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Die Aufgabe des Übersetzers

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Die Aufgabe des Übersetzers

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The Task of the Translator

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Nirgends erweist sich einem Kunstwerk oder einer Kunstform gegenüber die Rücksicht auf den Aufnehmenden für deren Erkenntnis fruchtbar. Nicht genug, daß jede Beziehung auf ein bestimmtes Publikum oder dessen Repräsentanten vom Wege abführt, ist sogar der Begriff eines

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Nowhere does consideration for the recipient prove fruitful for the cognition of a work of art or an artistic form. Not only does every relation to a specific public or its representatives lead astray, but even the concept of an

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„idealen“ Aufnehmenden in allen kunsttheoretischen Erörterungen vom Übel, weil diese lediglich gehalten sind, Dasein und Wesen des Menschen überhaupt vorauszusetzen. So setzt auch die Kunst selbst dessen leibliches und geistiges Wesen voraus – seine Aufmerksamkeit aber in keinem ihrer Werke. Denn kein Gedicht gilt dem Leser, kein Bild dem Beschauer, keine Symphonie der Hörerschaft.

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"ideal" recipient is pernicious in all art-theoretical discussions, since these are merely obliged to presuppose the existence and essence of humankind as such. Thus, art itself presupposes humanity's corporeal and spiritual essence—but never its attentiveness in any of its works. For no poem is intended for the reader, no painting for the beholder, no symphony for the audience.

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Gilt eine Übersetzung den Lesern, die das Original nicht verstehen? Das scheint hinreichend den Rangunterschied im Bereiche der Kunst zwischen beiden zu erklären. Überdies scheint es der einzig mögliche Grund, „Dasselbe“ wiederholt zu sagen. Was „sagt“ denn eine Dichtung? Was teilt sie mit? Sehr wenig dem, der sie versteht. Ihr Wesentliches ist nicht Mitteilung, nicht Aussage.

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Is a translation meant for readers who do not understand the original? This would seem to sufficiently explain the hierarchy of rank in the realm of art between the two. Moreover, it appears to be the sole possible justification for repeating "the same thing." What does a poetic work "say"? What does it communicate? Very little to those who understand it. Its essential quality is not communication, not statement.

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Dennoch könnte diejenige Übersetzung, welche vermitteln will, nichts vermitteln als die Mitteilung

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Yet even a translation aiming to mediate can communicate nothing other than communication

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– also Unwesentliches. Das ist denn auch ein Erkennungszeichen der schlechten Übersetzungen. Was aber außer der Mitteilung in einer Dichtung steht – und auch der schlechte Übersetzer gibt zu, daß es das Wesentliche ist – gilt es nicht allgemein als das Unfaßbare, Geheimnisvolle,

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—hence, the non-essential. This, then, is a hallmark of bad translations. But what in a poetic work exists beyond communication—and even the bad translator concedes this to be the essential—is it not universally regarded as the ungraspable, the mysterious, the

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„Dichterische“? Das der Übersetzer nur wiedergeben kann, indem er – auch dichtet? Daher rührt in der Tat ein zweites Merkmal der schlechten Übersetzung, welche man demnach als eine ungenaue Übermittlung eines unwesentlichen Inhalts definieren darf. Dabei bleibt es, solange die Übersetzung sich anheischig macht, dem Leser zu dienen. Wäre sie aber für den Leser bestimmt, so müße es auch das Original sein. Besteht das Original nicht um dessentwillen, wie ließe sich dann die Übersetzung aus dieser Beziehung verstehen?

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"poetic"? Which the translator can only render by—also poetizing? Hence, the second hallmark of bad translation, which may thus be defined as an inexact transmission of a non-essential content. This remains so as long as the translation presumes to serve the reader. Yet if it were intended for the reader, the original would have to be as well. If the original does not exist for its own sake, how then is the translation to be understood in this relation?

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Übersetzung ist eine Form. Sie als solche zu erfassen, gilt es zurückzugehen auf das Original.

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Translation is a form. To comprehend it as such, one must return to the original.

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Denn in ihm liegt deren Gesetz als in dessen Übersetzbarkeit beschlossen. Die Frage nach der Über- setzbarkeit eines Werkes ist doppelsinnig. Sie kann bedeuten: ob es unter der Gesamtheit seiner

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For within it lies the law governing translation as inherent in its translatability. The question of a work's translatability is ambiguous. It may mean: whether among the totality of its

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1010Leser je seinen zulänglichenÜbersetzer finden werde? oder, und eigentlicher: ob es seinem

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1010readers it will ever find its adequate translator? Or, more properly: whether by its very nature it permits translation and thus—in accordance with the significance of this form—even demands it. In principle, the first question can only be resolved problematically, the second apodictically. Only superficial thinking, denying the autonomous meaning of the latter, would declare both equivalent. Against this, it must be noted that certain relational concepts retain their proper, indeed perhaps their most profound meaning, if they are not from the outset exclusively referred to humanity. Thus, one might speak of an unforgettable life or moment even if all humankind had forgotten them. For if their essence required that they not be forgotten, this predicate would not imply a falsehood but a demand to which humans fail to correspond, while also containing a reference to a realm in which it is fulfilled: a remembrance of God. Analogously, the translatability of linguistic structures would remain to be considered even if they were untranslatable for humanity. And should they not, by a strict concept of translation, truly be so to a certain degree?—Thus disentangled, the question must be posed: is the translation of specific linguistic structures to be demanded? For the following principle holds: If translation is a form, then translatability must be essential to certain works.

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Wesen nach Übersetzung zulasse und demnach – der Bedeutung dieser Form gemäß – auch verlange. Grundsätzlich ist die erste Frage nur problematisch, die zweite apodiktisch zu entscheiden. Nur das oberflächliche Denken wird, indem es den selbständigen Sinn der letzten leugnet, beide für gleichbedeutend erklären. Ihm gegenüber ist darauf hinzuweisen, daß gewisse Relationsbegriffe ihren guten, ja vielleicht besten Sinn behalten, wenn sie nicht von vorne herein ausschließlich auf den Menschen bezogen werden. So dürfte von einem unvergeßlichen Leben oder Augenblick gesprochen werden, auch wenn alle Menschen sie vergessen hätten. Wenn nämlich deren Wesen es forderte, nicht vergessen zu werden, so würde jenes Prädikat nichts Falsches, sondern nur eine Forderung, der Menschen nicht entsprechen, und zugleich auch wohl den Verweis auf einen Bereich enthalten, in dem ihr entsprochen wäre: auf ein Gedenken Gottes. Entsprechend bliebe die Übersetzbarkeit sprachlicher Gebilde auch dann zu erwägen, wenn diese für die Menschen unübersetzbar wären. Und sollten sie das bei einem strengen Begriff von Übersetzung nicht wirklich bis zu einem gewissen Grade sein? – In solcher Loslösung ist die Frage zu stellen, ob Übersetzung bestimmter Sprachgebilde zu fordern sei. Denn es gilt der Satz: Wenn Übersetzung eine Form ist, so muß Übersetzbarkeit gewissen Werken wesentlich sein.

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Übersetzbarkeit eignet gewissen Werken wesentlich – das heißt nicht, ihre Übersetzung ist wesentlich für sich selbst, sondern will besagen, daß eine bestimmte Bedeutung, die den Originalen innewohnt, sich in ihrer Übersetzbarkeit äußere. Daß eine Übersetzung niemals, so gut sie auch sei,

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Translatability is an essential quality of certain works—this does not mean that their translation is essential for themselves, but rather that a specific significance inherent in the originals manifests itself in their translatability. That a translation, however good,

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etwas für das Original zu bedeuten vermag, leuchtet ein. Dennoch steht sie mit diesem kraft seiner Übersetzbarkeit im nächsten Zusammenhang. Ja, dieser Zusammenhang ist um so inniger, als er für das Original selbst nichts mehr bedeutet. Er darf ein natürlicher genannt werden und zwar genauer ein Zusammenhang des Lebens. So wie die Äußerungen des Lebens innigst mit dem Lebendigen zusammenhängen, ohne ihm etwas zu bedeuten, geht die Übersetzung aus dem Original hervor.

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can never mean anything for the original is evident. Yet it is intimately connected with the original by virtue of the latter's translatability. Indeed, this connection is all the more intimate as it no longer signifies anything for the original itself. It may be termed a natural connection, more precisely a vital connection. Just as the manifestations of life are most intimately connected with the living being without signifying anything for it, translation arises from the original.

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Zwar nicht aus seinem Leben so sehr denn aus seinem „Überleben“. Ist doch die Übersetzung später als das Original und bezeichnet sich doch bei den bedeutenden Werken, die da ihre erwählten Übersetzer niemals im Zeitalter ihrer Entstehung finden, 11 das Stadium ihres Fortlebens. In völlig unmetaphorischer Sachlichkeit ist der Gedanke vom Leben und Fortleben der Kunstwerke zu erfassen. Daß man nicht der organischen Leiblichkeit allein Leben zusprechen dürfe, ist selbst in Zeiten des befangensten Denkens vermutet worden. Aber nicht darum kann es sich handeln, unter dem schwachen Szepter der Seele dessen Herrschaft auszudehnen, wie es Fechner versuchte; geschweige daß Leben aus den noch weniger maßgeblichen Momenten des Animalischen definiert werden könnte, wie aus Empfindung, die es nur gelegentlich kennzeichnen kann. Vielmehr nur wenn allem demjenigen, wovon es Geschichte gibt und was nicht allein ihr Schauplatz ist, Leben zuerkannt wird, kommt dessen Begriff zu seinem Recht. Denn von der Geschichte, nicht von der Natur aus, geschweige von so schwankender wie Empfindung und Seele, ist zuletzt der Umkreis des Lebens zu bestimmen. Daher entsteht dem Philosophen die Aufgabe, alles natürliche Leben aus dem umfassenderen der Geschichte zu verstehen. Und ist nicht wenigstens das Fortleben der Werke unvergleichlich viel leichter zu erkennen als dasjenige der Geschöpfe? Die Geschichte der großen Kunstwerke kennt ihre Deszendenz aus den Quellen, ihre Gestaltung im Zeitalter des Künstlers und die Periode ihres grundsätzlich ewigen Fortlebens bei den nachfolgenden Generationen. Dieses letzte heißt, wo es zutage tritt, Ruhm. Übersetzungen, die mehr als Vermittlungen sind, entstehen, wenn im Fortleben ein Werk das Zeitalter seines Ruhmes erreicht hat. Sie dienen daher nicht sowohl diesem, wie schlechte Übersetzer es für ihre Arbeit zu beanspruchen pflegen, als daß sie ihm ihr Dasein verdanken. In ihnen erreicht das Leben des Originals seine stets erneute späteste und umfassendste Entfaltung.

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Yet not from its life so much as from its "afterlife." For translation comes later than the original and marks the stage of their continued life in significant works that never find their chosen translators during the epoch of their origin. The notion of the life and afterlife of artworks must be grasped with complete un-metaphorical objectivity. Even in eras of the most constrained thought, it was surmised that life cannot be ascribed solely to organic corporeality. But we need not extend the sovereignty of the soul under the feeble scepter of psychology, as Fechner attempted, much less define life through still less authoritative aspects of the animalistic, such as sensation—which occasionally characterizes it. Rather, life's concept attains its full legitimacy only when everything that has a history—and is not merely the stage for history—is granted life. For life's domain is ultimately to be determined by history, not nature (let alone so fluctuating a nature as sensation and soul). Thus, the philosopher's task is to comprehend all natural life through the more encompassing life of history. And is not the afterlife of artworks incomparably easier to recognize than that of living creatures? The history of great artworks traces their descent from primal sources, their shaping in the artist's era, and the period of their fundamentally eternal afterlife in succeeding generations. When this last becomes manifest, we call it fame. Translations that surpass mere mediation arise when a work in its afterlife has reached the age of its fame. They thus serve this fame less (as bad translators like to claim for their labors) than owe their existence to it. In them, the original's life attains its ever-renewed latest and most comprehensive unfolding.

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Diese Entfaltung ist als die eines eigentümlichen und hohen Lebens durch eine eigentümliche und hohe Zweckmäßigkeit bestimmt. Leben und Zweckmäßigkeit – ihr scheinbar handgreiflicher und doch fast der Erkenntnis sich entziehender Zusammenhang erschließt sich nur, wo jener Zweck, auf den alle einzelnen Zweckmäßigkeiten des Lebens hinwirken, nicht wiederum in dessen eigener Sphäre, sondern in einer höheren gesucht wird. Alle zweckmäßigen Lebenserscheinungen wie ihre Zweckmäßigkeit überhaupt sind letzten Endes zweckmäßig nicht für das Leben, sondern für den

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This unfolding is determined by a peculiar and high purposiveness. Life and purposiveness—their seemingly tangible yet almost evasive interconnection becomes accessible only where that ultimate purpose toward which all singular purposiveness of life converges is sought not within life's own sphere, but in a higher one. All purposive manifestations of life, including their purposiveness as such, are ultimately purposive not for life itself, but for the

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1212Ausdruck seines Wesens, für die Darstellungeiner Bedeutung. So ist die Übersetzung zuletzt

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1212expression of its essence, for the representation of a significance. Thus, translation is ultimately

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zweckmäßig für den Ausdruck des innersten Verhältnisses der Sprachen zueinander. Sie kann dieses verborgene Verhältnis selbst unmöglich offenbaren, unmöglich herstellen; aber darstellen, indem sie es keimhaft oder intensiv verwirklicht, kann sie es. Und zwar ist diese Darstellung eines Bedeuteten durch den Versuch, den Keim seiner Herstellung em ganz eigentümlicher Darstellungsmodus, wie er im Bereich des nicht sprachlichen Lebens kaum angetroffen werden mag. Denn dieses kennt in Analogien und Zeichen andere Typen der Hindeutung, als die intensive,

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purposive for expressing the innermost relation between languages. It can neither reveal nor establish this hidden relationship itself, but can represent it by actualizing it germinally or intensively. And this representation of a signified through the attempt to germinally realize it constitutes an utterly unique mode of representation, scarcely paralleled in non-linguistic life. For the latter knows other types of signification through analogies and signs than this intensive—i.e., anticipatory, intimating—actualization. That conceived innermost relation of languages is one of a peculiar convergence. It consists in the fact that languages are not alien to one another but, a priori and apart from all historical connections, are related in what they intend to say.

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d. h. vorgreifende, andeutende Verwirklichung: -–Jenes gedachte, innerste Verhältnis der Sprachen ist aber das einer eigentümlichen Konvergenz. Es besteht darin, daß die Sprachen einander nicht fremd, sondern a priori und von allen historischen Beziehungen abgesehen einander in dem verwandt sind, was sie sagen wollen.

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Mit diesem Erklärungsversuch scheint allerdings die Betrachtung auf vergeblichen Umwegen wieder in die herkömmliche Theorie der Übersetzung einzumünden. Wenn in den Übersetzungen die Verwandtschaft der Sprachen sich zu bewähren hat, wie könnte sie das anders ais indem jene Form und Sinn des Originals möglichst genau übermitteln? Über den Begriff dieser Genauigkeit wüßte sich jene Theorie freilich nicht zu fassen, könnte also zuletzt doch keine Rechenschaft von dem geben, was an Übersetzungen wesentlich ist. In Wahrheit aber bezeugt sich die Verwandtschaft der Sprachen in einer Übersetzung weit tiefer und bestimmter als in der oberflächlichen und

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With this explanatory attempt, the inquiry seems to return via fruitless detours to conventional translation theory. If the kinship of languages is to prove itself in translations, how else than by transmitting the original's form and sense as precisely as possible? Yet that theory could not account for the concept of this precision and thus ultimately failed to explain what is essential in translation. In truth, however, the kinship of languages manifests itself far more profoundly and definitively in translation than in the superficial and indefinable resemblance of two poems. To grasp the genuine relation between original and translation requires a consideration whose intent is entirely analogous to the procedures by which epistemology disproves the possibility of a copy theory. If the latter demonstrates that cognition could claim no objectivity—indeed, could not even pretend to it—were it to consist of copies of reality, here it can be shown that no translation would be possible if it sought likeness to the original as its ultimate essence. For in its afterlife—which could not bear that name if it were not transformation and renewal of the living—the original undergoes change. There exists a post-maturation even of fixed words. What may have been the tendency of a poet's language in its own time can later be exhausted; immanent tendencies may newly arise from what is already formed. What once was young may later appear worn, what was once current may later sound archaic. To seek the essence of such transformations—and the equally constant mutations of meaning in the subjectivity of posterity rather than in the language's own life and its works—would mean (even granting the crudest psychologism) confusing root and essence, or more precisely, denying one of the most powerful and fruitful historical processes through mental impotence. Even if one made the author's final penstroke the coup de grâce of the work, it would not save that dead theory of translation. For just as the tone and significance of great poetry undergo complete transformation over centuries, so too does the translator's mother tongue. While the poet's words endure in their own language, even the greatest translation is destined to merge into the growth of its language and perish in its renewal. So far is it from being the sterile equation of two dead languages that of all forms, translation's peculiar mission is to attend to that post-maturation of the foreign word and the birth pangs of its own.

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undefinierbaren Ähnlichkeit zweier Dichtungen. Um das echte Verhältnis zwischen Original und Übersetzung zu erfassen, ist eine Erwägung anzustellen, deren Absicht durchaus den Gedankengängen analog ist, in denen die Erkenntniskritik die Unmöglichkeit einer Abbildtheorie zu erweisen hat. Wird dort gezeigt, daß es in der Erkenntnis keine Objektivität und sogar nicht einmal den Anspruch darauf geben könnte, wenn sie in Abbildern des Wirklichen bestünde, so ist hier erweisbar, daß keine Übersetzung möglich wäre, wenn sie Ähnlichkeit mit dem Original ihrem letzten Wesen nach anstreben würde. Denn in seinem Fortleben, das so nicht heißen dürfte, wenn es nicht Wandlung und Erneuerung des Lebendigen wäre, ändert sich das Original. Es gibt eine Nachreife auch der festgelegten Worte. Was zur Zeit eines Autors Tendenz seiner dichterischen

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1313Sprache gewesensein mag, kann später erledigt sci, immanente Tendenzen vermögen neu aus

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dem Geformten sich zu erheben. Was damals jung, kann später abgebraucht, was damals gebräuchlich, später archaisch klingen. Das Wesentliche solcher Wandlungen wie auch der ebenso ständigen des Sinnes in der Subjektivität der Nachgeborenen statt im eigensten Leben der Sprache und ihrer Werke zu suchen, hieße – zugestanden selbst den krudesten Psychologismus – Grund und Wesen einer Sache verwechseln, strenger gesagt aber, einen der gewaltigsten und fruchtbarsten historischen Prozesse aus Unkraft des Denkens leugnen. Und wollte man auch des Autors letzten Federstrich zum Gnadenstoß des Werkes machen, es würde jene tote Theorie der Übersetzung doch nicht retten. Denn wie Ton und Bedeutung der großen Dichtungen mit den Jahrhunderten sich völlig wandeln, so wandelt sich auch die Muttersprache des Übersetzers. Ja, während das Dichterwort in der seinigen überdauert, ist auch die größe Übersetzung bestimmt in das Wachstum ihrer Sprache ein-, in der erneuten unterzugehen. So weit ist sie entfernt, von zwei erstorbenen Sprachen die taube Gleichung zu sein, daß gerade unter allen Formen ihr als Eigenstes es zufällt, auf jene Nachreife des fremden Wortes, auf die Wehen des eigenen zu merken.

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Wenn in der Übersetzung die Verwandtschaft der Sprachen sich bekundet, so geschieht es anders als durch die vage Ähnlichkeit von Nachbildung und Original. Wie es denn überhaupt einleuchtet, dass Ähnlichkeit nicht notwendig bei Verwandtschaft sich einfinden muß. Und auch insofern ist der Begriff der letzten in diesem Zusammenhang mit seinem engern Gebrauch einstimmig, als er durch Gleichheit der Abstammung in beiden Fällen nicht ausreichend definiert werden kann, wiewohl freilich für die Bestimmung jenes engern Gebrauchs der Abstammungsbegriff unentbehrlich bleiben wird. – Worin kann die Verwandtschaft zweier Sprachen, abgesehen von einer historischen, gesucht werden? In der Ähnlichkeit von Dichtungen jedenfalls ebensowenig wie in derjenigen ihrer Worte. Vielmehr beruht alle überhistorische Verwandtschaft der Sprachen darin, daß in ihrer jeder als ganzer jeweils eines und zwar dasselbe gemeint ist, das dennoch keiner einzelnen von ihnen, sondern nur der Allheit ihrer einander ergänzenden Intentionen erreichbar ist: die reine Sprache.

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When translation manifests the kinship of languages, it does so otherwise than through the vague similarity between reproduction and original. For it is self-evident that similarity need not necessarily accompany kinship. In this connection, the concept of kinship aligns with its narrower usage in that it cannot be sufficiently defined by the identity of lineage in both cases—though admittedly the concept of lineage remains indispensable for determining that narrower usage. In what then can the kinship of two languages be sought, apart from historical relations? Certainly not in the similarity of poems, any more than in that of their words. Rather, all suprahistorical kinship of languages rests in the fact that in each of them, as a totality, one and the same thing is intended—a thing attainable not by any single language alone but solely through the totality of their mutually supplementary intentions: pure language.

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1414Während nämlich alle einzelnen Elemente, die Wörter, Sätze, Zusammenhängevon fremden

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1414For while all individual elements—words, sentences, connections—of foreign

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Sprachen sich ausschließen, ergänzen diese Sprachen sich in ihren Intentionen selbst. Dieses Gesetz, eines der grundlegenden der Sprachphilosophie, genau zu fassen, ist in der Intention vom Gemeinten die Art des Meinens zu unterscheiden. In »Brot« und »pain« ist das Gemeinte zwar dasselbe, die Art, es zu meinen, dagegen nicht. In der Art des Meinens nämlich liegt es, daß beide Worte dem Deutschen und Franzosen je etwas Verschiedenes bedeuten, daß sie für beide nicht vertauschbar sind, ja sich letzten Endes auszuschließen streben; am Gemeinten aber, daß sie, absolut genommen, das Selbe und Identische bedeuten. Während dergestalt die Art des Meinens in diesen beiden Wörtern einander widerstrebt, ergänzt sie sich in den beiden Sprachen, denen sie entstammen. Und zwar ergänzt sich in ihnen die Art des Meinens zum Gemeinten. Bei den einzelnen, den unergänzten Sprachen nämlich ist ihr Gemeintes niemals in relativer Selbständigkeit anzutreffen, wie bei den einzelnen Wörtern oder Sätzen, sondern vielmehr in stetem Wandel begriffen, bis es aus der Harmonie all jener Arten des Meinens als die reine Sprache herauszutreten vermag. So lange bleibt es in den Sprachen verborgen. Wenn aber diese derart bis ans messianische Ende ihrer Geschichte wachsen, so ist es die Übersetzung, welche am ewigen Fortleben der Werke und am unendlichen Aufleben der Sprachen sich entzündet, immer von neuem die Probe auf jenes

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languages exclude one another, these languages supplement one another in their very intentions. To grasp precisely this law, one of the fundamental laws of the philosophy of language, we must distinguish between the intended object and the mode of intention within the intention. In "Brot" and "pain," the intended object is indeed the same, but the mode of intending it is not. The mode of intention determines that these words signify something different for the German and the French, that they are not interchangeable for them, indeed that they ultimately strive to exclude one another; yet with regard to the intended object, absolutely considered, they signify the same and identical. Thus, while the modes of intention in these two words conflict, they supplement one another within the languages from which they derive. And it is in this that they supplement the mode of intention toward the intended object. In individual, un-supplemented languages, the intended object is never encountered in relative autonomy—as in individual words or sentences—but is rather in constant flux until it can emerge from the harmony of all such modes of intention as pure language. Until then, it remains hidden within languages. Yet if these languages grow in such a manner toward their messianic end of history, it is translation which, kindled by the eternal afterlife of works and the infinite renewal of languages, perpetually tests anew

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heilige Wachstum der Sprachen zu machen: wie weit ihr Verborgenes von der Offenbarung entfernt sei, wie gegenwärtig es im Wissen um diese Entfernung werden mag.

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this holy growth of languages: to gauge how far their hiddenness remains from revelation, how present it may become in the knowledge of this distance.

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Damit ist allerdings zugestanden, daß alle Übersetzung nur eine irgendwie vorläufige Art ist, sich mit der Fremdheit der Sprachen auseinanderzusetzen. Eine andere als zeitliche und vorläufige Lösung dieser Fremdheit, eine augenblickliche und endgültige, bleibt den Menschen versagt oder ist jedenfalls unmittelbar nicht anzustreben. Mittelbar aber ist es das Wachstum der Religionen, welches in den Sprachen den verhüllten Samen einer höhern reift. Übersetzung also, wiewohl sie auf Dauer ihrer Gebilde nicht Anspruch erheben kann und hierin unähnlich der Kunst, verleugnet nicht ihre Richtung auf ein letztes, endgültiges und entscheidendes Stadium aller Sprachfügung. In ihr wächst das Original in einen gleichsam höheren und reineren Luftkreis der Sprache hinauf, in

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By this, however, it is conceded that all translation is merely a provisional way of contending with the foreignness of languages. Any solution to this foreignness other than a temporal and provisional one—an instantaneous and final resolution—remains denied to humanity, or at least is not immediately attainable. Yet indirectly, it is the growth of religions that matures the concealed seed of a higher language within languages. Thus translation, though it cannot claim permanence for its creations—herein unlike art—does not disavow its orientation toward a final, definitive, and decisive stage of all linguistic formation. In translation, the original ascends into a higher and purer linguistic air—an air in which,

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1515welchem es freilich nicht auf die Dauer zu leben vermag, wie esihn auch bei weitem nicht in

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1515to be sure, it cannot dwell permanently, just as it by no means reaches this sphere in all

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allen Teilen seiner Gestalt erreicht, auf den es aber dennoch in einer wunderbar eindringlichen Weise wenigstens hindeutet ais auf den vorbestimmten, versagten Versohnungs- und Erfüllungsbereich der Sprachen. Den erreicht es nicht mit Stumpf und Stiel, aber in ihm steht dasjenige, was an einer Übersetzung mehr ist als Mitteilung. Genauer läßt sich dieser wesenhafte Kern als dasjenige bestimmen, was an ihr selbst nicht wiederum übersetzbar ist. Mag man nämlich an Mitteilung aus ihr entnehmen, soviel man kann und dies übersetzen, so bleibt dennoch dasjenige unberührbar zurück, worauf die Arbeit des wahren Übersetzers sich richtete. Es ist nicht übertragbar wie das Dichterwort des Originals, weil das Verhältnis des Gehalts zur Sprache völlig verschieden ist in Original und Übersetzung. Bilden nämlich diese im ersten eine gewisse Einheit wie Frucht und Schale, so umgibt die Sprache der Übersetzung ihren Gehalt wie ein Königsmantel in weiten Falten. Denn sie bedeutet eine höhere Sprache als sie ist und bleibt dadurch ihrem eigenen Gehalt gegenüber unangemessen, gewaltig und fremd. Diese Gebrochenheit verhindert jede Übertragung, wie sie sich zugleich erübrigt. Denn jede Übersetzung eines Werkes aus einem bestimmten Zeitpunkt der Sprachgeschichte repräsentiert hinsichtlich einer bestimmten Seite seines Gehaltes diejenigen in allen übrigen Sprachen. Übersetzung verpflanzt also das Original in einen wenigstens insofern – ironisch – endgültigeren Sprachbereich, als es aus diesem durch keinerlei Übertragung mehr zu versetzen ist, sondern in ihn nur immer von neuem und an andern Teilen erhoben zu werden vermag. Nicht umsonst mag hier das Wort „ironisch“ an Gedankengange der Romantiker erinnern. Diese haben vor andern Einsicht in das Leben der Werke besessen, von welchem die Übersetzung eine höchste Bezeugung ist. Freilich haben sich diese als solche kaum erkannt, vielmehr ihre ganze Aufmerksamkeit der Kritik zugewendet, die ebenfalls ein wenn auch geringeres Moment im Fortleben der Werke darstellt. Doch wenn auch ihre Theorie auf Übersetzung kaum sich richten mochte, so ging doch ihr großes Übersetzungswerk selbst mit einem Gefühl von dem Wesen und der Würde dieser Form zusammen. Dieses Gefühl – darauf deutet alles hin – braucht nicht notwendig im Dichter am stärksten zu sein; ja es hat in ihm als Dichter vielleicht am

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aspects of its form, yet toward which it nonetheless points in a marvelously penetrating way as toward the foreordained, denied realm of reconciliation and fulfillment. It does not attain this realm entirely, yet within it stands that which in translation is more than communication. More precisely, this essential core can be defined as that which in translation itself is untranslatable. For however much of the communication one may extract and translate, what remains inviolable is that toward which the work of the true translator is directed. It is as untransferable as the poet's word in the original, for the relationship between content and language is entirely different in original and translation. Whereas in the original they form a certain unity like fruit and rind, the language of translation envelops its content like a kingly mantle in ample folds. For it signifies a higher language than its own and thus remains inadequate, overpowering, and alien to its own content. This fracturedness prevents any transference, even as it renders transference superfluous. For every translation of a work from a specific moment in linguistic history represents, with regard to a particular aspect of its content, that which is present in all other languages. Translation thus transplants the original into a linguistic domain that is—at least ironically—more ultimate, since it can no longer be displaced from this sphere by any further translation, but can only ever be elevated anew within it through other aspects. Not without reason may the word "ironic" here recall the thought processes of the Romantics. They above others possessed insight into the life of works, of which translation is the supreme testimony. To be sure, they scarcely recognized it as such, directing their entire attention instead to criticism, which likewise constitutes a lesser moment in the afterlife of works. Yet even if their theory scarcely addressed translation, their great translational oeuvre itself resonated with a sense of this form's essence and dignity. This sense—to which all indications point—need not necessarily be strongest in the poet; indeed, as poet, he may perhaps have the

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1616wenigsten Raum. Nicht einmal die Geschichte legt das konventionelle Vorurteilnahe,

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1616least room for it. Not even history supports the conventional prejudice

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demzufolge die bedeutenden Übersetzer Dichter und unbedeutende Dichter geringe Übersetzer wären. Eine Reihe der größeren wie Luther, Voß, Schiegel sind als Übersetzer ungleich bedeutender denn als Dichter, andere unter den größen, wie Hölderlin und George, nach dem ganzen Umfang ihres Schaffens unter dem Begriff des Dichters allein nicht zu fassen. Zumal nicht als Übersetzer. Wie nämlich die Übersetzung eine eigene Form ist, so läßt sich auch die Aufgabe des Übersetzers als eine eigene fassen und genau von der des Dichters unterscheiden.

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that significant translators are poets and insignificant poets poor translators. Among the greater figures—Luther, Voss, Schlegel—translators are incomparably more significant than poets; others among the greatest, such as Hölderlin and George, cannot be subsumed under the concept of the poet alone, particularly not as translators. For just as translation is a distinct form, so too can the task of the translator be grasped as a distinct one, rigorously differentiated from that of the poet.

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Sie besteht darin, diejenige Intention auf die Sprache, in die übersetzt wird, zu finden, von der aus in ihr das Echo des Originals erweckt wird. Hierin liegt ein vom Dichtwerk durchaus unter- scheidender Zug der Übersetzung, weil dessen Intention niemals auf die Sprache als solche, ihre Totalität, geht, sondern allein unmittelbar auf bestimmte sprachliche Gehaltszusammenhänge. Die Übersetzung aber sieht sich nicht wie die Dichtung gleichsam im innern Bergwald der Sprache selbst, sondern außerhalb desselben, ihm gegenüber und ohne ihn zu betreten ruft sic das Original hinein, an demjenigen einzigen Orte hinein, wo jeweils das Echo in der eigenen den Widerhall eines Werkes der fremden Sprache zu geben vermag. Ihre Intention geht nicht allein auf etwas anderes als

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It consists in finding that intention toward the language into which the translation is made from which the echo of the original can be awakened. Herein lies a characteristic of translation fundamentally distinct from the poetic work, whose intention never aims at language as such, its totality, but rather remains immediately and exclusively directed toward specific linguistic content-relationships. Unlike poetry, translation does not find itself within the inner mountain forest of language itself, but rather stands outside it, facing it, and without entering calls the original into this forest at that sole point where the echo in its own language can provide the reverberation of a work in the foreign tongue. Its intention is not merely different from that of poetry—namely, directed toward a language as a whole through an individual artwork in a foreign one—but it is also of a different nature: the poet's intention is naive, primary, intuitive; the translator's is derivative, ultimate, ideational. For the grand motive of integrating the multiplicity of languages into the one true language informs his labor. Yet this is that language in which individual sentences, poems, judgments can never communicate—as they indeed remain dependent on translation—but in which the languages themselves, reconciled and complementary in their modes of intention, accord with one another. If there is such a thing as a language of truth, in which the ultimate secrets toward which all thinking strives are stored without tension and in silence, then this language of truth—the true language—is precisely that whose presentiment and description constitute the sole perfection the philosopher can hope for. It is intensely concealed within translations. There is no muse of philosophy, nor is there a muse of translation. Yet they are not philistine, as sentimental artists would have it. For there exists a philosophical genius whose most proper longing is for that language which manifests itself in translation. "Les langues imparfaites en cela que plusieurs, manque la supreme: penser étant écrire sans accessoires, ni chuchotement mais tacite encore l’immortelle parole, la diversité, sur terre, des idiomes empêche personne de proférer les mots qui, sinon se trouveraient, par une frappe unique, elle-même matériellement la vérité." If what Mallarmé evokes in these words is rigorously measurable by the philosopher, then translation stands midway between poetry and doctrine with the germs of such language. Its work is less sharply imprinted than theirs, yet it engraves itself no less deeply into history.

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die der Dichtung, nämlich auf eine Sprache im ganzen von einem einzelnen Kunstwerk in einer fremden aus, sondern sie ist auch selbst eine andere: die des Dichters ist naive, erste, anschauliche, die des Übersetzers abgeleitete, letzte, ideenhafte Intention. Denn das große Motiv einer Integration der vielen Sprachen zur einen wahren erfüllt seine Arbeit. Dies ist aber jene, in welcher zwar die einzelnen Sätze, Dichtungen, Urteile sich nie verständigen – wie sie denn auch auf Übersetzung angewiesen bleiben –, in welcher jedoch die Sprachen selbst miteinander, ergänzt und versöhnt in der Art ihres Meinens, übereinkommen. Wenn anders es aber eine Sprache der Wahrheit gibt, in welcher die letzten Geheimnisse, um die alles Denken sich müht, spannungslos und selbst schweigend aufbewahrt sind, so ist diese Sprache der Wahrheit – die wahre Sprache. Und eben diese, in deren Ahnung und Beschreibung die einzige Vollkommenheit liegt, welche der Philosoph sich erhoffen kann, sie ist intensiv in den Übersetzungen verborgen. Es gibt keine Muse der Philosophie, es gibt auch keine Muse der Übersetzung. Banausisch aber, wie sentimentale Artisten

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1717sie wissen wollen, sind sie nicht. Denn es gibt ein philosophisches Ingenium, dessen eigenstes die Sehnsucht nach jener Sprache ist, weiche in der Übersetzung sich bekundet. »Les langues imparfaites en cela que plusieurs, manque la supreme: penser étant écrire sans accessoires, ni chuchotement mais tacite encore l’immortelle parole, la diversité, sur terre, des idiomes empêche personne de proférer les mots qui, sinon se trouveraient, par une frappe unique, elle-même matériellernent la vérité.« Wenn, was in diesen Worten Mallarmé gedenkt, dem Philosophen streng ermeßbar ist, so steht mit ihren Keimen solcher Sprache die Übersetzung mitten zwischen Dichtung und der Lehre. Ihr Werk steht an Ausprägung diesen nach, doch es prägt sich nicht weniger tief em in die Geschichte.

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1818Erscheint die Aufgabe des Übersetzers in solchem Licht, so drohen die Wege ihrer Lösung sich um so undurchdringlicher zu verfinstern. Ja, diese Aufgabe: in der Übersetzung den Samen reiner Sprache zur Reife zu bringen, scheint niemals lösbar, in keiner Lösung bestimmbar. Denn wird einer solchen nicht der Boden entzogen, wenn die Wiedergabe des Sinnes aufhört, maßgebend zu sein? Und nichts anderes ist ja – negativ gewendet – die Meinung alles Vorstehenden. Treue und Freiheit – Freiheit der sinngemäßen Wiedergabe und in ihrem Dienst Treue gegen das Wort – sind die althergebrachten Begriffe in jeder Diskussion von Übersetzungen. Einer Theorie, die anderes in der Übersetzung sucht als Sinnwiedergabe, scheinen sie nicht mehr dienen zu können. Zwar sieht ihre herkömmliche Verwendung diese Begriffe stets in einem unauflöslichen Zwiespalt. Denn was kann gerade die Treue für die Wiedergabe des Sinnes eigentlich leisten? Treue in der Übersetzung des einzelnen Wortes kann fast nie den Sinn voll wiedergeben, den es im Original hat. Denn dieser erschöpft sich nach seiner dichterischen Bedeutung fürs Original nicht in dem Gemeinten, sondern gewinnt diese gerade dadurch, wie das Gemeinte an die Art des Meinens in dem bestimmten Worte gebunden ist. Man pflegt dies in der Formel auszudrücken, daß die Worte einen Gefühlston mit sich führen. Gar die Wörtlichkeit hinsichtlich der Syntax wirft jede Sinneswiedergabe vollends über den Haufen und droht geradenwegs ins Unverständliche zu führen. Dem neunzehnten Jahrhundert standen Hölderlins Sophokles-Übersetzungen als monströse Beispiele solcher Wörtlichkeit vor

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When the task of the translator is illuminated in this manner, the paths to its solution seem to darken into impenetrability. Indeed, this task—to bring the seed of pure language to maturity in translation—appears never solvable, determinable in no solution. For does not the very ground for such a solution crumble away when the reproduction of meaning ceases to be authoritative? And nothing other than this—negatively phrased—is the meaning of all preceding arguments. Fidelity and freedom—freedom of sense-loyal reproduction and fidelity serving it through word-loyalty—are the time-honored concepts in any discussion of translations. They seem to serve no theory that seeks something other than sense-reproduction in translation. True, their conventional usage perpetuates these concepts in an irresolvable conflict. For what can fidelity actually achieve for the reproduction of meaning? Fidelity in the translation of individual words can almost never fully reproduce the meaning they bear in the original. For this meaning, in its poetic significance for the original, is not exhausted by what is meant, but rather gains this precisely through how the meant is bound to the mode of intention in the specific word. This is customarily expressed by the formula that words carry an affective tone. Literality regarding syntax utterly demolishes sense-reproduction and threatens to lead directly into unintelligibility. The nineteenth century saw Hölderlin’s Sophocles translations as monstrous examples of such literality. How fidelity to the reproduction of form impedes that of meaning is self-evident. Consequently, the demand for literality cannot be derived from an interest in preserving meaning. The undisciplined freedom of bad translators serves this interest far better—though serving poetry and language far worse. Necessarily, then, this demand—whose justification is obvious but whose basis lies deeply hidden—must be understood through more substantial connections. Just as fragments of a vessel, to be pieced together, must follow one another in the smallest details yet need not resemble one another, so translation, instead of resembling the meaning of the original, must lovingly and in detail fashion its own mode of intention after the original’s, to make both recognizable as fragments of a vessel, fragments of a greater language. Precisely for this reason, translation must largely disregard the intention to communicate something, the sense, and the original is essential to it only insofar as it has already relieved the translator and his work of the effort and order of what is to be communicated. Even in the realm of translation: en

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Augen.Wie sehr endlich Treue in der Wiedergabe der Form die des Sinnes erschwert, versteht

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sich von selbst. Demgemäß ist die Forderung der Wörtlichkeit unableitbar aus dem Interesse der Erhaltung des Sinnes. Dieser dient weit mehr – freilich der Dichtung und Sprache weit weniger – die zuchtlose Freiheit schlechter Übersetzer. Notwendigerweise muß also jene Forderung; deren Recht auf der Hand, deren Grund sehr verborgen liegt, aus triftigeren Zusammenhingen verstanden werden. Wie nämlich Scherben eines Gefäßes, um sich zusammenfugen zu lassen, in den kleinsten Einzelheiten einander zu folgen, doch nicht so zu gleichen haben, so muß, anstatt dem Sinn des Originals sich ähnlich zu machen, die Übersetzung liebend vielmehr und bis ins Einzelne hinein dessen Art des Meinens in der eigenen Sprache sich anbilden, um so beide wie Scherben als Bruchstück eines Gefäßes, als Bruchstück einer größeren Sprache erkennbar zu machen. Eben darum muß sie von der Absicht, etwas mitzuteilen, vom Sinn in sehr hohem Maße absehen und das Original ist ihr in diesem nur insofern wesentlich, als es der Mühe und Ordnung des Mitzuteilenden den Übersetzer und sein Werk schon enthoben hat. Auch im Bereiche der Übersetzung gilt: en

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arché en o lògos, im Anfang war das Wort. Dagegen kann, ja muß dem Sinn gegenüber ihre Sprache sich gehen lassen, um nicht dessen intentio als Wiedergabe, sondern als Harmonie, als Ergänzung zur Sprache, in der diese sich mitteilt, ihre eigene Art der intentio ertönen zu lassen. Es ist daher, vor allem im Zeitalter ihrer Entstehung, das höchste Lob einer Übersetzung nicht; sich wie em Original ihrer Sprache zu lesen. Vielmehr ist eben das die Bedeutung der Treue, weiche durch Wörtlichkeit verbürgt wird, daß die große Sehnsucht nach Sprachergänzung aus dem Werke spreche. Die wahre Übersetzung ist durchscheinend, sie verdeckt nicht das Original, steht ihm nicht im Licht, sondern läßt die reine Sprache, wie verstärkt durch ihr eigenes Medium, nur um so voller aufs Original fallen. Das vermag vor allem Wörtlichkeit in der Übertragung der Syntax und gerade sie erweist das Wort, nicht den Satz als das Urelement des Übersetzers. Denn der Satz ist die Mauer vor der Sprache des Originals, Wörtlichkeit die Arkade.

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arché en o lògos - in the beginning was the Word. Against this, language must indeed release itself in relation to meaning, not to reproduce its intentio as representation, but rather to let its own mode of intentio resound as harmony, as complementation to the language through which it communicates. Hence the highest praise for a translation, especially in the age of its creation, is not that it reads as if written in the target language. Rather, the significance of fidelity guaranteed through literalism lies precisely in this: that the work speaks of the profound yearning for linguistic complementation. True translation is translucent; it does not obscure the original nor stand in its light, but allows the pure language, as if intensified through its own medium, to shine upon the original all the more fully. This is achieved above all through literalism in syntactic transference, which demonstrates the word – not the sentence – as the translator's primal element. For the sentence is the wall before the original's language, literalism the arcade.

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1919Wenn Treue und Freiheit der Übersetzung seit jeher als widerstrebende Tendenzen betrachtet wurden, so scheint auch diese tiefere Deutung der einen beide nicht zu versöhnen, sondern im Gegenteil alles Recht der andern abzusprechen. Denn worauf bezieht Freiheit sich, wenn nicht auf die Wiedergabe des Sinnes, die aufhören soll, gesetzgebend zu heißen? Allein wenn der Sinn eines Sprachgebildes identisch gesetzt werden darf mit dem seiner Mitteilung, so bleibt ihm ganz nah und doch unendlich fern, unter ihm verborgen oder deutlicher, durch ihn gebrochen oder machtvoller über alle Mitteilung hinaus ein Letztes, Entscheidendes. Es bleibt in aller Sprache und ihren Gebilden außer dem Mitteilbaren ein Nicht-Mitteilbares, ein, je nach dem Zusammenhang, in dem es angetroffen wird, Symbolisierendes oder Symbolisiertes. Symbolisierendes nur, in den endlichen Gebilden der Sprachen; Symbolisiertes aber im Werden der Sprachen selbst. Und was im Werden der Sprachen sich darzustellen, ja herzustellen sucht, das ist jener Kern der reinen Sprache selbst.

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If fidelity and freedom in translation have always been regarded as conflicting tendencies, even this deeper interpretation of the former seems not to reconcile both but rather to deny all legitimacy to the other. For to what does freedom refer if not to the reproduction of meaning, which should no longer claim legislative authority? Yet if the meaning of a linguistic construct may be equated with its communicability, there remains – intimately close yet infinitely distant, concealed beneath or made manifest through it, refracted by or rising sovereign above all communication – an ultimate, decisive element. In all language and its constructs there persists beyond the communicable a non-communicable element: something that appears, depending on context, as symbolizing or symbolized. The former in languages' finite constructs; the latter in their becoming. What seeks representation – indeed, creation – in this becoming of languages is that very nucleus of pure language itself.

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Wenn aber dieser, oh verborgen und fragmentarisch, dennoch gegenwärtig im Leben ais das Symbolisierte selbst ist, so wohnt er nur symbolisierend in den Gebilden. Ist jene letzte Wesenheit, die da die reine Sprache selbst ist, in den Sprachen nur an Sprachliches und dessen Wandlungen gebunden, so ist sie in den Gebilden behaftet mit dem schweren und fremden Sinn. Von diesem sie zu entbinden, das Symbolisierende zum Symbolisierten selbst zu machen, die reine Sprache gestaltet der Sprachbewegung zurückzugewinnen, ist das gewaltige und einzige Vermögen der Übersetzung. In dieser reinen Sprache, die nichts mehr meint und nichts mehr ausdrückt, sondern als ausdrucksloses und schöpferisches Wort das in allen Sprachen Gemeinte ist, trifft endlich alle Mitteilung, aller Sinn und alle Intention auf eine Schicht, in der sie zu erlöschen bestimmt sind. Und eben aus ihr bestätigt sich die Freiheit der Übersetzung zu einem neuen und höhern Rechte. Nicht aus dem Sinn der Mitteilung, von weichem zu emanzipieren gerade die Aufgabe der Treue ist, hat sie ihren Bestand. Freiheit vielmehr bewährt sich um der reinen Sprache willen an der eigenen. Jene reine Sprache, die in fremde gebannt ist, in der eigenen zu erlösen, die im Werk gefangene in der Umdichtung zu befreien, ist die Aufgabe des Übersetzers. Um ihretwillen bricht er morsche Schranken der eigenen Sprache: Luther, Voß, Hölderlin, George haben die Grenzen des Deutschen erweitert. – Was hiernach für das Verhältnis von Übersetzung und Original an Bedeutung dem Sinn

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But if this nucleus, however hidden and fragmentary, nevertheless exists in linguistic life as the symbolized itself, it dwells within constructs only as symbolizing. When this ultimate essence – pure language itself – remains bound in languages to linguistic elements and their mutations, it becomes encumbered in constructs with heavy, alien meaning. To liberate it from this burden, to transform the symbolizing into the symbolized itself, to regain pure language formed from linguistic motion – this is the immense and singular capability of translation. In this pure language – which no longer signifies nor expresses, but as expressionless and creative Word becomes that which is intended in all languages – all communication, all meaning and intention ultimately encounter a stratum where they are destined to expire. And it is precisely from this stratum that translation's freedom derives its new and higher justification. Its substance originates not from the meaning to communicate – from which fidelity's task is precisely to emancipate itself – but rather freedom proves itself through the pure language's sake within one's own tongue. To redeem that pure language exiled in foreign tongues, to liberate the language imprisoned in the work through transcreation – this is the translator's task. For this purpose, he shatters decayed barriers of his own language: Luther, Voss, Hölderlin, George have expanded German's frontiers. – The residual significance remaining here for the relation between translation and original in terms of meaning

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2020verbleibt, läßt sich in einem Vergleich fassen. Wie die Tangente den Kreis flüchtigund nur in

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may be grasped through a geometrical analogy. As the tangent fleetingly touches the circle at

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einem Punkte berührt und wie ihr wohl diese Berührung, nicht aber der Punkt, das Gesetz vorschreibt, nach dem sic weiter ins Unendliche ihre gerade Bahn zieht, so berührt die Übersetzung flüchtig und nur in dem unendlich kleinen Punkte des Sinnes das Original, um nach dem Gesetze der Treue in der Freiheit der Sprachbewegung ihre eigenste Bahn zu verfolgen. Die wahre Be- deutung dieser Freiheit hat, ohne sie doch zu nennen noch zu begründen, Rudolf Pannwitz in Ausführungen gekennzeichnet, die sich in der »krisis der europäischen kultur« finden und die neben Goethes Sätzen in den Noten zum »Divan« leicht das Beste sein dürften, was in Deutschland zur Theorie der Übersetzung veröffentlicht wurde. Dort heiß es: »unsre übertragungen auch die besten gehn von einem falschen grundsatz aus sie wollen das indische griechische englische verdeutschen anstatt das deutsche zu verindischen vergriechischen verenglischen. sie haben eine viel bedeutendere ehrfurcht vor den eigenen sprachgebräuchen als vor dem geiste des fremden werks ... der grundsätzliche irrtum des übertragenden ist dass er den zufalligen stand der eignen sprache

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a single point, governed in this contact – though not in the point itself – by the law dictating its infinite linear trajectory, so translation touches the original fleetingly at the infinitely small point of meaning, only to pursue its ownmost course according to the law of fidelity in the freedom of linguistic motion. The true significance of this freedom – though neither naming nor substantiating it – has been characterized by Rudolf Pannwitz in observations found in "Die Krisis der europäischen Kultur," which alongside Goethe's remarks in the "Notes to the Divan" likely constitute the finest German writings on translation theory. There it states: "Our translations even the best proceed from a false principle they seek to germanize indian greek english instead of indianizing hellenizing anglicizing german they show far greater reverence for their own linguistic habits than for the foreign work's spirit... The translator's fundamental error is that he preserves the contingent state of his own language instead of allowing it to be powerfully moved by the foreign tongue. Particularly when translating from very distant languages he must penetrate to the ultimate elements of language itself where word image tone become one he must expand and deepen his language through the foreign tongue one has no conception to what degree this is possible how vastly each language can transform itself languages differ almost only as dialect from dialect but this occurs not when treated too lightly rather precisely when taken gravely enough."

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festhält anstatt sie durch die fremde sprache gewaltig bewegen zu lassen. er muss zumal wenn er aus einer sehr fernen sprache überträgt auf die letzten elemente der sprache selbst wo wort bild ton in eins geht zurück dringen er muss seine sprache durch die fremde erweitern und vertiefen man hat keinen begriff in welchem masze das möglich ist bis zu welchem grade jede sprache sich verwandeln kann sprache von sprache fast nur wie mundart von mundart sich unterscheidet dieses aber nicht wenn man sie allzu leicht sondern gerade wenn man sie schwer genug nimmt.«

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Wie weit eine Übersetzung dem Wesen dieser Form zu entsprechen vermag, wird objektiv durch die Übersetzbarkeit des Originals bestimmt. Je weniger Wert und Würde seine Sprache hat, je mehr es Mitteilung ist, desto weniger ist für die Übersetzung dabei zu gewinnen, bis das völlige Übergewicht jenes Sinnes, weit entfernt, der Hebel einer formvollen Übersetzung zu sein, diese ver- eitelt. Je höher ein Werk geartet ist, desto mehr bleibt es selbst in flüchtigster Berührung seines Sinnes noch übersetzbar. Dies gilt selbstverständlich nur von Originalen. Übersetzungen dagegen erweisen sich unübersetzbar nicht wegen der Schwere, sondern wegen der allzu großen Flüchtigkeit, mit welcher der Sinn an ihnen haftet. Hierfür wie in jeder andern wesentlichen Hinsicht 21 stellen sich Hölderlins Übertragungen, besonders die der beiden Sophokleischen Tragödien, bestätigend dar. In ihnen ist die Harmonie der Sprachen so tief, daß der Sinn nur noch wie eine Äolsharfe vom Winde von der Sprache berührt wird. Hölderlins Übersetzungen sind Urbilder ihrer Form; sie verhalten sich auch zu den vollkommensten Übertragungen ihrer Texte als das Urbild zum Vorbild, wie es der Vergleich der Hölderlinschen und Borchardtschen Übersetzung der dritten pythischen Ode von Pindar zeigt. Eben darum wohnt in ihnen vor andern die ungeheure und ursprüngliche Gefahr aller Übersetzung: daß die Tore einer so erweiterten und durchwalteten Sprache zufallen und den Übersetzer ins Schweigen schließen. Die Sophokles-Übersetzungen waren Hölderlins letztes Werk. In ihnen stürzt der Sinn von Abgrund zu Abgrund, bis er droht in bodenlosen Sprachtiefen sich zu verlieren. Aber es gibt ein Halten. Es gewährt es jedoch kein Text außer dem heiligen, in dem der Sinn aufgehört hat, die Wasserscheide für die strömende Sprache und die strömende Offenbarung zu sein. Wo der Text unmittelbar, ohne vermittelnden Sinn, in seiner Wörtlichkeit der wahren Sprache, der Wahrheit oder der Lehre angehört, ist er übersetzbar schlechthin. Nichtmehr freilich um seinet-, sondern allein um der Sprachen willen. Ihm gegenüber ist so grenzenloses Vertrauen von der Übersetzung gefordert, daß spannungslos wie in jenem Sprache und Offenbarung so in dieser Wörtlichkeit und Freiheit in Gestalt der Interlinearversion sich vereinigen müssen. Denn in irgendeinem Grade enthalten alle grollen Schriften, im höchsten aber die heiligen, zwischen den Zeilen ihre virtuelle Übersetzung. Die Interlinearversion des heiligen Textes ist das Urbild oder Ideal aller Übersetzung.

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The degree to which a translation may correspond to the essence of this form is objectively determined by the translatability of the original. The less value and dignity its language possesses — the more it is mere communication — the less there is to gain for translation, until the total predominance of meaning, far from being the lever for a formally accomplished translation, thwarts it instead. The higher a work's stature, the more it remains translatable even in the most fleeting contact with its meaning. This holds true, of course, only for originals. Translations, by contrast, prove untranslatable not due to their weightiness but because of the excessive evanescence with which meaning clings to them. In this regard, as in every other essential aspect, Hölderlin’s translations — particularly those of the two Sophoclean tragedies — stand as confirming instances. Within them, the harmony of languages resonates so profoundly that meaning is touched by language as an Aeolian harp is touched by the wind. Hölderlin’s translations are archetypes of their form; they relate even to the most perfect translations of their texts as the archetype does to the model, as evidenced by comparing Hölderlin’s and Borchardt’s translations of Pindar’s third Pythian Ode. Precisely for this reason, they harbor more than others the immense and primal danger inherent in all translation: that the gates of a language thus expanded and mastered may slam shut, enclosing the translator in silence. The Sophocles translations were Hölderlin’s final work. In them, meaning plunges from abyss to abyss until it threatens to lose itself in the bottomless depths of language. Yet there is a foothold. It is granted, however, by no text save the sacred one, in which meaning has ceased to be the watershed for the streaming language and the streaming revelation. Where a text belongs immediately — without the mediation of meaning — in its literality to the true language, to truth or doctrine, it is absolutely translatable. No longer for its own sake, to be sure, but solely for the sake of languages. In confronting such a text, translation is required to show boundless trust, such that literality and freedom must unite without tension — as in that primal unity of language and revelation — in the form of the interlinear version. For to some degree, all great writings — and the sacred texts above all — contain their virtual translation between the lines. The interlinear version of the sacred text is the archetype or ideal of all translation.