. - Daß aber überhaupt eine Beziehung zwischen einer Komposition und einer anschaulichen Darstellung möglich ist, beruht, wie gesagt, darauf, daß beide nur ganz verschiedene Ausdrücke des selben innern Wesens der Welt sind. Wann nun im einzelnen Fall eine solche Beziehung wirklich vorhanden ist, also der Komponist die Willensregungen, welche den Kern einer Begebenheit ausmachen, in der allgemeinen Sprache der Musik auszusprechen gewußt hat: dann ist die Melodie des Liedes, die Melodie der Oper ausdrucksvoll. Die vom Komponisten aufgefundene Analogie zwischen jenen beiden muß aber aus der unmittelbaren Erkenntnis des Wesens der Welt, seiner Vernunft unbewußt, hervorgegangen und darf nicht, mit bewußter Absichtlichkeit, durch Begriffe vermittelte Nachahmung sein: sonst spricht die Musik nicht das innere Wesen, den Willen selbst aus; sondern ahmt nur seine Erscheinung ungenügend nach; wie dies alle eigentlich nachbildende Musik tut.« -
We might approach this primal problem through the following inquiry: What aesthetic effect emerges when those inherently distinct artistic forces of the Apollinian and Dionysian become active alongside one another? Or more concisely: How does music relate to image and concept? — Schopenhauer, whom Richard Wagner praises for unsurpassed clarity on precisely this point, addresses this matter most extensively in the following passage, which I shall reproduce here in full. The World as Will and Representation I, p. 309: "In accordance with all this, we may regard the phenomenal world, or nature, and music as two different expressions of the same thing, which is therefore itself the sole mediating term of their analogy. Knowledge of this mediation is required if we are to understand that analogy. Accordingly, music, if regarded as an expression of the world, is a universal language of the highest generality, which stands in roughly the same relation to the universality of concepts as concepts do to particular things. Yet its universality is by no means the empty universality of abstraction, but of an entirely different kind, and is united with thoroughgoing definiteness. In this respect, it resembles geometrical figures and numbers, which as the universal forms of all possible objects of experience and applicable to them all a priori, are nevertheless not abstract but perceptible and thoroughly determinate. All possible strivings, excitements, and manifestations of the will, all those inner processes in the human being that reason throws into the broad negative concept of feeling, are expressible through the infinite number of possible melodies, yet always in the universality of mere form without the material, always according to the thing-in-itself, not the phenomenon—as it were, their innermost soul stripped of body. From this intimate relation music bears to the true essence of all things, we may also explain why suitable music played to any scene, action, event, or environment seems to disclose its most secret meaning and appears as its most accurate and lucid commentary. Likewise, to one wholly absorbed in the impression of a symphony, it is as if he saw all possible events of life and the world pass by within himself; yet when he reflects, he can find no likeness between that tonal play and the things that hovered before him. For music differs from all the other arts in that it is not a copy of the phenomenon, or more precisely, of the will's adequate objectivity, but an immediate copy of the will itself, and therefore represents the metaphysical to all that is physical in the world, the thing-in-itself to every phenomenon. We might therefore just as well call the world embodied music as embodied will: hence it is understandable why music makes every painting, indeed every scene of real life and the world, appear at once in enhanced significance—and indeed the more so, the more analogous its melody is to the inner spirit of the given phenomenon. On this rests the possibility of setting a poem to music as song, or a perceptible representation as pantomime, or both as opera. Such individual images of human life, set to the universal language of music, are never bound to it or correspond to it with thoroughgoing necessity; rather they stand to it in the relation of an arbitrary example to a universal concept: they represent in the determinacy of actuality what music expresses in the universality of mere form. For melodies are, in a certain sense, like universal concepts—an abstraction from reality. Reality, the world of particular things, provides the perceptible, the particular, the individual—the single case—both to the universality of concepts and to the universality of melodies, which are in a sense opposed to one another. For concepts contain only the forms first abstracted from perception, as it were the outer shell stripped from things, and are thus true abstractions; music, by contrast, gives the innermost kernel preceding all form, the heart of things. This relation could be aptly expressed in the language of the Scholastics by saying: concepts are the universalia post rem, music gives the universalia ante rem, and reality the universalia in re. — That a relation between a composition and a perceptible representation is possible at all rests, as stated, on both being wholly different expressions of the same inner essence of the world. When such a relation actually exists in a particular case, when the composer has succeeded in expressing in the universal language of music the stirrings of will that constitute the core of an event, then the melody of the song or opera is expressive. But the analogy discovered by the composer between these two must have proceeded from the immediate cognition of the world's essence, unconscious to his reason, and must not be an imitation mediated by concepts through deliberate intention. Otherwise, music does not express the inner essence, the will itself, but merely imitates its phenomenon inadequately—as all truly mimetic music does." —
Wir verstehen also, nach der Lehre Schopenhauers, die Musik als die Sprache des Willens unmittelbar und fühlen unsere Phantasie angeregt, jene zu uns redende, unsichtbare und doch so lebhaft bewegte Geisterwelt zu gestalten und sie in einem analogen Beispiel uns zu verkörpern. Andrerseits kommt Bild und Begriff, unter der Einwirkung einer wahrhaft entsprechenden Musik, zu einer erhöhten Bedeutsamkeit. Zweierlei Wirkungen pflegt also die dionysische Kunst auf das apollinische Kunstvermögen auszuüben: die Musik reizt zum gleichnisartigen Anschauen der dionysischen Allgemeinheit, die Musik läßt sodann das gleichnisartige Bild in höchster Bedeutsamkeit hervortreten. Aus diesen an sich verständlichen und keiner tieferen Beobachtung unzugänglichen Tatsachen erschließe ich die Befähigung der Musik, den Mythus, d.h. das bedeutsamste Exempel zu gebären und gerade den tragischen Mythus: den Mythus, der von der dionysischen Erkenntnis in Gleichnissen redet. An dem Phänomen des Lyrikers habe ich dargestellt, wie die Musik im Lyriker darnach ringt, in apollinischen Bildern über ihr Wesen sich kund zu geben: denken wir uns jetzt, daß die Musik in ihrer höchsten Steigerung auch zu einer höchsten Verbildlichung zu kommen suchen muß, so müssen wir für möglich halten, daß sie auch den symbolischen Ausdruck für ihre eigentliche dionysische Weisheit zu finden wisse; und wo anders werden wir diesen Ausdruck zu suchen haben, wenn nicht in der Tragödie und überhaupt im Begriff des Tragischen?
Thus we comprehend music, following Schopenhauer's doctrine, as the immediate language of the Will, and feel our imagination stirred to shape that invisible yet intensely animated spirit-world which speaks to us through it, embodying it through analogous examples. Conversely, under the influence of truly corresponding music, image and concept attain heightened significance. Dionysian art therefore customarily exerts a twofold effect upon Apollinian artistic capacity: music first provokes the symbolic intuition of Dionysian universality; then it causes this symbolic image to emerge in supreme significance. From these intrinsically comprehensible facts, accessible even without profounder scrutiny, I deduce music's capacity to engender myth – particularly tragic myth: that most significant exemplar which speaks through Dionysian knowledge in symbols. Through the phenomenon of the lyric poet, I demonstrated how music strives to express its essence through Apollinian images. If we now suppose that music at its highest intensification must seek to attain its supreme symbolic expression, we must consider it possible for music to discover the symbolic means to express its authentic Dionysian wisdom. Where else should we seek this expression if not in tragedy and the concept of the tragic?
Aus dem Wesen der Kunst, wie sie gemeinhin nach der einzigen Kategorie des Scheines und der Schönheit begriffen wird, ist das Tragische in ehrlicher Weise gar nicht abzuleiten; erst aus dem Geiste der Musik heraus verstehen wir eine Freude an der Vernichtung des Individuums. Denn an den einzelnen Beispielen einer solchen Vernichtung wird uns nur das ewige Phänomen der dionysischen Kunst deutlich gemacht, die den Willen in seiner Allmacht gleichsam hinter dem principio individuationis, das ewige Leben jenseits aller Erscheinung und trotz aller Vernichtung zum Ausdruck bringt. Die metaphysische Freude am Tragischen ist eine Übersetzung der instinktiv unbewußten dionysischen Weisheit in die Sprache des Bildes: der Held, die höchste Willenserscheinung, wird zu unserer Lust verneint, weil er doch nur Erscheinung ist, und das ewige Leben des Willens durch seine Vernichtung nicht berührt wird. »Wir glauben an das ewige Leben«, so ruft die Tragödie; während die Musik die unmittelbare Idee dieses Lebens ist. Ein ganz verschiedenes Ziel hat die Kunst des Plastikers: hier überwindet Apollo das Leiden des Individuums durch die leuchtende Verherrlichung der Ewigkeit der Erscheinung, hier siegt die Schönheit über das dem Leben inhärierende Leiden, der Schmerz wird in einem gewissen Sinne aus den Zügen der Natur hinweggelogen. In der dionysischen Kunst und in deren tragischer Symbolik redet uns dieselbe Natur mit ihrer wahren, unverstellten Stimme an: »Seit wie ich bin! unter dem unaufhörlichen Wechsel der Erscheinungen die ewig schöpferische, ewig zum Dasein zwingende, an diesem Erscheinungswechsel sich ewig befriedigende Urmutter!«
From the essence of art as commonly conceived through the sole category of semblance and beauty, the tragic cannot be honestly derived. Only through the spirit of music do we comprehend the joy in the annihilation of the individual. For through individual instances of such annihilation, the eternal phenomenon of Dionysian art is revealed to us – that art which expresses the Will in its omnipotence behind the principium individuationis, the eternal life beyond all appearances and despite all destruction. The metaphysical joy in the tragic translates the instinctive unconscious Dionysian wisdom into the language of images: the hero, as supreme manifestation of Will, is negated for our delight because he remains mere appearance, while the eternal life of the Will remains untouched by his destruction. "We believe in eternal life," tragedy proclaims; while music gives immediate form to this life's Idea. The plastic artist's art pursues an entirely different aim: here Apollo overcomes the suffering of the individual through radiant glorification of appearance's eternity; here beauty triumphs over life's inherent suffering; pain is, in a sense, expunged from nature's countenance through illusion. Through Dionysian art and its tragic symbolism, the same nature addresses us with its authentic, undisguised voice: "Behold me as I am! Beneath ceaseless phenomenal metamorphosis, the eternally creative Primordial Mother, eternally compelling existence, eternally satiated through this play of appearances!"
17
17
Auch die dionysische Kunst will uns von der ewigen Lust des Daseins überzeugen: nur sollen wir diese Lust nicht in den Erscheinungen, sondern hinter den Erscheinungen suchen. Wir sollen erkennen, wie alles, was entsteht, zum leidvollen Untergange bereit sein muß, wir werden gezwungen, in die Schrecken der Individualexistenz hineinzublicken - und sollen doch nicht erstarren: ein metaphysischer Trost reißt uns momentan aus dem Getriebe der Wandelgestalten heraus. Wir sind wirklich in kurzen Augenblicken das Urwesen selbst und fühlen dessen unbändige Daseinsgier und Daseinslust; der Kampf, die Qual, die Vernichtung der Erscheinungen dünkt uns jetzt wie notwendig, bei dem Übermaß von unzähligen, sich ins Leben drängen, den und stoßenden Daseinsformen, bei der überschwänglichen Fruchtbarkeit des Weltwillens; wir werden von dem wütenden Stachel dieser Qualen in demselben Augenblicke durchbohrt, wo wir gleichsam mit der unermeßlichen Urlust am Dasein eins geworden sind und wo wir die Unzerstörbarkeit und Ewigkeit dieser Lust in dionysischer Entzückung ahnen. Trotz Furcht und Mitleid sind wir die Glücklich, Lebendigen, nicht als Individuen, sondern als das eine Lebendige, mit dessen Zeugungslust wir verschmolzen sind.
Dionysian art too seeks to convince us of existence's eternal rapture – yet we must seek this rapture not in phenomena but behind them. We are to recognize how all that comes into being must be prepared for painful destruction; we are compelled to gaze into the terrors of individual existence – yet must not freeze in horror: metaphysical consolation tears us momentarily from the turmoil of changing forms. For brief instants, we become the primordial Being itself, feeling its indomitable lust for existence; the struggle, torment, and annihilation of phenomena now seem necessary to us, given the superabundance of innumerable existence-forms thrusting and jostling into life, given the exuberant fertility of the universal Will. In the very moment we are pierced by the furious sting of these agonies, we become one with the immeasurable primordial rapture of existence, intuiting through Dionysian ecstasy the indestructibility and eternity of this rapture. Despite fear and pity, we are the blissful living – not as individuals, but as the single living essence fused with procreative lust.
Die Entstehungsgeschichte der griechischen Tragödie sagt uns jetzt mit lichtvoller Bestimmtheit, wie das tragische Kunstwerk der Griechen wirklich aus dem Geiste der Musik herausgeboren ist: durch welchen Gedanken wir zum ersten Male dem ursprünglichen und so erstaunlichen Sinne des Chors gerecht geworden zu sein glauben. Zugleich aber müssen wir zugeben, daß die vorhin aufgestellte Bedeutung des tragischen Mythus den griechischen Dichtern, geschweige den griechischen Philosophen, niemals in begrifflicher Deutlichkeit durchsichtig geworden ist; ihre Helden sprechen gewissermaßen oberflächlicher, als sie handeln; der Mythus findet in dem gesprochnen Wort durchaus nicht seine adäquate Objektivation. Das Gefüge der Szenen und die anschaulichen Bilder offenbaren eine tiefere Weisheit, als der Dichter selbst in Worte und Begriffe fassen kann: wie das gleiche auch bei Shakespeare beobachtet wird, dessen Hamlet z.B. in einem ähnlichen Sinne oberflächlicher redet, als er handelt, so daß nicht aus den Worten heraus, sondern aus dem vertieften Anschauen und Überschauen des Ganzen jene früher erwähnte Hamletlehre zu entnehmen ist. In betreff der griechischen Tragödie, die uns freilich nur als Wortdrama entgegentritt, habe ich sogar angedeutet, daß jene Inkongruenz zwischen Mythus und Wort uns leicht verführen könnte, sie für flacher und bedeutungsloser zu halten, als sie ist, und demnach auch eine oberflächlichere Wirkung für sie vorauszusetzen, als sie nach den Zeugnissen der Alten gehabt haben muß: denn wie leicht vergißt man, daß, was dem Wortdichter nicht gelungen war, die höchste Vergeistigung und Idealität des Mythus zu erreichen, ihm als schöpferischer Musiker in jedem Augenblick gelingen konnte! Wir freilich müssen uns die Übermacht der musikalischen Wirkung fast auf gelehrtem Wege rekonstruieren, um etwas von jenem unvergleichlichen Troste zu empfangen, der der wahren Tragödie zu eigen sein muß. Selbst diese musikalische Übermacht aber würden wir nur, wenn wir Griechen wären, als solche empfunden haben: während wir in der ganzen Entfaltung der griechischen Musik - der uns bekannten und vertrauten, so unendlich reicheren gegenüber - nur das in schüchternem Kraftgefühle angestimmte Jünglingslied des musikalischen Genius zu hören glauben. Die Griechen sind, wie die ägyptischen Priester sagen, die ewigen Kinder, und auch in der tragischen Kunst nur die Kinder, welche nicht wissen, welches erhabene Spielzeug unter ihren Händen entstanden ist und - zertrümmert wird.
The genesis of Greek tragedy now reveals to us with luminous clarity how the tragic artwork of the Hellenes was truly born from the spirit of music. Through this insight, we believe ourselves to have apprehended for the first time the primordial and astonishing significance of the chorus. Yet we must concede that the previously expounded meaning of the tragic myth never attained conceptual transparency for the Greek poets themselves - let alone their philosophers. Their heroes speak, in a certain sense, more superficially than they act; the myth never finds adequate objectification through the spoken word. The structure of scenes and visual imagery reveals a deeper wisdom than the poet could ever encapsulate in words and concepts - a phenomenon observable also in Shakespeare, whose Hamlet, for instance, speaks more superficially than he acts, such that the previously mentioned Hamlet doctrine must be derived not from his words but through deepened contemplation of the whole. Regarding Greek tragedy - which confronts us, to be sure, only as word-drama - I have even suggested that this incongruity between myth and word might easily seduce us into judging it shallower and more insignificant than it truly was, thereby ascribing to it a more superficial effect than it must have produced according to ancient testimonies. For how easily we forget that what the word-poet failed to achieve - the supreme spiritualization and idealization of myth - was accomplished at every moment by his creative musical counterpart! To experience even a vestige of that incomparable solace inherent in true tragedy, we must laboriously reconstruct through scholarly means the overwhelming power of musical effect. Yet even this musical supremacy would have been felt by us only if we were Hellenes; within the entire development of Greek music - compared to the infinitely richer music familiar to us - we discern merely the timidly vigorous hymn intoned by the musical genius in its adolescence. As the Egyptian priests declared, the Greeks are eternal children; even in tragic art, they remain children who know not what sublime plaything has taken shape beneath their hands - and is now being shattered.
Jenes Ringen des Geistes der Musik nach bildlicher und mythischer Offenbarung, welches von den Anfängen der Lyrik bis zur attischen Tragödie sich steigert, bricht plötzlich, nach eben erst errungener üppiger Entfaltung, ab und verschwindet gleichsam von der Oberfläche der hellenischen Kunst: während die aus diesem Ringen geborene dionysische Weltbetrachtung in den Mysterien weiterlebt und in den wunderbarsten Metamorphosen und Entartungen nicht aufhört, ernstere Naturen an sich zu ziehen. Ob sie nicht aus ihrer mystischen Tiefe einst wieder als Kunst emporsteigen wird?
That struggle of music's spirit toward pictorial and mythic revelation - intensifying from lyric poetry's origins through Attic tragedy - ruptures abruptly after its first luxuriant efflorescence and vanishes as if from the surface of Hellenic art. Yet the Dionysian worldview born from this struggle persists in the Mysteries, continuing through wondrous metamorphoses and degenerations to attract more earnest natures. Might it not one day rise again from its mystical depths as art?
Hier beschäftigt uns die Frage, ob die Macht, an deren Entgegenwirken die Tragödie sich brach, für alle Zeit genug Stärke hat, um das künstlerische Wiedererwachen der Tragödie und der tragischen Weltbetrachtung zu verhindern. Wenn die alte Tragödie durch den dialektischen Trieb zum Wissen und zum Optimismus der Wissenschaft aus ihrem Gleise gedrängt wurde, so wäre aus dieser Tatsache auf einen ewigen Kampf zwischen der theoretischen und der tragischen Weltbetrachtung zu schließen; und erst nachdem der Geist der Wissenschaft bis an seine Grenze geführt ist, und sein Anspruch auf universale Gültigkeit durch den Nachweis jener Grenzen vernichtet ist, dürfte auf eine Wiedergeburt der Tragödie zu hoffen sein: für welche Kulturform wir das Symbol des musiktreibenden Sokrates, in dem früher erörterten Sinne, hinzustellen hätten. Bei dieser Gegenüberstellung verstehe ich unter dem Geiste der Wissenschaft jenen zuerst in der Person des Sokrates ans Licht gekommenen Glauben an die Ergründlichkeit der Natur und an die Universalheilkraft des Wissens.
Here we confront the question: Does the power whose counteraction shattered tragedy possess sufficient enduring strength to prevent the artistic reawakening of tragedy and the tragic worldview? If ancient tragedy was derailed by the dialectical drive toward knowledge and science's optimism, this fact would imply an eternal struggle between the theoretical and tragic worldviews. Only when the spirit of science has been pursued to its limits - and its claim to universal validity annihilated through exposure of those limits - may we dare hope for tragedy's rebirth. For this cultural form, we would posit as symbol that music-practicing Socrates discussed earlier. By this juxtaposition, I understand under the "spirit of science" that faith in nature's fathomability and knowledge's universal redemptive power which first emerged into light through Socrates.
Wer sich an die nächsten Folgen dieses rastlos vorwärtsdringenden Geistes der Wissenschaft erinnert, wird sich sofort vergegenwärtigen, wie durch ihn der Mythus vernichtet wurde und wie durch diese Vernichtung die Poesie aus ihrem natürlichen idealen Boden als eine nun mehr heimatlose, verdrängt war. Haben wir mit Recht der Musik die Kraft zugesprochen, den Mythus wieder aus sich gebären zu können, so werden wir den Geist der Wissenschaft auch auf der Bahn zu suchen haben, wo er dieser mythenschaffenden Kraft der Musik feindlich entgegentritt. Dies geschieht in der Entfaltung des neueren attischen Dithyrambus, dessen Musik nicht mehr das innere Wesen, den Willen selbst aussprach, sondern nur die Erscheinung ungenügend, in einer durch Begriffe vermittelten Nachahmung wiedergab: von welcher innerlich entarteten Musik sich die wahrhaft musikalischen Naturen mit demselben Widerwillen abwandten, den sie vor der kunstmörderischen Tendenz des Sokrates hatten. Der sicher zugreifende Instinkt des Aristophanes hat gewiß das Rechte erfaßt, wenn er Sokrates selbst, die Tragödie des Euripides und die Musik der neueren Dithyrambiker in dem gleichen Gefühle des Hasses zusammenfaßte und in allen drei Phänomenen die Merkmale einer degenerierten Kultur witterte. Durch jenen neueren Dithyrambus ist die Musik in frevelhafter Weise zum imitatorischen Konterfei der Erscheinung z.B. einer Schlacht, eines Seesturmes gemacht und damit allerdings ihrer mythenschaffenden Kraft gänzlich beraubt worden. Denn wenn sie unsere Ergötzung nur dadurch zu erregen sucht, daß sie uns zwingt, äußerliche Analogien zwischen einem Vorgange des Lebens und der Natur und gewissen rhyth[1]mischen Figuren und charakteristischen Klängen der Musik zu suchen, wenn sich unser Verstand an der Erkenntnis dieser Analogien befriedigen soll, so sind wir in eine Stimmung herabgezogen, in der eine Empfängnis des Mythischen unmöglich ist; denn der Mythus will als ein einziges Exempel einer ins Unendliche hinein starrenden Allgemeinheit und anschaulich empfunden werden. Die wahrhaft dionysische Musik tritt uns als ein solcher allgemeiner Spiegel des Weltwillens gegenüber: jenes anschauliche Ereignis, das sich in diesem Spiegel bricht, erweitert sich sofort für unser Gefühl zum Abbilde einer ewigen Wahrheit. Umgekehrt wird ein solches anschauliches Ereignis durch die Tonmalerei des neueren Dithyrambus sofort jedes mythischen Charakters entkleidet; jetzt ist die Musik zum dürftigen Abbilde der Erscheinung geworden und darum unendlich ärmer als die Erscheinung selbst: durch welche Armut sie für unsere Empfindung die Erscheinung selbst noch herabzieht, so daß jetzt z.B. eine derartig musikalisch imitierte Schlacht sich in Marschlärm, Signalklängen usw. erschöpft, und unsere Phantasie gerade bei diesen Oberflächlichkeiten festgehalten wird. Die Tonmalerei ist also in jeder Beziehung das Gegenstück zu der mythenschaffenden Kraft der wahren Musik: durch sie wird die Erscheinung noch ärmer, als sie ist, während durch die dionysische Musik die einzelne Erscheinung sich zum Weltbilde bereichert und erweitert. Es war ein mächtiger Sieg des undionysischen Geistes, als er, in der Entfaltung des neueren Dithyrambus, die Musik sich selbst entfremdet und sie zur Sklavin der Erscheinung herabgedrückt hatte. Euripides, der in einem höheren Sinne eine durchaus unmusikalische Natur genannt werden muß, ist aus eben diesem Grunde leidenschaftlicher Anhänger der neueren dithyrambischen Musik und verwendet mit der Freigebigkeit eines Räubers alle ihre Effektstücke und Manieren.
Those who recall the immediate consequences of this restlessly advancing spirit of science will immediately realize how through it myth was annihilated, and how poetry, through this annihilation, was displaced from its natural ideal soil as something now homeless. If we have rightly ascribed to music the power to give birth to myth anew, we must likewise seek the spirit of science along the path where it most antagonizes this mythopoeic power of music. This occurs in the development of the newer Attic dithyramb, whose music no longer expressed the inner essence, the Will itself, but merely reproduced phenomena inadequately through conceptual mediation. From this internally degenerate music, truly musical natures turned away with the same revulsion they felt toward the art-destroying tendency of Socrates. Aristophanes' unerring instinct certainly grasped the truth when he grouped Socrates himself, Euripidean tragedy, and the music of the newer dithyrambists under the same sentiment of hatred, scenting in all three phenomena the marks of a degenerate culture. Through this newer dithyramb, music was sacrilegiously transformed into an imitative counterfeit of phenomena—a battle, a storm at sea—thereby utterly stripping it of mythopoeic power. For if music seeks to excite our pleasure by compelling us to seek external analogies between some event in life or nature and certain rhythmic figures and characteristic sounds, if our intellect is to find satisfaction in recognizing these analogies, we are reduced to a state where receptivity to myth becomes impossible. Myth demands to be perceived as a singular example of generality staring into the infinite. Truly Dionysian music confronts us as such a universal mirror of the cosmic Will: that visual event refracted in this mirror immediately expands for our feeling into an image of eternal truth. Conversely, the tone-painting of the newer dithyramb instantly strips such visual phenomena of all mythical character; here music has become a meager copy of phenomena and therefore infinitely poorer than phenomena themselves—through this impoverishment it even debases phenomena for our perception. Thus a musically imitated battle exhausts itself in marching clamor, trumpet signals, etc., holding our imagination captive to superficialities. Tone-painting is therefore in every respect the antithesis of mythopoeic music: through it, phenomena are rendered poorer than they are, whereas Dionysian music enriches and expands individual phenomena into world-images. It was a mighty victory of the undionysian spirit when, through the development of the newer dithyramb, it alienated music from itself and reduced it to slavery under phenomena. Euripides—who in a higher sense must be called an utterly unmusical nature—was for this very reason an impassioned adherent of the newer dithyrambic music, plundering all its effects and mannerisms with a robber's prodigality.
Nach einer anderen Seite sehen wir die Kraft dieses undionysischen, gegen den Mythus gerichteten Geistes in Tätigkeit, wenn wir unsere Blicke auf das Überhandnehmen der Charakterdarstellung und des psychologischen Raffinements in der Tragödie von Sophokles ab richten. Der Charakter soll sich nicht mehr zum ewigen Typus erweitern lassen, sondern im Gegenteil so durch künstliche Nebenzüge und Schattierungen, durch feinste Bestimmtheit aller Linien individuell wirken, daß der Zuschauer überhaupt nicht mehr den Mythus, sondern die mächtige Naturwahrheit und die Imitationskraft des Künstlers empfindet. Auch hier gewahren wir den Sieg der Erscheinung über das Allgemeine und die Lust an dem einzelnen gleichsam anatomischen Präparat, wir atmen bereits die Luft einer theoretischen Welt, welcher die wissenschaftliche Erkenntnis höher gilt als die Künstlerische Wiederspiegelung einer Weltregel. Die Bewegung auf der Linie des Charakteristischen geht schnell weiter: während noch Sophokles ganze Charaktere malt und zu ihrer raffinierten Entfaltung den Mythus ins Joch spannt, malt Euripides bereits nur noch große einzelne Charakterzüge, die sich in heftigen Leidenschaften zu äußern wissen; in der neuern attischen Komödie gibt es nur noch Masken mit einem Ausdruck, leichtsinnige Alte, geprellte Kuppler, verschmitzte Sklaven in unermüdlicher Wiederholung. Wohin ist jetzt der Mythen, bildende Geist der Musik? Was jetzt noch von Musik übrig ist, das ist entweder Aufregungs- oder Erinnerungsmusik, d.h. entweder ein Stimulanzmittel für stumpfe und verbrauchte Nerven oder Tonmalerei. Für die erstere kommt es auf den untergelegten Text kaum noch an: schon bei Euripides geht es, wenn seine Helden oder Chöre erst zu singen anfangen, recht liederlich zu; wohin mag es bei seinen frechen Nachfolgern gekommen sein?
We observe the operation of this undionysian myth-antagonizing spirit from another angle when considering the ascendancy of character portrayal and psychological refinement in tragedy from Sophocles onward. Characters are no longer expanded into eternal types but rather individuated through artificial subsidiary traits and shadings, through the finest precision of lines, so that spectators perceive not myth but nature's forceful truth and the artist's imitative power. Here too we discern the victory of phenomena over the universal and a delight in the individual as anatomical specimen—we breathe the air of a theoretical world where scientific knowledge is prized above artistic reflection of cosmic law. The movement toward characterization advances rapidly: while Sophocles still paints whole characters and harnesses myth to their refined development, Euripides already paints only great individual traits manifest in violent passions. In the newer Attic comedy we find nothing but masks with single expressions—frivolous old men, duped panders, cunning slaves in endless repetition. Where now is the mythopoeic spirit of music? What remains of music is either stimulant or mnemonic—either an irritant for dulled nerves or tone-painting. For the former, the underlying text scarcely matters: even in Euripides, when heroes or choruses begin to sing, matters grow quite licentious—to what depths must his shameless successors have sunk?
Am allerdeutlichsten aber offenbart sich der neue undionysische Geist in den Schlüssen der neueren Dramen. In der alten Tragödie war der metaphysische Trost am Ende zu spüren gewesen, ohne den die Lust an der Tragödie überhaupt nicht zu erklären ist: am reinsten tönt vielleicht im Ödipus auf Kolonos der versöhnende Klang aus einer anderen Welt. Jetzt, als der Genius der Musik aus der Tragödie entflohen war, ist, im strengen Sinne, die Tragödie tot: denn woher sollte man jetzt jenen metaphysischen Trost schöpfen können? Man suchte daher nach einer irdischen Lösung der tragischen Dissonanz; der Held, nachdem er durch das Schicksal hinreichend gemartert war, erntete in einer stattlichen Heirat, in göttlichen Ehrenbezeugungen einen wohlverdienten Lohn. Der Held war zum Gladiator geworden, dem man, nachdem er tüchtig geschunden und mit Wunden überdeckt war, gelegentlich die Freiheit schenkte. Der deus ex machina ist an Stelle des metaphysischen Trostes getreten. Ich will nicht sagen, daß die tragische Weltbetrachtung überall und völlig durch den andrängenden Geist des Undionysischen zerstört wurde: wir wissen nur, daß sie sich aus der Kunst gleichsam in die Unterwelt, in einer Entartung zum Geheimkult, flüchten mußte. Aber auf dem weitesten Gebiete der Oberfläche des hellenischen Wesens wütete der verzehrende Hauch jenes Geistes, welcher sich in jener Form der »griechischen Heiterkeit« kundgibt, von der bereits früher, als von einer greisenhaft unproduktiven Daseinslust, die Rede war; diese Heiterkeit ist ein Gegenstück zu der herrlichen »Naivität« der älteren Griechen, wie sie, nach der gegebenen Charakteristik, zu fassen ist als die aus einem düsteren Abgrunde hervorwachsende Blüte der apollinischen Kultur, als der Sieg, den der hellenische Wille durch seine Schönheitsspiegelung über das Leiden und die Weisheit des Leidens davonträgt. Die edelste Form jener anderen Form der »griechischen Heiterkeit«, der alexandrinischen, ist die Heiterkeit des theoretischen Menschen: sie zeigt dieselben charakteristischen Merkmale, die ich soeben aus dem Geiste des Undionysischen ableitete, - daß sie die dionysische Weisheit und Kunst bekämpft, daß sie den Mythus aufzulösen trachtet, daß sie an Stelle eines metaphysischen Trostes eine irdische Konsonanz, ja einen eigenen deus ex machina setzt, nämlich den Gott der Maschinen und Schmelztiegel, d.h. die im Dienste des höheren Egoismus erkannten und verwendeten Kräfte der Naturgeister, daß sie an eine Korrektur der Welt durch das Wissen, an ein durch die Wissenschaft geleitetes Leben glaubt und auch wirklich imstande ist, den einzelnen Menschen in einen allerengsten Kreis von lösbaren Aufgaben zu bannen, innerhalb dessen er heiter zum Leben sagt: »Ich will dich: du bist wert erkannt zu werden.«
Yet the new non-Dionysian spirit reveals itself most distinctly in the conclusions of modern dramas. Whereas the metaphysical solace resonated through the denouements of ancient tragedy—a solace indispensable for explaining tragic pleasure—perhaps nowhere does this conciliatory tone from another world sound purer than in Oedipus at Colonus. Now that the musical genius has fled tragedy, tragedy is dead in the strictest sense: for from what source could we now draw that metaphysical solace? Hence, an earthly resolution to tragic dissonance was sought; after being sufficiently tormented by fate, the hero received his just reward through a splendid marriage or divine honors. The hero had become a gladiator who, once thoroughly flayed and covered with wounds, was occasionally granted freedom. The deus ex machina usurped the place of metaphysical solace. Let me not claim that the tragic worldview was everywhere and entirely annihilated by the encroaching non-Dionysian spirit: we know only that it was compelled to flee from art into the underworld, degenerating into a secret cult. Across the broadest expanse of the Hellenic surface raged the consuming breath of that spirit which proclaimed itself in the guise of "Greek cheerfulness"—a phenomenon we earlier characterized as the barren rapture of senescence. This cheerfulness stands in opposition to the glorious "naiveté" of the elder Greeks, which, as our analysis shows, must be grasped as the Apollinian efflorescence emerging from a dark abyss, as the triumph of the Hellenic Will in its beauty-mirror over suffering and the wisdom of suffering. The most noble form of the other "Greek cheerfulness," the Alexandrian, is the cheerfulness of theoretical man: it exhibits the same distinguishing marks we just deduced from the non-Dionysian spirit—it combats Dionysian wisdom and art, seeks to dissolve myth, replaces metaphysical solace with an earthly consonance, even its own deus ex machina: the god of crucibles and machinery, that is, the natural forces harnessed in service of higher egoism; it believes in correcting the world through knowledge, in life guided by science, and indeed proves capable of confining the individual within the narrowest circle of soluble tasks, wherein he may cheerfully declare to existence: "I desire you: you are worthy of being known."
18
18
Es ist ein ewiges Phänomen: immer findet der gierige Wille ein Mittel, durch eine über die Dinge gebreitete Illusion seine Geschöpfe im Leben festzuhalten und zum Weiterleben zu zwingen. Diesen fesselt die sokratische Lust des Erkennens und der Wahn, durch dasselbe die ewige Wunde des Daseins heilen zu können, jenen umstrickt der vor seinen Augen wehende verführerische Schönheitsschleier der Kunst, jenen wiederum der metaphysische Trost, daß unter dem Wirbel der Erscheinungen das ewige Leben unzerstörbar weiterfließt: um von den gemeineren und fast noch kräftigeren Illusionen, die der Wille in jedem Augenblick bereithält, zu schweigen. Jene drei Illusionsstufen sind überhaupt nur für die edler ausgestatteten Naturen, von denen die Last und schwere des Daseins überhaupt mit tieferer Unlust empfunden wird, und die durch ausgesuchte Reizmittel über diese Unlust hinwegzutäuschen sind. Aus diesen Reizmitteln besteht alles, was wir Kultur nennen: je nach der Proportion der Mischungen haben wir eine vorzugsweise sokratische oder künstlerische oder tragische Kultur; oder wenn man historische Exemplifikationen erlauben will: es gibt entweder eine alexandrinische oder eine hellenische oder eine buddhaistische Kultur.
It is an eternal phenomenon: the rapacious Will continually devises means to bind its creatures to life through an illusion spread over existence. One is enchained by the Socratic lust for knowledge and the delusion of healing existence's eternal wound through it; another is ensnared by art's seductive veil of beauty fluttering before his eyes; yet another by the metaphysical solace that beneath the whirl of appearances flows life indestructibly onward—not to mention the coarser and more potent illusions the Will holds ready at every moment. Those three tiers of illusion are reserved for nobler natures, who feel existence's burden and gravity with keener displeasure and thus require more exquisite stimulants to be deluded. What we call culture consists precisely of these stimulants: depending on the mixture's proportions, we have a predominantly Socratic, artistic, or tragic culture—or, if historical exemplars are permitted, an Alexandrian, Hellenic, or Buddhistic culture.
Unsere ganze moderne Welt ist in dem Netz der alexandrinischen Kultur befangen und kennt als Ideal den mit höchsten Erkenntniskräften ausgerüsteten, im Dienste der Wissenschaft arbeitenden theoretischen Menschen, dessen Urbild und Stammvater Sokrates ist. Alle unsere Erziehungsmittel haben ursprünglich dieses Ideal im Auge: jede andere Existenz hat sich mühsam nebenbei emporzuringen, als erlaubte, nicht als beabsichtigte Existenz. In einem fast erschreckenden Sinne ist hier eine lange Zeit der Gebildete allein in der Form des Gelehrten gefunden worden; selbst unsere dichterischen Künste haben sich aus gelehrten Imitationen entwickeln müssen, und in dem Haupteffekt des Reimes erkennen wir noch die Entstehung unserer poetischen Form aus künstlichen Experimenten mit einer nicht heimischen, recht eigentlich gelehrten Sprache. Wie unverständlich müßte einem echten Griechen der an sich verständliche moderne Kulturmensch Faust erscheinen, der durch alle Fakultäten unbefriedigt stürmende, aus Wissenstrieb da Magie und dem Teufel ergebene Faust, den wir nur zur Vergleichung neben Sokrates zu stellen haben, um zu erkennen, daß der moderne Mensch die Grenzen jener sokratischen Erkenntnislust zu ahnen beginnt und aus dem weiten wüsten Wissensmeere nach einer Küste verlangt. Wenn Goethe einmal zu Eckermann, mit Bezug auf Napoleon, äußert: »Ja mein Guter, es gibt auch eine Produktivität der Taten«, so hat er, in anmutig naiver Weise, daran erinnert, daß der nicht theoretische Mensch für den modernen Menschen etwas Unglaubwürdiges und Staunenerregendes ist, so daß es wieder der Weisheit eines Goethe bedarf, um auch eine so befremdende Existenzform begreiflich, ja verzeihlich zu finden.
Our entire modern world is entangled in the net of Alexandrian culture, recognizing as its ideal the theoretical human equipped with supreme cognitive powers laboring in science's service, whose archetype and progenitor is Socrates. All our educational institutions originally pursue this ideal: any other mode of existence must struggle upward as a tolerated—not intended—form. For a terrifyingly long duration, the educated individual was found almost exclusively in the guise of the scholar; even our poetic arts evolved from learned imitations, and in rhyme's dominant effect we still discern the genesis of our poetic forms from artificial experiments with a non-native, thoroughly scholarly language. How incomprehensible must a genuine Greek have found our modern cultured human—the Faust who storms restlessly through all faculties, who surrenders to magic and the devil from epistemic craving! Place Faust beside Socrates for comparison, and we recognize that modern man has begun to intuit the limits of Socratic knowledge-lust and yearns for a shore beyond the vast desolate sea of knowledge. When Goethe once remarked to Eckermann concerning Napoleon: "Yes, my dear friend, there is also a productivity of deeds," he reminded us, with charming naiveté, that to modern sensibility, the non-theoretical human seems inconceivable and wondrous—so that it requires Goethe's wisdom to render even so alien an existence comprehensible, indeed pardonable.
Und nun soll man sich nicht verbergen, was im Schoße dieser sokratischen Kultur verborgen liegt! Der unumschränkt sich wähnende Optimismus! Nun soll man nicht erschrecken, wenn die Früchte dieses Optimismus reifen, wenn die von einer derartigen Kultur bis in die niedrigsten Schichten hinein durchsäuerte Gesellschaft allmählich unter üppigen Wallungen und Begehrungen erzittert, wenn der Glaube an das Erdenglück aller, wenn der Glaube an die Möglichkeit einer solchen allgemeinen Wissenskultur allmählich in die drohende Forderung eines solchen alexandrinischen Erdenglückes, in die Beschwörung eines euripideischen deus ex machina umschlägt! Man soll es merken: die alexandrinische Kultur braucht einen Sklavenstand, um auf die Dauer existieren zu können; aber sie leugnet, in ihrer optimistischen Betrachtung des Daseins, die Notwendigkeit eines solchen Standes und geht deshalb, wenn der Effekt ihrer schönen Verführungs- und Beruhigungsworte von der »Würde des Menschen« und der »Würde der Arbeit« verbraucht ist, allmählich einer grauenvollen Vernichtung entgegen. Es gibt nichts Furchtbareres als einen barbarischen Sklavenstand, der seine Existenz als ein Unrecht zu betrachten gelernt hat und sich anschickt, nicht nur für sich, son[1]dern für alle Generationen Rache zu nehmen. Wer wagt es, solchen drohenden Stürmen entgegen, sicheren Mutes an unsere blassen und ermüdeten Religionen zu appelieren, die selbst in ihren Fundamenten zu Gelehrtenreligionen entartet sind: so daß der Mythus, die notwendige Voraussetzung jeder Religion, bereits überall gelähmt ist, und selbst auf diesem Bereich jener optimistische Geist zur Herrschaft gekommen ist, den wir als den Vernichtungskeim unserer Gesellschaft eben bezeichnet haben.
Let none now conceal what lies hidden in the womb of this Socratic culture! The optimism that deems itself limitless! Let none be startled when the fruits of this optimism ripen, when a society thus leavened to its lowest strata begins to tremble beneath the luxurious ferment of desires, when the belief in earthly happiness for all, the faith in the possibility of such universal Alexandrian earthly felicity, gradually transforms into the menacing demand for a Euripidean deus ex machina! Mark this well: Alexandrian culture requires a slave class to endure, yet in its optimistic contemplation of existence it denies the necessity of such a class. When the efficacy of its beguiling pacifications about the "dignity of man" and the "dignity of labor" is exhausted, it drifts toward ghastly annihilation. There is nothing more terrifying than a barbaric slave class that has learned to view its existence as an injustice and prepares to exact vengeance not merely for itself but for all generations. Who would dare appeal with confident heart to our pallid, exhausted religions - now degenerate into scholarly religions even in their foundations - against such impending tempests? For myth, the indispensable precondition of every religion, lies paralyzed everywhere, while even in this domain that optimistic spirit has attained dominance which we just identified as the germ of our society's destruction.
Während das im Schoße der theoretischen Kultur schlummernde Unheil allmählich den modernen Menschen zu ängstigen beginnt, und er, unruhig, aus dem Schatze seiner Erfahrungen nach Mitteln greift, um die Gefahr abzuwenden, ohne selbst an diese Mittel recht zu glauben; während er also seine eigenen Konsequenzen zu ahnen beginnt haben große allgemein angelegte Naturen, mit einer unglaublichen Besonnenheit, das Rüstzeug der Wissenschaft selbst zu benützen gewußt, um die Grenzen und die Bedingtheit des Erkennens überhaupt darzulegen und damit den Anspruch der Wissenschaft auf universale Geltung und universale Zwecke entscheidend zu leugnen: bei welchem Nachweise zum ersten Male jene Wahnvorstellung als solche erkannt wurde, welche, an der Hand der Kausalität, sich anmaßt, das innerste Wesen der Dinge ergründen zu können. Der ungeheuren Tapferkeit und Weisheit Kants und Schopenhauers ist der schwerste Sieg gelungen, der Sieg über den im Wesen der Logik verborgen liegenden Optimismus, der wiederum der Untergrund unserer Kultur ist. Wenn dieser an die Erkennbarkeit und Ergründlichkeit aller Welträtsel, gestützt auf die ihm unbedenklichen aeternae veritates, geglaubt und Raum, Zeit und Kausalität als gänzlich unbedingte Gesetze von allgemeinster Gültigkeit behandelt hatte, offenbarte Kant, wie diese eigentlich nur dazu dienten, die bloße Erscheinung, das Werk der Maja, zur einzigen und höchsten Realität zu erheben und sie an die Stelle des innersten und wahren Wesens der Dinge zu setzen und die wirkliche Erkenntnis von diesem dadurch unmöglich zu machen, d.h., nach einem Schopenhauerschen Ausspruche den Träumer noch fester einzuschläfern (W. a. W. u. V. I, S. 498). Mit dieser Erkenntnis ist eine Kultur eingeleitet, welche ich als eine tragische zu bezeichnen wage: deren wichtigstes Merkmal ist, daß an die Stelle der Wissenschaft als höchstes Ziel die Weisheit gerückt wird, die sich, ungetäuscht durch die verführerischen Ablenkungen der Wissenschaften, mit unbewegtem Blicke dem Gesamtbilde der Welt zuwendet und in diesem das ewige Leiden mit sympathischer Liebesempfindung als das eigne Leiden zu ergreifen sucht. Denken wir uns eine heranwachsende Generation mit dieser Unerschrockenheit des Blicks, mit diesem heroischen Zug ins Ungeheure, denken wir uns den kühnen Schritt dieser Drachentöter, die stolze Verwegenheit, mit der sie allen den Schwächlichkeitsdoktrinen jenes Optimismus den Rücken kehren, um im Ganzen und Vollen »resolut zu leben«: sollte es nicht nötig sein, daß der tragische Mensch dieser Kultur, bei seiner Selbsterziehung zum Ernst und zum Schrecken, eine neue Kunst, die Kunst des metaphysischen Trostes, die Tragödie als die ihm zugehörige Helena begehren und mit Faust ausrufen muß:
While the calamity slumbering in the womb of theoretical culture begins to alarm modern man, and he anxiously rummages through his store of experience for means to avert the danger without truly believing in them; while he thus begins to divine his own consequences - it was great universal-minded natures, with incredible circumspection, who knew how to wield the very tools of science to expose the limits and conditional nature of cognition itself, thereby decisively refuting science's claim to universal validity and purpose. Through this demonstration, that delusion was first recognized which presumes, by means of causality, to plumb the innermost essence of things. The colossal courage and wisdom of Kant and Schopenhauer achieved the most difficult victory - the victory over the optimism hidden in the essence of logic, which in turn forms the substratum of our culture. When this optimism, relying on the incontrovertible aeternae veritates it took for granted, had believed all world-riddles knowable and fathomable, treating space, time and causality as utterly unconditional laws of universal validity, Kant revealed how these actually serve merely to elevate mere appearance - the work of Maya - to sole and supreme reality, substituting it for the true innermost essence of things, thereby rendering real knowledge of this essence impossible; or, in Schopenhauer's phrase, "to lull the dreamer still more deeply asleep" (The World as Will and Representation I, p.498). With this insight, a culture is inaugurated which I dare designate as tragic, whose paramount characteristic is that wisdom replaces science as the highest end - wisdom which, undeluded by the seductive distractions of the sciences, turns its unwavering gaze toward the total image of the world, seeking to apprehend eternal suffering through sympathetic love as its own. Let us imagine a rising generation with this intrepidity of vision, this heroic inclination toward the tremendous; let us imagine the bold stride of these dragonslayers, the proud audacity with which they spurn all debilitating doctrines of optimism to "live resolutely" in wholeness and fullness - must not the tragic man of this culture, in his self-education toward seriousness and terror, crave a new art, the art of metaphysical consolation, Tragedy as his rightful Helen, and cry with Faust:
Und sollt ich nicht, sehnsüchtigster Gewalt,
Und sollt ich nicht, sehnsüchtigster Gewalt,
Ins Leben ziehn die einzigste Gestalt?
Ins Leben ziehn die einzigste Gestalt?
Nachdem aber die sokratische Kultur von zwei Seiten aus erschüttert ist und das Szepter ihrer Unfehlbarkeit nur noch mit zitternden Händen zu halten vermag, einmal aus Furcht vor ihren eigenen Konsequenzen, die sie nachgerade zu ahnen beginnt, sodann weil sie selbst von der ewigen Gültigkeit ihres Fundamentes nicht mehr mit dem früheren naiven Zutrauen überzeugt ist: so ist es ein trauriges Schauspiel, wie sich der Tanz ihres Denkens sehnsüchtig immer auf neue Gestalten stürzt, um sie zu umarmen, und sie dann plötzlich wieder, wie Mephistopheles die verführerischen Lamien, schaudernd fahren läßt. Das ist ja das Merkmal jenes »Bruches«, von dem jedermann als von dem Urleiden der modernen Kultur zu reden pflegt, daß der theoretische Mensch vor seinen Konsequenzen erschrickt und unbefriedigt es nicht mehr wagt, sich dem furchtbaren Eisstrome des Daseins anzuvertrauen: ängstlich läuft er am Ufer auf und ab. Er will nichts mehr ganz haben, ganz auch mit aller der natürlichen Grausamkeit der Dinge. soweit hat ihn das optimistische Betrachten verzärtelt. Dazu fühlt er, wie eine Kultur, die auf dem Prinzip der Wissenschaft aufgebaut ist, zugrunde gehen muß, wenn sie anfängt, unlogisch zu werden d.h. vor ihren Konsequenzen zurückzuziehen. Unsere Kunst offenbart diese allgemeine Not: umsonst, daß man sich an alle großen produktiven Perioden und Naturen imitatorisch anlehnt, umsonst, daß man die ganze »Weltliteratur« zum Troste des modernen Menschen um ihn versammelt und ihn mitten unter die Kunststile und Künstler aller Zeiten hinstellt, damit er ihnen, wie Adam den Tieren, einen Namen gebe: er bleibt doch der ewig Hungernde, der »Kritiker« ohne Lust und Kraft, der alexandrinische Mensch, der im Grunde Bibliothekar und Korrektor ist und an Bücherstaub und Druckfehlern elend erblindet.
Now that Socratic culture has been shaken from two directions and can only hold the scepter of its infallibility with trembling hands—first through dread of the consequences it has gradually begun to foresee, and second because it no longer maintains its former naive confidence in the eternal validity of its foundation—it is a lamentable spectacle to observe how the dance of its thinking yearns to hurl itself upon new forms, only to suddenly recoil in horror, like Mephistopheles releasing the seductive Lamiae. This is indeed the hallmark of that "rupture" which everyone speaks of as the primordial suffering of modern culture: the theoretical man takes fright at his own consequences and, unsatisfied, no longer dares entrust himself to the terrible ice-stream of existence. Anxiously he paces along the shore. He desires to possess nothing whole—nothing with the natural cruelty inherent in all things. Thus far has optimistic contemplation made him effete. Moreover, he senses that a culture built upon the principle of science must perish when it begins to grow illogical—that is, when it retreats before its own consequences. Our art reveals this universal distress: in vain does one lean imitatively upon all great productive periods and natures; in vain does one gather the whole of "world literature" around modern man to console him, placing him amidst the artistic styles and artists of all ages so that he might name them as Adam named the beasts. He remains nonetheless the eternally starving one—the critic devoid of joy and strength, the Alexandrian man who at bottom is a librarian and proofreader, wretchedly blinding himself on book dust and printer's errors.
19
19
Man kann den innersten Gehalt dieser sokratischen Kultur nicht schärfer bezeichnen, als wenn man sie die Kultur der Oper nennt: denn auf diesem Gebiete hat sich die Kultur mit eigener Naivität über ihr Wollen und Erkennen ausgesprochen, zu unserer Verwunderung, wenn wir die Genesis der Oper und die Tatsache der Opernentwicklung mit den ewigen Wahrheiten des Apollinischen und des Dionysischen zusammenhalten. Ich erinnere zunächst an die Entstehung des stilo rappresentativo und des Rezitativs. Ist es glaublich, daß diese gänzlich veräußerlichte, der Andacht unfähige Musik der Oper von einer Zeit mit schwärmerischer Gunst, gleichsam als die Wiedergeburt aller wahren Musik, empfangen und gehegt werden konnte, aus der sich soeben die unaussprechbar erhabene und heilige Musik Palestrinas erhoben hatte? Und wer möchte andrerseits nur die zerstreuungssüchtige Üppigkeit jener Florentiner Kreise und die Eitelkeit ihrer dramatischen Sänger für die so ungestüm sich verbreitende Lust an der Oper verantwortlich machen? Daß in derselben Zeit, ja in demselben Volke neben dem Gewölbebau Palestrinascher Harmonien, an dem das gesamte christliche Mittelalter gebaut hatte, jene Leidenschaft für eine halbmusikalische Sprechart erwachte, vermag ich mir nur aus einer im Wesen des Rezitativs mitwirkenden außerkünstlerischen Tendenz zu erklären.
One cannot designate the innermost essence of this Socratic culture more sharply than by calling it the culture of opera: for in this domain, the culture has with naive candor revealed its will and understanding—to our astonishment, when we juxtapose the genesis of opera and the fact of operatic development with the eternal truths of the Apollinian and Dionysian. Let me first recall the emergence of the stile rappresentativo and recitative. Is it credible that this utterly externalized, devotion-incapable operatic music was received and nurtured with rapturous favor by an age as if it were the rebirth of all true music—an age that had just witnessed the emergence of Palestrina's harmonies, ineffably sublime and sacred? And who would attribute the so violently spreading enthusiasm for opera solely to the diversion-seeking luxury of Florentine circles and the vanity of their dramatic singers? That in the same era—nay, in the same people—alongside the vaulted architecture of Palestrina's harmonies upon which the entire Christian Middle Ages had built, there arose this passion for a semi-musical mode of speech, I can explain to myself only through an extra-artistic tendency operating in the very essence of recitative.
Dem Zuhörer, der das Wort unter dem Gesange deutlich vernehmen will, entspricht der Sänger dadurch, daß er mehr spricht als singt und daß er den pathetischen Wortausdruck in diesem Halbgesange verschärft: durch diese Verschärfung des Pathos erleichtert er das Verständnis des Wortes und überwindet jene übrig gebliebene Hälfte der Musik. Die eigentliche Gefahr, die ihm jetzt droht, ist die, daß er der Musik einmal zur Unzeit das Übergewicht erteilt, wodurch sofort Pathos der Rede und Deutlichkeit des Wortes zugrunde gehen müßte: während er andrerseits immer den Trieb zu musikalischer Entladung und zu virtuosenhafter Präsentation seiner Stimme fühlt. Hier kommt ihm der »Dichter« zu Hilfe, der ihm genug Gelegenheit zu lyrischen Interjektionen, Wort- und Sentenzenwiederholungen usw. zu bieten weiß: an welchen Stellen der Sänger jetzt in dem rein musikalischen Elemente, ohne Rücksicht auf das Wort, ausruhen kann. Dieser Wechsel affektvoll ein[1]dringlicher, doch nur halb gesungener Rede und ganz gesungener Interjektion, der im Wesen des stilo rappresentativo liegt, dies rasch wechselnde Bemühen, bald auf den Begriff und die Vorstellung, bald auf den musikalischen Grund des Zuhörers zu wirken, ist etwas so gänzlich Unnatürliches und den Kunsttrieben des Dionysischen und des Apollinischen in gleicher Weise so innerlich Widersprechendes, daß man auf einen Ursprung des Rezitativs zu schließen hat, der außerhalb aller künstlerischen Instinkte liegt. Das Rezitativ ist nach dieser Schilderung zu definieren als die Vermischung des epischen und des lyrischen Vortrags und zwar keinesfalls die innerlich beständige Mischung, die bei so gänzlich disparaten Dingen nicht erreicht werden konnte, sondern die äußerlichste mosaikartige Konglutination, wie etwas derartiges im Bereich der Natur und der Erfahrung gänzlich vorbildlos ist. Dies war aber nicht die Meinung jener Erfinder des Rezitativs: vielmehr glauben sie selbst und mit ihnen ihr Zeitalter, daß durch jenen stilo rap[1]presentativo das Geheimnis der antiken Musik gelöst sei, aus dem sich allein die ungeheure Wirkung eines Orpheus, Amphion, ja auch der griechischen Tragödie erklären lasse. Der neue Stil galt als die Wiedererweckung der wirkungsvollsten Musik, der altgriechischen: ja man durfte sich, bei der allgemeinen und ganz volkstümlichen Auffassung der homerischen Welt als der Urwelt, dem Traume überlassen, jetzt wieder in die paradiesischen Anfänge der Menschheit hinabgestiegen zu sein, in der notwendig auch die Musik jene unübertroffne Reinheit, Macht und Unschuld gehabt haben müßte, von der die Dichter in ihren Schäferspielen so rührend zu erzählen wußten. Hier sehen wir in das innerlichste Werten dieser recht eigentlich modernen Kunstgattung, der Oper: ein mächtiges Bedürfnis erzwingt sich hier eine Kunst, aber ein Bedürfnis unästhetischer Art: die Sehnsucht zum Idyll, der Glaube an eine urvorzeitliche Existenz des künstlerischen und guten Menschen. Das Rezitativ galt als die wiederentdeckte Sprache jenes Urmenschen; die Oper als das wiederaufgefundene Land jenes idyllisch oder heroisch guten Wesens, das zugleich in allen seinen Handlungen einem natürlichen Kunsttriebe folgt, das bei allem, was es zu sagen hat, wenigstens etwas singt, um, bei der leisesten Gefühlserregung, sofort mit voller Stimme zu singen. Es ist für uns jetzt gleichgültig, daß mit diesem neugeschaffenen Bilde des paradiesischen Künstlers die damaligen Humanisten gegen die alte kirchliche Vorstellung vom an sich verderbten und verlornen Menschen ankämpften: so daß die Oper als das Oppositionsdogma vom guten Menschen zu verstehen ist, mit dem aber zugleich ein Trostmittel gegen jenen Pessimismus gefunden war, zu dem gerade die Ernstgesinnten jener Zeit, bei der grauenhaften Unsicherheit aller Zustände, am stärksten gereizt waren. Genug, wenn wir erkannt haben, wie der eigentliche Zauber und damit die Genesis dieser neuen Kunstform in der Befriedigung eines gänzlich unästhetischen Bedürfnisses liegt, in der optimistischen Verherrlichung des Menschen an sich, in der Auffassung des Urmenschen als des von Natur guten und künstlerischen Menschen: welches Prinzip der Oper sich allmählich in eine drohende und entsetzliche Forderung umgewandelt hat, die wir, im Angesicht der sozialistischen Bewegungen der Gegenwart, nicht mehr überhören können. Der »gute Urmensch« will seine Rechte: welche paradiesischen Aussichten!
To satisfy the listener who demands clear comprehension of words beneath song, the singer resorts to speech-like delivery rather than full singing, intensifying pathetic verbal expression through this half-chant: such heightening of pathos facilitates word comprehension while subduing the remaining half of music. The peril now confronting him lies in occasionally granting music undue dominance—thereby annihilating both verbal pathos and textual clarity—while simultaneously feeling the urge for musical discharge and vocal virtuosity. Here the "poet" intervenes, furnishing opportunities for lyrical interjections, repetitions of words and maxims, etc., where the singer may repose within purely musical elements, heedless of the text. This alternation between affectively insistent yet half-sung speech and fully sung exclamations—intrinsic to the stile rappresentativo—this rapidly shifting endeavor to alternately engage the listener's conceptual faculties and musical substratum, constitutes something utterly unnatural and profoundly antithetical to both Dionysian and Apollinian artistic drives. Thus we must infer that recitative's origin lies beyond all artistic instincts. Defined through this analysis, recitative emerges as an amalgamation of epic and lyric delivery—not as an organic synthesis (impossible with such disparate elements) but as a superficial mosaic-like conglutination, wholly without precedent in nature or experience. Yet this was not the view of recitative's inventors: they and their age believed that through the stile rappresentativo they had unlocked the secret of ancient music, from which alone the tremendous effects of Orpheus, Amphion, and even Greek tragedy could be explained. The new style was hailed as the resurrection of supremely effective music—the ancient Greek variety. Indeed, through the popular Renaissance conception of Homer's world as humanity's primordial state, one could indulge dreams of returning to paradisiacal beginnings where music necessarily possessed that unsurpassed purity, power, and innocence so touchingly recounted in pastoral idylls. Here we penetrate to opera's innermost essence as a quintessentially modern art form: a powerful but non-aesthetic need—the yearning for idyllic simplicity and faith in an artistically gifted primordial humanity—forcibly births this art. Recitative was considered the rediscovered language of primordial man; opera, the reclaimed realm of idyllic or heroic beings who follow natural artistic impulses, singing even in speech, bursting into full song at the slightest emotional provocation. We may pass over how this newly fashioned image of paradisiacal artistry enabled Humanists to combat the Church's doctrine of humanity's inherent corruption: opera thus functions as the dogmatic antithesis of original sin, simultaneously offering solace against the pessimism that gripped serious minds amidst that age's terrifying instability. Suffice it to recognize how this new art form's enchantment—and thus its genesis—springs from satisfying an utterly non-aesthetic craving: the optimistic glorification of humanity in itself, the conception of primordial man as naturally virtuous and artistic. This operatic principle has gradually mutated into a menacing demand we can no longer ignore amid contemporary socialist movements. The "noble savage" claims his rights—what paradisiacal vistas!
Ich stelle daneben noch eine ebenso deutliche Bestätigung meiner Ansicht, daß die Oper auf den gleichen Prinzipien mit unserer alexandrinischen Kultur aufgebaut ist. Die Oper ist die Geburt des theoretischen Menschen, des kritischen Laien, nicht des Künstlers: eine der befremdlichsten Tatsachen in der Geschichte aller Künste. Es war die Forderung recht eigentlich unmusikalischer Zuhörer, daß man vor allem das Wort verstehen müsse: so daß eine Wiedergeburt der Tonkunst nur zu erwarten sei, wenn man irgendeine Gesangsweise entdecken werde, bei welcher das Textwort über den Kontrapunkt wie der Herr über den Diener herrsche. Denn die Worte seien um so viel edler als das begleitende harmonische System, um wieviel die Seele edler als der Körper sei. Mit der laienhaft unmusikalischen Rohheit dieser Ansichten wurde in den Anfängen der Oper die Verbindung von Musik, Bild und Wort behandelt; im Sinne dieser Ästhetik kam es auch in den vornehmen Laienkreisen von Florenz, durch hier patronisierte Dichter und Sänger, zu den ersten Experimenten. Der kunstohnmächtige Mensch erzeugt sich eine Art von Kunst, gerade dadurch, daß er der unkünstlerische Mensch an sich ist. Weil er die dionysische liefe der Musik nicht ahnt, verwandelt er sich den Musikgenuß zur verstandesmäßigen Wort- und Tonrhetorik der Leidenschaft im stilo rappresentativo und zur Wollust der Gesangeskünste; weil er keine Vision zu schauen vermag, zwingt er den Maschinisten und Dekorationskünstler in seinen Dienst; weil er das wahre Wesen des Künstlers nicht zu erfassen weiß, zaubert er vor sich den »künstlerischen Urmenschen« nach seinem Geschmack hin, d.h. den Menschen, der in der Leidenschaft singt und Verse spricht. Er träumt sich in eine Zeit hinein, in der die Leidenschaft ausreicht, um Gesänge und Dichtungen zu erzeugen: als ob je der Affekt imstande gewesen sei, etwas Künstlerisches zu schaffen. Die Voraussetzung der Oper ist ein falscher Glaube über den künstlerischen Prozeß, und zwar jener idyllische Glaube, daß eigentlich jeder empfindende Mensch Künstler sei. Im Sinne dieses Glaubens ist die Oper der Ausdruck des Laientums in der Kunst, das seine Gesetze mit dem heitern Optimismus des theoretischen Menschen diktiert.
I adduce another confirmation of my thesis that opera shares its foundational principles with Alexandrian culture. Opera is the brainchild of theoretical man and critical laymen, not artists—one of art history's most perplexing phenomena. The demand from fundamentally unmusical audiences for textual intelligibility dictated that music's rebirth required discovering a vocal style where words dominate counterpoint as lord over servant. For words were deemed nobler than harmonic accompaniment, as soul surpasses body. These crudely unmusical layman's notions shaped opera's treatment of music-image-word synthesis from its Florentine courtly origins, where patronized poets and singers conducted their first experiments. The art-impotent individual generates a pseudo-art precisely through his unartistic nature. Uncomprehending of music's Dionysian depths, he transforms musical enjoyment into the stile rappresentativo's intellectualized rhetoric of passion and vocal virtuosity. Incapable of visionary experience, he enslaves machinists and decorative artists. Unable to grasp the true artist's essence, he conjures an "artistically inclined primordial human" to his taste—one who declaims verse and bursts into song when impassioned. He fantasizes an era where mere passion sufficed to generate song and poetry—as if raw affect could ever produce art. Opera presupposes a false idyllic belief about artistic creation: that every feeling person is inherently artistic. Thus opera embodies layman's art, legislated by theoretical man's cheerful optimism.
Sollten wir wünschen, die beiden eben geschilderten, bei der Entstehung der Oper wirksamen Vorstellungen unter einen Begriff zu vereinigen, so würde uns nur übrig bleiben, von einer idyllischen Tendenz der Oper zu sprechen: wobei wir uns allein der Ausdrucksweise und Erklärung Schillers zu bedienen hätten. Entweder, sagt dieser, ist die Natur und das Ideal ein Gegenstand der Trauer, wenn jene als verloren, dieses als unerreicht dargestellt wird. Oder beide sind ein Gegenstand der Freude, indem sie als wirklich vorgestellt werden. Das erste gibt die Elegie in engerer, das andere die Idylle in weitester Bedeutung. Hier ist nun sofort auf das gemeinsame Merkmal jener beiden Vorstellungen in der Operngenesis aufmerksam zu machen, daß in ihnen das Ideal nicht als unerreicht, die Natur nicht als verloren empfunden wird. Es gab nach dieser Empfindung eine Urzeit des Menschen, in der er am Herzen der Natur lag und bei dieser Natürlichkeit zugleich das Ideal der Menschheit, in einer paradiesischen Güte und Künstlerschaft, erreicht hatte: von welchem vollkommnen Urmenschen wir alle abstammen sollten, ja dessen getreues Ebenbild wir noch wären: nur müßten wir einiges von uns werfen, um uns selbst wieder als diesen Urmenschen zu erkennen, vermöge einer freiwilligen Entäußerung von überäussiger Gelehrsamkeit, von überreicher Kultur. Der Bildungsmensch der Renaissance ließ sich durch seine opernhafte Imitation der griechischen Tragödie zu einem solchen zusammenklang von Natur und Ideal, zu einer idyllischen Wirklichkeit zurückgeleiten, er benutzte diese Tragödie, wie Dante den Virgil benutzte, um bis an die Pforten des Paradieses geführt zu werden: während er von hier aus selbständig noch weiter schritt und von einer Imitation der höchsten griechischen Kunstform zu einer »Wiederbringung aller Dinge«, zu einer Nachbildung der ursprünglichen Kunstwelt des Menschen überging. Welche zuversichtliche Gutmütigkeit dieser verwegenen Bestrebungen, mitten im Schoße der theoretischen Kultur! -einzig nur aus dem tröstenden Glauben zu erklären, daß »der Mensch an sich« der ewig tugendhafte Opernheld, der ewig flötende oder singende Schäfer sei, der sich endlich immer als solchen wiederfinden müsse, falls er sich selbst irgendwann einmal wirklich auf einige Zeit verloren habe, einzig die Frucht jenes Optimismus, der aus der Tiefe der sokratischen Weltbetrachtung hier wie eine süßlich verführerische Duftsäule emporsteigt.
Were we to attempt subsuming the two aforementioned formative conceptions of opera under a single concept, we could only speak of opera's idyllic tendency - here adopting Schiller's terminology and conceptual framework. "Nature and the Ideal," Schiller observes, "either become objects of lamentation when the former is portrayed as lost, the latter as unattained; or else objects of joy when both are presented as realities." The former constitutes elegy in its narrower sense, the latter idyll in its broadest. What must immediately strike us here is the common feature of these two operatic formative principles: neither perceives the Ideal as unattained nor Nature as lost. According to this sensibility, there existed a primordial epoch of humanity when man reclined upon Nature's bosom, simultaneously achieving both natural authenticity and the human ideal through paradisiacal goodness and artistry. From this perfected primordial being we all supposedly descend - indeed, remain faithful copies of him - requiring only the shedding of certain accretions to recognize ourselves again as this primordial man through voluntary renunciation of excessive erudition and overripe culture. The Renaissance man of cultivation allowed himself to be guided back to such harmony of Nature and Ideal, to an idyllic reality, through operatic imitation of Greek tragedy. He employed this tragedy as Dante employed Virgil - as escort to the very gates of Paradise. Yet from this threshold he ventured forth independently, progressing from imitation of the supreme Hellenic artform towards a "restoration of all things," a replication of humanity's primordial artistic world. What confident naïveté in these audacious strivings within the womb of theoretical culture! - explicable solely through the consoling belief that "man as such" remains the eternally virtuous operatic hero, the perpetual flute-playing or singing shepherd who must ultimately rediscover himself as such, even should he temporarily lose his way. This belief stems from that very optimism which rises from the depths of Socratic world-contemplation like a sweetly seductive vapor.
Es liegt also auf den Zügen der Oper keinesfalls jener elegische Schmerz eines ewigen Verlustes, vielmehr die Heiterkeit des ewigen Wiederfindens, die bequeme Lust an einer idyllischen Wirklichkeit, die man wenigstens sich als wirklich in jedem Augenblicke vorstellen kann: wobei man vielleicht einmal ahnt, daß diese vermeinte Wirklichkeit nichts als ein phantastisch läppisches Getändel ist, dem jeder, der es an dem furchtbaren Ernst der wahren Natur zu messen und mit den eigentlichen Urszenen der Menschheitsanfänge zu vergleichen vermöchte, mit Ekel zurufen müßte: Weg mit dem Phantom! Trotzdem würde man sich täuschen, wenn man glaubte, ein solches tändelndes Wesen, wie die Oper ist, einfach durch einen kräftigen Anruf, wie ein Gespenst, verscheuchen zu können. Wer die Oper vernichten will, muß den Kampf gegen jene alexandrinische Heiterkeit aufnehmen die sich in ihr so naiv über ihre Lieblingsvorstellung ausspricht, ja deren eigentliche Kunstform sie ist. Was ist aber für die Kunst selbst von dem Wirken einer Kunstform zu erwarten, deren Ursprünge überhaupt nicht im ästhetischen Bereiche liegen, die sich vielmehr aus einer halb moralischen Sphäre auf das künstlerische Gebiet hinübergestohlen hat und über diese hybride Entstehung nur hier und da einmal hinwegzutäuschen vermochte? Von welchen Säften nährt sich dieses parasitische Opernwesen, wenn nicht von denen der wahren Kunst? Wird nicht zu Mutmaßen sein, daß, unter seinen idyllischen Verführungen, unter seinen alexandrinischen Schmeichelkünsten, die höchste und wahrhaftig ernst zu nennende Aufgabe der Kunst - das Auge vom Blick ins Grauen der Nacht zu erlösen und das Subjekt durch den heilenden Balsam des Scheins aus dem Krampfe der Willensregungen zu retten - zu einer leeren und zerstreuenden Ergötzlichkeitstendenz entarten werde? Was wird aus den ewigen Wahrheiten des Dionysischen und des Apollinischen, bei einer solchen Stilvermischung, wie ich sie am Wesen des stilo rappresentativo dargelegt habe? wo die Musik als Diener, das Textwort als Herr betrachtet, die Musik mit dem Körper, das Textwort mit der Seele verglichen wird? wo das höchste Ziel bestenfalls auf eine umschreibende Tonmalerei gerichtet sein wird, ähnlich wie ehedem im neuen attischen Dithyrambus? wo der Musik ihre wahre Würde, dionysischer Weltspiegel zu sein, völlig entfremdet ist, so daß ihr nur übrig bleibt, als Sklavin der Erscheinung, das Formenwesen der Erscheinung nachzuahmen und in dem Spiele der Linien und Proportionen eine äußerliche Ergötzung zu erregen. Einer strengen Betrachtung fällt dieser verhängnisvolle Einfluß der Oper auf die Musik geradezu mit der gesamten modernen Musikentwicklung zusammen; dem in der Genesis der Oper und im Wesen der durch sie repräsentierten Kultur lauernden Optimismus ist es in beängstigender Schnelligkeit gelungen, die Musik ihrer dionysischen Weltbestimmung zu entkleiden und ihr einen formenspielerischen, vergnüglichen Charakter aufzuprägen: mit welcher Veränderung nur etwa die Metamorphose des äschyleischen Menschen in den alexandrinischen Heiterkeitsmenschen verglichen werden dürfte.
The countenance of opera bears not the elegiac sorrow of eternal loss, but rather the serenity of perpetual rediscovery, the complacent delight in an idyllic reality that one can at least imagine as real at any given moment. Perhaps one occasionally intuits that this purported reality amounts to nothing but fantastically trifling playacting - a spectacle at which anyone capable of measuring it against the terrible earnestness of true Nature and comparing it with humanity's primal scenes would recoil in disgust, shouting: "Away with this phantasm!" Yet one deludes oneself in supposing such frolicking as opera represents could be exorcised through vigorous incantation like some specter. To destroy opera, one must combat the Alexandrian cheerfulness that finds such ingenuous expression in opera's favorite conceits - indeed, of which opera constitutes the authentic artistic form. But what can art itself expect from the operation of an artform whose origins lie entirely outside the aesthetic sphere, having rather stolen into the artistic domain from a semi-moral sphere, only sporadically dissembling its hybrid genesis? By what vital fluids does this operatic parasitism sustain itself if not those of true Art? Must we not conjecture that, through its idyllic seductions and Alexandrian flatteries, Art's supreme and most solemn mission - to redeem the eye from gazing into night's abyss and rescue the subject through the healing balm of semblance from the convulsions of Will's stirrings - degenerates into mere vacuous diversion? What becomes of the eternal truths of the Dionysian and Apollinian when confronted by the stylistic adulteration I have delineated in the essence of stile rappresentativo - where music serves as vassal to text as sovereign, where music is likened to body and text to soul? Where the highest aim reduces itself to descriptive tone-painting as in the new Attic dithyramb? Where music's true dignity as Dionysian world-mirror is utterly alienated, leaving it only to mimic appearance's formal essence as appearance's slave, provoking superficial delight through linear and proportional play? To rigorous observation, opera's calamitous influence upon music coincides precisely with modernity's entire musical development. The optimism lurking in opera's genesis and in the culture it represents has succeeded with alarming rapidity in stripping music of its Dionysian world-mission, imprinting upon it instead a formalistic character of diversion - a transformation comparable only to the metamorphosis of the Aeschylean human into the blithe Alexandrian.
Wenn wir aber mit Recht in der hiermit angedeuteten Exemplifikation das Entschwinden des dionysischen Geistes mit einer höchstauffälligen, aber bisher unerklärten Umwandlung und Degeneration des griechischen Menschen in Zusammenhang gebracht haben - welche Hoffnungen müssen in uns aufleben, wenn uns die allersichersten Auspizien den umgekehrten Prozeß, das allmähliche Erwachen des dionysischen Geistes in unserer gegenwärtigen Welt, verbürgen! Es ist nicht möglich, daß die göttliche Kraft des Herakles ewig im üppigen Frondienste der Omphale erschlafft. Aus dem dionysischen Grunde des deutschen Geistes ist eine Macht emporgestiegen, die mit den Urbedingungen der sokratischen Kultur nichts gemein hat und aus ihnen weder zu erklären noch zu entschuldigen ist, vielmehr von dieser Kultur als das Schrecklich-Unerklärliche, als das Übermächtig-Feindselige empfunden wird, die deutsche Musik, wie wir sie vornehmlich in ihrem mächtigen Sonnenlaufe von Bach zu Beethoven, von Beethoven zu Wagner zu verstehen haben. Was vermag die erkenntnislüsterne Sokratik unserer Tage günstigenfalls mit diesem aus unerschöpflichen Tiefen emporsteigenden Dämon zu beginnen? Weder von dem Zacken, und Arabeskenwerk der Opernmelodie aus, noch mit Hilfe des arithmetischen Rechenbretts der Fuge und der kontrapunktischen Dialektik will sich die Formel finden lassen, in deren dreimal gewaltigem Licht man jenen Dämon sich unterwürfig zu machen und zum Reden zu zwingen vermöchte. Welches Schauspiel, wenn jetzt unsere Ästhetiker, mit dem Fangnetz einer ihnen eignen »Schönheit«, nach dem vor ihnen mit unbegreiflichem Leben sich tummelnden Musikgenius schlagen und haschen, unter Bewegungen, die nach der ewigen Schönheit ebensowenig als nach dem Erhabenen beurteilt werden wollen. Man mag sich nur diese Musikgönner einmal leibhaft und in der Nähe besehen, wenn sie so unermüdlich Schönheit! Schönheit! rufen, ob sie sich dabei wie die im Schoße des Schönen gebildeten und verwöhnten Lieblingskinder der Natur ausnehmen oder ob sie nicht vielmehr für die eigne Rohheit eine lügnerisch verhüllende Form, für die eigne empfindungsarme Nüchternheit einen ästhetischen Vorwand suchen: wobei ich z.B. an Otto Jahn denke. Vor der deutschen Musik aber mag sich der Lügner und Heuchler in acht nehmen: denn gerade sie ist, inmitten aller unserer Kultur, der einzig reine, lautere und läuternde Feuergeist, von dem aus und zu dem hin, wie in der Lehre des großen Heraklit von Ephesus, sich alle Dinge in doppelter Kreisbahn bewegen: alles, was wir jetzt Kultur, Bildung, Zivilisation nennen, wird einmal vor dem untrüglichen Richter Dionysus erscheinen müssen.
If we have rightly connected the disappearance of the Dionysian spirit with the most conspicuous yet hitherto unexplained transformation and degeneration of the Greek character - what hopes must awaken within us when the surest portents guarantee the reverse process, the gradual reawakening of the Dionysian spirit in our contemporary world! It is impossible that the divine power of Herakles should eternally languish in voluptuous servitude to Omphale. From the Dionysian substratum of the German spirit a power has arisen which, having nothing in common with the primal conditions of Socratic culture, can neither be explained nor excused by that culture, but is rather felt by it as the terrifyingly inexplicable, as the overpoweringly hostile - German music as we must understand it in its mighty solar orbit from Bach to Beethoven, from Beethoven to Wagner. What can the knowledge-craving Socratism of our day, even in its most favorable endeavors, achieve with this daemon emerging from unfathomable depths? Neither through the jagged arabesques of operatic melody nor with the aid of the arithmetical counting-board of fugue and contrapuntal dialectic can we discover the formula by whose thrice-radiant light this daemon might be subjugated and compelled to speak. What spectacle when our aestheticians now cast about with the fishing nets of their peculiar "beauty" to snare the musical genius capriciously surging before them in incomprehensible vitality - movements that defy judgment by the standards of eternal beauty no less than those of the sublime! Let us observe these musical patrons at close quarters as they tirelessly cry "Beauty! Beauty!" - do they resemble the pampered darlings of nature nurtured in beauty's lap, or do they not rather seek a mendacious veil for their own coarseness, an aesthetic pretext for their emotionless sobriety? Here I think of Otto Jahn. But let the liar and hypocrite beware of German music! For amidst all our culture, it is the sole pure and purifying fiery spirit from whom and toward whom - as in the teaching of Heraclitus of Ephesus - all things move in double orbits. All that we now call culture, education, civilization must one day appear before the infallible judge Dionysus.
Erinnern wir uns sodann, wie dem aus gleichen Quellen strömenden Geiste der deutschen Philosophie, durch Kant und Schopenhauer, es ermöglicht war, die zufriedne Daseinslust der wissenschaftlichen Sokratik, durch den Nachweis ihrer Grenzen, zu vernichten, wie durch diesen Nachweis eine unendlich tiefere und ernstere Betrachtung der ethischen Fragen und der Kunst eingeleitet wurde, die wir geradezu als die in Begriffe gefaßte dionysische Weisheit bezeichnen können: wohin weist uns das Mysterium dieser Einheit zwischen der deutschen Musik und der deutschen Philosophie, wenn nicht auf eine neue Daseinsform, über deren Inhalt wir uns nur aus hellenischen Analogien ahnend unterrichten können? Denn diesen unausmeßbaren Wert behält für uns, die wir an der Grenzscheide zweier verschiedener Daseinsformen stehen, das hellenische Vorbild, daß in ihm auch alle jene Übergänge und Kämpfe zu einer klassisch-belehrenden Form ausgeprägt sind: nur daß wir gleichsam in umgekehrter Ordnung die großen Hauptepochen des hellenischen Wesens analogisch durcherleben und zum Beispiel jetzt aus dem alexandrinischen Zeitalter rückwärts zur Periode der Tragödie zu schreiten scheinen. Dabei lebt in uns die Empfindung, als ob die Geburt eines tragischen Zeitalters für den deutschen Geist nur eine Rückkehr zu sich selbst, ein seliges Sichwiederfinden zu bedeuten habe, nachdem für eine lange Zeit ungeheure von außen her eindringende Mächte den in hilfloser Barbarei der Form Dahinlebenden zu einer Knechtschaft unter ihrer Form gezwungen hatten. Jetzt endlich darf er, nach seiner Heimkehr zum Urquell seines Wesens, vor allen Völkern kühn und frei, ohne das Gängelband einer romanischen Zivilisation, einherzuschreiten wagen: wenn er nur von einem Volke unentwegt zu lernen versteht, von dem überhaupt lernen zu können schon ein hoher Ruhm und eine auszeichnende Seltenheit ist, von den Griechen. Und wann brauchten wir diese allerhöchsten Lehrmeister mehr als jetzt, wo wir die Wiedergeburt der Tragödie erleben und in Gefahr sind, weder zu wissen, woher sie kommt, noch uns deuten zu können, wohin sie will?
Let us recall further how the spirit of German philosophy, flowing from these same sources through Kant and Schopenhauer, succeeded in annihilating the complacent delight in existence characteristic of Socratic scientism by demonstrating its limits - how through this demonstration an infinitely deeper and more earnest ethical contemplation and artistic insight were inaugurated, which we may justly designate as Dionysian wisdom made conceptual. To what does this mysterious unity between German music and German philosophy point, if not to a new form of existence whose content we can divine only through Hellenic analogies? For us standing at the boundary between two disparate modes of existence, the Hellenic prototype retains this immeasurable value: all transitions and struggles are there cast into classical instructive forms. Only now it seems we relive the great chief epochs of the Hellenic essence in inverse order, as if stepping backward from the Alexandrian age toward the period of tragedy. At this moment we feel as though the birth of a tragic age for the German spirit could signify only a return to itself, a blissful self-rediscovery, after immense formative powers from without had long compelled it to languish in helpless barbarism under their yoke. Now at last, homeward bound to its primal source, it may dare to stride freely and boldly before all peoples, unshackled by the leading strings of Romanic civilization. If only it learns unwaveringly from one nation - from the Greeks, whose discipleship in itself already constitutes high honor and rare distinction. And when have we needed these supreme teachers more than now, when we experience the rebirth of tragedy yet stand in peril of neither knowing whence it comes nor comprehending whither it strives?
20
20
Es möchte einmal, unter den Augen eines unbestochenen Richters, abgewogen werden, in welcher Zeit und in welchen Männern bisher der deutsche Geist von den Griechen zu lernen am kräftigsten gerungen hat; und wenn wir mit Zuversicht annehmen, daß dem edelsten Bildungskampfe Goethes, Schillers und Winckelmanns dieses einzige Lob zugesprochen werden müßte, so wäre jedenfalls hinzuzufugen, daß seit jener Zeit und den nächsten Einwirkungen jenes Kampfes das Streben, auf einer gleichen Bahn zur Bildung und zu den Griechen zu kommen, in unbegreiflicher Weise schwächer und schwächer geworden ist. Sollten wir, um nicht ganz an dem deutschen Geist verzweifeln zu müssen, nicht daraus den Schluß ziehen dürfen, daß in irgendwelchem Hauptpunkte es auch jenen Kämpfern nicht gelungen sein möchte, in den Kern des hellenischen Wesens einzudringen und einen dauernden Liebesbund zwischen der deutschen und der griechischen Kultur herzustellen? - so daß vielleicht ein unbewußtes Erkennen jenes Mangels auch in den ernsteren Naturen den verzagten Zweifel erregte, ob sie, nach solchen Vorgängern, auf diesem Bildungswege noch weiter wie jene und überhaupt zum Ziele kommen würden. Deshalb sehen wir seit jener Zeit das Urteil über den Wert der Griechen für die Bildung in der bedenklichsten Weise entarten, der Ausdruck mitleidiger Überlegenheit ist in den verschiedensten Feldlagern des Geistes und des Ungeistes zu hören; anderwärts tändelt eine gänzlich wirkungslose Schönrednerei mit der »griechischen Harmonie«, der »griechischen Schönheit«, der »griechischen Heiterkeit«. Und gerade in den Kreisen, deren Würde es sein könnte, aus dem griechischen Strombett unermüdet, zum Heile deutscher Bildung, zu schöpfen, in den Kreisen der Lehrer an den höheren Bildungsanstalten, hat man am besten gelernt, sich mit den Griechen zeitig und in bequemer Weise abzufinden, nicht selten bis zu einem skeptischen Preisgeben des hellenischen Ideals und bis zu einer gänzlichen Verkehrung der wahren Absicht aller Altertumsstudien. Wer überhaupt in jenen Kreisen sich nicht völlig in dem Bemühen, ein zuverlässiger Korrektor von alten Texten oder ein naturhistorischer Sprachmikroskopiker zu sein, er, schöpft hat, der sucht vielleicht auch das griechische Altertum, neben anderen Altertümern, sich »historisch« anzueignen, aber jedenfalls nach der Methode und mit den überlegenen Mienen unserer jetzigen gebildeten Geschichtsschreibung. Wenn demnach die eigentliche Bildungskraft der höheren Lehranstalten wohl noch niemals niedriger und schwächlicher gewesen ist wie in der Gegenwart, wenn der »Journalist«, der papierne Sklave des Tages, in jeder Rücksicht auf Bildung den Sieg über den höheren Lehrer davongetragen hat, und letzterem nur noch die bereits oft erlebte Metamorphose übrigbleibt, sich jetzt nun auch in der Sprechweise des Journalisten, mit der »leichten Eleganz« dieser Sphäre, als heiterer gebildeter Schmetterling zu bewegen - in welcher peinlichen Verwirrung müssen die derartig Gebildeten einer solchen Gegenwart jenes Phänomen anstarren, das nur etwa aus dem tiefsten Grunde des bisher unbegriffnen hellenischen Genius analogisch zu begreifen wäre, das Wiedererwachen des dionysischen Geistes und die Wiedergeburt der Tragödie? Es gibt keine andere Kunstperiode, in der sich die sogenannte Bildung und die eigentliche Kunst so befremdet und abgeneigt gegenübergestanden hätten, als wir das in der Gegenwart mit Augen sehn. Wir verstehen es, warum eine so schwächliche Bildung die wahre Kunst haßt; denn sie fürchtet durch sie ihren Untergang. Aber sollte nicht eine ganze Art der Kultur, nämlich jene sokratisch-alexandrinische, sich ausgelebt haben, nachdem sie in eine so zierlich-schmächtige Spitze, wie die gegenwärtige Bildung ist, auslaufen konnte! Wenn es solchen Helden, wie Schiller und Goethe, nicht gelingen durfte, jene verzauberte Pforte zu erbrechen, die in den hellenischen Zauberberg führt, wenn es bei ihrem Mutigsten Ringen nicht weiter gekommen ist als bis zu jenem sehnsüchtigen Blick, den die Goethesche Iphigenie vom barbarischen Tauris aus nach der Heimat über das Meer hin sendet, was bliebe den Epigonen solcher Helden zu hoffen, wenn sich ihnen nicht plötzlich, an einer ganz anderen, von allen Bemühungen der bisherigen Kultur unberührten Seite die Pforte von selbst auftäte - unter dem mystischen Klange der wiedererweckten Tragödienmusik.
Let it one day be weighed before the eyes of an incorruptible judge during which era and through which men the German spirit has most vigorously struggled to learn from the Greeks; and if we may confidently assume that this singular praise must be accorded to the noblest educational battle waged by Goethe, Schiller, and Winckelmann, we would nevertheless have to add that since that time and the immediate influences of that struggle, the endeavor to reach culture and the Greeks along the same path has grown incomprehensibly weaker and weaker. Must we not conclude — if we are not to despair utterly of the German spirit — that even those champions failed in some crucial point to penetrate the core of the Hellenic essence and to establish an enduring amorous bond between German and Greek culture? So that perhaps an unconscious recognition of this deficiency stirred even in more earnest natures the despondent doubt as to whether, following such predecessors, they could advance further on this path of education or reach the goal at all. Hence we observe since that time the judgment concerning the Greeks' value for culture degenerating in the most disquieting manner; expressions of pitying superiority resound from the most varied camps of intellect and anti-intellect; elsewhere, an utterly ineffectual rhetoric trifles with "Greek harmony," "Greek beauty," "Greek cheerfulness." And precisely in those circles whose dignity it might be to draw unceasingly from the Greek riverbed for the salvation of German culture — the circles of higher educational institutions — they have best learned to settle accounts with the Greeks early and comfortably, not infrequently descending to a skeptical abandonment of the Hellenic ideal and a complete perversion of the true purpose of classical studies. Whoever in those circles has not completely exhausted himself in the effort to become a reliable corrector of old texts or a natural-historical microscope of language may perhaps attempt to appropriate Greek antiquity "historically" alongside other antiquities, but in any case according to the method and with the superior airs of our present cultivated historiography. If therefore the true formative power of higher educational institutions has likely never been lower and feebler than in the present, if the "journalist" — that paper slave of the day — has triumphed over the academic in every cultural respect, leaving the latter only the oft-experienced metamorphosis of now moving in the journalist's idiom with the "light elegance" of that sphere as a cheerful cultivated butterfly — with what painful confusion must those thus educated in such an age stare at that phenomenon which could only be analogically comprehended from the profoundest depths of the hitherto misunderstood Hellenic genius: the reawakening of the Dionysian spirit and the rebirth of tragedy? There is no other artistic period in which so-called culture and genuine art stood so alienated and hostilely opposed as we now see with our own eyes. We understand why such feeble culture hates true art: it fears destruction through it. But might not an entire form of culture — namely, the Socratic-Alexandrian — have exhausted itself, having culminated in such a daintily attenuated apex as present-day culture? If heroes like Schiller and Goethe could not succeed in battering open the enchanted portal leading to the Hellenic magic mountain; if in their most valiant struggle they advanced no further than that longing gaze which Goethe's Iphigenia casts from barbaric Tauris across the sea toward her homeland — what remains for the epigones of such heroes to hope, unless the portal should suddenly swing open of its own accord from an entirely different side, untouched by all the efforts of previous culture, beneath the mystic resonance of reawakened tragic music?
Möge uns niemand unsern Glauben an eine noch bevorstehende Wiedergeburt des hellenischen Altertums zu verkümmern suchen; denn in ihm finden wir allein unsere Hoffnung für eine Erneuerung und Läuterung des deutschen Geistes durch den Feuerzauber der Musik. Was wüßten wir sonst zu nennen, was in der Verödung und Ermattung der jetzigen Kultur irgendwelche tröstliche Erwartung für die Zukunft erwecken könnte? Vergebens spähen wir nach einer einzigen kräftig geästeten Wurzel, nach einem Fleck fruchtbaren und gesunden Erdbodens: überall Staub, Sand, Erstarrung, Verschmachten. Da möchte sich ein trostlos Vereinsamter kein besseres Symbol wählen können, als den Ritter mit Tod und Teufel, wie ihn uns Dürer gezeichnet hat, den geharnischten Ritter mit dem erzenen, harten Blicke, der seinen Schreckensweg, unbeirrt durch seine grausen Gefährten, und doch hoffnungslos, allein mit Roß und Hund zu nehmen weiß. Ein solcher Dürerscher Ritter war unser Schopenhauer: ihm fehlte jede Hoffnung, aber er wollte die Wahrheit. Es gibt nicht seinesgleichen. –
Let none seek to stunt our belief in an impending rebirth of Hellenic antiquity, for in it alone we find our hope for a renewal and purification of the German spirit through the fiery magic of music. What else could we name that might awaken any comforting expectation for the future amid the desolation and exhaustion of contemporary culture? In vain we search for a single vigorously branching root, for a speck of fertile and wholesome soil: everywhere dust, sand, petrifaction, languishing. Here a disconsolate solitary could choose no better symbol than Dürer's Knight with Death and Devil — the armored knight with the steely, unyielding gaze who knows how to pursue his terrible path, undeterred by his gruesome companions, yet hopeless, alone with horse and hound. Such a Düreresque knight was our Schopenhauer: he lacked all hope, yet he willed truth. There is none like him. —
Aber wie verändert sich plötzlich jene eben so düster geschilderte Wildnis unserer ermüdeten Kultur, wenn sie der dionysische Zauber berührt! Ein Sturmwind packt alles Abgelebte, Morsche, zerbrochne, Verkümmerte, hüllt es wirbelnd in eine rote Staubwolke und trägt es wie ein Geier in die Lüfte. Verwirrt suchen unsere Blicke nach dem Entschwundenen: denn was sie sehen, ist wie aus einer Versenkung ans goldne Licht gestiegen, so voll und grün, so üppig lebendig, so sehnsuchtsvoll unermeßlich. Die Tragödie sitzt inmitten dieses Überflusses an Leben, Leid und Lust, in erhabener Entzückung, sie horcht einem fernen schwermütigen Gesange - er erzählt von den Müttern des Seins, deren Namen lauten: Wahn, Wille, Wehe. - Ja, meine Freunde, glaubt mit mir an das dionysische Leben und an die Wiedergeburt der Tragödie. Die Zeit des sokratischen Menschen ist vorüber: kränzt euch mit Epheu, nehmt den Thyrsusstab zur Hand und wundert euch nicht, wenn Tiger und Panther sich schmeichelnd zu euren Knien niederlegen. Jetzt wagt es nur, tragische Menschen zu sein: denn ihr sollt erlöst werden. Ihr sollt den dionysischen Festzug von Indien nach Griechenland geleiten! Rüstet euch zu hartem Streite, aber glaubt an die Wunder eures Gottes!
But how suddenly that wilderness of our jaded culture, so gloomily portrayed, transforms when touched by the Dionysian magic! A tempest seizes all that is decayed, rotten, shattered, and stunted, whirls it aloft in a crimson cloud of dust and carries it like a vulture into the ether. Confounded, our eyes seek what has vanished: for what they behold has risen as if from a chasm into golden radiance — so full and verdant, so voluptuously alive, so yearningly boundless. Tragedy sits amid this superabundance of life, suffering, and joy in sublime ecstasy, listening to a distant melancholy song — it speaks of the Mothers of Being, whose names are Delusion, Will, Woe. — Yes, my friends, believe with me in Dionysian life and the rebirth of tragedy. The age of Socratic man is past: crown yourselves with ivy, take up the thyrsus staff, and marvel not when tigers and panthers lie down fawning at your knees. Now dare to be tragic people, for you shall be redeemed. You shall guide the Dionysian procession from India to Greece! Gird yourselves for fierce strife, but have faith in the miracles of your god!
21
21
Von diesen exhortativen Tönen in die Stimmung zurückgleitend, die dem Beschaulichen geziemt, wiederhole ich, daß nur von den Griechen gelernt werden kann, was ein solches wundergleiches plötzliches Aufwachen der Tragödie für den innersten Lebensgrund eines Volkes zu bedeuten hat. Es ist das Volk der tragischen Mysterien, das die Perserschlachten schlägt: und wiederum braucht das Volk, das jene Kriege geführt hat, die Tragödie als notwendigen Genesungstrank. Wer würde gerade bei diesem Volke, nachdem es durch mehrere Generationen von den stärksten Zuckungen des dionysischen Dämon bis ins Innerste erregt wurde, noch einen so gleichmäßig kräftigen Erguß des einfachsten politischen Gefühls, der natürlichsten Heimatsinstinkte, der ursprünglichen männlichen Kampflust vermuten? Ist es doch bei jedem bedeutenden Umsichgreifen dionysischer Erregungen immer zu spüren, wie die dionysische Lösung von den Fesseln des Individuums sich am allerersten in einer bis zur Gleichgültigkeit, ja Feindseligkeit gesteigerten Beeinträchtigung der politischen Instinkte fühlbar macht, so gewiß andererseits der staatenbildende Apollo auch der Genius des principii individuationis ist, und Staat und Heimatsinn nicht ohne Bejahung der individuellen Persönlichkeit leben können. Von dem Orgiasmus aus führt für ein Volk nur ein Weg, der Weg zum indischen Buddhaismus, der, um überhaupt mit seiner Sehnsucht ins Nichts ertragen zu werden, jener seltnen ekstatischen Zustände mit ihrer Erhebung über Raum, Zeit und Individuum bedarf: wie diese wiederum eine Philosophie fordern, die es lehrt, die unbeschreibliche Unlust der Zwischenzustände durch eine Vorstellung zu überwinden. Ebenso notwendig gerät ein Volk, von der unbedingten Geltung der politischen Triebe aus, in eine Bahn äußerster Verweltlichung, deren großartigster, aber auch erschrecklichster Ausdruck das römische imperium ist.
Gliding back from these hortatory tones into the mood befitting the contemplative, I reiterate that only from the Greeks can we learn what such a miraculous sudden awakening of tragedy signifies for the innermost life-ground of a people. It is the nation of tragic mysteries that wages the Persian Wars; and conversely, the people who fought those wars required tragedy as an indispensable restorative draught. Who would suspect that in this very people, after generations had been profoundly agitated to their core by the most violent convulsions of the Dionysian demon, there still persisted an uniformly vigorous effusion of the most elementary political sentiment, primordial homely instincts, and original masculine combativeness? Wherever Dionysian excitation spreads significantly, we always perceive how the Dionysian liberation from individual fetters first manifests itself through an intensification reaching indifference—nay, hostility—toward political instincts, just as the state-forming Apollo is conversely the genius of the principii individuationis, recognizing that neither state nor homeland can subsist without affirmation of individual personality. From orgiastic ecstasy, there is for a people only one path: the path to Indian Buddhism, which—to endure its longing for nothingness—requires those rare ecstatic states lifting one above space, time, and individuality, just as these states in turn demand a philosophy that overcomes the indescribable unease of intermediate conditions through conceptual mastery. Equally inevitable is that a people proceeding from the unconditional validity of political drives enters a trajectory of extreme secularization, whose grandest yet most terrifying expression is the Roman imperium.
Zwischen Indien und Rom hingestellt und zu verführerischer Wahl gedrängt, ist es den Griechen gelungen, in klassischer Reinheit eine dritte Form hinzuzuerfinden, freilich nicht zu langem eigenen Gebrauche aber eben darum für die Unsterblichkeit. Denn daß die Lieblinge der Götter früh sterben, gilt in allen Dingen, aber ebenso gewiß, daß sie mit den Göttern dann ewig leben. Man verlange doch von dem Alleredelsten nicht, daß es die haltbare Zähigkeit des Leders habe, die derbe Dauerhaftigkeit, wie sie z.B. dem römischen Nationaltriebe zu eigen war, gehört wahrscheinlich nicht zu den notwendigen Prädikaten der Vollkommenheit. Wenn wir aber fragen, mit welchem Heilmittel es den Griechen ermöglicht war, in ihrer großen Zeit, bei der außerordentlichen Stärke ihrer dionysischen und politischen Triebe, weder durch ein ekstatisches Brüten, noch durch ein verzehrendes Haschen nach Weltmacht und Weltehre sich zu erschöpfen, sondern jene herrliche Mischung zu erreichen, wie sie ein edler, zugleich befeuernder und beschaulich stimmender Wein hat, so müssen wir der ungeheuren, das ganze Volksleben erregenden, reinigenden und entladenden Gewalt der Tragödie eingedenk sein; deren höchsten Wert wir erst ahnen werden, wenn sie uns, wie bei den Griechen, als Inbegriff aller prophylaktischen Heilkräfte, als die zwischen den stärksten und an sich verhängnisvollsten Eigenschaften des Volkes waltende Mittlerin entgegentritt.
Placed between India and Rome and compelled to make a seductive choice, the Greeks succeeded in classically pure fashion to invent a third form—admittedly not for prolonged use, yet precisely thereby for immortality. That the gods' favorites die young holds true in all things; but equally certain is that they then live eternally with the gods. Let no one demand from the most noble that it possess leathern toughness and coarse durability, such as characterized the Roman national impulse—qualities likely extraneous to perfection's predicates. Yet if we inquire by what remedy the Greeks in their great epoch, amid extraordinary Dionysian and political drives, avoided exhaustion through either ecstatic brooding or consuming lust for worldly power and honor, achieving instead that splendid blend akin to noble wine that simultaneously enflames and sobers contemplation—we must recall the tremendous tragedy-stimulated force that agitated, purified, and discharged the entire national life. We shall only divine tragedy's supreme value when it appears to us, as to the Greeks, as the epitome of all prophylactic healing powers: the mediating force presiding between a people's mightiest and most fatally predisposed qualities.
Die Tragödie saugt den höchsten Musikorgiasmus in sich hinein, so daß sie geradezu die Musik, bei den Griechen wie bei uns, zur Vollendung bringt, stellt dann aber den tragischen Mythus und den tragischen Helden daneben, der dann, einem mächtigen Titanen gleich, die ganze dionysische Welt auf seinen Rücken nimmt und uns davon entlastet: während sie andrerseits durch denselben tragischen Mythus, in der Person des tragischen Helden, von dem gierigen Drange nach diesem Dasein zu erlösen weiß und mit mahnender Hand an ein anderes sein und an eine höhere Lust erinnert, zu welcher der kämpfende Held durch seinen Untergang, nicht durch seine Siege, sich ahnungsvoll vorbereitet. Die Tragödie stellt zwischen die universale Geltung ihrer Musik und den dionysisch empfänglichen Zuhörer ein erhabenes Gleichnis, den Mythus, und erweckt bei jenem den Schein, als ob die Musik nur ein höchstes Darstellungsmittel zur Belebung der plastischen Welt des Mythus sei. Dieser edlen Täuschung vertrauend darf sie jetzt ihre Glieder zum dithyrambischen Tanze bewegen und sich unbedenklich einem orgiastischen Gefühle der Freiheit hingeben, in welchem sie als Musik an sich, ohne jene Täuschung, nicht zu schwelgen wagen dürfte. Der Mythus schützt uns vor der Musik, wie er ihr andrerseits erst die höchste Freiheit gibt. Dafür verleiht die Musik, als Gegengeschenk, dem tragischen Mythus eine so eindringliche und überzeugende metaphysische Bedeutsamkeit, wie sie Wort und Bild, ohne jene einzige Hilfe, nie zu erreichen vermögen; und insbesondere überkommt durch sie den tragischen Zuschauer gerade jenes sichere Vorgefühl einer höchsten Lust, zu der der Weg durch Untergang und Verneinung führt, so daß er zu hören meint, als ob der innerste Abgrund der Dinge zu ihm vernehmlich spräche.
Tragedy absorbs the highest musical orgiasm into itself, thereby bringing music—for Greeks as for us—to completion, while juxtaposing the tragic myth and tragic hero who, like a mighty Titan, shoulders the entire Dionysian world to relieve us of its burden. Conversely, through this same tragic myth, embodied in the tragic hero, tragedy redeems us from the greedy craving for existence and with admonitory gesture reminds us of another being and higher delight, for which the struggling hero prepares himself through presentiment—not through victories, but through his demise. Between music's universal validity and the Dionysian-receptive listener, tragedy interposes a sublime metaphor: the myth. Hereby it kindles the illusion that music serves merely as the supreme means for vivifying the myth's plastic world. Trusting this noble deception, tragedy may now sway its limbs in dithyrambic dance and abandon itself unreservedly to orgiastic feelings of freedom—indulgences it would not dare risk were it music alone, unmediated by myth. The myth shields us from the music, even as it grants the latter its highest freedom. In return, music bestows upon the tragic myth—as reciprocal tribute—a metaphysical urgency and persuasiveness unattainable by word and image unaided. Through music, above all, the tragic spectator is overcome by that certain presentiment of highest delight attained through destruction and negation, so that he fancies the innermost abyss of things speaks audibly to him.
Habe ich dieser schwierigen Vorstellung mit den letzten Sätzen vielleicht nur einen vorläufigen, für wenige sofort verständlichen Ausdruck zu geben vermocht, so darf ich gerade an dieser Stelle nicht ablassen, meine Freunde zu einem nochmaligen Versuche anzureizen und sie zu bitten, an einem einzelnen Beispiele unsrer gemeinsamen Erfahrung sich für die Erkenntnis des allgemeinen Satzes vorzubereiten. Bei diesem Beispiele darf ich mich nicht auf jene beziehn, welche die Bilder der szenischen Vorgänge, die Worte und Affekte der handelnden Personen benutzen, um sich mit dieser Hilfe der Musikempfindung anzunähern; denn diese alle reden nicht Musik als Muttersprache und kommen auch, trotz jener Hilfe, nicht weiter als in die Vorhallen der Musikperzeption, ohne je deren innerste Heiligtümer berühren zu dürfen; manche von diesen, wie Gervinus, gelangen auf diesem Wege nicht einmal in die Vorhallen. Sondern nur an diejenigen habe ich mich zu wenden, die unmittelbar verwandt mit der Musik, in ihr gleichsam ihren Mutterschoß haben und mit den Dingen fast nur durch unbewußte Musikrelationen in Verbindung stehen. An diese echten Musiker richte ich die Frage, ob sie sich einen Menschen denken können, der den dritten Akt von »Tristan und Isolde« ohne alle Beihilfe von Wort und Bild, rein als ungeheuren symphonischen Satz zu perzipieren imstande wäre, ohne unter einem krampfartigen Ausspannen aller Seelenflügel zu veratmen? Ein Mensch, der wie hier das Ohr gleichsam an die Herzkammer des Weltwillens gelegt hat, der das rasende Begehren zum Dasein als donnernden Strom oder als zartesten zerstäubten Bach von hier aus in alle Adern der Welt sich ergießen fühlt, er sollte nicht jählings zerbrechen? Er sollte es ertragen, in der elenden gläsernen Hülle des menschlichen Individuums, den Widerklang zahlloser Lust- und Weherufe aus dem »weiten Raum der Weltennacht« zu vernehmen, ohne bei diesem Hirtenreigen der Metaphysik sich seiner Urheimat unaufhaltsam zuzuflüchten. Wenn aber doch ein solches Werk als Ganzes perzipiert werden kann, ohne Verneinung der Individualexistenz, wenn eine solche Schöpfung geschaffen werden konnte, ohne ihren Schöpfer zu zerschmettern - woher nehmen wir die Lösung eines solchen Widerspruches?
If in these last sentences I have perhaps only provisionally articulated this difficult conception in terms immediately comprehensible to few, I may not here abandon the effort to stir my friends to a renewed attempt and to prepare them through a singular instance of our shared experience for insight into this universal proposition. For this example, I shall not invoke those who employ the scenic images of action, the words and affects of dramatic personae as aids to approximate musical perception; for such individuals speak not music as their mother tongue and, despite such scaffolding, never advance beyond the vestibules of musical perception without ever touching its innermost sanctuaries. Some among them, like Gervinus, do not even reach the vestibules by this path. Rather, I must address myself solely to those immediately akin to music, who have their primal abode in its maternal womb and relate to things almost exclusively through unconscious musical affinities. To these authentic musicians I pose the question: Can they conceive a human being capable of perceiving the third act of Tristan und Isolde purely as an immense symphonic movement - without the crutch of word or image - without expiring beneath the convulsive tension of every soul's pinions? A man who has pressed his ear, as it were, against the heart-chamber of the cosmic Will, feeling the furious craving for existence pour forth from this source as a thundering torrent or as the finest atomized spray through all the world's arteries - should such a man not shatter instantly? Could he endure, within the wretched glass capsule of human individuality, to hear echoed the countless cries of rapture and anguish from the "wide spaces of cosmic night" without fleeing inexorably toward his primal home amidst this metaphysical shepherd's dance? Yet if such a work can indeed be perceived as a totality without negating individual existence, if such a creation could be forged without annihilating its creator - whence do we derive resolution for this contradiction?
Hier drängt sich zwischen unsre höchste Musikerregung und jene Musik der tragische Mythus und der tragische Held, im Grunde nur als Gleichnis der alleruniversalsten Tatsachen, von denen allein die Musik auf direktem Wege reden kann. Als Gleichnis würde nun aber der Mythus, wenn wir als rein dionysische Wesen empfänden, gänzlich wirkungslos und unbeachtet neben uns stehen bleiben und uns keinen Augenblick abwendig davon machen, unser Ohr dem Widerklang der universalia ante rem zu bieten. Hier bricht jedoch die apollinische Kraft, auf Wiederherstellung des fast zersprengten Individuums gerichtet, mit dem Heilbalsam einer wonnevollen Täuschung hervor: plötzlich glauben wir nur noch Tristan zu sehen, wie er bewegungslos und dumpf sich fragt: »die alte Weise was weckt sie mich? « Und was uns früher wie ein hohles Seufzen aus dem Mittelpunkte des Seins anmutete, das will uns jetzt nur sagen, wie »öd und leer das Meer«. Und wo wir atemlos zu erlöschen wähnten, im krampfartigen Sichausrecken aller Gefühle, und nur ein weniges uns mit dieser Existenz zusammenknüpfte, hören und sehen wir jetzt nur den zum Tode verwundeten und doch nicht sterbenden Helden, mit seinem verzweiflungsvollen Rufe: »Sehnen! Sehnen! Im Sterben mich zu sehnen, vor Sehnsucht nicht zu sterben!« Und wenn früher der Jubel des Horns nach solchem Übermaß und solcher Überzahl verzehrender Qualen fast wie der Qualen höchste uns das Herz zerschnitt, so steht jetzt zwischen uns und diesem »Jubel an sich« der jauchzende Kurwenal, dem Schiffe, das Isolden trägt, zugewandt. So gewaltig auch das Mitleiden in uns hineingreift, in einem gewissen Sinne rettet uns doch das Mit leiden vor dem Urleiden der Welt, wie das Gleichnisbild des Mythus uns vor dem unmittelbaren Anschauen der höchsten Weltidee, wie der Gedanke und das Wort uns vor dem ungedämmten Ergusse des unbewußten Willens rettet. Durch jene herrliche apollinische Täuschung dünkt es uns, als ob uns selbst das Tonreich wie eine plastische Welt gegenüberträte, als ob auch in ihr nur Tristans und Isoldens Schicksal wie in einem allerzartesten und ausdrucksfähigsten Stoffe, geformt und bildnerisch ausgeprägt worden sei.
Here the tragic myth and tragic hero interpose themselves between our supreme musical excitation and this music - fundamentally serving as mere metaphors for those most universal truths which music alone may address directly. Yet were we to apprehend ourselves as purely Dionysian beings, this mythical metaphor would stand utterly ineffectual and disregarded beside us, never diverting our ears from the reverberation of the universalia ante rem. But now the Apollinian power breaks forth, intent upon restoring the nearly shattered individual through the healing balm of a blissful illusion: suddenly we believe ourselves to see only Tristan, motionless and dully asking, "The ancient melody - why does it wake me?" What earlier seemed a hollow sigh from existence's core now merely tells us "how desolate and empty lies the sea." Where we fancied ourselves expiring breathlessly in the convulsive stretching of every nerve, barely tethered to existence, we now hear and see only the death-wounded yet undying hero crying despairingly: "Longing! Longing! In death to long, yet not to die of longing!" Though the horn's jubilation after such excess of consuming agony once lacerated our hearts as the supreme torment, now Kurwenal's exultation stands between us and this "jubilation in itself" as he faces the ship bearing Isolde. However profoundly compassion seizes us, in a certain sense this very compassion saves us from the primordial suffering of the world, just as the mythic metaphor shields us from direct vision of the cosmic Idea, as thought and word rescue us from the undammed outpouring of unconscious Will. Through that splendid Apollinian illusion, the realm of sound appears to confront us as a plastic world, as if even here the fate of Tristan and Isolde had been molded and sculpted from the most delicate and expressive material.
So entreißt uns das Apollinische der dionysischen Allgemeinheit und entzückt uns für die Individuen; an diese fesselt es unsre Mitleidserregung, durch diese befriedigt es den nach großen und erhabenen Formen lechzenden Schönheitssinn; es führt an uns Lebensbilder vorbei und reizt uns zu gedankenhaftem Erfassen des in ihnen enthaltenen Lebenskernes. Mit der ungeheuren Wucht des Bildes, des Begriffs, der ethischen Lehre, der sympathischen Erregung reißt das Apollinische den Menschen aus seiner orgiastischen Selbstvernichtung empor und täuscht ihn über die Allgemeinheit des dionysischen Vorganges hinweg zu dem Wahne, daß er ein einzelnes Weltbild, z.B. Tristan und Isolde, sehe und es durch die Musik, nur noch besser und innerlicher sehen solle. Was vermag nicht der heilkundige Zauber des Apollo, wenn er selbst in uns die Täuschung aufregen kann, als ob wirklich das Dionysische, im Dienste des Apollinischen, dessen Wirkungen zu steigern vermöchte, ja als ob die Musik sogar wesentlich Darstellungskunst für einen apollinischen Inhalt sei?
Thus the Apollinian wrests us from Dionysian universality and enchants us with individuals; through these it binds our compassionate emotions; through these it satisfies the aesthetic sense thirsting for great and sublime forms. It parades life-images before us and provokes conceptual grasping of their vital essence. With the colossal force of image, concept, ethical doctrine, and sympathetic excitation, the Apollinian tears man from his orgiastic self-annihilation and deludes him into believing he beholds a singular cosmic image - Tristan und Isolde, for instance - which through music he should perceive yet more intensely and inwardly. What cannot the therapeutic magic of Apollo achieve when it can arouse in us the illusion that the Dionysian actually serves to intensify Apollinian effects - that music is essentially representational art for an Apollinian content?
Bei jener prästabilierten Harmonie, die zwischen dem vollendeten Drama und seiner Musik waltet, erreicht das Drama einen höchsten, für das Wortdrama sonst unzugänglichen Grad von Schaubarkeit. Wie alle lebendigen Gestalten der Szene in den selbständig bewegten Melodienlinien sich zur Deutlichkeit der geschwungenen Linie vor uns vereinfachen, ertönt uns das Nebeneinander dieser Linien in dem mit dem bewegten Vorgange auf zarteste Weise sympathisierenden Harmonienwechsel: durch welchen uns die Relationen der Dinge in sinnlich wahrnehmbarer, keinesfalls abstrakter Weise, unmittelbar vernehmbar werden, wie wir gleichfalls durch ihn erkennen, daß erst in diesen Relationen das Wesen eines Charakters und einer Melodienlinie sich rein offenbare. Und während uns so die Musik zwingt, mehr und innerlicher als sonst zu sehen und den Vorgang der Szene wie ein zartes Gespinst vor uns auszubreiten, ist für unser vergeistigtes, ins Innere blickende Auge die Welt der Bühne ebenso unendlich erweitert als von innen heraus erleuchtet. Was vermöchte der Wortdichter Analoges zu bieten, der mit einem viel vollkommneren Mechanismus, auf indirektem Wege, vom Wort und vom Begriff aus, jene innerliche Erweiterung der schaubaren Bühnenwelt und ihre innere Erleuchtung zu erreichen sich abmüht? Nimmt nun zwar auch die musikalische Tragödie das Wort hinzu, so kann sie doch zugleich den Untergrund und die Geburtsstätte des Wortes danebenstellen und uns das Werden des Wortes, von innen heraus, verdeutlichen.
Through that preestablished harmony governing the perfected drama and its music, drama attains the supreme degree of visibility otherwise unattainable for verbal drama. As all living forms of the stage simplify themselves before us into the clarity of undulating melodic lines through their self-propelled movement in independent melodic contours, their simultaneity resounds to us through harmonic transitions that sympathetically vibrate with the action's motion - transitions through which the relations of things become immediately apprehensible in sensuously perceptible rather than abstract form, and through which we likewise perceive that it is precisely in these relations that the essence of a character and melodic line reveals itself most purely. While music thus compels us to see more profoundly and inwardly than usual, spreading the dramatic action before us like delicate tissue, our spiritualized gaze simultaneously finds the stage-world infinitely expanded yet illuminated from within. What comparable effect could the verbal poet achieve, who strives through a far more perfected mechanism - working indirectly via words and concepts - to attain this interior expansion and illumination of the visible dramatic world? Though musical tragedy indeed incorporates words, it simultaneously lays bare the substratum and birthplace of language, rendering the genesis of words transparent from within.
Aber von diesem geschilderten Vorgang wäre doch ebenso bestimmt zu sagen, daß er nur ein herrlicher Schein, nämlich jene vorhin erwähnte appolinische Täuschung sei, durch deren Wirkung wir von dem dionysischen Andrange und Übermaße entlastet werden sollen. Im Grunde ist ja das Verhältnis der Musik zum Drama gerade das um gekehrte: die Musik ist die eigentliche Idee der Welt, das Drama nur ein Abglanz dieser Idee, ein vereinzeltes Schattenbild derselben. Jene Identität zwischen der Melodienlinie und der lebendigen Gestalt, zwischen der Harmonie und den Charakterrelationen jener Gestalt ist in einem entgegengesetzten Sinne wahr, als es uns, beim Anschaun der musikalischen Tragödie, dünken möchte. Wir mögen die Gestalt uns auf das sichtbarste bewegen, beleben und von innen heraus beleuchten, sie bleibt immer nur die Erscheinung, von der es keine Brücke gibt, die in die wahre Realität, ins Herz der Welt führte. Aus diesem Herzen heraus aber redet die Musik; und zahllose Erscheinungen jener Art dürften an der gleichen Musik vorüberziehn, sie würden nie das Wesen derselben erschöpfen, sondern immer nur ihre veräußerlichten Abbilder sein. Mit dem populären und gänzlich falschen Gegensatz von Seele und Körper ist freilich für das schwierige Verhältnis von Musik und Drama nichts zu erklären und alles zu verwirren; aber die unphilosophische Rohheit jenes Gegensatzes scheint gerade bei unseren Ästhetikern, wer weiß aus welchen Gründen, zu einem gern bekannten Glaubensartikel geworden zu sein, während sie über einen Gegensatz der Erscheinung und des Dinges an sich nichts gelernt haben oder, aus ebenfalls unbekannten Gründen, nichts lernen mochten.
Yet this described process must equally be characterized as a glorious semblance - that Apollonian illusion previously mentioned - through whose effect we are to be relieved from the Dionysian onslaught and excess. In truth, the relation between music and drama is precisely inverted: music constitutes the authentic Idea of the world, drama merely a reflection of this Idea, an isolated shadow-image thereof. The identity between melodic contour and living form, between harmony and the relational characteristics of that form, operates in a sense diametrically opposed to what we imagine while contemplating musical tragedy. However vividly we perceive the form's animation and inner illumination, it remains mere appearance through which no bridge leads to the true reality, the world's primal heart. From this heart alone does music speak; innumerable such appearances might pass before the selfsame music, never exhausting its essence but forever remaining externalized copies. The vulgar and utterly false dualism of soul and body explains nothing about music's intricate relation to drama, serving only to confound; yet this unphilosophical crudity has become, for reasons obscure, a cherished article of faith among our aestheticians, who have learned nothing of the distinction between appearance and thing-in-itself - or perhaps, again for unfathomable reasons, refuse to learn.
Sollte es sich bei unserer Analysis ergeben haben, daß das Apollinische in der Tragödie durch seine Täuschung völlig den Sieg über das dionysische Urelement der Musik davongetragen und sich diese zu ihren Absichten, nämlich zu einer höchsten Verdeutlichung des Dramas, nutzbar gemacht habe, so wäre freilich eine sehr wichtige Einschränkung hinzuzufügen: in dem allerwesentlichsten Punkte ist jene apollinische Täuschung durchbrochen und vernichtet. Das Drama, das in so innerlich erleuchteter Deutlichkeit aller Bewegungen und Gestalten, mit Hilfe der Musik, sich vor uns ausbreitet, als ob wir das Gewebe am Webstuhl im Auf- und Niederzucken entstehen sehen - erreicht als Ganzes eine Wirkung, die jenseits aller apollinischen Kunstwirkungen liegt. In der Gesamtwirkung der Tragödie erlangt das Dionysische wieder das Übergewicht; sie schließt mit einem Klange, der niemals von dem Reiche der apollinischen Kunst her tönen könnte. Und damit erweist sich die apollinische Täuschung als das, was sie ist, als die während der Dauer der Tragödie anhaltende Umschleierung der eigentlichen dionysischen Wirkung: die doch so mächtig ist, am Schluß das apollinische Drama selbst in eine Sphäre zu drängen, wo es mit dionysischer Weisheit zu reden beginnt und wo es sich selbst und seine apollinische Sichtbarkeit verneint. So wäre wirklich das schwierige Verhältnis des Apollinischen und des Dionysischen in der Tragödie durch einen Bruderbund beider Gottheiten zu symbolisieren: Dionysus redet die Sprache des Apollo, Apollo aber schließlich die Sprache Dionysus: womit das höchste Ziel der Tragödie und der Kunst überhaupt erreicht ist.
Should our analysis suggest that through its illusions the Apollinian in tragedy has achieved complete victory over music's Dionysian primordial element, subjugating it to dramatic clarification's supreme ends, we must nevertheless append a crucial qualification: at the most essential juncture, this Apollinian illusion is ruptured and annihilated. The drama which unfolds before us through music's agency - all movements and forms illuminated with such interior clarity as if we witnessed the fabric's emergence through the loom's rhythmic shuttle - achieves as totality an effect transcending all Apollinian artistic operations. In tragedy's cumulative impact, the Dionysian regains ascendancy; the tragedy concludes with a resonance never to emanate from Apollinian art's domain. Thus the Apollinian illusion reveals itself as that which it truly is: the persistent veiling of authentic Dionysian efficacy throughout tragedy's duration - an efficacy so potent that it ultimately compels Apollinian drama itself into a sphere where it begins speaking Dionysian wisdom, thereby negating both itself and its Apollinian visibility. Thus the intricate Apollinian-Dionysian relation in tragedy may truly be symbolized through the brotherhood of both deities: Dionysus speaks Apollo's language, yet Apollo finally speaks Dionysus' tongue - whereby tragedy's supreme goal, indeed art's ultimate purpose, is consummated.
22
22
Mag der aufmerksame Freund sich die Wirkung einer wahren musikalischen Tragödie rein und unvermischt, nach seinen Erfahrungen, vergegenwärtigen. Ich denke das Phänomen dieser Wirkung nach beiden Seiten hin so beschrieben zu haben, daß er sich seine eignen Erfahrungen jetzt zu deuten wissen wird. Er wird sich nämlich erinnern, wie er, im Hinblick auf den vor ihm sich bewegenden Mythus, zu einer Art von Allwissenheit sich gesteigert fühlte, als ob jetzt die Sehkraft seiner Augen nicht nur eine Flächenkraft sei, sondern ins Innere zu dringen vermöge, und als ob er die Wallungen des Willens, den Kampf der Motive, den anschwellenden Strom der Leidenschaften, jetzt, mit Hilfe der Musik, gleichsam sinnlich sichtbar, wie eine Fülle lebendig bewegter Linien und Figuren vor sich sehe und damit bis in die zartesten Geheimnisse unbewußter Regungen hinabtauchen könne. Während er so einer höchsten Steigerung seiner auf Sichtbarkeit und Verklärung gerichteten Triebe bewußt wird, fühlt er doch ebenso bestimmt, daß diese lange Reihe apollinischer Kunstwirkungen doch nicht jenes beglückte Verharren in willenlosem Anschauen erzeugt, das der Plastiker und der epische Dichter, also die eigentlich apollinischen Künstler, durch ihre Kunstwerke bei ihm hervorbringen: das heißt die in jenem Anschauen erreichte Rechtfertigung der Welt der individuatio, als welche die Spitze und der Inbegriff der apollinischen Kunst ist. Er schaut die verklärte Welt der Bühne und verneint sie doch. Er sieht den tragischen Helden vor sich in epischer Deutlichkeit und Schönheit und erfreut sich doch an seiner Vernichtung. Er begreift bis ins Innerste den Vorgang der Szene und flüchtet sich gern ins Unbegreifliche. Er fühlt die Handlungen des Helden als gerechtfertigt und ist doch noch mehr erhoben, wenn diese Handlungen den Urheber vernichten. Er schaudert vor den Leiden, die den Helden treffen werden, und ahnt doch bei ihnen eine höhere, viel übermächtigere Lust. Er schaut mehr und tiefer als je und wünscht sich doch erblindet. Woher werden wir diese wunderbare Selbstentzweiung, dies Umbrechen der apollinischen Spitze, abzuleiten haben, wenn nicht aus dem dionysischen Zauber, der, zum Schein die apollinischen Regungen aufs höchste reizend, doch noch diesen Überschwang der apollinischen Kraft in seinen Dienst zu zwingen vermag. Der tragische Mythus ist nur zu verstehen als eine Verbildlichung dionysischer Weisheit durch apollinische Kunstmittel; er führt die Welt der Erscheinung an die Grenzen, wo sie sich selbst verneint und wieder in den Schoß der wahren und einzigen Realitäten zurückzuflüchten sucht; wo sie dann, mit Isolden, ihren metaphysischen Schwanengesang also anzustimmen scheint:
Let the attentive friend reconstruct for himself, purely and without admixture, the effect of a true musical tragedy in accordance with his own experience. I believe I have so described this phenomenon in its twofold direction that he may now interpret his own experiences. For he will remember how, in contemplating the myth unfolding before him, he felt himself elevated to a kind of omniscience, as if the visual faculty of his eyes were no longer merely a surface faculty but capable of penetrating into the inwardness of things; as if, through the music, he now sensually perceived the pulsations of the Will, the conflict of motives, the swelling torrent of passions, like a multitude of vividly moving lines and figures before him, and thereby descended into the most delicate secrets of unconscious stirrings. While thus becoming conscious of the supreme intensification of his Apollinian impulses toward visibility and transfiguration, he nevertheless feels with equal certainty that this long series of Apollinian artistic effects does not produce that blissful abiding in will-less contemplation which the plastic artist and epic poet – the pure Apollinian artists – elicit through their works: that is to say, the justification of the world of individuation attained through such contemplation, which constitutes the apex and essence of Apollinian art. He beholds the transfigured world of the stage yet negates it. He sees the tragic hero before him in epic clarity and beauty yet rejoices in his annihilation. He comprehends the action of the scene to its innermost core yet takes refuge gladly in the incomprehensible. He feels the hero's actions as justified yet is still more uplifted when these actions destroy their agent. He shudders at the sufferings awaiting the hero yet anticipates in them a higher, far more overpowering joy. He gazes more deeply and extensively than ever before yet wishes himself struck blind. Whence must we derive this wondrous self-division, this shattering of the Apollinian apex, if not from Dionysian enchantment, which, while ostensibly stimulating the Apollinian impulses to their highest pitch, yet retains the power to subjugate this exuberance of Apollinian force into its service? The tragic myth can be understood only as a symbolization of Dionysian wisdom through Apollinian artistic means: it leads the world of appearance to its limits where it negates itself and seeks to flee back into the womb of the true and only reality – where it then seems to sing its metaphysical swan song with Isolde:
In des Wonnemeeres
In the billowing swell
wogendem Schwall,
of the sea of bliss,
in der Duft-Wellen
in the fragrant wafting
tönendem Schall,
of the murmuring breath,
in des Weltatems
in the heaving All
wehendem All –
of the world's ether –
ertrinken - versinken –
to drown – to sink –
unbewußt - höchste Lust!
unconscious – supreme bliss!
So vergegenwärtigen wir uns, an den Erfahrungen des wahrhaft ästhetischen Zuhörers, den tragischen Künstler selbst, wie er, gleich einer üppigen Gottheit der individuatio, seine Gestalten schafft, in welchem Sinne sein Werk kaum als »Nachahmung der Natur« zu begreifen wäre, - wie dann aber sein ungeheurer dionysischer Trieb diese ganze Welt der Erscheinungen verschlingt, um hinter ihr und durch ihre Vernichtung eine höchste künstlerische Urfreude im Schoße des Ur-Einen ahnen zu lassen. Freilich wissen von dieser Rückkehr zur Urheimat, von dem Bruderbunde der beiden Kunstgottheiten in der Tragödie und von der sowohl apollinischen als dionysischen Erregung des Zuhörers unsere Ästhetiker nichts zu berichten, während sie nicht müde werden, den Kampf des Helden mit dem Schicksal, den Sieg der sittlichen Weltordnung oder eine durch die Tragödie bewirkte Entladung von Affekten als das eigentlich Tragische zu charakterisieren: welche Unverdrossenheit mich auf den Gedanken bringt, sie möchten überhaupt keine ästhetisch erregbaren Menschen sein und beim Anhören der Tragödie vielleicht nur als moralische Wesen in Betracht kommen. Noch nie, seit Aristoteles, ist eine Erklärung der tragischen Wirkung gegeben worden, aus der auf künstlerische Zustände, auf eine ästhetische Tätigkeit der Zuhörer geschlossen werden dürfte. Bald soll Mitleid und Furchtsamkeit durch die ernsten Vorgänge zu einer erleichternden Entladung gedrängt werden, bald sollen wir uns bei dem Sieg guter und edler Prinzipien, bei der Aufopferung des Helden im Sinne einer sittlichen Weltbetrachtung erhoben und begeistert fühlen; und so gewiß ich glaube, daß für zahlreiche Menschen gerade das, und nur das, die Wirkung der Tragödie ist, so deutlich ergibt sich daraus, daß diese alle, samt ihren interpretierenden Ästhetikern, von der Tragödie als einer höchsten Kunst nichts erfahren haben. Jene pathologische Entladung, die Katharsis des Aristoteles, von der die Philologen nicht recht wissen, ob sie unter die medizinischen oder die moralischen Phänomene zu rechnen sei, erinnert an eine merkwürdige Ahnung Goethes. »Ohne ein lebhaftes pathologisches Interesse«, sagt er, »ist es auch mir niemals gelungen, irgendeine tragische Situation zu bearbeiten, und ich habe sie daher lieber vermieden als aufgesucht. Sollte es wohl auch einer von den Vorzügen der Alten gewesen sein, daß das höchste Pathetische auch nur ästhetisches Spiel bei ihnen gewesen wäre, da bei uns die Naturwahrheit mitwirken muß, um ein solches Werk hervorzubringen?« Diese so tiefsinnige letzte Frage dürfen wir jetzt, nach unseren herrlichen Erfahrungen, bejahen, nachdem wir gerade an der musikalischen Tragödie mit Staunen erlebt haben, wie wirklich das höchste Pathetische doch nur ein ästhetisches Spiel sein kann: weshalb wir glauben dürfen, daß erst jetzt das Urphänomen des Tragischen mit einigem Erfolg zu beschreiben ist. Wer jetzt noch nur von jenen stellvertretenden Wirkungen aus außerästhetischen Sphären zu erzählen hat und über den pathologisch-moralischen Prozeß sich nicht hinausgehoben fühlt, mag nur an seiner ästhetischen Natur verzweifeln: wogegen wir ihm die Interpretation Shakespeares nach der Manier des Gervinus und das fleißige Aufspüren der »poetischen Gerechtigkeit« als unschuldigen Ersatz anempfehlen.
Thus, through the experiences of the truly aesthetic listener, we come to understand the tragic artist himself as he creates his figures like some prodigious divinity of individuation – creations which can scarcely be grasped as "imitations of nature" – and as his tremendous Dionysian impulse then devours this entire world of appearances, allowing us to divine through its annihilation a supreme primordial artistic joy in the bosom of the Primal Unity. Of course, our aestheticians have nothing to report concerning this return to the primal home, this fraternal alliance of the two art-deities in tragedy, or concerning the Apollinian and Dionysian excitation of the listener. Yet they never tire of characterizing the hero's struggle with fate, the triumph of the moral world order, or the discharge of affects through tragedy as the essence of the tragic – a persistence that makes me think they might not be aesthetically sensitive beings at all, but merely approach tragedy as moral creatures. Since Aristotle, there has never been an explanation of tragic effect from which one could infer artistic states or an aesthetic activity in the listener. Sometimes the serious action is said to drive pity and fear toward a relieving discharge; sometimes we are supposed to feel elevated and inspired by the victory of noble principles, by the hero's sacrifice in the interest of a moral worldview. However firmly I believe that precisely this – and only this – constitutes the tragic effect for countless individuals, it clearly demonstrates that all such people, along with their interpreting aestheticians, have experienced nothing of tragedy as supreme art. That pathological discharge, the catharsis of Aristotle, about which philologists cannot quite decide whether it belongs to medical or moral phenomena, recalls a remarkable presentiment of Goethe's: "Without a vivid pathological interest," he says, "I have never succeeded in elaborating any tragic situation, and thus have preferred to avoid rather than seek them out. Could it perhaps have been among the excellences of the ancients that even the supreme pathos was for them merely aesthetic play, whereas with us the natural truth must co-operate to produce such a work?" This profoundly insightful final question we may now affirm after our glorious experiences, having to our astonishment recognized through musical tragedy that the supreme pathos can indeed be merely aesthetic play. Hence we may believe we are now first able to describe with some success the primordial phenomenon of the tragic. Let those who persist in speaking only of substitute effects from extra-aesthetic spheres and who do not feel elevated beyond the pathological-moral process despair of their aesthetic nature – to whom we might recommend the interpretation of Shakespeare according to Gervinus' method and the diligent tracking of "poetic justice" as an innocent substitute.
So ist mit der Wiedergeburt der Tragödie auch der ästhetische Zuhörer wieder geboren, an dessen Stelle bisher in den Theaterräumen ein seltsames Quidproquo, mit halb moralischen und halb gelehrten Ansprüchen, zu sitzen pflegte, der »Kritiker«. In seiner bisherigen Sphäre war alles künstlich und nur mit einem Scheine des Lebens übertüncht. Der darstellende Künstler wußte in der Tat nicht mehr, was er mit einem solchen, kritisch sich gebärdenden Zuhörer zu beginnen habe und spähte daher, samt dem ihn inspirierenden Dramatiker oder Opernkomponisten, unruhig nach den letzten Resten des Lebens in diesem anspruchsvoll öden und zum Genießen unfähigen Wesen. Aus derartigen »Kritikern« bestand aber bisher das Publikum; der Student, der Schulknabe, ja selbst das harmloseste weibliche Geschöpf war wider sein Wissen bereits durch Erziehung und Journale zu einer gleichen Perzeption eines Kunstwerks vorbereitet. Die edleren Naturen unter den Künstlern rechneten bei einem solchen Publikum auf die Erregung moralisch-religiöser Kräfte, und der Anruf der »sittlichen Weltordnung« trat vikarierend ein, wo eigentlich ein gewaltiger Kunstzauber den echten Zuhörer entzücken sollte. Oder es wurde vom Dramatiker eine großartigere, mindestens aufregende Tendenz der politischen und sozialen Gegenwart so deutlich vorgetragen, daß der Zuhörer seine kritische Erschöpfung vergessen und sich ähnlichen Affekten überlassen konnte, wie in patriotischen oder kriegerischen Momenten, oder vor der Rednerbühne des Parlaments, oder bei der Verurteilung des Verbrechens und des Lasters: welche Entfremdung der eigentlichen Kunstabsichten hier und da geradezu zu einem Kultus der Tendenz führen mußte. Doch hier trat ein, was bei allen erkünstelten Künsten von jeher eingetreten ist, eine reißend schnelle Depravation jener Tendenzen, so daß zum Beispiel die Tendenz, das Theater als Veranstaltung zur moralischen Volksbildung zu verwenden, die zu Schillers Zeit ernsthaft genommen wurde, bereits unter die unglaubwürdigen Antiquitäten einer überwundenen Bildung gerechnet wird.
Thus with the rebirth of tragedy the aesthetic listener is likewise reborn, in place of that curious quid pro quo who until now occupied theater seats under the pretense of half-moral and half-scholarly demands — the "critic." In his former domain, everything was artificial and merely whitewashed with the semblance of life. The performing artist no longer knew what to do with such a listener who postured critically, and thus anxiously sought, along with the dramatist or operatic composer who inspired him, the last remnants of vitality in this pretentiously barren creature incapable of genuine enjoyment. Hitherto, however, such "critics" constituted the audience: even the student, the schoolboy, and the most guileless female creature had already been unwittingly prepared by education and journals to perceive artworks through this critical lens. The nobler natures among artists could only hope to stir moral-religious forces in such an audience, while appeals to the "moral world order" substituted vicariously for what should have been a mighty artistic enchantment captivating the true listener. Or else the dramatist presented some grander — or at least agitating — tendentious stance toward contemporary political and social realities so overtly that the listener forgot his critical exhaustion and surrendered to emotions akin to those felt during patriotic or martial moments, parliamentary oratory, or the condemnation of crime and vice — a divergence from genuine artistic intent that inevitably led here and there to a veritable cult of tendentiousness. Yet what has always occurred with all contrived arts soon followed: a precipitous degeneration of those tendencies. For instance, the aim of employing theater as an instrument for moral popular education — earnestly pursued in Schiller's time — now ranks among the implausible antiquities of an outmoded cultivation.
Während der Kritiker in Theater und Konzert, der Journalist in der Schule, die Presse in der Gesellschaft zur Herrschaft gekommen war, entartete die Kunst zu einem Unterhaltungsobjekt der niedrigsten Art, und die ästhetische Kritik wurde als das Bindemittel einer eitlen, zerstreuten, selbstsüchtigen und überdies ärmlich-unoriginalen Geselligkeit benutzt, deren Sinn jene Schopenhauerische Parabel von den Stachelschweinen zu verstehen gibt; so daß zu keiner Zeit so viel über Kunst geschwatzt und so wenig von der Kunst gehalten worden ist. Kann man aber mit einem Menschen noch verkehren, der imstande ist, sich über Beethoven und Shakespeare zu unterhalten? Mag jeder nach seinem Gefühl diese Frage beantworten: er wird mit der Antwort jedenfalls beweisen, was er sich unter »Bildung« vorstellt, vorausgesetzt, daß er die Frage überhaupt zu beantworten sucht und nicht vor Überraschung bereits verstummt ist.
While critics dominated theaters and concert halls, journalists schools, and the press society, art degenerated into a base amusement, and aesthetic criticism became the adhesive for a vain, distracted, egotistical, and pitifully unoriginal sociability whose essence Schopenhauer's parable of the porcupines elucidates. Never before has there been so much chatter about art alongside so little esteem for it. But can one still converse with someone who presumes to discuss Beethoven and Shakespeare? Let each answer according to his conscience — his reply will in any case reveal what he understands by "culture," provided he attempts an answer at all rather than gaping in mute astonishment.
Dagegen dürfte mancher edler und zarter von der Natur Befähigte, ob er gleich in der geschilderten Weise allmählich zum kritischen Barbaren geworden war, von einer ebenso unerwarteten als gänzlich unverständlichen Wirkung zu erzählen haben, die etwa eine glücklich gelungene Lohengrinaufführung auf ihn ausübte: nur daß ihm vielleicht jede Hand fehlte, die ihn mahnend und deutend anfaßte, so daß auch jene unbegreiflich verschiedenartige und durchaus unvergleichliche Empfindung, die ihn damals erschütterte, vereinzelt blieb und wie ein rätselhaftes Gestirn nach kurzem Leuchten erlosch. Damals hatte er geahnt, was der ästhetische Zuhörer ist.
On the other hand, many a nobler and more delicately endowed soul, though gradually transformed into the critical barbarian we have described, might recount how a superlative performance of Lohengrin affected him with an utterly unexpected and incomprehensible power — though lacking any guiding hand to interpret these portents, that uniquely heterogeneous and incomparable sensation which once shook him remained isolated, vanishing like an enigmatic star after a brief luminous display. Yet in that moment he had intimations of what the aesthetic listener truly is.
23
23
Wer recht genau sich selber prüfen will, wie sehr er dem wahren ästhetischen Zuhörer verwandt ist oder zur Gemeinschaft der sokratisch-kritischen Menschen gehört, der mag sich nur aufrichtig nach der Empfindung fragen, mit der er das auf der Bühne dargestellte Wunder empfängt: ob er etwa dabei seinen historischen, auf strenge psychologische Kausalität gerichteten Sinn beleidigt fühlt, ob er mit einer wohlwollenden Konzession gleichsam das Wunder als ein der Kindheit verständliches, ihm entfremdetes Phänomen zuläßt, oder ob er irgend etwas anderes dabei erleidet. Daran nämlich wird er messen können, wieweit er überhaupt befähigt ist, den Mythus, das zusammengezogene Weltbild, zu verstehen, der, als Abbreviatur der Erscheinung, das Wunder nicht entbehren kann. Das Wahrscheinliche ist aber, daß fast jeder, bei strenger Prüfung, sich so durch den kritisch-historischen Geist unserer Bildung zersetzt fühlt, um nur etwa auf gelehrtem Wege, durch vermittelnde Abstraktionen, sich die einstmalige Existenz des Mythus glaublich zu machen. Ohne Mythus aber geht jede Kultur ihrer gesunden schöpferischen Naturkraft verlustig: erst ein mit Mythen umstellter Horizont schließt eine ganze Kulturbewegung zur Einheit ab. Alle Kräfte der Phantasie und des apollinischen Traumes werden erst durch den Mythus aus ihrem wahllosen Herumschweifen gerettet. Die Bilder des Mythus müssen die unbemerkt allgegenwärtigen dämonischen Wächter sein, unter deren Hut die junge Seele heran, wächst, an deren Zeichen der Mann sich sein Leben und seine Kämpfe deutet: und selbst der Staat kennt keine mächtigeren ungeschriebnen Gesetze als das mythische Fundament, das seinen Zusammenhang mit der Religion, sein Herauswachsen aus mythischen Vorstellungen verbürgt.
Let him who would rigorously examine his affinity to the true aesthetic listener or his membership among the Socratic-critical tribe honestly interrogate the sensation with which he receives miracles represented onstage. Does his historically trained mind, oriented toward strict psychological causality, feel affronted? Does he condescendingly permit the miracle as a phenomenon intelligible to children but alien to himself? Or does he experience some other reaction? By this measure he may gauge his capacity to comprehend myth — that concentrated world-image which as an abbreviation of phenomena cannot dispense with the miraculous. Yet in all likelihood, upon rigorous self-examination, nearly everyone will feel so corroded by the critical-historical spirit of our cultivation that only through learned mediation, via abstract reconstructions, could he render credible the former existence of myth. Without myth, however, every culture forfeits its healthy creative natural force: only a horizon circumscribed by myths unifies an entire cultural movement into coherence. The mythic image alone rescues the forces of imagination and Apollinian dream from aimless wandering. The figures of myth must be the omnipresent yet unnoticed demonic guardians under whose tutelage the young soul matures, through whose symbols man interprets his life and struggles. Even the state acknowledges no unwritten laws more potent than the mythical foundation that guarantees its connection to religion and its emergence from mythical conceptions.
Man stelle jetzt daneben den abstrakten, ohne Mythen geleiteten Menschen, die abstrakte Erziehung, die abstrakte Sitte, das abstrakte Recht, den abstrakten Staat: man vergegenwärtige sich das regellose, von keinem heimischen Mythus gezügelte schweifen der künstlerischen Phantasie: man denke sich eine Kultur, die keinen festen und heiligen Ursitz hat, sondern alle Möglichkeiten zu erschöpfen und von allen Kulturen sich kümmerlich zu nähren verurteilt ist - das ist die Gegenwart, als das Resultat jenes auf Vernichtung des Mythus gerichteten Sokratismus. Und nun steht der mythenlose Mensch, ewig hungernd, unter allen Vergangenheiten und sucht grabend und wühlend nach Wurzeln, sei es daß er auch in den entlegensten Altertümern nach ihnen graben müßte. Worauf weist das ungeheure historische Bedürfnis der unbefriedigten modernen Kultur, das Umsichsammeln zahlloser anderer Kulturen, das verzehrende Erkennenwollen, wenn nicht auf den Verlust des Mythus, auf den Verlust der mythischen Heimat, des mythischen Mutterschoßes? Man frage sich, ob das fieberhafte und so unheimliche Sichregen dieser Kultur etwas anderes ist als das gierige Zugreifen und Nach-Nahrung-Haschen des Hungernden - und wer möchte einer solchen Kultur noch etwas geben wollen, die durch alles, was sie verschlingt, nicht zu sättigen ist, und bei deren Berührung sich die kräftigste, heilsamste Nahrung in »Historie und Kritik« zu verwandeln pflegt?
Now juxtapose the abstract human being devoid of mythic guidance, the abstract education, abstract custom, abstract law, abstract state: visualize the unrestrained wandering of artistic imagination unbridled by any indigenous myth; conceive of a culture lacking a fixed and hallowed primal seat, condemned to exhaust all possibilities while subsisting meagerly on borrowed cultures—this is our present age, the fruit of that Socratism intent on myth’s annihilation. Here stands the mythless man, eternally famished, rummaging through all pasts, digging compulsively for roots even in the remotest antiquities. What else does the colossal historical craving of our unsatisfied modern culture signify—this gorging on countless foreign cultures, this devouring urge to know—if not the loss of myth, the loss of the mythical homeland, the mythical maternal womb? Let one ask: Is this feverish and uncanny cultural agitation anything other than the ravenous grasping and scrambling for nourishment by the starved? And who would wish to feed such a culture that remains insatiate despite all it devours, and through whose touch even the most potent sustenance transmutes into “history and critique”?
Man müßte auch an unserem deutschen Wesen schmerzlich verzweifeln, wenn es bereits in gleicher Weise mit seiner Kultur unlösbar verstrickt, ja eins geworden wäre, wie wir das an dem zivilisierten Frankreich zu unserem Entsetzen beobachten können; und das, was lange Zeit der große Vorzug Frankreichs und die Ursache seines ungeheuren Übergewichts war, eben jenes Einssein von Volk und Kultur, dürfte uns, bei diesem Anblick, nötigen, darin das Glück zu preisen, daß diese unsere so fragwürdige Kultur bis jetzt mit dem edlen Kerne unseres Volkscharakters nichts gemein hat. Alle unsere Hoffnungen strecken sich vielmehr sehnsuchtsvoll nach jener Wahrnehmung aus, daß unter diesem unruhig auf und nieder zuckenden Kulturleben und Bildungskrampfe eine herrliche, innerlich gesunde, uralte Kraft verborgen liegt, die freilich nur in ungeheuren Momenten sich gewaltig einmal bewegt und dann wieder einem zukünftigen Erwachen entgegenträumt. Aus diesem Abgrunde ist die deutsche Reformation hervorgewachsen: in deren Choral die Zukunftsweise der deutschen Musik zuerst erklang. So tief, Mutig und Seelenvoll, so überschwänglich gut und zart tönte dieser Choral Luthers, als der erste dionysische Lockruf, der aus dichtverwachsenem Gebüsch, im Nahen des Frühlings, hervordringt. Ihm antwortete in wetteiferndem Widerhall jener weihevoll übermütige Festzug dionysischer Schwärmer, denen wir die deutsche Musik danken - und denen wir die Wiedergeburt des deutschen Mythus danken werden!
We would despair profoundly of the German essence if it had already become inextricably entangled with its culture—as we observe to our horror in civilized France, where the unity of people and culture, long France’s great advantage and source of colossal supremacy, compels us now to count ourselves fortunate that our own questionable culture shares nothing with the noble core of our national character. Rather, all our hopes stretch yearningly toward the perception that beneath this restless cultural convulsion lies concealed a glorious, inwardly sound, primordial force—a force that stirs mightily only in monstrous moments before lapsing again into dreams of future awakenings. From this abyss arose the German Reformation, in whose chorale the future melody of German music first resounded. So deep, courageous, and soulful, so exuberantly good and tender did Luther’s chorale resound—the first Dionysian call emerging from dense thickets at spring’s approach. To it answered, in contrapuntal defiance, that solemnly exuberant procession of Dionysian enthusiasts to whom we owe German music—and to whom we shall owe the rebirth of the German myth!
Ich weiß, daß ich jetzt den teilnehmend folgenden Freund auf einen hochgelegenen Ort einsamer Betrachtungen führen muß, wo er nur wenige Gefährten haben wird, und rufe ihm ermutigend zu, daß wir uns an unseren leuchtenden Führern, den Griechen, festzuhalten haben. Von ihnen haben wir bis jetzt, zur Reinigung unserer ästhetischen Erkenntnis, jene beiden Götterbilder entlehnt, von denen jedes ein gesondertes Kunstreich für sich beherrscht, und über deren gegenseitige Berührung und Steigerung wir durch die griechische Tragödie zu einer Ahnung kamen. Durch ein merkwürdiges Auseinanderreißen beider künstlerischer Urtriebe mußte uns der Untergang der griechischen Tragödie herbeigeführt erscheinen: mit welchem Vorgange eine Degeneration und Umwandlung des griechischen Volkscharakters im Einklang war, uns zu ernstem Nachdenken auffordernd, wie notwendig und eng die Kunst und das Volk, Mythus und Sitte, Tragödie und Staat, in ihren Fundamenten verwachsen sind. Jener Untergang der Tragödie war zugleich der Untergang des Mythus. Bis dahin waren die Griechen unwillkürlich genötigt, alles Erlebte sofort an ihre Mythen anzuknüpfen, ja es nur durch diese Anknüpfung zu begreifen: wodurch auch die nächste Gegenwart ihnen sofort sub specie aeterni und in gewissem Sinne als Zeitlos erscheinen mußte. In diesen Strom des Zeitlosen aber tauchte sich ebenso der Staat wie die Kunst, um in ihm vor der Last und der Gier des Augenblicks Ruhe zu finden. Und gerade nur so viel ist ein Volk - wie übrigens auch ein Mensch - wert, als es auf seine Erlebnisse den Stempel des Ewigen zu drücken vermag: denn damit ist es gleichsam entweltlicht und zeigt seine unbewußte innerliche Überzeugung von der Relativität der Zeit und von der wahren, d.h. der metaphysischen Bedeutung des Lebens. Das Gegenteil davon tritt ein, wenn ein Volk anfängt, sich historisch zu begreifen und die mythischen Bollwerke um sich herum zu zertrümmern: womit gewöhnlich eine entschiedene Verweltlichung, ein Bruch mit der unbewußten Metaphysik seines früheren Daseins, in allen ethischen Konsequenzen, verbunden ist. Die griechische Kunst und vornehmlich die griechische Tragödie hielt vor allem die Vernichtung des Mythus auf: man mußte sie mit vernichten, um, losgelöst von dem heimischen Boden, ungezügelt in der Wildnis des Gedankens, der Sitte und der Tat leben zu können. Auch jetzt noch versucht jener metaphysische Trieb sich eine, wenngleich abgeschwächte Form der Verklärung zu schaffen, in dem zum Leben drängenden Sokratismus der Wissenschaft; aber auf den niederen Stufen führte derselbe Trieb nur zu einem fieberhaften suchen, das sich allmählich in ein Pandämonium überallher zusammengehäufter Mythen und Superstitionen verlor: in dessen Mitte der Hellene dennoch ungestillten Herzens saß, bis er es verstand, mit griechischer Heiterkeit und griechischem Leichtsinn, als Graeculus, jenes Fieber zu maskieren oder in irgendeinem orientalisch dumpfen Aberglauben sich völlig zu betäuben.
I recognize that I must now lead the sympathetically attentive friend to an elevated site of solitary contemplation where few companions shall gather, and I exhort him courageously to cling to our luminous guides—the Greeks. From them we have hitherto borrowed, for the purification of aesthetic insight, those twin divine images governing separate artistic realms, and through whose interplay in Greek tragedy we gained presentiments of their mutual intensification. The rending asunder of these primal artistic impulses brought about the demise of Greek tragedy—a process coinciding with the degeneration and transformation of the Greek national character, urging us to ponder how inextricably art and people, myth and custom, tragedy and state are rooted together. Tragedy’s death was myth’s death. Until then, the Greeks were compelled involuntarily to link all experiences to their myths, indeed to comprehend them only through such linkage—so that even the immediate present appeared sub specie aeterni and in a sense timeless. Into this stream of timelessness both state and art plunged to find respite from the weight and greed of the moment. And a people’s worth—like an individual’s—is measured precisely by its capacity to stamp the seal of eternity upon its experiences; thereby it becomes, as it were, deworlded, manifesting its unconscious inner conviction of time’s relativity and life’s true metaphysical significance. The opposite occurs when a people begins to comprehend itself historically and demolishes the mythic fortifications encircling it: here emerges a decisive secularization, a rupture with the unconscious metaphysics of its prior existence, carrying all ethical consequences. Greek art—above all Greek tragedy—forestalled myth’s annihilation: to live untethered from native soil, recklessly in thought’s wilderness, required myth’s destruction. Even now, that metaphysical impulse seeks a weakened form of transfiguration in the life-affirming Socratism of science; but on lower levels, the same drive led only to feverish questing that gradually dissolved into a pandemonium of accumulated myths and superstitions—amid which the Greek sat with unappeased heart until he learned to mask this fever with Hellenic serenity (as Graeculus) or stupefy himself utterly in some Oriental miasma of superstition.
Diesem Zustande haben wir uns, seit der Wiedererweckung des alexandrinisch-römischen Altertums im fünfzehnten Jahrhundert, nach einem langen schwer zu beschreibenden Zwischenakte, in der auffälligsten Weise angenähert. Auf den Höhen dieselbe überreiche Wissenslust, dasselbe ungesättigte Finderglück, diese ungeheure Verweltlichung, daneben ein heimatloses Herumschweifen, ein gieriges Sichdrängen an fremde Tische, eine leichtsinnige Vergötterung der Gegenwart oder stumpf betäubte Abkehr, alles sub specie saeculi, der »Jetztzeit«: welche gleichen Symptome auf einen gleichen Mangel im Herzen dieser Kultur zu raten geben, auf die Vernichtung des Mythus. Es scheint kaum möglich zu sein, mit dauerndem Erfolge einen fremden Mythus überzupflanzen, ohne den Baum durch dieses Überpflanzen heillos zu beschädigen: welcher vielleicht einmal stark und gesund genug ist, jenes fremde Element mit furchtbarem Kampfe wieder auszuscheiden, für gewöhnlich aber siech und verkümmert oder in krampfhaftem Wuchern sich verzehren muß. Wir halten so viel von dem reinen und kräftigen Kerne des deutschen Wesens, daß wir gerade von ihm jene Ausscheidung gewaltsam eingepflanzter fremder Elemente zu erwarten wagen und es für möglich erachten, daß der deutsche Geist sich auf sich selbst zurückbesinnt. Vielleicht wird mancher meinen, jener Geist müsse seinen Kampf mit der Ausscheidung des Romanischen beginnen: wozu er eine äußerliche Vorbereitung und Ermutigung in der siegreichen Tapferkeit und blutigen Glorie des letzten Krieges erkennen dürfte, die innerliche Nötigung aber in dem Wetteifer suchen muß, der erhabenen Vorkämpfer auf dieser Bahn, Luthers ebensowohl als unserer großen Künstler und Dichter, stets wert zu sein. Aber nie möge er glauben, ähnliche Kämpfe ohne seine Hausgötter, ohne seine mythische Heimat, ohne ein »Wiederbringen« aller deutschen Dinge, kämpfen zu können! Und wenn der Deutsche zagend sich nach einem Führer umblicken sollte, der ihn wieder in die längst verlorne Heimat zurückbringe, deren Wege und Stege er kaum mehr kennt - so mag er nur dem wonnig lockenden Rufe des dionysischen Vogels lauschen, der über ihm sich wiegt und ihm den Weg dahin deuten will.
To this condition we have approached in the most striking manner since the revival of Alexandrian-Roman antiquity in the fifteenth century, following a long interlude difficult to describe. On the heights, the same excessive thirst for knowledge, the same insatiable joy in discovery, this immense secularization, alongside a homeless wandering, a greedy crowding at foreign tables, a frivolous deification of the present or a dull stupefied withdrawal—all sub specie saeculi, of the "present age"—these identical symptoms point to an identical deficiency at the heart of this culture: the annihilation of myth. It seems scarcely possible to transplant a foreign myth with lasting success without irreparably damaging the tree through this grafting—a tree perhaps once strong and healthy enough to expel the foreign element through a terrible struggle, but which must ordinarily sicken and dwindle or consume itself in convulsive overgrowth. We hold such profound faith in the pure and vigorous core of the German essence that we dare to expect from it precisely this expulsion of violently implanted foreign elements, deeming it possible for the German spirit to return to itself. Perhaps some may think this spirit must begin its struggle by expelling Romanic elements—for which it might recognize external preparation and encouragement in the victorious valor and sanguinary glory of the recent war, while seeking inner compulsion in the emulation of those sublime pioneers on this path: Luther no less than our great artists and poets. But let it never believe it can wage such battles without its household gods, without its mythical homeland, without a "restoration" of all things German! And should the German timidly glance about for a leader to guide him back to his long-lost homeland, whose paths and trails he barely recognizes—let him but hearken to the blissfully alluring call of the Dionysian bird hovering above him, which seeks to mark his way homeward.
24
24
Wir hatten unter den eigentümlichen Kunstwirkungen der musikalischen Tragödie eine apollinische Täuschung hervorzuheben, durch die wir vor dem unmittelbaren Einssein mit der dionysischen Musik gerettet werden sollen, während unsre musikalische Erregung sich auf einem apollinischen Gebiete und an einer dazwischengeschobenen sichtbaren Mittelwelt entladen kann. Dabei glaubten wir beobachtet zu haben, wie eben durch diese Entladung jene Mittelwelt des szenischen Vorgangs, überhaupt das Drama, in einem Grade von innen heraus sichtbar und verständlich wurde, der in aller sonstigen apollinischen Kunst unerreichbar ist: so daß wir hier, wo diese gleichsam durch den Geist der Musik beschwingt und emporgetragen war, die höchste Steigerung ihrer Kräfte und somit in jenem Bruderbunde des Apollo und des Dionysus die Spitze ebensowohl der apollinischen als der dionysischen Kunstabsichten anerkennen mußten.
Among the peculiar artistic effects of musical tragedy, we had to emphasize an Apollonian illusion through which we are rescued from immediate fusion with the Dionysian music, while our musical excitation discharges itself in an Apollonian sphere and upon an interposed visible middle world. Here we believed we observed how this very discharge caused the middle world of scenic action—indeed, the drama as a whole—to become inwardly luminous and intelligible to a degree unattainable in all other Apollonian art. Thus, where this art was as though winged and uplifted by the spirit of music, we had to recognize the culmination of both Apollonian and Dionysian artistic intentions in that fraternal union of Apollo and Dionysus, the highest intensification of their powers.
Freilich erreichte das apollinische Lichtbild gerade bei der inneren Beleuchtung durch die Musik nicht die eigentümliche Wirkung der schwächeren Grade apollinischer Kunst; was das Epos oder der beseelte Stein vermögen, das anschauende Auge zu jenem ruhigen Entzücken an der Welt der individuatio zu zwingen, das wollte sich hier, trotz einer höheren Beseeltheit und Deutlichkeit, nicht erreichen lassen. Wir schauten das Drama an und drangen mit bohrendem Blick in seine innere bewegte Welt der Motive - und doch war uns, als ob nur ein Gleichnisbild an uns vorüberzöge, dessen tiefsten Sinn wir fast zu erraten glaubten und das wir, wie einen Vorhang, fortzuziehen wünschten, um hinter ihm das Urbild zu erblicken. Die hellste Deutlichkeit des Bildes genügte uns nicht: denn dieses schien ebensowohl etwas zu offenbaren als zu verhüllen; und während es mit seiner gleichnisartigen Offenbarung zum zerreißen des Schleiers, zur Enthüllung des geheimnisvollen Hintergrundes aufzufordern schien, hielt wiederum gerade jene durchleuchtete Allsichtbarkeit das Auge gebannt und wehrte ihm, tiefer zu dringen.
To be sure, the Apollonian phantasmagoria, when illuminated from within by music, did not achieve the peculiar effect of weaker degrees of Apollonian art. What epic verse or animated stone accomplishes—compelling the contemplative eye to tranquil delight in the world of individuation—could not be attained here, despite greater animation and clarity. We gazed upon the drama and penetrated with probing vision into its inner agitated world of motives—yet it seemed as though only an allegorical image passed before us, whose deepest meaning we almost believed we could divine, wishing to draw aside the veil like a curtain to behold the primal archetype behind it. The utmost clarity of the image sufficed us not, for it appeared to reveal as much as conceal; and while its allegorical revelation seemed to invite us to rend the veil and unveil the mysterious background, that same luminous omnivisibility held the eye spellbound and barred deeper penetration.
Wer dies nicht erlebt hat, zugleich schauen zu müssen und zugleich über das schauen hinaus sich zu sehnen, wird sich schwerlich vorstellen, wie bestimmt und klar diese beiden Prozesse bei der Betrachtung des tragischen Mythus nebeneinander bestehen und nebeneinander empfunden werden: während die wahrhaft ästhetischen Zuschauer mir bestätigen werden, daß unter den eigentümlichen Wirkungen der Tragödie jenes Nebeneinander die merkwürdigste sei. Man übertrage sich nun dieses Phänomen des ästhetischen Zuschauers in einen analogen Prozeß im tragischen Künstler, und man wird die Genesis des tragischen Mythus verstanden haben. Er teilt mit der apollinischen Kunstsphäre die volle Lust am Schein und am Schauen und zugleich verneint er diese Lust und hat eine noch höhere Befriedigung an der Vernichtung der sichtbaren Scheinwelt. Der Inhalt des tragischen Mythus ist zunächst ein episches Ereignis mit der Verherrlichung des kämpfenden Helden: woher stammt aber jener an sich rätselhafte Zug, daß das Leiden im Schicksale des Helden, die schmerzlichsten Überwindungen, die qualvollsten Gegensätze der Motive, kurz die Exemplifikation jener Weisheit des Silen, oder, ästhetisch ausgedrückt, das Häßliche und Disharmonische, in so zahllosen Formen, mit solcher Vorliebe immer von neuem dargestellt wird und gerade in dem üppigsten und jugendlichsten Alter eines Volkes, wenn nicht gerade an diesem allen eine höhere Lust perzipiert wird?
Who has not experienced this—the compulsion to behold while simultaneously yearning beyond beholding—will scarcely conceive how distinctly these two processes coexist and are jointly felt in the contemplation of tragic myth. Yet true aesthetic spectators will confirm that among tragedy's peculiar effects, this simultaneity is the most remarkable. Now transpose this phenomenon of the aesthetic spectator into an analogous process within the tragic artist, and you will comprehend the genesis of tragic myth. He shares with Apollonian art the full pleasure in semblance and contemplation, yet simultaneously negates this pleasure and finds higher satisfaction in the annihilation of the visible world of semblance. The content of tragic myth is first an epic event glorifying the struggling hero: but what is the source of that enigmatic trait—the representation of the hero's suffering, the most painful conquests, the most agonizing conflicts of motives, in short, the exemplification of Silenus' wisdom, or aesthetically expressed, the representation of ugliness and dissonance—in countless forms, with such predilection, ever anew, precisely in the most luxuriant and youthful age of a people, unless a higher delight is here perceived?
Denn daß es im Leben wirklich so tragisch zugeht, würde am wenigsten die Entstehung einer Kunstform erklären, wenn anders die Kunst nicht nur Nachahmung der Naturwirklichkeit, sondern gerade ein metaphysisches Supplement der Naturwirklichkeit ist, zu deren Überwindung neben sie gestellt. Der tragische Mythus, sofern er überhaupt zur Kunst gehört, nimmt auch vollen Anteil an dieser metaphysischen Verklärungsabsicht der Kunst überhaupt: was verklärt er aber, wenn er die Erscheinungswelt unter dem Bilde des leidenden Helden vorführt? Die »Realität« dieser Erscheinungswelt am wenigsten, denn er sagt uns gerade: »seht hin! seht genau hin! Dies ist euer Leben! Dies ist der Stundenzeiger an eurer Daseinsuhr!«
For that life truly unfolds so tragically would least of all explain the genesis of an art form—unless art were not merely the imitation of natural reality but precisely a metaphysical supplement to natural reality, placed beside it to overcome it. Tragic myth, insofar as it belongs to art at all, fully partakes in art's metaphysical transfigurative intent: but what does it transfigure when it presents the phenomenal world under the image of the suffering hero? Least of all the "reality" of this phenomenal world, for it tells us precisely: "Behold! Gaze intently! This is your life! This is the hour-hand upon the clock of existence!"
Und dieses Leben zeigte der Mythus, um es vor uns damit zu verklären? Wenn aber nicht, worin liegt dann die ästhetische Lust, mit der wir auch jene Bilder an uns vorüberziehen lassen? Ich frage nach der ästhetischen Lust und weiß recht wohl, daß viele dieser Bilder außerdem mitunter noch eine moralische Ergötzung, etwa unter der Form des Mitleidens oder eines sittlichen Triumphes, erzeugen können. Wer die Wirkung des Tragischen aber allein aus diesen moralischen Quellen ableiten wollte, wie es freilich in der Ästhetik nur allzu lange üblich war, der mag nur nicht glauben, etwas für die Kunst damit getan zu haben: die vor allem Reinheit in ihrem Bereiche verlangen muß. Für die Erklärung des tragischen Mythus ist es gerade die erste Forderung, die ihm eigentümliche Lust in der rein ästhetischen Sphäre zu suchen, ohne in das Gebiet des Mitleids, der Furcht, des Sittlich-Erhabenen überzugreifen. Wie kann das Häßliche und das Disharmonische, der Inhalt des tragischen Mythus, eine ästhetische Lust erregen?
And did the myth present this life before us in order to transfigure it thereby? If not, where then lies the aesthetic pleasure with which we let these images pass before us? I inquire after aesthetic pleasure and know full well that many of these images may occasionally produce moral gratification as well, whether through the form of pity or of a moral triumph. But whoever would derive the effect of tragedy solely from these moral sources—as has indeed been customary in aesthetics for far too long—should not imagine that he has thereby accomplished anything for art, which above all demands purity in its domain. For the explanation of tragic myth, it is precisely the primary requirement to seek the pleasure peculiar to it in the purely aesthetic sphere, without encroaching upon the regions of pity, fear, or the morally sublime. How can the ugly and the disharmonious, the content of tragic myth, excite aesthetic pleasure?
Hier nun wird es nötig, uns mit einem kühnen Anlauf in eine Metaphysik der Kunst hineinzuschwingen, indem ich den früheren Satz wiederhole, daß nur als ein ästhetisches Phänomen das Dasein und die Welt gerechtfertigt erscheint: in welchem Sinne uns gerade der tragische Mythus zu überzeugen hat, daß selbst das Häßliche und Disharmonische ein künstlerisches Spiel ist, welches der Wille, in der ewigen Fülle seiner Lust, mit sich selbst spielt. Dieses schwer zu fassende Urphänomen der dionysischen Kunst wird aber auf direktem Wege einzig verständlich und unmittelbar erfaßt in der wunderbaren Bedeutung der musikalischen Dissonanz: wie überhaupt die Musik, neben die Welt hingestellt, allein einen Begriff davon geben kann, was unter der Rechtfertigung der Welt als eines ästhetischen Phänomens zu verstehen ist. Die Lust, die der tragische Mythus erzeugt, hat eine gleiche Heimat, wie die lustvolle Empfindung der Dissonanz in der Musik. Das Dionysische, mit seiner selbst am Schmerz perzipierten Urlust, ist der gemeinsame Geburtsschoß der Musik und des tragischen Mythus.
Here it becomes necessary to take a bold leap into a metaphysics of art, repeating my earlier proposition that existence and the world appear justified only as an aesthetic phenomenon: in which sense the tragic myth in particular must convince us that even the ugly and disharmonious are an artistic play that the Will, in the eternal fullness of its joy, plays with itself. This primordial phenomenon of Dionysian art, difficult to grasp, becomes directly intelligible and immediately apprehensible only through the wondrous significance of musical dissonance: just as music, placed beside the world, alone can give us an idea of what is meant by the justification of the world as an aesthetic phenomenon. The pleasure engendered by the tragic myth has the same homeland as the pleasurable sensation of dissonance in music. The Dionysian, with its primordial joy perceived even in pain, is the common womb from which music and tragic myth are born.
Sollte sich nicht inzwischen dadurch, daß wir die Musikrelation der Dissonanz zu Hilfe nahmen, jenes schwierige Problem der tragischen Wirkung wesentlich erleichtert haben? Verstehen wir doch jetzt, was es heißen will, in der Tragödie zugleich schauen zu wollen und sich über das schauen hinaus zu sehnen: welchen Zustand wir in betreff der künstlerisch verwendeten Dissonanz eben so zu charakterisieren hätten, daß wir hören wollen und über das Hören uns zugleich hinaus, sehnen. Jenes Streben ins Unendliche, der Flügelschlag der Sehnsucht, bei der höchsten Lust an der deutlich perzipierten Wirklichkeit, erinnern daran, daß wir in beiden Zuständen ein dionysisches Phänomen zu erkennen haben, das uns immer von neuem wieder das spielende Aufbauen und Zertrümmern der Individualwelt als den Ausfluß einer Urlust offenbart, in einer ähnlichen Weise, wie wenn von Heraklit dem Dunklen die weltbildende Kraft einem Kinde verglichen wird, das spielend Steine hin und her setzt und Sandhaufen aufbaut und wieder einwirft.
Would we not thereby substantially alleviate that difficult problem of tragic effect through our reference to the musical relation of dissonance? For we now understand what it means to desire to gaze and yet to yearn beyond gazing in tragedy—a state we would have to characterize similarly in regard to the artistic use of dissonance: we wish to hear and yet long to transcend hearing. That striving toward the infinite, the wingbeat of longing, even amid supreme delight in perceptible reality, reminds us that in both states we must recognize a Dionysian phenomenon, which ever anew reveals to us the playful construction and destruction of the individual world as the overflow of a primordial joy—in a manner akin to that in which Heraclitus the Obscure compares the world-building force to a child who playfully shifts stones here and there, builds sandhills and then overturns them.
Um also die dionysische Befähigung eines Volkes richtig abzuschärzen, dürften wir nicht nur an die Musik des Volkes, sondern ebenso notwendig an den tragischen Mythus dieses Volkes als den zweiten Zeugen jener Befähigung zu denken haben. Es ist nun, bei dieser engsten Verwandtschaft zwischen Musik und Mythus, in gleicher Weise zu vermuten, daß mit einer Entartung und Depravation des einen eine Verkümmerung der anderen verbunden sein wird: wenn anders in der Schwächung des Mythus überhaupt eine Abschwächung des dionysischen Vermögens zum Ausdruck kommt. Über beides dürfte uns aber ein Blick auf die Entwicklung des deutschen Wesens nicht in Zweifel lassen: in der Oper wie in dem abstrakten Charakter unseres mythenlosen Daseins, in einer zur Ergötzlichkeit herabgesunkenen Kunst wie in einem vom Begriff geleiteten Leben, hatte sich uns jene gleich unkünstlerische, als am Leben zehrende Natur des sokratischen Optimismus enthüllt. Zu unserem Troste aber gab es Anzeichen dafür, daß trotzdem der deutsche Geist in herrlicher Gesundheit, Tiefe und dionysischer Kraft unzerstört, gleich einem zum Schlummer niedergesunknen Ritter, in einem unzugänglichen Abgrunde ruhe und träume: aus welchem Abgrunde zu uns das dionysische Lied emporsteigt, um uns zu verstehen zu geben, daß dieser deutsche Ritter auch jetzt noch seinen uralten dionysischen Mythus in selig-ernsten Visionen träumt. Glaube niemand, daß der deutsche Geist seine mythische Heimat auf ewig verloren habe, wenn er so deutlich noch die Vogelstimmen versteht, die von jener Heimat erzählen. Eines Tages wird er sich wach finden, in aller Morgenfrische eines ungeheuren Schlafes: dann wird er Drachen töten, die tückischen Zwerge vernichten und Brünnhilde erwecken - und Wotans Speer selbst wird seinen Weg nicht hemmen können!
To properly assess the Dionysian capacity of a people, we must consider not only their music but equally the tragic myth of that people as the second witness to this capacity. Given this closest kinship between music and myth, we may equally surmise that a degeneration and depravity of one will be linked to an atrophy of the other—assuming that any enfeeblement of myth in general expresses a weakening of the Dionysian faculty. Regarding both, however, a glance at the development of the German essence leaves us in no doubt: in the opera as in the abstract character of our mythless existence, in an art degraded to mere entertainment and a life guided by concepts, the same inartistic and life-consuming nature of Socratic optimism had revealed itself. Yet for our comfort, there were signs that despite this, the German spirit—in magnificent health, depth, and Dionysian strength—remains indestructible, like a knight sunk in slumber, dreaming in an inaccessible abyss. From this abyss, the Dionysian song ascends to us, letting us know that this German knight even now dreams his ancient Dionysian myth in blissfully earnest visions. Let no one believe that the German spirit has forever lost its mythical homeland when it still understands so clearly the birdsong that speaks of that homeland. One day it will awaken in the morning freshness of a tremendous slumber: then it will slay dragons, destroy malicious dwarves, awaken Brünnhilde—and even Wotan’s spear will not block its path!
Meine Freunde, ihr, die ihr an die dionysische Musik glaubt, ihr wißt auch, was für uns die Tragödie bedeutet. In ihr haben wir, wiedergeboren aus der Musik, den tragischen Mythus - und in ihm dürft ihr alles hoffen und das Schmerzlichste vergessen! Das Schmerzlichste aber ist für uns alle - die lange Entwürdigung, unter der der deutsche Genius, entfremdet von Haus und Heimat, im Dienst tückischer Zwerge lebte. Ihr versteht das Wort - wie ihr auch, zum Schluß, meine Hoffnungen verstehen werdet.
My friends, you who believe in Dionysian music, you know what tragedy means to us. In it, reborn from music, we possess the tragic myth—and in it you may hope for all things and forget what is most painful! Yet the most painful thing for us all is the long degradation under which the German genius, estranged from home and hearth, lived in service to treacherous dwarves. You comprehend this word—as you will, in conclusion, comprehend my hopes.
25
25
Musik und tragischer Mythus sind in gleicher Weise Ausdruck der dionysischen Befähigung eines Volkes und voneinander untrennbar. Beide entstammen einem Kunstbereiche, das jenseits des Apollinischen liegt; beide verklären eine Region, in deren Lustakkorden die Dissonanz ebenso wie das schreckliche Weltbild reizvoll verklingt; beide spielen mit dem Stachel der Unlust, ihren überaus mächtigen Zauberkünsten vertrauend; beide rechtfertigen durch dieses Spiel die Existenz selbst der »schlechtesten Welt«. Hier zeigt sich das Dionysische, an dem Apollinischen gemessen, als die ewige und ursprüngliche Kunstgewalt, die überhaupt die ganze Welt der Erscheinung ins Dasein ruft: in deren Mitte ein neuer Verklärungsschein nötig wird, um die belebte Welt der Individuation im Leben festzuhalten. Könnten wir uns eine Menschwerdung der Dissonanz denken - und was ist sonst der Mensch? -, so würde diese Dissonanz, um leben zu können, eine herrliche Illusion brauchen, die ihr einen Schönheitsschleier über ihr eignes Wesen decke. Dies ist die wahre Kunstabsicht des Apollo: in dessen Namen wir alle jene zahllosen Illusionen des schönen Scheins zusammenfassen, die in jedem Augenblick das Dasein überhaupt lebenswert machen und zum Erleben des nächsten Augenblicks drängen.
Music and tragic myth are equally expressions of a people's Dionysian capacity and inseparable from one another. Both originate from an artistic realm beyond the Apollinian; both transfigure a region in whose chords of delight dissonance and the terrifying world-image fade away enticingly; both play with the sting of displeasure, trusting their supremely potent magical arts; both justify through this play the existence of even the "worst world." Here the Dionysian, measured against the Apollinian, reveals itself as the eternal and primordial artistic power that summons the entire world of appearance into existence: within whose midst a new transfiguring radiance becomes necessary to sustain the animated world of individuation in life. Were we to conceive a human incarnation of dissonance—and what is man otherwise?—this dissonance would require a glorious illusion to veil its own essence with a beauty-shroud in order to live. This is the true artistic intention of Apollo: in whose name we subsume all those countless illusions of beautiful semblance that render existence bearable at every moment and compel us to experience the next instant.
Dabei darf von jenem Fundamente aller Existenz, von dem dionysischen Untergrunde der Welt, genau nur soviel dem menschlichen Individuum ins Bewußtsein treten, als von jener apollinischen Verklärungskraft wieder überwunden werden kann, so daß diese beiden Kunsttriebe ihre Kräfte in strenger wechselseitiger Proportion, nach dem Gesetze ewiger Gerechtigkeit, zu entfalten genötigt sind. Wo sich die dionysischen Mächte so ungestüm erheben, wie wir dies erleben, da muß auch bereits Apollo, in eine Wolke gehüllt, zu uns herniedergestiegen sein; dessen üppigste Schönheitswirkungen wohl eine nächste Generation schauen wird.
In this process, only as much of the foundation of all existence—the Dionysian substratum of the world—may enter the consciousness of the human individual as can be overcome anew by the Apollinian transfiguring power. Thus these two artistic drives are compelled to unfold their energies in strict mutual proportion, according to the law of eternal justice. Where the Dionysian powers surge up as tempestuously as we now experience, there Apollo must already have descended to us shrouded in a cloud; whose most luxuriant beauty-effects a coming generation will perhaps behold.
Daß diese Wirkung aber nötig sei, dies würde jeder am sichersten, durch Intuition, nachempfinden, wenn er einmal, sei es auch im Traume, in eine althellenische Existenz sich zurückversetzt fühlte: im Wandeln unter hohen ionischen Säulengängen, aufwärtsblickend zu einem Horizont, der durch reine und edle Linien abgeschnitten ist, neben sich Wiederspiegelungen seiner verklärten Gestalt in leuchtendem Marmor, rings um sich feierlich schreitende oder zart bewegte Menschen, mit harmonisch tönenden Lauten und rhythmischer Gebärdensprache - würde er nicht, bei diesem fortwährenden Einströmen der Schönheit, zu Apollo die Hand erhebend ausrufen müssen: »Seliges Volk der Hellenen! Wie groß muß unter euch Dionysus sein, wenn der delische Gott solche Zauber für nötig hält, um euren dithyrambischen Wahnsinn zu heilen!« - Einem so Gestimmten dürfte aber ein greiser Athener, mit dem erhabenen Auge des Äschylus zu ihm aufblickend, entgegnen: »sage aber auch dies, du wunderlicher Fremdling: wieviel mußte dies Volk leiden, um so schön werden zu können! Jetzt aber folge mir zur Tragödie und opfere mit mir im Tempel beider Gottheiten!«
That this effect is necessary, one would most assuredly grasp through intuition if ever—even in a dream—one felt transported back into ancient Hellenic existence: walking beneath lofty Ionic colonnades, gazing upward at a horizon sheared by pure and noble lines, beside him reflections of his transfigured form in radiant marble, surrounded by solemnly striding or delicately gesturing figures with harmoniously sonorous voices and rhythmic gesture-language—would he not, amidst this perpetual influx of beauty, raise his hand to Apollo and exclaim: "Blessed people of the Hellenes! How great must Dionysus be among you, if the Delian god deems such enchantments necessary to cure your dithyrambic madness!" Yet to one thus disposed, an aged Athenian might respond, lifting the sublime gaze of Aeschylus: "But say this too, wondrous stranger: how much must this people have suffered to become so beautiful! Now follow me to the tragedy and sacrifice with me in the temple of both deities!"