Bemerkungen über die Farben & Über Gewißheit
Wittgenstein
Wittgenstein
Über
On
Gewißheit
Certainty
Werkausgabe Band 8
Complete Works Volume 8
Bemerkungen über die Farben
Remarks on Colour
Über Gewißheit
On Certainty
Zettel
Zettel
Vermischte Bemerkungen
Miscellaneous Remarks
suhrkamp taschenbuch
suhrkamp paperback
wissenschaft
wissenschaft
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15. Auflage 2017
15th edition 2017
Erste Auflage 1984 suhrkamp taschenbuch wissenschaft 508 © Wittgenstein Trustee 1989 © der deutschen Ausgabe Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2006 Suhrkamp Taschenbuch Verlag Alle Rechte für die deutsche Sprache weltweit vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
First edition 1984 suhrkamp taschenbuch wissenschaft 508 © Wittgenstein Trustee 1989 © German edition Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2006 Suhrkamp Taschenbuch Verlag All rights for the German language worldwide reserved by Suhrkamp Verlag Berlin.
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Druck: Druckhaus Nomos, Sinzheim Printed in Germany Umschlag nach Entwürfen von Willy Fleckhaus und Rolf Staudt ISBN 978-3-118-18108-6
Printed by: Druckhaus Nomos, Sinzheim Printed in Germany Cover design based on concepts by Willy Fleckhaus and Rolf Staudt ISBN 978-3-118-18108-6
Bemerkungen über die Farben 7
Remarks on Colour 7
Über Gewißheit 113
On Certainty 113
Zettel 259
Zettel 259
Vermischte Bemerkungen 445
Miscellaneous Remarks 445
Abschnitt III dieses Bandes gibt den Hauptinhalt eines im Früh- jahr 1950 in Oxford verfaßten Manuskripts wieder. Ausgeschie den wurden Bemerkungen über das Problem »Innen-Außen« und über Shakespeare sowie Reflexionen allgemeiner Art. All dieses war von Wittgenstein als nicht zum Text gehörig gekenn- zeichnet. Es wird in späteren Bänden veröffentlicht werden.
Section III of this volume presents the main content of a manuscript written in Oxford in spring 1950. Excluded are remarks on the "inner-outer" problem and on Shakespeare as well as general reflections. Wittgenstein had marked all of this as not belonging to the text. It will be published in later volumes.
Abschnitt I wurde in Cambridge im März 1951 geschrieben. Er stellt, außer einigen Zusätzen, eine Auswahl und zugleich eine Revision des früheren Materials dar.
Section I was written in Cambridge in March 1951. It represents, apart from some additions, both a selection and a revision of earlier material.
Ob Abschnitt II aus einer früheren oder späteren Zeit stammt als Teil III, ist nicht klar. Er wurde niedergeschrieben auf lose undatierte Blätter, die außerdem auch Aufzeichnungen über Gewißheit enthalten. Wittgenstein ließ diese Blätter in meinem Haus in Oxford zurück, als er im Februar 1951 nach Cambridge in das Haus von Dr. Bevan zog, in der Erwartung, dort zu sterben.
It is unclear whether Section II predates or postdates Part III. It was written on loose undated sheets that also contain notes on certainty. Wittgenstein left these sheets at my house in Oxford when he moved to Dr. Bevan's house in Cambridge in February 1951, expecting to die there.
Die Verwalter von Wittgensteins literarischem Nachlaß fan- den, daß dies ganze Material sich gut zur Veröffentlichung eig nete, da es ein charakteristisches Beispiel darbot einer ersten Niederschrift und der später erfolgten Auswahl aus diesem Ent- wurf. Vieles von dem, was Wittgenstein nicht in die spätere Fassung aufnahm, ist sehr interessant, und es wurde daher eine Methode der Veröffentlichung gewählt, die es dem Herausgeber ermöglichte, den Text intakt zu lassen.
The executors of Wittgenstein's literary estate deemed this entire material suitable for publication as it provided a characteristic example of an initial draft and subsequent selection from this draft. Much of what Wittgenstein did not include in the later version is very interesting, hence an editorial method was chosen that allowed preserving the text intact.
Die Textherstellung wurde mir sehr erleichtert durch die von G.H. von Wright bereitete sorgfältige Schreibmaschinenab- schrift des Manuskripts, auch eine davon unabhängige, von Linda McAlister und Margarete Schättle angefertigte Kopie war mir von großem Nutzen. Ich möchte auch Dr. L. Labowsky dafür danken, daß sie den deutschen Text durchgelesen hat.
The textual preparation was greatly facilitated by G.H. von Wright's careful typewritten transcription of the manuscript. An independent copy made by Linda McAlister and Margarete Schättle was also invaluable. I also thank Dr. L. Labowsky for reviewing the German text.
1. Ein Sprachspiel: Darüber berichten, ob ein bestimmter Körper heller oder dunkler als ein andrer sei. - Aber nun gibt es ein verwandtes: Über das Verhältnis der Helligkeiten bestimm- ter Farbtöne aussagen. (Damit ist zu vergleichen: Das Verhältnis der Längen zweier Stäbe bestimmen - und das Verhältnis zweier Zahlen bestimmen.) - Die Form der Sätze in beiden Sprachspie- len ist die gleiche: X ist heller als Y. Aber im ersten ist es eine externe Relation und der Satz zeitlich, im zweiten ist es eine interne Relation und der Satz zeitlos.
1. A language-game: Reporting whether one particular object is lighter or darker than another. - But now there is a related one: Making statements about the brightness relations of specific color tones. (Compare: Determining the length ratio of two rods - and determining the ratio of two numbers.) - The grammatical form of propositions in both language-games is identical: "X is lighter than Y." But in the first case it is an external relation and the proposition temporal; in the second, an internal relation and the proposition timeless.
2. In einem Bild, in welchem ein Stück weißes Papier seine Helligkeit vom blauen Himmel kriegt, ist dieser heller als das weiße Papier. Und doch ist, in einem andern Sinne, Blau die dunklere, Weiß die hellere Farbe (Goethe). Auf der Palette ist das Weiß die heliste Farbe.
2. In a painting where a piece of white paper derives its brightness from a blue sky, this blue is lighter than the white paper. Yet in another sense, blue is the darker color, white the lighter (Goethe). On the palette, white is the lightest color.
3. Lichtenberg sagt, nur wenige Menschen hätten je reines Weiß gesehen. So verwenden also die meisten das Wort falsch? Und wie hat er den richtigen Gebrauch gelernt? - Er hat nach dem gewöhnlichen Gebrauch einen idealen konstruiert. Und das heißt nicht, einen bessern, sondern einen in gewisser Richtung verfeinerten, worin etwas auf die Spitze getrieben wird.
3. Lichtenberg says few people have ever seen pure white. Does this mean most use the word incorrectly? And how did he learn its proper use? - He constructed an ideal from ordinary usage. This does not mean a better usage, but one refined in certain respects where something is carried to extremes.
4. Und freilich kann ein so konstruierter uns wieder über den tatsächlichen Gebrauch belehren.
4. And certainly, such a constructed ideal can in turn instruct us about actual usage.
3. Wenn ich von einem Papier sage, es sei rein weiß, und es würde Schnee neben das Papier gehalten und dieses sähe nun grau aus, so würde ich es in seiner normalen Umgebung doch mit Recht weiß, nicht hellgrau, nennen. Es könnte sein, daß ich, im Laboratorium etwa, einen verfeinerten Begriff von Weiß ver- wendete (wie z. B. auch einen verfeinerten Begriff der genauen Zeitbestimmung).
3. If I say a sheet of paper is pure white, and were snow held beside it making the paper appear gray, I would still rightly call it white rather than light gray in its normal environment. It might be that in a laboratory setting, for instance, I employ a refined concept of white (just as one might use a refined concept of exact time measurement).
6. Was läßt sich dafür sagen, daß Grün eine primäre Farbe ist, keine Mischfarbe von Blau und Gelb? Wäre es richtig zu sagen: Man kann das nur unmittelbar erkennen, indem man die Farben betrachtet? Aber wie weifß ich, dafß ich dasselbe mit den Worten primäre Farbe meine wie ein andrer, der auch geneigt ist, Grün eine primäre Farbe zu nennen? Nein, hier entscheiden Sprach- spiele.
6. What arguments exist for green being a primary color rather than a mixed color of blue and yellow? Would it be correct to say: One can only recognize this immediately by observing the colors? But how do I know that I mean the same by the words "primary color" as another person who also tends to call green a primary color? No – here language-games decide.
7. Es gibt die Aufgabe, zu einem gegebenen Gelbgrün (oder Blaugrün) ein weniger gelbliches (oder bläuliches) zu mischen, - oder aus einer Anzahl von Farbmustern auszuwählen. Ein weni ger gelbliches ist aber kein bläuliches Grün (und umgekehrt), und es gibt auch die Aufgabe, ein Grün zu wählen, oder zu mischen, das weder gelblich noch bläulich ist. Ich sage oder zu mischen, weil ein Grün dadurch nicht zugleich bläulich und geiblich wird, daß es durch eine Art der Mischung von Gelb und Blau zustande kommt.
7. There exists the task of mixing a less yellowish (or bluish) green from a given yellow-green (or blue-green), or selecting one from a set of color samples. However, a less yellowish green is not a bluish green (and vice versa), and there is also the task of selecting or mixing a green that is neither yellowish nor bluish. I say "or mixing" because a green does not simultaneously become bluish and yellowish merely by being produced through a method of mixing yellow and blue.
Das MS hat -grünlich. Herausg
The manuscript has -greenish. Ed.
8. Menschen könnten den Begriff der Zwischenfarbe oder Mischfarbe haben, auch, wenn sie nie Farben durch Mischung (in welchem Sinne immer) erzeugten. Es könnte sich in ihren Sprachspielen immer nur darum handeln, schon vorhandene Zwischen- oder Mischfarben zu suchen, zu wählen.9. Wenn nun auch nicht Grün eine Zwischenfarbe von Gelb und Blau ist, könnte es nicht Leute geben, für die es ein bläuli- ches Gelb, ein rötliches Grün gibt? Leute also, deren Farbbe- griffe von den unsern abwichen - da ja auch die Farbbegriffe der Farbenblinden von denen der Normalen abweichen, und nicht jede Abweichung vom Normalen muß eine Blindheit, ein Defekt sein.
8. Humans could possess the concept of intermediate or mixed colors even if they never produced colors through mixing (in any sense). Their language-games might only ever involve searching for or selecting pre-existing intermediate or mixed colors.
10. Wer gelernt hat, zu einem gegebenen Farbton einen gelb- licheren, weißlicheren, rötlicheren zu finden oder zu mischen, u.s.f., wer also den Begriff der Zwischenfarbe kennt, den fordre man nun auf, uns ein rötliches Grün zu zeigen. Er mag diesen Befehl nun einfach nicht verstehen und etwa so reagieren, als hätte man von ihm verlangt, nach einem regelmäßigen Viereck, Fünfeck, Sechseck ein regelmäßiges Eineck zu zeigen. Wie aber, wenn er, ohne zu zögern, auf ein Farbmuster wiese (etwa auf ein schwärzliches Braun, wie wir es nennen würden)?
9. Even if green is not an intermediate color between yellow and blue, could there not be people for whom there exists a bluish yellow or a reddish green? Such people would have color concepts diverging from ours – just as the color concepts of the color-blind differ from those of normally sighted individuals, and not every deviation from the norm need be a blindness or defect.
11. Wem ein Rötlichgrün bekannt wäre, der sollte imstande sein, eine Farbenreihe herzustellen, die mit Rot anfinge, mit Grün endet und, auch für uns vielleicht, einen kontinuierlichen Übergang zwischen ihnen bildet. Es würde sich dann zeigen, daß dort, wo wir jedesmal den gleichen Ton, von Braun z. B., sehen, er einmal Braun, einmal Rötlichgrün sähe. Daß er z.B. zwei chemische Verbindungen, die für uns die gleiche Farbe haben, nach der Farbe unterscheiden könnte und die eine braun die andre rötlichgrün nennte.
10. Take someone who has learned to find or mix a more yellowish, whitish, or reddish hue for a given color tone, etc. – someone, that is, who understands the concept of intermediate color. Now demand that they show us a reddish green. They may simply fail to comprehend this command, reacting as if asked to exhibit a regular one-sided polygon after regular quadrilaterals, pentagons, hexagons. But what if they unhesitatingly pointed to a color sample (say, what we would call a blackish brown)?
12. Stell dir vor, alle Menschen mit seltenen Ausnahmen wären rot-grün-blind. Oder auch den andern Fali: alle Menghen wären entweder rot-grün oder blau-gelb-blind.
11. Someone acquainted with reddish green should be capable of producing a color series beginning with red, ending with green, and forming – even for us – a continuous transition between them. It would then emerge that where we consistently see the same tone, say brown, they would see brown at one time and reddish green at another. For instance, they could distinguish by color two chemical compounds that appear identical to us, naming one brown and the other reddish green.
13. Denken wir uns ein Volk von Farbenblinden, und das könnte es leicht geben. Sie würden nicht die gleichen Farb- begriffe haben wie wir. Denn auch angenommen sie redeten z. B. deutsch, hätten also alle deutschen Farbwörter, so würden sie sie doch anders gebrauchen als wir, und anders zu gebrauchen lernen. Oder haben sie eine fremde Sprache, so würde es uns schwer, ihre Farbwörter in die unsern zu übersetzen.
12. Imagine all humans, with rare exceptions, were red-green blind. Or consider the reverse case: all people were either red-green or blue-yellow blind.
14. Wenn es aber auch Menschen gäbe, denen es natürlich wäre, den Ausdruck »rötlichgrün« oder »gelblichblau« in kon- sequenter Weise zu verwenden, und [die] dabei vielleicht auch Fähigkeiten verrieten, die uns fehlen, so wären wir dennoch nicht gezwungen anzuerkennen, sie sähen, Farben, die wir nicht sehen. Es gibt ja kein allgemein anerkanntes Kriterium dafür, was eine Farbe sei, es sei denn, daß es eine unserer Far ben ist.
13. Let us imagine a nation of color-blind individuals – and such could easily exist. They would not share our color concepts. For even if they spoke German, possessing all German color terms, they would use them differently from us and learn to use them differently. Or if they spoke a foreign language, we would find it difficult to translate their color words into ours.
15. In jedem ernsteren philosophischen Problem reicht die Unsicherheit bis an die Wurzeln hinab.
14. Yet even if there were humans for whom the consistent use of expressions like "reddish green" or "yellowish blue" came naturally, and who perhaps displayed abilities we lack, we would still not be compelled to concede that they see colors we do not. After all, there exists no universally accepted criterion for what constitutes a color except that it is one of our colors.
Man muß immer darauf gefaßt sein, etwas ganz Neues zu Jernen.
15. In every serious philosophical problem, uncertainty extends down to the roots.
16. Die Beschreibung der Phänomene der Farbenblindheit gehört in die Psychologie: also auch die der Phänomene des normalen Sehens? Die Psychologie beschreibt nur die Abwei- chungen der Farbenblindheit vom normalen Sehen.
One must always be prepared to learn something entirely new.
17. Runge (in dem Brief, den Goethe in der Farbenlehre abdruckt) sagt, es gebe durchsichtige und undurchsichtige Far-ben. Weiß sei eine undurchsichtige Farbe. Dies zeigt die Unbe stimmtheit im Begriff der Farbe, oder auch der Farbengleich- heit.
16. The description of color blindness phenomena belongs to psychology: does this then also apply to the phenomena of normal vision? Psychology only describes the deviations of color blindness from normal vision.
18. Kann ein durchsichtiges grünes Glas die gleiche Farbe haben wie ein undurchsichtiges Papier, oder nicht? Wenn ein solches Glas auf einem Gemälde dargestellt würde, so wären die Farben auf der Palette nicht durchsichtig. Wollte man sagen, die Farbe des Glases wäre auch auf dem Gemälde durchsichtig, so müßte man den Komplex von Farbflecken, der das Glas darstellt, seine Farbe nennen.
17. Runge (in the letter Goethe reproduces in his Theory of Colors) states there are transparent and opaque colors. White is an opaque color. This reveals the indeterminacy in the concept of color, or equally in that of color equivalence.
19. Wie kommt es, daß etwas Durchsichtiges grün, aber nicht weiß sein kann?
18. Can transparent green glass have the same color as opaque paper, or not? If such glass were depicted in a painting, the palette colors would not be transparent. To claim the glass's color remains transparent in the painting, one would have to designate the complex of color patches representing the glass as its color.
Durchsichtigkeit und Spiegeln gibt es nur in der Tiefendimen- sion eines Gesichtsbilds.
19. Why can something transparent be green but not white?
Der Eindruck des durchsichtigen Mediums ist der, daß etwas hinter dem Medium liegt. Vollkommene Einfärbigkeit des Gesichtsbilds kann nicht durchsichtig sein.
Transparency and reflection exist only in the depth dimension of a visual image.
20. Erwas Weißes hinter einem gefärbten durchsichtigen Medium erscheint in der Farbe des Mediums, etwas Schwarzes schwarz. Nach dieser Regel mufß Schwarz auf weißem Grund durch ein weißes durchsichtiges Medium wie durch ein farblo- ses gesehen werden.
20. The impression of a transparent medium is that something lies behind it. Perfect monochromaticity in the visual image cannot be transparent.
21. Runge: Wenn man sich ein bläuliches Orange, ein rötli- ches Grün, oder ein gelbliches Violett denken will, wird einem zu Muthe wie bei einem südwestlichen Nordwinde... Weiß sowohl als Schwarz sind beide undurchsichtig oder körperlich... Weißßes Wasser wird man sich nicht denken können, was rein ist; so wenig wie klare Milch..
A white object behind a colored transparent medium appears in the medium's color; a black object appears black. By this rule, black on white ground seen through a white transparent medium must appear as through a colorless medium.
21. Runge: If one attempts to imagine a bluish orange, a reddish green, or a yellowish violet, it feels like imagining a southwestern north wind... Both white and black are opaque or corporeal... One cannot conceive of white water that is pure, no more than clear milk.
22. Wir wollen keine Theorie der Farben finden (weder eine physiologische noch eine psychologische), sondern die Logik der Farbbegriffe. Und diese leistet, was man sich oft mit Unrecht von einer Theorie erwartet hat.
22. We do not seek to establish a theory of colors (neither physiological nor psychological), but rather the logic of color concepts. And this accomplishes what one has often wrongly expected from a theory.
23. Weißes Wasser wird man sich nicht denken können etc. Das heißt, man kann nicht beschreiben (z. B. malen), wie etwas weißes Klares aussähe, und das heißt: man weiß nicht, welche Beschreibung, Darstellung, diese Worte von uns fordern.
23. White water cannot be imagined, etc. This means one cannot describe (e.g., paint) how a white clear substance would look, which is to say: we do not know what description or representation these words demand of us.
24. Es ist nicht ohne weiters klar, von welchem durchsichtigen Glas man sagen soll, es habe die gleiche Farbe, wie ein undurchsichtiges Farbmuster. Wenn ich sage Ich suche ein Glas von dieser Farbe (wobei ich auf ein färbiges Papier deute), so wird das etwa heißen, daß etwas Weißes, durch das Glas gesehen, ausschauen soll wie mein Muster.
24. It is not immediately clear which transparent glass should be said to have the same color as an opaque color sample. If I say, "I am looking for glass of this color" (while pointing to a colored paper), this would mean that something white, when viewed through the glass, should appear like my sample.
Ist das Muster rosa, himmelblau, lila, so wird man sich das Glas trübe denken, aber vielleicht auch klar und nur schwach rötlich, bläulich oder violett gefärbt.
If the sample is pink, sky-blue, or lilac, one might imagine the glass as cloudy, but perhaps also as clear and only faintly tinted reddish, bluish, or violet.
25. Im Kino kann man manchmal die Vorgänge im Film so sehen, als lägen sie hinter der Leinwandfläche, diese aber sei durchsichtig, etwa eine Glastafel. Das Glas nähme den Dingen ihre Farbe und ließe nur Weiß, Grau und Schwarz durch. (Wir treiben hier nicht Physik, sondern betrachten Weiß und Schwarz als Farben ganz wie Grün und Rot.)-Man könnte also denken, daß wir uns hier eine Glastafel vorstellen, die weiß und durch-sichtig zu nennen wäre. Und doch sind wir nicht versucht, sie so zu nennen: Bricht also die Analogie mit einer durchsichtigen grünen Tafel, z. B., irgendwo zusammen?
25. In the cinema, one can sometimes perceive the events on the screen as lying behind the screen surface, with the latter being transparent, like a glass pane. This glass would strip objects of their color, allowing only white, gray, and black to pass through. (Here, we are not engaging in physics but treating white and black as colors equivalent to green and red.)—One might thus imagine a glass pane here that could be called white and transparent. Yet we are not tempted to name it as such: Does the analogy with, say, a transparent green pane break down somewhere?
16. Von einer grünen Tafel würden wir etwa sagen: sie gäbe den Dingen hinter ihr eine grüne Färbung; also vor allem dem Weißen hinter ihr.
26. Of a green pane, we might say: it gives a green tint to objects behind it, particularly to white objects.
27. Man kann sich das nicht vorstellen, wenn es sich um die Logik handelt, heißt: man weiß nicht, was man sich hier vorstel- len soll.
27. The statement "One cannot imagine this when it concerns logic" means: one does not know what to imagine here.
28. Würde man von meiner fiktiven Glastafel im Kino sagen, sie gäbe den Dingen hinter ihr eine weiße Färbung?
28. Would one say of my fictional glass pane in the cinema that it gives a white tint to objects behind it?
29. Konstruiere aus der Regel für den Augenschein des durch- sichtigen Farbigen, die du vom durchsichtigen Grünen, Roten etc. abliest, den Schein des durchsichtigen Weißen! Warum geht es nicht?
29. Derive from the rule for the appearance of transparent colored objects—as you infer from transparent green, red, etc.—the appearance of transparent white! Why does this fail?
30. Jedes gefärbte Medium verdunkelt, was dadurch gesehen wird, es schluckt Licht: Soll nun mein weißes Glas auch verdun- keln? Und je dicker es ist, desto mehr? So wäre es also eigentlich ein dunkles Glas!
30. Every tinted medium darkens what is seen through it; it absorbs light. Should my white glass also darken? And the thicker it is, the more so? Then it would actually be a dark glass!
31. Warum kann man sich durchsichtig-weißes Glas nicht vorstellen, – auch wenn es in Wirklichkeit keins gibt? Wo geht die Analogie mit dem durchsichtigen gefärbten schief?
31. Why can one not imagine transparent-white glass—even if none exists in reality? Where does the analogy with transparent colored glass falter?
32. Sätze werden oft an der Grenze von Logik und Empirie gebraucht, so daß ihr Sinn über die Grenze hin und her wechselt und sie bald als Ausdruck einer Norm, bald als Ausdruck einer Erfahrung gelten. (Denn es ist ja nicht eine psychische Begleiterscheinung-so stellt man sich den ›Gedanken‹ vor –, sondern die Verwendung, die den logischen vom Erfahrungssatz unterscheidet.)
32. Propositions are often used at the boundary between logic and empiricism, such that their meaning shifts across this boundary, serving now as expressions of norms, now as expressions of experience. (For it is not a psychic accompaniment—as one imagines "thought"—but the use that distinguishes a logical proposition from an empirical one.)
33. Man redet von der ›Farbe des Goldes‹ und meint nicht Gelb. ›Goldfarben‹ ist die Eigenschaft einer Oberfläche, welche glänzt oder schimmert.
33. One speaks of the "color of gold" but does not mean yellow. "Gold-colored" refers to the property of a surface that gleams or shimmers.
34. Es gibt Rotglut und Weißglut: Wie aber sähe Braunglut und Grauglut aus? Warum kann man sich diese nicht als einen schwächeren Grad der Weißglut denken?
34. There is red heat and white heat: But how would brown heat or gray heat appear? Why can these not be conceived as weaker degrees of white heat?
35. »Das Licht ist farblos.« Wenn, dann in dem Sinne, wie die Zahlen farblos sind.
35. "Light is colorless." If so, then in the same sense that numbers are colorless.
36. Was leuchtend aussieht, sieht nicht grau aus. Alles Graue sieht beleuchtet aus.
36. What appears luminous does not appear gray. All gray appears illuminated.
37. Was man als leuchtend sieht, sieht man nicht als grau. Wohl aber kann man es als weiß sehen.
37. What is seen as luminous is not seen as gray. Yet it can be seen as white.
38. Man könnte also etwas jetzt als schwach leuchtend, jetzt als grau sehen.
38. Thus, something might be seen now as faintly luminous, now as gray.
39. Ich sage nicht (wie die Gestaltpsychologen), daß der Ein- druck des Weißen so und so zustande komme. Sondern die Frage ist gerade: Was der Eindruck des Weißen sei. Was die Bedeutung dieses Ausdrucks, die Logik des Begriffes ist.
39. I do not say (like the Gestalt psychologists) that the impression of white arises in such and such a way. Rather, the question is precisely: What constitutes the impression of white? What is the meaning of this expression, the logic of this concept.
40. Denn, daß man sich etwas »Grauglühendes« nicht denken kann, gehört nicht in die Physik oder Psychologie der Farbe.
40. For the inability to imagine something "gray-glowing" does not belong to the physics or psychology of color.
41. Man sagt mir, eine gewisse Substanz brenne mit grauer Flamme. Ich kenne doch nicht die Farbe der Flammen sämtlicher Substanzen; warum sollte das also nicht möglich sein?
41. I am told that a certain substance burns with a gray flame. I do not know the color of flames of all substances; why should this not be possible?
42. Man redet von einem »dunkelroten Schein«, aber nicht von einem »schwarzroten«.
42. One speaks of a "dark red glow" but not of a "black-red" glow.
43. Eine glatte weiße Fläche kann spiegeln: Wie nun, wenn man sich irrte, und was in ihr gespiegelt erscheint, wirklich hinter ihr wäre und durch sie gesehen würde? Wäre sie dann weiß und durchsichtig?
43. A smooth white surface can reflect: What if one were mistaken, and what appears reflected in it were actually behind it and seen through it? Would it then be white and transparent?
44. Man spricht von einem schwarzen Spiegel. Aber wo er spiegelt, verdunkelt er zwar, aber sieht nicht schwarz aus, und was durch ihn gesehen wird, erscheint nicht schmutzig, sondern tief,
44. One speaks of a black mirror. But where it reflects, it darkens though does not appear black, and what is seen through it does not appear dirty but profound.
45. Die Undurchsichtigkeit ist nicht eine Eigenschaft der wei- ßen Farbe. Sowenig wie Durchsichtigkeit eine Eigenschaft der grünen.
45. Opacity is not a property of white color. No more than transparency is a property of green.
46. Und es genügt auch nicht zu sagen, das Wort weiß werde eben nur für die Erscheinung von Oberflächen angewandt. Es könnte sein, daß wir zwei Wörter für grün- hätten: eines nur für grüne Oberflächen, das andre für grüne durchsichtige Gegen- stände. Es bliebe also die Frage, warum es kein dem Wort-weil- entsprechendes Farbwort für etwas Durchsichtiges gibt.
46. Nor is it sufficient to say that the word white is applied only to the appearance of surfaces. It could be that we had two words for green: one exclusively for green surfaces, the other for green transparent objects. The question would then remain why there is no color word corresponding to white for something transparent.
47. Ein Medium, wodurch ein schwarz und weißes Muster (Schachbrett) unverändert erscheint, wird man nicht ein weißes nennen, auch wenn dadurch die andern Farben an Färbigkeit verlieren.
47. A medium through which a black and white pattern (checkerboard) appears unchanged will not be called white, even if other colors lose chromaticity through it.
48. Man könnte einen weißen Glanz nicht weiß nennen wollen und so nur das nennen, was man als Farbe einer Oberfläche sieht.
48. One might not wish to call a white highlight white, reserving that term only for what is seen as the color of a surface.
49. Von zwei Stellen meiner Umgebung, die ich, in einem Sinne, als gleichfarbig sebe, kann mir, in anderem Sinne, die eine als weiß, die andre als grau erscheinen.In einem Zusammenhang ist diese Farbe für mich weiß in schlechter Beleuchtung, in einem andern grau in guter Beleuch- tung.
49. Of two areas in my surroundings that I see, in one sense, as equally colored, one may appear to me as white and the other as gray in another sense. In one context, this color is white for me under poor lighting; in another, gray under good lighting.
Dies sind Sätze über die Begriffe ›weiß‹ und ›grau‹.
These are propositions about the concepts ›white‹ and ›gray‹.
§0. Der Eimer, der hier vor mir steht, ist glänzend weiß lackiert, es wäre absurd, ihn ›grau‹ zu nennen oder zu sagen ›Ich sehe eigentlich ein helles Grau‹. Aber er hat ein weißes Glanzlicht, das weit heller ist als seine übrige Fläche, und diese ist teils dem Licht zu-, teils abgeneigt, ohne doch anders gefärbt zu erscheinen. (Zu erscheinen, nicht nur zu sein.)
§0. The bucket standing here before me is painted glossy white. It would be absurd to call it ›gray‹ or to say ›I actually see a light gray‹. Yet it has a white highlight far brighter than the rest of its surface, parts of which face toward or away from the light without appearing differently colored. (Appearing, not merely being.)
§1. Es ist nicht dasselbe, zu sagen: der Eindruck des Weißen oder Grauen kommt unter solchen Bedingungen zustande (kau- sal), und: er ist ein Eindruck in einem bestimmten Zusammen- hang von Farben und Formen.
§1. It is not the same to say: The impression of white or gray arises under such conditions (causally), and: It is an impression within a particular context of colors and forms.
§2. Weiß als Stoffarbe (in dem Sinne, in welchem man sagt, Schnee ist weiß) ist heller als jede andre Stoffarbe; Schwarz dunkler. Hier ist die Farbe eine Verdunklung, und ist dem Stoff jede solche entzogen, so bleibt Weiß, und darum kann man es ›farblos‹ nennen.
§2. White as a material color (in the sense that snow is white) is lighter than any other material color; black darker. Here color is a darkening, and when all such is removed from the material, white remains—hence it may be called ›colorless‹.
§3. Es gibt zwar nicht Phänomenologie, wohl aber phäno- menologische Probleme.
§3. There may be no phenomenology, but there are phenomenological problems.
§4. Daß nicht alle Farbbegriffe logisch gleichartig sind, sieht man leicht. Z.B. den Unterschied zwischen den BegriffenFarbe des Goldes oder Farbe des Silbers und gelb oder grau.
§4. That not all color concepts are logically equivalent is easily seen. For example, the distinction between the concepts color of gold or color of silver versus yellow or gray.
55. Eine Farbe leuchtet in einer Umgebung. (Wie Augen nur in einem Gesicht lächeln.) Eine schwärzliche Farbe z. B. Grau leuchtet nicht.
55. A color gleams within an environment. (As eyes smile only within a face.) A blackish color, such as gray, does not gleam.
56. Die Schwierigkeiten, die wir beim Nachdenken über das Wesen der Farben empfinden (mit denen Goethe in der Farben-lehre sich auseinandersetzen wollte), liegen schon in der Unbe-stimmtheit unseres Begriffs der Farbengleichheit beschlossen.
56. The difficulties we experience in contemplating the nature of colors (with which Goethe grappled in his color theory) are already contained in the indeterminacy of our concept of color equivalence.
57-
57-
[Ich empfinde X
[I feel X
Ich beobachte X-
I observe X-
X steht im ersten und zweiten Satz nicht für den gleichen Begriff, wenn auch vielleicht für den gleichen Wortausdruck, z. B. für einen Schmerz. Denn fragt man was für einen Schmerz? so könnte ich im ersten Fall antworten Diesen und den Fragenden etwa mit einer Nadel stechen. Im zweiten Falle muß ich auf dieselbe Frage anders antworten; z. B. Den Schmerz in meinem Fuß.
In the first and second sentences, X does not stand for the same concept, even if perhaps for the same verbal expression, e.g., for a pain. For if asked what kind of pain? I might in the first case respond This one and jab the questioner with a needle. In the second case, I must answer differently; e.g., The pain in my foot.
Auch könnte das X im zweiten Satz für meinen Schmerz stehen, aber nicht im ersten.]
Similarly, X in the second sentence might stand for my pain, but not in the first.]
58. Denk, jemand zeigte auf eine Stelle der Iris in einem Rembrandtschen Auge und sagte: Die Wände in meinem Zim-mer sollen in dieser Farbe gemalt werden..
58. Imagine someone pointing to a spot in the iris of a Rembrandt eye and saying: The walls of my room shall be painted this color.
59. Ich male die Aussicht von meinem Fenster; eine bestimmte Stelle, bestimmt durch ihre Lage in der Architektur eines Hauses, male ich mit Ocker. Ich sage, ich sehe diese Stelle in dieser Farbe. Das bedeutet nicht, daß ich hier die Farbe Ocker sehe, denn dieser Farbstoff mag, so umgeben, heller, dunkler, rötlicher (etc.) aussehen als Ocker. Ich sehe diese Stelle, wie ich sie hier mit Ocker gemalt habe, nämlich als ein stark rötliches Gelb.
59. I paint the view from my window; a particular area, defined by its position in a house's architecture, I paint with ochre. I say I see this area in this color. This does not mean I see the pigment ochre here, for this color may appear, in such surroundings, lighter, darker, more reddish (etc.) than ochre. I see this area as I have painted it here with ochre—namely, as a strongly reddish yellow.
Wie aber, wenn man von mir verlangte, den genauen Farbton anzugeben, den ich dort sehe? Wie soll er angegeben werden und wie bestimmt werden? Man könnte verlangen, daß ich ein Farbmuster (ein rechteckiges Stück Papier von dieser Farbe) herstelle. Ich sage nicht, daß ein solcher Vergleich ohne jedes Interesse wäre, aber er zeigt uns, daß nicht von vornherein klar ist, wie Farbtöne zu vergleichen sind und was Gleichheit der Farbe bedeutet.
But what if required to specify the exact hue I see there? How should it be specified and determined? One might demand that I produce a color sample (a rectangular piece of paper of this color). I do not say such comparison would lack interest, but it shows us that it is not initially clear how color tones are to be compared or what equality of color signifies.
60. Denken wir uns ein Gemälde in kleine, annähernd einfär- bige Stücke zerschnitten und diese dann als Steine eines Zusam- menlegspiels verwendet. Auch wo ein solcher Stein nicht einfär big ist, soll er keine räumliche Form andeuten, sondern einfach als flacher Farbfleck erscheinen. Erst im Zusammenhang mit den andern wird er ein Stück blauen Himmels, ein Schatten, ein Glanz, durchsichtig oder undurchsichtig, etc. Zeigen uns die einzelnen Steine die eigentlichen Farben der Stellen des Bildes?
60. Imagine a painting cut into small, approximately monochromatic pieces, then used as tiles in a jigsaw puzzle. Even where such a tile is not monochromatic, it should suggest no spatial form but simply appear as a flat color patch. Only in connection with others does it become a piece of blue sky, a shadow, a highlight, transparent or opaque, etc. Do the individual tiles show the actual colors of the painting's areas?
61. Man neigt dazu, zu glauben, die Analyse unsrer Farbbe- griffe führe am Ende zu den Farben von Stellen unsres Gesichts- bilds, welche nun von jeder räumlichen oder physikalischen Deutung unabhängig sind; denn hier gibt es weder Beleuchtung noch Schatten, noch Glanz etc., etc.62. Daß ich sagen kann, diese Stelle in meinem Gesichtsfeld sei graugrün, bedeutet nicht, daß ich weiß, was eine genaue Kopie des Farbtons zu nennen wäre.
61. One is inclined to believe that the analysis of our color concepts ultimately leads to the colors of locations within our visual image, which are now independent of any spatial or physical interpretation; for here there is neither illumination nor shadow, nor gloss, etc.62. That I can say this location in my visual field is gray-green does not mean I know what to call an exact copy of this color tone.
63. Ich sehe auf einer (nicht färbigen) Photographie einen Mann mit dunklem Haar und einen Buben mit glatt zurückge- kämmtem blondem Haar vor einer Drehbank stehen, die zum Teil aus schwarz gestrichenen Gußteilen, teils aus glatten Wel- len, Zahnrädern u.a. besteht, daneben ein Gitter aus hellem verzinktem Draht. Die bearbeiteten Eisenflächen sehe ich eisen- färbig, das Haar des Jungen blond, das Gitter zinkfärbig, obgleich alles durch hellere und dunklere Töne des photographi schen Papiers dargestellt ist.
63. In a (non-colored) photograph, I see a man with dark hair and a boy with slicked-back blond hair standing before a lathe, which consists partly of black-painted cast parts and partly of smooth shafts, gears, etc., alongside a grid of bright galvanized wire. I see the machined iron surfaces as iron-colored, the boy’s hair as blond, and the grid as zinc-colored, even though all are depicted through lighter and darker tones of the photographic paper.
64. Aber sehe ich wirklich die Haare auf der Photographie blond? Und was spricht dafür? Welche Reaktion des Betrachters soll zeigen, daß er sie blond sieht, und nicht nur aus den Tönen der Photographie schließt, sie seien blond? Würde von mir verlangt, daß ich jene Photographie beschreibe, so würde ich es am direktesten mit jenen Worten tun. Ließe man diese Art der Beschreibung nicht gelten, so müßte ich nun erst nach einer andern suchen.
64. But do I truly see the hair as blond in the photograph? And what speaks for this? Which reaction of the observer should indicate that they see it as blond, rather than merely inferring from the tones of the photograph that it is blond? If asked to describe that photograph, I would most directly use those very words. Were this mode of description disallowed, I would then need to search for another.
65. Wenn selbst das Wort »blond« blond klingen kann, wie- viel eher können die photographierten Haare blond aussehen!
65. If even the word "blond" can sound blond, how much more so can the photographed hair appear blond!
66. »Kann man sich nicht denken, daß gewisse Menschen eine andere Farbengeometrie als die unsere hätten?« Das heißt doch: Kann man sich nicht Menschen mit andern Farbbegriffen als den unsern denken? Und das heißt wieder: Kann man sich nichtvorstellen, daß Menschen unsere Farbbegriffe nicht haben und daß sie Begriffe haben, die mit unsern Farbbegriffen auf solche Art verwandt sind, daß wir sie auch »Farbbegriffe« nennen würden?
66. "Can one not imagine that certain people might have a different color geometry than ours?" This means: Can one not imagine people with color concepts different from ours? And this, in turn, means: Can one not conceive that people do not have our color concepts but possess concepts related to ours in such a way that we would still call them "color concepts"?
67. Sieh dein Zimmer am späten Abend an, wenn Farben kaum mehr zu unterscheiden sind – und nun mach Licht und male, was du früher im Halbdunkel gesehen hast. – Wie ver- gleicht man die Farben auf so einem Bild mit denen des halb- dunklen Raums?
67. Observe your room in late evening, when colors are scarcely distinguishable—then turn on the light and paint what you previously saw in semi-darkness. How does one compare the colors in such a painting with those of the dimly lit room?
68. Auf die Frage »Was bedeuten die Wörter ›rot‹, ›blau‹, ›schwarz‹, ›weiß‹, können wir freilich gleich auf Dinge zeigen, die so gefärbt sind, – aber weiter geht unsre Fähigkeit, die Bedeutungen dieser Worte zu erklären, nicht! Im übrigen machen wir uns von ihrer Verwendung keine, oder eine ganz rohe, zum Teil falsche, Vorstellung.
68. To the question "What do the words 'red,' 'blue,' 'black,' 'white' mean?" we can indeed immediately point to things so colored—but beyond this, our ability to explain the meanings of these words does not extend! For the rest, we have either no conception or a very crude, partly false one regarding their use.
69. Ich kann mir einen Logiker vorstellen, der erzählt, er sei jetzt dahin gelangt, »2 × 2 = 4« wirklich denken zu können.
69. I can imagine a logician claiming he has now reached the point of truly being able to think "2 × 2 = 4."
70. Die Goethesche Lehre von der Entstehung der Spektral- farben ist nicht eine Theorie, die sich als ungenügend erwiesen hat, sondern eigentlich gar keine Theorie. Es läßt sich mit ihr nichts vorhersagen. Sie ist eher ein vages Denkschema nach Art derer, die man in James’s Psychologie findet. Es gibt auch kein experimentum crucis, das für, oder gegen diese Lehre entschei- den könnte.71. Wer mit Goethe übereinstimmt, findet, Goethe habe die Natur der Farbe richtig erkannt. Und Natur ist hier nicht, was aus Experimenten hervorgeht, sondern sie liegt im Begriff der Farbe.
70. Goethe’s doctrine of the genesis of spectral colors is not a theory that has proven inadequate but is actually no theory at all. Nothing can be predicted with it. It is more like a vague schematic framework of the sort found in James’s psychology. There is also no experimentum crucis that could decide for or against this doctrine.71. Those who agree with Goethe find that he correctly recognized the nature of color. And here, "nature" is not what emerges from experiments but resides in the concept of color.
72. Eins war für Goethe unumstößlich klar: Aus Dunkelhei- ten kann sich kein Helles zusammensetzen wie aus mehr und mehr Schatten kein Licht entsteht. Und dies ließe sich so ausdrücken: Wenn man Lila ein weißlich-rötlich-Blau nennt, oder Braun ein schwärzlich-rötlich-Gelb, so kann man nun Weiß kein gelblich-rötlich-grünlich-Blau, oder dergleichen, nennen. Weiß ist nicht eine Zwischenfarbe anderer Farben. Und das können Versuche mit dem Spektrum weder bekräftigen noch widerlegen. Es wäre aber auch falsch zu sagen Schau Dir die Farben nur in der Natur an, und Du wirst sehen, daß es so ist. Denn über die Begriffe der Farben wird man durch Schauen nicht belehrt.
72. One thing was unshakably clear to Goethe: Brightness cannot be composed of darkness, just as light cannot arise from an accumulation of shadows. This could be expressed as follows: If we call lilac a whitish-reddish-blue or brown a blackish-reddish-yellow, we cannot then call white a yellowish-reddish-greenish-blue or the like. White is not an intermediate color among other colors. Experiments with the spectrum can neither confirm nor refute this. Yet it would also be wrong to say Just look at the colors in nature, and you will see it is so. For one is not taught about color concepts through looking.
73. Ich kann mir nicht denken, daß Goethes Bemerkungen über die Charaktere der Farben und Farbenzusammenstellungen für den Maler nützlich sein können; kaum für den Dekorateur. Die Farbe eines blutunterlaufenen Auges könnte als Farbe eines Wandbehangs prächtig wirken. Wer vom Charakter einer Farbe redet, denkt dabei immer nur an eine bestimmte Art ihrer Ver- wendung
73. I cannot imagine that Goethe’s remarks on the characters of colors and color combinations could be useful to a painter; scarcely to a decorator. The color of a bloodshot eye might work splendidly as the color of a wall hanging. When speaking of a color’s character, one is always thinking only of a specific mode of its application.
74. Gäbe es eine Harmonielehre der Farben, so würde sie etwa mit einer Einteilung der Farben in Gruppen anfangen und gewisse Mischungen oder Nachbarschaften verbieten, andre erlauben. Und sie würde, wie die Harmonielehre, ihre Regeln nicht begründen.
74. If there were a theory of harmony for colors, it might begin with a classification of colors into groups, prohibiting certain mixtures or adjacencies while permitting others. And like harmonic theory, it would not ground its rules in reasons.
75. Es mag Geistesschwache geben, denen man den Begriff »morgen« nicht beibringen kann, oder den Begriff »ich«, oder das Ablesen der Uhrzeit. Sie würden den Gebrauch des Wortes »morgen« nicht erlernen, etc. Wem kann ich nun beschreiben, was diese nicht erlernen können? Nicht nur dem, der es erlernt hat? Kann ich dem A nicht mitteilen, B könne höhere Mathematik nicht erlernen, auch wenn A sie nicht beherrscht? Versteht nicht der das Wort »Schach« anders, der das Spiel gelernt hat, als der es nicht gelernt hat? Es bestehen Unterschiede zwischen der Verwendung, die jener von dem Wort machen kann, und der Verwendung, die dieser gelernt hat.
75. There may be mentally impaired individuals whom one cannot teach the concept of "tomorrow," or the concept of "I," or how to read the time from a clock. They would not learn the use of the word "tomorrow," etc. To whom can I now describe what these individuals cannot learn? Only to someone who has learned it themselves? Can I inform person A that person B cannot learn higher mathematics, even if A does not master it? Does not the person who has learned the game of chess understand the word "chess" differently from one who has not? There are differences between the uses the former can make of the word and the uses the latter has learned.
76. Heißt ein Spiel beschreiben immer: eine Beschreibung geben, durch die man es lernen kann?
76. Does describing a game always mean giving a description through which one can learn it?
77. Hat der Normalsehende und der Farbenblinde den gleichen Begriff von der Farbenblindheit? Ein Farbenblinder kann nicht nur unsre Farbwörter, sondern auch das Wort »Farbenblind« nicht so verwenden lernen wie ein Normaler. Er kann z. B. die Farbenblindheit nicht auf die gleiche Weise feststellen wie dieser.
77. Do the normally sighted and the color-blind share the same concept of color blindness? A color-blind person cannot learn to use not only our color words but also the word "color-blind" in the same way as a normal person. For instance, they cannot ascertain color blindness in the same manner as the latter.
78. Es könnte Menschen geben, die unsre Ausdrucksweise, Orange sei ein rötliches Gelb, nicht verständen, und nur dann geneigt wären, so etwas zu sagen, wo sie einen Farbübergang von Gelb über Orange nach Rot vor Augen sehen. Und für solche müßte der Ausdruck »rötliches Grün« keine Schwierigkeit haben.
78. There could be people who do not understand our expression that orange is a reddish yellow, being inclined to say such a thing only when they see a color transition from yellow through orange to red before their eyes. For such people, the expression "reddish green" would pose no difficulty.
79. Die Psychologie beschreibt die Phänomene des Sehens.- Wem macht sie die Beschreibung? Welche Unwissenheit kann diese Beschreibung beheben?
79. Psychology describes the phenomena of vision.—To whom does it make this description? What ignorance can this description remedy?
80. Die Psychologie beschreibt, was beobachtet wurde.
80. Psychology describes what has been observed.
81. Kann man dem Blinden beschreiben, wie das ist, wenn Einer sieht? -Doch. Ein Blinder lernt manches über den Unter- schied des Blinden vom Sehenden. Aber die Frage war schlecht gestellt; als wäre Sehen eine Tätigkeit und es gäbe von ihr eine Beschreibung.
81. Can one describe to the blind what it is like when someone sees? —Yes. A blind person learns much about the difference between the blind and the sighted. But the question was poorly framed; as if seeing were an activity and there existed a description of it.
82. Ich kann doch Farbenblindheit beobachten; warum also Sehen nicht? Ich kann beobachten, welche Farburteile ein Farbenblinder- oder auch ein Normalsichtiger-unter gewissen Umständen fällt.
82. Yet I can observe color blindness; why then not seeing? I can observe what color judgments a color-blind person—or even a normally sighted one—makes under certain circumstances.
83. Man sagt manchmal (wenn auch mißverständlich) Nur ich kann wissen, was ich sehe. Aber nicht: Nur ich kann wissen, ob ich farbenblind bin. (Noch auch: Nur ich kann wissen, ob ich sehe, oder blind bin.)
83. It is sometimes said (though misleadingly) that only I can know what I see. But not: Only I can know whether I am color-blind. (Nor: Only I can know whether I see or am blind.)
84. Die Aussage Ich sehe einen roten Kreis und die Ich sehe (bin nicht blind) sind logisch nicht gleichartig. Wie prüft man die Wahrheit der ersten, wie die Wahrheit der zweiten?
84. The statements I see a red circle and I see (am not blind) are not logically equivalent. How does one verify the truth of the former, and how that of the latter?
85. Aber kann ich glauben zu sehen, und blind sein, oder glauben blind zu sein, und sehen?
85. But can I believe I see while being blind, or believe I am blind while seeing?
86. Könnte in einem Lehrbuch der Psychologie der Satz ste- hen Es gibt Menschen, welche sehen? Wäre das falsch? Aber wem wird hier etwas mitgeteilt?
86. Could a psychology textbook contain the sentence There are people who see? Would this be false? Yet whom is this informing?
87. Wie kann es unsinnig sein zu sagen Es gibt Menschen, welche sehen, wenn es nicht unsinnig ist zu sagen Es gibt Menschen, welche blind sind?
87. How can it be nonsensical to say There are people who see, if it is not nonsensical to say There are people who are blind?
Aber angenommen, ich hätte nie von der Existenz blinder Menschen gehört und eines Tages teilt man mir mit Es gibt Menschen, welche nicht sehen, müßte ich diesen Satz so ohne weiteres verstehen? Muß ich mir, wenn ich selber nicht blind bin, bewußt sein, daß ich die Fähigkeit des Sehens habe, und daß es also Leute geben kann, die sie nicht haben?
Suppose I had never heard of the existence of blind people, and one day I was told There are people who do not see—must I understand this sentence immediately? If I myself am not blind, must I be aware that I possess the capacity for sight, and that there may thus be people lacking it?
88. Wenn der Psychologe uns lehrt Es gibt Menschen, wel- che sehen, so können wir ihn fragen: Und was nennst Du Menschen, welche sehen? Darauf müßte die Antwort sein: Menschen, die unter den und den Umständen sich so und so benehmen.
88. If the psychologist teaches us There are people who see, we might ask: And what do you call people who see? The answer must then be: People who behave thus and so under such and such circumstances.
1. Man könnte von dem Farbeindruck einer Fläche reden, womit nicht die Farbe gemeint wäre, sondern das Zusammen der Farbtöne, das den Eindruck einer braunen Fläche (z. B.) er gibt.
1. One could speak of the color impression of a surface, referring not to the color itself but to the combination of color tones that produces the impression of, say, a brown surface.
2. Die Beimischung des Weiß nimmt der Farbe das Farbige; dagegen nicht die Beimischung von Gelb. - Ist das am Grunde des Satzes, daß es kein klar durchsichtiges Weiß geben kann?
2. The admixture of white removes colorfulness from a color; whereas the admixture of yellow does not. —Is this the basis for the proposition that there can be no clear transparent white?
3. Was aber ist das für ein Satz: daß die Beimischung des Weißen der Farbe das Farbige nimmt?
3. But what kind of proposition is this: that adding white removes colorfulness from a color?
Wie ich es meine, kann's kein physikalischer Satz sein.
As I understand it, this cannot be a physical proposition.
Hier ist die Versuchung sehr groß, an eine Phänomenologie, ein Mittelding zwischen Wissenschaft und Logik, zu glauben.
Here the temptation is great to believe in a phenomenology—a hybrid between science and logic.
4. Was ist denn das Wesentliche des Trüben? Denn rotes, gelbes Durchsichtiges ist nicht trübe, weißes ist trübe.
4. What then is essential to turbidity? For red or yellow transparency is not turbid; white transparency is turbid.
5. Ist trüb das, was die Formen verschleiert, und verschleiert es die Formen, weil es Licht und Schatten verwischt?
5. Is turbidity that which obscures forms, and does it obscure forms because it blurs light and shadow?
6. Ist nicht weiß das, was die Dunkelheit aufhebt?
6. Is white not that which cancels darkness?
7. Man redet zwar von »schwarzem Glas«, aber wer durch rotes Glas eine weiße Fläche sieht, sieht sie rot, durch »schwar-zes« Glas nicht schwarz.
7. Though one speaks of "black glass," looking through red glass at a white surface shows it as red, while through "black" glass it does not appear black.
8. Man bedient sich, um klar zu sehen, oft gefärbter Brillen-gläser, aber nie trüber.
8. To see clearly, one often uses tinted lenses, but never turbid ones.
9. »Die Beimischung von Weiß verwischt den Unterschied zwischen Hell und Dunkel, Licht und Schatten«: bestimmt das die Begriffe näher? Ich glaube schon.
9. "The admixture of white blurs the distinction between light and dark, illumination and shadow": Does this further specify the concepts? I believe it does.
10. Wer das nicht fände, hätte nicht die entgegengesetzte Erfahrung; sondern wir würden ihn nicht verstehen.
10. Someone who did not find this so would not have the opposite experience; rather, we would not understand them.
11. In der Philosophie muß man immer fragen: »Wie muß man dieses Problem ansehen, daß es lösbar wird?«
11. In philosophy, one must always ask: "How must this problem be viewed to make it solvable?"
12. Denn hier (wenn ich die Farben betrachte z. B.) ist da erst nur eine Unfähigkeit, irgendeine Ordnung in den Begriffen zu machen.
12. For here (when I consider colors, for instance), there is initially only an inability to impose any order upon the concepts.
Wir stehen da, wie der Ochs vor der neu gestrichenen Stalltür.
We stand there like an ox before a newly painted barn door.
13. Denk daran, wie ein Maler die Durchsicht durch ein röt-lich gefärbtes Glas darstellen würde. Es ist ja ein kompliziertes Flächenbild, was sich da ergibt. D.h., das Bild wird nebeneinander eine Menge von Abschattungen von Rot und andern Farben enthalten. Und analog, wenn man durch ein blaues Glas sähe. Wie aber, wenn man ein Bild malte, in dem dort, wo früher etwas bläulich oder rötlich wurde, es weißlich wird?
13. Consider how a painter would depict looking through a reddish-tinted glass. The result is a complex planar image. That is, the painting would contain numerous shadings of red and other colors side by side. The same applies to looking through blue glass. But what if one painted a picture where areas that previously took on bluish or reddish hues became whitish instead?
14. Ist der ganze Unterschied hier, daß die Farben durch den rötlichen Schein nicht ihre Sattheit verlieren, wohl aber durch den weißlichen?
14. Is the entire difference here that colors do not lose their saturation under a reddish cast, but do so under a whitish one?
Ja, man spricht gar nicht von einem ‚weißlichen Schein!
Indeed, one never speaks of a "whitish cast"!
15. Wenn bei einer gewissen Beleuchtung alles weißlich aussähe, so würden wir nicht schließen, das Leuchtende müsse weiß ausschaun.
15. If everything appeared whitish under certain illumination, we would not conclude that the light source must appear white.
16. Die phänomenologische Analyse (wie sie z. B. Goethe wollte) ist eine Begriffsanalyse und kann der Physik weder bei stimmen noch widersprechen.
16. Phenomenological analysis (as Goethe, for instance, intended) is conceptual analysis and can neither confirm nor contradict physics.
17. Wie aber, wenn es irgendwo so wäre: das Licht eines weißglühenden Körpers ließe die Sachen hell, aber weißlich, also farbschwach, erscheinen, das Licht eines rotglühenden rötlich, etc.? (Nur eine unsichtbare, dem Auge nicht wahrnehmbare Quelle ließe sie in Farben leuchten.)
17. But what if it were the case somewhere that the light of a white-hot body made objects appear bright but whitish—thus desaturated—whereas that of a red-hot body made them appear reddish, etc.? (Only an invisible, imperceptible light source would allow them to glow in colors.)
18. Ja, wie wenn die Dinge nur dann in ihren Farben leuchten, wenn, in unserm Sinne, kein Licht auf sie fällt, wenn z. B. der Himmel schwarz wäre? Könnte man dann nicht sagen: nur bei schwarzem Licht erscheinen uns die vollen Farben?
18. Indeed, what if things only shone in their true colors when, in our sense, no light fell upon them—if, say, the sky were black? Could we not then say: only under black light do full colors appear to us?
19. Aber wäre hier nicht ein Widerspruch?
19. But would there not be a contradiction here?
20. Ich sehe nicht, daß die Farben der Körper Licht in mein Auge reflektieren.
20. I do not see that the colors of objects reflect light into my eye.
1.? In einem Bild muß das Weiß die hellste Farbe sein.
1.? In a painting, white must be the brightest color.
2. In der Tricolore kann z. B. das Weiß nicht dunkler sein als Blau oder Rot.
2. In the tricolor flag, for example, the white cannot be darker than the blue or red.
3. Hier gibt es eine Art Farbmathematik.
3. Here there exists a kind of color mathematics.
4. Aber auch das reine Gelb ist heller als das reine, satte Rot, oder Blau. Und ist dies ein Satz der Erfahrung? - Ich weiß z. B. nicht, ob Rot (d.h. das reine) heller oder dunkler ist als Blau; ich müßte sie sehen, um es sagen zu können. Und doch, wenn ich es gesehen hätte, so wüßßte ich's nun ein für allemal, wie das Resultat einer Rechnung.
4. Yet even pure yellow is lighter than pure, saturated red or blue. And is this a proposition of experience? - I do not know, for instance, whether red (i.e., the pure red) is lighter or darker than blue; I would have to see them to say. Yet once I had seen it, I would know it once and for all, like the result of a calculation.
Wo trennen sich hier Logik und Erfahrung (Empirie)?
Where do logic and experience (empiricism) separate here?
f. Das Wort, dessen Bedeutung nicht klar ist, ist »rein«, oder »satt«. Wie lernen wir diese Bedeutung? Wie zeigt es sich, daß Menschen das gleiche damit meinen? Ich nenne eine Farbe (z. B. Rot) »satt«, wenn sie weder Schwarz noch Weiß enthält, weder schwärzlich, noch weißlich ist.
f. The word whose meaning is unclear is "pure" or "saturated." How do we learn this meaning? How does it become evident that people mean the same by it? I call a color (e.g., red) "saturated" when it contains neither black nor white, neither tending toward blackish nor whitish.
Aber diese Erklärung dient nur einer vorläufigen Verständigung.
But this explanation serves only as a preliminary means of communication.
6. Welche Wichtigkeit hat der Begriff der satten Farbe?
6. What importance does the concept of saturated color hold?
7. Es ist hier offenbar eine Tatsache wichtig: daß nämlich Menschen einem Punkt im Farbkreis eine besondere Stellung einräumen. Daß sie sich diesen Punkt nicht mühsam merken müssen, sondern Alle immer leicht zu demselben Punkt finden.
7. An obvious fact is relevant here: namely, that humans assign a special position to a point on the color circle. That they need not laboriously memorize this point but all effortlessly arrive at the same one.
8. Gibt es eine ›Naturgeschichte der Farben‹, und wieweit ist sie analog einer Naturgeschichte der Pflanzen? Ist diese nicht zeitlich, jene unzeitlich?
8. Is there a 'natural history of colors,' and to what extent is it analogous to the natural history of plants? Is the latter not temporal, the former atemporal?
9. Wenn wir sagen, daß ›Sattes Gelb ist heller als sattes Blau‹ kein Satz der Psychologie ist (denn nur so könnte er Naturgeschichte sein)-so heißt das: wir verwenden ihn nicht als naturgeschichtlichen Satz, und die Frage ist dann: wie sieht die andere, unzeitliche, Verwendung aus?
9. If we say that 'saturated yellow is lighter than saturated blue' is not a proposition of psychology (for only thus could it be natural history)—this means: we do not use it as a natural-historical proposition, and the question then becomes: what does the other, atemporal usage look like?
10. Denn nur so ließe sich der ›farbmathematische‹ Satz vom naturgeschichtlichen unterscheiden.
10. For only in this way could the 'color-mathematical' proposition be distinguished from the natural-historical one.
11. Oder auch: die Frage ist die: Kann man hier zwei Verwendungen (klar) unterscheiden?
11. Or alternatively: the question is: Can we (clearly) distinguish two usages here?
12. Hast du dir zwei Farbtöne A und B eingeprägt, und A ist heller als B, und nennst du danach einen Farbton ›A‹ und einenandern »B«, dieser aber ist heller als jener: so hast du die Farbtöne falsch benannt. (Das ist Logik).
12. If you have memorized two color tones A and B, and A is lighter than B, and you subsequently name one color tone 'A' and another 'B,' but the latter is lighter than the former: then you have misnamed the color tones. (This is logic).
13. Der Begriff der »satten« Farbe sei von solcher Art, daß das satte X nicht einmal heller, einmal dunkler sein kann als das satte Y; d. h., daß es keinen Sinn hat, zu sagen, es sei einmal heller, ein andermal dunkler. Dies ist eine Begriffsbestimmung und gehört wieder zur Logik.
13. The concept of a "saturated" color is such that saturated X cannot be sometimes lighter, sometimes darker than saturated Y; i.e., it makes no sense to say it is once lighter, another time darker. This is a conceptual determination and again belongs to logic.
Ob ein so bestimmter Begriff nützlich sei oder nicht, ist hier nicht entschieden.
Whether a concept so defined is useful or not remains undecided here.
14. Es könnte dieser Begriff nur eine sehr beschränkte Verwendung haben. Und zwar darum weil, was wir für gewöhnlich ein sattes X nennen, ein Farbeindruck innerhalb einer bestimmten Umgebung ist. Vergleichbar dem »durchsichtigen« X.
14. This concept might have only a very limited application. Specifically because what we ordinarily call a saturated X is a color impression within a particular environment. Comparable to "transparent" X.
15. Gib Beispiele von einfachen Sprachspielen mit dem Begriff der »satten Farben«!
15. Provide examples of simple language-games with the concept of "saturated colors"!
16. Ich nehme an, gewisse chemische Verbindungen, z. B. die Salze einer bestimmten Säure, hätten satte Farben und könnten so erkannt werden.
16. Suppose certain chemical compounds, e.g., salts of a particular acid, had saturated colors and could thus be identified.
17. Oder es ließe sich die Heimat gewisser Blumen nach der Sattheit ihrer Farben erraten. So daß man z. B. sagen könnte: »Das muß eine Alpenblume sein, weil ihre Farbe so intensiv ist.«18. In so einem Fall könnte es aber helleres und dunkleres sattes Rot etc. geben.
17. Or one might guess the native habitat of certain flowers by the saturation of their colors. So that one could say, for example: "This must be an Alpine flower because its color is so intense."
19. Und muß ich nicht zugeben, daß Sätze oft an der Grenze von Logik und Empirie gebraucht werden, so daß ihr Sinn über die Grenze hin und her wechselt und sie bald Ausdruck einer Norm sind, bald Ausdruck der Erfahrung sind.
18. In such a case, however, there could be lighter and darker saturated reds, etc.
Denn es ist ja nicht der ›Gedanke‹ (eine psychische Begleiter- scheinung), sondern die Verwendung (etwas, was ihn umgibt), die den logischen Satz vom Erfahrungssatz unterscheidet.
19. And must I not concede that propositions are often used at the boundary of logic and empiricism, so that their meaning shifts back and forth across this boundary—now expressing a norm, now expressing experience?
20. (Das falsche Bild verwirrt, das richtige Bild hilft.)
For it is not the 'thought' (a mental accompaniment) but the use (something surrounding it) that distinguishes the logical proposition from the empirical one.
21. Die Frage wird z. B. sein: Läßt sich, was ›sattes Grün‹ heißt, dadurch beibringen, daß man lehrt, was sattes Rot oder Gelb oder Blau ist?
20. (The false image confuses; the correct image helps.)
22. Der ›Glanz‹, das ›Glanzlicht‹ kann nicht schwarz sein. Ersetzte ich das Helle der Gianzlichter in einem Bild durch Schwärze, so wären's nun nicht schwarze Glanzlichter: und zwar nicht einfach darum, weil in der Natur das Glanzlicht nur so und nicht anders entsteht, sondern auch weil wir auf ein Licht an dieser Stelle in bestimmter Weise reagieren. Eine Flagge mag gelb und schwarz, eine andere gelb und weiß sein.
21. The question would be, for example: Can what is called 'saturated green' be taught by instructing what saturated red, yellow, or blue is?
* Das M5 hat leert Herang
22. 'Gloss,' the 'highlight,' cannot be black. If I replaced the brightness of highlights in a painting with blackness, they would not thereby become black highlights—and not simply because highlights in nature arise in such-and-such a way, but also because we react to a light in this location in a specific manner. One flag may be yellow and black, another yellow and white.
* M5 has empty Herang
23. Durchsichtigkeit im Bild gemalt wirkt anders als Undurchsichtigkeit.
23. Transparency painted in a picture acts differently than opacity.
24. Warum ist ein durchsichtiges Weiß nicht möglich? - Mal einen durchsichtigen roten Körper, und dann ersetze Rot durch Weiß!
24. Why is a transparent white not possible? - Paint a transparent red object, then replace red with white!
Schwarz und Weiß haben bei der Durchsichtigkeit einer Farbe schon ihre Hand im Spiele.
Black and white already play a role in the transparency of a color.
Ersetzt Du das Rot durch Weiß, so kommt der Eindruck der Durchsichtigkeit nicht mehr zustande; wie der Eindruck der Körperlichkeit nicht, wenn Du aus der Zeichnung die Zeichnung machst.
If you replace red with white, the impression of transparency no longer arises; just as the impression of three-dimensionality disappears if you turn a drawing into a mere outline.
17.3 25. Warum ist eine satte Farbe nicht einfach: diese, oder diese, oder diese, oder diese?-Weil man sie auf andere Art wiederkennt oder bestimmt.
17.3 25. Why is a saturated color not simply: this, or this, or this, or this?—Because it is recognized or determined in a different way.
26. Was uns mifßtrauisch machen kann, ist, daß manche drei Grundfarben zu erkennen glaubten, manche vier. Manche hielten dafür, daß Grün eine Zwischenfarbe von Blau und Gelb sei, und mir, z. B., kommt das falsch vor, auch abgesehen von jeder Erfahrung.
26. What might make us suspicious is that some believed they recognized three primary colors, others four. Some considered green an intermediate color between blue and yellow, which strikes me as incorrect, even apart from any experience.
Blau und Gelb, sowie Rot und Grün, erscheinen mir als Gegensätze aber das mag einfach daher rühren, daß ich gewöhnt bin, sie im Farbenkreis an entgegengesetzten Punkten zu sehen.
Blue and yellow, as well as red and green, appear to me as opposites—but this may simply stem from my habit of seeing them at opposite points on the color circle.
Ja, welche Wichtigkeit hat für mich (sozusagen psychologisch) die Frage nach der Zahl der Reinen Farben?
Indeed, what significance does the question about the number of pure colors hold for me (so to speak, psychologically)?
27. Ich scheine ein logisch Wichtiges zu sehen: Wenn man Grün eine Zwischenfarbe von Blau und Gelb nennt, dann muß man z. B. auch sagen können, was ein nur leicht bläuliches Gelb heißt oder ein nur etwas gelbliches Blau. Und diese Ausdrücke sagen mir gar nichts. Aber könnten sie nicht einem andern etwas sagen?
27. I seem to perceive something logically significant: If one calls green an intermediate color between blue and yellow, then one must also be able to say, for instance, what is meant by a slightly bluish yellow or a somewhat yellowish blue. And these expressions mean nothing to me. But could they not mean something to others?
Wer mir also die Farbe einer Wand so beschriebe, Sie war ein etwas rötliches Gelb, den könnte ich so verstehen, daß ich aus einer Zahl von Mustern ein annähernd richtiges wählen könnte. Wer die Farbe aber so beschriebe, sie sei ein etwas bläuliches Gelb, dem könnte ich so ein Muster nicht zeigen. Man pflegt hier zu sagen, man könne sich in einem Falle die Farbe vorstellen, im andern nicht, aber dieser Ausdruck ist irreführend, denn man braucht hier gar nicht an das Auftauchen eines Bildes vor dem inneren Auge zu denken.
If someone described the color of a wall to me as "a somewhat reddish yellow," I could understand this by selecting an approximately correct sample from a set. But if someone described the color as "a somewhat bluish yellow," I could not point to such a sample. It is customary here to say that in one case one can visualize the color, but not in the other—yet this expression is misleading, as one need not imagine the emergence of an image before the mind's eye here.
28. Wie es ein absolutes Gehör gibt und Leute, die es nicht besitzen, so könnte man sich doch denken, daß es mit Bezug auf das Farbensehen eine große Zahl verschiedener Veranlagungen gabe.
28. Just as there is absolute pitch and people who lack it, one could imagine numerous different predispositions existing regarding color vision.
Vergleiche z. B. den Begriff satte Farbe mit warme Farbe. Müßten alle Leute warme und kalte Farben kennen? Es sei denn, daß man sie einfach lehrt, eine bestimmte Disjunktion von Farben so bzw. so zu nennen.
Compare, for example, the concept of saturated color with warm color. Must all people know warm and cold colors? Unless one simply teaches them to name a specific disjunction of colors in this or that way.
Könnte nicht z. B. ein Maler gar keinen Begriff von vier reinen Farben haben, ja, es lächerlich finden, von solchen zu reden?
Could not a painter, for instance, have no concept of four pure colors at all—indeed, find it laughable to speak of such?
29. Oder auch so: Was ginge Menschen ab, denen dieser Begriff gar nicht natürlich ist?
29. Or put this way: What would be missing in people for whom this concept is not natural?
30. Frage so: Weißt du, was »rötlich« bedeutet? Und wie zeigst du, daß du's weißt?
30. Ask thus: Do you know what “reddish” means? And how do you demonstrate that you know?
Sprachspiele: »Zeige ein rötliches Gelb (Weiß, Blau, Braun)!« – »Zeige ein noch rötlicheres!« – »Ein weniger rötliches!« etc. Beherrscht du nun diese Spiele, so werde verlangt, »Zeig ein etwas rötliches Grün!« Nimm nun zwei Fälle an: Der eine: Du zeigst daraufhin auf eine Farbe (und immer auf die gleiche), z. B. (etwa) auf ein Olivgrün – der andere: Du sagst, »Ich weiß nicht, was das heißt«, oder »Das gibt's nicht.«
Language-games: “Point to a reddish yellow (white, blue, brown)!” — “Point to a more reddish one!” — “A less reddish one!” etc. If you master these games, then let it be demanded: “Point to a somewhat reddish green!” Now imagine two cases: In one, you point to a color (and always the same one), e.g., (say) an olive green—in the other, you say, “I don’t know what that means,” or “That doesn’t exist.”
Man könnte geneigt sein zu sagen, der eine habe einen andern Farbbegriff als der andre; oder einen andern Begriff von …lich.
One might be inclined to say that one person has a different color concept than the other—or a different concept of …ish.
31. Wir reden von »Farbenblindheit« und nennen sie einen Defekt. Aber es könnte leicht mehrere verschiedene Anlagen geben, von denen keine gegen die andre offenbar minderwertig ist. – Und denk auch daran, daß ein Mensch durch's Leben gehen kann, ohne daß seine Farbenblindheit bemerkt wird, bis eine seltene Gelegenheit sie zum Vorschein bringt.
31. We speak of “color blindness” and call it a defect. But there could easily be several distinct predispositions, none of which is obviously inferior to another. — And remember that a person might go through life without their color blindness being noticed until a rare occasion reveals it.
32. So können also verschiedene Menschen verschiedene Farbbegriffe haben? – Etwas verschiedene. In einem oder dem andern Zug verschiedene. Und das wird ihre Verständigung mehr, oder weniger, oft beinahe gar nicht beeinträchtigen.
32. Could different people then have different color concepts? — Somewhat different. Differing in one or another aspect. And this would impair their communication more or less, often almost not at all.
33. Hier möchte ich eine allgemeine Bemerkung über die Natur der philosophischen Probleme machen. Die philosophi- sche Unklarheit ist quälend. Sie wird als beschämend empfun- den. Man fühlt: man kennt sich nicht aus, wo man sich ausken- nen sollte. Und dabei ist es doch nicht so. Wir können sehr wohl leben ohne diese Unterscheidungen, auch ohne sich hier auszu- kennen.
33. Here I would like to make a general remark about the nature of philosophical problems. Philosophical unclarity is tormenting. It is felt as shameful. One feels: one does not comprehend where one ought to comprehend. And yet it is not so. We can live perfectly well without these distinctions, even without comprehending them here.
34. Wie hängen Farbenmischung und »Zwischenfarbe« zusammen? Man kann offenbar von Zwischenfarben in einem Sprachspiel reden, worin Farben gar nicht durch Mischung erzeugt werden, sondern nur vorhandene Farbtöne gewählt werden.
34. How are color mixture and “intermediate color” related? One can obviously speak of intermediate colors in a language-game where colors are not produced through mixing but only selected from existing hues.
Und doch ist ein Gebrauch des Begriffes der Zwischenfarbe auch, die Farbenmischung zu erkennen, die einen Farbton erzeugt.
Yet one use of the concept of intermediate color is also to recognize the color mixture that produces a hue.
35. Lichtenberg sagt, nur wenige Menschen hätten je reines Weiß gesehen. So verwenden also die meisten das Wort falsch? Und wie hat er den richtigen Gebrauch gelernt? - Vielmehr: er hat aus dem tatsächlichen einen Idealgebrauch konstruiert. Wie man eine Geometrie konstruiert. Aber mit »Ideal« ist hier nicht etwas besonders Gutes, sondern nur etwas auf die Spitze Getriebenes gemeint.
35. Lichtenberg says that few people have ever seen pure white. Do most people then use the word incorrectly? And how did he learn the correct usage? — Rather: he constructed an ideal use from actual usage. Like constructing a geometry. But “ideal” here does not mean something especially good, only something pushed to extremes.
36. Und freilich kann so ein erfundener uns wieder über den wirklichen Gebrauch belehren.
36. And certainly, such a contrived ideal can in turn teach us about actual usage.
Und es könnte auch sein, daß wir, z. B. für wissenschaftliche Zwecke, einen neuen Begriff des »reinen Weiß« einführen.
And it might also be that we introduce a new concept of “pure white” for scientific purposes, for example.
(Ein solcher neuer Begriff entspräche dann etwa dem chemi-schen Begriff eines »Salzes«.)
(Such a new concept would then correspond roughly to the chemical concept of a “salt.”)
37. Inwiefern ist Weiß und Schwarz mit Gelb, Rot und Blau zu vergleichen, und inwiefern nicht?
37. In what way are white and black comparable to yellow, red, and blue, and in what way not?
Hätten wir eine gewürfelte Tapete aus roten, blauen, grünen, gelben, schwarzen und weißen Quadraten, so wären wir nicht geneigt zu sagen, sie sei aus zweierlei Bestandteilen zusammengesetzt, aus »färbigen« und »unfärbigen« etwa.
If we had a checkered wallpaper made of red, blue, green, yellow, black, and white squares, we would not be inclined to say it is composed of two kinds of elements—say, “colored” and “uncolored.”
38. Denken wir uns nun, daß Menschen nicht farbige und schwarz-weiße Bilder kontrastierten, sondern farbige und blau- weiße Bilder. D.h.: könnte nicht auch Blau als keine eigentliche Farbe empfunden (und d.h. gebraucht) werden?
38. Let us imagine that people contrasted colored images not with black-and-white ones, but with blue-and-white images. That is: could not blue also be perceived (and hence used) as not a genuine color?
39. Meinem Gefühl nach löscht Blau das Gelb aus, aber warum sollte ich nicht ein etwas grünliches Gelb ein »bläuliches Gelb« nennen und Grün eine Zwischenfarbe von Blau und Gelb, und ein stark bläuliches Grün ein etwas gelbliches Blau?
39. To my feeling, blue cancels out yellow—but why should I not call a slightly greenish yellow a "bluish yellow" and green an intermediate color between blue and yellow, while a strongly bluish green becomes a slightly yellowish blue?
40. In einem grünlichen Gelb merke ich noch nichts Blaues. - Grün ist für mich eine besondere Station auf dem farbigen Wege von Blau nach Gelb, und Rot ist auch eine.
40. In a greenish yellow, I still detect nothing blue. — For me, green is a distinct station along the chromatic path from blue to yellow, and red is another.
41. Was hätte einer vor mir voraus, der einen direkten Far- benweg zwischen Blau und Gelb kennte? Und wie zeigt es sich, daß ich so einen Weg nicht kenne? Liegt alles an den mir möglichen Sprachspielen mit der Form ....lich?
41. What advantage would someone have over me who knows a direct color-path between blue and yellow? And how does it show that I lack such a path? Does everything depend on the language-games I can play with the form "...ish"?
42. Man wird sich also fragen müssen: wie sähe es aus, wenn Menschen Farben kennten, die auch unsre Normalsichtigen nicht kennen? Diese Frage wird sich im allgemeinen nicht ein- deutig beantworten lassen. Denn es ist nicht ohne weiteres klar, daß wir von solchen Abnormen sagen müssen, sie kennten andere Farben. Es gibt ja kein allgemein anerkanntes Kriterium dafür, was eine Farbe sei, es sei denn, daßß es eine unsrer Farben ist.
42. One must therefore ask: How would it appear if people knew colors that even our normally sighted individuals do not? This question will generally resist unambiguous resolution. For it is not immediately evident that we must say of such abnormal individuals that they know other colors. After all, there is no universally accepted criterion for what constitutes a color unless it is one of ours.
Und doch ließen sich Umstände denken, unter welchen wir sagen würden, Diese Leute sehen außer den unsern noch andere Farben«.
Yet circumstances could be imagined under which we would say, "These people see colors beyond our own."
43. Man muß in der Philosophie nicht nur in jedem Fall lernen, was über einen Gegenstand zu sagen ist, sondern wie man über ihn zu reden hat. Man muß immer wieder erst die Methode lernen, wie er anzugehen ist.
43. In philosophy, one must not only learn in each case what is to be said about an object, but how to speak about it. One must repeatedly first learn the method of approaching it.
44. Oder auch: In jedem ernstern Problem reicht die Unsi- cherheit bis in die Wurzeln hinab.
44. Or again: In every serious problem, uncertainty reaches down to the very roots.
45. Man muß immer gefaßt sein, etwas gänzlich Neues zu lernen.
45. One must always be prepared to learn something entirely new.
46. In den Farben: Verwandtschaft, und Gegensatz. (Und das ist Logik).
46. In colors: kinship and contrast. (And this is logic.)
47. Was heißt es, »Das Braun ist dem Gelb verwandt«?
47. What does it mean to say, "Brown is akin to yellow"?
48. Heißt es, daß ich die Aufgabe, ein etwas bräunliches Gelb zu wählen, ohne weiteres verstünde? (Oder ein etwas geibliche- res Braun.)
48. Does it mean that I immediately understand the task of choosing a slightly brownish yellow? (Or a slightly yellowish brown.)
49. Die färbige Vermittlung zwischen zwei Farben.
49. The chromatic mediation between two colors.
50. »Gelb ist dem Rot verwandter als dem Blau.«
50. "Yellow is more closely related to red than to blue."
51. Der Unterschied zwischen Schwarz-Rot-Gold und Schwarz-Rot-Gelb. - Gold gilt hier als Farbe.
51. The difference between black-red-gold and black-red-yellow. — Here, gold counts as a color.
52. Tatsache ist, daß wir imstande sind, uns über die Farben der Dinge mittels sechs Farbnamen zu verständigen. Auch, daß wir die Wörter »Rötlichgrün«, »Gelblichblau« etc. nicht ver- wenden.
52. The fact is that we are capable of communicating about the colors of things using six color names. Also, that we do not use terms like "reddish green" or "yellowish blue," etc.
53. Beschreibung eines Zusammenlegspiels durch die Beschreibung der Steine. Ich nehme an, daß diese nie eine räum- liche Form erkennen lassen, sondern uns als flache ein- oder mehrfarbige Stückchen erscheinen. Erst zusammengesetzt wird etwas ein »Schatten«, ein »Glanz«, eine »konkave oder konvexe einfärbige Fläche« etc.
53. Describing a jigsaw puzzle through descriptions of its pieces. I assume these never reveal a spatial form but appear to us as flat, mono- or polychromatic fragments. Only when assembled do they form a "shadow," a "gloss," a "monochromatic concave or convex surface," etc.
54. Ich kann sagen: Dieser Mann unterscheidet nicht Rot und Grün. Kann ich aber sagen: Wir Normalen unterscheiden Rot und Grün? Wir könnten aber sagen: »Wir sehen hier zwei Far- ben, jener nur eine.«
54. I can say: This man does not distinguish red and green. But can I say: We normals distinguish red and green? Yet we might say: "We see two colors here; that man sees only one."
55. Die Beschreibung der Phänomene der Farbenblindheit gehört zur Psychologie. Also auch die der Phänomene des nor- malen Farbenschens? Gewiß, - aber was setzt so eine Beschrei- bung voraus, und für wen ist es eine Beschreibung, oder besser: welcher Hilfsmittel bedient sie sich? Wenn ich sage, »Was setzt sie voraus?« so heißt das, »Wie mufß einer auf sie schon reagieren«,um sie zu verstehen? Wer in einem Buch die Phänomene der Farbenblindheit beschreibt, beschreibt sie mit den Begriffen der Sehenden.
55. The description of color blindness phenomena belongs to psychology. So does that of normal color vision phenomena. Certainly—but what does such a description presuppose, and for whom is it a description, or better: what tools does it employ? When I ask, "What does it presuppose?" this means: "How must one already react to understand it?" Whoever describes color blindness phenomena in a book does so using the concepts of the sighted.
§6. Dieses Papier ist an verschiedenen Stellen verschieden hell; aber kann ich sagen, es sei nur an gewissen Stellen weiß, an den andern aber grau?? - Ja, wenn ich es malte, würde ich allerdings für die dunklern Stellen ein Grau mischen.
56. This paper is differently bright in different areas; but can I say it is white only in certain spots and gray elsewhere? — Yes, if I were to paint it, I would indeed mix gray for the darker areas.
Eine Flächenfarbe ist eine Qualität einer Fläche. Man könnte also versucht sein, sie keinen reinen Farbbegriff zu nennen. Aber was wäre dann ein reiner?!
A surface color is a quality of a surface. One might thus be tempted not to call it a pure color concept. But what then would a pure one be?!
57. Es ist nicht richtig, daß in einem Bild das Weiße stets die hellste Farbe sein muß. Wohl aber in einer flächenhaften Kombi- nation von Farbflecken. Ein Bild könnte ein Buch weißen Papiers im Schatten darstellen und heller als dieses einen gelb, oder blau, oder rötlich leuchtenden Himmel. Beschreibe ich aber eine ebene Fläche, eine Tapete z. B.: sie bestehe aus rein gelben, roten, blauen, weißen und schwarzen Quadraten, so können die gelben nicht heller sein als die weißen, die roten nicht heller als die gelben.
57. It is incorrect that white must always be the brightest color in a painting. This holds, however, in a planar arrangement of color patches. A painting might depict a book of white paper in shadow and a yellow, blue, or reddish glowing sky brighter than it. But if I describe a flat surface—a wallpaper, say—composed of pure yellow, red, blue, white, and black squares, the yellows cannot be brighter than the whites, nor the reds brighter than the yellows.
Darum waren die Farben für Goethe Schatten.
Hence, for Goethe, colors were shadows.
* Alternativen: einfacheren, elementarern, reinern. Herausg.
* Alternatives: simpler, more elementary, purer. Ed.
58. Es scheint einen fundamentalern" Farbbegriff zu geben als den der Oberflächenfarbe. Er wäre, möchte man denken, darzu- stellen entweder durch kleine farbige Elemente des Gesichtsfel- des oder durch leuchtende Punkte nach Art der Sterne. Aus diesen Punktfarben oder kleinen Farbflecken setzten sich auch die größeren farbigen Ausdehnungen zusammen. So daß man also den Farbeindruck von einer Oberfläche beschreiben könnte,indem man die vielen kleinen Farbflecken in ihren Lagen an- gabe.
58. There appears to be a more fundamental* color concept than that of surface color. One might think it could be represented either through small colored elements of the visual field or through luminous points like stars. These point colors or small color patches would also compose larger colored extensions. Thus one could describe the color impression of a surface by specifying the positions of the many small color patches.
Aber wie soll man z. B. so ein kleines Farbmuster mit einem Stück der größeren Oberfläche vergleichen? Welche Umgebung soll das Farbmuster haben?
But how should one compare, for example, such a small color sample with a piece of the larger surface? What surroundings should the color sample have?
59. Wir sind im gewöhnlichen Leben beinahe von lauter unreinen Farben umgeben. Um so merkwürdiger, daß wir einen Begriff von reinen Farben gebildet haben.
59. In ordinary life, we are surrounded almost entirely by impure colors. All the more remarkable that we have formed a concept of pure colors.
60. Warum reden wir nicht von einem »reinen« Braun? Ist der Grund davon bloß die Stellung des Braun zu den andern »reinen« Farben, seine Verwandtschaft mit ihnen allen? – Braun ist vor allem nur Oberflächenfarbe. D.h.: es gibt kein klares Braun, sondern nur ein Trübes. Auch: Braun enthält Schwarz. – (?)- Wie müßte sich ein Mensch benehmen, daß man von ihm sagen könnte, er kenne ein reines, primäres, Braun?
60. Why do we not speak of a "pure" brown? Is the reason merely brown's relation to other "pure" colors, its affinity with them all? – Brown is above all a surface color. That is: there is no clear brown, only a murky one. Also: brown contains black. – (?) – How would a person have to behave for us to say they know a pure, primary brown?
61. Wir müssen uns immer wieder die Frage vorhalten: Wie lernt der Mensch die Bedeutung der Farbnamen?
61. We must constantly ask ourselves: How does a person learn the meaning of color names?
* Im MS ist hier vielleicht ein Fragezeichen zu lesen. Herawg
* The MS possibly contains a question mark here. Ed.
62. Was heißt »Braun enthält Schwarz«? Es gibt mehr und weniger schwärzliches Braun. Gibt es eins, was gar nicht mehr schwärzlich ist? Es gibt gewiß nicht eins, welches gar nicht gelblich ist."63. Wenn wir so weiter überlegen, so fallen uns nach und nach interne Eigenschaften einer Farbe ein, an die wir anfangs nicht gedacht hatten. Und das kann uns den Gang einer philosophischen Untersuchung zeigen. Wir müssen immer gewärtig sein, daß eine neue, die wir nicht bedacht haben, uns einfällt.
62. What does "brown contains black" mean? There are more and less blackish browns. Is there one that is no longer blackish at all? There certainly isn't one that is not at all yellowish.*63. As we reflect further, we gradually think of internal properties of a color that we hadn't initially considered. This can show us the course of a philosophical investigation. We must always be prepared for a new property we hadn't considered to occur to us.
64. Wir dürfen auch nicht vergessen, daß unsre Farbwörter den Eindruck einer Fläche charakterisieren, auf der unser Blick herunschweift. Dazu sind sie da.
64. We must also not forget that our color words characterize the impression of a surface over which our gaze wanders. This is their purpose.
65. Braunes Licht. Angenommen es werde vorgeschla- gen, ein Lichtsignal auf der Straße sollte braun sein.
65. Brown light. Suppose it were proposed that a street signal light should be brown.
66. Es ist nur zu erwarten, daß wir Adjektive finden wer- den, die (wie ja z. B. schillernd-) Farbcharakteristika einer ausgedehnten Fläche sind, oder auch einer kleinen Ausdeh- nung in einer bestimmten Umgebung (schimmernd, flim- mernd, glänzend-, leuchtend.).
66. We can only expect to find adjectives that (like, say, iridescent) characterize color features of an extended surface, or also of a small area in a specific environment (shimmering, glimmering, glossy, luminous).
67. Ja, die reinen Farben haben nicht einmal besondere all- gemein gebrauchte Namen, so wenig wichtig sind sie uns.
67. Indeed, pure colors don't even have special commonly used names – they are that unimportant to us.
68. Denken wir uns, jemand malte jedes beliebige Stik der Natur, und zwar in den naturgetreuen Farben. Jeder Flächen- teil so eines Gemäldes hat eine bestimmte Farbe. Welche Farbe? Wie bestimme ich ihren Namen? Soll sie den Namen des Pigments haben, das er aufgetragen hat, unter dem es z. B.zu kaufen ist? Aber könnte nicht in der besondern Umgebung ein solches Pigment ganz anders aussehen als auf der Palette?
68. Imagine someone painting any natural scene in true-to-life colors. Every surface portion of such a painting has a specific color. Which color? How do I determine its name? Should it bear the name of the pigment applied, as sold in shops? But couldn't such a pigment look entirely different in a particular environment than on the palette?
69. So kämen wir also vielleicht dazu, kleinen Farbstückchen auf einem schwarzen Grund (z. B.) besondere Namen zu geben.
69. Thus we might arrive at giving special names to small color patches on a black background (e.g.).
Ich will damit eigentlich zeigen, daß es gar nicht a priori klar ist, welches die einfachen Farbbegriffe sind.
My real aim here is to show that it's not a priori clear what the simple color concepts are.
70. Es ist nicht wahr, daß eine dunklere Farbe zugleich eine schwärzlichere ist. Das ist ja klar. Ein sattes Gelb ist dunkler, aber nicht schwärzlicher als ein Weißlichgelb. Aber Amber ist auch nicht ein schwärzliches Gelb. (?) Und doch redet man auch von einem schwarzen Glas oder Spiegel. Liegt die Schwierigkeit darin, daß ich mit Schwarz wesentlich eine Oberflächenfarbe meine?
70. It's untrue that a darker color is simultaneously more blackish. This is obvious. A saturated yellow is darker but not more blackish than a whitish yellow. Nor is amber a blackish yellow. (?) Yet we also speak of black glass or mirror. Does the difficulty lie in my essentially understanding black as a surface color?
Ich würde von einem Rubin nicht sagen, er habe ein schwärzli ches Rot, denn das würde auf Trübe deuten. (Andererseits erin- nere dich, daß sich Trübe und Durchsichtigkeit malen lassen.)
I wouldn't say a ruby has a blackish red, as that would suggest murkiness. (On the other hand, remember that murkiness and transparency can be painted.)
71. Ich behandle die Farbbegriffe ähnlich wie die Begriffe der Sinnesempfindungen.
71. I treat color concepts similarly to concepts of sensory sensations.
71. Die Farbbegriffe sind ähnlich zu behandeln wie die Begriffe der Sinnesempfindungen.
71. Color concepts are to be handled analogously to concepts of sensory sensations.
73. Es gibt nicht den reinen Farbbegriff.
73. There is no such thing as the pure color concept.
74. Woher aber dann die Täuschung? Ist sie nicht eine vor schnelle Vereinfachung in der Logik wie jede andre?
74. Whence then the illusion? Is it not a hasty simplification in logic like any other?
75. D.h.: die verschiedenen Farbbegriffe sind wohl eng mit- einander verwandt, die verschiedenen Farbwörter haben einen verwandten Gebrauch, aber es sind mancherlei Unterschiede.
75. That is: the various color concepts are indeed closely related, the different color words have related uses, but there are manifold differences.
76. Runge sagt, es gebe durchsichtige und undurchsichtige Farben. Aber ein Stück grünes Glas wird in einem Bild darum nicht mit einem andern Grün gemalt als grünes Tuch.
76. Runge says there are transparent and opaque colors. But a piece of green glass in a painting is not therefore painted with a different green than green cloth.
77. Es ist ein eigentümlicher Schritt der Malerei, ein Glanz- licht durch eine Farbe darzustellen.
77. It's a peculiar step in painting to represent a highlight through a color.
78. Die Unbestimmtheit im Begriff der Farbe liegt vor allem in der Unbestimmtheit des Begriffs der Farbengleichheit, also der Methode des Vergleichens der Farben.
78. The indeterminacy in the concept of color lies primarily in the indeterminacy of the concept of color equivalence – that is, in the method of comparing colors.
79. Es gibt Goldfarbe, aber Rembrandt hat einen goldenen Helm nicht mit Goldfarbe dargestellt.
79. There is gold color, but Rembrandt didn't depict a golden helmet using gold color.
80. Was macht Grau zu einer neutralen Farbe? Ist es etwas Physiologisches, oder etwas Logisches?
80. What makes gray a neutral color? Is it something physiological or something logical?
Was macht die bunten Farben zu bunten? Liegt es im Begriff, oder in Ursache und Wirkung?
What makes chromatic colors chromatic? Does it lie in their concept or in causes and effects?
Warum nimmt man in den Farbenkreis nicht Weiß und Schwarz auf? Nur weil das gegen ein Gefühl in uns streitet?
Why aren't white and black included in the color circle? Only because this contradicts an inner feeling?
81. Es gibt kein leuchtendes Grau. Gehört das zum Begriff des Grau, oder zur Psychologie, also zur Naturgeschichte, des Grau? Und ist es nicht seltsam, daß ich das nicht weiß?
81. There is no luminous gray. Does this belong to the concept of gray or to its psychology – that is, to the natural history of gray? Isn't it strange that I don't know this?
82. Daß die Farben ihre charakteristischen Ursachen und Wirkungen haben, das wissen wir.
82. We know that colors have their characteristic causes and effects.
83. Grau ist zwischen zwei Extremen (Schwarz und Weiß) und kann eine Tönung von jeder andern Farbe annehmen.
83. Gray lies between two extremes (black and white) and can take on a tinge from any other color.
84. Wäre es denkbar, daß jemand alles, was wir weiß sehen, schwarz sähe, und umgekehrt?
84. Could it be conceivable that someone sees everything we see as white as black, and vice versa?
85. In einem bunten Muster könnte Schwarzes und Weißes neben Rotem und Grünem etc. sein, ohne als andersartig sich abzusondern.
85. In a multicolored pattern, black and white could exist alongside red and green etc. without standing out as different.
Nur im Farbenkreis fiele es heraus. Schon weil sich Schwarz und Weiß mit allen andern Farben mischen; besonders auch: beide mit ihrem Gegenpol.
Only in the color circle would they stand apart. Precisely because both mix with all other colors; especially also: each with its antipole.
86. Kann man sich nicht vorstellen, daß Menschen eine andere Farbengeometrie hätten als unsre normale? Und das heißt natürlich: kann man es beschreiben, kann man der Aufforderung es zu beschreiben ohne weiteres nachkommen, weiß man also unzweideutig, was von uns verlangt wird?
86. Can we not imagine that people might have a different color geometry than our normal one? And this naturally means: can we describe it, can we unambiguously comply with the request to describe it – do we therefore know unequivocally what is being asked of us?
Die Schwierigkeit ist offenbar die: Zeigt uns nicht gerade die Farbengeometrie, wovon die Rede ist, daß nämlich von den Farben die Rede ist?
The difficulty is clearly this: Doesn't color geometry itself show us what is being talked about – namely, that we are talking about colors?
87. Die Schwierigkeit, es sich vorzustellen (oder es sich aus- zumalen), ist also eigentlich die, zu wissen, wann man sich das ausgemalt hat. D. h., die Unbestimmtheit der Aufforderung, es sich vorzustellen.
87. The difficulty of imagining it (or visualizing it) is thus actually knowing when one has visualized it. That is, the indeterminacy of the request to imagine it.
88. Die Schwierigkeit ist also, zu wissen, was hier als das Analogon eines uns Bekannten zu betrachten ist.
88. The difficulty is therefore knowing what here counts as analogous to something familiar to us.
89. Eine Farbe, die als Farbe einer Wand schmutzig wäre, ist es darum nicht in einem Gemälde.
89. A color that would be dirty as the color of a wall isn't necessarily so in a painting.
90. Ich bezweifle, daß Goethes Bemerkungen über die Cha- raktere der Farben für einen Maler nützlich sein können. Kaum für einen Dekorateur.
90. I doubt whether Goethe's remarks about the characters of colors could be useful to a painter. Hardly even to a decorator.
91. Gäbe es eine Harmonielehre der Farben, so würde sie etwa mit einer Einteilung der Farben in verschiedene Gruppen anfangen und gewisse Mischungen oder Nachbarschaften ver- bieten, andere erlauben; und sie würde, wie die Harmonielehre, ihre Regeln nicht begründen.
91. If there were a theory of color harmony, it might begin with a classification of colors into different groups, prohibiting certain mixtures or adjacencies while permitting others; and like harmonic theory, it would not justify its rules.
92. Kann uns das kein Licht aufstecken über die Art jener Unterscheidungen zwischen den Farben?
92. Can't this shed light on the nature of those distinctions between colors?
93. (Wir sagen nicht, A wisse etwas, B das Gegenteil. Setzt man aber statt wissen glauben, so ist es ein Satz.]
93. (We don't say that A knows something and B the opposite. But if we substitute "believe" for "know," it becomes a proposition.)
94. Runge an Goethe: Wenn man sich ein blauliches Orange, ein rötliches Grün oder ein gelbliches Violett denken will, wird einem so zu Muthe wie bei einem südwestlichen Nordwinde..
94. Runge to Goethe: When attempting to imagine a bluish orange, a reddish green, or a yellowish violet, one feels as if confronted with a southwestern north wind.
Ebendaselbst: Weiß sowohl als Schwarz sind beide undurchsichtig oder körperlich... Weifies Wasser wird man sich nicht denken können, was rein ist, so wenig wie klare Milch. Wenn das Schwarze bloß dunkel machte, so könnte es wohl klar sein; da es aber schmutzt, so kann es solches nicht..
Same source: Both white and black are opaque or corporeal... One cannot imagine white water being pure, any more than clear milk. If black merely darkened, it could certainly be clear; but since it dirties, it cannot be so.
95. In meinem Zimmer um mich her sind verschieden gefärbte Gegenstände. Es ist leicht, ihre Farben anzugeben. Wenn ich aber gefragt würde, welche Farbe ich jetzt von hier aus, an dieser Stelle meines Tisches etwa, sehe, so könnte ich darauf nicht antworten; die Stelle ist weißlich (weil der braune Tisch hier von der hellen Wand aufgehellt wird), sie ist jeden falls weit heller als das übrige des Tisches, aber ich könnte nicht aus Farbmustern eins auswählen, das die gleiche Färbung hätte wie diese Stelle des Tisches.
95. In my room around me are variously colored objects. It's easy to name their colors. But if asked what color I now see here at this spot on my table, I couldn't answer; the spot is whitish (because the brown table here is brightened by the light wall), it is certainly much lighter than the rest of the table, but I couldn't select a color sample matching this spot's coloration.
96. Daß es mir oder allen so scheint, daraus folgt nicht, daß es so ist.
96. That it appears so to me or to everyone does not entail that it is so.
Also: Daraus, daß uns allen dieser Tisch hraun erscheint,folgt nicht, daß er braun ist. Aber was heißt es nur: »Dieser Tisch ist am Ende doch nicht braun«?-So folgt also doch daraus, daß er uns braun erscheint, daß er braun ist?
Thus: From the fact that this table appears brown to us all, it does not follow that it is brown. But what does it even mean: "After all, this table isn't brown"? – So does it follow from its appearing brown to us that it is brown?
97. Nennen wir nicht eben den Tisch braun, der dem Normal- sichtigen unter gewissen Umständen braun erscheint? Wir könn- ten uns freilich jemand denken, dem die Dinge unabhängig von ihrer Farbe einmal so, einmal so gefärbt schienen.
97. Don't we precisely call "brown" the table that appears brown to the normally sighted under certain circumstances? We could certainly imagine someone to whom things seemed differently colored irrespective of their actual color.
98. Daß es den Menschen so scheint, ist ihr Kriterium dafür, daß es so ist.
98. That it appears so to humans is their criterion for its being so.
99. So scheinen und so sein mag freilich in Ausnahmefällen voneinander unabhängig sein, aber das macht sie nicht logisch unabhängig; das Sprachspiel liegt nicht in der Ausnahme.
99. Appearance and reality may indeed be independent in exceptional cases, but this doesn't make them logically independent; the language-game resides not in the exception.
100. Goldig ist eine Oberflächenfarbe.
100. Golden is a surface color.
101. Wir haben Vorurteile die Verwendung der Wörter be- treffend.
101. We harbor prejudices concerning the use of words.
102. Auf die Frage »Was bedeutet »rot«, »blau«, »schwarz«, »weiß«?« können wir freilich gleich auf Dinge, die so gefärbt sind, zeigen, aber das ist auch alles: weiter geht unsre Fähigkeit die Bedeutungen zu erklären nicht.103. Im übrigen machen wir uns von ihnen keine oder eine ganz rohe, zum Teil falsche Vorstellung.
102. To the question »What does ›red‹, ›blue‹, ›black‹, ›white‹ mean?« we can of course immediately point to objects so colored, but that is all: our capacity to explain the meanings extends no further.103. Beyond this, we form either no conception of them or a crude and partly false one.
104. ›Dunkel‹ und ›schwärzlich‹ sind nicht der gleiche Be- griff.
104. ›Dark‹ and ›blackish‹ are not the same concept.
105. Runge sagt, das Schwarz ›schmutzt‹: was heißt das? Ist das eine Wirkung des Schwarzen auf's Gemüt? Ist hier eine Wirkung der Beimischung der schwarzen Farbe gemeint?
105. Runge says black ›dirties‹: what does this mean? Is it an effect of black on the psyche? Is an effect of the admixture of black pigment intended here?
106. Worin liegt es, daß ein dunkles Gelb nicht als ›schwärz- lich‹ empfunden werden muß, auch wenn wir es dunkel nennen?
106. Why must a dark yellow not be perceived as ›blackish‹ even when we call it dark?
Die Logik der Farbbegriffe ist eben viel komplizierter, als es scheinen möchte.
The logic of color concepts is far more complicated than it may seem.
107. Die Begriffe ›matt‹ und ›glänzend‹. Wenn man sich unter ›Farbe‹ etwas denkt, was die Eigenschaft eines Punktes im Raum ist, dann haben die Begriffe ›matt‹ und ›glänzend‹ keinen Bezug auf diese Farbbegriffe.
107. The concepts ›matte‹ and ›glossy‹. If one conceives of ›color‹ as a property of a point in space, then the concepts ›matte‹ and ›glossy‹ have no bearing on these color concepts.
108. Die erste ›Lösung‹ die uns für das Problem der Farben einfällt ist, daß die ›reinen‹ Farbbegriffe sich auf Punkte oder unteilbare kleine Flecken im Raum beziehen. Frage: Wie sind die Farben zweier solcher Punkte zu vergleichen? Einfach indem man den Blick von dem einen zum andern wendet? Oder durch den Transport eines farbigen Gegenstands? Wenn dieses, wie weiß man, daß dieser Gegenstand seine Farbe dabei nicht gean-dert hat, wenn jenes, wie kann man die Farbpunkte miteinander vergleichen, ohne daß der Vergleich durch ihre Umgebung beeinflußt wird?
108. The first ›solution‹ that occurs to us for the problem of colors is that ›pure‹ color concepts refer to points or indivisible small patches in space. Question: How are the colors of two such points to be compared? Simply by shifting one's gaze from one to the other? Or by transporting a colored object? If the latter, how do we know this object hasn't changed its color during transport? If the former, how can the color points be compared without the comparison being influenced by their surroundings?
109. Ich könnte mir einen Logiker vorstellen, der erzählt, er sei jetzt dahin gelangt, daß er 2 x 2 = 4 wirklich denken könne.
109. I could imagine a logician claiming he has now reached the point where he can truly think that 2 × 2 = 4.
110. Wenn du dir über die Rolle der Logik in den Farbbegrif- fen nicht klar bist, beginne mit dem einfachen Fall eines gelbli- chen Rot, z. B. Dies gibt es, daran zweifelt niemand. Wie lerne ich den Gebrauch des Wortes »gelblich«? Durch Sprachspiele des Ordnens z. B.
110. If you are unclear about the role of logic in color concepts, begin with the simple case of a yellowish red, e.g., Orange. This exists; no one doubts it. How do I learn the use of the word »yellowish«? Through language-games of ordering, for instance.
Ich kann also lernen, in Übereinstimmung mit andern, gelbli- che und gelblichere Rot, Grün, Braun und Weiß zu erkennen. Dabei mache ich selbständige Schritte wie in der Arithmetik. Die Aufgabe, ein gelbliches Blau zu finden, mag der eine durch ein Grünblau lösen, der andre nicht verstehen. Wovon hängt das ab?
Thus I can learn, in agreement with others, to recognize yellowish and more yellowish reds, greens, browns, and whites. Here I take independent steps as in arithmetic. One person might solve the task of finding a yellowish blue through a greenish blue, while another would not understand. What does this depend on?
111. Ich sage Grünblau enthält kein Gelb; wenn nun ein andrer sagt, doch, es enthält Gelb, wer hat recht? Wie ist es zu prüfen? Unterscheiden sich die beiden nur durch ihre Worte?- Wird nicht der eine ein reines Grün anerkennen, das weder zum Blauen noch zum Gelben neigt? Und was ist der Nutzen hier- von? In welchen Sprachspielen läßt sich das verwenden? - Er wird jedenfalls die Aufgabe lösen können, grüne Dinge auszu- sondern, die nichts Gelbliches haben, und solche, die kein Blau enthalten. Darin wird der Trennungspunkt »Grün« bestehen, den der andre nicht kennt.112. Der eine wird ein Sprachspiel erlernen können, das der andre nicht erlernen kann. Und darin muß ja auch alle Art der Farbenblindheit bestehen. Denn könnte der Farbenblinde die Sprachspiele des Normalen lernen, warum sollte man ihn von gewissen Berufen ausschließen?
111. I say greenish blue contains no yellow; if another says it does, who is right? How is this to be tested? Do the two differ only in their words? — Wouldn't one person recognize a pure green that inclines neither toward blue nor yellow? And what is the use of this? In which language-games could this be applied? — At any rate, he will be able to sort out green objects that have no yellowish tinge and those that contain no blue. Herein lies the dividing point »green«, unknown to the other.112. One person may learn a language-game that another cannot. And all forms of color blindness must consist in this. For if the colorblind could learn the language-games of the normally sighted, why should they be excluded from certain professions?
113. Hätte man also Runge auf diesen Unterschied von Grün und Orange aufmerksam gemacht, so hätte er vielleicht die Idee, es gäbe nur drei Grundfarben, aufgegeben.
113. Had Runge been made aware of this distinction between green and orange, he might have abandoned the idea that there are only three primary colors.
114. Inwiefern nun gehört, ob einer ein Spiel erlernen oder nicht erlernen kann, der Logik und nicht der Psychologie an?
114. To what extent does whether someone can or cannot learn a game belong to logic rather than psychology?
115. Ich sage: Wer dies Spiel nicht spielen kann, hat diesen Begriff nicht.
115. I say: Whoever cannot play this game does not have this concept.
116. Wer hat den Begriff morgen? Von wem sagen wir, er hätte ihn?
116. Who has the concept of tomorrow? Of whom do we say they possess it?
117. Ich sah auf einer Photographie einen Buben mit glatt zurückgekämmtem blondem Haar und einer schmutzigen hel- len Jacke und einen Mann mit dunklem Haar vor einer Maschine stehen, die zum Teil aus schwarz gestrichenen Guß- teilen, teils aus bearbeiteten, glatten Wellen, Zahnrädern u.a. bestand, und daneben ein Gitter aus hellem vepinktem Draht. Das bearbeitete Eisen hatte Eisenfarbe, das Maar des Jungen. war blond, die Gußteile schwarz, das Gitter, zinkfarbig, ob-gleich alles nur durch hellere und dunklere Töne des photogra- phischen Papiers dargestellt war.
117. In a photograph, I saw a boy with smoothly combed-back blond hair and a dirty light-colored jacket, and a man with dark hair standing before a machine partly composed of black-painted cast parts and partly of machined smooth shafts, gears, etc., alongside a grid of bright galvanized wire. The machined iron had the color of iron, the boy's hair was blond, the cast parts black, the grid zinc-colored — though all was represented solely through lighter and darker tones of the photographic paper.
118. Es mag Geistesschwäche geben, denen man den Begriff »morgen« nicht beibringen kann, oder den Begriff »ich«, oder das Ablesen der Uhrzeit. Er würde den Gebrauch des Wortes »morgen« nicht erlernen etc.
118. There may be mental deficiencies where one cannot teach the concept »tomorrow«, or the concept »I«, or how to read clock time. Such a person would not learn the use of the word »tomorrow«, etc.
119. Wem kann ich nun mitteilen, was dieser Geistesschwache nicht erlernen kann? Nicht nur dem, der es selbst erlernt hat? Kann ich einem nicht mitteilen, der und der könnte höhere Mathematik nicht erlernen, auch wenn jener sie nicht beherrscht? Und doch: weiß es, wer höhere Mathematik gelernt hat, nicht genauer? Versteht nicht der das Wort »Schach« anders, der das Spiel gelernt hat, als der es nicht kann? Was nennt man »eine Technik beschreiben«?
119. To whom can I communicate what this mentally deficient person cannot learn? Only to one who has learned it themselves? Can I not inform someone that so-and-so could not learn higher mathematics, even if the listener has not mastered it? And yet: Does not one who has learned higher mathematics know this more precisely? Does not the person who has learned chess understand the word »chess« differently from one who cannot play? What is called »describing a technique«?
120. Oder so: Haben der Normalsehende und der Farbenblinde den gleichen Begriff der Farbenblindheit?
120. Alternatively: Do the normally sighted and the colorblind have the same concept of color blindness?
Und doch versteht der Farbenblinde die Aussage »Ich bin farbenblind« und auch die gegenteilige.
Yet the colorblind person understands the statement »I am colorblind« and also its opposite.
Ein Farbenblinder kann nicht nur unsre Farbnamen, sondern auch das Wort »farbenblind« nicht ganz so verwenden lernen wie ein Normaler. Er kann z. B. die Farbenblindheit nicht immer feststellen, wo der Normale es kann.
A colorblind person cannot learn to use not only our color names but also the word »colorblind« exactly as a normally sighted person does. For example, they cannot always identify color blindness where the normally sighted can.
121. Und wem kann ich beschreiben, was wir Normalen alles erlernen können?
121. And to whom can I describe what we normally sighted can learn?
Auch das Verstehen der Beschreibung setzt schon voraus, daß er etwas gelernt hat.
Even understanding the description presupposes that they have already learned something.
taa. Wie kann ich einem beschreiben, wie wir das Wort morgen gebrauchen? Ich kann ein Kind dies lebren; aber das heißt nicht, ihm den Gebrauch beschreiben.
122. How can I describe to someone how we use the word tomorrow? I can teach a child this; but that does not mean describing its use to them.
Aber kann ich doch die Praxis von Leuten beschreiben, die einen Begriff haben, z. B. rötlichgrün, den wir nicht besitzen?- Ich kann diese Praxis doch jedenfalls niemand lehren.
But can I describe the practice of people who possess a concept, e.g., reddish-green, which we lack?—In any case, I cannot teach anyone this practice.
123. Kann ich denn auch nur sagen: Diese Leute nennen dies (ein Braun etwa) rötlichgrün? Wäre es dann eben nur ein andres Wort für etwas, wofür auch ich eins habe? Wenn sie wirklich einen anderen Begriff haben als ich, so muß sich das darin zeigen, daß ich mich in ihrem Wortgebrauch nicht ganz auskenne.
123. Can I even say: These people call this (a brown, say) reddish-green? Would it then merely be a different word for something for which I also have one? If they truly have a different concept from mine, this must reveal itself in the fact that I do not fully grasp their linguistic usage.
114. Ich habe aber doch immer wieder gesagt, man könnte sich denken, daß unsre Begriffe anders wären, als sie sind. War das alles Unsinn?
124. Yet I have repeatedly said that one could imagine our concepts being different from what they are. Was all that nonsense?
11.4
11.4
125. Die Goethesche Lehre von der Entstehung des Spek- trums ist nicht eine Theorie der Entstehung, eine, die sich als ungenügend erwiesen hat, sondern eigentlich gar keine Theorie. Es läßt sich durch sie nichts vorhersagen. Sie ist eher ein vages Denkschema nach Art derer, die wir in James' Psychologie fin- den. Es gibt für die Goethesche Farbenlehre kein experimentum crucis.
125. Goethe’s doctrine of the origin of the spectrum is not a theory of genesis, one that has proven inadequate, but rather not a theory at all. Nothing can be predicted through it. It is more like a vague schematic framework of the sort we find in James’ psychology. There is no experimentum crucis for Goethe’s Theory of Colors.
Wer mit Goethe übereinstimmt findet, daß Goethe die Natar der Farbe richtig erkannt hat. Und die Natur ist hier nicht eine Summe von Erfahrungen, die Farben betreffend, sondern (liegt) im Begriff der Farbe.126. Eins war Goethe klar: Aus Dunkelheiten kann sich kein Helles zusammensetzen wie eben aus mehr und mehr Schatten nicht Licht entsteht. Das aber liefie sich so ausdrücken: Wenn man z. B. Lila ein rötlich-weißlich-blau nennt, oder Braun ein rötlich-schwärzlich-gelb, so kann man nun ein Weiß kein -gelblich-rötlich-grünlich-blau (oder dergleichen) nennen. Und das wird auch von Newton nicht bewiesen. Weiß ist nicht in diesem Sinne eine Mischfarbe.
Those who agree with Goethe recognize that Goethe correctly grasped the nature of color. And here, nature is not a sum of experiences concerning colors but (lies in) the concept of color.
127. Die Farben, das sind nicht Dinge, die bestimmte Eigen- schaften haben, so daß man ohne weiteres nach Farben suchen, sich Farben vorstellen könnte, die wir noch nicht kennen, oder uns jemand vorstellen können, der andere kennt als wir. Es ist schon möglich, daß wir unter gewissen Umständen sagen wür- den, Leute kennten Farben, die wir nicht kennen, aber gezwun- gen sind wir zu diesem Ausdruck nicht. Denn es ist nicht gesagt, was wir als ausreichende Analogien zu unsern Farben ansehen sollen, um das sagen zu können. Es ist hier ähnlich, wie wenn man von infrarotem Licht spricht; es ist guter Grund dafür, es zu tun, aber man kann dies auch für einen Mißbrauch erklären.
126. One thing was clear to Goethe: From darkness, no brightness can be composed, just as light does not arise from more and more shadows. This could be expressed as follows: If, for example, we call lilac a reddish-whitish-blue or brown a reddish-blackish-yellow, then we cannot call white a yellowish-reddish-greenish-blue (or the like). And this is not proven by Newton either. White is not a mixed color in this sense.
Und ähnlich geht es mit meinem Begriffe: im Körper des andern Schmerzen haben.
127. Colors are not things that have specific properties such that one could straightforwardly search for colors, imagine colors we do not yet know, or have someone imagine others we do not recognize. It is indeed possible that under certain circumstances we would say people know colors unfamiliar to us, but we are not compelled to use this expression. For it is not specified what analogies to our colors we should regard as sufficient to warrant saying this. Here it is similar to speaking of infrared light; there is good reason to do so, but one could also declare this a misuse.
128. Ein Stamm von lauter Farbenblinden könnte sehr wohl leben; aber hätten sie alle unsre Farbnamen entwickelt, und wie entspräche ihre Nomenklatur der unsern? Und wenn nicht, wie sähe hier die ihnen natürliche Sprache aus?? Wissen wir's? Hät- ten sie vielleicht drei Grundfarben: Blau, Gelb und ein Drittes, was die Stelle von Rot und Grün einnimmt?-Wie, wenn wir so cinem Stamm begegneten und seine Sprache lernen wollten? Wir würden da auf gewisse Schwierigkeiten stoßen.
And similarly with my concept of having pain in another’s body.
129. Könnte es nicht Menschen geben, die unsre Ausdrucks- weise, daß Orange ein rötliches Gelb ist (etc.) nicht verstünden und die nur dort geneigt wären, so etwas zu sagen, wo ein Orange (z. B.) in einem wirklichen Farbübergang von Rot nach Gelb vorkommt? Und für solche könnte es auch leicht ein rötli- ches Grün geben.
128. A tribe composed entirely of color-blind individuals could very well exist; but would they have developed all our color names, and how would their nomenclature correspond to ours? If not, what would their natural language look like here? Do we know? Might they have three primary colors: blue, yellow, and a third that takes the place of red and green?—What if we encountered such a tribe and tried to learn their language? We would encounter certain difficulties.
129. Could there not be people who do not understand our way of expressing that orange is a reddish yellow (etc.) and who would only be inclined to say such a thing where an orange (for example) occurs in an actual color transition from red to yellow? And for such people, there might also easily be a reddish green.
Sie könnten also nicht die Mischfarbe analysieren, unsern Gebrauch von X-lich Y nicht erlernen. (Ähnlich Menschen ohne absolutes Gehör.)
Thus, they could not analyze the mixed color or learn our use of X-ish Y. (Similar to people without absolute pitch.)
130. Und wie wäre es mit den Menschen, die nur Farb-Form- Begriffe hätten? Soll ich von ihnen sagen, sie säben nicht, daß ein grünes Blatt und ein grüner Tisch, wenn ich ihnen diese zeige, die gleiche Farbe haben oder: daß sie etwas gemein haben? Wie, wenn sie darauf nicht verfallen sind, verschieden geformte gleichfärbige Gegenstände miteinander zu vergleichen? Dieser Vergleich hatte, in Folge ihrer besonderen Umgebung, keine Wichtigkeit für sie oder nur ganz ausnahmsweise Wichtigkeit, so daß es zur Bildung eines Sprachinstruments nicht kam.
130. And what of people who only had color-form concepts? Should I say of them that they do not see that a green leaf and a green table, when I show them these, have the same color or: that they share something in common? What if it had not occurred to them to compare differently shaped objects of the same color? This comparison, due to their particular environment, held no importance for them or only exceptional importance, so that the formation of a linguistic instrument did not arise.
131. Ein Sprachspiel: Über die größere Helligkeit oder Dun- kelheit von Körpern berichten. Aber nun gibt es ein damit verwandtes: über das Verhältnis der Helligkeiten bestimmter Farben auszusagen. (Zu vergleichen: Verhältnis der Längen zwei bestimmter Stäbe - Verhältnis zwei bestimmter Zahlen.)
131. A language-game: Reporting on the greater brightness or darkness of objects. But there is another related one: making statements about the ratio of brightnesses of specific colors. (Compare: ratio of the lengths of two specific rods—ratio of two specific numbers.)
Die Form der Sätze in beiden ist die gleiche (-X heller als Y-).
The form of the propositions in both is the same ("X brighter than Y").
Aber im ersten Sprachspiel sind sie zeitlich, im zweiten unzeit- lich.
But in the first language-game they are temporal; in the second, timeless.
132. In einer bestimmten Bedeutung von weiß ist Weiß die hellste aller Farben.
132. In a certain sense of white, white is the brightest of all colors.
In einem Bild, in welchem ein Stück weißes Papier seineHelligkeit vom blauen Himmel kriegt, ist dieser heller als das Weiße. Und doch ist, in anderm Sinne, Blau die dunklere, Weiß die hellere Farbe (Goethe). Von einem Weiß und einem Blau auf der Palette wäre dies heller als jenes. Auf der Palette ist das Weiß die hellste Farbe.
In a painting where a piece of white paper derives its brightness from a blue sky, the latter is lighter than the white. Yet in another sense, blue is the darker and white the lighter color (Goethe). On a palette, white would be lighter than blue. On the palette, white is the brightest color.
133. Ich mag mir ein bestimmtes Grau-Grün so einprägen, daß ich es ohne ein Muster immer richtig wiedererkenne. Das reine Rot (Blau etc.) aber kann ich mir sozusagen immer wieder konstruieren. Es ist eben ein Rot, welches weder auf die eine noch auf die andre Seite neigt, und ich erkenne es ohne ein Muster, ebenso leicht wie z. B. den rechten Winkel im Gegensatz zu einem beliebigen spitzen oder stumpfen.
133. I might memorize a particular gray-green so that I can always recognize it correctly without a sample. But pure red (blue, etc.) I can, as it were, always reconstruct. It is a red that leans neither to one side nor the other, and I recognize it without a sample as easily as, say, a right angle in contrast to any acute or obtuse one.
134. In diesem Sinne gibt es nur vier (oder mit Weiß und Schwarz sechs) reine Farben.
134. In this sense, there are only four (or six including white and black) pure colors.
135. Eine Naturgeschichte der Farben müßte über ihr Vor- kommen in der Natur berichten, nicht über ihr Wesen. Ihre Sätze müßten zeitliche Sätze sein.
135. A natural history of colors would report on their occurrence in nature, not their essence. Its propositions would be temporal propositions.
136. Nach Analogie mit den andern Farben müßte eine schwarze Zeichnung auf weißem Grunde, gesehen durch ein durchsichtiges weißes Glas, unverändert als schwarze Zeichnung auf weifiem Grunde erscheinen. Denn Schwarz muß Schwarz bleiben und Weiß, da es auch die Farbe des durchsichtigen Körpers ist, bleibt unverändert.
136. By analogy with other colors, a black drawing on a white background, viewed through transparent white glass, should appear unchanged as a black drawing on a white background. For black must remain black and white, since it is also the color of the transparent body, remains unaltered.
137. Man könnte sich ein Glas denken, wodurch Schwarz als Schwarz, Weiß als Weiß und alle andern Farben als Töne von Grau gesehen werden; sodaß, dadurch gesehen, alles wie auf einer Photographie ausschaut. Aber warum sollte ich das »weißes Glas« nennen?
137. One could imagine a glass through which black appears as black, white as white, and all other colors as shades of gray, so that everything viewed through it looks like a photograph. But why should I call this "white glass"?
138. Die Frage ist: Ist die Bildung ein durchsichtiger weifier Körper wie die »regelmäßiges Zweieck«?
138. The question is: Is the concept of a transparent white body like that of a "regular digon"?
139. Ich kann einen Körper betrachten und etwa eine matte weiße Fläche seben, d.h. den Eindruck so einer Fläche erhalten, oder den Eindruck der Durchsichtigkeit (ob sie nun vorhanden ist oder nicht). Dieser Eindruck mag durch die Verteilung der Farben hervorgebracht werden, und an ihm sind Weiß und die andern Farben nicht in gleicher Weise beteiligt. (Ich habe eine grünlich angestrichene Blechkuppel für durch- scheinendes grünliches Glas gehalten, ohne zur Zeit zu wissen, welche Besonderheit der Farbenverteilung diesen Schein hervor- brachte.)
139. I can observe an object and see, say, a matte white surface — that is, receive the impression of such a surface — or the impression of transparency (whether present or not). This impression might be produced by the color distribution, and in it, white and other colors are not involved in the same way. (I once mistook a green-painted metal dome for translucent greenish glass, without knowing at the time which peculiarity of color distribution created this illusion.)
140. Und in dem Gesichtseindruck eines durchsichtigen Kör- pers kann wohl Weiß vorkommen, z. B. als Spiegelung, als Glanzlicht. D.h.: Wenn der Eindruck als durchsichtig empfun den wird, wird das Weiß, was wir sehen, eben nicht als Weiß des Körpers gedeutet.
140. In the visual impression of a transparent body, white can indeed appear — for instance, as a reflection or a highlight. That is: When the impression is perceived as transparent, the white we see is not interpreted as the body's own whiteness.
141. Ich schaue durch ein durchsichtiges Glas: folgt daraus, daß ich nicht Weiß sehe? Nein, aber ich sehe nicht das Glas als weiß. Aber wie geht das zu? Es kann auf verschiedene Weise zugehen. Ich mag das Weiß mit beiden Augen als dahinterliegendsehen. Aber ich mag das Weiß auch einfach durch seine Stellung als Glanz sehen (auch wenn es vielleicht kein Glanz ist). Und doch handelt sich's hier um ein Sehen, nicht nur um ein Dafür halten. Und es ist auch gar nicht zweiäugiges Sehen nötig, um etwas als hinter dem Glas liegend zu sehen.
141. I look through a transparent glass: Does it follow that I do not see white? No, but I do not see the glass as white. How does this happen? It can occur in various ways. I might perceive the white as lying behind it with both eyes. Alternatively, I might simply interpret the white as a highlight due to its position (even if it is not a highlight). Yet this concerns seeing, not merely believing. Nor is binocular vision necessary to see something as lying behind the glass.
142. Die verschiedenen »Farben« haben mit dem räumlichen Sehen nicht alle den gleichen Zusammenhang.
142. The different "colors" do not all share the same connection to spatial vision.
143. Und es ist gleichgültig, ob man dies durch die in der Kindheit von uns gesammelte Erfahrung erklärt oder nicht.
143. And it is irrelevant whether this is explained by experience accumulated in childhood or not.
144. Jener Zusammenhang ist wohl der zwischen Räumlich- keit und Licht und Schatten.
144. That connection is likely the relationship between spatiality, light, and shadow.
145. Man kann auch nicht sagen, Weiß sei wesentlich die Eigenschaft einer visuellen Oberfläche. Denn es wäre denk- bar, daß Weiß nur als Glanzlicht vorkäme oder als Farbe einer Flamme.
145. Nor can one say that white is essentially a property of a visual surface. For it is conceivable that white might only occur as a highlight or as the color of a flame.
146. Ja, es kann auch ein in Wirklichkeit durchsichtiger Kör- per uns weiß erscheinen; aber er kann uns nicht als weiß und durchsichtig erscheinen.
146. Indeed, a truly transparent body might appear white to us; but it cannot appear both white and transparent.
147. Das aber sollte man nicht so ausdrücken: Weiß sei keine durchsichtige Farbe.
147. Yet this should not be expressed as: White is not a transparent color.
148. Durchsichtig ließe sich mit spiegelnd vergleichen.
148. "Transparent" could be compared to "reflective."
149. Ein Element des Gesichtsraums kann weiß oder rot sein, aber weder durchsichtig noch undurchsichtig.
149. An element of visual space can be white or red, but neither transparent nor opaque.
150. Durchsichtigkeit und Spiegeln gibt es nur in der Tiefen- dimension eines Gesichtsbilds.
150. Transparency and reflection exist only in the depth dimension of a visual image.
151. Warum kann eine visuell einfärbige Ebene im Gesichts- feld nicht bernsteinfarbig (amber) sein? Dies Farbwort bezieht sich auf ein durchsichtiges Medium; wenn daher ein Maler ein Glas mit bernsteinfarbenem Wein malt, so könnte man etwa die Fläche des Bildes, die es darstellt, bernsteinfarben nennen, aber nicht ein einfärbiges Element dieser Fläche.
151. Why cannot a monochromatic plane in the visual field be amber-colored? This color term refers to a transparent medium; thus, if a painter depicts a glass with amber-colored wine, the area of the painting representing it might be called amber-colored, but not a monochromatic element of that area.
152. Könnten nicht auch glänzendes Schwarz und mattes Schwarz verschiedene Farbnamen haben?
152. Could glossy black and matte black not have distinct color names?
153. Von etwas, was durchsichtig ausschaut, sagen wir nicht, es schaue weiß aus.
153. We do not say of something that looks transparent that it looks white.
154. Kann man sich nicht denken, daß Menschen eine andere Farbengeometrie hätten als wir?D.h. doch: Kann man sich nicht Menschen mit andern Farbbegriffen denken als den unsern; und das heißt wieder: Kann man sich nicht vorstellen, daß Men- schen unsre Farbbegriffe nicht haben, und daß sie Begriffehaben, die mit unsern Farbbegriffen in solcher Weise verwandt sind, daß wir sie auch »Farbbegriffe« nennen möchten?
154. Could one not imagine that humans might have a different color geometry than we do? That is to say: Could one not imagine humans with color concepts other than ours; which again means: Could one not conceive that humans lack our color concepts but possess concepts related to ours in such a way that we might still call them "color concepts"?
155. Wenn Menschen gewöhnt wären, immer nur grüne Quadrate und rote Kreise zu sehen, so könnten sie einen grünen Kreis mit Mißtrauen wie eine Mißgeburt betrachten und z. B. sogar sagen, es sei eigentlich ein Rotkreis, habe aber etwas von einem..."
155. If humans were accustomed to seeing only green squares and red circles, they might regard a green circle with suspicion as a monstrosity and even say, for instance, that it is actually a red circle but has something of a...
Wenn Menschen nur Formfarbbegriffe hätten, so hätten sie also ein eigenes Wort für rotes Quadrat und ein eigenes für roten Kreis und eins für grünen Kreis, etc. Sehen sie aber nun eine neue gräne Figur, soll ihnen da keine Ähnlichkeit mit dem grünen Kreis, etc., auffallen? Und soll ihnen keine Ähnlichkeit zwischen grünem und rotem Kreis auffallen? Aber wie will ich, daß es sich zeige, daß ihnen die Ahnlichkeit auffällt?
If humans had only form-color concepts, they would thus possess distinct words for red square, red circle, green circle, etc. But when confronted with a new green figure, would no similarity to a green circle, etc., strike them? And would no similarity between green and red circles occur to them? Yet how am I to demonstrate that such similarities do strike them?
Sie könnten z. B. einen Begriff des »Zusammenpassens« haben; und dennoch nicht darauf verfallen, Farbwörter zu gebrau- chen.
They might, for example, possess a concept of "matching" yet never think to employ color terms.
Es gibt ja auch Stämme, die nur bis 5 zählen, und diese haben wahrscheinlich die Notwendigkeit nicht empfunden, zu beschreiben, was so nicht zu beschreiben ist.
There exist tribes that count only up to five, and they likely never felt the need to describe what cannot be described in such terms.
156. Runge: »Schwarz schmutzt«. Das heifit, es nimmt der Farbe die Buntheit, aber was heißt das? Schwarz nimmt der Farbe die Leuchtkraft. Aber ist das etwas Logisches oder etwas Psychologisches? Es gibt ein leuchtendes Rot, ein leuchtendes Blau etc., aber kein leuchtendes Schwarz. Schwarz ist die dun- kelste der Farben. Man sagt »tief schwarz«, aber nicht »tief weiß«. »Ein leuchtendes Rot« heifit aber nicht ein helles Rot. Auch ein dunkles Rot kann leuchten. Aber eine Farbe leuchtet durch ihre Umgebung, in ihrer Umgebung.
156. Runge: "Black soils." That is, it robs color of vividness—but what does this mean? Black diminishes luminosity. Yet is this a logical or psychological matter? There exists luminous red, luminous blue, etc., but no luminous black. Black is the darkest of colors. One speaks of "deep black" but not "deep white." "A luminous red," however, does not mean a bright red. Even a dark red can be luminous. But a color radiates through its surroundings, within its environment.
* Durchgestrichen. Herausg.
* Crossed out in the manuscript. Ed.
Grau aber leuchtet nicht.Nun scheint aber Schwarz eine Farbe zu trüben, Dunkelheit jedoch nicht. Ein Rubin also könnte danach immer dunkler werden, ohne doch je trüb zu werden, würde er aber schwarzrot, so würde er trüb. Nun, Schwarz ist eine Oberflächenfarbe. Das Dunkel nennt man keine Farbe. Im Gemälde kann das Dunkel auch durch Schwarz dargestellt werden.
Gray, however, does not radiate.Now black seems to dull a color, whereas darkness does not. A ruby could thus grow ever darker without becoming dull; yet if it turned black-red, it would become dull. Well, black is a surface color. Darkness is not called a color. In painting, darkness can also be represented by black.
Der Unterschied zwischen Schwarz und, etwa, einem dunklen Violett ist ähnlich dem zwischen dem Klang der großen Trom- mel und dem Klang einer Pauke. Vom ersten sagt man, es sei ein Geräusch, kein Ton. Es ist matt und ganz schwarz.
The distinction between black and, say, dark violet resembles that between the sound of a bass drum and a kettledrum. The former is called a noise, not a tone. It is muted and entirely black.
157. Sieh dein Zimmer am späten Abend an, wenn Farben kaum mehr zu unterscheiden sind; und nun mach Licht und male, was du im Dämmerlicht gesehen hast. Es gibt Bilder von Gegenden oder Räumen im Halbdunkel: Aber wie vergleicht man die Farben auf so einem Bild mit den im Halbdunkel gesehe- nen? Wie verschieden ist diese Vergleichung von der zweier Farbmuster, die ich zugleich vor mir habe und zum Vergleich aneinander lege!
157. Observe your room in late evening when colors are scarcely distinguishable; then turn on the light and paint what you saw in twilight. There exist paintings of landscapes or interiors in half-darkness: But how does one compare the colors in such a painting with those seen in dim light? How different this comparison is from matching two color samples placed side by side!
158. Was läßt sich dafür sagen, daß Grün eine primäre Farbe ist und keine Mischfarbe von Blau und Gelb? Wäre diese Ant- wort richtig: Man kann das nur direkt erkennen, indem man die Farben betrachtet? Aber wie weiß ich, daß ich dasselbe mit den Worten primäre Farbe meine wie ein andrer, der auch geneigt ist, Grün eine primäre Farbe zu nennen? Nein, hier gibt es Sprachspiele, die diese Frage entscheiden.
158. What can be said for green being a primary color rather than a mixed color of blue and yellow? Would this answer suffice: One can recognize this only directly by examining the colors? But how do I know that I mean the same by "primary color" as another who also calls green a primary color? No—here, language-games decide the question.
Es gibt ein mehr oder weniger bläuliches (oder gelbliches) Grün und es gibt die Aufgabe, zu einem gegebenen Gelblichgrün (oder Blaugrün) ein weniger gelbliches (oder bläuliches) zu mischen oder aus einer Anzahl von Farbmustern auszuwählen. Ein weniger gelbliches ist aber kein bläulicheres Grün (u.u.), und es gibt auch die Aufgabe, ein Grün zu wählen - oder zu mischen das weder gelblich noch bläulich ist. Und ich sage»oder zu mischen«, weil ein Grün dadurch nicht zugleich gelb- lich und bläulich, weil es etwa durch ein Mischen von Gelb und Blau zustande kommt.
There exists a more or less bluish (or yellowish) green, and there is the task of mixing or selecting from color samples a less yellowish (or bluish) green than a given yellowish-green (or blue-green). A less yellowish green, however, is not a more bluish green (etc.), and there is also the task of choosing—or mixing—a green that is neither yellowish nor bluish. I say "or mixing" because a green does not become both yellowish and bluish by being mixed from yellow and blue.
159. Denke daran, daß in einer glatten weißen Fläche Dinge sich spiegeln können, deren Spiegelbilder also hinter der Fläche zu liegen scheinen und in gewissem Sinn durch sie gesehen werden.
159. Consider how objects can be mirrored in a smooth white surface, their reflections seeming to lie behind the surface and, in a sense, seen through it.
160. Wenn ich von einem Papier sage, es sei rein weiß, und es würde Schnee danebengehalten, und es sähe nun grau aus, so würde ich es in seiner normalen Umgebung und für die gewöhn- lichen Zwecke weiß, nicht hellgrau nennen. Es könnte sein, daß ich, im Laboratorium etwa, einen andern in gewissem Sinn ver- feinerten Begriff von Weiß verwendete. (Wie ich dort manchmal auch einen verfeinerten Begriff der »genauen« Zeitbestimmung verwende.)
160. If I call a paper pure white, yet when placed next to snow it appears gray, I would still call it white—not light gray—in its normal surroundings for ordinary purposes. In a laboratory, I might employ a more refined concept of white (just as I sometimes use a refined concept of "exact" time measurement there).
161. Die reinen satten Farben haben eine ihnen spezifische wesentliche relative Helligkeit. Gelb z. B. ist heller als Rot. Ist Rot heller als Blau? Ich weiß es nicht.
161. Pure, saturated colors possess a specific essential relative brightness. Yellow, for example, is brighter than red. Is red brighter than blue? I do not know.
162. Wer den Begriff der Zwischenfarben erhalten hat, seine Technik beherrscht, wer also zu gegebenen Farbtönen weiß- lichere, gelblichere, bläulichere finden oder mischen kann, u.s.f., den fordere man nun auf, ein rötliches Grün zu wählen oder zu mischen.163. Wem ein Rötlichgrün bekannt wäre, der sollte imstande sein, eine Farbenreihe herzustellen, die mit Rot anfinge, mit Grün endet und, auch für uns, etwa einen kontinuierlichen Übergang zwischen ihnen bildet. Es könnte sich dann zeigen, daß dort, wo wir etwa jedesmal den gleichen Ton von Braun sähen, er einmal Braun, einmal Rötlichgrün sähe. Daß er z. B. zwei chemische Verbindungen, die für uns die gleiche Farbe hätten, nach der Farbe unterscheiden könnte und die eine ein Braun, die andre ein Rötlichgrün nennte,
162. One who has acquired the concept of intermediate colors, who masters its technique – i.e., can find or mix whiter, yellower, bluer tones from given color samples, etc. – might now be challenged to select or mix a reddish green. 163. If a reddish green were familiar to someone, they should be capable of producing a color series beginning with red and ending with green, forming what would appear even to us as a continuous transition. It might then be shown that where we always see the same shade of brown, they sometimes see brown and sometimes reddish green. For instance, they could distinguish two chemical compounds by color that appear identical to us, labeling one as brown and the other as reddish green.
164. Um die Phänomene der Rotgrünblindheit zu beschrei- ben, brauche ich nur zu sagen, was der Rotgrünblinde nicht erlernen kann; um aber die Phänomene des normalen Sehens-zu beschreiben, müßte ich aufzählen, was wir tun können.
164. To describe the phenomena of red-green color blindness, I need only state what the red-green color-blind person cannot learn; but to describe the phenomena of normal vision, I would have to enumerate what we can do.
165. Wer die Phänomene der Farbenblindheit beschreibt, beschreibt ja nur die Abweichungen des Farbenblinden vom Normalen, nicht auch sein ganzes übriges Sehen.
165. Describing the phenomena of color blindness involves detailing the deviations of the color-blind person from the norm, not their entire remaining visual capacity.
Aber könnten sie nicht auch die Abweichungen des normalen Sehens von totaler Blindheit beschreiben? Man könnte fragen: zu wessen Belehrung? Kann man mich davon unterrichten, daß ich cinen Baum sehe?
But could they not also describe the deviations of normal vision from total blindness? One might ask: For whose instruction? Can anyone inform me that I see a tree?
Und was ist ein Baum und was sehen?
And what is a tree, and what is seeing?
166. Man kann z. B. sagen: So handelt der Mensch mit einer Binde vor den Augen, und so der Sehende ohne Binde. Mit einer Binde reagiert er so und so, ohne Binde geht er schnell auf der Gasse, begrüßt seine Bekannten, nickt diesem und jenem zu, vermeidet beim Überqueren leicht die Wagen und Zweiräder, usw., usw. Schon den Neugeborenen erkennt man als Sehenden daran, daß er Bewegungen mit den Augen folgt. Etc. etc. - Die Frage ist: Von wem soll die Beschreibung verstanden werden?Nur vom Sehenden, oder auch vom Blinden? Es ist z. B. sinnvoll zu sagen »Der Sehende unterscheidet mit den Augen einen unrei- fen Apfel von einem reifen«. Aber nicht: »Der Sehende unter- scheidet einen grünen von einem roten Apfel.« Denn was ist »rot« und »grün«?
166. For example, one might say: This is how a person acts with a blindfold over their eyes, and this is how a sighted person acts without one. With a blindfold, they react thus and so; without it, they walk briskly down the street, greet acquaintances, nod to this or that person, easily avoid cars and bicycles while crossing, etc., etc. Even a newborn is recognized as sighted by following movements with their eyes. Etc., etc. – The question is: For whom is this description intended? Only the sighted, or also the blind? It makes sense, for instance, to say, "The sighted distinguish an unripe apple from a ripe one with their eyes." But not: "The sighted distinguish a green apple from a red one." For what are "red" and "green"?
Randbemerkung: »Der Sehende unterscheidet einen Apfel, der ihm grün scheint, von einem, der ihm rot scheint.«
Marginal note: "The sighted distinguish an apple that appears green to them from one that appears red."
Aber kann ich nicht sagen, »Ich unterscheide einen solchen Apfel von einem solchen« (indem ich auf einen roten und grünen zeige)? Aber wie, wenn jemand auf zwei für mich ganz gleiche Äpfel zeigte und das sagte?! Anderseits könnte er mir sagen: »Für dich sehen diese beiden ganz gleich aus, du könntest sie daher verwechseln; aber ich sehe einen Unterschied, ich kann jeden jederzeit wiedererkennen.« Das kann durch einen Versuch bestätigt werden.
But can I not say, "I distinguish this apple from that one" (pointing to a red and a green)? Yet what if someone pointed to two apples that looked identical to me and said this? Conversely, they might tell me: "To you, these two look exactly alike, so you might confuse them; but I see a difference – I can recognize each at any time." This could be confirmed by an experiment.
167. Welche Erfahrung lehrt mich, daß ich Rot und Grün unterscheide?
167. What experience teaches me that I distinguish red and green?
168. Die Psychologie beschreibt die Phänomene des Sehens. Wem macht sie die Beschreibung? Welche Unwissenheit kann diese Beschreibung beheben?
168. Psychology describes the phenomena of vision. For whom is this description made? What ignorance could this description remedy?
169. Wenn ein Sehender nie von einem Blinden gehört hätte, – könnte man ihm das Verhalten der Blinden nicht beschreiben?
169. If a sighted person had never heard of the blind – could one not describe the behavior of the blind to them?
170. Ich kann sagen: »Der Farbenblinde kann einen grünen Apfel von einem roten nicht unterscheiden«, und das läßt sich zeigen. Kann ich aber sagen: »Ich kann einen grünen Apfel von einem roten unterscheiden?« Nun, etwa: durch den Geschmack.-Aber doch z. B.: Ich kann einen Apfel, den ihr grün nennt, von einem, den ihr rot nennt, unterscheiden, also Ich bin nicht farbenblind.
170. I can say: "The color-blind person cannot distinguish a green apple from a red one," and this can be demonstrated. But can I say: "I can distinguish a green apple from a red one"? Well, perhaps by taste. But consider: I can distinguish an apple you call green from one you call red – thus, I am not color-blind.
171. Dieses Papier ist an verschiedenen Stellen verschieden hell; aber sieht es mir, an den dunkleren Stellen, grau aus? Der Schlagschatten meiner Hand ist zum Teil grau. Wo sich das Papier vom Licht wegneigt aber, sehe ich es weiß, wenn auch dunkler, auch wenn ich, um es zu malen, ein Grau mischen müßte. ist damit nicht ähnlich, daß man den entfernteren Gegenstand oft nur als entfernter, nicht aber kleiner sieht? Daß man also nicht sagen kann Ich merke, daß er kleiner ausschaut und schließe daraus, daß er entfernter ist, sondern ich merke, daß er entfernter ist, ohne sagen zu können, wie ich's merke.
171. This paper is unevenly bright in different areas; but does the darker part appear gray to me? The cast shadow of my hand is partly gray. Where the paper tilts away from the light, I see it as white, albeit darker – even if I would need to mix gray to paint it. Is this not analogous to how we often perceive a distant object as farther away without it appearing smaller? That is, one cannot say, "I notice it looks smaller and infer it is farther away," but rather, "I notice it is farther away without being able to say how I notice it."
172. Der Eindruck des (färbigen) durchsichtigen Mediums ist der, daß etwas hinter dem Medium liegt. Vollkommene Ein- färbigkeit des Gesichtsbilds kann daher nicht durchsichtig sein.
172. The impression of a (colored) transparent medium is that something lies behind it. Perfect uniformity of color in the visual field cannot, therefore, be transparent.
173. Etwas Weißes hinter einem gefärbten durchsichtigen Medium erscheint in der Farbe des Mediums, etwas Schwarzes schwarz. Nach dieser Regel muß eine schwarze Zeichnung auf weißem Papier hinter einem weißen durchsichtigen Medium so erscheinen wie hinter einem farblosen.
173. Something white behind a colored transparent medium appears in the medium's color; something black remains black. By this rule, a black drawing on white paper behind a white transparent medium must appear the same as behind a colorless medium.
* Im MS wird hier durch einen Pfeil auf den Satz Eitwas Weifies hingewiesen. Herausg
* The manuscript here includes an arrow pointing to the sentence "Etwas Weifies." Ed.
Das ist hier nicht ein Satz der Physik, sondern eine Regel der räumlichen Deutung unserer Gesichtserfahrung. Man könnte auch sagen, es sei eine Regel für den Maler: Wenn du etwas Weißes hinter einem durchsichtigen Roten darstellenwillst, so mußt du's rot malen. Malst du's weifi, so sieht es nicht hinter dem Roten liegend aus.
This is not a proposition of physics here, but a rule for the spatial interpretation of our visual experience. One could also say it is a rule for the painter: If you want to depict something white behind a transparent red, you must paint it red. If you paint it white, it will not appear as lying behind the red.
174. Dort, wo das weiße Papier nur um ein weniges schwä- cher beleuchtet ist, erscheint es keineswegs grau, sondern immer weiß.
174. Where the white paper is only slightly less illuminated, it does not appear gray at all but remains white.
175. Die Frage ist: Wie muß unser Gesichtsbild beschaffen sein, wenn es uns ein durchsichtiges Medium zeigen soll? Wie muß z. B. die Farbe des Mediums zur Geltung kommen? Spre- chen wir physikalisch-obwohl es uns hier nicht unmittelbar auf Gesetze der Physik ankommt, so müßte durch ein rein grünes Glas alles mehr oder weniger dunkel Grün ausschauen. Der heliste Ton wäre der des Mediums. Was man dadurch sieht, hat also Ähnlichkeit mit einer Photographie. Überträgt man das aufs weiße Glas, so sollte alles wieder wie photographiert aus- schauen, aber in Tönen zwischen Weiß und Schwarz. Und warum sollte man so ein Glas, wenn es eins gäbe nicht weiß nennen wollen? Spricht irgend etwas dagegen, bricht die Analo- gie mit anders gefärbten Gläsern irgendwo zusammen?
175. The question is: How must our visual image be constituted to show us a transparent medium? How, for instance, must the color of the medium manifest itself? Speaking in physical terms — though we are not immediately concerned with the laws of physics here — a purely green glass should make everything appear more or less dark green. The brightest tone would be that of the medium. What is seen through it thus resembles a photograph. Applying this to white glass, everything should again appear as in a photograph but in tones between white and black. And why should one not want to call such a glass, if it existed, white? Does anything contradict this, or does the analogy with other colored glasses break down somewhere?
176. Ein grüner Glaswürfel sieht, wenn er vor uns liegt, grün aus: Der Gesamteindruck ist grün, so sollte also der des weißßen Wurfels weiß sein.
176. A green glass cube appears green when placed before us: the overall impression is green. Thus, the impression of a white cube should be white.
177. Wo muß der Würfel weiß erscheinen, damit wir ihn weiß und durchsichtig nennen können?
177. Where must the cube appear white for us to call it white and transparent?
178. Gibt es darum kein Analogon mit Weiß zu einem durch- sichtigen grünen Glas, weil die Verwandtschaften und Gegen- sätze zwischen Weiß und den übrigen Farben anders sind als zwischen Grün und ihnen?
178. Is there no analogy with white for a transparent green glass because the affinities and contrasts between white and the other colors differ from those between green and them?
179. Fällt Licht durch rotes Glas, so wirft es einen roten Schein; wie sieht nun ein weifier Schein aus? Soll Gelb im weißen Schein weißlich werden oder bloß hell? Und Schwarz grau, oder soil es Schwarz bleiben?
179. If light passes through red glass, it casts a red glow; what would a white glow look like? Should yellow in a white glow become whitish or merely bright? And should black turn gray, or remain black?
180. Wir kümmern uns hier nicht um die Tatsachen der Phy- sik, außer insofern sie Gesetze des Augenscheins bestimmen.
180. We are not concerned here with the facts of physics except insofar as they determine the laws of visual appearance.
181. Es ist nicht ohne weiteres klar, von welchem durchsichti gen Glas man sagen soll, es habe die gleiche Farbe wie ein Stück grünes Papier.
181. It is not immediately clear which transparent glass should be said to have the same color as a piece of green paper.
182. Ist z. B. das Papier rosa, lila, himmelblau, so wird man sich das Glas etwa tribe denken, aber man könnte auch nur ein schwach rötliches etc. klares Glas meinen. Darum wird manch- mal etwas Farbloses weiß genannt.
182. If, for example, the paper is pink, lilac, or sky-blue, one might imagine the glass as somewhat turbid, but it could also be a faintly reddish, etc., clear glass. Hence, something colorless is sometimes called white.
183. Die Farbe eines durchsichtigen Glases, könnte man sagen, sei die, in welcher eine weiße Lichtquelle, dadurch gese- hen, erscheint.
183. The color of a transparent glass, one might say, is that in which a white light source appears when viewed through it.
Ungetrübt weiß aber erscheint diese durch ein farbloses Glas.
But untarnished white is what appears through a colorless glass.
184. Im Kino ist es oft möglich, die Vorgänge im Film so zu sehen, als lägen sie hinter der Leinwandebene und diese sei durchsichtig wie eine Glastafel. Zugleich aber würde sie den Vorgängen ihre Farbe nehmen und nur Weiß, Grau und Schwarz durchlassen. Nun ist man aber nicht versucht, sie eine durchsich- tige weiße Glastafel zu nennen.
184. In the cinema, it is often possible to see the events in the film as lying behind the plane of the screen, which appears transparent like a glass pane. At the same time, however, it would strip the events of their color, allowing only white, gray, and black to pass through. Yet one is not tempted to call it a transparent white glass pane.
Wie würde man denn Dinge durch eine grüne Glastafel sehen? Ein Unterschied wäre natürlich, daß diese den Unterschied zwi- schen hell und dunkel vermindern würde, während jene andre diesen Unterschied nicht berühren soll. Eine graue durchsich- tige Tafel würde ihn dann etwa vermindern.
How would one see things through a green glass pane? A difference, of course, would be that the green pane would diminish the distinction between light and dark, whereas the other pane should not affect this distinction. A gray transparent pane would then perhaps diminish it.
185. Von einer grünen Glastafel würde man etwa sagen, sie gäbe den Dingen ihre Farbe. Tut das aber meine weiße Tafel?- Gibt das grüne Medium den Dingen seine Farbe, dann vor allem den weißen.
185. One might say of a green glass pane that it gives things its own color. But does my white pane do this? — If the green medium gives things its color, then above all it does so to white.
186. Eine dünne Schicht eines gefärbten Mediums färbt die Dinge nur schwach: wie soll ein dünnes weißes Glas sie färben? Soll es ihnen noch nicht alle Farbe entziehen?
186. A thin layer of a colored medium only weakly tints things: how should a thin white glass tint them? Should it not yet deprive them of all color?
187. -Weißes Wasser wird man sich nicht denken können, was rein ist,... Das heifit: man kann nicht beschreiben, wie etwas weißes Klares aussähe, und das heißt: man weiß nicht, welche Beschreibung von einem durch diese Worte gefordert wird.
187. — One cannot imagine white water that is pure... That is: one cannot describe how something white and clear would look, which means: one does not know what description is demanded by these words.
188. Wir wollen keine Theorie der Farben finden (weder eine physiologische noch eine psychologische), sondern die Logik der Farbbegriffe. Und diese leistet, was man sich oft mit Unrecht von einer Theorie erwartet hat.189. Damit daß einem die Farbwörter durch Hinweisen auf farbige Stücke Papier erklärt wurden, ist der Begriff der Durch- sichtigkeit noch nicht berührt. Es ist dieser Begriff, der zu den verschiedenen Farbbegriffen ungleiche Beziehungen hat.
188. We do not want to find a theory of colors (neither a physiological nor a psychological one) but the logic of color concepts. And this achieves what one has often wrongly expected from a theory. 189. The concept of transparency is not yet touched upon by explaining color words through pointing to colored pieces of paper. It is this concept that has unequal relations to the various color concepts.
190. Wer also sagen wollte, daß man es doch den Farben gar nicht anmerkt, daß ihre Begriffe so verschieden seien, dem muß man antworten, daß er eben auf das Analoge (die Gleichheit) in diesen Begriffen sein Augenmerk gerichtet hat, die Verschieden- heiten aber in den Beziehungen zu andern Begriffen liegen. [Dazu eine bessere Bemerkung.]
190. To someone who would say that one cannot at all discern from the colors that their concepts are so different, one must reply that they have directed their attention to what is analogous (the equality) in these concepts, while the differences lie in their relations to other concepts. [A better remark on this is needed.]
191. Wenn die grüne Glastafel den Dingen hinter ihr grüne Farbe gibt, so macht sie Weiß zu Grün, Rot zu Schwarz, Gelb zu Grüngelb, Blau zu Grünlichblau. Die weifle Tafel sollte also alles weißlich machen, also alles blaß; und warum dann das Schwarz nicht zu Grau?-Auch ein gelbes Glas verdunkelt, soll ein weißes auch verdunkeln?
191. If the green glass pane gives the things behind it a green color, then it turns white to green, red to black, yellow to greenish-yellow, blue to greenish-blue. The white pane should thus make everything whitish, i.e., everything pale; and why then would black not turn to gray? — Even a yellow glass darkens; should a white glass also darken?
192. Jedes gefärbte Medium verdunkelt, was dadurch gesehen wird, es schluckt Licht: Soll nun mein weißes Glas auch verdun- keln? und je dicker es ist, desto mehr? Aber es soll ja Weiß weiß lassen: So wäre ja das weiße Glas eigentlich ein dunkles Glas.
192. Every colored medium darkens what is seen through it; it absorbs light: Should my white glass also darken? And the thicker it is, the more so? But it is supposed to leave white as white: Thus, the white glass would actually be a dark glass.
193. Wenn Grün dadurch weißlich wird, warum wird Grau nicht weißlicher und warum dann Schwarz nicht zu Grau?
193. If green becomes whitish, why does gray not become more whitish, and why then does black not turn to gray?
194. Das gefärbte Glas darf doch die Dinge hinter ihm nicht aufhellen: was soll also z. B. mit etwas Grünem geschehen? Soll ich es als ein Graugrün sehen? Wie soll also etwas Grünes dadurch gesehen werden? Weißlich grün?
194. Colored glass must not brighten objects behind it: what then should happen to, say, something green? Should I see it as a grayish-green? How then should something green be seen through it? Whitish green?
195. Würden alle Farben weißlich, so würde das Bild mehr und mehr an Tiefe verlieren.
195. If all colors became whitish, the image would progressively lose depth.
196. Grau ist nicht schlecht beleuchtetes Weiß, Dunkelgrün nicht schlecht beleuchtetes Hellgrün.
196. Gray is not poorly illuminated white, dark green is not poorly illuminated light green.
Man sagt zwar In der Nacht sind alle Katzen grau, aber das heißt eigentlich: wir können ihre Farben nicht unterscheiden und sie könnten auch grau sein.
Though one says "All cats are gray at night," this really means: we cannot distinguish their colors, and they might as well be gray.
197. Worin liegt hier der entscheidende Unterschied zwi- schen Weiß und den andern Farben? Liegt er in der Asymmetrie der Verwandtschaften? Und das heißt eigentlich in der beson- dern Stellung im Farbenoktaeder? Oder ist es vielmehr die ungleiche Stellung der Farben gegen Dunkel und Hell?
197. What constitutes the decisive difference here between white and other colors? Does it lie in the asymmetry of affinities? That is, in its special position within the color octahedron? Or rather in the unequal relation of colors to dark and light?
198. Was soll der Maler malen, der die Wirkung eines weiß- durchsichtigen Glases hervorrufen will?
198. What should the painter depict to evoke the effect of white-transparent glass?
Soll Rot und Grün (etc.) weißlich werden?
Should red and green (etc.) become whitish?
199. Ist der Unterschied nicht einfach, daß jedes gefärbte Glas das Weiß färben soll und meines es entweder unverändert lassen oder einfach verdunkeln muß?
199. Is the difference not simply that every colored glass must tint white, whereas mine must either leave it unchanged or merely darken it?
Verschiedene Versionen. Heranig
Various versions. Heranig
200. Weiß durch ein gefärbtes Glas erscheint in der Farbe des Glases. Das ist eine Regel für den Schein der Durchsichtigkeit. So erscheint Weiß durch das weiße Glas weiß, also wie durch ein ungefärbtes.
200. White seen through colored glass appears in the color of the glass. This is a rule for the appearance of transparency. Thus, white seen through white glass remains white, as if through uncolored glass.
201. Lichtenberg redet von »reinem Weiß« und meint damit die hellste der Farben. Niemand könnte so von reinem Gelb reden.
201. Lichtenberg speaks of "pure white," meaning the brightest of colors. No one would speak this way of pure yellow.
202. Zu sagen, Weiß sei körperlich, ist seltsam, da ja auch Gelb und Rot die Farben von Oberflächen sein können und man sie als solche nicht kategorisch von Weiß unterscheidet.
202. To say white is "corporeal" is odd, since yellow and red can also be surface colors, and we do not categorically distinguish them from white.
203. Schaut man einen weißen Würfel mit verschieden hell beleuchteten Flächen durch ein gelbes Glas an, so erscheint er nun gelb und seine Flächen wieder verschieden stark beleuchtet. Wie soll er durch ein weißes Glas ausschauen? Und wie soll ein gelber Würfel durch ein weißes Glas ausschauen?
203. If one views a white cube with variably illuminated faces through yellow glass, it now appears yellow with differently lit surfaces. How should it look through white glass? And how would a yellow cube appear through white glass?
204. Soll es sein, als hätte man Weiß, oder als hätte man Grau zu seinen Farben gemischt?
204. Should it seem as if one had added white, or as if one had mixed gray into the colors?
205. Könnte nicht ein Glas Weiß, Schwarz und Grau unverändert lassen und die übrigen Farben weißlich färben? Und käme so eins nicht am nächsten dem Weißen und Durchsichtigen? Die Wirkung würde dann sein wie eine Photographie, welche eine Spur der natürlichen Farben noch beibehält. Der Dunkelheitsgrad jeder Farbe müßte aber gewahrt, und gewiß nicht vermindert werden.
205. Could a glass leave white, black, and gray unchanged while tinting other colors whitish? Would this not approach white transparency most closely? The effect would resemble a photograph retaining traces of natural colors. Yet the darkness level of each color must be preserved, not diminished.
206. Soviel kann ich verstehen, daß eine physikalische Theo- rie (wie die Newtons) die Probleme, die Goethe bewegten, nicht lösen kann, wenn auch er selbst sie nicht gelöst hat.
206. I understand this much: a physical theory (like Newton's) cannot solve the problems that concerned Goethe, even if he himself did not solve them.
207. Wenn ich reines Rot durch das Glas ansehe und es sieht grau aus, ist hier wirklich der Graugehalt der Farbe durch das Glas gekommen? D.h.: scheint es auch nur so?
207. If I view pure red through the glass and it appears gray, has the grayness truly come through the glass? That is: does it merely seem so?
208. Warum fühle ich, daß ein weißes Glas das Schwarz fär ben müßte, wenn es irgend etwas färbt, während ich mir's gefal- len lasse, daß das Gelb vom Schwarz verschluckt wird? Ist es nicht, weil das klare Gefärbte vor allem einmal das Weiß färben mußte, und tut es das nicht und ist Weiß, dann ist es trüb.
208. Why do I feel that white glass must tint black if it tints anything, whereas I accept that yellow is absorbed by black? Is it not because transparently colored media must first tint white, and if they fail while being white, they are turbid?
209. Wenn man stark blinzelnd in eine Gegend schaut, so werden die Farben undeutlich und alles nimmt mehr den Cha- rakter des Schwarzweißen an; aber ist es mir da, als sähe ich durch eine so oder so gefärbte Scheibe?
209. If one squints intensely at a scene, colors blur and everything takes on a black-and-white character; but does this feel like looking through a tinted pane?
210. Man spricht oft vom Weißen als unfärbig. Warum? (Man tut es auch, wenn man nicht an die Durchsichtigkeit denkt.)
210. White is often called colorless. Why? (This occurs even when not considering transparency.)
211. Und es ist merkwürdig, daß das Weiße manchmal auf gleicher Stufe mit den andern reinen Farben erscheint (Flaggen), und manchmal wieder nicht.
211. It is curious that white sometimes appears equivalent to other pure colors (flags) and sometimes does not.
Warum nennt man z. B. ein weißliches Grün oder Rot nicht satt? Warum schwächt das Weiß diese Farben, aber nicht das Gelb? Liegt das an der Psychologie (der Wirkung) der Farbenoder an ihrer Logik? Nun, daß man gewisse Wörter wie »satt«, »schmutzig« etc. verwendet, beruht auf Psychologischem; daß man aber überhaupt eine scharfe Unterscheidung macht, deutet auf Begriffliches.
Why, for instance, is a whitish green or red not called "saturated"? Why does white weaken these colors but not yellow? Does this stem from the psychology (effect) of colors or their logic? That we use terms like "saturated," "dirty," etc., relies on psychology; but making sharp distinctions at all points to conceptual matters.
212. Hängt das damit zusammen, daß Weiß alle Gegensätze nach und nach aufhebt, während Rot das nicht tut?
212. Is this connected to white gradually neutralizing all contrasts, whereas red does not?
213. Ein und dasselbe Thema hat in Moll einen andern Charakter als in Dur, aber von einem Charakter des Moll im allgemeinen zu sprechen, ist ganz falsch. (Bei Schubert klingt das Dur oft trauriger als das Moll.) Und so ist es, glaube ich, müßig und ohne Nutzen für das Verständnis der Malerei, von den Charakteren der einzelnen Farben zu reden. Man denkt eigentlich dabei nur an spezielle Verwendungen. Daß Grün als Farbe einer Tischdecke die, Rot jene Wirkung hat, läßt auf ihre Wirkung in einem Bild keinen Schluß zu.
213. The same theme has a different character in minor than in major, yet speaking of a general "character of minor" is entirely wrong. (In Schubert, major often sounds sadder than minor.) Similarly, I believe it is idle and unhelpful for understanding painting to discuss the "characters" of individual colors. One is really thinking only of specific uses. That green has one effect as a tablecloth and red another tells us nothing about their effects in a painting.
214. Weiß löst alle Farben auf, – tut dies Rot auch?
214. White dissolves all colors — does red do this too?
115. Warum gibt es kein braunes Licht und kein graues? Gibt es auch kein weißes? Ein leuchtender Körper kann weiß erscheinen; aber weder braun noch grau.
115. Why is there no brown light or gray light? Is there also no white light? A luminous body can appear white — but neither brown nor gray.
216. Warum kann man sich keine Grauglut vorstellen? Warum kann man sie sich nicht als einen geringeren Grad der Weißglut denken?
216. Why can one not imagine gray incandescence? Why not conceive it as a lesser degree of white heat?
117. Daß etwas, was zu leuchten scheint, nicht auch grau erscheinen kann, muß darauf deuten, daß das leuchtende Farb- lose immer »weiß« heißt, es lehrt uns also etwas über unsern Begriff des Weißen.
117. That something which seems to glow cannot appear gray must indicate that luminous colorless phenomena are always called "white" — thus teaching us something about our concept of whiteness.
218. Ein schwaches weißes Licht ist nicht ein graues Licht.
218. A dim white light is not a gray light.
219. Aber der Himmel, der alles, was wir sehen, beleuchtet, kann doch grau sein! Und wie weiß ich vom bloßen Augen- schein, daß er nicht selbst leuchtet?
219. Yet the sky illuminating everything we see can itself be gray! And how do I know from mere visual appearance that it is not self-luminous?
220. D.h. etwa: »grau« oder »weiß« ist etwas nur in einer bestimmten Umgebung.
220. This means: "gray" or "white" is something only within a specific context.
221. Ich sage hier nicht, was die Gestaltpsychologen sagen: daß der Eindruck des Weißen so und so zustande komme. Sondern die Frage ist gerade: was der Eindruck des Weißen sei, was die Bedeutung dieses Ausdrucks, die Logik des Begriffes »weiß« ist.
221. Here I am not saying what Gestalt psychologists say: that the impression of white arises in such-and-such a way. Rather, the question is precisely: what the impression of white is — the meaning of this expression, the logic of the concept "white."
222. Denn, daß man sich etwas »Grauglühendes« nicht den- ken kann, gehört nicht in die Psychologie der Farbe.
222. For the inability to imagine something "gray-glowing" does not belong to the psychology of color.
123. Denk dir, es würde uns gesagt, daß eine Substanz mit grauer Flamme brennt. Du kennst doch nicht die Farbe derFlammen sämtlicher Stoffe: warum sollte das also nicht möglich sein? Und doch hieße es nichts. Wenn ich so etwas hörte, würde ich nur denken, die Flamme sei schwach leuchtend.
123. Imagine being told that a substance burns with a gray flame. You do not know the color of all substances' flames: why should this not be possible? Yet it would signify nothing. Hearing this, I would only think the flame has weak luminosity.
224. Was leuchtend aussieht, sieht nicht grau aus. Alles Graue sieht beleuchtet aus.
224. What looks luminous does not look gray. All gray things look illuminated.
Daß aber etwas leuchtend aussehen kann, das macht die Verteilung der Helligkeiten im Gesehenen, aber es gibt auch ein etwas als leuchtend sehen, man kann unter gewissen Umständen reflektiertes Licht für das Licht eines leuchtenden Körpers halten.
That something can look luminous depends on the distribution of brightness in the visual field, but there is also seeing something as luminous — under certain conditions, one might mistake reflected light for the light of a luminous body.
225. Ich könnte also etwas jetzt als schwach leuchtend, jetzt als grau sehen.
225. Thus, I could see something now as dimly luminous, now as gray.
226. Was man als leuchtend sieht, sieht man nicht als grau. Wohl aber kann man es als weiß sehen.
226. What is seen as luminous is not seen as gray. Yet it can be seen as white.
117. Man redet von einem dunkelroten Schein, aber nicht von einem schwarzroten.
117. One speaks of a dark red glow, but not of a black-red one.
228. Es gibt einen Eindruck des Leuchtens.
228. There is an impression of luminosity.
229. Es ist nicht dasselbe zu sagen: der Eindruck des Weißen oder Grauen kommt nur unter diesen Bedingungen zustande (kausal), und daß er der Eindruck eines bestimmten Kontextes ist(Definition). (Das erste ist Gestaltpsychologie, das zweite Logik.)
229. It is not the same to say: the impression of white or gray arises only under these conditions (causally), and that it is the impression of a specific context (definitionally). (The first is Gestalt psychology, the second logic.)
230. ·Urphänomen· ist z. B. was Freud an den einfachen Wunschträumen zu erkennen glaubte. Das Urphänomen ist eine vorgefalite Idee, die von uns Besitz ergreift.
230. A "primal phenomenon" is, for example, what Freud believed he recognized in simple wish-fulfillment dreams. The primal phenomenon is a preconceived idea that takes hold of us.
231. Erschiene mir in der Nacht ein Gespenst, so könnte es mit einem schwachen weißlichen Schein leuchten; sähe es aber grau aus, so müßte das Licht von woanders zu kommen scheinen.
231. If a ghost appeared to me at night, it might glow with a faint whitish shimmer; but if it looked gray, the light would have to seem to come from elsewhere.
232. Die Psychologie, wenn sie vom Schein spricht, verbindet Schein mit Sein. Wir aber können vom Schein allein sprechen, oder wir verbinden Schein und Schein.
232. Psychology, when speaking of appearance, connects appearance with reality. But we can speak of appearance alone, or connect appearance with appearance.
233. Man könnte sagen, die Farbe des Gespenstes sei die, die ich auf der Palette mischen muß, um es genau abzumalen. Wie aber bestimmt man, was das genaue Bild ist?
233. One could say the ghost's color is what I must mix on the palette to paint it accurately. But how is the "accurate image" determined?
234. Die Psychologie verbindet das Erlebte mit etwas Physi- schem, wir aber das Erlebte mit Erlebtem.
234. Psychology connects the experienced with the physical, but we connect the experienced with the experienced.
235. Man könnte Halbdunkel im Halbdunkel malen. Und die richtige Beleuchtung eines Bildes könnte das Halbdunkel sein (Bühnenmalerei.)
235. One could paint twilight within twilight. And the correct illumination of a painting might be twilight (stage scenery).
136. Eine glatte weiße Fläche kann spiegeln: Wie nun, wenn man sich irrte und das, was in einer solchen Fläche gespiegelt erscheint, wirklich hinter ihr wäre und durch sie gesehen würde? Wäre sie dann weiß-durchsichtig? Auch dann entspräche, was wir sehen, nicht dem färbigen Durchsichtigen.
136. A smooth white surface can reflect: What if one were mistaken and what appears reflected in such a surface were actually behind it and seen through it? Would it then be white-transparent? Even then, what we see would not correspond to colored transparency.
237. Man spricht von einem schwarzen Spiegel. Aber wenn er spiegelt, verdunkelt er zwar, sieht aber nicht schwarz aus und sein Schwarz schmutzt nicht.
237. One speaks of a black mirror. But when it reflects, though it darkens, it does not look black, and its blackness does not appear dingy.
238. Warum ertrinkt Grün im Schwarz, und Weiß nicht?
238. Why does green drown in black, but white does not?
239. Es gibt Farbbegriffe, die sich nur auf die visuelle Erschei- nung einer Fläche beziehen, und es könnte solche geben, die sich nur auf die Erscheinung durchsichtiger Medien, oder vielmehr den visuellen Eindruck solcher, beziehen. Man könnte auch ein weißes Glanzlicht auf Silber etwa nicht weiß nennen wollen und es von der weifßen Farbe einer Oberfläche unterscheiden. Daher, glaube ich, das Reden von durchsichtigem Licht.
239. There are color concepts that refer only to the visual appearance of a surface, and there could be ones referring only to the appearance of transparent media — or rather, the visual impression of such. One might not wish to call the white highlight on silver "white" and would distinguish it from the white color of a surface. Hence, I believe, the talk of transparent light.
240. Wenn man einem Kind die Farbbegriffe so beibrächte, daß man auf gefärbte Flammen oder gefärbte durchsichtige Kör- per zeigte, so würde die Eigentümlichkeit von Weiß, Grau und Schwarz klarer zu Tage kommen.
240. If one taught color concepts to a child by pointing to colored flames or colored transparent bodies, the peculiarity of white, gray, and black would become clearer.
241. Daß nicht alle Farbbegriffe logisch gleichartig sind, sieht man leicht. Man sieht leicht den Unterschied der Begriffe: Farbe des Goldes oder Farbe des Silbers und gelb oder graus.Daß aber ein einigermaßen verwandter Unterschied zwischen ›Weiß‹ und ›Rot‹ besteht, ist schwer zu sehen.
241. That not all color concepts are logically homogeneous becomes evident. The distinction between concepts like the color of gold or silver versus yellow or gray is easily discerned. However, recognizing a somewhat analogous difference between ›white‹ and ›red‹ proves considerably more challenging.
242. Milch ist nicht darum undurchsichtig, weil sie weiß ist, – als wäre das ›Weiß‹ etwas Undurchsichtiges.
242. Milk is not opaque because it is white – as if ›white‹ itself were something opaque.
Wenn schon ›Weiß‹ ein Begriff ist, der sich nur auf eine visuelle Oberfläche bezieht, warum gibt es dann nicht einen dem ›Weiß‹ verwandten Farbbegriff, der sich auf Durchsichtiges bezieht?
If ›white‹ is indeed a concept referring solely to a visual surface, why does there not exist a color concept analogous to ›white‹ that applies to transparent media?
243. Ein Medium, durch welches ein schwarz und weißes Muster (Schachbrett) unverändert erscheint, wird man nicht weiß gefärbt nennen wollen, auch wenn es die übrigen Farben ins Weißliche veränderte.
243. A medium through which a black-and-white pattern (e.g., a chessboard) appears unaltered would not be described as white-tinted, even if it shifted other colors toward whiteness.
244. Grau und schwach erleuchtetes oder leuchtendes Weiß kann in einem Sinne die gleiche Farbe sein, denn wenn ich dieses male, muß ich vielleicht auf der Palette jenes mischen.
244. Gray and dimly illuminated or luminous white may, in one sense, constitute the same color. To paint the latter, I might need to mix the former on my palette.
245. Ob ich etwas als grau oder als weiß sehe, kann davon abhängen, wie ich die Dinge um mich beleuchtet sehe. In einem Zusammenhang ist die Farbe für mich Weiß in schlechter Beleuchtung, im andern Grau in guter Beleuchtung.
245. Whether I perceive something as gray or white may depend on how I interpret the surrounding illumination. In one context, the color appears to me as white under poor lighting; in another, as gray under strong illumination.
246. Der Eimer, den ich vor mir sehe, ist glänzend weiß glasiert, ich könnte ihn unmöglich ›grau‹ nennen oder sagen: »Ich sehe eigentlich Grau«.
246. The bucket before me has a glossy white glaze. I could never call it ›gray‹ or insist: »What I truly see is gray.«
Aber er hat ein Glanzlicht, das weit heller ist als seine übrige Fläche, und, da er rund ist, geht ervom Licht allmählich in den Schatten über, ohne doch anders gefärbt zu erscheinen.
Yet it bears a highlight far brighter than the rest of its surface. Being rounded, it transitions gradually from light to shadow without appearing differently colored.
247. Welches ist die Farbe des Eimers an dieser Stelle? Wie soll ich's entscheiden?
247. What is the color of the bucket at this specific point? How am I to determine it?
248. Es gibt zwar nicht Phänomenologie, wohl aber phäno menologische Probleme.
248. While there is no such thing as phenomenology, there certainly exist phenomenological problems.
249. Man möchte sagen: Beimischung von Rot verdünnt die Farben nicht, Beimischung von Weiß verdünnt sie.
249. One might say: Admixture of red does not dilute colors, whereas admixture of white does.
Andererseits empfindet man Rosa oder ein weißliches Blau nicht immer als verdünnt.
Conversely, pink or whitish blue are not always perceived as diluted.
250. Kann man sagen: »Leuchtendes Grau ist Weiß«?
250. Can one assert: »Luminous gray is white«?
251. Die Schwierigkeiten, denen wir beim Nachdenken über das Wesen der Farben begegnen (mit denen sich Goethe durch die Farbenlehre auseinandersetzen wollte), liegen schon darin beschlossen, daß wir nicht nur einen Begriff der Farben- gleichheit haben, sondern deren mehrere, miteinander ver wandte.
251. The difficulties encountered in reflecting upon the nature of colors (which Goethe sought to address through his Theory of Colors) are already implicit in the fact that we possess not one concept of color equivalence, but multiple interrelated ones.
252. Die Frage ist: Welcher Art muß das Gesichtsbild sein, wenn wir es das eines gefärbten durchsichtigen Mediums nen- nen sollen? Oder auch: Wie muß etwas ausschauen, damit esuns als gefärbt und durchsichtig erscheint? Dies ist keine Frage der Physik, aber mit physikalischen Fragen verbunden.
252. The question arises: What must the visual image be like for us to designate it as that of a colored transparent medium? Alternatively: How must something appear to strike us as colored and transparent? This is not a question of physics, though it intersects with physical inquiries.
253. Wie ist unser Gesichtsbild beschaffen, welches wir dasje- nige eines farbigen durchsichtigen Mediums nennen?
253. How is our visual image constituted when we call it that of a colored transparent medium?
254. Es gibt scheinbar, was man »Stoffarben« und was man »Oberflächenfarben« nennen kann.
254. There appear to be what one might term »material colors« and »surface colors.«
255. Unsre Farbbegriffe beziehen sich manchmal auf Sub- stanzen (Schnee ist weiß), manchmal auf Oberflächen (dieser Tisch ist braun), manchmal auf die Beleuchtung (im rötlichen Abendschein), manchmal auf durchsichtige Körper. Und gibt es nicht auch eine Anwendung auf eine Stelle im Gesichtsfeld logisch unabhängig von einem räumlichen Zusammenhang? Kann ich nicht sagen: »Dort sehe ich weiß« (und es etwa malen), auch wenn ich das Gesichtsbild gar nicht räumlich deu- ten kann? (Fleckfarbe) (Ich denke an eine pointillistische Mal- weise.)
255. Our color concepts sometimes refer to substances (snow is white), sometimes to surfaces (this table is brown), sometimes to illumination (in reddish evening glow), sometimes to transparent bodies. And does there not also exist an application to a location in the visual field logically independent of spatial context? Could I not say: »There I see white« (and perhaps paint it), even if I cannot spatially interpret the visual image at all? (Patch color) (I am thinking of pointillist painting techniques.)
256. Eine Farbe allgemein benennen können, heißt noch nicht, sie genau kopieren können. Vielleicht kann ich sagen »Dort sehe ich eine rötliche Stelle« und kann doch nicht eine Farbe mischen, die ich als genau gleich anerkenne.
256. Being able to name a color generally does not entail being able to reproduce it precisely. I might state »There I see a reddish spot« yet fail to mix a color I recognize as identical.
257. Male etwa, was du siehst, wenn du die Augen schließt! Und doch kannst du es ungefähr beschreiben.
257. Try painting what you see when closing your eyes! Yet you can describe it approximately.
258. Denke an die Farben von poliertem Silber, Nickel, Chrom etc. oder an die Farbe eines Ritzers in diesen Metallen.
258. Consider the colors of polished silver, nickel, chromium, etc., or the color of an incision in these metals.
259. Ich gebe einer Farbe den Namen »F« und sage, es sei die Farbe, die ich dort sehe. Oder vielleicht male ich mein Gesichts- bild und sage dann einfach »Ich sehe dies«. Nun, welche Farbe ist an dieser Stelle meines Bildes? Wie bestimme ich es? Ich führe etwa das Wort »Kobaltblau« ein: Wie fixiere ich, was »K« ist? Ich könnte ein Papier als Paradigma dieser Farbe nehmen oder den Farbstoff in einem Topf. Wie bestimmte ich nun, daß eine Ober- fläche (z. B.) diese Farbe habe? Alles kommt auf die Vergleichs- methode an.
259. I assign the name »F« to a color, declaring it to be the color I see there. Or perhaps I paint my visual image and simply state »I see this«. Now, what color occupies this location in my painting? How do I determine it? Suppose I introduce the word »cobalt blue«: How do I fix what »K« denotes? I might take a paper sample as a paradigm of this color or preserve the pigment in a jar. How then do I ascertain that a surface (for instance) possesses this color? Everything depends on the method of comparison.
260. Was man den »farbigen« Gesamteindruck einer Oberflä- che nennen kann, ist nicht etwa eine Art arithmetisches Mittel aller Farben der Oberfläche.
260. What one might call the »colored« overall impression of a surface is not equivalent to an arithmetic mean of all the surface's colors.
261. [-Ich sehe (höre fühle etc.) X- -Ich beobachte X-
261. [–I see (hear, feel, etc.) X–
–I observe X–
X steht das erste- und zweitemal nicht für den gleichen Begriff, auch wenn beidemale der gleiche Ausdruck steht, z. B. »einen Schmerz«. Denn auf den ersten Satz könnte die Frage folgen »Was für einen Schmerz?« und dies könnte man beantworten, indem man den Fragenden mit einer Nadel sticht. Folgt aber die Frage »Was für einen Schmerz?« auf den zweiten Satz, so muß die Antwort von andrer Art sein, z. B. »Den Schmerz in meiner Hand.-]
X does not denote the same concept in the first and second instances, even if the same expression is used both times, e.g., »a pain«. For the first statement could prompt the question »What sort of pain?«, answerable by pricking the questioner with a needle. However, if the question »What sort of pain?« follows the second statement, the answer must be of a different nature, e.g., »The pain in my hand.«–]
262. Ich möchte sagen »An dieser Stelle in meinem Gesichts- feld ist diese Farbe (ganz abgesehen von jeder Deutung)«. Aberwozu gebrauche ich diesen Satz? »Diese« Farbe muß ja eine sein, die ich reproduzieren kann. Und es muß bestimmt sein, unter welchen Umständen ich von etwas sage, es habe diese Farbe.
262. I would like to say "At this location in my visual field there is this color (entirely independent of any interpretation)." But what purpose does this statement serve? For "this" color must be one I can reproduce. And it must be determined under what circumstances I would say something has this color.
263. Denk, jemand zeigte auf eine Stelle einer Iris in einem Rembrandtschen Gesicht und sagte »Die Wand in meinem Zim- mer soll in dieser Farbe gemalt werden.«
263. Imagine someone pointing to an area of the iris in a Rembrandt portrait and saying "The wall in my room should be painted this color."
264. Daß wir sagen können, »Diese Stelle in meinem Gesichtsfeld ist graugrün«, bedeutet nicht, daß wir wissen, was eine genaue Kopie dieses Farbtons zu nennen wäre.
264. That we can say "This location in my visual field is gray-green" does not mean we know what to call an exact copy of this color tone.
265. Ich male die Aussicht von meinem Fenster; eine bestimmte Stelle, bestimmt durch ihre Lage in der Architektur eines Hauses, male ich mit Ocker. Ich sage »Diese Stelle sehe ich in dieser Farbe.«
265. I paint the view from my window; a specific area, determined by its position in a building's architecture, I paint with ochre. I say "I see this area in this color."
Das bedeutet nicht, daß ich an dieser Stelle die Farbe Ocker sehe, denn der Farbstoff mag, so umgeben, mir viel heller oder dunkler oder rötlicher (etc.) als Ocker erscheinen.
This does not mean I see the color ochre at this location, for the pigment might appear to me, in this context, much lighter or darker or more reddish (etc.) than ochre.
Ich kann etwa sagen »So, wie ich sie hier (mit Ocker) gemalt habe, sehe ich diese Stelle, nämlich als ein stark rötliches Gelb.«
I might say "As I've painted it here (with ochre), I see this area - namely as a strongly reddish yellow."
Wie aber, wenn man von mir verlangte, den genauen Farbton anzugeben, der mir hier erscheint? Wie soll ich ihn angeben und wie bestimmen? Man könnte z. B. von mir verlangen, daß ich ein Farbmuster, ein rechteckiges Stück Papier von dieser Farbe, herstelle. Ich sage nicht, daß so ein Vergleich ohne jedes Interesse ist, aber er zeigt, daß nicht von vornherein klar ist, wie Farbtöne zu vergleichen sind, und also: was hier »Farbengleichheit« be- deutet.
But what if I were required to specify the exact color tone appearing to me here? How should I indicate and determine it? One might demand, for example, that I produce a color sample - a rectangular piece of paper in this color. I do not claim such comparison lacks interest, but it shows that it's not self-evident how color tones are to be compared, and thus: what "color equivalence" means here.
266. Denken wir uns ein Gemälde in kleine Stücke von annä- hernd gleichmäßiger Färbung zerschnitten und diese Stücke dann als Steine eines Zusammenlegspieles verwendet. Auch dort, wo ein solcher Stein nicht einfärbig ist, soll er keine räumliche Form andeuten, sondern als flacher Farbfleck erscheinen. Erst im Zusammenhang mit den andern wird er ein Stück Himmel, ein Schatten, ein Glanz, eine konkave oder konvexe Fläche etc.
266. Imagine a painting cut into small pieces of approximately uniform coloration, then used as tiles in a jigsaw puzzle. Even where such a tile isn't monochromatic, it shouldn't suggest spatial form but appear as a flat color patch. Only in context with others does it become a piece of sky, a shadow, a highlight, a concave or convex surface etc.
267. Man könnte also sagen, dies Zusammenlegspiel zeige die eigentlichen Farben der Stellen des Bildes.
267. One could say this jigsaw reveals the true colors of the painting's locations.
268. Man könnte geneigt sein, zu glauben, eine Analyse uns- rer Farbbegriffe führe am Ende zu den Farben von Stellen unsres Gesichtsfelds, die von jeder räumlichen oder physikalischen Deutung unabhängig wären, denn hier gebe es weder Beleuch tung noch Schatten, noch Glanz, noch Durchsichtigkeit oder Undurchsichtigkeit, etc.
268. One might be inclined to believe that analyzing our color concepts ultimately leads to the colors of locations in our visual field, independent of any spatial or physical interpretation - for here there is neither illumination nor shadow, nor gloss, nor transparency or opacity, etc.
269. Was uns als einfärbiger heller Strich ohne Breite auf dunklem Grunde erscheint, kann weiß aussehen, aber nicht grau. (?) Ein Planet könnte nicht hellgrau aussehen.
269. What appears to us as a single-colored bright line without width against a dark background might look white, but not gray. (?) A planet could not appear light gray.
270. Würde man aber nicht unter Umständen den Punkt oder den Strich als grau deuten? (Denke an eine Photographie.)
270. But mightn't one under certain circumstances interpret the dot or line as gray? (Consider a photograph.)
271. Sehe ich wirklich die Haare des Jungen auf der Photogra- phie blond?! - Seh ich sie grau?Schließe ich nur, daß, was auf dem Bild so ausschaut, in Wirklichkeit blond sein mußß?
271. Do I truly see the boy's hair as blond in the photograph?! - Do I see it as gray? Do I merely infer that what looks this way in the picture must have been blond in reality?
In einem Sinne sehe ich sie blond, in einem andern heller und dunkler grau.
In one sense I see it as blond, in another as lighter and darker gray.
272. »Dunkelrot« und »Schwarzrot« sind nicht gleichartige Begriffe. Ein Rubin kann in der Durchsicht dunkelrot erschei- nen, aber, wenn er klar ist, nicht schwarzrot. Der Maler mag ihn durch einen schwarzroten Fleck darstellen, aber im Bild wird dieser Fleck nicht schwarzrot wirken. Er wird mit Tiefe gesehen, so wie das Flache dreidimensional erscheint.
272. "Dark red" and "black-red" are not equivalent concepts. A ruby may appear dark red in transmission, but cannot appear black-red if clear. The painter might depict it with a black-red patch, but in the painting this patch won't appear black-red. It will be seen with depth, just as flatness appears three-dimensional.
273. Im Film, wie auf der Photographie, sehen Gesicht und Haare nicht gram aus, sie machen einen ganz natürlichen Ein- druck; Speisen auf einer Schüssel dagegen sehen im Film oft grau und darum unappetitlich aus.
273. In film as in photography, faces and hair don't look gray - they create a completely natural impression; whereas food on a plate in film often appears gray and thus unappetizing.
274. Was heißt es aber, Haar sehe auf der Photographie blond aus? Wie zeigt sich's, daß es so aussieht und auf die Farbe nicht nur geschlossen wird? Welche unsrer Reaktionen läßt uns das sagen?-Sieht denn ein Kopf in Stein oder Gips nicht weiß aus?
274. But what does it mean that hair looks blond in a photograph? How does it manifest that it looks this way rather than merely allowing inference about the color? Which of our reactions lets us say this? - Doesn't a stone or plaster head also look white?
275. Wenn selbst das Wort »blond« blond klingen kann, wie- viel eher können die photographierten Haare blond aus- schauen!
275. If even the word "blond" can sound blond, how much more can photographed hair appear blond!
276. Nun, ich würde die Photographie ganz natürlich mit den Worten beschreiben: »An einer Maschine steht ein Mann mitdunklem und ein Junge mit zurückgekämmtem blondem Haar.
276. Well, I would describe the photograph quite naturally with the words: "By a machine stands a man with dark hair and a boy with slicked-back blond hair."
So würde ich die Photographie beschreiben, und wenn einer sagte, das beschreibe nicht sie, sondern die Objekte, die wahrscheinlich photographiert wurden, so könnte ich nur sagen, das Bild sieht so aus als wären die Haare von dieser Farbe gewesen.
Thus I would describe the photograph, and if someone said this describes not it but the objects presumably photographed, I could only say the image looks as if the hair had been of that color.
277. Wenn ich aufgefordert würde, die Photographie zu beschreiben, würde ich es in jenen Worten tun.
277. If asked to describe the photograph, I would do so in those terms.
278. Der Farbenblinde versteht die Aussage, er sei farben-blind. Der Blinde die, er sei blind. Aber sie können nicht alle Anwendungen dieser Sätze machen, die der Normale macht. Denn wie dieser Sprachspiele mit Farbworten z. B. beherrscht, die jene nicht erlernen können, so auch Sprachspiele mit den Worten »farbenblind« und »blind«.
278. The color-blind person understands the statement that he is color-blind. The blind person understands that he is blind. But they cannot make all applications of these propositions that the normal-sighted can. For just as the latter master language-games with color words that the former cannot learn, so too with the words "color-blind" and "blind."
279. Kann man dem Blinden beschreiben, wie das ist, wenn einer sieht? - Doch; ein Blinder lernt ja manches über den Unterschied zwischen ihm und dem Sehenden. Und doch möchte man auf jene Frage Nein antworten. Ist sie aber nicht irreführend gestellt? Man kann einem, der nicht Fußball spielt, so wie einem, der es spielt, beschreiben, »wie das ist, wenn einer Fußball spielt«, dem letztern vielleicht, damit er die Beschreibung auf ihre Richtigkeit prüfe. Kann man denn dem Sehenden beschreiben, wie das ist, wenn einer sieht? Aber man kann ihm doch erklären, was Blindheit ist! D.h., man kann ihm das charakteristische Benehmen des Blinden beschreiben und man kann ihm die Augen verbinden. Andererseits kann man den Blinden nicht zeitweise sehend machen; wohl aber ihm das Benehmen des Sehenden beschreiben.
279. Can one describe to a blind person what it's like to see? - Indeed; a blind person does learn much about the difference between himself and the sighted. Yet one feels inclined to answer No to that question. But isn't the question misleadingly framed? One can describe "what it's like for someone to play football" both to someone who doesn't play and to someone who does - to the latter perhaps so he may verify the description's accuracy. But can one describe to a sighted person what it's like to see? Yet one can explain to him what blindness is! That is, one can describe the characteristic behavior of the blind and blindfold him. Conversely, one cannot temporarily make the blind see; though one can describe to them the behavior of the sighted.
280. Kann man sagen, ›Farbenblindheit‹ (oder ›Blindheit‹) sei ein Phänomen, ›Sehen‹ nicht?
280. Can one say that 'color blindness' (or 'blindness') is a phenomenon, whereas 'vision' is not?
Das würde etwa heißen: ›Ich sehe‹ ist eine Außerung, ›Ich bin blind‹ nicht. Aber das ist doch nicht wahr. Man hält mich auf der Straße oft für blind. Ich könnte einem, der es tut, sagen ›Ich sehe‹, d.h.: ich bin nicht blind.
This would roughly mean: 'I see' is an utterance, whereas 'I am blind' is not. Yet this is not true. On the street, I am often mistaken for being blind. I could tell someone who does so: 'I see', i.e., I am not blind.
281. Man könnte sagen: Es ist ein Phänomen, daß es Leute gibt, die das und das nicht erlernen können. Dies Phänomen ist die Farbenblindheit. Sie wäre also eine Unfähigkeit; das Schen aber die Fähigkeit.
281. One might say: It is a phenomenon that there are people who cannot learn such-and-such. This phenomenon is color blindness. Thus, it would be an inability; whereas vision is an ability.
282. Ich sage dem B, der nicht Schach spielen kann: ›A kann Schach nicht erlernen‹. B kann das verstehen. Aber nun sage ich einem, der überhaupt nicht imstande ist, irgendein Spiel zu erlernen, der und der könne ein Spiel nicht erlernen. Was weiß jener vom Wesen eines Spiels? Kann er z. B. nicht einen gänzlich falschen Begriff von einem Spiel haben? Nun, er mag verstehen, man könne weder ihn noch den andern zu einer Unterhaltung einladen, weil sie keine Spiele spielen können.
282. I say to B, who cannot play chess: 'A cannot learn chess'. B can understand this. But now I say to someone who is entirely incapable of learning any game that so-and-so cannot learn a game. What does the latter know about the nature of a game? Could he, for instance, have a completely false concept of a game? Well, he might understand that neither he nor the other can be invited to a gathering because they cannot play games.
283. Kommt alles, was ich hier sagen will, darauf hinaus, daß die Außerung ›Ich sehe einen roten Kreis‹ und die ›Ich sehe, bin nicht blind‹ logisch verschieden sind? Wie prüft man einen Menschen, um zu finden, ob die erste Aussage wahr ist? wie, ob die zweite wahr ist? Die Psychologie lehrt Farbenblindheit zu konstatieren und eben dadurch auch normales Sehen. Aber wer kann dies erlernen?284. Ich kann niemand ein Spiel lehren, das ich selbst nicht erlernen kann. Ein Farbenblinder kann den Normalsehenden nicht den normalen Gebrauch der Farbwörter lehren. Ist das wahr? Er kann ihm das Spiel, den Gebrauch nicht vorführen.
283. Does everything I want to say here amount to this: The utterances 'I see a red circle' and 'I see, am not blind' are logically distinct? How does one test a person to determine the truth of the first statement? How, the truth of the second? Psychology teaches how to ascertain color blindness and thereby also normal vision. But who can learn this?
285. Könnte nicht der Angehörige eines farbenblinden Vol- kes auf den Gedanken kommen, sich fremdartige Menschen auszumalen (die wir normalsehend nennen würden)? Könnte er so einen normal Sehenden nicht z. B. auf dem Theater darstel- len? Wie er auch einen darstellen kann, der die Gabe der Prophe- tie hat, ohne sie zu haben. Das ist zum mindesten denkbar.
284. I cannot teach anyone a game that I myself cannot learn. A color-blind person cannot teach the normally sighted the standard use of color terms. Is this true? They cannot demonstrate the game, the use.
286. Waren aber Farbenblinde je darauf verfallen, sich selbst farbenblind zu nennen? Warum nicht?
285. Could a member of a color-blind people not conceive of imagining alien humans (whom we would call normally sighted)? Could they not portray a normally sighted person on stage, for example? Just as one can portray someone with the gift of prophecy without possessing it. This is at least conceivable.
Wie aber konnten normal Sehende den normalen Gebrauch der Farbwörter erlernen, wenn sie die Ausnahmen in einer far- benblinden Bevölkerung wären? Ist es nicht möglich, daß sie eben Farbworte normal gebrauchen, vielleicht, in den Augen der andern, gewisse Fehler machen, bis diese die ungewöhnli- chen Fähigkeiten endlich schätzen lernten?
286. But were color-blind people ever moved to call themselves color-blind? Why not?
287. Ich kann mir vorstellen (ausmalen), wie es mir erschei- nen wird, wenn ich so einen Menschen treffe.
How could normally sighted individuals learn the standard use of color terms if they were exceptions within a color-blind population? Is it not possible that they use color terms normally, perhaps making certain errors in the eyes of others until these unusual abilities finally came to be valued?
188. Ich kann mir vorstellen, wie ein Mensch handeln würde, dem das unwichtig ist, was mir wichtig ist. Aber kann ich mir seinen Zustand vorstellen? Was heißt das? Kann ich mir den Zustand eines vorstellen, dem wichtig ist, was mir wichtig ist?
287. I can imagine (visualize) how it would appear to me if I were to meet such a person.
289. Ich könnte auch einen genau nachmachen, der eine Mul- tiplikation rechnet, ohne selbst das Multiplizieren erlernen zu können.
Und ich könnte dann andre nicht multiplizieren lehren, obwohl es denkbar wäre, daß ich den Anstoß dazu gabe, dafi einer es erlernt.
288. I can imagine how a person would act who is indifferent to what matters to me. But can I imagine their condition? What does that mean? Can I imagine the condition of someone who cares about what I care about?
290. Ein Farbenblinder kann offenbar die Prüfung schildern, bei der seine Farbenblindheit zutage kam. Und was er hernach schildern kann, das hätte er auch erfinden können.
289. I could also precisely mimic someone performing a multiplication without being able to learn multiplication myself.
And I could then not teach others to multiply, though it is conceivable that I might inspire someone to learn it.
291. Kann man einem höhere Mathematik beschreiben, außer indem man sie ihm beibringt? Oder auch: Ist dieser Unterricht eine Beschreibung der Rechnungsart? Einem das Tennisspiel beschreiben heißt nicht, es ihn lehren (u.u.). Andrerseits: wer nicht wüßte, was Tennis ist und es nun spielen lernt, der weiß es dann. (-Knowledge by description and knowledge by acquaint- ance..)
290. A color-blind person can obviously describe the examination that revealed their color blindness. And what they can describe afterward, they could also have invented.
291. Wer absolutes Gehör hat, kann ein Sprachspiel erlernen, welches ich nicht erlernen kann.
291. Can one describe higher mathematics to someone except by teaching it to them? Or again: Is this instruction a description of the method of calculation? To describe tennis to someone is not to teach them (under certain circumstances). On the other hand: someone who did not know what tennis is and then learns to play it does know it. (—Knowledge by description and knowledge by acquaintance—)
293. Man könnte sagen, die Begriffe der Menschen zeigen, worauf es ihnen ankommt und worauf nicht. Aber nicht als erklärte das die besondern Begriffe, die sie haben. Es soll nur die Auffassung ausschließen, als hätten wir richtige, andre Leute falsche Begriffe. (Es gibt einen Übergang von einem Rechenfch- ler zu einer andern Art des Rechnens.)
292. Someone with absolute pitch can learn a language-game that I cannot learn.
294. Wenn Blinde, wie sie es gern oft tun, vom blauen Him- mel und anderen spezifisch visuellen Erscheinungen reden, sagt der Schende oft Wer weiß, was er sich darunter vorstellt. Warum sagt er es aber nicht von jedem andern Sehenden? Es ist natürlich überhaupt ein falscher Ausdruck.
293. One might say that human concepts reveal what matters to them and what does not. But not as if this explained the particular concepts they possess. It is meant only to exclude the view that we have correct concepts and others have incorrect ones. (There is a transition from a miscalculation to a different kind of calculation.)
294. When blind people, as they often like to do, speak of the blue sky and other specifically visual phenomena, the sighted often say, 'Who knows what they imagine by that'. But why do they not say this of every other sighted person? It is naturally an entirely false expression.
295. Das, worüber ich so langwierig schreibe, kann einem andern mit unverdorbenerem Verstande selbstverständlich sesn.
295. What I write about at such length may appear self-evident to someone with a less corrupted understanding.
296. Wir sagen: Denken wir uns Menschen, welche dieses Sprachspiel nicht kennen. Aber damit haben wir noch keine klare Vorstellung vom Leben dieser Menschen, wo es vom unsern abweicht. Wir wissen noch nicht, was wir uns vorzustel len haben; denn das Leben jener Menschen soll ja im übrigen dem unsern entsprechen, und es ist erst zu bestimmen, was wir unter den neuen Umständen ein dem unsern entsprechendes Leben nennen würden.
296. We say: Let us imagine people who do not know this language-game. But with this, we still have no clear conception of the life of these people where it differs from ours. We do not yet know what we are to imagine; for the life of those people is otherwise supposed to correspond to ours, and it remains to be determined what we would call a life corresponding to ours under the new circumstances.
Ist es nicht, als sagte man: Es gibt Menschen, die ohne den König Schach spielen? Es treten sofort Fragen auf: Wer gewinnt nun, wer verliert, u. a. Du mußt weitere Entscheidungen treffen, die du in jener ersten Bestimmung noch nicht vorhersiehst. Wie du ja auch die ursprüngliche Technik nicht übersiehst, nur daß sie dir von Fall zu Fall geläufig ist.
Is it not as if one said: There are people who play chess without the king? Questions immediately arise: Who now wins, who loses, etc. You must make further decisions not foreseen in that initial stipulation. Just as you do not survey the original technique except as it becomes familiar to you case by case.
297. Zur Verstellung gehört auch, daß man Verstellung beim andern für möglich halte.
297. Pretense also entails that one considers pretense possible in others.
298. Wenn Menschen sich so benehmen, daß wir Verstellung vermuten möchten, aber diese Menschen zeigen untereinanderkein Mifßtrauen, dann ergeben sie doch nicht das Bild von Men- schen, die sich verstellen.
298. If people behave in such a way that we might suspect pretense, yet show no mistrust among themselves, they do not present the image of people who dissemble.
299. Wir müssen uns immer wieder über diese Leute wun- dern.
299. We must continually marvel at these people.
300. Wir könnten gewisse Leute auf der Bühne darstellen und ihnen Selbstgespräche (asides) in ihren Mund legen, die sie natür lich im wirklichen Leben nicht aussprächen, die aber doch ihren Gedanken entsprächen. Fremdartige Menschen aber könnten wir so nicht darstellen. Selbst wenn wir ihre Handlungen voraus- sehen könnten, könnten wir ihnen keine passenden Selbstgesprä che in den Mund legen.
300. We could portray certain people on stage and put soliloquies (asides) in their mouths that they would naturally never utter in real life, yet which might correspond to their thoughts. But we could not portray alien beings this way. Even if we could foresee their actions, we could not supply them with fitting soliloquies.
Und doch ist auch in dieser Betrachtungsweise etwas Falsches. Denn einer könnte, während er handelt, wirklich etwas zu sich selbst sagen und dies könnte z. B. ganz konventionell sein.
Yet there is also something mistaken in this perspective. For someone might truly say something to themselves while acting, and this could, for example, be entirely conventional.
301. Daß ich eines Menschen Freund sein kann beruht darauf, daß er die gleichen oder ähnliche Möglichkeiten hat wie ich selbst.
301. That I can be someone's friend depends on their having the same or similar possibilities as myself.
302. Wäre es richtig zu sagen, in unsern Begriffen spiegelt sich unser Leben?
302. Would it be correct to say that our concepts reflect our life?
Sie stehen mitten in ihm.
They stand at its very center.
303. Die Regelmäßigkeit unsrer Sprache durchdringt unser Leben.
303. The regularity of our language permeates our life.
304. Von wem würden wir sagen, er habe unsern Begriff des Schmerzes nicht? Ich könnte annehmen, er kenne Schmerzen nicht, aber ich will annehmen, er kenne sie; er gibt also Schmerz- äußerungen von sich und man könnte ihm die Worte -Ich habe Schmerzen beibringen. Soll er auch fähig sein, sich seiner Schmerzen zu erinnern?-Soll er Schmerzäußerungen der andern als solche erkennen; und wie zeigt sich das? Soll er Mitleid zeigen? - soll er gespielten Schmerz als solchen verstehen?
304. Of whom would we say they lack our concept of pain? I might assume they do not know pain, but let me suppose they do; they thus give voice to pain-expressions and could be taught the words "I am in pain." Should they also be capable of remembering their pains? Should they recognize others' pain-expressions as such? And how is this shown? Should they show pity? Should they understand feigned pain as such?
305. Ich weiß nicht, wie ärgerlich er war. Ich weiß nicht, ob er wirklich ärgerlich war. Weiß er's selbst? Nun fragt man ihn, und er sagt Ja, ich war's.
305. I do not know how angry he was. I do not know if he was truly angry. Does he know himself? Well, one asks him, and he says, "Yes, I was."
306. Was ist denn das: die Unsicherheit darüber, ob der andre ärgerlich war? Ist es ein Zustand der Seele des Unsichern? Warum soll der uns beschäftigen? Sie liegt in dem Gebrauch der Aussage -Er ist ärgerlich..
306. What then is this uncertainty about whether the other was angry? Is it a state of the uncertain person's soul? Why should this concern us? It resides in the use of the statement "He is angry."
307. Aber einer ist unsicher, der andre kann sicher sein: er kennt den Gesichtsausdruck dieses Menschen, wenn er ärger- lich ist. Wie lernt er dieses Anzeichen des Argers als solches kennen? Das ist nicht leicht zu sagen.
307. But one person is uncertain, another can be certain: they know this person's facial expression when angry. How do they learn to recognize this sign of anger as such? This is not easy to say.
308. Aber nicht nur: Was heißt es, über den Zustand des andern unsicher sein? sondern auch: Was heißt es Wissen, sicher sein, daß jener sich ärgert?
308. Yet it is not only: What does it mean to be uncertain about another's state? but also: What does it mean to know, to be certain, that someone is angry?
309. Hier könnte man nun fragen, was ich denn eigentlich will, wieweit ich die Grammatik behandeln will.
309. Here one might now ask what I actually want, how far I intend to treat grammar.
310. Es ist etwas gemeinsam der Sicherheit, daß er mich besu- chen wird, und der Sicherheit, daß er sich ärgert. Es ist auch etwas dem Tennisspiel und dem Schachspiel gemeinsam, aber niemand würde hier sagen: Ganz einfach: sie spielen beide Male, nur eben etwas andres. Man sieht in diesem Falle die Unähnlichkeit mit. Er ißt einmal einen Apfel, ein andermal cine Birne, während man sie in jenem Fall nicht so leicht sieht.
310. There is something common to the certainty that he will visit me and the certainty that he is angry. There is also something shared between tennis and chess, but no one would say here: "Quite simply: they are both playing games, just different ones." In this case, one perceives the dissimilarity. One time he eats an apple, another time a pear, whereas in that case one does not so easily see it.
311. Ich weiß, daß er gestern angekommen ist. Ich weiß, daß 2x2=4 ist. Ich weiß, daß er Schmerzen hatte---Ich weiß, daß dort ein Tisch steht.
311. I know that he arrived yesterday. I know that 2x2=4. I know that he was in pain. I know that a table stands there.
312. Ich weiß jedesmal, nur immer etwas anderes? Freilich.- aber die Sprachspiele sind weit verschiedener, als es uns bei diesen Sätzen zu Bewußtsein kommt.
312. Each time I know something, but always something different? Of course. Yet the language-games are far more varied than these sentences make us conscious of.
313. Die Welt der physikalischen Gegenstände und die Welt des Bewußtseins. Was weiß ich von dieser? Was mich meine Sinne lehren? Also, wie das ist, wenn man sieht, hört, fühlt etc. etc. Aber lerne ich das wirklich? Oder lerne ich, wie das ist, wenn ich jetzt sehe, höre etc. und glaube, daß es auch früher so war?
313. The world of physical objects and the world of consciousness. What do I know of the latter? What my senses teach me? Thus, what it is like to see, hear, feel, etc. But do I truly learn this? Or do I learn what it is like when I now see, hear, etc., and believe it was the same before?
314. Was ist eigentlich die Welt des Bewußtseins? Da möchte ich sagen: Was in meinem Geist vorgeht, jetzt in ihmvorgeht, was ich sehe, höre,... Könnten wir das nicht vereinfa- chen und sagen: Was ich jetzt sehe.. -
314. What actually is the world of consciousness? Here I want to say: What transpires in my mind, what now transpires within it, what I see, hear,... Could we not simplify and say: What I now see...
315. Die Frage ist offenbar: Wie vergleichen wir physikali- sche Gegenstände wie Erlebnisse?
315. The question is evidently: How do we compare physical objects with experiences?
316. Was ist eigentlich die Welt des Bewußtseins? Was in meinem Bewußtsein ist: was ich jetzt sehe, höre, fühle.... Und was, z. B., sche ich jetzt? Darauf kann die Antwort nicht sein: Nun, alles das, mit einer umfassenden Gebärde.
316. What really is the world of consciousness? What is in my consciousness: what I now see, hear, feel.... And what, for example, do I now see? The answer cannot be: "Well, all of this," with a sweeping gesture.
317. Wenn der an Gott Glaubende um sich sieht und fragt -Woher ist alles, was ich sehe? Woher das alles? verlangt er keine (kausale) Erklärung; und der Witz seiner Frage ist, daß sie der Ausdruck dieses Verlangens ist. Er drückt also eine Einstel lung zu allen Erklärungen aus. Aber wie zeigt sich die in seinem Leben? Es ist die Einstellung, die eine bestimmte Sache ernst nimmt, sie aber dann an einem bestimmten Punkte doch nicht ernst nimmt, und erklärt, etwas anderes sei noch ernster.
317. When the believer in God looks around and asks, "From where does all I see come? From where does all this exist?" he is not asking for a (causal) explanation; and the point of his question is that it expresses this longing. He thus expresses an attitude toward all explanations. But how is this attitude manifested in his life? It is the attitude of taking a certain matter seriously and then, at a certain point, not taking it seriously, declaring that something else is even more serious.
So kann einer sagen, es ist sehr ernst, daß der und der gestor- ben ist, ehe er ein bestimmtes Werk vollenden konnte; und in anderem Sinne kommt's darauf gar nicht an. Hier gebraucht man die Worte in einem tiefern Sinne.
Thus, one might say it is very serious that so-and-so died before completing a certain work; yet in another sense, it does not matter at all. Here the words are used in a deeper sense.
Eigentlich möchte ich sagen, daß es auch hier nicht auf die Worte ankommt, die man ausspricht, oder auf das, was man dabei denkt, sondern auf den Unterschied, den sie an verschiede- nen Stellen im Leben machen. Wie weiß ich, daß zwei Menschen das gleiche meinen, wenn jeder sagt, er glaubte an Gott? Und ganz dasselbe kann man bezüglich der drei Personen sagen. Die Theologie, die auf den Gebrauch gewisser Worte und Phrasen dringt und andere verbannt, macht nichts klarer. (Karl Barth.) Sie fuchtelt sozusagen mit Worten herum, weil sie etwas sagenwill und nicht weiß, wie man es ausdrücken kann. Die Praxis gibt den Worten ihren Sinn.
What I really want to say is that here too it does not depend on the words one utters or on what one thinks while saying them, but on the difference they make at various points in life. How do I know that two people mean the same thing when each says they believe in God? And precisely the same can be said regarding the three Persons. Theology, which insists on the use of certain words and phrases while banning others, makes nothing clearer. (Karl Barth.) It gesticulates with words, as it were, because it wants to say something and does not know how to express it. Practice gives words their meaning.
318. Ich beobachte diesen Fleck. Jetzt ist er so– dabei zeige ich etwa auf ein Bild. Ich mag ständig das gleiche beobachten und was ich sebe, mag dabei gleichbleiben oder sich ändern. Was ich beobachte und was ich sehe, hat nicht die gleiche Art der Identi tät. Denn die Worte »dieser Fleck« z. B. lassen die Art der Identität, die ich meine, nicht erkennen.
318. I observe this patch. Now it is like this—here I might point to a picture. I may continuously observe the same thing, and what I see may remain constant or change. What I observe and what I see do not have the same kind of identity. For the words "this patch," for example, do not reveal the kind of identity I mean.
319. Die Psychologie beschreibt die Phänomene der Farben- blindheit und auch des normalen Sehens. Was sind die Phäno mene der Farbenblindheit? Doch die Reaktionen des Farben blinden, durch die er sich vom Normalen unterscheidet. Doch nicht alle Reaktionen des Farbenblinden, z. B. auch die, durch welche er sich vom Blinden unterscheidet. Kann ich den Blin- den lehren, was Sehen ist, oder kann ich den Sehenden dies lehren? Das heißt nichts. Was heißt es denn: das Sehen zu beschreiben? Aber ich kann Menschen die Bedeutung der Worte »blind« und »sehend« lehren, und zwar lernt sie der Sehende wie der Blinde. Weiß denn der Blinde, wie das ist, wenn man sicht? Aber weiß es der Sehende?! Weiß er auch, wie es ist, Bewußtsein zu haben?
319. Psychology describes the phenomena of color blindness and also of normal vision. What are the phenomena of color blindness? They are the reactions of the colorblind person that distinguish them from the normal-sighted. But not all reactions of the colorblind—for instance, those that distinguish them from the blind. Can I teach the blind what seeing is, or can I teach the sighted this? That means nothing. What does it mean: to describe seeing? But I can teach people the meaning of the words "blind" and "sighted," and both the sighted and the blind learn them. Does the blind person know what it is like to see? But does the sighted person know?! Do they even know what it is like to have consciousness?
Aber kann nicht der Psychologe den Unterschied zwischen dem Benehmen des Sehenden und des Blinden beobachten? (Der Meteorologe den Unterschied zwischen Regen und Trocken heit?) Man könnte doch z. B. den Unterschied des Benehmens beobachten von Ratten, denen man die Barthaare genommen hat, und von unverstümmelten. Und das könnte man nennen, die Rolle dieses Tastapparates zu beschreiben. Das Leben der Blinden ist anders als das Leben der Sehenden.
But can the psychologist not observe the difference between the behavior of the sighted and the blind? (The meteorologist the difference between rain and dryness?) One could, for example, observe the difference in behavior between rats whose whiskers have been removed and intact ones. And this could be called describing the role of this tactile apparatus. The life of the blind is different from that of the sighted.
320. Der Normale kann z. B. erlernen, nach Diktat zu schreiben. Was ist das? Nun, der eine spricht, der andre schreibt, was jener spricht. Sagt er also z. B. den Laut a, so schreibt der andre das Zeichen a etc. Muß nun nicht, wer diese Erklärung versteht, das Spiel entweder schon gekannt haben, nur vielleicht nicht unter diesem Namen, oder es durch die Beschreibung gelernt haben? Aber Karl der Große hat gewiß das Prinzip des Schreibens verstanden und doch nicht schreiben lernen können. So kann also auch der die Beschreibung der Technik verstehen, der diese nicht erlernen kann. Aber es gibt eben zwei Fälle des Nichterlernen-Könnens. Im einen erlangen wir bloß eine Fertigkeit nicht, im andern fehlt uns das Verständnis. Man kann einem ein Spiel erklären: Er mag diese Erklärung verstehen, aber das Spiel nicht erlernen können oder unfähig sein, eine Erklärung des Spiels zu verstehen. Es ist aber auch das Umgekehrte denkbar.
320. A sighted person can learn, for example, to write from dictation. What is that? Well, one person speaks, the other writes what is spoken. If the former utters the sound a, the latter writes the symbol a, etc. Now, must not someone who understands this explanation either already know the game, albeit perhaps not under this name, or have learned it through the description? But Charlemagne certainly understood the principle of writing yet could not learn to write. Thus, even someone who cannot learn the technique may understand its description. But there are two cases of inability to learn. In one, we merely fail to acquire a skill; in the other, we lack understanding. One can explain a game to someone: They may understand this explanation but be unable to learn the game, or be incapable of understanding an explanation of the game. The reverse is also conceivable.
321. »Du siehst den Baum, der Blinde sieht ihn nicht.« Das müßte ich einem Sehenden sagen. Und also einem Blinden: »Du siehst den Baum nicht, wir sehen ihn«? Wie wäre das, wenn der Blinde zu sehen glaubte oder ich glaubte, ich könnte nicht sehen?
321. "You see the tree; the blind person does not see it." I would have to say this to a sighted person. And to a blind person: "You do not see the tree; we see it"? How would it be if the blind person believed they could see, or if I believed I could not see?
322. Ist es cin Phänomen, daß ich den Baum sehe? Es ist eins, daß ich dies richtig als Baum erkenne, daßß ich nicht blind bin.
322. Is it a phenomenon that I see the tree? It is a phenomenon that I correctly recognize this as a tree, that I am not blind.
323. »Ich sehe einen Baum« als Außerung des visuellen Eindrucks, ist es die Beschreibung eines Phänomens? Welches Phänomens? Wie kann ich einem dies erklären?
323. "I see a tree" as an expression of visual impression—is it the description of a phenomenon? Which phenomenon? How could I explain this to someone?
Und ist es nicht doch für den andern ein Phänomen, daß ich diesen Gesichtseindruck habe? Denn es ist etwas, was er beobachtet, aber nicht etwas, was ich beobachte.
And is it not a phenomenon for others that I have this visual impression? For it is something they observe, not something I observe.
Die Worte »Ich sehe einen Baum« sind nicht die Beschreibungeines Phänomens. (Ich könnte z. B. nicht sagen »Ich sehe einen Baum! Wie merkwürdig!«, wohl aber: »Ich sehe einen Baum, obwohl keiner da ist. Wie merkwürdig!«)
The words "I see a tree" are not the description of a phenomenon. (I could not, for example, say "I see a tree! How strange!" but rather: "I see a tree even though none is there. How strange!")
324. Oder soll ich sagen: »Der Eindruck ist kein Phänomen; daß L. W. diesen Eindruck hat, ist eins«?
324. Or should I say: "The impression is not a phenomenon; that L. W. has this impression is one"?
325. (Man könnte sich denken, daß einer den Eindruck gleichsam wie einen Traum vor sich hinspricht, ohne das Pronomen der ersten Person.)
325. (One could imagine someone murmuring an impression as if it were a dream, without using the first-person pronoun.)
326. Beobachten ist nicht das gleiche wie betrachten oder anblicken. »Betrachte diese Farbe und sag, woran sie dich erinnert. Ändert sich die Farbe, so betrachtest du nicht mehr die, welche ich meinte.
326. Observing is not the same as contemplating or looking at. "Contemplate this color and say what it reminds you of. If the color changes, you are no longer contemplating the one I meant."
Man beobachtet, um zu sehen, was man nicht sähe, wenn man nicht beobachtet[e].
One observes in order to see what one would not see if one did not observe[e].
327. Man sagt etwa: »Betrachte diese Farbe für einige Zeit.« Das tut man aber nicht, um mehr zu sehen, als man auf den ersten Blick gesehen hatte.
327. One might say: "Contemplate this color for some time." But one does not do this to see more than what was seen at first glance.
328. Könnte in einer »Psychologie« der Satz stehen: »Es gibt Menschen, welche sehen«?
328. Could a "psychology" contain the proposition: "There are people who see"?
Nun, wäre das falsch? Aber wem wird hier etwas mitgeteilt? (Und ich meine nicht nur: Was mitgeteilt wird, sei schon längst bekannt.)
Well, would that be false? But to whom is something being communicated here? (And I do not mean merely: What is communicated has long been known.)
329. Ist mir bekannt, daß ich sehe?
329. Am I aware that I see?
330. Man könnte sagen wollen: Wenn es solche Menschen nicht gabe, so auch den Begriff des Sehens nicht. - Aber könnten nicht Marsbewohner so etwas sagen? Sie haben etwa durch Zufall zuerst lauter Blinde bei uns kennengelernt.
330. One might want to say: If such people did not exist, neither would the concept of seeing. - But couldn't Martians say something similar? Suppose they first encountered only blind people among us by chance.
331. Und wie kann es unsinnig sein, zu sagen Es gibt Men- schen, welche sehen, wenn es nicht unsinnig ist, zu sagen, es gibt Menschen, welche blind sind?
331. How could it be nonsensical to say "There are people who see" if it isn't nonsensical to say "There are people who are blind"?
Aber der Sinn des Satzes Es gibt Menschen, welche sehen, d.h. seine mögliche Verwendung, ist jedenfalls nicht sogleich klar.
Yet the meaning of the proposition "There are people who see" - i.e., its possible use - is certainly not immediately clear.
332. Könnte das Sehen nicht Ausnahme sein? Aber beschrei ben könnten es weder die Blinden noch die Sehenden, es sei denn als Fähigkeit das und das zu tun. Z. B. auch, gewisse Sprachspiele zu spielen; aber da muß man achtgeben, wie man diese Sprach- spiele beschreibt.
332. Couldn't seeing be the exception? But neither the blind nor the sighted could describe it except as the ability to do such-and-such. For instance, to play certain language-games; but here one must be careful how these language-games are described.
333. Sagt man Es gibt Menschen, welche sehen, so folgt die Frage: Und was ist sehen? Und wie soll man sie beantworten? Inden man dem Fragenden den Gebrauch des Wortes sehen beibringt?
333. If one says "There are people who see," the question follows: "And what is seeing?" How should this be answered? By teaching the questioner the use of the word "see"?
334. Wie wäre es mit dieser Erklärung: Es gibt Menschen, die sich benehmen wie du und ich, und nicht wie dieser da, der Blinde-?
334. What about this explanation: "There are people who behave like you and me, not like that blind person over there"?
335. »Du kannst, mit offenen Augen, über die Straße gehen, ohne überfahren zu werden etc.«.
335. "With your eyes open, you can walk across the street without being hit by traffic, etc."
Die Logik der Mitteilung.
The logic of communication.
336. Damit, daß ein Satz von der Form einer Mitteilung eine Verwendung hat, ist noch nichts über die Art seiner Verwendung gesagt.
336. That a proposition has the form of a communication does not yet determine the nature of its use.
337. Kann der Psychologe mir mitteilen, was Sehen ist? Was nennt man »mitteilen, was Sehen ist«?
337. Can the psychologist inform me what seeing is? What do we call "informing someone what seeing is"?
Nicht der Psychologe lehrt mich den Gebrauch des Wortes »sehen«.
It is not the psychologist who teaches me the use of the word "see."
338. Wenn der Psychologe uns mitteilt »Es gibt Menschen, welche sehen«, so können wir ihn fragen »Und was nennst du Menschen, welche sehen?« Darauf wäre die Antwort von der Art »Menschen, die unter den und den Umständen so und so reagie- ren, sich so und so benehmen«. »Sehen« wäre ein Fachwort des Psychologen, das er uns erklärt. Sehen ist dann etwas, was er an den Menschen beobachtet hat.
338. If the psychologist informs us "There are people who see," we can ask him: "And what do you call people who see?" The answer would be of this kind: "People who react thus-and-so under such-and-such circumstances, who behave thus-and-so." "Seeing" would be a technical term of the psychologist that he explains to us. Seeing would then be something he has observed in people.
339. Wir lernen die Ausdrücke »ich sehe...«, »er sieht...« etc. gebrauchen, ehe wir zwischen Sehen und Blindheit unter- scheiden lernen.
339. We learn to use the expressions "I see..." "he sees..." etc. before learning to distinguish between sight and blindness.
340. »Es gibt Menschen, welche reden können.«. »Ich kann einen Satz sagen.«. »Ich kann das Wort »Satz« aussprechen.«. »Wie Du siehst, bin ich wach.«. »Ich bin hier.«.
340. "There are people who can speak." "I can utter a sentence." "I can pronounce the word 'sentence'." "As you see, I am awake." "I am here."
341. Es gibt doch eine Belehrung darüber, unter welchen Umständen cin gewisser Satz eine Mitteilung sein kann. Wie soll ich diese Belehrung nennen?
341. There is indeed instruction about the circumstances under which a certain proposition can be a communication. What should I call this instruction?
342. Kann man sagen, ich habe beobachtet, daß ich und andre mit offenen Augen gehen können, ohne anzustoßen, und daß wir's mit geschlossenen Augen nicht können?
342. Can we say that I have observed that I and others can walk with our eyes open without bumping into things, and cannot do so with our eyes closed?
343. Wenn ich einem mitteile, ich sei nicht blind, ist das eine Beobachtung? Ich kann ihn jedenfalls durch mein Benehmen davon überzeugen.
343. If I inform someone that I am not blind, is this an observation? At any rate, I can convince them through my behavior.
344. Ein Blinder könnte leicht herausfinden, ob auch ich blind sei, indem er z. B. eine bestimmte Handbewegung macht und mich fragt, was er getan hat.
344. A blind person could easily determine whether I too am blind by making a particular hand gesture and asking me what they did.
345. Können wir uns nicht einen blinden Volksstamm den- ken? Könnte er nicht unter besondern Bedingungen lebensfähig sein? Und könnte es nicht als Ausnahme Sehende geben?
345. Can't we imagine a blind tribe? Couldn't they survive under special conditions? And might there not exceptionally be sighted individuals?
146. Angenommen, ein Blinder sagte zu mir: Du kannst gehen, ohne irgendwo anzustoßen, ich kann es nicht-wäre der erste Teil des Satzes eine Mitteilung?
346. Suppose a blind person said to me: "You can walk without bumping into anything, I cannot" - would the first part of this sentence be a communication?
347. Nun, er sagt mir nichts Neues.348. Es scheint Sätze zu geben, die den Charakter von Erfah- rungssätzen haben, deren Wahrheit aber für mich unanfechtbar ist. D.h., wenn ich annehme, daß sie falsch sind, muß ich allen meinen Urteilen mißtrauen.
347. Well, he tells me nothing new.
349. Es gibt jedenfalls Irrtümer, die ich als gewöhnlich hin- nehme, und solche, die andern Charakter haben und von meinen übrigen Urteilen als eine vorübergehende Verwirrung abgekap selt werden müssen. Aber gibt es nicht auch Übergänge zwischen diesen beiden?
348. There seem to be propositions that have the character of empirical propositions yet whose truth is irrefutable for me. That is, if I assume them to be false, I must distrust all my judgments.
350. Wenn man den Begriff des Wissens in diese Untersu chung bringt, so nützt das nichts; denn Wissen ist nicht ein psychologischer Zustand, durch dessen Besonderheiten sich nun allerlei erklärt. Die besondere Logik des Begriffs wissen ist vielmehr nicht die des psychologischen Zustands.
349. At any rate, there are errors I accept as ordinary, and others of a different nature that must be isolated from my other judgments as temporary confusions. But aren't there transitions between these two?
Über Gewißheit
350. Introducing the concept of knowledge into this investigation is unhelpful; for knowing is not a psychological state whose peculiarities might explain various matters. Rather, the special logic of the concept knowing is not that of a psychological state.
On Certainty
Herausgegeben von G.E.M. Anscombe und G.H. von Wright
Edited by G.E.M. Anscombe and G.H. von Wright
Was wir hier veröffentlichen, gehört in die letzten anderthalb Jahre von Wittgensteins Leben. Mitte 1949 besuchte er auf Nor- man Malcolms Einladung hin die Vereinigten Staaten; er wohnte in dessen Haus in Ithaca. Malcolm gab ihm neuen Antrieb, sich mit Moores defence of common sense (Verteidigung des gesun- den Menschenverstands) zu beschäftigen, d.h. mit seiner Behauptung, von einer Anzahl von Sätzen wisse er mit Sicher- heit, daß sie wahr seien; z. B.: »Hier ist eine Hand- und hier eine zweite«, »Die Erde bestand lange Zeit vor meiner Geburt« und »Ich habe mich niemals weit von der Erdoberfläche entfernt«. Der erste dieser Sätze ist aus Moores »Proof of the External World«, die beiden andern aus seiner Schrift »Defence of Com mon Sense«; diese hatte Wittgenstein schon seit langem interes- siert, und er hatte zu Moore gesagt, dies sei sein bester Aufsatz. Moore stimmte dem zu. Das Buch, das wir hier vorlegen, enthält alles, was Wittgenstein von jener Zeit bis zu seinem Tod zu diesem Thema schrieb. Es besteht ganz aus ersten Aufzeichnun- gen; er kam nicht mehr dazu, dieses Material zu sichten und zu uberarbeiten.
What we publish here belongs to the last eighteen months of Wittgenstein's life. In mid-1949, at Norman Malcolm's invitation, he visited the United States and stayed at Malcolm's house in Ithaca. Malcolm rekindled his engagement with Moore's defence of common sense - particularly Moore's claim to know with certainty the truth of certain propositions, such as "Here is one hand - and here another," "The Earth existed long before my birth," and "I have never been far from the Earth's surface." The first of these is from Moore's "Proof of an External World," the others from his "Defence of Common Sense" - works that had long interested Wittgenstein, who told Moore this was his best essay. Moore agreed. This volume contains all Wittgenstein wrote on the subject from that time until his death. It consists entirely of first drafts; he did not live to revise or organize this material.
Die Aufzeichnungen gliedern sich in vier Teile; wir haben die Aufteilung bei § 65 (S. 132), § 192 (S. 158) und § 299 (S. 178) angezeigt. Der unseres Erachtens früheste Teil stand ohne Datenangabe auf zwanzig losen Blättern linierten Kanzleipa- piers. Diese hinterließ Wittgenstein in seinem Zimmer in G.E.M. Anscombes Haus in Oxford, wo er (abgesehen von einer Fahrt nach Norwegen im Herbst) von April 1950 bis Februar 1951 wohnte. Ich (G.E.M.A.) habe den Eindruck, daß er sie in Wien geschrieben hatte, wo er sich von Weihnachten 1949 bis zum folgenden März aufhielt; aber ich kann mich jetzt nicht daran erinnern, worauf dieser Eindruck zurückgeht. Das übrige fand sich in kleinen Notizbüchern und enthält Daten; gegen Ende ist das Datum der Niederschrift soge immer angege- ben. Die letzte Eintragung liegt zwei Tage vor seidem Tod am 29. April 1951. Wir haben die Daten ganz so belassen, wie sie in denManuskripten erscheinen. Die Numerierung der einzelnen Abschnitte jedoch rührt von den Herausgebern her.
The notes are divided into four parts; we have marked the divisions at §65 (p. 132), §192 (p. 158), and §299 (p. 178). The earliest portion, in our estimation, consisted of twenty loose sheets of ruled legal-size paper without dates. Wittgenstein left these in his room at G.E.M. Anscombe’s house in Oxford, where he resided from April 1950 to February 1951 (apart from a trip to Norway in the autumn). I (G.E.M.A.) have the impression he wrote them in Vienna, where he stayed from Christmas 1949 until March of the following year; though I cannot now recall the basis for this impression. The remainder was found in small notebooks containing dates, with the date of composition increasingly specified toward the end. The final entry was written two days before his death on April 29, 1951. We have retained the dates exactly as they appear in the manuscripts. The numbering of individual sections, however, has been added by the editors.
Es schien angemessen, diese Arbeit für sich zu veröffentlichen.. Sie ist keine Auswahl; in Wittgensteins Notizbüchern erscheint sie als gesondertes Thema, mit dem er sich anscheinend in vier voneinander getrennten Perioden während jener anderthalb Jahre befaßte. Die Arbeit stellt eine einzige zusammenhängende Behandlung ihres Gegenstandes dar.
It seemed appropriate to publish this work independently. It is not a selection; in Wittgenstein’s notebooks, it appears as a distinct theme he engaged with during four separate periods over those eighteen months. The work constitutes a single coherent treatment of its subject matter.
will's in quite a giche incing sohn. rounderde, darah. notheish Matte ish meine Jeben nicht senden win Menschen winen, des Moin soviel Jehen when, di win in sher nicht?
will's in quite a giche incing sohn.
rounderde, darah.
notheish
Matte
ish meine Jeben nicht senden
win Menschen winen, des Moin
soviel Jehen when, di win in
sher nicht?
Ich werd, bar meste Diens sum genom stocke ist, das hituber des Tim in humfer que treppe gubert, etc.. En be High Fall derken, 240 with dies Any moshen noinde aber richt selten Falle. Bubernit abu perde ich dienes Cwiesen Anstäglich durel, mere Hindemnych johanch in meden R
Ich werd, bar meste Diens
sum genom stocke ist, das
hituber des Tim in humfer
que treppe gubert, etc.. En be
High Fall derken, 240 with dies
Any
moshen noinde aber
richt
selten Falle.
Bubernit abu perde ich dienes
Cwiesen Anstäglich durel, mere
Hindemnych johanch in meden
R
1. Wenn du weißt, daß hier eine Hand" ist, so geben wir dir alles übrige zu.
1. If you know that “here is a hand,” we grant you everything else.
(Sagt man, der und der Satz lasse sich nicht beweisen, so heilit das natürlich nicht, daß er sich nicht aus andern herleiten läßt; jeder Satz läßt sich aus andern herleiten. Aber diese mögen nicht sicherer sein als er selbst.) (Dazu eine komische Bemerkung H. Newmans.)
(To say that a particular proposition cannot be proved does not, of course, mean that it cannot be derived from others; every proposition can be derived from others. But these may be no more certain than itself.) (Here, a humorous remark by H. Newman is relevant.)
2. Daß es mir-oder Allen-so scheint, daraus folgt nicht, daß es so ist.
2. From the fact that it appears so to me—or to everyone—it does not follow that it is so.
Wohl aber läßt sich fragen, ob man dies sinnvoll bezweifeln kann.
Yet one may meaningfully ask whether this can reasonably be doubted.
3. Wenn z. B. jemand sagt Ich weiß nicht, ob da eine Hand ist, so könnte man ihm sagen Schau näher hin. Diese Möglichkeit des Sichüberzeugens gehört zum Sprachspiel. Ist einer seiner wesentlichen Züge.
3. If someone says, for example, “I don’t know if there is a hand here,” one might tell them: “Look closer.” This possibility of verification is part of the language-game. It is one of its essential features.
5. G.L. Moore, Proof of an External World, in Proceedings of the British Academy 1939; -A Delenor of Common Sense in Contemporary British Philosa- phy, and Sener, J. H. Muirhead Heraung, 1933. Beide Schriften sind auch zu finden in Monres Philosophical Papers, London, George Allen and Unwin 1959. Herang
5. G.E. Moore, Proof of an External World, in Proceedings of the British Academy 1939; —A Defence of Common Sense, in Contemporary British Philosophy, Second Series, ed. J.H. Muirhead, 1925. Both works are also included in Moore’s Philosophical Papers, London, George Allen and Unwin 1959. Here
4. Ich weiß, daß ich ein Mensch bin. Um zu sehen, wie unklar der Sinn des Satzes ist, betrachte seine Negation. Am chesten noch könnte man ihn so auffassen: Ich weiß, daß ich die menschlichen Organe habe. (Z.B. ein Gehirn, welches dochnoch niemand gesehen hat.) Aber wie ist es mit einem Satze wie »Ich weiß, daß ich ein Gehirn habe«? Kann ich ihn bezweifeln? Zum Zweifeln fehlen mir die Gründe! Es spricht alles dafür, und nichts dagegen. Dennoch läßt sich vorstellen, daß bei einer Operation mein Schädel sich als leer erwiese.
4. I know that I am a human being. To grasp how unclear the sense of this proposition is, consider its negation. It might best be understood as: “I know that I possess human organs.” (For example, a brain, though no one has ever seen it.) But what about a proposition like “I know I have a brain”? Can I doubt it? I lack grounds for doubt! Everything speaks for it, nothing against. Yet one could imagine a surgery revealing my skull to be empty.
5. Ob sich ein Satz im Nachhinein als falsch erweisen kann, das kommt auf die Bestimmungen an, die ich für diesen Satz gelten lasse.
5. Whether a proposition can later turn out to be false depends on the criteria I allow to govern it.
6. Kann man nun (wie Moore) aufzählen, was man weiß? So ohne weiteres, glaube ich, nicht. Es wird nämlich sonst das Wort »Ich weiß« gemißbraucht. Und durch diesen Mißbrauch scheint sich ein seltsamer und höchst wichtiger Geisteszustand zu zeigen.
6. Can one, then (like Moore), enumerate what one knows? Offhand, I think not. For otherwise the phrase “I know” is misused. Through this misuse, a strange and profoundly significant mental state appears to manifest.
7. Mein Leben zeigt, daß ich weiß oder sicher bin, daß doet ein Sessel steht, eine Tür ist usf. Ich sage meinem Freunde z. B. »Nimm den Sessel dort«, »Mach die Tür zu«, etc., etc.
7. My life shows that I know or am certain that a chair is there, a door is here, etc. I say to my friend, for instance, “Take that chair there,” “Close the door,” and so forth.
8. Der Unterschied des Begriffs »wissen« vom Begriff »sicher« sein ist gar nicht von großer Wichtigkeit, außer da, wo »Ich weiß« heißen soll: Ich kann mich nicht irren. Im Gerichtssaal z. B. könnte in jeder Zeugenaussage statt »Ich weiß« »Ich bin sicher« gesagt werden. Ja, man könnte es sich denken, daß das »Ich weiß« dort verboten wäre. [Eine Stelle im Wilhelm Meister, wo »Du weißt« oder »Du wußtest« im Sinne »Du warst sicher« gebraucht wird, da es sich anders verhielt, als er wußte.]
8. The distinction between the concept “to know” and “to be certain” is not of great importance, except where “I know” is meant to signify: I cannot be mistaken. In a courtroom, for example, “I am certain” could replace “I know” in every witness statement. Indeed, one might imagine “I know” being prohibited there. [A passage in Wilhelm Meister where “You know” or “You knew” is used to mean “You were certain,” though things turned out otherwise than he knew.]
9. Bewähre ich nun im Leben, daß ich weiß, daß da eine Hand (nämlich meine Hand) ist?
9. Do I then demonstrate in my life that I know there is a hand here (namely my hand)?
10. Ich weiß, daß hier ein kranker Mensch liegt? Unsinn! Ich sitze an seinem Bett, schaue aufmerksam in seine Züge. So weiß ich also nicht, daß da ein Kranker liegt? - Es hat weder die Frage noch die Aussage Sinn. So wenig wie die: Ich bin hier, die ich doch jeden Moment gebrauchen könnte, wenn sich die passende Gelegenheit dazu ergabe. So ist also auch 2x24 Unsinn und kein wahrer arithmetischer Satz, außer bei bestimmten Gelegenheiten? 2X24 ist ein wahrer Satz der Arithmetik- nicht bei bestimmten Gelegenheiten noch immer aber die Laut- oder Schriftzeichen 2x24 könnten im Chinesischen eine andere oder keine Bedeutung haben oder aufgelegter Unsinn sein, woraus man sicht: nur im Gebrauch hat der Satz Sinn. Und Ich weiß, daß hier ein Kranker liegt, in der unpassenden Situation gebraucht, erscheint nur darum nicht als Unsinn, viel- mehr als Selbstverständlichkeit, weil man sich verhältnismäßig leicht eine für ihn passende Situation vorstellen kann und weil man meint, die Worte -Ich weiß, daß... seien überall am Platz, wo es keinen Zweifel gibt (also auch dort, wo der Ausdruck des Zweifels unverständlich wäre).
10. I know that a sick person is lying here? Nonsense! I sit at his bedside, attentively observing his features. So do I not know that a sick person lies here? – Neither the question nor the statement has sense. Just as little as: "I am here," which I could nevertheless use at any moment should the appropriate occasion arise. Thus, is 2×24 also nonsense and not a true arithmetic proposition, except under specific circumstances? 2×24 is a true proposition of arithmetic – but the sound or written signs "2×24" could have a different meaning in Chinese or be nonsensical scribbles, which shows: only in use does the proposition have sense. And "I know that a sick person lies here," used in an inappropriate situation, does not appear as nonsense but rather as a matter of course because one can relatively easily imagine a suitable situation for it and because one assumes the words "I know that..." are appropriate wherever there is no doubt (thus even where the expression of doubt would be unintelligible).
11. Man sieht eben nicht, wie sehr spezialisiert der Gebrauch von Ich weiß ist.
11. One simply fails to see how specialized the use of "I know" is.
12,
12.
Denn Ich weiß... scheint einen Tatbestand zu beschreiben, der das Gewußte als Tatsache verbürgt. Man ver- gist eben immer den Ausdruck Ich glaubte, ich wüßte es.13. Es ist nämlich nicht so, daß man aus der Außerung des Andern »Ich weiß, daß es so ist« den Satz »Es ist so« schließen könnte. Auch nicht aus der Außerung und daraus, dafi sie keine Lüge ist. - Aber kann ich nicht aus meiner Außerung »Ich weiß etc.« schließen »Es ist so«? Doch, und aus dem Satz »Er weiß, daß dort eine Hand ist« folgt auch »Dort ist eine Hand«. Aber aus seiner Aufßerung »Ich weiß...« folgt nicht, er wisse es.
For "I know..." seems to describe a state of affairs that guarantees what is known as a fact. One always forgets the expression "I believed I knew it."
14. Es muß erst erwiesen werden, daß er's weiß.
13. It is not the case that from another's utterance "I know that it is so" one could infer the proposition "It is so." Not even from the utterance and the fact that it is not a lie. – But cannot I infer "It is so" from my own utterance "I know etc."? Yes, and from the proposition "He knows there is a hand there" it also follows "There is a hand there." But from his utterance "I know..." it does not follow that he knows it.
15. Daß kein Irrtum möglich war, muß erwiesen werden. Die Versicherung »Ich weiß es« genügt nicht. Denn sie ist doch nur die Versicherung, daß ich mich (da) nicht irren kann, und daß ich mich darin nicht irre, muß objektiv feststellbar sein.
14. It must first be proven that he knows it.
16. »Wenn ich etwas weiß, so weiß ich auch, daß ich's weiß, etc.«, kommt darauf hinaus, »Ich weiß das« heiße »Ich bin darin unfehlbar«. Ob ich aber das bin, muß sich objektiv feststellen lassen.
15. That no mistake was possible must be objectively established. The assurance "I know it" does not suffice. For it is only the assurance that I cannot be mistaken (here), and that I am not mistaken must be objectively verifiable.
17. Angenommen nun, ich sage »Ich bin darin unfehlbar, daß das ein Buch ist« ich zeige dabei auf einen Gegenstand. Wie sahe hier ein Irrtum aus? Und habe ich davon eine klare Vorstel- lung?
16. "If I know something, then I also know that I know it, etc." amounts to: "I know this" means "I am infallible here." But whether I am infallible must be objectively established.
18. »Ich weiß es« heißt oft: Ich habe die richtigen Gründe für meine Aussage. Wenn also der Andre das Sprachspiel kennt, so würde er zugeben, daß ich das weiß. Der Andre muß sich, wenner das Sprachspiel kennt, vorstellen können, wie man so etwas wissen kann.
17. Suppose I say "I am infallible in this being a book" while pointing to an object. What would a mistake look like here? And do I have a clear conception of it?
19. Die Aussage »Ich weiß, daß hier eine Hand ist« kann man also so fortsetzen, »es ist nämlich meine Hand, auf die ich schaue«. Dann wird ein vernünftiger Mensch nicht zweifeln, daß ich's weiß. Auch der Idealist nicht; sondern er wird sagen, um den praktischen Zweifel, der beseitigt ist, habe es sich ihm nicht gehandelt, es gebe aber noch einen Zweifel hinter diesem. - Daß dies eine Täuschung ist, mufi auf andre Weise gezeigt werden.
18. "I know it" often means: I have proper grounds for my statement. Thus, if the other understands the language-game, they would concede that I know this. The other must be able to imagine how one can know such a thing if they understand the language-game.
20. »Die Existenz der äußeren Welt bezweifeln« heißt ja nicht, z. B., die Existenz eines Planeten bezweifeln, welche spä- ter durch Beobachtung bewiesen wird. Oder will Moore sagen, das Wissen, hier sei seine Hand, ist von andrer Art als das, es gebe den Planeten Saturn? Sonst könnte man den Zweifelnden auf die Entdeckung des Planeten Saturn hinweisen und sagen, seine Existenz sei nachgewiesen worden, also auch die Existenz der außeren Welt.
19. The statement "I know that there is a hand here" can thus be continued: "for it is my hand that I am looking at." Then a reasonable person will not doubt that I know it. Not even the idealist; rather, they will say that their concern was not with the practical doubt, which has been eliminated, but with a doubt behind this. – That this is an illusion must be shown in another way.
21. Moores Ansicht läuft eigentlich darauf hinaus, der Begriff »wissen« sei den Begriffen »glauben«, »vermuten«, »zweifeln«, »überzeugt sein« darin analog, daß die Aussage »Ich weiß....« kein Irrtum sein könne. Und ist es so, dann kann aus einer Äußerung auf die Wahrheit einer Behauptung geschlossen wer- den. Und hier wird die Form »Ich glaubte zu wissen« übersehen. -Soll aber diese nicht zugelassen werden, dann muß ein Irrtum auch in der Behauptung logisch unmöglich sein. Und dies muß einsehen, wer das Sprachspiel kennt; die Versicherung des Glaubwürdigen, er wisse es, kann ihm dabei nicht helfen.
20. "Doubting the existence of the external world" does not mean, for example, doubting the existence of a planet later proven through observation. Or does Moore mean that the knowledge "Here is my hand" is of a different kind than that "The planet Saturn exists"? Otherwise, one could point the doubter to the discovery of Saturn and say its existence has been proven, hence so has the existence of the external world.
22. Es wäre doch merkwürdig, wenn wir dem Glaubwürdigen glauben müßten, der sagt Ich kann mich nicht irren; oder dem, der sagt Ich irre mich nicht.
21. Moore's view essentially amounts to the concept "know" being analogous to the concepts "believe," "suspect," "doubt," "be convinced" in that the assertion "I know..." cannot be an error. If so, then one could infer the truth of a claim from an utterance. Here, the form "I believed I knew" is overlooked. – But if this is not allowed, then even an error in the assertion must be logically impossible. And whoever understands the language-game must see this; the assurance from a credible person that they know it cannot help here.
23. Wenn ich nicht weiß, ob Einer zwei Hände hat (z. B., ob sie ihm amputiert worden sind oder nicht), werde ich ihm die Versi- cherung, er habe zwei Hände, glauben, wenn er glaubwürdig ist. Und sagt er, er wisse es, so kann mir das nur bedeuten, er habe sich davon überzeugen können, seine Arme seien also z. B. nicht noch von Decken und Verbänden verhüllt, etc., etc. Daß ich dem Glaubwürdigen hier glaube, kommt daher, daß ich ihm die Möglichkeit, sich zu überzeugen, zugestehe. Wer aber sagt, es gäbe (vielleicht) keine physikalischen Gegenstände, tut das nicht.
22. It would indeed be strange if we had to believe the credible person who says I cannot be mistaken; or the one who says I am not mistaken.
24. Die Frage des Idealisten wäre etwaso: Mit welchem Recht zweifle ich nicht an der Existenz meiner Hände? (Und darauf kann die Antwort nicht sein: Ich weiß, daß sie existieren.-) Wer aber so fragt, der übersieht, daß der Zweifel an einer Existenz nur in einem Sprachspiel wirkt. Daß man also erst fragen müsse: Wie sahe so ein Zweifel aus? und es nicht so ohne weiteres versteht.
23. If I do not know whether someone has two hands (e.g., whether they were amputated), I will believe their assurance that they have two hands if they are credible. And if they say they know it, this can only mean to me that they have been able to verify it – their arms were not, for example, still concealed by blankets and bandages, etc. That I believe the credible person here stems from granting them the possibility of verification. But whoever says there are (perhaps) no physical objects does not do this.
25. Auch darin, daß hier eine Hand ist, kann man sich irren. Nur unter bestimmten Umständen nicht. Auch in einer Rech- nung kann man sich irren nur unter gewissen Umständen nicht.
24. The idealist's question would be something like: By what right do I not doubt the existence of my hands? (And the answer cannot be: I know they exist.) But whoever asks this overlooks that doubt about existence only operates within a language-game. Thus, one must first ask: What would such a doubt look like? And this is not immediately understood.
26. Aber kann man aus einer Regel ersehen, unter welchen Umständen ein Irrtum in der Verwendung der Rechenregeln logisch ausgeschlossen ist?Was nützt uns so eine Regel? Könnten wir uns bei ihrer Anwendung nicht (wieder) irren?
25. One can also be mistaken in there being a hand here. Only under certain circumstances not. Even in a calculation one can be mistaken – only under specific circumstances not.
26. But can one infer from a rule under what circumstances an error in applying arithmetic rules is logically excluded? What use is such a rule to us? Could we not make mistakes (again) in applying it?
27. Wollte man aber dafür etwas Regelartiges angeben, so würde darin der Ausdruck «unter normalen Umständen» vor- kommen. Und die normalen Umstände erkennt man, aber man kann sie nicht genau beschreiben. Eher noch eine Reihe von abnormalen.
27. However, if one were to specify something rule-like here, the expression "under normal circumstances" would appear within it. And while one recognizes normal circumstances, they cannot be precisely described. Rather, one can describe a series of abnormal ones.
28. Was ist «eine Regel lernen»? - Das.
28. What is "learning a rule"? — This.
Was ist «einen Fehler in ihrer Anwendung machen»? - Das.
What is "making a mistake in its application"? — This.
Und auf was hier gewiesen wird, ist etwas Unbestimmtes.
And what is being pointed to here is something indeterminate.
29. Das Üben im Gebrauch der Regel zeigt auch, was ein Fehler in ihrer Verwendung ist.
29. Practice in using the rule also demonstrates what constitutes an error in its application.
30. Wenn Einer sich überzeugt hat, so sagt er dann: «Ja, die Rechnung stimmt», aber er hat das nicht aus dem Zustand seiner Gewißheit gefolgert. Man schließt nicht auf den Tatbestand aus der eigenen Gewißheit.
30. When someone has verified it, they then say, "Yes, the calculation is correct"—but they do not infer this fact from their state of certainty. One does not deduce the factual state from one's own certainty.
Die Gewißheit ist gleichsam ein Ton, in dem man den Tatbe- stand feststellt, aber man schließt nicht aus dem Ton darauf, daß er berechtigt ist.
Certainty is, as it were, the tone in which one asserts the fact—but one does not infer from this tone that the assertion is justified.
31. Die Sätze, zu denen man, wie gebannt, wieder und wieder zurückgelangt, möchte ich aus der philosophischen Sprache aus- merzen.32. Es handelt sich nicht darum, daß Moore wisse, es sei da eine Hand, sondern darum, daß wir ihn nicht verstünden, wenn er sagte »Ich mag mich natürlich darin irren«. Wir würden fragen: »Wie sähe denn so ein Irrtum aus?« z. B. die Entdek- kung aus, daß es ein Irrtum war?
31. The propositions to which one returns, as if spellbound, time and again—these I would eradicate from philosophical language.
33. Wir merzen also die Sätze aus, die uns nicht weiter bringen.
32. The issue is not whether Moore knows there is a hand there, but that we would not understand him if he said, "Of course, I might be mistaken about this." We would ask: "What would such a mistake look like?" For instance, would it resemble the discovery that it had been an error?
34. Wem man das Rechnen beibringt, wird dem auch beige- bracht, er könne sich auf eine Rechnung des Lehrers verlassen? Aber einmal müßten doch diese Erklärungen ein Ende haben. Wird ihm auch beigebracht, er könne sich auf seine Sinne ver- lassen weil man ihm allerdings in manchen Fällen sagt, man könne sich in dem und dem besonderen Fall nicht auf sie verlas sen?-
33. Thus, we eradicate the propositions that do not advance us further.
Regel und Ausnahme.
34. When teaching someone arithmetic, are they also taught that they can rely on a teacher’s calculation? But at some point, these explanations must come to an end. Are they also taught to trust their senses—given that in certain cases, they are told one cannot rely on them in this or that particular instance? —
35. Aber kann man sich nicht vorstellen, es gäbe keine physi- kalischen Gegenstände? Ich weiß nicht. Und doch ist »Es gibt physikalische Gegenstände« Unsinn. Soll es ein Satz der Erfah- rung sein? -
Rule and exception.
Und ist das ein Erfahrungssatz: »Es scheint physikalische Gegenstände zu geben«?
35. But can one not imagine that there are no physical objects? I do not know. Yet "There are physical objects" is nonsense. Is this supposed to be an empirical proposition? —
36. Die Belehrung »A ist ein physikalischer Gegenstand«- geben wir nur dem, der entweder noch nicht versteht, was »A«- bedeutet, oder was »physikalischer Gegenstand« bedeutet. Es ist also eine Belehrung über den Gebrauch von Worten und »physikalischer Gegenstand«, ein logischer Begriff. (Wie Farbe,Maß,...) Und darum läßt sich ein Satz Es gibt physikalische Gegenstände nicht bilden.
And is "There seem to be physical objects" an empirical proposition?
36. The instruction "A is a physical object" is given only to someone who does not yet understand what "A" means or what "physical object" means. It is thus instruction about the use of words, and "physical object" is a logical concept (like color, measurement...). Consequently, a proposition such as "There are physical objects" cannot be formulated.
Solchen verunglückten Versuchen begegnen wir aber auf Schritt und Tritt.
Yet we encounter such botched attempts at every turn.
37. Ist es aber eine genügende Antwort auf die Skepsis der Idealisten oder die Versicherungen der Realisten [zu sagen, daß der Satz] Es gibt physikalische Gegenstände. Unsinn ist? Für sie ist es doch nicht Unsinn. Eine Antwort wäre aber: diese Behauptung, oder ihr Gegenteil, sei ein fehlgegangener Versuch (etwas) auszudrücken, was so nicht auszudrücken ist. Und daß er fehlgeht, läßt sich zeigen; damit ist aber ihre Sache noch nicht erledigt. Man muß eben zur Einsicht kommen, daß das, was sich uns als erster Ausdruck einer Schwierigkeit oder ihrer Beantwor tung anbietet, noch ein ganz falscher Ausdruck sein mag. So wie der, welcher ein Bild mit Recht tadelt, zuerst oft da den Tadel anbringen wird, wo er nicht hingehört, und es eine Untersu- chang braucht, um den richtigen Angriffspunkt des Tadels zu finden.
37. But is it a sufficient response to the skepticism of idealists or the assurances of realists to say that the proposition "There are physical objects" is nonsense? For them, it is not nonsense. A better response would be: this assertion, or its opposite, is a misguided attempt to express something that cannot be expressed in this way. That it is misguided can be shown, but this does not settle their concern. One must realize that what initially presents itself as an expression of a difficulty or its resolution may still be entirely erroneous. Just as someone who rightly criticizes a painting might first direct their criticism to the wrong part of it, requiring investigation to find the correct point of critique.
38. Das Wissen in der Mathematik. Man muß sich hier immer wieder an die Unwichtigkeit eines inneren Vorgangs oder Zustands- erinnern und fragen Warum soll er wichtig sein? Was geht er mich an? Interessant ist es, wie wir die mathematischen Satze gebrauchen.
38. Knowledge in mathematics. Here, one must continually remind oneself of the unimportance of any inner process or state and ask: Why should it matter? What concern is it of mine? What is interesting is how we use mathematical propositions.
19. So rechnet man, unter solchen Umständen behandelt man cine Rechnung als unbedingt zuverlässig, als gewiß richtig.
39. This is how one calculates: under such circumstances, a calculation is treated as absolutely reliable, as certainly correct.
40. Auf ›Ich weiß, daß dort meine Hand ist‹ kann die Frage folgen ›Wie weißt du es?‹, und die Antwort darauf setzt voraus, daß dies so gewußt werden kann. Statt ›Ich weiß, daß dort meine Hand ist‹ könnte man also sagen ›Dort ist meine Hand‹ und hinzufügen, wie man es weiß.
40. To "I know that my hand is there," the question "How do you know?" can follow. The answer to this presupposes that it can be known in such a way. Instead of saying "I know that my hand is there," one could say "There is my hand" and add how one knows it.
41. ›Ich weiß, wo ich den Schmerz empfinde‹, ›Ich weiß, daß ich ihn da empfinde‹ ist so falsch wie: ›Ich weiß, daß ich Schmerzen habe‹. Richtig aber: ›Ich weiß, wo du meinen Arm berührt hast.‹
41. "I know where I feel pain," "I know that I feel it there," is as wrong as "I know I am in pain." Correct, however, is: "I know where you touched my arm."
42. Man kann sagen ›Er glaubt es, aber es ist nicht so‹, nicht aber ›Er weiß es, aber es ist nicht so‹. Kommt dies von der Verschiedenheit der Seelenzustände des Glaubens und des Wis- sens? Nein. – ›Seelenzustand‹ kann man etwa nennen, was sich im Ton der Rede, in der Gebärde etc. ausdrückt. Es wäre also möglich, von einem seelischen Zustand der Überzeugtheit zu reden; und der kann der gleiche sein, ob gewußt oder fälschlich geglaubt wird. Zu meinen, den Worten ›glauben‹ und ›wissen‹ müßten verschiedene Zustände entsprechen, wäre so, als glaubte man, dem Worte ›ich‹ und dem Namen ›Ludwig‹ müßten verschiedene Menschen entsprechen, weil die Begriffe verschie- den sind.
42. One can say "He believes it, but it is not so," but not "He knows it, but it is not so." Does this stem from a difference in the mental states of believing and knowing? No. — A "mental state" might refer to what is expressed in the tone of speech, in gestures, etc. Thus, one could speak of a mental state of conviction, which might be identical whether one knows or falsely believes. To assume that the words "believe" and "know" must correspond to different states would be like believing that the word "I" and the name "Ludwig" must correspond to different people because the concepts are distinct.
43. Was für ein Satz ist dies: ›Wir können uns in 12×12=144 nicht verrechnet haben‹? Es muß doch ein Satz der Logik sein. – Aber ist er nun nicht derselbe, oder kommt [er] auf das gleiche hinaus, wie die Feststellung 12×12=144?44. Forderst du eine Regel, aus der hervorgeht, daß man sich hier nicht könne verrechnet haben, so ist die Antwort, daß wir dies nicht durch eine Regel gelernt haben, sondern dadurch, daß wir rechnen lernten.
43. What kind of proposition is this: ›We cannot have miscalculated in 12×12=144‹? It must be a proposition of logic. – But is it not the same as, or equivalent to, the assertion 12×12=144?
45. Das Wesen des Rechnens haben wir beim Rechnenlernen kennengelernt.
44. If you demand a rule from which it follows that one cannot miscalculate here, the answer is that we did not learn this through a rule, but by learning to calculate.
46. Aber läßt sich denn nicht beschreiben, wie wir uns von der Verläßlichkeit einer Rechnung überzeugen? O doch! Aber eine Regel kommt dabei eben nicht zum Vorschein. Das wichtigste aber ist: Es braucht die Regel nicht. Es geht uns nichts ab. Wir rechnen nach einer Regel, das ist genug.
45. We came to know the essence of arithmetic through learning arithmetic.
47. So rechnet man. Und Rechnen ist dies. Das, was wir z. B. in der Schule lernen. Vergiß diese transzendente Sicherheit, die mit deinem Begriff des Geistes zusammenhängt.
46. But can we not describe how we verify the reliability of a calculation? Oh yes! But no rule emerges here. The crucial point is: The rule is not needed. Nothing is missing for us. We calculate according to a rule – that is enough.
48. Man könnte aber doch aus einer Menge von Rechnungen gewisse als ein für allemal zuverlässig, andre als noch nicht feststehend bezeichnen. Und ist das nun eine logische Unter- scheidung?
47. This is how one calculates. And calculating is this. What we learn in school, for example. Forget this transcendent certainty connected with your concept of mind.
49. Aber bedenk: auch wenn mir die Rechnung feststeht, ist es nur eine Entscheidung zu einem praktischen Zweck.
48. Yet one could designate certain calculations as definitively reliable and others as not yet settled. And is this now a logical distinction?
50. Wann sagt man, »Ich weiß, daß . . . . . . . . . .«? Wenn man die Rechnung geprüft hat.
49. But consider: even when a calculation is settled for me, it is only a decision for a practical purpose.
51. Was ist das für ein Satz: »Wie sähe denn hier ein Fehler aus!«? Es müßte ein logischer Satz sein. Aber es ist eine Logik, die nicht gebraucht wird, weil, was sie lehrt, nicht durch Sätze gelehrt wird. — Es ist ein logischer Satz, denn er beschreibt ja die begriffliche (sprachliche) Situation.
50. When does one say, ›I know that ...‹? When one has checked the calculation.
52. Diese Situation ist also nicht dieselbe für einen Satz wie »In dieser Entfernung von der Sonne existiert ein Planet« und »Hier ist eine Hand« (nämlich die meine). Man kann den zweiten keine Hypothese nennen. Aber es gibt keine scharfe Grenze zwischen ihnen.
51. What kind of proposition is: ›What would a mistake look like here!‹? It must be a logical proposition. But it is a logic that is not used because what it teaches is not taught through propositions. – It is a logical proposition, for it describes the conceptual (linguistic) situation.
53. Man könnte also Moore recht geben, wenn man ihn so deutet, daß ein Satz, der sagt, da sei ein physikalischer Gegenstand, eine ähnliche logische Stellung haben kann wie einer, der sagt, da sei ein roter Fleck.
52. Thus, this situation is not the same for a proposition like ›There exists a planet at this distance from the sun‹ and ›Here is a hand‹ (namely mine). One cannot call the latter a hypothesis. But there is no sharp boundary between them.
54. Es ist nämlich nicht wahr, daß der Irrtum vom Planeten zu meiner eigenen Hand nur immer unwahrscheinlicher werde. Sondern er ist an einer Stelle auch nicht mehr denkbar.
53. One could therefore grant Moore his point if interpreting him as holding that a proposition asserting the existence of a physical object can occupy a logical position similar to one asserting the existence of a red patch.
Darauf deutet schon, daß es sonst auch denkbar sein müßte, daß wir uns in jeder Aussage über physikalische Gegenstände irrten, daß alle, die wir je machen, falsch sind.55. Ist also die Hypothese möglich, daß es alle die Dinge in unserer Umgebung nicht gibt? Wäre sie nicht wie die, daß wir uns in alien Rechnungen verrechnet haben?
54. For it is not true that the possibility of error merely becomes increasingly improbable from planets to my own hand. At a certain point, it becomes inconceivable.
56. Wenn man sagt Vielleicht gibt es diesen Planeten nicht und die Lichterscheinung kommt anders zustande, so braucht man doch ein Beispiel eines Gegenstandes, den es gibt. Es gibt ihn nicht, wie z. B....
55. Is the hypothesis possible that all these objects in our surroundings do not exist? Would it not resemble the hypothesis that we have miscalculated in every calculation?
Oder soll man sagen, daß die Sicherheit nur ein konstruierter Punkt ist, dem sich manches mehr, manches weniger nähert? Nein. Der Zweifel verliert nach und nach seinen Sinn. So ist eben dieses Sprachspiel.
56. When one says ›Perhaps this planet does not exist and the light phenomenon arises differently‹, one still needs an example of an object that does exist. It does not exist as, for example...
Und zur Logik gehört alles, was ein Sprachspiel beschreibt.
Or should one say that certainty is merely a constructed point to which some things approximate more closely, others less? No. Doubt gradually loses its meaning. Such is this language-game.
57. Könnte nun Ich weiß, ich vermute nicht nur, daß hier meine Hand ist, könnte das nicht als grammatischer Satz aufge- faßt werden? Also nicht temporal. -
57. Could ›I know, I do not merely suspect, that this is my hand‹ be understood as a grammatical proposition? Hence not temporal. –
Aber ist er dann nicht wie der: Ich weiß, ich vermute nicht nur, daßß ich Rot sehe?
58. But then is it not like: ›I know, I do not merely suspect, that I see red‹?
Und ist die Konsequenz Also gibt es physikalische Gegen- stände nicht wie die Also gibt es Farben?
59. And is the conclusion ›Therefore physical objects exist‹ like ›Therefore colors exist‹?
18. Wird Ich weiß etc. als grammatischer Satz aufgefafit, so kann natürlich das Ich nicht wichtig sein. Und es heifit eigent- lich-Es gibt in diesem Falle keinen Zweifel oder Das Wort Ich weiß nicht hat in diesem Falle keinen Sinn. Und daraus folgt freilich auch, daß Ich weiß keinen hat.
18. If ›I know‹ etc. is understood as a grammatical proposition, then of course the ›I‹ cannot be significant. Properly speaking, it means: ›In this case there is no doubt‹ or ›The phrase "I do not know" has no meaning here‹. From which it follows, of course, that ›I know‹ has none either.
19. Ich weiß ist hier eine logische Einsicht. Nur läßt sich der Realismus nicht durch sie beweisen.
19. ›I know‹ here expresses a logical insight. Yet realism cannot be proven through it.
60. Es ist falsch zu sagen, daß die ›Hypotheses‹, dies sei ein Stück Papier, durch spätere Erfahrung bestätigt oder entkräftet würde, und daß, in ›Ich weiß, daß das ein Stück Papier ist‹, das ›Ich weiß‹ sich entweder auf eine solche Hypothese bezieht oder auf eine logische Bestimmung.
60. It is wrong to say that the ›hypothesis‹ that this is a piece of paper is confirmed or refuted by later experience, and that in ›I know this is a piece of paper‹, the ›I know‹ refers either to such a hypothesis or to a logical determination.
61.... Eine Bedeutung eines Wortes ist eine Art seiner Verwendung.
61. ... A meaning of a word is a mode of its use.
Denn sie ist das, was wir erlernen, wenn das Wort zuerst unserer Sprache einverleibt wird.
For it is what we learn when the word is first incorporated into our language.
61. Darum besteht eine Entsprechung zwischen den Begriffen ›Bedeutung‹ und ›Regel‹.
62. Hence there is a correspondence between the concepts ›meaning‹ and ›rule‹.
63. Stellen wir uns die Tatsachen anders vor als sie sind, so verlieren gewisse Sprachspiele an Wichtigkeit, andere werden wichtig. Und so ändert sich, und zwar allmählich, der Gebrauch des Vokabulars der Sprache.
63. If we imagine facts differently than they are, certain language-games lose importance while others gain it. Thus, the use of language's vocabulary changes – gradually.
64. Die Bedeutung eines Worts vergleiche mit der ›Funktion‹ eines Beamten. Und ›verschiedene Bedeutungen‹ mit ›verschiedenen Funktionen‹.
64. Compare the meaning of a word with the ›function‹ of an official. And ›different meanings‹ with ›different functions‹.
65. Wenn sich die Sprachspiele ändern, ändern sich die Begriffe, und mit den Begriffen die Bedeutungen der Wörter.
65. When language-games change, concepts change, and with the concepts, the meanings of words.
66. Ich mache Behauptungen die Wirklichkeit betreffend mit verschiedenen Graden der Sicherheit. Wie zeigt sich der Grad der Sicherheit? Welche Konsequenzen hat er?
66. I make assertions about reality with varying degrees of certainty. How does the degree of certainty manifest itself? What consequences does it entail?
Es kann sich z. B. um Sicherheit des Gedächtnisses oder der Wahrnehmung handein. Ich mag meiner Sache sicher sein, aber wissen, welche Prüfung mich eines Irrtums überweisen könnte. Ich bin z. B. der Jahreszahl einer Schlacht ganz sicher, sollte ich aber in einem bekannten Geschichtswerk eine andere Jahreszahl finden, so würde ich meine Ansicht ändern und würde dadurch nicht an allem Urteilen irre werden.
It may concern certainty of memory or perception. I might be sure of my claim yet know what test could expose an error. For instance, I am entirely certain of a battle's date, but should I find a different date in a reputable history book, I would revise my view without thereby losing faith in all judgment.
67. Könnten wir uns einen Menschen vorstellen, der sich dort immer wieder irrt, wo wir einen Irrtum für ausgeschlossen halten und ihm auch nicht begegnen?
67. Could we imagine a person who consistently errs where we consider error impossible and never encounter it?
Er sagt z. B. mit derselben Sicherheit (und allen ihrer Zeichen) wie ich, er wohne dort und dort, sei soundso alt, komme von der und der Stadt, etc., irrt sich aber.
For example, he states with the same certainty (and all its accompanying signs) as I do that he lives at such-and-such address, is of a certain age, comes from a particular city, etc., yet is mistaken.
Wie aber verhält er sich dann zu diesem Irrtum? Was soll ich annehmen?
But how would he relate to this error? What am I to assume?
68. Die Frage ist: Was soll der Logiker hier sagen?
68. The question is: What should the logician say here?
69. Ich möchte sagen: Wenn ich mich darin irre, so habe ich keine Gewähr, daß irgend etwas, was ich sage, wahr ist. Aber ein Andrer wird das darum nicht von mir sagen, noch ich von einem Andern.
69. I want to say: If I am mistaken in this, I have no guarantee that anything I say is true. Yet others would not say this of me, nor I of others.
70. Ich habe seit Monaten an der Adresse A gewohnt, den Straßennamen und die Hausnummer unzählige Male gelesen, unzählige Briefe hier erhalten und unzähligen Leuten dieAdresse gegeben. Irre ich mich darin, so ist dieser Irrtum kaum geringer, als wenn ich (fälschlich) glaubte, ich schriebe Chine- sisch und nicht Deutsch.
70. For months I have lived at address A, read the street name and house number countless times, received countless letters here, and given the address to countless people. If I am mistaken about this, the error is scarcely less significant than if I (falsely) believed I were writing Chinese instead of German.
71. Wenn mein Freund sich eines Tages einbildete, seit lan- gem da und da gelebt zu haben, etc. etc., so würde ich das keinen Irrtum nennen, sondern eine, vielleicht vorübergehende, Gei- stesstörung.
71. If my friend one day fancied having lived at such-and-such place for a long time, etc., I would call this not an error but a perhaps temporary mental disturbance.
72. Nicht jeder fälschliche Glaube dieser Art ist ein Irrtum.
72. Not every false belief of this kind is an error.
73. Was aber ist der Unterschied zwischen Irrtum und Gei- stesstörung? Oder wie unterscheidet es sich, wenn ich etwas als Irrtum und als Geistesstörung behandle?
73. But what distinguishes error from mental disturbance? Or how does treating something as an error differ from treating it as mental disturbance?
74. Kann man sagen: Ein Irrtum hat nicht nur eine Ursache, sondern auch einen Grund? D.h. ungefähr: er läßt sich in das richtige Wissen des Irrenden einordnen.
74. Can one say: An error has not only a cause but also a reason? That is roughly: it can be integrated into the correct knowledge of the erring person.
75. Wäre dies richtig: Wenn ich bloß fälschlich glaubte, daß hier vor mir ein Tisch steht, so könnte das noch ein Irrtum sein; wenn ich aber fälschlich glaube, daß ich diesen oder einen sol- chen Tisch seit mehreren Monaten täglich gesehen und ständig benützt habe, so ist das kein Irrtum?
75. Would this be correct: If I merely falsely believed that a table stands before me here, this could still be an error; but if I falsely believe that I have seen and used this or such a table daily for months, this is no longer an error?
76. Mein Ziel muß es natürlich sein, anzugeben, welche Aus- sagen man hier machen möchte, aber nicht sinnvoll machen kann.
76. My goal must naturally be to specify which statements one might wish to make here but cannot meaningfully assert.
77. Ich werde eine Multiplikation zur Sicherheit vielleicht zweimal rechnen, vielleicht sie von einem Andern nachrechnen lassen. Aber werde ich sie zwanzigmal nachrechneh oder sie von zwanzig Leuten nachrechnen lassen? Und ist das eine gewisse Fahrlässigkeit? Wäre die Sicherheit bei zwanzigfacher Nachprü fung wirklich größer?!
77. To verify a multiplication, I might calculate it twice or have another person check it. But would I calculate it twenty times or have twenty people check it? Is this a form of negligence? Would twentyfold verification truly yield greater certainty?!
78. Und kann ich dafür einen Grund angeben, dalß sie's nicht ist?
78. And can I provide a reason that it does not?
79. Daß ich ein Mann und keine Frau bin, kann verifiziert werden, aber wenn ich sagte, ich sei eine Frau, und den Irrtum damit erklären wollte, daß ich die Aussage nicht geprüft habe, würde man die Erklärung nicht gelten lassen.
79. That I am male and not female can be verified, but if I claimed to be female and tried to explain the error by saying I had not verified the statement, this explanation would not be accepted.
80. Man prüft an der Wahrheit meiner Aussagen mein Ver- ständnis dieser Aussagen.
80. The truth of my statements tests my understanding of them.
81. D.h.: wenn ich gewisse falsche Aussagen mache, wird es dadurch unsicher, ob ich sie verstehe.82. Was als ausreichende Prüfung einer Aussage gilt, gehört zur Logik. Es gehört zur Beschreibung des Sprachspiels.
81. That is: if I make certain false statements, it becomes uncertain whether I understand them.
83. Die Wahrheit gewisser Erfahrungssätze gehört zu unserm Bezugssystem.
82. What counts as sufficient verification of a statement belongs to logic. It is part of the description of the language-game.
84. Moore sagt, er wisse, daß die Erde lange vor seiner Geburt existiert habe. Und so ausgedrückt scheint es eine Aussage über seine Person zu sein, wenn es auch außerdem eine Aussage über die physikalische Welt ist. Es ist nun philosophisch uninteres sant, ob Moore dies oder jenes weiß, aber interessant, daß und wie es gewußt werden kann. Hätte Moore uns mitgeteilt, er wisse die Entfernung gewisser Sterne voneinander, so könnten wir daraus schließen, daß er besondere Untersuchungen ange- stellt habe, und wir werden nun erfahren wollen, welche Unter- suchungen. Aber Moore wählt gerade einen Fall, in dem wir Alle zu wissen scheinen, was er weiß, und ohne sagen zu können, wie. Ich glaube z. B. ebensoviel von dieser Sache (der Existenz der Erde) zu wissen wie Moore, und wenn er weiß, daß es sich so verhält, wie er sagt, so weiß ich's auch. Denn es ist auch nicht so, als hätte er seinen Satz auf einem Gedankenweg erreicht, der mir zwar zugänglich, aber von mir nicht begangen worden ist.
83. The truth of certain empirical propositions belongs to our system of reference.
85. Und was gehört nun dazu, daß Einer dies wisse? Kenntnis der Geschichte etwa? Er muß wissen, was es heifit: die Erde habe schon soundso lange existiert. Denn das muß nicht jeder Erwachsene und Gescheite wissen. Wir sehen Menschen Häuser bauen und zerstören und werden zu der Frage geleitet Wie lange steht dieses Haus schon?. Aber wie kommt man darauf, dies von einem Berg, z. B., zu fragen? Und haben denn alle Menschen den Begriff die Erde als einen Körper, der entstehen und verge- hen kann? Warum soll ich mir nicht die Erde als flach, aber injeder Richtung (auch der Tiefe) ohne Ende denken? Aber dann könnte man immerhin sagen »Ich weiß, daß dieser Berg lange vor meiner Geburt existiert hat.« – Wie aber, wenn ich einen Men- schen träfe, der dies nicht glaubt?
84. Moore says he knows the Earth existed long before his birth. Expressed thus, it seems a statement about his person, though it is also a statement about the physical world. Philosophically, it is uninteresting whether Moore knows this or that, but interesting that and how it can be known. Had Moore informed us he knew the distance between certain stars, we could infer he had conducted special investigations and would now seek to learn what those were. Yet Moore selects precisely a case where we all seem to know what he knows, without being able to say how. I believe I know as much about this matter (the Earth's existence) as Moore, and if he knows it is as he says, then I know it too. For it is not as though he arrived at his proposition via a line of thought accessible to me but not traversed by me.
85. And what now constitutes someone knowing this? Knowledge of history perhaps? He must know what it means that the Earth has existed for such-and-such a length of time. For not every intelligent adult needs to know this. We see people build and destroy houses and are led to ask: How long has this house stood here? But how does one come to ask this about a mountain, for example? And do all people have the concept of the Earth as a body that can come into being and pass away? Why shouldn’t I imagine the Earth as flat but extending endlessly in every direction (including depth)? Even then, one could still say: "I know this mountain existed long before my birth." — But what if I encountered someone who did not believe this?
86. Wie, wenn man in Moores Sätzen »Ich weiß« durch »Ich bin der unerschütterlichen Überzeugung« ersetzte?
86. What if we replaced "I know" in Moore’s propositions with "I am unshakably convinced"?
87. Kann ein Behauptungssatz, der als Hypothese funktionie- ren könnte, nicht auch als ein Grundsatz des Forschens und Handelns gebraucht werden? D.h. kann er nicht einfach dem Zweifel entzogen sein, wenn auch nicht einer ausgesprochenen Regel gemäß? Er wird einfach als eine Selbstverständlichkeit hingenommen, nie in Frage gezogen, ja vielleicht nie ausgespro- chen.
87. Can a declarative sentence that could function as a hypothesis not also be used as a foundational principle of inquiry and action? That is, might it not simply be exempt from doubt, even if not in accordance with an explicitly stated rule? It is simply taken as a matter of course, never called into question, perhaps never even articulated.
88. Es kann z. B. sein, daß unser ganzes Forschen so eingestellt ist, daß dadurch gewisse Sätze, wenn sie je ausgesprochen wer- den, abseits allen Zweifels stehen. Sie liegen abseits von der Straße, auf der sich das Forschen bewegt.
88. For instance, it may be that the entire orientation of our inquiry ensures that certain propositions, if ever stated, stand beyond all doubt. They lie off the road along which inquiry moves.
89. Man möchte sagen: »Alles spricht dafür und nichts dage- gen, daß die Erde lange vor meiner Geburt...«
89. One might say: "Everything speaks in favor and nothing against the Earth having existed long before my birth..."
Aber könnte ich nicht doch das Gegenteil glauben? Aber die Frage ist: wie würde sich dieser Glaube praktisch betätigen? – Vielleicht sagt Einer: »Darauf kommt's nicht an. Ein Glaube ist, was er ist, ob er sich praktisch betätigt oder nicht.« Man denkt sich: Er ist allemal die gleiche Einstellung des menschlichen Geistes.
But could I not still believe the contrary? The question is: How would this belief manifest itself in practice? — Perhaps someone says: "That’s irrelevant. A belief remains what it is, whether it is acted upon or not." One imagines: It is always the same disposition of the human mind.
90. »Ich weiß« hat eine primitive Bedeutung, ähnlich und verwandt der von »Ich sehe«. (»Wissen«, »videre«.) Und »Ich wußte, daß er im Zimmer war, aber er war nicht im Zimmer« ist ähnlich wie »Ich sah ihn im Zimmer, aber er war nicht da«. »Ich weiß« soll eine Beziehung ausdrücken, nicht zwischen mir und einem Satzsinn (wie »Ich glaube«), sondern zwischen mir und einer Tatsache. So daß die Tatsache in mein Bewußtsein aufge- nommen wird. (Hier ist auch der Grund, warum man sagen will, man wisse eigentlich nicht, was in der Außenwelt, sondern nur, was im Reich der sogenannten Sinnesdaten geschieht.) Ein Bild des Wissens wäre dann das Wahrnehmen eines äußern Vorgangs durch Sehstrahlen, die ihn, wie er ist, ins Auge und Bewußtsein projizieren. Nur ist sofort die Frage, ob man denn dieser Projek- tion auch sicher sein könne. Und dieses Bild zeigt zwar die Vorstellung, die wir uns vom Wissen machen, aber nicht eigent- lich, was ihr zugrunde liegt.
90. "I know" has a primitive meaning, similar and related to that of "I see" ("knowing," videre). And "I knew he was in the room, but he wasn’t" is akin to "I saw him in the room, but he wasn’t there." "I know" is meant to express a relation not between me and a proposition (as in "I believe"), but between me and a fact. Thus, the fact is incorporated into my consciousness. (Here lies the reason why one is tempted to say that we do not truly know what happens in the external world, only in the realm of so-called sense-data.) A picture of knowledge might be the perception of an external process through rays of sight that project it, as it is, into the eye and consciousness. But this immediately raises the question: Can we even be certain of this projection? While this image illustrates our conception of knowledge, it does not reveal what underlies it.
91. Wenn Moore sagt, er wisse, daß die Erde existiert habe etc., so werden ihm die meisten von uns darin recht geben, daß sie so lange existiert hat, und ihm auch glauben, daß er davon überzeugt ist. Aber hat er auch den richtigen Grund zu seiner Überzeugung? Denn, wenn nicht, so weiß er es doch nicht (Russell).
91. When Moore says he knows the Earth has existed, etc., most of us will agree with him about its duration and believe he is convinced of it. But does he also have proper grounds for his conviction? For if not, then he does not truly know it (Russell).
92. Man kann aber fragen: »Kann Einer einen triftigen Grund haben zu glauben, die Erde existiere erst seit kurzem, erwa erst seit seiner Geburt?« Angenommen, es wäre ihm immer so gesagt worden, hätte er einen guten Grund, es zu bezweifeln? Menschen haben geglaubt, sie könnten Regen machen; warum sollte ein König nicht in dem Glauben erzogen werden, mit ihm habe die Welt begonnen? Und wenn nun Moore und dieser König zusammenkämen und diskutierten, könnte Moore wirk- lich seinen Glauben als den richtigen erweisen? Ich sage nicht, daß Moore den König nicht zu seiner Anschauung bekehrenkönnte, aber es wäre eine Bekehrung besonderer Art: der König würde dazu gebracht, die Welt anders zu betrachten.
92. Yet one can ask: "Can someone have a cogent reason to believe the Earth has existed only briefly, say since their birth?" Suppose they had always been told this — would they have good grounds to doubt it? People have believed they could make rain; why shouldn’t a king be raised to believe the world began with him? If Moore and this king were to meet and debate, could Moore truly prove his belief to be correct? I do not say Moore could not convert the king to his view, but it would be a conversion of a special kind: the king would be led to regard the world differently.
Bedenke, daß man von der Richtigkeit einer Anschauung manchmal durch ihre Einfachheit oder Symmetrie überzeugt wird, d.h.: dazu gebracht wird, zu dieser Anschauung überzu- gehen. Man sagt dann etwa einfach: So muß es sein.
Consider that one is sometimes persuaded of a view’s correctness by its simplicity or symmetry — that is, induced to adopt it. One might then simply say: "This is how it must be."
93. Die Sätze, die darstellen, was Moore weiß, sind alle soicher Art, daß man sich schwer vorstellen kann, warum Einer das Gegenteil glauben sollte. Z. B. der Satz, daß Moore sein ganzes Leben in geringer Entfernung von der Erde verbracht hat. -Wieder kann ich hier von mir selber statt von Moore reden. Was könnte mich dazu bringen, das Gegenteil davon zu glauben? Entweder eine Erinnerung, oder daß es mir gesagt wurde. Alles, was ich gesehen oder gehört habe, macht mich der Über- zeugung, daß kein Mensch sich je weit von der Erde entfernt hat. Nichts spricht in meinem Weltbild für das Gegenteil.
93. The propositions expressing what Moore knows are all such that it is hard to imagine why anyone would believe the contrary. Take the proposition that Moore has spent his entire life near the Earth. — Here I could speak of myself instead of Moore. What could make me believe the opposite? Either a memory or being told so. Everything I have seen or heard confirms my conviction that no human has ever been far from the Earth. Nothing in my worldview supports the contrary.
94. Aber mein Weltbild habe ich nicht, weil ich mich von seiner Richtigkeit überzeugt habe; auch nicht, weil ich von seiner Richtigkeit überzeugt bin. Sondern es ist der überkommene Hintergrund, auf welchem ich zwischen wahr und falsch unter- scheide.
94. Yet I do not hold my worldview because I have verified its correctness; nor am I convinced of its correctness. Rather, it is the inherited background against which I distinguish between true and false.
95. Die Sätze, die dies Weltbild beschreiben, könnten zu einer Art Mythologie gehören. Und ihre Rolle ist ähnlich der von Spielregeln, und das Spiel kann man auch rein praktisch, ohne ausgesprochene Regeln, lernen.96. Man könnte sich vorstellen, daß gewisse Sätze von der Form der Erfahrungssätze erstarrt wären und als Leitung für die nicht erstarrten, flüssigen Erfahrungssätze funktionierten; und daß sich dies Verhältnis mit der Zeit änderte, indem flüssige Sätze erstarrten und feste flüssig würden.
95. The propositions that describe this worldview could belong to a kind of mythology. Their role is akin to that of rules of a game, and the game can also be learned purely practically, without explicit rules.
97. Die Mythologie kann wieder in Fluß geraten, das Flußbett der Gedanken sich verschieben. Aber ich unterscheide zwischen der Bewegung des Wassers im Flußbett und der Verschiebung dieses; obwohl es eine scharfe Trennung der beiden nicht gibt.
96. One could imagine that certain propositions having the form of empirical propositions had solidified and functioned as channels for non-solidified, fluid empirical propositions; and that this relationship changed over time, with fluid propositions solidifying and solid ones becoming fluid.
98. Wenn aber Einer sagte Also ist auch die Logik eine Erfahrungswissenschaft, so hätte er unrecht. Aber dies ist rich- tig, dafß der gleiche Satz einmal als von der Erfahrung zu prüfen, einmal als Regel der Prüfung behandelt werden kann.
97. Mythology may flow back into motion; the riverbed of thoughts may shift. Yet I distinguish between the movement of water within the riverbed and the shifting of the riverbed itself—though there is no sharp division between the two.
99. Ja, das Ufer jenes Flusses besteht zum Teil aus hartem Gestein, das keiner oder einer unmerkbaren Änderung unter- liegt, und teils aus Sand, der bald hier bald dort weg- und angeschwemmt wird.
98. But if someone said, "Then logic too is an empirical science," they would be wrong. Yet this is correct: the same proposition can be treated at one time as something to be tested by experience, and at another as a rule for testing.
100. Die Wahrheiten, von denen Moore sagt, er wisse sie, sind solche, die, beiläufig gesprochen, wir Alle wissen, wenn er sie weiß.
99. Indeed, the bank of that river consists partly of hard rock, subject to no or imperceptible alteration, and partly of sand, now washed away here, now deposited there.
101. 50 ein Satz könnte z. B. sein: Mein Körper ist nie ver- schwunden und nach einiger Zeit wieder aufgetaucht..
100. The truths that Moore says he knows are ones that, roughly speaking, all of us know if he knows them.
102. Könnte ich nicht glauben, daß ich einmal, ohne es zu wissen, etwa im bewußtlosen Zustand, weit von der Erde ent- fernt war, ja, daß Andre dies wissen, es mir aber nicht sagen? Aber dies würde gar nicht zu meinen übrigen Überzeugungen passen. Nicht, als ob ich das System dieser Überzeugungen beschreiben könnte. Aber meine Überzeugungen bilden ein System, ein Gebäude.
101. For example, a proposition might be: "My body has never vanished and reappeared after some time."
102. Could I not believe that once, without knowing it—perhaps in a state of unconsciousness—I was far removed from the earth, and that others know this but do not tell me? Yet this would not cohere with my other convictions. Not that I could describe the system of these convictions. But my convictions form a system, a structure.
103. Und wenn ich nun sagte Es ist meine unerschütterliche Überzeugung, daß etc., so heißt das in unserm Falle auch, daß ich nicht bewußt durch bestimmte Gedankengänge zu der Über- zeugung gelangt bin, sondern, daß sie solchermaßen in allen meinen Fragen und Antworten verankert ist, daß ich nicht an sie rühren kann.
103. And if I now say, "It is my unshakable conviction that etc.," this in our case also means that I have not arrived at this conviction consciously through specific trains of thought, but that it is anchored so deeply in all my questions and answers that I cannot touch it.
104. Ich bin z. B. auch davon überzeugt, daß die Sonne kein Loch im Himmelsgewölbe ist.
104. For instance, I am also convinced that the sun is not a hole in the celestial vault.
105. Alle Prüfung, alles Bekräften und Entkräften einer Annahme geschieht schon innerhalb eines Systems. Und zwar ist dies System nicht ein mehr oder weniger willkürlicher und zwei- felhafter Anfangspunkt aller unsrer Argumente, sondern es gehört zum Wesen dessen, was wir ein Argument nennen. Das System ist nicht so sehr der Ausgangspunkt, als das Lebensele- ment der Argumente.
105. All testing, all confirmation and disconfirmation of a hypothesis, takes place already within a system. And this system is not a more or less arbitrary and doubtful starting point for all our arguments; rather, it belongs to the essence of what we call an argument. The system is not so much the point of departure as the vital element of arguments.
106. Ein Erwachsener hätte einem Kind erzählt, er wäre auf dem Mond gewesen. Das Kind erzählt mir das, und ich sage, es sei nur ein Scherz gewesen, Soundso sei nicht auf dem Mond gewesen; niemand sei auf dem Mond gewesen; der Mond seiweit, weit von uns entfernt, und man könnte nicht hinaufsteigen oder hinfliegen. - Wenn nun das Kind darauf beharrte: es gebe vielleicht doch eine Art, wie man hinkommen könne, und sie sei mir nur nicht bekannt, etc. was könnte ich erwidern? Was könnte ich Erwachsenen eines Volksstamms erwidern, die glau- ben, Leute kämen manchmal auf den Mond (vielleicht deuten sie ihre Träume so), und die allerdings zugeben, man könnte nicht mit gewöhnlichen Mitteln hinaufsteigen oder hinfliegen? Ein Kind wird aber für gewöhnlich nicht an so einem Glauben fest- halten und bald von dem überzeugt werden, was wir ihm im Ernst sagen.
107. Ist dies nicht ganz so, wie man einem Kind den Glauben an einen Gott, oder dafß es keinen Gott gibt, beibringen kann, und es je nachdem für das eine oder andere triftig scheinende Gründe wird vorbringen können?
106. Suppose an adult told a child he had been on the moon. The child tells me this, and I say it was just a joke—so-and-so hasn’t been on the moon; no one has ever been on the moon; the moon is far, far away, and no one could climb or fly there. — If the child then insisted there might be some way to get there unknown to me, etc., what could I reply? What could I say to adults of a tribe who believe people sometimes go to the moon (perhaps interpreting their dreams thus), though they admit one cannot ascend there by ordinary means? A child, however, will not ordinarily cling to such a belief and will soon be convinced by what we tell it in earnest.
108. Aber gibt es denn da keine objektive Wahrheit? Ist es nicht wahr, oder aber falsch, daß jemand auf dem Mond war?
107. Is this not exactly like teaching a child to believe in a god or that there is no god, and depending on which, it will be able to produce apparently cogent reasons for one or the other?
Wenn wir in unserm System denken, so ist es gewiß, daß kein Mensch je auf dem Mond war. Nicht nur ist uns so etwas nie im Ernst von vernünftigen Leuten berichtet worden, sondern unser ganzes System der Physik verbietet uns, es zu glauben. Denn dies verlangt Antworten auf die Fragen: Wie hat er die Schwerkraft überwunden?, Wie konnte er ohne Atmosphäre leben? und tausend andere, die nicht zu beantworten wären. Wie aber, wenn uns statt allen diesen Antworten entgegnet würde: Wir wissen nicht, wie man auf den Mond kommt, aber die dorthin kommen, erkennen sofort, daß sie dort sind; und auch du kannst ja nicht alles erklären. Von Einem, der dies sagte, würden wir uns geistig sehr entfernt fühlen.
108. But is there no objective truth here? Is it not true or false that someone has been on the moon?
109. Ein Erfahrungssatz läßt sich prüfen (sagen wir). Aber wie? und wodurch?
109. An empirical proposition can be tested (let us say). But how? By what?
110. Was gilt als seine Prüfung? Aber ist dies eine ausrei- chende Prüfung? Und, wenn ja, muß sie nicht in der Logik als solche erkannt werden? - Als ob die Begründung nicht einmal zu Ende käme. Aber das Ende ist nicht die unbegründete Vor- aussetzung, sondern die unbegründete Handlungsweise.
110. What counts as its test? But is this a sufficient test? And if so, must it not be recognized as such in logic? — As if the justification might never come to an end. But the end is not an ungrounded presupposition but an ungrounded way of acting.
111. Ich weiß, daß ich nie auf dem Mond war. Das klingt ganz anders unter den tatsächlichen Umständen, als es klänge, wenn manche Menschen auf dem Mond gewesen wären und vielleicht mancher, ohne es selbst zu wissen. In diesem Falle könnte man Gründe für dies Wissen angeben. Ist hier nicht ein ähnliches Verhältnis, wie zwischen der allgemeinen Regel des Multiplizierens und gewissen ausgeführten Multiplikationen? Ich will sagen: Daß ich nicht auf dem Mond gewesen bin, steht für mich ebenso fest, wie irgendeine Begründung dafür festste- hen kann.
111. I know that I have never been on the moon. This sounds entirely different under actual circumstances than it would if some people had been to the moon and perhaps some without knowing it. In that case, one could give grounds for this knowledge. Is there not here a relation similar to that between the general rule of multiplication and particular multiplications carried out? I want to say: That I have never been on the moon is as certain for me as any grounds for such certainty could be.
112. Und ist [es] nicht das, was Moore sagen will, wenn er sagt, er wisse alle jene Dinge? Aber handelt sich's wirklich darum, daß er's weiß, und nicht darum, daß gewisse dieser Sätze für uns feststehen müssen?
112. And is this not what Moore wants to say when he claims to know all those things? But is it really about his knowing them, and not about the fact that certain propositions must stand fast for us?
113. Wenn Einer uns Mathematik lehren will, wird er nicht damit anfangen, uns zu versichern, er wisse, daß a+b=b+a ist.
113. If someone were to teach us mathematics, they would not begin by assuring us that they know that a + b = b + a.
114. Wer keiner Tatsache gewifß ist, der kann auch des Sinnes seiner Worte nicht gewiß sein.
109. Ein Erfahrungssatz läßt sich prüfen (sagen wir). Aber wie? und wodurch?
110. Was gilt als seine Prüfung? Aber ist dies eine ausrei- chende Prüfung? Und, wenn ja, muß sie nicht in der Logik als solche erkannt werden? - Als ob die Begründung nicht einmal zu Ende käme. Aber das Ende ist nicht die unbegründete Vor- aussetzung, sondern die unbegründete Handlungsweise.
111. Ich weiß, daß ich nie auf dem Mond war. Das klingt ganz anders unter den tatsächlichen Umständen, als es klänge, wenn manche Menschen auf dem Mond gewesen wären und vielleicht mancher, ohne es selbst zu wissen. In diesem Falle könnte man Gründe für dies Wissen angeben. Ist hier nicht ein ähnliches Verhältnis, wie zwischen der allgemeinen Regel des Multiplizierens und gewissen ausgeführten Multiplikationen? Ich will sagen: Daß ich nicht auf dem Mond gewesen bin, steht für mich ebenso fest, wie irgendeine Begründung dafür festste- hen kann.
112. Und ist [es] nicht das, was Moore sagen will, wenn er sagt, er wisse alle jene Dinge? Aber handelt sich's wirklich darum, daß er's weiß, und nicht darum, daß gewisse dieser Sätze für uns feststehen müssen?
113. Wenn Einer uns Mathematik lehren will, wird er nicht damit anfangen, uns zu versichern, er wisse, daß a+b=b+a ist.
114. Whoever is not certain of any fact cannot be certain of the sense of their words either.
115. Wer an allem zweifeln wollte, der würde auch nicht bis zum Zweifel kommen. Das Spiel des Zweifelns selbst setzt schon die Gewißheit voraus.
115. If someone wanted to doubt everything, they would not even arrive at doubting. The game of doubting itself already presupposes certainty.
116. Hatte Moore, statt »Ich weiß...«, nicht sagen können »Es steht für mich fest, daß...? Ja auch: »Es steht für mich und viele Andre fest....«
116. Could Moore not have said, instead of "I know...", "It stands fast for me that..."? Indeed even: "It stands fast for me and many others that..."
117. Warum ist es mir nicht möglich, daran zu zweifeln, daß ich nie auf dem Mond war? Und wie könnte ich versuchen, es zu tun?
117. Why is it impossible for me to doubt that I have never been on the moon? And how could I attempt to do so?
Vor allem schiene mir die Annahme, vielleicht sei ich doch dort gewesen, müßig. Nichts würde daraus folgen, dadurch erklärt werden. Sie hinge mit nichts in meinem Leben zu- sammen.
First and foremost, the assumption that perhaps I was there after all would seem idle. Nothing would follow from it, nothing be explained by it. It would have no connection with anything in my life.
Wenn ich sage »Nichts spricht dafür und alles dagegen«, so setzt dies schon ein Prinzip des Dafür- und Dagegensprechens voraus. D.h. ich muß sagen können, was dafür spräche.
When I say "Nothing speaks for it and everything against it," this already presupposes a principle of what counts as speaking for or against. That is, I must be able to say what would speak for it.
118. Wäre es nun richtig zu sagen: Niemand hat bisher mei- nen Schädel geöffnet, um zu sehen, ob ein Gehirn drin ist; aber alles spricht dafür und nichts dagegen, daß man eins drin finden würde?119. Kann man aber auch sagen: Nichts spricht dagegen und alles dafür, daß der Tisch dort auch dann vorhanden ist, wenn niemand ihn sieht? Was spricht denn dafür?
118. Would it now be correct to say: No one has yet opened my skull to see if there is a brain inside; but everything speaks for and nothing against the assumption that one would find one there? 119. But can one also say: Nothing speaks against and everything for the table's being there even when no one sees it? What speaks for it then?
130. Wenn aber nun Einer es bezweifelte, wie würde sich sein Zweifel praktisch zeigen? Und könnten wir ihn nicht ruhig zweifeln lassen, da es ja gar keinen Unterschied macht?
130. But if someone were to doubt this, how would their doubt manifest itself in practice? And could we not calmly let them doubt, since it makes no difference whatsoever?
121. Kann man sagen: Wo kein Zweifel, da auch kein Wissen?
121. Can one say: Where there is no doubt, there is also no knowledge?
122. Braucht man zum Zweifel nicht Gründe?
122. Does doubt not require grounds?
123. Wohin ich schaue, ich finde keinen Grund, daran zu zweifeln, daß...
123. Wherever I look, I find no grounds to doubt that...
124. Ich will sagen: Wir verwenden Urteile als Prinzip(ien) des Urteilens.
124. I want to say: We use judgments as principles of judging.
125. Wenn mich ein Blinder fragte Hast du zwei Hände?, so würde ich mich nicht durch Hinschauen davon vergewissern. Ja, ich weiß nicht, warum ich meinen Augen trauen sollte, wenn ich überhaupt dran zweifelte. Ja, warum soll ich nicht meine Augen damit prüfen, daß ich schaue, ob ich beide Hände sehe? Was ist wodurch zu prüfen?! (Wer entscheidet darüber, was feststeht?)Und was bedeutet die Aussage, das und das stehe fest?
125. If a blind person were to ask me, "Do you have two hands?", I would not verify this by looking. Indeed, I do not know why I should trust my eyes if I were to doubt this at all. Why, after all, should I not test my eyes by seeing whether I see both hands? What is to be tested by what?! (Who decides what stands fast?) And what does the statement that such-and-such stands fast signify?
126. Ich bin der Bedeutung meiner Worte nicht gewisser als bestimmter Urteile. Kann ich zweifeln, daß diese Farbe »blau« heißt?
126. I am no more certain of the meaning of my words than I am of certain judgments. Can I doubt that this color is called ‘blue’?
(Meine) Zweifel bilden ein System.
(My) doubts form a system.
127. Denn wie weiß ich, daß Einer zweifelt? Wie weiß ich, daß er die Worte »Ich zweifle daran« so gebraucht wie ich?
127. For how do I know that someone doubts? How do I know that they use the words "I doubt that" as I do?
128. Ich habe von Kind auf so urteilen gelernt. Das ist Urteilen.
128. I was taught to judge like this from childhood. That is judging.
129. So habe ich urteilen gelernt; das als Urteil kennenge- lernt.
129. Thus I learned to judge; I learned to recognize this as a judgment.
130. Aber ist es nicht die Erfahrung, die uns lehrt, so zu urteilen, d.h., daß es richtig ist, so zu urteilen? Aber wie lehrt's uns die Erfahrung? Wir mögen es aus ihr entnehmen, aber die Erfahrung rät uns nicht, etwas aus ihr zu entnehmen. Ist sie der Grund, daß wir so urteilen (und nicht bloß die Ursache), so haben wir nicht wieder einen Grund dafür, dies als Grund anzu- sehen.
130. But is it not experience that teaches us to judge this way, i.e., that it is correct to judge thus? But how does experience teach us? We may derive it from experience, but experience does not advise us to derive anything from it. If experience is the ground of our judging thus (and not merely the cause), we do not again have a ground for taking this as a ground.
131. Nein, die Erfahrung ist nicht der Grund für unser Urteilsspiel. Und auch nicht sein ausgezeichneter Erfolg.132. Menschen haben geurteilt, ein König könne Regen machen; wir sagen, dies widerspreche aller Erfahrung. Heute urteilt man, Aeroplan, Radio etc. seien Mittel zur Annäherung der Völker und Ausbreitung von Kultur.
131. No, experience is not the ground for our game of judging. Nor is its outstanding success. 132. People once judged that a king could make rain; we say this contradicts all experience. Today they judge that airplanes, radio, etc., are means for bringing peoples closer and spreading culture.
133. Unter gewöhnlichen Umständen überzeuge ich mich nicht durch den Augenschein, ob ich zwei Hände habe. Warum nicht? Hat Erfahrung es als unnötig erwiesen? Oder (auch): Haben wir, auf irgendeine Weise, ein allgemeines Gesetz der Induktion gelernt und vertrauen ihm nun auch hier?- Aber warum sollen wir erst ein allgemeines Gesetz gelernt haben und nicht gleich das spezielle?
133. Under ordinary circumstances, I do not verify through visual evidence whether I have two hands. Why not? Has experience shown this to be unnecessary? Or (alternatively): Have we, in some way, learned a general law of induction and now trust it here as well? But why should we first have learned a general law rather than immediately the specific one?
134. Wenn ich ein Buch in eine Lade lege, so nehme ich nun an, es sei darin, es sei denn... Die Erfahrung gibt mir immer recht. Es ist noch kein gut beglaubigter Fall vorgekommen, daß ein Buch (einfach) verschwunden wäre. Es ist oft vorgekom- men, daß sich ein Buch nie mehr gefunden hat, obwohl wit sicher zu wissen glaubten, wo es war. Aber die Erfahrung lehrt doch wirklich, daß ein Buch, z. B., nicht verschwindet. (Z.B. nicht nach und nach verdunstet.) Aber ist es diese Erfahrung mit Büchern etc., die uns annehmen läßt, das Buch sei nicht verschwunden? Nun, angenommen, wir fänden, daß unter bestimmten neuen Umständen Bücher verschwänden - würden wir nicht unsre Annahme ändern? Kann man die Wir- kung der Erfahrung auf unser System von Annahmen leugnen?
134. When I place a book in a drawer, I assume it is there unless... Experience has always confirmed me. There has never been a well-authenticated case of a book (simply) disappearing. It has often happened that a book was never found again, even though we thought we knew for certain where it was. But experience truly teaches us that a book, for instance, does not disappear. (E.g., does not gradually evaporate.) But is it this experience with books, etc., that leads us to assume the book has not disappeared? Well, suppose we found that under certain new circumstances books did disappear—would we not alter our assumption? Can one deny the effect of experience on our system of assumptions?
135. Aber folgen wir nicht einfach dem Prinzip, daß, was immer geschehen ist, auch wieder geschehen wird (oder etwas ähnlichem)? - Was heißt es, diesem Prinzip folgen? Bringen wir es wirklich in unser Raisonnement? Oder ist es nur das Natar-gesetz, dem scheinbar unser Schließen folgt? Das letztere mag es sein. Ein Glied in unsrer Überlegung ist es nicht.
135. But do we not simply follow the principle that whatever has happened will happen again (or something similar)? — What does following this principle mean? Do we actually incorporate it into our reasoning? Or is it merely the natural law that our inferences seem to obey? The latter may be the case. It is not a link in our chain of reasoning.
136. Wenn Moore sagt, er wisse das und das, so zählt er wirklich lauter Erfahrungssätze auf, die wir ohne besondere Prüfung bejahen, also Sätze, die im System unsrer Erfahrungs- sätze eine eigentümliche logische Rolle spielen.
136. When Moore says he knows such and such, he is really enumerating empirical propositions that we affirm without special examination — propositions that play a peculiar logical role within the system of our empirical statements.
137. Auch wenn der Glaubwürdigste mir versichert, er wisse, es sei so und so, so kann dies allein mich nicht davon überzeugen, daß er es weiß. Nur, daß er es zu wissen glaubt. Darum kann Moores Versicherung, er wisse..., uns nicht interessieren. Die Sätze aber, welche Moore als Beispiele solcher gewissen Wahr- heiten aufzählt, sind allerdings interessant. Nicht weil jemand ihre Wahrheit weiß, oder sie zu wissen glaubt, sondern weil sie alle im System unsrer empirischen Urteile eine ähnliche Rolle spielen.
137. Even if the most trustworthy person assures me they know something to be so, this alone cannot convince me that they know it. Only that they believe they know it. Hence, Moore's assurance that he knows... cannot interest us. Yet the propositions Moore lists as examples of such certain truths are indeed significant — not because someone knows or believes they know their truth, but because they all play a similar role within the system of our empirical judgments.
138. Z. B. gelangen wir zu keinem von ihnen durch eine Un- tersuchung.
138. For instance, we arrive at none of them through investigation.
Es gibt z. B. historische Untersuchungen und Untersuchun- gen über die Gestalt und auch (über) das Alter der Erde, aber nicht darüber, ob die Erde in den letzten 100 Jahren existiert habe. Freilich, viele von uns hören Berichte über diesen Zeit- raum von ihren Eltern und Großeltern; aber können sich die nicht irren? - Unsinn wird man sagen, Wie sollen sich denn alle diese Menschen irren! Aber ist das ein Argument? Ist es nicht einfach die Zurückweisung einer Idee? Und etwa eine Begriffsbestimmung? Denn rede ich hier von einen möglichen Irrtum, so ändert das die Rolle, die Irrtum und Wahrheit in unserm Leben spielen.
There are historical investigations into the shape and age of the Earth, for example, but not into whether the Earth has existed for the past 100 years. To be sure, many of us hear accounts of this period from parents and grandparents — but might they not be mistaken? — "Nonsense!" one will say. How could all these people be mistaken! But is that an argument? Is it not simply the rejection of an idea? And perhaps a definition of concepts? For if I speak here of a possible error, this alters the role that error and truth play in our lives.
139. Um eine Praxis festzulegen, genügen nicht Regeln, sondern man braucht auch Beispiele. Unsre Regeln lassen Hintertüren offen, und die Praxis muß für sich selbst sprechen.
139. To establish a practice, rules alone do not suffice; examples are also needed. Our rules leave backdoors open, and the practice must speak for itself.
140. Wir lernen die Praxis des empirischen Urteilens nicht, indem wir Regeln lernen; es werden uns Urteile beigebracht und ihr Zusammenhang mit andern Urteilen. Ein Ganzes von Urteilen wird uns plausibel gemacht.
140. We learn the practice of empirical judging not by learning rules; we are taught judgments and their connection to other judgments. A whole network of judgments is made plausible to us.
141. Wenn wir anfangen, etwas zu glauben, so nicht einen einzelnen Satz, sondern ein ganzes System von Sätzen. (Das Licht geht nach und nach über das Ganze auf.)
141. When we begin to believe something, it is not a single proposition but an entire system of propositions. (Light gradually dawns over the whole.)
142. Nicht einzelne Axiome leuchten mir ein, sondern ein System, worin sich Folgen und Prämissen gegenseitig stützen.
142. It is not individual axioms that strike me as evident, but a system in which consequences and premises mutually support each other.
143. Es wird mir z. B. erzählt, jemand sei vor vielen Jahren auf diesen Berg gestiegen. Untersuche ich nun immer die Glaubwürdigkeit des Erzählers und ob dieser Berg vor Jahren existiert habe? Ein Kind lernt viel später, daß es glaubwürdige und unglaubwürdige Erzähler gibt, als es Fakten lernt, die ihm erzählt werden. Es lernt, daß jener Berg schon lange existiert habe, gar nicht; d.h. die Frage, ob es so sei, kommt gar nicht auf. Es schluckt, sozusagen, diese Folgerung mit dem hinunter, was es lernt.
143. For example, I am told that someone climbed this mountain many years ago. Do I now always investigate the credibility of the narrator and whether this mountain existed years ago? A child learns much later that there are credible and incredible narrators than it learns facts told to it. It learns not at all that the mountain has existed for a long time — that is, the question of whether this is so simply does not arise. It swallows this conclusion, so to speak, along with what it learns.
144. Das Kind lernt eine Menge Dinge glauben. D.h. es lernt z. B. nach diesem Glauben handeln. Es bildet sich nach und nachein System von Geglaubtem heraus, und darin steht manches unverrückbar fest, manches ist mehr oder weniger beweglich. Was feststeht, tut dies nicht, weil es an sich offenbar oder ein- leuchtend ist, sondern es wird von dem, was darum herumliegt, festgehalten.
144. The child learns to believe a host of things. That is, it learns to act in accordance with these beliefs. Gradually, a system of what is believed takes shape, within which some things stand unshakably fast while others are more or less fluid. What stands fast does so not because it is inherently obvious or convincing, but because it is held firm by what surrounds it.
145. Man will sagen »Alle meine Erfahrungen zeigen, daß es so ist«. Aber wie tun sie das? Denn jener Satz, auf den sie zeigen, gehört auch zu ihrer besonderen Interpretation.
145. One wants to say: "All my experience shows that it is so." But how do they show this? For the proposition they point to itself belongs to their particular interpretation.
»Daß ich diesen Satz als sicher wahr betrachte, kennzeichnet auch meine Interpretation der Erfahrung.«
"That I regard this proposition as certainly true also characterizes my interpretation of experience."
146. Wir machen uns von der Erde das Bild einer Kugel, die frei im Raume schwebt und sich in 100 Jahren nicht wesentlich ändert. Ich sagte »Wir machen uns das Bild etc.«, und dies Bild hilft uns nun zum Beurteilen verschiedener Sachverhalte.
146. We form the image of the Earth as a sphere floating freely in space, remaining essentially unchanged for 100 years. I said "We form the image etc." — and this image now aids us in assessing various states of affairs.
Ich kann die Dimensionen einer Brücke allerdings berechnen, manchmal auch berechnen, daß hier eine Brücke günstiger ist als eine Fähre etc. etc. – aber irgendwas muß ich mit einer Annahme oder Entscheidung anfangen.
I can calculate the dimensions of a bridge, sometimes even determine that a bridge here is more advantageous than a ferry, etc. — but I must begin somewhere with an assumption or decision.
147. Das Bild der Erde als Kugel ist ein gutes Bild, es bewährt sich überall, es ist auch ein einfaches Bild – kurz, wir arbeiten damit, ohne es anzuzweifeln.
147. The image of the Earth as a sphere is a good image: it proves itself everywhere, it is also a simple image — in short, we work with it without doubting it.
148. Warum überzeuge ich mich nicht davon, daß ich noch zwei Füße habe, wenn ich mich von dem Sessel erheben will? Es gibt kein warum. Ich tue es einfach nicht. So handle ich.
148. Why do I not verify that I still have two feet when I rise from my chair? There is no why. I simply do not. This is how I act.
149. Meine Urteile selbst charakterisieren die Art und Weise, wie ich urteile, das Wesen des Urteilens.
149. My judgments themselves characterize the manner in which I judge — the essence of judging.
150. Wie beurteilt Einer, welches seine rechte und welches seine linke Hand ist? Wie weiß ich, daß mein Urteil mit dem der Andern übereinstimmen wird? Wie weiß ich, daß diese Farbe Blau ist? Wenn ich hier mir nicht traue, warum soll ich dem Urteil der Andern trauen? Gibt es ein Warum? Muß ich nicht irgendwo anfangen zu trauen? D.h. ich muß irgendwo mit dem Nichtzweifeln anfangen; und das ist nicht, sozusagen, vorschnell aber verzeihlich, sondern es gehört zum Urteilen.
150. How does one judge which is one's right and which is one's left hand? How do I know that my judgment will agree with that of others? How do I know that this color is blue? If I distrust myself here, why should I trust the judgment of others? Is there a why? Must I not begin to trust somewhere? That is, I must somewhere begin with not doubting; and this is not, so to speak, hasty but pardonable — it belongs to judging.
151. Ich möchte sagen: Moore weiß nicht, was er zu wissen behauptet, aber es steht für ihn fest, so wie auch für mich; es als feststehend zu betrachten, gehört zur Methode unseres Zwei- felns und Untersuchens.
151. I want to say: Moore does not know what he claims to know, but it stands fast for him, as for me; regarding it as settled is part of the method of our doubting and investigating.
152. Die Sätze, die für mich feststehen, lerne ich nicht aus- drücklich. Ich kann sie nachträglich finden wie die Rotations- achse eines sich drehenden Körpers. Diese Achse steht nicht fest in dem Sinne, daß sie festgehalten wird, aber die Bewegung um sie herum bestimmt sie als unbewegt.
152. The propositions that stand fast for me are not learned explicitly. I can discover them afterward, like the axis of rotation of a revolving body. This axis is not fixed in the sense of being held fast, but the movement around it determines it as motionless.
153. Niemand hat mich gelehrt, daß meine Hände nicht ver- schwinden, wenn ich auf sie nicht aufpasse. Noch kann man sagen, ich setze die Wahrheit dieses Satzes bei meinen Behaup tungen etc. voraus (als ruhten sie auf ihm), während er erst durch unser anderweitiges Behaupten Sinn erhält.154. Es gibt Fälle solcher Art, daß, wenn Einer dort Zeichen des Zweifels gibt, wo wir nicht zweifeln, wir seine Zeichen nicht mit Sicherheit als Zeichen des Zweifels verstehen können.
153. No one has taught me that my hands do not disappear when I do not pay attention to them. Nor can it be said that I presuppose the truth of this proposition in my assertions etc. (as if they rested upon it), while it only gains meaning through our other assertions.154. There are cases where if someone expresses doubt where we do not doubt, we cannot with certainty interpret their expressions as signs of doubt.
D. h.: Damit wir seine Zeichen des Zweifels als solche verste- hen, darf er sie nur in bestimmten Fällen geben und nicht in andern.
That is: For us to understand their expressions of doubt as such, they must give them only in specific cases and not in others.
155. Der Mensch kann sich unter gewissen Umständen nicht irren. (Kann- ist hier logisch gebraucht, und der Satz sagt nicht, daiß unter diesen Umständen der Mensch nichts Falsches sagen kann.) Wenn Moore das Gegenteil von jenen Sätzen aussagte, die er für gewiß erklärt, würden wir nicht nur nicht seiner Meinung sein, sondern ihn für geistesgestört halten.
155. Under certain circumstances, a human being cannot be mistaken. (Here "can" is used logically, and the proposition does not mean that under these circumstances a human cannot say anything false.) If Moore were to assert the opposite of those propositions he declares certain, we would not only disagree with his opinion but consider him mentally deranged.
156. Damit der Mensch sich irre, muß er schon mit der Menschheit konform urteilen.
156. For a human to be mistaken, they must already judge in conformity with humanity.
157. Wie, wenn ein Mensch sich nicht erinnern könnte, ob er immer fünf Finger oder zwei Hände gehabt hat? Würden wir ihn verstehen? Könnten wir sicher sein, daß wir ihn verstehen?
157. What if a person could not remember whether they always had five fingers or two hands? Would we understand them? Could we be certain we understand them?
158. Kann ich mich z. B. darin irren, daß die einfachen Worte, die diesen Satz bilden, deutsche Wörter sind, deren Bedeutung ich kenne?
158. Can I, for instance, be mistaken that the simple words forming this sentence are German words whose meaning I know?
159. Wir lernen als Kinder Fakten, z. B. daß jeder Mensch ein Gehirn hat, und wir nehmen sie gläubig hin. Ich glaube, daß es eine Insel, Australien, gibt von der und der Gestalt usw. usw.,ich glaube, daß ich Urgroßeltern gehabt habe, daß die Menschen, die sich für meine Eltern ausgaben, wirklich meine Eltern waren, etc. Dieser Glaube mag nie ausgesprochen, ja, der Gedanke, daß es so ist, nie gedacht werden.
159. As children, we learn facts, e.g., that every human has a brain, and we accept them credulously. I believe there is an island, Australia, of such-and-such shape etc., I believe I had great-grandparents, that the people who presented themselves as my parents were truly my parents, etc. This belief may never be articulated; indeed, the thought that this is so may never even be entertained.
160. Das Kind lernt, indem es dem Erwachsenen glaubt. Der Zweifel kommt nach dem Glauben.
160. The child learns by believing the adult. Doubt comes after belief.
161. Ich habe eine Unmenge gelernt und es auf die Autorität von Menschen angenommen, und dann manches durch eigene Erfahrung bestätigt oder entkräftet gefunden.
161. I have learned an immense amount by accepting it on the authority of others, and later found some of it confirmed or refuted through my own experience.
162. Was in Lehrbüchern, der Geographie z. B., steht, halte ich im allgemeinen für wahr. Warum? Ich sage: Alle diese Fakten sind hundertmal bestätigt worden. Aber wie weiß ich das? Was ist meine Evidenz dafür? Ich habe ein Weltbild. Ist es wahr oder falsch? Es ist vor allem das Substrat alles meines Forschens und Behauptens. Die Sätze, die es beschreiben, unterliegen nicht alle gleichermaßen der Prüfung.
162. What is written in textbooks, in geography for instance, I generally hold to be true. Why? I say: All these facts have been confirmed a hundredfold. But how do I know this? What is my evidence for it? I have a worldview. Is it true or false? Above all, it is the substratum of all my researching and asserting. The propositions describing it are not all subject to verification in the same way.
163. Prüft jemand je, ob dieser Tisch hier stehenbleibt, wenn niemand auf ihn achtgibt?
163. Does anyone ever check whether this table here remains in place when no one attends to it?
Wir prüfen die Geschichte Napoleons, aber nicht, ob alle Berichte über ihn auf Sinnestrug, Schwindel u. dergl. beruhen. Ja, wenn wir überhaupt prüfen, setzen wir damit schon etwas voraus, was nicht geprüft wird. Soll ich nun sagen, das Experi- ment, das ich etwa zur Prüfung eines Satzes mache, setze die Wahrheit des Satzes voraus, daß hier wirklich der Apparat steht, welchen ich zu sehen glaube (u. dergl.)?
We verify the history of Napoleon, but not whether all reports about him rest on sensory illusion, fraud, or the like. Indeed, whenever we verify anything, we already presuppose something that is not verified. Should I now say that the experiment I perform to test a proposition presupposes the truth of the proposition that the apparatus I believe I see is really here (and so on)?
165. Ein Kind könnte zu einem andern sagen Ich weiß, daß die Erde schon viele hundert Jahre alt ist, und das hieße: Ich habe es gelernt.
165. A child might say to another: "I know the Earth has existed for many hundreds of years," and this would mean: "I learned it."
166. Die Schwierigkeit ist, die Grundlosigkeit unseres Glau- bens einzusehen.
166. The difficulty is to recognize the groundlessness of our believing.
167. Daß unsre Erfahrungsaussagen nicht alle gleichen Status haben, ist klar, da man so einen Satz festlegen und ihn vom Erfahrungssatz zu einer Norm der Beschreibung machen kann.
167. It is clear that our empirical statements do not all have the same status, since one can fix a proposition and turn it from an empirical proposition into a norm of description.
Denk an chemische Untersuchungen. Lavoisier macht Experi- mente mit Stoffen in seinem Laboratorium und schließt nun, daß bei der Verbrennung dies und jenes geschehe. Er sagt nicht, daß es ja ein andermal anders zugehen könne. Er ergreift ein bestimmtes Weltbild, ja, er hat es natürlich nicht erfunden, sondern als Kind gelernt. Ich sage Weltbild und nicht Hypo- these, weil es die selbstverständliche Grundlage seiner For- schung ist und als solche auch nicht ausgesprochen wird.
Consider chemical investigations. Lavoisier conducts experiments with substances in his laboratory and concludes that such-and-such occurs during combustion. He does not say that it might proceed differently another time. He adopts a particular worldview—of course, he did not invent it but learned it as a child. I say "worldview" and not "hypothesis" because it is the self-evident foundation of his research and as such goes unstated.
168. Aber welche Rolle spielt nun die Voraussetzung, daß ein Stoff A auf einen Stoff B unter gleichen Umständen immer gleich reagiert? Oder gehört das zur Definition eines Stoffs?
168. But what role does the assumption play that substance A will always react the same way to substance B under identical circumstances? Or does this belong to the definition of a substance?
169. Man könnte meinen, es gäbe Sätze, welche aussprechen, dalß eine Chemie möglich ist. Und das wären Sätze einer Natur-wissenschaft. Denn worauf sollen sie sich stützen, wenn nicht auf Erfahrung?
169. One might think there are propositions asserting that a chemistry is possible. And these would be propositions of natural science. For what else should they rest on if not experience?
170. Ich glaube, was mir Menschen in einer gewissen Weise übermitteln. So glaube ich geographische, chemische, geschicht- liche Tatsachen etc. So lerne ich die Wissenschaften. Ja, lernen beruht natürlich auf glauben.
170. I believe what people transmit to me in a certain way. Thus I believe geographical, chemical, historical facts, etc. This is how I learn the sciences. Of course, learning rests on believing.
Wer gelernt hat, der Mont Blanc sei 4000 m hoch, wer es auf der Karte nachgesehen hat, sagt nun, er wisse es.
Someone who has learned that Mont Blanc is 4000 meters high, who has looked it up on a map, now says they know it.
Und kann man nun sagen: Wir messen unser Vertrauen so zu, weil es sich so bewährt hat?
And can we now say: We apportion our confidence thus because it has proven itself?
171. Ein Hauptgrund für Moore anzunehmen, daß er nicht auf dem Mond war, ist der, daß niemand auf dem Mond war und hinkommen konnte; und das glauben wir auf Grund dessen, was wir lernen.
171. A primary reason for Moore to assume he has never been on the moon is that no one has been on or could reach the moon; and we believe this based on what we have learned.
172. Vielleicht sagt man »Es muß doch ein Prinzip diesem Vertrauen zugrunde liegen«, aber was kann so ein Prinzip lei- sten? Ist es mehr als ein Naturgesetz des »Fürwahrhaltens«?
172. Perhaps one says: "There must be a principle underlying this confidence"—but what could such a principle accomplish? Is it anything more than a natural law of "holding-to-be-true"?
173. Liegt es denn in meiner Macht, was ich glaube? oder was ich unerschütterlich glaube?
173. Is it within my power what I believe? Or what I believe unshakably?
Ich glaube, daß dort ein Sessel steht. Kann ich mich nicht irren? Aber kann ich glauben, daß ich mich irre? Ja, kann ich es überhaupt in Betracht ziehen? Und könnte ich nicht auch an meinem Glauben festhalten, was immer ich später erfahre?! Aber ist nun mein Glaube begründet?
I believe there is a chair over there. Can I not be mistaken? But can I believe that I am mistaken? Yes, can I even entertain the possibility? And could I not hold fast to my belief whatever I later experience?! But is my belief now justified?
174. Ich handle mit voller Gewißheit. Aber diese Gewißheit ist meine eigene.
174. I act with complete certainty. But this certainty is my own.
175. Ich weiß es, sage ich dem Andern; und hier gibt es eine Rechtfertigung. Aber für meinen Glauben gibt es keine.
175. I know it, I say to the other; and here there is a justification. But for my belief, there is none.
176. Statt Ich weiß es kann man in manchen Fällen sagen Es ist so; verlaß dich drauf. In manchen Fällen aber: Das habe ich schon vor Jahren gelernt; und manchmal: Ich bin sicher, dafi es so ist..
176. Instead of "I know it," one can in some cases say "It is so; rely on that." In some cases: "I learned this years ago"; and sometimes: "I am certain it is so."
177. Was ich weiß, das glaube ich.
177. What I know, I believe.
178. Der falsche Gebrauch, den Moore von dem Satz Ich weiß.... macht, liegt darin, dafß er ihn als eine Außerung betrachtet, die so wenig anzuzweifeln ist wie etwa Ich habe Schmerzen. Und da aus Ich weiß, daß es so ist folgt -Es ist so, so kann also auch dies nicht angezweifelt werden.
178. The false use that Moore makes of the proposition "I know..." lies in his regarding it as an utterance as little subject to doubt as, say, "I am in pain." And since from "I know that this is so" it follows that "This is so," the latter too cannot be doubted.
179. Es wäre richtig zu sagen: Ich glaube.... hat subjektive Wahrheit; aber Ich weiß... nicht.
179. It would be correct to say: "I believe..." has subjective truth; but "I know..." does not.
180. Oder auch: Ich glaube... ist eine Außerung, nicht aber Ich weiß.....181. Wie, wenn Moore statt »Ich weiß...« gesagt hätte »Ich schwöre...?
180. Or again: "I believe..." is an utterance, but not "I know..."
182. Die primitivere Vorstellung ist, daß die Erde nie einen Anfang genommen hat. Kein Kind hat Grund, sich zu fragen, wie lange es die Erde schon gegeben hat, weil aller Wandel auf ihr vor sich geht. Wenn das, was man die Erde nennt, wirklich einmal entstanden ist, was schwer genug vorzustellen ist, so nimmt man den Anfang natürlich in unvordenklicher Zeit an.
181. What if Moore had said "I swear..." instead of "I know..."?
183. »Es ist sicher, daß Napoleon nach der Schlacht bei Au- sterlitz... Nun, dann ist es doch auch sicher, daß die Erde damals existiert hat.«
182. The more primitive conception is that the Earth never had a beginning. No child has reason to ask how long the Earth has existed, since all change occurs upon it. If what is called "the Earth" truly came into being once—a notion difficult enough to imagine—the beginning is naturally assumed to lie in time immemorial.
184. »Es ist sicher, daß wir nicht vor 100 Jahren von einem andern Planeten auf diesen herabgekommen sind.« Nun, so sicher, als eben solche Sachen sind.
183. "It is certain that after the Battle of Austerlitz, Napoleon... Well, then it is equally certain that the Earth existed at that time."
185. Es käme mir lächerlich vor, die Existenz Napoleons bezweifeln zu wollen; aber wenn Einer die Existenz der Erde vor 150 Jahren bezweifelte, wäre ich vielleicht eher bereit aufzuhor- chen, denn nun bezweifelt er unser ganzes System der Evidenz. Es kommt mir nicht vor, als sei dies System sicherer als eine Sicherheit in ihm.
184. "It is certain that we did not descend onto this planet from another 100 years ago." As certain, that is, as such matters are.
186. »Ich könnte annehmen, daß Napoleon nie existiert hat und eine Fabel ist, aber nicht, daß die Erde vor 150 Jahren nicht existiert hat.«
185. It would strike me as absurd to doubt Napoleon's existence; but if someone doubted the Earth's existence 150 years ago, I might be more inclined to listen, for then they are doubting our entire system of evidence. It does not seem to me that this system is more certain than a certainty within it.
187. Weifit du, daß die Erde damals existiert hat? - Frei lich weiß ich's. Ich habe es von jemandem, der sich genau aus- kennt..
186. "I could assume that Napoleon never existed and is a myth, but not that the Earth did not exist 150 years ago."
188. Es kommt mir vor, als müßte der, welcher an der Exi- stenz der Erde zu jener Zeit zweifelt, das Wesen aller histori- schen Evidenz antasten. Und von dieser kann ich nicht sagen, sie sei bestimmt richtig.
187. Do you know that the Earth existed then? — Of course I know it. I was told by someone thoroughly informed.
189. Einmal muß man von der Erklärung auf die bloße Beschreibung kommen.
188. It seems to me that whoever doubts the Earth's existence at that time must call into question the essence of all historical evidence. And of this, I cannot say it is definitively correct.
190. Was wir historische Evidenz nennen, deutet darauf hin, die Erde habe schon lange vor meiner Geburt existiert; die entgegengesetzte Hypothese hat nichts für sich.
189. At some point, one must move from explanation to mere description.
191. Wenn nun alles für eine Hypothese, nichts gegen sie spricht ist sie dann gewiß wahr? Man kann sie so bezeichnen.- Aber stimmt sie gewifß mit der Wirklichkeit, den Tatsachen, überein? - Mit dieser Frage bewegst du dich schon im Kreise.
190. What we call historical evidence indicates that the Earth existed long before my birth; the opposing hypothesis has nothing in its favor.
192. Es gibt freilich Rechtfertigung; aber die Rechtfertigung hat ein Ende.
191. If everything speaks for a hypothesis and nothing against it, is it then certainly true? One may designate it as such. — But does it certainly correspond to reality, to the facts? — With this question, you are already moving in a circle.
193. Was heißt es: die Wahrheit eines Satzes sei gewiß?
192. There is indeed justification; but justification comes to an end.
194. Mit dem Wort »gewiß« drücken wir die völlige Überzeugung, die Abwesenheit jedes Zweifels aus, und wir suchen damit den Andern zu überzeugen. Das ist subjektive Gewißheit.
193. What does it mean: the truth of a proposition is certain?
Wann aber ist etwas objektiv gewiß? - Wenn ein Irrtum nicht möglich ist. Aber was für eine Möglichkeit ist das? Muß der Irrtum nicht logisch ausgeschlossen sein?
194. With the word "certain," we express complete conviction, the absence of all doubt, and seek thereby to persuade others. This is subjective certainty.
195. Wenn ich glaube, in meinem Zimmer zu sitzen, und es ist nicht so, dann wird man nicht sagen, ich habe mich geirrt: Aber was ist der wesentliche Unterschied eines Irrtums von diesem Fall?
But when is something objectively certain? — When error is impossible. But what kind of possibility is this? Must error not be logically excluded?
196. Sichere Evidenz ist die, die wir als unbedingt sicher annehmen, nach der wir mit Sicherheit ohne Zweifel handeln.
195. If I believe I am sitting in my room and it is not so, one will not say I was mistaken. But what is the essential difference between an error and this case?
Was wir »Irrtum« nennen, spielt eine ganz bestimmte Rolle in unsern Sprachspielen, und was wir als sichere Evidenz betrachten, auch.
196. Certain evidence is that which we accept as unconditionally certain, upon which we act with certainty, without doubt.
197. Unsinn aber wäre es zu sagen, wir betrachten etwas als sichere Evidenz, weil es gewiß wahr ist.
What we call "error" plays a very specific role in our language-games, as does what we regard as certain evidence.
198. Wir müssen vielmehr die Rolle der Entscheidung für und gegen einen Satz erst bestimmen.
197. But it would be nonsense to say we regard something as certain evidence because it is certainly true.
199. Der Gebrauch von »wahr oder falsch« hat darum etwas Irreführendes, weil es ist, als sagte man »es stimmt mit den Tatsachen überein oder nicht«, und es sich doch gerade frägt, was »Übereinstimmung« hier ist.
198. We must first determine the role of deciding for or against a proposition.
200. »Der Satz ist wahr oder falsch« heißt eigentlich nur, es müsse eine Entscheidung für oder gegen ihn möglich sein. Aber das sagt nicht, wie der Grund zu so einer Entscheidung aus- schaut.
199. The use of "true or false" is thus somewhat misleading, for it is as if one said "it agrees with the facts or not," when the question is precisely what "agreement" consists in here.
200. "A proposition is true or false" actually only means that a decision for or against it must be possible. But this does not say what the basis for such a decision looks like.
201. Denk, jemand fragte: Ist es wirklich richtig, daß wir uns auf die Evidenz unsres Gedächtnisses (oder unsrer Sinne) verlas- sen, wie wir es tun?
201. Imagine someone asking: Is it really correct to rely on the evidence of our memory (or our senses) as we do?
202. Moores gewisse Sätze sagen beinahe aus, wir hätten ein Recht, uns auf diese Evidenz zu verlassen.
202. Moore's certain propositions almost state that we have a right to rely on this evidence.
203. [Alles*, was wir als Evidenz betrachten, deutet darauf hin, die Erde habe schon lange vor meiner Geburt existiert. Die entgegengesetzte Hypothese hat keinerlei Bekräftigung.
203. [Everything* we regard as evidence indicates that the Earth existed long before my birth. The opposite hypothesis has no corroboration whatsoever.
Wenn nun alles für eine Hypothese, nichts gegen sie spricht, – ist sie objektiv dann gewiß wahr? Man kann sie so nennen. Aber stimmt sie unbedingt mit der Welt der Tatsachen überein? Sie zeigt uns bestenfalls, was »übereinstimmen« heißt. Wir finden es schwierig, sie uns (als) falsch vorzustellen, aber auch schwierig, eine Anwendung von ihr zu machen.**]
If everything speaks for a hypothesis and nothing against it—is it then objectively certain truth? One may call it so. But does it absolutely correspond to the world of facts? At best, it shows us what "correspondence" means. We find it difficult to imagine it as false, yet also difficult to make an application of it.**]
Worin besteht denn diese Übereinstimmung, wenn nicht darin, daß, was in diesen Sprachspielen Evidenz ist, für unseren Satz spricht? (Log. Phil. Abh.)
What then does this correspondence consist in, if not in the fact that what counts as evidence in these language-games speaks for our proposition? (Tractatus Logico-Philosophicus)
* Durchgestrichene Stelle. Herausg
* Crossed-out passage. Ed.
Zusatz:---Mit dieser Frage bewegst du dich schon im Kreise.
Addition:---With this question you are already moving in a circle.
204. Die Begründung aber, die Rechtfertigung der Evidenz kommt zu einem Ende; - das Ende aber ist nicht, daß uns gewisseSätze unmittelbar als wahr einleuchten, also eine Art Sehen unsrerseits, sondern unser Handeln, welches am Grunde des Sprachspiels liegt.
204. The grounding, the justification of evidence comes to an end;—but the end is not that certain propositions strike us immediately as true through a kind of insight on our part, but rather our acting, which lies at the foundation of the language-game.
201. Wenn das Wahre das Begründete ist, dann ist der Grund nicht wahr, noch falsch.
205. If the true is the justified, then the ground is neither true nor false.
206. Wenn Einer uns fragte »Aber ist das wahr?«, könnten wir ihm sagen »Ja«; und wenn er Gründe verlangte, so könnten wir sagen »Ich kann dir keine Gründe geben, aber wenn du mehr lernst, wirst du auch dieser Meinung sein«.
206. If someone asked us "But is that true?" we could say "Yes"; and if he demanded reasons, we could say "I can give you no reasons, but if you learn more, you too will come to this opinion."
Käme es nun nicht dahin, so hieße das, daß er, z.B., Geschichte nicht lernen kann.
Should this not come to pass, it would mean that he, for instance, cannot learn history.
107. Seltsamer Zufall, daß alle die Menschen, deren Schädel man geöffnet hat, ein Gehirn hatten!
207. Strange coincidence that all people whose skulls have been opened had brains!
208. Ich habe ein Telephongespräch mit New York. Mein Freund teilt mir mit, daß seine Bäumchen die und die Knospen tragen. Ich bin nun überzeugt, das Bäumchen sei... Bin ich auch überzeugt, die Erde existiere?
208. I have a telephone conversation with New York. My friend informs me that his saplings have such-and-such buds. I am now convinced that the sapling is... Am I also convinced that the Earth exists?
209. Daß die Erde existiert, ist vielmehr ein Teil des ganzen Bildes, das den Ausgangspunkt meines Glaubens bildet.
209. That the Earth exists is rather part of the whole picture forming the starting point of my belief.
110. Bekräftigt mein Telephongespräch mit N.Y. meine Überzeugung, daß die Erde existiert?
210. Does my telephone conversation with N.Y. confirm my conviction that the Earth exists?
Manches scheint uns festzustehen, und es scheidet aus dem Verkehr aus. Es wird sozusagen auf ein totes Geleise ver- schoben.
Certain things appear to us as fixed and are withdrawn from circulation. They are shifted, as it were, onto a siding.
211. Es gibt nun unsern Betrachtungen, unsern Forschungen ihre Form. Es war vielleicht einmal umstritten. Vielleicht aber hat es seit unvordenklichen Zeiten zum Gerast aller unsrer Betrachtungen gehört. (Jeder Mensch hat Eltern.)
211. Now our considerations and investigations take their form from this. Perhaps it was once disputed. But perhaps it has belonged to the scaffolding of all our considerations since time immemorial. (Every human has parents.)
212. Wir betrachten z. B. eine Rechnung unter gewissen Umständen als genügend kontrolliert. Was gibt uns dazu ein Recht? Die Erfahrung? Konnte sie uns nicht täuschen? Wir müssen irgendwo mit dem Rechtfertigen Schluß machen, und dann bleibt der Satz: daß wir so rechnen.
212. We regard a calculation under certain circumstances as sufficiently verified. What gives us this right? Experience? Could it not deceive us? We must somewhere reach an end to justification, and then remains the proposition: that this is how we calculate.
213. Unsre Erfahrungssätze bilden nicht eine homogene Masse.
213. Our empirical propositions do not form a homogeneous mass.
214. Was hindert mich anzunehmen, daß dieser Tisch, wenn ihn niemand betrachtet, entweder verschwindet oder seine Form und Farbe verändert und nun, wenn ihn wieder jemand ansicht, in seinen alten Zustand zurückkehrt? Wer wird aber auch so etwas annehmen! möchte man sagen.
214. What prevents me from assuming that this table, when no one is looking at it, either disappears or changes its form and color, and then returns to its former state when someone looks at it again? But who would even make such an assumption! one is inclined to say.
115. Hier sehen wir, daß die Idee von der Übereinstimmung mit der Wirklichkeit keine klare Anwendung hat.
215. Here we see that the idea of correspondence with reality has no clear application.
216. Der Satz »Es ist geschrieben«.
216. The proposition "It is written."
117. Wer annähme, daß alle unsre Rechnungen unsicher seien und dafß wir uns auf keine verlassen können (mit der Rechtferti- gung, daß Fehler überall möglich sind), würden wir vielleicht für verrückt erklären. Aber können wir sagen, er sei im Irrtum? Reagiert er nicht einfach anders: wir verlassen uns darauf, er nicht; wir sind sicher, er nicht.
217. Someone who assumed that all our calculations are uncertain and that we cannot rely on any (justified by the possibility of error everywhere) might be declared insane. But can we say he is mistaken? He simply reacts differently: we rely on them, he does not; we are certain, he is not.
218. Kann ich für einen Augenblick glauben, ich sei je in der Stratosphäre gewesen? Nein. So weiß ich das Gegenteil, - wie Moore?
218. Can I for a moment believe that I have ever been in the stratosphere? No. Thus I know the opposite—like Moore?
219. Es kann für mich, als vernünftigen Menschen, kein Zweifel darüber bestehen. Das ist es eben. -
219. There can be no doubt about this for me as a reasonable person. That is precisely it.—
110. Der vernünftige Mensch hat gewisse Zweifel nicht.
220. The reasonable person does not have certain doubts.
221. Kann ich zweifeln, woran ich zweifeln will?
221. Can I doubt what I choose to doubt?
222. Ich kann, daß ich nie in der Stratosphäre war, unmöglich bezweifeln. Weiß ich es darum, ist es darum wahr?223. Könnte ich nicht eben verrückt sein und das nicht bezweifeln, was ich unbedingt bezweifeln sollte.
222. That I have never been in the stratosphere—I cannot possibly doubt. Do I therefore know it? Is it therefore true?
224. Ich weiß, daß es nie geschehen ist, denn wäre es gesche- hen, so hätte ich es unmöglich vergessen können.
223. Could I not just be insane and fail to doubt what I absolutely should doubt?
Aber, angenommen, es wäre geschehen, so hättest du's eben doch vergessen. Und wie weißt du, daß du's unmöglich hättest vergessen können? Nicht bloß aus früherer Erfahrung?
224. I know it never happened, for had it happened, I could not possibly have forgotten it.
215. Das, woran ich festhalte, ist nicht ein Satz, sondern ein Nest von Sätzen.
But suppose it did happen—then you would have forgotten it after all. And how do you know you could not possibly have forgotten it? Not merely from prior experience?
226. Kann ich die Annahme, ich sei einmal auf dem Mond gewesen, überhaupt einer ernsten Betrachtung würdigen?
225. What I hold fast to is not a single proposition but a nest of propositions.
227. Ist denn das etwas, was man vergessen kann?!
226. Can I even give serious consideration to the assumption that I was once on the Moon?
228. Unter solchen Umständen sagen die Menschen nicht: Vielleicht haben wir's alle vergessen und dergleichen, sondern sie nehmen an....
227. Is that something one could forget?!
229. Unsre Rede erhält durch unsre übrigen Handlungen ihren Sinn.
228. Under such circumstances, people do not say: Perhaps we've all forgotten it and the like—rather, they assume....
230. Wir fragen uns: Was machen wir mit einer Aussage -Ich weiß....? Denn uns handelt sich's nicht um Vorgänge oder Zustände des Geistes. Und so muß man entscheiden, ob etwas ein Wissen ist oder keines.
229. Our speech derives its meaning from our other actions.
230. We ask ourselves: What do we do with the statement "I know..."? For our concern is not with mental processes or states.
231. Wenn einer bezweifelte, ob die Erde vor 100 Jahren existiert hat, so verstünde ich das darum nicht, weil ich nicht wüßte, was dieser noch als Evidenz gelten ließe und was nicht.
Thus one must determine whether something constitutes knowledge or not.
232. Jedes einzelne dieser Fakten könnten wir bezweifeln, aber alle können wir nicht bezweifeln.
231. If someone doubted whether the Earth existed 100 years ago, I would not understand this because I would not know what this person would accept as evidence and what not.
Wäre es nicht richtiger zu sagen: alle bezweifeln wir nicht.
232. We could doubt each individual one of these facts, but we cannot doubt all of them.
Daß wir sie nicht alle bezweifeln, ist eben die Art und Weise, wie wir urteilen, also handeln.
That we do not doubt them all is precisely the manner in which we judge, and thus act.
233. Wenn ein Kind mich fragte, ob es die Erde schon vor meiner Geburt gegeben hat, so würde ich ihm nicht antworten, die Erde existiere erst seit meiner Geburt, sondern sie habe schon lang, lang vorher existiert. Und dabei hätte ich das Gefühl, etwas Komisches zu sagen. Etwa, wie wenn das Kind gefragt hätte, ob der und der Berg höher sei als ein sehr hohes Haus, das es gesehen hat. Ich könnte nur dem jene Frage beant- worten, dem ich ein Weltbild erst beibrächte. Wenn ich nun die Frage mit Sicherheit so beantworte, was gibt mir diese Sicherheit?234. Ich glaube, daßß ich Ahnen habe und daß jeder Mensch sie hat. Ich glaube, daß es verschiedene Städte gibt, und überhaupt an die Hauptdaten der Geographie und der Geschichte. Ich glaube, daß die Erde ein Körper ist, auf dessen Oberfläche wir uns bewegen, und daß er sowenig plötzlich verschwindet oder dergl. wie irgendein andrer fester Körper: dieser Tisch, dieses Haus, dieser Baum etc. Wenn ich an der Existenz der Erde lang vor meiner Geburt zweifeln wollte, müßte ich alles mögliche bezweifeln, was mir feststeht.
233. If a child asked me whether the Earth existed before I was born, I would not reply that the Earth only came into existence at my birth but rather that it had existed for a very long time before. In doing so, I would feel I was saying something peculiar. Similar to if the child asked whether such-and-such mountain is taller than a very high house it has seen. I could only answer such a question for someone whom I must first teach a worldview.
235. Und daß mir etwas feststeht, hat seinen Grund nicht in meiner Dummheit oder Leichtgläubigkeit.
When I answer the question with certainty, what gives me this certainty?
236. Wenn Einer sagte »Die Erde hat nicht schon lange . . . - was würde er damit antasten? Weiß ich's?
234. I believe that I have ancestors and that every person does. I believe there are various cities and generally accept the main facts of geography and history. I believe the Earth is a body on whose surface we move and that it no more suddenly vanishes or the like than any other solid object: this table, this house, this tree, etc. If I were to doubt the existence of the Earth long before my birth, I would have to doubt everything that stands firm for me.
Müßte es ein sozusagen wissenschaftlicher Glaube sein? Könnte es kein mystischer sein? Muß er damit unbedingt geschichtlichen Tatsachen widersprechen? Ja, selbst geographi schen?
235. And that something stands firm for me is not due to my stupidity or credulity.
237. Wenn ich sage »Dieser Tisch hat vor einer Stunde noch nicht existiert«, so meine ich wahrscheinlich, er sei erst später hergestellt worden.
236. If someone said, "The Earth has not existed for long...," what would this undermine? Do I know?
Sage ich »Dieser Berg hat damals noch nicht existiert«, so meine ich wohl, er habe sich erst später vielleicht vulkanisch- gebildet.
Must it be, as it were, a scientific belief? Could it not be a mystical one? Must it necessarily contradict historical facts? Or even geographical ones?
Sage ich »Dieser Berg hat vor einer halben Stunde noch nicht existiert«, so ist das eine so seltsame Aussage, daß nicht klar ist, was ich meine. Ob ich z. B. etwas Falsches, aber Wissenschaftli ches meine. Vielleicht meint man, die Aussage, der Berg habe damals noch nicht existiert, sei ganz klar, wie immer man sich den Zusammenhang denke. Aber denke, jemand sagte »DieserBerg hat vor einer Minute noch nicht existiert, sondern ein genau gleicher. Nur die gewohnte Umgebung läßt es klar erscheinen, was gemeint ist.
237. If I say, "This table did not exist an hour ago," I likely mean it was manufactured more recently.
238. Ich könnte also den, der sagt, die Erde habe vor seiner Geburt noch nicht existiert, weiter fragen, um herauszufinden, mit welchen meiner Überzeugungen er im Widerspruch ist. Und da könnte es sein, daß er meinen Grundanschauungen widerspricht. Und wäre es so, so müßte ich's dabei bewenden lassen.
If I say, "This mountain did not exist then," I might mean it formed volcanically at a later time.
Ahnlich geht es, wenn er sagt, er sei einmal auf dem Mond gewesen.
If I say, "This mountain did not exist half an hour ago," this is such a strange statement that it is unclear what I mean. For instance, whether I intend something false but scientific. One might think the statement "The mountain did not exist then" is entirely clear regardless of context. But suppose someone said, "This mountain did not exist a minute ago; instead, there was an exactly identical one. Only the familiar surroundings make the meaning evident."
139. Ja, ich glaube, daß jeder Mensch zwei menschliche Eltern hat; aber die Katholiken glauben, daß Jesus nur eine menschliche Mutter hatte. Und Andre könnten glauben, es gebe Menschen, die keine Eltern haben, und die aller gegenteiligen Evidenz keinen Glauben schenken. Die Katholiken glauben auch, daß eine Oblate unter gewissen Umständen ihr Wesen gänzlich ändert, und zugleich, daß alle Evidenz das Gegenteil beweist. Wenn also Moore sagte Ich weiß, daß dies Wein und nicht Blut ist, so würden Katholiken ihm widersprechen.
238. I could thus question someone who claims the Earth did not exist before their birth to determine which of my convictions they contradict. It might emerge that they contradict my fundamental views. If so, I would have to leave it at that.
240. Worauf gründet sich der Glaube, daß alle Menschen Eltern haben? Auf Erfahrung. Und wie kann ich auf meine Erfahrung diesen sichern Glauben gründen? Nun, ich gründe ihn nicht nur darauf, daß ich die Eltern gewisser Menschen kannte, sondern auf alles, was ich über das Geschlechtsleben von Menschen und ihre Anatomie und Physiologie gelernt habe; auch darauf, was ich von Tieren gehört und gesehen habe. Aber ist das denn wirklich ein Beweis?241. Ist hier nicht eine Hypothese, die, wie ich glaube, sich immer wieder vollkommen bestätigt?
Similarly, this applies if they claim to have once been on the Moon.
239. Indeed, I believe every human has two human parents, but Catholics believe Jesus had only a human mother. Others might believe there are humans without parents and reject all contrary evidence. Catholics also believe that a wafer under certain circumstances completely changes its essence while all evidence proves the opposite. Thus, if Moore said, "I know this is wine and not blood," Catholics would contradict him.
242. Müssen wir nicht auf Schritt und Tritt sagen: Ich glaube dies mit Bestimmtheit-?
240. On what is the belief that all humans have parents grounded? On experience. And how can I base this firm belief on my experience? Well, I base it not only on knowing the parents of certain individuals but on everything I have learned about human sexual life, anatomy, and physiology, as well as what I have heard and observed in animals. But is this truly proof?
243. Ich weiß... sagt man, wenn man bereit ist, zwingende Gründe zu geben. Ich weißß bezieht sich auf eine Möglichkeit des Dartuns der Wahrheit. Ob Einer etwas weiß, läßt sich zei- gen, angenommen, daß er davon überzeugt ist.
241. Is this not a hypothesis that, as I believe, has been confirmed again and again with complete certainty?
Ist aber was er glaubt von solcher Art, daß die Gründe, die er geben kann, nicht sicherer sind als seine Behauptung, so kann er nicht sagen, er wisse, was er glaubt.
242. Must we not at every step declare: "I believe this with certainty"?
244. Wenn Einer sagt Ich habe einen Körper, so kann man ihn fragen Wer spricht hier mit diesem Munde?-
243. "I know..." is said when one is prepared to provide compelling reasons. "I know" refers to the possibility of demonstrating truth. Whether someone knows something can be shown, assuming they are convinced of it.
245. Zu wem sagt Einer, er wisse etwas? Zu sich selbst oder zu einem Andern. Wenn er's zu sich selbst sagt, wie unterscheidet es sich von der Feststellung, er sei gewiß, es verhalte sich so? Es gibt keine subjektive Sicherheit, daß ich etwas weiß. Subjektiv ist die Gewißheit, aber nicht das Wissen. Wenn ich mir also sage »Ich weiß, daß ich zwei Hände habe, und das soll nicht nur meine subjektive Gewißheit zum Ausdruck bringen, so muß ich mich davon überzeugen können, daß ich recht habe. Aber das kann ich nicht; denn daß ich zwei Hände habe ist nicht weniger gewiß, ehe ich sie angeschaut habe als nachher. Ich könnte aber sagen: Daß ich zwei Hände habe ist ein unumstößlicher Glaube. Das würde ausdrücken, ich sei nicht bereit, irgend etwas als Gegenbeweis dieses Satzes gelten zu lassen.246. Hier bin ich auf einer Grundlage alles meines Glaubens angelangt. »Diese Stellung werde ich halten! Aber ist das nicht eben nur, weil ich davon vollkommen überzeugt bin? Wie ist das: Vollkommen überzeugt sein?
But if what they believe is such that the reasons they can give are no more certain than their assertion, they cannot say they know what they believe.
245. To whom does someone say that he knows something? To himself or to another. If he says it to himself, how does it differ from the assertion that he is certain it is so? There is no subjective certainty that I know something. Subjectivity is certainty, but not knowledge. If I therefore say to myself "I know that I have two hands," and this is not meant merely to express my subjective certainty, then I must be able to convince myself that I am right. But this I cannot do; for that I have two hands is no less certain before I look at them than afterward. Yet I could say: That I have two hands is an irrefutable belief. This would express that I am not prepared to accept anything as counterevidence to this proposition.246. Here I have reached the foundation of all my belief. "This position I will hold! But is this not simply because I am completely convinced of it? What does it mean: to be completely convinced?
247. Wie wäre es, jetzt daran zu zweifeln, daß ich zwei Hände habe? Warum kann ich's mir gar nicht vorstellen? Was würde ich glauben, wenn ich das nicht glaubte? Ich habe noch gar kein System, worin es diesen Zweifel geben könnte.
247. What would it be like to doubt now that I have two hands? Why can I not even imagine it? What would I believe if I did not believe this? I do not yet have a system in which this doubt could exist.
248. Ich bin auf dem Boden meiner Überzeugungen ange- langt.
248. I have reached the bedrock of my convictions.
Und von dieser Grundmauer könnte man beinahe sagen, sie werde vom ganzen Haus getragen.
And of this foundation-wall one might almost say that it is carried by the entire house.
149. Man macht sich ein falsches Bild vom Zweifel.
149. One harbors a false picture of doubt.
250. Daß ich zwei Hände habe, ist unter normalen Umstän- den so sicher wie irgend etwas, was ich als Evidenz dafür anfüh ren könnte.
250. That I have two hands is, under normal circumstances, as certain as anything I could adduce as evidence for it.
Ich bin darum außerstande, den Anblick meiner Hand als Evidenz dafür aufzufassen.
Thus I am unable to regard the sight of my hand as evidence for this.
251. Heißt das nicht: ich werde unbedingt nach diesem Glau- ben handeln und mich durch nichts beirren lassen?252. Aber es ist doch nicht nur, daß ich in dieser Weise glaube, daß ich zwei Hände habe, sondern daßß jeder Vernünftige das tut
251. Does this not mean: I will act unwaveringly according to this belief and let nothing dissuade me?252. But it is not merely that I believe in this way that I have two hands, but that every reasonable person does so.
253. Am Grunde des begründeten Glaubens liegt der unbe gründete Glaube.
253. At the foundation of well-founded belief lies belief that is not founded.
254. Jeder wernünftige Mensch handelt so.
254. Every reasonable person acts thus.
255. Das Zweifeln hat gewisse charakteristische Außerungen, aber sie sind für ihn nur unter gewissen Umständen charakteri- stisch. Wenn Einer sagte, er zweifle an der Existenz seiner Hände, sie immer wieder von allen Seiten betrachtete, sich zu überzeugen suchte, daß keine Spiegelung oder dergl. vorläge, so wären wir nicht sicher, ob wir das ein Zweifeln nennen sollten. Wir könnten seine Handlungsweise als eine der zweifelnden ähnliche beschreiben, aber sein Spiel wäre nicht das unsre.
255. Doubting has certain characteristic manifestations, but they are characteristic of it only under certain circumstances. If someone said he doubted the existence of his hands, kept examining them from all sides, tried to assure himself there was no mirroring or suchlike, we would not be sure whether to call this doubting. We could describe his behavior as similar to doubting, but his game would not be ours.
256. Anderseits ändert sich das Sprachspiel mit der Zeit.
256. On the other hand, the language-game changes over time.
257. Wenn Einer mir sagte, er zweifle daran, ob er einen Körper habe, würde ich ihn für einen Halbnarren halten. Ich wüßte aber nicht, was es hieße, ihn davon zu überzeugen, dafß er einen habe. Und hätte ich etwas gesagt und das hätte nun den Zweifel behoben, so wüßte ich nicht wie und warum.
257. If someone told me he doubted whether he had a body, I would take him for a half-wit. But I would not know what it meant to convince him that he has one. And if I said something that then removed the doubt, I would not know how or why.
258. Ich weiß nicht, wie der Satz »Ich habe einen Körper« zu gebrauchen ist.
258. I do not know how to use the proposition "I have a body."
Das gilt nicht unbedingt von dem Satz, daß ich immer auf oder nahe der Erde war.
This does not necessarily apply to the proposition that I have always been on or near the earth.
259. Wer dran zweifelte, daß die Erde seit 100 Jahren existiert hat, könnte einen wissenschaftlichen oder aber einen philosophi schen Zweifel haben.
259. Someone who doubted that the earth has existed for 100 years could have a scientific or a philosophical doubt.
260. Ich möchte den Ausdruck »Ich weiß« für die Fälle reser- vieren, in denen er im normalen Sprachverkehr gebraucht wird.
260. I want to reserve the expression "I know" for cases where it is used in normal linguistic intercourse.
261. Einen vernünftigen Zweifel an der Existenz der Erde während der letzten 100 Jahre kann ich mir jetzt nicht vor- stellen.
261. I cannot now conceive of a reasonable doubt about the earth's existence during the last 100 years.
262. Ich kann mir einen Menschen vorstellen, der unter ganz besonderen Umständen aufgewachsen ist und dem man beige- bracht hat, die Erde sei vor so Jahren entstanden, und dieses deshalb auch glaubt. Diesen könnten wir belehren: die Erde habe schon lange etc. - Wir würden trachten, ihm unser Weltbild zu geben.
262. I can imagine someone who grew up under very special circumstances being taught that the earth came into existence 50 years ago and therefore believing it. We might instruct such a person: the earth has long existed etc.—We would strive to give him our worldview.
Dies geschähe durch eine Art Überredung.
This would happen through a kind of persuasion.
263. Der Schüler glaubt seinen Lehrernt und den Schulbü- chern.
263. The pupil believes his teachers and the textbooks.
264. Ich könnte mir den Fall denken, daß Moore von einem wilden Volksstamm gefangen wird und die den Verdacht aus- sprechen, er sei von irgendwo zwischen Erde und Mond gekom- men. Moore sagt ihnen, er wisse,..., kann ihnen aber die Gründe für seine Sicherheit nicht geben, weil sie phantastische Ideen vom Flugvermögen eines Menschen haben und von Physik nichts wissen. Dies wäre eine Gelegenheit, jene Aussage zu machen.
264. I could imagine the case where Moore is captured by a savage tribe and they express the suspicion that he came from somewhere between the earth and the moon. Moore tells them he knows..., but cannot give them the grounds for his certainty because they have fantastic ideas about human flight capability and know nothing of physics. This would be an occasion to make that statement.
265. Aber was sagt sie mehr, als Ich bin nie dort und dort gewesen und habe zwingende Gründe das zu glauben?
265. But what does it say beyond "I have never been there and there and have compelling reasons to believe this"?
266. Und hier müßte man noch sagen, was zwingende Gründe sind.
266. And here one would still have to say what counts as compelling reasons.
267. Ich habe nicht nur den visuellen Eindruck eines Bau- mes, sondern ich weiß, daß es ein Baum ist.
267. I do not merely have the visual impression of a tree; I know that it is a tree.
268. Ich weiß, daß das eine Hand ist. Und was ist eine Hand? Nun, das z. B.
268. I know that this is a hand. And what is a hand? Well, this, for example.
269. Bin ich gewisser, daß ich nie auf dem Mond als daß ich nie in Bulgarien war? Warum bin ich so sicher? Nun, ich weiß, daß ich auch nirgends in der Nähe, z. B. nie auf dem Balkan, war.
269. Am I more certain that I have never been on the moon than that I have never been in Bulgaria? Why am I so certain? Well, I know that I was nowhere near there either, e.g., never in the Balkans.
270. »Ich habe für meine Sicherheit zwingende Gründe.« Diese Gründe machen die Sicherheit objektiv.
270. "I have compelling reasons for my certainty." These reasons make the certainty objective.
271. Was ein triftiger Grund für etwas sei, entscheide nicht ich.
271. What constitutes a valid reason for something is not determined by me.
272. Ich weiß = Es ist mir als gewiß bekannt.
272. I know = It is known to me as certain.
273. Wann aber sagt man von etwas, es sei gewiß?
273. But when is something said to be certain?
Denn darüber, ob etwas gewiß ist, läßt sich streiten; wenn nämlich etwas objektiv gewiß ist.
For whether something is certain can be disputed—if it is objectively certain.
Es gibt eine Unzahl allgemeiner Erfahrungssätze, die uns als gewiß gelten.
There are countless general empirical propositions that we regard as certain.
274. Daß Einem, dem man den Arm abgehackt, er nicht wieder wächst, ist ein solcher. Daß Einer, dem man den Kopf abgehauen hat, tot ist und nie wieder lebendig wird, ein andrer.
274. That a severed arm does not regrow is one such. That a decapitated person is dead and will never revive is another.
Man kann sagen, daß Erfahrung uns diese Sätze lehrt. Sie lehrt sie uns aber nicht isoliert, sondern sie lehrt uns eine Menge zusammenhängender Sätze. Wären sie isoliert, so könnte ich etwa an ihnen zweifeln, denn ich habe keine sie betreffende Erfahrung.
One might say experience teaches us these propositions. But it teaches them not in isolation but as part of a coherent whole. Were they isolated, I might doubt them, for I lack relevant experience.
275. Ist die Erfahrung der Grund dieser unserer Gewißheit, so ist es natürlich die vergangene Erfahrung.
275. If experience is the ground of this certainty, it is naturally past experience.
Und es ist nicht etwa bloß meine Erfahrung, sondern die der Anderen, von der ich Erkenntnis erhalte.Nun könnte man sagen, daß es wiederum Erfahrung ist, was uns den Andern Glauben schenken läßt. Aber welche Erfahrung macht mich glauben, daß die Anatomie- und Physiologiebücher nicht Falsches enthalten? Es ist wohl wahr, daß dieses Vertrauen auch durch meine eigene Erfahrung gestützt wird.
And it is not merely my own experience but that of others from whom I derive knowledge. Now one might say that it is again experience that leads us to trust others. But what experience makes me believe that anatomy and physiology textbooks contain no falsehoods? True, this trust is also supported by my own experience.
276. Wir glauben, sozusagen, daß dieses große Gebäude da ist, und nun sehen wir einmal da ein Eckchen, einmal dort ein Eckchen.
276. We might say that this vast edifice exists here, and now we glimpse one corner here, another there.
277. Ich kann nicht umhin zu glauben....
277. I cannot help believing....
278. Ich bin beruhigt, daß es so ist.
278. I am reassured that this is so.
279. Es ist ganz sicher, daß Automobile nicht aus der Erde wachsen. Wir fühlen, daß, wenn Einer das Gegenteil glauben könnte, er allem Glauben schenken könne, was wir für unmög lich erklären, und alles bestreiten könnte, was wir für sicher halten.
279. It is entirely certain that automobiles do not grow from the earth. We feel that if someone could believe the opposite, they might believe anything we deem impossible and deny anything we hold as certain.
Wie aber hängt dieser eine Glaube mit allen andern zusam- men? Wir möchten sagen, daß wer jenes glauben kann das ganze System unsrer Verifikation nicht annimmt.
But how is this one belief connected to all others? We want to say that whoever can believe that does not accept our entire system of verification.
Dies System ist etwas, was der Mensch durch Beobachtung und Unterricht aufnimmt. Ich sage absichtlich nicht »lernt«.
This system is something humans assimilate through observation and instruction. I deliberately avoid saying "learn."
280. Nachdem er das und das gesehen und das und das gehört hat, ist er außerstande zu bezweifeln, daß....
280. After seeing such-and-such and hearing such-and-such, they are incapable of doubting that....
281. Ich, L. W., glaube, bin sicher, daß mein Freund nicht Sägespäne im Leib oder im Kopf hat, obwohl ich dafür keine direkte Evidenz der Sinne habe. Ich bin sicher, auf Grund des- sen, was mir gesagt wurde, was ich gelesen habe, und meiner Erfahrungen. Daran zu zweifeln erscheint mir als Wahnsinn, freilich wieder in Übereinstimmung mit Anderen; aber ich stimme mit ihnen überein.
281. I, L. W., believe and am certain that my friend has no sawdust in his body or head, though I lack direct sensory evidence. I am certain based on what I have been told, what I have read, and my experiences. To doubt this strikes me as madness—though again, in agreement with others; but I concur with them.
282. Ich kann nicht sagen, daß ich gute Gründe habe zur Ansicht, daß Katzen nicht auf Bäumen wachsen oder daß ich einen Vater und eine Mutter gehabt habe.
282. I cannot say I have good grounds for the view that cats do not grow on trees or that I had a father and mother.
Wenn Einer daran zweifelt-wie soll es geschehen sein? Soller von Anfang an nie geglaubt haben, er habe Eltern gehabt? Aber ist denn das denkbar, es sei denn, daß man ihn dies gelehrt hat?
If someone doubts this—how would it have come about? Did they never believe from the start that they had parents? But is this conceivable unless they were taught otherwise?
283. Denn wie kann das Kind an dem gleich zweifeln, was man ihm beibringt? Das könnte nur bedeuten, daß es gewisse Sprachspiele nicht erlernen könnte.
283. For how could a child doubt what is taught to them? This could only mean they are incapable of learning certain language-games.
284. Die Menschen haben seit den ältesten Zeiten Tiere gető- tet, ihr Fell, ihre Knochen etc. etc. zu gewissen Zwecken gebraucht; sie haben mit Bestimmtheit drauf gerechnet, in jedem ähnlichen Tier ähnliche Teile zu finden.
284. Since ancient times, humans have killed animals, using their hides, bones, etc., for specific purposes; they have confidently expected to find similar parts in every comparable animal.
Sie haben immer aus der Erfahrung gelernt, und aus ihren Handlungen kann man ersehen, daß sie Gewisses mit Bestimmt- heit glauben, ob sie diesen Glauben aussprechen oder nicht. Damit will ich natürlich nicht sagen, daß der Mensch so handeln solle, sondern nur, daß er so handelt.285. Wenn Einer etwas sucht und wühlt etwa an einem bestimmten Platz die Erde auf, so zeigt er damit, daß er glaubt, das, was er sucht, sei dort.
They have always learned from experience, and their actions reveal that they firmly believe certain things, whether articulated or not. I do not, of course, mean that humans should act this way but that they do act this way. 285. If someone searches and digs at a specific spot, they show they believe what they seek is there.
286. Woran wir glauben, hängt von dem ab, was wir lernen. Wir alle glauben, es sei unmöglich, auf den Mond zu kommen; aber es könnte Leute geben, die glauben, es sei möglich und geschehe manchmal. Wir sagen: diese wissen Vieles nicht, was wir wissen. Und sie mögen ihrer Sache noch so sicher sein - sie sind im Irrtum, und wir wissen es.
286. What we believe depends on what we learn. We all believe it impossible to reach the moon, but there might be people who believe it possible and even occurring. We say: they lack much knowledge we possess. However certain they may feel—they are mistaken, and we know it.
Wenn wir unser System des Wissens mit ihrem vergleichen, so zeigt sich ihres als das weit ärmere.
Comparing our system of knowledge with theirs, theirs appears vastly impoverished.
23.9.50
23.9.50
287. Das Eichhörnchen schließt nicht durch Induktion, daß es auch im nächsten Winter Vorräte brauchen wird. Und ebenso wenig brauchen wir ein Gesetz der Induktion, um unsre Hand- lungen oder Vorhersagen zu rechtfertigen.
287. The squirrel does not infer by induction that it will need provisions next winter. Nor do we require a law of induction to justify our actions or predictions.
288. Ich weiß nicht nur, daß die Erde lange vor meiner Geburt existiert hat, sondern auch, daß sie ein großer Körper ist, daß man das festgestellt hat, daß ich und die andern Menschen viele Ahnen haben, daß es Bücher über das alles gibt, daß solche Bücher nicht lägen, etc. etc. etc. Und das alles weiß ich? Ich glaube es. Dieser Wissenskörper wurde mir überliefert, und ich habe keinen Grund, an ihm zu zweifeln, sondern vielerlei Bestä- tigungen.
288. I know not only that the Earth existed long before my birth but also that it is a large body, that this has been established, that I and others have many ancestors, that books exist about all this, that such books are not fabrications, etc., etc., etc. And do I know all this? I believe it. This body of knowledge was transmitted to me, and I have no reason to doubt it but rather manifold confirmations.
Und warum soll ich nicht sagen, ich wisse das alles? Sagt man nicht eben dies?
And why should I not say I know all this? Is this not precisely what one says?
Aber nicht nur ich weifß oder glaube alles das, sondern die Andern auch. Oder vielmehr, ich glaube, daß sie es glauben.289. Ich bin fest überzeugt, dafß die Andern glauben, zu wis- sen glauben, daß es sich alles so verhält.
But it is not only I who know or believe all this; others do too. Or rather, I believe that they believe it. 289. I am firmly convinced that others believe, or think they know, that all these things are so.
290. Ich habe selbst in meinem Buch geschrieben, das Kind lerne ein Wort so und so verstehen: Weiß ich das, oder glaube ich das? Warum schreibe ich in so einem Falle nicht Ich glaube..... sondern einfach den Behauptungssatz?
290. In my own book I wrote that a child learns to understand a word in such and such a way: Do I know this, or do I believe it? Why in such a case do I not write "I believe..." but simply state the proposition?
291. Wir wissen, daß die Erde rund ist. Wir haben uns end- gültig davon überzeugt, dafß sie rund ist. Bei dieser Ansicht werden wir verharren, es sei denn, daß sich unsere ganze Naturanschauung ändert. Wie weißt du das? - Ich glaube es.
291. We know that the Earth is round. We have definitively convinced ourselves that it is round. We shall adhere to this view unless our entire conception of nature changes. How do you know that? — I believe it.
292. Weitere Versuche können die früheren nicht Lügen stra- fen, höchstens unsere ganze Betrachtung ändern.
292. Further experiments cannot refute the earlier ones; at most, they might alter our whole perspective.
293. Ahnlich der Satz Das Wasser siedet bei 100° С.
293. Similarly with the proposition "Water boils at 100°C."
294. So überzeugen wir uns, das nennt man mit Recht davon überzeugt sein.
294. This is how we convince ourselves; this is rightly called being convinced.
295. Hat man also nicht, in diesem Sinne, einen Beweis des Satzes? Aber es ist kein Beweis dafür, daß dasselbe wieder geschehen ist; aber wir sagen, es gibt uns ein Recht, dies anzu- nehmen.296. Dies nennen wir »Erfahrungsmäßige Begründung« uns rer Annahmen.
295. Does this not, in this sense, provide proof of the proposition? But it is not proof that the same thing happened again; rather, it gives us justification to assume this. 296. This is what we call the "empirical justification" of our assumptions.
297. Wir lernen eben nicht nur, daß die und die Versuche so und so ausgegangen sind, sondern auch den Schlußsatz. Und daran ist natürlich nichts Falsches. Denn dieser Satz ist ein Instrument für bestimmten Gebrauch.
297. We learn not only that such and such experiments have turned out in such and such ways, but also the concluding proposition. And of course there is nothing wrong with this. For this proposition is an instrument for specific use.
298. Wir sind dessen ganz sicher, heißt nicht nur, daß jeder Einzelne dessen gewiß ist, sondern, daß wir zu einer Gemein- schaft gehören, die durch die Wissenschaft und Erziehung ver- bunden ist.
298. That we are entirely certain of this means not only that every individual is certain of it, but that we belong to a community bound together by science and education.
299. We are satisfied that the earth is round.
299. We are satisfied that the earth is round.
10. 3. 31 300. Nicht alle Korrekturen unsrer Ansichten stehen auf der gleichen Stufe.
10.3.31 300. Not all corrections of our views stand on the same level.
301. Angenommen, es sei nicht wahr, daß die Erde schon lange vor meiner Geburt existiert hat, wie hat man sich die Entdeckung dieses Fehlers vorzustellen?
301. Suppose it were not true that the Earth existed long before my birth—how is the discovery of this error to be imagined?
302. Es ist nichts nutz zu sagen »Vielleicht irren wir uns«, wenn, wenn keiner Evidenz zu trauen ist, im Fall der gegenwär- tigen Evidenz nicht zu trauen ist.
302. It is useless to say "Perhaps we are mistaken" if no evidence can be trusted—if even present evidence cannot be trusted.
303. Wenn wir uns z. B. immer verrechnet haben und 12 X 12 nicht 144 ist, warum sollten wir dann irgendeiner anderen Rech- nung trauen? Und das ist natürlich falsch ausgedrückt.
303. For example, if we have always miscalculated and 12 × 12 is not 144, why should we trust any other calculation? And this is of course incorrectly expressed.
304. Aber auch ich are mich in dieser Formel des Einmaleins nicht. Ich mag später einmal sagen, ich sei jetzt verwirrt gewesen, aber nicht, ich hätte mich geirrt.
304. Nor do I err in this formula of the multiplication table. Later I might say I was confused, but not that I was mistaken.
305. Hier ist wieder ein Schritt nötig ähnlich dem der Relativi- titstheorie.
305. Here again a step is needed similar to that in the theory of relativity.
306. »Ich weiß nicht, ob das eine Hand ist.« Weißt du aber, was das Wort »Hand« bedeutet? Und sag nicht »Ich weiß, was es jetzt für mich bedeutet«. Und ist das nicht eine Erfahrungstatsa- che, daß dies Wort so gebraucht wird?
306. "I don't know whether this is a hand." But do you know what the word "hand" means? And don't say "I know what it means for me now." Is it not an empirical fact that this word is used in this way?
307. Und hier ist es nun sonderbar, daß, wenn ich auch des Gebrauchs der Wörter ganz sicher bin, keinen Zweifel darüber habe, ich doch keine Gründe für meine Handlungsweise angeben kann. Versuchte ich's, so könnte ich 1000 geben, aber keinen, der so sicher wäre, wie eben das, was sie begründen sollen.
307. And here is the curious thing: even though I am completely certain about the use of the words and have no doubt about it, I can give no reasons for my way of proceeding. If I tried, I could give a thousand reasons, but none as certain as what they are meant to justify.
308. »Wissen« und »Sicherheit« gehören zu verschiedenen Kategorien. Es sind nicht zwei »Seelenzustände« wie etwa »Ver- muten« und »Sichersein«. (Hier nehme ich an, daß es für mich sinnvoll sei zu sagen »Ich weiß, was das Wort ›Zweifel‹ (z. B.) bedeutet« und daß dieser Satz dem Wort ›Zweifel‹ eine logische Rolle anweist.) Was uns nun interessiert ist nicht das Sichersein,sondern das Wissen. D. h. uns interessiert, daß es über gewisse Erfahrungssätze keinen Zweifel geben kann, wenn ein Urteil überhaupt möglich sein soll. Oder auch: Ich bin geneigt zu glauben, daß nicht alles, was die Form eines Erfahrungssatzes hat, ein Erfahrungssatz ist.
308. "Knowing" and "being certain" belong to different categories. They are not two "mental states" like, say, "suspecting" and "being sure." (Here I assume that it makes sense for me to say "I know what the word 'doubt' means," and that this sentence assigns a logical role to the word 'doubt.') What interests us now is not certainty but knowledge. That is: we are interested in the fact that there can be no doubt about certain empirical propositions if judgment is to be possible at all. Or again: I am inclined to believe that not everything that has the form of an empirical proposition is one.
309. Ist es, daß Regel und Erfahrungssatz ineinander über- gehen?
309. Is it that rule and empirical proposition merge into one another?
310. Ein Schüler und ein Lehrer. Der Schüler läßt sich nichts erklären, denn er unterbricht (den Lehrer) fortwährend mit Zweifeln, z. B. an der Existenz der Dinge, der Bedeutung der Wörter, etc. Der Lehrer sagt: Unterbrich nicht mehr und tu, was ich dir sage; deine Zweifel haben jetzt noch gar keinen Sinn.
310. A pupil and a teacher. The pupil will let nothing be explained to him, for he constantly interrupts with doubts—for instance, about the existence of things, the meaning of words, etc. The teacher says: "Stop interrupting and do what I tell you; your doubts have no meaning at this stage."
311. Oder denk dir, der Schüler bezweifelte die Geschichte (und alles, was mit ihr zusammenhängt), ja auch, ob die Erde vor 100 Jahren überhaupt existiert habe.
311. Or imagine the pupil doubting the whole of history (and everything connected with it), even whether the Earth existed at all 100 years ago.
312. Da ist es mir, als wäre dieser Zweifel hohl. Aber ist es dann nicht auch der Glaube an die Geschichte? Nein; dieser hängt mit so vielem zusammen.
312. Here it seems to me as though this doubt were hollow. But then is not belief in history also hollow? No; this belief is intertwined with so much else.
313. So ist das also, was uns einen Satz glauben macht? Nun, es hängt eben die Grammatik von glauben mit der des geglaub- ten Satzes zusammen.314. Denk dir, der Schüler fragte wirklich: Und ist ein Tisch auch da, wenn ich mich umdrehe; und auch, wenn ihn niemand sieht? Soll da der Lehrer ihn beruhigen? und sagen Freilich ist er da!
313. So is this then what makes us believe a proposition? Well, the grammar of belief is connected with that of the proposition believed.314. Imagine the student actually asked: And is there a table there even when I turn around? And even when no one sees it? Should the teacher then reassure him? And say "Of course it's there!"
Vielleicht wird der Lehrer ein bißchen ungeduldig werden, sich aber denken, der Schüler werde sich solche Fragen schon abgewöhnen.
Perhaps the teacher would become somewhat impatient but think the student will outgrow such questions.
315. D.h. der Lehrer wird empfinden, dies sei eigentlich keine berechtigte Frage.
315. That is, the teacher will feel this is not actually a legitimate question.
Und gleichermaßen, wenn der Schüler die Gesetzlichkeit der Natur, also die Berechtigung zu Induktionsschlüssen, anzwei- felte. Der Lehrer würde empfinden, daß das ihn und den Schüler nur aufhält, daß er dadurch im Lernen nur steckenbliebe und nicht weiterkäme. Und er hätte recht. Es wäre, als sollte jemand nach einem Gegenstand im Zimmer suchen; er öffnet eine Lade und sieht ihn nicht darin; da schließt er sie wieder, wartet und öffnet sic wieder, um zu sehen, ob er jetzt nicht etwa darin sei, und so fährt er fort. Er hat noch nicht suchen gelernt. Und so hat jener Schüler noch nicht fragen gelernt. Nicht das Spiel gelernt, das wir ihn lehren wollen.
And similarly if the student doubted the lawfulness of nature, i.e., the justification for inductive inferences. The teacher would feel this only obstructs him and the student - that through this, the student remains stuck in learning and cannot progress. And he would be right. It would be as if someone should search for an object in a room; he opens a drawer and doesn't see it there; then closes it again, waits, and opens it again to see if it isn't there now, and so continues. He hasn't yet learned to search. And so that student hasn't yet learned to ask. He hasn't learned the game we are trying to teach him.
316. Und ist es nicht dasselbe, wie wenn der Schüler den Geschichtsunterricht aufhielte durch Zweifel darüber, ob die Erde wirklich...?
316. And isn't this the same as when the student interrupts history lessons with doubts about whether the Earth really...?
317. Dieser Zweifel gehört nicht zu den Zweifein unsers Spiels. (Nicht aber, als ob wir uns dieses Spiel aussuchten!)318. Die Frage kommt gar nicht auf. Ihre Antwort würde eine Methode charakterisieren. Es ist aber keine scharfe Grenze zwischen methodologischen Sätzen und Sätzen innerhalb einer Methode.
317. This doubt does not belong to the doubts of our game. (Though not as if we had chosen this game!)318. The question doesn't arise at all. Its answer would characterize a method. But there is no sharp boundary between methodological propositions and propositions within a method.
319. Aber müßte man dann nicht sagen, daß es keine scharfe Grenze gibt zwischen Sätzen der Logik und Erfahrungssätzen? Die Unschärfe ist eben die der Grenze zwischen Regel und Erfahrungssatz
319. But wouldn't one then have to say that there is no sharp boundary between propositions of logic and empirical propositions? The vagueness is precisely that of the boundary between rule and empirical proposition.
320. Hier muß man, glaube ich, daran denken, daß der Begriff »Satz« selbst nicht scharf ist.
320. Here, I believe, one must remember that the concept "proposition" itself is not sharp.
321. Ich sage doch: Jeder Erfahrungssatz kann umgewandelt werden in ein Postulat- und wird dann eine Norm der Darstel- lung. Aber auch dagegen habe ich ein Mißtrauen. Der Satz ist zu allgemein. Man möchte fast sagen »Jeder Erfahrungssatz kann, theoretisch, umgewandelt werden....«, aber was heißt hier »theoretisch«? Es klingt eben zu sehr nach der Log. Phil. Abh.
321. I do say: Every empirical proposition can be transformed into a postulate - and thereby becomes a norm of representation. But I also distrust this. The proposition is too general. One almost wants to say "Every empirical proposition can, theoretically, be transformed...", but what does "theoretically" mean here? It sounds too much like the Tractatus Logico-Philosophicus.
322. Wie, wenn der Schüler nicht glauben wollte, daß dieser Berg seit Menschengedenken immer dagestanden ist?
322. What if the student refused to believe that this mountain has stood there since time immemorial?
Wir würden sagen, er habe ja gar keinen Grund zu diesem Mißtrauen.
We would say he has no grounds for this distrust.
323. Also muß vernünftiges Mißtrauen einen Grund haben?
323. So must reasonable distrust have grounds?
Wir könnten auch sagen: »Der Vernünftige glaubt dies.«
We might also say: "The reasonable person believes this."
324. Wir würden also den nicht vernünftig nennen, der etwas, wissenschaftlicher Evidenz zum Trotz, glaubt.
324. We would thus not call reasonable someone who believes something contrary to scientific evidence.
325. Wenn wir sagen, wir wissen, daß..., so meinen wir, daß jeder Vernünftige in unserer Lage es auch wüßte, daß es Unver- nunft wäre, es zu bezweifeln. So will auch Moore nicht nur sagen, er wisse, daß er etc. etc., sondern auch, daß jeder Ver- nunftbegabte in seiner Lage es ebenso wüßte.
325. When we say we know that..., we mean that every reasonable person in our situation would also know it, that it would be unreasonable to doubt it. Thus Moore wants not only to say he knows he is etc. etc., but also that every rational being in his situation would know the same.
316. Wer sagt uns aber, was in dieser Lage vernünftig ist zu glauben?
326. But who tells us what it is reasonable to believe in this situation?
327. Man könnte also sagen: »Der vernünftige Mensch glaubt: daß die Erde längst vor seiner Geburt existiert hat, daß sein Leben sich auf der Erdoberfläche oder nicht weit von ihr abgespielt hat, daß er z. B. nie auf dem Mond war, daß er ein Nervensystem besitzt und verschiedene Innereien wie alle ande- ren Menschen etc. etc.«
327. One could therefore say: "The reasonable person believes: that the Earth existed long before his birth, that his life has taken place on or near its surface, that he has never been on the moon, for example, that he has a nervous system and various internal organs like all other people, etc. etc."
328. »Ich weiß es so, wie ich weiß, daß ich L. W. heiße.«
328. "I know it as I know that my name is L.W."
329. »Wenn er das bezweifelt – was immer hier ›bezweifeln‹ heißt –, dann wird er dieses Spiel nie erlernen.«
329. "If he doubts that - whatever 'doubting' means here - he will never learn this game."
330. Der Satz »Ich weiß...« drückt also hier die Bereitschaft aus, gewisse Dinge zu glauben.
330. The proposition "I know..." thus expresses here the readiness to believe certain things.
13.3.
March 13th.
331. Wenn wir überhaupt auf den Glauben hin mit Sicherheit handeln, sollen wir uns dann wundern, daß wir an Vielem nicht zweifeln können?
331. If we act with certainty based on belief at all, why should we be astonished that we cannot doubt so much?
332. Denk dir, jemand würde, ohne philosophieren zu wol- len, sagen: »Ich weiß nicht, ob ich je auf dem Mond gewesen bin; ich erinnere mich nicht, jemals dort gewesen zu sein.« (Warum wäre dieser Mensch von uns so grundverschieden?)
332. Imagine someone saying, without wanting to philosophize: "I don't know whether I've ever been on the moon; I don't remember ever being there." (Why would this person be so fundamentally different from us?)
Vor allem: Wie wüßte er denn, daß er auf dem Mond ist? Wie stellt er sich das vor? Vergleiche: »Ich weiß nicht, ob ich je im Dorfe X war.« Aber ich könnte auch das nicht sagen, wenn X in der Türkei läge, denn ich weiß, daßß ich nie in der Türkei war.
First of all: How would he even know he was on the moon? How does he imagine this? Compare: "I don't know whether I've ever been to village X." But I couldn't even say that if X were in Turkey, for I know I've never been to Turkey.
333. Ich frage jemand: »Warst du jemals in China?« Er antwortet: »Ich weiß nicht.« Da würde man doch sagen: »Du weißt es nicht? Hast du irgendeinen Grund zu glauben, du wärest vielleicht einmal dort gewesen? Warst du z. B. einmal in der Nähe der chinesischen Grenze? Oder waren deine Eltern dort zur Zeit, da du geboren wurdest?« Normalerweise wissen Europäer doch, ob sie in China waren oder nicht.
333. I ask someone: "Have you ever been to China?" He answers: "I don't know." One would surely say: "You don't know? Do you have any reason to believe you might have been there? Were you once near the Chinese border? Or were your parents there when you were born?" Normally, Europeans know whether they've been to China or not.
334. D.h.: der Vernünftige zweifelt daran nur unter den und den Umständen.
334. That is: the reasonable person doubts this only under such-and-such circumstances.
335. Das Verfahren in einem Gerichtssaal beruht darauf, daß Umstände Aussagen eine gewisse Wahrscheinlichkeit geben. Die Aussage z. B., jemand sei ohne Eltern auf die Welt gekommen, würde dort nie in Erwägung gezogen werden.
335. The procedure in a courtroom is based on the principle that circumstances lend statements a certain degree of probability. For instance, the claim that someone was born without parents would never be considered there.
336. Aber was Menschen vernünftig oder unvernünftig erscheint, ändert sich. Zu gewissen Zeiten scheint Menschen etwas vernünftig, was zu andern Zeiten unvernünftig schien. U.u.
336. But what appears reasonable or unreasonable to people changes. At certain times, people regard as reasonable what seemed unreasonable in other epochs. Yet:
Aber gibt es hier nicht ein objektives Merkmal?
Does there not exist an objective criterion here?
Sehr gescheite und gebildete Leute glauben an die Schöpfungs- geschichte der Bibel, und andere halten sie für erwiesenermafien falsch, und diese Gründe sind jenen bekannt.
Highly intelligent and educated people believe in the Biblical account of creation, while others consider it demonstrably false – and the latter group's reasons are known to the former.
337. Man kann nicht experimentieren, wenn man nicht man- ches nicht bezweifelt. Das heißt aber nicht, daß man dann gewisse Voraussetzungen auf guten Glauben hinnimmt. Wenn ich einen Brief schreibe und aufgebe, so nehme ich an, daß er ankommen wird, das erwarte ich.
337. One cannot conduct experiments without taking certain things for granted. This does not mean, however, that one thereby accepts certain presuppositions on blind faith. When I write and post a letter, I assume it will arrive – this I expect.
Wenn ich experimentiere, so zweifle ich nicht an der Existenz des Apparates, den ich vor den Augen habe. Ich habe eine Menge Zweifel, aber nicht den. Wenn ich eine Rechnung mache, so glaube ich, ohne Zweifel, daß sich die Ziffern auf dem Papier nicht von selbst vertauschen, auch vertraue ich fortwährend meinem Gedächtnis und vertraue ihm unbedingt. Es ist hier dieselbe Sicherheit wie, daß ich nie auf dem Mond war.
When experimenting, I do not doubt the existence of the apparatus before my eyes. I may entertain many doubts, but not that one. When performing calculations, I trust without question that the numerals on paper won't spontaneously rearrange themselves, just as I continually – and absolutely – rely on my memory. The certainty here is akin to my never having been on the moon.
338. Denken wir uns aber Leute, die dieser Sachen mie ganz sicher wären, aber wohl sagten, es sei sehr wahrscheinlich so und es lohne sich nicht, daran zu zweifeln. So einer würde also, wenn er in meiner Lage wäre, sagen: Es ist höchst unwahrscheinlich, daß ich je auf dem Mond war, etc. etc. Wie würde sich dasLeben dieser Leute von unserem unterscheiden? Es gibt ja Leute, die sagen, es sei nur höchst wahrscheinlich, daß das Wasser im Kessel, der überm Feuer steht, kochen und nicht gefrieren wird, es sei also strenggenommen, was wir als unmöglich ansehen, nur unwahrscheinlich. Welchen Unterschied macht dies in ihrem Leben? Ist es nicht nur, daß sie über gewisse Dinge etwas mehr reden als die Andern?
338. Let us imagine people who are not entirely certain about such matters but say it's highly probable and not worth doubting. Such a person in my situation would declare: "It's extremely unlikely I've ever been on the moon," etc. How would these people's lives differ from ours? There are indeed those who claim that water boiling in a kettle over fire is only highly probable, and what we regard as impossible is merely improbable in strict terms. What difference does this make in their lives? Is it not simply that they talk somewhat more about certain things than others?
339. Denk dir einen Menschen, der seinen Freund vom Bahn- hof abholen soll und nun nicht einfach im Fahrplan nachsieht und zur gewissen Zeit auf den Bahnhof geht, sondern er sagt: Ich glaube nicht, daß der Zug wirklich ankommen wird, aber ich werde dennoch zur Bahn gehen. Er tut alles, was der gewöhnliche Mensch tut, begleitet es aber mit Zweifeln oder Unwillen über sich selbst etc.
339. Imagine someone tasked with meeting a friend at the station. Instead of consulting the timetable and going to the station at the appointed time, he says: "I don't believe the train will actually arrive, but I'll go to the station anyway." He performs all the actions of an ordinary person yet accompanies them with self-doubt or reluctance.
340. Mit derselben Gewißheit, mit der wir irgendeinen mathematischen Satz glauben, wissen wir auch, wie die Buchsta- ben A und -B- auszusprechen sind, wie die Farbe des mensch- lichen Bluts heißt, dafi andre Menschen Blut haben und es -Blut- nennen.
340. With the same certainty that we accord to any mathematical proposition, we also know how to pronounce the letters A and B, what the color of human blood is called, that others have blood and name it "blood."
341. D. h. die Fragen, die wir stellen, und unsre Zweifel beru- hen darauf, daß gewisse Sätze vom Zweifel ausgenommen sind, gleichsam die Angeln, in welchen jene sich bewegen.
341. That is: the questions we pose and our doubts rest upon the fact that certain propositions are exempt from doubt – they function as the hinges upon which those doubts turn.
342. D.h. es gehört zur Logik unsrer wissenschaftlichen Untersuchungen, daß Gewisses in der Tat nicht angezweifelt wird.343. Es ist aber damit nicht so, daß wir eben nicht alles untersuchen können und uns daher notgedrungen mit der Annahme zufriedenstellen müssen. Wenn ich will, daß die Türe sich drehe, müssen die Angeln feststehen.
342. This means it belongs to the logic of scientific investigation that certain things are indeed not doubted. 343. Yet this is not because we cannot examine everything and must therefore reluctantly accept assumptions. If I want a door to turn, the hinges must remain fixed.
344. Mein Leben besteht darin, daß ich mich mit manchem zufriedengebe.
344. My life consists in my being content with many things.
345. Wenn ich frage Welche Farbe siehst du jetzt?, um nämlich zu erfahren, welche Farbe jetzt dort ist, so kann ich nicht zu gleicher Zeit auch bezweifeln, ob der Angeredete Deutsch versteht, ob er mich hintergehen will, ob mein eigenes Gedächtnis, die Bedeutung der Farbnamen betreffend, mich nicht im Stich läßt, etc.
345. When I ask "What color do you see now?" to determine the current color, I cannot simultaneously doubt whether the addressee understands German, intends to deceive me, or whether my own memory of color terms might fail me, etc.
346. Wenn ich Einen im Schach matt zu setzen suche, kann ich nicht zweifeln, ob die Figuren nicht etwa von selbst ihre Stellungen wechseln und zugleich mein Gedächtnis mir einen Streich spielt, daß ich's nicht merke.
346. When attempting to checkmate someone in chess, I cannot doubt whether the pieces might spontaneously change positions while my memory plays tricks on me unnoticed.
15.3.31
15.3.31
347. I know that that's a tree. Warum kommt mir vor, ich verstünde den Satz nicht? obwohl er doch ein höchst einfacher Satz von der gewöhnlichsten Art ist? Es ist, als könnte ich meinen Geist nicht auf irgendeine Bedeutung einstellen. Weil ich nämlich die Einstellung nicht in dem Bereiche suche, wo sie ist. Sowie ich aus der philosophischen an eine alltägliche Anwen dung des Satzes denke, wird sein Sinn klar und gewöhnlich.348. So wie die Worte »Ich bin hier« nur in gewissen Zusam menhängen Sinn haben, nicht aber, wenn ich sie Einem sage, der mir gegenüber sitzt und mich klar sieht, und zwar nicht darum, weil sie dann überflüssig sind, sondern, weil ihr Sinn durch die Situation nicht bestimmt ist, aber so eine Bestimmung braucht.
347. I know that that's a tree. Why does it strike me that I don't understand this proposition, though it's an utterly simple sentence of the most ordinary kind? It's as if I cannot attune my mind to any meaning – because I'm seeking the attunement outside its proper domain. When I shift from philosophical to everyday uses of the sentence, its sense becomes clear and commonplace.
349. »Ich weiß, daß das ein Baum ist«–dies kann alles mögli- che bedeuten: Ich schaue auf eine Pflanze, die ich für eine junge Buche, der Andre für eine Ribiselpflanze hält. Er sagt »Das ist ein Strauch«, ich, es sei ein Baun. Wir sehen im Nebel etwas, was einer von uns für einen Menschen hält, der Andre sagt »Ich weiß, daß das ein Baum ist«. Jemand will meine Augen prüfen etc. etc. etc. etc. Jedesmal ist das »das«, was ich für einen Baum erkläre, von andrer Art.
348. Just as the words "I am here" only make sense in specific contexts – not when uttered to someone sitting opposite me who clearly sees me – not because they're superfluous, but because their sense requires situational determination.
Wie aber, wenn wir uns bestimmter ausdrückten? also z. B.: »Ich weiß, daß das dort ein Baum ist, ich sehe es klar genug.« Nehmen wir sogar an, ich hätte im Zusammenhang eines Gesprächs diese Bemerkung gemacht (die also damals relevant war); und nun, außer allem Zusammenhang, wiederhole ich sie, indem ich den Baum ansehe, und ich setze hinzu »Ich meine diese Worte so wie vor 5 Minuten«. Wenn ich z. B. dazu sagte, ich hätte wieder an meine schlechten Augen gedacht und es sei eine Art Seufzer gewesen, so wäre nichts Rätselhaftes an der Aufie- rung.
349. "I know that this is a tree" – this could mean all manner of things: I'm looking at a plant I take for a young beech tree, while another thinks it's a currant bush. He says "That's a shrub," I say it's a tree. We see something in fog that one of us takes for a person; the other says "I know that's a tree." Someone wants to test my eyesight, etc. Each time, the "this" that I declare to be a tree differs in kind.
Wie der Satz gemeint ist, kann ja durch eine Ergänzung des Satzes ausgedrückt werden und läßt sich also mit ihm ver- einigen.
But what if we expressed ourselves more precisely? For example: "I know that over there is a tree; I see it clearly enough." Suppose I originally made this remark during a conversation (where it was relevant), and now, divorced from context, I repeat it while looking at the tree, adding: "I mean these words as I did five minutes ago." If I explained, for instance, that I was again thinking about my poor eyesight and this was a kind of sigh, the utterance would lose its mysteriousness.
350. »Ich weiß, daß das ein Baum ist«, sagt ein Philosoph etwa, um sich selbst oder einem Andern vor Augen zu führen, er wisse etwas, was keine mathematische oder logische Wahrheit sei. Ähnlich könnte jemand, der mit dem Gedanken umgeht, er sei zu nichts mehr zu brauchen, sich immer wieder sagen »Ichkann noch immer das und das und das tun. Gingen solche Gedanken öfter in seinem Kopf herum, so würde man sich nicht darüber wundern, wenn er, scheinbar außer allem Zusammen- hang, so einen Satz vor sich hinspräche. (Ich habe aber hier bereits einen Hintergrund, eine Umgebung für diese Außerun- gen eingezeichnet, ihnen also einen Zusammenhang gegeben.) Wenn Einer dagegen, unter ganz heterogenen Umständen, mit der überzeugendsten Mimik ausriefe »Nieder mit ihm!«, so könnte man von diesen Worten (und ihrem Tone) sagen, sie seien eine Figur, die allerdings wohlbekannte Anwendungen habe, hier aber sei es nicht einmal klar, welche Sprache der Betreffende rede. Ich könnte mit meiner Hand die Bewegung machen, die zu machen wäre, wenn ich einen Fuchsschwanz in der Hand hätte und ein Brett durchsägte; aber hätte man ein Recht, diese Bewe- gung außer allem Zusammenhang ein Sägen zu nennen? (Sie könnte ja auch etwas ganz anderes sein!)
The intended meaning can indeed be expressed through supplementary phrases and thus incorporated into the proposition itself.
350. When a philosopher says "I know that this is a tree," he aims to demonstrate to himself or others that he knows something that is neither a mathematical nor a logical truth. Similarly, someone preoccupied with the thought of being useless might repeatedly tell himself, "I can still do this and that." If such thoughts frequently occupied his mind, one would not be surprised if he uttered such a sentence seemingly out of context. (Here, I have already sketched a background, a setting for these utterances, thus giving them a context.) Conversely, if someone under entirely unrelated circumstances exclaimed "Down with him!" with the most convincing expression, one might say of these words (and their tone) that they form a figure with familiar applications—yet here, it remains unclear what language the speaker is even using. I could make a hand movement as if sawing a board with a handsaw, but would one be justified in calling this movement "sawing" outside any context? (It might, after all, be something entirely different!)
351. Ist nicht die Frage »Haben diese Worte Sinn?« ähnlich der: »Ist das ein Werkzeug?«, indem man, sagen wir, einen Hammer herzeigt. Ich sage »Ja, das ist ein Hammer«. Aber wie, wenn das, was jeder von uns für einen Hammer hielte, woanders z. B. ein Wurfgeschoß oder Dirigentenstock wäre. Mache die Anwendung nun selbst!
351. Is the question "Do these words have meaning?" not akin to "Is this a tool?"—say, pointing to a hammer? I reply, "Yes, that is a hammer." But what if what each of us considers a hammer were, elsewhere, a projectile or conductor’s baton? Let the application itself decide!
352. Sagt nun jemand »Ich weiß, daß das ein Baum ist«, so kann ich antworten: »Ja, das ist ein Satz. Ein deutscher Satz. Und was soll's damit?« Wie, wenn er nun antwortet: »Ich wollte mich nur daran erinnern, daß ich so etwas weiff?« -
352. If someone says, "I know that this is a tree," I might respond: "Yes, that is a sentence. A German sentence. And what’s the point of that?" What if he then replies: "I merely wanted to remind myself that I know such things?"—
353. Wie aber, wenn er sagte: »Ich will eine logische Bemer- kung machen?« - Wenn der Förster mit seinen Arbeitern in den Wald geht und nun sagt »Dieser Baum ist umzuhauen, und dieserund dieser wie, wenn er da die Bemerkung macht -Ich weiß, daß das ein Baum ist? Könnte aber nicht ich vom Förster sagen Er weiß, daß das ein Baum ist, er untersucht es nicht, befiehlt seinen Leuten nicht, es zu untersuchen?
353. But what if he said: "I wish to make a logical remark"?—When a forester enters the forest with his workers and declares, "This tree is to be felled, and this one, and this"—could he interject the remark "I know that this is a tree"? Yet could I not say of the forester: He knows this is a tree; he does not examine it, nor order his men to examine it?
354. Zweifelndes und nichtzweifelndes Benehmen. Es gibt das erste nur, wenn es das zweite gibt.
354. Doubting and non-doubting behavior. The former exists only where the latter exists.
355. Der Irrenarzt etwa könnte mich fragen Weifßt du, was das ist?, und ich antworten: Ich weiß, daß das ein Sessel ist; ich kenne ihn, er ist immer schon in meinem Zimmer gestanden. Er prüft da vielleicht nicht meine Augen, sondern mein Vermögen, Dinge wiederzuerkennen, ihren Namen und ihre Funktion zu wissen. Es handelt sich da um ein Sichauskennen. Es wäre nun für mich falsch zu sagen Ich glaube, daß das ein Sessel ist, weil dadurch die Bereitschaft zur Prüfung der Aussage ausgedrückt wäre. Während Ich weiß, daß das.... impliziert, daß Verbluf- fung einträte, wenn die Bestätigung nicht einträte.
355. A psychiatrist might ask me, "Do you know what this is?" and I reply: "I know this is a chair; I recognize it—it has always stood in my room." Here, he may not be testing my vision but my capacity to recognize objects, recall their names and functions. This concerns familiarity. It would be wrong for me to say "I believe this is a chair," as this would imply readiness to test the statement. Whereas "I know that this..." suggests astonishment if confirmation were lacking.
356. Mein Seelenzustand, das Wissen, steht mir nicht gut für das, was geschehen wird. Er besteht aber darin, daßß ich nicht verstünde, wo ein Zweifel ansetzen könnte, wo eine Überprü- fung möglich wäre.
356. My mental state—the knowing—does not guarantee what will happen. Yet it consists in my not understanding where doubt could arise, where verification might apply.
357. Man könnte sagen: Ich weiß drückt die beruhigte Sicherheit aus, nicht die noch kämpfende..358. Ich möchte nun diese Sicherheit nicht als etwas der Vor- schnellheit oder Oberflächlichkeit Verwandtes ansehen, sondern als (eine) Lebensform. (Das ist sehr schlecht ausgedrückt und wohl auch schlecht gedacht.)
357. One might say: "I know" expresses tranquil certainty, not a struggle still underway.358. I do not wish to regard this certainty as akin to hastiness or superficiality, but rather as a form of life. (This is poorly expressed and likely poorly conceived.)
359. Das heißt doch, ich will sie als etwas auffassen, was jenseits von berechtigt und unberechtigt liegt; also gleichsam als etwas Animalisches.
359. This means I want to treat it as something beyond justification and lack thereof—as something animalistic, as it were.
360. Ich weiss, dafß dies mein Fuß ist. Ich könnte keine Erfah rung als Beweis des Gegenteils anerkennen. Das kann ein Ausruf sein; aber was folgt daraus? Jedenfalls, daß ich mit einer Sicherheit, die den Zweifel nicht kennt, meinem Glauben gemäß handeln werde.
360. I know that this is my foot. I could accept no experience as proof to the contrary. This may be an exclamation—but what follows? At any rate, I will act according to my conviction with a certainty that knows no doubt.
361. ich könnte aber auch sagen: Es ist mir von Gott geoffen- bart, daß das so ist. Gott hat mich gelehrt, daß das mein Fuß ist. Und geschähe also etwas, was dieser Erkenntnis zu widerstreiten scheint, so müßite ich das als Trug ansehen.
361. Yet I could also say: This has been revealed to me by God. God has taught me that this is my foot. Should something occur that seems to contradict this knowledge, I would have to regard it as deception.
362. Aber zeigt sich hier nicht, dafß das Wissen mit einer Entscheidung verwandt ist?
362. Does this not show that knowing is akin to a decision?
363. Und es ist hier schwer, den Übergang von dem, was man ausrufen möchte, zu den Folgen in der Handlungsweise zu finden.364. Man könnte auch so fragen: »Wenn du weißt, dafß das dein Fuß ist, - weißt du da auch, oder glaubst du nur, daß keine zukünftige Erfahrung deinem Wissen widersprechen zu scheinen wird (d.h., daß sie dir selbst nicht so scheinen wird)?
363. Here, it is difficult to trace the transition from what one might exclaim to the consequences in practical conduct.364. One might also ask: "If you know that this is your foot—do you also know, or merely believe, that no future experience will appear to contradict this knowledge (i.e., that it will not even seem to do so)?"
365. Wenn nun Einer antwortete: »Ich weiß auch, daß es mir nie so scheinen wird, als widerspräche etwas jener Erkenntnis-, - was können wir daraus entnehmen, als daß er selbst nicht zweifelte, es werde das nie geschehen? -
365. If someone answered: "I also know that it will never seem to me as if anything contradicted that knowledge"—what could we infer but that he himself does not doubt it will never happen?—
366. Wie, wenn es verboten wäre zu sagen »Ich weiß« und erlaubt nur zu sagen »Ich glaube zu wissen«?
366. What if saying "I know" were forbidden, and only "I believe I know" permitted?
367. Ist nicht der Zweck, ein Wort wie »wissen« analog mit »glauben« zu konstruieren, daß dann der Aussage »Ich weiß« ein Opprobrium anhaftet, wenn, wer es sagt, sich geirrt hat. Ein Irrtum wird dadurch zu etwas Unerlaubtem.
367. Is the aim of constructing a word like "know" analogously to "believe" not to attach opprobrium to the statement "I know" when the speaker is mistaken? Error thereby becomes something impermissible.
368. Wenn Einer sagt, er werde keine Erfahrung als Beweis des Gegenteils anerkennen, so ist das doch eine Entscheidung. Es ist möglich, daß er ihr zuwiderhandeln wird.
368. If someone says he will accept no experience as proof to the contrary, this is a decision. He may yet act against it.
16. 3. 51
16.3.51
369. Wenn ich zweifeln wollte, daß dies meine Hand ist, wie könnte ich da umhin zu zweifeln, daß das Wort »Hand« irgend eine Bedeutung hat? Das scheine ich also doch zu wissen.370. Richtiger aber: Daß ich ohne Skrupel das Wort »Hand« und alle übrigen Wörter meines Satzes gebrauche, ja, daß ich vor dem Nichts stünde, sowie ich auch nur versuchen wollte zu zweifeln-zeigt, daß die Zweifellosigkeit zum Wesen des Sprach- spiels gehört, daß die Frage »Wie weiß ich …« das Sprachspiel hinauszieht oder aufhebt.
369. If I wanted to doubt whether this were my hand, how could I avoid doubting whether the word "hand" has any meaning? So this seems to be something I do know. 370. More correctly: That I use the word "hand" and all the other words of my sentence without scruple, indeed that I would stand before nothingness if I even tried to doubt—shows that the absence of doubt belongs to the essence of the language-game, that the question "How do I know..." drags the language-game beyond its limits or annuls it.
371. Heißt nicht »Ich weiß, daß das eine Hand ist« in Moores Sinn das gleiche oder etwas Ähnliches wie: ich könnte Aussagen wie »Ich habe Schmerzen in dieser Hand« oder »Diese Hand ist schwächer als die andre« oder »Ich habe mir einmal diese Hand gebrochen« und unzählige andere in Sprachspielen gebrauchen, in welche ein Zweifel an der Existenz dieser Hand nicht eintritt.
371. Does "I know that this is a hand" in Moore's sense not mean the same or something similar to: I could use statements like "I have pain in this hand" or "This hand is weaker than the other" or "I once broke this hand" and countless others in language-games where doubt about the existence of this hand does not arise.
372. Nur in gewissen Fällen ist eine Untersuchung »Ist das wirklich eine Hand?« (oder »meine Hand«) möglich. Denn der Satz »Ich zweifle daran, ob das wirklich meine (oder eine) Hand ist« hat ohne nähere Bestimmung noch keinen Sinn. Es ist aus diesen Worten allein noch nicht zu ersehen, ob überhaupt und was für ein Zweifel gemeint ist.
372. Only in certain cases is an investigation "Is this really a hand?" (or "my hand") possible. For the proposition "I doubt whether this is really my (or a) hand" has no sense without further specification. From these words alone, it cannot yet be discerned whether any doubt is meant at all and what kind.
373. Warum soll es möglich sein, einen Grund zum Glauben zu haben, wenn es nicht möglich ist, sicher zu sein?
373. Why should it be possible to have a reason for belief if it is not possible to be certain?
174. Wir lehren das Kind »Das ist deine Hand«, nicht »Das ist vielleicht (oder wahrscheinlich) deine Hand«. So lernt das Kind die unzähligen Sprachspiele, die sich mit seiner Hand beschäfti- gen. Eine Untersuchung oder Frage, ob dies wirklich eine Hand sei kommt ihm gar nicht unter. Anderseits lernt es auch nicht: es wisse, daß dies eine Hand sei.
374. We teach the child "This is your hand," not "This is perhaps (or probably) your hand." Thus the child learns the innumerable language-games concerned with its hand. An investigation or question whether this is really a hand never occurs to it. On the other hand, it also does not learn: it knows that this is a hand.
375. Man muß hier einsehen, daß die vollkommene Zweifel- losigkeit in einem Punkt, sogar dort wo, wie wir sagen würden, berechtigte Zweifel bestehen können, ein Sprachspiel nicht fal- sifizieren muß. Es gibt eben auch so etwas wie eine andere Arithmetik.
375. Here one must realize that perfect absence of doubt on a point, even where, as we would say, legitimate doubt could exist, need not falsify a language-game. There is indeed such a thing as another arithmetic.
Dieses Eingeständnis muß, glaube ich, am Grunde alles Ver- ständnisses der Logik liegen.
This admission must, I believe, lie at the foundation of all understanding of logic.
17.3.
17.3.
376. Ich kann mich mit Leidenschaft dafür erklären, daß ich weiß, daß das (z. B.) mein Fuß ist.
376. I can passionately declare that I know this (e.g.) is my foot.
377. Aber diese Leidenschaft ist doch etwas (sehr) Seltenes, und es ist von ihr keine Spur, wenn ich für gewöhnlich von diesem Fuß rede.
377. But this passion is something (quite) rare, and there is no trace of it when I ordinarily speak of this foot.
378. Das Wissen gründet sich am Schluß auf der Anerken- nung.
378. In the end, knowledge is founded on acknowledgment.
379. Ich sage mit Leidenschaft -Ich weiß, daß das ein Fuß ist aber was bedeutet es?
379. I say with passion—I know this is a foot—but what does it mean?
380. Ich könnte fortfahren: Nichts auf der Welt wird mich vom Gegenteil überzeugen! Das Faktum ist für mich am Grunde aller Erkenntnis. Ich werde anderes aufgeben, aber nicht das.381. Dieses »Nichts auf der Welt...« ist offenbar eine Ein- stellung, die man nicht gegenüber alledem hat, was man glaubt oder dessen man sicher ist.
380. I could continue: Nothing in the world will convince me of the contrary! This fact lies at the foundation of all my knowledge. I shall abandon other things, but not this. 381. This "Nothing in the world..." is evidently an attitude one does not hold toward everything one believes or is certain of.
182. Es ist damit nicht gesagt, daß wirklich nichts auf der Welt imstande sein wird, mich eines andern zu überzeugen.
382. This does not mean that nothing in the world will actually be capable of convincing me otherwise.
383. Das Argument »Vielleicht träume ich« ist darum sinnlos, weil dann eben auch diese Außerung geträumt ist, ja auch das, daß diese Worte eine Bedeutung haben.
383. The argument "Perhaps I am dreaming" is therefore senseless because then even this utterance is dreamed, indeed even that these words have meaning.
384. Welcher Art ist nun der Satz »Nichts auf der Welt...?«
384. What kind of proposition is "Nothing in the world...?"
385. Er hat die Form einer Vorhersage, ist aber (natürlich) nicht eine, die auf Erfahrung beruht.
385. It has the form of a prediction but is (of course) not one based on experience.
386. Wer, wie Moore, sagt, er wisse, daß... gibt den Grad der Gewißheit an, den etwas für ihn hat. Und es ist wichtig, daß es für diesen Grad ein Maximum gibt.
386. Whoever, like Moore, says he knows that... indicates the degree of certainty something has for him. And it is important that there is a maximum for this degree.
387. Man könnte mich fragen: »Wie sicher bist du: daß das dort ein Baum ist; daßß du Geld in der Tasche hast; daß das dein Fuß ist?« Und die Antwort könnte in einem Fall sein »nicht sicher«, in einem andern »so gut wie sicher«, im dritten »Ich kann nicht zweifeln«. Und diese Antworten hätten Sinn auchohne alle Gründe. Ich brauchte z. B. nicht zu sagen: -Ich kann nicht sicher sein, ob das ein Baum ist, weil meine Augen nicht scharf genug sind. Ich will sagen: es hatte Sinn für Moore zu sagen Ich weiß, daß das ein Baum ist, wenn er damit etwas ganz Bestimmtes sagen wollte.
387. One might ask me: "How certain are you: that that is a tree there; that you have money in your pocket; that this is your foot?" And the answer might be "not certain" in one case, "as good as certain" in another, "I cannot doubt" in a third. And these answers would make sense even without any reasons. For example, I need not say: "I cannot be sure whether this is a tree because my eyes are not sharp enough." I want to say: It made sense for Moore to say "I know that this is a tree" if he intended to say something quite specific.
[Ich glaube, einen Philosophen, einen der selbst denken kann, könnte es interessieren, meine Noten zu lesen. Denn wenn ich auch nur selten ins Schwarze getroffen habe, so würde er doch erkennen, nach welchen Zielen ich unablässig geschossen habe.]
[I believe a philosopher, one who can think for himself, might find it interesting to read my notes. For even if I have seldom hit the mark, he would still recognize the targets I have unceasingly aimed at.]
388. Jeder von uns gebraucht oft einen solchen Satz, und es ist nicht fraglich, ob er Sinn hat. Läßt sich damit aber auch ein philosophischer Aufschluß geben? Ist es mehr ein Beweis der Existenz der äußern Dinge, daß ich weiß, daß das eine Hand ist, als dafß ich nicht weiß, ob das Gold oder Messing ist?
388. Every one of us often uses such a sentence, and its sense is unquestionable. But can one also give a philosophical clarification with it? Is my knowing that this is a hand more a proof of the existence of external things than my not knowing whether this is gold or brass?
18. 3.
18.3.
389. Moore wollte ein Beispiel dafür geben, daß man Sätze über physikalische Gegenstände wirklich wissen könne. Wenn es streitig wäre, ob man an der und der bestimmten Stelle des Körpers Schmerzen haben kann, dann könnte Einer, der gerade dort Schmerzen hat, sagen: Ich versichere dich, ich habe jetzt da Schmerzen. Es klänge aber seltsam, wenn Moore gesagt hätte: Ich versichere dich, ich weiß, daß das ein Baum ist. Es hat eben hier nicht ein persönliches Erlebnis für uns Interesse.
389. Moore wanted to give an example of how one can really know propositions about physical objects. If it were disputed whether one could have pain in such and such a specific part of the body, then someone who had pain there could say: "I assure you, I have pain there now." But it would sound strange if Moore had said: "I assure you, I know that this is a tree." Here it is precisely not a personal experience that interests us.
390. Wichtig ist nur, daß es Sinn hat zu sagen, man wisse so etwas; und daher kann die Versicherung, man wisse es, hier nichts ausrichten.
390. What is important is only that it makes sense to say one knows such a thing; hence, the assurance that one knows it can achieve nothing here.
391. Denk dir ein Sprachspiel Wenn ich dich rufe, komm zur Tür herein. In allen gewöhnlichen Fällen wird ein Zweifel, ob wirklich eine Tür da ist, unmöglich sein.
391. Imagine a language-game: When I call you, come through the door. In all ordinary cases, a doubt as to whether there really is a door there will be impossible.
392. Was ich zeigen muß, ist, daß ein Zweifel nicht notwendig ist, auch wenn er möglich ist. Daß die Möglichkeit des Sprach- spiels nicht davon abhängt, daß alles bezweifelt werde, was bezweifelt werden kann. (Das hängt mit der Rolle des Wider- spruchs in der Mathematik zusammen.)
392. What I must show is that doubt is not necessary, even when it is possible. That the possibility of the language-game does not depend on everything being doubted that can be doubted. (This is connected with the role of contradiction in mathematics.)
393. Der Satz Ich weiß, daß das ein Baum ist könnte, wenn er außerhalb seines Sprachspiels gesagt wird, auch ein Zitat (aus einer deutschen Sprachlehre etwa) sein. Aber wenn ich ihn nun meine, während ich ihn spreche? Das alte Mißverständnis, den Begriff meinen betreffend.
393. The proposition "I know that this is a tree," if uttered outside its language-game, could also be a quotation (from a German grammar textbook, for instance). But what if I mean it while uttering it? The old misunderstanding concerning the concept of meaning.
394. Dies gehört zu den Dingen, an denen ich nicht zweifeln kann..
394. This is among the things I cannot doubt.
395. Ich weiß das alles. Und das wird sich darin zeigen, wie ich handle und über die Dinge spreche.
395. I know all this. And this will manifest itself in how I act and speak about things.
* Philosophische Untersuchungen §1. (Herausg.)
* Philosophical Investigations §1. (Ed.)
396. Im Sprachspiel (2), kann er sagen, er wisse, daß das Bausteine sind? Nein, aber er weiß es.397. Habe ich mich nicht geirrt und hat nicht Moore voll- kommen recht? Habe ich nicht den elementaren Fehler gemacht, zu verwechseln was man denkt mit dem, was man weiß? Freilich denke ich nicht Die Erde hat einige Zeit vor meiner Geburt schon existiert, aber weiß ich's drum nicht? Zeige ich nicht, daß ich's weiß, indem ich immer die Konse- quenzen draus ziehe?
396. In language-game (2), could he say he knows that these are building blocks? No, but he does know it. 397. Have I not erred, and is Moore not entirely correct? Have I not made the elementary mistake of confusing what one thinks with what one knows? Of course, I do not think "The Earth existed long before my birth," but does that mean I do not know it? Do I not show that I know it by always drawing the consequences from it?
398. Weiß ich nicht auch, daß von diesem Haus keine Stiege sechs Stock tief in die Erde führt, obgleich ich noch nie dran gedacht habe?
398. Do I not also know that no staircase in this house descends six stories underground, even though I have never thought about it?
399. Aber zeigt, daß ich die Konsequenzen draus ziehe, nicht nur, daß ich diese Hypothese annchme?
399. But does drawing consequences from it show only that I accept this hypothesis?
19.3
19.3
400. Ich bin hier geneigt, gegen Windmühlen zu kämpfen, weil ich das noch nicht sagen kann, was ich eigentlich sagen will.
400. Here I am inclined to fight windmills, because I cannot yet say what I truly want to express.
401. Ich will sagen: Sätze von der Form der Erfahrungssätze und nicht nur Sätze der Logik gehören zum Fundament alles Operierens mit Gedanken (mit der Sprache). Diese Feststel- lung ist nicht von der Form Ich weiß...... Ich weiß..... sagt aus, was ich weiß, und das ist nicht von logischem Inter esse.402. In dieser Bemerkung ist schon der Ausdruck Sätze von der Form der Erfahrungssätze ganz schlecht; es handelt sich um Aussagen über Gegenstände. Und sie dienen nicht als Funda- mente wie Hypothesen, die, wenn sie sich als falsch erweisen, durch andere ersetzt werden.
401. I want to say: Propositions of the form of empirical propositions, and not merely propositions of logic, belong to the foundation of all operations of thought (of language). This assertion is not of the form "I know... I know..." The latter states what I know, and that is not of logical interest. 402. In this remark, the expression "propositions of the form of empirical propositions" is already quite poor; what is at issue are statements about objects. And they do not serve as foundations like hypotheses, which, if proven false, can be replaced by others.
... und schreib getrost
... and write confidently
»Im Anfang war die Tat.«
"In the beginning was the deed."
403. Vom Menschen, in Moores Sinne, zu sagen, er wisse etwas; was er sage sei also unbedingt die Wahrheit, scheint mir falsch. Es ist die Wahrheit nur insofern, als es eine unwankende Grundlage seiner Sprachspiele ist.
403. To say of a person, in Moore’s sense, that he knows something, and that what he says is therefore the absolute truth, seems to me wrong. It is the truth only insofar as it constitutes an unshakable foundation of his language-games.
404. Ich will sagen: Es ist nicht so, dafß der Mensch in gewis- sen Punkten mit vollkommener Sicherheit die Wahrheit weiß. Sondern die vollkommene Sicherheit bezieht sich nur auf seine Einstellung.
404. I want to say: It is not that humans know the truth with perfect certainty in certain points. Rather, perfect certainty pertains only to their attitude.
405. Aber auch hier ist natürlich noch ein Fehler.
405. But even here, of course, there is still an error.
* Goethe, Fawit (Herausg.)
* Goethe, Faust (Ed.)
406. Das, worauf ich abziele, liegt auch in dem Unterschied zwischen der beiläufigen Feststellung Ich weiß, daß das..... wie sie im gewöhnlichen Leben gebraucht wird, und dieser Außerung, wenn der Philosoph sie macht.407. Denn wenn Moore sagt »Ich weiß, daß das ... ist«, möchte ich antworten: »Du weißt gar nichts!« Und doch würde ich das dem nicht antworten, der ohne philosophische Absicht so spricht. Ich fühle also (ob mit Recht?), daß diese zwei Verschiedenes sagen wollen.
406. What I aim at is also contained in the difference between the casual assertion "I know that..." as used in ordinary life and this utterance when made by a philosopher. 407. For when Moore says "I know that this is...," I want to reply: "You know nothing!" Yet I would not say this to someone who speaks this way without philosophical intent. I thus feel (rightly or not?) that these two mean something different.
408. Denn sagt Einer, er wisse das und das, und das gehört zu seiner Philosophie – so ist sie falsch, wenn er in jener Aussage fehlgegangen ist.
408. For if someone claims to know this and that, and this belongs to his philosophy, then his philosophy is false if he is mistaken in that assertion.
409. Wenn ich sage »Ich weiß, daß das ein Fuß ist – was sage ich eigentlich? Ist nicht der ganze Witz, daß ich der Konsequenzen sicher bin, daß, wenn ein Andrer gezweifelt hätte, ich ihm sagen könnte »Siehst du, ich hab dir's gesagt«? Wäre mein Wissen noch etwas wert, wenn es als Richtschnur des Handelns versagte? Und kann es nicht versagen?
409. When I say "I know that this is a foot"—what am I actually saying? Is not the whole point that I am certain of the consequences, that if another doubted it, I could say, "See, I told you so"? Would my knowledge still be worth anything if it failed as a guide to action? And cannot it fail?
10. 3.
10.3
410. Unser Wissen bildet ein großes System. Und nur in diesem System hat das Einzelne den Wert, den wir ihm beilegen.
410. Our knowledge forms a vast system. And only within this system does any single piece have the value we ascribe to it.
411. Wenn ich sage »Wir nehmen an, daß die Erde schon viele Jahre existiert habe« (oder dergl.), so klingt es freilich sonderbar, daß wir so etwas annehmen sollten. Aber im ganzen System unsrer Sprachspiele gehört es zum Fundament. Die Annahme, kann man sagen, bildet die Grundlage des Handelns und also natürlich auch des Denkens.
411. When I say "We assume that the Earth has existed for many years" (or similar), it does sound odd that we should assume such a thing. But in the entire system of our language-games, it belongs to the foundation. This assumption, one might say, forms the basis of action and thus naturally also of thought.
412. Wer nicht imstande ist, sich einen Fall vorzustellen, in dem man sagen könnte Ich weiß, daß das meine Hand ist (und solche Fälle sind ja selten), der könnte sagen, diese Worte wären Unsinn. Er könnte freilich auch sagen: Freilich weiß ich's, wie könnte ich's nicht wissen? aber da würde er vielleicht den Satz -Das ist meine Hand als Erklärung der Worte meine Hand verstehen.
412. Someone who cannot imagine a case where one might say "I know that this is my hand" (and such cases are indeed rare) might call these words nonsense. Of course, he could also say: "Certainly I know it—how could I not?" But here he might perhaps take the sentence "This is my hand" as an explanation of the words "my hand."
413. Denn nimm an, du führtest einem Blinden die Hand und sagtest, indem du sie deiner Hand entlang führst, Das ist meine Hand; wenn er dich nun fragte Bist du sicher? oder Weißt du das?, so würde das nur unter sehr besondern Umständen Sinn haben.
413. For suppose you guide a blind person’s hand and say, while moving it along your hand, "This is my hand." If he then asks, "Are you sure?" or "Do you know that?" this would make sense only under very special circumstances.
414. Aber anderseits: Woher weiß ich, daß das meine Hand ist? Ja, weiß ich auch nur genau, was es bedeutet zu sagen, es sei meine Hand? Wenn ich sage Woher weiß ich's?, so meine ich nicht, daß ich im mindesten daran zweifle. Es ist hier eine Grundlage meines ganzen Handelns. Aber mir scheint, sie ist falsch ausgedrückt durch die Worte Ich weiß....
414. But on the other hand: How do I know that this is my hand? Indeed, do I even know precisely what it means to say that it is my hand? When I ask "How do I know?" I do not mean that I doubt it in the slightest. Here lies a foundation of all my actions. But it seems to me that this is falsely expressed by the words "I know..."
415. Ja, ist nicht der Gebrauch des Wortes Wissen, als eines ausgezeichneten philosophischen Worts, überhaupt ganz falsch? Wenn wissen dieses Interesse hat, warum nicht sicher sein? Offenbar, weil es zu subjektiv wäre. Aber ist wissen nicht ebenso subjektiv? Ist man nicht nur durch die grammatische Eigentüm- lichkeit getäuscht, daß aus ich weiß p. p. folgt?
415. Yes, is not the use of the word "know," as an elevated philosophical term, altogether mistaken? If "knowing" has this significance, why not "being certain"? Obviously because the latter would be too subjective. But is "knowing" not equally subjective? Is one not misled merely by the grammatical peculiarity that "I know p" entails "p"?
-Ich glaube es zu wissen, müßte keinen mindern Grad der Gewißheit ausdrücken. Ja, aber man will nicht subjektive Sicherheit ausdrücken, auch nicht die größte, sondern dies, daß gewisse Sätze am Grunde aller Fragen und alles Denkens zu liegen scheinen.416. Ist nun so ein Satz z. B., daß ich in diesem Zimmer wochenlang gelebt habe, daß mich mein Gedächtnis darin nicht täuscht?
- To say "I believe I know it" would not express a lesser degree of certainty. Indeed, the intention is not to express subjective certainty, nor even the greatest certainty, but rather that certain propositions appear to lie at the foundation of all questioning and thinking. 416. Now is such a proposition, for instance, that I have lived in this room for weeks, that my memory does not deceive me here?
– certain beyond all reasonable doubt –
– certain beyond all reasonable doubt –
21.3.
21 March
417. Ich weiß, daß ich im letzten Monat täglich gebadet habe. Woran erinnre ich mich? An jeden Tag und das Bad an jedem Morgen? Nein. Ich weiß, daß ich jeden Tag gebadet habe, und ich entnehme das nicht aus einem andern unmittelbaren Datum. Ähnlich sage ich Ich habe einen Stich im Arm empfun- den, ohne dafi diese Lokalität mir auf eine andre Weise (durch ein Bild etwa) zum Bewußtsein käme.
417. I know that I bathed daily last month. What do I recall? Each day and the bath every morning? No. I know I bathed every day, and I do not infer this from any other immediate datum. Similarly, I say "I felt a stab in my arm" without this location coming to my awareness through another means (such as an image).
418. Ist mein Verständnis nur Blindheit gegen mein eigenes Unverständnis? Oft scheint es mir so.
418. Is my understanding merely blindness to my own lack of understanding? Often it seems so to me.
419. Wenn ich sage Ich war nie in Kleinasien, woher kommt mir dieses Wissen? Ich habe es nicht berechnet, niemand hat es mir gesagt; mein Gedächtnis sagt es mir. So kann ich mich also darin nicht irren? Ist hier eine Wahrheit, die ich weiß?- Ich kann von diesem Urteil nicht abgehen, ohne alle andern Urteile mitzureißen.
419. When I say "I have never been to Asia Minor," where does this knowledge come from? I have not calculated it; no one told me; my memory tells me. So I cannot be mistaken here? Is this a truth that I know?—I cannot abandon this judgment without dragging down all other judgments with it.
420. Auch ein Satz wie der, daß ich jetzt in England lebe, hat diese zwei Seiten: Ein Irrtume ist er nicht aber anderseits: was weiß ich von England? Kann ich nicht ganz in meinem Urteilen fehlgehen?
420. Even a proposition like "I now live in England" has two aspects: It is not an error—but on the other hand: What do I know about England? Might I not be entirely mistaken in my judgments?
Wäre es nicht möglich, daß Menschen zu mir ins Zimmer kämen, die Alle das Gegenteil aussagten, ja, mir -Beweise- dafurgäben, so daß ich plötzlich wie ein Wahnsinniger unter lauter Normalen, oder ein Normaler unter Verrückten, allein dastünde? Könnten mir da nicht Zweifel an dem kommen, was mir jetzt das Unzweifelhafteste ist?
Would it not be possible for people to enter my room who all asserted the contrary, even providing me with "evidence," so that I suddenly stood alone like a madman among the sane, or a sane person among the mad? Might doubts then arise about what now seems to me most indubitable?
421. Ich bin in England. Alles um mich herum sagt es mir, sowie ich meine Gedanken schweifen lasse und wohin immer, so bestätigen sie mir's. Könnte ich aber nicht irre werden, wenn Dinge geschähen, die ich mir jetzt nicht träumen lasse?
421. I am in England. Everything around me tells me so, and wherever I let my thoughts wander, they confirm it. But could I not be mistaken if events occurred that I cannot now imagine?
422. Ich will also etwas sagen, was wie Pragmatismus klingt.
422. I want to say something that sounds like pragmatism.
Mir kommt hier eine Art Weltanschauung in die Quere.
Here, a kind of worldview obstructs me.
423. Warum sag ich also mit Moore nicht einfach Ich weiß, daß ich in England bin? Dies zu sagen, hat unter bestimmten Umständen, die ich mir vorstellen kann, Sinn. Wenn ich aber, nicht in diesen Umständen, den Satz ausspreche als Beispiel dafür, daß Wahrheiten dieser Art von mir mit Gewißheit zu erkennen sind, dann wird er mir sofort verdächtig. Ob mit Recht??
423. Why then do I not simply say with Moore, "I know that I am in England"? To say this has meaning under specific circumstances I can imagine. But if I utter the sentence outside these circumstances as an example of truths I recognize with certainty, it immediately becomes suspect. But is this justified??
424. Ich sage -Ich weiß p, entweder um zu versichern, daß auch mir die Wahrheit p bekannt sei, oder einfach als eine Ver- stärkung von p. Man sagt auch Ich glaube es nicht, ich weiß es. Und das könnte man auch so ausdrücken (z. B.): Das ist ein Baum. Und das ist keine bloße Vermutung.
424. I say "I know p" either to assure others that the truth p is also known to me or simply as an emphasis of p. One also says, "I don't believe it, I know it." This could also be expressed (e.g.) as: "That is a tree. And that is not mere conjecture."
Aber wie ist es damit: Wenn ich jemand mitteilte, daß das ein Baum ist, so wäre es keine bloße Vermutung. Ist nicht dies, was Moore sagen wollte?425. Es wäre keine Vermutung, und ich könnte es dem Andern mit absoluter Sicherheit mitteilen, als etwas, woran nicht zu zweifeln ist. Heißt das aber, daß es unbedingt die Wahrheit ist? Kann sich das, was ich mit der vollsten Bestimmtheit als den Baum erkenne, den ich mein Leben lang hier gesehen habe, kann sich das nicht als etwas andres entpuppen? Kann es mich nicht verblüffen?
But what about this: If I informed someone that this is a tree, it would not be mere conjecture. 425. Is this not what Moore wanted to say? It would not be a conjecture, and I could communicate it to another with absolute certainty as something beyond doubt. But does this mean it is unconditionally true? Could what I recognize with utmost definiteness as the tree I have seen here all my life not turn out to be something else? Could it not astonish me?
Und dennoch war es richtig unter den Umständen, die diesem Satz Sinn verleihen, zu sagen Ich weiß (ich vermute nicht nur), daß das ein Baum ist. Zu sagen, in Wahrheit glaube ich es nur, wäre falsch. Es wäre gänzlich irreführend zu sagen: ich glaube, ich heiße L.. W. Und es ist auch richtig: ich kann mich darin nicht irren. Aber das heißt nicht, ich sei darin unfehlbar.
And yet, under the circumstances that give this sentence meaning, it was correct to say, "I know (I do not merely conjecture) that this is a tree." To say "In truth, I only believe it" would be false. It would be utterly misleading to say, "I believe my name is L. W." And it is also correct: I cannot be mistaken here. But this does not mean I am infallible.
21. 3. 51
21 March 1951
426. Wie aber ist es Einem zu zeigen, daß wir nicht nur Wahrheiten über Sinnesdaten, sondern auch solche über Dinge wissen? Denn es kann doch nicht genug sein, daß jemand uns versichert, er wisse dies.
426. But how does one show that we know not only truths about sense-data but also about things? For surely it cannot suffice that someone assures us he knows this.
Wovon muß man denn ausgehen, um das zu zeigen?
From what must one start to demonstrate this?
22. 3.
22 March
427. Man muß zeigen, daß, auch wenn er nie die Worte gebraucht Ich weiß,...., sein Gebaren das zeigt, worauf es uns ankommt.
427. One must show that even if he never uses the words "I know...," his behavior reveals what matters to us.
428. Denn wie, wenn ein normal handelnder Mensch uns versicherte: er glaube nur, er heiße soundso, er glaube seine ständigen Hausgenossen zu erkennen, er glaube Hände und Füße zu haben, wenn er sie nicht gerade sieht, usw. Können wir ihm aus seinen Handlungen (und Reden) zeigen, daß es nicht so ist?429. Welchen Grund habe ich jetzt, da ich meine Zehen nicht sche, anzunehmen, daß ich fünf Zehen an jedem Fuß habe?
428. For what if a normally acting person assured us: he only believes his name is such-and-such, he only believes he recognizes his constant housemates, he only believes he has hands and feet when he does not see them, etc.? Can we show through his actions (and speech) that this is not so? 429. What grounds have I now, when I do not see my toes, to assume that I have five toes on each foot?
Ist es richtig zu sagen, der Grund sei der, daß frühere Erfah- rung mich immer das gelehrt hat? Bin ich früherer Erfahrung sicherer als dessen, daß ich zehn Zehen habe?
Is it correct to say the reason is that past experience has always taught me this? Am I more certain of past experience than of having ten toes?
Jene frühere Erfahrung mag wohl die Ursache meiner gegen- wärtigen Sicherheit sein; aber ist sie ihr Grund?
That past experience may well be the cause of my present certainty, but is it its ground?
430. Ich treffe einen Marsbewohner, und er fragt mich »Wie- viel Zehen haben die Menschen?« –Ich sage: »Zehn. Ich will's dir zeigen«, und ziehe meine Schuhe aus. Wenn er sich nun wun- derte, daß ich es mit solcher Sicherheit wußte, obwohl ich meine Zchen nicht gesehen hatte. Sollte ich da sagen: »Wir Menschen wissen, daß wir soviel Zehen haben, ob wir sie sehen oder nicht?
430. I meet a Martian, and he asks, "How many toes do humans have?"—I say, "Ten. I'll show you," and take off my shoes. If he then marvels that I knew this with such certainty despite not seeing my toes, should I say: "We humans know we have this many toes, whether we see them or not"?
431. Ich weiß, daß dieses Zimmer auf dem zweiten Stock ist, dafß hinter der Tür ein kurzer Gang zur Treppe führt, etc. Es ließen sich Fälle denken, wo ich diese Außerung machen würde, aber es wären recht seltene Fälle. Anderseits aber zeige ich dieses Wissen tagtäglich durch meine Handlungen und auch in meinem Reden.
431. I know this room is on the second floor, that behind the door a short corridor leads to the stairs, etc. One could imagine cases where I would make this assertion, but they would be quite rare. On the other hand, I demonstrate this knowledge daily through my actions and in my speech.
Was entnimmt nun der Andre aus diesen meinen Handlungen und Reden? Nicht nur, daß ich meiner Sache sicher bin? – Daraus, daß ich hier seit vielen Wochen gewohnt habe und täglich treppauf und -ab gegangen bin, wird er entnehmen, daß ich weiß, wo mein Zimmer gelegen ist. Die Versicherung »Ich weiß.... werde ich gebrauchen, wenn er das noch nicht weiß, woraus er mein Wissen unbedingt schließen müßte.431. Die Äußerung »Ich weiß...« kann nur in Verbindung mit der übrigen Evidenz des »Wissens« ihre Bedeutung haben.
What then does the other person infer from these actions and utterances of mine? Not merely that I am certain of the matter? – From the fact that I have lived here for many weeks and daily walked up and down the stairs, he will conclude that I know where my room is located. The assurance "I know..." will be used when he does not yet know what would necessarily allow him to infer my knowledge.431. The utterance "I know..." can only have meaning in connection with the other evidence of "knowledge".
433. Wenn ich also jemandem sage »Ich weiß, daß das ein Baum ist«, so ist es, wie wenn ich ihm sagte: »Das ist ein Baum; du kannst dich absolut drauf verlassen; es ist kein Zweifel.« Und das könnte der Philosoph nur dazu gebrauchen, um zu zeigen, daß man diese Form der Rede wirklich gebraucht. Wenn das aber nicht bloß eine Bemerkung der deutschen Grammatik sein soll, so muß er die Umstände angeben, in denen dieser Ausdruck funktioniert.
433. Thus when I say to someone "I know that this is a tree", it is as if I were telling him: "This is a tree; you can absolutely rely on it; there is no doubt." And the philosopher could only use this to show that this form of speech is indeed used. However, if this is not meant to be merely a remark about German grammar, he must specify the circumstances in which this expression functions.
434. Lehrt uns nun Erfahrung, daß Menschen unter den und den Umständen das und das wissen? Erfahrung zeigt uns gewiß, daß für gewöhnlich ein Mensch nach soundso viel Tagen sich in einem Haus, das er bewohnt, auskennt. Oder auch: Erfahrung lehrt uns, daß eines Menschen Urteil nach der und der Lehr- dauer zu trauen ist. Er muß, erfahrungsgemäß, soundso lang gelernt haben, um eine richtige Vorhersage machen zu können. Aber---.
434. Now does experience teach us that humans know such and such under certain circumstances? Experience certainly shows us that normally a person becomes familiar with a house they inhabit after so many days. Or again: experience teaches us that a person's judgment can be trusted after such and such training period. They must, empirically, have studied for so long to make a correct prediction. But---.
27.3.
27 March
435. Man wird oft von einem Wort behext. Z. B. vom Wort »wissen«.
435. One is often bewitched by a word. For example, by the word "know".
436. Ist Gott durch unser Wissen gebunden? Können manche unsrer Aussagen nicht falsch sein? Denn das ist es, was wir sagen wollen.437. Ich bin geneigt zu sagen: »Das kann nicht falsch sein.« Das ist interessant; aber welche Folgen hat es?
436. Is God bound by our knowledge? Can some of our statements not be false? For this is what we want to say.437. I am inclined to say: "This cannot be false." That is interesting; but what consequences does it have?
438. Es wäre nicht genug, zu versichern, ich wisse, was dort und dort vorgeht – ohne Gründe anzugeben, die (den Andern) davon überzeugen, ich sei in der Lage, es zu wissen.
438. It would not suffice to assure that I know what is happening there and there – without giving reasons that would convince (others) that I am in a position to know it.
439. Auch die Aussage »Ich weiß, daß hinter dieser Tür ein Gang und die Stiege ins Erdgeschoß ist« klingt nur so überzeu- gend, weil jeder annimmt, daß ich's weiß.
439. Even the statement "I know that behind this door is a corridor and the staircase to the ground floor" sounds convincing only because everyone assumes that I know it.
440. Es ist hier etwas Allgemeines; nicht nur etwas Persönli- ches.
440. There is something general here; not merely something personal.
441. Im Gerichtssaal würde die bloße Versicherung des Zeu- gen »Ich weiß …« niemand überzeugen. Es muß gezeigt wer- den, daß der Zeuge in der Lage war zu wissen.
441. In a courtroom, the mere assurance of a witness "I know..." would convince no one. It must be shown that the witness was in a position to know.
Auch die Versicherung »Ich weiß, daß das eine Hand ist«, wobei man die eigene Hand ansieht, wäre nicht glaubhaft, wenn wir die Umstände der Aussage nicht kennten. Und kennen wir sie, so scheint sie zu versichern, daß der Sprechende in dieser Beziehung normal ist.
Even the assurance "I know this is a hand" while looking at one's own hand would not be credible if we did not know the circumstances of the utterance. And knowing them, it seems to assure that the speaker is normal in this respect.
442. Kann es denn nicht sein, daß ich mir einbilde, etwas zu wissen?443. Denke, es gäbe in einer Sprache kein Wort, das unserm »wissen« entspricht. Sie sprechen einfach die Behauptung aus. »Das ist ein Baum« etc. Es kann natürlich vorkommen, daß sie sich irren. Und da fügen sie nun dem Satz ein Zeichen hinzu, das anzeigt, für wie wahrscheinlich sie einen Irrtum halten - oder soll ich sagen: wie wahrscheinlich ein Irrtum in diesem Falle ist? Dies letztere kann man auch durch die Angabe gewisser Umstände anzeigen. Z. B. »A sagte dem B.... Ich stand ganz nahe bei ihnen, und meine Ohren sind gut« oder »A war gestern dort und dort. Ich habe ihn von weitem gesehen. Meine Augen sind nicht sehr gut« oder »Dort steht ein Baum. Ich sehe ihn deutlich und habe ihn unzählige Male gesehen«.
442. Can it not be that I imagine myself to know something?443. Imagine a language that has no word corresponding to our "know". They simply state the proposition. "This is a tree" etc. Of course, mistakes can occur. So they now add a sign to the sentence indicating how probable they consider an error – or should I say: how probable an error is in this case? The latter can also be shown by specifying certain circumstances. For example: "A told B.... I stood very close to them, and my ears are good" or "A was there and there yesterday. I saw him from a distance. My eyes are not very good" or "There stands a tree. I see it clearly and have seen it countless times".
444. »Der Zug geht um 2 Uhr. Prüf zur Sicherheit noch einmal nach« oder »Der Zug geht um 2 Uhr. Ich habe gerade in einem neuen Fahrplan nachgeschaut«. Man kann auch hinzufü- gen »Ich bin in solchen Sachen verläßlich«. Die Nützlichkeit solcher Zusätze ist offenbar.
444. "The train leaves at 2 o'clock. Check again to be sure" or "The train leaves at 2 o'clock. I just looked it up in a new timetable". One might also add "I am reliable in such matters". The usefulness of such additions is obvious.
445. Wenn ich aber sage »Ich habe zwei Hände« was kann ich hinzufügen, um die Verläßlichkeit anzuzeigen? Höchstens, daß die Umstände die gewöhnlichen sind.
445. But if I say "I have two hands" what can I add to indicate reliability? At most that the circumstances are ordinary.
446. Warum bin ich denn so sicher, daß das meine Hand ist? Beruht nicht auf dieser Art Sicherheit das ganze Sprachspiel? Oder: Ist in dem Sprachspiel diese »Sicherheit« nicht (schon) vorausgesetzt? Dadurch nämlich, daß der es nicht spielt, oder falsch spielt, der Gegenstände nicht mit Sicherheit erkennt.447. Vergleiche damit 12×12=144. Auch hier sagen wir nicht »vielleicht«. Denn sofern dieser Satz darauf beruht, daß wir uns nicht verzählen oder verrechnen, daß uns unsre Sinne beim Rechnen nicht trügen, sind die beiden, der arithmetische und der physische Satz, auf der gleichen Stufe.
446. Why am I so certain that this is my hand? Does not this kind of certainty underlie the whole language-game? Or: Is this "certainty" not (already) presupposed in the language-game? Namely, in that one who does not play it, or plays it wrongly, does not recognize objects with certainty.447. Compare this with 12×12=144. Here too we do not say "perhaps". For insofar as this proposition rests on our not miscounting or miscalculating, on our senses not deceiving us while calculating, the two propositions – the arithmetical and the physical – are on the same level.
Ich will sagen: Das physische Spiel ist ebenso sicher wie das arithmetische. Aber das kann mißverstanden werden. Meine Bemerkung ist eine logische, nicht eine psychologische.
I want to say: The physical game is just as certain as the arithmetical one. But this can be misunderstood. My remark is logical, not psychological.
448. Ich will sagen: Wenn man sich nicht darüber wundert, daß die arithmetischen Sätze (z. B. das Einmaleins) absolut gewiß sind, warum sollte man darüber erstaunt sein, daß der Satz »Dies ist meine Hand« es ebenso ist?
448. I want to say: If one does not marvel at arithmetic propositions (e.g., the multiplication table) being absolutely certain, why should one be astonished that the proposition "This is my hand" is equally so?
449. Es muß uns etwas als Grundlage gelehrt werden.
449. Something must be taught to us as a foundation.
450. Ich will sagen: Unser Lernen hat die Form »Das ist ein Veilchen«, »Das ist ein Tisch«. Das Kind könnte allerdings das Wort »Veilchen« zum erstenmal in dem Satz hören »Das ist vielleicht ein Veilchen«; dann aber könnte es fragen »Was ist ein Veilchen?« Nun könnte dies freilich dadurch beantwortet wer- den, daß man ihm ein Bild zeigt. Aber wie wäre es, wenn man nur beim Vorzeigen eines Bilds sagte »Das ist ein...«, sonst aber immer nur: »Das ist vielleicht ein...?« Welche praktischen Folgen soll es haben?
450. I want to say: Our learning has the form "This is a violet", "This is a table". The child might indeed hear the word "violet" for the first time in the sentence "That might be a violet"; but then it could ask "What is a violet?" This could of course be answered by showing it a picture. But what if one only said "That is a..." when showing a picture, but otherwise always said "That might be a..."? What practical consequences would this have?
Ein Zweifel, der an allem zweifelte, wäre kein Zweifel.
A doubt that doubted everything would not be a doubt.
451. Mein Einwurf gegen Moore, daß der Sinn des isolierten Satzes »Das ist ein Baum« unbestimmt sei, da nicht bestimmt ist,was das-Das-ist, wovon man aussagt, es sei ein Baum-gilt nicht; denn man kann den Sinn bestimmter machen, indem man z. B. sagt: •Der Gegenstand dort, der ausschaut wie ein Baum, ist nicht die künstliche Imitation eines Baumes, sondern ein wirkli cher Baum.
451. My objection against Moore—that the meaning of the isolated proposition "This is a tree" is indeterminate because what the "this" refers to (the entity being claimed as a tree) remains unspecified—does not hold; for one could make the meaning more precise by stating, for instance: "The object there, which appears like a tree, is not an artificial imitation of a tree but a real one."
452. Es wäre nicht vernünftig, zu zweifeln, ob das ein wirkli cher Baum oder … sei.
452. It would not be reasonable to doubt whether this is a real tree or…
Daß es mir (als) zweifellos erscheint, darauf kommt's nicht an. Wenn es unvernünftig wäre, hier zu zweifeln, so kann das nicht aus meinem Dafürhalten ersehen werden. Es müßte also eine Regel geben, die den Zweifel hier für unvernünftig erklärt. Die aber gibt es auch nicht.
That it appears indubitable to me (as such) is irrelevant. If doubting here were unreasonable, this could not be inferred from my conviction. There would need to be a rule declaring doubt unreasonable here. Yet no such rule exists.
453. Ich sage allerdings: »Hier würde kein vernünftiger Mensch zweifeln.«-Könnte man sich denken, daß gelehrte Richter befragt würden, ob ein Zweifel vernünftig oder unver- nünftig sei?
453. I do say: "No reasonable person would doubt this here."—Could one imagine learned judges being consulted on whether a doubt is reasonable or unreasonable?
454. Es gibt Fälle, in denen der Zweifel unvernünftig ist, andre aber, in denen er logisch unmöglich scheint. Und zwischen ihnen scheint es keine klare Grenze zu geben.
454. There are cases where doubt is unreasonable, and others where it seems logically impossible. And between them, there appears to be no clear boundary.
29. 3.
29 March
455. Alles Sprachspiel beruht darauf, daß Wörter und Gegen stände wiedererkannt werden. Wir lernen mit der gleichen Uner- bittlichkeit, daß dies ein Sessel ist, wie daß a × 2 = 4 ist.456. Wenn ich also zweifle, oder unsicher bin darüber, daß das meine Hand ist (in welchem Sinn immer), warum dann nicht auch über die Bedeutung dieser Worte?
455. Every language-game depends on the re-recognition of words and objects. We learn with the same inexorability that this is a chair as we learn that 2 × 2 = 4.456. Thus, if I doubt or am uncertain whether this is my hand (in whatever sense), why not also doubt the meaning of these words?
457. Will ich also sagen, daß die Sicherheit im Wesen des Sprachspiels liegt?
457. Do I mean to say, then, that certainty lies in the essence of the language-game?
458. Man zweifelt aus bestimmten Gründen. Es handelt sich darum: Wie wird der Zweifel ins Sprachspiel eingeführt?
458. One doubts for specific reasons. The issue is: How is doubt introduced into the language-game?
459. Wenn der Kaufmann jeden seiner Äpfel ohne Grund untersuchen wollte, um ja recht sicherzugehen, warum muß er (dann) nicht die Untersuchung untersuchen? Und kann man nun hier von Glauben reden (ich meine, im Sinne von religiösem Glauben, nicht von Vermutung)? Alle psychologischen Wörter führen hier nur von der Hauptsache ab.
459. If a merchant wanted to inspect each of his apples without reason to ensure absolute certainty, why should he not then investigate the investigation? And can we now speak here of belief (I mean in the sense of religious belief, not conjecture)? All psychological terms here only distract from the main point.
460. Ich gehe zum Arzt, zeige ihm meine Hand und sage -Das ist eine Hand, nicht...; ich habe sie mir verletzt etc. etc. Mache ich da nur eine überflüssige Mitteilung? Könnte man z. B. nicht sagen: Angenommen die Worte Das ist eine Hand seien eine Mitteilung wie konntest du dann darauf rechnen, daß er die Mitteilung versteht? Ja, wenn es einem Zweifel unterliegt, daß das eine Hand ist, warum unterliegt es nicht auch einem Zweifel, dafß ich ein Mensch bin, der dem Arzt dies mitteilt?- Anderseits kann man sich aber wenn auch sehr seltsame - Fälle vorstellen, wo so eine Erklärung nicht überflüssig ist, oder nur überflüssig, aber nicht absurd ist.461. Angenommen, ich wäre der Arzt, und ein Patient kommt zu mir, zeigt mir seine Hand und sagt: Was hier wie eine Hand ausschaut, ist nicht eine ausgezeichnete Imitation, sondern wirklich eine Hand. Worauf er von seiner Verletzung redet. Würde ich dies wirklich als eine Mitteilung, wenn auch eine überflüssige, ansehen? Würde ich es nicht vielmehr für Unsinn halten, der allerdings die Form einer Mitteilung hat? Denn, würde ich sagen, wenn diese Mitteilung wirklich Sinn hätte, wie kann er seiner Sache sicher sein? Es fehlt der Mitteilung der Hintergrund.
460. I go to the doctor, show him my hand, and say, "This is a hand, not…; I injured it, etc., etc." Am I merely making a superfluous statement? For example, could one not say: Assuming the words "This is a hand" were a communication like any other, how could you then expect him to understand it? Yes, if it is open to doubt whether this is a hand, why is it not equally open to doubt whether I am a human being informing the doctor of this?—On the other hand, one could imagine, albeit very strange, cases where such an explanation is not superfluous, or is merely superfluous but not absurd.461. Suppose I were the doctor, and a patient comes to me, shows his hand, and says: "What appears here as a hand is not an excellent imitation but truly a hand." He then speaks of his injury. Would I really take this as a statement, even if superfluous? Would I not rather regard it as nonsense that merely has the form of a statement? For, I would say, if this statement truly had meaning, how could he be so certain? The statement lacks a background.
30.3.
30 March
462. Warum gibt Moore unter den Dingen, die er weiß, nicht z. B. an, es gebe in dem und dem Teil von England ein Dorf, das soundso heiße? Mit andern Worten: Warum erwähnt er nicht eine Tatsache, die ihm, und nicht jedem von uns, bekannt ist?
462. Why does Moore not include, among the things he knows, something like the existence of a village with such-and-such a name in a certain part of England? In other words: Why does he not mention a fact known to him but not to everyone?
31.3.
31 March
463. Gewiß ist doch, daß die Mitteilung Das ist ein Baum-. wenn niemand daran zweifeln könnte, eine Art Witz sein könnte und als solcher Sinn hätte. Ein Witz dieser Art ist wirklich einmal von Renan gemacht worden.
463. It is certain that the statement "This is a tree"—if no one could doubt it—might be a kind of joke and have meaning as such. A joke of this sort was indeed once made by Renan.
3-4-58
3 April 1958
464. Meine Schwierigkeit läßt sich auch so demonstrieren: Ich sitze mit einem Freund im Gespräch. Plötzlich sage ich: Ich habe schon die ganze Zeit gewußt, daß du der N. N. bist. Ist dies wirklich nur eine überflüssige, wenn auch wahre, Bemer- kung?
464. My difficulty can also be demonstrated this way: I am sitting conversing with a friend. Suddenly I say: "I have known all along that you are N. N." Is this really just a superfluous, albeit true, remark?
Es kommt mir vor, als wären diese Worte ähnlich einem Grüß Gott, wenn man es mitten im Gespräch dem Andern sagte.465. Wie wäre es mit den Worten »Man weiß heute, daß es über... Arten von Insekten gibt«, statt der Worte »Ich weiß, daß das ein Baum ist«? Wenn Einer jenen Satz plötzlich außer allem Zusammenhang ausspräche, so könnte man meinen, er habe inzwischen an etwas anderes gedacht und spreche nun einen Satz seines Gedankenganges laut aus. Oder auch: er sei in einer Trance und rede, ohne seine Worte zu verstehen.
It seems to me as if these words resemble saying "Good day" to someone in the middle of a conversation.465. What if one were to say, "It is known today that there are over... species of insects," instead of "I know that this is a tree"? If someone were to suddenly utter the former sentence entirely out of context, one might think they had been pondering something else and were now voicing a sentence from their train of thought. Or perhaps: they were in a trance, speaking without understanding their words.
466. Es scheint mir also, ich habe etwas schon die ganze Zeit gewußt, und doch habe es keinen Sinn, dies zu sagen, diese Wahrheit auszusprechen.
466. Thus, it seems to me that I have known something all along, yet it is meaningless to say this, to express this truth.
467. Ich sitze mit einem Philosophen im Garten; er sagt zu wiederholten Malen »Ich weiß, daß das ein Baum ist«, wobei er auf einen Baum in unsrer Nähe zeigt. Ein Dritter kommt daher und hört das, und ich sage ihm: »Dieser Mensch ist nicht verrückt: Wir philosophieren nur.«
467. I sit with a philosopher in a garden; he repeatedly says, "I know that that is a tree," pointing to a tree near us. A third person approaches, hears this, and I tell them: "This man is not insane: we are only philosophizing."
468. Jemand sagt irrelevant »Das ist ein Baum«. Er könnte den Satz sagen, weil er sich erinnert, ihn in einer ähnlichen Situation gehört zu haben; oder er wurde plötzlich von der Schönheit dieses Baumes getroffen, und der Satz war ein Ausruf; oder er sagte sich den Satz als grammatisches Beispiel vor. (Etc.) Ich frage ihn nun: »Wie hast du das gemeint?«, und er antwortet: »Es war eine Mitteilung, an dich gerichtet. Stünde mir da nicht frei, anzunehmen, er wisse nicht, was er sage, wenn er verrückt genug ist, mir diese Mitteilung machen zu wollen?
468. Someone says irrelevantly, "That is a tree." He might say the sentence because he recalls hearing it in a similar situation; or he was suddenly struck by the beauty of this tree, and the sentence was an exclamation; or he recited the sentence to himself as a grammatical example. (Etc.) I now ask him: "How did you mean that?" and he replies: "It was a communication addressed to you." Would I not be compelled to assume he does not know what he is saying if he is mad enough to want to make this communication to me?
469. Jemand sagt im Gespräch zu mir zusammenhangslos Ich wünsch dir alles Gute. Ich bin erstaunt; aber später sehe ich ein, daß diese Worte in einem Zusammenhang mit seinen Gedanken über mich stehen. Und nun erscheinen sie mir nicht mehr sinnios.
469. Someone says to me disconnectedly in conversation: "I wish you all the best." I am astonished; but later I realize that these words relate to his thoughts about me. Now they no longer appear meaningless to me.
470. Warum ist kein Zweifel, daß ich L. W. heiße? Es scheint durchaus nichts, das man ohne weiteres zweifelfrei feststellen könnte. Man sollte nicht meinen, daß das eine der unzweifelhaf- ten Wahrheiten ist.
470. Why is there no doubt that my name is L.W.? There seems to be nothing here that could be straightforwardly established beyond doubt. One should not think this is one of the indubitable truths.
5.4. [Hier ist noch eine große Lücke in meinem Denken. Und ich zweifle, ob sie noch ausgefüllt werden wird.]
5.4. [There remains a great gap in my thinking here. And I doubt whether it will ever be filled.]
471. Es ist so schwer, den Anfang zu finden. Oder besser: Es ist schwer, am Anfang anzufangen. Und nicht zu versuchen, weiter zurückzugehen.
471. It is so difficult to find the beginning. Or rather: It is difficult to begin at the beginning. And not try to go further back.
472. Wenn das Kind die Sprache lernt, lernt es zugleich, was zu untersuchen und was nicht zu untersuchen ist. Wenn es lernt, daß im Zimmer ein Schrank ist, so lehrt man es nicht zweifeln, ob, was es später sieht, noch immer ein Schrank oder nur eine Art Kulisse ist.
472. When a child learns language, it simultaneously learns what is to be investigated and what is not. When it learns that there is a cupboard in the room, it is not taught to doubt whether what it later sees is still a cupboard or merely a kind of stage prop.
473. Wie man beim Schreiben eine bestimmte Grundform lernt und diese später dann variiert, so lernt man zuerst die Beständigkeit der Dinge als Norm, die dann Änderungen unter- liegt.
473. Just as one learns a basic form in writing and later varies it, so one first learns the constancy of things as the norm, which is then subject to modifications.
474. Dieses Spiel bewährt sich. Das mag die Ursache sein, weshalb es gespielt wird, aber es ist nicht der Grund.
474. This language-game proves itself. That may be the reason why it is played, but it is not the ground.
475. Ich will den Menschen hier als Tier betrachten; als ein primitives Wesen, dem man zwar Instinkt, aber nicht Raisonne ment zutraut. Als ein Wesen in einem primitiven Zustande. Denn welche Logik für ein primitives Verständigungsmittel genügt, deren brauchen wir uns auch nicht zu schämen. Die Sprache ist nicht aus einem Raisonnement hervorgegangen.
475. Here I want to regard humans as animals; as primitive beings to whom one attributes instinct but not reasoning. As beings in a primitive state. For whatever logic suffices for a primitive means of communication, we need not be ashamed of it either. Language did not emerge from reasoning.
6.4.
6.4.
476. Das Kind lernt nicht, daß es Bücher gibt, dafi es Sessel gibt, etc. etc., sondern es lernt Bücher holen, sich auf Sessel (zu) setzen, etc.
476. The child does not learn that books exist, that chairs exist, etc., etc.—it learns to fetch books, sit on chairs, etc.
Es kommen freilich später auch Fragen nach der Existenz auf: -Gibt es ein Einhorn? usw. Aber so eine Frage ist nur möglich, weil in der Regel keine ihr entsprechende auftritt. Denn wie weiß man, wie man sich von der Existenz des Einhorns zu überzeugen hat? Wie hat man die Methode gelernt zu bestimmen, ob etwas existiere oder nicht?
Of course, questions about existence arise later: "Does a unicorn exist?" etc. But such a question is only possible because normally no corresponding doubt occurs. For how does one know how to convince oneself of the unicorn's existence? How was the method learned for determining whether something exists or not?
477. So muß man also wissen, daß die Gegenstände existie- ren, deren Namen man durch eine hinweisende Erklärung einem Kind beibringt.-Warum muß man's wissen? Ist es nicht genug, daß Erfahrung später nicht das Gegenteil erweise?
477. Thus, one must know that the objects exist whose names are taught to a child through ostensive definitions.—Why must one know this? Is it not enough that experience later does not contradict it?
Warum soll denn das Sprachspiel auf einem Wissen ruhen?
Why should the language-game rest on knowledge?
7-4-
7.4.
478. Glaubt das Kind, daß es Milch gibt? Oder weifß es, daß es Milch gibt? Weiß die Katze, daß es eine Maus gibt?
478. Does the child believe that milk exists? Or does it know that milk exists? Does the cat know that a mouse exists?
479. Sollen wir sagen, daß die Erkenntnis, es gebe physikali sche Gegenstände, eine sehr frühe oder eine sehr späte sei?
479. Are we to say that the knowledge that physical objects exist is a very early or a very late one?
8.4.
8.4.
480. Das Kind, das das Wort Baum gebrauchen lernt. Man steht mit ihm vor einem Baum und sagt Schöner Baum!. Daß kein Zweifel an der Existenz des Baums in das Sprachspiel ein- tritt, ist klar. Aber kann man sagen, das Kind wisse: dalß es einen Baum gibt? Es ist allerdings wahr, daß etwas wissen nicht in sich beschließt: daran denken aber muß nicht, wer etwas weiß, eines Zweifels fähig sein? Und zweifeln heißt denken.
480. The child learning to use the word "tree." One stands with it before a tree and says, "Beautiful tree!" That no doubt about the tree's existence enters the language-game is clear. But can one say the child knows that a tree exists? To be sure, knowing something does not inherently entail thinking about it—but must one not be capable of doubting what one knows? And to doubt means to think.
481. Wenn man Moore sagen hört Ich weiß, daß das ein Baum ist, so versteht man plötzlich die, welche finden, das sei gar nicht ausgemacht.
481. When one hears Moore say, "I know that this is a tree," one suddenly understands those who find this not at all settled.
Die Sache kommt einem auf einmal unklar und verschwom men vor. Es ist, als hätte Moore das falsche Licht drauf fallen lassen.
The matter suddenly appears unclear and vague. It is as if Moore had cast the wrong light on it.
Es ist, als sähe ich ein Gemälde (vielleicht eine Bühnenmalerei) und erkenne von weitem sofort und ohne den geringsten Zwei- fel, was es darstellt. Nun trete ich aber näher: und da sehe ich eine Menge Flecke verschiedener Farben, die alle höchst vieldeutig sind und durchaus keine Gewißheit geben.
It is as if I see a painting (perhaps a stage backdrop) and recognize immediately, without the slightest doubt, what it represents from a distance. But now I step closer: and I see a multitude of patches of different colors, all highly ambiguous and providing no certainty whatsoever.
482. Es ist, als ob das Ich weiß keine metaphysische Beto- nung vertrüge.
482. It is as though "I know" cannot bear a metaphysical emphasis.
483. Richtige Verwendung des Wortes Ich weiß. Ein Schwachsichtiger fragt mich: Glaubst du, daß das, was wir dort sehen, ein Baum ist? Ich antworte: Ich weiß es; ich sehe ihngenau und kenne ihn gut. A: Ist N. N. zu Hause? Ich: -Ich glaube ja». A: War er gestern zu Hause? Ich: Gestern war er zu Hause, das weiß ich, ich habe mit ihm gesprochen. - A: -Weißt du, oder glaubst du nur, daß dieser Teil des Hauses neu dazugebaut ist? Ich: Ich weiß es; ich habe mich beim erkundigt.
483. Correct use of the phrase "I know." A nearsighted person asks me: "Do you believe that what we see there is a tree?" I answer: "I know it; I see it clearly and am familiar with it." A: "Is N.N. at home?" I: "I believe so." A: "Was he home yesterday?" I: "He was home yesterday; I know that—I spoke with him." A: "Do you know, or merely believe, that this part of the house is a new addition?" I: "I know it; I inquired about it at the time."
484. Hier sagt man also Ich weiß und gibt den Grund des Wissens an, oder man kann ihn doch angeben.
484. Here one says "I know" and states the ground of the knowledge, or at least can do so.
485. Man kann sich auch einen Fall denken, in welchem Einer eine Liste von Sätzen durchgeht und sich dabei immer wieder fragt-Weiß ich das, oder glaube ich es nur? Er will die Sicher- heit jedes einzelnen Satzes überprüfen. Es könnte sich um eine Zeugenaussage vor Gericht handeln.
485. One could also imagine a case where someone goes through a list of propositions repeatedly asking, "Do I know this, or do I only believe it?" They want to verify the certainty of each individual proposition. It might involve testimony in a court of law.
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486. -Weißt du, oder glaubst du nur, daß du L. W. heißt? Ist das eine sinnvolle Frage?
486. "Do you know, or only believe, that your name is L.W.?" Is this a meaningful question?
Weißt du, oder glaubst du nur, daß, was du hier hinschreibst, deutsche Worte sind? Glaubst du nur, daß glauben diese Bedeutung hat? Welche Bedeutung?
"Do you know, or only believe, that what you are writing here are German words?" "Do you only believe that 'believe' has this meaning?" What meaning?
487. Was ist der Beweis dafür, daß ich etwas weijf? Doch gewiß nicht, daß ich sage, ich wisse es.
487. What is the proof that I know something? Surely not that I say I know it.
488. Wenn also Autoren aufzählen, was sie alles wissen, so beweist das gar nichts.Daß man also etwas über physikalische Dinge wissen kann,
488. The fact that authors list all they know therefore proves nothing. That one can know something about physical objects
kann nicht durch die Beteuerungen derer erwiesen werden, die es
cannot be demonstrated through the assurances of those who
zu wissen glauben.
believe they know it.
489. Denn was antwortet man dem, der sagt: Ich glaube, es
489. For how does one respond to someone who says: "I believe
kommt dir nur so vor, als wüßtest du's
490. Wenn ich nun frage Weiß ich, oder glaube ich nur, daß
ich... heiße?, so nützt es nichts, daß ich in mich hineinsehe.
Ich könnte aber sagen: Nicht nur zweifle ich nie im mindesten,
daß ich so heiße, sondern ich könnte keines Urteils sicher sein,
wenn sich darüber ein Zweifel erhöbe.
10.4.
491. Weiß ich, oder glaub ich nur, daß ich L. W. heiße? -
Ja, wenn die Frage hieße Bin ich sicher, oder vermute ich nur,
daß ich...?, da könnte man sich auf meine Antwort verlas
sen.
492. Weiß ich, oder glaube ich nur....? könnte man auch
so ausdrücken: Wie, wenn es sich herauszustellen schiene, daß,
was mir bisher dem Zweifel nicht zugänglich schien, eine falsche
Annahme war? Würde ich da reagieren, wie wenn ein Glauben
sich als falsch erwiesen hat? oder würde das den Boden meines
Urteilens auszuschlagen scheinen?-Aber ich will hier natürlich
nicht eine Prophezeiung.
Würde ich einfach sagen-Das hätte ich nie gedacht! oder
aber mich weigern (müssen), mein Urteil zu revidieren, weil
nämlich eine solche Revision einer Vernichtung aller Maßstäbe
gleichkäme?
it only appears to you as if you knew it"?
493. Ist es also so, daß ich gewisse Autoritäten anerkennen muß, um überhaupt urteilen zu können?
490. If I now ask: "Do I know, or do I merely believe, that my name is...?", it is useless to introspect.
Yet I could say: Not only do I never doubt in the slightest that this is my name, but I could not be certain of any judgment if doubt arose about this.
10.4.
491. Do I know, or do I merely believe, that my name is L. W.? –
Yes, if the question were: "Am I certain, or do I merely suspect, that I...?", one could rely on my answer.
492. "Do I know, or do I merely believe...?" could also be phrased thus: What if it turned out that what previously seemed inaccessible to doubt was a false assumption? Would I then react as if a belief had proven false? Or would it seem to undermine the very ground of my judging? – But here I naturally do not wish to prophesy.
Would I simply say: "I never would have thought it!" or would I (have to) refuse to revise my judgment because such revision would amount to annihilating all standards?
493. Is it thus that I must recognize certain authorities to judge at all?
494. An diesem Satz kann ich nicht zweifeln, ohne alles Urteilen aufzugeben..
494. I cannot doubt this proposition without abandoning all
Aber was für ein Satz ist das? (Er erinnert an das, was Frege über das Gesetz der Identität gesagt hat.")
judgment..
Er ist sicher kein Erfahrungssatz. Er gehört nicht in die Psy- chologie. Er hat eher den Charakter einer Regel.
But what kind of proposition is this? (It recalls what Frege
495. Man könnte Einem, der gegen die zweifellosen Sätze Einwände machen wollte, einfach sagen Ach Unsinn. Also nicht ihm antworten, sondern ihn zurechtweisen.
said about the law of identity.*)
496. Es ist hier ein ähnlicher Fall wie wenn man zeigt, daß es keinen Sinn hat zu sagen, ein Spiel sei immer falsch gespielt worden.
495. To someone wanting to raise objections against indubitable propositions, one might simply say: "Oh, nonsense." Thus not answering them, but admonishing them.
* Grundgesetze der Arithmetik 1x (Herausg.)
496. Here the case is similar to showing that it makes no sense to say a game has always been played incorrectly.
* Grundgesetze der Arithmetik 1x (Ed.)
497. Wenn Einer Zweifel in mir immer aufrufen wollte und spräche: da täuscht dich dein Gedächtnis, dort bist du betrogen worden, dort wieder hast du dich nicht gründlich genug über- zeugt, etc., und ich ließe mich nicht erschüttern und bliebe bei meiner Gewißheit dann kann das schon darum nicht falsch sein, weil es erst ein Spiel definiert.498. Das Seltsame ist, daß, wenn schon ich es ganz richtig finde, daß Einer den Versuch, ihn mit Zweifeln in dem Funda mente irrezumachen, mit dem Wort »Unsinn!« abweist, ich es für unrichtig halte, wenn er sich verteidigen will, wobei er etwa die Worte »Ich weiß« gebraucht.
497. If someone were to constantly provoke doubts in me by saying: "Your memory deceives you here, you were deceived there, there again you didn’t verify thoroughly enough," etc., and I remained unshaken in my certainty – this cannot be wrong precisely because it first defines a game.
499. Ich könnte auch so sagen: Das Gesetz der Induktion- läßt sich ebensowenig begrunden als gewisse partikulare Sätze, das Erfahrungsmaterial betreffend.
498. The peculiar thing is that while I entirely approve of someone rejecting attempts to unsettle him with fundamental doubts by exclaiming "Nonsense!", I consider it incorrect if he tries to defend himself by using words like "I know."
500. Aber es schiene mir auch Unsinn zu sein, zu sagen »Ich weiß, daß das Gesetz der Induktion wahr ist.
499. I could also say: The law of induction can no more be justified than certain particular propositions concerning empirical data.
Denk dir so eine Aussage in einem Gerichtshof gemacht. Richtiger wäre noch »Ich glaube an das Gesetz...«, wo glau- ben nichts mit vermaten zu tun hat.
500. But it would also seem nonsensical to say: "I know that the law of induction is true."
501. Komme ich nicht immer mehr und mehr dahin zu sagen, daß die Logik sich am Schluß nicht beschreiben lasse? Du mußt die Praxis der Sprache ansehen, dann siehst du sie.
Imagine such a statement made in a court. More accurate would be: "I believe in the law...," where believing has nothing to do with conjecturing.
502. Könnte man sagen »Ich weiß mit geschlossenen Augen die Lage meiner Hände«, wenn meine Angabe immer oder mei stens dem Zeugnis der Andern widerspräche?
501. Do I not increasingly come to say that logic ultimately cannot be described? You must look at the practice of language – then you see it.
503. Ich schaue einen Gegenstand an und sage »Das ist ein Baum« oder »Ich weiß, daß das...« Gehe ich nun in die Nähe und es stellt sich anders heraus, so kann ich sagen »Es war dochkein Baum; oder ich sage Es war ein Baum, ist es aber jetzt nicht mehr. Wenn nun aber alle Andern mit mir in Widerspruch wären und sagten, es wäre nie ein Baum gewesen, und wenn alle andern Zeugnisse gegen mich sprächen- was nützte es mir dann noch, auf meinem Ich weifi... zu beharren?
502. Could one say: "I know the position of my hands with closed eyes," if my reports always or mostly contradicted others’ testimony?
504. Ob ich etwas weiß, hängt davon ab, ob die Evidenz mir recht gibt oder mir widerspricht. Denn zu sagen, man wisse, daß man Schmerzen habe, heißt nichts.
503. I look at an object and say: "That is a tree" or "I know that is..." Now if I approach and it turns out otherwise, I might say: "It wasn’t a tree after all," or: "It was a tree but isn’t anymore." But if everyone contradicted me and said there had never been a tree, and if all other evidence opposed me – what use would it be then to insist on my "I know..."?
505. Es ist immer von Gnaden der Natur, wenn man etwas weiß.
504. Whether I know something depends on whether the evidence supports or contradicts me. For to say one knows one has pain means nothing.
106. Wenn mich mein Gedächtnis hier täuscht, so kann es mich überall täuschen..
505. It is always by the grace of nature if one knows something.
Wenn ich das nicht weiß, wie weiß ich dann, ob meine Worte das bedeuten, was ich glaube, daß sie bedeuten?
506. If my memory deceives me here, it can deceive me everywhere.
107. Wenn mich dies täuscht, was heißt täuschen dann noch?
If I do not know this, how do I know whether my words mean what I believe they mean?
508. Worauf kann ich mich verlassen?
507. If this deceives me, what does "deceive" even mean then?
509. Ich will eigentlich sagen, daß ein Sprachspiel nur möglich ist, wenn man sich auf etwas verläßt. (Ich habe nicht gesagt auf etwas verlassen kann.)
508. What can I rely on?
510. Wenn ich sage »Natürlich weiß ich, daß das ein Hand- tuch ist«, so mache ich eine Äußerung. Ich denke nicht an eine Verifikation. Es ist für mich eine unmittelbare Außerung..
509. I really want to say that a language-game is only possible if one relies on something. (I did not say: can rely on something.)
510. When I say "Of course I know that this is a towel," I am making an utterance. I am not thinking of verification. For me, this is an immediate expression.
Ich denke nicht an Vergangenheit oder Zukunft. (Und so geht es natürlich auch Moore.)
I do not think of the past or future. (And this is precisely how it is for Moore as well.)
Ganz so wie ein unmittelbares Zugreifen; wie ich ohne zu zweifein nach dem Handtuch greife.
Just like an immediate reaching out; as I grasp the towel without hesitation.
511. Aber dieses unmittelbare Zugreifen entspricht doch einer Sicherheit, keinem Wissen.
511. Yet this immediate reaching corresponds to a certainty, not to knowledge.
Aber greif ich so nicht auch zum Namen eines Dinges?
But do I not also reach for the name of a thing in this way?
12.4-
12.4.
512. Die Frage ist doch die: »Wie, wenn du auch in diesen fundamentalsten Dingen deine Meinung ändern müßtest?« Und darauf scheint mir die Antwort zu sein: »Du mußt sie nicht ändern. Gerade darin liegt es, daß sie fundamental sind.«
512. The question is: "What if you had to change your mind even about these most fundamental things?" And the answer seems to me: "You need not change it. Precisely in this lies their fundamentality."
513. Wie, wenn etwas wirklich Unerhörtes geschähe? wenn ich etwa sähe, wie Häuser sich nach und nach ohne offenbare Ursache in Dampf verwandelten; wenn das Vieh auf der Wiese auf den Köpfen stünde, lachte und verständliche Worte redete; wenn Bäume sich nach und nach in Menschen und Menschen in Bäume verwandelten. Hatte ich nun recht, als ich vor allen diesen Geschehnissen sagte »Ich weiß, daß das ein Haus ist etc., oder einfach »Das ist ein Haus etc.?
513. What if something utterly unheard-of happened? If, for instance, I saw houses gradually turning into vapor without visible cause; if cattle in the meadow stood on their heads, laughed, and spoke intelligible words; if trees gradually transformed into humans and humans into trees. Was I right, then, when before all these events I said "I know that this is a house," etc., or simply "This is a house," etc.?
514. Diese Aussage erschien mir als fundamental; wenn das falsch ist, was ist noch »wahr« und »-falsch-«?!
514. This statement appeared fundamental to me; if this is false, what remains of "true" and "false"?!
§15. Wenn mein Name nicht L. W. ist, wie kann ich mich darauf verlassen, was unter »wahr« und »falsch« zu verstehen ist?
§15. If my name is not L. W., how can I rely on what is meant by "true" and "false"?
§16. Wenn etwas geschähe (wenn z. B. jemand mir etwas sagte), was dazu angetan wäre, mir Zweifel daran zu erwecken, so gäbe es gewiß auch etwas, was die Gründe solcher Zweifel selbst zweifelhaft erscheinen ließe, und ich könnte mich also dafür entscheiden, meinen alten Glauben beizubehalten.
§16. If something were to happen (e.g., if someone told me something) that could cast doubt on this, there would certainly also be something that made the grounds for such doubt themselves appear doubtful, and thus I might choose to retain my old belief.
§17. Wäre es aber nicht möglich, daß etwas geschähe, was mich ganz aus dem Geleise würfe? Evidenz, die mir das Sicherste unannehmbar machte? oder doch bewirkte, daß ich meine fun- damentalsten Urteile umstoße? (Ob mit Recht oder mit Unrecht, ist hier ganz gleich.)
§17. But could something not happen that would completely derail me? Evidence rendering the most certain unacceptable? Or causing me to overturn my most fundamental judgments? (Whether rightly or wrongly is entirely irrelevant here.)
§18. Könnte ich mir denken, daß ich dies in einem andern Menschen beobachtete?
§18. Could I imagine observing this in another person?
§19. Wenn du einen Befehl befolgst »Bring mir ein Buch«, so ist es allerdings möglich, dafi du untersuchen mußt, ob, was du dort siehst, wirklich ein Buch ist, aber du weißt dann doch, was man unter »Buch« versteht; und weißt du das nicht, so kannst du etwa nachschlagen, aber dann mußt du doch wissen, was ein anderes Wort bedeutet. Und, daß ein Wort das und das bedeutet, so und so gebraucht wird, ist wieder eine Erfahrungstatsache wie die, daß jener Gegenstand ein Buch ist.
§19. When you obey the command "Bring me a book," it is indeed possible that you might need to check whether what you see there is truly a book—but you still know what is meant by "book." And if you do not know, you might look it up, but then you must know what another word means. And that a word means this or that, is used thus, is again an empirical fact like the fact that this object is a book.
Um also einen Befehl befolgen zu können, mußt du über eine Erfahrungstatsache außer Zweifel sein. Ja, der Zweifel beruht nur auf dem, was außer Zweifel ist.Da aber ein Sprachspiel etwas ist, was in wiederholten Spiel- handlungen in der Zeit besteht, so scheint es, man könne in keinem einzelnen Falle sagen, das und das müsse außer Zweifel stehen, wenn es ein Sprachspiel geben solle, wohl aber, daß, in der Regel, irgendweiche Erfahrungsurteile außer Zweifel stehen müssen.
To obey a command, you must be beyond doubt about an empirical fact. Indeed, doubt itself rests only on what is beyond doubt. But since a language-game is something that exists in repeated acts over time, it seems that in no single case can one say that such-and-such must be beyond doubt for there to be a language-game—though, as a rule, some empirical judgments must remain beyond doubt.
13.4.
13.4.
§20. Moore hat ein gutes Recht zu sagen, er wisse, daß vor ihm ein Baum steht. Natürlich kann er sich darin irren. (Denn es ist ja hier nicht wie mit der Außerung »Ich glaube, dort steht ein Baum.«.) Aber, ob er in diesem Fall recht hat oder sich irrt, ist philosophisch nicht von Belang. Wenn Moore die bekämpft, die sagen, so etwas könne man nicht eigentlich wissen, so kann er es nicht tun, indem er versichert: Er wisse das und das. Denn das braucht man ihm nicht zu glauben. Hätten seine Gegner behaup- tet, man könne das und das nicht glauben, so hätte er ihnen antworten können »Ich glaube es«.
§20. Moore is perfectly justified in saying he knows there is a tree in front of him. Of course, he could be mistaken. (For here it is not like saying "I believe there is a tree there.") But whether he is right or wrong in this case is philosophically insignificant. If Moore is combating those who say such things cannot truly be known, he cannot do so by insisting: He knows this and that. For one need not believe him. Had his opponents claimed that one cannot believe such-and-such, he could have replied, "I believe it."
14:4
14.4.
§21. Moores Fehler liegt darin, auf die Behauptung, man könne das nicht wissen, zu entgegnen »Ich weiß es.«.
§21. Moore's error lies in responding to the assertion that one cannot know such things by saying, "I know it."
§22. Wir sagen: Wenn das Kind die Sprache - und also ihre Anwendung - beherrscht, muß es die Bedeutungen der Worte wissen. Es muß z. B. einem weißen, schwarzen, roten, blauen Dinge seinen Farbnamen, in der Abwesenheit jedes Zweifels, beilegen können.§23. Ja, hier vermißt auch niemand den Zweifel; wundert sich niemand, daß wir die Bedeutung der Worte nicht nur ver- muten.
§22. We say: If the child has mastered the use of language—and thus its application—it must know the meanings of the words. For example, it must be able to assign color names to white, black, red, or blue objects without any hesitation.
§5-4-
§23. Indeed, here too no one misses doubt; no one is astonished that we do not merely conjecture the meanings of words.
§24. Ist es für unsre Sprachspiele (Befehlen und Gehorchen, z. B.) wesentlich, daß ein Zweifel an gewissen Stellen nicht ein- tritt, oder genügt es, wenn das Gefühl der Sicherheit besteht, wenn auch mit einem leichten Anhauch des Zweifels?
§5-4-
Genügt es also, wenn ich zwar nicht wie jetzt, ohne weiteres, ohne die Dazwischenkunft irgendeines Zweifels, etwas -schwarz-, grün-, rot- nenne aber statt dessen doch sage »Ich bin sicher, daß das rot ist«, wie man etwa sagt »Ich bin sicher, daß er heute kommen wird« (also mit dem »Gefühl der Sicher- heit«)?
§24. Is it essential to our language-games (such as commanding and obeying) that doubt does not arise at certain points, or is it sufficient that a feeling of certainty exists, even with a faint trace of doubt?
Das begleitende Gefühl ist uns natürlich gleichgültig, und ebensowenig brauchen wir uns um die Worte »Ich bin sicher, daß« bekümmern. - Wichtig ist, ob ein Unterschied in der Praxis der Sprache damit zusammengeht.
Would it suffice, then, if instead of straightforwardly naming something "black," "green," or "red" without any intervening doubt—as I do now—I were to say, "I am certain that this is red," similar to how one might say, "I am certain he will come today" (thus with the "feeling of certainty")?
Man könnte fragen, ob er überall dort, wo wir, z. B., mit Sicherheit eine Meldung machen (bei einem Versuch z. B. schauen wir in eine Röhre und melden die Farbe, die wir durch sie beobachten), ob er bei dieser Gelegenheit sagt »Ich bin sicher«. Tut er dies, so wird man zuerst geneigt sein, seine Angabe zu überprüfen. Zeigt sich aber, daß er ganz zuverlässig ist, so wird man erklären, seine Redeweise sei nur eine Verschro- benheit, die die Sache nicht berührt. Man könnte z. B. anneh- men, daß er skeptische Philosophen gelesen habe, überzeugt worden sei, man könne nichts wissen, und darum diese Rede- weise angenommen habe. Wenn wir erst einmal an sie gewöhnt sind, so tut sie der Praxis keinen Eintrag.
The accompanying feeling is naturally irrelevant to us, and we need not concern ourselves with the words "I am certain that." What matters is whether a difference in linguistic practice corresponds to this.
§25. Wie sieht also der Fall aus, wo Einer wirklich zu den Farbnamen, z. B., eine andere Beziehung hat als wir? Wo näm-lich ein leiser Zweifel, oder die Möglichkeit eines Zweifels, in ihrem Gebrauch bestehenbleibt.
One might ask whether, in all cases where we report with certainty (e.g., during an experiment, we peer into a tube and report the color observed), the speaker would say, "I am certain." If they do, one would initially be inclined to verify their claim. But if they prove entirely reliable, one would conclude that their manner of speaking is merely an eccentricity with no bearing on the matter. For instance, one might assume they have read skeptical philosophers, became convinced that nothing can be known, and thus adopted this mode of expression. Once we grow accustomed to it, it does not hinder practice.
§25. What, then, does the case look like where someone truly relates to color names differently than we do? That is, where a faint doubt or the possibility of doubt persists in their usage.
16.4.
16.4.
§26. Wer beim Anblick eines englischen Postkastens sagte »Ich bin sicher, er ist rot«, den müßten wir für farbenblind halten oder glauben, er beherrschte das Deutsche nicht und wüßte den richtigen Farbnamen in einer andern Sprache.
§26. If someone, upon seeing an English postbox, were to say, "I am certain it is red," we would assume they are colorblind or believe they do not command German and know the correct color name in another language.
Wäre keines von beiden der Fall, so würden wir ihn nicht recht verstehen.
If neither were the case, we would not fully understand them.
§27. Ein Deutscher, der diese Farbe »rot« nennt, ist nicht sicher, sie heiße im Deutschen »rot«. Das Kind, welches die Verwendung des Wortes beherrscht, ist nicht sicher, diese Farbe heiße in seiner Sprache so. Man kann auch nicht von ihm sagen, es lerne, wenn es sprechen lernt, daß die Farbe auf deutsch so heißt, oder auch: es wisse dies, wenn es den Gebrauch des Worts erlernt hat.
§27. A German who calls this color "rot" is not certain that it is called "rot" in German. The child who masters the use of the word is not certain that this color is called such in their language. Nor can we say that when learning to speak, the child learns that the color is called this in German, or even that they know it once they have acquired the word's use.
§28. Und dennoch: wenn jemand mich fragte, wie die Farbe auf deutsch heiße, und ich sag es ihm, und er fragt mich »Bist du sicher?«, so werde ich antworten: »Ich weiß es; Deutsch ist meine Muttersprache.«
§28. And yet: If someone asks me what the color is called in German, and I tell them, and they ask, "Are you sure?" I will reply, "I know it; German is my native language."
§29. Auch wird z. B. ein Kind vom andern sagen, oder von sich selbst, es wisse schon, wie das und das heißt.
§29. Similarly, a child might say of another, or of itself, that it already knows what such-and-such is called.
§30. Ich kann jemandem sagen »Diese Farbe heißt auf deutsch »rot«« (Wenn ich ihn z. B. im Deutschen unterrichte). Ich würdein diesem Falle nicht sagen »Ich weiß, daß diese Farbe...« – das würde ich etwa sagen, wenn ich es soeben selbst gelernt hätte, oder im Gegensatz zu einer andern Farbe, deren deutschen Namen ich nicht kenne.
§30. I can tell someone, "This color is called 'red' in German" (e.g., when instructing them in German). In this case, I would not say, "I know that this color..."—I might say that if I had just learned it myself or in contrast to another color whose German name I do not know.
531. Ist es nun aber nicht richtig, meinen gegenwärtigen Zustand so zu beschreiben: ich wisse, wie diese Farbe auf deutsch heißt? Und wenn das richtig ist, warum soll ich dann nicht meinen Zustand mit den entsprechenden Worten »Ich weiß etc.« beschreiben?
531. But is it not correct to describe my present state as: I know what this color is called in German? And if that is correct, why should I not describe my state with the corresponding words, "I know, etc."?
532. Moore also, wenn er, vor dem Baum sitzend, sagte »Ich weiß, daß das ein ...«, sprach einfach die Wahrheit über seinen damaligen Zustand aus.
532. Moore, then, when sitting before the tree and saying, "I know that this is...," was simply stating the truth about his state at the time.
[Ich philosophiere jetzt wie eine alte Frau, die fortwährend etwas verlegt und es wieder suchen muß; einmal die Brille, einmal den Schlüsselbund.]
[I now philosophize like an old woman who constantly misplaces things and must search for them—now her glasses, now her keys.]
533. Nun, wenn es richtig war, außer dem Zusammenhange seinen Zustand zu beschreiben, dann war es ebenso richtig, außer dem Zusammenhange die Worte »Das ist ein Baum« aus- zusprechen.
533. Well, if it was correct to describe his state outside its context, then it was equally correct to utter the words "That is a tree" outside their context.
534. Ist es aber falsch zu sagen: »Das Kind, welches ein Sprachspiel beherrscht, muß Gewisses wissen«?
534. But is it wrong to say: "A child who has mastered a language-game must know certain things"?
Wenn man statt dessen sagte »muß Gewisses können«, so wäre das ein Pleonasmus, und doch ist es gerade das, welches ich auf den ersten Satz erwidern möchte. – Aber: »Das Kind erwirbt sich ein naturgeschichtliches Wissen.« Das setzt voraus, daß das Kind fragen könne, wie die und die Pflanze heißt.
If one were to say instead, "must be able to do certain things," this would be a pleonasm, yet it is precisely what I want to counter the first statement with.—But: "The child acquires natural-historical knowledge." This presupposes that the child can ask what such-and-such a plant is called.
535. Das Kind weiß, wie etwas heißt, wenn es auf die Frage -Wie heißt das? richtig antworten kann.
535. The child knows what something is called if it can answer correctly when asked, "What is that called?"
536. Das Kind, welches anfängt, die Sprache zu lernen, hat natürlich den Begriff des Heißens noch gar nicht.
536. The child just beginning to learn language does not yet possess the concept of naming at all.
537. Kann man von Einem, der diesen Begriff nicht besitat, sagen, er wisse, wie das und das heiße?
537. Can we say of someone lacking this concept that they know what such-and-such is called?
138. Das Kind, möchte ich sagen, lernt so und so reagieren, und wenn es das nun tut, so weiß es damit noch nichts. Das Wissen beginnt erst auf einer späteren Stufe.
138. The child, I would say, learns to react in such-and-such ways, but in doing so, it does not yet know anything. Knowledge begins only at a later stage.
§39. Ist es mit dem Wissen wie mit dem Sammeln?
§39. Is knowing like collecting?
§40. Ein Hund könnte lernen, auf den Ruf N zu N zu laufen und auf den Ruf M zu M, wüßte er aber darum, wie die Leute heißen?
§40. A dog could learn to run to N when called N and to M when called M, but would it thereby know what people are called?
541. Er weiß erst, wie Dieser heißt, noch nicht, wie Jener heißt. Das kann man strenggenommen nicht von Einem sagen, der den Begriff davon noch gar nicht hat, daß Menschen Namen haben.
541. It first knows what this one is called, not yet what that one is called. Strictly speaking, this cannot be said of someone who does not even possess the concept that humans have names.
542. Ich kann diese Blume nicht beschreiben, wenn ich nicht weiß, daß diese Farbe »rot« heißt.
§542. I cannot describe this flower unless I know that this color is called "red."
543. Das Kind kann die Namen von Personen gebrauchen, lang ehe es in irgendeiner Form sagen kann: »Ich weiß, wie Dieser heißt; ich weiß noch nicht, wie Jener heißt.«
§543. A child can use personal names long before it can say in any form: "I know what this one is called; I don’t yet know what that one is called."
544. Ich kann freilich wahrheitsgemäß sagen »Ich weiß, wie diese Farbe auf deutsch heißt«, indem ich z. B. auf die Farbe des frischen Blutes deute. Aber ———
§544. Of course, I can truthfully say "I know what this color is called in German," pointing, for example, to the color of fresh blood. But ———
17. 4.
17 April.
545. »Das Kind weiß, welche Farbe das Wort »blau« bedeu- tet. Was es da weiß, ist gar nicht so einfach.
§545. "The child knows what color the word 'blue' means." What it knows here is not at all simple.
546. »Ich weiß, wie diese Farbe heißt«, würde ich z. B. sagen, wenn es sich um Farbtöne handelt, deren Namen nicht jeder kennt.
§546. "I know what this color is called," I would say, for instance, when dealing with color shades whose names are not universally familiar.
547. Man kann einem Kind, das grade erst anfängt zu spre- chen und die Wörter »rot« und »blau« gebrauchen kann, noch nicht sagen: »Nicht wahr, du weißt, wie diese Farbe heißt.«
§547. One cannot say to a child who has just begun to speak and can use the words "red" and "blue," "Surely you know what this color is called."
548. Das Kind muß die Verwendung von Farbnamen lernen, ehe es nach dem Namen einer Farbe fragen kann.
§548. The child must learn the use of color names before it can ask for the name of a color.
549. Es wäre falsch zu sagen, ich könne nur dann sagen -Ich weiß, daß dort ein Sessel steht, wenn ein Sessel dort steht. Freilich ist es nur dann wabr, aber ich habe ein Recht, es zu sagen, wenn ich sicher bin, es stehe einer dort, auch wenn ich unrecht habe.
§549. It would be wrong to say that I can only say "I know there is a chair there" if a chair is actually there. Of course, it is true only then, but I have the right to say it if I am certain a chair is there, even if I am wrong.
[Die Prätensionen sind eine Hypothek, die die Denkkraft des Philosophen belastet.]
[Pretensions are a mortgage weighing down the philosopher’s capacity for thought.]
18.4.
18 April.
550. Wenn Einer etwas glaubt, so muß man nicht immer die Frage beantworten können, warum er es glaubt; weiß er aber etwas, so muß die Frage Wie weißß er es? beantwortet werden können.
§550. If someone believes something, we need not always be able to answer why they believe it; but if they know something, the question "How do they know it?" must be answerable.
551. Und beantwortet man diese Frage, so muß es nach allge- mein anerkannten Grundsätzen geschehen. So läßt sich so etwas wissen.
§551. And when answering this question, it must be done according to universally accepted principles. That is how such a thing can be known.
552. Weiß ich, daß ich jetzt in einem Sessel sitze?-Weiß ich es nicht?! Es wird niemand, unter den gegenwärtigen Umständen, sagen, ich wisse das, aber ebensowenig z. B., ich sei bei Bewußt- sein. Man wird das auch gewöhnlich nicht von den Passanten auf der Straße sagen.
§552. Do I know that I am now sitting in a chair?—Don’t I know it?! Under present circumstances, no one would say I know this, but equally not, for example, that I am conscious. Nor would one ordinarily say this of passersby on the street.
Aber wenn man's nun auch nicht sagt, ist es darum nicht so??
But even if it is not said, does that mean it is not so??
553. Es ist seltsam: Wenn ich, ohne besondern Anlaß, sage Ich weiß, z. B. Ich weiß, daß ich jetzt auf einem Sessel sitze, so erscheint mir die Aussage ungerechtfertigt und anmaßend. Mache ich aber die gleiche Aussage, wo ein Bedürfnis nach ihrvorhanden ist, so scheint sie mir, obgleich ich ihrer Wahrheit nicht um ein Haar sicherer bin, als vollkommen gerechtfertigt und alltäglich.
§553. It is strange: If I say "I know," without any special occasion—for example, "I know that I am now sitting in a chair"—the statement seems unjustified and presumptuous. Yet if I make the same statement where a need for it exists, even though I am no more certain of its truth by a hair’s breadth, it appears to me entirely justified and commonplace.
§54. In ihrem Sprachspiel ist sie nicht anmaßend. Sie steht dort nicht höher als eben das menschliche Sprachspiel. Denn da hat sie ihre eingeschränkte Anwendung.
§554. In its language-game, it is not presumptuous. There, it stands no higher than the human language-game itself. For there, it has its restricted application.
Wie ich aber den Satz außerhalb seines Zusammenhangs sage, so erscheint er in einem falschen Lichte. Denn dann ist es, als wollte ich versichern, daß es Dinge gibt, die ich weiß. Worüber Gott selber mir nichts erzählen könnte.
But when I utter the proposition outside its context, it appears in a false light. For then it seems as though I wanted to assure myself that there are things I know. Things about which even God himself could tell me nothing.
19.4
19 April.
§15. Wir sagen, wir wissen, daß das Wasser kocht, wenn es ans Feuer gestellt wird. Wie wissen wir's? Erfahrung hat es uns gelehrt. Ich sage »Ich weiß, daß ich heute früh gefrühstückt habe«; Erfahrung hat mich das nicht gelehrt. Man sagt auch »Ich weiß, daß er Schmerzen hat«. Jedesmal ist das Sprachspiel anders, jedesmal sind wir sicher, und jedesmal wird man mit uns übereinstimmen, daß wir in der Lage sind zu wissen. Daher finden sich ja auch die Lehrsätze der Physik in Lehrbüchern für jedermann.
§555. We say we know that water boils when placed over fire. How do we know? Experience has taught us. I say, "I know I had breakfast this morning"; experience did not teach me that. One also says, "I know he is in pain." Each time, the language-game is different; each time, we are certain; and each time, people would agree that we are in a position to know. Hence, the propositions of physics are found in textbooks for everyone.
Wenn jemand sagt, er wisse etwas, so muß es etwas sein, was er, dem allgemeinen Urteil nach, in der Lage ist zu wissen.
If someone says they know something, it must be something that, by general judgment, they are in a position to know.
§56. Man sagt nicht: Er ist in der Lage, das zu glauben. Wohl aber: »Es ist vernünftig, in dieser Lage das anzuneh- men« (oder »zu glauben«).
§556. One does not say: "He is in a position to believe that." But one does say: "It is reasonable, in this situation, to assume (or believe) that."
§57. Ein Kriegsgericht mag zu beurteilen haben, ob es in der und der Lage vernünftig war, das und das mit Sicherheit (wenn auch fälschlich) anzunehmen.
§557. A court-martial may have to judge whether, in such-and-such a situation, it was reasonable to assume such-and-such with certainty (even if erroneously).
§58. Wir sagen, wir wissen, daß das Wasser unter den und den Umständen kocht und nicht gefriert. Ist es denkbar, daß wir uns darin irren? Würde nicht ein Irrtum alles Urteil mit sich reißen? Ich meine: Was könnte aufrecht stehen, wenn das fiele? Könnte Einer etwas finden, und wir nun sagen: »Es war ein Irrtum«?
§558. We say we know that water under such-and-such circumstances boils and does not freeze. Is it conceivable that we are mistaken here? Would not such an error drag down all judgment with it? I mean: What could remain standing if this fell? Could someone discover something, and we then say: "It was a mistake"?
Was immer in Zukunft geschehen mag, wie immer sich Wasser in Zukunft verhalten mag, — wir wissen, daß es sich bis jetzt in unzähligen Fällen so verhalten hat.
Whatever may happen in the future, however water may behave henceforth—we know that in countless cases so far, it has behaved thus.
Diese Tatsache ist in das Fundament unseres Sprachspiels eingegossen.
This fact is poured into the foundation of our language-game.
§59. Du mußt bedenken, daß das Sprachspiel sozusagen etwas Unvorhersehbares ist. Ich meine: Es ist nicht begründet. Nicht vernünftig (oder unvernünftig).
§559. You must realize that the language-game is, so to speak, something unpredictable. I mean: It is not grounded. Not reasonable (or unreasonable).
Es steht da—wie unser Leben.
It stands there—like our life.
§60. Und der Begriff des Wissens ist mit dem des Sprachspiels verkuppelt.
§560. And the concept of knowing is wedded to the language-game.
§61. »Ich weiß« und »Du kannst dich drauf verlassen«.- Aber man kann nicht immer für das erste das zweite setzen.
§561. "I know" and "You can rely on it."—But one cannot always substitute the latter for the former.
§62. Immerhin ist es wichtig, sich eine Sprache vorzustellen, in der es unsern Begriff »wissen« nicht gibt.363. Man sagt »Ich weiß, daß er Schmerzen hat«, obwohl man keinen überzeugenden Grund dafür angeben kann. – Ist das dasselbe wie »Ich bin sicher, daß er . . . ?« – Nein. »Ich bin sicher« gibt dir die subjektive Sicherheit. »Ich weiß« heißt, daß zwischen mir, der es weiß, und dem, der’s nicht weiß, ein Unterschied des Verständnisses liegt. (Etwa gegründet auf einem Unterschied des Grads der Erfahrung.)
§62. Nevertheless, it is important to imagine a language in which our concept of "knowledge" does not exist.
Sage ich in der Mathematik »Ich weiß«, so ist die Rechtferti- gung dafür ein Beweis.
63. One says "I know he is in pain" even when no convincing reason can be provided. – Is this the same as "I am certain that he..."? – No. "I am certain" expresses subjective conviction. "I know" implies a difference in understanding between me, who knows, and someone who doesn't. (Perhaps based on differing degrees of experience.)
Wenn man in diesen beiden Fällen statt »Ich weiß« »Du kannst dich drauf verlassen« sagt, so ist die Begründung jedesmal von andrer Art.
When I say "I know" in mathematics, the justification for it is a proof.
Und die Begründung hat ein Ende.
If one replaces "I know" with "You can rely on it" in these two cases, the justification is of a different kind each time.
164. Ein Sprachspiel: Bringen der Bausteine, Melden der Anzahl vorhandener Steine. Manchmal wird die Anzahl geschätzt, manchmal durch Zählen festgestellt. Es kommt dann die Frage vor »Glaubst du, es sind so viele Steine?« und die Antwort »Ich weiß es, ich hab sie gerade gezählt«. Aber hier könnte das »Ich weiß« wegbleiben. Wenn es aber mehrere Arten der sichern Konstatierung gibt, wie zählen, wägen, messen des Stoßes etc., dann kann statt der Angabe, wie man’s weiß, die Aussage »Ich weiß« treten.
And the justification comes to an end.
165. Aber hier ist von einem »Wissen«, daß dies »Platte«, dies »Säule« etc. heißt, noch gar nicht die Rede.
164. A language-game: Fetching building blocks, reporting the number of available stones. Sometimes the number is estimated, sometimes determined by counting. The question then arises: "Do you believe there are this many stones?" and the answer: "I know, I just counted them." But here the "I know" could be omitted. However, if there are multiple methods of verification – such as counting, weighing, measuring the heap, etc. – then "I know" might replace specifying how one knows.
566. Ja, das Kind, das mein Sprachspiel (No. 2)« lernt, lernt nicht sagen »Ich weiß, daß dies ›Platte‹ heißt«.
165. Yet here we are not yet speaking of "knowing" that this is called "slab," this "column," etc.
* Philosophische Untersuchungen § 2 (Herausg.)
Es gibt nun freilich ein Sprachspiel, in welchem das Kinddiesen Satz gebraucht. Dies setzt voraus, daß das Kind, sowie ihm der Name gegeben ist, ihn auch schon gebrauchen kann. Wie wenn mir jemand sagte »Diese Farbe heißt . . .«. Wenn also das Kind ein Sprachspiel mit Bausteinen gelernt hat, so kann man ihm nun etwa sagen »Und dieser Stein heißt . . .«, und man hat dadurch das ursprüngliche Sprachspiel erweitert.
* Philosophical Investigations § 2 (Ed.)
Of course, there exists a language-game in which the child uses this sentence. This presupposes that once the name is given, the child can already use it. As if someone told me: "This color is called..." Thus, if a child has learned a language-game with building blocks, one might now say to them: "And this stone is called..." – thereby expanding the original language-game.
567. Und ist nun mein Wissen, daß ich L. W. heiße, von der gleichen Art wie das, daß Wasser bei 100° C siedet? Diese Frage ist natürlich falsch gestellt.
567. And is my knowledge that my name is L. W. of the same kind as knowing that water boils at 100°C? This question is, of course, wrongly framed.
168. Wenn einer meiner Namen nur ganz selten gebraucht würde, so könnte es sein, daß ich ihn nicht wüßte. Daß ich meinen Namen weiß, ist nur darum selbstverständlich, weil ich ihn, wie jeder Andre, unzählige Male verwende.
168. If one of my names were used only very rarely, I might not know it. That I know my name is self-evident only because, like everyone else, I use it countless times.
169. Ein innres Erlebnis kann es mir nicht zeigen, daß ich etwas weiß.
169. An inner experience cannot show me that I know something.
Wenn ich daher trotzdem sage »Ich weiß, daß ich . . . heiße« und es doch offenbar nicht ein Erfahrungssatz ist, — — —
If I nevertheless say "I know that my name is..." even though this is clearly not an empirical proposition——
170. »Ich weiß, daß ich so heiße; bei uns weiß es jeder Erwachsene, wie er heißt.«
170. "I know that this is my name; every adult among us knows their own name."
171. »Ich heiße . . . , du kannst dich drauf verlassen. Wenn es sich als falsch erweist, so brauchst du mir in Zukunft nie mehr zu glauben.«
171. "My name is..., you can rely on it. If it proves false, you need never believe me again in the future."
174. Ich scheine doch zu wissen, daß ich mich, in meinem eigenen Namen z. B., nicht irren kann!
174. Yet I seem to know that I cannot be mistaken about my own name, for instance!
Das drückt sich in den Worten aus: Wenn das falsch ist, dann bin ich verrückt. Nun gut, aber das sind Worte; aber welchen Einfluß hat es auf die Anwendung der Sprache?
This is expressed in the words: "If this is false, then I am insane." Very well – but these are words; what bearing does this have on the application of language?
173. Dadurch, daß ich durch nichts vom Gegenteil zu über- zeugen bin?
173. By the fact that nothing could convince me otherwise?
174. Die Frage ist: Welche Art Satz ist das: Ich weiß, daß ich mich darin nicht irren kann, oder auch: Ich kann mich darin nicht irren?
174. The question is: What kind of proposition is this – "I know I cannot be mistaken here," or "I cannot be mistaken here"?
Das Ich weiß scheint hier alle Gründe abzuschneiden. Ich weiß es eben. Aber wenn hier überhaupt von Irrtum die Rede sein kann, dann muß sich prüfen lassen, ob ich's weiß.
The "I know" here appears to cut off all grounds. I just know it. But if error is even conceivable here, then it must be possible to verify whether I know it.
575. Das Wort Ich weiß könnte also den Zweck haben anzuzeigen, wo ich zuverlässig bin, wobei aber die Brauchbar- keit dieses Zeichens aus der Erfahrung hervorgehen muß.
575. Thus, the phrase "I know" might serve to indicate where I am reliable – though the usefulness of this sign must emerge from experience.
576. Man könnte sagen Wie weiß ich, daß ich mich in mei- nem Namen nicht irre? und wenn darauf geantwortet würde Weil ich ihn so oft verwendet habe, so könnte man weiterfragen: Wie weiß ich, daß ich mich darin nicht irre?! Und hier kann das Wie weiß ich keine Bedeutung mehr haben.
576. One could ask: "How do I know I am not mistaken about my name?" If the answer were "Because I've used it so often," one might press further: "How do I know I'm not mistaken about that?!" Here, "How do I know" ceases to have any meaning.
577. »Ich weiß meinen Namen mit voller Bestimmtheit.«
577. "I know my name with absolute certainty."
Ich würde mich weigern, irgendein Argument in Betracht zu ziehen, welches das Gegenteil zeigen wollte!
I would refuse to consider any argument purporting to show the contrary!
Und was heißt »Ich würde mich weigern«? Ist es der Ausdruck einer Absicht?
And what does "I would refuse" mean? Is it the expression of an intention?
578. Aber könnte nicht eine höhere Autorität mir versichern, daß ich nicht die Wahrheit weiß? So daß ich sagen müßte »Lehre mich!« Aber dann müßten mir die Augen aufgetan werden.
578. But couldn't a higher authority assure me I am not in possession of the truth? So that I would have to say: "Teach me!" Yet then my eyes would have to be opened.
579. Es gehört zu dem Sprachspiel mit den Personennamen, daß jeder seinen Namen mit der größten Sicherheit weiß.
579. It belongs to the language-game with personal names that everyone knows their own name with the utmost certainty.
20. 4.
20 April
580. Es könnte doch sein, daß, wenn immer ich sagte »Ich weiß es«, es sich als falsch herausstellte. (Aufzeigen.)
580. It could happen that whenever I said "I know it," it turned out to be false. (Pointing this out.)
581. Ich könnte mir aber vielleicht dennoch nicht helfen und würde weiter versichern »Ich weiß ...«. Aber wie hat denn das Kind den Ausdruck gelernt?
581. Yet even so, I might persist in asserting "I know..." But how did the child learn this expression?
582. »Ich weiß es« kann heißen: Es ist mir schon bekannt - aber auch: Es ist gewiß so.
582. "I know it" can mean: "I am already familiar with it" – but also: "It is certainly so."
583. »Ich weiß, daß das auf ... heißt.« Wie weißt du das? »Ich habe ... gelernt.«
583. "I know that this means..." – "How do you know?" – "I learned..."
Könnte ich hier statt Ich weiß, daß etc. setzen Auf... heißt dies.....?
Could I here substitute "This is called..." for "I know that etc."?
§84. Wäre es möglich, das Verbum wissen nur in der Frage -Wie weißt du das?- zu benützen, die auf eine einfache Behaup- tung folgt? - Statt Das weiß ich schon sagt man Das ist mir bekannt; und dies folgt nur auf die Mitteilung der Tatsache. Aber* was sagt man statt Ich weiß, was das ist?
§84. Would it be possible to use the verb to know only in the question "How do you know that?" which follows a simple assertion? – Instead of I already know that, one says That is familiar to me; and this follows only upon the communication of the fact. But* what does one say instead of I know what that is?
§85. Aber sagt nicht Ich weiß, daß das ein Baum ist etwas anderes als Das ist ein Baum-?
§85. But doesn't I know that this is a tree say something different from This is a tree?
§86. Statt -Ich weiß, was das ist könnte man sagen Ich kann sagen, was das ist-. Und wenn man diese Ausdrucksweise annahme, was würde dann aus Ich weiß, daß das... ist?
§86. Instead of "I know what that is," one could say "I can say what that is." And if one adopted this mode of expression, what would then become of "I know that this is..."?
* Der letzte Satz ist ein Nachirag (Herausg.)
* The last sentence is a postscript (Ed.)
§87. Zurück zur Frage, ob Ich weiß, daß das ein ... ist etwas andres sagt als Das ist ein.... Im ersten Satz wird eine Person erwähnt, im zweiten nicht. Aber das zeigt nicht, daß sie verschiedenen Sinn haben. Man ersetzt jedenfalls oft die erste Form durch die zweite und gibt dieser dann oft eine besondere Intonation. Denn man spricht anders, wenn man eine unwider- sprochene Feststellung macht, und wenn man sie gegen einen Widerspruch aufrechterhält.§88. Aber sage ich nicht durch die Worte »Ich weiß, daß...«, daß ich in einem bestimmten Zustand mich befinde, während das die bloße Behauptung »Das ist ein...« nicht sagt? Und doch antwortet man auf so eine Behauptung oft »Wie weißt du das?« – Aber doch nur, weil die Tatsache, daß ich dies behaupte, zu erkennen gibt, ich glaube es zu wissen. – Man könnte das so ausdrücken: In einem zoologischen Garten könnte die Aufschrift stehen »Das ist ein Zebra«; aber doch nicht »Ich weiß, daß das ein Zebra ist«.
§87. Returning to the question of whether "I know that this is a..." says something different from "This is a...". In the first sentence, a person is mentioned; in the second, not. But this does not show that they have different senses. In any case, the first form is often replaced by the second, which is then given a special intonation. For one speaks differently when making an uncontested statement than when maintaining it against contradiction.§88. But by saying "I know that..." don't I indicate that I am in a particular state, whereas the mere assertion "This is a..." does not? Yet such an assertion is often met with "How do you know that?" – But only because the fact that I assert this shows I believe I know it. – One could express it thus: In a zoological garden, the sign might read "This is a zebra"; but not "I know that this is a zebra."
»Ich weiß« hat nur Sinn, wenn eine Person es äußert. Dann aber ist es gleichgültig, ob die Äußerung ist »Ich weiß...« oder »Das ist...«.
"I know" has meaning only when a person utters it. But then it is indifferent whether the utterance is "I know..." or "This is...".
§89. Wie lernt denn Einer seinen Zustand des Wissens erkennen?
§89. How does one learn to recognize one's state of knowing?
§90. Von dem Erkennen eines Zustandes könnte man eher noch reden, wo es heißt »Ich weiß, was das ist«. Man kann sich hier davon überzeugen, daß man dieses Wissen wirklich be-sitzt.
§90. One might rather speak of recognizing a state where it is said "I know what that is." Here one can verify that one truly possesses this knowledge.
§91. »Ich weiß, was das für ein Baum ist. – Es ist eine Kastanie.«
§91. "I know what kind of tree this is. – It is a chestnut."
»Ich weiß, was das für ein Baum ist. Ich weiß, daß es eine Kastanie ist.«
"I know what kind of tree this is. I know that it is a chestnut."
Die erste Aussage klingt natürlicher als die zweite. Man wird nur dann zum zweitenmal »Ich weiß« sagen, wenn man die Gewißheit besonders betonen will; etwa um einem Widerspruch zuvorzukommen. Das erste »Ich weiß« heißt ungefähr: Ich kann sagen.
The first statement sounds more natural than the second. One will say "I know" a second time only to emphasize certainty, perhaps to preempt contradiction. The first "I know" means roughly: I can say.
In einem andern Fall aber könnte man mit der Konstatierung »Das ist ein...« beginnen, und dann, auf einen Widerspruch,entgegnen: Ich weiß, was das für ein Baum ist und damit die Sicherheit betonen.
In another case, however, one might begin with the statement "This is a..." and then, upon contradiction, retort: "I know what kind of tree this is," thereby emphasizing certainty.
192. Ich kann sagen, was das für ein..., und zwar mit Sicherheit..
192. I can say what kind of... this is, and with certainty.
193. Auch wenn man Ich weiß, daß es so ist durch Es ist so- ersetzen kann, kann man doch nicht die Negation des einen durch die Negation des andern ersetzen.
193. Even if one can replace "I know that it is so" with "It is so," one cannot substitute the negation of one with the negation of the other.
Mit -Ich weiß nicht,.... tritt ein neues Element in die Sprach- spiele cin
With "I do not know...," a new element enters the language-games.
21.4.
21.4.
594. L. W. ist mein Name. Und wenn es jemand bestritte, würde ich sofort unzählige Verbindungen schlagen, die ihn si- chern.
594. L.W. is my name. And if someone denied it, I would immediately make countless connections to secure it.
195. Aber ich kann mir doch einen Menschen vorstellen, der alle diese Verbindungen macht, wovon keine mit der Wirklich- keit übereinstimmt. Warum soll ich mich nicht in einem ähnli- chen Falle befinden?
195. Yet I can imagine a person who makes all these connections, none of which corresponds to reality. Why should I not be in a similar case?
Wenn ich mir jenen Menschen vorstelle, so stelle ich mir auch eine Realität vor, eine Welt, die ihn umgibt; und ihn, wie er dieser Welt zuwider denkt (und spricht).
When I imagine that person, I also imagine a reality, a world surrounding him; and him thinking (and speaking) contrary to this world.
596. Wenn Einer mir mitteilt, sein Name sei N. N., so hat es Sinn für mich, ihn zu fragen Kannst du dich darin irren? Das ist eine regelrechte Frage im Sprachspiel. Und es hat darauf dieAntwort Ja und Nein Sinn. Nun ist freilich auch diese Antwort nicht unfehlbar, d.h. sie kann sich einmal als falsch erweisen, aber das nimmt der Frage Kannst du dich... und der Antwort -Nein- nicht ihren Sinn.
596. If someone informs me that his name is N.N., it makes sense for me to ask him "Can you be mistaken about that?" This is a regular question within the language-game. And the answers "Yes" and "No" have meaning here. To be sure, even this answer is not infallible – i.e., it may on occasion prove false – but this does not deprive the question "Can you..." and the answer "No" of their sense.
597. Die Antwort auf die Frage Kannst du dich darin irren gibt der Aussage ein bestimmtes Gewicht. Die Antwort kann auch sein: Ich glaube nicht..
597. The answer to the question "Can you be mistaken" gives the statement a particular weight. The answer might also be: "I do not believe so."
598. Aber könnte man nicht auf die Frage Kannst du.... antworten: Ich will dir den Fall beschreiben, und du kannst dann selbst beurteilen, ob ich mich irren kann?
598. But could one not respond to the question "Can you..." with: "I will describe the case to you, and then you can judge for yourself whether I can be mistaken?"
Z. B., wenn es sich um den Namen der Person handelt, könnte der Fail so stehen, daß die Person diesen Namen nie gebraucht hat, sich aber entsinnt, ihn auf einem Dokument gelesen zu haben, und anderseits könnte die Antwort sein: Ich habe diesen Namen mein ganzes Leben lang geführt, bin von allen Menschen so genannt worden. Wenn das nicht der Antwort Ich kann mich darin nicht irren gleichkommt, so hat sie über- haupt keinen Sinn. Und ganz offenbar wird doch damit auf einen sehr wichtigen Unterschied gedeutet.
For example, if it concerns a person's name, the case might be such that the person has never used this name but recalls reading it on a document, whereas another answer might be: "I have borne this name my entire life, have been called thus by everyone." If this does not equate to the answer "I cannot be mistaken about this," then the latter has no meaning at all. And obviously, this points to a very significant distinction.
599. Man könnte z. B. die Sicherheit des Satzes, daß Wasser bei ca. 100° C kocht, beschreiben. Es ist das z. B. nicht ein Satz, den ich einmal gehört habe wie etwa den und jenen, die ich nennen könnte. Ich habe das Experiment selber in der Schule gemacht. Der Satz ist ein sehr elementarer unserer Lehrbücher, denen in solchen Dingen zu trauen ist, weil. Man kann nun allem dem Beispiele entgegenhalten, die zeigen, daß Menschen dies und jenes für gewiß gehalten haben, was sich später, unsrer Meinung nach, für falsch erwiesen hat. Aber dieses Argument istwertios.* Zu sagen: wir können am Ende nur solche Gründe anführen, die wir für Gründe halten, sagt gar nichts. Ich glaube, es liegt hier ein Mißverständnis des Wesens unserer Sprachspiele zugrunde.
599. One could describe, for example, the certainty of the proposition that water boils at approximately 100°C. This is not, for instance, a proposition I once heard like certain others I could name. I performed the experiment myself in school. The proposition is a very elementary one in our textbooks, which are trustworthy in such matters because. Now one could counter all this with examples showing that people have held this or that for certain, which later proved false by our standards. But this argument is worthless.* To say: in the end, we can only adduce reasons that we consider reasons — this says nothing. I believe a misunderstanding of the nature of our language-games lies at the root here.
600. Was für einen Grund habe ich, Lehrbüchern der Experi- mentalphysik zu trauen?
600. What reason do I have to trust textbooks of experimental physics?
Ich habe keinen Grund, ihnen nicht zu trauen. Und ich traue ihnen. Ich weiß, wie solche Bücher entstehen - oder vielmehr, ich glaube es zu wissen. Ich habe einige Evidenz, aber sie reicht nicht weit und ist von sehr zerstreuter Art. Ich habe Dinge gehört, gesehen, gelesen.
I have no reason not to trust them. And I do trust them. I know how such books are produced — or rather, I believe I know. I have some evidence, but it does not go far and is of a very scattered kind. I have heard, seen, and read things.
22. 4.
22.4.
601. Es ist immer die Gefahr, die Bedeutung durch Betrach- tung des Ausdrucks und der Stimmung, in welcher man ihn gebraucht, erkennen zu wollen, statt immer an die Praxis zu denken. Darum sagt man sich den Ausdruck so oft vor, weil es ist, als müßte man in ihm und in dem Gefühl, das man hat, das Gesuchte sehen.
601. There is always the danger of trying to discern meaning by observing the expression and the mood in which it is used, rather than always attending to the practice. Hence one often repeats the expression to oneself because it is as though one must see what is sought within it and in the feeling one has.
23.4-
23.4—
* Randbemerkung: Kann es denn nicht auch geschehen, daß man heute einen Imum früherer Zeinem zu erkennen glaubt und später darauf kommt, daß die erste Ansicht richtig war? etc.
* Marginal note: Can it not also happen that today one believes to recognize an error of earlier times and later realizes that the first view was correct? etc.
602. Soll ich sagen »Ich glaube an die Physik«, oder »Ich weiß, daß die Physik wahr ist«?603. Man lehrt mich, daß unter solchen Umständen dies geschieht. Man hat es herausgefunden, indem man den Versuch ein paarmal gemacht hat. Das alles würde uns freilich nichts beweisen, wenn nicht rund um diese Erfahrung andere lägen, die mit ihr ein System bilden. So hat man nicht nur Fallversuche gemacht, sondern auch Versuche über den Luftwiderstand, u.a.m.
602. Should I say "I believe in physics" or "I know that physics is true"? 603. I am taught that under such circumstances this happens. It was discovered by performing the experiment a few times. All this would prove nothing, of course, were there not other experiences surrounding this one that form a system with it. Thus, not only have falling experiments been conducted, but also experiments on air resistance, etc.
Am Ende aber verlasse ich mich auf diese Erfahrungen oder auf die Berichte von ihnen, richte meine eigenen Handlungen ohne jede Skrupel danach. Aber hat sich dieses Vertrauen nicht auch bewährt? Soweit ich es beurteilen kann-ja.
In the end, however, I rely on these experiences or on reports of them, directing my own actions without any scruple. But has this trust not proven itself? As far as I can judge — yes.
604. In einem Gerichtssaal würde die Aussage eines Physi kers, daß Wasser bei ca. 100° C koche, unbedingt als Wahrheit angenommen.
604. In a courtroom, a physicist's testimony that water boils at approximately 100°C would be unconditionally accepted as truth.
Wenn ich dieser Aussage nun mißtraute, was könnte ich tun, um sie zu entkräften? Selbst Versuche anstellen? Was würden die beweisen?
If I distrusted this testimony, what could I do to refute it? Conduct experiments myself? What would they prove?
605. Aber wie, wenn die Aussage des Physikers Aberglaube wäre und es ebenso absurd wäre, daß das Urteil sich nach ihr, wie dafß es sich nach einer Feuerprobe richtet?
605. But what if the physicist's statement were superstition, and it were as absurd for a judgment to follow it as to follow a trial by fire?
606. Daß ein Andrer sich meiner Meinung nach geirrt hat, ist kein Grund anzunehmen, daß ich mich jetzt irre. Aber ist es nicht ein Grund anzunehmen, daß ich mich irren könne? Es ist kein Grund zu irgendeiner Unsicherheit in meinem Urteil oder Handeln.607. Der Richter könnte ja sagen »Das ist die Wahrheit – soweit ein Mensch sie erkennen kann.« – Aber was würde dieser Zusatz leisten? (»beyond all reasonable doubt«).
606. That another person has erred, in my opinion, is no reason to assume that I am now erring. But is it not a reason to assume that I could err? It is no ground for any uncertainty in my judgment or action. 607. The judge might say, "That is the truth — as far as a human can discern it." — But what would this addendum accomplish? ("beyond all reasonable doubt").
608. Ist es falsch, daß ich mich in meinem Handeln nach dem Satze der Physik richte? Soll ich sagen, ich habe keinen guten Grund dazu? Ist [es] nicht eben das, was wir einen »guten Grund« nennen?
608. Is it wrong for me to base my actions on the propositions of physics? Should I say I have no good reason for doing so? Is this not precisely what we call a "good reason"?
609. Angenommen, wir träfen Leute, die das nicht als trifti- gen Grund betrachteten. Nun, wie stellen wir uns das vor? Sie befragen statt des Physikers etwa ein Orakel. (Und wir halten sie darum für primitiv.) Ist es falsch, daß sie ein Orakel befragen und sich nach ihm richten? – Wenn wir dies »falsch« nennen, gehen wir nicht schon von unserm Sprachspiel aus und bekämpfen das ihre?
609. Suppose we encountered people who did not regard this as a valid reason. Well, how do we imagine this? Instead of consulting a physicist, they consult an oracle. (And we therefore consider them primitive.) Is it wrong for them to consult an oracle and act accordingly? — If we call this "wrong," are we not already proceeding from our own language-game and combating theirs?
610. Und haben wir recht oder unrecht darin, daß wir's bekämpfen? Man wird freilich unser Vorgehen mit allerlei Schlagworten (slogans) aufstützen.
610. And are we right or wrong in combating it? Our procedure will of course be bolstered by all sorts of slogans.
611. Wo sich wirklich zwei Prinzipien treffen, die sich nicht miteinander aussöhnen können, da erklärt jeder den Andern für einen Narren und Ketzer.
611. Where two principles truly collide, irreconcilably, each declares the other a fool and heretic.
612. Ich sagte, ich würde den Andern »bekämpfen«, – aber würde ich ihm denn nicht Gründe geben? Doch; aber wie weit reichen die? Am Ende der Gründe steht die Überredung. (Denkedaran, was geschieht, wenn Missionäre die Eingeborenen be- kehren.)
612. I said I would "combat" the other — but would I not give them reasons? Yes; but how far do they extend? At the end of reasons stands persuasion. (Think of what happens when missionaries convert natives.)
613. Wenn ich nun sage »Ich weiß, daß das Wasser im Kessel auf der Gasflamme nicht gefrieren, sondern kochen wird«, so scheine ich zu diesem »Ich weiß«, so berechtigt wie zu irgendei- nem. »Wenn ich etwas weiß, so weiß ich das.« Oder weiß ich, daß der Mensch mir gegenüber mein alter Freund Soundso ist, mit noch größerer Gewißheit? Und wie vergleicht sich das mit dem Satz, daß ich aus zwei Augen schaue und sie sehen werde, wenn ich in den Spiegel schaue? Ich weiß nicht mit Sicherheit, was ich da antworten soll. Aber es ist doch ein Unterschied zwischen den Fällen. Wenn das Wasser auf der Flamme gefriert, werde ich freilich im höchsten Maße erstaunt sein, aber einen mir noch unbekannten Einfluß annehmen und etwa Physikern die Sache zur Beurteilung überlassen. Was aber könnte mich daran zweifeln machen, daß dieser Mensch N.N. ist, den ich seit Jahren kenne? Hier schiene ein Zweifel alles nach sich zu ziehen und in ein Chaos zu stürzen.
613. If I now say, "I know that water in a kettle on a gas flame will not freeze but boil," my "I know" seems as justified here as anywhere. "If I know anything, I know this." Or do I know that the person opposite me is my old friend So-and-so with even greater certainty? And how does this compare with the proposition that I see with two eyes and will see them when I look in the mirror? I do not know with certainty how to answer here. But there is a difference between the cases. If water froze on the flame, I would certainly be utterly astonished, but assume some hitherto unknown influence and leave the matter to physicists for assessment. Yet what could make me doubt that this person is N.N., whom I have known for years? Here, doubt seems to drag everything with it into chaos.
614. D.h.: Wenn mir von allen Seiten widersprochen würde: Jener heiße nicht, wie ich es immer wußte (und ich gebrauche hier »wußte« absichtlich), dann würde mir in diesem Fall die Grundlage alles Urteilens entzogen.
614. That is: If I were contradicted from all sides, told that this person's name is not what I have always known (and here I intentionally use "knew"), then the foundation of all judgment would be pulled from under me.
615. Heißt das nun: »Ich kann überhaupt nur urteilen, weil sich die Dinge so und so (gleichsam gutmütig) benehmen?«
615. Does this mean: "I can judge at all only because things behave thus and so (as it were, obligingly)"?
616. Aber wäre es denn undenkbar, daß ich im Sattel bliebe, auch wenn die Tatsachen noch so sehr bockten?617. Ich würde durch gewisse Ereignisse in eine Lage versetzt, in der ich das alte Spiel nicht mehr fortsetzen könnte. In der ich aus der Sicherheit des Spiels herausgerissen würde.
616. But would it then be inconceivable that I remain in the saddle even as the facts buck ever more fiercely? 617. Certain events could place me in a situation where I could no longer continue the old game. Where I would be torn from the security of the game.
Ja, ist es nicht selbstverständlich, daß die Möglichkeit eines Sprachspiels durch gewisse Tatsachen bedingt ist?
Indeed, is it not self-evident that the possibility of a language-game is conditioned by certain facts?
618. Es schiene dann, als müßte das Sprachspiel die Tatsachen, die es ermöglichen, »zeigen«. (Aber so ist es nicht.)
618. It would then seem as though the language-game must "show" the facts that make it possible. (But this is not so.)
Kann man denn sagen, daß nur eine gewisse Regelmäßigkeit in den Geschehnissen die Induktion möglich macht? Das »möglich- müßte natürlich »logisch möglich« sein.
Can one say that only a certain regularity in events makes induction possible? The "make possible" here would of course have to mean "logically possible."
619. Soll ich sagen: Wenn auch plötzlich eine Unregelmäßig- keit im Naturgeschehen einträte, so müßte das mich nicht aus dem Sattel heben. Ich könnte, nach wie vor, Schlüsse machen-aber ob man das nun »Induktion« nennen würde, ist eine andre Frage.
619. Should I say: Even if sudden irregularity occurred in natural processes, this need not unseat me. I could still draw conclusions as before—though whether one would still call this "induction" is another question.
620. Unter bestimmten Umständen sagt man »Du kannst dich drauf verlassen«; und diese Versicherung kann in der Alltagsspra- che berechtigt oder unberechtigt sein, und sie kann auch dann als berechtigt gelten, wenn das nicht zutrifft, was vorhergesagt wurde. Es gibt ein Sprachspiel, worin die Versicherung verwendet wird.
620. Under certain circumstances, one says "You can rely on this"; and in everyday language, this assurance may be justified or unjustified. It may even be considered justified if what was predicted does not come to pass. There exists a language-game in which such assurances are employed.
24.4
24.4
621. Wenn von Anatomie die Rede wäre, würde ich sagen: »Ich weiß, daß vom Gehirn 12 Nervenpaare ausgehen.« Ich habe diese Nerven nie gesehen, und auch ein Fachmann hat sie nur an wenigen Specimina beobachtet. - So wird eben hier das Wort »Ich weiß« richtig gebraucht.
621. If anatomy were under discussion, I would say: "I know that twelve pairs of nerves emerge from the brain." I have never seen these nerves myself, and even an expert has observed them only in a few specimens. — Here, the phrase "I know" is correctly used.
612. Nun ist es aber auch richtig, »Ich weiß« in den Verbindungen zu gebrauchen, die Moore erwähnt, wenigstens unter bestimmten Umständen. (Was »I know that I am a human being« heißt, weiß ich allerdings nicht. Aber auch dem könnte man einen Sinn geben.)
622. Now it is also correct to use "I know" in the contexts Moore mentions, at least under certain circumstances. (Though I must say I don't know what "I know that I am a human being" means. But even this could be given sense.)
Ich kann mir zu jedem dieser Sätze Umstände vorstellen, die ihn zum Zug in einem unserer Sprachspiele machen, wodurch er alles philosophisch Erstaunliche verliert.
I can imagine circumstances for each of these propositions that would make it a move in one of our language-games, thereby stripping it of all philosophical astonishment.
623. Das Seltsame ist, daß ich in so einem Falle immer sagen möchte (obwohl es falsch ist): »Ich weiß das – soweit man so etwas wissen kann.« Das ist unrichtig, aber es steckt etwas Richtiges dahinter.
623. The peculiar thing is that in such cases I always want to say (though it is wrong): "I know this—as far as such things can be known." This is incorrect, yet there is something correct behind it.
624. Kannst du dich darin irren, daß diese Farbe auf deutsch »grün« heißt? Meine Antwort darauf kann nur »Nein« sein. Sagte ich »Ja, – denn eine Verblendung ist immer möglich«, so hieße das gar nichts.
624. Can you be mistaken that this color is called "green" in German? My answer can only be "No." If I said "Yes—for a delusion is always possible," this would mean nothing.
Ist denn der Nachsarz etwas dem Andern Unbekanntes? Und wie ist er mir bekannt?
Is the supplementary proposition then something unknown to others? And how is it known to me?
625. Heißt das aber, daß es undenkbar wäre, daß das Wort »grün« hier aus einer Art von Versprechen oder momentaner Verwirrung entspringt? Kennen wir solche Fälle nicht? – Man kann einem auch sagen: »Du hast dich nicht vielleicht versprochen?« Das heißt etwa: »Überleg dir's noch einmal.« –
625. But does this mean it is inconceivable that the word "green" here arose from a kind of slip of the tongue or momentary confusion? Are such cases not familiar? — One might even be asked: "You didn't perhaps misspeak?" This means something like: "Think it over again." —
Aber diese Vorsichtsmaßregeln haben nur Sinn, wenn sie einmal zu einem Ende kommen.
But these precautions make sense only if they eventually reach an end.
Ein Zweifel ohne Ende ist nicht einmal ein Zweifel.
Endless doubt is not even doubt.
626. Es heißt auch nichts, zu sagen: »Der deutsche Name dieser Farbe ist gewiß »grün«, es sei denn, ich verspreche mich jetzt oder bin irgendwie verwirrt.«
626. It is equally meaningless to say: "The German name of this color is certainly 'green'—unless I misspeak now or am somehow confused."
627. Müßte man diese Klausel nicht in alle Sprachspiele ein- schieben? (Wodurch sich ihre Sinnlosigkeit zeigt.)
627. Wouldn't this caveat have to be inserted into all language-games? (Thereby revealing its senselessness.)
628. Wenn man sagt »Gewisse Sätze müssen vom Zweifel ausgeschlossen werden«, dann scheint es, als sollte ich diese Sätze, z. B. daß ich L. W. heiße, in ein Buch der Logik aufneh- men. Denn wenn es zur Beschreibung des Sprachspiels gehört, so gehört es zur Logik. Aber daß ich L. W. heiße, gehört nicht zu so einer Beschreibung. Das Sprachspiel, das mit Personennamen operiert, kann wohl bestehen, wenn ich mich in meinem Namen irre, aber es setzt voraus, daß es unsinnig ist zu sagen, die Mehrzahl der Menschen irre sich in ihren Namen.
628. When one says "Certain propositions must be exempt from doubt," it seems as though I should include these propositions—for example, that my name is L.W.—in a book of logic. For if they belong to the description of the language-game, they belong to logic. But that my name is L.W. does not belong to such a description. The language-game operating with personal names could persist even if I err about my own name, but it presupposes that saying "the majority of people are mistaken about their names" is nonsensical.
629. Anderseits aber ist es richtig, wenn ich von mir aussage »Ich kann mich in meinem Namen nicht irren«, und falsch, wenn ich sage »Vielleicht irre ich mich«. Aber das bedeutet nicht, daß es für Andre sinnlos ist anzuzweifeln, was ich für sicher er- kläre.
629. On the other hand, it is correct for me to state about myself "I cannot be mistaken in my name," and wrong to say "Perhaps I am mistaken." But this does not mean it is senseless for others to doubt what I declare certain.
630. Sich in der Muttersprache über die Bezeichnung gewisser Dinge nicht irren können ist einfach der gewöhnliche Fall.
630. In one’s native language, not erring in the designation of certain things is simply the normal case.
631. »Ich kann mich darin nicht irren« kennzeichnet einfach eine Art der Behauptung.
631. "I cannot be mistaken about this" simply characterizes a mode of assertion.
632. Sichere und unsichere Erinnerung. Wäre die sichere Erinnerung nicht im allgemeinen zuverlässiger, d. h. würde sie nicht öfter durch andere Verifikationen bestätigt als die unsi- chere, dann würde der Ausdruck der Sicherheit und Unsicher heit nicht seine gegenwärtige Funktion in der Sprache haben.
632. Certain and uncertain memory. If certain memory were not generally more reliable—that is, if it were not more frequently confirmed by other verifications than uncertain memory—then the expression of certainty and uncertainty would not have its current function in language.
633. »Ich kann mich darin nicht irren aber wie, wenn ich mich dann doch geirrt habe? Ist denn das nicht möglich? Aber macht es den Ausdruck »Ich kann mich etc.« zum Unsinn? Oder wäre es besser, statt dessen zu sagen »Ich kann mich darin schwerlich irren«? Nein; denn dies heißt etwas andres.
633. "I cannot be mistaken about this"—but what if I am mistaken after all? Is this not possible? Does this render the expression "I cannot etc." nonsensical? Or would it be better to say instead "I can hardly be mistaken about this"? No, for this means something different.
634. »Ich kann mich darin nicht irren; und schlimmstenfalls mache ich aus meinem Satze eine Norm.«
634. "I cannot be mistaken about this; in the worst case, I will uphold my proposition as a norm."
635. »Ich kann mich darin nicht irren: ich bin heute bei ihm gewesen.«
635. "I cannot be mistaken: I visited him today."
636. »Ich kann mich darin nicht irren; sollte aber doch etwas gegen meinen Satz zu sprechen scheinen, so werde ich, gegen den Schein, an ihm festhalten.«
636. "I cannot be mistaken; but should something appear to contradict my proposition, I will adhere to it despite appearances."
637. »Ich kann mich etc.« weist meiner Behauptung ihren Platz im Spiel an. Aber es bezieht sich wesentlich auf mich, nicht auf das Spiel im allgemeinen.
637. "I cannot etc." assigns my assertion its place in the game. But it essentially refers to me, not to the game in general.
Wenn ich mich in meiner Behauptung irre, so nimmt das dem Sprachspiel nicht seinen Nutzen.
If I err in my assertion, this does not deprive the language-game of its utility.
25.4
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638. »Ich kann mich darin nicht irren« ist ein gewöhnlicher Satz, der dazu dient, den Gewißheitswert einer Aussage anzuge- ben. Und nur in seinem alltäglichen Gebrauch ist er berech- tigt.
638. "I cannot be mistaken about this" is an ordinary sentence used to indicate the degree of certainty of a statement. It is justified only in its everyday use.
639. Aber was zum Teufel hilft er, wenn ich mich – zugegebe- nermaßen – in ihm irren kann und also auch in dem Satz, den er stützen sollte?
639. But what the devil does it help if I – admittedly – can be mistaken in it and thus also in the proposition it was meant to support?
640. Oder soll ich sagen, der Satz schließe eine bestimmte Art des Fehlers aus?
640. Or should I say the proposition excludes a particular kind of error?
641. »Er hat mir das heute gesagt – darin kann ich mich nicht irren.« – Wenn es sich aber doch als falsch erwiese?! – Muß man da nicht einen Unterschied machen in der Art und Weise, wie sich etwas »als falsch erweist«? – Wie kann es denn erwiesen werden, daß meine Aussage falsch war? Hier steht doch Evidenz gegen Evidenz, und es muß entschieden werden, welche weichen soll.
641. "He told me this today – I cannot be mistaken about that." – But what if it proves false?! – Must we not distinguish between different ways in which something "proves false"? – For how can it be demonstrated that my statement was wrong? Here evidence stands against evidence, and it must be decided which should yield.
642. Wenn man aber mit dem Bedenken kommt: Wie, wenn ich plötzlich sozusagen aufwachte und sagte »Jetzt hab ich mir eingebildet, ich heiße L. W.!-wer sagt denn, daß ich nicht noch einmal aufwache und nun dies als sonderbare Einbildung erkläre, usf.643. Man kann sich freilich einen Fall vorstellen, und es gibt Fälle, wo man nach dem ›Aufwachen‹ nie mehr daran zweifelt, was Einbildung und was Wirklichkeit war. Aber so ein Fall, oder seine Möglichkeit, diskreditiert den Satz ›Ich kann mich darin nicht irren‹ nicht.
642. But if one raises the concern: What if I were suddenly, as it were, to wake up and say "Now I imagined I was called L. W.!" – who says I might not wake up again and dismiss even this as a strange fantasy, etc.?643. To be sure, one can imagine cases, and there are cases, where after "awakening" one never again doubts what was fantasy and what reality. But such a case, or its possibility, does not discredit the proposition "I cannot be mistaken about this."
644. Würde denn sonst nicht alle Behauptung so diskredi- tiert?
644. Otherwise, would not all assertion be discredited?
645. Ich kann mich darin nicht irren, aber ich mag wohl einmal, mit Recht oder mit Unrecht, einzusehen glauben, ich sei nicht urteilsfähig gewesen.
645. I cannot be mistaken about this, though I may once, rightly or wrongly, come to believe I was not of sound judgment.
646. Wenn das immer oder oft vorkäme, würde es allerdings den Charakter des Sprachspiels gänzlich verändern.
646. If this happened always or often, it would indeed completely alter the character of the language-game.
647. Es ist ein Unterschied zwischen einem Irrtum, für den, sozusagen, ein Platz im Spiel vorgesehen ist, und einer vollkom- menen Regelwidrigkeit, die ausnahmsweise vorkommt.
647. There is a difference between an error for which, so to speak, a place is provided in the game, and a complete irregularity that occurs as an exception.
648. Ich kann auch den Andern davon überzeugen, daß ich mich darin nicht irren kann.
648. I can also convince others that I cannot be mistaken about this.
Ich sage Einem: ›Der und der war heute vormittag bei mir und hat mir das und das erzählt.‹ Wenn es erstaunlich ist, so fragt er mich vielleicht: ›Du kannst dich nicht darin irren?‹ Das mag heißen: ›Ist das auch gewiß beute vormittag geschehen?‹, oder aber: ›Hast du ihn auch gewiß recht verstanden?‹ Es ist leicht zu sehen, durch welche Ausführungen ich zeigen könnte, daß ichmich in der Zeit nicht geirrt habe, und ebenso, daß ich die Erzählung nicht mifßverstanden habe. Aber alles das kann nicht zeigen, daß ich die ganze Sache nicht geträumt oder sie mir traumhaft cingebildet habe. Es kann auch nicht zeigen, daß ich mich nicht vielleicht durchgehend versprochen habe. (So etwas kommt vor.)
I tell someone: "So-and-so visited me this morning and told me such-and-such." If this is surprising, they might ask: "Can't you be mistaken about that?" This could mean: "Is it certain this happened this morning?" or "Did you definitely understand him correctly?" It is easy to see what explanations I could give to show I was not mistaken about the time, and likewise that I did not misunderstand the account. But all this cannot show that I did not dream the whole thing or imagine it in a dreamlike state. Nor can it show that I might not have consistently misspoken. (Such things happen.)
649. (Ich sagte einmal jemandem auf englisch, die Form eines bestimmten Zweiges sei charakteristisch für den Zweig einer Ulme [elm), was der Andre bestritt. Wir kamen dann an Eschen vorbei, und ich sagte Siehst du, hier sind die Zweige, von denen ich gesprochen habe. Worauf er: But that's an ash und ich: I always meant ash when I said elm.)
649. (I once told someone in English that the shape of a certain branch was characteristic of an elm, which the other disputed. Later we passed some ash trees, and I said: "You see, here are the branches I spoke of." To which he replied: "But that's an ash" – and I: "I always meant ash when I said elm.")
650. Das heißt doch: die Möglichkeit eines Irrtums läßt sich in gewissen (und häufigen) Fällen eliminieren. So eliminiert man (ja auch) Rechnungsfehler. Denn wenn eine Rechnung unzählige Male nachgerechnet worden ist, so kann man nun nicht sagen: Ihre Richtigkeit ist dennoch nur sehr wahrscheinlich, da sich immer noch ein Fehler eingeschlichen haben kann. Denn ange- nommen, es schiene nun einmal, daß ein Fehler entdeckt worden seiwarum sollen wir nicht hier einen Fehler vermuten?
650. This means: the possibility of error can in certain (and frequent) cases be eliminated. Thus one eliminates (after all) calculation errors. For if a calculation has been checked countless times, one cannot then say: "Its correctness is still only highly probable, since an error might still have crept in." For suppose it now seemed that an error had been discovered – why should we not suspect a mistake here?
651. Ich kann mich nicht darin irren, daß 12×12=144 ist. Und man kann nun nicht mathematische Sicherheit der relativen Unsicherheit von Erfahrungssätzen entgegenstellen. Denn der mathematische Satz wurde durch eine Reihe von Handlungen erhalten, die sich in keiner Weise von Handlungen des übrigen Lebens unterscheiden und die gleichermaßen dem Vergessen, Übersehen, der Täuschung ausgesetzt sind.652. Kann ich nun prophezeien, daß Menschen die heutigen Rechensätze nie umstürzen werden, nie sagen werden, jetzt wüßten sie erst, wie es sich verhalte? Aber würde das einen Zweifel unsrerseits rechtfertigen?
651. I cannot be mistaken that 12×12=144. And one cannot oppose mathematical certainty to the relative uncertainty of empirical propositions. For the mathematical proposition was obtained through a series of actions no different from those of ordinary life and equally exposed to forgetting, oversight, and deception.652. Can I now prophesy that people will never overturn today's arithmetic propositions, never say they have only now learned how things stand? But would that justify doubt on our part?
653. Wenn der Satz 12 × 12 = 144 vom Zweifel ausgenommen ist, dann müssen's auch nicht-mathematische Sätze sein.
653. If the proposition 12×12=144 is exempt from doubt, then non-mathematical propositions must be too.
26. 4. 51
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654. Aber darauf kann man manches einwenden. Erstens ist eben »12 × 12 etc.« ein mathematischer Satz, und daraus kann man folgern, daß nur solche Sätze in dieser Lage sind. Und wenn diese Folgerung nicht berechtigt ist, so sollte es einen ebenso sichern Satz geben, der vom Vorgang jener Rechnung handelt, aber nicht mathematisch ist. Ich denke an einen Satz etwa dieser Art: »Die Rechnung »12 × 12« wird, wenn Rechenkundige sie ausführen, in der großen Mehrzahl der Fälle »144« ergeben.« Diesen Satz wird niemand bestreiten, und er ist natürlich kein mathematischer. Aber hat er die Gewißheit des mathemati- schen?
654. But several objections can be made here. First, "12×12 etc." is a mathematical proposition, and one might infer that only such propositions are in this position. If this inference is unwarranted, there should be an equally certain proposition concerning the process of that calculation but not mathematical. I am thinking of a proposition like this: "The calculation '12×12' will, when performed by competent calculators, yield '144' in the vast majority of cases." No one would dispute this proposition, and it is of course not mathematical. But does it have the certainty of the mathematical?
655. Dem mathematischen Satz ist gleichsam offiziell der Stempel der Unbestreitbarkeit aufgedrückt worden. D.h.: »Streitet euch um andre Dinge; das steht fest, ist eine Angel, um die sich euer Streit drehen kann.«
655. The mathematical proposition has, as it were, been officially stamped with the seal of incontestability. That is: "Dispute other matters; this is fixed, an axis around which your disputes can turn."
656. Und das kann man nicht vom Satz sagen, daß ich L. W. heiße. Auch nicht von dem Satze, daß die und die Menschen die und die Rechnung richtig gerechnet haben.
656. This cannot be said of the proposition that I am called L. W. Nor of the proposition that such-and-such people have performed such-and-such calculations correctly.
617. Die Satze der Mathematik, könnte man sagen, sind Petrefakten. Der Satz Ich heiße.... ist dies nicht. Aber von denen, die, wie ich, die überwältigende Evidenz haben, wird auch er als unumstößlich betrachtet. Und das nicht aus Gedan- kenlosigkeit. Denn, daß die Evidenz überwältigend ist, besteht eben darin, daß wir uns vor keiner entgegenstehenden Evidenz beugen müssen. Wir haben also hier einen Widerhalt ähnlich wie den, der die Sätze der Mathematik unumstößlich macht.
617. The propositions of mathematics, one might say, are petrified facts. The proposition "My name is..." is not such. Yet even this proposition, for those like myself who possess overwhelming evidence, is considered irrefutable. And this not out of thoughtlessness. For the overwhelming nature of the evidence consists precisely in our not needing to yield to any countervailing evidence. Here we have a bedrock similar to that which renders mathematical propositions irrefutable.
658. Die Frage Aber könntest du nicht jetzt in einem Wahn befangen sein und vielleicht später herausfinden, daß du's warst? könnte man auch auf jeden Satz des Einmaleins ein- werfen.
658. The question "But couldn't you now be in a delusion and perhaps later discover that you were?" could equally be raised against any proposition of the multiplication table.
659. Ich kann mich darin nicht irren, daß ich jetzt gerade zu Mittag gegessen habe..
659. I cannot be mistaken in having just eaten lunch.
Ja, wenn ich Einem sage -Ich habe gerade zu Mittag gegessen, mag er glauben, daß ich lüge oder jetzt nicht bei Sinnen bin, aber er wird nicht glauben, ich irve mich. Ja, die Annahme, ich könnte mich irren, hat hier keinen Sinn.
Yes, if I tell someone "I've just eaten lunch," they may believe I'm lying or currently deranged, but they will not believe I am mistaken. Indeed, the assumption that I could be mistaken here has no meaning.
Aber das stimmt nicht. Ich könnte z. B. gleich nach Tisch, ohne es zu wissen, eingenickt sein und eine Stunde geschlafen haben und nun glauben, ich hätte gerade gegessen.
Yet this is not so. For instance, I might unknowingly have dozed off immediately after lunch and slept for an hour, now believing I had just eaten.
Aber ich unterscheide hier immerhin zwischen verschiedenen Arten des Irrtums.
But here I still distinguish between different kinds of errors.
660. Ich könnte fragen: Wie könnte ich mich darin irren, daß ich L. W. heiße? Und ich kann sagen: Ich sehe nicht, wie es möglich wäre.
660. I could ask: How could I be mistaken that my name is L. W.? And I can say: I do not see how it would be possible.
661. Wie könnte ich mich in der Annahme irren, daß ich nie auf dem Mond war?
661. How could I be mistaken in assuming I have never been on the moon?
662. Wenn ich sagte Ich bin nicht auf dem Mond gewesen aber ich kann mich irren, so wäre das blödsinnig.
662. If I said "I have not been on the moon, but I might be mistaken," this would be nonsensical.
Denn selbst der Gedanke, ich hätte ja, durch unbekannte Mittel, im Schlaf dorthin transportiert worden sein können, gäbe mir kein Recht, hier von einem möglichen Irrtum zu reden. Ich spiele das Spiel falsch, wenn ich es tue.
For even the thought that I might have been transported there in my sleep by unknown means would not entitle me to speak of a possible error here. I am playing the game incorrectly if I do so.
663. Ich habe ein Recht zu sagen Ich kann mich hier nicht irren, auch wenn ich im Irrtum bin.
663. I have the right to say "I cannot be mistaken here," even if I am in error.
664. Es ist ein Unterschied: ob man in der Schule lernt, was in der Mathematik richtig und falsch ist, oder ob ich selbst erkläre, ich könne mich in einem Satz nicht irren.
664. There is a difference between learning in school what is correct and incorrect in mathematics, and myself declaring that I cannot be mistaken in a proposition.
665. Ich setze hier dem, was allgemein festgelegt ist, Besonde res hinzu.
665. Here I add something particular to what is generally established.
666. Aber wie ist es z. B. mit der Anatomie (oder einem großen Teil derselben)? Ist nicht auch, was sie beschreibt, von allem Zweifel ausgenommen?
666. But what about anatomy (or a major part of it)? Is not what it describes also beyond all doubt?
667. Auch wenn ich zu einem Volk käme, das glaubt, die Menschen würden im Traum auf den Mond versetzt, könnte ichihnen nicht sagen: Ich war nie auf dem Mond. Natürlich kann ich mich irren. Und auf ihre Frage Kannst du dich nicht irren? müßte ich antworten: Nein.
667. Even if I came to a people who believe humans are transported to the moon in dreams, I could not tell them: "I have never been on the moon. Of course, I might be mistaken." To their question "Can't you be mistaken?" I would have to answer: "No."
668. Welche praktischen Folgen hat es, wenn ich eine Mittei lung mache und dazusetze, ich könne mich darin nicht irren?
668. What practical consequences follow when I make a statement and add that I cannot be mistaken in it?
(Ich könnte statt dessen auch hinzusetzen: Ich kann mich darin sowenig irren, wie darin, dafß ich L. W. heiße..)
(I might instead add: "I can no more be mistaken in this than in my name being L. W.")
Der Andre könnte dennoch an meiner Aussage zweifeln. Aber nicht nur wird er, wenn er mir traut, sich von mir belehren lassen, sondern er wird auch bestimmte Schlüsse aus meiner Uberzeugung auf mein Verhalten ziehen.
The other might still doubt my assertion. But if they trust me, they will not only accept my instruction but also draw certain conclusions from my conviction about my behavior.
669. Der Satz Ich kann mich darin nicht irren wird sicher in der Praxis gebraucht. Man kann aber bezweifeln, ob er dann in ganz strengem Sinne zu verstehen ist, oder ob er eher eine Übertreibung ist, die vielleicht nur zum Zweck der Überredung gebraucht wird.
669. The proposition "I cannot be mistaken in this" is certainly used in practice. Yet one may doubt whether it is meant in a strictly literal sense or is rather an exaggeration employed for persuasive purposes.
27.4.
27.4.
670. Man könnte von Grundprinzipien der menschlichen Forschung reden.
670. One could speak of fundamental principles of human inquiry.
671. Ich fliege von hier nach einem Weltteil, wo die Menschen nur unbestimmte oder wo sie gar keine Nachricht von der Mög lichkeit des Fliegens haben. Ich sage ihnen, ich sei soeben von... zu ihnen geflogen. Sie fragen mich, ob ich mich irren könnte.- Sie haben offenbar eine falsche Vorstellung davon, wie die Sache vor sich geht. (Wenn ich in eine Kiste gepackt würde, wäre es möglich, daß ich mich über die Art des Transportes irrte.) Sageich ihnen einfach, ich könne mich nicht irren, so wird sie das vielleicht nicht überzeugen; wohl aber, wenn ich ihnen den Vorgang beschreibe. Sie werden darin die Möglichkeit eines Irrtums gewiß nicht in Frage ziehen. Dabei könnten sie aber auch wenn sie mir trauen - glauben, ich habe geträumt oder ein Zauber habe mir das eingebildet.
671. I fly from here to a continent where people have only vague or no knowledge of the possibility of flight. I tell them I have just flown from... to them. They ask whether I might be mistaken. Clearly, they have a false conception of how this occurred. (Had I been packed in a crate, I might have been wrong about the mode of transport.) If I simply tell them I cannot be mistaken, this may not convince them; describing the process would. They would certainly not question the possibility of error in this. Yet even if they trusted me, they might believe I had dreamed it or been enchanted.
672. Wenn ich der Evidenz nicht traue, warum soll ich dann irgendeiner Evidenz trauen?
672. If I do not trust this evidence, why should I trust any evidence?
673. Ist es nicht schwer zu unterscheiden zwischen den Fal- len, in denen ich mich nicht, und solchen, worin ich mich schwerlich irren kann? Ist es immer klar, zu welcher Art ein Fall gehört? Ich glaube nicht.
673. Is it not difficult to distinguish between cases where I cannot be mistaken and those where I could scarcely be mistaken? Is it always clear to which category a case belongs? I think not.
674. Es gibt nun aber bestimmte Typen von Fällen, in denen ich mit Recht sage, ich könne mich nicht irren, und Moore hat ein paar Beispiele solcher Fälle gegeben.
674. There are now certain types of cases where I may rightly say I cannot be mistaken, and Moore has given a few examples of such cases.
Ich kann verschiedene typische Fälle aufzählen, aber keine allgemeine Charakteristik angeben. (N. N. kann sich darin nicht irren, daß er vor wenigen Tagen von Amerika nach England geflogen ist. Nur wenn er närrisch ist, kann er etwas andres fur möglich halten.)
I can enumerate various typical cases but provide no general characterization. (N. N. cannot be mistaken in having flown from America to England a few days ago. Only if he were mad could he think otherwise.)
675. Wenn Einer glaubt, vor wenigen Tagen von Amerika nach England geflogen zu sein, so glaube ich, daß er sich darin nicht irren kann.
675. If someone believes they flew from America to England a few days ago, I think they cannot be mistaken in this.
Ebenso, wenn Einer sagt, er sitze jetzt am Tisch und schreibe.676. Aber wenn ich mich auch in solchen Fällen nicht irren kann, ist es nicht möglich, daß ich in der Narkose bin? Wenn ich es bin und wenn die Narkose mir das Bewußtsein raubt, dann rede und denke ich jetzt nicht wirklich. Ich kann nicht im Ernst annehmen, ich träume jetzt. Wer träumend sagt Ich träume, auch wenn er dabei hörbar redete, hat sowenig recht, wie wenn er im Traum sagt Es regnet, während es tatsächlich regnet. Auch wenn sein Traum wirklich mit dem Geräusch des Regens zusammenhängt
Similarly, if someone says they are now sitting at a table writing.676. But even if I cannot be mistaken in such cases, is it not possible that I am under anesthesia? If I am, and if the anesthesia has deprived me of consciousness, then I am not truly speaking and thinking now. I cannot seriously assume I am dreaming. Someone who says "I am dreaming" while dreaming has no more right to this assertion than if they said "It is raining" in a dream while it is actually raining. Even if their dream were connected with the sound of rain
Die hier veröffentlichte Sammlung geht auf Wittgenstein selbst zurück. Er hatte die verschiedenen Stücke aus längeren Maschinenschriften herausgeschnitten und in einer Schachtel mit der Aufschrift-Zettel- aufbewahrt. Die meisten der ursprüngli-chen, umfangreichen Ausführungen sind noch in Durchschriften vorhanden. Einige dieser Ausschnitte stammen jedoch aus Maschinenschriften, die sich nicht mehr nachweisen ließen, wahrscheinlich, weil Wittgenstein sie, bis auf die aufbewahrten -Zettel-, vernichtet hat. Es befinden sich in der Schachtel auch einige handschriftliche Stücke, offenbar Zusätze zu bestimmten, auf anderen Zetteln behandelten Themen.
The collection published here traces back to Wittgenstein himself. He had cut out various pieces from longer typewritten manuscripts and stored them in a box labeled "Zettel" (Slips). Most of the original extensive expositions still exist in carbon copies. Some of these cuttings, however, come from typewritten manuscripts that can no longer be verified, likely because Wittgenstein destroyed them except for the preserved "Zettel." The box also contains a few handwritten pieces, apparently additions to specific topics treated on other slips.
Das früheste dieser Fragmente fällt, soweit wir es beurteilen können, in das Jahr 1929. Das späteste datierbare Stück wurde im August 1948 geschrieben. Die überwiegende Anzahl der Zettel stammt aus Maschinenschriften, die in den Jahren 1945-1948 diktiert wurden.
The earliest of these fragments, as far as we can determine, dates to 1929. The latest datable piece was written in August 1948. The vast majority of the slips originate from typewritten manuscripts dictated between 1945 and 1948.
Fragmente über ein und denselben Gegenstand waren oft zusammengeklammert, eine große Anzahl der Zettel aber lag lose in der Schachtel. Vor einigen Jahren ordnete Peter Geach dieses Material. Er ließ beisammen, was zusammengeklammert war, und gruppierte im übrigen die Stücke, so gut er konnte, ihrem Gegenstand entsprechend. Wir haben diese Anordnung bis auf einige geringe Änderungen beibehalten und möchten ihm an dieser Stelle für seine mühsame und schwierige Arbeit dan-ken. Obwohl die Anordnung der Fragmente dem Charakter nach sehr verschieden ist von derjenigen, welche Wittgenstein selbst bei seinen Bemerkungen anwandte, fanden wir, daß sich eine sehr lesbare und aufschlußreiche Zusammenstellung erge-ben hat.
Fragments on the same subject were often clipped together, but a large number of slips lay loose in the box. Several years ago, Peter Geach organized this material. He kept grouped items intact and otherwise arranged the pieces as best he could according to their subject matter. We have retained this arrangement with only minor alterations and wish to thank him here for his laborious and difficult work. Although the ordering of the fragments differs markedly in character from that which Wittgenstein himself employed in his Remarks, we found that it has yielded a highly readable and illuminating compilation.
Zuerst konnten wir uns natürlich nicht erklären, was es mit dieser Schachtel auf sich hatte: Enthielt sie überschüssiges Mate-rial von anderen Arbeiten? War sie ein Behälter für gelegentlich aufgezeichnete Einfälle? Sollten wir die umfangreichen Arbei-ten, die sich dann als Quellen erwiesen, veröffentlichen und dieZettel beiseite lassen? Eine dieser Arbeiten war eine Neufas- sung der Untersuchungen (unter Hinzufügung anderen Mate- rials), eine andere wiederum war eine außerordentlich lange, frühe Abhandlung, die uns wegen der vielen inhaltlichen Wie- derholungen vor große Editionsprobleme gestellt hätte. Eine dritte aus der allerdings nur wenige Ausschnitte stammten - war bereits unter dem Titel Philosophische Bemerkungen veröf- fentlicht worden.
Initially, we could not account for the purpose of this box: Did it contain surplus material from other works? Was it a repository for occasional insights? Should we publish the extensive works later identified as sources and disregard the slips? One of these works was a revised version of the Investigations (with additional material incorporated), another an exceptionally long early treatise that would have posed major editorial challenges due to its numerous repetitions. A third manuscript—from which only a few cuttings derived—had already been published under the title Philosophical Remarks.
Nachdem die Quellen der meisten maschinegeschriebenen Fragmente gefunden waren, zeigte der Vergleich mit diesen ursprünglichen Fassungen, sowie gewisse äußere Merkmale, deutlich, daß Wittgenstein diese Zettel nicht nur aufbewahrte, sondern daß er an den Bruchstücken arbeitete, daß er an ihnen änderte und feilte. Das läßt vermuten, daß die einzelnen Stücke mit einer bestimmten Absicht der Sammlung beigefügt worden waren. Das Ganze hatte einen völlig anderen Charakter als die verschiedenen Bündel mehr oder weniger loser Papiere, welche sich sonst in seinem Nachlaß befanden.
After locating the sources of most typewritten fragments, comparisons with their original versions, along with certain external features, made it clear that Wittgenstein not only preserved these slips but actively worked on them, revising and refining the fragments. This suggests that individual pieces were added to the collection with a specific intent. The whole bore an entirely different character from the various bundles of more or less loose papers otherwise found in his literary estate.
Wir kamen daher zu der Überzeugung, daß diese Schachtel Bemerkungen enthielt, die Wittgenstein als besonders brauchbar betrachtete und die er in der Absicht aufhob, sie an passender Stelle in abgeschlossene Arbeiten einzuweben. Nun wissen wir aber, daß seine Arbeitsweise zum Teil daraus bestand, aus der großen Menge dessen, was er schrieb, kurze, unabhängige Stücke als relativ befriedigend auszuwählen und sie in Gruppen zusammenzuordnen.
We thus came to the conclusion that this box contained remarks Wittgenstein regarded as particularly valuable and preserved with the intention of weaving them into completed works at appropriate junctures. We know that part of his working method involved selecting short, independent pieces from the vast body of his writings as relatively satisfactory and arranging them into thematic groups.
Nicht alle die hier veröffentlichten Bemerkungen sind von dieser Art; einige der Bruchstücke waren grammatisch unvoll- ständig, so daß es aussah, als ob sie um eines Einfalls oder eines Ausdrucks willen, den sie enthielten, aufgehoben worden waren. In diesen Fällen haben wir, wo wir konnten, die fehlen- den Wörter aus den Originalabschriften hinzugefügt. Einmal mußten wir die letzten Wörter selbst ergänzen. In ganz seltenen Fällen fand sich ein Fürwort oder dergleichen, das zur Erklärung eine Beziehung auf etwas Vorausgegangenes fordert. An einer Stelle fügten wir die betreffenden Wörter aus der Originalschrift hinzu, und in einigen wenigen Fällen machten wir eine passende Ergänzung. Eckige Klammern wurden von den Herausgebernverwendet; Wittgensteins eigene Randnotizen zu seinem Text wurden in eckigen Klammern hinter dem Wort »Randbemer- kung« gedruckt. Sonst sind alle in eckigen Klammern gedruckten Wörter von uns hinzugefügt.
Not all remarks published here are of this type; some fragments were grammatically incomplete, as if preserved for the sake of an idea or expression they contained. In these cases, where possible, we have supplemented missing words from the original transcripts. On one occasion, we had to supply the final words ourselves. In very rare instances, a pronoun or similar term required reference to preceding material for clarification. In one instance, we added the relevant words from the original manuscript, and in a few cases, we made appropriate supplements. Square brackets denote editorial additions; Wittgenstein's own marginal annotations to his text are printed in square brackets following the word "Randbemerkung" (marginal remark). All other bracketed words are our additions.
Vorwort zur revidierten Ausgabe
Preface to the Revised Edition
Bei einem genauen Vergleich des gedruckten Textes mit den originalen Zetteln ergab sich, daß die erste Edition mit vielen Ungenauigkeiten und auch einigen Mißverständnissen des Urtextes behaftet war (vgl. z. B. § 671). Die Herausgeber sind Herrn Heikki Nyman für seine mühevolle und gewissenhafte Arbeit bei der Herstellung eines den Quellen getreuen Drucktex- tes dankbar.
A meticulous comparison of the printed text with the original slips revealed that the first edition contained numerous inaccuracies and some misunderstandings of the source material (see, e.g., § 671). The editors are grateful to Mr. Heikki Nyman for his painstaking and conscientious work in producing a printed text faithful to the sources.
1. W. James: der Gedanke sei schon am Anfang des Satzes fertig. Wie kann man das wissen? - Aber die Absicht, ihn auszu- sprechen, kann schon bestehen, ehe das erste Wort gesagt ist. Denn fragt man Einen weifit du, was du sagen willst?, so wird er es oft bejahen.
1. W. James: The thought is already complete at the beginning of the sentence. How can one know this? — Yet the intention to utter it may exist before the first word is spoken. For if one asks someone, "Do you know what you want to say?", they will often affirm it.
2. Ich sage Einem Ich werde dir jetzt das Thema... vorpfei- fen, ich habe die Absicht, es zu pfeifen, und ich weiß schon, was ich pfeifen werde.
2. I tell someone, "I shall now whistle the theme... to you; I intend to whistle it, and I already know what I shall whistle."
Ich habe die Absicht, dieses Thema zu pfeifen: habe ich es damit in irgendeinem Sinne, etwa in Gedanken, schon ge- pliffen?
I intend to whistle this theme: Have I, in any sense, already whistled it mentally?
3. Ich sage das nicht nur, ich meine etwas damit.-Soil man darauf fragen Was? dann kommt wieder ein Satz zur Ant- wort. Oder kann man nicht so fragen, da der Satz etwa sagte Ich sage das nicht nur, sondern es bewegt mich auch..
3. I do not merely say this, I mean something by it. — If asked "What?", the response would again be a sentence. Or can one not ask this, since the sentence might state, "I do not merely say this, but it also moves me..."?
4. (Eine der irreführendsten Redeweisen ist die Frage Was meine ich damit? Man könnte in den meisten Fällen darauf antworten: Gar nichts ich sage.....)
4. (One of the most misleading expressions is the question "What do I mean by that?" In most cases, the answer could be: "Nothing — I say...")
1. Kann ich denn nicht mit Worten meinen, was ich will?- Schau auf die Tür deines Zimmers, sage dabei eine Reihe beliebi- ger Laute, und meine damit eine Beschreibung dieser Tür!6. -Sag a b c d- und meine damit: Das Wetter ist schön. -Soll ich also sagen, daß das Aussprechen eines Satzes einer uns geläufigen Sprache ein ganz anderes Erlebnis ist, als das Aussprechen von Lauten, die uns nicht als Satz geläufig sind? Wenn ich also die Sprache erlernte, in welcher abcd jenen Sinn hat, - würde ich nach und nach das uns bekannte Erlebnis beim Aussprechen dieser Buchstaben kriegen? Ja und nein. - Eine Hauptverschiedenheit der beiden Fälle liegt darin, daß ich mich im ersten nicht bewegen kann. Es ist da, als wäre eines meiner Gelenke in Schienen und ich noch nicht an sie gewöhnt und hätte die möglichen Bewegungen noch nicht inne, stieße also sozusagen in einem fort an.
1. Can I not mean with words what I want? – Look at the door of your room, utter a series of arbitrary sounds, and thereby mean a description of this door! 6. – Say a b c d and mean by that: The weather is fine. – Should I then say that uttering a sentence in a language familiar to us is a completely different experience than uttering sounds not familiar to us as a sentence? If I were to learn the language in which a b c d has that meaning – would I gradually acquire the experience we know when uttering these letters? Yes and no. – A main difference between the two cases lies in the fact that in the first I cannot move freely. It is as if one of my joints were in splints and I were not yet accustomed to them, not yet possessing the possible movements, thus continually bumping against them, so to speak.
7. Wenn ich zwei Freunde gleichen Namens habe, und ich schreibe einem von ihnen einen Brief; worin liegt es, daß ich ihn nicht dem andern schreibe? Am Inhalt? Aber der könnte für beide passen. (Die Adresse habe ich noch nicht geschrieben.) Nun, die Verbindung kann in der Vorgeschichte liegen. Dann aber auch in dem, was dem Schreiben folgt. Wenn mich nun jemand fragt -An welchen der beiden schreibst du?- und ich antworte ihm, schließe ich die Antwort aus der Vorgeschichte? Gebe ich sie nicht beinahe, wie ich sage -Ich habe Zahnschmerzen?-Könnte ich im Zweifel darüber sein, welchem von beiden ich schreibe? Und wie sieht so ein Zweifelsfall aus? - Ja, wäre nicht auch der Fall einer Tauschung möglich: ich glaube dem Einen zu schreiben und schreibe dem Andern? Und wie sähe der Fall einer solchen Tauschung aus?
7. If I have two friends with the same name and I write a letter to one of them, what determines that I am writing to him and not the other? The content? But it could apply to both. (I have not yet written the address.) Well, the connection might lie in the prior history. But also in what follows the writing. If someone now asks me, "Which of the two are you writing to?" and I answer him, do I derive the answer from the prior history? Do I not give it almost as I say "I have a toothache"? Could I be in doubt about which of the two I am writing to? And what would such a case of doubt look like? – Indeed, might there not even be a case of deception: I believe I am writing to one and write to the other? And how would such a case of deception appear?
8. (Man sagt manchmal: -Was wollte ich nur in dieser Lade suchen? - Ach ja, die Photographie!- Und wenn uns dies einfällt, erinnern wir uns wieder an den Zusammenhang unsrer Handlung mit dem, was vorherging. Es könnte aber auch den Fall geben: Ich öffne die Lade und krame in ihr; endlich komme ich gleichsam zur Besinnung und frage mich -Warum suche ich indieser Lade herum? Und dann kommt die Antwort »Ich will die Photographie des... sehen.« »Ich will, nicht »Ich wollte«. Das Öffnen der Lade, etc. geschah sozusagen automatisch und erhielt nachträglich eine Interpretation.)
8. (One sometimes says: "What was I looking for in this drawer? – Oh yes, the photograph!" – And when this occurs to us, we recall again the connection of our action with what preceded it. But there could also be the case: I open the drawer and rummage through it; finally I come to my senses, as it were, and ask myself, "Why am I rummaging in this drawer?" Then the answer comes: "I want to see the photograph of...". "I want," not "I wanted." The opening of the drawer, etc., occurred automatically, so to speak, and received an interpretation afterward.)
9. Ich wollte mit dieser Bemerkung ihn treffen. Wenn ich das höre, so kann ich mir dazu eine Situation und ihre Geschichte vorstellen. Ich könnte sie auf dem Theater darstellen, mich in den Seelenzustand versetzen, in dem ich ihn treffen will. – Aber wie ist dieser Seelenzustand zu beschreiben? also zu identifizieren?– Ich denke mich in die Situation hinein, nehme eine gewisse Miene und Stimme an, etc. Was verbindet meine Worte mit ihm? Die Situation und meine Gedanken. Und meine Gedanken nicht anders, als Worte, die ich ausspreche.
9. I intended to strike him with this remark. When I hear this, I can imagine a situation and its history. I could enact it on stage, enter into the mental state in which I want to strike him. – But how is this mental state to be described – that is, identified? – I imagine myself in the situation, adopt a certain expression and tone of voice, etc. What connects my words with him? The situation and my thoughts. And my thoughts are nothing other than words I utter.
10. Angenommen, ich wollte auf einmal alle Wörter meiner Sprache durch andere ersetzen; wie könnte ich wissen, an wel- cher Stelle eines der neuen Wörter steht? Sind es die Vorstellun gen, die die Plätze der Wörter halten?
10. Suppose I suddenly wanted to replace all the words of my language with others; how could I know where one of the new words belongs? Is it mental images that hold the places of the words?
11. Ich bin geneigt zu sagen: Ich »zeige« in verschiedenem Sinne auf diesen Körper, auf seine Gestalt, auf seine Farbe, etc. – Was heißt das?
11. I am inclined to say: I "point" in different senses at this body, at its shape, at its color, etc. – What does this mean?
Was heißt es: Ich »höre« in anderem Sinne: das Klavier, seinen Klang, das Musikstück, den Klavierspieler, seine Geläufigkeit? Ich »heirate«, in einem Sinne, eine Frau, in einem andern, ihr Geld.
What does it mean: I "hear," in different senses: the piano, its tone, the musical piece, the pianist, his fluency? I "marry," in one sense, a woman, in another, her money.
12. Das Meinen stellt man sich hier als eine Art geistiges Zeigen, Hinweisen, vor.13. In manchen spiritistischen Handlungen ist es wesentlich, daß man an eine bestimmte Person denke. Und wir haben hier den Eindruck, also wäre an ihn denken gleichsam, ihn mit meinen Gedanken aufspießen. Oder es ist, als stäche ich immer wieder mit den Gedanken nach ihm hin. Denn sie schweifen etwa immer wieder ein wenig von ihm ab.
12. Here, meaning is imagined as a kind of mental pointing, indicating. 13. In certain spiritualist practices, it is essential that one think of a particular person. Here we have the impression that thinking of him is, as it were, skewering him with my thoughts. Or it is as if I were continually thrusting my thoughts toward him. For they perhaps stray away from him again and again.
14. Ich mußte plötzlich an ihn denken. Sein Bild schwebte mir etwa plötzlich vor. Wufßte ich, daß es sein, des N., Bild war? Ich sagte es mir nicht. Worin lag es also, daß es das seine war? Vielleicht in dem, was ich später sagte, oder tat.
14. I suddenly thought of him. His image, perhaps, floated before me. Did I know it was his, N.'s, image? I did not tell myself so. In what, then, did its being his consist? Perhaps in what I later said or did.
15. Wenn Max sagt Der Fürst trägt Vatersorge für die Trup- pen, so meint er Wallenstein. Angenommen, jemand sagte: Wir wissen nicht, ob er Wallenstein meint; er könne in diesem Satz auch einen andern Fürsten meinen.
15. When Max says, "The prince shows paternal care for the troops," he means Wallenstein. Suppose someone said: "We do not know whether he means Wallenstein; in this sentence he could also mean another prince."
16. Daß du das Klavierspiel meintest, bestand darin, daß du ans Klavierspiel dachtest..
16. That you meant the piano playing consisted in your thinking of the piano playing.
Dafi du in diesem Brief diesen Menschen mit dem Wort-du- meintest, bestand darin, daß du an ihn schriebst..
That in this letter you meant this person with the word "you" consisted in your writing to him.
Der Irrtum ist zu sagen, Meinen bestehe in etwas.
The error is to say that meaning consists in something.
17. Als ich das sagte, wollte ich nur ihm einen Wink geben..
17. When I said that, I merely wanted to give him a hint.
* Schiller, Wallennesn. Die Piccolomini, I, a. Die xitiemen Wone werden allerdings von Illo- und nicht von Masgesprochen. Hrsg.
* Schiller, Wallenstein. Die Piccolomini, I, 2. These lines are, however, spoken by Illo, not Max. Eds.
-Wie kann ich wissen, daß ich es nur sagte, um ihm einen Wink zu geben? Nun, die Worte Als ich es sagte etc. beschreiben eine bestimmte uns verständliche Situation. Wie schaut die Situation aus? Um sie zu beschreiben, muß ich einen Zusammenhang beschreiben.
– How can I know that I only said it to give him a hint? Well, the words "When I said it, etc." describe a specific situation intelligible to us. What does the situation look like? To describe it, I must describe a context.
18. Wie tritt er in diese Vorgänge ein:
18. How does he enter into these processes:
ich stach nach ihm, ich sprach zu ihm, ich rief ihn, ich sprach von ihm, ich stellte mir ihn vor, ich achte ihn?
I thrust at him, I spoke to him, I called him, I spoke of him, I imagined him, I respect him?
19. Es ist falsch zu sagen: Ich meinte ihn, indem ich auf ihn sah. Meinen bezeichnet nicht: eine Tätigkeit, die ganz oder teilweise in den Außerungen des Meinens besteht.
19. It is wrong to say: I meant him by looking at him. Meaning does not denote: an activity that consists wholly or partly in the expressions of meaning.
20. Es wäre daher dumm, Meinen eine geistige Tätigkeit zu nennen. Weil man damit eine falsche Vorstellung von der Funk- tion des Wortes begünstigt.
20. It would therefore be foolish to call meaning a mental activity. Because this fosters a false conception of the word's function.
21. Ich sage-Komm her! und zeige in der Richtung des A. B, der neben ihm steht, macht einen Schritt auf mich zu. Ich sage: Nein; A soll kommen. Wird man das nun als eine Mitteilung über meine Seelenvorgänge auffassen? Gewiß nicht. Und könnte man nicht doch daraus Schlüsse auf Vorgänge ziehen, die in mir beim Aussprechen des Befehls Komm her! stattgefun- den haben?
21. I say, "Come here!" and point in the direction of A. B, standing next to him, takes a step toward me. I say: "No; A is to come." Will this now be understood as a report about my mental processes? Certainly not. And yet could one not draw conclusions from this about processes that occurred within me when uttering the command "Come here!"?
Aber auf was für Vorgänge? Könnte man nicht mutmaßen, ich habe bei meinem Befehl auf A geschaut; mein Gedankengang habe mich zu ihm geleitet? Aber vielleicht kenne ich den B überhaupt nicht, stehe nur mit A in Verbindung. Dann hättealso, wer meine seelischen Vorgänge mutmaßte, ganz irregehen können, und hätte dennoch verstanden, daß ich den A und nicht den B gemeint habe.
But what kind of processes? Could one not conjecture that I was looking at A during my command; that my train of thought had led me to him? Yet perhaps I do not know B at all, being connected only with A. In that case, someone conjecturing my psychical processes might have gone entirely astray yet still understood that I meant A and not B.
22. Ich zeige mit der Hand und sage Komm her!. A fragt -Hast du mich gemeint? Ich sage Nein; den B. Was ging da vor, als ich den B meinte (da doch mein Zeigen es zweifelhaft ließ, welchen ich meinte)? Ich sagte diese Worte, machte diese Handbewegung. Mußte noch mehr vorgehen, daß das Sprach- spiel vor sich gehen konnte? Aber wußte ich nicht schon wah- rend des Zeigens, wen ich meinte? Wußte? Freilich, - nach den gewöhnlichen Kriterien des Wissens.
22. I gesture with my hand and say "Come here!". A asks "Did you mean me?" I say "No, B." What occurred when I meant B (since my gesture left it ambiguous whom I meant)? I spoke these words, made this hand movement. Must more have occurred for the language-game to proceed? But did I not already know during the gesturing whom I meant? Know? Certainly – by the ordinary criteria of knowing.
13. Ich wollte in meiner Erklärung auf... lossteuern. Mir schwebte dieses Ziel vor. Ich sah im Geist die Stelle des Buchs, auf die ich hinzielte.
13. In my explanation I wanted to steer toward... This goal hovered before me. I mentally saw the passage in the book I was aiming at.
Die Absicht beschreiben, heißt, was vorging, unter einem bestimmten Gesichtspunkte, für einen bestimmten Zweck, beschreiben. Ich male ein bestimmtes Porträt der Vorgänge.
To describe an intention is to describe what occurred under a particular aspect, for a specific purpose. I paint a particular portrait of the processes.
14. Statt Ich habe ihn gemeint kann man auch sagen Ich habe von ihm gesprochen. Und wie macht man das: mit diesen Worten von ihm sprechen? Warum klingt es falsch, zu sagen-ich habe von ihm gesprochen, indem ich bei diesen Worten auf ihn zeigte?
14. Instead of "I meant him" one can also say "I was speaking of him." And how does one do that: speak of him with these words? Why does it sound wrong to say "I was speaking of him by pointing to him while uttering these words"?
Ihn meinen heißt etwa: von ihm reden. Nicht: auf ihn zeigen. Und wenn ich von ihm rede, besteht freilich eine Verbin- dung zwischen meiner Rede und ihm, aber diese Verbindung liegt in der Anwendung der Rede, nicht in einem Akt des Zei- gens. Das Zeigen ist selbst nur ein Zeichen, und es kann im Sprachspiel die Anwendung der Sätze regeln, also, was gemeint ist, anzeigen.
To mean him is roughly: to speak about him. Not: to point to him. And when I speak about him, there is certainly a connection between my speech and him, but this connection resides in the application of the speech, not in an act of pointing. Pointing is itself merely a sign, and in the language-game it may regulate the application of sentences, thus indicating what is meant.
25. Wenn ich sage »Ich habe in diesem Zimmer einen Sessel gesehen«, so kann ich mich meistens nur sehr beiläufig an das besondere Gesichtsbild erinnern, und es hat in den meisten Fällen auch gar keine Bedeutung. Der Gebrauch, der von dem Satz gemacht wird, geht an dieser Besonderheit vorbei. Ist es nun so auch, wenn ich sage »Ich habe den N gemeint«? Geht dieser Satz in der gleichen Weise an den Besonderheiten des Vorgangs vorbei?
25. When I say "I saw an armchair in this room," I can usually recall the particular visual impression only vaguely, and in most cases it has no significance whatsoever. The use made of the proposition bypasses this particularity. Is it the same when I say "I meant N"? Does this proposition similarly bypass the particularities of the process?
26. Wenn ich mit einer Bemerkung auf N anspiele, so mag sich dies - wenn bestimmte Umstände gegeben sind - aus meinem Blick, Gesichtsausdruck, etc. ersehen lassen.
26. If I allude to N in a remark, this may – given certain circumstances – be inferred from my glance, facial expression, etc.
Daß du den Ausdruck »auf N anspielen« verstehst, kannst du dadurch zeigen, daß du Beispiele des Anspielens beschreibst. Was wirst du nun alles beschreiben? Vor allem Umstände. Dann, was Einer sagt. Etwa auch seinen Blick etc. Dann, was der Anspielende tun will.
That you understand the expression "allude to N" can be shown by your describing instances of alluding. What will you describe? Primarily circumstances. Then what someone says. Perhaps also their glance, etc. Next, what the alluder intended to do.
Und teile ich jemand dazu noch meine Gefühle, Vorstellungen, etc., während ich die Bemerkung machte, mit, so mögen diese das typische Bild des Anspielens (oder ein solches Bild) vervollständigen. Aber daraus folgt nicht, daß der Ausdruck »auf N anspielen« bedeute: sich so benehmen, dies fühlen, sich dies vorstellen, etc. Und hier wird Mancher sagen: »Freilich nicht! Das haben wir immer schon gesehen. Und es muß sich eben ein roter Faden durch alle diese Erscheinungen ziehen. Er ist mit ihnen sozusagen umsponnen, und daher schwer auffindbar.« Und das ist auch nicht wahr.
And if I communicate to someone my feelings, mental images, etc., while making the remark, these might complete the typical picture of alluding (or such a picture). Yet it does not follow that the expression "allude to N" signifies: behaving thus, feeling this, imagining that, etc. Here someone might say: "Of course not! We have always seen that. There must be a red thread running through all these phenomena. It is as if interwoven with them and therefore hard to discern." But this too is untrue.
Aber es wäre auch falsch, zu sagen, »anspielen« bezeichne eine Familie von geistigen und anderen Vorgängen. Denn man kann zwar fragen-»Welches war deine Anspielung auf N?«, »Wie hast du den Andern zu verstehen gegeben, daßß du N meintest?«; aber nicht: »Wie hast du diese Außerung als Anspielung auf N gemeint?«
Yet it would also be wrong to say that "alluding" designates a family of mental and other processes. For while one can ask "What was your allusion to N?" or "How did you intimate to the other that you meant N?", one cannot ask: "How did you mean this utterance as an allusion to N?"
»Ich habe in meiner Rede auf ihn angespielt.« »Mit welchen Worten?« »Ich habe auf ihn angespielt, als ich von einem Mann redete, der...«.Ich habe auf ihn angespielt heißt ungefähr: Ich wollte, daß jemand bei diesen Worten an ihn denken solle. Aber Ich wollte ist nicht die Beschreibung eines Seelenzustandes, und verste hen, daß N gemeint war ist dies auch nicht. [Randbemerkung: Man fragt aber: Mit welcher Bemerkung hast du auf ihn ange- spielt, Mit welcher Bemerkung hast du ihn gemeint-.]
"I alluded to him in my speech." "With which words?" "I alluded to him when speaking of a man who..." "I alluded to him" means roughly: I wanted someone to think of him upon hearing these words. But "I wanted" is not a description of a mental state, nor is "understanding that N was meant" such a description. [Marginal note: Yet one asks: "With which remark did you allude to him?", "With which remark did you mean him?"]
27. Wenn die Situation zweideutig ist; ist es dann zweifelhaft, ob ich ihn meine? Bei meiner Aussage, ich habe ihn, oder habe ihn nicht gemeint, urteile ich nicht nach der Situation. Und wenn ich nun nicht nach der Situation urteile, wonach urteile ich? Scheinbar nach gar nichts. Denn ich erinnere mich wohl an die Situation, aber deute sie. Ich kann z. B. meinen Seitenblick auf ihn jetzt nachahmen, aber das Meinen erscheint als eine ganz ungreifbare, feine Atmosphäre des Sprechens und Handelns. (Ein verdächtiges Bild!)
27. If the situation is ambiguous, is it then doubtful whether I meant him? In stating that I did or did not mean him, I do not judge based on the situation. And if I do not judge by the situation, by what do I judge? Apparently by nothing. For while I may recall the situation, I interpret it. I might now imitate my sidelong glance at him, but the meaning appears as an utterly intangible, ethereal atmosphere of speaking and acting. (A suspect image!)
28. Im Laufe eines Gesprächs will ich auf etwas zeigen; ich habe bereits den Anfang einer Zeigebewegung gemacht, führe sie aber nicht aus. Später sage ich: Ich wollte damals darauf zeigen. Ich erinnere mich noch deutlich, daß ich schon den Finger aufge- hoben hatte. In dem Strom dieser Vorgänge, Gedanken und Empfindungen war dies der Anfang einer Gebärde des Zei gens.
28. In the course of a conversation I want to point to something; I have already begun a pointing movement but do not complete it. Later I say: "I wanted to point to that then." I still distinctly recall having raised my finger. In the stream of these processes, thoughts and sensations, this was the inception of a gesture of pointing.
Ja, wenn ich die ganze Gebärde machte und sagte -Er liegt dort drüben, so wäre das kein Zeigen, wenn nicht diese Worte zu einer Sprache gehörten.
Indeed, were I to make the full gesture and say "He lies over there," this would not be pointing unless these words belonged to a language.
29. Du hast mit der Hand eine Bewegung gemacht; hast du erwas damit gemeint? Ich dachte, du meintest, ich solle zu dir kommen..
29. You made a movement with your hand; did you mean anything by it? I thought you meant that I should come to you.
Also er konnte etwas meinen, oder auch nichts meinen. Undwenn das erstere: dann eben seine Handbewegung, oder etwas Anderes? Hat er mit seinem Ausdruck etwas Anderes, als die- sen, gemeint, oder hat er nur seinen Ausdruck-gemeint?
Thus he could have meant something, or nothing at all. And if the former: was it his gesture or something else? Did he mean something other than this expression through his expression, or did he only mean his expression?
30. Könnte man auch antworten: Ich habe etwas mit dieser Bewegung gemeint, was ich nur durch diese Bewegung aus- drücken kann? (Musik, musikalischer Gedanke.)
30. Could one also reply: I meant something with this movement that I can only express through this movement? (Music, musical thought.)
31. Freilich dachte ich an ihn: ich hab ihn vor mir gesehen!- - aber nicht nach seinem Bild erkannt.
31. Of course, I thought of him: I saw him before me! — but did not recognize him from his image.
32. Stell dir einen deiner Bekannten vor! Nun sag, wer es war! Manchmal kommt das Bild zuerst und der Name danach. Aber errate ich den Namen nach der Ähnlichkeit des Bildes? - Und wenn nun der Name dem Bild erst nachfolgt, war die Vorstellung jenes Menschen schon mit dem Bild da, oder war sie erst mit dem Namen vollständig? Ich habe ja auf den Namen nicht aus dem Bild geschlossen; und eben darum kann ich sagen, die Vorstellung von ihm sei schon mit dem Bild ge- kommen.
32. Imagine one of your acquaintances! Now say who it was! Sometimes the image comes first and the name follows. But do I guess the name based on the image's resemblance? — And if the name only follows the image, was the idea of that person already present with the image, or was it only complete with the name? I certainly did not infer the name from the image; and precisely for this reason, I can say that the idea of him already came with the image.
33. Es ist, wie wenn man eine Tendenz, eine Bereitschaft erlebte (James). Und warum soll ich es nicht so nennen? (Und Manche würden auch, was da geschieht, durch Innervationen von Muskeln, Ansätze zu Bewegungen, oder gar Vorstellungen von ihnen erklären.) Nur mußt du das Erlebnis einer Tendenz nicht unter dem Bild eines nicht ganz fertigen Erlebnisses an- sehen.
33. It is as if one experienced a tendency, a readiness (James). And why should I not call it that? (And some would even explain what occurs here through innervations of muscles, incipient movements, or even mental images of them.) Only, you must not view the experience of a tendency under the image of an incompletely formed experience.
Es scheint uns oft, als mache der Geist beim Verstehen der Bedeutung kleine rudimentäre Bewegungen, wie ein Unschlüs-siger, der nicht weiß, welchen Weg er gehen soll gehe also das Gebiet der möglichen Anwendungen ab.
It often seems to us that the mind, in understanding meaning, makes small rudimentary movements, like someone indecisive who does not know which path to take and thus surveys the terrain of possible applications.
34. Denk dir Menschen, die von Kind auf mit großer Schnel- ligkeit kritzeln, während sie reden: was sie reden, gleichsam illustrieren.
34. Imagine people who, from childhood, scribble rapidly while speaking, as if illustrating what they say.
Muß ich annehmen, daß, wer aus der Vorstellung, oder Erin- nerung, etwas zeichnet, oder beschreibt, oder nachahmt, seine Darstellung von irgend etwas abliest?! - Was spricht dafür?
Must I assume that whoever draws, describes, or imitates something from a mental image or memory reads their representation from something? — What speaks in favor of this?
35. Gedanken erraten. Spielkarten liegen auf einem Tisch. Ich will, dafi der Andre eine von ihnen berühren soll. Ich schließe die Augen und denke an eine dieser Karten; der Andre soll erraten, welche ich meine. Er läßt sich darauf etwa eine Karte einfallen und wünscht dabei, meine Meinung zu treffen. Er berührt die Karte, und ich sage Ja, die war's, oder sie war's nicht. Eine Variante dieses Spiels wäre es, daß ich auf eine bestimmte Karte schaue, so zwar, daß der Andre die Richtung meines Blicks nicht sieht, und daß er nun die Karte erraten muß, auf die ich schaue. Daß dies eine Variante des ersten Spiels ist, ist wichtig. Es kann hier wichtig sein, wie ich an die Karte denke, weil es sich zeigen könnte, daß davon die Zuverlässigkeit des Erratens abhängt. Sage ich aber im gewöhnlichen Leben Ich dachte soeben an N. so fragt man mich nicht Wie hast du an ihn gedacht?..
35. Guessing thoughts. Playing cards lie on a table. I want the other to touch one of them. I close my eyes and think of one of these cards; the other is to guess which I mean. He might let a card occur to him while wishing to match my intention. He touches the card, and I say "Yes, that was it," or "It was not." A variant of this game would be that I look at a specific card in such a way that the other cannot see the direction of my gaze, and he must now guess the card I am looking at. That this is a variant of the first game is important. Here, how I think of the card might matter, as it could show that the reliability of guessing depends on it. But in ordinary life, if I say "I was just thinking of N," no one asks me, "How did you think of him?"
36. Man möchte fragen: Hätte Einer, der in dein Inneres zu sehen im Stande wäre, dort sehen können, daß du das sagen wolltest?
36. One might ask: Could someone who could see into your interior have discerned there that you meant to say this?
Angenommen, ich hätte mir meinen Vorsatz auf einem Zettel notiert, so hätte ein Andrer meinen Vorsatz dort lesen können. Und kann ich mir denken, daß er ihn auf irgendeinem Wege hätte sicherer erfahren können, als so? Gewiß nicht.
Suppose I had noted my intention on a slip of paper; another could have read my intention there. And can I imagine that he could have discovered it more reliably in some other way? Certainly not.
37. (Uber einem Musikstück steht, vom Komponisten drü- bergeschrieben, J = 88, aber um es heute richtig zu spielen, muß es J = 94 gespielt werden: welches ist das vom Komponisten gemeinte Tempo?)
37. (Above a musical piece, the composer wrote "J = 88," but to play it correctly today, it must be played at "J = 94": which tempo is the one intended by the composer?)
38. Unterbrich einen Menschen im gänzlich unvorbereiteten und fließenden Reden. Dann frag ihn, was er sagen wollte; und er wird in vielen Fällen den angefangenen Satz fortführen können. - -Dazu müßte ihm schon vorgeschwebt haben, was er sagen wollte. Ist nicht vielleicht jenes Phänomen der Grund, warum wir sagen, die Fortsetzung hätte ihm vorgeschwebt?
38. Interrupt someone in the middle of unprepared, fluent speech. Then ask them what they meant to say; in many cases, they will be able to continue the interrupted sentence. — Must what they meant to say not have already hovered before them? Is it not perhaps this phenomenon that grounds our saying the continuation had hovered before them?
39. Ist es aber nicht sonderbar, daß es so eine Reaktion, so ein Geständnis der Intention gibt? Ist es nicht ein höchst merkwür diges Sprachinstrument? Was ist eigentlich merkwürdig daran? Nun, es ist schwer vorstellbar, wie der Mensch diesen Wortge- brauch lernt. Er ist gar so subtil.
39. But is it not strange that there is such a reaction, such a confession of intention? Is it not a most remarkable linguistic instrument? What is truly remarkable about it? Well, it is hard to imagine how a person learns this use of words. It is so subtle.
40. Aber ist er wirklich subtiler, als der der Worte -Ich habe mir ihn vorgestellt, z. B.? Ja, merkwürdig, sonderbar, ist jede solche Sprachverwendung, wenn man nur auf die Betrachtung der Beschreibungen physikalischer Gegenstände eingestellt ist.
40. But is it truly subtler than, say, the use of the words "I imagined him"? Yes, every such linguistic usage seems strange, wondrous, if one is attuned only to the observation of physical object descriptions.
41. Sage ich -Ich wollte damals das und das tun und beruht diese Aussage auf den Gedanken, Vorstellungen, etc., an die ich mich erinnere, so muß ein Andrer, dem ich nur diese Gedanken, Vorstellungen, etc. mitteile, daraus mit ebensolcher Sicherheit schließen können, ich hätte damals das und das tun wollen. - Er könnte das aber oft nicht. Ja, schlösse ich selbst nun aus dieserEvidenz auf meine Absicht, so würde der Andre mit Recht sagen, dieser Schluß sei sehr unsicher.
41. If I say, "I intended to do such-and-such then," and this statement is based on the thoughts, mental images, etc., I recall, then another person, to whom I merely communicate these thoughts and images, ought to infer with equal certainty that I had intended to do such-and-such then. — Yet they often could not. Indeed, if I myself inferred my intention from this evidence, the other would rightly say this inference is very uncertain.
42. Und wie lernt [das Kind) den Ausdruck gebrauchen -Ich war damals im Begriffe zu werfen? Und wie weiß man, dafi es damals wirklich in jenem Seelenzustand war, den ich im Begriffe sein.... nenne?
42. And how does [the child] learn to use the expression "I was about to throw then"? And how do we know that it was truly in that mental state I call "being about to..."?
43. Wie nun, wenn ein Mensch den Ausdruck Ich war damals im Begriffe...., oder Ich wollte damals.... nie gebrauchte und seinen Gebrauch nicht erlernen könnte? Der Mensch kann doch viel denken, ohne das zu denken. Er kann ein großes Gebiet der Sprachspiele beherrschen, ohne dieses zu be- herrschen.
43. What if a person never used the expression "I was about to..." or "I intended to..." and could not learn its use? Such a person could still think much without thinking this. They could master a vast range of language-games without mastering this one.
Ist es aber dann nicht sonderbar, daß wir in dieser Art defekti- ven Menschen nicht begegnen, bei aller der Verschiedenheit der Menschen? Oder finden sich eben diese Leute unter den Geistes- schwachen, und es wird nur nicht genügend beobachtet, welcher Sprachverwendungen solche fähig sind und welcher nicht?
But is it not strange that, given all human diversity, we do not encounter people defective in this way? Or do such individuals exist among the mentally impaired, with insufficient observation of which linguistic usages they are capable?
44. Ich hatte die Absicht... drückt nicht die Erinnerung an ein Erlebnis aus. (So wenig wie: Ich war im Begriffe.....)
44. "I intended..." does not express the memory of an experience. (Just as little as: "I was about to...")
45. Absicht (Intention) ist weder Gemütsbewegung, Stim- mung, noch Empfindung, oder Vorstellung. Sie ist kein Bewußt- seinszustand. Sie hat nicht echte Dauer.
45. Intention is neither emotion, mood, sensation, nor mental image. It is not a state of consciousness. It has no genuine duration.
46. Ich habe die Absicht, morgen zu verreisen. Wann hast du die Absicht? Die ganze Zeit; oder intermittierend?
46. I intend to leave tomorrow. When do you have the intention? Continuously; or intermittently?
47. Schau in die Lade, in der du sie zu finden glaubst. Die Lade ist leer.-Ich glaube, du hast sie unter den Empfindungen gesucht.
47. Look into the drawer where you believe you will find it. The drawer is empty. – I think you have been searching among sensations.
Überlege, was das eigentlich heißen würde eine Absicht intermittierend haben. Es hieße etwa: die Absicht haben, sie fallen lassen, sie wieder aufnehmen, u. s. f.
Consider what it would actually mean to have an intention intermittently. It would mean something like: having the intention, dropping it, resuming it, etc.
48. Unter was für Umständen sagt man Diese Vorrichtung ist eine Bremse, funktioniert aber nicht? Das heißt doch: sie erfüllt ihren Zweck nicht. Worin liegt es, daß sie diesen Zweck hat? Man könnte auch sagen: Es war die Absicht, daß dies als Bremse wirken sollte. Wessen Absicht? Hier entschwindet uns die Absicht als Zustand der Seele gänzlich.
48. Under what circumstances do we say "This mechanism is a brake but doesn't function"? This means: it fails to fulfill its purpose. What determines that it has this purpose? One might also say: The intention was for this to act as a brake. Whose intention? Here, the intention as a mental state entirely eludes us.
Könnte man sich nicht auch das denken, daß mehrere Leute eine Absicht hätten, ausführten, ohne daß einer von ihnen sie hat? So kann eine Regierung eine Absicht haben, die kein Mensch hat.
Could we not imagine that multiple people might execute an intention without any one of them having it? Thus, a government might have an intention that no individual possesses.
49. Es könnte ein Verbum geben, welches bedeutet: die Absicht durch Worte, oder andere Zeichen, laut, oder in Gedan- ken, aussprechen. Dies Zeitwort wäre nicht gleichbedeutend unserem beabsichtigen..
49. There could be a verb meaning: to express an intention through words or other signs, aloud or in thought. This verb would not be synonymous with our "intend."
Es könnte ein Verbum geben, welches bedeutet: einer Absicht gemäß handeln; und dieses wäre auch nicht gleichbedeutend unserm beabsichtigen.
There could be a verb meaning: to act in accordance with an intention; and this too would not be synonymous with our "intend."
Wieder ein anderes könnte bedeuten: über eine Absicht brü- ten; oder, sie im Kopie hin und her wälzen.
Yet another might mean: to brood over an intention; or to turn it over in one's mind.
50. Man kann Einen im Denken stören, aber im Beabsichti gen? Im Planen wohl. Auch im Festhalten einer Absicht, nämlich im Denken oder Handeln.
50. One can interrupt someone in thinking, but in intending? In planning, perhaps. Also in maintaining an intention, namely in thinking or acting.
51. Anwendung des Imperativs. Vergleiche die Befehle:
51. Application of the imperative. Compare the commands:
Heb den Arm!
Raise your arm!
Stell dir..... vor!
Imagine....!
Rechne im Kopf!
Perform mental arithmetic!
Überlege dir !
Consider....!
Konzentrier deine Aufmerksamkeit auf.....!
Concentrate your attention on....!
Sieh diese Figur als Würfel an!
See this figure as a cube!
mit diesen: Beabsichtige.....!
with these: Intend....!
Meine mit diesen Worten...
Mean with these words...
Vermute, daß es sich so verhält!
Conjecture that this is the case!
Glaube, daß es so ist!
Believe that it is so!
Sei der festen Überzeugung.....!
Be firmly convinced....!
Erinnere dich daran, daß dies geschehen ist!
Remember that this happened!
Zweifle daran, ob es geschehen ist!
Doubt whether it happened!
Hoffe auf seine Wiederkehr!
Hope for his return!
Ist das der Unterschied, daß die ersten willkürliche, die zweiten unwillkürliche Bewegungen des Geistes sind? Eher kann ich sagen, die Verben der zweiten Gruppe bezeichnen keine Hand- lungen. (Vergleiche damit den Befehl: Lache herzlich über die- sen Witz!)
Is the difference that the first are voluntary, the second involuntary movements of the mind? Rather, I can say that the verbs of the second group do not denote actions. (Compare this with the command: Laugh heartily at this joke!)
52. Kann man jemand befehlen, einen Satz zu verstehen? Warum kann man Einem nicht befehlen: Versteh das!? Könnte ich nicht den Befehl Versteh diesen griechischen Satz!- dadurch befolgen, daß ich Griechisch lernte? - Ahnlich: Man kann sagen -Rufe dir Schmerzen hervor!, aber nicht Habe Schmerzen!
52. Can one command someone to understand a sentence? Why cannot one command: "Understand this!"? Could I not obey the command "Understand this Greek sentence!" by learning Greek? – Similarly: One can say "Produce pain!" but not "Have pain!"
Man sagt: Versetz dich in diesen Zustand!, aber nicht: Sei in diesem Zustand!.53. Ich erwarte jeden Augenblick eine Explosion. Ich bin nicht im Stande, einer andern Sache meine volle Aufmerksamkeit zu schenken; schaue in ein Buch, aber ohne zu lesen. Auf die Frage, warum ich zerstreut, oder nervös scheine, sage ich, ich erwarte jeden Augenblick die Explosion. Wie war es nun: Beschrieb dieser Satz eben jenes Verhalten? Aber wie unterschei- det sich dann der Vorgang des Erwartens der Explosion vom Vorgang des Erwartens eines ganz andern Ereignisses, z. B. eines bestimmten Signals? Und wie unterscheidet sich die Erwartung emes Signals von der Erwartung eines um weniges verschiedenen Signals? Oder war meine Handlungsweise nur Nebenerschei- nung der eigentlichen Erwartung, und diese ein besonderer gei- stiger Vorgang? Und war dieser Vosgang homogen, oder geglie- dert wie ein Satz (mit internem Anfang und Ende)? - Wie weiß aber der, in dem er vorgeht, welches Ereignisses Erwartung der Vorgang ist? Er scheint nämlich nicht darüber im Ungewissen. Es ist nicht, als konstatierte er einen seelischen oder andern. Zustand und machte eine Vermutung über dessen Ursache. Er mag wohl sagen Ich weiß nicht, ist es nur diese Erwartung, die mich heute so unruhig macht; aber er wird nicht sagen: »Ich weiß nicht, ist dieser Seelenzustand, in dem ich jetzt bin, die Erwartung einer Explosion, oder von etwas anderm..
We say: "Put yourself into this mental state!" but not: "Be in this mental state!"
Die Aussage -Ich erwarte jeden Moment einen Knall ist eine Außerung der Erwartung. Diese Wortreaktion ist der Ausschlag des Zeigers, der den Gegenstand der Erwartung anzeigt.
53. At any moment I expect an explosion. I am unable to devote full attention to anything else; I look into a book but do not read. When asked why I seem distracted or nervous, I say I expect an explosion at any moment. Now, how was it: Did this sentence describe precisely that behavior? But then how does the process of expecting an explosion differ from that of expecting a completely different event, say a specific signal? And how does expecting one signal differ from expecting a slightly different one? Or was my behavior merely incidental to the actual expectation, the latter being a distinct mental process? And was this process homogeneous or structured like a sentence (with internal beginning and end)? – Yet how does the person in whom it occurs know which event's expectation this process is? For he does not seem uncertain about it. It is not as though he observes a mental or other state and infers its cause. He might well say "I don't know whether it is just this expectation that makes me so restless today," but he will not say: "I don't know whether this mental state I'm now in is the expectation of an explosion or of something else."
54. Es scheint: die Erwartung und die Tatsache, die die Erwartung befriedigt, passen doch irgendwie zusammen. Man möge nun eine Erwartung beschreiben und eine Tatsache, die zusammenpassen, damit man sieht, worin diese Übereinstim- mung besteht. Da denkt man sofort an das Passen einer Vollform in eine entsprechende Hohlform. Aber wenn man diese beiden beschreiben will, so sieht man, daß, soweit sie passen, eine Beschreibung für beide gilt. (Vergleiche dagegen, was es heißt -Diese Hose paßt nicht zu diesem Rocke.)
54. It seems: the expectation and the fact that satisfies it must somehow fit together. Suppose we describe an expectation and a fact that fit, to see wherein this agreement consists. Here one immediately thinks of a solid form fitting into a corresponding hollow. But if we try to describe these two, we see that, to the extent they fit, a single description applies to both. (Contrast this with what it means to say "These trousers don't match this jacket.")
55. Wie alles Metaphysische ist die Harmonie zwischen Gedanken und Wirklichkeit in der Grammatik der Sprache auf- zufinden.§6. Mein Gedanke ist hier: Wenn Einer die Erwartung selbst sehen könnte er müßte sehen, was erwartet wird. (So aber, daß es nicht noch einer Projektionsmethode, Vergleichsmethode, bedürfte, um von dem, was er sieht, zu der Tatsache zu kommen, die erwartet wird.)
55. Like all metaphysical matters, the harmony between thought and reality is to be found in the grammar of language.
Aber so ist es ja auch: Wer den Ausdruck der Erwartung sieht, sieht, was erwartet wird.§7. Der Gedanke, daß uns erst das Finden zeigt, was wir gesucht, erst die Erfüllung des Wunsches, was wir gewünscht haben, heißt, den Vorgang so beurteilen, wie die Symptome der Erwartung oder des Suchens bei einem Andern. Ich sehe ihn unruhig in seinem Zimmer auf und ab gehen; da kommt jemand zur Tür herein, und er wird ruhig und gibt Zeichen der Befriedi gung. Und nun sage ich Er hat offenbar diesen Menschen erwartet.
§6. My thought here is: If one could see the expectation itself, one would have to see what is expected. (But in such a way that no further method of projection or comparison would be needed to move from what is seen to the expected fact.)
But this is precisely the case: Whoever sees the expression of expectation sees what is expected.§7. The idea that only the discovery shows us what we were seeking, only the fulfillment of the wish shows what we had desired, means judging the process by the symptoms of expectation or searching in another person. I see him pacing restlessly up and down his room; then someone enters through the door, and he becomes calm and shows signs of satisfaction. And now I say "He was evidently expecting this person."
§8. Wir sagen, der Ausdruck der Erwartung beschreibe die erwartete Tatsache, und denken an sie wie an einen Gegenstand oder Komplex, der als Erfüllung der Erwartung in die Erschei nung tritt. Aber der Erwartete ist nicht die Erfüllung, sondern: daß er kommt.
§8. We say the expression of expectation describes the expected fact, thinking of it as an object or complex that enters the scene as the fulfillment of the expectation. But the expected is not the fulfillment; rather, it is that he comes.
Der Fehler ist tief in unserer Sprache verankert: Wir sagen ich erwarte ihn und Ich erwarte sein Kommen und ich erwarte, daß er kommt.
The error is deeply rooted in our language: We say "I expect him" and "I expect his coming" and "I expect that he will come."
59. Es ist uns schwer, von dem Vergleich loszukommen: Der Mensch tritt ein – das Ereignis tritt ein. Als wäre das Ereignis schon vorgebildet vor der Tür der Wirklichkeit und würde nun in diese (wie in ein Zimmer) eintreten.
59. It is difficult for us to abandon the comparison: A person enters — the event enters. As if the event were already prefigured at the threshold of reality and now steps into it (like entering a room).
60. Die Realität ist keine Eigenschaft, die dem Erwarteten noch fehlt, und die nun hinzutritt, wenn die Erwartung eintritt. – Die Realität ist auch nicht wie das Tageslicht, das den Dingen erst Farbe gibt, wenn sie im Dunkeln schon, gleichsam farblos, vorhanden sind.
60. Reality is not a property still lacking to the expected, which then accrues when the expectation is fulfilled. — Nor is reality like daylight, which first gives color to things that were already present in the dark, as it were colorless.
61. Man kann vom Träger eines Namens sagen, daß er nicht existiert; und das ist natürlich keine Tätigkeit, obwohl man es mit einer vergleichen könnte, und sagen: er müsse doch dabei sein, wenn er nicht existiert. (Und das ist von einem Philosophen bestimmt schon einmal geschrieben worden.)
61. One can say of the bearer of a name that he does not exist; and this is of course not an activity, though one might compare it to one and say: "Yet he must be there if he does not exist." (And this has certainly been written by some philosopher.)
62. Das schattenhafte Antizipieren der Tatsache besteht darin, daß wir jetzt denken können, daß das eintreffen wird, was erst eintreffen wird. Oder, wie es irreführenderweise heißt: daß wir jetzt das (oder, an das) denken können, was erst eintreffen wird.
62. The shadowy anticipation of the fact consists in our now being able to think that what will happen will happen. Or, as it is misleadingly put: that we can now think of (or about) what will only happen later.
63. Mancher wird vielleicht sagen wollen »Die Erwartung ist ein Gedanke.« Das entspricht offenbar einem Gebrauch des Wortes »erwarten«. Und wir wollen uns nur erinnern, daß der Vorgang des Gedankens sehr verschiedenerlei sein kann.64. Ich pfeife, und jemand fragt mich, warum ich guter Dinge bin. Ich antworte Ich hoffe, N wird heute kommen. Aber während ich pfiff, dachte ich nicht an ihn. Und doch wäre es falsch zu sagen: ich hätte aufgehört zu hoffen, als ich zu pfeifen anfing.
63. Some might want to say: "Expectation is a thought." This clearly corresponds to one use of the word "expect." And we need only recall that the process of thought can be of very diverse kinds.64. I am whistling, and someone asks me why I am in good spirits. I reply "I hope N will come today." But while whistling, I was not thinking of him. Yet it would be wrong to say: I had stopped hoping when I began to whistle.
65. Wenn ich sage -Ich erwarte...ist das die Feststellung: die Situation, meine Handlungen, Gedanken, etc. seien die des Erwartens dieses Ereignisses; oder gehören die Worte Ich erwarte.... zum Vorgang des Erwartens?
65. When I say "I expect...", is this a statement that the situation, my actions, thoughts, etc., are those of expecting this event? Or do the words "I expect..." belong to the process of expecting?
Unter gewissen Umständen werden diese Worte heißen (ersetzt werden können durch) Ich glaube, das und das wird eintreten. Manchmal auch: Mach dich darauf gefaßt, daß.....
Under certain circumstances, these words will mean (could be replaced by) "I believe such-and-such will happen." Sometimes also: "Prepare yourself for..."
66. Die psychologischen trivialen Erörterungen über Erwartung, Assoziation, u.s.w., lassen immer das eigentlich Merkwürdige aus, und man merkt ihnen an, daß sie herumreden, ohne den springenden Punkt zu berühren."
66. Psychological discussions about expectation, association, etc., invariably omit what is truly remarkable, and one notices that they skirt around without touching the crucial point."
5. Philosophische Bemerkungen § 31. Hrsg
5. Philosophical Remarks §31. Ed.
67. Eine Erwartung ist in einer Situation eingebettet, aus der sie entspringt. Die Erwartung einer Explosion kann z. B. aus einer Situation entspringen, in der eine Explosion zu erwarten ist. Der sie erwartet, hatte zwei Leute flüstern hören: Morgen um zehn Uhr wird die Lunte angebrannt. Dann denkt er: vielleicht will jemand hier ein Haus in die Luft sprengen. Gegen zehn Uhr wird er unruhig, fährt bei jedem Lärm zusammen, und endlich antwortet er auf die Frage, warum er nervös sei: Ich erwarte..... Diese Antwort wird z. B. sein Benehmen verständlich machen. Sie wird uns auch in den Stand setzen, uns seine Gedanken und Gefühle auszumalen."
67. An expectation is embedded in a situation from which it arises. The expectation of an explosion, for instance, may arise from a situation where an explosion is anticipated. The person expecting it overheard two people whispering: "Tomorrow at ten o'clock the fuse will be lit." Then he thinks: perhaps someone intends to blow up this house. Around ten, he becomes restless, starts at every noise, and finally answers the question of why he is nervous: "I expect..." This response, for example, will make his behavior comprehensible. It will also enable us to imagine his thoughts and feelings."
68. Die Erfüllung der Erwartung besteht nicht darin, daß ein Drittes geschieht, das man, außer eben als »die Erfüllung dieser Erwartung« auch noch anders beschreiben könnte, also z. B. als cin Gefühl der Befriedigung, oder der Freude, oder wie immer. Die Erwartung, daß etwas der Fall sein wird, ist das gleiche wie die Erwartung der Erfüllung jener Erwartung. [Randbemer- kang: Erwartung dessen was nicht ist.]**
68. The fulfillment of expectation does not consist in a third thing happening that could be described otherwise than as "the fulfillment of this expectation" — say, as a feeling of satisfaction, joy, or the like. Expecting that something will be the case is the same as expecting the fulfillment of that expectation. [Marginal note: Expectation of what is not.]**
69. Sokrates zu Theaitetos: »Und wer vorstellt, solite nicht erwas vorstellen?«—Th.: »Notwendig.«—Sok.: »Und wer etwas vorstellt, nichts Wirkliches?«—Th.: »So scheint es.«***
69. Socrates to Theaetetus: "And whoever imagines, must he not imagine something?" — Th.: "Necessarily." — Soc.: "And whoever imagines something, nothing real?" — Th.: "So it seems."***
Setzen wir in diesem Argument statt des Wortes »vorstellen« etwa das Wort »töten«, so gibt es eine Regel für den Gebrauch dieses Worts; es hat keinen Sinn zu sagen »Ich töte etwas, was nicht existiert.« Ich kann mir einen Hirsch auf dieser Wiese vorstellen, der nicht da ist, aber keinen töten, der nicht da ist. Und »sich einen Hirsch auf dieser Wiese vorstellen« heißt: sich vorstellen, daß ein Hirsch da ist. Einen Hirsch töten aber heißt nicht: töten, daß etc. Wenn aber jemand sagt »Damit ich mir cinen Hirsch vorstellen kann, muß es ihn doch in einem gewissen Sinne geben«—so ist die Antwort: nein, es muß ihn dazu in keinem Sinne geben. Und wenn geantwortet würde: »Aber die braune Farbe z. B. muß es doch geben, damit ich sie mir vorstel- len kann«,—so ist zu sagen: »es gibt die braune Farbe« heißt überhaupt nichts; aufßer etwa, daß sie da oder dort als Färbung eines Gegenstands vorhanden ist; und das ist nicht nötig, damit ich mir einen braunen Hirsch vorstellen kann.
If we substitute the word "kill" for "imagine" in this argument, there is a rule for the use of this word; it makes no sense to say "I kill something that does not exist." I can imagine a deer in this meadow that is not there, but I cannot kill one that is not there. And "imagining a deer in this meadow" means imagining that a deer is there. But killing a deer does not mean "killing that..." If someone says, "For me to imagine a deer, it must in some sense exist," the answer is: no, it need not exist in any sense. And if the reply were: "But the color brown, for example, must exist for me to imagine it," — the response is: "the color brown exists" means nothing at all, except perhaps that it is present here or there as the color of an object; and this is not necessary for me to imagine a brown deer.
* S. Plulosaphosche Untersuchungen § 181. Hrsg.
* Cf. Philosophical Investigations §181. Ed.
** S. Philmophische Bemerkungen 523. Hrsg
** Cf. Philosophical Remarks 523. Ed.
*** Thranous 18ya. Hrsg.
*** Theaetetus 189a. Ed.
70. Erwas tun können, erscheint wie ein Schatten des wirkli chen Tuns, gerade wie der Sinn des Satzes als Schatten einer Tatsache, oder das Verstehen des Befehls als Schatten seiner Ausführung. Im Befehl wirft die Tatsache gleichsam ihren Schat- ten schon voraus. Dieser Schatten aber, was immer er wäre, ist nicht das Ereignis.
70. The capacity to do something appears as the shadow of actual doing, just as the meaning of a proposition appears as the shadow of a fact, or the understanding of a command as the shadow of its execution. In the command, the fact casts its shadow in advance. Yet this shadow – whatever it may be – is not the event itself.
71. Vergleiche die Anwendungen von:
71. Compare the applications of:
- Ich habe seit gestern Schmerzen..
- Ich habe ihn seit gestern erwartet..
- Ich wußte seit gestern..
- Ich kann seit gestern integrieren..
- I have been in pain since yesterday.
- I have been expecting him since yesterday.
- I have known since yesterday.
- I have been able to integrate since yesterday.
72. Der gemeinsame Unterschied aller Bewußtseinszustände von den Dispositionen scheint mir zu sein, daß man sich nicht. durch Stichproben überzeugen kann, ob sie noch andauern.
72. The common distinction between all states of consciousness and dispositions seems to me to be that one cannot verify their persistence through spot checks.
73. Man muß manchen Satz öfter lesen, um ihn als Satz zu verstehen.
73. One must often read a sentence multiple times to understand it as a sentence.
74. Ein Satz sei mir in einer Chiffre gegeben und auch ihr Schlüssel; dann ist mir natürlich in einer Beziehung alles zum Verständnis des Satzes gegeben. Und doch würde ich auf die Frage -Verstehst du diesen Satz? antworten: Nein, noch nicht; ich muß ihn erst entziffern. Und erst, wenn ich ihn, z. B., ins Deutsche übertragen hätte, würde ich sagen Jetzt verstehe ich ihn.
74. Suppose a sentence is given to me in cipher along with its key; then, in one respect, everything required to understand the sentence is provided. Yet to the question "Do you understand this sentence?" I would reply: "No, not yet; I must first decipher it." Only after translating it into German, for instance, would I say: "Now I understand it."
Wenn man nun die Frage stellt In welchem Moment der Übertragung verstehe ich nun den Satz?, würde man einen Einblick in das Wesen dessen erhalten, was wir verstehen- nennen.
75. Ich kann auf den Verlauf meiner Schmerzen achten; aber nicht ebenso auf den meines Glaubens, meiner Übersetzung, oder meines Wissens.
If one were to ask: "At what moment during the translation do I now understand the sentence?" one would gain insight into the essence of what we call understanding.
75. I can attend to the course of my pain, but not similarly to that of my belief, my translation, or my knowledge.
76. Man kann die Fortdauer einer Erscheinung durch unun- terbrochene Beobachtung feststellen, oder durch Proben. Das Beobachten der Dauer kann ununterbrochen, oder unterbro- chen sein.
76. The persistence of a phenomenon can be established through uninterrupted observation or through sampling. Observing duration can be continuous or intermittent.
77. Wie beobachte ich mein Wissen, meine Meinungen? Und andererseits, ein Nachbild, einen Schmerz? Gibt es ein ununter- brochenes Beobachten meiner Fähigkeit, die Multiplikation... auszuführen?
77. How do I observe my knowledge, my opinions? On the other hand, how do I observe an afterimage or a pain? Is there such a thing as uninterrupted observation of my ability to perform multiplication?
78. Ist -Ich hoffe.... eine Beschreibung eines Seelenzustan- des? Ein Seelenzustand hat eine Dauer. Ich habe den ganzen Tag gehofft.... ist also so eine Beschreibung. Sage ich aber Einem -Ich hoffe, du kommst- wie, wenn er mich fragte -Wie lange hoffst du es? Ist die Antwort: -Ich hoffe, während ich's sage-? Angenommen ich hätte auf diese Frage irgendeine Ant- wort, wäre sie nicht für den Zweck der Worte -Ich hoffe, du wirst kommen- ganz irrelevant?
78. Is "I hope..." a description of a mental state? A mental state has duration. "I have hoped all day..." is such a description. But if I say to someone "I hope you'll come," and they ask, "How long have you hoped this?" would the answer be: "I hope it while I say it"? Suppose I had some answer to this question – would it not be entirely irrelevant to the purpose of the words "I hope you'll come"?
79. Man sagt -Ich hoffe, du wirst kommen-, aber nicht -Ich glaube: ich hoffe, du wirst kommen-; wohl aber wäre es möglich zu sagen: -Ich glaube, ich hoffe noch immer, er werde kommen-.
79. One says "I hope you'll come," but not "I believe: I hope you'll come"; though it might be possible to say: "I believe I still hope he will come."
80. Was ist die Vergangenheitsform von Nicht wahr, du kommst!?
80. What is the past tense of "You're coming, aren't you?"
81. Wo es echte Dauer gibt, da kann man Einem sagen: Merk auf und gib mir ein Zeichen, wenn das Erlebte (das Bild, das Geräusch, etc.) sich ändert..
81. Where genuine duration exists, one can say: "Pay attention and signal me when what is experienced (the image, the sound, etc.) changes."
Es gibt da überhaupt ein Aufmerken. Während man nicht das Vergessen des Gewußten, u. dergl., mit der Aufmerksamkeit verfolgen kann. (Stimmt nicht, denn man kann auch die eigenen Vorstellungen nicht mit der Aufmerksamkeit verfolgen.)
Here there is such a thing as attending. Whereas one cannot track the forgetting of knowledge, etc., through attention. (This is incorrect, for one cannot track one's own imaginings through attention either.)
82. Denk an das Sprachspiel: Bestimm mit der Stoppuhr, wie lange der Eindruck dauert. Man könnte so nicht die Dauer des Wissens, Könnens, Verstehens bestimmen.
82. Consider the language-game: Determine with a stopwatch how long the impression lasts. One could not determine the duration of knowledge, ability, or understanding in this way.
83. Aber die Verschiedenheit von Wissen und Hören liegt doch nicht einfach in so einem Merkmal, wie die Art ihrer Dauer. Sie sind doch ganz und gar grundverschieden! Freilich. Aber man kann eben nicht sagen: Wisse und höre, und du wirst den Unterschied merken!
83. Yet the difference between knowing and hearing does not lie merely in such a feature as the nature of their duration. They are utterly distinct! Certainly. But one cannot simply say: "Know and hear, and you'll notice the difference!"
84. Schmerz ist ein Bewußtseinszustand, Verstehen nicht..
84. Pain is a state of consciousness; understanding is not.
Nun, ich fühle eben das Verstehen nicht. Aber diese Erklärung taugt nicht. Es wäre auch keine Erklärung zu sagen: Was man in irgendeinem Sinne fühlt, ist ein Bewußtseinszu- stand. Das hieße ja nur: Bewußtseinszustand Gefühl. (Man hätte nur ein Wort durch ein anderes ersetzt.)
Well, I simply do not feel the understanding. But this explanation is inadequate. Nor would it suffice to say: "What is felt in any sense is a state of consciousness." This would merely mean: "State of consciousness = feeling." (One would have replaced one word with another.)
85. Man sagt wohl überhaupt kaum, man habe etwas seit gestern »ununterbrochen« geglaubt, verstanden, beabsichtigt. Eine Unterbrechung des Glaubens wäre eine Zeit des Unglau- bens, nicht z. B. die Abwendung der Aufmerksamkeit von dem Geglaubten, z. B. der Schlaf.
85. One hardly ever says that one has "uninterruptedly" believed, understood, or intended something since yesterday. An interruption of belief would be a period of disbelief, not, for instance, diverting attention from what is believed, as in sleep.
(Unterschied zwischen »knowing« und »being aware of.«)
(Difference between "knowing" and "being aware of.")
86. Das Wichtigste ist hier dies: es besteht ein Unterschied; man merkt den Unterschied, »der ein kategorischer ist« – ohne sagen zu können, worin er besteht. Das ist der Fall, in dem man gewöhnlich sagt, man erkenne den Unterschied eben durch In- trospektion.
86. The crucial point here is this: there is a difference; one notices the difference, "which is categorical" – without being able to say wherein it consists. This is the case where one typically claims to discern the difference through introspection.
87. Das ist wohl der Punkt, an dem man sagt, man könne dem Andern eben nur die Form mitteilen, nicht aber den Inhalt. – So redet man also zu sich selbst über den Inhalt! – (Wie beziehen sich aber meine Worte auf den mir bewußten Inhalt? und zu welchem Zweck?)
87. This is likely the point at which one says that only the form can be communicated to others, not the content. – Thus one speaks to oneself about the content! – (But how do my words relate to the content of which I am conscious? And to what purpose?)
88. Es ist sehr merkwürdig, daßß die Vorgänge beim Denken uns so gut wie nie interessieren. Es ist merkwürdig, aber nicht seltsam.
88. It is remarkable that the processes of thinking interest us almost never. It is remarkable, but not strange.
89. ((Gedanken, gleichsam nur Winke.))*
89. ((Thoughts, as it were, mere hints.))*
* Im Original steht dieser Satz in eckigen Klammern. Diese wurden hier wie auch sonst durch doppelte Klammern ersetzt. Hrsg.
* In the original, this sentence appears in square brackets. These have been replaced here (as elsewhere) by double parentheses. Ed.
Ist es hier nicht wie beim Kunstrechner? – Er hat richtig gerechnet, wenn das Richtige herauskam. Was in ihm vorging, kann er vielleicht selbst nicht sagen. Und hörten wir's, soerschiene es vielleicht wie ein seltsames Zerrbud einer Rech- nung.
Is it not like the case of a calculating prodigy here? – He calculated correctly if the correct result emerged. What went on inside him he perhaps cannot say himself. And were we to hear it, it would perhaps appear as a strange caricature of calculation.
90. Was weiß ich von den inneren Vorgängen Eines, der mit Aufmerksamkeit einen Satz liest? Und kann er mir sie beschrei ben, nachdem er's getan hat; und ist, was er etwa beschreibt, eben der charakteristische Vorgang der Aufmerksamkeit?
90. What do I know of the inner processes of someone reading a sentence attentively? And can he describe them to me afterward; and is what he perhaps describes precisely the characteristic process of attention?
91. Frage: Welche Wirkung will ich erzielen, wenn ich Einem sage Lies aufmerksam!? Etwa, daß ihm das und jenes auffällt, er davon berichten kann. Wieder könnte man, glaube ich, sagen, daßß, wer einen Satz mit Aufmerksamkeit liest, oft von Vorgängen in seinem Geist, Vorstellungen etwa, wird berichten können. Aber das heißt nicht, daß diese Vorgänge -Aufmerksamkeit hießen.
91. Question: What effect do I want to achieve by telling someone "Read attentively!"? Perhaps that he notices this and that, and can report on it. Again, I believe one could say that someone who reads a sentence attentively will often be able to report on processes in his mind, such as mental images. But this does not mean that these processes are called "attention."
92. Hast du den Satz denkend gelesen? - Ja, ich habe ihn denkend gelesen; jedes Wort war mir wichtig.
92. Did you read the sentence thoughtfully? – Yes, I read it thoughtfully; every word was important to me.
Das ist nicht das gewöhnliche Erlebnis. Man hört sich fur gewöhnlich nicht halb erstaunt etwas reden; folgt der eigenen Rede nicht mit der Aufmerksamkeit; denn man redet für gewöhnlich eben willkürlich, nicht unwillkürlich.
This is not the ordinary experience. One does not usually hear oneself speaking half-astonished; does not follow one's own speech with attention; for one usually speaks voluntarily, not involuntarily.
*Erlebnis im Typoskript durchgestrichen. Hrsg.
*Erlebnis [experience] crossed out in the typescript. Ed.
93. Wenn ein sonst normaler Mensch unter normalen Umständen ein normales Gespräch führt, und ich gefragt würde, wie sich in so einem Falle der Denkende vom Nichtden- kenden unterschiede, ich wüßte nicht zu antworten. Und ich könnte gewiß nicht sagen, daß der Unterschied in etwas liegt,was während des Sprechens vor sich ginge, oder nicht vor sich ginge.
93. If a normal person under normal circumstances engages in normal conversation, and I were asked how in such a case the thinking person differs from the non-thinking one, I would not know how to answer. And I certainly could not say that the difference lies in something that occurred or did not occur during speaking.
94. Die Grenzlinie zwischen »denken« und »nicht denken«, die hier gezogen würde, liefe zwischen zwei Zuständen, die sich durch nichts einem Spiel der Vorstellungen auch nur Ähnliches unterschieden. (Denn das Spiel der Vorstellungen ist ja doch das Vorbild, wonach man sich das Denken denken möchte.)
94. The boundary line drawn here between "thinking" and "not thinking" would separate two states that differ in nothing even remotely resembling a play of mental images. (For the play of mental images is after all the model according to which one might imagine thinking.)
95. Nur unter ganz speziellen Umständen tritt die Frage auf, ob denkend geredet wurde, oder nicht.
95. The question of whether speech was thoughtful or not arises only under very special circumstances.
96. Ja, wenn man von einer Erfahrung des Denkens spricht, so ist die Erfahrung des Redens so gut wie jede andere. Aber der Begriff »denken« ist kein Erfahrungsbegriff. Denn man vergleicht Gedanken nicht, wie man Erfahrungen vergleicht.
96. Indeed, if one speaks of an experience of thinking, the experience of speaking is as good as any other. But the concept "thinking" is not an experiential concept. For one does not compare thoughts as one compares experiences.
97. Was man nachmacht, ist etwa der Ton der Rede, die Miene, und dergl., und das genügt uns. Das beweist, daß bier die wichtigen Begleitphänomene der Rede liegen.
97. What one imitates is perhaps the tone of speech, facial expressions, and the like, and this suffices for us. This proves that here lie the important concomitant phenomena of speech.
* Philamphuche Unterschungen §. Hrsg.
* Philamphuche Untersuchungen §. Ed.
98. Sagen wir, es denke jeder, der sinnvoll spricht? Z. B. der Bauende im Sprachspiel No. 2? Könnten wir uns nicht das Bauen und Rufen der Wörter, etc., in einer Umgebung denken, in der wir es mit einem Denken nicht im entferntesten in Zusam- menhang brächten?99. (Zum Sprachspiel No. 2)" -Du setzt eben stillschweigend schon voraus, daß diese Menschen denken; daß sie in dieser Beziehung den uns bekannten Menschen gleichen; daß sie jenes Sprachspiel nicht rein mechanisch betreiben. Denn stelltest du dir vor, sie täten's, so würdest du's selbst nicht den Gebrauch einer rudimentären Sprache nennen.
98. Shall we say that everyone who speaks meaningfully thinks? For instance, the builder in language-game No. 2? Could we not imagine the building and calling out of words, etc., in a context where we would not connect it with thinking in the slightest?
Was soll ich nun dem antworten? Es ist natürlich wahr, das Leben jener Menschen muß dem unsern in vieler Beziehung gleichen, und ich habe über diese Ähnlichkeiten nichts gesagt. Das Wichtige aber ist, dafß ihre Sprache, wie auch ihr Denken, rudimentär sein kann, daß es ein primitives Denken gibt, wel- ches durch ein primitives Verhalten zu beschreiben ist. Die Umgebung ist nicht die Denkbegleitung des Sprechens.
99. (To language-game No. 2) – "You are tacitly already assuming that these people think; that they resemble the humans we know in this respect; that they do not engage in this language-game purely mechanically. For were you to imagine them doing so, you yourself would not call it the use of a rudimentary language."
What should I reply now? It is of course true that the life of these people must resemble ours in many respects, and I have said nothing about these similarities. The crucial point, however, is that their language, like their thinking, can be rudimentary, that there is a primitive thinking which can be described through primitive behavior. The environment is not the thinking accompaniment of speaking.
* Philosophische Untersuchungen §2. Hrsg.
* Philosophical Investigations §2. Ed.
100. Denken wir uns, daß Einer eine Arbeit verrichtet, in der es ein Vergleichen, Versuchen, Wählen gibt. Er stellt etwa einen Gebrauchsgegenstand aus gewissen Materialstücken mit gegebe- nen Werkzeugen her. Immer wieder entsteht das Problem Soll ich dies Stück dazu nehmen? Das Stück wird verworfen, ein anderes versucht. Stücke werden versuchsweise zusammenge- stellt, auseinandergenommen; es wird nach einem passenden gesucht, etc., etc. Ich denke mir nun diesen ganzen Hergang gefilmt. Der Arbeitende gibt etwa auch Laute von sich, wie Hm oder Ha! Sozusagen Laute des Zögerns, des plötzlichen Findens, des Entschlusses, der Zufriedenheit, der Unzufrieden heit. Aber kein Wort wird geredet. Jene Laute mögen im Film aufgenommen werden. Der Film wird mir vorgeführt, und ich erfinde nun ein Selbstgespräch des Arbeitenden, welches zu seiner Arbeitsweise, dem Rhythmus seiner Arbeit, seinem Mie- nenspiel, seinen Gebärden und Naturlauten paßt, welches all dem entspricht. Ich lasse ihn also manchmal sagen Nein, das Stück ist zu lang, vielleicht paßt ein anderes besser. - Oder Was soll ich jetzt tun? Ich hab's!-Oder Das ist ganz gut etc.Wenn der Arbeitende reden kann, wäre es eine Verfälschung des wirklichen Vorgangs, wenn er ihn genau beschriebe und etwa sagte: -Dann dachte ich: Nein, das geht nicht; ich muß es anders versuchen. usw. obwohl er während der Arbeit nicht gespro- chen, und sich auch diese Worte nicht vorgestellt hatte?
100. Let us imagine someone performing work that involves comparing, trying, choosing. He might be making a utilitarian object from certain pieces of material with given tools. Repeatedly the problem arises: "Should I take this piece for that?" The piece is discarded, another tried. Pieces are tentatively assembled, taken apart; a suitable one is sought, etc., etc. Now imagine this entire process filmed. The worker perhaps utters sounds like "Hm" or "Ha!" – so to speak, sounds of hesitation, sudden discovery, resolution, satisfaction, dissatisfaction. But no word is spoken. These sounds might be recorded in the film. The film is shown to me, and I then invent a soliloquy of the worker that matches his working method, the rhythm of his work, his facial expressions, gestures, and natural sounds – a soliloquy corresponding to all this. Thus I sometimes have him say: "No, the piece is too long; perhaps another fits better." – Or "What should I do now? I've got it!" – Or "That's quite good," etc.
If the worker could speak, would it be a falsification of the actual process if he were to describe it accurately and say, for instance: "Then I thought: No, that won’t work; I must try it differently," etc., even though he had not spoken during the work, nor imagined these words?
Ich will sagen: Kann er nicht seine wortlosen Gedanken später in Worten wiedergeben? So zwar, daß wir, die den Arbeitsvor- gang sähen, mit dieser Wiedergabe einverstanden sein könnten? Umsomehr, wenn wir dem Mann nicht nur einmal, sondern öfters bei der Arbeit zugesehen hätten?
I want to say: Can he not later put his wordless thoughts into words? In such a way that we, who saw the working process, could agree with this rendering? All the more so if we had observed the man not just once, but repeatedly at work?
101. Wir könnten natürlich sein ›Denken‹ von der Tätigkeit nicht trennen. Das Denken ist eben keine Begleitung der Arbeit; so wenig, wie der denkenden Rede.
101. Of course, we could not separate his ›thinking‹ from the activity. Thinking is precisely not an accompaniment of the work; any more than of thoughtful speech.
102. Wenn wir Wesen bei der Arbeit sähen, deren Arbeits- rhythmus, deren Mienenspiel, etc., dem unsern ähnlich wäre, nur daß sie nicht sprächen, dann würden wir vielleicht sagen, sie dächten, überlegten, machten Entscheidungen. Es wäre eben da viel, was dem Tun des gewöhnlichen Menschen entspricht. Und es ist nicht zu entscheiden, wie genau die Entsprechung sein mufß, damit wir den Begriff ›denken‹ auch bei ihnen anzuwenden ein Recht haben.
102. If we saw beings at work whose work rhythm, facial expressions, etc., resembled ours, except that they did not speak, we might say they think, deliberate, make decisions. Here there would simply be much that corresponds to the actions of ordinary humans. And it cannot be decided how exact the correspondence must be for us to have the right to apply the concept ›thinking‹ to them too.
103. Und wozu sollen wir auch diese Entscheidung fällen? Wir werden einen wichtigen Unterschied machen zwischen Wesen, die eine Arbeit, selbst eine komplizierte, mechanisch-zu verrichten lernen können, und solchen, die bei der Arbeit pro- bieren, vergleichen. Was aber ›probieren‹ und ›vergleichen‹ zu nennen ist, kann ich nur wieder an Beispielen erklären, und diese Beispiele werden unserm Leben, oder einem, das dem unsern ähnlich ist, entnommen sein.104. Hat er, etwa spielend, oder durch Zufall eine Kombina tion gemacht, und verwendet sie nun als Methode, das und jenes zu tun, so werden wir sagen, er denke. Beim Uberlegen würde er Mittel und Wege an seinem geistigen Auge vorbeiziehen las sen. Aber dazu muß er schon welche im Vorrat haben. Das Denken gibt ihm die Möglichkeit zur Vervollkommnung seiner Methoden. Oder vielmehr: Er denkt, wenn er in bestimmter Art und Weise seine Methode vervollkommnet. Randbemer- kung: Wie schaut denn das Forschen aus?]
103. And why should we even make this decision? We will draw an important distinction between beings who can learn to perform work, even complex work, mechanically, and those who experiment and compare while working. But what is to be called ›experimenting‹ and ›comparing‹ I can only explain again through examples, and these examples will be drawn from our life or one similar to ours.104. If someone, perhaps playfully or by accident, has created a combination and now uses it as a method to accomplish this or that, we will say he thinks. In deliberating, he would let means and methods pass before his mind’s eye. But for this, he must already have some in reserve. Thinking gives him the possibility to perfect his methods. Or rather: He thinks when he perfects his method in a specific way. [Marginal note: How does researching look then?]
ιος. Man könnte auch sagen: Einer denkt, wenn er in bestimmter Weise lernt.
105. One could also say: Someone thinks when he learns in a specific manner.
106. Und auch dies (könnte man sagen): Wer bei der Arbeit denkt, der wird oft Hilfstätigkeiten in sie einschalten. Das Wort -denken nun bezeichnet nicht diese Hilfstätigkeiten, wie Den- ken ja auch nicht Reden ist. Obwohl der Begriff denken nach Art einer imaginären Hilfstätigkeit gebildet ist. (So wie man sagen könnte, der Begriff des Differentialquotienten sei nach Art eines idealen Quotienten gebildet.)
106. And this too (one might say): Whoever thinks while working will often interpose auxiliary activities into it. Now the word ›thinking‹ does not denote these auxiliary activities, just as thinking is not speaking. Although the concept of thinking is formed in the manner of an imaginary auxiliary activity. (Just as one might say the concept of the differential quotient is formed in the manner of an ideal quotient.)
107. Diese Hilfstätigkeiten sind nicht das Denken; aber man stellt sich das Denken vor als den Strom, der unter der Oberflä che dieser Hilfsmittel fließen muß, wenn sie nicht doch nur mechanische Handlungen sein sollen.
107. These auxiliary activities are not thinking; but one imagines thinking as the stream that must flow beneath the surface of these auxiliary means, if they are not to remain mere mechanical actions.
108. Nimm an, es handle sich um Wesen (menschenähnliche Tiere), die wir als Sklaven benützen, kaufen und verkaufen. Sie können nicht sprechen lernen, wohl aber kann man die begab- tern unter ihnen zu, oft recht komplizierten, Arbeiten erziehen;und manche von diesen arbeiten »denkend«, andre blofi mecha nisch. Für einen Denkenden zahlen wir mehr, als für einen bloß mechanisch Geschickten.
108. Suppose we are dealing with beings (human-like animals) whom we use as slaves, buy and sell. They cannot learn to speak, yet the more gifted among them can be trained to perform often quite complicated tasks; and some of these work ›thoughtfully‹, others merely mechanically. We pay more for a thinker than for one who is merely mechanically adept.
109. Wenn es nur ganz wenige Menschen gäbe, die die Ant- wort auf eine Rechenaufgabe finden könnten, ohne zu sprechen, oder zu schreiben, könnte man diese nicht zum Zeugnis anfüh- ren dafür, daß man auch ohne Zeichen rechnen könne. Weil es nämlich nicht klar wäre, daß diese Leute überhaupt »rechnen«. Ebenso kann auch das Zeugnis des Ballard (bei James) einen nicht davon überzeugen, daß man denken könne ohne Sprache.
109. If there were only very few people who could find the answer to an arithmetic problem without speaking or writing, one could not cite them as evidence that one can calculate without signs. For it would not be clear whether these people were ›calculating‹ at all. Similarly, Ballard’s testimony (in James) cannot convince us that one can think without language.
Ja, warum soll man, wo keine Sprache gebraucht wird, vom »denken« reden? Tut man's, so zeigt das eben etwas über den Begriff des Denkens.
Indeed, why should one speak of ›thinking‹ where no language is used? If one does so, this very fact reveals something about the concept of thinking.
110. »Denken«, ein weit verzweigter Begriff. Ein Begriff, der viele Lebensäußerungen in sich verbindet. Die Denkphänomene liegen weit auseinander.
110. ›Thinking‹ – a widely branching concept. A concept that combines many expressions of life within itself. The phenomena of thinking lie far apart.
111. Wir sind auf die Aufgabe gar nicht gefaßt, den Gebrauch des Wortes »denken«, z. B., zu beschreiben. (Und warum soll- ten wir's sein? Wozu ist so eine Beschreibung nütze?)
111. We are not at all prepared for the task of describing, say, the use of the word ›thinking‹. (And why should we be? What purpose does such a description serve?)
Und die naive Vorstellung, die man sich von ihm macht, entspricht gar nicht der Wirklichkeit. Wir erwarten uns eine glatte, regelmäßige Kontur, und kriegen eine zerfetzte zu sehen. Hier könnte man wirklich sagen, wir hätten uns ein falsches Bild gemacht. [Randbemerkung: Bemerkung über Fragment.]
And the naive conception one forms of it does not correspond to reality at all. We expect a smooth, regular contour but find a tattered one. Here one could truly say we have formed a false picture. [Marginal note: Remark about fragment.]
Im Original fälschlich -Barnard- Hrsg
Incorrectly rendered as ›Barnard‹ in the original. Ed.
112. Es ist von diesem Wort nicht zu erwarten, daß es eine einheitliche Verwendung habe; es ist vielmehr das Gegenteil zu erwarten.
112. One cannot expect this word to have a uniform use; rather, the opposite is to be expected.
113. Woher nehmen wir den Begriff »denken«, den wir hier betrachten wollen? Aus der Alltagssprache. Was unsrer Auf- merksamkeit zuerst ihre Richtung gibt, ist das Wort »denken«. Aber der Gebrauch dieses Worts ist verworren. Und wir können es nicht anders erwarten. Und das läßt sich natürlich von allen psychologischen Verben sagen. Ihre Verwendung ist nicht so klar, und so leicht zu übersehen, wie die der Wörter der Mecha- nik z. B.
113. From where do we take the concept ›thinking‹ that we wish to examine here? From everyday language. What first directs our attention is the word ›thinking‹. But the use of this word is confused. And we cannot expect otherwise. This naturally holds true for all psychological verbs. Their application is not as clear or as easily surveyed as that of words in mechanics, for example.
114. Man lernt das Wort »denken«, d.i. seinen Gebrauch, unter gewissen Umständen, die man aber nicht beschreiben lernt.
114. One learns the word ›thinking‹ – that is, its use – under certain circumstances, which, however, one does not learn to describe.
115. Aber ich kann einen Menschen den Gebrauch des Wor- tes lehren! denn dazu ist ein Beschreiben jener Umstände nicht nötig.
115. But I can teach a person the use of the word! For this, describing those circumstances is unnecessary.
116. Ich lehre ihn eben das Wort unter bestimmten Um- ständen.
116. I simply teach him the word under specific circumstances.
117. Man lernt es etwa nur vom Menschen sagen, es von ihm behaupten, oder leugnen. Die Frage »Denkt ein Fisch?« muß unter seinen Sprachanwendungen nicht existieren, nicht gestellt werden. (Was kann natürlicher sein, als so ein Zustand; so eine Sprachverwendung?)118. -An diesen Fall hat niemand gedacht- kann man sagen. Ich kann zwar nicht die Bedingungen aufzählen, unter denen das Wort »denken« zu gebrauchen ist, - aber, wenn ein Umstand den Gebrauch zweifelhaft macht, so kann ich's sagen, und auch, wie die Lage von der gewöhnlichen ab- weicht.
117. One learns to say it only of humans, to assert or deny it of them. The question ›Does a fish think?‹ need not exist within their linguistic practices, need not be posed. (What could be more natural than such a state; such a linguistic usage?)118. ›No one had thought of this case‹ – one might say. Although I cannot enumerate the conditions under which the word ›thinking‹ is to be used – yet if a circumstance makes the use doubtful, I can say so, and also how the situation deviates from the usual.
119. Wenn ich in einem bestimmten Zimmer eine bestimmte Tätigkeit auszuführen gelernt habe (das Aufräumen des Zimmers etwa) und diese Technik beherrsche, so folgt doch nicht, daß ich bereit sein müsse, die Einrichtung des Zimmers zu beschreiben; auch wenn ich jede Veränderung in ihr gleich merken würde und auch sofort beschreiben könnte.
119. If I have learned to perform a certain activity in a certain room (tidying the room, say) and master this technique, it does not follow that I must be prepared to describe the room’s arrangement; even if I would immediately notice any change in it and could describe it at once.
120. -Dieses Gesetz wurde nicht in Voraussicht solcher Fälle gegeben.- Ist es darum sinnlos?
120. ›This law was not given in anticipation of such cases.‹ – Is it therefore meaningless?
121. Es wäre doch sehr wohl denkbar, daß Einer sich genau in einer Stadt auskennt, d.h., von jedem Ort der Stadt zu jedem andern mit Sicherheit den kürzesten Weg fände, - und dennoch ganz außer Stande wäre, einen Plan der Stadt zu zeichnen. Daß er, sobald er es versucht, nur gänzlich Falsches hervorbringt. (Unser Begriff vom »Instinkt«.)
121. It would be entirely conceivable that someone knows his way around a city perfectly – i.e., could find the shortest route from any point to any other with certainty – yet be utterly incapable of drawing a map of the city. That whenever he tries, he produces only complete falsehoods. (Our concept of ›instinct‹.)
122. Bedenke, unsere Sprache könnte verschiedene Wörter besitzen: fürs »laute Denken«; fürs denkende Selbstgespräch in der Vorstellung; fürs Innehalten, wobei irgend etwas uns vor- schwebt, woraufhin wir aber die Antwort mit Sicherheit geben können.Ein Wort für den Gedanken, der im Satz ausgedrückt ist; cines für den Gedankenblitz, den ich später in Worte kleiden kann, eins für das denkende Arbeiten ohne Worte.
122. Consider that our language might possess distinct words: for "thinking aloud"; for the thinking soliloquy in imagination; for pausing while something hovers before us from which we can confidently derive the answer. One word for the thought expressed in the proposition; another for the flash of insight later articulable in words; another for wordless intellectual labor.
123. Denken ist eine geistige Tätigkeit. Denken ist keme körperliche Tätigkeit. Ist Denken eine Tätigkeit? Nun, man kann Einem befehlen denk darüber nach!-. Wenn aber Einer in Befolgung dieses Befehls zu sich selbst oder auch zum Andern spricht, verrichtet er da zwei Tätigkeiten?
123. Thinking is a mental activity. Thinking is not a bodily activity. Is thinking an activity? Well, one can command "think it over!" – But if someone complies by speaking to themselves or others, are they thereby performing two activities?
124. Die Anteilnahme an dem Gesprochenen hat ihre spezifi- schen Zeichen. Sie hat auch ihre spezifischen Folgen und Vorbe- dingungen. Die Anteilnahme ist ein Erlebtes: man sagt sie von sich selbst nicht auf Grund einer Beobachtung aus. Sie ist keine Begleitung des Gesprochenen. Wodurch wäre, was den Satz begleitet, eine Anteilnahme am Inhalt dieses Satzes? (Logische Bedingung.)
124. Engagement with what is spoken has its specific signs. It also has its specific consequences and prerequisites. Engagement is an experience: one does not report it about oneself through observation. It is not an accompaniment to speech. How could what accompanies the proposition constitute engagement with its content? (Logical condition.)
125. Vergleiche das Phänomen des Denkens mit dem Phäno- men des Brennens! Kann nicht das Brennen, die Flamme, uns rätselhaft erscheinen? Und warum die Flamme mehr als der Tisch? - Und wie klärst du dieses Rätsel auf?
125. Compare the phenomenon of thinking with the phenomenon of combustion! Cannot combustion, the flame, appear enigmatic to us? And why should flame seem more mysterious than a table? – How would you resolve this enigma?
Und wie soll nun das Rätsel des Denkens aufgelöst werden?- Wie das der Flamme?
And how then should the riddle of thinking be dissolved? – Like that of flame?
126. Ist die Flamme nicht rätselhaft, weil sie ungreifbar ist? Wohl aber warum macht sie das rätselhaft? Warum soll das Ungreifbare rätselhafter sein als das Greifbare? Außer, weil wir es greifen wollen. -
126. Is flame not enigmatic precisely because it is intangible? Yet why should intangibility render it more mysterious than the tangible? Unless because we desire to grasp it. –
127. Man sagt, die Seele verläßt den Körper. Um ihr dann aber jede Ähnlichkeit mit dem Körper zu nehmen, und damit man beileibe nicht denkt, es sei irgendein gasförmiges Ding gemeint, sagt man, die Seele ist unkörperlich, unräumlich; aber mit dem Worte -verläßt hat man schon alles gesagt. Zeige mir, wie du das Wort seelisch gebrauchst, und ich werde sehen, ob die Seele unkörperlich ist, und was du unter Geist ver- stehst.
127. It is said that the soul departs the body. But to strip it of all bodily resemblance – lest one imagine some gaseous substance – we declare the soul incorporeal, non-spatial; yet the word "departs" already implies spatiality. Show me how you use the word "psychical," and I shall discern whether the soul is "incorporeal" and what you mean by "spirit."
128. Ich bin geneigt, vom Leblosen zu reden als von einem, dem etwas abgeht. Ich sehe das Leben unbedingt als ein Plus an, als etwas dem Leblosen Hinzugefügtes. (Psychologische Atmo sphäre.)
128. I am inclined to speak of the inanimate as lacking something. I unhesitatingly regard life as a surplus, as something superadded to the inanimate. (Psychological atmosphere.)
129. Man sagt vom Tisch und Stuhl nicht: er denkt jetzt, noch er denkt jetzt nicht, noch er denkt nie; auch von der Pflanze nicht, auch vom Fisch nicht, kaum vom Hund; aber vom Menschen. Und auch nicht von allen Menschen.
129. We do not say of tables and chairs: "it is thinking now," nor "it is not thinking now," nor "it never thinks"; nor of plants, scarcely of fish, barely of dogs – but of humans. And not even of all humans.
-Ein Tisch denkt nicht ist nicht vergleichbar einer Aussage wie Ein Tisch wächst nicht. (Ich wüßte gar nicht, wie das wäre, wenn ein Tisch dächte.) Und hier gibt es offenbar einen graduellen Übergang zu dem Fall des Menschen.
"A table does not think" is not analogous to a statement like "A table does not grow." (I cannot conceive what it would be for a table to think.) Here we observe a gradual transition to the human case.
130. Man redet nur vom denken unter ganz bestimmten Umständen.
130. We speak of "thinking" only under quite specific circumstances.
131. Wie können denn der Sinn und die Wahrheit (oder die Wahrheit und der Sinn) der Sätze zugleich zusammenbrechen? (Mit einander stehen und fallen?)132. Und ist es nicht, als wolltest du sagen: Wenn es sich nicht so und so verhält, hat es keinen Sinn mehr, zu sagen, es verhalte sich so?
131. How can the sense and truth (or truth and sense) of propositions collapse simultaneously? (Rise and fall together?)
133. Also z.B.: Wenn immer falsch gezogen worden wäre, so hätte es keinen Sinn, von einem falschen Zug zu reden.. Aber das ist nur eine paradoxe Form, es zu sagen. Die nicht- paradoxe Form wäre: Die allgemeine Beschreibung... hat keinen Sinn..
132. Is this not as if you wanted to say: If such-and-such were not the case, it would become meaningless to say that it is so?
134. Statt man kann nicht, sage: es gibt in diesem Spiel nicht. Statt man kann im Damespiel nicht rochieren es gibt im Damespiel kein Rochieren; statt ich kann meine Empfin- dung nicht vorzeigenes gibt in der Verwendung des Worts Empfindung kein Vorzeigen dessen, was man hat; statt man kann nicht alle Kardinalzahien aufzählen es gibt hier kein Aufzählen aller Glieder..
133. Take for example: If moves had always been made incorrectly, speaking of an "incorrect move" would lose its meaning. But this is merely a paradoxical formulation. The non-paradoxical form would be: The general description... is meaningless.
135. Das Gespräch, die Anwendung und Ausdeutung der Worte fließt dahin, und nur im Fluß hat das Wort seine Bedeu- tung.
134. Instead of "one cannot," say: "there is no such thing in this game." Instead of "one cannot castle in checkers," say "there is no castling in checkers"; instead of "I cannot exhibit my sensation," say "in the use of the word 'sensation' there is no exhibiting what one has"; instead of "one cannot enumerate all cardinal numbers," say "here there is no enumerating all members."
Er ist abgereist. Warum? Was meintest du, als du das Wort warum aussprachst? Woran dachtest du?
135. The conversation, the application and interpretation of words flows onward, and only in this current does the word have meaning.
136. Denk ans Aufzeigen in der Schule. Muß Einer sich die Antwort im stillen vorgesagt haben, um mit Recht aufzeigen zu können? Und was muß in ihm dazu vorgegangen sein? - Nichts. Aber es ist wichtig, daß er für gewöhnlich eine Antwort wisse, wenn er aufzeigt; und das ist das Kriterium dafur, daß er das Aufzeigen versteht.Es muß nichts in ihm vorgegangen sein; und doch wäre der merkwürdig, der in so einem Falle nie etwas über innere Vorgänge zu berichten wüßte.
He has departed. Why? What did you mean when uttering the word "why"? What were you thinking?
136. Consider raising one’s hand in school. Must someone have silently rehearsed the answer beforehand to legitimately raise their hand? And what must have occurred within them? — Nothing. Yet it is crucial that they typically know an answer when raising their hand; this is the criterion for understanding the act of raising one’s hand. Nothing need have occurred within them; yet it would be peculiar if someone in such a situation could never report anything about internal processes.
137. Manchmal, wenn ich sage -Ich dachte damals...., kann ich berichten, daß ich mir eben diese Worte laut, oder im stillen gesagt hatte; oder wenn nicht diese, so andere Worte, wovon die gegenwärtigen eine sinngemäße Wiedergabe sind. Das kommt doch manchmal vor! Aber eben auch dies, daß meine gegenwärtigen Worte nicht eine Wiedergabe sind. Denn Wiedergabe sind sie nur, wenn sie es nach Regeln der Abbildung sind.
137. Sometimes, when I say “I thought at the time...,” I can report that I had uttered these very words aloud or silently; or if not these, then others of which the present ones are a semantically appropriate reproduction. This does happen occasionally! But equally, there are cases where my current words are not a reproduction. For they are a reproduction only if they follow rules of mapping.
138. Es scheint so, als wäre in einem Satz, der z. B. das Wort -Kugel- enthält, schon der Schatten anderer Verwendungen dieses Worts enthalten. Nämlich eben die Möglichkeit, jene andern Sätze zu bilden. - Wem scheint es so? und unter welchen Umständen?
138. It seems as though in a sentence containing, say, the word “sphere,” the shadow of other uses of this word is already present. Namely, the possibility of forming those other sentences. — To whom does it seem so? And under what circumstances?
139. Man kommt nicht davon weg, daß der Sinn des Satzes den Satz begleitet; bei dem Satz steht.
139. One cannot escape the notion that the sense of a sentence accompanies the sentence; stands beside it.
140. Man will etwa sagen: -die eine Verneinung tut dasselbe mit dem Satz, wie die andere, - sie schließt, was er beschreibt, aus.- Aber das sind nur andere Worte für eine Gleichsetzung der beiden negativen Sätze (welche nur gilt, wenn der verneinte Satz nicht selbst ein negativer Satz ist). Immer wieder der Gedanke, daß, was wir vom Zeichen sehen, nur eine Außenseite zu einem Innern ist, worin sich die eigentlichen Operationen des Sinnes und der Bedeutung abspielen."
140. One might want to say: “One negation does the same with the sentence as the other — it excludes what it describes.” But these are merely other words for equating the two negative sentences (which holds only if the negated sentence is not itself a negative one). Again and again, the thought that what we see of the sign is merely an outer surface to an interior where the real operations of sense and meaning unfold.5. Philosophical Investigations § 116. Ed.
5. Philosophische Untersuchungen § 116. Hng.
141. Unser Problem könnte man (sehr klar) so stellen: Ange nommen, wir hätten zwei Systeme der Längenmessung; eine Länge wird in beiden durch ein Zahlzeichen ausgedrückt, diesem folgt ein Wort, das das Maßß angibt. Das eine System bezeichnet eine Länge als »n Fuß«, und Fuß ist eine Längeneinheit im gewöhnlichen Sinne; im andern System wird eine Länge mit »n W« bezeichnet und 1 Fuß = W. Aber 2 W = 4 Fuß, 3 W = 9 Fuß u.s.w. - Also heißt der Satz »Dieser Stock ist W lang« dasselbe wie »Dieser Stock ist 1 Fuß lang«. Frage: Hat in diesen beiden Sätzen »W« und »Fuß« dieselbe Bedeutung?
141. Our problem could be formulated (very clearly) as follows: Suppose we have two systems of length measurement; a length is expressed in both by a numeral followed by a word indicating the unit. One system designates a length as “n feet,” where “foot” is a unit of length in the ordinary sense; the other system designates a length as “n W,” where 1 foot = W. But 2 W = 4 feet, 3 W = 9 feet, etc. — Thus, the statement “This stick is W long” means the same as “This stick is 1 foot long.” Question: Do “W” and “foot” have the same meaning in these two sentences?
142. Die Frage ist falsch gestellt. Das sieht man, wenn wir die Bedeutungsgleichheit durch eine Gleichung ausdrücken. Die Frage kann nur lauten: »Ist W = Fuß, oder nicht?« - Von den Sätzen, in denen diese Zeichen stehen, ist hier nicht die Rede. - Ebenso wenig kann man natürlich in dieser Terminologie fragen, ob »ist« hier das gleiche bedeutet, wie »ist« dort; wohl aber, ob die Kopula das gleiche bedeutet wie das Gleichheitszeichen. Nun, wir sagten ja: 1 Fuß = W; aber Fuß ≠ W.
142. The question is wrongly posed. This becomes evident when we express the equivalence of meaning through an equation. The question can only be: “Is W = foot, or not?” — The sentences in which these signs occur are not at issue here. — Similarly, one cannot properly ask in this terminology whether “is” here means the same as “is” there, though one might ask whether the copula means the same as the equality sign. Well, we did say: 1 foot = W; but foot ≠ W.
143. Man könnte sagen: in allen Fällen meint man mit »Gedanke« das Lebende am Satz. Das, ohne welches er tot, eine bloße Lautfolge oder Folge geschriebener Figuren ist.
143. One might say: In all cases, “thought” refers to the living element of the sentence. That without which it is dead, a mere sequence of sounds or written marks.
Wenn ich aber ebenso von einem Etwas spräche, welches einer Konfiguration von Schachfiguren Bedeutung gibt, d.h., sie von einer beliebigen Zusammenstellung von Holzklötzchen unter- scheidet, was könnte ich da nicht alles meinen! Die Regeln, die die Schachkonfiguration zu einer Situation eines Spiels machen; die besondern Erlebnisse, die wir mit solchen Spielstellungen verbinden; den Nutzen des Spiels.
But if I were to speak similarly of a something that gives meaning to a chess configuration — i.e., distinguishes it from an arbitrary arrangement of wooden blocks — what couldn’t I mean! The rules that make the chess configuration part of a game situation; the particular experiences we associate with such game positions; the utility of the game.
Oder wenn wir von einem Etwas sprächen, welches das Papiergeld von bloßen bedruckten Zetteln unterscheidet und ihm seine Bedeutung, sein Leben gibe!
Or if we spoke of a something that distinguishes paper money from mere printed slips and gives it its meaning, its life!
144. Wie ein Wort verstanden wird, das sagen Worte allein nicht. (Theologie.)
144. Words alone do not say how a word is understood. (Theology.)
145. Es könnte auch eine Sprache geben, in deren Verwen- dung der Eindruck, den wir von den Zeichen erhalten, keine Rolle spielt; in der es ein Verstehen im Sinne eines solchen Eindrucks nicht gibt. Die Zeichen werden uns etwa geschrieben übermittelt, und wir können sie uns nun merken. (D.h. der einzige Eindruck, von dem da die Rede ist, ist das Bild des Zeichens.) Wenn es nun ein Befehl ist, so übertragen wir nach Regeln. Tabellen, das Zeichen in Handlung. Zum Eindruck, ähnlich dem eines Bildes, kommt es nicht, und man schreibt auch nicht Geschichten in dieser Sprache.
145. There could also be a language in which the impression we receive from the signs plays no role; in which there is no understanding in the sense of such an impression. The signs are, say, transmitted to us in writing, and we can memorize them. (Here, the only impression in question is the image of the sign.) If it is a command, we translate it into action via rules and tables. No impression akin to that of a picture arises, nor are stories written in this language.
146. In diesem Fall könnte man sagen: Das Zeichen lebt nur im System.
146. In this case, one could say: The sign lives only within the system.
147. Es wäre natürlich auch denkbar, daß wir einen Satz der Wortsprache, um von ihm einen Eindruck zu erhalten, nach Regeln in ein gezeichnetes Bild übertragen müßten. (Daß erst dies Bild eine Seele hätte.)
147. It would also be conceivable that we might need to translate a sentence of word-language into a drawn picture according to rules to derive an impression from it. (As though this picture alone had a soul.)
148. Es wäre eine Sprache denkbar, in der die Bedeutungen von Worten nach bestimmten Regeln abwechselten, etwa: Vor- mittag heißt das Wort A dies, Nachmittag jenes.
148. One could imagine a language in which the meanings of words alternated according to specific rules — e.g., the word A means this in the morning and that in the afternoon.
Oder eine Sprache, in der die Wörter sich täglich änderten, indem an jedem Tag jeder Buchstabe des vorigen Tages durch den nächsten im Alphabet (und z durch a) ersetzt würde.
Or a language in which words changed daily, with each letter from the previous day replaced by the next in the alphabet (and z by a).
149. Denke dir diese Sprache: Wörter und Grammatik sind die des Deutschen, aber die Wörter im Satz stehen in der entge- gengesetzten Reihenfolge. Ein Satz dieser Sprache klingt also wie ein deutscher Satz, den man vom Schlußpunkt zum Anfang hin liest. Die Ausdrucksmöglichkeiten haben also die gleiche Man- nigfaltigkeit, wie im Deutschen. Aber was wir als Satzklang. kennen, ist vernichtet.
149. Imagine this language: Its words and grammar are identical to German, but the words in a sentence appear in reverse order. A sentence in this language thus sounds like a German sentence read backwards from the period to the beginning. The expressive possibilities remain as manifold as in German. Yet what we recognize as sentence melody is annihilated.
150. Jemand, der nicht Deutsch kann, hört mich bei gewissen Anlässen ausrufen: Welch herrliche Beleuchtung! Er errät den Sinn und gebraucht nun den Ausruf selber, wie ich es tue, ohne jedoch die drei Wörter zu verstehen. Versteht er den Ausruf?
150. Someone unfamiliar with German hears me exclaim on certain occasions: "What marvelous lighting!" They guess the meaning and now use this exclamation themselves as I do, yet without understanding the three individual words. Do they understand the exclamation?
151. Ich hatte mit Absicht ein Beispiel gewählt, in dem der Mensch einer Empfindung Ausdruck gibt. Denn in diesem Fall sagt man, Laute, die keiner Sprache angehören, seien voll von Bedeutung.
151. I deliberately chose an example where a person expresses a sensation. For in such cases, it is said that sounds not belonging to any language are saturated with meaning.
152. Wäre es ebenso leicht, sich den analogen Fall zu denken für diesen Satz: Wenn der Zug nicht pünktlich um Uhr ankommt, wird er den Anschluß versäumen? Was hieße es etwa in diesem Falle: den Sinn erraten?
152. Would it be equally easy to conceive an analogous case for this sentence: "If the train does not arrive punctually at 5 o'clock, it will miss the connection"? What might "guessing the sense" mean here?
153. Es stört uns gleichsam, daß der Gedanke eines Satzes in keinem Moment ganz vorhanden ist. Wir sehen ihn wie einen Gegenstand an, den wir erzeugen und nie ganz besitzen, denn kaum entsteht ein Teil, so verschwindet ein anderer.
153. We are disturbed, as it were, by the fact that the thought of a sentence is never fully present at any moment. We view it like an object we produce but never fully possess, for as one part emerges, another vanishes.
154. (Zu No. 130) Man kann sich leicht eine Sprache vorstellen, in der Menschen ein einziges Wort für jenen Ausruf benutzen. Aber wie wäre es mit einem Wort für den Satz »Wenn der Zug....«? In was für einem Fall würden wir sagen, daß das Wort tatsächlich für diesen Satz steht?
154. (To No. 130) One can easily imagine a language where people use a single word for that exclamation. But how about a word for the sentence "If the train..."? Under what circumstances would we say the word truly stands for this sentence?
Etwa in diesem: Die Leute benützten anfänglich einen Satz wie den unsern; dann aber traten Umstände ein, in denen der Satz so häufig ausgesprochen werden mußte, daß sie ihn zu einem Wort zusammenzogen. Diese Leute könnten also noch das Wort durch den Satz erklären.
Perhaps this: Initially, people used a sentence like ours; then circumstances arose requiring its frequent utterance, leading them to contract it into a single word. These people could still explain the word through the original sentence.
Aber kann es auch den Fall geben, in dem Leute nur ein Wort für jenen Sinn besäßen, also für jenen Gebrauch? Warum nicht? Man muß sich vorstellen, wie Einer den Gebrauch dieses Wortes lernt, und unter welchen Umständen wir sagen würden, daß das Wort wirklich jenen Satz vertritt.
But could there also be a case where people possess only a single word for that meaning, i.e., for that usage? Why not? One must imagine how someone learns the use of this word and under what circumstances we would say the word truly represents that sentence.
Bedenk aber dies: In unserer Sprache sagt jemand »Er kommt um 5 Uhr an«; ein Andrer antwortet »Nein, 10 Minuten nach 5«. Gibt es diese Art Gespräch auch in der andern Sprache? Darum sind Sinn und Bedeutung vage Begriffe.
Consider this: In our language, someone says "He arrives at 5 o'clock"; another replies "No, 10 minutes past 5." Does this kind of exchange exist in the other language? Hence, sense and meaning are vague concepts.
155. Worte eines Dichters können uns durch und durch gehen. Und das hängt, kausal, natürlich mit dem Gebrauch zusammen, den sie in unserm Leben haben. Und es hängt auch damit zusammen, daß wir, diesem Gebrauch gemäß, unsere Gedanken dorthin und dahin in die wohlbekannte Umgebung der Worte schweifen lassen.
155. A poet's words can pierce us profoundly. This is causally connected, of course, to the use they have in our lives. It also relates to how, following this use, our thoughts wander hither and thither into the familiar surroundings of the words.
156. Gibt es einen Unterschied der Bedeutung, der sich erklären läßt, und einen, der in einer Erklärung nicht zutage tritt?
156. Is there a difference in meaning that can be explained and another that remains hidden in explanation?
157. Der seelenvolle Ausdruck in der Musik, er ist doch nicht nach Regeln zu erkennen. Und warum können wir uns nicht vorstellen, dafß er's für andere Wesen wäre?
157. The soulful expression in music—it cannot be recognized by rules. And why could we not imagine it being so for other beings?
158. Wenn dir plötzlich ein Thema, eine Wendung, etwas sagt, so brauchst du dir's nicht erklären zu können. Es ist dir plötzlich auch diese Geste zugänglich.
158. If a theme or phrase suddenly speaks to you, you need not be able to explain it. Even this gesture becomes accessible to you abruptly.
159. Du redest doch vom Verstehen der Musik. Du verstehst sie doch, während du sie hörst! Sollen wir davon sagen, es sei ein Erlebnis, welches das Hören begleite?
159. You speak of understanding music. You understand it while hearing it! Should we call this an experience accompanying the hearing?
160. Das Sprechen der Musik. Vergiß nicht, daß ein Gedicht, wenn auch in der Sprache der Mitteilung abgefaßt, nicht im Sprachspiel der Mitteilung verwendet wird.
160. The speech of music. Do not forget that a poem, though composed in the language of communication, is not used in the language-game of communication.
161. Könnte man sich nicht denken, daß Einer, der Musik nie gekannt hat und zu uns kommt und jemand einen nachdenkli- chen Chopin spielen hört, daß der überzeugt wäre, dies sei eine Sprache und man wolle ihm nur den Sinn geheimhalten.
161. Could we not imagine someone unfamiliar with music coming to us and hearing someone play a pensive Chopin piece, becoming convinced this is a language whose meaning is merely being kept secret from them?
In der Wortsprache ist ein starkes musikalisches Element. (Ein Seufzer, der Tonfall der Frage, der Verkündigung, der Sehn- sucht, alle die unzähligen Gesten des Tonfalls.)
Verbal language contains a strong musical element. (A sigh, the intonation of a question, a proclamation, longing—countless tonal gestures.)
162. Wenn ich aber eine Melodie mit Verständnis höre, geht da nicht etwas Besonderes in mir vor was nicht vorgeht, wenn ich sie verständnislos höre? Und was? Es kommt keine Ant- wort; oder was mir einfällt, ist abgeschmackt. Ich kann wohlsagen: ›Jetzt habe ich sie verstanden‹ und nun etwa über sie reden, sie spielen, sie mit andern vergleichen, etc. Zeichen des Verständnisses mögen das Hören begleiten.
162. When I hear a melody with understanding, does something special occur within me that does not when I hear it uncomprehendingly? And what? No answer comes—or what occurs to me is trite. I might say, "Now I've understood it," and then discuss it, play it, compare it with others, etc. Signs of understanding may accompany the hearing.
163. Es ist falsch, das Verstehen einen Vorgang zu nennen, der das Hören begleitet. (Man könnte ja auch die Äußerung davon, das ausdrucksvolle Spiel, nicht eine Begleitung des Hörens nennen.)
163. It is wrong to call understanding a process accompanying hearing. (Similarly, expressive performance cannot be termed an accompaniment to hearing.)
164. Denn wie läßt sich erklären, was ›ausdrucksvolles Spiel‹ ist? Gewiß nicht durch etwas, was das Spiel begleitet. - Was gehört aho dazu? Eine Kultur, möchte man sagen. Wer in einer bestimmten Kultur erzogen ist, dann auf Musik so und so reagiert, dem wird man den Gebrauch des Wortes ›ausdrucks- volles Spiel‹ beibringen können.
164. For how can "expressive performance" be explained? Certainly not by something accompanying the performance. What belongs to it, then? A culture, one might say. Someone raised within a specific culture who reacts to music in such-and-such a way can be taught to use the phrase "expressive performance."
165. Das Verstehen der Musik ist weder eine Empfindung, noch eine Summe von Empfindungen. Es ein Erlebnis zu nen- nen, ist aber dennoch insofern richtig, als dieser Begriff des Verstchens manche Verwandtschaften mit andern Erlebnisbe- griffen hat. Man sagt ›Ich habe diese Stelle diesmal ganz anders erlebt‹. Aber doch sagt dieser Ausdruck ›was geschah‹ nur für den, der in einer besondern, diesen Situationen angehörigen Begriffswelt zu Hause ist. (Analogie: ›Ich habe die Partie ge- wonnen‹.)
165. Understanding music is neither a sensation nor a sum of sensations. Yet calling it an experience remains correct insofar as this concept of understanding shares affinities with other experiential concepts. One says, "I experienced this passage quite differently this time." But this expression "what happened" only speaks to someone at home in the particular conceptual world of these situations. (Analogy: "I won the game.")
166. Beim Lesen schwebt mir das vor. So geht also etwas beim Lesen vor sich...? Diese Frage führt ja nicht weiter.
166. As I read, this floats before me. So something does happen during reading...? This question leads nowhere.
167. Wie kann mir doch das vorschweben? Nicht in den Dimensionen, an die du denkst.
167. How can this hover before me? Not in the dimensions you are thinking of.
168. Wie weiß ich, daß Einer entzückt ist? Wie lernt man den sprachlichen Ausdruck des Entzückens? Woran knüpft er sich? An den Ausdruck von Körperempfindungen? Fragen wir Einen, was er in der Brust, in den Gesichtsmuskeln spürt, um herauszu- finden, ob er Genuß empfindet?
168. How do I know that someone is enraptured? How does one learn the linguistic expression of rapture? To what does it connect? To the expression of bodily sensations? Do we ask someone what they feel in their chest or facial muscles to determine whether they are experiencing pleasure?
169. Heißt das aber, es gäbe nicht Empfindungen, die oft beim Genießen der Musik wiederkehren? Durchaus nicht.
169. But does this mean there are no sensations that frequently recur when enjoying music? Not at all.
170. Ein Gedicht macht uns beim Lesen einen Eindruck. -Fühlst du dasselbe, während du es liest, wie wenn du etwas Gleichgültiges liest?- Wie habe ich auf diese Frage antworten gelernt? Ich werde vielleicht sagen: -Natürlich nicht!- was soviel heißt, wie: mich ergreift dies, und das andere nicht. -Ich erlebe dabei etwas anderes.- Und welcher Art ist dies?- Ich kann nichts Befriedigendes antworten. Denn, was ich angebe, ist an und für sich nicht wichtig. -Hast du aber nicht während des Lesens genossen? Freilich denn die entgegenge setzte Antwort hieße: ich hätte es früher, oder später genossen; und das will ich nicht sagen.
170. A poem makes an impression on us while reading. – Do you feel the same while reading it as when reading something indifferent? – How was I taught to answer this question? I might say: “Of course not!” – which amounts to: this grips me, the other does not. “I experience something different.” – And what is the nature of this? – I can give no satisfactory answer. For whatever I specify is unimportant in itself. – But didn’t you enjoy it while reading? Certainly; for the opposite answer would mean I enjoyed it earlier or later, and that is not what I want to say.
Aber nun erinnerst du dich ja doch an Empfindungen und Vorstellungen beim Lesen, und zwar solche, die mit dem Genie- Ben, mit dem Eindruck zusammenhängen. Aber die hatten ihre Bedeutsamkeit nur durch ihre Umgebung erhalten: durch das Lesen des Gedichts, durch meine Vertrautheit mit der Sprache, dem Metrum und unzähligen Zusammenhängen.
But now you do recall sensations and imaginings while reading, ones connected with enjoyment and the impression. Yet their significance derived solely from their context: from reading the poem, my familiarity with the language, meter, and countless associations.
Du mußt dịch doch fragen, wie haben wir den Ausdruck -Ist das nicht herrlich! überhaupt gelernt? - Niemand erklärte ihn uns, indem er sich auf Empfindungen, Vorstellungen, oderGedanken bezog, die das Hören begleiten! Ja, wir würden nicht bezweifeln, daß er's genossen hat, wenn er keine solchen Erleb- nisse anzugeben wüfite; wohl aber, wenn es sich zeigte, daß er gewisse Zusammenhänge nicht versteht.
You must ask: how did we learn the expression “Isn’t this marvelous!” in the first place? – No one explained it by referring to sensations, images, or thoughts accompanying hearing! Indeed, we would not doubt someone’s enjoyment if they could report no such experiences; but we would if they showed a lack of understanding in certain contexts.
171. Aber zeigt sich das Verständnis nicht z. B. darin, mit welchem Ausdruck Einer das Gedicht liest, die Melodie singt? Gewiß. Aber was ist nun hier das Erlebnis während des Lesens? Da müfite man ja sagen: der genieße und verstehe es, der es gut gelesen hört, oder in den Sprechorganen fühlt.
171. But doesn’t understanding show itself, say, in how one reads the poem or sings the melody? Certainly. Yet what is the experience during reading here? One would have to say: the person who enjoys and understands it reads it well or feels it in their vocal organs.
171. Man kann auch vom Verstehen einer musikalischen Phrase sagen, es sei das Verstehen einer Sprache.
171. One can also speak of understanding a musical phrase as understanding a language.
173. Ich denke an eine ganz kurze von nur zwei Takten. Du sagst-Was liegt nicht alles in ihr! Aber es ist nur, sozusagen, eine optische Täuschung, wenn du denkst, beim Hören gehe vor, was in ihr liegt. (-Es kommt drauf an, wer's sagt.) (Nur in dem Fluß der Gedanken und des Lebens haben die Worte Bedeu- tung.)
173. I am thinking of a very short phrase of only two bars. You say – “What all lies within it!” But it is, so to speak, an optical illusion if you think that what lies within it occurs during hearing. (– It depends on who says it.) (Words have meaning only in the stream of thought and life.)
174. Nicht das enthält die Täuschung: Jetzt habe ich's ver standen und nun folgt vielleicht eine lange Erklärung dessen, was ich verstanden habe.
174. The illusion does not consist in: “Now I’ve understood it,” followed perhaps by a lengthy explanation of what I understood.
175. Weist das Thema auf nichts außer sich? Oh ja! Das heißt aber: Der Eindruck, den es mir macht, hängt mit Dingen in seiner Umgebung zusammen z. B. mit unserer Sprache undihrer Intonation, also mit dem ganzen Feld unserer Sprach- spiele.
175. Does the theme point to nothing beyond itself? Oh yes! But this means: The impression it makes on me connects to things in its surroundings – e.g., our language and its intonation, hence the entire field of our language-games.
Wenn ich z. B. sage: Es ist, als ob hier ein Schluß gezogen würde, oder, als ob hier etwas bekräftigt würde, oder, als ob dies eine Antwort auf das Frühere wäre, so setzt mein Verständnis eben die Vertrautheit mit Schlüssen, Bekräftigungen, Antwor- ten, voraus.
If I say, for instance: “It is as if a conclusion were being drawn here,” or “as if something were being affirmed,” or “as if this were a response to what came before,” my understanding presupposes familiarity with conclusions, affirmations, responses.
176. Die Worte »Gottlob! Noch etwas Weniges hat man geflüchtet - vor den Fingern der Kroaten«, mit ihrem Ton und Blick, scheinen allerdings schon jede Nuance ihrer Bedeutung in sich zu tragen. Nur darum aber, weil wir sie als Teil einer bestimmten Szene kennen. Man könnte aber eine ganz andere Szene um diese Worte (im gleichen Tone gesprochen) bauen, um zu zeigen, wie ihre besondere Seele in der Geschichte liegt, zu der sie gehören.
176. The words “Thank God! A trifle yet has fled – from the Croatians’ claws,”* with their tone and glance, do indeed seem to carry every nuance of their meaning within themselves. But only because we know them as part of a specific scene. One could build an entirely different scene around these words (spoken in the same tone) to show how their particular soul resides in the story to which they belong.
177. Wenn ich Einen mit verbannender Gebärde sagen höre »Weiche!«, erlebe ich hier die Bedeutung des Wortes, wie in dem Spiel, wenn ich mir's für mich vorsage und es einmal so und einmal so meine? - Denn er konnte ja auch sagen »Weiche von mir«, und dann erlebte ich vielleicht die ganze Phrase so und so; aber auch das einzelne Wort? Die ergänzenden Worte waren es vielleicht, die mir den Eindruck machten.
177. If I hear someone say “Away!” with a dismissive gesture, do I experience the meaning of the word here as in a game where I recite it to myself, now meaning it this way, now that? – For he could also say “Away from me,” and then perhaps I would experience the entire phrase thus; but the individual word? Perhaps the supplementary words created the impression.
178. Das besondere Erlebnis der Bedeutung ist charakterisiert dadurch, daß wir mit einer Erklärung und der Vergangenheits- form reagieren: gerade so, als erklärten wir die Bedeutung eines Worts für praktische Zwecke.
178. The peculiar experience of meaning is characterized by our responding with an explanation and the past tense: as if we were explaining the meaning of a word for practical purposes.
* Schiller, Wallenstein. Die Piccolomini, 1. Akt, 2. Sorne. Hrig
* Schiller, Wallenstein. Die Piccolomini, Act I, Scene 2. Ed.
179. Vergiß, vergiß, daß du diese Erlebnisse selber hast!
179. Forget, forget that you yourself have these experiences!
180. Wie konnte er das Wort in der Bedeutung hören? Wie war es möglich?! Gar nicht-in diesen Dimensionen.-
180. How could he hear the word in that meaning? How was it possible?! Not at all – in these dimensions.
181. Aber ist es also nicht wahr, daß das Wort für mich jetzt das bedeutet? Warum nicht? Es kommt ja dieser Sinn mit der übrigen Verwendung des Wortes nicht in Konflikt.
181. But is it then untrue that the word now means this for me? Why not? This sense does not conflict with the word’s other uses.
Es sagt Einer: Gib ihm die Nachricht und meine damit... Was wäre der Sinn dieses Befehls?
Someone says: “Give him the message and mean thereby...” What would be the sense of this command?
182. Als ich das Wort jetzt aussprach, bedeutete es für mich..... Warum sollte das nicht einfach Wahnsinn sein? Weil ich das erlebte? Das ist kein Grund.
182. When I uttered the word just now, it meant for me..... Why should this not simply be madness? Because I experienced it? That is no reason.
183. Der, den ich bedeutungsblind nenne, wird wohl den Auftrag verstehen: Sag ihm, er solle zur Bank gehen, ich meine die Gartenbank, aber nicht: Sag das Wort Bank und meine damit Gartenbank. Welche Formen geistiger Defekte bei Menschen vorgefunden werden, kümmert diese Untersuchung nicht; wohl aber die Möglichkeit soicher Formen. Nicht, ob es Menschen gibt, die eines Gedankens vom Typus Ich wollte damals... nicht fähig sind, sondern wie der Begriff so eines Defekts durchzuführen wäre, interessiert uns.
183. The one I call meaning-blind would likely understand the instruction: “Tell him to go to the bank – I mean the garden bench,” but not: “Say the word ‘bank’ and mean garden bench.” This inquiry is not concerned with what forms of mental deficiency are found in humans, but with the possibility of such forms. What interests us is not whether people exist incapable of a thought like “I intended back then...,” but how the concept of such a defect could be carried out.
Wenn du annimmst, daß Einer das nicht kann, wie ist es dann mit dem? soll er es auch nicht können? Wohin führt uns dieser Begriff? Denn wir haben ja hier Paradigmen.
If you assume someone cannot do this, then what about that? Should they also be incapable? Where does this concept lead us? For here we have paradigms.
184. Verschiedene Menschen empfinden es sehr verschieden stark, wenn die Rechtschreibung eines Worts geändert wird. Und die Empfindung ist nicht nur Pietät für einen alten Gebrauch. Wem die Orthographie nur eine praktische Frage ist, dem geht ein Gefühl ab, nicht unähnlich dem, welches einem -Bedeutungsblinden mangeln würde. (Goethe über Personen- namen. Die Nummer des Gefangenen.)
184. Different people feel very differently about changing the spelling of a word. This sensation is not merely piety toward old usage. Those for whom orthography is purely a practical matter lack a certain sensibility, not unlike what would be missing in a "meaning-blind" person. (Goethe on personal names. The prisoner's number.)
185. Wie mancher auch die Frage nicht versteht -Welche Farbe hat für dich der Vokal a?- Wenn Einer sie nicht ver- stünde, wenn er erklärte, sie sei Unsinn,- könnten wir sagen, er verstehe nicht deutsch, oder nicht die Bedeutungen der Wörter -Farbe-, -Vokal- etc.? Im Gegenteil: Wenn er diese Worte verstehen gelernt hat, dann kann er auch auf jene Fragen -mit Verständnis- oder -ohne Verständnis- reagieren.
185. How many people fail to grasp the question -What color is the vowel a for you?- If someone didn't understand this, declaring it nonsense - could we say they don't comprehend German, or the meanings of "color", "vowel", etc.?
On the contrary: Once they've learned these words, they can react to such questions either "with understanding" or "without understanding".
186. Mißverständnis - Unverständnis. Verständnis wird durch Erklärung bewirkt; aber auch durch Abrichtung.
186. Misunderstanding - non-understanding. Understanding is produced through explanation; but also through training.
187. Warum kann man einer Katze nicht das Apportieren beibringen? Versteht sie nicht, was man will? Und worin besteht hier Verstehen und Unverständnis?
187. Why can't you teach a cat to fetch? Doesn't it understand what you want? And what constitutes understanding versus non-understanding here?
188. Ich lese jedes Wort mit dem ihm entsprechenden Gefühl. Das Wort -aber- z. B. mit dem Abergefühl -u.s.w.- Und selbst wenn das wahr ist, -was bedeutet es eigentlich? Was ist die Logik des Begriffs »Abergefühl«? Es wird ja nicht ein Gefühl dadurch, daß ich es »Gefühl« nenne.
188. I read every word with its corresponding feeling. The word "but", for instance, with the "but-feeling" - etc. - Even if this is true, what does it actually signify? What is the logic of the concept "but-feeling"? Merely calling it a "feeling" doesn't make it one.
189. Ist Lügen ein bestimmtes Erlebnis? Nun, kann ich denn jemandem sagen «Ich werde dich jetzt anlügen», und es dann tun?
189. Is lying a particular experience? Well, can I tell someone "I'm going to lie to you now" and then do it?
190. Inwiefern ist mir die Lüge bewußt, während ich lüge? Nur insofern, als sie mir nicht später erst zum Bewußtsein kommt, und ich doch später weifi, daß ich gelogen habe. Das Sich-der-Lüge-bewußt-Sein ist ein Können. Dem widerspricht nicht, daß es charakteristische Gefühle des Lügens gibt. [Rand- bemerkung: Absicht.]
190. In what sense am I conscious of the lie while lying? Only insofar as I don't become aware of it later, yet subsequently know I lied. Being-conscious-of-the-lie is an ability. This doesn't contradict there being characteristic feelings of lying. [Marginal note: Intention.]
191. Das Wissen wird eben nicht in Worte übersetzt, wenn es sich äußert. Die Worte sind keine Übersetzung eines Andern, welches vor ihnen da war.
191. Knowledge isn't translated into words when expressed. The words aren't a translation of something else that existed before them.
192. Sich etwas vornehmen ist ein besonderer innerer Vor- gang. Aber was für ein Vorgang-auch wenn du ihn erdichten durftest könnte denn das leisten, was wir vom Vorsatz for- dern?
192. Forming an intention is a special inner process. But what kind of process - even if you could invent one - could possibly accomplish what we require of intention?
193. Ist es nicht genau so mit dem Verbum verstehen? Es erklärt mir jemand die Route, die ich dort und dorthin zu neh- men habe. Er fragt Hast du mich verstanden? Ich antworte Ich hab's verstanden. Will ich ihm mitteilen, was in mir während seiner Erklärung vorging? - Und doch ließe sich auch das mitteilen.194. Denk dir dieses Spiel: Eine Liste von Wörtern verschie dener Sprachen und von sinnlosen Lautreihen wird mir vorgele- sen. Ich soll nach jedem sagen, ob ich es verstehe, oder nicht; auch, was beim Verstehen oder Nichtverstehen in mir vorging. - Auf das Wort »Baum« werde ich, ohne mich zu bedenken, mit »ja« antworten (ein Bild mag mir dabei vorschweben); auf eine Lautzusammenstellung, die ich noch nie gehört habe, antworte ich ebenso unbedenklich mit »nein«. Bei Wörtern, die einen speziellen Farbton bezeichnen, wird häufig ein Vorstellen der Antwort vorhergehen; bei seltenen Wörtern (»Kontinuum«- etwa) ein Überlegen; bei Wörtern wie der Artikel »das« etwa ein Achselzucken; Wörter einer fremden Sprache werde ich manch- malins Deutsche übersetzen; schweben mir Bilder vor, so sind es manchmal die der Gegenstände, die von den Worten bezeichnet werden (wieder tausenderlei Fälle), manchmal andere Bilder.
193. Isn't it exactly the same with the verb "to understand"? Someone explains the route I should take here and there. They ask Did you understand me? I reply I understood. Am I communicating what occurred within me during their explanation? - Yet even that could be communicated.
194. Imagine this game: I'm read a list of words from various languages and nonsensical sound sequences. After each, I must say whether I understood it or not; also, what happened in me during understanding or non-understanding.
To the word "tree" I'll unhesitatingly respond "yes" (a mental image might appear); to an unheard sound combination, I'll equally promptly say "no". With words denoting specific color tones, visual imagining often precedes the answer; with rare words ("continuum" perhaps) - deliberation; with articles like "the" - maybe a shrug; foreign words I sometimes translate into German; when images arise, they sometimes depict the objects named (again countless variations), sometimes other images.
Dies Spiel könnte man durch eines ergänzen, in welchem Einer die Namen von Tätigkeiten nennt und bei jeder fragt: »Kannst du das?«-Das Subjekt soll angeben, welche Gründe es hatte, die Frage mit »ja« oder »nein« zu beantworten.
This game could be supplemented by one where someone names activities and asks at each: "Can you do this?" - The subject should state what reasons they had for answering "yes" or "no".
195. Denken wir uns eine Art Vexierbild, worin nicht ein bestimmter Gegenstand aufzufinden ist, sondern das uns auf den ersten Blick als ein Gewirr nichtssagender Striche erscheint und nach einigem Suchen erst als, sagen wir, ein Landschaftsbild.- Worin besteht der Unterschied zwischen dem Anblick des Bildes vor und nach der Lösung? Daß wir es beide Male anders sehen. ist klar. In wiefern aber kann man nach der Auflösung sagen, jetzt sage uns das Bild etwas, früher habe es uns nichts gesagt?
195. Let's imagine a type of puzzle image where no specific object is to be found, but which first appears as a tangle of meaningless lines, only revealing itself after scrutiny as, say, a landscape painting.
What distinguishes viewing the image before and after solving it? That we see it differently both times is clear. But in what sense can we say the image now "speaks to us", whereas before it "said nothing"?
196. Wir können diese Frage auch so stellen: Was ist das allgemeine Charakteristikum dafür, daß die Lösung gefunden ist?Ich will annehmen, dafß ich, sobald es gelöst ist, die Lösung dadurch kenntlich mache, daß ich gewisse Striche des Bildes stark nachziehe und etwa Schatten eintrage. Warum nennst du nun das Bild, was du eingezeichnet hast, eine Auflö- sung?
196. We can also pose this question as follows: What is the general characteristic indicating that the solution has been found? Let me assume that once solved, I mark the solution by heavily retracing certain lines of the image and perhaps adding shading. Why do you now call the image you've drawn a solution?
(a) Weil es die klare Darstellung einer Gruppe räumlicher Gegenstände ist.
(a) Because it provides a clear representation of a group of spatial objects.
(b) Weil es die Darstellung eines regelmäßigen Körpers ist.
(b) Because it depicts a regular solid.
(c) Weil es eine symmetrische Figur ist.
(c) Because it is a symmetrical figure.
(d) Weil es eine Figur ist, die mir einen ornamentalen Eindruck macht.
(d) Because it creates an ornamental impression on me.
(e) Weil es die Darstellung eines Körpers ist, der mir bekannt vorkommt.
(e) Because it portrays an object that appears familiar to me.
(1) Weil es eine Liste von Auflösungen gibt und diese Figur (dieser Körper) auf der Liste steht.
(f) Because there exists a list of solutions and this figure (this object) is included on that list.
(g) Weil es eine Art von Gegenstand darstellt, die ich wohl kenne: denn er macht mir den augenblicklichen Eindruck der Wohlbekanntheit, ich verbinde augenblicklich alle möglichen Assoziationen mit ihm; ich weiß, wie er heißt; ich weiß, daß ich ihn oft gesehen habe; ich weiß, wozu man ihn gebraucht; etc.
(g) Because it represents a type of object I know well: it gives me the immediate impression of familiarity; I instantly associate all possible connections with it; I know its name; I know I have often seen it; I know its purpose; etc.
(h) Weil ich den Gegenstand wohl zu kennen scheine: es fällt mir sogleich ein Wort als sein Name ein (obwohl das Wort keiner bestehenden Sprache angehört); ich sage mir-Natür- lich, das ist ja ein.... und gebe mir eine unsinnige Erklä rung, die mir in diesem Augenblick sinnvoll erscheint. (Wie im Traum.)
(h) Because I seem to know the object well: a word immediately occurs to me as its name (even if the word belongs to no existing language); I tell myself—Of course, this is a...—and provide myself with a nonsensical explanation that appears meaningful in this moment. (As in a dream.)
(i) Weil es ein Gesicht darstellt, welches mir bekannt vor- kommt
(i) Because it depicts a face that seems familiar to me.
(i) Weil es ein Gesicht darstellt, welches ich erkenne: es ist das Gesicht meines Freundes N; es ist ein Gesicht, welches ich oft abgebildet gesehen habe. Etc.
(j) Because it depicts a face I recognize: it is the face of my friend N; it is a face I have often seen depicted. Etc.
(k) Weil es einen Gegenstand darstellt, den ich mich erinnere, einmal gesehen zu haben.
(k) Because it represents an object I remember having seen once.
(1) Weil es ein Ornament ist, das ich gut kenne (obwohl ich nicht weiß, wo ich es gesehen habe).
(l) Because it is an ornament I know well (even if I cannot recall where I have seen it).
(m) Weil es ein Ornament ist, das ich gut kenne: ich kenne seinen Namen, weilß, wo ich es schon gesehen habe.(n) Weil es einen Einrichtungsgegenstand meines Zimmers darstellt.
(m) Because it is an ornament I know well: I know its name, know where I have seen it.
(o) Weil ich instinktiv diese Striche nachgezogen habe und mich nun beruhigt fühle.
(n) Because it instinctively led me to retrace these lines, leaving me now with a sense of resolution.
(p) Weil ich mich erinnere, daß mir dieser Gegenstand beschrieben worden ist.
(o) Because it represents a piece of furniture from my room.
Usw.
(p) Because I recall this object having been described to me.
(Wer nicht versteht, warum wir über diese Dinge reden, muß, was wir sagen, als leere Spielerei empfinden.)
Etc.
198. Kann ich mir den Eindruck der Bekanntschaft wegdenken, wo er ist; und hinzudenken, wo er nicht ist? Und was heißt das? Ich sehe z. B. das Gesicht eines Freundes an und frage mich: Wie schaut dieses Gesicht aus, wenn ich es als ein mir fremdes Gesicht sehe (als sähe ich es etwa jetzt zum erstenmal)? Was bleibt sozusagen von dem Anblick des Gesichts, wenn ich den Eindruck der Bekanntheit wegdenke, abziehe? Hier bin ich nun geneigt zu sagen: Es ist sehr schwer, die Bekanntheit von dem Eindruck des Gesichts zu trennen. Aber ich fühle auch, daß das eine schlechte Ausdrucksweise ist. Ich weiß nämlich gar nicht, wie ich es auch nur versuchen soll, diese beiden zu trennen. Der Ausdruck sie trennen hat für mich gar keinen klaren Sinn.
(Those who do not understand why we discuss such matters will perceive our remarks as empty wordplay.)
Ich weiß, was es heißt: Stell dir diesen Tisch schwarz vor, statt braun. Dem entspricht: Male diesen Tisch, aber schwarz, statt braun.
198. Can I mentally remove the impression of familiarity where it exists, and add it where it does not? And what does this mean? For instance, when looking at a friend’s face, I might ask: How does this face appear if I see it as unfamiliar (as if encountering it for the first time)? What, so to speak, remains of the face’s appearance when I subtract the impression of familiarity? Here I am inclined to say: It is very difficult to separate familiarity from the visual impression of the face. Yet I also feel this is a poor formulation. For I do not even know how to attempt separating the two. The phrase "subtract familiarity" has no clear meaning for me.
199. Wie, wenn man sagte: Denke dir diesen Schmetterling. genau so wie er ist, aber häßlich, statt schön?!
I know what it means to imagine this table black instead of brown. This corresponds to: Paint this table black instead of brown.
200. Wir haben in diesem Fall nicht bestimmt, was es heißen soll, sich die Wohlbekanntheit wegzudenken.Es könnte etwa heißen, sich des Eindrucks entsinnen, den ich hatte, als ich das Gesicht zum ersten Male sah.
199. What if one said: Imagine this butterfly exactly as it is, but ugly instead of beautiful?!
200. In this case, we have not defined what it means to mentally remove familiarity. It might, for example, mean recalling the impression I had when first seeing the face.
201. Die zeichnerische Darstellung des Innern eines Radio- empfängers wird für den, der keine Kunde von solchen Dingen hat, ein Gewirr sinnloser Striche sein. Hat er aber den Apparat und seine Funktion kennengelernt, so wird jene Zeichnung für ihn ein sinnvolles Bild sein.
201. A schematic drawing of a radio receiver’s interior will appear as a jumble of meaningless lines to someone unfamiliar with such devices. But once they learn about the apparatus and its function, that drawing becomes a meaningful image for them.
Gegeben nun irgendeine mir jetzt sinnlose körperliche Gestalt (etwa im Bild)-kann ich nach Belieben sie sinnvoll vorstellen? Das wäre, als fragte man: Kann ich mir einen beliebig geformten Gegenstand als Gebrauchsgegenstand vorstellen? Aber für wel- chen Gebrauch?
Suppose I now encounter a physical shape (e.g., in an image) that is currently meaningless to me—can I arbitrarily imagine it as meaningful? This would be like asking: Can I imagine an arbitrarily shaped object as a functional tool? But for what function?
Man könnte eine Klasse von Körperformen sich methodisch als Wohnungen von Tieren oder Menschen denken. Eine andere Klasse als Waffen. Eine etwa als Modelle von Landschaften. Etc. etc. Und hier weiß ich also, wie ich einer sinnlosen Form Sinn andichten kann.
One might methodically conceive of a class of shapes as animal or human dwellings. Another class as weapons. Another perhaps as landscape models. Etc. Here, then, I know how to attribute meaning to a meaningless form.
202. Überlege wohl, wie wir das Wort »erkennen« benützen!
202. Consider carefully how we use the word "recognize"!
Ich erkenne die Möbel in meinem Zimmer, meinen Freund, den ich täglich sehe. Aber kein »Wiedererkennen« spielt sich ab..
I recognize the furniture in my room, my friend whom I see daily. Yet no "act of recognizing" occurs here.
203. Man könnte sagen: Ich hätte keinen Eindruck von dem Zimmer als Ganzes, könnte ich nicht meinen Blick schnell in ihm dahin und dorthin schweifen lassen und mich nicht frei in ihm herumbewegen. (Stream of thought.) Aber nun ist die Frage, wie manifestiert es sich, daß ich von ihm als Ganzes einen Eindruck habe? Z. B.: In der Selbstverständlichkeit, mit der ich mich in ihm zurechtfinde; in der Abwesenheit des Suchens, Zweifeins und der Verwunderung; darin, daß eine Unzahl von Tätigkeiten durch seine Wände begrenzt sind; und daßß ich alles das als »meinZimmer in der Rede zusammenfasse; darin, daß ich es nützlich und notwendig finde, mich immer wieder des Begriffs mein Zimmer zu bedienen, im Gegensatz zu seinen Wänden, Ecken, etc.
203. One might say: I would have no impression of the room as a whole if I could not let my gaze roam freely around it and move about within it. (Stream of thought.) But the question now is: How does it manifest itself that I have an impression of it as a whole? For example: In the self-evidence with which I orient myself within it; in the absence of searching, doubting, and astonishment; in the fact that a multitude of activities are bounded by its walls; and that I subsume all this under the term "my room" in speech; in finding it useful and necessary to repeatedly employ the concept my room, as opposed to its walls, corners, etc.
204. Wie sieht die Beschreibung einer Einstellung aus? Man sagt z. B.: Sich von diesen Flecken ab und auch von dieser kleinen Unregelmäßigkeit, und schau es als Bild eines... an!
204. What does the description of an attitude look like? One says, for example: Disregard these patches and also this slight irregularity, and look at it as a picture of a...!
Denk dir das weg! Wär's dir auch ohne dieses... unange nehm? Man wird doch sagen, ich ändere mein Gesichtsbild - wie durch Blinzeln, oder Weghalten eines Details. Dieses Abse- hen von.... spielt doch eine ganz ähnliche Rolle, wie etwa die Anfertigung eines neuen Bildes.
Imagine this removed! Would it be unpleasant to you even without this...? Yet one will say that I alter my visual image - as by blinking or excluding a detail. This disregarding of... plays a role quite similar to the production of a new picture.
105. Nun wohl, und das sind gute Gründe dafür, zu sagen, wir hätten durch unsre Einstellung unsern Gesichtseindruck geändert. D.h., es sind (dies) gute Gründe, den Begriff Gesichtseindruck so zu begrenzen.
205. Very well, and these are good reasons for saying that through our attitude we have altered our visual impression. That is to say, these (considerations) provide good grounds for delimiting the concept of visual impression in this way.
206. Aber ich kann doch offenbar im Sehen Elemente (Stri- che z. B.) zusammennehmen! Aber warum nennt man es zusammennehmen? Warum braucht man hier ein Wort wesentlich das schon eine andere Bedeutung hat? (Es ist hier natürlich wie im Fall des Wortes Kopfrechnen.)
206. Yet obviously I can group elements together (lines, for instance) in seeing! But why is this called "grouping together"? Why employ a word that already has another essential meaning here? (Here it is as with the term "mental calculation.")
107. Wenn ich Jemandem sage: Nimm diese Striche (oder anderes) zusammen! was wird er tun? Nun, Verschiedenes, je nach den Umständen. Vielleicht soll er sie zu zwei und zwei zählen, oder in eine Lade legen, oder anblicken, etc.
207. If I tell someone: "Group these lines (or other elements) together!" what will they do? Well, various things depending on circumstances. Perhaps they are to count them in twos, place them in a drawer, gaze at them, etc.
Überlegen wir uns, was man über ein Phänomen, wie dieses, sagt:
Let us consider what is said about a phenomenon such as this:
Die Figur Feinmal als ein F, einmal als das Spiegelbild eines F sehen.
Seeing a figure now as an F, now as the mirror image of an F.
Ich will fragen: Worin besteht es, die Figur einmal so, einmal anders sehen? - Sehe ich wirklich jedesmal etwas anderes? oder dente ich nur, was ich sehe, auf verschiedene Weise? Ich bin geneigt, das erste zu sagen. Aber warum? Nun, Deuten ist eine Handlung. Es kann z. B. darin bestehen, daß Einer sagt Das soll ein F sein; oder daß er's nicht sagt, aber das Zeichen beim Kopieren durch ein F ersetzt; oder sich überlegt: Was mag das wohl sein? Es wird ein F sein, das dem Schreiber mißglückt ist.. - Sehen ist keine Handlung, sondern ein Zustand. (Grammatische Bemerkung.) Und wenn ich die Figur nie anders als F gelesen, mir nie überlegt habe, was es wohl sein mag, so wird man sagen, ich sehe sie als F; wenn man nämlich weiß, daß es sich auch anders sehen läßt. Deuten würde ich es nennen, wenn ich sagte: Das soll gewiß ein F sein; der Schreiber schreibt alle seine F. so.
I want to ask: What does it consist in, seeing the figure first one way, then another? - Do I actually see something different each time? Or do I merely interpret what I see in different ways? I am inclined to say the former. But why? Well, interpreting is an action. It might consist, for instance, in someone saying "That is supposed to be an F"; or in not saying so but replacing the sign with an F when copying it; or in reflecting: "What could that be? It must be an F that the writer botched." - Seeing is not an action but a state. (A grammatical remark.) And if I have never read the figure as anything but an F, never pondered what it might be, then it will be said that I see it as an F; provided it is known that it can also be seen otherwise. I would call it interpreting if I said: "That must certainly be an F; the writer makes all his F's like that."
Wie ist man denn überhaupt zu dem Begriff des Dies als das sehen gekommen? Bei welchen Gelegenheiten wird er gebildet, ist für ihn ein Bedarf? (Sehr häufig in der Kunst.) Dort z. B., wo es sich um cin Phrasieren durchs Auge oder Ohr handelt. Wir sagen Du mußt diese Takte als Einleitung hören, Du mußt nach dieser Tonart hin hören, Wenn man diese Figur einmal als... gesehen hat, ist es schwer, sie anders zu sehen, Ich höre das französische ne ... pas als zweiteilige Verneinung, aber nicht als nicht ein Schritt, etc. etc. Ist es nun ein wirkliches Schen oder Hören? Nun: so nennen wir es; mit diesen Worten reagieren wir in bestimmten Situationen. Und auf diese Worte reagieren wir wieder durch bestimmte Handlungen.Diese Form, die ich sehe möchte ich sagen ist nicht einfach eine Form, sondern sie ist eine von den mir bekannten Formen; sie ist eine im Vorhinein ausgezeichnete Form. Sie ist eine von den Formen, deren Bild schon früher in mir war, undnur weil sie so einem Bild entspricht, ist sie die wohlbekannte Form. (Ich trage gleichsam einen Katalog solcher Formen mit mir herum und die Gegenstände, die dort abgebildet sind, sind dann die wohlbekannten.)
How does the concept of seeing-this-as-that even arise? On what occasions is it formed, where is there a need for it? (Very frequently in art.) There, for instance, where ocular or auditory phrasing is concerned. We say: "You must hear these measures as an introduction," "You must listen for this key," "Once you've seen this figure as..., it's hard to see it differently," "I hear the French ne ... pas as a two-part negation but not as 'not a step'," etc. Now is this actual seeing or hearing? Well: this is what we call it; with these words we react in particular situations. And to these words we in turn react through specific actions. This form I see - I want to say - is not merely a form but one of the forms familiar to me; it is an a priori privileged form. It is one of the forms whose image was already present within me beforehand, and only because it corresponds to such an image is it the familiar form. (I carry, as it were, a catalog of such forms about with me, and the objects depicted there are then the familiar ones.)
210. Aber daß ich das Bild schon früher mit mir herumgetra- gen habe, wäre nur eine kausale Erklärung des gegenwärtigen Eindrucks. Es ist, als sagte man: diese Bewegung geht so leicht, als wäre sie eingeübt worden.
210. But that I already carried this image about with me earlier would only provide a causal explanation of the present impression. It is as if one said: This movement goes so smoothly, as if it had been practiced.
211. «Wenn ich gefragt werde ›Siehst du dort eine Kugel?‹, ein andermal ›Siehst du dort die Halbkugel?‹, so kann, was ich sehe, beide Male das gleiche sein, und wenn ich antworte ›Ja‹, so unterscheide ich doch zwischen den beiden Hypothesen. Wie ich im Schachspiel zwischen einem Bauern und dem König unter- scheide, auch wenn der gegenwärtige Zug einer ist, den beide machen könnten, und wenn selbst eine Königsfigur als Bauer fungierte.«— Man ist in der Philosophie immer in Gefahr, einen Mythus des Symbolismus zu erzeugen, oder einen der seelischen Vorgänge. Statt einfach zu sagen, was Jeder weiß und zugeben muß.
211. "If asked 'Do you see a sphere there?' at one time, and 'Do you see a hemisphere there?' at another, what I see may be the same on both occasions, and when I answer 'Yes,' I nevertheless distinguish between the two hypotheses. Just as in chess I distinguish between a pawn and a king even when the current move is one both could make, and even if a king-piece were functioning as a pawn." - In philosophy, one is always in danger of producing a mythology of symbolism or of psychical processes. Instead of simply stating what everyone knows and must admit.
212. Ist es Introspektion, was mich lehrt, ob ich's mit einem echten Sehen zu tun habe, oder doch mit einem Deuten? Zuerst einmal muß ich mir klar werden, was ich denn ein Deuten nennen würde; woran sich erkennen läßt, ob etwas ein Deuten oder ein Sehen zu nennen ist. [Randbemerkung: Einer Deutung entsprechend sehen.]
212. Is it introspection that teaches me whether I am dealing with genuine seeing or rather with interpreting? First, I must clarify what I would call interpreting; what shows whether something is to be called interpreting or seeing. [Marginal note: Seeing in accordance with an interpretation.]
213. Sehe ich die Figur nicht einmal so, einmal anders, auch wenn ich nicht mit Worten oder sonst wie reagiere?
213. Do I not see the figure now one way, now another, even if I do not react with words or otherwise?
Aber »einmal so«, »einmal anders« sind ja Worte, und mit welchem Recht gebrauche ich sie hier? Kann ich dir, oder mir selbst, mein Recht erweisen? (Es sei denn durch eine weitere Reaktion.)
But "now one way", "now another" are words – and by what right do I use them here? Can I demonstrate my justification to you, or to myself? (Unless through further reactions.)
Aber ich weiß doch, daß es zwei Eindrücke sind, auch wenn ich's nicht sage! Aber wie weiß ich, daß, was ich dann sage, das ist, was ich wußte? [Randbemerkung: Welche Konsequenzen folgen daraus, daß ich dies als das deute? Welche daraus, daß ich dies als das sehe?}
But I do know that there are two impressions, even if I don't say so! Yet how do I know that what I later say is what I knew? [Marginal note: What consequences follow from my interpreting this as that? What from my seeing this as that?]
214. Erlebnis der wirklichen Größe. Wir sehen ein Bild, das die Form eines Sessels zeigt; man sagt uns, es stelle eine Kon- struktion von Hausgröße vor. Nun sehen wir sie anders.
214. Experience of actual size. We see a picture showing the shape of a chair; we are told it represents a house-sized construction. Now we see it differently.
215. Denk dir, jemand, der auf die Sonne schaut, hätte plötz- lich die Empfindung, daß nicht sie sich bewegt, sondern wir an ihr vorüberziehen. Nun will er sagen, er habe einen neuen Bewe- gungszustand gesehen, in dem wir uns befinden; und denke, er zeigt nun, durch Gebärden, welche Bewegung er meint, und daß es nicht die der Sonne ist. Wir hätten es hier mit zwei verschie- denen Anwendungen des Wortes »Bewegung« zu tun.
215. Imagine someone looking at the sun suddenly feeling that it is not moving but we are passing by it. Now he wants to say he has seen a new state of motion we are in; suppose he demonstrates through gestures which motion he means, and that it is not the sun's. Here we would be dealing with two different applications of the word "motion".
216. Nicht den Aspektwechsel sieht man, sondern den Deu- tungswechsel.
216. It is not the aspect change that one sees, but the interpretation shift.
217. Du siehst es nicht einer Deutung, sondern einem Deuten gemäß218. Ich deute die Worte; wohl aber deute ich auch die Mienen? Deute ich einen Gesichtsausdruck als drohend, oder freundlich? Es kann geschehen.
217. You do not see it according to an interpretation, but according to interpreting. 218. I interpret words; but do I also interpret facial expressions? Do I interpret a facial expression as threatening or friendly? It can happen.
Wenn ich nun sagte: Es ist nicht genug, daß ich das drohende Gesicht wahrnehme, sondern ich muß es erst deuten. Es zückt jemand das Messer auf mich, und ich sage: Ich fasse das als eine Drohung auf..
Suppose I said: Merely perceiving the threatening face is insufficient – I must first interpret it. Someone draws a knife on me, and I say: I take this as a threat.
219. Chinesische Gebärden verstehen wir so wenig, wie chi- nesische Sätze.
219. We understand Chinese gestures as little as Chinese sentences.
220. Das Bewußtsein in des Andern Gesicht. Schau ins Gesicht des Andern und sich das Bewußtsein in ihm und einen bestimmten Bewußtseinston. Du siehst auf ihm, in ihm, Freude, Gleichgültigkeit, Interesse, Rührung, Dumpfheit, usf. Das Licht im Gesicht des Andern.
220. Consciousness in another's face. Look into another's face and see consciousness within it and a specific consciousness-tone. You see upon it, within it, joy, indifference, interest, emotion, dullness, etc. The light in another's face.
Schaust du in dich, um den Grimm in seinem Gesicht zu erkennen? Er ist dort so deutlich, wie in deiner eigenen Brust.
Do you look within yourself to recognize fury in his face? It is there as distinct as in your own breast.
(Und was will man nun sagen? Daß das Gesicht des Andern mich zur Nachahmung anregt, und daß ich also kleine Bewegun gen und Muskelspannungen im eigenen empfinde, und die Summe dieser meine? Unsinn. Unsinn, denn du machst Annahmen, statt bloß zu beschreiben. Wem hier Erklärungen im Kopfe spuken, der vernachlässigt es, sich auf die wichtigsten Tatsachen zu besinnen.)
(And what is one trying to say here? That the other's face prompts me to imitate it, making me sense slight movements and muscle tensions in my own, whose sum constitutes fury? Nonsense. Nonsense – because you posit assumptions instead of simply describing. Whoever lets explanations haunt their mind here neglects to attend to the most crucial facts.)
221. Das Bewußtsein ist so deutlich in seinem Gesicht und Benehmen, wie in mir selbst..
221. Consciousness is as evident in his face and demeanor as it is in me.
221. Das menschliche Auge sehen wir nicht als Empfänger, es scheint nicht etwas einzulassen, sondern auszusenden. Das Ohr empfängt; das Auge blickt. (Es wirft Blicke, es blitzt, strahlt, leuchtet.) Mit dem Auge kann man schrecken, nicht mit dem Ohr, der Nase. Wenn du das Auge siehst, so siehst du etwas von ihm ausgehen. Du siehst den Blick des Auges.
221. We do not see the human eye as a receiver; it seems not to let something in, but to emit. The ear receives; the eye gazes. (It casts glances, flashes, beams, radiates.) With the eye one can terrify, not with the ear or nose. When you see the eye, you see something emanating from it. You see the eye's gaze.
123. Wenn du nur von deinen physiologischen Vorurteilen wegkommst, wirst du gar nichts daran finden, daß das Blicken des Auges auch gesehen werden kann. Ich sage ja auch, ich sehe den Blick, den du dem Andern zuwirfst. Und wolite man mich verbessern und sagen, ich sähe ihn eigentlich nicht, so hielte ich das für bloße Dummheit.
123. If only you free yourself from physiological prejudices, you'll find nothing strange in the eye's gaze being visible. I too say I see the glance you cast at another. Were someone to correct me, saying I don't really see it, I would consider this mere stupidity.
Anderseits habe ich mit meiner Redeweise nicht etwas zugege- ben, und ich widerspreche dem, der mir sagt, ich sähe den Blick geradeso wie die Gestalt und Farbe des Auges.
On the other hand, my way of speaking does not concede anything, and I contradict anyone who tells me I see the gaze in the same way as the eye's shape and color.
Denn das naive Sprechen, d. h. unsere naive, normale, Aus- drucksweise, enthält ja keine Theorie des Sehens-zeigt dir keine Theorie, sondern nur einen Begriff des Sehens.
For naive speech – i.e., our naive, normal mode of expression – contains no theory of vision; it shows you no theory, only a concept of seeing.
224. Laß einen Menschen zornig, hochmütig, ironisch, blik- ken; und nun verhäng sein Gesicht, daß nur die Augen frei bleiben, in denen der ganze Ausdruck vereint schien: Ihr Ausdruck ist nun überraschend vieldeutig.
224. Let a person look angry, haughty, ironic; then veil his face, leaving only the eyes free where the entire expression seemed concentrated: Their expression now becomes surprisingly ambiguous.
225. Man sieht Gemütsbewegung.-Im Gegensatz wozu?- Man sieht nicht die Gesichtsverziehungen und schliefit nun (wie der Arzt, der eine Diagnose stellt) auf Freude, Trauer, Lange- weile. Man beschreibt sein Gesicht unmittelbar als traurig. glückstrahlend, gelangweilt, auch wenn man nicht im Stande ist, eine andere Beschreibung der Gesichtszüge zu geben. Die Trauer ist im Gesicht personifiziert, möchte man sagen.Dies gehört zum Begriff der Gemütsbewegung.
225. One sees emotion.—In contrast to what?—One does not see facial contortions and then infer (like a doctor making a diagnosis) joy, sorrow, boredom. One describes his face immediately as sad, radiant, bored, even if unable to give another description of the features. Sorrow is personified in the face, one might say. This belongs to the concept of emotion.
216. (Die Häßlichkeit eines Menschen kann im Bild, im gemalten, abstoßen, wie in der Wirklichkeit, aber auch in der Beschreibung, in den Worten.)
216. (A person's ugliness can repel in a picture – painted – as in reality, but also in description, in words.)
227. Es ist sonderbar: Unser Verstehen einer Geste möchten wir durch ihre Übersetzung in Worte erklären, und das Verstehen von Worten durch Übersetzung in eine Geste. (So werden wir hin und her geworfen, wenn wir suchen wollen, wo das Verstehen eigentlich liegt.)
227. It is curious: We want to explain our understanding of a gesture through its translation into words, and the understanding of words through translation into a gesture. (Thus we are tossed back and forth when trying to discover where understanding truly resides.)
Und wirklich werden wir Worte durch eine Geste, und eine Geste durch Worte erklären.
And indeed, we explain words through gestures and gestures through words.
228. Erkläre Einem, die Zeigerstellung, die du aufgezeichnet hast, solle ausdrücken: die Zeiger dieser Uhr stünden jetzt so. - Die Unbeholfenheit, mit der das Zeichen, wie ein Stummer, durch allerlei suggestive Gebärden sich verständlich zu machen sucht - sie verschwindet, wenn wir erkennen, daßß es aufs System ankommt, dem das Zeichen angehört.
228. Explain to someone that the clock-hand position you drew is meant to express: The hands of this clock now stand thus. The awkwardness with which the sign, like a mute, tries to make itself understood through suggestive gestures – this vanishes when we recognize that what matters is the system to which the sign belongs.
Man wollte sagen: nur der Gedanke kann es sagen, das Zeichen nicht.
One wanted to say: Only the thought can express it, not the sign.
229. Eine Deutung ist doch etwas, was in Zeichen gegeben wird. Es ist diese Deutung, im Gegensatz zu einer anderen (die anders lautet). - Wenn man also sagen wollte Jeder Satz bedarf noch einer Deutung, so hieße das: kein Satz kann ohne einen Zusatz verstanden werden.
229. An interpretation is something given in signs. It is this interpretation, as opposed to another (which reads differently). – If one were to say every proposition still requires interpretation, this would mean: No proposition can be understood without supplementation.
230. Ahnlich wäre es fast, wenn man beim Würfeln, wieviel ein Wurf gelten soll, durch einen weitern Wurf bestimmte.
230. It would be almost similar if, when rolling dice, one determined the value of a throw through an additional throw.
231. Mit Intention- meine ich hier das, was das Zeichen im Gedanken verwendet. Die Intention scheint zu interpretieren, die endgültige Interpretation zu geben; aber nicht ein weiteres Zeichen oder Bild, sondern etwas Anderes, das, was man nicht wieder interpretieren kann. Aber ein psychologisches Ende ist erreicht, kein logisches.
231. By intention, I mean here what uses the sign in thought. Intention appears to interpret, to provide the final interpretation—not another sign or image, but something else, that which cannot be interpreted again. Yet a psychological endpoint is reached, not a logical one.
Denken wir eine Zeichensprache, eine abstrakte, ich meine cine, die uns fremd ist, in der wir uns nicht heimisch fühlen, in der, wie wir sagen würden, wir nicht denken; und denken wir uns diese Sprache interpretiert durch eine Übersetzung in eine, wie wir sagen möchten, unzweideutige Bildersprache; eine Spra- che, dic aus perspektivisch gemalten Bildern besteht. Es ist ganz klar, daß es viel leichter ist, sich verschiedene Deutungen der Schriftzeichen zu denken, als eines in gewohnter Art gemalten Bildes. Hier werden wir auch geneigt sein, zu denken, es gebe keine Möglichkeit der Deutung mehr.
Let us imagine a sign language, an abstract one—by which I mean one foreign to us, in which we do not feel at home, in which, as we might say, we do not think. Imagine this language interpreted through translation into what we would call an unambiguous pictorial language—a language consisting of perspectival paintings. It is quite clear that it is much easier to conceive of various interpretations of written signs than of a painting executed in a familiar style. Here we are also inclined to think there remains no possibility of interpretation.
232. Wir könnten da auch sagen, wir lebten nicht in der Zeichensprache, wohl aber im gemalten Bilde.
232. We might also say here that we do not live in the sign language, but rather in the painted picture.
233. Nur das intendierte Bild reicht als Maßstab an die Wirk- lichkeit heran. Von außen betrachtet steht es gleich tot und isoliert da. Es ist, als hätten wir ein Bild erst so angeschaut, daß wir in ihm leben und die Gegenstände in ihm uns als wirkli- che umgeben, und dann träten wir zurück und wären nun aufßer- halb, sähen den Rahmen, und das Bild wäre eine bemalte Fläche. So, wenn wir intendieren, umgeben uns die Bilder der Intention, und wir leben unter ihnen. Aber wenn wir aus der Intention heraustreten, so sind es bloße Flecke auf einer Leinwand, ohneLeben und ohne Interesse für uns. Wenn wir intendieren, leben wir im Raum der Intention, unter den Bildern (Schatten) der Intention, zugleich mit den wirklichen Dingen. Denken wir, wir sitzen im verdunkelten Kino und leben im Film. Der Saal wird nun erhellt, aber das Lichtspiel auf der Leinwand geht weiter. Aber jetzt stehen wir plötzlich außerhalb, und sehen es als Bewe- gungen von lichten und dunkeln Flecken auf einer Leinwand. (Im Traum geschieht es manchmal, daß wir eine Geschichte erst lesen und dann in ihr selbst agieren. Und nach dem Aufwachen aus einem Traum ist es manchmal, als wären wir aus dem Traum heraus zurückgetreten und sehen ihn jetzt, als ein fremdes Bild, vor uns.) Und es heißt auch etwas, in den Seiten eines Buches leben..
233. Only the intended image extends as a measure to reality. Viewed externally, it appears equally dead and isolated. It is as though we first looked at a painting in such a way that we lived within it, with its objects surrounding us as real, and then stepped back—now finding ourselves outside, seeing the frame, and the painting as a painted surface. So too with intention: when we intend, the images of intention surround us, and we live among them. But when we step out of intention, they become mere patches on a canvas, lifeless and of no interest to us. When we intend, we inhabit the space of intention, among the images (shadows) of intention, alongside real things. Imagine sitting in a darkened cinema, living within the film. Then the theater is illuminated, but the projection on the screen continues. Now we suddenly find ourselves outside, seeing it as movements of light and dark patches on a screen. (In dreams, it sometimes happens that we first read a story and then act within it. And upon waking from a dream, it is sometimes as though we have stepped back from the dream and now see it before us as a foreign image.) And it also means something to live within the pages of a book...
234. Nicht das findet statt, daß sich dieses Symbol nicht mehr deuten läßt, sondern: ich deute nicht. Ich deute nicht, weil ich mich in dem gegenwärtigen Bild heimisch fuhle. Wenn ich deute, so schreite ich auf dem Gedankenweg von Stufe zu Stufe.
234. It is not that this symbol can no longer be interpreted, but rather: I do not interpret. I do not interpret because I feel at home in the present image. When I interpret, I advance step by step along the path of thought.
235. Sehe ich das gedachte Symbol von außen an, so kommt es mir zum Bewußtsein, daß es so und so gedeutet werden könnte; ist es eine Stufe meines Gedankenweges, so ist es ein mir natürlicher Aufenthalt, und es beschäftigt (und beunruhigt) mich seine weitere Deutbarkeit nicht. Wie ich die Tabelle, den Fahrplan, bei mir habe und verwende, ohne daß es mich beschäf tigt, daß eine Tabelle verschiedenerlei Deutungen zuläßt.
235. If I view the imagined symbol from the outside, it becomes clear to me that it could be interpreted in such and such ways. But if it is a stage on my path of thought, it is a natural resting place for me, and its further interpretability does not occupy (or trouble) me. Just as I carry and use a table, a timetable, without being preoccupied by the fact that a table permits multiple interpretations.
236. Wenn ich den Vorgang der Intention beschreiben will, so fühle ich vor allem, daß sie noch am ehesten leisten kann, was sie soll, wenn sie ein äußerst getreues Bild von dem enthält, was sie intendiert. Aber ferner, daß auch das nicht ausreicht, weil ja das Bild, was immer es ist, sich verschieden deuten läßt; daß alsodieses Bild doch wieder isoliert dasteht. Wie man das Bild allein ins Auge faßt, ist es plötzlich tot, und es ist, als wäre ihm etwas genommen worden, was es zuvor belebt hatte. Es ist kein Gedanke, keine Intention, und wie immer wir es uns begleitet denken, durch artikulierte oder unartikulierte Vorgänge, und durch welche Empfindungen immer: es bleibt isoliert, weist nicht aus sich heraus auf eine Realität außer ihm.
236. If I try to describe the process of intention, I feel above all that it can best fulfill its purpose if it contains an extremely faithful image of what is intended. But further, even this is insufficient, for whatever the image may be, it can be variously interpreted. Thus, this image still stands isolated. When the image is viewed alone, it suddenly becomes dead, as though something that had previously animated it had been removed. It is no thought, no intention—and no matter how we imagine it accompanied, whether by articulated or unarticulated processes, or by any sensations: it remains isolated, pointing beyond itself to a reality outside.
Nun sagt man: Freilich intendiert das Bild nicht, sondern wir mussen mit ihm etwas intendieren. Aber wenn dieses Intendie- ren, Meinen, wieder etwas ist, was mit dem Bild geschieht, so sehe ich nicht ein, warum das an einen Menschen gebunden sein soll. Man kann ja auch den Vorgang der Verdauung als chemi- schen Prozeß studieren, unabhängig davon, ob er in einem Lebe- wesen stattfindet. Wir wollen sagen Das Meinen ist doch wesentlich ein geistiger Vorgang, ein Vorgang des bewußten Lebens, nicht der toten Materie. Aber was soll einen solchen ausmachen, als die spezifische Art dessen, was vorgeht-solange wir eben an cinen Vorgang denken. Und nun scheint es uns, als ob gar kein Vorgang, welcher Art immer, das Intendieren sein kann. Wir sind eben hier mit der Grammatik des Vorgangs nicht zufrieden, und nicht mit der spezifischen Art eines Vor- gangs. Man könnte sagen: jeden Vorgang würden wir in diesem Sinne tot nennen!
Now one says: Of course, the image does not intend—rather, we must intend something with it. But if this intending, meaning, is again something that happens with the image, I do not see why it should be bound to a person. After all, the process of digestion can also be studied as a chemical process, independently of whether it occurs in a living being. We want to say: Meaning is essentially a mental process, an activity of conscious life, not of dead matter. But what would constitute such a process, other than the specific nature of what occurs—so long as we think of it as a process? And now it seems to us as though no process, of whatever kind, could be the intending. Here we are dissatisfied with the grammar of "process," not with the specific kind of process. One might say: In this sense, we would call every process dead!
237. Fast könnte man sagen: Die Meinung geht, während jeder Vorgang steht.
237. One might almost say: Meaning moves, while every process stands still.
238. Man sagt: Wie kann denn diese Gebärde, diese Haltung der Hand, dieses Bild, der Wunsch sein, daß das und das der Fall wäre? Sie ist weiter nichts als eine Hand über einem Tisch, und steht allein und ohne Sinn da! Wie eine einzelne Kulisse, die von der Aufführung eines Theaterstücks allein in einem Zimmer stehengeblieben ist. Sie hatte Leben nur im Stück.239. Der Gedanke stand in diesem Augenblick vor meiner Seele. Und wie?--Ich hatte dieses Bild. So war das Bild der Gedanke? Nein; denn hätte ich Einem bloß das Bild mitgeteilt, so hätte er nicht den Gedanken erhalten.
238. One might say: How can this gesture, this hand position, this image, be the wish that such-and-such were the case? It is nothing more than a hand above a table, standing alone and without sense! Like a single stage prop left alone in a room after a theater performance. It had life only within the play.
240. Das Bild war der Schlüssel. Oder es erschien doch als Schlüssel.
239. The thought stood before my soul at that moment. And how?—I had this image. So was the image the thought? No; for if I had merely communicated the image to someone, they would not have received the thought.
241. Denken wir uns eine Bildergeschichte in schematischen Bildern, also ähnlicher der Erzählung in einer Sprache, als eine Folge realistischer Bilder. Man könnte in so einer Bildersprache etwa insbesondere den Gang von Schlachten festgehalten haben. (Sprachspiel.) Und ein Satz unserer Wortsprache kommt so einem Bild dieser Bildersprache viel näher als man meint.
240. The image was the key. Or at least it appeared as the key.
242. Denken wir auch daran, daß wir uns solche Bilder nicht erst in realistische übertragen, um sie zu verstehen, so wenig wir uns je Photographien oder die Bilder eines Films in farbige Bilder übertragen, obwohl uns schwarz-weiße Menschen, oder Pflanzen in der Wirklichkeit unsagbar fremd und schrecklich vorkämen.
241. Let us imagine a pictorial story in schematic images, thus closer to a narrative in language than to a sequence of realistic pictures. Such an image language might, for instance, record the course of battles. (Language-game.) And a sentence in our word language is much closer to a picture in this image language than one might think.
Wie, wenn wir nun hier sagten Ein Bild ist etwas nur in einer Bildersprache?
242. Let us also remember that we do not first translate such images into realistic ones to understand them, any more than we convert photographs or film images into color pictures, even though black-and-white humans or plants in reality would strike us as unspeakably alien and horrifying.
243. Gewiß, ich lese eine Geschichte und kümmere mich den Teufel um ein System der Sprache. Ich lese einfach, habe Ein- drücke, sehe Bilder vor mir, etc. Ich lasse die Geschichte an mir vorüberziehen wie Bilder, wie eine Bildergeschichte. (Damit will ich natürlich nicht sagen, daß jeder Satz in mir ein visuelles Bild, oder mehrere, hervorruft, und daß das etwa der Zweck eines Satzes sei.)244. Sätze dienen ja dazu, zu beschreiben, wie sich alles verhält, denken wir. Der Satz als Bild.
What if we were to say here: An image is something only within an image language?
243. Certainly, I read a story and couldn’t care less about a system of language. I simply read, have impressions, see images before me, etc. I let the story pass before me like pictures, like a pictorial narrative. (Of course, I do not mean that every sentence evokes a visual image, or several, in me, nor that this is the purpose of a sentence.)
245. Ich verstehe dieses Bild genau, ich könnte es in Ton modellieren. Ich verstehe diese Beschreibung genau, ich könnte eine Zeichnung nach ihr machen.
244. Sentences serve to describe how things stand, we think. The sentence as an image.
Man könnte in vielen Fällen als Kriterium des Verstehens festsetzen, daß man den Sinn des Satzes muß zeichnerisch dar- stellen können. (Ich denke etwa an eine offiziell festgelegte Prü fung des Verstehens.) Wie wird man z. B. im Kartenlesen ge- prüft?
245. I understand this image exactly; I could model it in clay. I understand this description precisely; I could make a drawing from it.
246. Und das sinnvolle Bild ist das, was ich nicht nur zeich nen, sondern auch plastisch darstellen kann. Und dies zu sagen, hätte Sinn. Aber das Denken des Satzes ist nicht eine Tätigkeit, die man nach den Worten vollzieht (wie etwa das Singen nach den Noten). Das folgende Beispiel zeigt dies. Hat es Sinn zu sagen Ich habe so viele Freunde, als eine Lösung der Gleichung ergibt? Ob dies Sinn hat, ist der Gleichung unmittelbar nicht anzusehen. Und man weiß, während man den Satz liest, nicht, ob er sich denken läßt, oder nicht. Ob er sich verstehen läßt oder nicht.
246. In many cases, one might establish as a criterion of understanding that one must be able to represent the sense of the sentence graphically. (I am thinking, say, of an officially prescribed test of understanding.) How is one examined, for example, in map reading?
147. Was heißt es denn: entdecken, daß ein Satz keinen Sinn hat-?
247. And the meaningful image is one that I can not only draw but also sculpt. And saying this would make sense. But thinking the sentence is not an activity carried out alongside the words (like singing from sheet music). The following example shows this. Does it make sense to say "I have as many friends as the solution to the equation yields"? Whether this makes sense is not immediately apparent from the equation. And while reading the sentence, one does not know whether it can be thought or not—whether it can be understood or not.
Und was heißt das: wenn ich etwas damit meine, muß es doch Sinn haben?
248. What does it mean: to discover that a sentence is nonsensical—?
Das erste heißt doch: sich durch die Erscheinung eines Satzes nicht irren lassen und seine Anwendung im Sprachspiel untersu- chen.
And what does it mean: If I mean something by it, it must make sense?
Und wenn ich etwas damit meine heißt das etwas Ähnli- ches wie: wenn ich mir etwas dabei vorstellen kann?-Von der Vorstellung führt oft ein Weg zur weiteren Verwendung.
The first means: Not to be misled by the appearance of a sentence but to examine its application in the language-game.
248. (Etwas, was auf den ersten Blick ausschaut wie ein Satz und keiner ist.) Der folgende Vorschlag zur Konstruktion einer Straßenwalze wurde mir einmal mitgeteilt. Der Motor befindet sich im Innern der hohlen Walze. Die Kurbelwelle läuft durch die Mitte der Walze und ist an beiden Enden durch Speichen mit dem Walzenrand verbunden. Der Zylinder des Motors ist an der Innenseite der Walze befestigt. Auf den ersten Blick sieht diese Konstruktion wie eine Maschine aus. Aber sie ist ein starres System, und der Kolben kann sich im Zylinder nicht aus und ein bewegen. Wir haben ihn der Bewegungsmöglichkeit beraubt und wissen es nicht.
And "if I mean something by it" means something similar to: If I can imagine something alongside it?—From the imagination, a path often leads to further use.
248. (Something that at first glance looks like a sentence but is not one.) The following proposal for constructing a steamroller was once communicated to me. The motor is inside the hollow roller. The crankshaft runs through the center of the roller and is connected at both ends by spokes to the roller’s rim. The motor’s cylinder is attached to the inner side of the roller. At first glance, this construction looks like a machine. But it is a rigid system, and the piston cannot move in and out of the cylinder. We have deprived it of the possibility of movement and do not realize it.
249. Nichts leichter, als sich einen 4-dimensionalen Würfel vorstellen! Er schaut so aus:
249. Nothing is easier than imagining a 4-dimensional cube! It looks like this:
*Im Original findet man keine Zeichnung: der Leser möge such etwas Passendes ausdenken. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wir haben eine Zeichnung von De R.B.O. Richards benutzt. Hrsg.
*No drawing is found in the original: the reader may imagine something suitable. There are various possibilities; we have used a drawing by R.B.O. Richards. Ed.
- Aber das meine ich nicht, ich meine etwas wie
—But this is not what I mean; I mean something like
nur mit 4 Ausdehnungen! - Aber ist nicht, was ich dir gezeigt habe, eben etwas wie
but with four dimensions!—But isn’t what I’ve shown you precisely something like
nur mit 4 Ausdehnungen? Nein; das meine ich nicht! - Was aber meine ich? Was ist mein Bild? Nun, der 4-dimensionale Würfel, wie du ihn gezeichnet hast, ist es nicht! Ich habe jetzt als Bild nur die Worte und die Ablehnung alles dessen, was du mir zeigen kannst.
but with four dimensions? No; this is not what I mean!—But what do I mean? What is my image? Well, the 4-dimensional cube as you have drawn it is not it! Now my image consists only of words and the rejection of everything you can show me.
250. Sind die Rosen rot im Finstern? - Man kann an die Rose im Finstern als rot denken. -
250. Are roses red in the dark?—One can think of the rose in the dark as red.—
(Daß man sich etwas denken kann, sagt nicht, daß es Sinn hat, es zu sagen.)
(That one can think something does not mean it makes sense to say it.)
251. »Die Annahme, daß dieser Mensch - der sich ganz normal benimmt - dennoch blind ist, hat doch Sinn!« - D.h.: es ist doch eine Annahme; ich kann doch so etwas wirklich annehmen. Und das heißt: ich mache mir doch ein Bild von dem, was ich annehme. Wohl; aber geht es weiter? Wenn ich die Annahme, daß Einer blind ist, unter andern Umständen mache, bestätigeich mir doch nie, daß diese Annahme wirklich Sinn hat. Und daß ich mir dabei wirklich etwas denke, ein Bild habe, spielt dann gar keine Rolle. Dieses Bild wird erst hier wichtig, wo es sozusagen der einzige Anhaltspunkt dafür ist, daß ich wirklich eine Annahme gemacht habe. Ja es ist alles, was von einer Annahme hier noch übrig ist.
251. "The assumption that this person - who behaves completely normally - is nevertheless blind does make sense!" - That is: it is indeed an assumption; I can genuinely assume such a thing. And this means: I do form a mental picture of what I'm assuming. Well; but does it go further? When I make the assumption that someone is blind under different circumstances, I never verify that this assumption truly has sense. And the fact that I'm genuinely imagining something, having a mental image, plays no role here. This image only becomes important here where it is, so to speak, the sole indication that I've actually made an assumption. Indeed, it's all that remains of an assumption here.
252. Ich kann mir sehr wohl vorstellen, daß Einer so handelt und doch nichts Schandbares in der Handlung sieht und nun folgt eine Beschreibung, wie man sich das vorzustellen habe.
252. I can well imagine someone acting in such a way while seeing nothing shameful in the action - now follows a description of how this should be imagined.
Ich kann mir eine menschliche Gesellschaft vorstellen, in welcher es als unanständig gilt, zu rechnen, außer zum Zeitver- treib. Das heißt ungefähr soviel wie: ich könnte mir dies Bild leicht weiter ausmalen.
I can imagine a human society where calculating is considered indecent except as pastime. This means roughly as much as: I could easily elaborate this picture further.
253. Ich habe tatsächlich nie gesehen, daß ein schwarzer Fleck allmählich heller wird, bis er weilß ist, dann das Weifß immer rötlicher, bis er rot ist. Aber ich weiß, daß es möglich ist, weil ich es mir vorstellen kann..
253. I've never actually seen a black spot gradually lighten until it becomes white, then the white grow increasingly reddish until it turns red. But I know it's possible because I can imagine it.
254. (Wenn man mit jemandem über eine Zeiteinteilung redet, so geschieht es oft, daß man die Uhr zieht, nicht um zu sehen, wieviel Uhr es ist, sondern um sich ein Bild der überdach- ten Einteilung machen zu können.)
254. (When discussing time management with someone, one often pulls out a watch - not to check the time, but to form a mental picture of the contemplated schedule.)
255. Wie kann man durch Denken die Wahrheit lernen? Wie man ein Gesicht besser sehen lernt, wenn man es zeichnet.
255. How can one learn truth through thinking? As one learns to see a face better by drawing it.
256. Die Philosophen, die glauben, daß man im Denken die Erfahrung gleichsam ausdehnen kann, sollten daran denken, daß man durchs Telefon die Rede, aber nicht die Masern über- tragen kann.
256. Philosophers who believe that through thinking one can extend experience, as it were, should remember that while speech can be transmitted by telephone, measles cannot.
Ich kann auch nicht die Zeit als begrenzt empfinden, wenn ich will, oder das Gesichtsfeld als homogen etc."
Nor can I perceive time as limited at will, or the visual field as homogeneous, etc."
257. Wäre es möglich, eine neue Farbe zu entdecken? (Denn der Farbenblinde ist ja in derselben Lage wie wir, seine Farben bilden ein ebenso komplettes System, wie die unsern; er sieht keine Lücke, wo die übrigen Farben noch hinein ge- hörten.)
257. Would it be possible to discover a new color? (For the colorblind person is in the same position as us - their colors form as complete a system as ours; they see no gap where other colors should belong.)
(Vergleich mit der Mathematik.)**
(Compare with mathematics.)**
258. Man kann in der Logik die Allgemeinheit nicht weiter ausdehnen, als unsere logische Voraussicht reicht. Oder richti- ger: als unser logischer Blick reicht.
258. In logic, generality cannot be extended further than our logical foresight reaches. Or more correctly: than our logical perspective extends.
259. »Wie aber kann der menschliche Verstand der Wirk- lichkeit vorausfliegen, und selbst das Unverifizierbare den- ken? Warum sollen wir nicht das Unverifizierbare reden? Wir machten es ja selbst unverifizierbar.
259. "But how can the human mind outstrip reality and even think the unverifiable? Why shouldn't we speak the unverifiable? After all, we ourselves made it unverifiable.
Es wird ein falscher Schein erzeugt? Und wie kann es auch nur so scheinen? Willst du denn nicht sagen, daß dies So auch nicht einmal eine Beschreibung ist? Nun, dann ist es also kein falscher Schein, sondern vielmehr einer, der uns der Orientie- rung beraubt. So daß wir uns an den Kopf greifen und fragen: Wie ist es möglich?
A false appearance is created? And how could it even seem so? Don't you want to say that this 'so' isn't even a description? Well then, it's not a false appearance but rather one that deprives us of orientation. So that we clutch our heads and ask: How is this possible?"
* S. Phulomphische Bemerkungen § 66. Hrig
* Cf. Philosophical Remarks § 66. Ed.
** S. Philosophische Bemerkungen § 5 ys. Hrig
** Cf. Philosophical Remarks § 5. Ed.
260. Man kann nur scheinbar über jede mögliche Erfahrung hinausgehen; ja, dieses Wort hat auch nur scheinbar Sinn, weil es nach Analogie sinnvoller Ausdrücke gebildet ist.
260. One can only seemingly transcend all possible experience; indeed, this word only appears to have meaning, being formed by analogy with meaningful expressions.
261. Die Philosophie des Als Ob beruht ganz auf dieser Verwechslung zwischen Gleichnis und Wirklichkeit.
261. The philosophy of "As If" rests entirely on this confusion between metaphor and reality.
262. Ich kann doch nicht in den Gedanken, durch Worte, eine Voraussicht erschleichen von etwas, was ich nicht kenne. (Nihil est in intellectu...)
262. Through words, I cannot in thought surreptitiously gain foresight of something unknown. (Nihil est in intellectu...)
Als könnte ich in den Gedanken gleichsam von hinten herum kommen, und einen Blick von etwas erhaschen, was von vorn zu sehen unmöglich ist..
As if through thinking I could somehow circle around from behind and catch a glimpse of something impossible to see from the front.
263. Daher ist auch etwas daran richtig, daß die Unvorstellbarkeit ein Kriterium der Unsinnigkeit ist.
263. Thus there is some validity to the notion that unimaginability is a criterion of nonsense.
264. Wie, wenn Einer sagte: Ich kann mir nicht vorstellen, wie das ist, wenn man einen Sessel sieht, aufßer wenn ich ihn gerade sehe? Wäre er berechtigt, das zu sagen?
264. What if someone said: I can't imagine what it's like to see a chair except when I'm actually seeing it? Would they be justified in saying this?
165. Bin ich berechtigt, zu sagen, Ich kann |||||||| nicht als Gestalt sehen? Was berechtigt mich dazu? (Was berechtigt den Blinden, zu sagen, er könne nicht sehen?)266. Kannst du dir absolutes Gehör vorstellen, wenn du es nicht hast? Kannst du es dir vorstellen, wenn du es hast?- Kann ein Blinder sich das Sehen vorstellen? Kann ich mir es vorstellen? Kann ich mir vorstellen, daß ich so und so spontan reagiere, wenn ich's nicht tue? Kann ich mir's besser vorstellen, wenn ich's tue? ((Gehört zu der Frage: Kann ich mir vorstellen, daß jemand als artikulierte Gestalt sieht.))
165. Am I justified in saying I can't see |||||||| as a Gestalt? What justifies this? (What justifies the blind person in saying they can't see?)266. Can you imagine absolute pitch if you don't possess it? Can you imagine it if you do? - Can a blind person imagine seeing? Can I imagine it? Can I imagine that I spontaneously react thus and so when I don't? Can I imagine it better if I do? ((Related to the question: Can I imagine someone seeing articulated forms.))
267. Soll es Erfahrungstatsache sein, daß, wer ein Erlebnis hatte, es sich vorstellen kann, und daß es ein Andrer nicht kann? (Wie weiß ich, daß der Blinde sich die Farben vorstellen kann?) Aber: er kann ein Sprachspiel nicht spielen (nicht erlernen). Aber wie? erfahrungsgemäß, oder eo ipso? Das letztere.
267. Should it be an empirical fact that someone who has had an experience can imagine it, while another cannot? (How do I know the blind person can imagine colors?) But: they cannot play (learn) a language-game. But how? Empirically, or eo ipso? The latter.
268. Was würden wir dem sagen, der behauptete, er könne sich genau vorstellen, wie es ist, absolutes Gehör zu haben, ohne daß er's hat?
268. What would we say to someone claiming they can precisely imagine what it's like to have absolute pitch, though lacking it themselves?
269. Wenn man glaubt, sich einen vierdimensionalen Raum vorstellen zu können, warum nicht auch vierdimensionale Far- ben, das sind Farben, die außer dem Grad der Sättigung, dem Farbton und der Lichtstärke, noch eine vierte Bestimmung zu- lassen?
269. If one believes they can imagine four-dimensional space, why not four-dimensional colors - colors allowing a fourth determination beyond saturation, hue, and brightness?
270. Wie kann es denn Sinn haben, von einer mir ganz neuen Art der Sinneswahrnehmung zu reden, die ich vielleicht einmal haben werde? Wenn du nämlich nicht etwa vom Sinnesorgan reden willst..
270. How can it make sense to speak of a completely new kind of sense perception I might someday possess? Unless you mean to speak of a sense organ...
5. Philosophische Bemerkungen § 66. Hrsg.
5. Philosophical Remarks § 66. Ed.
271. Wozu dient ein Satz wie dieser: Wir können uns die Empfindungen eines Jongleurs wie Rastelli gar nicht vor- stellen?
271. What purpose does a proposition like this serve: We cannot even begin to imagine the sensations of a juggler like Rastelli?
272. Es hat Sinn, von einer endlosen Baumreihe zu reden; ich kann mir doch vorstellen, daß eine Baumreihe ohne Ende weiterläuft. D.h. etwa: Wenn es Sinn hat, zu sagen, die Baum- reihe komme hier zu einem Ende, hat es Sinn, zu sagen, [sie komme hier nicht zu einem Ende, und also auch, sie komme nirgends zu einem Ende].* Ramsey pflegte auf solche Fragen zu antworten: es sei eben doch möglich, so etwas zu denken. So etwa, wie man sagt »Die Technik leistet heute eben Dinge, die du dir gar nicht vorstellen kannst.« – Nun, da muß man herausfin- den, was du dabei denkst. (Daß du versicherst, diese Phrase ließe sich denken – was kann ich damit machen? Darauf kommt es ja nicht an. Ihr Zweck ist ja nicht der, Nebel in deiner Secle aufstei- gen zu lassen.) Was du meinst – wie ist es herauszufinden? Wir müssen geduldig prüfen, wie dieser Satz angewandt werden soll. Wie rund um ihn alles aussieht. Da wird sich sein Sinn zeigen.
272. It makes sense to speak of an endless row of trees; after all, I can imagine a row of trees continuing without end. That is to say: If it makes sense to say the row of trees ends here, then it also makes sense to say [it does not end here, and thus also that it ends nowhere].* Ramsey used to reply to such questions by asserting that such things could indeed be thought. Similar to saying, "Technology today achieves things you can't even imagine." — Well, here one must discern what you are thinking in such cases. (That you insist this phrase can be thought — what can I do with that? The point is not to conjure mists in your soul.) How is your meaning to be discovered? We must patiently examine how this proposition is to be applied. How everything around it appears. Therein its sense will reveal itself.
* Die Worte in eckigen Klammern fehlen im Original; sie wurden dem entspre- chenden Typoskript entnommen. Hing.
* The words in square brackets are absent in the original; they were taken from the corresponding typescript. Ed.
273. Hardy: »That the finite cannot understand the infinite- should surely be a theological and not a mathematical war-cry.« Es ist wahr, dieser Ausdruck ist ungeschickt. Aber was Leute damit sagen wollen, ist: »Es muß hier doch mit rechten Dingen zugehen! Woher dieser Sprung vom Endlichen zum Unendli- chen?« Und so ganz unsinnig ist die Ausdrucksweise auch nicht- nur ist das »Endliche«, was das »Unendliche« nicht soll denken können, nicht »der Mensch«, oder »unser Verstand«, sondern der Kalkül. Und wie dieser das »Unendliche« denkt, dies ist wohl einer Untersuchung wert. Und die ist zu vergleichen der genauen Untersuchung und Klärung der Geschäftsgebarung eines Unter-nehmens durch einen Chartered Accountant. Das Ziel ist eine übersichtliche, vergleichende Darstellung aller Anwendungen, Illustrationen, Auffassungen, des Kalküls. Die vollkommene Übersicht über alles, was Unklarheit schaffen kann. Und diese Übersicht muß sich auf ein weites Gebiet erstrecken, denn die Wurzeln unserer Ideen reichen weit. Das Endliche kann nicht das Unendliche verstehen heißt hier: So kann es nicht zugehen, wie ihr es, in charakteristischer Oberflächlichkeit, darstellt.
273. Hardy: «That the finite cannot understand the infinite — should surely be a theological and not a mathematical war-cry.» This expression is indeed awkward. But what people mean by it is: «Things must proceed here with proper rigor! How this leap from the finite to the infinite?» And this phrasing is not entirely nonsensical — except that the «finite» incapable of grasping the «infinite» is not «humankind» or «our mind,» but rather the calculus. And how this calculus «thinks the infinite» is worthy of investigation. Such investigation parallels the meticulous auditing and clarification of a company’s financial practices by a Chartered Accountant. The goal is a synoptic, comparative presentation of all applications, illustrations, and interpretations of the calculus — a comprehensive overview of everything that might breed confusion. This overview must span a vast domain, for the roots of our ideas extend deeply. «The finite cannot understand the infinite» here means: It cannot proceed as you superficially portray it.
Der Gedanke kann gleichsam fliegen, er braucht nicht zu gehen. Du verstehst, d. h. übersiehst, deine Transaktionen nicht, und projizierst, quasi, dein Unverständnis in die Idee eines Mediums, in dem das Erstaunlichste möglich ist.
Thought can, as it were, fly; it need not walk. You fail to comprehend — i.e., survey — your transactions and project your incomprehension onto the idea of a medium in which the most astonishing feats are possible.
274. Das wirklich Unendliche ist ein bloßes Worts. Besser wäre, zu sagen: dieser Ausdruck schafft vorläufig bloß ein Bild,- das noch in der Luft hängt, dessen Anwendung du uns noch schuldig bist.
274. The actual infinite is merely a phrase. It would be better to say: For now, this expression creates only a floating image — one whose application you still owe us.
275. Eine unendlich lange Kugelreihe, ein unendlich langer Stab. Denk dir, davon sei in einer Art Märchen die Rede. Welche Anwendung könnte man, wenn auch nur fiktiv, von diesem Begriff machen? Die Frage sei jetzt nicht: Kann es so etwas geben? Sondern: Was stellen wir uns vor? Laß also deiner Einbil- dung wirklich die Zügel schießen! Du kannst es jetzt haben, wie du's willst. Du brauchst nur zu sagen, wie du's willst. Mach also (nur) ein Wortbild; illustrier es, wie du willst durch Zeichnun- gen, durch Vergleiche, etc.! Du kannst also gleichsam - eine Werkzeichnung anfertigen. Und nun ist noch die Frage, wie nach ihr gearbeitet werden soll. (Randbemerkung: Gehört zu Es kommt auf den Dienst ans.]
275. An infinitely long row of spheres, an infinitely long rod. Imagine these spoken of in a kind of fairy tale. What application, even fictive, could be made of such concepts? The question is not: Can such things exist? But rather: What do we imagine? So let your imagination truly run wild! You can have it as you please. You need only stipulate how you want it. Thus, produce (merely) a verbal picture; illustrate it as you wish with drawings, analogies, etc.! You might draft, as it were, a schematic diagram. The remaining question is how to work from it. (Marginal note: Belongs to [the question:] It depends on the application.)
276. Ich glaube, im Reihenstück ganz fein eine Zeichnung zu erblicken, die nurmehr des »u.s.w.« bedarf, um in die Unend- lichkeit zu reichen.
276. I believe I discern in the segment of the series a delicate sketch requiring only an «etc.» to stretch into infinity.
»Ich erblicke ein Charakteristikum in ihr.« – Nun, doch etwas, was dem algebraischen Ausdruck entspricht. – »Ja, aber nichts Geschriebenes, sondern förmlich etwas Ätherisches.« – Welches seltsame Bild. – »Etwas, was nicht der algebraische Ausdruck ist, sondern wofür dieser nur eben der Ausdruck ist.«
«I perceive a characteristic within it.» — Well, something corresponding to the algebraic expression. — «Yes, but not something written — rather something ethereal.» — What a peculiar image. — «Something that is not the algebraic expression itself, but for which this expression is merely the sign.»
277. Ich erblicke etwas in ihr – ähnlich wie eine Gestalt im Vexierbild. Und sehe ich das, so sage ich »Das ist alles, was ich brauche.« – Wer den Wegweiser findet, sucht nun nicht nach einer weiteren Instruktion, sondern er geht. (Und sagte ich statt »er geht« – »er richtet sich nun nach ihm«, so könnte der Unter- schied der beiden nur sein, daß der zweite Ausdruck auf gewisse psychologische Begleiterscheinungen anspielt.)
277. I perceive something in it — akin to a figure in a puzzle picture. And once I see this, I say, «This is all I need.» — Whoever finds the signpost does not seek further instruction but proceeds. (Were I to say «he proceeds» instead of «he follows it,» the difference would lie only in the latter phrase alluding to certain psychological accompaniments.)
278. Was heißt es: Man kann eine gerade Strecke beliebig verlängern? Gibt es hier nicht ein »Und so weiter ad inf.«, das ganz verschieden ist von dem der mathematischen Induktion? Nach dem Bisherigen bestünde der Ausdruck für die Möglich- keit des Verlängerns, im Sinn der Beschreibung des verlängerten Stückes, oder des Verlängerns. Hier scheint es sich nun zunächst gar nicht um Zahlen zu handeln. Ich kann mir denken, daß der Bleistift, der die Strecke zeichnet, seine Bewegung fortsetzt und nun immer so weiter geht. Ist es aber auch denkbar, daß die Möglichkeit nicht besteht, diesen Vorgang mit einem zählbaren Vorgang zu begleiten? Ich glaube nicht.
278. What does it mean: A straight line can be extended indefinitely? Is there not here an «and so on ad inf.» entirely distinct from that of mathematical induction? Based on precedent, the expression for the possibility of extension, in the sense of describing the extended segment or the act of extending, would consist. Here it initially seems unrelated to numbers. I can imagine the pencil drawing the line continuing its motion endlessly. But is it also conceivable that this process cannot be accompanied by a countable progression? I think not.
* S. Philosophische Untersuchungen § 129. Hrsg.
* Cf. Philosophical Investigations § 129. Ed.
** S. Philosophische Bemerkungen § 130. Hrsg.
** Cf. Philosophical Remarks § 130. Ed.
279. Wann sagen wir: »Die Linie gibt mir das als Regel ein-immer das Gleiche«? Und anderseits: »Sie gibt mir immer wieder ein, was ich zu tun habe – sie ist keine Regel«?
279. When do we say: "The line suggests this to me as a rule - always the same thing"? And conversely: "It capriciously suggests different things to me each time - it's not a rule"?
Im ersten Fall heißt es: ich habe keine weitere Instanz dafür, was ich zu tun habe. Die Regel tut es ganz allein; ich brauche ihr nur zu folgen (und folgen ist eben eins). Ich fühle nicht z. B.: es ist seltsam, daß mir die Linie immer etwas sagt. Der andre Satz sagt: Ich weiß nicht, was ich tun werde; die Linie wird’s mir sagen.
In the first case, it means: I have no further authority for what I should do. The rule works entirely alone; I need only follow it (and following is one thing). I don't feel, for instance: "It's strange that the line keeps telling me something." The other statement means: I don't know what I'll do; the line will tell me.
280. Man könnte sich denken, daß Einer mit solchen Gefühlen multipliziert, richtig multipliziert; immer wieder sagt »Ich weiß nicht – jetzt gibt mir die Regel auf einmal das ein!« – und daß wir antworten: »Freilich; du gehst ja ganz nach der Regel vor.«
280. One could imagine someone multiplying correctly with such feelings, constantly exclaiming "I don't know - suddenly the rule suggests this to me!" - to which we'd reply: "Of course; you're proceeding entirely according to the rule."
281. Zu sagen, die Punkte, die dieses Experiment liefert, liegen durchschnittlich auf dieser Linie, z. B. einer Geraden, sagt etwas Ähnliches, wie: »Aus dieser Entfernung gesehen, scheinen sie in einer Geraden zu liegen.«
281. To say that the points obtained through this experiment roughly lie on this line, say a straight line, expresses something similar to: "Seen from this distance, they appear to lie in a straight line."
Ich kann von einer Strecke sagen, der allgemeine Eindruck ist der einer Geraden; aber nicht von der Linie
I can say of a segment that its general impression is straightness; but not of the line
* Philosophische Bemerkungen §§ 235, 236. Hrsg.
* Philosophical Remarks §§ 235, 236. Ed.
282. Sie gibt mir, verantwortungslos, dies oder das ein heißt: ich kann es dich nicht lehren, wie ich der Linie folge. Ich setze nicht voraus, daß du ihr folgen wirst wie ich, auch wenn du ihr folgst.
282. It irresponsibly suggests this or that to me means: I cannot teach you how I follow the line. I don't assume you'll follow it as I do, even if you follow it.
283. Was heißt es: verstehen, daß etwas ein Befehl ist, wenn man auch den Befehl selber noch nicht versteht? (-Er meint: ich soll etwas tun aber was er wünscht, weiß ich nicht.-)
283. What does it mean: to understand that something is a command before understanding the command itself? (–He means: I’m supposed to do something, but I don’t know what he wants.–)
284. Der Satz Ich muß den Befehl verstehen, ehe ich nach ihm handeln kann hat natürlich einen guten Sinn; aber wieder keinen metalogischen.
284. The proposition "I must understand the command before acting on it" makes good sense, but again not metalogical sense.
285. Die Idee, die man dabei vom Verstehen hat, ist etwa, daß man dadurch von den Worten näher an die Ausführung heran kommt. In welchem Sinne ist das richtig?
285. The idea of understanding here is roughly that it brings one closer to executing the command. In what sense is this true?
286. Aber ich muß einen Befehl verstehen, um nach ihm handeln zu können. Hier ist das muß verdächtig. - Denk auch an die Frage: Wie lange vor dem Befolgen mußt du den Befehl verstehen?
286. But I must understand a command to act on it. Here the must is suspect. – Consider also: How long before obeying must you understand the command?
287. Ich kann den Befehl nicht ausführen, weil ich nicht verstehe, was du meinst. Ja, jetzt verstehe ich dich. Was ging da vor, als ich plötzlich den Andern verstand? Da gab es viele Möglichkeiten. Der Befehl konnte, z. B., mit falscher Betonung gegeben worden sein; und es fiel mir plötzlich die richtige Beto- nung ein. Einem Dritten würde ich dann sagen Jetzt verstcheich ihn, er meint... und würde den Befehl in richtiger Betonung wiederholen. Und in der richtigen Betonung verstünde ich ihn nun; d.h., ich müßte nun nicht noch einen Sinn erfassen (etwas außerhalb des Satzes, also ätherisches), sondern es genügt mir vollkommen der wohlbekannte deutsche Wortlaut. - Oder, der Befehl ist mir in verständlichem Deutsch gegeben worden, schien mir aber ungereimt. Dann fällt mir eine Erklärung ein; und nun kann ich ihn ausführen. Oder es konnten mir mehrere Deutungen vorschweben, für deren eine ich mich endlich entscheide.
287. I can't execute the command because I don't understand your meaning. Ah, now I understand you. What occurred when I suddenly understood the other? There were many possibilities. The command might have been given with wrong emphasis, then I suddenly remembered the right emphasis. To a third party I'd say "Now I understand him, he means..." and repeat the command with proper emphasis. In this emphasis I now understand it; i.e., I needn't grasp some further meaning (something ethereal beyond the sentence), but the familiar German wording suffices completely. – Or, the command was given in comprehensible German but seemed nonsensical. Then an explanation occurs to me. – Or several interpretations might have suggested themselves, one of which I finally choose.
288. Wenn der Befehl nicht befolgt wird wo ist dann der Schatten seiner Befolgung, den du zu sehen meintest; weil dir die Form vorschwebte: Er befiehlt das und das.
288. When the command isn't obeyed – where's the shadow of its obedience you thought you saw, since the form "He commands such-and-such" hovered before you?
289. Wenn die Verbindung des Meinens vor dem Befehl hergestellt werden konnte, dann auch nach dem Befehl.
289. If the connection of meaning could be established before the command, then also after it.
290. Er hat das getan, was ich ihm befohlen habe. Warum soll man hier nicht sagen: es sei eine Identität der Handlung und der WORTE?! Wozu soll ich einen Schatten zwischen die beiden stellen? Wir haben ja eine Projektionsmethode. Nur ist es eine andere Identität: Ich habe das getan, was er getan hat und anderseits Ich habe das getan, was er befohlen hat.
290. He did what I commanded. Why shouldn't we say there's identity between action and WORDS here? Why interpose a shadow? We have a method of projection. Only it's a different identity: I did what he did vs. I did what he commanded.
291. -Verbindung des Bildes mit dem Abgebildeten könnte man die Projektionsstrahlen nennen; aber auch die Technik des Projizierens.
291. The connection between image and depicted could be called projection rays; but equally the technique of projecting.
292. Die Doppeldeutigkeit unserer Ausdrucksweise: Wenn uns ein Befehl in einer Chiffre gegeben wäre und der Schlüssel zur Übersetzung ins Deutsche, so könnten wir den Vorgang, den deutschen Befehl zu bilden, mit den Worten bezeichnen: aus der Chiffre ableiten, was wir zu tun haben, oder ableiten, welches die Befolgung des Befehls ist. Wenn wir anderseits nach dem Befehl handeln, ihn befolgen, so kann man auch hier in gewissen Fällen von einem Ableiten der Befolgung reden.
292. The ambiguity of our expressions: If a command were given in cipher with a key for translating into German, we could call the process of forming the German command "deriving from the cipher what we should do" or "deriving the command's execution". Conversely, when acting on the command, obeying it, we might in certain cases also speak of deriving the obedience.
293. Ich gebe die Regeln eines Spiels. Der Andere macht, diesen Regeln ganz entsprechend, einen Zug, dessen Möglichkeit ich nicht vorausgesehen hatte, und der das Spiel stört, so wie ich's nämlich wollte. Ich muß nun sagen: Ich habe schlechte Regeln gegeben; ich muß meine Regeln ändern, oder vielleicht ergänzen.
293. I give game rules. The other makes a move perfectly according to these rules that I hadn't foreseen, disturbing the game as I intended it. I must now say: I gave bad rules; I must modify or perhaps supplement them.
So habe ich also schon zum Voraus ein Bild des Spiels? In gewissem Sinne: ja!
So I already had a preconceived image of the game? In some sense: yes!
Es war doch z. B. möglich, daß ich nicht voraussah, daß eine quadratische Gleichung nicht reelle Lösungen haben muß.
Wasn't it possible, for instance, that I didn't foresee quadratic equations needn't have real solutions?
Die Regel führt mich also zu etwas, wovon ich sage: dieses Bild hatte ich nicht erwartet; ich stellte mir eine Lösung immer vor... so
Thus the rule leads me to something where I say: I hadn't expected this image; I always imagined the solution like...
294. Im einen Fall machen wir den Zug eines bestehenden Spiels, im andern setzen wir eine Spielregel fest. Man könnte auch das Ziehen mit einer Spielfigur auf diese beiden Arten auffassen: als Paradigma für künftige Züge, und als Zug einer Partie (des Spiels).
294. In one case we make a move in an existing game, in the other we establish a game rule. Even moving a chess piece could be viewed both ways: as paradigm for future moves, and as a move in a game.
295. Du mußt bedenken, daß es ein Sprachspiel geben kann, eine Reihe von Ziffern fortsetzen, in dem keine Regel, kein Regelausdruck je gegeben wird, sondern das Lernen nur durchBeispiele geschieht. So daß die Idee, jeder Schritt sei durch ein Erwas – eine Art Vorbild – in unserm Geiste zu rechtfertigen, diesen Leuten fremd wäre.
295. You must consider that there could be a language-game involving the continuation of a numerical series in which no rule or rule-expression is ever provided, where learning occurs solely through examples. Thus, the idea that every step must be justified by some archetype in our minds would remain foreign to these individuals.
296. Wie seltsam: Es scheint, als ob zwar eine physische (mechanische) Führung versagen, Unvorhergesehenes zulassen könnte, aber eine Regel nicht! Sie wäre sozusagen die einzig verläßliche Führung. Aber worin besteht es, daß eine Führung eine Bewegung nicht zuläßt, und worin, daß eine Regel sie nicht zuläßt? Wie weiß man das eine, und wie das andere?
296. How peculiar: It seems as though a physical (mechanical) guide might fail or permit the unforeseen, but a rule cannot! It would, so to speak, be the sole reliable guidance. But what constitutes a guide disallowing a movement versus a rule disallowing it? How does one recognize the former, and how the latter?
297. Wie mach ich's denn, um ein Wort immer richtig, d.h., sinnvoll anzuwenden; schau ich immer in der Grammatik nach? Nein; daß ich etwas meine – was ich meine, hindert mich, Unsinn zu sagen. – Ich meine etwas mit den Worten heißt hier: Ich weiß, daß ich sie anwenden kann.
297. How do I ensure I always use a word correctly, i.e., meaningfully? Do I constantly consult the grammar? No; meaning something – what I mean – prevents me from uttering nonsense. – To mean something with words here entails: I know I can apply them.
Ich kann aber glauben, sie anwenden zu können, und es zeigt sich, daß ich im Irrtum war.
Yet I may believe I can apply them and later find myself mistaken.
298. Daraus folgt nicht, daß Verstehen die Tätigkeit ist, durch die wir unser Verständnis zeigen. Die Frage, ob es diese Tätigkeit ist, ist irreführend. Sie darf nicht so aufgefaßt werden: Ist also das Verstehen diese Tätigkeit – ist es nicht doch eine andere? – Sondern so: Wird ·Verstehen· zur Bezeichnung dieser Tätigkeit gebraucht – wird es nicht anders gebraucht?
298. It does not follow that understanding is the activity through which we demonstrate our comprehension. The question of whether it is this activity is misleading. It must not be framed as: Is understanding this activity – or is it perhaps another? – Rather: Is ·understanding· used to designate this activity – or is it used differently?
299. Wir sagen: »Wenn ihr beim Multiplizieren wirklich der Regel folgt, muss das Gleiche herauskommen.« Nun, wenn dies nur die etwas hysterische Ausdrucksweise der Universitätsspra- che ist, so braucht sie uns nicht sehr zu interessieren. Es ist aberder Ausdruck einer Einstellung zu der Technik des Rechnens, die sich überall in unserm Leben zeigt. Die Emphase des Muß entspricht nur der Unerbittlichkeit dieser Einstellung, sowohl zur Technik des Rechnens, als auch zu unzähligen verwandten Ubungen.
299. We say: "If you truly follow the rule in multiplying, the same result must emerge." Now, if this is merely the somewhat hysterical phrasing of academic discourse, it need not greatly concern us. Yet it expresses an attitude toward calculation techniques that permeates our entire lives. The emphasis on "must" corresponds only to the inexorability of this attitude, both toward calculation techniques and countless related practices.
300. Mit den Worten »Diese Zahl ist die folgerechte Fortset- zung dieser Reihe« könnte ich Einen dazu bringen, daß er in Zukunft das und das »folgerechte Fortsetzung« nennt. Was »das und das« ist, kann ich nur an Beispielen zeigen. D.h., ich lehre ihn eine Reihe (Grundreihe) fortsetzen, ohne einen Ausdruck des »Gesetzes der Reihe« zu verwenden; vielmehr, um ein Sub- strat zu erhalten für die Bedeutung algebraischer Regeln, oder was ihnen ähnlich ist.
300. By using the words "This number is the consistent continuation of this series," I could train someone to henceforth call such-and-such a "consistent continuation." What "such-and-such" is can only be shown through examples. That is, I teach them to extend a series (a base series) without employing an expression of the "law of the series"; rather, to establish a substrate for the meaning of algebraic rules or analogous constructs.
301. Er muß ohne Grund so fortsetzen. Aber nicht, weil man ihm den Grund noch nicht begreiflich machen kann, sondern weil es in diesem System - keinen Grund gibt. (»Die Kette der Gründe hat ein Ende.«)
301. They must continue thus without reason. But not because the reason cannot yet be made comprehensible to them – rather, because within this system, there is no reason. ("The chain of reasons has an end.")
Und das so (in »so fortsetzen«) ist durch eine Ziffer, einen Wert, bezeichnet. Denn auf dieser Stufe wird der Regelausdruck durch den Wert erklärt, nicht der Wert durch die Regel.
And this "thus" (in "continue thus") is denoted by a numeral, a value. For at this stage, the rule-expression is explained through the value, not the value through the rule.
302. Denn dort, wo es heißt »Aber siehst du denn nicht...?« nützt ja eben die Regel nichts, sie ist Erklärtes, nicht Erklä rendes.
302. For where it is said "But don’t you see...?" the rule proves unhelpful; it is the explained, not the explaining.
* S. Bemerkungen aber die Grundlagen der Mathematik VII-§ 47. Hrsg.
* Cf. Remarks on the Foundations of Mathematics VII-§47. Ed.
303. Er erfaßt die Regel intuitiv. Warum aber die Regel? und nicht, wie er jetzt fortsetzen soll?
303. He grasps the rule intuitively. But why the rule? And not how he is now to continue?
304. Hat er nur das Richtige gesehen, diejenige der unend- lich vielen Beziehungen, die ich ihm nahezubringen trachte, -hat er sie nur einmal erfaßt, so wird er jetzt ohne weiteres die Reihe richtig fortsetzen. Ich gebe zu, er kann diese Beziehung, die ich meine, nur erraten (intuitiv erraten) - ist es aber gelungen, dann ist das Spiel gewonnen.. Aber dieses Richtige von mir Gemeinte, gibt es gar nicht. Der Vergleich ist falsch. Es gibt hier nicht quasi ein Kädchen, das er erfassen soll, die richtige Maschine, die ihn, einmal gewählt, automatisch weiterbringt. Es könnte ja sein, daß sich in unserm Gehirn so etwas abspielt, aber das interessiert uns nicht.
304. If he has merely seen the correct relation – one among the infinitely many relations I strive to convey – and if he has once grasped it, he will now continue the series correctly without further ado. I concede that he can only guess (intuitively guess) this relation I intend – but if successful, the game is won. Yet this "correct relation I intend" does not exist. The analogy is flawed. Here there is no quasi-object for him to seize, no correct machine that, once chosen, propels him automatically. Even if such processes occurred in our brains, this would not interest us.
305. Tu dasselbe! Aber dabei muß ich ja auf die Regel zeigen. Die muß er also schon anzuwenden gelernt haben. Denn was bedeutet ihr Ausdruck sonst für ihn?
305. Do the same! But here I must point to the rule. Hence, he must already have learned to apply it. For what else would its expression signify to him?
106. Die Bedeutung der Regel erraten, sie intuitiv zu erfassen, könnte doch nur heißen: ihre Anwendung erraten. Und das kann nun nicht heißen: die Art, die Regel ihrer Anwendung erraten. Und vom Erraten ist hier überhaupt keine Rede.
306. To guess the meaning of the rule, to grasp it intuitively, could only mean: to guess its application. And this cannot mean: to guess the manner of applying the rule. Here, there is no question of guessing at all.
107. Ich könnte z. B. erraten, welche Fortsetzung dem
Andern Freude machen wird (etwa nach seinem Gesicht). Die
Anwendung der Regel erraten könnte man nur, sofern man
bereits unter verschiedenen Anwendungen wählen kann.308. Man könnte sich ja dann auch denken, daß er, statt die Anwendung der Regel zu erraten, sie erfinder. Nun, wie sähe das aus? Soll er etwa sagen: »Der Regel +1
folgen, möge einmal heißen, zu schreiben: 1, 1+1, 1+1+1, usw.?« Aber was meint er damit? Das »usw.« setzt ja eben schon das Beherrschen einer Technik voraus.
307. For instance, I might guess which continuation would please another (perhaps based on their expression). Guessing the application of a rule could only occur where one already chooses among different applications.
Statt »usw.« hätte er auch sagen können: »Du weißt schon, was ich meine.« Und seine Erklärung wäre einfach eine Definition des Ausdrucks »der Regel +1
folgen« gewesen. Das wäre seine »Erfindung« gewesen.
308. One might also imagine that instead of guessing the rule’s application, he invents it. Well, how would that appear? Should he say: "To follow the rule +1
shall mean writing: 1, 1+1, 1+1+1, etc."? But what does he mean by this? The "etc." already presupposes mastery of a technique.
309. Wir kopieren die Ziffern von 1 bis 100 etwa, und schließen, denken, auf diese Weise.
Instead of "etc.," he might have said: "You know what I mean." His explanation would then simply have been a definition of the expression "to follow the rule +1
." This would have been his "invention."
Ich könnte es so sagen: Wenn ich die Ziffern von 1 bis 100 kopiere, wie weiß ich, daß ich eine Ziffernreihe erhalten werde, die beim Zählen stimmt? Und was ist hier eine Kontrolle wofür? Oder wie soll ich hier die wichtige Erfahrungstatsache beschreiben? Soll ich sagen, die Erfahrung lehrt, daß ich immer gleich zähle? oder, daß beim Kopieren keine Ziffer verlorengeht? oder, daß die Ziffern auf dem Papier stehen bleiben, wie sie sind, auch wenn ich nicht hinschaue? Oder alle diese Tatsachen? Oder soll ich sagen, daß wir einfach nicht in Schwierigkeiten kommen? Oder daß uns fast immer alles in Ordnung zu sein scheint?
309. We copy numerals from 1 to 100, say, and conclude, think, in this manner.
So denken wir. So handeln wir. So reden wir darüber.
How do I know that copying numerals from 1 to 100 will yield a sequence of numerals that holds true in counting? And what constitutes a verification here – of what? Or how should I describe the significant empirical fact? Should I say experience teaches that I always count the same? Or that no numeral is lost in copying? Or that numerals remain on paper as they are, even when I look away? Or all these facts? Or should I say we simply encounter no difficulties? Or that everything nearly always seems in order?
310. Denke, du solltest beschreiben, wie Menschen das Zählen (im Dezimalsystem z. B.) lernen. Du beschreibst, was der Lehrer sagt und tut, und wie der Schüler darauf reagiert. In dem, was der Lehrer sagt und tut, werden sich z. B. Worte und Gebärden finden, die den Schüler zum Fortsetzen einer Reihe aufmuntern sollen; auch Worte wie »Er kann jetzt zählen«. Soll nun die Beschreibung, die ich von dem Vorgang des Lehrens und Lernens gebe, aufßer den Worten des Lehrers auch mein eigenes Urteil enthalten: der Schüler könne jetzt zählen, oder: der Schüler habe nun das System der Zahlworte verstanden? Wenn ich so ein Urteil nicht in die Beschreibung aufnehme, ist sie dann unvollständig? und wenn ich es aufnehme, gehe ich über die bloße Beschreibung hinaus? Kann ich mich jener Urteile ent- halten mit der Begründung: »Das ist alles, was geschieht«?
This is how we think. This is how we act. This is how we speak about it.
310. Imagine you were to describe how humans learn counting (in the decimal system, for example). You would describe what the teacher says and does, and how the pupil reacts. Among the teacher’s words and actions, you would find, for instance, words and gestures meant to encourage the pupil to continue a series; also phrases like "He can count now." Should the description I give of the process of teaching and learning include, besides the teacher’s words, my own judgment that the pupil can now count or has grasped the system of number-words? If I omit such a judgment from the description, is it then incomplete? And if I include it, am I going beyond mere description? Can I refrain from such judgments with the justification: "That’s all that happens"?
311. Muß ich nicht vielmehr fragen: Was tut die Beschrei- bung überhaupt? wozu dient sie? Was eine vollständige und eine unvollständige Beschreibung ist, wissen wir allerdings in anderem Zusammenhang. Frage dich: wie verwendet man die Ausdrücke »vollständige« und »unvollständige Beschreibung«? Eine Rede vollständig (oder unvollständig) wiedergeben. Gehört dazu auch die Wiedergabe des Tonfalls, des Mienen- spiels, der Echtheit oder Unechtheit der Gefühle, der Absichten des Redners, der Anstrengung des Redens? Ob das, oder jenes für uns zur vollständigen Beschreibung gehört, wird vom Zweck der Beschreibung abhängen, davon, was der Empfänger mit der Beschreibung anfängt.
311. Must I not rather ask: What does the description do at all? What purpose does it serve? We do know what a complete and incomplete description is in other contexts. Ask yourself: How are the expressions "complete" and "incomplete description" used? To reproduce a speech completely (or incompletely). Does this also include reproducing the intonation, facial expressions, genuineness or artificiality of emotions, the speaker’s intentions, the effort of speaking? Whether this or that counts as part of a complete description will depend on the description’s purpose—on what the recipient does with it.
312. Der Ausdruck »Das ist alles, was geschieht« grenzt ab, was wir »geschehen« nennen.
312. The expression "That’s all that happens" demarcates what we call "happening."
313. Hier ist die Versuchung überwältigend, noch etwas zu sagen, wenn schon alles beschrieben ist. - Woher dieser Drang? Welche Analogie, welche falsche Interpretation erzeugt ihn?
313. Here the temptation is overwhelming to say something more even after everything has been described.—Where does this urge come from? Which analogy, which false interpretation produces it?
314. Hier stoßen wir auf eine merkwürdige und charakteristi- sche Erscheinung in philosophischen Untersuchungen: Die Schwierigkeit könnte ich sagen ist nicht, die Lösung zu finden, sondern, etwas als die Lösung anzuerkennen, was aus-sieht, als wäre es erst eine Vorstufe zu ihr. Wir haben schon alles gesagt. - Nicht etwas, was daraus folgt, sondern eben das ist die Lösung!
314. Here we encounter a curious and characteristic phenomenon in philosophical investigations: The difficulty, I might say, is not to find the solution but to recognize as the solution something that looks as if it were merely a preliminary to it. We have already said everything.—Not something that follows from it, but precisely this is the solution!
Das hängt, glaube ich, damit zusammen, daß wir fälschlich eine Erklärung erwarten; während eine Beschreibung die Lösung der Schwierigkeit ist, wenn wir sie richtig in unsere Betrachtung einordnen. Wenn wir bei ihr verweilen, nicht versuchen, über sie hinauszukommen.
This is connected, I believe, with our mistakenly expecting an explanation, whereas the description itself is the solution to the difficulty, provided we situate it correctly in our consideration. If we dwell on it and do not try to go beyond it.
Die Schwierigkeit ist hier: Halt zu machen.
The difficulty here is: to stop.
315. Warum verlangst du Erklärungen? Wenn diese gegeben sein werden, wirst du ja doch wieder vor einem Ende stehen. Sie können dich nicht weiter führen, als du jetzt bist.
315. Why do you demand explanations? If these are given, you will once again find yourself at an endpoint. They cannot lead you further than where you already are.
316. Man kann einen roten Gegenstand als Muster für das Malen eines rötlichen Weiß, oder eines rötlichen Gelb (etc.) verwenden aber kann man es auch als Muster für das Malen eines blaugrünen Farbtones, z. B., verwenden? Wie, wenn ich jemand, mit allen äußern Zeichen des genauen Kopierens, einen roten Fleck blaugrün wiedergeben-sähe?-Ich würde sagen Ich weiß nicht, wie er es macht! oder auch Ich weiß nicht, was er macht. Aber angenommen, er kopierte nun diesen Ton von Rot bei verschiedenen Gelegenheiten in Blaugrün, und etwa andere Töne von Rot regelmäßig in andern blaugrünen Tönen - soll ich nun sagen, er kopiere, oder er kopiere nicht?
316. One can use a red object as a sample for painting a reddish white or a reddish yellow (etc.), but can it also be used as a sample for painting a blue-green hue, for example? What if I saw someone reproducing a red patch as blue-green with all outward signs of precise copying?—I would say, "I don’t know how he does it!" or even "I don’t know what he is doing." But suppose he now copies this shade of red as blue-green on various occasions and perhaps other shades of red regularly into other blue-green shades—should I then say he is copying or not copying?
Was heißt es aber, daß ich nicht weiß, was er macht? Sehe ich denn nicht, was er macht? Aber ich sehe nicht in ihn hinein.- Nur dieses Gleichnis nicht! Wenn ich ihn Rot in Rot kopieren sehe, was weiß ich denn da? Weiß ich, wie ich es mache? Freilich, man sagt: ich male eben die gleiche Farbe. Aber wie, wenn er sagt -Und ich male die Quint zu dieser Farbe-? Sehe ich einen besonderen Vorgang der Vermittlung, wenn ich die glei- che Farbe male?
But what does it mean that I don’t know what he is doing? Don’t I see what he does? Yet I do not see into him.—Only this metaphor must not mislead! When I see him copying red into red, what do I know then? Do I know how I do it? Of course, one says: "I just paint the same color." But what if he says, "And I paint the fifth to this color"—? Do I see a special mediating process when I paint the same color?
Nimm an, ich kenne ihn als einen ehrlichen Menschen; er gibt,wie ich es beschrieben habe, ein Rot durch ein Blaugrün wieder- aber nun nicht den gleichen Ton immer durch den gleichen, sondern einmal durch einen, einmal durch einen andern Ton. - Soll ich sagen »Ich weiß nicht, was er macht?« - Er macht, was ich sehe - aber ich würde es nie tun; ich weiß nicht, warum er es tut; seine Handlungsweise ist mir unverständlich.
Assume I know him as an honest person; he reproduces a red as blue-green as I have described—but now not the same shade always through the same one, but sometimes through one, sometimes another shade.—Should I say, "I don’t know what he is doing"?—He does what I see—but I would never do it; I don’t know why he does it; his conduct is incomprehensible to me.
317. Man könnte sich ein negatives Bildnis denken, das ist eins, das darstellen soll, wie Herr N. nicht aussieht (das also ein schlechtes Portrait ist, wenn es dem N. ähnlich sieht).
317. One could imagine a negative portrait, i.e., one meant to depict what Herr N. does not look like (thus a bad likeness if it resembles N.).
318. Ich kann nicht beschreiben, wie eine Regel (allgemein) zu verwenden ist, als indem ich dich lehre, abrichte, eine Regel zu verwenden.
318. I cannot describe how a rule (in general) is to be used except by teaching you, training you, to use a rule.
319. Ich kann nun z. B. einen solchen Unterricht im Sprech- film aufnehmen. Der Lehrer wird manchmal sagen »So ist es recht«. Sollte der Schüler ihn fragen »warum?« so wird er nichts, oder doch nichts Relevantes antworten, auch nicht das: »Nun, weil wir's Alle so machen«; das wird nicht der Grund sein.
319. I could now, for example, record such instruction in a sound film. The teacher will sometimes say, "That’s right." If the student asks, "Why?" he will answer nothing, or nothing relevant, not even, "Well, because we all do it that way"—that will not be the reason.
320. Warum nenne ich die Regeln des Kochens nicht willkür- lich, und warum bin ich versucht, die Regeln der Grammatik willkürlich zu nennen? Weil »Kochen« durch seinen Zweck defi- niert ist, dagegen »Sprechen« nicht. Darum ist der Gebrauch der Sprache in einem gewissen Sinne autonom, in dem das Kochen und Waschen es nicht ist. Wer sich beim Kochen nach andern als den richtigen Regeln richtet, kocht schlecht; aber wer sich nach andern Regeln als denen des Schachs richtet, spielt ein anderesSpiel; und wer sich nach andern grammatischen Regeln richtet, als den und den, spricht darum nichts Falsches, sondern von etwas Anderem.
320. Why do I not call the rules of cooking arbitrary, yet am inclined to call the rules of grammar arbitrary? Because "cooking" is defined by its purpose, whereas "speaking" is not. Thus, the use of language is autonomous in a sense that cooking and washing are not. One who follows rules other than the correct ones for cooking cooks poorly; but one who follows rules other than those of chess plays a different game; and one who follows grammatical rules other than such-and-such does not thereby speak falsely, but speaks of something else.
321. Wenn man eine Regel, ein Wort des Satzes betreffend, dem Satze beifügt, so ändert sich sein Sinn nicht.
321. If a rule concerning a word in a proposition is appended to the proposition, its sense does not change.
322. Die Sprache ist für uns nicht als Einrichtung definiert, die einen bestimmten Zweck erfüllt. Sondern Sprache ist für uns ein Sammelname, und ich verstehe darunter die deutsche Sprache, die englische Sprache, u.s.w. und noch verschiedene Zeichensysteme, die mit diesen Sprachen eine größere oder geringere Verwandtschaft haben.
322. Language is not defined for us as an institution fulfilling a specific purpose. Rather, "language" is for us a collective term, by which I understand the German language, the English language, etc., and even various sign systems that bear greater or lesser kinship to these languages.
323. Unsere Kenntnis vieler Sprachen läßt uns die Philoso phien, die in den Formen einer jeden niedergelegt sind, nicht recht ernst nehmen. Dabei sind wir aber blind dafür, daß wir selbst starke Vorurteile für, wie gegen gewisse Ausdrucksformen haben; daß eben auch diese besondere Übereinanderlagerung mehrerer Sprachen für uns ein bestimmtes Bild ergibt.
323. Our knowledge of many languages prevents us from taking seriously the philosophies embedded in each one’s forms. Yet we remain blind to how we ourselves hold strong prejudices for or against certain forms of expression — how this very superimposition of multiple languages yields a particular picture for us.
324. Lernt das Kind nur sprechen, oder auch denken? Lernt es den Sinn des Multiplizierens vor, oder nach dem Multipli zieren?
324. Does the child learn only to speak, or also to think? Does it learn the meaning of multiplication before or after multiplying?
325. Wie bin ich denn zum Begriff Satz, oder zum Begriff Sprache gekommen? Doch nur durch die Sprachen, die ich gelernt habe. Aber die scheinen mich in gewissem Sinne übersich selbst hinausgeführt zu haben, denn ich bin jetzt im Stande, eine neue Sprache zu konstruieren, z. B., Wörter zu erfinden. - Also gehört diese Konstruktion noch zum Begriff der Sprache. Aber nur, wenn ich ihn so festlegen will.
325. How did I arrive at the concept of a proposition or the concept of language? Surely only through the languages I have learned. Yet these seem to have led me beyond themselves in a certain sense, for I am now capable of constructing a new language — inventing words, for example. Thus, this construction still belongs to the concept of language. But only if I choose to define it as such.
326. Der Begriff des Lebewesens hat die gleiche Unbestimmtheit wie der der Sprache.
326. The concept of a living being has the same indeterminacy as that of language.
327. Vergleiche: Ein Spiel erfinden eine Sprache erfinden - eine Maschine erfinden.
327. Compare: inventing a game — inventing a language — inventing a machine.
128. Daß der und der Satz keinen Sinn hat, ist in der Philosophie von Bedeutung; aber auch, daß er komisch klingt.
128. That a particular proposition is nonsensical has significance in philosophy; but so too does the fact that it sounds absurd.
329. Ich mache einen Plan nicht nur, um mich Andern verständlich zu machen, sondern auch, um selbst über die Sache klar zu werden. (D.h. die Sprache ist nicht nur Mittel zur Mitteilung.)
329. I make a plan not only to communicate with others but also to clarify matters for myself. (That is, language is not merely a means of communication.)
330. Was heißt das: Das ist doch nicht mehr dasselbe Spiel! Wie verwende ich diesen Satz? Als Mitteilung? Nun, etwa als Einleitung zu einer Mitteilung, die die Unterschiede aufzählt und ihre Folgen erklärt. Aber auch, um auszudrücken, daß ich eben darum hier nicht mehr mittue, oder doch eine andere Stellung zu dem Spiel einnehme.
330. What does it mean to say: "But this is no longer the same game!" How do I use this sentence? As a statement? Perhaps as an introduction to a statement enumerating differences and explaining their consequences. But also to express that I will no longer participate for this reason, or that I now adopt a different stance toward the game.
331. Man ist versucht, Regeln der Grammatik durch Sätze zu rechtfertigen von der Art »Aber es gibt doch wirklich vier pri- märe Farben«. Und gegen die Möglichkeit dieser Rechtferti- gung, die nach dem Modell der Rechtfertigung eines Satzes durch den Hinweis auf seine Verifikation gebaut ist, richtet sich das Wort, daß die Regeln der Grammatik willkürlich sind..
331. We are tempted to justify grammatical rules with propositions like "But there really are four primary colors." Against this possibility of justification — modeled on justifying a proposition by pointing to its verification — stands the assertion that grammatical rules are arbitrary.
Kann man aber nicht doch in irgendeinem Sinne sagen, daß die Grammatik der Farbwörter die Welt, wie sie tatsächlich ist, charakterisiert? Man möchte sagen: Kann ich nicht wirklich vergebens nach einer fünften primären Farbe suchen? Nimmt man nicht die primären Farben zusammen, weil sie eine Ähnlich- keit haben; oder zum mindesten die Farben, im Gegensatz z. B. zu den Formen oder Tönen, weil sie eine Ähnlichkeit haben? Oder habe ich, wenn ich diese Einteilung der Welt als die richtige hinstelle, schon eine vorgefaßte Idee als Paradigma im Kopf? Von der ich dann etwa nur sagen kann: »Ja, das ist die Art, wie wir die Dinge betrachten«, oder »Wir wollen eben ein solches Bild machen«. Wenn ich nämlich sage: »die primären Farben haben doch eine bestimmte Ähnlichkeit miteinander« – woher nehme ich den Begriff dieser Ähnlichkeit? Ist nicht so, wie der Begriff »primäre Farbe« nichts andres ist, als »blau oder rot oder grün oder gelb«, – auch der Begriff jener Ähnlichkeit nur durch die vier Farben gegeben? Ja, sind sie nicht die gleichen? – »Ja, könnte man denn auch rot, grün und kreisförmig zusammenfas- sen?« – Warum nicht?!
Yet cannot one say, in some sense, that the grammar of color words characterizes the world as it actually is? We might ask: Have I not genuinely searched in vain for a fifth primary color? Do we group primary colors together because they share a similarity — or at least group colors (as opposed to shapes or tones) because they share one? Or does presenting this division of the world as the correct one already presuppose a preconceived idea as a paradigm — of which we might only say: "Yes, this is how we view things," or "We simply want to create such a picture"? If I say, "Primary colors do share a particular similarity with one another" — whence do I derive the concept of this similarity? Just as the concept "primary color" is nothing other than "blue or red or green or yellow," is not the concept of that similarity also given solely through these four colors? Are they not, in fact, the same? — "But could one also group red, green, and circular together?" — Why not?!
332. Glaub doch nicht, daß du den Begriff der Farbe in dir hältst, weil du auf ein färbiges Objekt schaust, – wie immer du schaust.
332. Do not imagine that you hold the concept of color within you because you look at a colored object — however you look.
(So wenig, wie du den Begriff der negativen Zahl besitzt, dadurch, daß du Schulden hast.)
(No more than you possess the concept of negative numbers by being in debt.)
333. »Rot ist etwas Spezifisches«, das müßte soviel heißen wie: »Das ist etwas Spezifisches« – wobei man auf etwas Rotesdeutet. Aber damit das verständlich wäre, müßte man schon unsern Begriff »rot«, den Gebrauch jenes Musters, meinen.
333. "Red is something specific" would have to mean: "This is something specific" — while pointing to something red. But for this to be intelligible, one must already mean our concept "red," the use of that sample.
334. Ich kann doch offenbar eine Erwartung einmal in den Worten »ich erwarte einen roten Kreis«, ein andermal statt der letzten beiden Worte durch das farbige Bild eines roten Kreises ausdrücken. Aber in diesem Ausdruck entsprechen den beiden Wörtern »rot« und »Kreis« nicht zwei Dinge. Also ist der Ausdruck der zweiten Sprache von ganz anderer Art.
334. I can obviously express an expectation once with the words "I expect a red circle" and another time, instead of the last two words, with a colored image of a red circle. But in this expression, the two words "red" and "circle" do not correspond to two things. Thus, the expression in the second language is of an entirely different kind.
335. Es gäbe außer dieser auch eine Sprache, in der »roter Kreis« durch Nebeneinanderstellen eines Kreises und eines roten Flecks ausgedrückt würde.
335. There could also be a language in which "red circle" is expressed by juxtaposing a circle and a red patch.
336. Wenn ich nun auch zwei Zeichen bei mir habe, den Ausdruck »roter Kreis« und das farbige Bild, oder die Vorstellung, des roten Kreises, so wäre doch die Frage: Wie ist denn dann das eine Wort der Farbe, das andere der Form zugeordnet?
336. Even if I have two signs with me — the expression "red circle" and the colored image (or mental picture) of a red circle — the question remains: How is one word assigned to the color and the other to the form?
Denn man scheint sagen zu können, das eine Wort lenke die Aufmerksamkeit auf die Farbe, das andere auf die Form. Aber was heißt das? Wie kann man diese Wörter in dieses Bild übersetzen?
For one might say that one word directs attention to the color, the other to the form. But what does this mean? How can these words be translated into this image?
Oder auch: Wenn mir das Wort »rot« eine Farbe ins Gedächtnis ruft, so muß sie doch mit einer Form verbunden sein; wie kann ich denn dann von der Form abstrahieren?
Alternatively: If the word "red" calls a color to mind, must it not be linked to a form? How, then, can I abstract from the form?
Die wichtige Frage ist dabei nie: wie weiß er, wovon er abstrahieren soll? sondern: wie ist das überhaupt möglich? oder: was heißt es?337. Vielleicht wird es klarer, wenn man die beiden Sprachen vergleicht, in deren einer ein rotes Täfelchen und eines mit einem Kreis darauf (etwa einem schwarzen auf weißem Grund) die Worte roter Kreis ersetzen; und in der andren statt dessen ein roter Kreis gemalt wird.
The crucial question here is never: how does he know what to abstract from? but rather: how is this even possible? or: what does it mean?337. Perhaps it will become clearer if we compare two languages: in one, a red tablet and one with a circle on it (e.g., a black circle on a white background) replace the words "red circle"; in the other, a red circle is painted instead.
Wie geht denn hier die Übersetzung vor sich? Er schaut etwa zuerst auf das rote Tafelchen und wählt einen roten Stift, dann auf den Kreis, und macht nun mit diesem Stift einen Kreis.
How does the translation proceed here? He might first look at the red tablet and select a red pencil, then look at the circle, and now draw a circle with this pencil.
Es würde etwa zuerst gelernt, daß das erste Täfelchen immer die Wahl des Bleistiftes bestimmt, das zweite, was wir mit ihm zeichnen sollen. Die beiden Täfelchen gehören also verschiede- nen Wortarten an (etwa Hauptwort und Tätigkeitswort). In der anderen Sprache aber gäbe es nichts, was man hier zwei Wörter nennen könnte.
One might first learn that the first tablet always determines the choice of pencil, the second what we are to draw with it. Thus, the two tablets belong to different word classes (say, noun and verb). In the other language, however, there would be nothing we could call two words here.
338. Wenn Einer sagte Rot ist zusammengesetzt so könn ten wir nicht erraten, worauf er damit anspielt, was er mit diesem Satz wird anfangen wollen. Sagt er aber: Dieser Sessel ist zusammengesetzt, so mögen wir zwar nicht gleich wissen, von welcher Zusammensetzung er spricht, können aber gleich an mehr als einen Sinn für seine Aussage denken.
338. If someone were to say "Red is composite," we could not guess what they were alluding to or how they intended to use this proposition. But if they say: "This chair is composite," we may not immediately know what kind of composition they are referring to, yet we can think of more than one sense for their statement.
Was für eine Art von Faktum ist nun dies, worauf ich aufmerk- sam machte?
What kind of fact, then, is this that I am drawing attention to?
Jedenfalls ist es ein wichtiges Faktum. - Uns ist keine Technik geläufig, auf die dieser Satz anspielen könnte.
In any case, it is an important fact. – No technique familiar to us corresponds to what this proposition might allude to.
339. Wir beschreiben hier ein Sprachspiel, welches wir nicht lernen können.
339. We are here describing a language-game that we cannot learn.
340. Dann muß etwas ganz anderes in ihm vorgehen, etwas, was wir nicht kennen. Das zeigt uns, wonach wir bestimmen, ob im Andern etwas anderes als, oder dasselbe wie, in unsstattfindet. Das zeigt uns, wonach wir die inneren Vorgänge beurteilen.
340. Then something entirely different must be taking place within them, something we do not know. This shows us what determines whether something different from, or the same as, what is in us occurs in another. This shows us the criteria by which we judge inner processes.
341. Kannst du dir vorstellen, was der rot-grün Blinde sieht? Kannst du das Bild des Zimmers malen, wie er es sieht? Kann er es malen, wie er's sieht? Kann ich also malen, wie ich's sehe? In welchem Sinne kann ich's.
341. Can you imagine what the red-green colorblind person sees? Can you paint the picture of the room as they see it? Can they paint it as they see it? Can I paint how I see it? In what sense can I?
342. Wer alles nur grau, schwarz und weiß sähe, dem müßte etwas gegeben werden, damit er wüßte, was Rot, Grün etc. ist.. Und was müßte ihm gegeben werden? Nun, die Farben. Also z. B. dies, und dies, und dies. (Denk dir, z. B., daß farbige Vorbilder in sein Gehirn eingeführt werden müßten zu den bloß grauen und schwarzen.) Aber müßte das geschehen als Mittel zum Zweck des künftigen Handelns? Oder schließt eben dies Handeln diese Vorbilder ein? Will ich sagen: Es müßte ihm etwas gegeben werden, denn es ist klar, er könnte sonst nicht... oder: Sein sehendes Benehmen enthält neue Be- standteile?
342. Someone who saw only gray, black, and white would need something given to them to know what Red, Green, etc., are. And what would need to be given? Well, the colors. For example, this, and this, and this. (Imagine, say, that colored samples would have to be introduced into their brain alongside mere gray and black.) But must this occur as a means to the end of future action? Or does this very action include these samples? Do I mean to say: Something would have to be given to them, for clearly otherwise they could not... Or: Does their seeing behavior contain new components?
343. Auch: was würden wir eine Erklärung des Sehens nennen? Soll man sagen: Nun, du weißt doch sonst, was-Erklä- rung heißt; verwende diesen Begriff also auch hier!
343. Also: what would we call an explanation of seeing? Should we say: Well, you know what explanation means otherwise; apply this concept here too!
344. Kann ich sagen: Schau es an! so wirst du sehen, dafß es sich nicht erklären läßt. Oder: Trinke die Farbe Rot in dich ein, so wirst du sehen, daß sie nicht durch etwas anderes darzu- stellen ist! - Und wenn der Andere nun mir beistimmt, zeigt es, daß er dasselbe eingetrunken hat wie ich? Und was bedeutet nun unsere Geneigtheit, dies zu sagen? Rot erscheint uns isoliertdazustehen. Warum? Was ist dieser Schein, diese Geneigtheit wert? Man könnte aber fragen: Auf welche Eigentümlichkeit des Begriffs deutet diese unsre Neigung?
344. Can I say: Look at it! Then you will see that it cannot be explained. Or: Drink the color Red into yourself, and you will see that it cannot be represented through something else! – And if the other person then agrees with me, does it show they have imbibed the same thing as I? And what does our inclination to say this signify? Red appears to us to stand in isolation. Why? What is this appearance, this inclination worth? But one could ask: What peculiarity of the concept does this inclination of ours point to?
345. Denke an den Satz »Rot ist keine Mischfarbe« und an seine Funktion.
345. Consider the proposition "Red is not a mixed color" and its function.
Das Sprachspiel mit den Farben ist eben durch das charakteri- siert, was wir tun können, und was wir nicht tun können.
The language-game with colors is precisely characterized by what we can do and what we cannot do.
346. »Ein rötliches Grün gibt es nicht«, ist den Sätzen ver- wandt, die wir als Axiome in der Mathematik gebrauchen.
346. "A reddish Green does not exist" is akin to propositions we use as axioms in mathematics.
347. Daß wir mit gewissen Begriffen rechnen, mit andern nicht, zeigt nur, wie verschiedener Art die Begriffswerkzeuge sind (wie wenig Grund wir haben, hier je Einförmigkeit anzu- nehmen). [Randbemerkung: Zu Sätzen über Farben, die den mathematischen ähnlich sind, z. B.: Blau ist dunkler als weiß. Dazu Goethes Farbenlehre.]
347. That we calculate with certain concepts and not with others shows only how heterogeneous our conceptual tools are (how little reason we have to assume uniformity here). [Marginal note: For propositions about colors resembling mathematical ones, e.g.: Blue is darker than white. Consider Goethe’s Theory of Colors here.]
348. »Die Möglichkeit der Übereinstimmung bedingt schon eine Übereinstimmung.« - Denke, jemand sagte: »Schachspie- lenkönnen ist eine Art des Schachspielens«!
348. "The possibility of agreement already presupposes agreement." – Imagine someone saying: "Knowing how to play chess is a type of chess-playing"!
349. Es ist sehr schwer, Gedankenbahnen zu beschreiben, wo schon viel Fahrgleise sind - ob deine eigenen, oder andere - und nicht in eins der ausgefahrenen Gleise zu kommen. Es ist schwer: nur wenig von einem alten Gedankengleise abzuweichen.350. Es ist, als wären unsere Begriffe bedingt durch ein Gerüst von Tatsachen..
349. It is very difficult to describe tracks of thought where there are already many tracks laid down – whether your own or others’ – and not to fall into one of the well-worn ruts. It is hard: to deviate only slightly from an old thought track.350. It is as if our concepts were conditioned by a scaffolding of facts.
Das hieße doch: Wenn du dir gewisse Tatsachen anders denkst, sie anders beschreibst, als sie sind, dann kannst du die Anwendung gewisser Begriffe dir nicht mehr vorstellen, weil die Regeln ihrer Anwendung kein Analogon unter den neuen Umständen haben. Was ich sage, kommt also darauf hinaus: Ein Gesetz wird für Menschen gegeben, und ein Jurist mag wohl fähig sein, Konsequenzen für jeden Fall zu ziehen, der ihm gewöhnlich vorkommt, das Gesetz hat also offenbar seine Verwendung, einen Sinn. Trotzdem aber setzt seine Gültigkeit allerlei voraus; und wenn das Wesen, welches er zu richten hat, ganz vom gewöhnlichen Menschen abweicht, dann wird z. B. die Entscheidung, ob er eine Tat mit böser Absicht begangen hat, nicht etwa schwer, sondern (einfach) unmöglich werden.
This would mean: If you imagine certain facts differently, describe them otherwise than they are, then you can no longer conceive the application of certain concepts, because the rules of their application have no analogue under the new circumstances. What I am saying thus amounts to: A law is given for humans, and a jurist may well be capable of deducing consequences for every ordinary case that comes before them; hence the law evidently has its use, its sense. Nevertheless, its validity presupposes all sorts of things; and if the being to be judged deviates entirely from the ordinary human, then the decision, say, whether they committed an act with malicious intent, would not be difficult but (simply) impossible.
351. Wenn die Menschen nicht im allgemeinen über die Farben der Dinge übereinstimmten, wenn Unstimmigkeiten nicht Ausnahmen wären, könnte es unsern Farbbegriff nicht geben.. Nein: gäbe es unsern Farbbegriff nicht.
351. If people did not generally agree about the colors of things, if discrepancies were not exceptions, our color concept could not exist. No: our color concept would not exist.
352. Will ich also sagen, gewisse Tatsachen seien gewissen Begriffsbildungen günstig; oder ungünstig? Und lehrt das die Erfahrung? Es ist Erfahrungstatsache, daß Menschen ihre Begriffe ändern, wechseln, wenn sie neue Tatsachen kennenlernen; wenn dadurch, was ihnen früher wichtig war, unwichtig wird, und umgekehrt. (Man findet z. B.: was früher als Artunterschied galt, sei eigentlich nur ein Gradunterschied.)
352. Do I mean to say that certain facts are favorable or unfavorable to certain concept-formations? And does experience teach this? It is an empirical fact that humans change their concepts when they encounter new facts; when what was once important to them becomes unimportant, and vice versa. (One discovers, e.g., that what was formerly regarded as a difference in type is actually only a difference of degree.)
353. Aber kann man nicht sagen: Wenn es nur eine Substanz gäbe, so hätte man keinen Gebrauch für das Wort Substanz? Aber das heißt doch: Der Begriff Substanz setzt den BegriffUnterschied der Substanz voraus. (Wie der des Schachkönigs den des Schachzuges, oder wie der der Farbe den der Farben.)
353. But could one not say: If there were only one substance, the word substance would have no use? Yet this means: The concept substance presupposes the concept of a difference in substance. (Just as the concept of a chess king presupposes the concept of a chess move, or the concept of color presupposes that of colors.)
354. Zwischen Grün und Rot, will ich sagen, sei eine geome- trische Leere, nicht eine physikalische.
354. Between green and red, I want to say, there is a geometric void, not a physical one.
355. Aber entspricht dieser also nichts Physikalisches? Das leugne ich nicht. (Und wenn es bloß unsre Gewöhnung an diese Begriffe, an diese Sprachspiele wäre. Aber ich sage nicht, daß es so ist.) Wenn wir einem Menschen die und die Technik durch Exempel beibringen, daß er dann mit einem bestimmten neuen Fall so und nicht so geht, oder daß er dann stockt, daß für ihn also dies und nicht jenes die natürliche Fortsetzung ist, ist allein schon ein höchst wichtiges Naturfaktum.
355. But does nothing physical correspond to this? I do not deny it. (And even if it were merely our habituation to these concepts, to these language-games. But I do not say that this is the case.) When we teach a person a certain technique through examples, such that he proceeds in a specific way with a new case rather than another, or that he hesitates — so that for him this and not that is the natural continuation — this alone is a supremely important natural fact.
356. Aber wenn ich mit bläulichgelb grün meine, so fasse ich eben diesen Ausdruck anders als nach der ursprünglichen Weise auf. Die ursprüngliche Auffassung bezeichnet einen andern und eben nicht gangbaren Weg.
356. But if by "bluish-yellow" I mean green, then I am interpreting this expression differently than in its original sense. The original interpretation designates another and indeed impassable path.
Was ist aber hier das richtige Gleichnis? das vom physisch nicht gangbaren Weg, oder vom Nichtexistieren des Weges? Also das Gleichnis der physikalischen, oder der mathematischen Unmöglichkeit?
Yet what is the correct analogy here? That of a physically impassable path, or of the non-existence of the path? Hence the analogy of physical or mathematical impossibility?
* Diese Bemerkung war nicht unter den Zetteln. Die Herausgeber haben we einem Manuskript entnommen, wo sie unmittelbar ver der nachfolgenden Bemer kung steht.
* This remark was not among the slips. The editors have taken it from a manuscript where it appears immediately before the following remark.
357. Wir haben ein System der Farben wie ein System der Zahlen.Liegen die Systeme in unserer Natur, oder in der Natur der Dinge? Wie soll man's sagen? Nicht in der Natur der Zahlen oder Farben.
357. We have a system of colors as we have a system of numbers. Do these systems lie in our nature or in the nature of things? How should one put it? Not in the nature of numbers or colors.
358. Hat denn dieses System etwas Willkürliches? Ja und nein. Es ist mit Willkürlichem verwandt, und mit Nichtwillkür- lichem.
358. Does this system contain something arbitrary? Yes and no. It is akin to both the arbitrary and the non-arbitrary.
359. Es leuchtet auf den ersten Blick ein, daß man nichts als Zwischenfarben von rot und grün anerkennen will. (Und ob es nur immer so einleuchtet, oder erst nach Erfahrung und Erzie- hung, ist gleichgültig.)
359. At first glance, it seems evident that one would acknowledge nothing as intermediate colors between red and green. (And whether this is always immediately evident or only after experience and education is irrelevant.)
360. »a ist zwischen b und c, und dem b näher als dem c«, dies ist eine charakteristische Relation zwischen Empfindungen glei- cher Art. D.h., es gibt z. B. ein Sprachspiel mit dem Befehl »Erzeuge eine Empfindung zwischen dieser und dieser, und der ersten näher als der zweiten!« Und auch: »Nenne zwei Empfin- dungen, zwischen welchen diese liegt«.
360. »a lies between b and c, closer to b than to c« — this is a characteristic relation among sensations of the same kind. That is, there exists, for example, a language-game with the command: »Produce a sensation between this one and that one, closer to the first than to the second!« And also: »Name two sensations between which this one lies.«
361. Und da ist es wichtig, daß man z. B. bei Grau »Schwarz und Weiß« zur Antwort kriegen wird; bei Violett »Blau und Rot«, bei Rosa »Rot und Weiß«, etc.; aber nicht bei Olivgrün »Rot und Grün«.
361. And here it is significant that, for instance, with gray, one will receive the answer »black and white«; with violet, »blue and red«; with pink, »red and white«, etc.; but not with olive green, »red and green«.
362. Diese Leute kennen ein Rötlichgrün. »Aber es gibt doch gar keins!« »Welcher sonderbare Satz.« (Wie weißt du's nur?)363. Sagen wir's doch einmal so: Müssen denn diese Leute die Diskrepanz merken? Vielleicht sind sie zu stumpf dazu. Und dann wieder: vielleicht auch nicht.-
362. These people recognize a reddish green. »But such a thing does not exist!« »What a peculiar statement.« (How do you even know?) 363. Let us put it this way: Must these people notice the discrepancy? Perhaps they are too obtuse to do so. And then again: perhaps not.—
364. Ja aber hat denn die Natur hier gar nichts mitzureden?! Doch nur macht sie sich auf andere Weise hörbar. Irgendwo wirst du doch an Existenz und nicht-Existenz anrennen! Das heißt aber doch an Tatsachen, nicht an Be- griffe.
364. But does nature have no say here at all?! Indeed, yet it makes itself heard in another way. Somewhere you will collide with existence and non-existence! But this means colliding with facts, not concepts.
365. Es ist eine Tatsache von der höchsten Wichtigkeit, daß eine Farbe, die wir (z. B.) rötlichgelb zu nennen geneigt sind, sich wirklich durch Mischung (auf verschiedene Weise) von Rot und Gelb erzeugen läßt. Und daß wir nicht im Stande sind, cine Farbe, die durch Mischen von Rot und Grün entstanden ist, ohne weiteres als eine zu erkennen, die sich so erzeugen läfit. (Was aber bedeutet ohne weiteres hier?)
365. It is a fact of the utmost importance that a color we are inclined to call (e.g.) reddish-yellow can indeed be produced by mixing (in various ways) red and yellow. And that we are unable to recognize a color resulting from mixing red and green as one that can be produced in such a way straightaway. (But what does "straightaway" signify here?)
366. Verwirrung der Geschmäcke: Ich sage Das ist süß, der Andere -Das ist sauer, u. s.f. Einer kommt daher und sagt: -Ihr habt Alle keine Ahnung, wovon ihr sprecht. Ihr wißt gar nicht mehr, was ihr einmal einen Geschmack genannt habt. Was wäre das Zeichen dafür, daß wir's noch wissen? ((Hängt mit einer Frage über eine Verwirrung im Rechnen zusammen.))
366. Confusion of tastes: I say "This is sweet," another says "This is sour," etc. Someone comes along and says: "You all have no idea what you are talking about. You no longer even know what you once called a taste." What would be the sign that we still know? ((Connected to a question about confusion in calculation.))
* Unter den Zetteln findet sich noch folgende Bemerkung, die in die emce Auflage des Werkes nicht aufgenommen wurde: Bezieht sich auf das, was Frege, und
* Among the slips is the following remark, which was not included in the first edition of the work: Refers to what Frege, and occasionally Ramsey, said about recognition as a condition of symbolizing. What is the criterion for my having recognized the color correctly? Something like the experience of joy upon recognition? — Ed.
367. Aber könnten wir nicht auch in dieser Verwirrung ein Sprachspiel spielen? Aber ist es noch das Frühere?-368. Denken wir uns Menschen, die eine Zwischenfarbe, von Rot und Gelb z. B., durch eine Art binären Dezimalbruch so ausdrücken: R,L.L.RL. u. dergl., wo auf der rechten Seite z. B. Gelb steht, auf der linken Rot. Diese Leute lernen schon im Kindergarten, Farbtöne in dieser Weise beschreiben, nach sol- chen Beschreibungen Farben auszuwählen, zu mischen, etc. Sie verhielten sich zu uns ungefähr, wie Leute mit absolutem Gehör zu Leuten, denen dies fehlt. Sie können tun, was wir nicht können.
[Randbemerkung: Fraglich.]
367. But could we not also play a language-game within this confusion? Yet is it still the earlier one? -368. Imagine people who express an intermediate color between red and yellow, for instance, through a kind of binary decimal fraction like R.L.L.RL. etc., where the right side might represent yellow and the left red. These individuals are trained from kindergarten to describe color tones in this manner, to select and mix colors based on such descriptions, etc. They would relate to us roughly as people with absolute pitch relate to those lacking it. They can do what we cannot.
[Marginal note: Questionable.]
169. Und hier möchte man sagen: Ist das denn aber auch vorstellbar? Ja, das Benehmen wohl aber auch der innere Vor- gang, das Farberlebnis? Und was man auf so eine Frage sagen soll, ist schwer zu sehen. Hätten die, die kein absolutes Gehör haben, vermuten können, es werde auch Leute mit absolutem Gehör geben?
169. Here one might ask: But is this even conceivable? Yes, the behavior perhaps—but also the inner process, the color experience? And what to say in response to such a question is difficult to discern. Could those without absolute pitch have surmised that people with absolute pitch would exist?
370. Der Glanz, oder die Spiegelung: Wenn ein Kind malt, so wird es diese nie malen. Ja, es ist beinahe schwer zu glauben, daß sie durch die gewöhnlichen Öl- oder Wasserfarben dargestellt werden können.
[Randbemerkung: Zu unserm Begriff von der Farbe
370. The sheen or reflection: When a child paints, they will never depict these. Indeed, it is almost hard to believe they can be rendered through ordinary oil or watercolors.
[Marginal note: To our concept of color
gelegentlich Ramsey, vom Wiedererkennen als einer Bedingung des Symbolisierens sagten. Was ist das Kriterium dafur, daß ich die Farbe richtig wiedererkannt habe? Eowa so etwas wie des Erlebnis der Freude beim Wiedererkennen?). Hrsg.
occasionally Ramsey spoke of recognition as a condition of symbolizing. What is the criterion for having recognized the color correctly? Perhaps something like the experience of joy upon recognition? Ed.
371. Wie wurde eine Gesellschaft von lauter tauben Men- schen aussehen? Wie, eine Gesellschaft von Geistesschwachen? Wichtige Frage! Wie, also, eine Gesellschaft, die viele unserer gewöhnlichen Sprachspiele nie spielte? 372. Den Schwachsinnigen stellt man sich unter dem Bild des Degenerierten, wesentlich Unvollständigen, gleichsam Zer lumpten vor. Also unter dem der Unordnung statt der primitive- ren Ordnung (welches eine weit produktivere Anschauungsart wäre).
371. What would a society of entirely deaf people look like? Or one of the mentally deficient? An important question! That is, a society that never engaged in many of our ordinary language-games? 372. The mentally deficient are imagined under the image of the degenerate, essentially incomplete, as it were tattered. Thus under the image of disorder rather than a primitive order (which would be a far more productive way of conceiving it).
Wir sehen eben nicht eine Gesellschaft solcher Menschen.
We simply do not see such a society of people.
373. Andere, obgleich den unsern verwandte Begriffe könn ten uns sehr seltsam erscheinen; Abweichungen nämlich vom Gewohnten in angewohnter Richtung.
373. Other concepts, though related to ours, could appear very strange to us—deviations, that is, from the habitual in accustomed directions.
374. Festbegrenzte Begriffe würden eine Gleichförmigkeit des Verhaltens fordern. Aber wo ich sicher bin, ist der Andere unsicher. Und das ist eine Naturtatsache.
374. Sharply bounded concepts would demand uniformity of behavior. But where I am certain, another is uncertain. And this is a natural fact.
375. Dies sind die festen Schienen, auf denen all unser Denken verläuft, und also nach ihnen auch unser Urteilen und Han- deln.
375. These are the fixed rails along which all our thinking runs, and thus so too our judging and acting.
376. Dort z. B., wo es einen Typus nur selten gibt, wird der Begriff dieses Typus nicht gebildet. Die Leute berührt dies nicht als eine Einheit, als ein bestimmtes Gesicht.
376. Where a type occurs only rarely, for instance, the concept of this type is not formed. People do not perceive this as a unity, as a determinate face.
377. Sie machen davon nicht ein Bild und erkennen es von Fall zu Fall wieder.
377. They do not make an image of it and recognize it case by case.
378. Muß der Begriff der Bescheidenheit, oder der Prahlerei überall bekannt sein, wo es bescheidene und prahlerische Men- schen gibt? Es liegt ihnen vielleicht dort nichts an dieser Unter- scheidung.
378. Must the concept of modesty or boastfulness be known everywhere such people exist? Perhaps that distinction holds no importance for them there.
Uns sind ja auch manche Unterschiede unwichtig, und könn ten uns wichtig sein.
For us too, certain distinctions are trivial, though they could matter.
379. Und Andere haben Begriffe, die unsere Begriffe durch- schneiden.
379. And others have concepts that intersect ours.
380. Ein Stamm hat zwei Begriffe, verwandt unserm Schmerz. Der eine wird bei sichtbaren Verletzungen ange- wandt und ist mit Pflege, Mitleid, etc. verknüpft. Den andern wenden sie bei Magenschmerzen, z. B., an, und er verbindet sich mit Belustigung über den Klagenden. Aber merken sie denn wirklich nicht die Ahnlichkeit? Haben wir denn überall einen Begriff, wo eine Ahnlichkeit besteht? Die Frage ist: Ist ihnen die Ahnlichkeit wichtig? Und muß sie's ihnen sein? Und warum sollte nicht ihr Begriff unsern Begriff Schmerz schneiden?
380. A tribe has two concepts akin to our pain. One is applied to visible injuries and linked with care, compassion, etc. The other is used for stomachaches, say, and associated with amusement at the complainer. But do they truly not notice the similarity? Do we have a concept wherever a similarity exists? The question is: Is the similarity important to them? And must it be? And why should their concept not intersect our concept of pain?
381. Aber übersieht dieser dann nicht etwas, was da ist? - Er nimmt davon keine Notiz; und warum sollte er? - Aber dann ist ja eben sein Begriff grundverschieden von dem unsern.-Grund- verschieden? Verschieden. Aber es ist dann doch, als ob sein Wort nicht dasselbe bezeichnen könnte wie unseres. Oder nur einen Teil davon. Aber so muß es ja auch ausschauen, wenn sein Begriff verschieden ist. Denn die Unbestimmtheit unseres Begriffs kann sich ja für uns in den Gegenstand projizieren, den das Wort bezeichnet. So daß, fehlte die Unbestimmtheit, auch nicht dasselbe gemeint wäre. Das Bild, das wir verwenden, versinnbildlicht die Unbestimmtheit.
381. But does this not overlook something present? — He takes no note of it; and why should he? — Then his concept is fundamentally different from ours. — Fundamentally different? Different. Yet it is as though his word could not signify the same as ours. Or only a part of it. But this is how it must appear if his concept is different. For the indeterminacy of our concept may project itself onto the object the word denotes. So that if the indeterminacy were absent, it would not be the same thing meant. The image we use symbolizes the indeterminacy.
382. In der Philosophie darf man keine Denkkrankheit abschneiden. Sie muß ihren natürlichen Lauf gehen, und die Langsame Heilung ist das Wichtigste. (Daher die Mathematiker so schlechte Philosophen sind.)
382. In philosophy, one must not excise a disease of thinking. It must run its natural course, and the slow cure is what matters most. (Hence mathematicians are such poor philosophers.)
383. Denk dir, es würden die Leute eines Stammes von früher Jugend dazu erzogen, keinerlei Gemütsausdruck zu zeigen. Er ist für sie etwas Kindisches, das abzutun sei. Die Abrichtung sei streng. Man redet von ›Schmerzen‹ nicht; schon erst recht nicht in der Form einer Vermutung-Vielleicht hat er doch..... Klagt jemand, so wird er verlacht, oder gestraft. Den Verdacht der Verstellung gibt es gar nicht. Klagen ist sozusagen schon Verstel- lung.
383. Imagine people of a tribe trained from early youth to display no emotional expression. For them, it is childishness to be dismissed. The training is strict. They do not speak of ›pain‹; certainly not in the form of conjecture—Perhaps he really..... If someone complains, they are mocked or punished. Suspicion of pretense does not even exist. Complaining is already, as it were, pretense.
384. ›Verstellen‹, könnten jene Leute sagen, was für ein lächerlicher Begriff! (Als unterschiede man einen Mord mit einer Kugel von einem mit drei Kugeln.)
384. ›Pretense‹, those people might say, what a ludicrous concept! (As if distinguishing a murder with one bullet from one with three.)
385. Klagen ist schon so schlimm, daß es das Schlimmere der Verstellung gar nicht mehr gibt.
385. Complaining is already so bad that the worse thing, pretense, no longer exists.
386. Die eine Schande steht ihnen vor der andern, diese kön- nen sie nicht sehen.
386. One shame stands before them in place of the other; they cannot see the latter.
387. Ich will sagen: eine ganz andere Erziehung als die unsere könnte auch die Grundlage ganz anderer Begriffe sein.388. Denn es würde hier das Leben anders verlaufen. Was uns interessiert, würde sie nicht interessieren. Andere Begriffe wären da nicht mehr unvorstellbar. Ja, wesentlich andere Begriffe sind nur so vorstellbar.
387. I want to say: an entirely different education from ours could also form the basis of entirely different concepts.388. For here life would proceed differently. What interests us would not interest them. Other concepts would no longer be unimaginable there. Indeed, fundamentally different concepts are only conceivable in this way.
389. Man könnte ihn doch einfach lehren, den Schmerz (z. B.) zu mimen (nicht in der Absicht zu betrügen). Aber wäre es Jedem beizubringen? Ich meine: Er könnte ja wohl erlernen, gewisse rohe Schmerzzeichen von sich zu geben, ohne aber je aus eigenem, aus seiner eigenen Einsicht eine feinere Nachahmung zu geben. (Sprachtalent.) (Man könnte vielleicht einem geschei- ten Hund eine Art Schmerzgeheul beibringen; aber es käme doch nie bei ihm zu einem bewußten Nachahmen.)
389. One could after all simply teach him to mimic pain (e.g.) (without the intent to deceive). But could this be taught to everyone? I mean: He might well learn to emit certain crude pain signs, yet never produce a finer imitation from his own insight. (Linguistic talent.) (One might perhaps teach a clever dog a kind of pain howl; but it would never lead to conscious imitation in him.)
390. Diese Menschen hätten nichts Menschenähnliches.. Warum?-Wir könnten uns unmöglich mit ihnen verständigen. Nicht einmal so, wie wir's mit einem Hund können. Wir könn- ten uns nicht in sie finden.
390. These humans would have nothing human-like... Why?—We could not possibly communicate with them. Not even as we can with a dog. We could not empathize with them.
Und doch könnte es ja solche, im übrigen menschliche, Wesen geben.
And yet there could indeed exist such otherwise human beings.
391. Ich will eigentlich sagen, daß die gedanklichen Skrupel im Instinkt anfangen (ihre Wurzeln haben). Oder auch so: das Sprachspiel hat seinen Ursprung nicht in der Überlegung. Die Überlegung ist ein Teil des Sprachspiels.
391. I actually want to say that intellectual scruples begin in instinct (have their roots there). Or also: The language-game does not originate in reflection. Reflection is part of the language-game.
Und der Begriff ist daher im Sprachspiel zu Hause.
And thus the concept is at home within the language-game.
392. Sandhaufen ist ein unscharf begrenzter Begriff aber warum verwendet man statt seiner nicht einen scharf begrenz- ten? Liegt der Grund in der Natur der Haufen? WelcheErscheinung ist es, deren Natur für unsern Begriff maligebend ist?
392. "Heap of sand" is a vaguely delimited concept—but why not use a sharply delimited one instead? Does the reason lie in the nature of heaps? What phenomenon's nature is authoritative for our concept?
393. Man kann sich leicht Ereignisse vorstellen und in allen Einzelheiten ausmalen, die, wenn wir sie eintreten sähen, uns an allem Urteilen irre werden ließen.
393. One can easily imagine events and elaborate them in all details that, should we see them occur, would make us doubt all judgment.
Sähe ich einmal vor meinem Fenster statt der altgewohnten eine ganz neue Umgebung, benähmen sich die Dinge, Menschen und Tiere, wie sie sich nie benommen haben, so würde ich etwa die Worte äußern Ich bin wahnsinnig geworden; aber das wäre nur ein Ausdruck dafür, daß ich es aufgebe, mich auszukennen. Und das gleiche könnte mir auch in der Mathematik zustoßen. Es könnte mir z. B. scheinen, als machte ich immer wieder Rechenfehler, so daß keine Lösung mir verläßlich erschiene.
If I once saw an entirely new environment outside my window instead of the familiar one, if things, people, and animals behaved as they never have before, I might utter the words "I have gone mad"; but this would only be an expression of my giving up on making sense of things. And the same could happen to me in mathematics. For instance, it might seem to me that I keep making calculation errors, so that no solution would appear reliable to me.
Das Wichtige aber für mich daran ist, daß es zwischen einem solchen Zustand und dem normalen keine scharfe Grenze gibt. [Randbemerkung: Hängt mit dem Begriff des Wissens zu- sammen.]
What is important here for me is that there is no sharp boundary between such a state and the normal one. [Marginal note: Connected with the concept of knowledge.]
394. Was hieße es, mich darin irren, daß er eine Seele, Bewußtsein, habe? und was hieße es, daß ich mich irre und selbst keins habe? Was hiefße es, zu sagen Ich bin nicht bei Bewußt- sein.? Aber weiß ich nicht doch, daß Bewußtsein in mir ist? So weiß ich's also, und doch hat die Aussage, es sei so, keinen Zweck?
394. What would it mean for me to be mistaken that he has a soul, consciousness? And what would it mean that I am mistaken and lack it myself? What would it mean to say "I am not conscious"? But don't I know that consciousness exists within me? So I know it, yet the statement that it is so serves no purpose?
Und wie merkwürdig, daß man lernen kann, sich in dieser Sache mit andern Leuten zu verständigen!
And how strange that one can learn to communicate with others about this matter!
395. Einer kann sich bewußtlos stellen; aber auch bewußt?396. Wie wäre es, wenn mir jemand allen Ernstes sagte, er wisse (wirklich) nicht, ob er träume oder wache? -
395. One can feign unconsciousness; but can one feign consciousness?396. What if someone seriously told me he (truly) does not know whether he is dreaming or awake?—
Kann es diese Situation geben: Einer sagt Ich glaube, ich träume jetzt; wirklich wacht er bald danach auf, erinnert sich an jene Außerung im Traum und sagt So hatte ich also recht! Diese Erzählung kann doch nur besagen: Einer habe geträumt, er hätte gesagt, er träume.
Could this situation exist: Someone says "I believe I am dreaming now"; later he truly wakes up, remembers that utterance in the dream, and says "So I was right!" This narrative can only mean: Someone dreamed he had said he was dreaming.
Denke, ein Bewußtloser sagte (etwa in der Narkose) -Ich bin bei Bewußtsein würden wir sagen Er muß es wissen?
Imagine an unconscious person saying (e.g., under anesthesia) "I am conscious"—would we say "He must know"?
Und wenn Einer im Schlaf spräche -Ich schlafe, würden wir sagen Er hat ganz recht?
And if someone spoke in their sleep "I am asleep," would we say "He is quite right"?
Spricht Einer die Unwahrheit, der mir sagt: Ich bin nicht bei Bewußtsein? (Und die Wahrheit, wenn er's bewußtlos sagt? Und wie, wenn ein Papagei sagte Ich verstehe kein Wort, oder ein Grammophon Ich bin bloß eine Maschine?)
Does someone speak falsely who tells me: "I am not conscious"? (And truly, if he says it unconsciously? And what if a parrot said "I don't understand a word," or a gramophone "I am merely a machine"?)
397. Denke, in einem Tagtraum ließe ich mich sprechen -Ich phantasiere bloß, wäre das wahr? Denke, ich schreibe so eine Phantasie, oder Erzählung, einen phantasierten Dialog, und in ihm sage ich Ich phantasiere aber, wenn ich es aufschreibe, - wie zeigt sich's, daß diese Worte Worte der Phantasie sind, und daß ich nicht aus der Phantasie herausgetreten bin?
397. Imagine that in a daydream I make myself say "I am merely fantasizing"—would that be true? Suppose I write such a fantasy, or a story, an imagined dialogue, and in it I say "But I am fantasizing," even as I write it—how does it show that these words are words of fantasy and that I have not stepped out of the fantasy?
Wäre es nicht wirklich möglich, daß der Träumende, sozusa- gen aus den Traum heraustretend, im Schlaf spräche Ich träume? Es wäre wohl denkbar, daß so ein Sprachspiel exi- stierte.
Would it not indeed be possible for the dreamer, as it were stepping out of the dream, to speak in sleep "I am dreaming"? It would be conceivable for such a language-game to exist.
Dies hängt mit dem Problem des Meinens zusammen. Denn ich kann im Dialog eines Stücks schreiben Ich bin gesund und es also nicht meinen, obwohl es auch wahr ist. Die Worte gehö ren zu diesem und nicht zu jenem Sprachspiel.
This relates to the problem of meaning. For I can write "I am healthy" in a play's dialogue and thereby not mean it, even though it is also true. The words belong to this and not that language-game.
398. Wahr und Falsch im Traum. Ich träume, daßß es regnet und daß ich sage Es regnet anderseits: Ich träume, daß ich sage Ich träume.
398. True and false in a dream. I dream that it is raining and that I say "It is raining"; conversely: I dream that I say "I am dreaming."
399. Hat das Verbum »träumen« eine Gegenwartsform? Wie lernt diese der Mensch gebrauchen?
399. Does the verb "to dream" have a present tense? How do humans learn to use this form?
400. Angenommen, ich hätte eine Erfahrung, ähnlich einem Erwachen, befände mich dann in einer ganz andern Umgebung. mit Leuten, die mir versichern, ich habe geschlafen. Angenom- men ferner, ich bliebe dabei, ich habe nicht geträumt, sondern auf irgendeine Weise außerhalb meines schlafenden Körpers gelebt. Welche Funktion hat diese Behauptung?
400. Suppose I had an experience resembling awakening, finding myself in a completely different environment with people who assure me I had been asleep. Suppose further that I maintain I did not dream but lived somehow outside my sleeping body. What function does this assertion serve?
401. »Ich habe Bewußtsein«, das ist eine Aussage, an der kein Zweifel möglich ist. Warum soll das nicht das Gleiche sagen, wie dies: »Ich habe Bewußtsein« ist kein Satz-?
401. "I am conscious" - this is a statement that permits no doubt. Why shouldn't this amount to saying: "I am conscious" is not a proposition?
Man könnte auch so sagen: Was schadet es, daß Einer sagt, »Ich habe Bewußtsein« sei eine Aussage, die keinen Zweifel zulasse? Wie komme ich mit ihm in Widerspruch? Nimm an, jemand sagte mir dies, warum soll ich mich nicht gewöhnen, ihm nichts darauf zu antworten, statt etwa einen Streit anzufan- gen? Warum soll ich seine Worte nicht behandeln, wie sein Pfeifen oder Summen?
One might also say: What harm is there if someone claims that "I am conscious" is an indubitable statement? How do I come into conflict with him? Suppose someone told me this - why shouldn't I accustom myself to giving no reply rather than initiating a dispute? Why not treat his words like his whistling or humming?
402. »Nichts ist so gewiß, wie, daß mir Bewußtsein eignet.« Warum soll ich es dann nicht auf sich beruhen lassen? Diese Gewißheit ist wie eine große Kraft, deren Angriffspunkt sich nicht bewegt; die also keine Arbeit leistet.
402. "Nothing is as certain as that I possess consciousness." Why then shouldn't I let it rest at that? This certainty is like a great force whose point of application does not move - thus performing no work.
403. Erinnere dich: die Meisten sagen, man spüre in der Nar- kose nichts. Manche aber sagen doch: Man könnte ja doch etwas fühlen und es nur völlig vergessen.
403. Recall: Most people say one feels nothing under anesthesia. Yet some maintain: One could indeed feel something and simply forget it completely.
Wenn es also hier solche gibt, die zweifeln und solche, denenkein Zweifel kommt, so könnte die Zweifellosigkeit doch auch viel allgemeiner bestehen.
If here there are those who doubt and those untouched by doubt, such doubtlessness could indeed prevail much more universally.
404. Oder der Zweifel könnte doch eine andere, und viel weniger unbestimmte Form haben, als in unserer Gedanken- welt.
404. Or doubt could assume a different, far less indeterminate form than in our thought-world.
405. Niemand aufßer ein Philosoph, würde sagen »Ich weiß, daß ich zwei Hände habe«; wohl aber kann man sagen: »Ich bin nicht im Stande zu bezweifeln, daß ich zwei Hände habe«.
405. No one except a philosopher would say "I know I have two hands"; yet one can say: "I am incapable of doubting that I have two hands."
406. »Wissen« aber wird gewöhnlich nicht in diesem Sinn gebraucht. »Ich weiß, wieviel 97×78 ist.« »Ich weiß, daß 97×78 432 ist.« Im ersten Falle teile ich jemand mit, ich könne etwas; besitze etwas; im zweiten versichere ich einfach, 97×78 sei 432. Sagt denn »97×78 ist ganz bestimmt 432« nicht, ich wasse, es sei so? Der erste Satz ist kein arithmetischer, noch kann ihn ein solcher ersetzen; statt des zweiten könnte man einen arithmetischen Satz verwenden.
406. But "know" is not ordinarily used in this sense. "I know what 97×78 is." "I know that 97×78 is 432." In the first case, I inform someone of my ability; in the second, I simply affirm that 97×78=432. Doesn't "97×78 is definitely 432" say I know it is so? The first sentence is not arithmetic, nor can it be replaced by an arithmetical proposition; the second could be replaced by one.
407. Kann jemand glauben, daß 25×25=625 ist? Was heißt es, das zu glauben? Wie zeigt es sich, daß er das glaubt?
407. Can someone believe that 25×25=625? What does believing this mean? How does it manifest that he believes it?
408. Aber gibt es nicht ein Phänomen des Wissens, sozusa- gen, ganz abgesehen vom Sinn der Worte »Ich weiß«? Ist es nicht merkwürdig, daß ein Mensch etwas wissen kann, die Tatsache gleichsam in sich selbst haben kann? Aber das ist eben ein falsches Bild. Denn, sagt man, Wissen ist es nur, wenn es sichwirklich verhält, wie er sagt. Aber das ist nicht genug. Es darl sich nicht nur zufällig so verhalten. Er muß nämlich wissen, daß er weiß: das Wissen ist ja sein eigener Seelenzustand; er kann darüber außer durch eine besondere Verblendung nicht im Zweifel, oder Unrecht sein. Wenn also das Wissen, daß es so ist, nur ein Wissen ist, wenn es wirklich so ist; und wenn das Wissen in ihm ist, so daß er sich darin, ob es ein Wissen ist, nicht irren kann; dann ist er (also) auch unfehlbar darin, daß es ist, wie es das Wissen weiß; und also muß die Tatsache, die er weiß, so wie das Wissen, in ihm sein.
408. But isn't there a phenomenon of knowledge, as it were, entirely apart from the meaning of the words "I know"? Isn't it remarkable that a human can know something, having the fact within himself, so to speak? But this is a false picture. For knowledge is only such if things are truly as he says. Yet this is insufficient. It must not merely happen to be so. He must know that he knows - for knowledge is his own mental state; he cannot be mistaken about it except through special delusion. If knowing that it is so is only knowledge when it is so, and if this knowledge resides within him such that he cannot err about its being knowledge, then he is infallible regarding both the knowledge and the fact known. Thus the known fact must dwell within him like the knowledge itself.
Und das deutet allerdings auf eine mögliche Art der Verwen- dung von »Ich weiß«. »Ich weiß, daß es so ist« heißt dann: Es ist so, oder ich bin verrückt.
This indeed points to a possible use of "I know." "I know it is so" then means: Either it is so, or I am insane.
Also: wenn ich, ohne zu lügen, sage: »Ich weiß, daß es so ist«, so kann ich nur durch eine besondere Verblendung im Unrecht sein.
Thus: If I say "I know it is so" without lying, I can only be wrong through a special delusion.
409. Wie kommt es, daß der Zweifel nicht der Willkür unter- steht? Und wenn es so ist, könnte nicht ein Kind durch seine merkwürdige Veranlagung an Allem zweifeln?
409. How does it come about that doubt is not subject to arbitrariness? If so, couldn't a child's peculiar disposition make it doubt everything?
410. Man kann erst zweifeln, wenn man Gewisses gelernt hat; wie man sich erst verrechnen kann, wenn man rechnen gelernt hat. Dann ist es allerdings unwillkürlich.
410. One can only doubt after having learned certainties; as one can miscalculate only after learning to calculate. Then it becomes involuntary.
411. Denke, ein Kind wäre ganz besonders gescheit, so gescheit, daß man ihm gleich die Zweifelhaftigkeit der Existenz aller Dinge beibringen kann. Es lernt also vom Anfang: »Das ist wahrscheinlich ein Sessel.«.
411. Imagine an exceptionally clever child to whom one could immediately teach the dubitability of all things' existence. Thus from the start it learns: "This is probably a chair."
Und wie lernt es nun die Frage: »Ist das auch wirklich ein Sessel?«–
And how would it then learn the question: "Is this really a chair?"
412. Betreibe ich Kinderpsychologie? Ich bringe den Begriff des Lehrens mit dem Begriff der Bedeutung in Verbin- dung.
412. Am I practicing child psychology? I connect the concept of teaching with that of meaning.
413. Einer sei ein überzeugter Realist, der Andere ein über- zeugter Idealist und lehrt seine Kinder dementsprechend. In einer so wichtigen Sache, wie der Existenz, oder Nichtexistenz der äußern Welt wollen sie ihren Kindern nichts Falsches bei- bringen.
413. Let one be a convinced realist, another a convinced idealist, each teaching their children accordingly. In such a vital matter as the external world's existence, they want to teach their children nothing false.
Was wird man sie nun lehren? Auch dies, zu sagen Es gibt physikalische Gegenstände, beziehungsweise das Gegenteil?
What will they teach them? Also to say "There are physical objects" or its opposite?
Wenn Einer an Feen nicht glaubt, so braucht er seine Kinder nicht lehren Es gibt keine Feen, sondern er kann es unterlas- sen, sie das Wort Fee zu lehren. Bei welcher Gelegenheit sollen sie sagen Es gibt..., oder Es gibt nicht....? Nur wenn sie Leute treffen, die entgegengesetzten Glaubens sind.
If someone doesn't believe in fairies, they needn't teach their children "Fairies don't exist" - they can omit teaching the word "fairy." When would children say "There is..." or "There isn't..."? Only when encountering people of opposing beliefs.
414. Aber der Idealist wird den Kindern doch das Wort -Sessel- beibringen, denn er will sie ja lehren, dies und jenes zu tun, z. B. einen Sessel zu holen. Wo wird sich also, was die idealistisch erzogenen Kinder sagen, von dem, was die realisti- schen sagen, unterscheiden? Wird der Unterschied nicht nur der der Schlachtrufe sein?
414. But the idealist will still teach children the word "chair," for they want them to perform actions like fetching chairs. How then would idealist-educated children's speech differ from realists'? Wouldn't the difference be merely that of battle cries?
415. Fängt denn nicht das Spiel Das ist wahrscheinlich ein.... mit der Enttäuschung an? Und kann die erste Einstel- lung die auf die mögliche Enttäuschung sein?
415. Doesn't the game "This is probably a..." begin with disappointment? Can the initial attitude be one anticipating possible disappointment?
416. So muß man ihm also zuerst eine falsche Sicherheit beibringen?
416. Must one then first instill false certainty?
Es ist bei ihrem Sprachspiel von Sicherheit oder von Unsicherheit noch nicht die Rede. Erinnere dich: sie lernen ja etwas tun.
In their language-game, there is as yet no mention of certainty or uncertainty. Remember: they are learning to do something.
417. Das Sprachspiel »Was ist das?« »Ein Sessel.« ist nicht das Gleiche wie: »Wofür hältst du das?« »Es dürfte ein Sessel sein.«
417. The language-game "What is that?" "A chair." is not the same as: "What do you take that to be?" "It might be a chair."
418. Einen im Anfang lehren »Das scheint rot« hat ja gar keinen Sinn. Das muß er ja spontan sagen, wenn er einmal gelernt hat, was »rot« heißt, d.i. die Technik der Wortverwendung.
418. Teaching someone initially "That seems red" would be utterly meaningless. For they must spontaneously say this once they have learned what "red" means—i.e., the technique of word usage.
419. Die Grundlage jeder Erklärung ist die Abrichtung. (Das sollten Erzieher bedenken.)
419. The foundation of every explanation is training. (Educators should bear this in mind.)
420. »Es scheint mir rot.« »Und wie ist rot?« »So.« Dabei muß auf das richtige Paradigma gezeigt werden.
420. "It seems red to me." "And what is red?" "Like this." Here, one must point to the correct paradigm.
421. Wenn er zuerst die Farbnamen lernt, was wird ihm beigebracht? Nun, er lernt z. B. beim Anblick von etwas Rotem »Rot« ausrufen. Ist das aber die richtige Beschreibung, oder hätte es heißen sollen: »Er lernt rot nennen, was auch wir rot nennen«? Beide Beschreibungen sind richtig.
421. When one first learns color names, what is taught? Well, they learn, for example, to exclaim "Red" upon seeing something red. But is this the accurate description, or should it rather state: "They learn to call red what we too call red"? Both descriptions are correct.
Wie unterscheidet sich davon das Sprachspiel »Wie kommt es dir vor?«?
How does the language-game "How does it strike you?" differ from this?
Man könnte Einem doch die Farbwörter beibringen, indem man ihn auf weiße Gegenstände durch farbige Brillen schauenlafßt. Was ich ihn aber lehre, muß ein Können sein. Er kann also jetzt auf Befehle etwas Rotes bringen; oder Gegenstände nach ihren Farben ordnen. Aber was ist denn etwas Rotes?
One could teach color words by having someone look at white objects through tinted lenses. What I teach them, however, must become a capability. They can now fetch something red on command or sort objects by color. But what counts as something red?
422. Warum lehrt man das Kind nicht zuerst gleich das Sprachspiel »Es scheint mir rot«? Weil es noch nicht im Stande ist, den feineren Unterschied zwischen Schein und Sein zu ver- stehen?
422. Why not first teach the child the language-game "It seems red to me"? Because they are not yet capable of grasping the finer distinction between appearance and reality?
423. Die rote Gesichtsempfindung ist ein neuer Begriff.
423. The red visual sensation is a new concept.
424. Das Sprachspiel, was wir ihm dann beibringen, ist: -Mir scheint es..., dir scheint es.... Im ersten Sprachspiel kommt eine Person als wahrnehmendes Subjekt nicht vor.
424. The language-game we then teach them is: "It seems to me..., to you it seems...." In the initial language-game, the perceiving subject does not appear as a person.
425. Du gibst dem Sprachspiel ein neues Gelenk. Was aber nicht heißt, daß nun davon immer Gebrauch gemacht wird.
425. You introduce a new joint into the language-game. But this does not mean it will always be employed.
426. Das innere Hinblicken auf die Empfindung welche Verbindung soll es denn zwischen Wort und Empfindung her- stellen; und wozu soll diese Verbindung dienen? Hat man mich das gelehrt, als ich diesen Satz gebrauchen, diesen Gedanken denken lernte? (Ihn zu denken, ist ja etwas, was ich lernen mußte.)
426. The inward scrutiny of sensation—what connection is it meant to establish between word and sensation, and what purpose does this connection serve? Was I taught this when I learned to use this sentence or think this thought? (For thinking it is something I had to learn.)
Wir lernen allerdings auch dies, unsre Aufmerksamkeit auf Dinge, und auf Empfindungen, richten. Wir lernen beobachten und die Beobachtung beschreiben. Aber wie lehrt man mich dies, wie wird in diesem Falle meine innere Tätigkeit kontrolliert? Wonach wird beurteilt, ob ich wirklich achtgegeben habe?
We do learn, after all, to direct our attention to things and to sensations. We learn to observe and describe observations. But how am I taught this? How is my inner activity monitored in such cases? By what standard is it judged whether I have truly attended?
427. Der Sessel ist der gleiche, ob ich ihn betrachte oder nicht das müßte nicht wahr sein. Menschen werden oft verle- gen, wenn man sie anschaut. Der Sessel fährt fort zu existieren, ob ich ihn anschaue oder nicht. Das könnte als Erfahrungssatz behandelt werden, oder es könnte grammatisch aufzufassen sein. Man kann aber auch einfach an den begrifflichen Unterschied zwischen Sinneseindruck und Objekt dabei denken.
427. The chair remains the same whether I look at it or not—this need not hold true. People often become self-conscious when observed. The chair continues to exist whether I look at it or not. This could be treated as an empirical proposition or interpreted grammatically. Yet one might also simply consider the conceptual distinction between sense impression and object here.
428. Ist aber nicht die Übereinstimmung der Menschen dem Spiel wesentlich? Muiß, wer es lernt, also nicht zuerst die Bedeu- tung von gleich kennen, und setzt die nicht auch Übereinstim mung voraus? u.s.f.
428. But is human agreement not essential to the game? Must those learning it not first understand the meaning of "same," and does this not itself presuppose agreement? And so on.
429. Du sagst Das ist rot, aber wie wird entschieden, ob du recht hast? Entscheidet es nicht die Übereinstimmung der Men- schen? Aber berufe ich mich denn auf diese Übereinstimmung in meinen Farburteilen? Geht es denn so vor sich: Ich lasse eine Anzahl Leute einen Gegenstand anschauen; jedem von ihnen fällt dabei eines einer gewissen Gruppe von Wörtern (der soge- nannten Farbwörter) ein; ist der Mehrzahl der Betrachter das Wort rot, z. B., eingefallen (zu dieser Mehrzahl muß ich selbst nicht gehören), so gebührt dem Gegenstand das Prädikat rot. So eine Technik könnte ja ihre Wichtigkeit haben.
429. You say "That is red," but how is it decided whether you are right? Is it not determined by human agreement? Yet do I appeal to this agreement in my color judgments? Does it proceed thus: I have a number of people observe an object; each associates one word from a certain group (so-called color words) with it; if the majority, say, think "red" (I myself need not belong to this majority), then the object merits the predicate "red." Such a technique could indeed have its importance.
430. Die Farbwörter werden so gelehrt: Das ist rot z. B. - Unser Sprachspiel kommt freilich nur zustande, wenn eine gewisse Übereinstimmung herrscht, aber der Begriff der Übereinstimmung tritt ins Sprachspiel nicht ein. Wäre die Übereinstimmung vollkommen, so könnte ihr Begriff ganz unbekannt scin.
430. Color words are taught by stating: "That is red," for example. Our language-game, of course, only functions if a certain agreement prevails, but the concept of agreement does not enter the language-game. Were agreement perfect, its concept might remain entirely unknown.
431. Entscheidet die Übereinstimmung der Menschen, was rot ist? Wird das durch den Appell an die Mehrheit entschieden? Wurde uns beigebracht, die Farbe so zu bestimmen?
431. Does human agreement decide what is red? Is this determined by majority appeal? Were we taught to define color in this way?
432. Ich beschreibe eben das Sprachspiel »Bring etwas Rotes« dem, der es schon selbst spielen kann. Den Andern könnte ich's nur lehren. (Relativität.)
432. I am merely describing the language-game "Fetch something red" to someone who can already play it themselves. Others I could only teach. (Relativity.)
433. Was ich wahrnehme, ist DIES und nun folgt eine Form der BESCHREIBUNG. Das Wort »dies« könnte man auch so erklären: Denken wir uns eine direkte Übertragung des Erlebnisses! Aber was ist nun unser Kriterium dafür, daß das Erlebnis wirklich übertragen wurde? »Nun, er hat eben dann das, was ich habe.« Aber wie hat er es?
433. What I perceive is THIS, and now follows a form of DESCRIPTION. The word "this" could also be explained thus: Imagine a direct transmission of the experience! But what is our criterion that the experience was truly transmitted? "Well, he then has what I have." But how does he have it?
434. Was heißt es, eine Empfindung mit einem Wort bezeichnen, benennen? Gibt es da nichts zu untersuchen?
434. What does it mean to designate or name a sensation with a word? Is there nothing here to investigate?
Denk dir, du kämest von einem Sprachspiel mit physikalischen Gegenständen und nun hieße es, es werden jetzt auch Empfindungen benannt. Wäre das nicht, als würde zuerst von einer Übertragung des Besitzes, und dann auf einmal von einer Übertragung der Freude am Besitz, oder des Stolzes auf den Besitz gesprochen? Müssen wir da nicht etwas Neues lernen? Etwas Neues, was wir auch »übertragen« nennen.
Imagine coming from a language-game with physical objects and now being told that sensations are also to be named. Would this not be like first speaking of transferring ownership and then suddenly speaking of transferring the joy of ownership or pride in ownership? Must we not here learn something new? Something new that we also call "transferring."
435. Die Beschreibung des subjektiv Gesehenen ist nahe oder entfernt verwandt der Beschreibung eines Gegenstands, aber funktioniert eben daher nicht als Beschreibung eines Gegen- stands. Wie vergleicht man Gesichtsempfindungen? Wie verglei che ich meine mit des Andern Gesichtsempfindungen?
435. The description of what is subjectively seen is closely or distantly related to the description of an object, yet for this very reason does not function as the description of an object. How does one compare visual sensations? How do I compare mine with another’s?
436. »Verifying by inspection« ist ein gänzlich irreführender Ausdruck. Er sagt nämlich, daß zuerst ein Vorgang, die Inspek tion, geschieht, und die wäre mit dem Schauen durch ein Mikro- skop vergleichbar, oder mit dem Vorgang des Umwendens des Kopfes, um etwas zu sehen. Und, daß dann das Sehen erfolgen müsse. Man könnte von »Sehen durch Umwenden« oder »Sehen durch Schauen« reden. Aber dann ist eben das Umwenden (oder Schauen) ein dem Sehen externer Vorgang, der uns (daher) nur praktisch interessiert. Was man sagen möchte, ist: »Sehen durch Sehen«.
436. "Verifying by inspection" is an utterly misleading expression. It suggests that first an act of inspection occurs, comparable to looking through a microscope or turning one’s head to see something. And then seeing must follow. One might speak of "seeing by turning" or "seeing by looking." But here the turning (or looking) is an external process to seeing, hence only of practical interest. What one wants to say is: "seeing by seeing."
437. Die Ursachen, warum wir einen Satz glauben, sind für die Frage, was es denn ist, das wir glauben, allerdings irrelevant; aber nicht die Gründe, die ja mit dem Satz grammatisch ver- wandt sind und uns sagen, wer er ist.
437. The causes for believing a proposition are indeed irrelevant to the question of what it is we believe; not so the reasons, which are grammatically connected to the proposition and tell us who it is.
438. Es ist nichts gewöhnlicher, als daß die Bedeutung eines Ausdrucks in der Weise schwankt, daß ein Phänomen bald als Symptom, bald als Kriterium eines Sachverhalts angesehen wird. Und meistens wird dann in einem solchen Fall der Wechsel der Bedeutung nicht gemerkt. In der Wissenschaft ist es üblich, Phänomene, die genaue Messungen zulassen, zu definierenden Kriterien eines Ausdrucks zu machen; und man ist dann geneigt zu meinen, nun sei die eigentliche Bedeutung gefunden worden. Eine Unmenge von Verwirrungen ist auf diese Weise ent- standen.Es gibt z. B. Grade des Vergnügens, aber es ist dumm, von einer Messung des Vergnügens zu reden. Es ist wahr, daß in gewissen Fällen ein meßbares Phänomen den Platz einnimmt, den vor ihm ein nicht meßbares hatte. Das Wort, das diesen Platz bezeichnet, wechselt dann seine Bedeutung, und seine alte Bedeutung ist mehr oder weniger obsolet geworden. Man beru- higt sich dann damit, der eine Begriff sei der genauere, der andere der ungenauere; und beachtet nicht, daß hier in jedem besondern Fall ein anderes Verhältnis zwischen dem ›genauen‹ und dem ›ungenauen‹ vorliegt. Es ist der alte Fehler, die besondern Fälle nicht zu prüfen.
438. Nothing is more common than for the meaning of an expression to fluctuate such that a phenomenon is sometimes treated as a symptom, sometimes as a criterion of a state of affairs. Usually, this shift in meaning goes unnoticed. In science, it is customary to elevate phenomena permitting precise measurement into defining criteria of terms; one is then inclined to think the "true meaning" has been discovered. Countless confusions have arisen this way. For instance, there are degrees of pleasure, but it is foolish to speak of measuring pleasure. True, in certain cases a measurable phenomenon replaces a non-measurable one occupying the same conceptual space. The word denoting this space then shifts its meaning, its older sense becoming more or less obsolete. We reassure ourselves that one concept is "exact," the other "inexact"—failing to notice that each case involves a different relation between the "exact" and "inexact." This is the old error of not examining particular cases.
439. Die zureichende Evidenz geht, ohne bestimmte Grenzen zu haben, in die unzureichende über. Soll ich sagen, eine natürli che Grundlage dieser Begriffsbildung sei das komplizierte Wesen und die Mannigfaltigkeit der menschlichen Fälle?
439. Sufficient evidence merges into insufficient without definite boundaries. Should I say the natural basis for forming these concepts lies in the complexity and diversity of human cases?
So müßte also bei einer weit geringeren Mannigfaltigkeit eine scharf begrenzte Begriffsbildung natürlich erscheinen. Und warum scheint es so schwer, sich den vereinfachten Fall vorzu- stellen?
Thus, with far less diversity, a sharply bounded conceptual formation would appear natural. Yet why does imagining such a simplified case seem so difficult?
440. Wie hätten wir uns ein komplettes Regelverzeichnis für die Verwendung eines Worts zu denken? Was versteht man unter cinem kompletten Regelverzeichnis für die Verwendung einer Figur im Schachspiel? Könnten wir uns nicht immer Zwei- felfälle konstruieren, in denen das normale Regelverzeichnis nicht entscheidet? Denke etwa an so eine Frage: wie ist es festzu- stellen, wer zuletzt gezogen hat, wenn die Zuverlässigkeit des Gedächtnisses der Spieler angezweifelt wird?
440. How are we to conceive a complete set of rules for a word’s use? What counts as a complete rulebook for a chess piece’s movements? Could we not always devise borderline cases where standard rules fail to decide? Consider: how to determine who moved last if the players’ memory is doubted?
Die Verkehrsregelung in den Straßen erlaubt und verbietet gewisse Handlungen der Fahrer und Fußgänger; aber sie ver- sucht nicht, ihre sämtlichen Bewegungen durch Vorschriften zu leiten. Und es wäre sinnlos, von einer ›idealen‹ Verkehrsordnung zu reden, die das täte; wir wüßten zunächst gar nicht, was wiruns unter diesem Ideal zu denken hätten. Wunscht Einer die Verkehrsordnung in irgendwelchen Punkten strenger zu gestal- ten, so bedeutet das nicht, er wünsche sie so einem Ideal anzuna- hern.
Traffic regulations permit and forbid certain actions by drivers and pedestrians but do not attempt to govern all their movements through rules. It would be nonsensical to speak of an "ideal" traffic order that does so; we wouldn’t even know how to conceive such an ideal. If someone demands stricter regulations in some areas, this does not mean they wish to approximate this ideal.
441. Betrachte auch diesen Satz: Die Regeln eines Spiels können wohl eine gewisse Freiheit lassen, aber sie müssen doch ganz bestimmte Regeln sein. Das ist, als sagte man: Du kannst zwar einem Menschen durch vier Wände eine gewisse Bewe- gungsfreiheit lassen, aber die Wände müssen vollkommen starr sein- und das ist nicht wahr.Nun, die Wände können wohl elastisch sein, aber dann haben sie eine ganz bestimmte Elastizi- tät. Was sagt das nun noch? Es scheint zu sagen, daß man diese Elastizität muß angeben können, aber das ist wieder nicht wahr. Die Wand hat immer eine bestimmte Elastizität ob ich sie kenne, oder nicht.: das ist eigentlich das Bekenntnis zu einer Ausdrucksform. Derjenigen, die sich der Form eines Ideals der Genauigkeit bedient. Gleichsam als eines Parameters der Dar stellung.
441. Consider also this proposition: The rules of a game may allow some freedom yet must still be fully determinate. This is like saying: You may grant a person freedom within four walls, but the walls must be perfectly rigid—which is false. The walls could be elastic, but then they have a specific elasticity. What does this add? It seems to say we must specify this elasticity—but again, false. The wall always has some elasticity, whether known or not. This is really a confession of allegiance to a form of expression, using an ideal of exactness as a parameter of representation.
442. Das Bekenntnis zu einer Ausdrucksform, wenn es ausge sprochen wird in der Verkleidung als ein Satz, der von den Gegenständen (statt von dem Zeichen) handelt, muß a priori sein. Denn sein Gegenteil wird wirklich undenkbar, insofern ihm eine Denkform, Ausdrucksform, entspricht, die wir ausge schlossen haben.
442. A confession of allegiance to a form of expression, when disguised as a proposition about objects (rather than signs), must be a priori. For its negation becomes literally unthinkable, insofar as it corresponds to a form of thought or expression we have excluded.
443. Denke dir, die Menschen pflegten auf Gegenstände immer in der Weise zu zeigen, daß sie mit dem Finger in der Luft gleichsam einen Kreis um den Gegenstand beschrieben, dann könnte man sich einen Philosophen denken, der sagte: Alle Dinge sind kreisrund; denn der Tisch sicht so aus, der Ofen so,die Lampe soetc., indem er jedesmal einen Kreis um das Ding schlägt.
443. Imagine that people always indicated objects by tracing a circle around them in the air with their finger. One could then envision a philosopher declaring: All things are circular; for the table appears thus, the stove thus, the lamp thus — each time tracing a circle around the object.
444. Wir haben nun eine Theorie; eine »dynamische Theorie« des Satzes, der Sprache, aber sie erscheint uns nicht als Theorie. Es ist ja das Charakteristische einer solchen Theorie, daß sie einen besonderen, klar anschaulichen, Fall ansieht, und sagt: »Das zeigt, wie es sich überhaupt verhält; dieser Fall ist das Urbild aller Falle.« »Natürlich! so muß es sein«, sagen wir und sind zufrieden. Wir sind auf eine Form der Darstellung gekom- men, die uns enleuchtet. Aber es ist, als haben wir nun etwas geschen, was unter der Oberfläche liegt.
444. We now have a theory — a »dynamic theory« of propositions and language — yet it does not strike us as a theory. The hallmark of such a theory lies in taking a particular, vividly clear case and declaring: »This reveals the universal condition; this case is the prototype of all others.« »Of course! It must be so,« we say, satisfied. We have arrived at a mode of presentation that illuminates us. Yet it is as though we have glimpsed something lying beneath the surface.
Die Tendenz, den klaren Fall zu verallgemeinern, scheint in der Logik strenge Berechtigung zu haben; man scheint hier mit voller Berechtigung zu schließen: »Wenn ein Satz ein Bild ist, so muß jeder Satz ein Bild sein, denn sie müssen alle wesensgleich sein.« Denn wir sind ja in der Täuschung, das Sublime, Wesentli- che unserer Untersuchung bestehe darin, daß sie ein allumfassen- des Wesen erfasse.
The tendency to generalize from a clear case seems rigorously justified in logic. One appears fully entitled to infer: »If a proposition is a picture, then every proposition must be a picture, for they must all share the same essence.« Here we labor under the illusion that the sublime, essential task of our inquiry is to grasp a universal essence.
445. Wie kann ich den Satz jetzt verstehen, wenn die Analyse soll zeigen können, was ich eigentlich verstehe? Hier spielt die Idee des Verstehens als eines sonderbaren geistigen Vorgangs hinein.
445. How can I understand the proposition now, if analysis is to reveal what I truly understand? Here the idea of understanding as a peculiar mental process intrudes.
* Freud spricht von seiner »dynamischen Theorie des Traums.«
* Freud speaks of his »dynamic theory of dreams.«
Philosophische Untersuchungen § 154. Hrsg.
Philosophical Investigations § 154. Ed.
446. Denk doch einmal gar nicht an das Verstehen als »seeli- schen Vorgang!« Denn das ist die Redeweise, die dich verwirrt. Sondern frage dich: in was für einem Fall, unter was für Umstän- den, sagen wir denn »jetzt weiß ich weiter«, wenn uns die Formel eingefallen ist?Es ist jene Redeweise, die uns hindert, die Tatsachen unparteiisch zu sehen. Betrachte die Aussprache eines Worts durch die Darstellungsform der Schreibung! Wie leicht kann man sich da überreden, daß zwei Worte – z. B. »für« und »führ« – im täglichen Gebrauche verschiedenen Klang haben – weil man sie verschieden ausspricht, wenn man sein Augenmerk gerade auf den Unterschied ihrer Schreibung richtet. Damit zu vergleichen ist die Meinung, ein Violinspieler mit feinem Gehör greife fis immer etwas höher als eis. Überlege dir solche Fälle! So kann es geschehen, daß das Darstellungsmittel eine Einbildung erzeugt. Denken wir also nicht, wir müßten einen spezifischen seelischen Vorgang finden, weil das Verbum »verstehen« dasteht, und weil man sagt: Verstehen sei eine seelische Tätigkeit.
446. Cease thinking of understanding as a »psychical process«! For this mode of expression confounds you. Instead, ask: Under what circumstances do we say »Now I know how to proceed« when a formula occurs to us? It is this very turn of phrase that obstructs our impartial view of the facts. Consider the pronunciation of a word through the lens of its written form! How easily we persuade ourselves that two words — say, »für« and »führ« — have distinct sounds in daily use because we pronounce them differently when attending to their orthographic difference. Compare this to the notion that a violinist with fine pitch always plays F-sharp slightly higher than E-sharp. Reflect on such cases! Thus, the medium of representation may generate an illusion. Let us not suppose we must uncover a specific mental process simply because the verb »to understand« exists and because understanding is called a mental activity.
447. Die Unruhe in der Philosophie, könnte man sagen, kommt daher, daß wir die Philosophie falsch ansehen, falsch sehen, nämlich gleichsam in (endlose) Längsstreifen zerlegt, statt in (begrenzte) Querstreifen. Diese Umstellung der Auffassung macht die größte Schwierigkeit. Wir wollen also gleichsam den unbegrenzten Streifen erfassen, und klagen, daß es nicht Stück für Stück möglich ist. Freilich nicht, wenn man unter einem Stück einen endlosen Längsstreifen versteht. Wohl aber, wenn man einen Querstreifen darunter versteht. – Aber dann kommen wir ja mit unserer Arbeit wieder nicht zu Ende! – Freilich nicht, denn sie hat keins.
447. The restlessness in philosophy, one might say, arises from our viewing it incorrectly — as divided into (endless) longitudinal strips rather than (finite) transverse strips. This reorientation of perspective poses the greatest difficulty. We seek, as it were, to grasp the unbounded strip and lament that it cannot be apprehended piecemeal. Of course not, if by »piece« we mean an endless longitudinal strip. But if we mean a transverse strip, then indeed — though our work will never reach completion! — Precisely so, for it has none.
(Statt der turbulenten Mutmaßungen und Erklärungen wollen wir ruhige Erwägung sprachlicher Tatsachen setzen.)
(In place of turbulent conjectures and explanations, let us substitute tranquil contemplation of linguistic facts.)
448. Und sagt man denn vom Satz »Es regnet«, er sage: es verhält sich so und so? Welches ist denn der alltägliche Gebrauch dieses Ausdrucks in der gewöhnlichen Sprache? Denn von diesem Gebrauch hast ja du ihn gelernt. Verwendest du ihn nun gegen seinen ursprünglichen Gebrauch und denkst, du spielest noch das alte Spiel mit ihm, so ist das, als wenn du mit Schachfi-guren Dame spieltest und dir einbildetest, das Spiel habe noch etwas vom Geist des Schachs.
448. Does one say of the proposition »It is raining« that it states: such-and-such is the case? What is the everyday use of this expression in ordinary language? For you learned it from such use. If you now employ it contrary to its original purpose while imagining you are still playing the old game, it is as though you played checkers with chess pieces while fancying the game retained something of chess's spirit.
449. Ausdehnung eines Begriffs in einer Theorie (z. B. Wunschtraum-).
449. Extension of a concept within a theory (e.g., wish-fulfillment in dreams).
450. Wer philosophiert, macht oft zu einem Wortausdruck die falsche, unpassende, Geste.
450. When philosophizing, one often accompanies a verbal expression with the wrong, inapt gesture.
451. (Man sagt das Gewöhnliche, mit der falschen Ge- bärde.)
451. (One utters the commonplace with a false gesture.)
452. Wie kommt es, daß die Philosophie ein so komplizierter Bau ist? Sie sollte doch gänzlich einfach sein, wenn sie jenes Letzte, von aller Erfahrung Unabhängige, ist, wofür du sie aus- gibst. Die Philosophie löst Knoten auf in unserm Denken: daher muß ihr Resultat einfach sein, das Philosophieren aber so kompliziert wie die Knoten, welche es auflöst.
452. Why is philosophy such an intricate edifice? It should be utterly simple if it is indeed that ultimate, experience-independent domain you claim. Philosophy unties knots in our thinking: hence its results must be simple, but the philosophizing as complex as the knots it unravels.
453. (Wie man manchmal eine Musik nur im inneren Ohr reproduzieren kann, aber sie nicht pfeifen, weil das Pfeifen schon die innere Stimme übertönt, so ist manchmal die Stimme eines philosophischen Gedankens so leise, daß sie vom Lärm des gesprochenen Wortes schon übertönt wird und nicht mehr gehört werden kann, wenn man gefragt wird und reden soll.)
453. (Just as one can sometimes reproduce music only in the inner ear but cannot whistle it, for whistling drowns out the inner voice, so too the voice of a philosophical thought may be so faint that the clamor of spoken words overwhelms it, rendering it inaudible when questioned and compelled to speak.)
* s. Philosophische Bemerkungen § 2. Hrsg.
* cf. Philosophical Remarks § 2. Ed.
454. Plato:
454. Plato:
Wie? sagte er, die sollte nicht nutzen? Denn wenn doch einmal die Besonnenheit die Erkenntnis der Erkennt- nisse ist und den andern Erkenntnissen vorsteht, so muß sie ja auch dieser sich auf das Gute beziehenden Erkenntnis vorstehen und uns so doch nutzen. Macht auch sie uns, sprach ich, etwa gesund und nicht die Heilkunde? Und so auch mit den andern Künsten; verrichtet sie die Geschäfte derselben und nicht viel- mehr jede von ihnen das Ihrige? Oder haben wir nicht lange schon eingestanden, daß sie nur der Erkenntnisse und Unkennt- nisse Erkenntnis wäre und keiner anderen Sache? Allerdings wohl. - Sie also wird uns nicht die Gesundheit bewirken?-Wohl nicht. Weil nämlich die Gesundheit für eine andere Kunst gehört?-Ja.- Also auch nicht den Nutzen, Freund, wird sie uns bewirken. Denn auch dieses Geschäft haben wir jetzt einer andern Kunst beigelegt. Freilich. Wie kann also die Beson- nenheit nützlich sein, wenn sie uns gar keinen Nutzen bringt?
“What?” he said, “Should it not be useful? For if moderation is indeed the knowledge of knowledges and presides over other knowledges, then it must also preside over this knowledge relating to the good, and thus be useful to us. Does it,” I said, “make us healthy, rather than medicine? And similarly with the other arts – does it perform their tasks, rather than each doing its own? Or have we not long since agreed that it would only be the knowledge of knowledges and ignorances, and of nothing else?” “Certainly so.” “Then it will not produce health for us?” “No. Because health belongs to another art?” “Yes.” “Nor, my friend, will it produce utility. For this task we have now assigned to another art.” “Indeed.” “How then can moderation be useful if it brings us no utility at all?”
455. (Der Philosoph ist nicht Bürger einer Denkgemeinde. Das ist, was ihn zum Philosophen macht.)
455. (The philosopher is not a citizen of any community of thought. That is what makes him a philosopher.)
456. Manche Philosophen (oder wie man sie nennen soll) leiden an dem, was man »loss of problems«, »Problemverlust« nennen kann. Es scheint ihnen dann alles ganz einfach, und es scheinen keine tiefen Probleme mehr zu existieren, die Welt wird weit und flach und verliert jede Tiefe; und was sie schreiben, wird unendlich seicht und trivial. Russell und H. G. Wells haben dieses Leiden.
456. Some philosophers (or whatever one might call them) suffer from what could be termed “loss of problems” (Problemverlust). To them, everything then appears utterly simple; no profound problems seem to exist anymore. The world becomes vast and flat, losing all depth, and what they write becomes infinitely shallow and trivial. Russell and H. G. Wells suffer from this ailment.
* Charmidrs, 1744. 4, 1752. Hrsg.
* Charmides, 174d–175b. Ed.
weil die Untersuchung mehr sagt als die Entdeckung… Hrsg.
because the investigation says more than the discovery… Ed.
Hierauf folgt im Typoskript des Originals: »Doch solcherlei Verdrüsse pflegen die Denkungskräfte anzuregen. Wie hilft der Gedanke einem Verdruß ab?«–Diese Worte fehlen in der ersten Auflage. Hrsg.
The original typescript here adds: “Yet such vexations tend to stimulate the faculties of thought. How does thinking relieve vexation?” – These words are absent in the first edition. Ed.
geometrische Figur dient mit den Worten: Sich dies an! Auch dies Ansehen bewirkt eine Änderung der Anschauungs weise.)
geometric figure serves with the words: Look at this! This act of seeing also effects a change in the mode of perception.)
462. (Die Klassifikationen der Philosophen und Psycholo gen: sie klassifizieren Wolken nach ihrer Gestalt.)
462. (The classifications of philosophers and psychologists: they classify clouds by their shapes.)
463. Zur Mathematik: Du hast einen falschen Begriff. - Aber aufklären läßt sich die Sache nicht dadurch, daß ich gegen deine Worte wettere; sondern nur dadurch, daß ich versuche, deine Aufmerksamkeit von gewissen Ausdrücken, Illustrationen, Vorstellungen, weg, und auf die Verwendung der Wörter hin zu lenken..
463. On mathematics: You hold a false concept. – But the matter cannot be clarified by inveighing against your words; only by attempting to redirect your attention from certain expressions, illustrations, and images toward the use of words.
464. Der Stammbaum der psychologischen Phänomene: Nicht Exaktheit strebe ich an, sondern Übersichtlichkeit.
464. The genealogy of psychological phenomena: What I strive for is not exactitude, but surveyability.
465. Die Behandlung aller dieser Erscheinungen des Seelenle- bens ist mir nicht darum wichtig, weil's mir auf Vollständigkeit ankommt. Sondern, weil jede für mich auf die richtige Behand- lung aller ein Licht wirft.
465. My treatment of all these phenomena of psychic life is not important because I seek completeness. Rather, because each phenomenon sheds light on the proper treatment of all others.
466. Und nicht um Symptome handelt sich's hier, sondern um logische Kriterien. Daß diese nicht immer scharf getrennt sind, hindert nicht, daß sie getrennt sind.
466. Here we are concerned not with symptoms, but with logical criteria. That these are not always sharply distinct does not negate their distinctness.
* S. Philosophuche Untersuchungen § 144. Hrsg.
* Cf. Philosophical Investigations §144. Ed.
467. Unsere Untersuchung trachtet nicht, die eigentliche, exakte Bedeutung der Wörter zu finden; wohl aber geben wir den Wörtern im Verlauf unsrer Untersuchung oft exakte Bedeu- tungen.
467. Our investigation does not strive to find the actual, exact meaning of words; yet in the course of our inquiry, we often assign exact meanings to words.
468. Der Mensch denkt, fürchtet sich, etc. etc.: das könnte man etwa Einem antworten, der gefragt hat, welche Kapitel ein Buch über Psychologie enthalten soll.
468. That humans think, fear, etc., etc.: this might serve as an answer to someone asking what chapters a book on psychology should contain.
469. Denke, jemand sagt: Der Mensch hofft. Wie hätte man dies allgemeine naturgeschichtliche Phänomen zu beschreiben?- Man könnte ein Kind beobachten und warten, bis es eines Tages Hoffnung äußert; und man könnte dann sagen: Heut hat es zum ersten Mal gehofft. Aber das klingt doch seltsam! Obwohl es ganz natürlich wäre, zu sagen Heut hat es zum ersten Mal gesagt ich hoffe. Und warum seltsam? Man sagt doch nicht von einen Säugling, er hoffe..., noch auch, er hoffe nicht..., und man sagt es doch vom Erwachsenen. Nun, das Leben wird nach und nach zu dem, worin für Hoffnung Platz ist.
469. Imagine someone saying: Humans hope. How should this general natural-historical phenomenon be described? – One could observe a child and wait until one day it manifests hope; one might then say: Today it hoped for the first time. But how strange this sounds! Though it would be quite natural to say: Today it said “I hope” for the first time. Why strange? We do not say of an infant that it hopes... nor that it does not hope... yet we do say this of an adult. Life gradually becomes that in which there is room for hope.
Aber nun sagt man: Man kann eben nicht sicher sein, wann das Kind wirklich anfängt zu hoffen, denn Hoffen ist ein innerer Vorgang. Welcher Unsinn! Wie weiß man denn dann überhaupt, wovon man redet?
But now one says: We simply cannot be certain when the child truly begins to hope, for hoping is an inner process. What nonsense! How then do we even know what we are talking about?
470. Oder könnte er so exemplifizieren: Ich, z. B., sehe, bin nicht blind? Auch das klingt sonderbar.
470. Or could he exemplify it thus: I, for instance, see and am not blind? This too sounds peculiar.
Es wäre richtig zu sagen: Und auch an mir kannst du die Erscheinung des Denkens, Hoffens, Sehens etc. beobachten..
It would be correct to say: And in me too, you may observe the phenomena of thinking, hoping, seeing, etc.
471. Die psychologischen Verben sehen, glauben, denken, wünschen bezeichnen nicht Erscheinungen. Aber die Psycholo- gie beobachtet die Erscheinungen des Sehens, Glaubens, Den- kens, Wünschens.
471. Psychological verbs like “see,” “believe,” “think,” “desire” do not denote phenomena. But psychology observes the phenomena of seeing, believing, thinking, desiring.
472. Plan zur Behandlung der psychologischen Begriffe.
472. Plan for the treatment of psychological concepts.
Psychologische Verben charakterisiert dadurch, daß die dritte Person des Präsens durch Beobachtung zu verifizieren ist, die erste Person nicht.
Psychological verbs are characterized by the fact that the third person present tense is verified through observation, whereas the first person is not.
Satz in der dritten Person Präsens: Mitteilung. In der ersten Person Präsens: Äußerung. ((Stimmt nicht ganz.))
Third-person present tense sentences: communications. First-person present tense sentences: expressions. ((Not entirely accurate.))
Die erste Person des Präsens der Außerung verwandt.
The first person present is akin to an expression.
Sinnesempfindungen: ihre inneren Zusammenhänge und Ana- logien.
Sense sensations: their internal connections and analogies.
Alle haben echte Dauer. Möglichkeit der Angabe des Anfangs und Endes. Möglichkeit der Gleichzeitigkeit, des zeitlichen Zu- sammenfallens.
All have genuine duration. Possibility of specifying beginning and end. Possibility of simultaneity, temporal coincidence.
Alle haben Grade und qualitative Mischungen. Grad: kaum merkbar nicht auszuhalten.
All admit degrees and qualitative mixtures. Degree: barely perceptible to unbearable.
In diesem Sinne gibt es nicht Lage oder Bewegungsempfin- dung. Ort der Empfindung am Leib: unterscheidet Sehen und Hören von Druck-, Temperatur-, Geschmacks- und Schmerz- empfindung.
In this sense, there is no sensation of position or movement. Localization on the body distinguishes seeing and hearing from pressure, temperature, taste, and pain sensations.
473. Man muß daran denken, daß es einen Zustand der Spra- che geben kann (und wohl gegeben hat), in welchem sie den allgemeinen Begriff der Sinnesempfindung nicht besitzt, aber doch Wörter, die unseren sehen, hören, schmecken ent- sprechen.474. Sinneswahrnehmungen nennen wir Sehen, Hören, Zwischen diesen Begriffen bestehen Analogien und Zusammen- hänge; sie sind unsere Rechtfertigung für diese Zusammenfas sung.
473. One must remember that there can be (and likely has been) a state of language in which it lacks the general concept of sense sensation, yet still possesses words corresponding to our seeing, hearing, tasting.
475. Man kann also fragen: Was für Zusammenhänge und Analogien bestehen zwischen Sehen und Hören? Zwischen Sehen und Greifen? Zwischen Sehen und Riechen? Etc.
474. We call sense perceptions seeing, hearing, touching, smelling, tasting. Analogies and connections exist between these concepts; they form our justification for grouping them together.
476. Und fragt man das, so rücken die Sinne für uns gleich weiter auseinander, als sie auf den ersten Blick zu liegen schienen.
475. Thus, one might ask: What connections and analogies exist between seeing and hearing? Between seeing and touching? Between seeing and smelling? Etc.
477. Was ist den Sinneserlebnissen gemeinsam? Die Ant- wort, daß sie uns die Außenwelt kennen lehren, ist eine falsche und eine richtige. Sie ist richtig, sofern sie auf ein logisches Kriterium deuten soll.
476. When we examine this, the senses appear far more divergent than they initially seemed.
478. Die Dauer der Empfindung. Vergleiche die Dauer einer Tonempfindung mit der Dauer der Tastempfindung, die dich Ichrt, daß du eine Kugel in der Hand hältst; und mit dem Gefühl, das dich lehrt, daß deine Knie gebogen sind.
477. What do sense experiences share in common? The answer that they acquaint us with the external world is both false and true. It is true insofar as it points to a logical criterion.
479. Wir fühlen unsere Bewegungen. Ja, wir fuhlen sie wirk- lich; die Empfindung ist nicht ähnlich einer Geschmacksempfin- dung, oder einer Hitzeempfindung, sondern einer Tastempfin- dung: der Empfindung, wenn Haut und Muskeln gedrückt, gezogen, verschoben werden.480. Ich fühle meinen Arm und, seltsamerweise, möchte ich nun sagen: ich fühle ihn im Raum in bestimmter Lage; als wäre nämlich das Körpergefühl in einem Raum in der Form des Arms verteilt, so daß ich, um es darzustellen, den Arm, etwa in Gips, in seiner richtigen Lage darstellen müßte.
478. The duration of a sensation. Compare the duration of an auditory sensation with that of a tactile sensation informing you that you hold a sphere in your hand, and with the feeling that tells you your knees are bent.
481. Ja, es ist seltsam. Mein Unterarm liegt jetzt horizontal, und ich möchte sagen, daß ich das fühle; aber nicht so, als hätte ich ein Gefühl, das immer mit dieser Lage zusammengeht (als fuhlte man etwa Blutleere, oder Plethora) sondern, als wäre eben das ›Körpergefühl‹ des Arms horizontal angeordnet oder verteilt, wie etwa ein Dunst, oder Staubteilchen, an der Oberflä che meines Armes so im Raume verteilt sind. Es ist also nicht wirklich, als fühlte ich die Lage meines Arms, sondern als fühite ich meinen Arm, und das Gefühl hätte die und die Lage. D.h. aber nur: ich weiß einfach, wie er liegt ohne es zu wissen, weil Wie ich auch weiß, wo ich den Schmerz empfinde es aber nicht weiß, weil...
479. We feel our movements. Yes, we do indeed feel them; the sensation is unlike a taste or thermal sensation but resembles a tactile sensation — the sensation of skin and muscles being pressed, pulled, or displaced.
482. Es ist uns förmlich, als hätte der Schmerz einen Körper, als wäre er ein Ding, ein Körper mit Form und Farbe. Warum? Hat er die Form des schmerzenden Körperteils? Man möchte z. B. sagen: ›Ich könnte den Schmerz beschreiben, wenn ich nur die nötigen Worte und Elementarbedeutungen dazu hätte.‹ Man fühlt: es fehlt einem nur die notwendige Nomenklatur. (James.) Als könnte man die Empfindung sogar malen, wenn nur der Andere diese Sprache verstünde. Und man kann den Schmerz ja wirklich räumlich und zeitlich beschreiben.
480. I feel my arm, and strangely, I am tempted to say: I feel it spatially positioned, as though the body feeling were distributed through space in the shape of the arm, compelling me to represent it, say, in plaster, in its actual posture.
483. (Wenn Empfindungen die Lage der Glieder und die Bewegungen charakterisieren, so ist ihr Ort jedenfalls nicht das Gelenk.)Die Lage der Glieder und ihre Bewegungen weiß man. Man kann sie z. B. angeben, wenn man gefragt wird. So wie man auch den Ort einer Empfindung (Schmerz) am Leibe weiß. Reaktion des Berührens der schmerzhaften Stelle. Kein lokales Merkmal an der Empfindung. So wenig wie ein zeitliches am Erinnerungsbild. (Zeitliche Merkmale an der Pho- tographie.) Schmerz von andern Sinnesempfindungen unterschieden durch charakteristischen Ausdruck. Dadurch verwandt der Freude (die keine Sinnesempfindung).
481. Yes, it is peculiar. My forearm now lies horizontal, and I want to say I feel this — not as a sensation consistently accompanying this position (like a feeling of ischemia or congestion), but as if the "body feeling" of the arm were arranged or dispersed horizontally, akin to mist or dust particles distributed across my arm’s surface in space. Thus, it is not truly that I feel my arm’s position, but that I feel my arm, and the sensation has such-and-such a position. That is, I simply know how it lies without inferring it — just as I know where I feel pain without deduction...
482. We are inclined to think of pain as having a body, as being a thing with form and color. Why? Does it share the form of the afflicted body part? One might say: “I could describe the pain if only I had the necessary words and primitive meanings.” (James.) As though one could even paint the sensation if only others understood this language. And indeed, pain can be described spatially and temporally.
483. (If sensations characterize limb positions and movements, their locus is certainly not the joint.) One knows the posture of limbs and their motions. One can specify them when asked, just as one knows the location of a bodily sensation (pain).
The reaction of touching the painful spot.
No spatial marker in the sensation itself — just as there is no temporal marker in a memory image. (Temporal markers in a photograph.)
Pain differs from other sense sensations through its characteristic expression. Here, it resembles joy (which is not a sense sensation).
484. Ist das Wortklauberei: Freude, Genuß, Entzücken seien nicht Empfindungen? Fragen wir uns einmal: Wieviel Analogie besteht denn zwischen dem Entzücken und dem, was wir z. B. Sinnesempfindungen nennen?
484. Is this mere quibbling over words: that joy, pleasure, rapture are not sensations? Let us ask: How much analogy exists between rapture and what we call sense sensations?
485. Das Bindeglied zwischen ihnen wäre der Schmerz. Denn sein Begriff ähnelt dem der Tastempfindung z. B. (durch die Merkmale der Lokalisierung, echten Dauer, Intensität, Qualität) und zugleich dem der Gemütsbewegungen durch den Ausdruck (Mienen, Gebärden, Laute).
485. The linking concept between them would be pain. For its notion resembles that of tactile sensation (through features like localization, genuine duration, intensity, quality) while also resembling emotions through expression (facial gestures, movements, sounds).
486. Ich fühle grofße Freude. Wo?-Das klingt unsinnig. Und doch sagt man auch Ich fühle eine freudige Erregung in meiner Brust. Warum aber ist Freude nicht lokalisiert? Ist es, weil sie über den ganzen Körper verteilt ist? Auch dann ist sie nicht lokalisiert, wenn etwa das Gefühl, das sie hervorruft, dies ist; wenn wir uns etwa am Geruch einer Blune freuen. Die Freude äußert sich im Gesichtsausdruck, im Benehmen. (Aber wir sagen nicht, wir freuten uns im Gesicht.)487. ›Aber ich habe doch ein wirkliches Gefühl der Freude!‹ Ja, wenn du dich freust, so freust du dich wirklich. Und freilich ist Freude nicht freudiges Benehmen, noch auch ein Gefühl um die Mundwinkel und Augen.
486. I feel great joy. Where?—That sounds nonsensical. And yet one also says: I feel a joyful excitement in my chest. But why is joy not localized? Is it because it is distributed over the entire body? Even then it is not localized when, say, the feeling that causes it is; as when we rejoice at the scent of a flower. Joy manifests itself in facial expression and behavior. (Yet we do not say we rejoice in our face.)487. ›But I do have a real feeling of joy!‹ Yes, when you rejoice, you really rejoice. And of course, joy is neither joyful behavior nor a feeling around the corners of the mouth and eyes.
›Aber Freude bezeichnet doch etwas Inneres.‹ Nein.
›But joy does designate something internal.‹ No.
›Freude bezeichnet gar nichts. Weder Inneres noch Äu- ßeres.
›Joy designates nothing at all. Neither internal nor external.
488. Fortsetzung der Klassifizierung der psychologischen Begriffe.
488. Continuation of the classification of psychological concepts.
Gemütsbewegungen. Ihnen gemeinsam echte Dauer, ein Ver- lauf. (Zorn flammt auf, laßt nach, verschwindet; ebenso: Freude, Depression, Furcht.)
Emotions. What they share is genuine duration, a course. (Anger flares up, subsides, vanishes; likewise: joy, depression, fear.)
Unterschied von den Empfindungen: sie sind nicht lokalisiert (auch nicht diffus!).
Difference from sensations: they are not localized (nor even diffusely!).
Gemeinsam: sie haben ein charakteristisches Ausdrucksbe nehmen. (Gesichtsausdruck.) Und daraus folgt schon: auch charakteristische Empfindungen. So geht die Trauer oft mit dem Weinen einher, und mit diesem charakteristische Empfin- dungen. (Die tränenschwere Stimme.) Aber diese Empfindun gen sind nicht die Gemütsbewegungen. (In dem Sinne, wie die Ziffer a nicht die Zahl a ist.)
In common: they have characteristic expressive behavior. (Facial expression.) And from this already follows: also characteristic sensations. Thus, grief is often accompanied by weeping, and with this, characteristic sensations. (The tear-choked voice.) But these sensations are not the emotions. (In the sense that the numeral a is not the number a.)
Unter den Gemütsbewegungen könnte man gerichtete von ungerichteten unterscheiden. Furcht vor etwas, Freude über etwas.
Among emotions, one could distinguish directed from undirected. Fear of something, joy about something.
Dies Etwas ist das Objekt, nicht die Ursache der Gemütsbe wegung.
This something is the object, not the cause of the emotion.
489. Das Sprachspiel ›Ich fürchte mich‹ enthält schon das Objekt.
489. The language-game ›I am afraid‹ already contains the object.
Angst könnte man ungerichtete Furcht nennen, insofern ihre Äußerungen ähnlich oder gleich denen der Furcht sind.
Anxiety could be called undirected fear, insofar as its manifestations are similar or identical to those of fear.
Der Inhalt einer Gemütsbewegung - darunter stellt man sich so etwas vor wie ein Bild oder etwas, wovon ein Bild gemachtwerden kann. (Die Finsternis der Depression, die sich auf Einen herniedersenkt, die Flammen des Zornes.)
The content of an emotion—one imagines something like a picture or something of which a picture could be made. (The darkness of depression descending upon one, the flames of anger.)
490. Man könnte auch das menschliche Gesicht ein solches Bild nennen und den Verlauf der Leidenschaft durch seine Ver- änderungen darstellen.
490. One could also call the human face such a picture and represent the course of passion through its changes.
491. Zum Unterschied von den Empfindungen: sie unterrich- ten uns nicht über die Außenwelt. (Grammatische Bemer- kung.) Liebe und Haß könnte man Gemütsdispositionen nennen: auch Furcht in einem bestimmten Sinne.
491. To distinguish from sensations: they do not inform us about the external world. (Grammatical remark.) Love and hate could be called affective dispositions: likewise fear in a certain sense.
492. Es ist eines, akute Furcht empfinden, und ein anderes, jemanden chronisch fürchten. Aber Furcht ist keine Empfin- dung.
492. It is one thing to feel acute fear, and another to fear someone chronically. But fear is not a sensation.
Schreckliche Furcht: sind es die Empfindungen, die so schrecklich sind?
Terrible fear: are the sensations what is so terrible?
Typische Ursachen des Schmerzes einerseits, der Depression, Trauer, Freude anderseits. Ursache dieser zugleich ihr Ob- jekt.
Typical causes of pain on the one hand, of depression, grief, joy on the other. The cause of the latter is at the same time their object.
Das Benehmen des Schmerzes und das Benehmen der Traurig- keit. Man kann diese nur mit ihren äußeren Anlässen beschrei- ben. (Wenn die Mutter das Kind allein läßt, mag es vor Trauer weinen; wenn es hinfällt, vor Schmerz.) Benehmen und Art des Anlasses gehören zusammen.
The behavior of pain and the behavior of sadness. These can only be described with their external occasions. (When the mother leaves the child alone, it may cry from grief; when it falls down, from pain.) Behavior and type of occasion belong together.
493. Es gibt furchtvolle Gedanken, hoffnungsvolle, freudige, zornige, etc.494. Gemütsbewegungen drücken sich in Gedanken aus. Einer redet zornig, furchtsam, traurig, freudig, etc.; nicht kreuz- schmerzlich. Ein Gedanke flößt mir Gemütsbewegungen (Furcht, Trauer etc.) ein, nicht Körperschmerz.
493. There are fearful thoughts, hopeful, joyful, angry, etc.494. Emotions express themselves in thoughts. One speaks angrily, fearfully, sadly, joyfully, etc.; not with lumbago. A thought instills emotions (fear, grief, etc.) in me, not bodily pain.
495. Fast möchte ich sagen: Man fühlt die Trauer so wenig im Körper, wie das Sehen im Auge.
495. I am almost tempted to say: One feels grief as little in the body as seeing in the eye.
496. ((Das Schreckliche an der Furcht sind nicht die Furcht- empfindungen.)) Diese Sache erinnert auch an das Hören eines Geräusches aus einer bestimmten Richtung. Es ist beinahe, als fühlte man die Beschwerde in der Magengegend, Beklemmung des Atems, aus der Richtung der Furcht. D.h. eigentlich, daß -Mir ist schlecht vor Furcht nicht eine Ursache der Furcht angibt.
496. ((The terrible thing about fear is not the fear-sensations.)) This matter also recalls hearing a noise from a specific direction. It is almost as if one felt the discomfort in the pit of the stomach, the constriction of breath, from the direction of fear. That is to say, actually, that ›I feel sick with fear‹ does not specify a cause of fear.
497. Wo spurst du den Kummer? In der Seele. - Was für Konsequenzen ziehen wir aus dieser Ortsangabe? Eine ist, daß wir nicht von einem körperlichen Ort des Kummers reden. Aber wir deuten doch auf unsern Leib, als wäre der Kummer in ihm. Ist das, weil wir ein körperliches Unbehagen spüren? Ich weiß die Ursache nicht. Aber warum soll ich annehmen, sie sei ein leibliches Unbehagen?
497. Where do you feel grief? In the soul.—What consequences do we draw from this localization? One is that we do not speak of a bodily location of grief. Yet we do point to our body as if grief were in it. Is this because we feel a bodily discomfort? I do not know the cause. But why should I assume it is a bodily discomfort?
498. Denke dir folgende Frage: Kann man sich einen Schmerz, sagen wir von der Qualität des rheumatischen Schmer- zes, denken, aber ohne Örtlichkeit? Kann man sich ihn ver- stellen?
498. Consider the following question: Can one imagine a pain, say of the quality of rheumatic pain, but without locality? Can one feign it?
Wenn du anfängst, darüber nachzudenken, so siehst du, wiesehr du das Wissen um den Ort des Schmerzes in ein Merkmal des Gefühlten verwandeln möchtest, in ein Merkmal eines Sin- nesdatums, des privaten Objekts, das vor meiner Seele steht.
When you begin to reflect on this, you see how much you want to transform knowledge about the location of pain into a characteristic of what is felt — into a characteristic of a sense-datum, the private object standing before my soul.
499. Wenn die Angst furchtbar ist, und wenn ich in ihr mir meiner Atmung bewußt bin und einer Spannung in meinen Gesichtsmuskeln, sagt das, daß diese Gefühle mir furchtbar sind? Könnten sie nicht sogar eine Linderung bedeuten? ((Do- stojewski.))
499. If fear is terrible and I become aware of my breathing and tension in my facial muscles during it, does this mean these sensations are terrible to me? Could they not even signify relief? ((Dostoevsky.))
500. Warum verwendet man aber das Wort »leiden« für die Furcht und auch für den Schmerz? Nun, es sind ja Verbindungen genug.-
500. But why is the word »suffering« used for both fear and pain? Well, there are enough connections.—
501. Auf die Äußerung »Ich kann nicht ohne Furcht daran denken...« antwortet man etwa: »Es ist kein Grund zur Furcht, denn...« Das ist jedenfalls ein Mittel, Furcht zu beseitigen. Gegensatz zum Schmerz.
501. To the expression »I cannot think of it without fear...« one might reply: »There is no reason for fear, because...« This is at least a means to eliminate fear. Contrast with pain.
502. Daß es ein Furchtkonglomerat von Empfindungen, Gedanken etc. (z. B.) gibt, heißt nicht, daß Furcht ein Konglo- merat (Syndrom) ist.
502. That there exists a fear conglomerate of sensations, thoughts, etc. (e.g.), does not mean that fear is a conglomerate (syndrome).
503. Wer im Studierzimmer sich die Trauer vormacht, der wird sich allerdings leicht der Spannungen in seinem Gesicht bewußt werden. Aber trauere wirklich, oder folge einer trauri- gen Handlung im Film, und frag dich, ob du dir deines Gesichts bewußt warst.
503. Someone feigning sorrow in a study will easily become aware of tensions in their face. But truly grieve, or follow a sorrowful action in a film, and ask yourself whether you were aware of your face.
504. Liebe ist kein Gefühl. Liebe wird erprobt, Schmerzen nicht. Man sagt nicht: Das war kein wahrer Schmerz, sonst hätte er nicht so schnell nachgelassen..
504. Love is not a feeling. Love is tested; pain is not. One does not say: That was not true pain, otherwise it would not have subsided so quickly.
505. Ein Zusammenhang zwischen den Stimmungen und Sin- neseindrücken ist, daß wir die Stimmungsbegriffe zur Beschrei- bung von Sinneseindrücken und Vorstellungen benützen. Wir sagen von einem Thema, einer Landschaft, sie seien traurig, fröhlich, etc. Aber viel wichtiger ist es natürlich, daß wir das menschliche Gesicht, die Handlung, das Benehmen, durch alle Stimmungsbegriffe beschreiben.
505. A connection between moods and sensory impressions is that we use mood concepts to describe sensory impressions and imaginings. We speak of a theme or landscape as sad, cheerful, etc. But far more important, of course, is that we describe the human face, action, and behavior through all mood concepts.
506. Ein freundlicher Mund, ein freundliches Auge. Wie denkt man sich eine freundliche Hand? - Wahrscheinlich geoff- net und nicht als Faust. Und könnte man sich die Haarfarbe des Menschen als Ausdruck der Freundlichkeit, oder des Gegenteils, denken? - Aber so gestellt, scheint dies die Frage zu sein, ob uns das gelingen kann. Die Frage sollte lauten: Wollen wir etwas eine freundliche, oder unfreundliche Haarfarbe nennen? Wollten wir solchen Worten Sinn geben, so würden wir uns etwa einen Menschen denken, dessen Haare dunkel werden, wenn er zornig wird. Das Hineinlesen des bösen Ausdrucks in die dunkeln Haare aber geschähe mittels einer schon früher fertigen Idee. Man kann sagen: Das freundliche Auge, der freundliche Mund, das Wedeln des Hundes sind, unter andern, primäre und von einander unabhängige Symbole der Freundlichkeit; ich meine: sie sind Teile der Phänomene, die man Freundlichkeit nennt. Will man sich andere Erscheinungen als Ausdruck der Freundlichkeit denken, so sieht man jene Symbole in sie hinein. Wir sagen Er macht ein finsteres Gesicht; vielleicht, weil die Augen durch die Augenbrauen stärker beschattet werden; und nun übertragen wir die Idee der Finsternis auf die Haarfarbe.
506. A friendly mouth, a friendly eye. How would one imagine a friendly hand? — Probably open, not clenched. Could we imagine a person’s hair color as expressing friendliness or its opposite? — But posed this way, the question seems to ask whether we can achieve this. The question should be: Do we want to call something a friendly or unfriendly hair color? If we wished to give sense to such words, we might imagine a person whose hair darkens when angry. Yet reading an evil expression into dark hair would occur through a preexisting idea. One could say: The friendly eye, the friendly mouth, the wagging of a dog are, among others, primary and independent symbols of friendliness; I mean: they are parts of the phenomena called friendliness. If one imagines other phenomena as expressions of friendliness, those symbols are projected into them. We say, He makes a gloomy face; perhaps because the eyes are more shadowed by the eyebrows; and now we transfer the idea of gloom to hair color.
107. Wer fragt, ob Vergnügen eine Empfindung ist, unter- scheidet wahrscheinlich nicht zwischen Grund und Ursache, denn sonst fiele ihm auf, daß man an etwas Vergnügen hat, was nicht heißt, daß dies Etwas eine Empfindung in uns verur- sacht.
107. Someone who asks whether pleasure is a sensation likely fails to distinguish between ground and cause, for otherwise they would notice that taking pleasure in something does not mean this thing causes a sensation in us.
108. Aber Vergnügen geht doch jedenfalls mit einem Gesichtsausdruck zusammen, und den sehen wir zwar nicht an uns selbst, aber spüren ihn doch.
108. Yet pleasure is certainly accompanied by a facial expression, which we do not see in ourselves but do sense.
Und versuch einmal über etwas sehr Trauriges nachzudenken. mit dem Gesichtsausdruck strahlender Freude!
And try to think of something very sad while wearing the facial expression of radiant joy!
509. Es ist ja möglich, daß die Drüsen des Traurigen anders sezernieren, als die des Fröhlichen; auch, daß diese Sekretion. die, oder eine, Ursache der Trauer ist. Aber folgt daraus, daß die Trauer cine durch diese Sekretion hervorgerufene Empfindung ist?
509. It is possible that the glands of a sad person secrete differently than those of a cheerful one; also that this secretion is the, or a, cause of sadness. But does it follow that sadness is a sensation caused by this secretion?
110. Aber der Gedanke ist hier: Du fäbist doch die Trauer- also mußt du sie irgendwo fühlen; sonst wäre sie eine Chimäre..
110. But the thought here is: You do feel the sorrow — so you must feel it somewhere; otherwise it would be a chimera.
Aber wenn du so denken willst, rufe dir die Verschiedenheit von Sehen und Schmerz ins Gedächtnis. Ich fühle den Schmerz in der Wunde - aber die Farbe im Auge? So wie wir hier ein Schema verwenden wollen, statt bloß das wirklich Gemeinsame zu notie- ren, sehen wir alles falsch vereinfacht.
Yet if you wish to think this way, recall the difference between seeing and pain. I feel pain in the wound — but color in the eye? When we use a schema here instead of merely noting what is truly common, we see everything falsely simplified.
511. Wollte man aber ein Analogon zum Ort des Schmerzes finden, so wäre es natürlich nicht die Seele (wie ja der Ort des Körperschmerzes nicht der Körper ist), sondern der Gegenstand der Reuc.
511. If one sought an analogue to the location of pain, it would naturally not be the soul (as the location of bodily pain is not the body), but the object of remorse.
§12. Denke, man sagte: Fröhlichkeit wäre ein Gefühl, und Traurigkeit bestünde darin, daß man nicht fröhlich ist. - Ist denn die Abwesenheit eines Gefühls ein Gefühl?
§12. Suppose someone said: Cheerfulness is a feeling, and sadness consists in not being cheerful. — Is the absence of a feeling itself a feeling?
§13. Man spricht von einem Gefühl der Überzeugung, weil es einen Ton der Überzeugung gibt. Ja, das Charakteristikum aller -Gefühle- ist, daß es einen Ausdruck, d.i. eine Miene, Gebärde des Gefühls gibt.
§13. One speaks of a feeling of conviction because there is a tone of conviction. Yes, the hallmark of all »feelings« is that there is an expression, i.e., a countenance or gesture of the feeling.
§14. Nun könnte man aber so sagen: Das Gesicht eines Men- schen ist durchaus nicht immer dieselbe Gestalt. Es ändert sich von Minute zu Minute; manchmal wenig, manchmal bis zur Unkenntlichkeit. Dennoch ist es möglich, das Bild seiner Phy- siognomie zu zeichnen. Freilich, ein Bild, auf dem das Gesicht lächelt, zeigt nicht, wie es weinend aussieht. Aber es läßt darauf immerhin Schlüsse zu. Und so wäre es auch möglich, eine Art ungefähre Physiognomie des Glaubens (z. B.) zu beschreiben.
§14. Now one might say: A person’s face is by no means always the same shape. It changes from minute to minute; sometimes slightly, sometimes to the point of unrecognizability. Yet it is possible to draw a picture of their physiognomy. Of course, a picture showing a smiling face does not depict how it looks when weeping. But inferences can still be drawn. Thus it would also be possible to describe a kind of approximate physiognomy of belief (e.g.).
§15. Ich gebe Zeichen des Entzückens und des Verständ nisses.
§15. I give signs of delight and of understanding.
§16. Kann man das »sich auskennen« ein Erlebnis nennen? Nicht doch. Aber es gibt Erlebnisse charakteristisch für den Zustand des Sich-Auskennens und des Sich-nicht-Auskennens. (Sich nicht auskennen und lügen.)
§16. Can »being competent« be called an experience? Certainly not. But there are experiences characteristic of the state of being competent and of being incompetent. (Being incompetent and lying.)
§17. Es ist aber doch wichtig, daß es alle diese Paraphrasen gibe! Daß man die Sorge mit den Worten beschreiben kann-Ewiges Düstere steigt herunter-. Ich habe vielleicht die Wich- tigkeit dieses Paraphrasierens nie genügend betont.
§17. Yet it is crucial that all these paraphrases exist! That one can describe sorrow with the words "Eternal gloom descends." Perhaps I have never sufficiently emphasized the importance of this paraphrasing.
§18. Warum kann der Hund Furcht, aber nicht Reue empfin- den? Wäre es richtig zu sagen -Weil er nicht sprechen kann-?
§18. Why can a dog feel fear but not remorse? Would it be correct to say "Because it cannot speak"?
§19. Nur wer über die Vergangenheit nachdenken kann, kann bereuen. Das heißt aber nicht, daß nur so einer erfahrungsgemäß des Gefühls der Reue fähig ist.
§19. Only one who can reflect on the past can feel remorse. But this does not mean that only such a being is empirically capable of the emotion of remorse.
§20. Es ist ja auch nichts Erstaunliches, daß gewisse Begriffe nur auf ein Wesen anwendbar sein sollten, das z. B. eine Sprache besitzt.
§20. Nor is it surprising that certain concepts might only apply to a being that, for example, possesses language.
§21. -Der Hund meint etwas mit seinem Wedeln. - Wie würde man das begründen?-Sagt man auch: -Die Pflanze, wenn sie ihre Blätter hängen läßt, meint damit, daß sie Wasser braucht-?-
§21. "The dog means something by its tail-wagging." How would one justify this? Does one also say: "The plant, when it droops its leaves, means that it needs water"?
§22. Wir würden kaum fragen, ob das Krokodil etwas damit meint, wenn es mit offenem Rachen auf einen Menschen zukommt. Und wir würden erklären: das Krokodil könne nicht denken, und darum sei eigentlich hier von einem Meinen keine Rede.
§22. We would scarcely ask whether the crocodile means anything when it approaches a human with its jaws open. And we would explain: the crocodile cannot think, and thus there is no genuine "meaning" here.
123. Vergessen wir doch einmal ganz, daß uns der Seelenza- stand des Fürchtenden interessiert. Gewiß ist, daß uns auch sein Benehmen unter gewissen Umständen als Anzeichen für künfti ges Verhalten interessieren kann. Warum sollten wir also nicht dafür ein Wort haben?
123. Let us completely forget that the mental state of the fearful person interests us. Certainly, their behavior under certain circumstances can also interest us as an indicator of future conduct. Why then should we not have a word for this?
Man könnte nun fragen, ob dies Wort sich wirklich einfach auf das Benehmen, einfach auf die Veränderung des Körpers bezöge. Und das können wir verneinen. Es liegt uns ja nichts daran, den Gebrauch dieses Worts derart zu vereinfachen. Es bezieht sich auf das Benehmen unter gewissen äußeren Umständen. Wenn wir diese Umstände und jenes Benehmen beobachten, sagen wir, Einer sei..., oder habe...
One might now ask whether this word simply refers to behavior, to bodily changes. We can deny this. We have no interest in simplifying the use of this word in such a way. It refers to behavior under specific external circumstances. When we observe these circumstances and that behavior, we say someone is..., or has...
524. Es könnte einen Furchtbegriff geben, der nur auf Tiere, also nur durch Beobachtung, Anwendung fände. Du willst doch nicht sagen, daß so ein Begriff keinen Nutzen hätte. Das Verbum, das beiläufig dem Worte »fürchten« entspräche, hätte dann keine erste Person, und keine seiner Formen wäre Aufße- rung der Furcht.
524. There could be a concept of fear applicable only to animals, i.e., only through observation. Surely you would not claim such a concept has no utility. The verb roughly equivalent to "fear" would then lack a first-person form, and none of its expressions would be an utterance of fear.
525. Ich will nun sagen, daß Menschen, welche einen solchen Begriff verwenden, seinen Gebrauch nicht müfßten beschreiben können. Und sollten sie's versuchen, so wäre es möglich, sie gäben eine ganz unzulängliche Beschreibung. (Wie die meisten, wenn sie versuchen wollten, die Verwendung des Geldes richtig zu beschreiben.) (Sie sind auf so eine Aufgabe nicht gefaßt.)
525. I now wish to say that people who use such a concept might not need to describe its use. And if they tried, they might give a wholly inadequate description. (Like most who attempt to describe the use of money correctly.) (They are unprepared for such a task.)
526. Wer sich unter den und den Umständen so und so benimmt, von dem sagen wir, er sei traurig. (Auch vom Hunde.) Insofern kann man nicht sagen, das Benehmen sei die Ursache der Trauer; sie ist ihr Anzeichen. Sie die Wirkung der Trauer zu nennen, wäre auch nicht einwandfrei. Sagt er's von sich (er seitraurig), so wird er im allgemeinen dafür als Grund nicht sein trauriges Gesicht u. dergl. angeben. Wie aber wäre es damit: Erfahrung hat mich gelehrt, daß ich traurig werde, sobald ich anfange, traurig dazusitzen, etc.? Das könnte zweierlei besa- gen. Erstens: Sobald ich, etwa einer leichten Neigung folgend, es mir gestatte, mich so und so zu halten und zu benehmen, gerate ich in den Zustand, in diesem Benehmen verharren zu müssen. Es könnte ja sein, daß Zahnschmerzen durch Stöhnen ärger würden. Zweitens aber, könnte jener Satz eine Spekula- tion enthalten über die Ursache der menschlichen Trauer; des Inhalts, daß, wer im Stande wäre, auf irgendeine Weise gewisse Körperzustände hervorzurufen, den Menschen traurig machen würde. Hier ist aber die Schwierigkeit, daß wir einen Menschen, der unter allen Umständen traurig aussähe und sich benähme, nicht traurig nennen würden. Ja, wenn wir einem solchen den Ausdruck Ich bin traurig beibrächten, und er sagte das, stets und ständig mit dem Ausdruck der Trauer, so hätten diese Worte, so wie die übrigen Zeichen, ihren normalen Sinn ver- loren.
526. Whoever behaves thus under such circumstances is said to be sad. (This applies to dogs as well.) In this sense, one cannot say the behavior causes sadness; it is its symptom. To call it the effect of sadness would also be flawed. When someone says of themselves (they are sad), they generally do not cite their sad face etc. as grounds. But how about this: Experience has taught me that I become sad as soon I begin to sit around looking sad? This could mean two things. First: As soon as I allow myself, perhaps following a slight inclination, to hold and behave in such a way, I fall into a state where I must persist in this behavior. It could be that moaning exacerbates toothaches. Second, the statement might involve speculation about the cause of human sadness—of the sort that whoever could induce certain bodily states would make people sad. The difficulty here is that we would not call someone sad who always looked and behaved sadly under all circumstances. Indeed, if we taught such a person the expression "I am sad," and they said it constantly with a sad expression, these words, like other signs, would lose their normal meaning.
§27. Ist es nicht so, als wollte man sich einen Gesichtsaus- druck vorstellen, der nicht allmählicher, schwer faßbarer Verän- derungen fähig wäre, sondern, sagen wir, nur fünf Stellungen hätte; bei einer Veränderung ginge die eine mit einem Ruck in die andere über. Wäre nun dies starre Lächeln z. B. wirklich ein Lächeln? Und warum nicht?--Lächeln nennen wir eine Miene in cinem normalen Mienenspiel. Ich könnte mich vielleicht nicht so dazu verhalten, wie zu einem Lächeln. Es würde mich z. B. nicht selber zum Lächeln bringen. Kein Wunder, will man sagen, daß wir diesen Begriff haben, unter diesen Um- ständen..
§27. Is it not as if one wanted to imagine a facial expression incapable of gradual, elusive changes but, say, having only five positions—when changing, one jerks abruptly into another. Would this rigid smile, for example, truly be a smile? And why not?—We call a smile an expression within normal play of facial expressions. Perhaps I could not relate to it as a smile. It would not, for instance, make me smile myself. No wonder, one might say, that we have this concept under these circumstances.
§28. Eine Hilfskonstruktion. Ein Stamm, den wir versklaven wollen. Die Regierung und die Wissenschaft geben aus, daß dieLeute dieses Stammes keine Seelen haben; man könne sie also zu jedem beliebigen Zweck gebrauchen. Natürlich interessiert uns dennoch ihre Sprache; denn wir wollen ihnen ja z. B. Befehle geben und Berichte von ihnen erhalten. Auch wollen wir wissen, was sie unter einander reden, da dies mit ihrem übrigen Verhalten zusammenhängt. Aber auch, was bei ihnen unsern psychologi- schen Äußerungen entspricht, muß uns interessieren; denn wir wollen sie arbeitsfähig erhalten; darum sind uns ihre Außerungen des Schmerzes, des Unwohiseins, der Niedergeschlagenheit, der Lebenslust, etc. etc. von Wichtigkeit. Ja, wir haben auch gefunden, daß man diese Leute mit gutem Erfolg als Versuchsobjekte in physiologischen und psychologischen Laboratorien verwenden kann, da ihre Reaktionen - auch die Sprachreaktionen-ganz die der seelenbegabten Menschen sind. Man habe auch gefunden, daß man diesen Wesen, durch eine Methode, die sehr ähnlich unserm Unterricht ist, unsere Sprache statt der ihrigen beibringen kann.
§28. An auxiliary construction. A tribe we seek to enslave. The government and scientific authorities decree that these people have no souls; they may therefore be used for any purpose. Yet we remain interested in their language, for we need to issue commands and receive reports from them. We also wish to understand their internal communications, as these relate to their other behaviors. Furthermore, their equivalents of our psychological expressions concern us; to maintain their labor capacity, we must attend to their manifestations of pain, discomfort, despondency, vitality, etc. Indeed, we have found them serviceable as experimental subjects in physiological and psychological laboratories, as their reactions—including linguistic ones—precisely mirror those of ensouled humans. It has also been discovered that through methods resembling our instruction, these beings can be taught our language in place of their own.
529. Diese Wesen lernen nun z. B. rechnen, schriftlich oder mündlich rechnen. Wir bringen sie aber, auf irgendeine Weise, dahin, daß sie uns das Ergebnis einer Multiplikation sagen kön- nen, nachdem sie, ohne zu schreiben oder zu sprechen, sich eine Weile in »nachdenkender« Haltung verhalten haben. Wenn man die Art und Weise betrachtet, wie sie dies Kopfrechnen lernen und die Erscheinungen, die es umgeben, so liegt das Bild nahe, der Prozeß des Rechnens sei gleichsam untergetaucht und gehe nun unter der Wasserfläche vor sich.
529. These beings learn, for instance, to calculate—whether written or oral arithmetic. Through certain methods, we train them to state the result of a multiplication after remaining in a "contemplative" posture without writing or speaking. Observing how they acquire this mental arithmetic and the phenomena surrounding it, one is tempted to imagine the computational process as submerged, proceeding beneath the water's surface.
Wir müssen natürlich für verschiedene Zwecke einen Befehl haben der Art »Rechne dies im Kopf!«; eine Frage »Hast du es gerechnet?«; ja auch: »Wie weit bist du?«; eine Aussage des Automaten »Ich habe... gerechnet«; etc. Kurz: alles, was wir, unter uns, über das Kopfrechnen sagen, hat auch Interesse für uns, wenn sie's sagen. Und was für's Kopfrechnen gilt, gilt auch für alle anderen Formen des Denkens. - Äußert Einer von uns die Mei- nung, diese Wesen müßten doch irgendeine Art von Seele haben, in der dies und jenes vor sich ginge, so lachen wir ihn aus.
Naturally, we require commands like "Calculate this mentally!"; questions like "Have you calculated it?"; even "How far have you progressed?"; the automaton's declaration "I have calculated..."; etc. In short: everything we say among ourselves about mental arithmetic retains relevance when they say it. What applies to mental arithmetic applies equally to all forms of thinking. Should someone suggest these beings must possess some kind of soul where such processes occur, we would laugh at them.
§30. Die Sklaven sagen auch: »Als ich das Wort ›Bank‹ hörte, bedeutete es für mich ...«. Frage: Auf dem Hintergrund welcher Sprachtechnik sagen sie das? Denn darauf kommt alles an. Was hatten wir sie gelehrt, welche Benutzung des Wortes »bedeu- ten«? Und was, wenn überhaupt irgend etwas, entnehmen wir ihrer Äußerung? Denn wenn wir gar nichts mit ihr anfangen können, so könnte sie uns als Kuriosität interessieren. – Denken wir uns einen Stamm von Menschen, die keine Träume kennen, und die unsere Traumerzählungen hören. Einer von uns käme zu diesen nichtträumenden Leuten und lernte nach und nach, sich mit ihnen verständigen. – Vielleicht denkt man, sie würden nun das Wort »träumen« nie verstehen. Aber sie würden bald eine Verwendung dafür finden. Und ihre Ärzte könnten sich sehr wohl für das Phänomen interessieren und wichtige Schlüsse aus den Träumen des Fremden ziehen. – Auch kann man nicht sagen, daß für diese Leute das Verbum »träumen« nichts anderes bedeu- ten könnte als: einen Traum erzählen. Denn der Fremde würde ja beide Ausdrücke gebrauchen: »träumen« und »einen Traum erzählen«, und die Leute jenes Stammes dürften nicht »ich träumte ...« mit »ich erzählte den Traum ...« verwechseln.
§30. The slaves also say: "When I heard the word 'bank', it meant ... to me." Question: Against the backdrop of which linguistic techniques do they say this? For everything hinges on this. What have we taught them about the use of the word "mean"? And what, if anything, do we infer from their utterance? If we can make nothing of it, it might interest us as a curiosity. Imagine a tribe unfamiliar with dreams, hearing our dream narratives. Suppose one of us joins these non-dreaming people and gradually learns to communicate with them. One might think they could never grasp the word "dream." Yet they would soon find a use for it. Their physicians might take keen interest in the phenomenon, drawing significant conclusions from the stranger's dreams. Nor can we claim their verb "to dream" would mean nothing beyond "to recount a dream," for the stranger would use both expressions: "to dream" and "to tell a dream," and the tribe must not confuse "I dreamed..." with "I told the dream...".
§31. »Ich nehme an, es schwebe ihm ein Bild vor.« – Könnte ich auch annehmen, es schwebe diesem Ofen ein Bild vor? – Und warum scheint dies unmöglich? Ist denn also die menschliche Gestalt dazu nötig?
§31. "I suppose an image is hovering before him." Could I also suppose an image hovers before this stove? Why does this seem impossible? Is the human form thus requisite?
§32. Der Schmerzbegriff ist charakterisiert durch seine bestimmte Funktion in unserm Leben.
§32. The concept of pain is characterized by its specific function in our life.
§33. Schmerz liegt so in unserm Leben drin, hat solche Zusam- menhänge. (D.h.: nur was so im Leben drinliegt, solche Zusam- menhänge hat, nennen wir »Schmerz«.)534. Nur inmitten gewisser normaler Lebensäußerungen gibt es eine Schmerzäußerung. Nur inmitten von noch viel weitge hender bestimmten Lebensäußerungen den Ausdruck der Trauer, oder der Zuneigung. U.s.f.
§33. Pain is so embedded in our life, has such interconnections. (That is: only what is so embedded, with such interconnections, do we call "pain.")534. Pain-expressions exist only amidst certain normal manifestations of life. Expressions of grief or affection emerge only amid far more extensively determined life-manifestations. Etc.
535. Wenn ich mir, und wenn ein Andrer sich, einen Schmerz vorstellen kann, oder wir doch sagen, daß wir's können, wie kann man herausfinden, ob wir ihn uns richtig vorstellen, und wie genau?
535. If I—or another—can imagine a pain, or if we claim to, how might one ascertain whether we imagine it correctly, or how precisely?
536. Ich mag wissen, daß er Schmerzen hat, aber ich weiß nie den genauen Grad seiner Schmerzen. Hier ist also etwas, was er weiß und die Schmerzäußerung mir nicht mitteilt. Etwas rein Privates.
536. I may know he is in pain, but I never know the exact degree of his pain. Here, then, is something he knows that the pain-expression does not communicate to me. Something purely private.
Er weiß genau, wie stark seine Schmerzen sind? (Ist das nicht ähnlich, als sagte man, er wisse immer genau, wo er sich befinde? Nämlich bier.) Ist denn der Begriff des Grades mit den Schmer- zen gegeben?
Does he know precisely how intense his pain is? (Is this not akin to saying he always knows exactly where he is? Namely, here.) Is the concept of degree given with the pain?
537. Du sagst, du pflägst den Stöhnenden, weil Erfahrung dich gelehrt hat, daß du selbst stöhnst, wenn du das und das fühlst. Aber da du ja doch keinen solchen Schluß ziehst, so können wir die Begründung durch Analogie weglassen.
537. You say you tend the groaning person because experience has taught you that you yourself groan when feeling such-and-such. But since you in fact draw no such inference, we may omit the analogical justification.
538. Es hat auch keinen Sinn zu sagen: Ich kümmere mich nicht um mein eigenes Stöhnen, weil ich weiß, daß ich Schmer- zen habe oder weil ich meine Schmerzen fäble..
538. Nor does it make sense to say: I disregard my own groaning because I know I am in pain or because I feel my pain.
Wohl aber ist es wahr: Ich kümmere mich nicht um mein Stöhnen..
Yet this is true: I disregard my groaning.
§39. Ich schließe aus der Beobachtung seines Benehmens, daß er zum Arzt muß; aber ich ziehe diesen Schluß für mich nicht aus der Beobachtung meines Benehmens. Oder vielmehr: ich tue auch dies manchmal, aber nicht in analogen Fällen.
§39. I conclude from observing his behavior that he must go to the doctor; but I do not draw this conclusion for myself from observing my own behavior. Or rather: I sometimes do this too, but not in analogous cases.
§40. Es hilft hier, wenn man bedenkt, daß es ein primitives Verhalten ist, die schmerzende Stelle des Andern zu pflegen, zu behandeln, und nicht nur die eigene – also auf des Andern Schmerzbenehmen zu achten, wie auch, auf das eigene Schmerz- benehmen nicht zu achten.
§40. Here it helps to consider that tending to another’s injured area – not just one’s own – is primitive behavior; that is, to attend to another’s pain-behavior, just as one does not attend to one’s own pain-behavior.
§41. Was aber will hier das Wort »primitive« sagen? Doch wohl, daß die Verhaltungsweise vorsprachlich ist: daß ein Sprachspiel auf ihr beruht, daß sie das Prototyp einer Denkweise ist und nicht das Ergebnis des Denkens.
§41. But what does the word “primitive” signify here? Presumably that this mode of conduct is pre-linguistic: that a language-game is founded upon it, that it is the prototype of a mode of thinking and not the result of thinking.
§42. »Falsch aufgezäumt« kann man von einer Erklärung sagen, wie dieser: wir pflegten den Andern, weil wir nach Analo- gie des eigenen Falles glaubten, auch er habe ein Schmerzerleb- nis. – Statt zu sagen: Lerne also aus diesem besondern Kapitel des menschlichen Benehmens – aus dieser Sprachverwendung – eine neue Seite.
§42. One might call the following explanation “wrongly harnessed”: we tend to the other because, by analogy with our own case, we believe they too have a pain-experience. – Instead, we should say: Learn a new aspect from this particular chapter of human behavior – from this use of language.
§43. Zu meinem Begriff gehört hier mein Verhältnis zur Er- scheinung,
§43. Here, my concept includes my relationship to the phenomenon.
§44. Wenn wir dem Arzt mitteilen, wir hätten Schmerzen – in welchen Fällen ist es nützlich, daß er sich einen Schmerz vor-stelle? - Und geschieht dies nicht auf sehr mannigfache Weise?
§44. When we inform the doctor that we are in pain – in which cases is it useful for him to imagine a pain? – And does this not occur in highly varied ways?
(So mannigfach, wie: sich an einen Schmerz erinnern.) (Wissen, wie ein Mensch ausschaut.)
(As varied as: recalling a pain.) (Knowing what a person looks like.)
545. Angenommen, es erklärt Einer, wie ein Kind den Gebrauch des Wortes ›Schmerz‹ lernt, in dieser Weise: Wenn das Kind sich bei bestimmten Anlässen so und so benimmt, denke ich, es fühle, was ich in solchen Fällen fühle; und wenn es so ist, so assoziiert das Kind das Wort mit seinem Gefühl und gebraucht das Wort, wenn das Gefühl wieder auftritt. - Was erklärt diese Erklärung? Frage dich:- Welche Art der Unwissen-heit behebt sie? Sicher sein, daß der Andre Schmerzen hat, zweifeln, ob er sie hat, usf., sind so viele natürliche instinktive Arten des Verhaltens zu den andern Menschen, und unsre Sprache ist nur ein Hilfsmittel und weiterer Ausbau dieses Verhaltens. Unser Sprachspiel ist ein Ausbau des primitiven Beneh-mens. (Denn unser Sprachspiel ist Benehmen.) (Instinkt.)
545. Suppose someone explains how a child learns the use of the word “pain” thus: When the child behaves in such-and-such ways on certain occasions, I think it feels what I feel in such cases; and if so, the child associates the word with its feeling and uses the word when the feeling recurs. – What does this explanation clarify? Ask yourself: What kind of ignorance does it remedy? Being certain that another is in pain, doubting whether they are, etc., are as many natural, instinctive modes of behavior toward others, and our language is merely an auxiliary and further extension of this behavior. Our language-game is an extension of primitive behavior. (For our language-game is behavior.) (Instinct.)
§46. ›Ich bin nicht sicher, ob er Schmerzen hat.‹ – Wenn sich nun Einer immer, wenn er dies sagt, mit einer Nadel stäche, um die Bedeutung des Wortes ›Schmerz‹ lebhaft vor der Seele zu haben, (sich nicht mit der Vorstellung begnügen zu müssen) und zu wissen, worüber er beim Andern im Zweifel ist! – Wäre nun der Sinn seiner Aussage gesichert?
§46. “I am not sure whether he is in pain.” – Suppose someone, whenever they say this, pricks themselves with a pin to vividly grasp the meaning of the word “pain” (so as not to settle for mere imagination) and to know what they doubt in the other! – Would the sense of their statement thereby be secured?
§47. Er hat also den wahren Schmerz; und der Besitz dieses ist’s, was er beim Andern bezweifelt. - Aber wie macht er das nur? - Es ist, als sagte man mir: ›Hier hast du einen Sessel. Siehst du ihn genau? Gut; - nun übertrage ihn ins Französische!‹548. Er hat also den wirklichen Schmerz; und nun weiß er, was er beim Andern bezweifeln soll. Er hat den Gegenstand vor sich, und es ist kein Benehmen, oder dergleichen. (Aber jetzt!) Zum Bezweifeln, ob der Andre Schmerzen hat, braucht er den Begriff Schmerz, nicht Schmerzen.
§47. Thus, they possess the true pain; and it is this possession that they doubt in the other. – But how exactly do they do this? – It is as if someone told me: “Here is a chair. Do you see it clearly? Good – now translate it into French!”
549. Die Äußerung der Empfindung eine Behauptung zu nen- nen, ist dadurch irreführend, daß mit dem Wort Behauptung die Prüfung, die Begründung, die Bestätigung, die Entkräf tung der Behauptung im Sprachspiel verbunden ist.
548. They thus have the actual pain; and now they know what to doubt in the other. They have the object before them, and it is not behavior or the like. (But now!) To doubt whether the other is in pain, they need the concept pain, not pains.
550. Wozu dient etwa die Aussage: »Ich habe doch etwas, wenn ich Schmerzen habe«?
549. To call the expression of sensation an assertion is misleading because the word assertion is tied to the testing, justification, confirming, and refuting of the assertion within the language-game.
551. »Der Geruch ist herrlich!« Ist ein Zweifel darüber, daß der Geruch es ist, der herrlich ist?
550. What purpose does the statement serve: “After all, I have something when I am in pain”?
So ist es eine Eigenschaft des Geruches? - Warum nicht? Es ist eine Eigenschaft der Zehn, durch zwei teilbar zu sein, und auch, die Zahl meiner Finger zu sein.
551. “The scent is glorious!” Is there a doubt that it is the scent that is glorious?
Es könnte aber eine Sprache geben, in der die Leute nur die Augen schließen und sagen »Oh, dieser Geruch!« und es keinen Subjekt-Prädikat-Satz gibt, der dem äquivalent ist. Das ist eben eine spezifische Reaktion.
So is it a property of the scent? – Why not? It is a property of ten to be divisible by two, and also to be the number of my fingers.
552. Zu dem Sprachspiel mit den Worten »er hat Schmerzen« gehört - möchte man sagen - nicht nur das Bild des Benehmens, sondern auch das Bild der Schmerzen. - Aber hier muß man sich in Acht nehmen: Denke an mein Beispiel von den privaten Tabellen, die nicht zum Spiel gehören. Es entsteht der Ein- druck der privaten Tabelle im Spiel durch die Abwesenheit einerTabelle und durch die Ähnlichkeit des Spiels mit einem solchen, das mit einer Tabelle gespielt wird.*
Yet there could be a language in which people merely close their eyes and say, “Oh, this scent!” with no subject-predicate sentence equivalent to it. This is simply a specific reaction.
552. To the language-game with the words “he is in pain,” one might say, belongs not only the picture of behavior but also the picture of pain. – But here one must beware: Think of my example of private tables that do not belong to the game. The impression of a private table in the game arises from the absence of a table and from the similarity of the game to one played with a table.*
553. Bedenke: Wir gebrauchen das Wort »Ich weiß nicht« oft in seltsamer Weise; wenn wir z. B. sagen, wir wissen nicht, ob Dieser wirklich mehr fühlt als der Andere, oder es nur stärker zum Ausdruck bringt. Es ist dann nicht klar, welche Art der Untersuchung die Frage entscheiden könnte. Natürlich ist die Äußerung nicht ganz müßig: Wir wollen sagen, daß wir wohl die Gefühle des A und des B miteinander vergleichen können, aber uns die Umstände an einem Vergleich des A mit dem C irrewer- den lassen.
553. Consider: We often use the phrase “I don’t know” in a strange way; for example, when we say we don’t know whether A truly feels more than B or merely expresses it more intensely. It then becomes unclear what kind of investigation could settle the question. Of course, the utterance is not entirely idle: We mean that while we can compare A’s and B’s feelings, circumstances might make us uncertain about comparing A with C.
554. Nicht darauf sehen wir, daß die Evidenz das Gefühl ((also das Innere)) des Andern nur wahrscheinlich macht, son- dern darauf, daß wir dies als Evidenz für irgend etwas (Wichti- ges) betrachten, daß wir auf diese verwickelte Art der Evidenz ein Urteil gründen, daß sie also in unserm Leben eine besondere Wichtigkeit hat und durch einen Begriff herausgehoben wird. ((Das Innere und Äußere, ein Bild.))
554. The point is not that the evidence only makes the other’s feeling ((i.e., the inner)) probable, but that we treat this as evidence for something (important), that we base a judgment on this complex kind of evidence, thus giving it a special significance in our lives and demarcating it through a concept. ((The inner and outer, a picture.))
555. Die ›Unsicherheit‹ bezieht sich eben nicht auf den beson- dern Fall, sondern auf die Methode, auf die Regeln der Evi- denz.
555. The “uncertainty” pertains not to the particular case but to the method, to the rules of evidence.
* S. Philosophische Untersuchungen § 300. Hrsg
* Cf. Philosophical Investigations § 300. Ed.
556. Die Unsicherheit hat ihren Grund nicht darin, daß er seine Schmerzen nicht außen am Rock trägt. Und es ist auch gar keine Unsicherheit in jedem besondern Fall. Wenn die Grenzezwischen zwei Ländern strittig wäre, würde daraus folgen, daß die Landesangehörigkeit jedes einzelnen Bewohners fraglich wäre?
§56. The uncertainty does not arise from the fact that he does not wear his pains visibly on his coat. Nor is there uncertainty in every particular case. If the border between two countries were disputed, would it follow that the nationality of every individual inhabitant was questionable?
§57. Denke, Leute könnten das Funktionieren des Nervensy- stems im Andern beobachten. Sie unterschieden dann echte und geheuchelte Empfindung in sicherer Weise. Oder könnten sie doch wieder daran zweifeln, daß der Andere bei diesen Zeichen etwas spürt? - Man könnte sich jedenfalls leicht vorstellen, daß, was sie da sehen, ihr Verhalten ohne alle Skrupel bestimmt. Und nun kann man dies doch auf das äußere Benehmen über- tragen.
§57. Imagine people could observe the functioning of the nervous system in others. They would then distinguish genuine and feigned sensations with certainty. Or could they still doubt whether the other feels anything when these signs are present? – In any case, one could easily imagine that what they see there would determine their behavior toward the other without any scruples. And now this could indeed be transferred to external behavior.
Diese Beobachtung bestimmt ihr Verhalten gegen den Andern vollkommen und ein Zweifel kommt nicht auf.
This observation determines their behavior toward the other completely, and no doubt arises.
§58. Es gibt wohl den Fall, daß Einer mir später sein Innerstes durch ein Geständnis aufschließt: aber, daß es so ist, kann mir nicht das Wesen von Außen und Innen erklären, denn ich muß ja dem Geständnis doch Glauben schenken.
§58. There is indeed the case where someone later reveals their innermost being through a confession: but that this is so cannot explain to me the essence of outer and inner, for I must still trust the confession.
Das Geständnis ist ja auch etwas Äußeres.
For the confession is also something external.
§59. Besieh dir Leute, die auch unter diesen Umständen zwei- feln; und solche, die nicht zweifeln.
§59. Observe people who doubt even under these circumstances; and those who do not doubt.
§60. Nur Gott sieht die geheimsten Gedanken. Aber warum sollen diese so wichtig sein? Manche sind wichtig, nicht alle. Und müssen alle Menschen sie für wichtig halten?
§60. Only God sees the most secret thoughts. But why should these be so important? Some are important, not all. And must all people consider them important?
561. Eine Art der Unsicherheit wäre die, die wir auch einem uns unbekannten Mechanismus entgegenbringen könnten. Bei der andern würden wir uns möglicherweise an eine Begebenheit in unserm Leben erinnern. Es könnte z. B. sein, daß Einer, der gerade der Todesangst entronnen ist, sich davor scheuen würde, eine Fliege zu erschlagen und es sonst ohne Bedenken täte. Oder, anderseits, daß er mit diesem Erlebnis vor Augen, das zögernd tut, was er sonst ohne Zögern täte.
§61. One kind of uncertainty would be that which we might also harbor toward an unfamiliar mechanism. With the other, we might possibly recall an event in our own life. For example, someone who had just escaped mortal terror might hesitate to kill a fly, whereas otherwise they would do so without hesitation. Or conversely, that with this experience in mind, they hesitantly do what they would otherwise do unhesitatingly.
562. Auch wenn ich nicht sicher in meinem Mitleid ruhe, muß ich nicht an die Ungewißheit seines spätern Benehmens denken.
§62. Even if I am not secure in my compassion, I need not think of the uncertainty of his later behavior.
563. Die eine Unsicherheit geht sozusagen von dir aus, die andere von ihm.
§63. One uncertainty, so to speak, emanates from you, the other from him.
Von der einen könnte man also doch sagen, sie hinge mit einer Analogie zusammen; von der Andern nicht. Aber nicht, als ob ich aus der Analogie einen Schluß zöge!
Thus, one might say of the first that it is connected with an analogy; but not of the other. Yet not as if I were drawing a conclusion from the analogy!
564. Wenn ich aber zweifle, ob eine Spinne wohl Schmerz empfindet, dann ist es nicht, weil ich nicht weiß, was ich mir zu erwarten habe.
§64. But when I doubt whether a spider feels pain, it is not because I do not know what to expect.
565. Wir können aber nicht umhin, uns das Bild vom seeli- schen Vorgang zu machen. Und nicht, weil wir ihn von uns her kennen!
§65. Yet we cannot help forming a picture of the mental process. And not because we know it from ourselves!
166. Könnte nicht das Verhalten, Benehmen, des Vertrauens ganz allgemein unter einer Gruppe von Menschen bestehen? So daß ihnen ein Zweifel an Gefühlsäußerungen ganz fremd ist30?
§66. Could not the behavior of trust exist quite generally among a group of people? So that doubt about expressions of feeling is entirely foreign to them30?
167. Wie könnte man die menschliche Handlungsweise beschreiben? Doch nur, insofern man die Handlungen der ver schiedenen Menschen, wie sie durcheinanderwimmeln, schil- derte. Nicht, was Einer jetzt tut, sondern das ganze Gewimmel der menschlichen Handlungen, der Hintergrund, worauf wir jede Handlung sehen, bestimmt unser Urteil, unsere Begriffe und Reaktionen.
§67. How might human conduct be described? Only insofar as one depicts the actions of various people as they intermingle. Not what someone is doing now, but the entire swarm of human actions, the background against which we see every action, determines our judgment, our concepts, and reactions.
168. Wenn das Leben ein Teppich wäre, so ist dies Muster (der Verstellung z. B.) nicht immer vollständig, und vielfach variiert. Aber wir, in unserer Begriffswelt, sehen immer wieder das Gleiche mit Variationen wiederkehren. So fassen's unsere Begriffe auf. Die Begriffe sind ja nicht für eismaligen Ge- brauch.**
§68. If life were a carpet, this pattern (of pretense, for example) is not always complete and varies in many ways. But in our conceptual world, we see the same thing recurring with variations. Thus our concepts grasp it. For concepts are not for one-time use.**
169. Und ein Muster ist im Teppich mit vielen andern Mustern verwoben.
§69. And one pattern in the carpet is interwoven with many others.
* Im Typoskript folgt hier die Bemerkung: Wie könntest du erklären, was es heißt Schmerzen heucheln, sich stellen, als habe man Schmerzen. Hiring.
* The typescript here adds the remark: How would you explain what it means to feign pain, to act as if one had pain. Hiring.
S. Philosophische Untersuchungen II, i. Hrsg
Cf. Philosophical Investigations II, i. Ed.
570. »So kann man sich nicht verstellen.« - Und das kann cine Erfahrung sein, dall nämlich niemand, der sich s0 benimmt, sich später so und so benehmen werde; aber auch einebegriffliche Feststellung (Das wäre nicht mehr Verstellung-); und die beiden können zusammenhängen..
§70. »One cannot dissemble like that.« – This could be an experience that no one who behaves thus will later behave in such and such a way; but also a conceptual stipulation (That would no longer be dissembling–); and the two may be connected.
Das kann man nicht mehr Verstellung nennen.
This can no longer be called dissembling.
(Denn man hätte nicht gesagt, die Planeten müssen sich in Kreisen bewegen, wenn es nicht geschienen hätte, dafß sie sich in Kreisen bewegen.)
(For one would not have said that planets must move in circles if it had not seemed that they move in circles.)
((Vergleiche: So kann man nicht reden ohne zu denken, So kann man nicht unwillkürlich handeln..))
((Compare: One cannot speak without thinking, One cannot act involuntarily.))
571. Könntest du dir nicht eine weitere Umgebung denken, in der auch das noch als Verstellung zu deuten wäre? Muß nicht jedes Benehmen sich so deuten lassen?
§71. Could you not imagine a further context in which even that would still count as dissembling? Must not every behavior be interpretable as such?
Aber was heißt es: daß alles Benehmen noch immer Verstel- lung sein könnte? Hat denn Erfahrung uns das gelehrt? Und wie können wir anders über Verstellung unterrichtet sein? Nein, es ist eine Bemerkung über den Begriff Verstellung. Aber da wäre ja dieser Begriff unbrauchbar, denn die Verstellung hätte keine Kriterien im Benehmen.
But what does it mean: that all behavior could still be dissembling? Has experience taught us this? And how else could we learn about dissembling? No, it is a remark about the concept of dissembling. But then this concept would be unusable, for dissembling would have no criteria in behavior.
572. Liegt hier nicht etwas Ähnliches vor, wie das Verhältnis der euklidischen Geometrie zur Sinneserfahrung? (Ich meine: es sei eine tiefgehende Ahnlichkeit vorhanden.) Denn auch die euklidische Geometrie entspricht ja der Erfahrung nur in einer durchaus nicht leicht verständlichen Weise, und nicht etwa nur wie das Exaktere dem Unexakteren.
§72. Is there not something analogous here to the relation of Euclidean geometry to sensory experience? (I mean: there is a profound similarity.) For Euclidean geometry corresponds to experience only in a way that is by no means easily understood, and not merely as the more precise to the less precise.
573. Es gibt doch im Benehmen Vertrauen und Mißtrauen! Klagt Einer z. B., so kann ich mit völliger Sicherheit, vertrau- ensvoll reagieren, oder unsicher und wie Einer, der Verdacht hat.
§73. There is indeed trust and distrust in behavior! If someone complains, for example, I can react with complete certainty and trust, or with uncertainty like one who suspects.
Es braucht dazu keine Worte noch Gedanken.
This requires neither words nor thoughts.
574. Ist das, wovon er sagt, er habe es, und wovon ich sage, ich habe es, ohne daß wir dies aus irgendeiner Beobachtung erschließen, ist es dasselbe, wie das, was wir aus der Beobach tung des Benchmens des Andern und aus seiner Überzeugungs- außerung entnehmen?
574. When he says he has something and I say I have it without inferring this from any observation, is it the same as what we deduce from observing another's behavior and their expressions of conviction?
575. Kann man sagen: Ich schließe, daß er handeln wird, wie er zu handeln beabsichtigt?
575. Can one say: I infer that he will act as he intends to act?
((Fall der falschen Geste.))
((Case of the false gesture.))
576. Warum schließe ich nie von meinen Worten auf meine wahrscheinlichen Handlungen? Aus demselben Grunde, aus welchem ich nicht von meinem Gesichtsausdruck auf mein wahrscheinliches Benehmen schließe. Denn nicht das ist das Interessante, daß ich nicht aus meinem Ausdruck der Gemütsbe wegung auf meine Gemütsbewegung schließe, sondern, dafß ich aus jenem Ausdruck auch nicht auf mein späteres Verhalten schließe, wie dies doch die Andern tun, die mich beobachten.
576. Why do I never infer from my words to my probable actions? For the same reason I do not infer from my facial expressions to my probable behavior. What is interesting is not that I do not infer my emotions from my expressions of emotion, but that I also do not infer my later behavior from these expressions, as others do who observe me.
577. Willkürlich sind gewisse Bewegungen mit ihrer norma- len Umgebung von Absicht, Lernen, Versuchen, Handeln, Bewegungen, von denen es Sinn hat, zu sagen, sie seien manch- mal willkürlich, manchmal unwillkürlich, sind Bewegungen in einer speziellen Umgebung.
577. Voluntary movements are certain movements within their normal context of intention, learning, attempting, acting. Movements that can meaningfully be called sometimes voluntary, sometimes involuntary occur within a specific environment.
578. Wenn Einer uns nun sagte, er esse unwillkürlich, wel- che Evidenz würde mich dies glauben machen?
578. If someone were to tell us they eat involuntarily, what evidence would make me believe this?
§79. Man ruft sich ein Niesen, oder einen Hustenanfall her vor, aber nicht eine willkürliche Bewegung. Und der Wille ruft das Niesen nicht hervor und auch nicht das Gehen.
§79. One recalls a sneeze or a coughing fit, but not a voluntary movement. The will does not produce sneezing, nor does it produce walking.
§80. Mein Ausdruck kam daher, daß ich mir das Wollen als ein Herbeiführen dachte, aber nicht als ein Verursachen, son- dern - ich möchte sagen - als ein direktes, nicht-kausales Herbei- führen. Und dieser Idee liegt die Vorstellung zu Grunde, dafß der kausale Nexus die Verbindung zweier Maschinenteile durch einen Mechanismus, etwa eine Reihe von Zahnrädern, ist.
§80. My expression arose from thinking of willing as a bringing about, not as a causing, but—I want to say—as a direct, non-causal bringing about. Underlying this idea is the notion that the causal nexus is the connection of two machine parts through a mechanism, say a series of cogwheels.
§81. Ist Ich tue mein Möglichstes die Äußerung eines Erlebnisses? Ein Unterschied: Man sagt Tue dein Möglich- stes!
§81. Is "I am doing my utmost" the expression of an experience? A difference: One says "Do your utmost!"
§82. Wenn Einer mich auf der Straße trifft und fragt -Wohin gehst du? und ich antworte Ich weiß es nicht, so nimmt er an, ich habe keine bestimmte Absicht; nicht, ich wisse nicht, ob ich meine Absicht werde ausführen können. (Hebel.)**
§82. If someone meets me on the street and asks, "Where are you going?" and I answer "I don’t know," they assume I have no definite intention—not that I do not know whether I will be able to carry out my intention. (Lever.)**
§83. Was ist der Unterschied zwischen diesen beiden: Einer Linie unwillkürlich folgen - Einer Linie mit Absicht folgen.
§83. What is the difference between these two: involuntarily following a line—following a line with intention.
Was ist der Unterschied zwischen diesen beiden: Eine Linie mit Bedacht und großer Aufmerksamkeit nachziehen Auf- merksam beobachten, wie meine Hand einer Linie folgt.
What is the difference between these two: Tracing a line with care and great attention—attentively observing how my hand follows a line.
* S. Philomphuche Untersuchungen § 613. Hrsg.
* See Philosophische Untersuchungen § 613. Ed.
** Schatzkászlein, Zwei Erzählungen. Hrsg
** Schatzkästlein, Two Narratives. Ed.
Man sieht ihr nicht erstaunt oder mit Interesse beim Schreiben zu; denkt nicht Was wird sie nun schreiben?. Aber nicht, weil man eben wünschte, sie solle das schreiben. Denn, daß sie schreibt, was ich wünsche, könnte mich ja erst recht in Erstaunen versetzen.
One does not watch her writing with astonishment or interest; does not think What will she write next?. But not because one wishes her to write that. For her writing what I wish might astonish me all the more.
189. Wenn ich mich anstrenge, tue ich doch etwas, habe doch nicht bloß eine Empfindung. Und so ist es auch; denn man befiehlt Einem: »Streng dich an!« und er kann die Absicht äußern »Ich werde mich jetzt anstrengen«. Und wenn er sagt »Ich kann nicht mehr!« so heißt das nicht »Ich kann das Gefühl in meinen Gliedern den Schmerz, z. B., nicht länger ertragen.« Andererseits aber leidet man unter der Anstrengung, wie unter Schmerzen. »Ich bin gänzlich erschöpft« wer das sagte, sich aber so frisch bewegte, wie je, den würde man nicht verstehen.
189. When I exert myself, I do something; I do not merely have a sensation. And so it is; for one commands, "Exert yourself!" and one can express the intention "I will now exert myself." When someone says "I can’t go on!", this does not mean "I can no longer endure the feeling in my limbs—the pain, for example." On the other hand, one suffers under exertion as under pain. Someone who said "I am utterly exhausted" but moved as briskly as ever would not be understood.
590. Die Verbindung unseres Hauptproblems mit dem epistemologischen Problem des Wollens ist mir schon früher einmal aufgefallen. Wenn in der Psychologie ein solches hartnäckiges Problem auftritt, so ist es nie eine Frage nach der tatsächlichen Erfahrung (cine solche ist immer viel gutmütiger), sondern ein logisches, also eigentlich grammatisches Problem.
590. The connection between our main problem and the epistemological problem of willing struck me once before. When such a persistent problem arises in psychology, it is never a question of actual experience (such questions are always more tractable) but a logical, hence essentially grammatical, problem.
591. Mein Benehmen ist eben manchmal Gegenstand meiner Beobachtung, aber doch selten. Und das hängt damit zusammen, daß ich mein Benehmen beabsichtige. Selbst wenn der Schauspieler im Spiegel seine eigenen Mienen beobachtet, oder der Musiker genau auf jeden Ton seines Spiels merkt und ihn beurteilt, so geschieht es doch, um seine Handlung danach zu richten.
591. My behavior is occasionally the object of my observation, but rarely. This is connected to the fact that I intend my behavior. Even when an actor observes his own expressions in a mirror, or a musician listens intently to every note he plays and judges it, he does so to adjust his actions accordingly.
192. Was heißt es z. B., daß Selbstbeobachtung mein Handeln, meine Bewegungen, unsicher macht?
192. What does it mean, for example, that self-observation makes my actions, my movements, uncertain?
Ich kann mich nicht unbeobachtet beobachten. Und ich beobachte mich nicht zu dem gleichen Zweck, wie den Andern.
I cannot observe myself unobserved. And I do not observe myself for the same purpose as I observe others.
593. Wenn ein Kind im Zorn mit den Füßen stampft und heult, wer würde sagen, es täte dies unwillkürlich? Und warum? Warum nimmt man an, es täte dies nicht unwillkürlich? Was sind die Zeichen des willkürlichen Handelns? Gibt es solche Zeichen? Was sind denn die Zeichen der unwillkürlichen Bewegung? Sie folgt Befehlen nicht, wie die willkürliche Hand- lung. Es gibt ein »Komm her!«, »Geh dort hin!«, »Mach diese Armbewegung!«; aber nicht »Laß dein Herz klopfen!«
593. If a child stamps its feet and howls in anger, who would say it does this involuntarily? And why? Why is it assumed the child does not act involuntarily? What are the signs of voluntary action? Are there such signs? What, then, are the signs of involuntary movement? It does not obey commands like voluntary action. There is a "Come here!", "Go there!", "Make this arm movement!"; but not "Make your heart beat!"
594. Es gibt ein bestimmtes Zusammenspiel von Bewegun- gen, Worten, Mienen, wie den Äußerungen des Unwillens, oder der Bereitschaft, die die willkürlichen Bewegungen des normalen Menschen charakterisieren. Wenn man das Kind ruft, so kommt es nicht automatisch: Es gibt da, z. B., die Gebärde »Ich will nicht!«. Oder das freudige Kommen, den Entschluß zu kom- men, das Fortlaufen mit dem Zeichen der Furcht, die Wirkungen des Zuredens, alle die Reaktionen des Spiels, die Zeichen des Überlegens und seine Wirkungen.
594. There is a specific interplay of movements, words, expressions—such as manifestations of displeasure or readiness—that characterizes the voluntary movements of a normal person. When called, the child does not come automatically: There is, for example, the gesture "I don’t want to!". Or joyful compliance, the resolve to come, running away with signs of fear, the effects of persuasion, all the reactions of play, the signs of deliberation and its consequences.
595. Wie könnte ich mir beweisen, daß ich meinen Arm will- kürlich bewegen kann? Etwa, indem ich mir sage »Ich werde ihn jetzt bewegen« und er sich nun bewegt? Oder soll ich sagen »Einfach, indem ich ihn bewege«? Aber wie weiß ich, daß ich's getan habe, und er sich nicht nur durch Zufall bewegt hat? Fühle ich's am Ende doch? Und wie, wenn mich meine Erinnerung an frühere Gefühle täuschte, und es also gar nicht die richtigen maßgebenden Gefühle waren?! (Und welches sind die richti gen?) Und wie weiß denn der Andere, ob ich den Arm willkür- lich bewegt habe? Ich werde ihm vielleicht sagen »Befiehl mir, welche Bewegung du willst, und ich werde sie machen, um dich zu überzeugen«. Und was fühlst du denn in deinem Arm? »Nun, das Gewöhnliche.« Es ist nichts Ungewöhnliches an den Gefühlen, der Arm ist z. B. nicht gefühllos (wie wenn er eingeschlafen wäre).596. Eine Bewegung meines Körpers, von der ich nicht weiß, daß sie stattfindet, oder stattgefunden hat, wird man unwillkür lich nennen. Wie ist es aber, wenn ich bloß versuche, ein Gewicht zu heben, eine Bewegung also nicht stattfindet? Wie wäre es, wenn Einer sich unwillkürlich anstrengte, ein Gewicht zu heben? Unter welchen Umständen würde man dies Verhalten unwillkürlich nennen?
595. How could I prove to myself that I can move my arm voluntarily? Perhaps by saying "I will now move it" and then moving it? Or should I say "Simply by moving it"? But how do I know that I did it, and that it didn't just move by chance? Do I perhaps feel it? And what if my memory of previous feelings deceived me, so that they weren't actually the decisive feelings?! (And which are the correct ones?) And how does another person know whether I moved my arm voluntarily? I might tell them "Command me to make whatever movement you want, and I'll do it to convince you". And what do you feel in your arm? "Well, the usual." There's nothing unusual about the sensations - the arm isn't numb, for example (as if it had fallen asleep).
597. Kann nicht die Ruhe ebenso willkürlich sein, wie Bewe- gung? Kann das Unterlassen der Bewegung nicht willkürlich sein? Welch besseres Argument gegen ein Innervationsgefühl?
596. A movement of my body that I don't know is occurring or has occurred would be called involuntary. But what if I merely attempt to lift a weight, so no movement actually occurs? How would we describe someone involuntarily straining to lift a weight? Under what circumstances would this behavior be called involuntary?
598. Was für ein merkwürdiger Begriff versuchen, trachten ist; was man alles zu tun trachten kann! (Sich erinnern, ein Gewicht heben, aufmerken, an nichts denken.) Aber dann könnte man auch sagen: Was für ein merkwürdiger Begriff -tun ist! Welches sind die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Reden und Denken, zwischen Reden und zu sich selbst reden? (Vergleiche die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den Zahlenarten.)
597. Can rest be just as voluntary as movement? Can the absence of movement be voluntary? What better argument against the concept of an innervation feeling?
599. Man zieht ganz andere Schlüsse aus der unwillkürlichen Bewegung, als aus der willkürlichen: das charakterisiert die will- kürliche Bewegung.
598. How remarkable is the concept of attempting, striving - the variety of things one can strive to do! (Remembering, lifting a weight, paying attention, thinking of nothing.) But then we might also say: How remarkable is the concept of doing! What are the kinship relations between speaking and thinking, between speaking and speaking to oneself? (Compare the kinship relations between types of numbers.)
600. Aber wie weißß ich, daß diese Bewegung willkürlich war? - Ich weiß es nicht, ich äußere es.
599. We draw entirely different conclusions from involuntary movements than from voluntary ones: this characterizes voluntary movement.
601. Ich ziche so stark, als ich kann. Wie weiß ich das? Sagt es mir mein Muskelgefühl? Die Worte sind ein Signal; und sie haben eine Funktion.
600. But how do I know this movement was voluntary? - I don't know it, I express it.
601. I pull as hard as I can. How do I know this? Does my muscle sense tell me? The words are a signal; and they have a function.
Aber erlebe ich denn nichts? Erlebe ich denn nicht etwas? erwas Spezifisches? Ein spezifisches Gefühl der Anstrengung und des Nicht-weiter-Könnens, des Anlangens an der Grenze? Freilich, aber diese Ausdrücke sagen nicht mehr, als Ich ziehe so stark, als ich kann..
But don't I experience anything? Don't I experience something specific? A specific feeling of exertion and inability to continue further, of reaching the limit? Certainly, but these expressions say no more than "I'm pulling as hard as I can".
601. Vergleiche damit diesen Fall: Jemand soll sagen, was er fuhlt, wenn ihm ein Gewicht auf der flachen Hand ruht. Ich kann mir nun vorstellen, daß hier ein Zwiespalt entsteht: Einerseits sagt er sich, was er fühle, sei eine Pressung gegen die Handfläche und eine Spannung in den Muskeln seines Arms; anderseits will er sagen: aber das ist doch nicht alles; ich empfinde doch einen Zug, ein Streben des Gewichts nach unten! Empfindet er denn ein solches Streben? ja: wenn er nämlich an das Streben denkt. Mit dem Wort Streben geht hier ein bestimmtes Bild, eine Geste, ein Tonfall; und in diesem siehst du das Erlebnis des Strebens.
602. Compare this case: Someone is to describe what they feel when a weight rests on their open hand. I can imagine a conflict arising here: On one hand they might say what they feel is pressure against the palm and tension in the arm muscles; on the other hand they want to say: but that's not all - I definitely feel a pull, a striving of the weight downward! Do they feel such striving? Yes: if they think of striving. The word "striving" here brings with it a particular image, gesture, tone of voice; and in this you see the experience of striving.
(Denke auch daran: Manche Leute sagen, von dem und dem gehe cin Fluidum aus. Daher fiel uns auch das Wort Einfluß ein.)
(Also consider: Some people say a fluid emanates from this or that. Hence the word "influence" occurred to us.)
603. Die Unvorhersehbarkeit des menschlichen Benehmens. Ware sie nicht vorhanden, würde man dann auch sagen, man könne nie wissen, was im Andern vorgeht?
603. The unpredictability of human behavior. If this were absent, would we then say one can never know what's going on in others?
604. Aber wie wär's, wenn das menschliche Benehmen nicht unvorhersehbar wäre? Wie hat man sich das vorzustellen? (D.h.: wie auszumalen, welche Verbindungen anzunehmen?)
604. But what if human behavior were predictable? How should we imagine this? (That is: what connections should we assume when visualizing it?)
605. Eine der philosophisch gefährlichsten Ideen ist, merk würdigerweise, daß wir mit dem Kopf, oder im Kopf denken.
605. One of the philosophically most dangerous ideas is, remarkably, that we think with our head, or in our head.
606. Die Idee vom Denken als einem Vorgang im Kopf, in dem gänzlich abgeschlossenen Raum, gibt ihm etwas Ok- kultes.
606. The idea of thinking as a process in the head, within that completely enclosed space, gives it something occult.
607. Ist das Denken, sozusagen, ein spezifisch organischer Vorgang der Seele gleichsam ein Kauen und Verdauen in der Seele? Kann man ihn dann durch einen anorganischen Vorgang ersetzen, der den gleichen Zweck erfüllt, sozusagen mit einer Prothese das Denken besorgen? Wie müßte man sich eine Denk prothese vorstellen?
607. Is thinking, so to speak, a specifically organic process of the soul - a kind of chewing and digesting in the soul? Could we then replace it with an inorganic process serving the same purpose, managing thinking through a prosthesis, as it were? How should we imagine a thinking prosthesis?
608. Keine Annahme scheint mir natürlicher, als daß dem Assoziieren, oder Denken, kein Prozeß im Gehirn zugeordnet ist; so zwar, daß es also unmöglich wäre, aus Gehirnprozessen Denkprozesse abzulesen. Ich meine das so: Wenn ich rede, oder schreibe, so geht, nehme ich an, ein meinem gesprochenen oder geschriebenen Gedanken zugeordnetes System von Impulsen von meinem Gehirn aus. Aber warum sollte das System sich weiter in zentraler Richtung fortsetzen? Warum soll nicht, sozu sagen, diese Ordnung aus dem Chaos entspringen? Der Fall wäre ähnlich dem - daß sich gewisse Pflanzenarten durch Samen ver- mehrten, so daß ein Same immer dieselbe Pflanzenart erzeugt, von der er erzeugt wurde, daß aber nichts in dem Samen der Pflanze, die aus ihm wird, entspricht; so daß es unmöglich ist, aus den Eigenschaften, oder der Struktur des Samens auf die der Pflanze, die aus ihm wird, zu schließen, daß man dies nur aus seiner Geschichte tun kann. So könnte also aus etwas ganz Amor- phem ein Organismus, sozusagen ursachelos, werden; und es ist kein Grund, warum sich dies nicht mit unserem Gedanken, alsomit unserem Reden oder Schreiben etc. wirklich so verhalten sollte.
608. No assumption seems more natural to me than that associating or thinking has no corresponding process in the brain; such that it would thus be impossible to read thought processes from brain processes. I mean it this way: When I speak or write, a system of impulses corresponding to my spoken or written thought emanates from my brain, I assume. But why should this system continue further in a central direction? Why should this order not, so to speak, arise from chaos? The case would be similar to that of certain plant species propagating through seeds, such that a seed always produces the same plant species from which it originated, yet nothing in the seed corresponds to the plant that grows from it; so that it is impossible to infer the properties or structure of the resulting plant from those of the seed, and one can only do so from its history. Thus, an organism could emerge, as it were causelessly, from something entirely amorphous; and there is no reason why this should not actually hold true for our thinking—that is, for our speaking or writing etc.
609. Es ist also wohl möglich, daß gewisse psychologische Phänomene physiologisch nicht untersucht werden können, weil ihnen physiologisch nichts entspricht.
609. It is therefore quite possible that certain psychological phenomena cannot be physiologically investigated because nothing physiological corresponds to them.
610. Ich habe diesen Mann vor Jahren gesehen; nun sehe ich ihn wieder, erkenne ihn, erinnere mich seines Namens. Und warum muß es nun für dies Erinnern eine Ursache in meinem Nervensystem geben? Warum muß irgend etwas, was immer, in irgendeiner Form dort aufgespeichert worden sein? Warum muß er eine Spur hinterlassen haben? Warum soll es keine psychologi- sche Gesetzmäßigkeit geben, der keine physiologische ent spricht? Wenn das unsere Begriffe von der Kausalität umstößt, dann ist es Zeit, dafß sie umgestoßen werden.
610. I saw this man years ago; now I see him again, recognize him, remember his name. And why must there now be a cause for this memory in my nervous system? Why must something—anything—have been stored there in some form? Why must he have left a trace? Why should there not be a psychological regularity to which no physiological one corresponds? If this overturns our concepts of causality, then it is time they were overturned.
611. Das Vorurteil zugunsten des psycho-physischen Paralle- lismus ist eine Frucht primitiver Auffassungen unserer Begriffe. Denn wenn man Kausalität zwischen psychologischen Erschei- nungen zuläßt, die nicht physiologisch vermittelt ist, so meint man damit ein Zugestehen, es existiere eine Seele neben dem Körper, ein geisterhaftes Seelenwesen.
611. The prejudice in favor of psycho-physical parallelism is a fruit of primitive conceptions of our concepts. For if one allows causality between psychological phenomena that is not physiologically mediated, one thereby concedes, it is thought, the existence of a soul alongside the body—a ghostly spiritual soul entity.
612. Denk dir diese Erscheinung: Wenn ich will, daß jemand sich einen Text merkt, den ich ihm vorspreche, so daß er ihn mir später wiederholen kann, muß ich ihm ein Papier und einen Bleistift geben; und während ich spreche, schreibt er Striche, Zeichen auf das Papier; soll er später den Text reproduzieren, so folgt er jenen Strichen mit den Augen und sagt den Text her. Ichnehme aber an, seine Aufzeichnung sei keine Schrift, sie hänge nicht durch Regeln mit den Worten des Textes zusammen; und doch kann er ohne diese Aufzeichnung den Text nicht reprodu- zieren; und wird an ihr etwas geändert, wird sie zum Teil zer- stört, so bleibt er beim ›Lesen‹ stecken, oder spricht den Text unsicher, oder unzuverlässig, oder kann die Worte überhaupt nicht finden. Das liefße sich doch denken! Was ich die Auf- zeichnung nannte, wäre dann keine Wiedergabe des Textes, nicht eine Übersetzung sozusagen in einen anderen Symbolis mus. Der Text wäre nicht in der Aufzeichnung niedergelegt. Und warum sollte er in unserm Nervensystem niedergelegt sein?
612. Imagine this phenomenon: If I want someone to memorize a text I recite to them so that they can repeat it to me later, I must give them paper and a pencil; and as I speak, they make strokes and marks on the paper. To reproduce the text later, they follow these marks with their eyes and recite it. But suppose their notation is not a script; it is not connected by rules to the words of the text. Yet without this notation, they cannot reproduce the text; and if something is altered in it, if part is destroyed, they falter in "reading," recite the text uncertainly or unreliably, or cannot find the words at all. This could indeed be conceived! What I called the notation would then not be a reproduction of the text, not a translation, as it were, into another symbolism. The text would not be deposited in the notation. And why should it be deposited in our nervous system?
613. Warum soll nicht ein Naturgesetz einen Anfangs- und einen Endzustand eines Systems verbinden, den Zustand zwi- schen beiden aber übergehen? (Nur denke man nicht an Wir kung!)
613. Why should a natural law not connect an initial and a final state of a system while bypassing the intermediate state? (Only do not think of causality!)
614. Wie kommt es, daß ich den Baum aufrecht sehe, auch wenn ich meinen Kopf zur Seite neige, und also das Netzhautbild das eines schiefstehenden Baums ist? Wie kommt es also, daß ich den Baum auch unter diesen Umständen als einen aufrechten anspreche? Nun, ich bin mir der Neigung meines Kopies bewußt, und bringe also die nötige Korrektur an der Auffassung meiner Gesichtseindrücke an. Aber heißt das nicht, Primäres mit Sekundärem verwechseln? Denk dir, wir wüßten gar nichts von der innern Beschaffenheit des Auges, würde dies Problem überhaupt auftauchen? Wir bringen ja hier in Wahrheit keine Korrekturen an, dies ist ja bloß eine Erklärung.
614. How does it happen that I see the tree upright even when I tilt my head sideways, so that the retinal image is that of a slanting tree? How, then, do I still describe the tree as upright under these circumstances? Well, I am aware of the tilt of my head and thus apply the necessary correction to the interpretation of my visual impressions. But does this not mean confusing the primary with the secondary? Imagine we knew nothing about the internal structure of the eye—would this problem even arise? In truth, we are not applying corrections here; this is merely an explanation.
Wohl-aber da nun die Struktur des Auges einmal bekannt ist, -wie kommt es, daß wir so handeln, so reagieren? Aber muß es hier eine physiologische Erklärung geben? Wie, wenn wir sie auf sich beruhen ließen? - Aber so würdest du doch nicht sprechen, wenn du das Verhalten einer Maschine prüftest!-Nun, wer sagt,daß in diesem Sinne das Lebewesen, der tierische Leib, eine Maschine ist? -
Yet—since the structure of the eye is now known—how does it come about that we act and react this way? But must there be a physiological explanation here? What if we left it at that?—But you would not speak this way if examining the behavior of a machine!—Well, who says that in this sense the living being, the animal body, is a machine?—
615. (Ich habe noch nie eine Bemerkung darüber gelesen, daß, wenn man ein Auge schließt und nur mit einem Auge sieht, man die Finsternis (Schwärze) nicht zugleich mit dem geschlos- scnen sieht.)
615. (I have never read a remark about the fact that when one closes an eye and sees with only one eye, one does not simultaneously perceive the darkness (blackness) with the closed eye.)
616. Die Grenzenlosigkeit des Gesichtsraumes ist am klar- sten, wenn wir nichts sehen, bei vollständiger Dunkelheit."
616. The boundlessness of visual space is clearest when we see nothing, in complete darkness.
617. Wie verhält es sich mit dem Blinden; kann ihm ein Teil der Sprache nicht erklärt werden? Oder vielmehr, nicht beschrie- ben werden?
617. What about the blind person? Can part of language not be explained to them? Or rather, not described?
618. Ein Blinder kann sagen, er sei blind und die Leute um ihn seien sehend. Ja, aber meint er nicht doch etwas anderes mit den Worten blind- und sehend- als der Sehende? Worauf beruhtes, daß man so etwas sagen will? Nun, wenn Einer nicht wüßte, wie ein Leopard ausschaut, so könnte er doch sagen und verstehen Dieser Ort ist sehr gefährlich, es gibt Leoparden dort. Man würde aber doch vielleicht sagen, er weiß nicht, was ein Leopard ist, also nicht oder nur unvollständig, was das Wort Leopard- bedeutet, bis man ihm einmal ein solches Tier zeigt. Nun kommt es uns mit den Blinden ähnlich vor. Sie wissen, sozusagen, nicht, wie sehen ist. Ist nun Furcht nicht kennen analog dem nie einen Leoparden gesehen haben? Das will ich natürlich ver- neinen.
618. A blind person can say they are blind and that people around them are sighted. But do they not mean something different by the words blind and sighted than the sighted person? What justifies this inclination to say such a thing? Well, if someone did not know what a leopard looks like, they could still say and understand This place is very dangerous; there are leopards here. Yet one might say they do not know what a leopard is, hence do not—or only incompletely—understand the meaning of the word leopard until shown such an animal. Now, the case with the blind seems similar. They do not know, as it were, what seeing is. Is not knowing fear analogous to never having seen a leopard? Of course, I would deny this.
¹ s. Philosophische Bemerkungen § 334. Hrsg
¹ cf. Philosophische Bemerkungen § 334. Ed.
619. Könnte ich denn nicht z. B. annehmen, dafi er etwas Rotes sieht, wenn ich ihn auf den Kopf schlage? Es könnte das ja bei Sehenden einer Erfahrung entsprechen.
619. Could I not, for example, assume that he sees something red when I strike his head? This might correspond to an experience in sighted individuals.
Das angenommen, so ist er doch für das praktische Leben blind. D.h., er reagiert nicht wie der normale Mensch. Wenn aber jemand mit den Augen blind wäre, dagegen sich so benähme, daß wir sagen müßten, er sieht mit den Handflächen (dieses Benehmen ist leicht auszumalen), so würden wir ihn als Sehenden behandeln, und auch die Erklärung des Wortes rot mit dem Täfelchen würden wir hier für möglich halten.
Assuming this, he would still be blind for practical life. That is, he does not react like a normal person. But if someone were blind in their eyes yet behaved in such a way that we would have to say he sees with his palms (this behavior is easy to imagine), we would treat him as sighted, and here too we would consider the explanation of the word "red" using a color chart possible.
620. Du gibst jemandem ein Signal, wenn du dir etwas vor- stellst; du benützt verschiedene Signale für verschiedene Vorstel- lungen. Wie vereinbart ihr, was jedes Signal bedeuten soll?
620. You give someone a signal when you imagine something; you use different signals for different mental images. How do you agree on what each signal should mean?
621. Gehörsvorstellung, Gesichtsvorstellung, wie unter- scheiden sie sich von den Empfindungen? Nicht durch Lebhaf- tigkeit.
621. Auditory image, visual image – how do they differ from sensations? Not by vividness.
Vorstellungen belehren uns nicht über die Aufßenwelt, weder richtig noch falsch. (Vorstellungen sind nicht Halluzinationen, auch nicht Einbildungen.)
Mental images do not inform us about the external world, neither correctly nor falsely. (Mental images are not hallucinations, nor illusions.)
Während ich einen Gegenstand sehe, kann ich ihn mir nicht vorstellen.
While seeing an object, I cannot imagine it.
Verschiedenheit der Sprachspiele: Schau die Figur an! und Stell dir die Figur vor!
Diversity of language-games: "Look at the figure!" and "Imagine the figure!"
Vorstellung dem Willen unterworfen.
Mental image subject to the will.
Vorstellung nicht Bild. Welchen Gegenstand ich mir vorstelle, ersehe ich nicht aus der Ähnlichkeit des Vorstellungsbildes mit ihm.
Mental image is not a picture. I do not discern which object I imagine from the resemblance of the mental image to it.
Auf die Frage Was stellst du dir vor kann man mit einem Bild antworten.
To the question "What are you imagining?" one can respond with a picture.
622. Man möchte sagen: Der vorgestellte Klang sei in einem andern Raum als der gehörte. (Frage: Warum?) Das Gesehene in einem andern Raum, als das Vorgestellte.
622. One might say: The imagined sound exists in a different space from the heard one. (Question: Why?) The seen in a different space from the imagined.
Hören ist mit Hinhorchen verbunden; einen Klang sich vor- stellen, nicht.
Hearing is connected with listening attentively; imagining a sound is not.
Darum ist der gehörte Klang in einem andern Raum als der vorgestellte.
Therefore, the heard sound exists in a different space from the imagined one.
623. Ich lese eine Geschichte und stelle mir während des Lesens, also während des aufmerksamen Schauens, alles mögli che vor.
623. I read a story and imagine all sorts of things while reading, i.e., while attentively looking.
624. Es könnte Leute geben, die nie den Ausdruck gebrau- chen »etwas vor dem inneren Auge sehen«, oder einen ähnlichen; und diese könnten doch im Stande sein, »aus der Vorstellung, oder nach der Erinnerung zu zeichnen, zu modellieren, Andere nachzuahmen, etc. Ein solcher möge auch, ehe er etwas aus der Erinnerung zeichnet, die Augen schließen, oder wie blind vor sich hinstarren. Und doch könnte er leugnen, daß er dann vor sich sieht, was er später zeichnet. Aber wieviel müßte ich auf diese Äußerung geben? Ist nach ahr zu beurteilen, ob er eine Gesichtsvorstellung hat? (Nicht nur danach. Denk an den Aus- druck: »Jetzt seh ich's vor mir jetzt nicht mehr.« Es gibt da eine echte Dauer.)
624. There could be people who never use the expression "seeing something before the mind's eye," or a similar one; yet they might still be capable of drawing, modeling, imitating others "from memory," etc. Such a person might also close their eyes or stare blankly before drawing something from memory. Yet he might deny that he then "sees before him" what he later draws. But how much weight should I give to this utterance? Is the presence of a visual image judged by his sincerity? (Not solely. Consider the expression: "Now I see it before me – now no longer." There exists a genuine duration here.)
625. Ich hätte früher auch sagen können: Der Zusammenhang zwischen Vorstellen und Sehen ist eng; eine Ähnlichkeit aber gibt es nicht.
625. I might have said earlier: The connection between imagining and seeing is close; yet there is no similarity.
Die Sprachspiele, die diese Begriffe verwenden, sind grund- verschieden, - hängen aber zusammen.
The language-games employing these concepts are fundamentally different – yet interrelated.
616. Unterschied zwischen »trachten, etwas zu sehen« und »trachten, sich etwas vorzustellen«. Im ersten Fall sagt man etwa »Schau genau hin!«, im zweiten »Schließ die Augen!«
626. Difference between "striving to see something" and "striving to imagine something." In the first case, one might say "Look carefully!"; in the second, "Close your eyes!"
627. Weil das Vorstellen eine Willenshandlung ist, unterrich- tet es uns eben nicht über die Außenwelt.
627. Because imagining is an act of will, it precisely does not inform us about the external world.
628. Das Vorgestellte nicht im gleichen Raum wie das Gese- hene. Sehen ist mit Schauen verbunden.
628. The imagined is not in the same space as the seen. Seeing is connected with looking.
629. »Sehen und Vorstellen sind verschiedene Phänomene.«— Die Wörter »sehen« und »vorstellen« haben verschiedene Bedeutungen! Ihre Bedeutungen beziehen sich auf eine Menge wichtiger Arten und Weisen menschlichen Verhaltens, auf Phä- nomene des menschlichen Lebens.
629. "Seeing and imagining are different phenomena." – The words "see" and "imagine" have different meanings! Their meanings refer to a multitude of important modes and patterns of human behavior, to phenomena of human life.
630. Sag dir wieder, wenn Einer darauf besteht, was er »Gesichtsvorstellung« nennt, sei ähnlich dem Gesichtseindruck: daß er sich vielleicht irrt! Oder: Wie, wenn er sich darin irrte? Das heißt: Was weißt du von der Ähnlichkeit seines Gesichtsein- drucks und seiner Gesichtsvorstellung?! (Ich rede vom Andern, weil, was von ihm gilt, auch von mir gilt.)
630. Ask yourself again: If someone insists that what he calls a "visual image" resembles a visual impression – perhaps he is mistaken! Or: What if he were mistaken in this? That is: What do you know about the similarity between his visual impression and his visual image?! (I speak of the other because what applies to him also applies to me.)
Was weißt du also von dieser Ähnlichkeit? Sie äußert sich nur in den Ausdrücken, die er zu gebrauchen geneigt ist; nicht in dem, was er mit diesen Ausdrücken sagt.
What do you know of this similarity? It manifests only in the expressions he is inclined to use; not in what he says with these expressions.
631. »Es ist gar kein Zweifel: die Gesichtsvorstellung und der Gesichtseindruck sind von derselben Art!« Das mußt du ausdeiner eigenen Erfahrung wissen; und dann ist es also etwas, was für dich stimmen mag und für Andere nicht. (Und das gilt natürlich auch für mich, wenn ich es sage.)
631. "There is no doubt: the visual image and the visual impression are of the same kind!" You must know this from your own experience; thus it may hold true for you but not for others. (And this naturally applies to me too when I say it.)
632. Wenn wir uns etwas vorstellen, beobachten wir nicht. Daß die Bilder kommen und vergehen, geschiebt uns nicht. Wir sind nicht überrascht von diesen Bildern und sagen -Sich da!.... (Gegensatz z. B. zu den Nachbildern.)
632. When we imagine something, we are not observing. That images come and go does not happen to us. We are not surprised by these images and exclaim "Look there!..." (Contrast with afterimages, for example.)
633. Wir verscheuchen nicht Gesichtseindrücke, aber Vor- stellungen. Und wir sagen von jenen auch nicht, wir könnten sie nicht verscheuchen.
633. We do not banish visual impressions, but we do mental images. And of the former we do not say that we cannot banish them.
634. Wenn Einer wirklich sagte -Ich weiß nicht, sehe ich jetzt cinen Baum, oder stelle ich mir einen vor, so würde ich zunächst glauben, er meine: oder bilde ich mir nur ein, es stehe dort einer. Meint er das nicht, so könnte ich ihn überhaupt nicht verstehen wollte mir aber jemand diesen Fall erklären und sagte -Er hat eben so außergewöhnlich lebhafte Vorstellungen, daß er sie für Sinnescindrücke halten kann verstünde ich's jetzt?
634. If someone truly said – "I don't know whether I am now seeing a tree or imagining one" – I would first think he means: "Or am I merely deluding myself that one stands there?" If he does not mean this, I could not understand him at all. But if someone explained this case by saying – "He simply has such extraordinarily vivid mental images that he can mistake them for sensory impressions" – would I now understand it?
635. Muß man aber hier unterscheiden: (a) mir das Gesicht eines Freundes, z. B., vorstellen, aber nicht in dem Raum, der mich umgibt-(b) mir an dieser Wand dort ein Bild vorstellen? Man könnte auf die Aufforderung Stell dir dort drüben einen runden Fleck vor sich einbilden, wirklich einen dort zu sehen.
635. Must we distinguish here: (a) imagining the face of a friend, say, but not in the space surrounding me; (b) imagining a picture on that wall over there? One could, upon the command "Imagine a round patch over there," delude oneself into actually seeing one there.
636. Das ›Vorstellungsbild‹ tritt nicht dort ins Sprachspiel ein, wo man es vermuten möchte.
636. The ›mental image‹ does not enter the language-game where one might expect it to.
637. Ich lerne den Begriff ›sehen‹ mit dem Beschreiben des- sen, was ich sehe. Ich lerne beobachten und das Beobachtete beschreiben. Ich lerne den Begriff ›vorstellen‹ in einer andern Verbindung. Die Beschreibungen des Gesehenen und des Vorge stellten sind allerdings von derselben Art, und eine Beschreibung könnte sowohl das Eine, wie auch das Andere sein; aber sonst sind die Begriffe durchaus verschieden. Der Begriff des Vorstel- lens ist eher wie der eines Tuns, als eines Empfangens. Das Vorstellen könnte man einen schöpferischen Akt nennen. (Und nennt es ja auch so.)
637. I learn the concept ›seeing‹ through describing what I see. I learn to observe and describe what is observed. I learn the concept ›imagining‹ in a different context. While descriptions of what is seen and what is imagined are indeed of the same kind—and a single description could apply to both—the concepts are otherwise entirely distinct. The concept of imagining is more akin to an act than to a reception. One might call imagining a creative act. (And indeed it is so called.)
638. ›Ja, aber die Vorstellung selbst, so wie der Gesichtsein- druck, ist doch das innere Bild, und du redest nur von den Verschiedenheiten der Erzeugung, Entstehung, Behandlung des Bildes‹. Die Vorstellung ist nicht ein Bild, noch ist der Gesichts- eindruck eines. Weder ›Vorstellung‹ noch ›Eindruck‹ ist ein Bild- begriff, obwohl in beiden Fällen ein Zusammenhang mit einem Bild statthat, und jedes Mal ein anderer.
638. ›Yes, but the act of imagining itself, like the visual impression, is still an inner image, and you are merely speaking of differences in the production, emergence, and handling of the image.‹ Imagination is not an image, nor is the visual impression one. Neither ›imagination‹ nor ›impression‹ is an image-concept, though both bear a relation to an image—each time a different one.
639. Was nennst du ›Erlebnisinhalt‹ des Sehens, was ›Erleb- nisinhalt‹ der Vorstellung?
639. What do you call the ›experiential content‹ of seeing, and what the ›experiential content‹ of imagining?
640. ›Aber könnte ich mir nicht einen Erlebnisinhalt denken von der Art der visuellen Vorstellung, aber dem Willen nicht unterworfen, in dieser Beziehung also wie der Gesichtsein- druck?‹641. (Daß man nämlich die Willenshandlung des Vorstellens nicht mit der Bewegung des Körpers vergleichen kann, ist klar; denn, ob die Bewegung stattgefunden hat, das zu beurteilen sind auch Andere befähigt; während es bei der Bewegung meiner Vorstellungen immer nur darauf ankäme, was ich zu sehen behaupte, was immer irgendein Anderer sieht. Es würden also die sich bewegenden wirklichen Gegenstände aus der Betrach- tung herausfallen, da es auf sie gar nicht ankäme.)
640. ›But could I not conceive of an experiential content akin to visual imagination yet not subject to the will—thus resembling a visual impression in this respect?‹
642. Sagte man also: Vorstellungen sind innere Bilder, ähn- lich, oder ganz so, wie meine Gesichtseindrücke, nur meinem Willen untertan so hätte das vorerst noch keinen Sinn.
641. (It is clear that the voluntary act of imagining cannot be compared to bodily movement: others are also capable of judging whether a movement has occurred, whereas with the movement of my imaginings, it would always depend solely on what I claim to see, regardless of what any other person sees. Thus, actual moving objects would drop out of consideration, as they would not matter at all.)
Denn wenn Einer zu berichten gelernt hat, was er dort sieht, oder was ihm dort zu sein scheint, so ist es doch nicht klar, was der Befehl bedeute, er solle jetzt das dort sehen, oder es solle ihm jetzt das dort zu sein scheinen.
642. If one were to say: ›Imaginations are inner images, similar to—or exactly like—my visual impressions, except subject to my will,‹ this would initially have no meaning.
643. Durch den bloßen Willen bewegen, was heißt es?
643. For if someone has learned to report what they see there or what appears to them to be there, it remains unclear what the command would mean for them to ›now see that there‹ or for ›that to now appear to them there.‹
Erwa, daß die Vorstellungsbilder meinem Willen immer genau folgen, während meine zeichnende Hand, mein Bleistift, das nicht tut? Immerhin wäre es ja dann doch möglich zu sagen: Für gewöhnlich stelle ich mir ganz genau vor, was ich will; heute ist es anders ausgefallen. Gibt es denn ein Mißlingen der Vorstel- lung.?
644. What does ›moving by sheer will‹ mean?
644. Ein Sprachspiel umfaßt ja den Gebrauch mehrerer Wörter
645. Perhaps that mental images always follow my will precisely, whereas my drawing hand or pencil does not? Yet even then, one could say: ›Normally, I imagine exactly what I want; today it turned out differently.‹ Is there such a thing as failed imagining?
645. Nichts könnte falscher sein, als zu sagen, Sehen und Vorstellen seien verschiedene Tätigkeiten. Das ist, als sagte man,im Schach ziehen und verlieren seien verschiedene Tätig keiten.
646. Nothing could be more mistaken than to say that seeing and imagining are different activities. That is like saying moving a piece and losing are different activities in chess.
646. Wenn wir als Kinder die Worte »sehen«, »schauen«, »vorstellen« gebrauchen lernen, so spielen bei dieser Abrich- tung Willenshandlungen und Befehle eine Rolle. Aber für jedes der drei Wörter eine andere. Das Sprachspiel »Schau!« und »Stell dir … vor!« – wie soll ich sie nur vergleichen? – Wenn wir jemand abrichten wollen, daß er auf den Befehl »Schau …!« reagiert, und dazu, daß er den Befehl »Stell dir … vor!« versteht, so müssen wir ihn doch offenbar ganz Anderes lehren. Reaktionen, die zu diesem Sprachspiel gehören, gehö- ren zu jenem nicht. Ja, ein enger Zusammenhang der Sprach- spiele ist natürlich da, aber eine Ähnlichkeit? – Stücke des Einen sind Stücken des Andern ähnlich, aber die ähnlichen Stücke sind nicht homolog.
647. When we learn as children to use the words ›see,‹ ›look,‹ and ›imagine,‹ voluntary acts and commands play a role in this training—but a different role for each of the three words. The language-games ›Look!‹ and ›Imagine…!‹—how should I compare them? If we want to train someone to react to the command ›Look…!‹ and to understand the command ›Imagine…!,‹ we must evidently teach them entirely different things. The reactions belonging to one language-game do not belong to the other. Of course, a close connection between the language-games exists—but a similarity? Parts of one resemble parts of the other, yet the similar parts are not homologous.
647. Ich könnte mir etwas Ähnliches für wirkliche Spiele denken.
648. I could imagine something analogous for actual games.
648. Ein Sprachspiel analog einem Teil eines andern. Ein Raum in begrenzte Stücke eines Raums projiziert. Ein »löchri- ger« Raum. (Zu »Innen und Außen«.)
649. A language-game analogous to part of another. A room projected into limited pieces of a room. A ›porous‹ space. (On ›Inside and Outside.‹)
649. Denken wir uns eine Variante des Tennisspiels: es wird in die Regeln dieses Spiels die aufgenommen, der Spieler habe sich bei gewissen Spielhandlungen das und das vorzustellen! (Der Zweck dieser Regel sei, das Spiel zu erschweren.) Der erste Einwand ist: man könne in diesem Spiel zu leicht schwin- deln. Aber dem wird mit der Annahme begegnet, das Spielwerde nur von ehrlichen und zuverlässigen Menschen gespielt. Hier haben wir also ein Spiel mit innern Spielhandlungen. - Welcher Art ist nun die innere Spielhandlung, worin besteht sie? Darin, daß er der Spielregel gemäß sich... vorstellt. - Könnte man aber nicht auch sagen: Wir wissen nicht, welcher Art die innere Spielhandlung ist, die er der Regel gemäß ausführt; wir kennen nur ihre Außerungen? Die innere Spielhandlung sei ein X, dessen Natur wir nicht kennen. Oder: Es gebe auch hier nur äußere Spielhandlungen: die Mitteilung der Spielregel und das, was man die Außerung des innern Vorgangs- nennt.-Nun, kann man das Spiel nicht auf alle drei Arten beschreiben? Auch das mit dem unbekannten. X ist eine ganz mögliche Beschreibungsart. Der Fine sagt, die sogenannte innere Spielhandlung sei mit einer Spielhandlung im gewöhnlichen Sinne nicht vergleichbar - der Andre sagt, sie sei mit einer solchen vergleichbar-der Dritte: sie sei vergleichbar nur mit einer Handlung, die im Geheimen geschieht, und die niemand kennt, als der Handelnde.
649. Let us imagine a variant of tennis: the rules of this game incorporate the requirement that players must mentally visualize certain actions during gameplay! (The purpose of this rule would be to increase the game's difficulty.) The first objection is: cheating would be too easy in this game. But this is countered by assuming the game is played exclusively by honest and reliable people. Here we thus have a game involving internal game actions. — Now, what kind of internal game action is this, what does it consist in? In the player mentally visualizing... in accordance with the game rules. — But could one not also say: We do not know the nature of the internal game action he performs according to the rule; we are only acquainted with its external manifestations? The internal game action would be an X whose nature remains unknown. Or: Only external game actions exist here — the communication of the game rules and what is called the expression of the inner process. — Well, can the game not be described in all three ways? Even the description involving the unknown X is entirely possible. One person says the so-called internal game action is incomparable to a game action in the ordinary sense — another says it is comparable to one — a third: it is comparable only to an action performed secretly, known to none but the agent.
Wichtig ist für uns, daßiß wir die Gefahren des Ausdrucks -innere Spielhandlung sehen. Er ist gefährlich, weil er Verwir- rung anrichtet.
What is important for us is to see the dangers of the expression "internal game action." It is dangerous because it generates confusion.
650. Erinnerung: Ich sehe uns noch an jenem Tisch sitzen-.- Aber habe ich wirklich das gleiche Gesichtsbild- oder eines von denen, welche ich damals hatte? Sehe ich auch gewiß den Tisch und meinen Freund vom gleichen Gesichtspunkt wie damals, also mich selbst nicht?-Mein Erinnerungsbild ist nicht Evidenz jener vergangenen Situation; wie eine Photographie es wäre, die, damals aufgenommen, mir jetzt bezeugt, daß es damals so war. Das Erinnerungsbild und die Erinnerungsworte stehen auf glei- cher Stufe.
650. Memory: I still see us sitting at that table—. But do I truly have the same visual image — or one of those I had back then? Do I certainly see the table and my friend from the same vantage point as then, hence not seeing myself? — My memory image is not evidence of that past situation, as a photograph would be that, taken at the time, now testifies to me that it was so then. The memory image and the memory-words are on the same level.
651. Das Achselzucken, Kopfschütteln, Nicken, u.s.f., nen- nen wir Zeichen vor allem darum, weil sie in dem Gebrauch unserer Wortsprache eingebettet sind.
651. We call shrugging, shaking one's head, nodding, etc., signs primarily because they are embedded within the usage of our verbal language.
652. Wenn man es für selbstverständlich hält, daß der Mensch sich an seiner Phantasie vergnügt, so bedenke man, daß die Phantasie nicht einem gemalten Bild, einer Plastik, oder einem Film entspricht, sondern einem komplexen Gebilde aus hetero- genen Bestandteilen-Zeichen und Bildern.
652. If one takes it for granted that humans take pleasure in their imagination, one should consider that imagination does not correspond to a painted picture, a sculpture, or a film, but rather to a complex structure of heterogeneous components — signs and images.
653. Manche Menschen erinnern sich an ein musikalisches Thema in der Weise, daß das Notenbild vor ihnen auftaucht und sie es herunterlesen.
653. Some people remember a musical theme by having the sheet music appear before their mind's eye, which they then read down.
Es wäre denkbar, daß, was wir »Erinnern« bei einem Men- schen nennen, darin bestünde, daß er sich im Geiste ein Buch nachschlagen sähe, und daß, was er in diesem Buch liest, eben das Erinnerte wäre. (Wie reagiere ich auf eine Erinnerung?)
It is conceivable that what we call "remembering" in a person might consist in their mentally seeing themselves look something up in a book, with what they read in this book being precisely the remembered content. (How do I react to a memory?)
654. Kann man ein Erinnerungserlebnis beschreiben? Gewiß. Aber kann man das Erinnerungshafte an diesem Erleb nis beschreiben? Was heißt das? ((Das unbeschreibliche Aroma.))
654. Can one describe a memory experience? Certainly. But can one describe the "memory-like" quality of this experience? What does that mean? ((The indescribable aroma.))
655. Ein Bild (Vorstellungsbild, Erinnerungsbild) der Sehn- sucht. Man denkt, man habe schon alles damit getan, daß man von einem Bild redet; denn die Sehnsucht ist eben ein Bewußt- seinsinhalt, und dessen Bild ist etwas, was ihm (sehr) ähnlich ist, wenn auch undeutlicher als das Original.
655. An image (mental image, memory image) of longing. One thinks one has already done everything by speaking of an image; for longing is precisely a content of consciousness, and its image is something (very) similar to it, albeit less distinct than the original.
Und man könnte ja wohl von Einem, der die Sehnsucht auf dem Theater spielt, sagen, er erlebe, oder habe, ein Bild der Sehnsucht: nämlich nicht als Erklärung seines Handelns, son- dern zu dessen Beschreibung.
And one could indeed say of someone theatrically portraying longing that they experience, or possess, an image of longing: not as an explanation of their action, but as a description of it.
636. Sich eines Gedankens schämen. Schämt man sich dessen, daß man den und den Satz zu sich selbst in der Vorstellung gesprochen hat?
656. Being ashamed of a thought. Does one feel ashamed of having silently uttered such-and-such a proposition to oneself in one's imagination?
Die Sprache hat eben eine vielfache Wurzel; sie hat Wurzeln, nicht eine Wurzel. [Randbemerkung: ((Sich eines Gedankens, einer Absicht erinnern.)) Keim.]
Language has multiple roots, not a single root. [Marginal note: ((Remembering a thought, an intention.)) Germ.]
637. Es schmeckt genau wie Zucker. Wie kommt es, daß ich dessen so sicher sein kann? Und zwar auch, wenn es sich dann als falsch herausstellt. Und was erstaunt mich daran? Daß ich den Begriff Zucker in eine so feste Verbindung mit der Geschmacksempfindung bringe. Daß ich die Substanz Zucker direkt im Geschmack zu erkennen scheine.
657. It tastes exactly like sugar. How can I be so certain of this? Even when it later turns out to be false. And what astonishes me here? That I connect the concept of sugar so firmly with the gustatory sensation. That I seem to directly recognize the substance sugar through taste.
Aber statt des Ausdrucks Es schmeckt genau... könnte ich ja primitiver Zucker! ausrufen. Und kann man denn sagen, bei dem Wort schwebe mir die Substanz Zucker vor? Wie tut sie das?
But instead of the expression "It tastes exactly...", I could more primitively exclaim "Sugar!" And can one say that the substance sugar floats before my mind's eye? How does it do so?
658. Kann ich sagen, dieser Geschmack brächte gebieterisch den Namen Zucker mit sich; oder aber das Bild eines Stücks Zucker? Keines von beiden scheint richtig. Ja, gebieterisch ist das Verlangen nach dem Begriff Zucker allerdings und zwar ebenso, wie nach dem Begriff rot, wenn wir ihn zur Beschrei bung des Gesehenen verwenden.
658. Can I say this taste imperiously brings with it the name "sugar"; or rather the image of a lump of sugar? Neither seems correct. Yet the demand for the concept "sugar" is indeed imperious here — just as much as for the concept "red" when we use it to describe what is seen.
659. Ich erinnere mich, daß Zucker so geschmeckt hat. Es kommt mir das Erlebnis zurück ins Bewußtsein. Aber freilich: wie weißß ich, daß es das frühere Erlebnis ist? Das Gedächtnis hilft mir da nicht mehr. Nein, diese Worte-das Erlebnis komm zurück... sind nur eine Umschreibung, keine Beschreibung des Erinnerns.
659. I remember that sugar tasted like this. The experience returns to consciousness. But of course: how do I know this is the earlier experience? Memory no longer helps here. No, these words — "the experience returns..." — are merely a circumlocution, not a description of remembering.
Aber wenn ich sage Es schmeckt genau wie Zucker, sofindet, in einem wichtigen Sinne, gar kein Erinnern statt. Ich begründe also mein Urteil, oder meinen Ausruf, nicht. Wer mich fragt, Was meinst du mit Zucker?dem werde ich allerdings ein Stück Zucker zu zeigen trachten. Und wer fragt Wie weißt du, dafß Zucker so schmeckt, werde ich allerdings antworten ich habe tausende Male Zucker gegessen aber das ist nicht eine Rechtfertigung, die ich mir selbst gebe.
But when I say "It tastes exactly like sugar," no remembering occurs in any significant sense. I thus do not justify my judgment or exclamation. If someone asks me, "What do you mean by sugar?" I will indeed try to show them a piece of sugar. And to someone who asks, "How do you know that sugar tastes like this?" I will reply, "I have eaten sugar thousands of times"—but this is not a justification I provide myself.
660. Es schmeckt wie Zucker. Man erinnert sich genau und mit Sicherheit, wie Zucker schmeckt. Ich sage nicht Ich glaube, so schmeckt Zucker. Welch merkwürdiges Phänomen! Eben das Phänomen des Gedächtnisses. Aber ist es richtig, es ein merkwürdiges Phänomen zu nennen?
660. "It tastes like sugar." One remembers precisely and with certainty how sugar tastes. I do not say, "I believe this is how sugar tastes." What a remarkable phenomenon! Precisely the phenomenon of memory. But is it correct to call this a remarkable phenomenon?
Es ist ja nichts weniger als merkwürdig. Jene Sicherheit ist ja nicht (um ein Haar) merkwürdiger, als es die Unsicherheit wäre. Was ist denn merkwürdig? Das, daß ich mit Sicherheit sage -Das schmeckt wie Zucker? oder, daß es dann wirklich Zucker ist? Oder, daß Andere dasselbe finden?
It is anything but remarkable. That certainty is no more (or less) remarkable than uncertainty would be. What is remarkable? That I state with certainty, "This tastes like sugar"? Or that it is indeed sugar? Or that others find the same?
Wenn das sichere Erkennen des Zuckers merkwürdig ist, so wäre es also das Nichterkennen weniger.
If the reliable recognition of sugar is remarkable, then failing to recognize it would be less so.
661. Welcher seltsame und furchtbare Laut. Ich werde ihn nie vergessen. Und warum sollte man das nicht vom Erinnern sagen können (Welche seltsame... Erfahrung....), wenn man zum ersten Mal in die Vergangenheit gesehen hat? -
661. "What a strange and terrible sound. I will never forget it." And why could one not say this of remembering ("What a strange... experience...") when one has seen into the past for the first time? —
662. Erinnern: ein Sehen in die Vergangenheit. Träumen könnte man so nennen, wenn es uns Vergangenes vorführt. Nicht aber Erinnern; denn auch wenn es uns Szenen mit halluzi- natorischer Klarheit zeigte, so lehrt es uns doch erst, daß dies das Vergangene sei.663. Aber wenn uns nun das Gedächtnis die Vergangenheit zeigt, wie zeigt es uns, daß es die Vergangenheit ist?
662. Remembering: a seeing into the past. One might call dreaming such if it presents us with the past. But not remembering; for even if it shows scenes with hallucinatory clarity, it still teaches us only that this is the past.
Es zeigt uns eben nicht die Vergangenheit. So wenig, wie unsere Sinne die Gegenwart.
663. But if memory shows us the past, how does it show us that this is the past?
664. Man kann auch nicht sagen, sie teile uns die Vergangenheit mit. Denn selbst, wäre das Gedächtnis eine hörbare Stimme, die zu uns spräche, wie könnten wir sie verstehen? Sagt sie uns z. B. »Gestern war schönes Wetter«, wie kann ich lernen, was »gestern« bedeutet?
It does not show us the past. No more than our senses show us the present.
664. Nor can one say it communicates the past to us. For even if memory were an audible voice speaking to us, how could we understand it? If it said, for example, "Yesterday was beautiful weather," how could I learn what "yesterday" means?
665. Ich führe mir selbst nur so etwas vor, wie ich es auch den Andern vorführe.
665. I demonstrate to myself only what I also demonstrate to others.
666. Ich kann dem Andern mein gutes Gedächtnis vorführen, und auch mir selbst vorführen. Ich kann mich selbst ausfragen. (Vokabeln, Daten.)
666. I can demonstrate my good memory to others and also to myself. I can test myself. (Vocabulary, dates.)
667. Aber wie führe ich mir das Erinnern vor? Nun, ich frage mich »Wie verbrachte ich den heutigen Morgen?« und antworte mir darauf. Aber was habe ich mir nun eigentlich vorgeführt? War es das Erinnern? nämlich, wie das ist, sich an etwas erinnern? »Hätte ich denn damit einem Andern das Erinnern vorgeführt?
667. But how do I demonstrate remembering to myself? Well, I ask myself, "How did I spend this morning?" and answer accordingly. But what have I actually demonstrated? Was it remembering? That is, what it is like to remember something? "Could I thereby have demonstrated remembering to another person?"
668. Die Bedeutung eines Wortes vergessen sich wieder an sie erinnern. Was für Vorgänge gibt es da? An was erinnert man sich, was fällt einem da ein, wenn man sich wieder daran erinnert, was das englische Wort »perhaps« bedeutet.
668. Forgetting the meaning of a word—then remembering it again. What processes occur here? What does one recall, what comes to mind when one remembers again what the English word "perhaps" means?
669. Wenn man mich fragt: Weiß du das ABC? und ich antworte mit ja, so sage ich doch nicht, daß ich jetzt im Geist das ABC durchgehe, oder in einem besondern Gemüts- zustand bin, der irgendwie dem Hersagen des ABC äquivalent ist."
669. If asked, "Do you know the ABC?" and I answer "Yes," I do not thereby claim to mentally recite the ABC or to be in a special mental state equivalent to reciting it.*
670. Man kann doch einen Spiegel besitzen; besitzt man dann auch das Spiegelbild, das sich in ihm zeigt?
670. One can own a mirror; but does one thereby own the reflection it displays?
671. Etwas sagen ist eine Tätigkeit. Geneigt sein, etwas zu sagen, ein Zustand. Aber worin besteht der? Gib dir dar- über Rechenschaft, wie der Ausdruck verwendet wird!
671. To say something is an activity. Being inclined to say something is a state. But what constitutes this state? Account for how the expression is used!
671. Solange die Temperatur des Stabes nicht unter.... herabsinkt, kann man ihn schmieden. Es hat also Sinn zu sagen: ich kann ihn von 5 bis 6 Uhr schmieden. Oder: -Ich kann von bis 6 Schach spielen, d.h., ich habe von bis 6 Zeit. Solange mein Puls nicht unter... herabsinkt, kann ich die Rechnung ausführen. Diese Rechnung braucht 1% Minu ten; wie lange braucht es aber: sie ausführen können? Und wenn du sie eine Stunde lang rechnen kannst, fängst du da immer wieder von Frischem an?
672. "As long as the temperature of the bar does not fall below..., it can be forged." It thus makes sense to say: "I can forge it from 5 to 6 o'clock." Or: "I can play chess from 5 to 6"—i.e., I have time between those hours. "As long as my pulse does not drop below..., I can perform the calculation." This calculation takes 1½ minutes; but how long does it take to be able to perform it? And if you can calculate for an hour, do you start anew each time?
*Im Typoskript folgt: Wie lehrt man jemand, leise für sich selbst lesen? Wie weil man, wenn er's kann? Wie weiß er selbst, daß er tur, was man von ihm verlangt (Philosophische Untersuchungen § 375.) Hrig
*In the typescript follows: How does one teach someone to read silently to themselves? How do we know if they can? How do they themselves know they are doing what is asked? (Philosophical Investigations § 375.) Ed.
673. Die Aufmerksamkeit ist dynamisch, nicht statisch möchte man sagen. Ich vergleiche das Aufmerken zuerst mit einem Hinstarren: das ist es aber nicht, was ich Aufmerksam-keit nenne; und will nun sagen, ich finde, man könne nicht statisch aufmerken.
673. "Attention is dynamic, not static"—one might say. At first, I compare attending to staring: but this is not what I call attention; now I want to say I find one cannot attend statically.
674. Wenn ich in einem bestimmten Falle sage: die Aufmerk- samkeit besteht in der Bereitschaft, jeder kleinsten Bewegung, die sich zeigen mag, zu folgen, so siehst du schon, daß die Aufmerksamkeit nicht das starre Hinschauen ist, sondern ein Begriff anderer Art.
674. If in a particular case I say: attention consists in the readiness to follow every slightest movement that may appear, you already see that attention is not rigid staring but a concept of a different order.
675. Zustände: ›Einen Berg ersteigen können‹-kann man einen Zustand meines Körpers nennen. Ich sage: ›Ich kann hinaufstei- gen – ich meine: ich bin stark genug dazu‹. Vergleiche damit diesen Zustand des Könnens: ›Ja, ich kann dorthin gehen - ich meine: ich habe Zeit dazu.‹
675. States: "Being able to climb a mountain"—one might call this a state of my body. I say: "I can climb up—I mean: I am strong enough." Compare this with the state of ability: "Yes, I can go there—I mean: I have time."
676. Welche Rolle spielen falsche Sätze in einem Sprachspiel? Ich glaube, es gibt verschiedene Fälle.
676. What role do false statements play in a language-game? I think there are various cases.
(1) Einer hat die Signallaternen an einer Straßenkreuzung zu beobachten und einem Andern zu sagen, welche Farben sie zeigen. Er verspricht sich dabei und sagt die falsche Farbe.
(1) A person is to observe the signal lights at a street crossing and tell another what colors they show. They slip up and name the wrong color.
(2) Es werden meteorologische Beobachtungen angestellt und nach gewissen Regeln aus ihnen das Wetter für den nächsten Tag vorhergesagt. Die Vorhersage trifft ein, oder nicht.
(2) Meteorological observations are made, and from them, following certain rules, the next day's weather is predicted. The prediction comes true or not.
Im ersten Fail kann man sagen, er spielt falsch; im zweiten nicht – wie ich seinerzeit glaubte.
In the first case, one might say they played incorrectly; in the second, not—as I once believed.
Man wird hier (nämlich) von einer Frage geplagt, die etwa so lautet: Gehört die Verifikation noch (mit) zum Sprachspiel?
Here one is troubled by a question such as: Does verification still belong (as part) to the language-game?
677. Ich behaupte: ›Wenn dies eintrifft, so wird das eintref- fen. Habe ich darin recht, so zahlst du mir einen Schilling, habeich unrecht, so zahle ich dir einen, bleibt es unentschieden, zahlt keiner. Das könnte man so ausdrücken: Der Fall, in welchem die Prämisse nicht eintrifft, interessiert uns nicht, wir reden nicht von ihm. Oder auch: es ist uns hier nicht natürlich, die Wörter »ja« und »nein« so zu gebrauchen, wie in dem Falle (und diesen gibt es), in welchen uns die materielle Implikation interessiert. Mit »Nein« wollen wir hier sagen »p und nicht q«, mit »Ja« nur »p und q«. Es gibt keinen Satz vom ausgeschlossenen Dritten, der so lautet: Du gewinnst die Wette, oder verlierst sie – ein Drittes gibt es nicht.
677. I assert: ›If this occurs, then that will occur. If I am right, you pay me a shilling; if I am wrong, I pay you one; if undecided, neither pays. This could be expressed as follows: The case where the premise does not occur does not interest us; we do not speak of it. Alternatively: here it is not natural for us to use the words "yes" and "no" as in the case (and such cases exist) where material implication interests us. With "No" we here mean to say "p and not q"; with "Yes" only "p and q". There is no law of excluded middle stating: You either win the bet or lose it – there is no third option.
678. Einer wirft im Würfelspiel 5, dann 4 und sagt »Hätte ich bloß statt der 5 eine 4 geworfen, so hätte ich gewonnen!« Die Bedingtheit ist nicht physikalisch, sondern nur mathematisch, denn man könnte antworten: »Hättest du zuerst 4 geworfen, – wer weiß, was du danach geworfen hättest!«
678. Someone throws a 5 in dice, then a 4, and says, "If only I had thrown a 4 instead of the 5, I would have won!" The conditionality here is not physical but mathematical, for one could reply: "Had you first thrown a 4 – who knows what you would have thrown afterward!"
679. Sagst du nun »Die Verwendung des Konjunktivs beruht auf dem Glauben an ein Naturgesetz« – so kann man entgegnen: »Sie beruht nicht auf diesem Glauben; sie und dieser Glaube stehen auf gleicher Stufe.« (Ich hörte im Film einen Vater zu seiner Tochter sagen, er hätte eine Andre zur Frau nehmen sollen: »Sie hätte deine Mutter sein sollen! Warum ist das un- richtig?)
679. If you now say, "The use of the subjunctive is based on belief in a natural law" – one may counter: "It is not based on this belief; it and this belief stand on the same level." (In a film, I heard a father say to his daughter that he should have married another woman: "She should have been your mother! Why is this incorrect?)
680. Das Schicksal steht im Gegensatz zum Naturgesetz. Das Naturgesetz will man ergründen, und verwenden, das Schicksal nicht.
680. Fate stands in contrast to natural law. Natural laws are meant to be discovered and utilized; fate is not.
681. »Wenn p eintrifft, so trifft q ein« könnte man eine bedingte Vorhersage nennen. D. h.: für den Fall nicht-p mache ich keine Vorhersage. Aber darum wird, was ich sage, durch »nicht-p und nicht-q« auch nicht wahrgemacht.
681. "If p occurs, then q occurs" could be called a conditional prediction. That is: for the case of non-p, I make no prediction. But for this reason, what I say is not verified by "non-p and non-q" either.
Oder auch so: es gibt bedingte Vorhersagen, und »p impliziert q« ist keine solche. ((Zu Bd. Q", S. 14.))
Or put another way: there are conditional predictions, and "p implies q" is not one of them. ((Cf. Vol. Q", p. 14.))
682. Den Satz »Wenn p eintrifft, so trifft q ein«, will ich »S« nennen. »S oder nicht-S« ist eine Tautologie: aber ist es (auch) der Satz vom ausgeschlossenen Dritten? Oder auch so: Wenn ich sagen will, daß die Vorhersage »S« richtig, falsch, oder unent- schieden sein kann, wird das durch den Satz ausgedrückt »nicht (S oder nicht-S)?
682. Let me call the proposition "If p occurs, then q occurs" by the name "S". "S or not-S" is a tautology: but is it (also) the law of excluded middle? Alternatively: if I wish to say that the prediction "S" can be correct, incorrect, or undecided, is this expressed by the proposition "not (S or not-S)"?
683. Ist die Verneinung eines Satzes identisch mit der Dis- junktion der nicht ausgeschlossenen Fälle? Sie ist es in manchen Fällen. (Z. B. in diesem: »Die Permutation der Elemente A, B, C, die er anschrieb, war nicht ACB.«)
683. Is the negation of a proposition identical to the disjunction of the non-excluded cases? It is so in some instances. (E.g., in this case: "The permutation of elements A, B, C that he wrote down was not ACB.")
684. Der wichtige Sinn des Fregeschen Behauptungszeichens wird vielleicht am besten dadurch gefaßt, daß wir sagen: es bezeichnet deutlich den Anfang des Satzes. Das ist wichtig: denn unsere philosophischen Schwierigkeiten, das Wesen der »Negation« und des »Denkens« betreffend, hängen damit zusam- men, daß ein Satz »p« enthält, aber nicht »p«. (Denn wenn ich jemand sagen höre: »es regnet«, so weiß ich nicht, was er gesagt hat, wenn ich nicht weiß, ob ich den Anfang des Satzes gehört habe.)**
684. The significant sense of Frege’s assertion sign is perhaps best captured by saying: it clearly marks the beginning of the proposition. This is crucial because our philosophical difficulties concerning the nature of "negation" and "thinking" are connected to the fact that a proposition "p" contains "p", but not "¬p". (For if I hear someone say, "It is raining," I do not know what they have said unless I know whether I heard the beginning of the proposition.)**
* D.h. Ms. 116. Hrsg.
* I.e., Ms. 116. Ed.
** S. Philosophische Untersuchungen § 12. Hrsg.
** Cf. Philosophical Investigations § 12. Ed.
685. Ein Widerspruch verhindert mich, im Sprachspiel zur Tat zu kommen.
685. A contradiction prevents me from proceeding to action within the language-game.
686. Nehmen wir aber an, das Sprachspiel bestünde eben darin, mich fortwährend von einem Entschlufiß in den entgegen gesetzten zu werfen!
686. But suppose the language-game consisted precisely in continually throwing me from one resolve into its opposite!
687. Der Widerspruch ist nicht als Katastrophe aufzufassen, sondern als eine Mauer, die uns anzeigt, daß wir hier nicht weiter können.
687. The contradiction is not to be regarded as a catastrophe but as a wall indicating that we cannot proceed further here.
688. Ich möchte nicht so sehr fragen Was müssen wir tun, um einen Widerspruch zu vermeiden?, als Was sollen wir tun, wenn wir zu einem Widerspruch gelangt sind?-
688. I would rather not ask, What must we do to avoid a contradiction? but, What should we do when we arrive at a contradiction?–
689. Warum ist ein Widerspruch mehr zu fürchten, als eine Tautologie?
689. Why is a contradiction more to be feared than a tautology?
690. Unser Motto könnte sein: Lassen wir uns nicht be- hexen!-
690. Our motto might be: Let us not be bewitched!–
* S. Phalmophische Untersuchungen § 16. Hing.
* Cf. Phalmophische Investigations § 16. Ed.
691. Der Kretische Lügner. Statt zu sagen ich lüge», könnte er auch hinschreiben dieser Satz ist falsch. Die Ant- wort darauf wäre: Wohl, aber welchen Satz meinst du? - Nun, diesen Satz. Ich verstehe, aber von welchem Satz ist in ibm die Rede? Von diesem Gut, und auf welchen Satzspiel dieser an? u.s.w. Er könnte uns so nicht erklären, was er meint, ehe er zu einem kompletten Satz übergeht. Man kann auch sagen: Der fundamentale Fehler liegt darin, daß man denkt, ein Wort, z. B. »dieser Satz«, könne auf seinen Gegenstand gleichsam anspielen (aus der Entfernung hindeuten), ohne ihn vertreten zu müssen.
691. The Cretan Liar. Instead of saying "I lie," he could also write down "this sentence is false." The response would be: "Very well, but which sentence do you mean?" – "Well, this one." – "I understand, but about which sentence does it speak? – "This one here." – "Good, but to which sentence does it refer?" and so on. He could not explain to us what he means until he transitions to a complete sentence. One might also say: The fundamental error lies in thinking that a word, e.g., "this sentence," could allude to its object (as if pointing from a distance) without having to represent it.
692. Stellen wir uns die Frage: Welchem praktischen Zweck kann Russell's Theorie der Typen dienen? - R. macht uns drauf aufmerksam, daß wir manchmal den Ausdruck der Allgemein- heit einschränken müssen, um zu vermeiden, daß unerwünschte Konsequenzen aus ihm gezogen werden.
692. Let us consider the question: What practical purpose can Russell's theory of types serve? – Russell draws our attention to the fact that we must sometimes restrict the expression of generality to avoid drawing undesirable consequences from it.
693. Das Raisonnement, das zu einem endlosen Regreß führt, ist nicht darum aufzugeben, »weil wir so nie das Ziel erreichen können«, sondern, weil es hier ein Ziel nicht gibt; so daß es gar keinen Sinn hat, zu sagen »wir können es nicht erreichen«.
693. The reasoning leading to an infinite regress is not to be abandoned "because we can never reach the goal this way," but because there is no goal here; thus, it makes no sense to say "we cannot reach it."
Wir meinen leicht, wir müßten den Regreß ein paar Stufen weit durchlaufen und ihn dann sozusagen in Verzweiflung aufge- ben. Während seine Ziellosigkeit (das Fehlen des Zieles im Kal- kül) aus der Anfangsposition zu entnehmen ist.
We easily imagine that we must run through the regress a few steps and then abandon it in despair. Whereas its goallessness (the absence of a goal in the calculus) is discernible from the initial position.
694. Eine Variante des Cantor'schen Diagonalbeweises: N = F(k, n) sei die Form der Gesetze für die Entwicklung von Dezimalbrüchen. N ist die n-te Dezimalstelle der k-ten Entwick- lung. Das Gesetz der Diagonale ist dann: N = F(n, n) = Def. F'(n).
694. A variant of Cantor's diagonal proof: Let N = F(k, n) be the form of the laws for the expansion of decimal fractions. N is the n-th decimal place of the k-th expansion. The law of the diagonal is then: N = F(n, n) = Def. F'(n).
Zu beweisen ist, daß F'(n) nicht eine der Regeln F(k, n) sein kann. Angenommen, es sei die 100ste. Dann lautet die Regel zur Bildung von F'(1) F(1,1)
To prove that F'(n) cannot be one of the rules F(k, n). Suppose it were the 100th. Then the rule for forming F'(1) would be F(1,1),
von F'(1) F(2,2) etc.
for F'(2) F(2,2), etc.
aber die Regel zur Bildung der 100sten Stelle von F'(n) wirdF(100, 100); d.h., sie sagt uns nur, daß die sooste Stelle sich selber gleich sein soll, ist also für n = 100 keine Regel.
but the rule for forming the 100th place of F'(n) becomes F(100,100); i.e., it tells us only that the 100th place is to equal itself, thus is no rule for n = 100.
Die Spielregel lautet »Tu das Gleiche, wie...!« – und im besondern Fall wird sie nun »Tu das Gleiche, wie das, was du tust!«
The rule of the game reads: "Do the same as...!" – and in the particular case, it now becomes: "Do the same as what you are doing!"
695. Das Verstehen der mathematischen Frage. Wie wissen wir, ob wir eine mathematische Frage verstehen?
695. Understanding the mathematical question. How do we know whether we understand a mathematical question?
Eine Frage – kann man sagen – ist ein Auftrag. Und einen Auftrag verstehen, heißt: wissen, was man zu tun hat. Ein Auftrag kann natürlich ganz vag sein – z. B., wenn ich sage: »Bring ihm etwas, was ihm gut tut!« Aber dies kann heißen: denk an ihn, seinen Zustand, etc. in freundlicher Weise und dann bring ihm etwas, was deiner Gesinnung gegen ihn ent- spricht.
A question – one might say – is a commission. To understand a commission means: to know what one must do. A commission can, of course, be entirely vague – e.g., if I say: "Bring him something that does him good!" But this might mean: think of him, his condition, etc., in a friendly way and then bring him something corresponding to your disposition toward him.
696. Die mathematische Frage ist eine Herausforderung. Und man könnte sagen: sie hat Sinn, wenn sie uns zu einer mathematischen Tätigkeit anspornt.
696. The mathematical question is a challenge. And one could say: it has sense if it spurs us to mathematical activity.
697. Man könnte dann auch sagen, eine Frage in der Mathe- matik habe Sinn, wenn sie die mathematische Phantasie an- regt.
697. One might also say that a question in mathematics has sense if it stimulates mathematical imagination.
698. Übersetzen von einer Sprache in die andere ist eine mathematische Aufgabe, und das Übersetzen eines lyrischen Gedichts z. B. in eine fremde Sprache ist ganz analog einem mathematischen Problem. Denn man kann wohl das Problem stellen »Wie ist dieser Witz (z. B.) durch einen Witz in der andern Sprache zu übersetzen?«, d.h. zu ersetzen; und dasProblem kann auch gelöst sein; aber eine Methode, ein System, zu seiner Lösung gab es nicht.
698. Translating from one language into another is a mathematical task, and translating a lyrical poem, for example, into a foreign language is entirely analogous to a mathematical problem. For one can certainly pose the problem: "How is this joke (e.g.) to be translated by a joke in the other language?" – i.e., replaced; and the problem might even be solved – yet there was no method, no system, for its solution.
699. Denk dir Menschen, die mit äußerst komplizierten Zahlzeichen rechnen. Diese stellen sich aber dar als Figuren, welche entstehen, wenn man unsere Zahlzeichen aufeinander schreibt. Sie schreiben z. B. bis zur fünften Stelle
699. Imagine people who calculate with extremely complex number signs. These present themselves as figures formed by writing our numerals on top of one another. They write, for instance, up to the fifth place:
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Wer ihnen zusähe, fände es schwer, zu erraten, was sie tun. Und sie könnten es vielleicht selbst nicht erklären. Es kann ja dieses Zahlzeichen, in etwas anderer Schrift geschrieben, seine Erscheinung (für uns) zur Unkenntlichkeit ändern. Und was die Leute täten, erschiene uns rein intuitiv.
Someone observing them would find it hard to guess what they are doing. And they themselves might not be able to explain it. After all, this numeral, written in a slightly different script, could alter its appearance (for us) beyond recognition. And what these people do might appear purely intuitive to us.
700. Warum zählen wir? Hat es sich als praktisch erwiesen? Haben wir unsere Begriffe, z. B. die psychologischen, weil es sich als vorteilhaft erwiesen hat? Und doch haben wir gewisse Begriffe eben deswegen, haben sie deswegen eingeführt.
700. Why do we count? Has it proven practical? Do we have our concepts, e.g., the psychological ones, because it has proven advantageous? Yet we have certain concepts precisely for this reason; we introduced them for this reason.
701. Ubrigens tritt der Unterschied zwischen dem, was man Satze der Mathematik nennt und Erfahrungssätzen zu Tage, wenn man bedenkt, ob es Sinn hat zu sagen: ich wünschte, 2 x 2 wäre !
701. Moreover, the difference between what are called propositions of mathematics and empirical propositions becomes evident when we consider whether it makes sense to say: "I wish 2 x 2 were 5!"
702. Wenn man bedenkt, daß die Gleichung 2+2=4 ein Beweis des Satzes ist es gibt gerade Zahlen, so sieht man, wie lose hier das Wort Beweis gebraucht ist. Aus der Gleichung 2+2=4 soll der Satz es gibt gerade Zahlen hervorgehen?! -Und was ist der Beweis der Existenz von Primzahlen? Die Methode der Zerlegung in Primfaktoren. Aber in dieser Methode wird ja überhaupt nicht geredet, auch nicht von Primzahlen..
702. If one considers that the equation 2+2=4 is a proof of the proposition "there are even numbers," one sees how loosely the word "proof" is used here. Should the proposition "there are even numbers" emerge from the equation 2+2=4?! — And what is the proof of the existence of prime numbers? The method of decomposition into prime factors. But in this method, there is no mention at all of prime numbers.
703. »Die Kinder müßten, um das Rechnen der Volksschule zu verstehen, bedeutende Philosophen sein; in Ermanglung dessen brauchen sie die Übung.«
703. "To understand elementary school arithmetic, children would have to be significant philosophers; lacking that, they need practice."
704. Russell und Frege fassen den Begriff gleichsam als Eigenschaft eines Dings auf. Aber es ist sehr unnatürlich, die Worte »Mensch«, »Baum«, »Abhandlung«, »Kreis«, als Eigenschaften eines Substrats aufzufassen.**
704. Russell and Frege conceive of the concept, as it were, as a property of a thing. But it is highly unnatural to treat words like "human," "tree," "treatise," "circle" as properties of a substrate.**
705. Die Dirichlet’sche Auffassung der Funktion ist nur dort möglich, so sie nicht ein unendliches Gesetz durch eine Liste ausdrücken will, denn eine unendliche Liste gibt es nicht.
705. Dirichlet’s conception of the function is only possible where it does not attempt to express an infinite law through a list, for an infinite list does not exist.
706. Die Zahlen sind der Mathematik nicht fundamental.
706. Numbers are not fundamental to mathematics.
* Im Typoskript folgt: »Wenn wir eine Erklärung, etwa des logischen Folgens, lesen, so halten wir uns an das, was er schreibt. Wir halten uns an die Worte; an die Zeichen (lan (für mich!) den Kalkül).« Hrsg.
* In the typescript, the following follows: "When we read an explanation, say of logical consequence, we focus on what he writes. We focus on the words; on the signs (lang (for me!) the calculus)." Ed.
** 5. Philosophische Bemerkungen §96. Hrsg.
** 5. Philosophische Bemerkungen §96. Ed.
707. Der Begriff des ›Ordnens‹ der Rationalzahlen z. B. und der ›Unmöglichkeit‹, die Irrationalzahlen so zu ordnen. Vergleiche das mit dem, was man ›Ordnen‹ von Ziffern nennt. Gleicher-maßen der Unterschied zwischen dem ›Zuordnen‹ einer Ziffer (oder Nuß) zu einer andern und dem ›Zuordnen‹ aller ganzen Zahlen zu den geraden Zahlen; etc. Überall Begriffsverschie- bungen.
707. The concept of "ordering" rational numbers, for example, and the "impossibility" of ordering irrational numbers in the same way. Compare this with what is called "ordering" digits. Similarly, the difference between "assigning" one digit (or nut) to another and "assigning" all whole numbers to even numbers; etc. Everywhere, conceptual shifts occur.
708. Es gibt offenbar eine Methode, ein gerades Lineal anzu- fertigen. Diese Methode schließt ein Ideal ein, ich meine, ein Naherungsverfahren mit unbegrenzter Möglichkeit, denn eben dieses Verfahren ist das Ideal.
708. There is evidently a method for constructing a straight ruler. This method incorporates an ideal, I mean, an approximation procedure with unlimited possibility, for precisely this procedure is the ideal.
Oder vielmehr: Nur, wenn es ein Näherungsverfahren mit unbegrenzter Möglichkeit ist, kann (nicht muß) die Geometrie dieses Verfahrens die euklidische sein."
Or rather: Only if it is an approximation procedure with unlimited possibility can (though not must) the geometry of this procedure be Euclidean.*
709. Die Rechnung als Ornament zu betrachten, das ist auch Formalismus, aber einer guten Art.
709. To regard a calculation as an ornament is also formalism, but of a good kind.
710. Man kann die Rechnung als Ornament betrachten. Eine Figur in der Ebene kann an eine andere passen oder nicht, mit anderen in verschiedener Weise zusammengefaßt werden. Wenn die Figur noch gefärbt ist, so gibt es dann noch ein Passen in Bezug auf die Farbe. (Die Farbe ist nur eine weitere Dimen- sion.)
710. One can view a calculation as an ornament. A figure in the plane may fit another or not, combined with others in various ways. If the figure is also colored, there is then a further fitting in terms of color. (Color is merely an additional dimension.)
* S. Philosophiche Bemerkungen § 178. Hrsg.
* Cf. Philosophische Bemerkungen §178. Ed.
711. Es gibt eine Betrachtungsweise der elektrischen Maschi- nen und Apparate (Dynamos, Radiostationen, etc. etc.), die sozusagen ohne vorgefaßtes Verständnis diese Gegenstände als eine Verteilung von Kupfer, Eisen, Gummi, etc. im Raum ansieht. Und diese Betrachtungsweise könnte zu manchem inter-essanten Resultat führen. Sie ist ganz analog der eines mathema- tischen Satzes als Ornament. Es ist natürlich eine durchaus strenge und korrekte Auffassung; und das Charakteristische und Schwierige an ihr ist, daß sie den Gegenstand ohne jede vorge faßte Idee betrachtet (sozusagen von einem Marsstandpunkt), oder vielleicht richtiger: die normale vorgefaßte Idee, Erklärung, zerstört (durchkreuzt).
711. There is a way of considering electrical machines and apparatuses (dynamos, radio stations, etc., etc.) that, as it were, views these objects as a distribution of copper, iron, rubber, etc., in space without preconceived understanding. And this mode of consideration might lead to many interesting results. It is entirely analogous to viewing a mathematical proposition as an ornament. It is, of course, an entirely rigorous and correct conception; what is characteristic and difficult about it is that it considers the object without any preconceived idea (so to speak, from a Martian standpoint), or perhaps more accurately: it disrupts (crosses) the normal preconceived idea or explanation.
712. (Der Stil meiner Sätze ist außerordentlich stark von Frege beeinflußt. Und wenn ich wollte, so könnte ich wohl diesen Einfluß feststellen, wo ihn auf den ersten Blick Keiner sähe.)
712. (The style of my sentences is extraordinarily influenced by Frege. And if I wished, I could certainly trace this influence where no one would notice it at first glance.)
713. »Leg es hier hin - wobei ich mit dem Finger den Platz bezeichne - dies ist eine absolute Ortsangabe. Und, wer sagt, der Raum sei absolut, möchte als Argument dafür vorbringen: »Es gibt doch einen Ort: Hier.« [Randbemerkung: ((Vielleicht zu den ersten Sprachspielen.))]
713. "Place it here — while I point to the spot with my finger — this is an absolute specification of place. And someone who says space is absolute might argue thus: 'But there is a place: here.' [Marginal note: ((Perhaps related to the first language-games.))]
714. Man könnte sich eine Geisteskrankheit denken, in wel- cher Einer Namen nur in Anwesenheit ihrer Träger gebrauchen und verstehen kann.
714. One could imagine a mental illness in which a person can use and understand names only in the presence of their bearers.
715. Es könnte von Zeichen ein Gebrauch gemacht werden solcher Art, daß die Zeichen nutzlos würden (daß man sie ver nichtete), sobald der Träger aufhörte zu existieren.
715. A use of signs could be devised such that the signs become useless (are annihilated) as soon as the bearer ceases to exist.
In diesem Sprachspiel hat sozusagen der Name den Gegen- stand an einer Schnur; und hört der Gegenstand auf zu existie- ren, so kann man den Namen, der mit ihm zusammen gearbeitet hat, wegwerfen. (Das Wort »handle« für den Eigennamen.)
In this language-game, the name, so to speak, is tethered to the object by a string; and if the object ceases to exist, the name that worked in tandem with it can be discarded. (The word "handle" for a proper name.)
716. Wie ist es mit den beiden Sätzen: dieses Blatt ist rot und dieses Blatt hat die Farbe, die auf Deutsch rot heißt? Sagen beide dasselbe?
716. What about the two propositions: this leaf is red, and this leaf has the color called "red" in German? Do both say the same thing?
Hängt das nicht davon ab, was das Kriterium dafür ist, daß cine Farbe auf Deutsch rot heißt?
Does this not depend on the criterion for what counts as a color being called "red" in German?
717. Gott kannst du nicht mit einem Andern reden hören, sondern nur, wenn du der Angeredete bist. Das ist eine grammatische Bemerkung.
717. You cannot hear God speak to another person; you can only hear Him if you are the one being addressed. This is a grammatical remark.
Vermischte Bemerkungen
Miscellaneous Remarks
Eine Auswahl aus dem Nachlaß Herausgegeben von Georg Henrik von Wright Unter Mitarbeit von Heikki Nyman
A Selection from the Nachlaß
Edited by Georg Henrik von Wright
In Collaboration with Heikki Nyman
Im handschriftlichen Nachlaß von Wittgenstein kommen häufig Aufzeichnungen vor, die nicht unmittelbar zu den philosophischen Werken gehören, obgleich sie unter den philosophischen Texten zerstreut sind. Diese Aufzeichnungen sind teils autobiographisch, teils betreffen sie die Natur der philosophischen Tätigkeit, teils handeln sie von Gegenständen allgemeiner Art wie z. B. von Fragen der Kunst oder der Religion. Sie vom philosophischen Text scharf zu trennen ist nicht immer möglich; in vielen Fällen hat Wittgenstein jedoch selbst eine solche Trennung angedeutet – durch den Gebrauch von Parenthesen oder auf andere Weise.
Within Wittgenstein's handwritten literary estate, notations frequently occur that do not immediately belong to his philosophical works, though interspersed among the philosophical texts. These notations are partly autobiographical, partly concerning the nature of philosophical activity, and partly addressing general subjects such as questions of art or religion. To sharply separate them from the philosophical text is not always possible; in many cases, however, Wittgenstein himself indicated such a separation – through the use of parentheses or other means.
Einige dieser Aufzeichnungen sind ephemer, andere jedoch – die Mehrzahl – von großem Interesse. Manchmal sind sie von augenfälliger Schönheit und Tiefe. Es war den Nachlafßverwaltern klar, daß eine Anzahl dieser Aufzeichnungen veröffentlicht werden müßte. G. H. von Wright wurde beauftragt, eine Auslese vorzunehmen und zusammenzustellen.
Some of these notations are ephemeral, but the majority – the greater part – are of considerable interest. At times, they possess striking beauty and depth. The literary executors recognized that a number of these notations ought to be published. G. H. von Wright was commissioned to make a selection and compile them.
Die Aufgabe war recht schwierig; zu verschiedenen Zeiten machte ich mir verschiedene Vorstellungen davon, wie sie am besten zu bewältigen wäre. So z. B. stellte ich mir anfangs vor, man könne die Bemerkungen nach den behandelten Gegenständen gruppieren – etwa »Musik«, »Architektur«, »Shakespeare«, »Aphorismen zur Lebensweisheit«, »Philosophie«, u. dgl. Manchmal sind die Bemerkungen ohne Zwang in solche Gruppen einreihbar, aber im Ganzen würde eine derartige Aufspaltung des Materials wohl künstlich wirken. Ich hatte ferner einmal gedacht, auch bereits Gedrucktes mitaufzunehmen. Viele der eindrucksvollsten »Aphorismen« Wittgensteins findet man ja in den philosophischen Werken – in den Tagebüchern aus dem ersten Weltkrieg, im Tractatus, und auch in den Untersuchungen. Ich möchte sagen: inmitten dieser Kontexte üben die Aphorismen Wittgensteins tatsächlich ihre stärkste Wirkung aus. Aber eben darum schien es mir nicht richtig, sie aus ihrem Zusammenhang zu reißen.Auch hatte mir einmal vorgeschwebt, die Auswahl nicht allzu umfangreich zu machen, sondern nur die »besten« Bemerkungen aufzunehmen. Eine große Materialmenge würde, wie ich meinte, den Eindruck der guten Bemerkungen nur schwächen. Das ist wohl richtig aber meine Aufgabe war nicht die eines Geschmacksrichters. Auch habe ich mir im allgemeinen nicht zugetraut, zwischen wiederholten Formulierungen desselben oder fast desselben Gedankens eine Wahl zu treffen. Selbst die Wiederholungen kamen mir oft als zur Sache gehörig vor.
The task proved rather difficult; at different times, I formed different conceptions of how best to accomplish it. For instance, I initially imagined that the remarks could be grouped according to their subject matter – such as »Music«, »Architecture«, »Shakespeare«, »Aphorisms on the Wisdom of Life«, »Philosophy«, and the like. While some remarks can be grouped this way without strain, such a subdivision of the material would, on the whole, likely appear artificial. I had also once considered including previously published material. Many of Wittgenstein’s most impressive »aphorisms« are found within his philosophical works – in the diaries from the First World War, in the Tractatus, and also in the Investigations. I would say: it is precisely within these contexts that Wittgenstein’s aphorisms exert their most potent effect. For this very reason, it seemed inappropriate to extract them from their original settings. Furthermore, I had envisioned keeping the selection relatively concise, including only the »best« remarks. A large volume of material, I thought, might dilute the impact of the finest remarks. While this is likely true, my task was not that of an arbiter of taste. Nor did I generally feel confident in choosing between repeated formulations of the same or nearly identical thoughts. Even the repetitions often struck me as integral to the matter at hand.
Am Ende habe ich mich für dasjenige Ausleseprinzip entschie- den, das mir als einziges unbedingt richtig vorkam. Ich ließ die Aufzeichnungen rein »persönlicher« Art aus der Sammlung weg -d. h. Aufzeichnungen, in denen Wittgenstein über seine äuße- ren Lebensumstände, seine Gemütsverfassung und Beziehungen zu anderen, zum Teil noch lebenden Personen berichtet. Diese Aufzeichnungen waren von den übrigen im allgemeinen leicht zu trennen und ihr Interesse liegt auf einer anderen Ebene als das der hier gedruckten. Nur in einigen wenigen Fällen, wo diese beiden Bedingungen nicht erfüllt erschienen, habe ich auch solche Noti- zen autobiographischer Art aufgenommen.
In the end, I settled on the sole selection principle that seemed unequivocally correct to me. I excluded from the collection notations of a purely »personal« nature – i.e., those in which Wittgenstein discusses his external circumstances, state of mind, and relationships with others, some of whom are still living. Such notations were generally easy to distinguish from the rest, and their interest lies on a different plane than that of the material printed here. Only in a few cases, where these two criteria did not seem clearly met, did I include autobiographical notes of this kind.
Die Bemerkungen erscheinen hier in chronologischer Ord- nung mit Angabe des Jahres, dem sie entstammen. Es muß auffallen, daß beinahe die Hälfte der Bemerkungen aus der Zeit nach dem Abschluß (1945) des ersten Teils der Philosophischen Untersuchungen stammt.
The remarks appear here in chronological order, with the year of their origin indicated. It will be noticeable that nearly half the remarks date from the period after the completion (1945) of the first part of Philosophical Investigations.
Einem Leser, der nicht mit den Lebensumständen oder mit der Lektüre Wittgensteins vertraut ist, werden manche der Bemer- kungen ohne eine nähere Erklärung dunkel oder rätselhaft vor- kommen. In vielen Fällen wäre es denn auch möglich gewesen, Erklärungen durch kommentierende Fußnoten zu geben. Mit ganz wenigen Ausnahmen jedoch habe ich auf Kommentare verzichtet. Sei es nebenbei bemerkt, daß alle Fußnoten vom Herausgeber herrühren.
To a reader unfamiliar with Wittgenstein’s life circumstances or reading habits, many of the remarks may seem obscure or enigmatic without further explanation. In numerous instances, it would indeed have been possible to provide clarifications through editorial footnotes. With very few exceptions, however, I have refrained from adding commentary. It should be noted in passing that all footnotes originate from the editor.
Es ist unvermeidlich, daß ein Buch wie dieses auch in die Hände von Lesern gerät, denen das philosophische Werk Witt- gensteins sonst unbekannt ist und auch bleiben wird. Das muß nicht unbedingt schädlich oder nutzlos sein. Es ist indessen meine Überzeugung, daß man diese Aufzeichnungen nur gegenden Hintergrund von Wittgensteins Philosophie richtig verste- hen und schätzen kann, und darüber hinaus, daß sie zum Ver- ständnis dieser Philosophie beitragen.
It is inevitable that a book such as this will also reach readers unfamiliar with Wittgenstein’s philosophical work and who may remain so. This need not necessarily be harmful or fruitless. However, it is my conviction that these notations can only be properly understood and appreciated against the backdrop of Wittgenstein’s philosophy, and furthermore, that they contribute to the understanding of this philosophy.
Die Auswahl der Bemerkungen aus den Handschriften wurde in den Jahren 1965-1966 vorgenommen. Dann habe ich die Arbeit bis zum Jahre 1974 liegenlassen. Bei der schließlichen Auslese und Zusammenstellung der Sammlung hat mir Herr Heikki Nyman geholfen. Er hat auch die genaue Übereinstim- mung der Textstellen mit den Handschriften kontrolliert und manche Fehler und Lücken meines Typoskripts beseitigt. Ich bin ihm für seine mit großer Sorgfalt und gutem Geschmack ausge- führte Arbeit sehr dankbar; ohne diese Hilfe hätte ich mich wahrscheinlich nie entschließen können, die Sammlung für den Druck fertigzustellen. Auch Herrn Rush Rhees schulde ich tie- fen Dank für Korrekturen in dem hergestellten Text und für wertvolle Ratschläge bei der Auswahl.
The selection of remarks from the manuscripts was undertaken between 1965 and 1966. I then set the work aside until 1974. In the final selection and compilation of the collection, Mr. Heikki Nyman assisted me. He also verified the precise correspondence of the textual passages with the manuscripts and corrected many errors and omissions in my typescript. I am deeply grateful for his work, executed with great care and good judgment; without this assistance, I might never have resolved to prepare the collection for publication. I also owe profound thanks to Mr. Rush Rhees for corrections in the prepared text and for valuable advice during the selection process.
Helsinki, im Januar 1977
Helsinki, January 1977
Diese Neuausgabe der Vermischten Bemerkungen enthält zusätzliches Material, zum größten Teil aus einem Notizbuch, das wahrscheinlich aus dem Jahr 1944 stammt.
This new edition of Miscellaneous Remarks contains additional material, largely drawn from a notebook likely dating to 1944.
Helsinki, im Juni 1978
Helsinki, June 1978
Wenn wir einen Chinesen hören, so sind wir geneigt, sein Sprechen für ein unartikuliertes Gurgeln zu halten. Einer, der chinesisch versteht, wird darin die Sprache erkennen. So kann ich oft nicht den Menschen im Menschen erkennen.
When we hear a Chinese person, we are inclined to take their speech as inarticulate gurgling. Someone who understands Chinese will recognize it as language. Similarly, I often fail to discern the humanity in human beings.
Meine Art des Philosophierens ist mir selbst immer noch, und immer wieder, neu, und daher muß ich mich so oft wiederholen. Einer anderen Generation wird sie in Fleisch und Blut überge- gangen sein, und sie wird die Wiederholungen langweilig finden. Für mich sind sie notwendig.
My way of philosophizing remains ever new to me, and thus I must repeat myself so frequently. For another generation, it will have become second nature, and they will find these repetitions tedious. For me, they are necessary.
Es ist gut, daß ich mich nicht beeinflussen lasse!
It is good that I do not allow myself to be influenced!
Ein gutes Gleichnis erfrischt den Verstand.
A good metaphor refreshes the intellect.
Es ist schwer einem Kurzsichtigen einen Weg zu beschreiben. Weil man ihm nicht sagen kann: schau auf den Kirchturm dort to Meilen von uns und geh' in dieser Richtung..
It is difficult to give directions to a shortsighted person. For one cannot tell them: "Look at the church tower ten miles away and walk in that direction."
In keiner religiösen Konfession ist soviel durch den Miß- brauch metaphysischer Ausdrücke gesündigt worden, wie in der Mathematik.
No religious denomination has sinned so gravely through the misuse of metaphysical expressions as mathematics.
Der menschliche Blick hat es an sich, daß er die Dinge kostbar machen kann, allerdings werden sie dann auch teurer.
The human gaze possesses the quality of rendering things precious—though they then also become costlier.
Laß nur die Natur sprechen und über der Natur kenne nur ein höheres, aber nicht das, was die anderen denken könnten.
Let nature speak for itself, and beyond nature acknowledge only a higher, but not what others might suppose.
Die Tragödie besteht darin, daß sich der Baum nicht biegt, sondern bricht. Die Tragödie ist etwas unjüdisches. Mendels- sohn ist wohl der untragischste Komponist.
Tragedy lies in the tree not bending but breaking. Tragedy is something un-Jewish. Mendelssohn is perhaps the least tragic of composers.
Jeden Morgen muß man wieder durch das tote Gerölle drin- gen, um zum lebendigen, warmen Kern zu kommen.
Every morning, one must again force through the lifeless rubble to reach the living, warm core.
Ein neues Wort ist wie ein frischer Same, der in den Boden der Diskussion geworfen wird.
A new word is like a fresh seed cast into the soil of discussion.
Mit dem vollen philosophischen Rucksack kann ich nur lang sam den Berg der Mathematik steigen.
With philosophy’s full rucksack on my back, I can only ascend the mountain of mathematics slowly.
Mendelssohn ist nicht eine Spitze, sondern eine Hochebene. Das englische an ihm.
Mendelssohn is not a peak but a plateau. The English quality in him.
Niemand kann einen Gedanken für mich denken, wie mir niemand als ich den Hut aufsetzen kann.
No one can think a thought for me, just as no one can put my hat on for me.
Wer ein Kind mit Verständnis schreien hört, der wird wissen, daß andere seelische Kräfte, furchtbare, darin schlummern, als man gewöhnlich annimmt. Tiefe Wut und Schmerz und Zerstö- rungssucht.
Whoever hears a child cry with understanding will recognize that other psychic forces—terrible ones—slumber within than are commonly assumed. Profound rage, pain, and destructiveness.
Mendelssohn ist wie ein Mensch, der nur lustig ist, wenn alles ohnehin lustig ist, oder gut, wenn alle um ihn gut sind, und nicht eigentlich wie ein Baum, der fest steht, wie er steht, was immer um ihn vorgehen mag. Ich selber bin auch so ähnlich und neige dazu, es zu sein.
Mendelssohn is like a person who is cheerful only when all around is cheerful, or good when those near him are good—not like a tree that stands firm as it is, whatever may happen around it. I myself am much the same and inclined to remain so.
Mein Ideal ist eine gewisse Kühle. Ein Tempel, der den Lei denschaften als Umgebung dient, ohne in sie hineinzureden.
My ideal is a certain coolness. A temple serving as the environs for passions without meddling in them.
Ich denke oft darüber, ob mein Kulturideal ein neues, d. h. ein zeitgemäßes oder eines aus der Zeit Schumanns ist. Zum minde- sten scheint es mir eine Fortsetzung dieses Ideals zu sein, und zwar nicht die Fortsetzung, die es damals tatsächlich erhalten hat. Also unter Ausschluß der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun- derts. Ich muß sagen, daß das rein instinktmällig so geworden ist, und nicht als Resultat einer Überlegung.
I often reflect whether my cultural ideal is a new one—i.e., contemporary—or one from Schumann’s time. At the very least, it seems to me a continuation of that ideal, specifically excluding the second half of the nineteenth century. This has arisen purely instinctively, not as the result of deliberation.
Wenn wir an die Zukunft der Welt denken, so meinen wir immer den Ort, wo sie sein wird, wenn sie so weiter läuft, wie wir sie jetzt laufen sehen, und denken nicht, daß sie nicht gerade läuft, sondern in einer Kurve, und ihre Richtung sich konstant andert.
When we think of the world’s future, we always mean the destination it will reach if it keeps moving as we see it moving now; we do not realize that it moves not in a straight line but in a curve, and that its direction is constantly changing.
* Satz unvollstandig im Manuskripe
* Sentence incomplete in manuscript
Ich glaube, das gute Österreichische (Grillparzer, Lenau, Bruckner, Labor) ist besonders schwer zu verstehen. Es ist in gewissem Sinne subtiler als alles andere, und seine Wahrheit ist nie auf Seiten der Wahrscheinlichkeit.
I believe that what is good in the Austrian tradition (Grillparzer, Lenau, Bruckner, Labor) is particularly difficult to grasp. In a certain sense, it is subtler than anything else, and its truth never aligns with probability.
Wenn etwas gut ist, so ist es auch göttlich. Damit ist seltsamer- weise meine Ethik zusammengefalit.
If something is good, it is also divine. Strangely, my ethics is encapsulated in this.
Nur das übernatürliche kann das Übernatürliche ausdrücken.
Only the supernatural can express the supernatural.
Man kann die Menschen nicht zum Guten führen; man kann sie nur irgendwohin führen. Das Gute liegt außerhalb des Tatsa chenraums.
One cannot lead people to what is good; one can only lead them somewhere. The good lies outside the space of facts.
Ich sagte neulich zu Arvid, mit dem ich im Kino einen uralten Film gesehen hatte: Ein jetziger Film verhielte sich zum alten, wie ein heutiges Automobil zu einem von vor 25 Jahren. Er wirkt ebenso lächerlich und ungeschickt, wie diese und die Verbesse- rung des Films entspricht einer technischen Verbesserung, wie der des Automobils. Sie entspricht nicht der Verbesserung – wenn man das so nennen darf – eines Kunststils. Ganz ähnlich müßte es auch in der modernen Tanzmusik gehen. Ein Jazztanz müßte sich verbessern lassen, wie ein Film. Das, was alle diese Entwicklung von dem Werden eines Stils unterscheider, ist die Unbeteiligung des Geistes.
I remarked recently to Arvid, after seeing an ancient film with him at the cinema: A current film relates to an old one as a modern automobile does to one from twenty-five years ago. It appears just as ridiculous and clumsy as those did, and the improvement in film corresponds to a technical refinement, like that of the automobile. It does not correspond to the improvement—if one may call it that—of an artistic style. The same should hold true for modern dance music. A jazz dance could be improved like a film. What distinguishes all such developments from the emergence of a style is the absence of intellectual engagement.
* Arvid Sjögren, ein Freund und Verwandeer von L. W.
* Arvid Sjögren, a friend and relative of L. W.
Ich habe einmal, und vielleicht mit Recht, gesagt: Aus der frühern Kultur wird ein Trümmerhaufen und am Schluß einAschenhaufen werden, aber es werden Geister über der Asche schweben.
I once said, perhaps rightly: Earlier culture will become a heap of rubble and finally a heap of ashes, but spirits will hover over the ashes.
Der Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Architekten besteht heute darin, daß dieser jeder Versuchung erliegt, während der rechte ihr standhält.Die Lücke, die der Organismus des Kunstwerks aufweist, will man mit Stroh ausstopfen, um aber das Gewissen zu beruhigen, nimmt man das beste Stroh.
The difference between a good and a bad architect today lies in this: the latter succumbs to every temptation while the right one resists it. The gap revealed in the organism of the artwork must be stuffed with straw, but to appease conscience, one uses the finest straw.
Wenn Einer die Lösung des Problems des Lebens gefunden zu haben glaubt, und sich sagen wollte, jetzt ist alles ganz leicht, so brauchte er sich zu seiner Widerlegung nur erinnern, daß es eine Zeit gegeben hat, wo diese Lösung nicht gefunden war; aber auch zu der Zeit mußte man leben können, und im Hinblick auf sie erscheint die gefundene Lösung wie ein Zufall. Und so geht es uns in der Logik. Wenn es eine Lösung der logischen (philoso- phischen) Probleme gäbe, so müßten wir uns nur vorhalten, daß sie ja einmal nicht gelöst waren (und auch da mußte man leben und denken können).
If someone believes they have found the solution to the problem of life and wishes to tell themselves, "Now everything is easy," they need only recall a time when this solution was unknown; yet even then one had to live, and in light of that time, the found solution appears as mere coincidence. The same applies to logic. If there were a solution to logical (philosophical) problems, we would need only remind ourselves that they were once unsolved (and even then, one had to live and think).
Engelmann sagte mir, wenn er zu Hause in seiner Lade voll von seinen Manuskripten krame, so kämen sie ihm so wunder- schön vor, daß er denke, sie wären es wert, den anderen Men- schen gegeben zu werden. (Das sei auch der Fall, wenn er Briefe seiner verstorbenen Verwandten durchsehe.) Wenn er sich aber cine Auswahl davon herausgegeben denkt, so verliere die Sache jeden Reiz und Wert und werde unmöglich. Ich sagte, wir hatten hier einen Fall ähnlich folgendem: Es könnte nichts merkwürdiger sein, als einen Menschen bei irgend einer ganz einfachen alltäglichen Tätigkeit, wenn er sich unbeobachtet glaubt, zu sehen. Denken wir uns ein Theater, der Vorhang ginge auf und wir sähen einen Menschen allein in seinem Zimmer auf und ab gehen, sich eine Zigarette anzünden, sich niedersetzen, u.s.f., so, daß wir plötzlich von außen einen Menschen sähen, wie man sich sonst nie sehen kann; wenn wir quasi ein Kapitel einer Biographie mit eigenen Augen sähen, das mußte unheimlich und wunderbar zugleich sein. Wunderbarer als irgend etwas, was ein Dichter auf der Bühne spielen oder sprechen lassen könnte, wir würden das Leben selbst sehen. Aber das sehen wir ja alle Tage, und es macht uns nicht den mindesten Eindruck! Ja, aber wir sehen es nicht in der Perspektive. So, wenn E. seine Schriften ansieht und sie wunderbar findet (die er doch einzeln nicht veröffentlichen möchte), so sieht er sein Leben als ein Kunstwerk Gottes, und als das ist es allerdings betrachtenswert, jedes Leben und Alles. Doch kann nur der Künstler das Einzelne so darstellen, daß es uns als Kunstwerk erscheint; jene Manu- skripte verlieren mit Recht ihren Wert, wenn man sie einzeln, und überhaupt, wenn man sie unvoreingenommen, das heifit, ohne schon vorher begeistert zu sein, betrachtet. Das Kunstwerk zwingt uns-sozusagen zu der richtigen Perspektive, ohne die Kunst aber ist der Gegenstand ein Stück Natur, wie jedes andre, und daß wir es durch die Begeisterung erheben können, das berechtigt niemand es uns vorzusetzen. (Ich muß immer an eine jener faden Naturaufnahme[n] denken, die der, der sie aufge- nommen interessant findet, weil er dort selbst war, etwas erlebt hat; der Dritte aber mit berechtigter Kälte betrachtet, wenn es überhaupt gerechtfertigt ist, ein Ding mit Kälte zu betrachten.)
Engelmann once told me that when he rummaged through his drawer full of manuscripts at home, they struck him as so marvelous that he thought they were worth sharing with others. (The same occurred when he reviewed letters from deceased relatives.) Yet when he imagined selecting and publishing them, the endeavor lost all charm and value, becoming impossible. I remarked that this parallels the following case: Nothing could be more remarkable than observing a person engaged in simple daily activities while believing themselves unobserved. Imagine a theater curtain rising to reveal a man pacing alone in his room, lighting a cigarette, sitting down, etc.—suddenly witnessing, from an external vantage, a human being as one never otherwise sees oneself. We would observe a biographical chapter with our own eyes; it would feel uncanny and wondrous simultaneously. More wondrous than anything a poet could stage or narrate—we would see life itself. Yet we encounter this daily without the slightest impression! But we do not see it in perspective. Similarly, when E. marvels at his writings (which he would never publish individually), he views his life as God's artwork, and as such, it merits contemplation—every life and everything does. Yet only the artist can present the particular in a way that appears as art; those manuscripts rightly lose value when examined individually or dispassionately. Art compels us—so to speak—toward the proper perspective. Without art, the object remains a mere fragment of nature, like any other. That enthusiasm may elevate it does not justify presenting it to others. (I often think of insipid nature photographs that interest their taker due to personal experiences there, while a third party views them with justified indifference—if indifference can ever be justified.)
Nun scheint mir aber, gibt es außer der Arbeit des Künstlers noch eine andere, die Welt sub specie aeterni einzufangen. Es ist - glaube ich - der Weg des Gedankens, der gleichsam über die Welt hinfliege und sie so läßt, wie sie ist sie von oben vom Fluge betrachtend.
Now it seems to me there is another way besides artistic work to grasp the world sub specie aeterni. It is—I believe—the path of thought that soars above the world, leaving it as it is, viewing it from above in flight.
Ich lese in Renans ›Peuple d'Israël‹: ›La naissance, la maladie, la mort, le délire, la catalepsie, le sommeil, les rêves frappaient infiniment, et, même aujourd'hui, il n'est donné qu'à un petit nombre de voir clairement que ces phénomènes ont leurs causes dans notre organisation.‹ Im Gegenteil, es besteht gar kein Grund, sich über diese Dinge zu wundern, weil sie so alltäglich sind. Wenn sich der primitive Mensch über sie wundern muß, wieviel mehr der Hund und der Affe. Oder nimmt man an, daß die Menschen quasi plötzlich aufgewacht sind, und diese Dinge, die schon immer da waren, nun plötzlich bemerken und begreif- licherweise erstaunt waren? Ja, etwas Ähnliches könnte man sogar annehmen, aber nicht, daß sie diese Dinge zum erstenmal wahrnehmen, sondern, daß sie plötzlich anfangen, sich über sie zu wundern. Das aber hat wieder nichts mit ihrer Primitivität zu tun. Es sei denn, daß man es primitiv nennt, sich nicht über die Dinge zu wundern, dann aber sind gerade die heutigen Men- schen und Renan selbst primitiv, wenn er glaubt, die Erklärung der Wissenschaft könne das Staunen heben.
In Renan's ›Peuple d'Israël‹ I read: ›Birth, illness, death, delirium, catalepsy, sleep, and dreams made an infinite impression, and even today, it is given only to a small number to see clearly that these phenomena have their causes in our organization.‹ On the contrary, there is absolutely no reason to marvel at these things because they are so commonplace. If primitive people had to marvel at them, how much more so would dogs and monkeys. Or do we assume humans suddenly awoke, noticed these ever-present phenomena, and understandably grew astonished? Yes, one might suppose something similar—not that they perceived these things for the first time, but that they suddenly began to marvel at them. Yet this has nothing to do with their primitiveness. Unless we call it primitive not to marvel at things, then modern people and Renan himself are primitive for believing scientific explanation could dispel wonder.
Als ob der Blitz heute alltäglicher oder weniger staunenswert wäre als vor 2000 Jahren.
As if lightning were more ordinary or less wondrous today than 2000 years ago.
Zum Staunen muß der Mensch– und vielleicht Völker–auf- wachen. Die Wissenschaft ist ein Mittel um ihn wieder einzu- schläfern.
To marvel, humans—and perhaps peoples—must awaken. Science is a means to lull them back to sleep.
D.h., es ist einfach falsch zu sagen: Natürlich, diese primiti- ven Völker mußten alle Phänomene anstaunen. Vielleicht aber richtig, diese Völker haben alle Dinge ihrer Umgebung ange- staunt. Daß sie sie anstaunen mußten, ist ein primitiver Aber- glaube. (Wie der, daß sie sich vor allen Naturkräften fürchten müßten, und wir uns natürlich nicht fürchten brauchen. Aber die Erfahrung mag lehren, daß gewisse primitive Stämme sehr zur Furcht vor den Naturphänomenen neigen. Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß hochzivilisierte Völker wieder zu eben die- ser Furcht neigen werden, und ihre Zivilisation und die wissen- schaftliche Kenntnis kann sie nicht davor schützen. Freilich ist es wahr, daß der Geist, in dem die Wissenschaft heute betrieben wird, mit einer solchen Furcht nicht vereinbar ist.)Wenn Renan vom -bon sens précoce- der semitischen Rassen spricht (eine Idee, die mir vor langer Zeit schon vorgeschwebt ist), so ist das das Undichterische, unmittelbar auf's Konkrete gehende. Das, was meine Philosophie bezeichnet.
That is to say, it is simply wrong to state: Naturally, these primitive tribes must have marveled at all phenomena. Perhaps it is correct that these peoples marveled at all things in their environment. That they had to marvel at them is a primitive superstition. (Like the notion that they must fear all natural forces, whereas we naturally need not fear them. Yet experience may teach that certain primitive tribes exhibit a strong propensity to fear natural phenomena. However, it is not impossible that highly civilized peoples might again incline toward precisely this fear, and their civilization and scientific knowledge cannot protect them from it. To be sure, it is true that the spirit in which science is pursued today is incompatible with such fear.) When Renan speaks of the bon sens précoce of the Semitic races (an idea that had vaguely occurred to me long ago), this represents the unpoetic, directly concrete-oriented mentality. This is what my philosophy designates.
Die Dinge liegen unmittelbar da vor unsern Augen, kein Schleier über ihnen. - Hier trennen sich Religion und Kunst.
Things lie immediately before our eyes, no veil covers them. — Here religion and art part ways.
* Eine frishere Fassung des gedruckten Vorworts zu Philosophuche Bemerkunge Herausgegeben von Rush Rhees. Werkausgabe, Band a
* An earlier version of the printed preface to Philosophische Bemerkungen. Edited by Rush Rhees. Werkausgabe, Volume 2
Dieses Buch ist für diejenigen geschrieben, die dem Geist, in dem es geschrieben ist, freundlich gegenüberstehen. Dieser Geist ist, glaube ich, ein anderer als der des großen Stromes der europä- ischen und amerikanischen Zivilisation. Der Geist dieser Zivili- sation, dessen Ausdruck die Industrie, Architektur, Musik, der Faschismus und Sozialismus unserer Zeit ist, ist dem Verfasser fremd und unsympathisch. Dies ist kein Werturteil. Nicht, als ob er glaubte, daß was sich heute als Architektur ausgibt, Archi- tektur wäre, und nicht, als ob er dem, was moderne Musik heißt, nicht das größte Mifitrauen entgegenbrächte (ohne ihre Sprache zu verstehen), aber das Verschwinden der Künste rechtfertigt kein absprechendes Urteil über eine Menschheit. Denn echte und starke Naturen wenden sich eben in dieser Zeit von dem Gebiet der Künste ab, und anderen Dingen zu, und der Wert des Einzelnen kommt irgendwie zum Ausdruck. Freilich nicht wie zur Zeit einer großen Kultur. Die Kultur ist gleichsam eine große Organisation, die jedem, der zu ihr gehört, seinen Platz anweist, an dem er im Geist des Ganzen arbeiten kann, und seine Kraft kann mit grofßem Recht an seinem Erfolg im Sinne des Ganzen gemessen werden. Zur Zeit der Unkultur aber zersplittern sich die Kräfte und die Kraft des Einzelnen wird durch entgegenge- setzte Kräfte und Reibungswiderstände verbraucht, und kommt nicht in der Länge des durchlaufenen Weges zum Ausdruck,sondern vielleicht nur in der Wärme, die er beim Überwinden der Reibungswiderstände erzeugt hat. Aber Energie bleibt Energie, und wenn so das Schauspiel, das dieses Zeitalter bietet, auch nicht das des Werdens eines großen Kulturwerkes ist, in dem die Besten dem gleichen großen Zweck zuarbeiten, son- dern das wenig imposante Schauspiel einer Menge, deren Beste nur privaten Zielen nachstreben, so dürfen wir nicht vergessen, daß es auf das Schauspiel nicht ankommt.
This book is written for those who are kindly disposed toward the spirit in which it is written. This spirit, I believe, differs from that of the great current of European and American civilization. The spirit of this civilization — whose manifestations are the industry, architecture, music, fascism, and socialism of our time — is alien and unsympathetic to the author. This is not a value judgment. It is not as if he believed that what now passes for architecture is architecture, nor that he does not regard so-called modern music with the greatest distrust (without understanding its language). Yet the disappearance of the arts does not justify a condemnatory judgment about humanity. For genuine and strong natures now turn away from the domain of the arts toward other things, and the worth of the individual finds expression somehow — though not as in the age of a great culture. Culture is, as it were, a vast organization that assigns each person belonging to it a place where he can work in the spirit of the whole, and his strength may rightly be measured by his success within this framework. In times of non-culture, however, forces splinter, and the strength of the individual is consumed in overcoming frictional resistances. It does not manifest in the distance traversed but perhaps only in the heat generated during this overcoming. Yet energy remains energy, and even if the spectacle this age presents is not that of the emergence of a great cultural work in which the best collaborate toward a grand purpose, but rather the unimpressive spectacle of a crowd whose finest pursue only private aims, we must not forget that the spectacle itself is irrelevant.
Ist es mir so klar, daß das Verschwinden einer Kultur nicht das Verschwinden menschlichen Wertes bedeutet, sondern bloß gewisser Ausdrucksmittel dieses Werts, so bleibt dennoch die Tatsache bestehen, daß ich dem Strom der europäischen Zivili- sation ohne Sympathie zusehe, ohne Verständnis für die Ziele, wenn sie welche hat. Ich schreibe also eigentlich für Freunde, welche in Winkeln der Welt verstreut sind.
While it seems clear to me that the disappearance of a culture does not signify the disappearance of human value but only of certain means for expressing this value, the fact remains that I observe the current of European civilization without sympathy or comprehension for its goals — if it has any. Thus, I write essentially for friends scattered in corners of the world.
Ob ich von dem typischen westlichen Wissenschaftler ver- standen oder geschätzt werde, ist mir gleichgültig, weil er den Geist, in dem ich schreibe, doch nicht versteht. Unsere Zivilisa- tion ist durch das Wort Fortschritt charakterisiert. Der Fort- schritt ist ihre Form, nicht eine ihrer Eigenschaften, daß sie fortschreitet. Sie ist typisch aufbauend. Ihre Tätigkeit ist es, ein immer komplizierteres Gebilde zu konstruieren. Und auch die Klarheit dient doch nur wieder diesem Zweck und ist nicht Selbstzweck. Mir dagegen ist die Klarheit, die Durchsichtigkeit, Selbstzweck.
Whether I am understood or valued by the typical Western scientist is indifferent to me, for he does not comprehend the spirit in which I write. Our civilization is characterized by the word "progress." Progress is its form, not one of its attributes — that it progresses. It is inherently constructive. Its activity consists in erecting an increasingly complex structure. Even clarity serves this purpose and is not an end in itself. For me, however, clarity and transparency are ends in themselves.
Es interessiert mich nicht, ein Gebäude aufzuführen, sondern die Grundlagen der möglichen Gebäude durchsichtig vor mir zu haben.
I am not interested in erecting a building but in having the foundations of possible buildings transparently before me.
Mein Ziel ist also ein anderes als das der Wissenschaftler, und meine Denkbewegung von der ihrigen verschieden.
My goal is thus different from that of scientists, and my movement of thought differs from theirs.
Jeder Satz, den ich schreibe, meint immer schon das Ganze, also immer wieder dasselbe und es sind gleichsam nur Ansich- ten eines Gegenstandes unter verschiedenen Winkein be- trachtet.
Every sentence I write intends to grasp the whole and thus repeatedly circles the same point. It is as though each were merely a view of an object from different angles.
Ich könnte sagen: Wenn der Ort, zu dem ich gelangen will, nur auf einer Leiter zu ersteigen wäre, gäbe ich es auf, dahin zu gelangen. Denn dort, wo ich wirklich hin muß, dort muß ich eigentlich schon sein.
I could say: If the place I want to reach could only be climbed to via a ladder, I would give up trying to get there. For the place I truly need to reach is where I must already be.
Was auf einer Leiter erreichbar ist, interessiert mich nicht.
What is attainable via a ladder does not interest me.
Die erste Bewegung reiht einen Gedanken an den anderen, die andere zielt immer wieder nach demselben Orn.
The first movement links one thought to the next, while the other repeatedly aims at the same focal point.
Die eine Bewegung baut und nimmt Stein auf Stein in die Hand, die andere greift immer wieder nach demselben.
One movement builds by taking stone upon stone into its hands; the other keeps reaching for the same stone.
Die Gefahr eines langen Vorworts* ist die, daß der Geist eines Buchs sich in diesem zeigen muß, und nicht beschrieben werden kann. Denn ist ein Buch nur für wenige geschrieben, so wird sich das eben dadurch zeigen, daß nur wenige es verstehen. Das Buch muß automatisch die Scheidung derer bewirken, die es verste hen, und die es nicht verstehen. Auch das Vorwort ist eben für die geschrieben, die das Buch verstehen.
The danger of a lengthy preface* lies in the fact that the spirit of a book must manifest itself through this preface rather than being described. For if a book is written only for the few, this will reveal itself precisely in that only a few understand it. The book must automatically effect a separation between those who understand it and those who do not. The preface itself is written precisely for those who understand the book.
Es hat keinen Sinn jemandem etwas zu sagen, was er nicht versteht, auch wenn man hinzusetzt, daß er es nicht verstehen kann. (Das geschieht so oft mit einem Menschen, den man liebe.)
There is no sense in telling someone something they do not understand, even if one adds that they cannot understand it. (This happens so often with someone you love.)
Willst Du nicht, daß gewisse Menschen in ein Zimmer gehen, so hänge ein Schloß vor, wozu sie keinen Schlüssel haben. Aber es ist sinnlos, darüber mit ihnen zu reden, außer Du willst doch, daß sie das Zimmer von außen bewundern!
If you do not want certain people to enter a room, hang a lock on it for which they have no key. But it is pointless to discuss this with them unless you still want them to admire the room from the outside!
Anständigerweise, hänge ein Schloß vor die Türe, das nur denen auffällt, die es öffnen können, und den andern nicht.
Decently, hang a lock on the door that only catches the attention of those who can open it, and goes unnoticed by others.
Aber es ist richtig zu sagen, daß das Buch, meiner Meinung nach, mit der fortschreitenden europäischen und amerikanischen Zivilisation nichts zu tun hat.
But it is correct to say that this book, in my opinion, has nothing to do with the advancing European and American civilization.
Daß diese Zivilisation vielleicht die notwendige Umgebung dieses Geistes ist, aber daß sie verschiedene Ziele haben.
This civilization may perhaps form the necessary environment for this spirit, but they have different ends.
* 5. die vorangehende Bemerkung
* 5. the preceding remark
Alles rituelle (quasi Hohepriesterische) ist streng zu vermei den, weil es unmittelbar in Faulnis übergeht.Ein Kuß ist freilich auch ein Ritus und er fault nicht, aber eben nur soviel Ritus ist erlaubt, als so echt ist, wie ein Kuß. Es ist eine große Versuchung den Geist explicit machen zu wollen.
All ritual (quasi high-priestly) must be strictly avoided, as it immediately decays into putrefaction. A kiss is certainly also a ritual, yet it does not decay, but only so much ritual is permissible as is as genuine as a kiss.
Wo man an die Grenze seiner eigenen Anständigkeit stößt, dort entsteht quasi ein Winkel der Gedanken, ein endloser Regrefi: Man mag sagen, was man will, es fuhrt einen nicht weiter.
Where one encounters the boundary of one’s own decency, there arises, as it were, a corner of thought—an endless regress: One may say what one will, yet it leads no further.
Ich lese in Lessing (über die Bibel)": Setzt hierzu noch die Einkleidung und den Stil..., durchaus voll Tautologien, aber solchen, die den Scharfsinn üben, indem sie bald etwas anderes zu sagen scheinen, und doch das nämliche sagen, bald das nämli che zu sagen scheinen, und im Grunde etwas anderes bedeuten oder bedeuten können..
I read in Lessing (on the Bible): "Add to this the framing and style... thoroughly full of tautologies, but ones that exercise acumen by sometimes seeming to say something different and yet saying the same thing, sometimes seeming to say the same thing while in essence meaning or potentially meaning something different..."
Wenn ich nicht recht weilß, wie ein Buch anfangen, so kommt das daher, daß noch etwas unklar ist. Denn ich möchte mit dem der Philosophie gegebenen, den geschriebenen und gesproche- nen Sätzen, quasi den Büchern, anfangen. Und hier begegnet man der Schwierigkeit des Alles fließt. Und mit ihr ist vielleicht überhaupt anzufangen.
If I do not know exactly how to begin a book, this is because something remains unclear. For I wish to begin with what is given in philosophy—the written and spoken sentences, as it were, the books. And here one encounters the difficulty of Heraclitean flux. And perhaps it is with this that one must begin altogether.
Wer seiner Zeit nur voraus ist, den holt sie einmal ein.
Whoever is merely ahead of their time will eventually be overtaken by it.
* Lessing: Die Erziehung des Menschengeschlechts. § 48-49.
* Lessing: The Education of the Human Race. §§ 48-49.
Die Musik scheint manchem eine primitive Kunst zu sein, mit ihren wenigen Tönen und Rhythmen. Aber einfach ist nur ihre Oberfläche, während der Körper, der die Deutung dieses mani- festen Inhalts ermöglicht, die ganze unendliche Komplexität besitzt, die wir in dem Außeren der anderen Künste angedeutet finden, und die die Musik verschweigt. Sie ist in gewissem Sinne die raffinierteste aller Künste.
Music may seem to some a primitive art, with its few tones and rhythms. But simple is only its surface, while the body enabling the interpretation of this manifest content possesses the entire infinite complexity we find hinted at in the externals of other arts, which music keeps silent. In a certain sense, it is the most refined of all arts.
Es gibt Probleme, an die ich nie herankomme, die nicht in meiner Linie oder in meiner Welt liegen. Probleme der abendlän- dischen Gedankenwelt, an die Beethoven (und vielleicht teil- weise Goethe) herangekommen ist, und mit denen er gerungen hat, die aber kein Philosoph je angegangen hat (vielleicht ist Nietzsche an ihnen vorbeigekommen). Und vielleicht sind sie für die abendländische Philosophie verloren, d.h., es wird niemand da sein, der den Fortgang dieser Kultur als Epos empfindet, also beschreiben kann. Oder richtiger, sie ist eben kein Epos mehr, oder doch nur für den, der sie von außen betrachtet, und viel leicht hat dies Beethoven vorschauend getan (wie Spengler ein- mal andeutet). Man könnte sagen, die Zivilisation muß ihren Epiker voraushaben. Wie man den eigenen Tod nur voraussehen und vorausschauend beschreiben, nicht als Gleichzeitiger von ihm berichten kann. Man könnte also sagen: Wenn Du das Epos einer ganzen Kultur beschrieben sehen willst, so mußt Du es unter den Werken der größten dieser Kultur, also zu einer Zeit, suchen, in der das Ende dieser Kultur nur hat vorausgeschen werden können, denn später ist niemand mehr da es zu beschrei ben. Und so ist es also kein Wunder, wenn es nur in der dunklen Sprache der Vorausahnung geschrieben ist und für die Wenigsten verständlich.
There are problems I never approach, ones that lie outside my trajectory or my world. Problems of Western thought that Beethoven (and perhaps partially Goethe) approached and wrestled with, but which no philosopher has ever tackled (perhaps Nietzsche passed them by). And perhaps they are lost to Western philosophy—that is, there will be no one left who can experience the progression of this culture as an epic and thus describe it. Or more accurately, it is simply no longer an epic, or only for those who observe it from without. Perhaps Beethoven did this prophetically (as Spengler once suggests). One might say: A civilization must have its epic poet in advance. Just as one can only foresee and presciently describe one’s own death, not report on it as a contemporary. Thus one might say: If you wish to see the epic of an entire culture described, you must seek it among the works of that culture’s greatest figures—that is, in an era when the end of this culture could only have been foreseen, for later there will be no one left to describe it. And so it is no wonder if it is written only in the obscure language of presentiment and remains comprehensible to very few.
Ich aber komme zu diesen Problemen überhaupt nicht. Wenn
ich have done with the world
, so habe ich eine amorphe
(durchsichtige) Masse geschaffen, und die Welt mit ihrer ganzenVielfältigkeit bleibt, wie eine uninteressante Gerümpelkammer,
links liegen.
Yet I do not approach these problems at all. When I have done with the world
, I have created an amorphous (transparent) mass, and the world with its entire multiplicity remains cast aside like an uninteresting junk room.
Oder vielleicht richtiger: das ganze Resultat der ganzen Arbeit ist das Linksliegenlassen der Welt. (Das In-die-Rumpelkammer- werfen der ganzen Welt).
Or perhaps more accurately: the entire result of the whole labor is the casting aside of the world. (The throwing of the entire world into the junk room).
Eine Tragik gibt es in dieser Welt (der meinen) nicht, und damit all das Unendliche nicht, was eben die Tragik (als Ergeb- nis) hervorbringt.
There is no tragedy in this world (of mine), and thereby all the infinitude that tragedy (as outcome) produces is absent.
Es ist sozusagen alles in dem Weltäther löslich; es gibt keine Härten.
Everything is, so to speak, soluble in the world-ether; there are no hard edges.
Das heißt, die Härte und der Konflikt wird nicht zu etwas Herrlichem, sondern zu einem Febler.
That is to say, hardness and conflict do not become something glorious but rather a defect.
Der Konflikt löst sich etwa, wie die Spannung einer Feder in einem Mechanismus, den man schmilzt (oder in Salpetersäure auflöst). In dieser Lösung gibt es keine Spannungen mehr.
The conflict dissolves, say, like the tension of a spring in a mechanism that one melts (or dissolves in nitric acid). In this dissolution, no tensions remain.
Wenn ich sage, daß mein Buch nur für einen kleinen Kreis von Menschen bestimmt ist (wenn man das einen Kreis nennen kann), so will ich damit nicht sagen, daß dieser Kreis, meiner Auffassung nach, die Elite der Menschheit ist, aber es sind die Menschen, an die ich mich wende (nicht weil sie besser oder schlechter sind als die andern, sondern), weil sie mein Kultur- kreis sind, gleichsam die Menschen meines Vaterlandes, im Gegensatz zu den anderen, die mir fremd sind.
When I say that my book is intended only for a small circle of people (if one can call that a circle), I do not mean that this circle constitutes, in my view, the elite of humanity. Rather, they are the people to whom I address myself (not because they are better or worse than others, but) because they belong to my cultural sphere, as it were the people of my homeland, in contrast to others who are foreign to me.
Die Grenze der Sprache zeigt sich in der Unmöglichkeit, die Tatsache zu beschreiben, die einem Satz entspricht (seine Über- setzung ist), ohne eben den Satz zu wiederholen.(Wir haben es hier mit der Kantischen Lösung des Problems der Philosophie zu tun.)
The limit of language manifests itself in the impossibility of describing the fact that corresponds to a proposition (is its translation) without simply repeating the proposition. (Here we encounter the Kantian solution to the problem of philosophy.)
Kann ich sagen, das Drama hat seine eigene Zeit, die nicht ein Abschnitt der historischen Zeit ist? D.h., ich kann in ihm von früher und später reden, aber die Frage hat keinen Sinn, ob die Ereignisse etwa vor oder nach Cäsars Tod geschehen sind.
Can I say that drama has its own time, which is not a segment of historical time? That is, I can speak of earlier and later within it, but the question of whether events occurred before or after Caesar’s death is nonsensical.
Beiläufig gesprochen, hat es nach der alten Auffassung-etwa der der (großen) westlichen Philosophen-zwei Arten von Pro- blemen im wissenschaftlichen Sinne gegeben: wesentliche, große, universelle, und unwesentliche, quasi accidentelle Pro- bleme. Und dagegen ist unsere Auffassung, daß es kein großes, wesentliches Problem im Sinne der Wissenschaft gibt.
Incidentally, according to the old view—say that of the (great) Western philosophers—there were two kinds of problems in the scientific sense: essential, grand, universal problems, and inessential, quasi-accidental problems. Against this, our view holds that there are no grand, essential problems in the scientific sense.
Struktur und Gefühl in der Musik. Die Gefühle begleiten das Auffassen eines Musikstücks, wie sie die Vorgänge des Lebens begleiten.
Structure and feeling in music. Feelings accompany the apprehension of a musical piece as they accompany the processes of life.
Der Ernst Labors ist ein sehr später Ernst.
The seriousness of Labors is a very belated seriousness.
Das Talent ist ein Quell, woraus immer wieder neues Wasser fließt. Aber diese Quelle wird wertlos, wenn sie nicht in rechter Weise benutzt wird.
Talent is a spring from which new water continually flows. But this spring becomes worthless if not utilized in the proper way.
-Was der Gescheite weiß, ist schwer zu wissen. Hat die Verachtung Goethes für das Experiment im Laboratorium und die Aufforderung in die freie Natur zu gehen und dort zu lernen, hat dies mit dem Gedanken zu tun, daß die Hypothese (unrichtig aufgefafit) schon eine Fälschung der Wahrheit ist? Und mit dem Anfang, den ich mir jetzt für mein Buch denke, der in einer Naturbeschreibung bestehen könnte?
—What the wise man knows is hard to know. Does Goethe’s contempt for laboratory experiments and his exhortation to go into free nature and learn there relate to the thought that the hypothesis (misapprehended) already falsifies truth? And to the opening I now envision for my book, which might consist of a description of nature?
Wenn Menschen eine Blume oder ein Tier haßlich finden, so stehen sie immer unter dem Eindruck, es seien Kunstprodukte. Es schaut so aus, wie...., heißt es dann. Das wirft ein Licht auf die Bedeutung der Worte häßlich und schön.
When people find a flower or animal ugly, they are always under the impression that they are artificial products. “It looks like...,” they then say. This sheds light on the meaning of the words “ugly” and “beautiful.”
Die liebliche Temperaturdifferenz der Teile eines menschli chen Körpers.
The delightful temperature differential between parts of a human body.
Es ist beschämend, sich als leerer Schlauch zeigen zu müssen, der nur vom Geist aufgeblasen wird.Niemand will den Andern gerne verletzt haben; darum tut es jedem so gut, wenn der Andere sich nicht verletzt zeigt. Nie- mand will gerne eine beleidigte Leberwurst vor sich haben. Das merke Dir. Es ist viel leichter, dem Beleidigten geduldig - und duldend aus dem Weg gehen, als ihm freundlich entgegenge- hen. Dazu gehört auch Mut.Zu dem, der Dich nicht mag, gut zu sein, erfordert nicht nur viel Gutmütigkeit, sondern auch viel Takı
It is humiliating to have to present oneself as an empty hose inflated only by the spirit. No one wishes to have hurt another; thus, it comforts everyone when the other shows no injury. No one wants to face a sulking victim. Mark this. It is far easier to patiently avoid—and endure avoiding—the offended person than to approach them amiably. This also requires courage. To be kind to one who dislikes you demands not only much good nature but much tact.
Wir kämpfen mit der Sprache.
We are struggling with language.
Wir stehen im Kampf mit der Sprache.
We stand in combat with language.
1931
1931
Die Lösung philosophischer Probleme verglichen mit dem Geschenk im Märchen, das im Zauberschloß zauberisch erscheint und wenn man es draußen beim Tag betrachtet, nichts ist, als ein gewöhnliches Stück Eisen (oder dergleichen).
The resolution of philosophical problems compared to the enchanted gift in fairy tales: it appears magical within the haunted castle but becomes merely an ordinary piece of iron (or suchlike) when examined outdoors in daylight.
1931
1931
Der Denker gleicht sehr dem Zeichner, der alle Zusammen- hänge nachzeichnen will.
The thinker closely resembles a draftsman attempting to trace all interconnections.
1931
1931
Kompositionen, die am Klavier, auf dem Klavier, komponiert sind, solche, die mit der Feder denkend und solche, die mit dem inneren Ohr allein komponiert sind, müssen einen ganz ver schiedenen Charakter tragen und einen Eindruck ganz verschie dener Art machen.
Compositions conceived at the piano, with pen in hand, or through the inner ear alone must bear entirely distinct characters and produce impressions of fundamentally different kinds.
Ich glaube bestimmt, daß Bruckner nur mit dem inneren Ohr und einer Vorstellung vom spielenden Orchester, Brahms mit der Feder, komponiert hat. Das ist natürlich einfacher darge stellt, als es ist. Eine Charakteristik aber ist damit getroffen.
I am certain that Bruckner composed exclusively through his inner ear and orchestral imagination, whereas Brahms composed with the pen. This is of course an oversimplification, yet it captures an essential characteristic.
1931
1931
Eine Tragödie könnte doch immer anfangen mit den Worten: »Es wäre gar nichts geschehen, wenn nicht...« (Wenn er nicht mit einem Zipfel seines Kleides in die Maschine geraten wäre?)
A tragedy might well begin with the words: "Nothing would have happened had it not been for..." (Had his coat not caught in the machinery?)
Aber ist das nicht eine einseitige Betrachtung der Tragödie, die sie nur zeigen läßt, daß eine Begegnung unser ganzes Leben entscheiden kann.
But does this not present a one-sided view of tragedy, reducing it to the notion that a single encounter can determine our entire life?
1931
1931
Ich glaube, daß es heute ein Theater geben könnte, wo mit Masken gespielt würde. Die Figuren wären eben stylisierte Men- schen-Typen. In den Schriften Kraus' ist das deutlich zu sehen. Seine Stücke könnten, oder müßten, in Masken aufgeführt wer- den. Dies entspricht natürlich einer gewissen Abstraktheit dieser Produkte. Und das Maskentheater ist, wie ich es meine, über- haupt der Ausdruck eines spiritualistischen Charakters. Es wer den daher auch vielleicht nur die Juden zu diesem Theater nei- gen.
I believe contemporary theater could employ masks. The characters would represent stylized human types. This is evident in Kraus's writings - his plays demand masked performance. Such abstraction corresponds to the spiritualist character of mask theater, which perhaps only Jews would be inclined to adopt.
Frida Schanz:
Frida Schanz:
Nebeltag. Der graue Herbst geht um.
Foggy day. The gray autumn prowls.
Das Lachen scheint verdorben;
Laughter seems corrupted;
die Welt liegt heut so stumm,
the world lies mute today,
als sei sie nachts gestorben.
as though it died last night.
Im golden roten Hag
In gold-red haze
brauen die Nebeldrachen;
dragon mists brew;
und schlummernd liegt der Tag.
the day lies slumbering.
Der Tag will nicht erwachen.
The day refuses waking.
Das Gedicht habe ich aus einem Rösselsprung entnommen, wo natürlich die Interpunktion fehlte. Ich weiß daher z. B. nicht, ob das Wort Nebeltag der Titel ist, oder ob es zur ersten Zeile gehört, wie ich es geschrieben habe. Und es ist merkwürdig, wie trivial das Gedicht klingt, wenn es nicht mit dem Wort-Nebel- tag, sondern mit Der graue beginnt. Der Rhythmus des ganzen Gedichts ändert sich dadurch."
This poem was taken from a knight's tour puzzle where punctuation was absent. I cannot determine whether "Foggy day" is the title or part of the first line. Remarkably, the poem becomes trivial when beginning with "The gray" instead of "Foggy day", fundamentally altering its entire rhythm.*
Was Du geleistet hast, kann Andern nicht mehr bedeuten als Dir selbst.
What you have achieved cannot mean more to others than to yourself.
Soviel als es Dich gekostet hat, soviel werden sie zahlen.
They will pay precisely what it cost you to create.
* Var. im Manusknipt: Der ganze Khyhumus des Gedichts
* Variant in manuscript: The entire rhythm of the poem
Der Jude ist eine wüste Gegend, unter deren dünner Gestein- schicht aber die feurig-flüssigen Massen des Geistigen liegen.
The Jew is a desolate landscape where fiery-liquid masses of spirit lie beneath thin strata of rock.
Grillparzer: Wie leicht bewegt man sich im Grofßen und im Fernen, wie schwer faßt sich, was nah und einzeln an....
Grillparzer: How effortlessly we move in grand abstractions and distant realms, how difficult to grasp what's near and particular...
Welches Gefühl hätten wir, wenn wir nicht von Christus. gehört hätten?
What would we feel had we never heard of Christ?
Hätten wir das Gefühl der Dunkelheit und Verlassenheit?
Would we feel darkness and abandonment?
Haben wir es nur insofern nicht als es ein Kind nicht hat, wenn es weiß, daß jemand mit ihm im Zimmer ist?
Do we avoid this feeling only as a child does when knowing someone is in the room?
Religiöser Wahnsinn ist Wahnsinn aus Irreligiosität.
Religious madness is madness born of irreligiosity.
Sehe die Photographie von Korsischen Briganten und denke mir: die Gesichter sind zu hart und meines zu weich, als daß das Christentum darauf schreiben könnte. Die Gesichter der Brigan ten sind schrecklich anzusehen und doch sind sie gewiß nicht weiter von einem guten Leben entfernt und nur auf einer andren Seite desselben gelegen als ich.
Observing photographs of Corsican brigands: their faces are too hard, mine too soft for Christianity's inscription. Though terrible to behold, these brigands are no further from virtuous living than I - merely positioned on the opposite slope of the same mountain.
Labor ist, wo er gute Musik schreibt, absolut unromantisch. Das ist ein sehr merkwürdiges und bedeutsames Zeichen.
When Brahms composes good music, he is absolutely unromantic. This constitutes a remarkable and significant characteristic.
Wenn man die sokratischen Dialoge liest, so hat man das Gefühl: welche fürchterliche Zeitvergeudung! Wozu diese Argumente, die nichts beweisen und nichts klären?
Reading Socratic dialogues produces the impression: what dreadful waste of time! Why these arguments proving nothing and clarifying less?
Die Geschichte des Peter Schlemihls sollte, wie mir scheint, so lauten: Er verschreibt seine Seele um Geld dem Teufel. Dann reut es ihn und nun verlangt der Teufel den Schatten als Löse- geld. Peter Schlemihl aber bleibt die Wahl seine Seele dem Teufel zu schenken, oder mit dem Schatten auf das Gemeinschaftsleben der Menschen zu verzichten.
The story of Peter Schlemihl should, it seems to me, read as follows: He sells his soul to the devil for money. Later he repents, and now the devil demands his shadow as ransom. But Peter Schlemihl faces the choice of either surrendering his soul to the devil or renouncing communal life among humans by losing his shadow.
Im Christentum sagt der liebe Gott gleichsam zu den Men- schen: Spielt nicht Tragödie, das heißt Himmel und Hölle auf Erden. Himmel und Hölle habe ich mir vorbehalten.
In Christianity, the dear God says to humanity, as it were: Do not play tragedy—that is, do not enact heaven and hell on earth. Heaven and hell are reserved for me alone.
So könnte Spengler besser verstanden werden, wenn er sagte: ich vergleiche verschiedene Kulturperioden dem Leben von Familien, innerhalb der Familie gibt es eine Familienähnlichkeit, während es auch zwischen Mitgliedern verschiedener Familien eine Ahnlichkeit gibt; die Familienähnlichkeit unterscheidet sich von der andern Ahnlichkeit so und so etc. Ich meine: Das Ver- gleichsobjekt, der Gegenstand, von welchem diese Betrach- tungsweise abgezogen ist, muß uns angegeben werden, damit nicht in die Diskussion immer Ungerechtigkeiten einfließen. Denn da wird dann alles, was für das Urbild der Betrachtung stimmt, nolens volens auch von dem Objekt, worauf wir die Betrachtung anwenden behauptet; und behauptet es müsse immer.....
Spengler could be better understood if he said: I compare different cultural epochs to the lives of families; within a family, there is a family resemblance, while there is also resemblance between members of different families. The family resemblance differs from the other kind of resemblance in such and such ways, etc. What I mean is: The object of comparison, the prototype from which this perspective is derived, must be clearly indicated to prevent injustices from creeping into the discussion. For otherwise, everything that holds true for the prototype will be dogmatically asserted of the object under consideration, whether we like it or not. And it will be claimed that this must always be the case....
Adelbert von Chamisso, Peter Schlemihs wundersame Geschichte.
Adelbert von Chamisso, Peter Schlemihl's Miraculous Story.
Das kommt nun daher, daß man den Merkmalen des Urbilds einen Halt in der Betrachtung geben will. Da man aber Urbild und Objekt vermischt, dem Objekt dogmatisch beilegen muß, was nur das Urbild charakterisieren muß. Anderseits glaubt man, die Betrachtung habe nicht die Allgemeinheit, die man ihr geben will, wenn sie nur für den einen Fall wirklich stimmt. Aber das Urbild soll ja eben als solches hingestellt werden; daß es die ganze Betrachtung charakterisiert, ihre Form bestimmt. Es stehtalso an der Spitze und ist dadurch allgemein gültig, daß es die Form der Betrachtung bestimmt, nicht dadurch, daß alles, was nur von ihm gilt, von allen Objekten der Betrachtung ausgesagt wird.
This arises because one seeks to anchor the characteristics of the prototype within the analysis. But by conflating the prototype and the object, one dogmatically attributes to the object what should only characterize the prototype. On the other hand, one fears that the analysis will lack the generality intended unless it applies beyond the single case. Yet the prototype is meant to stand precisely as such—it determines the form of the entire inquiry and thereby achieves universal validity, not by asserting that everything true of it applies to all objects of the analysis.
Man möchte so bei allen übertriebenen, dogmatisierenden Behauptungen immer fragen: Was ist denn nun daran wirklich wahr? Oder auch: In welchem Fall stimmt denn das nun wirklich?
In response to all exaggerated, dogmatic assertions, one should always ask: What here is actually true? Or: In what specific case does this genuinely hold?
Aus dem Simplicissimus: Rätsel der Technik. (Bild: Zwei Professoren vor einer im Bau befindlichen Brücke.) Stimme von oben: Laß abi-hüah-laß abi sag' i-nacha drah'n mer'n anders um!. -Es ist doch unfaßlich, Herr Kollega, daß eine so komplizierte und exakte Arbeit in dieser Sprache zustande kom men kann..
From Simplicissimus: Riddle of Technology. (Image: Two professors before a bridge under construction.) Voice from above: "Let go—whoa! Let go, I said—no, twist it the other way!" — "It's truly inconceivable, colleague, that such a complex and precise task can be accomplished using this language."
Man hört immer wieder die Bemerkung, daß die Philosophie eigentlich keinen Fortschritt mache, daß die gleichen philosophischen Probleme, die schon die Griechen beschäftigten, uns noch beschäftigen. Die das aber sagen, verstehen nicht den Grund, warum es so sein muß. Der ist aber, daß unsere Sprache sich gleich geblieben ist und uns immer wieder zu denselben Fragen verführt. Solange es ein Verbum sein geben wird, das zu funktionieren scheint wie essen und trinken, solange es Adjektive identisch, wahr, falsch, möglich geben wird, solange von einem Fluß der Zeit und von einer Ausdehnung des Raumes die Rede sein wird, usw., usw., solange werden die Menschen immer wieder an die gleichen rätselhaften Schwierigkeiten stoßen, und auf etwas starren, was keine Erklärung scheint wegheben zu können.
One often hears the remark that philosophy makes no real progress, that the same philosophical problems which occupied the Greeks still occupy us. Those who say this fail to grasp why this must be so. The reason is that our language remains unchanged and continually seduces us into asking the same questions. As long as there exists a verb "to be" that functions like "to eat" and "to drink," as long as there are adjectives like "identical," "true," "false," "possible," as long as we speak of the flow of time and the expanse of space, etc., etc., people will keep stumbling over the same enigmatic difficulties and staring at something no explanation seems capable of removing.
Und dies befriedigt im Übrigen ein Verlangen nach dem Transcendenten, denn, indem sie die Grenze des menschlichen Verstandes zu sehen glauben, glauben sie natürlich, über ihn hinaus sehen zu können.
This, moreover, satisfies a craving for the transcendent, for by believing they see the limits of human understanding, they naturally think they can look beyond them.
Ich lese: ... philosophers are no nearer to the meaning of Reality than Plato got,..... Welche seltsame Sachlage. Wie sonderbar, daß Platon dann überhaupt so weit kommen konnte! Oder, daß wir dann nicht weiter kommen konnten! War es, weil Platon so gescheit war?
I read: "...philosophers are no nearer to the meaning of Reality than Plato got,..." What a strange state of affairs! How remarkable that Plato could advance so far! Or that we cannot advance further! Was it because Plato was so clever?
Kleist schrieb einmal+, es wäre dem Dichter am liebsten, er könnte die Gedanken selbst ohne Wort übertragen. (Welch selt- sames Eingeständnis.)
Kleist once wrote+ that a poet would most prefer to transmit thoughts without words. (What a peculiar admission.)
Es wird oft gesagt, daß die neue Religion die Götter der alten zu Teufeln stempelt. Aber in Wirklichkeit sind diese dann wohl schon zu Teufeln geworden.
It is often said that a new religion demonizes the gods of the old. But in reality, those gods had likely already become demons.
Die Werke der großen Meister sind Sonnen, die um uns her auf- und untergehen. So wird die Zeit für jedes große Werk wiederkommen, das jetzt untergegangen ist.
The works of the great masters are suns that rise and set around us. Thus, the time will return for every great work now in eclipse.
Mendelssohns Musik, wo sie vollkommen ist, sind musikali- sche Arabesken. Daher empfinden wir bei ihm jeden Mangel an Strenge peinlich.
Mendelssohn's music, where it achieves perfection, consists of musical arabesques. Hence, any lack of rigor in his work strikes us as painfully incongruous.
*Brief eines Dichters an einen anderen, 5. Januar 1811.
*Letter from one poet to another, January 5, 1811.
Der Jude wird in der westlichen Zivilisation immer mit Mafßen gemessen, die auf ihn nicht passen. Daß die griechischen Denker weder im westlichen Sinn Philosophen, noch im westlichen Sinn Wissenschaftler waren, daß die Teilnehmer der OlympischenSpiele nicht Sportler waren und in kein westliches Fach passen, ist vielen klar. Aber so geht es auch den Juden. Und indem uns die Wörter unserer Sprache als die Maße schlechthin erscheinen, tun wir ihnen immer Unrecht. Und sie werden bald überschätzt, bald unterschätzt. Richtig reiht dabei Spengler Weininger nicht unter die westlichen Philosophen (Denker).
The Jew is always measured within Western civilization by standards that do not fit him. That Greek thinkers were neither philosophers nor scientists in the Western sense, that participants in the Olympic Games were not athletes and do not fit into any Western category, is clear to many. The same applies to Jews. And since the words of our language appear as the ultimate measures, we always do them injustice. They are alternately overestimated and underestimated. Spengler correctly does not classify Weininger among Western philosophers (thinkers).
1931
1931
Nichts, was man tut, läßt sich endgültig verteidigen. Sondern nur in Bezug auf etwas anderes Festgesetztes. D.h., es läßt sich kein Grund angeben, warum man so handeln soll (oder hat handein sollen), als der sagt, daß dadurch dieser Sachverhalt hervorgerufen werde, den man wieder als Ziel binnehmen тиß.
Nothing one does can be definitively justified. Only in relation to something else that is fixed. That is, no reason can be given why one should act (or should have acted) in a certain way beyond saying that it produces a state of affairs which one again posits as a goal.
1931
1931
Das Unaussprechbare (das, was mir geheimnisvoll erscheint und ich nicht auszusprechen vermag) gibt vielleicht den Hinter grund, auf dem das, was ich aussprechen konnte, Bedeutung bekommt.
The inexpressible (what appears mysterious to me and which I cannot articulate) perhaps provides the background against which what I can express gains significance.
1931
1931
Die Arbeit an der Philosophie ist wie vielfach die Arbeit in der Architektur-eigentlich mehr die Arbeit an Einem selbst. An der eignen Auffassung. Daran, wie man die Dinge sieht. (Und was man von ihnen verlangt.)
Work in philosophy is—like work in architecture—in many ways really work on oneself. On one's own conception. On how one sees things. (And what one demands of them.)
1931
1931
Der Philosoph kommt leicht in die Lage eines ungeschickten Direktors, der, statt seine Arbeit zu tun und nur darauf zu schauen, daß seine Angestellten ihre Arbeit richtig machen. ihnen ihre Arbeit abnimmt und sich so eines Tages mit fremder Arbeit überladen sieht, während die Angestellten zuschauen und ihn kritisieren.
The philosopher easily finds himself in the position of an inept director who, instead of doing his job and merely overseeing his employees' work, takes over their tasks. Thus one day he is overwhelmed with alien labor while the employees watch and criticize him.
1931
1931
Der Gedanke ist schon vermüdelt und läßt sich nicht mehr gebrauchen. (Eine ähnliche Bemerkung hörte ich einmal von Labor, musikalische Gedanken betreffend.) Wie Silberpapier, das einmal verknittert ist, sich nie mehr ganz glätten läßt. Fast alle meine Gedanken sind etwas verknittert.
The thought is already crumpled and can no longer be used. (I once heard a similar remark from Labor regarding musical ideas.) Like tin foil that, once creased, can never be fully smoothed. Nearly all my thoughts are somewhat creased.
Ich denke tatsächlich mit der Feder, denn mein Kopf weiß oft nichts von dem, was meine Hand schreibt.
I truly think with the pen, for my head often knows nothing of what my hand writes.
Die Philosophen sind oft wie kleine Kinder, die zuerst mit ihrem Bleistift beliebige Striche auf ein Papier kritzeln und dann den Erwachsenen fragen was ist das? Das ging so zu: Der Erwachsene hatte dem Kind öfters etwas vorgezeichnet und gesagt: das ist ein Mann, das ist ein Hause, usw. Und nun macht das Kind auch Striche und fragt: was ist nun das?
Philosophers are often like small children who first scribble random lines on paper with a pencil and then ask adults: "What is this?" It happened thus: The adult had previously drawn figures for the child and said: "This is a man," "This is a house," etc. Now the child makes lines and asks: "What is this now?"
Ramsey war ein bürgerlicher Denker. D.h., seine Gedanken hatten den Zweck, die Dinge in einer gegebenen Gemeinde zu ordnen. Er dachte nicht über das Wesen des Staates nach oder doch nicht gerne sondern darüber, wie man diesen Staat vernünftig einrichten könne. Der Gedanke, daß dieser Staat nicht der einzig mögliche sei, beunruhigte ihn teils, teils langweilte er ihn. Er wollte so geschwind als möglich dahin kommen, über die Grundlagen dieses Staates nachzudenken. Hier lag seine Fähigkeit und sein eigentliches Interesse; während die eigentlich philosophische Überlegung ihn beunruhigte, bis er ihr Resultat (wenn sic eins hatte) als trivial zur Seite schob.
Ramsey was a bourgeois thinker. That is, his thoughts aimed to order things within a given community. He did not reflect on the essence of the state—or at least not gladly—but rather on how this state could be rationally organized. The idea that this state might not be the only possible one partly unsettled him, partly bored him. He wanted to arrive as quickly as possible at contemplating the foundations of this state. Here lay his ability and genuine interest; whereas properly philosophical reflection troubled him until he dismissed its result (if it had one) as trivial.
Es könnte sich eine seltsame Analogie daraus ergeben, daß das Okular auch des riesigsten Fernrohrs nicht größer sein darf*, als unser Auge.
A curious analogy might arise from the fact that the eyepiece of even the largest telescope cannot be larger than* our eye.
Tolstoi: die Bedeutung (Bedeutsamkeit) eines Gegenstandes liegt in seiner allgemeinen Verständlichkeit. Das ist wahr und falsch. Das, was den Gegenstand schwer verständlich macht, ist wenn er bedeutend, wichtig, ist nicht, daß irgendeine beson- dere Instruktion über abstruse Dinge zu seinem Verständnis erforderlich wäre, sondern der Gegensatz zwischen dem Verste- hen des Gegenstandes und dem, was die meisten Menschen sehen wollen. Dadurch kann gerade das Naheliegendste am aller schwersten verständlich werden. Nicht eine Schwierigkeit des Verstandes, sondern des Willens, ist zu überwinden.
Tolstoy: The significance (meaningfulness) of an object lies in its universal comprehensibility. This is both true and false. What makes an object difficult to comprehend is not that some abstruse instruction is required for its understanding, but rather the contrast between comprehending the object and what most people wish to see. Thus, the most obvious can become the hardest to grasp. It is not a difficulty of the intellect but of the will that must be overcome.
Wer heute Philosophie lehrt, gibt dem Andern Speisen, nicht, weil sie ihm schmecken, sondern um seinen Geschmack zu ändern.
Whoever teaches philosophy today gives others nourishment—not because it tastes good to them, but to alter their taste.
Ich soll nur der Spiegel sein, in welchem mein Leser sein eigenes Denken mit allen seinen Unförmigkeiten sieht, und mit dieser Hilfe zurecht richten kann.
I should merely be the mirror in which my reader sees his own thinking with all its distortions, and with this aid can set it right.
* Var. im Manuskript: nichs größer ist.
* Var. in manuscript: no larger is.
Die Sprache hat für Alle die gleichen Fallen bereit; das unge- heure Netz gut gangbarer Irrwege. Und so sehen wir also Einen nach dem Andern die gleichen Wege gehn, und wissen schon, wo er jetzt abbiegen wird, wo er geradeaus fortgehen wird, ohne die Abzweigung zu bemerken, etc. etc. Ich sollte also an allen Stel-len, wo falsche Wege abzweigen, Tafeln aufstellen, die über die gefährlichen Punkte hinweghelfen.
Language lays the same traps for everyone; the immense network of well-trodden wrong paths. And so we see one person after another walking the same routes, already knowing where he will turn off, where he will proceed straight ahead without noticing the fork, etc. etc. Thus, at all points where false paths branch off, I should erect signs that help navigate the dangerous spots.
Was Eddington über ›die Richtung der Zeit‹ und den Entro- piesatz sagt, läuft darauf hinaus, daß die Zeit ihre Richtung umkehren würde, wenn die Menschen eines Tages anfingen, rückwärts zu gehen. Wenn man will, kann man das freilich so nennen; man muß dann nur darüber klar sein, daß man damit nichts anders sagt als, daß die Menschen ihre Gehrichtung geän- dert haben.
What Eddington says about "the direction of time" and the law of entropy amounts to this: that time would reverse its direction if humans one day began walking backward. If one wishes, one can certainly call it that; but one must then be clear that this says nothing other than that humans have altered their direction of movement.
Einer teilt die Menschen ein, in Käufer und Verkäufer, und vergißt, daß Kaufer auch Verkäufer sind. Wenn ich ihn daran erinnere, wird seine Grammatik geändert??
Someone classifies people into buyers and sellers, forgetting that buyers are also sellers. If I remind him of this, is his grammar thereby altered??
Das eigentliche Verdienst eines Kopernikus oder Darwin war nicht die Entdeckung einer wahren Theorie, sondern eines fruchtbaren neuen Aspekts.
The real achievement of a Copernicus or Darwin was not the discovery of a true theory but of a fruitful new aspect.
Ich glaube, was Goethe eigentlich hat finden wollen, war keine physiologische, sondern eine psychologische Theorie der Far- ben.
I believe what Goethe was truly seeking was not a physiological but a psychological theory of colors.
Eine Beichte muß ein Teil des neuen Lebens sein.
A confession must be part of the new life.
Ich drücke, was ich ausdrücken will, doch immer nur mit halbem Gelingen aus. Ja, auch das nicht, sondern vielleicht nurmit einem Zehntel. Das will doch etwas besagen. Mein Schreiben ist oft nur ein »Stammeln«.
What I attempt to express is only ever half-successful. Indeed, perhaps not even that, but merely a tenth. Yet this signifies something. My writing often amounts only to "stammering."
Das jüdische »Genie« ist nur ein Heiliger. Der größte jüdische Denker ist nur ein Talent. (Ich z. B.)
Jewish "genius" is solely that of a saint. The greatest Jewish thinker remains merely a talent. (Myself, for instance.)
Es ist, glaube ich, eine Wahrheit darin, wenn ich denke, daß ich eigentlich in meinem Denken nur reproduktiv bin. Ich glaube, ich habe nie eine Gedankenbewegung erfunden, sondern sie wurde mir immer von jemand anderem gegeben. Ich habe sie nur sogleich leidenschaftlich zu meinem Klärungswerk aufge- griffen. So haben mich Boltzmann, Hertz, Schopenhauer, Frege, Russell, Kraus, Loos, Weininger, Spengler, Sraffa beeinflußit. Kann man als ein Beispiel jüdischer Reproduktivität Breuer und Freud heranziehen? Was ich erfinde, sind neue Gleichnisse.
There is truth, I believe, in my sense that I am fundamentally reproductive in my thinking. I do not think I have ever invented a movement of thought; rather, each was given to me by another. I have merely seized upon them passionately for my work of clarification. Thus have Boltzmann, Hertz, Schopenhauer, Frege, Russell, Kraus, Loos, Weininger, Spengler, and Sraffa influenced me. Might Breuer and Freud serve as examples of Jewish reproductive capacity? What I invent are new parables.
Als ich seinerzeit den Kopf für Drobil modellierte, so war auch die Anregung wesentlich ein Werk Drobils und meine Arbeit war eigentlich wieder die des Klärens. Ich glaube, das Wesentliche ist, daß die Tätigkeit des Klärens mit Mut betrieben werden muß: fehit der, so wird sie ein bloßes gescheites Spiel.
When I once modeled a bust of Drobil, the inspiration too was essentially Drobil's own work, and my labor was again that of clarification. I believe the crucial point is that this clarifying activity must be pursued with courage: lacking this, it becomes mere clever play.
Der Jude muß im eigentlichen Sinn »sein Sach‘ auf nichts stellen«. Aber das fällt gerade ihm besonders schwer, weil er, sozusagen, nichts hat. Es ist viel schwerer freiwillig arm zu sein, wenn man arm sein maß, als, wenn man auch reich sein könnte.
The Jew must, in the truest sense, "set his affairs on nothing." Yet this proves exceptionally difficult for him, precisely because he has, so to speak, nothing. Voluntary poverty is far harder when one must be poor than when one could also choose wealth.
* Der Satz zwischen Parenthesen stammt aus Wilhelm Buschs Prosadichtung
* The parenthetical sentence originates from Wilhelm Busch’s prose poem
Man könnte sagen (ob es nun stimmt oder nicht), daß der jüdische Geist nicht im Stande ist, auch nur ein Gräschen oder Blümchen hervorzubringen, daß es aber seine Art ist, das Gräs- chen oder die Blume, die im andern Geist gewachsen ist, abzu- zeichnen und damit ein umfassendes Bild zu entwerfen. Das ist nun nicht die Angabe eines Lasters und es ist alles in Ordnung, solange das nur völlig klar bleibt. Gefährlich wird es erst, wenn man die Art des Jüdischen mit der des Nicht-Jüdischen Werks verwechselt, und besonders, wenn das der Schöpfer des ersteren selbst tut, was so nahe liegt. (Sieht er nicht so stolz aus, als ob er selber gemolken wäre.")Es ist dem jüdischen Geiste typisch, das Werk eines Andern besser zu verstehen, als der es selbst versteht.
One might say (whether accurate or not) that the Jewish spirit cannot produce even a tiny blade of grass or flower, but that its nature lies in drawing such grass or flowers that have grown in other minds, thereby devising comprehensive images. This is not an indictment but remains unproblematic so long as clarity prevails. Danger arises only when the Jewish mode is conflated with the non-Jewish work — especially if the creator of the former himself commits this error, which lies all too near. ("Does he not look as proud as if he had milked himself?")
It is characteristic of the Jewish spirit to understand another's work better than its creator does.
1931
1931
Ich habe mich oft dabei ertappt, wenn ich ein Bild entweder richtig hätte rahmen lassen oder in die richtige Umgebung gehan- gen hatte, so stolz zu sein, als hätte ich das Bild gemalt. Das ist eigentlich nicht richtig: nicht so stolz, als hätte ich es gemalt, sondern so stolz, als hätte ich es malen geholfen, als hätte ich sozusagen einen kleinen Teil davon gemalt. Es ist so, als würde der aufßerordentliche Arrangeur von Gräsern am Schluß denken, daß er doch, wenigstens ein ganz winziges Gräschen, selbst erzeugt habe. Während er sich klar sein muß, daß seine Arbeit auf einem gänzlich andern Gebiet liegt. Der Vorgang der Entste- hung auch des winzigsten und schäbigsten Gräschens ist ihm gänzlich fremd und unbekannt.
I have often caught myself feeling, when I framed a picture correctly or hung it in the proper setting, as proud as if I had painted it. This is not quite right: not as proud as having painted it, but as having assisted in its painting — as if I had contributed a small part. It resembles the extraordinary arranger of grasses who eventually imagines he has himself produced at least one minuscule blade. Yet he must recognize his labor lies in an entirely different domain. The process by which even the tiniest, humblest blade emerges remains wholly foreign and unknown to him.
1931
1931
Das genaueste Bild eines ganzen Apfelbaumes hat in gewissem Sinne unendlich viel weniger Ahnlichkeit mit ihm, als das klein- ste Masliebchen mit dem Baum hat. Und in diesem Sinne ist eine Brucknersche Symphonie mit einer Symphonie der heroischen Zeit unendlich näher verwandt, als eine Mahlerische. Wenn diese ein Kunstwerk ist, dann eines gänzlich andrer Art. (Diese Betrachtung aber selbst ist eigentlich Spenglerisch.)
The most precise image of an entire apple tree bears infinitely less resemblance to it, in a certain sense, than the smallest daisy does to the tree. In this sense, a Bruckner symphony is infinitely closer kin to a symphony of the heroic era than a Mahlerian one is. If the latter is a work of art, it belongs to an entirely different category. (This very observation is itself Spenglerian in character.)
1931
1931
Als ich übrigens in Norwegen war, im Jahre 1913-14, hätte ich eigene Gedanken, so scheint es mir jetzt wenigstens. Ich meine, es kommt mir so vor, als hätte ich damals in mir neue Denkbewe- gungen geboren (aber vielleicht irre ich mich). Während ich jetzt nur mehr alte anzuwenden scheine.
Incidentally, during my time in Norway in 1913-14, I seem to have had original thoughts — or so it appears to me now. I mean to say, I recall generating new movements of thought within myself then (though I may be mistaken). Whereas now I seem only to apply old ones.
1931
1931
Eduards Traum. Der Herausgeber in Herm Robert Löffler für diese Auskunft zu Dank verpflichtet.
Eduard's Dream. The editor is indebted to Mr. Robert Löffler for this information.
Wenn manchmal gesagt wird, die Philosophie eines Menschen sei Temperamentssache, so ist auch darin eine Wahrheit. Die Bevorzugung gewisser Gleichnisse ist das, was könnte man Tem- peramentssache nennen und auf ihr beruht ein viel größerer Teil der Gegensätze, als es scheinen möchte.
When it is sometimes said that a person's philosophy is a matter of temperament, there lies a truth here too. The preference for certain parables constitutes what one might call temperament, and this underlies far more of the apparent oppositions than meets the eye.
-Betrachte diese Beule als ein regelrechtes Glied deines Kör- pers! Kann man das, auf Befehl? Ist es in meiner Macht, will- kürlich ein Ideal von meinem Körper zu haben oder nicht?
"Regard this protrusion as a proper limb of your body!" Can one do so on command? Is it within my power to adopt or discard an ideal image of my body at will?
Die Geschichte der Juden wird darum in der Geschichte der europäischen Völker nicht mit der Ausführlichkeit behandelt, wie es ihr Eingriff in die europäischen Ereignisse eigentlich ver- diente, weil sie als eine Art Krankheit, und Anomalie, in dieser Geschichte empfunden werden und niemand gern eine Krank- heit mit dem normalen Leben gleichsam auf eine Stufe stellt [und niemand gern von einer Krankheit als etwas Gleichberechtigtem mit den gesunden Vorgängen (auch schmerzhafte) im Körper spricht.]
Jewish history is not treated with the thoroughness in European historiography that its impact on European events would merit, because Jews are perceived as a kind of disease and anomaly within this history. No one wishes to place an illness on the same level as normal life [nor speak of a disease as coequal with the body’s healthy (even painful) processes].
Man kann sagen: diese Beule kann nur dann als ein Glied des Körpers betrachtet werden, wenn sich das ganze Gefühl für den Körper ändert (wenn sich das ganze Nationalgefühl für den Körper ändert). Sonst kann man sie höchstens dulden.
One might say: this protrusion can only be regarded as a limb of the body if the entire bodily sensibility changes (if the entire national sensibility toward the body changes). Otherwise, it can at most be tolerated.
Vom einzelnen Menschen kann man so eine Duldung erwar ten, oder auch, daß er sich über diese Dinge hinwegsetzt; nicht aber von der Nation, die ja nur dadurch Nation ist, daß sie sich darüber nicht hinwegsetzt. D.h., es ist ein Widerspruch zu erwarten, daß Einer das alte aesthetische Gefühl für seinen Kör per behalten und die Beule willkommen heißen wird.
An individual may be expected to tolerate such things or even disregard them, but not a nation — for a nation remains a nation precisely by not disregarding them. That is, it is contradictory to expect someone to retain the old aesthetic sensibility toward their body while welcoming the protrusion.
Macht und Besitz sind nicht dasselbe. Obwohl uns der Besitz auch Macht gibt. Wenn man sagt, die Juden hätten keinen Sinn für den Besitz, so ist das wohl vereinbar damit, daß sie gerne reich sind, denn das Geld ist für sie eine bestimmte Art vonMacht, nicht Besitz. (Ich möchte z. B. nicht, daß meine Leute arm werden, denn ich wünsche ihnen eine gewisse Macht. Frei- lich auch, daß sie diese Macht recht gebrauchen möchten.) 1931
Power and possession are not the same. Though possession may also grant power. When it is said that Jews lack a sense of possession, this may well coexist with their desire for wealth, since money represents for them a specific form of power, not possession. (For instance, I do not wish my people to become poor, for I desire them to retain a certain power. Yet I also wish them to wield this power rightly.) 1931
Zwischen Brahms und Mendelssohn herrscht entschieden eine gewisse Verwandtschaft; und zwar meine ich nicht die, welche sich in einzelnen Stellen in Brahmschen Werken zeigt, die an Mendelssohnsche Stellen erinnern, sondern man könnte die Ver- wandtschaft, von der ich rede, dadurch ausdrücken, daß man sagt, Brahms tue das mit ganzer Strenge, was Mendelssohn mit halber getan hat. Oder: Brahms ist oft fehlerfreier Mendels- sohn. 1931
There is undeniably a certain kinship between Brahms and Mendelssohn; by this I do not mean the resemblance found in specific Brahmsian passages that recall Mendelssohnian motifs, but rather a kinship one might express by saying Brahms executes with full rigor what Mendelssohn achieved only halfway. Or: Brahms is often a flawless Mendelssohn. 1931
LEIDENSCHAFTLICH
PASSIONATELY
Das wäre das Ende eines Themas, das ich nicht weiß. Es fiel mir heute ein, als ich über meine Arbeit in der Philosophie nachdachte und mir vorsagte: I destroy, I destroy, I destroy. 1931
This would be the conclusion of a theme unknown to me. It occurred to me today as I reflected on my philosophical work and repeated to myself: I destroy, I destroy, I destroy. 1931
* Die Bestimmung der Takzart fehlt im MS. Der Herausgeber ist Herrn Fabian Dahlström für sachkundige Hilfe bei der Deutung der schwer leslichen Noten schrift zu großem Dank verpflichtet.
* The time signature is missing in the manuscript. The editor expresses profound gratitude to Mr. Fabian Dahlström for his expert assistance in deciphering the barely legible musical notation.
Man hat manchmal gesagt, daß die Heimlichkeit und Ver- stecktheit der Juden durch die lange Verfolgung hervorgebracht worden sei. Das ist gewiß unwahr; dagegen ist es gewißß, daß sie, trotz dieser Verfolgung, nur darum noch existieren, weil sie die Neigung zu dieser Heimlichkeit haben. Wie man sagen könnte, daß das und das Tier nur darum noch nicht ausgerottet sei, weil es die Möglichkeit oder Fähigkeit hat, sich zu verstecken. Ich meine natürlich nicht, daß man darum diese Möglichkeit preisen soll, durchaus nicht..
It has sometimes been said that Jewish secrecy and concealment arose from centuries of persecution. This is certainly false; what is certain, however, is that their survival despite persecution depends precisely on their proclivity for such secrecy. One might say that this or that animal persists only because it possesses the ability to hide. I do not mean, of course, that this capacity should be praised—far from it.
Die Musik Bruckners hat nichts mehr von dem langen und schmalen (nordischen?) Gesicht Nestroys, Grillparzers, Haydns etc., sondern hat ganz und gar ein rundes, volles (alpenländi sches?) Gesicht, von noch ungemischterem Typus als das Schu berts war.
Bruckner’s music no longer bears the elongated, narrow (Nordic?) countenance of Nestroy, Grillparzer, Haydn, etc., but instead possesses a wholly rounded, full (Alpine?) visage, of a purer type even than Schubert’s.
Die alles gleich machende Gewalt der Sprache, die sich am krassesten im Wörterbuch zeigt, und die es möglich macht, daß die Zeit personifiziert werden konnte, was nicht weniger merk würdig ist, als es wäre, wenn wir Gottheiten der logischen Kon- stanten hätten.
The homogenizing force of language, most starkly evident in the dictionary, makes possible the personification of time—a phenomenon no less remarkable than if we had deities for logical constants.
Ein schönes Kleid, das sich in Würmer und Schlangen verwan- delt (gleichsam koaguliert), wenn der, welcher es trägt, sich darin selbstgefällig in den Spiegel schaut.
A beautiful dress that transforms into worms and serpents (as if coagulating) when its wearer gazes at herself in the mirror with complacency.
Die Freude an meinen Gedanken ist die Freude an meinem eigenen seltsamen Leben. Ist das Lebensfreude?
The joy in my thoughts is the joy in my own strange life. Is this the joy of living?
Die Philosophen, welche sagen: nach dem Tod wird ein zeitloser Zustand eintreten, oder: mit dem Tod tritt ein zeitlo- ser Zustand ein, und nicht merken, daß sie im zeitlichen Sinne nach und mit und tritt ein gesagt haben, und, daß die Zeitlichkeit in ihrer Grammatik liegt.
Philosophers who declare that after death a timeless state will commence, or that with death a timeless state begins, fail to recognize that they have used the temporal terms "after," "with," and "begins," and that temporality is embedded in their grammar.
Erinnere Dich an den Eindruck guter Architektur, daß sie einen Gedanken ausdrückt. Man möchte auch ihr mit einer Geste folgen.
Recall the impression of good architecture: that it expresses a thought. One is tempted to follow it with a gesture.
Spiele nicht mit den Tiefen des Andern!
Do not toy with the depths of another!
Das Gesicht ist die Seele des Körpers.
The face is the soul of the body.
Man kann den eigenen Charakter so wenig von Außen betrachten, wie die eigene Schrift. Ich habe zu meiner Schrift eine cinseitige Stellung, die mich verhindert, sie auf gleichem Fuß mit anderen Schriften zu sehen und zu vergleichen. Circa 1932-1934
One can no more view one’s own character from the outside than one’s own handwriting. My relation to my handwriting is one-sided, preventing me from seeing and comparing it on equal footing with others. Circa 1932-1934
In der Kunst ist es schwer etwas zu sagen, was so gut ist wie: nichts zu sagen.
In art, it is difficult to say something as good as saying nothing.
An meinem Denken, wie an dem jedes Menschen, hängen die verdorrten Reste meiner früheren (abgestorbenen) Gedanken.
My thinking, like that of every person, bears the withered remnants of my earlier (dead) thoughts.
Die verschiedenen Pflanzen und ihr menschlicher Charakter: Rose, Epheu, Gras, Eiche, Apfelbaum, Getreide, Palme. Vergli- chen mit dem verschiedenen Charakter der Wörter.
The diverse plants and their human characters: rose, ivy, grass, oak, apple tree, grain, palm. Compare with the distinct characters of words.
Wenn man das Wesen der Mendelssohnschen Musik charakte- risieren wollte, so könnte man es dadurch tun, daß man sagte, es gäbe vielleicht keine schwer verständliche Mendelssohnsche Musik.
To characterize the essence of Mendelssohn’s music, one might note that there is perhaps no Mendelssohnian music that is difficult to comprehend.
Jeder Künstler ist von Andern beeinflußt worden und zeigt die Spuren dieser Beeinflussung in seinen Werken; aber was er uns bedeutet, ist doch nur seine Persönlichkeit. Was vom Andern stammt, können nur Eierschalen sein. Daß sie da sind, mögen wir mit Nachsicht behandeln, aber unsere geistige Nahrung werden sie nicht sein.
Every artist is influenced by others and bears traces of this influence in their works; yet what matters to us is ultimately their personality. What derives from others can only be eggshells. We may tolerate their presence, but they will not nourish our minds.
Es kommt mir manchmal vor, als philosophierte ich bereits mit einem zahnlosen Mund und als schiene mir das Sprechen mit einem zahnlosen Mund als das eigentliche, wertvollere. Bei Kraus sehe ich etwas Ähnliches. Statt, daß ich es als Verfall. erkennte.
At times, it seems to me as though I philosophize with toothless gums, and as if speaking with toothless gums were the genuine, more valuable mode. I observe something similar in Kraus. Instead of recognizing it as decline.
Wenn etwa jemand sagt A's Augen haben einen schöneren Ausdruck als B's, so will ich sagen, daß er mit dem Wort»schön« gewiß nicht dasjenige meint, was allem, was wir schön nennen, gemeinsam ist. Vielmehr spielt er ein Spiel von ganz geringem Umfang mit diesem Wort. Aber worin drückt sich das aus? Schwebte mir denn eine bestimmte enge Erklärung des Wortes »schön« vor? Gewiß nicht. Aber ich werde vielleicht nicht einmal die Schönheit des Ausdrucks der Augen mit der Schönheit der Form der Nase vergleichen wollen.
When someone says that A's eyes have a more beautiful expression than B's, I would argue that by the word "beautiful" they certainly do not mean what is common to all things we call beautiful. Rather, they are playing a game of very limited scope with this word. But how is this expressed? Did a specific narrow definition of the word "beautiful" hover before me? Certainly not. Yet I might not even wish to compare the beauty of the eyes' expression with the beauty of a nose's shape.
Ja, man könnte etwa sagen: Wenn es in einer Sprache zwei Worte gäbe und also das Gemeinsame in diesem Falle nicht bezeichnet wäre, so würde ich für meinen Fall ruhig eines der beiden spezielleren Worte nehmen und es wäre mir nicht vom Sinn verloren gegangen.
Indeed, one might say: If a language had two words for beauty, so that the commonality in this case remained unnamed, I would calmly choose one of the two more specific words for my purpose without losing any meaning.
Wenn ich sage, A. habe schöne Augen, so kann man mich fragen: was findest Du an seinen Augen schön, und ich werde etwa antworten: die Mandelform, die langen Wimpern, die zarten Lider. Was ist das Gemeinsame dieser Augen mit einer gothischen Kirche, die ich auch schön finde? Soll ich sagen, sie machen mir einen ähnlichen Eindruck? Wie, wenn ich sagte: das Gemeinsame ist, daß meine Hand versucht ist, sie beide nachzuzeichnen? Das wäre jedenfalls eine enge Definition des Schönen.
If I say A has beautiful eyes, one might ask: What do you find beautiful about his eyes? I might reply: the almond shape, the long lashes, the delicate eyelids. What is common between these eyes and a Gothic church that I also find beautiful? Should I say they make a similar impression on me? What if I said: The commonality is that my hand feels tempted to sketch them both? This would at least be a narrow definition of beauty.
Man wird oft sagen können: frage nach den Gründen, warum Du etwas gut oder schön nennst, und die besondere Grammatik des Wortes-gut-in diesem Fall wird sich zeigen.
One can often say: Ask for the reasons why you call something good or beautiful, and the particular grammar of the word "good" in this case will reveal itself.
Ich glaube meine Stellung zur Philosophie dadurch zusammengefaßt zu haben, indem ich sagte: Philosophie dürfte man eigentlich nur dichten. Daraus muß sich, scheint mir, ergeben, wie weit mein Denken der Gegenwart, Zukunft, oder der Vergangenheit angehört. Denn ich habe mich damit auch als einen bekannt, der nicht ganz kann, was er zu können wünscht.
I believe I summarized my stance toward philosophy by stating: Philosophy ought really to be composed only as poetry. From this, it seems to me, follows the question of whether my thinking belongs to the present, future, or past. For by this I also confess myself as one who cannot fully achieve what he wishes to achieve.
Wenn man in der Logik einen Trick anwendet, wen kann man tricken, außer sich selbst?
If one uses a trick in logic, whom can one trick except oneself?
Namen der Komponisten. Manchmal ist es die Projektions- methode, die wir als gegeben betrachten. Wenn wir uns etwa fragen: Welcher Name würde den Charakter dieses Menschen treffen? Manchmal aber projizieren wir den Charakter in den Namen und sehen diesen als das Gegebene an. So scheint es uns, daß die uns wohl bekannten großen Meister gerade die Namen haben, die zu ihrem Werk passen.
Names of composers. Sometimes we take the method of projection as given. For instance, when we ask: Which name would capture this person's character? At other times, we project the character into the name and treat the latter as the given. Thus it appears to us that the great masters we know well bear names perfectly suited to their works.
Wenn Einer prophezeit, die künftige Generation werde sich mit diesen Problemen befassen und sie lösen, so ist das meist nur eine Art Wunschtraum, in welchem er sich für das entschuldigt, was er hätte leisten sollen, und nicht geleistet hat. Der Vater möchte, daß der Sohn das erreicht, was er nicht erreicht hat, damit die Aufgabe, die er ungelöst ließ, doch eine Lösung fände. Aber der Sohn kriegt eine newe Aufgabe. Ich meine: der Wunsch, die Aufgabe möge nicht unfertig bleiben, hüllt sich in die Vor- aussicht, sie werde von der nächsten Generation weitergeführt werden.
When someone prophesies that future generations will engage with and solve these problems, this is usually merely a kind of wishful thinking through which they excuse their own failure to accomplish what they should have. The father wishes the son to achieve what he himself did not, so that the task he left unresolved might still find a solution. But the son receives a new task. I mean: The desire for the task not to remain incomplete disguises itself as a prediction that it will be continued by the next generation.
Das überwältigende Können bei Brahms.
The overwhelming mastery in Brahms.
Wer Eile hat, wird in einem Wagen sitzend unwillkürlich anschieben, obwohl er sich sagen kann, daß er den Wagen gar nicht schiebt.
Someone in a hurry sitting in a carriage will involuntarily push forward, even though they might tell themselves they are not pushing the carriage at all.
Ich habe auch, in meinen künstlerischen Tätigkeiten, nur gute Manieren.
Even in my artistic activities, I possess only good manners.
Die seltsame Ähnlichkeit einer philosophischen Untersu chung (vielleicht besonders in der Mathematik) mit einer ästheti- schen. (Z. B., was an diesem Kleid schlecht ist, wie es gehörte, etc.)
The strange resemblance between a philosophical investigation (perhaps especially in mathematics) and an aesthetic one. (For example, what is wrong with this dress, how it ought to be, etc.)
In den Zeiten der stummen Filme hat man alle Klassiker zu den Filmen gespielt, aber nicht Brahms und Wagner.
In the era of silent films, all classical composers were played to accompany films—except Brahms and Wagner.
Brahms nicht, weil er zu abstrakt ist. Ich kann mir eine aufre- gende Stelle in einem Film mit Beethovenscher oder Schubert- scher Musik begleitet denken und könnte eine Art Verständnis für die Musik durch den Film bekommen. Aber nicht ein Ver- ständnis Brahmsscher Musik. Dagegen geht Bruckner zu einem Film.
Not Brahms because he is too abstract. I can imagine an intense scene in a film accompanied by Beethoven's or Schubert's music and could gain a kind of understanding of the music through the film. But not an understanding of Brahms's music. Bruckner, however, suits a film.
Wenn du ein Opfer bringst und dann darauf eitel bist, so wirst du mit samt deinem Opfer verdammt.
If you make a sacrifice and then become vain about it, you will be damned along with your sacrifice.
Das Gebäude Deines Stolzes ist abzutragen. Und das gibt furchtbare Arbeit.
The edifice of your pride must be torn down. And that is terrifically hard work.
In cinem Tag kann man die Schrecken der Hölle erleben; es ist reichlich genug Zeit dazu.
In a single day, one can experience the terrors of hell; there is ample time for that.
Es ist ein großer Unterschied zwischen den Wirkungen einer Schrift, die man leicht fließend lesen kann und einer, die man schreiben, aber nicht leicht entziffern kann. Man schließt in ihr die Gedanken ein, wie in einer Schatulle.
There is a great difference between the effects of a text that can be read fluently and one whose writing can be deciphered only with difficulty. In the latter, thoughts are enclosed as in a casket.
Die größere ›Reinheit‹ der nicht auf die Sinne wirkenden Gegenstände, z. B., der Zahlen.
The greater 'purity' of objects that do not act upon the senses, such as numbers.
Das Licht der Arbeit ist ein schönes Licht, das aber nur dann wirklich schön leuchtet, wenn es von noch einem andern Licht erieuchtet wird.
The light of work is a beautiful light, but it only truly shines beautifully when illuminated by another light.
»Ja, so ist es«, sagst Du, »denn so muß es sein!« (Schopenhauer: der Mensch lebt eigentlich too Jahre lang.) »Natürlich, so muß es sein!« Es ist da, als habe man die Absicht eines Schöpfers verstanden. Man hat das System verstanden.
"Yes, that is how it is," you say, "for that is how it must be!" (Schopenhauer: the true lifespan of a human is 100 years.) "Naturally, it must be so!" Here, it is as though one has understood the intention of a creator. One has grasped the system.
Man fragt sich nicht ›Wie lange leben denn Menschen wirk- lich?‹, das erscheint jetzt als etwas Oberflächliches; sondern man hat etwas tiefer Liegendes verstanden.
One does not ask, "How long do people actually live?"—that now appears superficial—but rather claims to have understood something more profound.
Nur* so nämlich können wir unsere Behauptungen der Unge rechtigkeit - oder Leere unserer Behauptungen entgehen, indem wir das Ideal als das, was es ist, nämlich als Vergleichsobjekt - sozusagen als Maßstab in unsrer Betrachtung ansehen statt als das Vorurteil, dem Alles konformieren muß. Hierin nämlich liegt der Dogmatismus, in den die Philosophie so leicht verfallen. kann.
Only* in this way can we escape the injustice—or emptiness—of our assertions: by regarding the ideal as what it is, namely as a comparative object, a measuring rod in our contemplation, rather than as a prejudice to which everything must conform. For herein lies the dogmatism into which philosophy can so easily lapse.
* Vgl. Philosophische Untersuchungen § 131.
* Cf. Philosophical Investigations § 131.
Was ist denn aber das Verhältnis einer Betrachtung wie derSpenglers und der meinen? Die Ungerechtigkeit bei Spengler: Das Ideal verliert nichts von seiner Würde, wenn es als Prinzip der Betrachtungsform hingestellt wird. Eine gute Meßbarkeit.-
But what then is the relation between a consideration like Spengler’s and my own? The injustice in Spengler: The ideal loses none of its dignity when presented as the principle of a mode of contemplation. A good measurability.-
In Macaulays Essays ist vieles ausgezeichnet; nur seine Wert- urteile über Menschen sind lästig und überflüssig. Man möchte ihm sagen: laß die Gestikulation! und sag nur, was Du zu sagen hast.
Much in Macaulay’s Essays is excellent; only his value judgments about people are irksome and superfluous. One would like to tell him: drop the gesticulation! and just say what you have to say.
Beinahe ähnlich, wie man sagt, daß die alten Physiker plötz- lich gefunden haben, daß sie zu wenig Mathematik verstehen, um die Physik bewältigen zu können, kann man sagen, daß die jungen Menschen heutzutage plötzlich in der Lage sind, daß der normale, gute Verstand für die seltsamen Ansprüche des Lebens nicht mehr ausreicht. Es ist alles so verzwickt geworden, daß, es zu bewältigen, ein ausnahmsweiser Verstand gehörte. Denn es genügt nicht mehr, das Spiel gut spielen zu können; sondern immer wieder ist die Frage: ist dieses Spiel jetzt überhaupt zu spielen und welches ist das rechte Spiel?
Almost akin to how one says that ancient physicists suddenly found they understood too little mathematics to master physics, one could say that young people today suddenly find themselves in a position where normal, sound common sense no longer suffices for the strange demands of life. Everything has become so intricate that mastering it would require an exceptional intellect. For it is no longer enough to play the game well; the question now is ever-recurring: should this game even be played at all, and which is the right game?
Die Lösung des Problems, das Du im Leben siehst, ist eine Art zu leben, die das Problemhafte zum Verschwinden bringt.
The solution to the problem you see in life is a way of living that makes the problematic disappear.
Daß das Leben problematisch ist, heißt, daß Dein Leben nicht in die Form des Lebens pafßt. Du mußt dann Dein Leben verän dern, und pafßt es in die Form, dann verschwindet das Problema- tische.
That life is problematic means that your life does not fit life’s form. You must then change your life, and once it fits the form, the problematic vanishes.
Aber haben wir nicht das Gefühl, daß der, welcher nicht darin ein Problem sieht, für etwas Wichtiges, ja das Wichtigste, blind ist? Möchte ich nicht sagen, der lebe so dahin eben blind, gleichsam wie ein Maulwurf, und wenn er bloß sehen könnte, so sahe er das Problem?Oder soll ich nicht sagen: daß, wer richtig lebt, das Problem nicht als Traurigkeit, also doch nicht problematisch, empfindet, sondern vielmehr als eine Freude; also gleichsam als einen lichten Ather um sein Leben, nicht als einen fraglichen Hintergrund.
But do we not feel that someone who sees no problem here is blind to something important, indeed to what is most important? Would I not like to say that such a person lives blindly, like a mole, and that if he could only see, he would see the problem? Or should I not say: he who lives rightly does not experience the problem as sadness, hence not as problematic, but rather as a joy; thus as it were a bright ether around his life, not a questionable background.
Auch Gedanken fallen manchmal unreif vom Baum.
Thoughts, too, sometimes fall unripe from the tree.
Es ist für mich wichtig, beim Philosophieren immer eine Lage zu verändern, nicht zu lange auf einem Bein zu stehen, um nicht steif zu werden.
In philosophizing, it is crucial for me to keep shifting positions, not to stand too long on one leg, lest I become stiff.
Wie, wer lange bergauf geht, ein Stückchen rückwärts geht, sich zu erfrischen, andre Muskeln anzuspannen.
Like someone who, after a long uphill climb, walks a little backward to refresh themselves, tensing different muscles.
Das Christentum ist keine Lehre, ich meine, keine Theorie darüber, was mit der Seele des Menschen geschehen ist und geschehen wird, sondern eine Beschreibung eines tatsächlichen Vorgangs im Leben des Menschen. Denn die »Erkenntnis der Sünde« ist ein tatsächlicher Vorgang, und die Verzweiflung des- gleichen und die Erlösung durch den Glauben desgleichen. Die, die davon sagen (wie Bunyan), beschreiben einfach, was ihnen geschehen ist, was immer einer dazu sagen will.
Christianity is not a doctrine, I mean, not a theory about what has happened and will happen to the human soul, but a description of an actual occurrence in human life. For the "consciousness of sin" is an actual occurrence, and so are despair and redemption through faith. Those who speak of such things (like Bunyan) are simply describing what happened to them, whatever others may say about it.
Wenn ich mir Musik vorstelle, was ich ja täglich und oft tue, so reibe ich dabei ich glaube immer meine oberen und unteren Vorderzähne rhythmisch an einander. Es ist mir schon früher aufgefallen, geschieht aber für gewöhnlich ganz unbewußt. Und zwar ist es, als würden die Töne meiner Vorstellung durch diese Bewegung erzeugt. Ich glaube, daß diese Art, im Innern Musik zu hören, vielleicht sehr allgemein ist. Ich kann mir natürlich auch ohne die Bewegung meiner Zähne Musik vorstellen, die Töne sind aber dann viel schemenhafter, viel undeutlicher, weni- ger prägnant.
When I imagine music, which I do daily and often, I believe I always rhythmically rub my upper and lower front teeth against each other. I noticed this before, though it usually happens quite unconsciously. It is as though the tones of my imagination were produced by this movement. I think this way of inwardly hearing music may be quite common. Of course, I can imagine music without moving my teeth, but then the tones are much more shadowy, vague, and less incisive.
Auch im Denken gibt es eine Zeit des Pflügens und eine Zeit der Ernte.
In thinking, too, there is a time for plowing and a time for harvest.
Wenn man z. B. gewisse bildhafte Sätze als Dogmen des Denkens für die Menschen festlegt, so zwar, daß man damit nicht Meinungen bestimmt, aber den Ausdruck aller Meinungen völlig beherrscht, so wird dies eine sehr eigentümliche Wirkung haben. Die Menschen werden unter einer unbedingten, fühlbaren Tyrannei leben, ohne doch sagen zu können, sie seien nicht frei. Ich meine, daß die katholische Kirche es irgendwie ähnlich macht. Denn das Dogma hat die Form des Ausdrucks einer Behauptung, und es ist an ihm nicht zu rütteln, und dabei kann man jede praktische Meinung mit ihm in Einklang bringen; freilich manche leichter, manche schwerer. Es ist keine Wand die Meinung zu beschränken, sondern wie eine Bremse, die aber praktisch den gleichen Dienst tut; etwa als hängte man, um Deine Bewegungsfreiheit zu beschränken, ein Gewicht an Deinen Fuß. Dadurch nämlich wird das Dogma unwiderlegbar und dem Angriff entzogen.
If, for instance, certain pictorial propositions are established as dogmas of thinking for humanity—not to determine opinions but to utterly govern the expression of all opinions—this will have a most peculiar effect. People will live under an absolute, palpable tyranny, yet cannot say they are unfree. I mean that the Catholic Church does something similar. For dogma has the form of an assertive expression, is unshakable, and yet can be reconciled with any practical opinion—some more easily, others with difficulty. It is not a wall constraining opinion but like a brake, serving the same practical purpose; as if, to restrict your freedom of movement, a weight were tied to your foot. Thus dogma becomes irrefutable and immune to attack.
Wenn ich für mich denke, ohne ein Buch schreiben zu wollen, so springe ich um das Thema herum; das ist die einzige mir naturliche Denkweise. In einer Reihe gezwungen, fortzudenken, ist mir cine Qual. Soll ich es nun überhaupt probieren?? Ich verschwende unsägliche Mühe auf ein Anordnen der Gedanken, das vielleicht gar keinen Wert hat.
When I think for myself without intending to write a book, I jump around the topic; this is the only natural way of thinking for me. Forced to think in a linear sequence is torture. Should I even attempt it?? I expend immense effort arranging thoughts that may have no value at all.
Leute sagen gelegentlich, sie könnten das und das nicht beurteilen, sie hätten nicht Philosophie gelernt. Dies ist ein irritierender Unsinn; denn es wird vorgegeben, die Philosophie sei irgendeine Wissenschaft. Und man redet von ihr etwa wie von der Medizin. Das aber kann man sagen, daß Leute, die nie eineUntersuchung philosophischer Art angestellt haben, wie die meisten Mathematiker z. B., nicht mit den richtigen Sehwerk- zeugen für derlei Untersuchung oder Prüfung ausgerüstet sind. Beinahe, wie Einer, der nicht gewohnt ist, im Wald nach Blu- men, Beeren oder Kräutern zu suchen, keine findet, weil sein Auge für sie nicht geschärft ist, und er nicht weiß, wo insbeson- dere man nach ihnen ausschauen muß. So geht der in der Philoso- phie Ungeübte an allen Stellen vorbei, wo Schwierigkeiten unter dem Gras verborgen liegen, während der Geübte dort stehen- bleibt und fühlt, hier sei eine Schwierigkeit, obgleich er sie noch nicht sieht. Und kein Wunder, wenn man weifß, wie lange auch der Geübte, der wohi merkt, hier liege eine Schwierigkeit, suchen muß, um sie zu finden.
People occasionally say they cannot judge this or that, claiming they haven't studied philosophy. This is irritating nonsense; for it pretends that philosophy is some kind of science. And one speaks of it roughly as one speaks of medicine. But this much can be said: those who have never engaged in philosophical inquiry—like most mathematicians, for instance—are not equipped with the proper optical instruments for such examination or scrutiny. It's almost like someone unaccustomed to searching for flowers, berries, or herbs in the forest: they find none because their eye isn't trained for them, nor do they know where specifically to look. Thus, the philosophically untrained pass by all places where difficulties lie hidden beneath the grass, while the practiced person stops there and senses that a difficulty exists here, even if they don’t yet see it. No wonder, then, that even the skilled practitioner who rightly senses a difficulty here must search long to uncover it.
Wenn etwas gut versteckt ist, ist es schwer zu finden. 1937
When something is well hidden, it is hard to find. 1937
Man kann von religiösen Gleichnissen sagen, sie bewegen sich am Rande des Abgrundes. Z. B., von der Allegorie B(unyan)'s. Denn wie, wenn wir bloß dazusetzen: und alle diese Fallen, Sümpfe, Abwege, sind vom Herrn des Weges angelegt, die Ungeheuer, Diebe, Räuber von ihm geschaffen worden?
One could say of religious parables that they move along the edge of an abyss. Take Bunyan's allegory, for example. For what if we were to add: all these traps, swamps, and wrong paths were laid by the Lord of the road; the monsters, thieves, and robbers created by Him?
Gewiß, das ist nicht der Sinn des Gleichnisses! aber diese Fort- setzung liegt zu nahe! Sie nimmt dem Gleichnis, für Viele und für mich, seine Kraft.
Certainly, this is not the meaning of the parable! Yet such a continuation lies all too close! For many, including myself, this robs the parable of its power.
Dann aber besonders, wenn dies-sozusagen verschwiegen wird. Anders wäre es, wenn auf Schritt und Tritt offen gesagt würde: Ich brauche dies als Gleichnis, aber schau: hier stimmt es nicht. Dann hätte man nicht das Gefühl, daß man hintergangen wird, daß jemand versucht mich auf Schleichwegen zu überzeu gen. Man kann Einem z. B. sagen: Danke Gott für das Gute, was Du empfängst, aber beklage Dich nicht über das Übel: wie Du es natürlich tätest, wenn ein Mensch Dir abwechselnd Gutes und Übles widerfahren ließe. Es werden Lebensregeln in Bilder gekleidet. Und diese Bilder können nur dienen, zu beschreiben, was wir tun sollen, aber nicht dazu, es zu begründen. Denn um begründen zu können, dazu müßten sie auch weiter stimmen. Ich kann sagen: Danke diesen Bienen für ihren Honig, alswären sie gute Menschen, die ihn für Dich bereitet haben; das ist verständlich und beschreibt, wie ich wünsche, Du sollest Dich benehmen. Aber nicht: Danke ihnen, denn sieh’, wie gut sie sind! - denn sie können Dich im nächsten Augenblick stechen.
But this is particularly troubling when it remains—so to speak—unspoken. It would be different if at every step it were openly stated: I use this as a parable, but see—here it doesn’t fit. Then one wouldn’t feel deceived, as though someone were trying to persuade through subterfuge. For instance, you might be told: Thank God for the good you receive, but do not complain about evil—just as you naturally would if a person alternately bestowed good and ill upon you. Life rules are clothed in images. These images can only serve to describe what we ought to do, not to justify it. For justification, they would need to hold true further. I might say: Thank these bees for their honey as if they were good people who prepared it for you—this is intelligible and describes how I wish you to behave. But not: Thank them, for behold how good they are!—since they might sting you the next moment.
Die Religion sagt: Tu dies! Denk so! aber sie kann es nicht begründen, und versucht sie es auch nur, so stößt sie ab; denn zu jedem Grund, den sie gibt, gibt es einen stichhaltigen Gegen- grund. Überzeugender ist es, zu sagen: Denke so! so seltsam dies scheinen mag. Oder: Möchtest Du das nicht tun? so abstoßend es ist
Religion says: Do this! Think thus!—but it cannot justify this, and when it tries, it repels; for every reason it offers, there is a valid counter-reason. More persuasive is to say: Think this way!—however strange it may seem. Or: Wouldn’t you want to do this?—however repellent.
Gnadenwahl: So darf man nur schreiben unter den fürchter- lichsten Leiden und dann heißt es etwas ganz anderes. Aber darum darf dies auch niemand als Wahrheit zitieren, es sei denn, er selbst sage es unter Qualen. Es ist eben keine Theorie. - Oder auch: Ist dies Wahrheit, so ist es nicht die, die damit auf den ersten Blick ausgesprochen zu sein scheint. Eher als eine Theo- rie, ist es ein Seufzer, oder ein Schrei.
Predestination: This can only be written under the most terrible suffering, and then it means something entirely different. Hence, no one may cite it as truth unless they themselves utter it in torment. It is no theory.—Or rather: If this is truth, it is not the truth that appears at first glance. More than a theory, it is a sigh or a cry.
Russell tat im Laufe unserer Gespräche oft den Ausspruch:
Logic's hell!
Und dies drückt ganz aus, was wir beim
Nachdenken über die logischen Probleme empfanden; nämlich
ihre ungeheure Schwierigkeit, ihre Härte und Glätte.
During our conversations, Russell often exclaimed: Logic's hell!
This perfectly captures what we felt while pondering logical problems—their immense difficulty, their hardness and smoothness.
Der Hauptgrund dieser Empfindung war, glaube ich, das Faktum: daß jede neue Erscheinung der Sprache, an die man nachträglich denken mochte, die frühere Erklärung als un- brauchbar erweisen könnte. (Die Empfindung war, daß die Spra- che immer neue, und unmögliche, Forderungen heranbringen konnte; und so jede Erklärung vereitelt wurde.)
The main source of this feeling, I believe, was the fact that every new linguistic phenomenon one might later consider could render prior explanations useless. (The sensation was that language could always make new—and impossible—demands, thereby thwarting every explanation.)
Das aber ist die Schwierigkeit, in die Sokrates verwickelt wird, wenn er die Definition eines Begriffes zu geben versucht. Immer wieder taucht eine Anwendung des Wortes auf, die mit dem Begriff nicht vereinbar erscheint, zu dem uns andere Anwendun- gen geleitet haben. Man sagt: es ist doch nicht so! - aber es istdoch sol- und kann nichts tun, als sich diese Gegensätze bestän dig zu wiederholen.
This is the difficulty Socrates becomes entangled in when attempting to define a concept. Again and again, a use of the word arises that seems incompatible with the concept suggested by other applications. One protests: But that’s not how it is!—yet it is so—and can do nothing but repeat these contradictions endlessly.
Die Quelle, die in den Evangelien ruhig und durchsichtig fließt, scheint in den Briefen des Paulus zu schäumen. Oder, so scheint es mir. Vielleicht ist es eben bloß meine eigene Unrein- heit, die hier die Trübung hineinsicht; denn warum sollte diese Unreinheit nicht das Klare verunreinigen können? Aber mir ist es, als sähe ich hier menschliche Leidenschaft, etwas wie Stolz oder Zorn, was sich nicht mit der Demut der Evangelien reimt. Als wäre hier doch ein Betonen der eigenen Person, und zwar als religiöser Akt, was dem Evangelium fremd ist. Ich möchte fragen und möge dies keine Blasphemie sein: Was hätte wohl Christus zu Paulus gesagt? Aber man könnte mit Recht darauf antworten: Was geht Dich das an? Schau, daß Du anständiger wirst! Wie Du bist, kannst Du überhaupt nicht verstehen, was hier die Wahrheit sein mag.
The spring that flows quietly and transparently in the Gospels seems to churn into foam in Paul's epistles. Or so it appears to me. Perhaps it is merely my own impurity that sees turbidity here; for why shouldn’t impurity cloud what is clear? But I feel I see human passion here—something like pride or anger—that clashes with the Gospels' humility. There seems an emphasis on the personal self as a religious act, foreign to the Gospel. I want to ask—and may this not be blasphemy—what would Christ have said to Paul? Yet one might rightly reply: What concern is that of yours? See to becoming more decent yourself! As you are, you cannot possibly grasp what truth might lie here.
In den Evangelien-so scheint mir-ist alles schlichter, demüti ger, einfacher. Dort sind Hütten; bei Paulus eine Kirche. Dort sind alle Menschen gleich und Gott selbst ein Mensch; bei Paulus gibt es schon etwas wie eine Hierarchie; Würden und Amter.
In the Gospels—so it seems to me—everything is humbler, simpler, more austere. There are huts; in Paul, a church. There all are equal and God Himself a man; in Paul, a hierarchy emerges—ranks and offices.
So sagt quasi mein GERUCHSINN.
Thus speaks my olfactory sense, as it were.
Laß uns menschlich sein.
Let us be human.
(Ich) nahm soeben Apfel aus einem Papiersack, wo sie lange gelegen hatten; viele mußte ich zur Hälfte wegschneiden und wegwerfen. Als ich dann einen Satz von mir abschrieb, dessen letzte Hälfte schlecht war, sah ich ihn gleich als zur Hälfte faulen Apfel. Und so geht es mir überhaupt. Alles, was mir in den Weg kommt, wird in mir zum Bild dessen, worüber ich noch denke. (Ist dies eine gewisse Weiblichkeit der Einstellung?)Mir geht es bei dieser Arbeit so, wie es Einem geht, wenn man sich vergebens anstrengt, einen Namen in die Erinnerung zu rufen; man sagt da: denk an etwas Anderes, dann wird es Dir einfallen und so mußte ich immer wieder an Anderes denken, damit mir das einfallen konnte, wonach ich lange gesucht hatte.
(I) had just taken apples from a paper bag where they had lain for a long time; many had to be half-cut away and discarded. When I later copied a sentence of mine whose latter half was poor, I immediately saw it as a half-rotten apple. And this is how it generally goes for me. Everything that crosses my path becomes within me an image of what I am still pondering. (Is this a certain feminine mode of orientation?) In this work, I proceed as one does when straining in vain to recall a name; one then says: think of something else, and it will come to you – and so I had to keep thinking of other things so that what I had long sought might occur to me.
Der Ursprung und die primitive Form des Sprachspiels ist eine Reaktion; erst auf dieser können die komplizierteren Formen wachsen.
The origin and primitive form of the language-game is a reaction; only upon this can the more complicated forms grow.
Die Sprache will ich sagen. ist eine Verfeinerung, «im Anfang war die Tat."
Language, I want to say, is a refinement. "In the beginning was the deed."*
* Goethe: Faust I
* Goethe: Faust I
Kierkegaard schreibt: Wenn das Christentum so leicht und gemütlich wäre, wozu hätte Gott in seiner Schrift Himmel und Erde in Bewegung gesetzt, mit ewigen Strafen gedroht?-Frage: Warum aber ist dann diese Schrift so undeutlich? Wenn man jemand vor furchtbarer Gefahr warnen will, tut man es, indem man ihm ein Rätsel zu raten gibt, dessen Lösung etwa die War- nung ist? - Aber wer sagt, daß die Schrift wirklich undeutlich ist: ist es nicht möglich, daß es hier wesentlich war, ein Rätsel aufzugeben? Daß eine direktere Warnung dennoch die falsche Wirkung hätte haben müssen? Gott läßt das Leben des Gottmen- schen von vier Menschen berichten, von jedem anders, und widersprechend-aber kann man nicht sagen: Es ist wichtig, daß dieser Bericht nicht mehr als sehr gewöhnliche historische Wahr- scheinlichkeit habe, damit diese nicht für das Wesentliche, Aus- schlaggebende gehalten werde. Damit der Buchstabe nicht mehr Glaube fände, als ihm gebührt und der Geist sein Recht behalte. D.h.: Was Du sehen sollst, läßt sich auch durch den besten, genauesten Geschichtsschreiber nicht vermitteln; darum genügt, ja ist vorzuziehen, eine mittelmäßige Darstellung. Denn, wasDir mitgeteilt werden soll, kann die auch mitteilen. (Ähnlich etwa, wie eine mittelmäßige Theaterdekoration besser sein kann, als eine raffinierte, gemalte Bäume besser als wirkliche, die die Aufmerksamkeit von dem ablenken, worauf es ankommt.)
Kierkegaard writes: If Christianity were so easy and comfortable, why would God in His scripture have moved heaven and earth and threatened eternal punishments?—Question: But why then is this scripture so obscure? If one wants to warn someone of terrible danger, does one do so by posing a riddle whose solution is the warning?—Yet who says the scripture is truly obscure: is it not possible that it was essential here to present a riddle? That a more direct warning would have necessarily had the wrong effect? God allows the life of the God-man to be reported by four people, each differently and contradictorily—but cannot one say: It is important that this account not exceed the level of ordinary historical plausibility, so that this is not taken for the essential, decisive thing. So that the letter is not believed more than is its due and the spirit retains its right. That is: What you are meant to see cannot be conveyed even by the best, most precise historian; hence a mediocre account suffices, indeed is preferable. For what is to be communicated to you can do so even through this. (Similarly, a mediocre stage set may be better than an elaborate one, painted trees better than real ones, which distract attention from what matters.)
Das Wesentliche, für Dein Leben Wesentliche, aber legt der Geist in diese Worte. Du SOLI.ST gerade nur das deutlich sehen, was auch diese Darstellung deutlich zeigt. (Ich weiß nicht sicher, wie weit dies alles genau im Geiste Kierkegaards ist.)
The essential, what is essential for your life, the spirit lays into these words. You MUST see precisely what this presentation makes clear. (I am not certain how far all this aligns exactly with Kierkegaard's thought.)
In der Religion mulite es so sein, daß jeder Stufe der Religiosi- tät eine Art des Ausdrucks entspräche, die auf einer niedrigeren Stufe keinen Sinn hat. Für den jetzt auf der niedrigern Stufe Stehenden ist diese Lehre, die auf der höheren Bedeutung hat, null und nichtig; sie kann nur falich verstanden werden, und dabei gelten diese Worte für diesen Menschen nicht.
In religion, it must be that each stage of religiosity corresponds to a form of expression that has no sense at a lower stage. For one standing at the lower stage, this doctrine, which has significance at the higher level, is null and void; it can only be falsely understood, and in such cases these words do not apply to this person.
Die Lehre, z. B., von der Gnadenwahl bei Paulus ist auf mei ner Stufe Irreligiosität, ein häßlicher Unsinn. Daher gehört sie nicht für mich, da ich das mir gebotene Bild nur falsch anwenden kann. Ist es ein frommes und gutes Bild, dann für eine ganz andere Stufe, auf der es gänzlich anders im Leben muß ange- wandt werden, als ich es anwenden könnte.
The doctrine, for example, of predestination in Paul is, at my stage, irreligiosity, an ugly nonsense. Hence it is not for me, since I can only misapply the image offered. If it is a pious and good image, then it is for a wholly different stage, where it must be applied in life entirely differently than I could apply it.
Das Christentum gründet sich nicht auf eine historische Wahr- heit, sondern es gibt uns eine (historische) Nachricht und sagt: jetzt glaube! Aber nicht, glaube diese Nachricht mit dem Glau- ben, der zu einer geschichtlichen Nachricht gehört, sondern: glaube, durch dick und dünn und das kannst Du nur als Resultat eines Lebens. Hier hast Du eine Nachricht, -verhalte Dich zu ihr nicht, wie zu einer anderen historischen Nachricht! Lafi sie eine ganz andere Stelle in Deinem Leben einnehmen. Daran ist nichts Paradoxes!
Christianity is not founded on a historical truth; rather, it gives us a (historical) message and says: now believe! But not, believe this message with the belief appropriate to a historical account—rather: believe, through thick and thin, and this you can only do as the result of a life. Here you have a message—do not relate to it as to other historical messages! Let it occupy a wholly different place in your life. There is nothing paradoxical here!
Niemand kann mit Wahrheit von sich selbst sagen, dafi er Dreck ist. Denn wenn ich es sage, so kann es in einem Sinne wahr sein, aber ich kann nicht selbst von dieser Wahrheit durchdrun- gen sein: sonst müßte ich wahnsinnig werden, oder mich ändern.
No one can truthfully say of himself that he is filth. For if I say it, it may be true in one sense, but I cannot be permeated by this truth myself: otherwise I would have to go mad or change.
So sonderbar es klingt: Die historischen Berichte der Evange- lien könnten, im historischen Sinn, erweislich falsch sein, und der Glaube verlöre doch nichts dadurch: aber nicht, weil er sich etwa auf allgemeine Vernunftwahrheiten bezöge!, sondern, weil der historische Beweis (das historische Beweis-Spiel) den Glauben gar nichts angeht. Diese Nachricht (die Evangelien) wird glaubend (d.h. liebend) vom Menschen ergriffen. Das ist die Sicherheit dieses Für-wahr-haltens, nicht Anderes.
Strange as it sounds: The historical accounts in the Gospels might, in the historical sense, demonstrably be false, and yet faith would lose nothing thereby—not because it refers to universal truths of reason, but because historical proof (the historical proof-game) is irrelevant to faith. This message (the Gospels) is seized by the believer (i.e., in love). This is the certainty of this taking-for-true, nothing else.
Der Glaubende hat zu diesen Nachrichten weder das Verhält- nis zur historischen Wahrheit (Wahrscheinlichkeit), noch das zu einer Lehre von Vernunftwahrheiten. Das gibt's. (Man hat ja sogar zu verschiedenen Arten dessen, was man Dichtung nennt, ganz verschiedene Einstellungen!)
The believer relates to these messages neither through historical truth (probability) nor through doctrine as rational truths. Such exists. (Indeed, one has entirely different attitudes even toward various kinds of what is called poetry!)
Ich lese: Und niemand kann Jesum einen Herrn heißen, außer durch den heiligen Geist. Und es ist wahr: ich kann ihn keinen Herrn heißen; weil mir das gar nichts sagt. Ich könnte ihn das Vorbild, ja Gott- nennen- oder eigentlich: ich kann verste- hen, wenn er so genannt wird; aber das Wort Herr kann ich nicht mit Sinn aussprechen. Weil ich nicht glaube, daß er kom- men wird, mich zu richten; weil mir das nichts sagt. Und das könnte mir nur etwas sagen, wenn ich ganz anders lebte.
I read: "No one can call Jesus Lord except by the Holy Spirit." And it is true: I cannot call him Lord; because this says nothing to me. I could call him the exemplar, even God—or rather: I can understand him being called such; but the word "Lord" I cannot utter with meaning. Because I do not believe that he will come to judge me; because that says nothing to me. And this could only say something to me if I lived entirely differently.
Was neigt auch mich zu dem Glauben an die Auferstehung Christi hin? Ich spiele gleichsam mit dem Gedanken. - Ist er nicht auferstanden, so ist er im Grab verwest, wie jeder Mensch. Er ist tot und verwest. Dann ist er ein Lehrer, wie jeder andere und kann nicht mehr belfen; und wir sind wieder verweist und allein. Und können uns mit der Weisheit und Spekulation begnü-gen. Wir sind gleichsam in einer Hölle, wo wir nur träumen können, und vom Himmel, durch eine Decke gleichsam, abge- schlossen. Wenn ich aber WIRKLICH erlöst werden soll, so brauche ich Gewißheit nicht Weisheit, Träume, Spekulation - und diese Gewißheit ist der Glaube. Und der Glaube ist Glaube an das, was mein Herz, meine Seele braucht, nicht mein speku- lierender Verstand. Denn meine Seele, mit ihren Leidenschaften, gleichsam mit ihrem Fleisch und Blut, muß erlöst werden, nicht mein abstrakter Geist. Man kann vielleicht sagen: Nur die Liebe kann die Auferstehung glauben. Oder: Es ist die Liebe, was die Auferstehung glaubt. Man könnte sagen: Die erlösende Liebe glaubt auch an die Auferstehung; hält auch an der Auferstehung fest. Was den Zweifel bekämpft, ist gleichsam die Erlösung. Das Festhalten an ior muß das Festhalten an diesem Glauben sein. Das heißt also: sei erst erlöst und halte an Deiner Erlösung (halte Deine Erlösung) fest dann wirst du sehen, daß Du an diesem Glauben festhältst. Das kann also nur geschehen, wenn Du dich nicht mehr auf die Erde stützst, sondern am Himmel hängst. Dann ist alles anders und es ist kein Wunder, wenn Du dann kannst, was Du jetzt nicht kannst. (Anzusehen ist freilich der Hängende wie der Stehende, aber das Kräftespiel in ihm ist ja ein ganz anderes und er kann daher ganz anderes tun, als der Ste- hende.)
What inclines even me toward belief in Christ's resurrection? I play with this thought as it were. — If he were not resurrected, he would lie decayed in the grave like any other man. He is dead and decomposed. Then he is a teacher like any other and can no longer help; and we are once more orphaned and alone. And must content ourselves with wisdom and speculation. We are as it were in a hell where we can only dream and are sealed off from heaven by a vaulted ceiling. But if I am to be TRULY redeemed, I need certainty — not wisdom, dreams, speculation — and this certainty is faith. And faith is belief in what my heart, my soul needs, not my speculative intellect. For my soul with its passions, as it were with flesh and blood, must be redeemed, not my abstract mind. One might say: Only love can believe the resurrection. Or: It is love that believes the resurrection. One might say: Redeeming love believes even in resurrection; clings firmly to resurrection. What combats doubt is as it were redemption. Holding fast to this must be holding fast to this belief. Hence: first be redeemed and hold fast to your redemption (preserve your redemption) — then you will see that you hold fast to this belief. This can only come about if you no longer rest on earth but hang from heaven. Then everything is different and it is no wonder if you can then do what you cannot do now. (Of course, the one hanging looks like the one standing, but the interplay of forces within him is entirely different and he can therefore perform utterly different actions than the standing one.)
Es ist unmöglich wahrer über sich selbst zu schreiben, als man ist. Das ist der Unterschied zwischen dem Schreiben über sich und über äußere Gegenstände. Über sich schreibt man, so hoch man ist. Da steht man nicht auf Stelzen oder auf einer Leiter, sondern auf den bloßen Füßen.
It is impossible to write more truly about oneself than one is. This is the difference between writing about oneself and about external objects. In writing about oneself, one stands as tall as one is. Here one does not stand on stilts or a ladder, but on bare feet.
Freuds Idee: Das Schloß ist im Wahnsinn nicht zerstört, nur verändert; der alte Schlüssel kann es nicht mehr aufsperren, aber ein anders gebildeter Schlüssel könnte es.
Freud's idea: In madness, the lock is not destroyed but altered; the old key can no longer open it, but a differently shaped key could.
Von einer Brucknerschen Symphonie kann man sagen, sie habe zwer Anfänge: den Anfang des ersten und den Anfang des zweiten Gedankens. Diese beiden Gedanken verhalten sich nicht wie Blutsverwandte zu einander, sondern wie Mann und Weib.
Of a Bruckner symphony one might say it has two beginnings: the start of the first theme and the start of the second theme. These two themes are related not like blood relatives but like man and woman.
1938
1938
Die Brucknersche Neunte ist gleichsam ein Protest gegen die Beethovensche und dadurch wird sie erträglich, was sie als eine Art Nachahmung nicht wäre. Sie verhält sich zur Beetho- venschen sehr ähnlich, wie der Lenausche Faust zum Goe- theschen, nämlich der katholische Faust zum aufgeklärten, etc. etc.
Bruckner's Ninth is as it were a protest against Beethoven's, and thereby becomes bearable — which it would not be as a kind of imitation. Its relation to Beethoven's is very similar to that of Lenau's Faust to Goethe's — the Catholic Faust to the Enlightenment Faust, etc. etc.
1938
1938
Nichts ist so schwer, als sich nicht betrügen.
Nothing is so difficult as not deceiving oneself.
1938
1938
Longfellow:
Longfellow:
In the elder days of art, Builders wrought with greatest care Each minute and unseen part, For the gods are everywhere. (Könnte mir als ein Motto dienen.)
In the elder days of art,
Builders wrought with greatest care
Each minute and unseen part,
For the gods are everywhere.
(Could serve as a motto for me.)
1938
1938
Erscheinungen mit sprachähnlichem Charakter in der Musik oder Architektur. Die sinnvolle Unregelmäßigkeit in der Gotik z. B. (mir schweben auch die Türme der Basiliuskathedrale vor). Die Musik Bachs ist sprachähnlicher als die Mozarts und Haydns. Die Rezitative der Bässe im vierten Satz der neunten Symphonic von Beethoven. (Vergleiche auch Schopenhauers
Phenomena with language-like character in music or architecture. The meaningful irregularity in Gothic architecture, for example (I am thinking of the towers of St. Basil's Cathedral). Bach's music is more language-like than Mozart's or Haydn's. The bass recitatives in the fourth movement of Beethoven's Ninth Symphony. (Compare also Schopenhauer's
eine andere Färbung. (Das macht den Neid, natürlich, nicht weniger real.)
a different coloration. (This, of course, does not make envy any less real.)
Das Maß des Genies ist der Charakter, wenn auch der Charakter an sich nicht das Genie ausmacht. Genie ist nicht Talent and Charakter, sondern Charakter, der sich in der Form eines speziellen Talents kundgibt. Wie ein Mensch aus Mut einem ins Wasser nachspringt, so schreibt ein anderer aus Mut eine Symphonie. (Dies ist ein schwaches Beispiel.)
The measure of genius is character — though character alone does not constitute genius. Genius is not talent and character, but character manifesting itself in the form of a special talent. As one man jumps into water to save another out of courage, so another writes a symphony out of courage. (This is a weak example.)
Das Genie hat nicht mehr Licht als ein andrer, rechtschaffener Mensch aber es sammelt dies Licht durch eine bestimmte Art von Linse in einen Brennpunkt.
Genius has no more light than any other honest person, but it concentrates this light through a specific kind of lens into a focal point.
Warum wird die Seele von eiteln Gedanken bewegt, wenn sie doch eitel sind? Nun, sie wird von ihnen bewegt.
Why is the soul moved by vain thoughts when they are indeed vain? Well, it is moved by them.
(Wie kann der Wind den Baum bewegen, wo er doch nur Luft ist? Nun, er bewegt ihn; und vergiß es nicht.)
(How can the wind move the tree when it is only air? Well, it moves it; and do not forget this.)
Man kann nicht die Wahrheit sagen; wenn man sich noch nicht selbst bezwungen hat. Man kann sie nicht sagen; aber nicht, weil man noch nicht gescheit genug ist.
One cannot tell the truth unless one has conquered oneself. One cannot tell it — not because one isn't clever enough yet.
Nur der kann sie sagen, der schon in ihr ruht; nicht der, der noch in der Unwahrheit ruht, und nur einmal aus der Unwahr- heit heraus nach ihr langt.
Only he can tell it who already rests in truth; not he who still rests in falsehood and merely reaches out toward truth from within falsehood.
Auf seinen Lorbeeren auszuruhen ist so gefährlich, wie auf einer Schneewanderung ausruhen. Du nickst ein, und stirbst im Schlaf.
Resting on one's laurels is as dangerous as resting during a snow hike. You doze off and die in your sleep.
Die ungeheure Eitelkeit der Wünsche zeigt sich dadurch, daß ich z. B. den Wunsch habe, ein schönes Schreibebuch sobald wie möglich vollzuschreiben. Ich habe nichts davon; ich wünsche es nicht etwa, weil es nur meine Produktivität anzeigt; es ist bloß das Verlangen, etwas schon Gewohntes recht bald los zu wer den; obwohl ich ja, sobald ich es los geworden bin, ein neues anfangen werde und sich dasselbe wiederholen muß. 1939-1940
The immense vanity of wishes manifests itself in such cases as my desire to fill a beautiful notebook as quickly as possible. I gain nothing from this; I do not desire it because it might indicate my productivity; it is merely the urge to be rid of something already familiar as soon as possible—though once rid of it, I will inevitably begin a new one, repeating the same cycle. 1939-1940
Schopenhauer, könnte man sagen, ist ein ganz roher Geist. D.h.: Er hat Verfeinerung, aber in einer gewissen Tiefe hört diese plötzlich auf, und er ist so roh, wie der Roheste. Dort, wo eigentliche Tiefe anfängt, hört die seine auf.
Schopenhauer, one might say, possessed a thoroughly crude mind. That is: He exhibits refinement up to a certain depth, but beyond that point, his thought abruptly becomes as crude as the crudest. Where genuine depth begins, his ends.
Man könnte von Schopenhauer sagen: er geht nie in sich. 1939-1940
One could say of Schopenhauer: he never turns inward. 1939-1940
Ich sitze auf dem Leben, wie der schlechte Reiter auf dem Roß. Ich verdanke es nur der Gutmütigkeit des Pferdes, daß ich jetzt gerade nicht abgeworfen werde. 1939-1940
I sit upon life like a poor rider on a horse. I remain unthrown only by the horse’s good nature. 1939-1940
Wenn die Kunst dazu dient, ›Gefühle zu erzeugen‹, ist, am Ende, ihre sinnliche Wahrnehmung auch unter diesen Gefühlen? 1939-1940
If art serves to “produce feelings,” then must the sensory perception of art itself be counted among these feelings? 1939-1940
Meine Originalität (wenn das das richtige Wort ist) ist, glaube ich, eine Originalität des Bodens, nicht des Samens. (Ich habe vielleicht keinen eigenen Samen.) Wirf einen Samen in meinen Boden, und er wird anders wachsen, als in irgend einem andern Boden.
My originality (if that is the right word) lies, I believe, in the soil rather than the seed. (Perhaps I have no seed of my own.) Plant a seed in my soil, and it will grow differently than in any other.
Auch die Originalität Freuds war, glaube ich, von dieser Art. Ich habe immer geglaubt – ohne daß ich weiß, warum – daß dereigentliche Same der Psychoanalyse von Breuer, nicht von Freud, herrührt. Das Samenkorn Breuers kann natürlich nur ganz winzig gewesen sein. Mat ist immer originell.
Freud’s originality, I believe, was also of this kind. I have always assumed—without knowing why—that the true seed of psychoanalysis came from Breuer, not Freud. Breuer’s seed must, of course, have been exceedingly small. Courage is always original.
Die Menschen heute glauben, die Wissenschaftler seien da, sie zu belehren, die Dichter und Musiker etc., sie zu erfreuen. Daß diese sie etwas zu lehren haben; kommt ihnen nicht in den Sinn.
People today believe scientists exist to instruct them, poets and musicians to entertain them. That these latter might have something to teach does not occur to them.
Das Klavierspielen, ein Tanz der menschlichen Finger.
Piano-playing: a dance of human fingers.
Shakespeare, könnte man sagen, zeigt den Tanz der menschli chen Leidenschaften. Er muß daher objektiv sein, sonst würde er ja nicht den Tanz der menschlichen Leidenschaften zeigen - sondern etwa über ihn reden. Aber er zeigt sie uns im Tanz, nicht naturalistisch. (Diese Idee habe ich von Paul Engelmann.)
Shakespeare, one might say, exhibits the dance of human passions. He must therefore be objective; otherwise, he would not show us the dance—merely talk about it. But he shows it to us in motion, not naturalistically. (This idea I owe to Paul Engelmann.)
Auch im höchsten Kunstwerk ist noch etwas, was man -Stil, ja auch, was man Manier nennen kann. Die Gleichnisse des N.Τ. lassen jede beliebige Tiefe des Verstandes zu. Sie sind ohne einen Boden. Sie haben weniger Stil, als das erste Sprechen eines Kin- des.
Even in the highest art, there remains something one might call—style, or even manner. The parables of the N.T. admit any depth of interpretation. They lack a foundation. They have less style than a child’s first utterance.
Das Verführerische der kausalen Betrachtungsweise ist, daß sie einen dazu führt, zu sagen: Natürlich, so mußte es gesche- hen. Während man denken sollte: so und auf viele andere Weise, kann es geschehen sein.
The seductiveness of the causal mode of consideration lies in its prompting us to say: Of course, it had to happen thus. Whereas we ought to think: It might have happened thus—and in many other ways.
Wenn wir die ethnologische Betrachtungsweise verwenden, heißt das, daß wir die Philosophie für Ethnologie erklären? Nein, es heißt nur, daß wir unsern Standpunkt weit draußen einnehmen, um die Dinge objektiver sehen zu können.
Does adopting an ethnological mode of consideration mean declaring philosophy to be ethnology? No—it means only taking our standpoint far outside to see things more objectively.
Dasjenige, wogegen ich mich wehre, ist der Begriff einer idea- len Exaktheit, der uns sozusagen a priori gegeben wäre. Zu verschiedenen Zeiten sind unsere Ideale der Exaktheit verschie den; und keines ist das höchste.
What I resist is the notion of an ideal precision given to us, as it were, a priori. At different times, our ideals of precision differ; none is supreme.
Eine meiner wichtigsten Methoden ist es, mir den historischen Gang der Entwicklung unsrer Gedanken anders vorzustellen, als er in Wirklichkeit war. Tut man das, so zeigt uns das Problem eine ganz neue Seite.
One of my most important methods is to imagine the historical development of our thoughts differently than it actually occurred. Doing so reveals an entirely new aspect of the problem.
Es ist oft nur sehr wenig unangenehmer die Wahrheit zu sagen, als eine Lüge; etwa nur so schwer wie bittern Kaffee zu trinken als süßen; und doch neige ich auch dann stark dazu, die Lüge zu sagen.
Often, telling the truth is only slightly more unpleasant than lying—like drinking bitter coffee instead of sweet. Yet even then, I remain strongly inclined to lie.
In aller großen Kunst ist ein WILDES Tier: gezähmt. Bei Mendelssohn, z. B., nicht. Alle große Kunst hat als ihren Grund- baß die primitiven Triebe des Menschen. Sie sind nicht die Melo- die (wie, vielleicht, bei Wagner), aber das, was der Melodie ihre Tiefe und Gewalt gibt.
All great art contains a WILD beast: tamed. In Mendelssohn, it is absent. The primal drives of humanity form the bassline of all great art. They are not the melody (as perhaps in Wagner) but what lends the melody its depth and power.
In diesem Sinne kann man Mendelssohn einen reproduktiven- Künstler nennen. -Im gleichen Sinn: mein Haus für Gretl ist das Produkt ent- schiedener Feinhörigkeit, gater Manieren, der Ausdruck eines großen Verständnisses (für eine Kultur, etc.) Aber das wrspring- liche Leben, das wilde Leben, welches sich austoben möchte - fehlt. Man könnte also auch sagen, es fehlt ihm die Gesundheit (Kierkegaard). (Treibhauspflanze.)
In this sense, one could call Mendelssohn a reproductive artist. – In the same vein: my house for Gretl is the product of refined auditory sensibility, good manners, and the expression of profound understanding (of a culture, etc.). But the primordial life, the untamed life yearning to express itself – is absent. One might therefore also say it lacks vitality (Kierkegaard). (A hothouse plant.)
Ein Lehrer, der während des Unterrichts gute, oder sogar erstaunliche Resultate aufweisen kann, ist darum noch kein guter Lehrer, denn es ist möglich, daß er seine Schüler, während sie unter seinem unmittelbaren Einfluß stehen, zu einer ihnen unna- türlichen Höhe emporzieht, ohne sie doch zu dieser Höhe zu entwickeln, so daß sie sofort zusammensinken, wenn der Lehrer die Schulstube verläßt. Dies gilt vielleicht von mir; ich habe daran gedacht. (Mahlers Lehraufführungen waren ausgezeich- net, wenn er sie leitete; das Orchester schien sofort zusammen- zusinken, wenn er es nicht selbst leitete.)
A teacher who achieves good, or even remarkable, results during lessons is not thereby a good teacher, for it is possible that while his pupils attain an unnatural height under his immediate influence, they are not truly developed to that level, so that they immediately collapse once the teacher leaves the classroom. This may apply to me; I have thought of it. (Mahler’s instructional performances were excellent when he conducted; the orchestra seemed to collapse at once when he did not conduct it himself.)
Zweck der Musik: Gefühle zu vermitteln.
The purpose of music: to communicate feelings.
Damit verbunden: Wir mögen mit Recht sagen er hat jetzt das gleiche Gesicht wie früher obwohl die Messung in beiden Fällen Verschiedenes ergab.
Related to this: We may rightly say, "He has the same face now as before," even though measurements in both cases yielded different results.
Wie werden die Worte der gleiche Gesichtsausdruck. gebraucht? Wie weiß man, daß Einer diese Worte richtig gebraucht? Aber weiß ich, daß ich sie richtig gebrauche?
How are the words "the same facial expression" used? How does one know that someone uses these words correctly? But do I know that I use them correctly?
Man könnte sagen: Genie ist Mat im Talent.
One could say: Genius is talent exercised with courage.
Wittgewasins Schwester, für die er das Haus Kundmanngasse 19, Wien gebaut hat.
Wittgenstein’s sister, for whom he built the house at Kundmanngasse 19, Vienna.
Trachte geliebt und nicht-bewundert zu werden.
Strive to be loved, not admired.
Not funk but funk conquered is what is worthy of admiration and makes life worth having been lived. Der Mut, nicht die Geschicklichkeit; nicht einmal die Inspiration, ist das Senfkorn, was zum großen Baum emporwächst. Soviel Mut, soviel Zusam menhang mit Leben und Tod. (Ich dachte an Labors und Men- delssohns Orgelmusik.) Aber dadurch, daß man den Mangel an Mut in einem Andern einsieht, erhält man selbst nicht Mut.
Not funk but funk conquered is what is worthy of admiration and makes life worth having been lived. Courage, not skill; not even inspiration, is the mustard seed that grows into a great tree. So much courage, so much connection with life and death. (I thought of laboratories and Mendelssohn’s organ music.) But recognizing another’s lack of courage does not bestow courage upon oneself.
Man muß manchmal einen Ausdruck aus der Sprache heraus- ziehen, ihn zum Reinigen geben, und kann ihn dann wieder in den Verkehr einführen.
One must sometimes withdraw an expression from circulation, send it for cleaning, and then reintroduce it into use.
Wie schwer fällt mir zu sehen, was vor meinen Augen liegt!
How difficult I find it to see what lies before my eyes!
Du kannst nicht die Lüge nicht aufgeben wollen, und die Wahrheit sagen.
You cannot want to cling to the lie and yet speak the truth.
Den richtigen Stil schreiben heißt, den Wagen genau aufs Geleise setzen.
To write in the right style is to set the train precisely on its tracks.
Wenn dieser Stein sich jetzt nicht bewegen will, wenn er eingekeilt ist, beweg' erst andre Steine, um ihn herum. - Wir wollen Dich nur richtig auf die Bahn setzen, wenn DeinWagen schief auf den Schienen steht. Fahren lassen wir Dich dann allein.
If this stone will not move now, if it is wedged in, first shift other stones around it. – We only want to set you properly on the rails when your carriage is askew. Then we’ll let you drive alone.
Mörtel abkratzen ist viel leichter, als einen Stein zu bewegen. Nun, man muß das Erste tun, bis man einmal das Andre tun kann.
Scraping off mortar is much easier than moving a stone. Well, one must do the former until one can do the latter.
Mein Stil gleicht schlechtem musikalischen Satz.
My style resembles poor musical phrasing.
Entschuldige nichts, verwische nichts, sieh und sag, wie es wirklich ist aber Du mußt das sehen, was ein neues Licht auf die Tatsachen wirft.
Apologize for nothing, obscure nothing; observe and state how things truly are – but you must see in a way that casts new light on the facts.
Unsere größten Dummheiten können sehr weise sein.
Our greatest follies can be profoundly wise.
Es ist unglaublich, wie eine neue Lade, an geeignetem Ort in unserem filing-cabinet, hilft.
It is incredible how a new drawer, placed appropriately in our filing cabinet, helps.
Du mußt Neues sagen und doch lauter Altes. Du mußt allerdings nur Altes sagen aber doch etwas Neues! Die verschiedenen Auffassungen müssen verschiedenen Anwendungen entsprechen.
You must say new things yet speak entirely of old matters. You must indeed speak only of old things – but say something new! The different interpretations must correspond to different applications.
Auch der Dichter muß sich immer fragen: ist denn, was ich schreibe, wirklich wahr? was nicht heißen muß: geschieht es so in Wirklichkeit?
Even the poet must constantly ask: Is what I write truly real? Which need not mean: Does it happen thus in reality?
Du mußt freilich Altes herbeitragen. Aber zu einem Baн.-
You must, of course, gather old materials. But for a building. –
Im Alter entschlüpfen uns wieder die Probleme, so wie in der Jugend. Wir können sie nicht nur nicht aufknacken, wir können sie auch nicht halten.
In old age, problems slip away again, as in youth. Not only can we not solve them; we cannot even grasp them.
Welche seltsame Stellungnahme der Wissenschaftler: Das wissen wir noch nicht; aber es läßt sich wissen, und es ist nur eine Frage der Zeit, so wird man es wissen! Als ob es sich von selbst verstünde.-
How strange the scientist’s attitude: "We do not yet know this; but it is knowable, and it is only a matter of time before we will know it!" As if this were self-evident. –
Ich könnte mir denken, daß Einer meinte, die Namen Fort- num und Mason paßten zusammen.
I could imagine someone thinking the names Fortnum and Mason belong together.
Fordere nicht zuviel, und fürchte nicht, daß Deine gerechte Forderung ins Nichts zerrinnen wird.
Do not demand too much, and do not fear that your just demand will dissolve into nothingness.
Die Menschen, die immerfort warum fragen, sind wie die Touristen, die, im Baedeker lesend, vor einem Gebäude stehen und durch das Lesen der Entstehungsgeschichte etc. etc. daran gehindert werden, das Gebäude zu sehen.
People who incessantly ask "why?" are like tourists who, reading their Baedeker, stand before a building and are hindered from seeing it by reading about its history of construction, etc., etc.
Der Kontrapunkt könnte für einen Komponisten ein außeror- dentlich schwieriges Problem darstellen; das Problem nämlich: in welches Verhältnis soll ich mit meinen Neigungen mich zum Kontrapunkt stellen? Er mochte ein konventionelles Verhältnis gefunden haben, aber wohl fühlen, daß es nicht das reine sei. Dafß die Bedeutung nicht klar sei, welche der Kontrapunkt für ihn haben solle. (Ich dachte dabei an Schubert; daran, daß er am Ende seines Lebens noch Unterricht im Kontrapunkt zu nehmenwünschte. Ich meine, sein Ziel sei vielleicht nicht gewesen, ein- fach mehr Kontrapunkt zu lernen, als vielmehr sein Verhältnis zum Kontrapunkt zu finden.)
Counterpoint might present an extraordinarily difficult problem for a composer; namely the problem: in what relation should I place my inclinations towards counterpoint? He may have found a conventional relationship, yet feel that it is not the pure one. That the significance counterpoint should hold for him remains unclear. (I was thinking here of Schubert; that towards the end of his life he wished to take lessons in counterpoint. I believe his goal may not have been simply to learn more counterpoint, but rather to find his proper relationship to it.)
Wagners Motive könnte man musikalische Prosasätze nennen. Und so, wie es ›gereimte Prosa‹ gibt, kann man diese Motive allerdings zur melodischen Form zusammenfügen, aber sie erge- ben nicht eine Melodie.
Wagner's motifs might be called musical prose sentences. And just as there is "rhymed prose," these motifs can indeed be combined into melodic form, yet they do not constitute a melody.
Und so ist auch das Wagnersche Drama kein Drama, sondern eine Aneinanderreihung von Situationen, die wie auf einem Faden aufgefädelt sind, der selbst nur klug gesponnen, aber nicht, wie die Motive und Situationen, inspiriert ist.
Similarly, Wagnerian drama is not drama, but a concatenation of situations strung like beads on a thread that is itself cleverly spun yet uninspired - unlike the motifs and situations.
Laß Dich nicht von dem Beispiel Anderer führen, sondern von der Natur!
Let yourself be guided not by others' examples, but by nature!
Die Sprache der Philosophen ist schon eine gleichsam durch zu enge Schuhe deformierte.
The language of philosophers is already deformed, as it were, by shoes that pinch too tightly.
Die Personen eines Dramas erregen unsere Teilnahme, sie sind uns wie Bekannte, oft wie Menschen, die wir lieben oder hassen: Die Personen im zweiten Teil des ›Fausts‹ erregen unsere Teil- nahme gar nicht! Wir haben nie die Empfindung, als kennten wir sie. Sie ziehen an uns vorüber, wie Gedanken, nicht wie Men- schen.
The characters in a drama engage our sympathy, appearing as acquaintances - often as people we love or hate. The characters in the second part of Faust elicit no such participation! We never feel we know them. They pass before us like thoughts, not like human beings.
Der Mathematiker (Pascal), der die Schönheit eines Theorems der Zahlentheorie bewundert; er bewundert gleichsam eine Naturschönheit. Es ist wunderbar, sagt er, welch herrliche Eigenschaften die Zahlen haben. Es ist, als bewunderte er die Regelmäßigkeiten einer Art von Krystall.
The mathematician (Pascal) who admires the beauty of a number theory theorem admires, as it were, a natural beauty. "How marvelous," he says, "that numbers possess such splendid properties." It is as if he were admiring the regularities of a crystal formation.
1942
1942
Man könnte sagen: welch herrliche Gesetze hat der Schöpfer in die Zahlen gelegt!
One might say: What glorious laws has the Creator implanted in numbers!
1942
1942
Wolken kann man nicht basen. Und darum wird die erträumte Zukunft nie wahr.
Clouds cannot be captured. Hence the dreamed future never becomes real.
1942
1942
Ehe man ein Flugzeug hatte, hat man Flugzeuge erträumt und wie die Welt mit ihnen aussehen würde. Aber, wie die Wirklich keit nichts weniger als diesem Traume glich, so hat man über- haupt keinen Grund zu glauben, die Wirklichkeit werde sich zu dem entwickeln, was man träumt. Denn unsre Träume sind voll Tand, gleichsam Papiermützen und Kostüme.
Before airplanes existed, people dreamed of them and imagined their impact on the world. But just as reality proved utterly unlike this dream, we have no reason to believe reality will develop according to our dreams. For our dreams are full of trifles - paper hats and costumes, as it were.
1942
1942
Die populär-wissenschaftlichen Schriften unsrer Wissen- schaftler sind nicht der Ausdruck der harten Arbeit, sondern der Ruhe auf ihren Lorbeeren.
Our scientists' popular writings express not hard labor but repose upon laurels.
1941
1941
Wenn Du die Liebe eines Menschen hast, so kannst Du sie mit keinem Opfer überzahlen; aber jedes Opfer ist zu groß, um Dir sie zu erkaufen.
If you possess someone's love, no sacrifice is too great to repay it; yet every sacrifice is too great to purchase it.
1942
1942
Förmlich wie es einen tiefen und einen seichten Schlaf gibt, so gibt es Gedanken, die tief im Innern vor sich gehen, und Gedan- ken, die sich an der Oberfläche herumtummeln
Just as there is deep sleep and shallow sleep, so there are thoughts that unfold in profound inwardness and thoughts that frolic on the surface.
1942
1942
Du kannst den Keim nicht aus dem Boden ziehen. Du kannst ihm nur Wärme und Feuchtigkeit und Licht geben und dann muß er wachsen. (Nur mit Vorsicht darfst Du ihn selbst berüb- ren.)
You cannot pull the sprout from the soil. You can only give warmth, moisture and light - then it must grow. (You may touch it yourself only with caution.)
1942
1942
Was hübsch ist, kann nicht schön sein.-
What is pretty cannot be beautiful.-
1942
1942
Ein Mensch ist in einem Zimmer gefangen, wenn die Tür unversperrt ist, sich nach innen öffnet; er aber nicht auf die Idee kommt zu ziehen, statt gegen sie zu drücken.
A man is imprisoned in a room if the unlocked door opens inward, but he never thinks to pull it instead of pushing.
1942
1942
Bring den Menschen in die unrichtige Atmosphäre und nichts wird funktionieren, wie es soll. Er wird an allen Teilen ungesund erscheinen. Bring ihn wieder in das richtige Element, und alles wird sich entfalten und gesund erscheinen. Wenn er nun aber im unrechten Element ist? Dann muß er sich also damit abfinden, als Krüppel zu erscheinen.
Place a person in the wrong atmosphere and nothing will function properly. Every part will seem diseased. Return them to their proper element and all will unfold in health. But if they must remain in the wrong element? Then they must resign themselves to appearing crippled.
1942
1942
Wenn Weiß zu Schwarz wird, sagen manche Menschen Es ist im Wesentlichen noch immer dasselbe. Und andere, wenn die Farbe um einen Grad dunkler wird, sagen Es hat sich ganz verändert..
When white turns to black, some say "It's essentially still the same." Others, when the color darkens by one degree, declare "It has completely changed."
1942
1942
Architektur ist eine Geste. Nicht jede zweckmäßige Bewe- gung des menschlichen Körpers ist eine Geste. Sowenig, wie jedes zweckmäßige Gebäude Architektur.
Architecture is a gesture. Not every functional movement of the human body is a gesture. No more than every functional building is architecture.
Wir kämpfen jetzt gegen eine Richtung. Aber diese Richtung wird sterben, durch andere Richtungen verdrängt, dann wird man unsere Argumentation gegen sie nicht mehr verstehen; nicht begreifen, warum man all das hat sagen müssen.
We now combat a particular tendency. But when this tendency dies, displaced by others, our arguments against it will become incomprehensible - why all this needed saying will no longer be grasped.
Den Fehler in einem schiefen Raisonnement suchen und Fin- gerhut-Verstecken.
Looking for the error in faulty reasoning is like hide-and-seek with thimbles.
Denk' Dir, jemand hätte vor 2000 Jahren die Form
Imagine someone inventing this shape 2000 years ago:
erfunden und gesagt, sie werde einmal die Form eines Instru ments der Fortbewegung sein.
and declaring it would someday become the form of a locomotion device.
Oder vielleicht: es hätte jemand den vollständigen Mechanis mus der Dampfmaschine konstruiert, ohne irgendwelche Ah- nung, daß, und wie, er als Motor zu benützen wäre.
Or perhaps: someone might have constructed the complete mechanism of a steam engine without any notion of how or that it could serve as a motor.
Was Du für ein Geschenk hältst, ist ein Problem, das Du lösen sollst.
What you take as a gift is a problem to be solved.
Genie ist das, was uns das Talent des Meisters vergessen macht.
Genius is what makes us forget the master’s talent.
Genie ist das, was uns das Geschick vergessen macht.
Genius is what makes us forget fate.
Wo das Genie dünn ist, kann das Geschick durchschauen. (Meistersinger Vorspiel).
Where genius is thin, fate may shine through. (Meistersinger Prelude).
Genie ist das, was macht, dafß wir das Talent des Meisters nicht sehen können.
Genius is what prevents us from seeing the master’s talent.
Nur wo das Genie dünn ist, kann man das Talent sehen.
Only where genius is thin can talent be seen.
Friede in den Gedanken. Das ist das ersehnte Ziel dessen, der philosophiert.
Peace in one’s thoughts. That is the longed-for goal of one who philosophizes.
Warum soll ich nicht Ausdrücke entgegen ihren ursprüngli chen Gebrauch verwenden? Tut das z. B. nicht Freud, wenn er auch einen Angsttraum einen Wunschtraum nennt? Wo ist der Unterschied? In der wissenschaftlichen Betrachtung ist der neue Gebrauch durch eine Theorie gerechtfertigt. Und ist diese Theo- rie falsch, dann ist auch der neue, ausgedehnte Gebrauch aufzu- geben. In der Philosophie aber sind es nicht wahre oder falsche Meinungen über Naturvorgänge, auf die sich der ausgedehnte Gebrauch stützt. Keine Tatsache rechtfertigt ihn, keine kann ihn stützen.
Why shouldn’t I use expressions contrary to their original usage? Doesn’t Freud do this, for example, when he calls an anxiety dream a wish-fulfillment dream? Where is the difference? In scientific inquiry, the new usage is justified by a theory. And if this theory is false, the new extended usage must also be abandoned. In philosophy, however, it is not true or false opinions about natural processes that underpin such extended usage. No fact justifies it; none can support it.
Man sagt uns: »Du verstehst doch diesen Ausdruck? Nun also, in der Bedeutung, die Du kennst, gebrauche auch ich ihn.« [Nicht: ... in der Bedeutung→.] Also wäre die Bedeutung eine Aura, die das Wort mitbringt und in jederlei Verwendung her- übernimmt.
We are told: “You understand this expression, don’t you? Well, then, I use it in the meaning you are familiar with.” [Not: “…in the meaning→.”] Thus, meaning would be an aura that the word carries over and retains in every application.
Der Philosoph ist der, der in sich viele Krankheiten des Ver- standes heilen muß, ehe er zu den Notionen des gesunden Men- schenverstandes kommen kann.
The philosopher is one who must heal many diseases of the intellect within himself before arriving at the notions of sound human understanding.
Wenn wir im Leben vom Tod umgeben sind, so auch in der Gesundheit des Verstands vom Wahnsinn."
Just as we are surrounded by death in life, so too is the sanity of the mind surrounded by madness."
Denken wollen ist eins; Talent zum Denken haben, ein Ande res.
Wanting to think is one thing; having a talent for thinking is another.
Wenn etwas an der Freudschen Lehre von der Traumdeutung ist; so zeigt sie, in wie komplizierter Weise der menschliche Geist Bilder der Tatsachen macht.
If there is any truth in Freud’s theory of dream interpretation, it shows the intricate ways in which the human mind constructs images of facts.
So kompliziert, so unregelmäßig ist die Art der Abbildung. dafß man sie kaum mehr eine Abbildung nennen kann.
So complex and irregular is the mode of representation that one can scarcely call it representation at all.
Es wird schwierig sein, meiner Darstellung zu folgen: denn sie sagt Neues, dem doch die Eierschalen des Alten ankleben.
It will be difficult to follow my exposition: for it states new things while still clinging to the eggshells of the old.
Ob es eine unerfüllte Sehnsucht ist, die einen Menschen wahn- sinnig macht? (Ich dachte an Schumann, aber auch an mich.)
Is it an unfulfilled longing that drives a person to madness? (I thought of Schumann, but also of myself.)
* Vgl. Anm. d. Hrsg. zur 5. 10s in Bemerkungen über de Grundlagen der Mathematik. (Suhrkamp Ausgabe.)
* Cf. Editor’s note to p. 10s in Remarks on the Foundations of Mathematics (Suhrkamp edition).
Revolutionär wird der sein, der sich selbst revolutionieren kann.
The revolutionary will be the one who can revolutionize himself.
What's ragged should be left ragged.
What’s ragged should be left ragged.
A miracle is, as it were, a gesture which God makes. As a man sits quietly and then makes an impressive gesture, God lets the world run on smoothly and then accompanies the words of a saint by a symbolic occurrence, a gesture of nature. It would be an instance if, when a saint has spoken, the trees around him bowed, as if in reverence. Now, do I believe that this happens? I don't.
A miracle is, as it were, a gesture which God makes. As a man sits quietly and then makes an impressive gesture, God lets the world run on smoothly and then accompanies the words of a saint by a symbolic occurrence, a gesture of nature. It would be an instance if, when a saint has spoken, the trees around him bowed, as if in reverence. Now, do I believe that this happens? I don’t.
The only way for me to believe in a miracle in this sense would be to be impressed by an occurrence in this particular way. So that I should say e.g.: It was impossible to see these trees and not to feel that they were responding to the words. Just as I might say It is impossible to see the face of this dog and not to see that he is alert and full of attention to what his master is doing. And I can imagine that the mere report of the words and life of a saint can make someone believe the reports that the trees bowed. But I am not so impressed.
The only way for me to believe in a miracle in this sense would be to be impressed by an occurrence in this particular way. So that I should say e.g.: It was impossible to see these trees and not to feel that they were responding to the words. Just as I might say It is impossible to see the face of this dog and not to see that he is alert and full of attention to what his master is doing. And I can imagine that the mere report of the words and life of a saint can make someone believe the reports that the trees bowed. But I am not so impressed.
When I came home I expected a surprise and there was no surprise for me, so, of course, I was surprised.
When I came home I expected a surprise and there was no surprise for me, so, of course, I was surprised.
Menschen sind in dem Maße religiös, als sie sich nicht so sehr unvollkommen, als krank glauben.
People are religious to the extent that they believe themselves not so much imperfect as diseased.
Jeder halbwegs anständige Mensch glaubt sich höchst unvollkommen, aber der religiöse glaubt sich elend.Glauben heifit, sich einer Autorität unterwerfen. Hat man sich ihr unterworfen, so kann man sie nun nicht, ohne sich gegen sie auflehnen, wieder in Frage ziehen und auf's neue glaubwürdig finden.
Every halfway decent person believes himself highly imperfect, but the religious person believes himself wretched. To believe means to submit to an authority. Once having submitted, one cannot now question it anew without rebelling against it, nor find it credible again.
Ein Notschrei kann nicht größer sein, als der eines Menschen. Oder auch keine Not kann größer sein, als die, in der ein einzelner Mensch sein kann.
No cry of distress can be greater than that of a single human being. Or rather: no distress can be greater than that in which a single human being can find himself.
Ein Mensch kann daher in unendlicher Not sein und also unendliche Hilfe brauchen.
Thus, a human being can be in infinite distress and therefore require infinite help.
Die christliche Religion ist nur für den, der unendliche Hilfe braucht, also nur für den, der unendliche Not fühlt.
The Christian religion is only for one who needs infinite help, that is, only for one who feels infinite distress.
Der ganze Erdball kann nicht in größerer Not sein als eine Seele.
The entire globe cannot be in greater distress than a single soul.
Der christliche Glaube so meine ich ist die Zuflucht in dieser höchsten Not.
The Christian faith, I believe, is the refuge in this utmost distress.
Wem es in dieser Not gegeben ist, sein Herz zu öffnen, statt es zusammenzuziehen, der nimmt das Heilmittel ins Herz auf.
To whom it is given in this distress to open their heart, rather than constrict it, takes the remedy into their heart.
Wer das Herz so öffnet im reuigen Bekenntnis zu Gott, öffnet es auch für die Anderen. Er verliert damit seine Würde als ausgezeichneter Mensch und wird daher wie ein Kind. Nämlich ohne Amt, Würde und Abstand von den Andern. Sich vor den Andern öffnen kann man nur aus einer besonderen Art von Liebe. Die gleichsam anerkennt, daß wir alle böse Kinder sind.
He who opens his heart in penitent confession to God opens it also to others. Thereby he loses his dignity as a distinguished person and thus becomes like a child. That is, without office, dignity, or distance from others. One can open oneself to others only through a special kind of love. A love that, as it were, acknowledges that we are all wicked children.
Man könnte auch sagen: Der Haß zwischen den Menschen kommt davon her, daß wir uns von einander absondern. Weil wir nicht wollen, daß der Andere in uns hineinschaut, weil es darin nicht schön ausschaut. Man soll nun zwar fortfahren, sich seines Innern zu schämen, aber nicht sich seines vor den Mitmen- schen zu schämen.
One might also say: The hatred between human beings arises from our separating ourselves from one another. Because we do not want others to look into us, since what lies inside does not look beautiful. One should indeed continue to feel ashamed of one’s inner self, but not ashamed of oneself before one’s fellow human beings.
Größere Not kann nicht empfunden werden, als von EinemMenschen. Denn wenn sich ein Mensch verloren fühlt, so ist das die höchste Not.
The greatest distress that can be felt is that of a single human being. For when a person feels lost, that is the ultimate distress.
Worte sind Taten."
Words are deeds.*
Nur ein sehr unglücklicher Mensch hat das Recht einen Andern zu bedauern.
Only a profoundly unhappy person has the right to pity another.
Man kann vernünftigerweise nicht einmal auf Hitler eine Wut haben; wieviel weniger auf Gott.
One cannot reasonably harbor rage even against Hitler; how much less against God.
Wenn Leute gestorben sind, so sehen wir ihr Leben in einem versöhnlichen Licht. Sein Leben scheint uns durch einen Dunst abgerundet. Aber für ibn war's nicht abgerundet, sondern zackig und unvollständig. Für ihn gab es keine Versöhnung; sein Leben ist nackt und clend.
When people die, we view their lives through a conciliatory haze. Their lives appear rounded to us. But for them, it was not rounded; it was jagged and incomplete. For them, there was no reconciliation; their life remains naked and wretched.
Es ist als hätte ich mich verirrt und fragte ich jemand nun den Weg nach Hause. Er sagt, er wird mich ihn führen und geht mit mir einen schönen ebenen Weg. Der kommt plötzlich zu einem Ende. Und nun sagt mein Freund: Alles, was Du zu tun hast, ist jetzt noch von hier an den Weg nach Hause finden.
It is as though I were lost and asked someone for directions home. They say they will guide me and walk with me along a smooth, pleasant path. This path abruptly ends. Then my companion says: All you must do now is find your way home from here.
Vgl. Philosophische Untersuchungen, § 546
Cf. Philosophische Untersuchungen, § 546
Je weniger sich Einer selbst kennt und versteht um so weniger groß ist er, wie groß auch sein Talent sein mag. Darum sind unsre Wissenschaftler nicht groß. Darum sind Freud, Spengler, Kraus, Einstein nicht groß.
The less one knows and understands oneself, the lesser one’s greatness, however great one’s talent may be. This is why our scientists are not great. This is why Freud, Spengler, Kraus, and Einstein are not great.
Sind alle Leute große Menschen? Nein.- Nun, wie kannst Du dann hoffen, ein großer Mensch zu sein! Warum soll Dir etwas zuteil werden, was Deinen Nachbarn nicht zuteil wird? Wofür?! - Wenn es nicht der Wunsch ist, reich zu sein, der Dich glauben macht, Du seist reich, so muß es doch eine Beobachtung, eine Erfahrung, sein, die Dir das zeigt! Und welche Erfahrung hast Du (außer der der Eitelkeit)? Nur die eines Talents. Und meine Einbildung, ich sei ein außerordentlicher Mensch, ist ja viel älter, als meine Erfahrung meines besonderen Talents.
Are all people great? No.—Well then, how can you hope to be a great person! Why should something be granted to you that is not granted to your neighbor? For what reason?!—If it is not the desire to be rich that makes you believe you are rich, then it must be an observation, an experience, that reveals this to you! And what experience do you have (other than that of vanity)? Only that of a talent. And my delusion of being an extraordinary person is indeed far older than my experience of my particular talent.
Schubert ist irreligiös und schwermütig.
Schubert is irreligious and melancholic.
Von den Melodien Schuberts kann man sagen, sie seien voller Pointen, und das kann man von den Mozarts nicht sagen; Schu- bert ist barock. Man kann auf gewisse Stellen einer Schubert- schen Melodie zeigen und sagen: siehst Du, das ist der Witz dieser Melodie, hier spitzt sich der Gedanke zu.
Of Schubert’s melodies, one might say they are full of epigrams, which cannot be said of Mozart’s; Schubert is baroque. One can point to certain passages in a Schubertian melody and say: See, there lies the wit of this melody; here the thought reaches its culmination.
Auf die Melodien der verschiedenen Komponisten kann man jenes Prinzip der Betrachtung anwenden: Jede Baumart sei in anderem Sinne Baum. D.h.: Laß Dich nicht irreführen dadurch, daß man sagt, alles dies seien Melodien. Es sind Stufen auf einem Weg, der von etwas, was Du keine Melodie nennen würdest, zu etwas führt, was Du auch keine nennen würdest. Wenn man bloß die Tonfolgen und den Wechsel der Tonarten ansieht, so erscheinen alle diese Gebilde allerdings in Koordina- tion. Siehst Du aber das Feld an, in dem sie stehen (also ihre Bedeutung), so wird man geneigt sein, zu sagen: Hier ist dieMelodie etwas ganz anderes als dort (sie hat hier einen andern Ursprung, spielt eine andere Rolle, u. a.).
To the melodies of different composers, one may apply this principle of consideration: Each species of tree is tree in a different sense. That is: Do not be misled by the fact that all these are called melodies. They are steps along a path leading from what you would not call a melody to what you would also not call a melody. If one merely looks at the sequences of notes and modulations, all these structures appear coordinate. But if you consider the field in which they stand (i.e., their meaning), you will be inclined to say: Here, melody is something entirely different than there (it has a different origin, plays a different role, etc.).
Der Gedanke, der sich an's Licht arbeitet.
The thought struggling toward the light.
Die Bemerkung des Jukundus im Verlornen Lachen"*, seine Religion bestünde darin: er wisse, wenn es ihm jetzt gut geht,- sein Schicksal könne sich zum Schlechten wenden. Dies drückt eigentlich die gleiche Religion aus, wie das Wort Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen..
The remark by Jukundus in The Lost Laugh*—that his religion consisted in knowing that if he is well off now, his fate might turn for the worse—expresses the same religion as the words "The Lord gave, and the Lord hath taken away..."
Es ist schwer, sich recht zu verstehen, denn dasselbe, was man aus Größe und Güte tun könnte, kann man aus Feigheit oder Gleichgültigkeit tun. Man kann sich freilich so und so aus wahrer Liebe benehmen, aber auch aus Hinterlist und auch aus Kälte des Herzens. Sowie nicht alle Milde Güte ist. Und nur wenn ich in Religion untergehen könnte, könnten diese Zweifel schweigen. Denn nur Religion könnte die Eitelkeit zerstören und in alle Spalten dringen.
It is difficult to act with true understanding, for the same deed that could arise from greatness and goodness might also stem from cowardice or indifference. Of course, one may behave thus out of true love, but also out of cunning or coldness of heart. Just as not all gentleness is kindness. Only if I could dissolve into religion might these doubts fall silent. For only religion could destroy vanity and penetrate every crevice.
Wenn man vorliest und gut vorlesen will, begleitet man die Worte mit stärkeren Vorstellungen. Wenigstens ist es oft so. Manchmal aber [-Nach Korinthus von Athen...]** ist es die Interpunktion, d.h., die genaue Intonation und die Länge der Pausen, auf die uns alles ankommt.
When reading aloud well, one accompanies the words with vivid mental imagery—at least often. But sometimes, as in [Goethe’s line] "Nach Korinthus von Athen...",** what matters is punctuation—the precise intonation and length of pauses.
* Gottfried Keller: Das verlome Lachen.
* Gottfried Keller: Das verlorene Lachen (The Lost Laugh).
** Goethe. Die Braut von Korinth
** Goethe, Die Braut von Korinth (The Bride of Corinth)
Es ist merkwürdig, wie schwer es fällt, zu glauben, was wir nicht selbst einsehen. Wenn ich z. B. bewundernde Außerungen der bedeutenden Männer mehrerer Jahrhunderte über Shake speare höre, so kann ich mich eines Mißtrauens nie erwehren, es sei eine Konvention gewesen, ihn zu preisen; obwohl ich mir doch sagen muß, daß es so nicht ist. Ich brauche die Autorität eines Milton, um wirklich überzeugt zu sein. Bei diesem nehme ich an, daß er unbestechlich war. Damit meine ich aber natür lich nicht, daß nicht eine ungeheure Menge Lobes ohne Ver ständnis und aus falschen Gründen Shakespeare gespendet wor- den ist und wird, von tausend Professoren der Literatur. 1946
It is remarkable how hard it is to believe what we do not grasp ourselves. When I hear the admiring remarks of eminent men across centuries about Shakespeare, I cannot resist suspecting it to have been a convention to praise him—though I must concede this is not so. I require Milton’s authority to be truly convinced. I take him to have been incorruptible. Of course, this does not mean that an immense quantity of praise has not been lavished on Shakespeare without understanding or for false reasons, by thousands of literature professors. 1946
Die Schwierigkeit tief fassen, ist das Schwere.
To grasp the difficulty deeply is what is hard.
Denn seicht gefaßt, bleibt sie eben die Schwierigkeit. Sie ist mit der Wurzel auszureißen; und das heißt, man muß auf neue Art anfangen, über diese Dinge zu denken. Die Änderung ist z. B. eine so entschiedene, wie die von der alchimistischen zur chemi- schen Denkungsweise. Es ist die neue Denkweise, die so schwer festzulegen ist.
For superficially grasped, it remains the same difficulty. It must be uprooted entirely; which means we must begin thinking about these matters in a new way. The shift is as decisive as that from alchemical to chemical thinking. It is this new mode of thought that is so difficult to establish.
Ist die neue Denkweise festgelegt, so verschwinden die alten Probleme; ja, es wird schwer, sie wieder zu erfassen. Denn sie sitzen in der Ausdrucksweise; und wird eine neue angezogen, so streift man die alten Probleme mit dem alten Gewand ab. 1946
Once the new mode of thought is established, the old problems vanish; indeed, it becomes hard to recapture them. For they are embedded in our forms of expression. When a new garment is donned, the old problems are shed along with the old attire. 1946
Die hysterische Angst, die die Offentlichkeit jetzt vor der Atom-Bombe hat, oder doch ausdrückt, ist beinahe ein Zeichen, daß hier einmal wirklich eine heilsame Erfindung gemacht wor- den ist. Wenigstens macht die Furcht den Eindruck einer wirk- lich wirksamen bittern Medizin. Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren: wenn hier nicht etwas Gutes vorläge, würden die Philister kein Geschrei anheben. Aber vielleicht ist auch das ein kindischer Gedanke. Denn alles, was ich meinen kann, ist doch nur, daß die Bombe das Ende, die Zerstörung, eines gräßli- chen Übels, der ekelhaften, seifenwaßrigen Wissenschaft, inAussicht stellt. Und das ist freilich kein unangenehmer Gedanke; aber wer sagt, was auf eine solche Zerstörung folgen würde? Die Leute, die heute gegen die Erzeugung der Bombe reden, sind freilich der Auswurf der Intelligenz, aber auch das beweist nicht unbedingt, daß das zu preisen ist, was sie verabscheuen.
The hysterical fear that the public now expresses toward the atomic bomb is almost a sign that a truly salutary invention has been made here. At least, the fear gives the impression of a genuinely effective bitter medicine. I cannot resist the thought: if there were not something good here, the Philistines would not raise such an outcry. But perhaps this too is a childish thought. For all I can mean is that the bomb holds out the prospect of ending, of destroying, a ghastly evil—the repulsive soapy-water science. And this is certainly not an unpleasant thought; but who can say what would follow such destruction? The people who now speak against the production of the bomb are indeed the dregs of the intelligentsia, but this does not prove beyond doubt that what they abhor is to be praised.
Der Mensch ist das beste Bild der menschlichen Seele.
The human being is the best picture of the human soul.
Menschen sind in vorigen Zeiten ins Kloster gegangen. Waren das etwa dumme, oder stumpfe Menschen? Nun, wenn solche Leute solche Mittel ergriffen haben, um weiter leben zu können, kann das Problem nicht leicht sein!
In former times, people entered monasteries. Were they then stupid or obtuse? Well, if such people took such measures to keep on living, the problem cannot have been easy!
Die Gleichnisse Shakespeares sind, im gewöhnlichen Sinne, schlecht. Sind sie also dennoch gut- und ob sie es sind, weiß ich nicht so müssen sie ihr eigenes Gesetz sein. Ihr Klang könnte sie z. B. wahrscheinlich, und zur Wahrheit, machen.
Shakespeare's similes are, in the ordinary sense, bad. So if they are nonetheless good—and I do not know whether they are—they must be subject to their own law. Their sound, for instance, might make them probable and truthful.
Es könnte sein, daß bei Shakespeare die Leichtigkeit, die Selbstherrlichkeit das Wesentliche ist, dafß man ihn also hinneh- men müßte, um ihn wirklich bewundern zu können, wie man die Natur, eine Landschaft z. B., hinnimmt.
It might be that in Shakespeare, the ease, the sovereignty, is what is essential, so that one must accept him as one accepts nature—a landscape, for example—if one is to admire him properly.
Wenn ich darin Recht habe, so würde das heißen, daß der Stil des ganzen Werkes, ich meine, seiner gesamten Arbeit, hier das Wesentliche, und Rechtfertigende, ist.
If I am right about this, it would mean that the style of his entire work—I mean of his complete œuvre—is here the essential and justifying element.
Daß ich ihn nicht verstehe, wäre dann damit zu erklären, daß ich ihn nicht mit Leichtigkeit lesen kann. Nicht so, also, wie man eine herrliche Landschaft besieht.
That I do not understand him would then be explained by the fact that I cannot read him with ease. Not, that is, as one beholds a glorious landscape.
*Vgl. Philosophische Untersuchungen, Teil II, Abschn. IV.
*Cf. Philosophical Investigations, Part II, Sect. IV.
Der Mensch sieht wohl, was er hat, aber nicht, was er ist. Was er ist, ist gleichsam wie seine Höhe über dem Meeresspiegel, die man meistens nicht ohne weiteres beurteilen kann. Und die Größe, oder Kleinheit, eines Werks hängt davon ab, wo der steht, der es gemacht hat.
A person sees what they have, but not what they are. What they are is like their elevation above sea level, which one usually cannot judge without instruments. And the greatness or smallness of a work depends on where its creator stands.
Man kann aber auch sagen: Der ist nie groß, der sich selbst verkennt: der sich einen blauen Dunst vormacht.
But one might also say: Whoever misunderstands themselves—whoever deludes themselves with blue mists—can never be great.
Welch ein kleiner Gedanke doch ein ganzes Leben füllen kann! Wie man doch sein ganzes Leben lang dasselbe kleine Länd- chen bereisen kann, und meinen, es gäbe nichts außer ihm!
How a small thought can fill an entire life! As if one could travel the same small country all one's life and believe there is nothing beyond it!
Man sieht alles in einer merkwürdigen Perspektive (oder Pro- jektion): das Land, was man unaufhörlich bereist, kommt einem ungeheuer groß vor; alle umgebenden Länder sieht man wie schmale Randgebiete.
Everything is seen in a peculiar perspective (or projection): the land one ceaselessly traverses appears monstrously large; all surrounding lands are seen as narrow marginal regions.
Um in die Tiefe zu steigen, braucht man nicht weit reisen, ja, Du brauchst dazu nicht Deine nächste und gewöhnliche Umge- bung verlassen.
To descend into the depths, one need not travel far; indeed, one need not even leave one's immediate and ordinary surroundings.
Es ist sehr merkwürdig, daß man zu meinen geneigt ist, die Zivilisation die Häuser, Straßen, Wagen, etc. entfernten den Menschen von seinem Ursprung, vom Hohen, Unendlichen, u.s.f. Es scheint dann, als wäre die zivilisierte Umgebung, auch die Bäume und Pflanzen in ihr, billig eingeschlagen in Zellophan, und isoliert von allem Großen und sozusagen von Gott. Es ist ein merkwürdiges Bild, was sich einem da aufdrängt.
It is very strange that we tend to think civilization—houses, streets, vehicles, etc.—removes humanity from its origin, from the lofty, infinite, and so on. It then seems as though the civilized environment, even its trees and plants, were cheaply wrapped in cellophane and isolated from all greatness and, as it were, from God. A peculiar image forces itself upon us here.
Meine ›Errungenschaft‹ ist sehr ähnlich der eines Mathemati- kers, der einen Kalkül erfindet.
My "achievement" closely resembles that of a mathematician who invents a calculus.
Wenn die Menschen nicht manchmal Dummheiten machten, geschähe überhaupt nichts Gescheites.
If people did not sometimes do stupid things, nothing intelligent would ever happen.
Das rein Körperliche kann unheimlich sein. Vergleiche die Art und Weise, wie man Engel und Teufel darstellt. Was man »Wun- der« nennt, muß damit zusammenhängen. Es muß sozusagen eine heilige Gebärde sein.
The purely physical can be uncanny. Compare how angels and devils are depicted. What we call "miracles" must be connected to this. It must be, as it were, a sacred gesture.
Wie Du das Wort »Gott« verwendest, zeigt nicht, wen Du meinst-sondern, was Du meinst.
How you use the word "God" shows not whom you mean—but what you mean.
Beim Stierkampf ist der Stier der Held einer Tragödie. Zuerst durch Schmerzen tollgemacht, stirbt er einen langen und furcht- baren Tod.
In bullfighting, the bull is the hero of a tragedy. First maddened by pain, it dies a long and terrible death.
Ein Held sieht dem Tod in's Angesicht, dem wirklichen Tod, nicht bloß dem Bild des Todes. Sich in einer Krise anständig zu benehmen, heißt nicht einen Helden, gleichsam wie auf dem Theater, gut darstellen können, sondern es heifit dem Tod selbst in's Auge schauen können.
A hero looks death in the face—real death, not merely the image of death. To behave decently in a crisis does not mean playing the hero well, as on the stage; it means being able to look death itself in the eye.
Denn der Schauspieler kann eine Menge Rollen spielen, aber am Ende muß er doch selbst als Mensch sterben.
For an actor may play many roles, but in the end, he too must die as a human being.
Worin besteht es: einer musikalischen Phrase mit Verständnis folgen? Ein Gesicht mit dem Gefühl für seinen Ausdruck betrachten? Den Ausdruck des Gesichts eintrinken?
What does it consist in: following a musical phrase with understanding? Contemplating a face while sensing its expression? Absorbing the face's expression?
Denk an das Benchmen Eines, der das Gesicht mit Verständnis für seinen Ausdruck zeichnet. An das Gesicht, an die Bewegungen des Zeichnenden; wie drückt es sich aus, daß jeder Strich, den er macht, von dem Gesicht diktiert wird, dafß nichts an seiner Zeichnung willkürlich ist, daß er ein feines Instrument ist?
Consider the behavior of someone who draws a face with an understanding of its expression. Observe the face, the movements of the draftsman; how does it manifest that every stroke he makes is dictated by the face, that nothing in his drawing is arbitrary, that he is a delicate instrument?
Ist denn das wirklich ein Erlebnis? Ich meine: kann man sagen, daß dies ein Erlebnis ausdrückt?
Is this truly an experience? I mean: can one say this expresses an experience?
Noch einmal: Worin besteht es, einer musikalischen Phrase mit Verständnis folgen, oder, sie mit Verständnis spielen? Sich nicht in Dich selbst. Frag Dich lieber, was Dich sagen macht, der Andre tue dies. Und was veranlaßt Dich, zu sagen, er habe ein bestimmtes Erlebnis? Ja, sagt man das überhaupt? Würde ich nicht eher vom Andern sagen, er habe eine Menge von Erleb nissen?
Again: What constitutes following a musical phrase with understanding, or playing it with understanding? Do not look into yourself. Rather ask what leads you to say that another does this. And what prompts you to claim he has a particular experience? Indeed, does one even say this? Would I not more likely say of another that he has a multiplicity of experiences?
Ich würde wohl sagen, Er erlebt das Thema intensive; aber bedenke, was davon der Ausdruck ist.
I might well say, He experiences the theme intensely; but consider what constitutes the expression of this.
Da könnte man nur wieder meinen, das intensive Erleben des Themas bestände in den Empfindungen der Bewegungen etc., womit wir es begleiten. Und das scheint (wieder) eine beruhi- gende Erklärung. Aber hast Du irgendeinen Grund, zu glauben, es sei so? Ich meine, z. B., eine Erinnerung an diese Erfahrung? Ist diese Theorie nicht wieder bloß ein Bild? Nein, es ist nicht so: Die Theorie ist nur ein Versuch, die Ausdrucksbewegungen mit einer Empfindung zu kuppeln.
Here one might again think that the intense experience of the theme consists in the sensations of movements etc., with which we accompany it. And this seems (again) a reassuring explanation. But do you have any grounds to believe it is so? I mean, for instance, a memory of this experience? Is this theory not once more merely a picture? No, it is not so: The theory is only an attempt to couple expressive movements with a sensation.
Fragst Du: wie ich das Thema empfunden habe, so werde ich vielleicht sagen Als Frage oder dergleichen, oder ich werde es mit Ausdruck pfeifen etc.
If you ask: how I felt the theme, I might perhaps say As a question or the like, or I might whistle it with expression etc.
Er erlebt das Thema intensiv. Es geht etwas in ihm vor, während er es hört. Und was?
He experiences the theme intensely. Something is happening within him as he listens. And what?
Weist das Thema auf nichts außer sich? Oh ja! Das heißt aber: - Der Eindruck, den es mir macht, hängt mit Dingen in seiner Umgebung zusammen z. B. mit der Existenz der deutschen Sprache und ihrer Intonation, das heißt aber mit dem ganzen Feld unsrer Sprachspiele."
Does the theme point to nothing beyond itself? Oh yes! But this means: — The impression it makes on me relates to elements in its environment, e.g., the existence of the German language and its intonation, which is to say, to the entire field of our language-games."
Wenn ich z. B. sage: Es ist, als ob hier ein Schluß gezogen würde, oder, als ob hier etwas bekräftigt würde, oder, als ob dies eine Antwort auf das Frühere wäre, so setzt mein Verständnis eben die Vertrautheit mit Schlüssen, Bekräftigungen, Antwor ten, voraus.
If I say, for instance: It is as if a conclusion were being drawn here, or, as if something were being affirmed here, or, as if this were a response to what came before, then my understanding presupposes familiarity with conclusions, affirmations, responses.
Ein Thema hat nicht weniger einen Gesichtsausdruck, als ein Gesicht.
A theme has no less a facial expression than a face.
-Die Wiederholung ist notwendig. Inwiefern ist sie notwen- dig? Nun singe es, so wirst Du sehen, daß ihm erst die Wiederho- lung seine ungeheure Kraft gibt. - Ist es uns denn nicht, als müsse hier eine Vorlage für das Thema in der Wirklichkeit existieren, und das Thema käme ihr nur dann nahe, entspräche ihr nur, wenn dieser Teil wiederholt würde? Oder soll ich die Dummheit sagen: Es klingt eben schöner mit der Wiederholung? (Da sieht man übrigens, welche dumme Rolle das Wort schön in der Aesthetik spielt). Und doch ist da eben kein Paradigma außer- halb des Themas. Und doch ist auch wieder ein Paradigma außer- halb des Themas: nämlich der Rhythmus unsrer Sprache, unseres Denkens und Empfindens. Und das Thema ist auch wieder ein neuer Teil unsrer Sprache, es wird in sie einverleibt; wir lernen eine neue Gebärde.
—The repetition is necessary. In what way is it necessary? Now sing it, and you will see that only the repetition gives it its tremendous force. — Is it not as though a prototype for the theme must exist in reality, and the theme approaches it, corresponds to it, only when this part is repeated? Or should I utter the stupidity: It simply sounds better with the repetition? (Here one sees, incidentally, the foolish role the word "beautiful" plays in aesthetics). Yet there is no paradigm here outside the theme. And yet there is again a paradigm outside the theme: namely, the rhythm of our language, of our thinking and feeling. And the theme, too, becomes a new part of our language; it is assimilated into it; we learn a new gesture.
Das Thema ist in Wechselwirkung mit der Sprache. Eines ist, in Gedanken säen, eines, in Gedanken ernten. Die beiden letzten Takte des Tod und Mädchen Themas, das ; man kann zuerst verstehen, daß diese Figur konventio nell, gewöhnlich, ist, bis man ihren tiefern Ausdruck versteht. D.h., bis man versteht, daß hier das Gewöhnliche sinnerfüllt ist.
The theme interacts with language.
One thing is to sow in thought, another to reap in thought.
The last two bars of the Death and the Maiden theme — one might first understand that this figure is conventional, ordinary, until grasping its deeper expression. That is, until one understands that here the ordinary is filled with meaning.
* Vgl. Zeuel, § 175
* Cf. Zeuel, § 175
»Lebt wohl!«
"Farewell!"
»Eine ganze Welt des Schmerzes liegt in diesen Worten. Wie kann sie in ihnen liegen? - Sie hängt mit ihnen zusammen. Die Worte sind wie die Eichel, aus der ein Eichbaum wachsen kann.
"An entire world of pain lies in these words. How can it reside within them? — They are connected to it. The words are like the acorn from which an oak tree may grow.
Esperanto. Das Gefühl des Ekels, wenn wir ein erfundenes Wort mit erfundenen Ableitungssilben aussprechen. Das Wort ist kalt, hat keine Assoziationen und spielt doch »Sprache«. Ein bloß geschriebenes Zeichensystem würde uns nicht so anekeln.
Esperanto. The feeling of disgust when we utter an invented word with invented derivational syllables. The word is cold, devoid of associations, yet plays at being 'language.' A purely written sign system would not disgust us so.
Man könnte Gedanken Preise anheften. Manche kosten viel, manche wenig. Und womit zahlt man für Gedanken? Ich glaube: mit Mut.
One could attach prices to thoughts. Some cost much, some little. And with what does one pay for thoughts? I believe: with courage.
Wenn das Leben schwer erträglich wird, denkt man an eine Veränderung der Lage. Aber die wichtigste und wirksamste Veränderung, die des eigenen Verhaltens, kommt uns kaum in den Sinn, und zu ihr können wir uns schwer entschließen.
When life becomes hard to bear, one thinks of changing their circumstances. But the most important and effective change — a change in one's own conduct — scarcely occurs to us, and we find it difficult to resolve upon.
Man kann einen Stil schreiben, der in der Form unoriginell ist – wie der meine – aber mit gut gewählten Wörtern; oder aber einen, dessen Form originell, aus dem Innern neu gewachsen, ist. (Und natürlich auch einen, der nur irgendwie aus alten Stücken zusammengestoppelt ist.)
One can write in a style that is unoriginal in form — like mine — yet with well-chosen words; or in one whose form is original, newly grown from within. (And naturally also in a style merely cobbled together from old fragments.)
Das Christentum sagt unter anderm, glaube ich, dafi alle guten Lehren nichts nützen. Man müsse das Leben ändern. (Oder die Richtung des Lebens.)
Christianity says among other things, I believe, that all good doctrines are of no avail. One must change one's life. (Or the direction of life.)
Dafß alle Weisheit kalt ist; und daß man mit ihr das Leben so wenig in Ordnung bringen kann, wie man Eisen kalt schmieden kann.
That all wisdom is cold; and that with it one can no more set life in order than one can forge iron cold.
Eine gute Lehre nämlich muß einen nicht ergreifen; man kann ihr folgen, wie einer Vorschrift des Arztes. Aber hier muß man von etwas ergriffen und umgedreht werden. (D.h., so verstehe ich's.) Ist man umgedreht, dann muß man umgedreht bleiben. Weisheit ist leidenschaftslos. Dagegen nennt Kierkegaard den Glauben eine Leidenschaft.
For a good doctrine need not grip one; one can follow it like a doctor's prescription. But here one must be gripped and turned around. (That is how I understand it.) Once turned around, one must stay turned around. Wisdom is dispassionate. By contrast, Kierkegaard calls faith a passion.
Die Religion ist sozusagen der tiefste ruhige Meeresgrund, der ruhig bleibt, wie hoch auch die Wellen oben gehen.-
Religion is, as it were, the calmest deepest ocean floor, remaining calm however high the waves rise above.
-Ich habe nie früher an Gott geglaubt-das versteh' ich. Aber nicht: Ich habe nie früher wirklich an Ihn geglaubt..
—I never used to believe in God—that I understand. But not: I never truly believed in Him before.
Ich fürchte mich oft vor dem Wahnsinn. Hab ich irgend einen Grund anzunehmen, daß diese Furcht nicht sozusagen einer optischen Täuschung entspringt: ich halte irgend etwas für einen nahen Abgrund, was keiner ist? Die einzige Erfahrung, von der ich weiß, die dafür spricht, daß diese keine Täuschung ist, ist der Fail Lenaus. In seinem Faust nämlich finden sich Gedanken der Art, wie ich sie auch kenne. Lenau legt sie in den Mund Fausts, aber es sind gewiß seine eigenen über sich selbst. Das Wichtige ist, was Faust über seine Einsamkeit, oder Vereinsa- mung sagt.
I often fear madness. Do I have any reason to assume this fear does not spring from, as it were, an optical illusion: that I mistake something for a nearby abyss which is none? The only known case supporting this not being an illusion is Lenau's example. In his Faust, one finds thoughts of the kind I too am familiar with. Lenau puts them into Faust's mouth, but they are certainly his own about himself. What matters is what Faust says about his solitude or isolation.
Auch sein Talent kommt mir dem meinen ähnlich vor: VielSpreu aber einige schöne Gedanken. Die Erzählungen im »Faust« sind alle schlecht, aber die Betrachtungen oft wahr und groß.
His talent also strikes me as akin to my own: Much chaff but some beautiful thoughts. The narratives in "Faust" are all poor, but the reflections often true and grand.
Lenaus »Faust« ist in sofern merkwürdig, als es der Mensch hier nur mit dem Teufel zu tun hat. Gott rührt sich nicht.
Lenau's "Faust" is remarkable insofar as here man deals solely with the devil. God remains unmoved.
Ich glaube, Bacon war kein scharfer Denker. Er hatte große, sozusagen breite, Visionen. Aber wer nur diese hat, der muß im Versprechen großartig, im Erfüllen ungenügend, sein.
I believe Bacon was no acute thinker. He had grand, so to speak broad, visions. But whoever has only these must be magnificent in promise, unfulfilled in execution.
Jemand könnte eine Flugmaschine erdichten, ohne es mit ihren Einzelheiten genau zu nehmen. Ihr Äußeres mag er sich sehr ähnlich dem eines richtigen Aeroplanes vorstellen, und ihre Wir- kungen malerisch beschreiben. Es ist auch nicht klar, daß so eine Erdichtung wertlos sein muß. Vielleicht spornt sie Andere zu einer anderen Art von Arbeit an. Ja, während diese, sozusagen von fern her, die Vorbereitungen treffen, zum Bauen eines Aero- planes, der wirklich fliegt, beschäftigt Jener sich damit, zu träu- men, wie dieser Aeroplan aussehen muß, und was er leisten wird. Über den Wert dieser Tätigkeiten ist damit noch nichts gesagt. Die des Träumers mag wertlos sein-und auch die andere.
Someone might invent a flying machine without specifying its details precisely. Its exterior might closely resemble a real airplane, and its effects be described pictorially. Nor is it clear that such an invention must be worthless. Perhaps it spurs others to different kinds of work. Indeed, while these prepare, as it were from afar, to build an airplane that truly flies, that person busies himself dreaming of how this airplane must look and what it will achieve. The value of these activities remains undecided here. The dreamer's may be worthless—and the others' too.
Den Wahnsinn muß man nicht als Krankheit ansehen. Warum nicht als eine plötzliche - mehr oder weniger plötzliche - Cha- rakteränderung?
Madness should not be regarded as an illness. Why not as a sudden—more or less sudden—change of character?
Jeder Mensch ist (oder die Meisten sind) mißtrauisch, und vielleicht gegen die Verwandten mehr, als gegen Andere. Hat das Mißtrauen einen Grund? Ja und nein. Man kann dafür Gründe angeben, aber sie sind nicht zwingend. Warum soll ein Menschnicht plötzlich gegen die Menschen viel mißtrauischer werden? Warum nicht viel verschlossener? Oder liebeleer? Werden Men- schen dies nicht auch im gewöhnlichen Verlauf?-Wo ist hier die Grenze zwischen Wollen und Können? Will ich mich nieman- dem mehr mitteilen, oder kann ich's nicht? Wenn so vieles seinen Reiz verlieren kann, warum nicht Alles? Wenn der Mensch auch im gewöhnlichen Leben verschlagen ist, warum soll er nicht- und vielleicht plötzlich noch viel verschlagener werden? Und viel unzugänglicher.
Everyone is distrustful (or most people are), perhaps more toward relatives than others. Does this distrust have grounds? Yes and no. One can cite reasons, but they are not compelling. Why shouldn't a person suddenly become far more distrustful of people? Why not more guarded? Or loveless? Do people not become so in ordinary life too?—Where lies the boundary between willing and being able? Do I will to confide in no one anymore, or cannot I? If so much can lose its charm, why not everything? If people are cunning in ordinary life, why shouldn't they—perhaps suddenly—become far more cunning? And far more inaccessible.
Eine Pointe im Gedicht ist überspitzt, wenn die Verstandes- spitzen nackt zu Tage treten, nicht überkleidet vom Herzen.
A witticism in poetry is overstrained when the spikes of intellect protrude nakedly, unclothed by heart.
So, es kann ein Schlüssel für ewig da liegen, wohin ihn der Meister gelegt hat, und nie verwendet werden, das Schloß aufzu- sperren, dafür der Meister ihn geschmiedet hat.
Thus a key may lie forever where the master placed it, never used to unlock the door for which the master forged it.
-Es ist höchste Zeit, daß wir diese Erscheinungen mit etwas anderem vergleichen--kann man sagen. Ich denke da, z. B., an Geisteskrankheiten.
—It is high time we compared these phenomena with something else—one might say. Here I think, for example, of mental illnesses.
Freud hat durch seine phantastischen pseudo-Erklärungen (gerade weil sie geistreich sind) einen schlimmen Dienst er- wiesen.
Freud has done a grave disservice through his fantastic pseudo-explanations (precisely because they are clever).
(Jeder Esel hat diese Bilder nun zur Hand, mit ihrer Hilfe Krankheitserscheinungen zu erklären.)
(Every donkey now has these images at hand to explain symptoms of illness with their help.)
1946
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Die Ironie in der Musik. Bei Wagner z. B. in den »Meistersingern«. Unvergleichlich tiefer im ersten Satz der IX. im Fugato. Hier ist etwas, was in der Rede dem Ausdruck grimmiger Ironie entspricht.Ich hätte auch sagen können: das Verzerrte in der Musik. In dem Sinne, in dem man von gramverzerrten Zügen spricht. Wenn Grillparzer sagt, Mozart habe in der Musik nur das »Schöne« zugelassen, so heißt das, glaube ich, daß er nicht das Verzerrte, Gräßliche zugelassen habe, daß in seiner Musik sich nichts findet, was diesem entspricht. Ob das ganz wahr ist, will ich nicht sagen; aber angenommen, es ist so, so ist es ein Vorurteil Grillparzers, daß es von Rechts wegen nicht anders sein dürfe. Daß die Musik nach Mozart (besonders natürlich durch Beethoven) ihr Sprachgebiet erweitert hat, ist weder zu preisen, noch zu beklagen; sondern: so hat sie sich gewandelt. In Grillparzers Verhalten ist eine Art von Undankbarkeit. Wollte er noch einen Mozart haben? Konnte er sich etwas vorstellen, was so einer nun komponieren würde? Hätte er sich Mozart vorstellen können, wenn er ihn nicht gekannt hätte?
Irony in music. In Wagner, for instance, in "The Mastersingers." Incomparably deeper in the first movement of the Ninth Symphony’s fugato. Here lies something corresponding to the expression of grim irony in speech. One might also say: the distorted in music. In the sense that one speaks of grief-distorted features. When Grillparzer states that Mozart permitted only "the Beautiful" in music, this means, I believe, that he did not allow the distorted, the horrible—that nothing corresponding to these is found in his music. Whether this is entirely true, I will not say; but assuming it is so, this constitutes Grillparzer’s prejudice that it ought not to be otherwise by right. That music after Mozart (particularly through Beethoven, of course) expanded its linguistic domain is neither to be praised nor lamented; rather: thus it has transformed itself. In Grillparzer’s attitude lies a kind of ingratitude. Did he still want a Mozart? Could he imagine what such a composer would now create? Could he have conceived of Mozart had he not known him?
Hier hat auch der Begriff »das Schöne« manchen Unfug angestellt.
Here too, the concept of "the Beautiful" has wrought much mischief.
1946
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Begriffe können einen Unfug erleichtern oder erschweren; begünstigen oder hemmen.Die grinsenden Gesichter der Dummen können uns allerdings glauben machen, sie hätten kein wirkliches Leid; aber sie haben es, nur woanders als der Gescheitere. Sie haben, sozusagen, keinen Kopfschmerz, aber soviel anderes Elend, wie jeder Andere. Es muß ja nicht alles Elend, den gleichen Gesichtsaus-druck hervorrufen. Ein edlerer Mensch in seinen Leiden wird anders ausschaun als ich.
Concepts can facilitate or hinder mischief; promote or restrain it. The grinning faces of fools may indeed make us believe they experience no real sorrow; yet they do, only in different forms than the wiser. They have, so to speak, no headaches, but as much other misery as anyone else. Not all suffering need produce the same facial expression. A nobler person in their anguish will look different than I.
Ich kann nicht niederknien, zu beten, weil gleichsam meine Knie steif sind. Ich fürchte mich vor der Auflösung (vor meiner Auflösung), wenn ich weich würde.
I cannot kneel to pray, as though my knees were stiff. I fear dissolution (my dissolution) should I soften.
Ich zeige meinen Schülern Ausschnitte aus einer ungeheuern Landschaft, in der sie sich unmöglich auskennen können.
I show my students fragments of an immense landscape in which they cannot possibly orient themselves.
Die apokalyptische Ansicht der Welt ist eigentlich die, daß sich die Dinge nicht wiederholen. Es ist z. B. nicht unsinnig, zu glauben, daß das wissenschaftliche und technische Zeitalter der Anfang vom Ende der Menschheit ist; daß die Idee vom großen Fortschritt eine Verblendung ist, wie auch von der endlichen Erkenntnis der Wahrheit; daß an der wissenschaftlichen Erkenntnis nichts Gutes oder Wünschenswertes ist und daß die Menschheit, die nach ihr strebt, in eine Falle läuft. Es ist durch- aus nicht klar, daß dies nicht so ist.
The apocalyptic view of the world is essentially that things do not repeat themselves. It is not nonsensical, for example, to believe that the scientific and technological age is the beginning of humanity’s end; that the idea of great progress is a delusion, as is the ultimate knowledge of truth; that there is nothing good or desirable in scientific knowledge, and that humanity, in striving for it, is running into a trap. It is by no means clear that this is not so.
Was ein Mann träumt, das erfüllt sich so gut wie nie.
What a man dreams is seldom fulfilled.
Sokrates, der den Sophisten immer zum Schweigen bringt - bringt er ihn mit Recht zum Schweigen? - Ja, der Sophist weiß nicht, was er zu wissen glaubte; aber das ist kein Triumph für Sokrates. Weder kann es heißen Sieh da! Du weißt es nicht! noch, triumphierend, Also wissen wir Alle nichts!-
Socrates, who continually silences the Sophist—does he silence him justly? —Yes, the Sophist does not know what he believes he knows; but this is no triumph for Socrates. It cannot mean either "Behold! You do not know!" or, triumphantly, "Thus we all know nothing!"—
Die Weisheit ist etwas Kaltes, und insofern Dummes. (Der Glaube dagegen, eine Leidenschaft.) Man könnte auch sagen: Die Weisheit verbehlt Dir nur das Leben. (Die Weisheit ist wie kalte, graue Asche, die die Glut verdeckt.)
Wisdom is something cold, and to that extent, stupid. (Faith, by contrast, is a passion.) One might also say: Wisdom merely conceals life from you. (Wisdom is like cold gray ash, covering the embers.)
Scheue Dich ja nicht davor, Unsinn zu reden! Nur mußt Du auf Deinen Unsinn lauschen.
Do not shrink from talking nonsense! Only you must listen to your nonsense.
Die Wunder der Natur.
The Miracles of Nature.
Man könnte sagen: die Kunst zeige uns die Wunder der Natur. Sie basiert auf dem Begriff der Wunder der Natur. (Die sich öffnende Blüte. Was ist an ihr herrlich?) Man sagt: Sich, wie sie sich öffnet!
One might say: art shows us the miracles of nature. It is founded on the concept of nature’s miracles. (The unfolding blossom. What is glorious about it?) One says: Look how it opens!
Durch einen Zufall nur könnten die Träume eines Menschen von der Zukunft der Philosophie, der Kunst, der Wissenschaft, sich bewahrheiten. Was er sieht, ist eine Fortsetzung seiner Welt im Traum, also VIELLEICHT sein Wunsch (vielleicht auch nicht), aber nicht die Wirklichkeit.
Only by chance could a person’s dreams about the future of philosophy, art, or science prove true. What he sees is an extension of his world in dreams—perhaps his wish (perhaps not)—but not reality.
Auch der Mathematiker kann natürlich die Wunder (das Krystall) der Natur anstaunen; aber kann er es, wenn es einmal problematisch geworden ist, was er denn anschaut? Ist es wirklich möglich, solange eine philosophische Trübe das verschleiert, was das Staunenswerte oder Angestaunte ist?
Even the mathematician can marvel at nature’s miracles (the crystal); but can he do so once it becomes problematic what exactly he is contemplating? Is this truly possible as long as a philosophical haze obscures what is wondrous or worthy of wonder?
Ich könnte mir denken, daß Einer Bäume bewundert, und auch die Schatten, oder Spiegelungen von Bäumen, die er für Bäume hält. Sagt er sich aber einmal, daß es doch keine Bäume sind und wird es für ihn problematisch, was sie sind, oder wasihre Beziehung zu Bäumen ist, dann hat die Bewunderung einen Riß, der erst zu heilen ist.
I could imagine someone admiring trees and also their shadows or reflections, which he takes for trees. But once he realizes these are not trees and it becomes problematic for him what they are or their relation to trees, the admiration develops a crack that must first be healed.
Manchmal kann ein Satz nur verstanden werden, wenn man ihn im richtigen Tempo liest. Meine Sätze sind alle langsam zu Jesen.
Sometimes a sentence can only be understood if read at the right tempo. My sentences are all to be read slowly.
Die Notwendigkeit, mit der der zweite Gedanke auf den ersten folgt. (Figaro Ouvertüre.) Nichts dümmer, als zu sagen, es sei angenehm den einen nach dem andern zu hören. - Aber das Paradigma, wonach das alles richtig ist, ist freilich dunkel. Es ist die natürliche Entwicklung. Man macht eine Handbewe- gung, möchte sagen: natürlich! Man könnte den Übergang auch einem Übergang, dem Eintritt einer neuen Figur in einer Geschichte, z. B., oder einem Gedichte, vergleichen. So paßt dies Stück in die Welt unsrer Gedanken und Gefühle hinein.
The necessity with which the second thought follows the first. (Figaro Overture.) Nothing more foolish than to call this sequence pleasing. —Yet the paradigm by which all this is correct remains obscure. It is the natural progression. One makes a gesture, wanting to say: of course! The transition might also be compared to the entrance of a new figure in a story or poem. Thus this piece fits into the world of our thoughts and feelings.
Die Falten meines Herzens wollen immer zusammenkleben, und um es zu öffnen müßte ich sie immer wieder auseinanderrei- Ben.
The folds of my heart always want to stick together, and to open it I must tear them apart again and again.
Der amerikanische dumme und naive Film kann in aller seiner Dummheit und durch sie belehren. Der trottelhafte, nicht-naive englische Film kann nicht belehren. Ich habe oft aus einem dummen amerikanischen Film eine Lehre gezogen.
The stupid and naive American film can, in all its stupidity and through it, instruct. The idiotic, non-naive English film cannot. I have often drawn a lesson from a stupid American film.
Ist, was ich tue, überhaupt der Mühe wert? Doch nur, wenn es von oben her ein Licht empfängt. Und ist es so, warum soliteich mich sorgen, daß mir die Früchte meiner Arbeit nicht gestoh len werden? Wenn, was ich schreibe, wirklich wertvoll ist, wie sollte man mir das Wertvolle stehlen? Ist das Licht von oben nicht da, so kann ich ja doch nur geschickt sein.
Is what I'm doing worth the effort at all? Only if it receives light from above. And if so, why should I worry about the fruits of my labor being stolen? If what I write is truly valuable, how could anyone steal this value? If the light from above is absent, I can at most be skillful.
Ich verstehe es vollkommen, wie Einer es hassen kann, wenn ihm die Priorität seiner Erfindung, oder Entdeckung, streitig gemacht wird, daß er diese Priorität with tooth and claw vertei digen möchte. Und doch ist sie nur eine Chimaire. Es scheint mir freilich zu billig, allzuleicht, wenn Claudius über die Prioritäts- streitigkeiten zwischen Newton und Leibniz spottet; aber es ist, glaube ich, doch wahr, dafß dieser Streit nur üblen Schwächen entspringt und von ÜBLEN Menschen genährt wird. Was hätte Newton verloren, wenn er die Originalität Leibnizs anerkannt hätte? Gar nichts! Er hätte viel gewonnen. Und doch, wie schwer ist dieses Anerkennen, das Einem, der es versucht, wie ein Einge- ständnis des eigenen Unvermögens erscheint. Nur Menschen, die Dich schätzen und zugleich lieben, können Dir dieses Ver- halten leicht machen.
I fully understand how someone might hate having the priority of their invention or discovery contested, wanting to defend this priority with tooth and claw. Yet it remains a chimera. While Claudius mocking the priority disputes between Newton and Leibniz seems too facile, I believe it’s true that such quarrels arise from base weaknesses and are sustained by BASE individuals. What would Newton have lost by acknowledging Leibniz’s originality? Nothing! He would have gained much. Yet how excruciating this acknowledgment feels to one who attempts it – like admitting personal inadequacy. Only those who esteem and love you can make this attitude bearable.
Es handelt sich natürlich um Neid. Und wer ihn fühlt, müßte sich immer sagen: Es ist ein Irrtum! Es ist ein Irrtum!--
This is envy, of course. And whoever feels it must remind themselves: It is an error! An error!--
Im Gefolge jeder Idee, die viel kostet, kommen eine Menge billiger; darunter auch einige, die nützlich sind.
In the wake of every costly idea comes a swarm of cheap ones; among these, some prove useful.
Manchmal sieht man Ideen, wie der Astronom von uns aus weit entlegene Sternenwelten. (Oder es scheint doch so.)
At times, ideas appear as distant star systems do to the astronomer. (Or so it seems.)
Wenn ich einen guten Satz geschrieben hätte, und durch Zufall wären es zwei reimende Zeilen, so wäre dies ein Febler.
If I wrote a good sentence that accidentally formed rhyming lines, this would be a defect.
Aus Tolstois schlechtem Theorisieren, das Kunstwerk über- trage ein Gefühl, könnte man viel lernen. Und doch könnte man es, wenn nicht den Ausdruck eines Gefühls, einen Gefühls- ausdruck nennen, oder einen gefühlten Ausdruck. Und man könnte auch sagen, daß die Menschen, die ihn verstehen, glei- chermaßen zu ihm schwingen, auf ihn antworten. Man könnte sagen: Das Kunstwerk will nicht etwas anderes übertragen, son- dern sich selbst. Wie, wenn ich Einen besuche, ich nicht bloß die und die Gefühle in ihm zu erzeugen wünsche, sondern vor allem ihn besuchen, und freilich auch gut aufgenommen werden will.
From Tolstoy’s flawed theorizing – that artworks transmit feelings – one could learn much. Yet even so, if not called an expression of feeling, we might term it a felt expression. One could say those who understand it resonate with it, respond to it. The artwork does not seek to transmit something else, but itself. Like visiting someone: I desire not merely to evoke certain feelings but above all to visit, and naturally, to be well received.
Und schon erst recht unsinnig ist es, zu sagen, der Künstler wünsche, daß, was er beim Schreiben, der Andre beim Lesen fühlen solle. Ich kann wohl glauben, ein Gedicht (z. B.) zu verstehen, es so zu verstehen, wie sein Erzeuger es sich wün- schen würde, aber was er beim Schreiben gefühlt haben mag, das kümmert mich gar nicht.So wie ich keine Verse schreiben kann, so kann ich auch Prosa nur soweit, und nicht weiter, schreiben. Meiner Prosa ist eine ganz bestimmte Grenze gesetzt, und ich kann ebenso wenig über sie hinaus, als ich es vermöchte, ein Gedicht zu schreiben. Mein Apparat ist so beschaffen; nur dieser Apparat steht mir zur Verfügung. Es ist, wie wenn Einer sagte: Ich kann in diesem Spiel nur diesen Grad der Vollkommenheit erreichen, und nicht jenen.Es ist möglich, daß jeder, der eine bedeutende Arbeit leistet, eine Fortsetzung, eine Folge, seiner Arbeit im Geiste vor sich sicht, träumt; aber es wäre doch merkwürdig, wenn es nun wirklich so käme, wie er es geträumt hat. Heute nicht an die eigenen Träume zu glauben, ist freilich leicht.
It is even more absurd to claim the artist wishes others to feel what he felt while writing. I may believe I understand a poem as its creator intended, yet his writing-time emotions concern me not at all. Just as I cannot write verse, so too my prose reaches strict limits. My apparatus is thus constructed; I can no more surpass it than compose poetry. As if one said: In this game, I attain only this degree of perfection, not that. It’s possible that everyone producing significant work envisions a continuation in their mind’s eye – dreams it. Yet how remarkable if reality mirrored these dreams. Today, disbelieving one’s own dreams comes easily.
Nietzsche schreibt einmal*, daß auch die besten Dichter und Denker Mittelmäßiges und Schlechtes geschrieben, nur eben das Gute davon geschieden haben. Aber ganz so ist es nicht. Ein Gärtner hat in seinem Garten freilich neben den Rosen auch den Dünger und Kehricht und Stroh, aber sie unterscheiden sich nicht nur in der Güte, sondern vor allem in ihrer Funktion im Garten.
Nietzsche once wrote* that even the finest poets and thinkers produced mediocre and bad work, merely separating the good. But this isn’t quite so. A gardener has roses alongside dung and straw in his plot, yet these differ not only in quality but fundamentally in their garden function.
Was wie ein schlechter Satz ausschaut, kann der Keim zu einem guten sein.
What appears a poor sentence may be the seed of a good one.
Die Fähigkeit des »Geschmacks« kann keinen Organismus schaffen, nur einen schon vorhandenen regulieren. Der Ge- schmack lockert Schrauben und zieht Schrauben an, er schafft nicht ein neues Uhrwerk.
The capacity of “taste” cannot create organisms, only regulate existing ones. Taste loosens screws and tightens them – it does not forge new clockwork.
Der Geschmack reguliert. Das Gebären ist nicht seine Sache.
Taste regulates. Procreation is not its affair.
Der Geschmack macht ANNEHMBAR.
Taste renders PLEASING.
(Darum braucht, glaube ich, der große Schöpfer keinen Geschmack; das Kind kommt wohlgeschaffen zur Welt.)
(Thus I believe the great creator needs no taste; the child emerges well-formed.)
Feilen ist manchmal Tätigkeit des Geschmacks, manchmal nicht. Ich habe Geschmack.
Polishing is sometimes taste’s labor, sometimes not. I possess taste.
Auch der feinste Geschmack hat mit Schöpferkraft nichts zu tun.
Even the subtlest taste shares no kinship with creative power.
Geschmack ist Feinheit der Empfindung; Empfindung aber tut nicht, sie nimmt nur auf.
Taste is refinement of sensibility; yet sensibility does not act – it merely receives.
* Menschliches, Allzumenschliches, I, § 155.
* Menschliches, Allzumenschliches, I, § 155.
Ich vermag nicht zu beurteilen, ob ich nur Geschmack, oder auch Originalität habe. Jenen sehe ich klar, diese nicht, oder ganz undeutlich. Und vielleicht muß es so sein, und man sieht nur, was man hat, nicht was man ist. Wenn Einer nicht lügt, ist eroriginell genug. Denn die Originalität, die wünschenswert wäre, kann doch nicht eine Art Kunststück sein, oder eine Eigenheit, wie immer ausgeprägt.
I am unable to judge whether I possess only taste or also originality. The former I see clearly, the latter not at all, or only dimly. And perhaps this is how it must be—one sees what one has, not what one is. If someone does not lie, they are original enough. For the originality one might desire cannot be a mere trick of artifice or idiosyncrasy, however pronounced.
Ja schon das ist ein Anfang guter Originalität, nicht sein zu wollen, was man nicht ist. Und alles das ist von Andern schon viel besser gesagt worden.
Indeed, even this is the beginning of good originality: not wanting to be what one is not. And all this has been expressed far better by others.
Geschmack kann entzücken, aber nicht ergreifen.
Taste can delight, but not seize.
Man kann einen alten Stil gleichsam in einer neueren Sprache wiedergeben; ihn sozusagen neu aufführen in einem Tempo, das unsrer Zeit gemäß ist. Man ist dann eigentlich nur reproduktiv. Das habe ich beim Bauen getan.
One can, as it were, render an old style in a newer language; perform it anew in a tempo suited to our time. Here one is essentially reproducing. This is what I have done in architecture.
Was ich meine, ist aber nicht ein neues Zurechtstutzen eines alten Stils. Man nimmt nicht die alten Formen und richtet sie dem neuen Geschmack entsprechend her. Sondern man spricht, viel- leicht unbewufit, in Wirklichkeit die alte Sprache, spricht sie aber in einer Art und Weise, die der neuern Welt, darum aber nicht notwendigerweise ihrem Geschmacke, angehört.
What I mean, however, is not a new trimming of an old style. One does not take old forms and adjust them to contemporary taste. Rather, one speaks—perhaps unconsciously—the old language itself, but speaks it in a manner belonging to the newer world, though not necessarily to its taste.
Der Mensch reagiert so: er sagt Nicht das! und kämpft es an. Daraus entstehen vielleicht Zustände, die ebenso unerträg- lich sind; und vielleicht ist dann die Kraft zu weiterer Revolte verausgabt. Man sagt Hätte der nicht das getan, so wäre das Ubel nicht gekommen. Aber mit welchem Recht? Wer kennt die Gesetze, nach denen die Gesellschaft sich entwickelt? Ich bin überzeugt, daß auch der Gescheiteste keine Ahnung hat. Kampfst Du, so kämpist Du. Hoffst Du, so hoffst Du. Man kann kämpfen, hoffen und auch glauben, ohne wissen- schaftlich zu glauben.
Human beings react thus: they say "Not that!" and oppose it. From this may arise conditions equally intolerable; and perhaps the strength for further revolt is then exhausted. One says, "Had he not done that, the evil would not have come." But by what right? Who knows the laws governing societal development? I am convinced that even the cleverest have no inkling. If you fight, you fight. If you hope, you hope. One can fight, hope, and even believe without believing scientifically.
Die Wissenschaft: Bereicherung und Verarmung. Die eine Methode drängt alle andern beiseite. Mit dieser verglichen schei- nen sie alle ärmlich, höchstens Vorstufen. Du mußt zu den Quellen niedersteigen, um sie alle nebeneinander zu sehen, die vernachläßigten und die bevorzugten.
Science: enrichment and impoverishment. One method pushes all others aside. Compared to it, they seem meager—at best preliminary stages. You must descend to the sources to see them all side by side: the neglected and the privileged.
Kann ich nur keine Schule gründen, oder kann es ein Philo- soph nie? Ich kann keine Schule gründen, weil ich eigentlich nicht nachgeahmt werden will. Jedenfalls nicht von denen, die Artikel in philosophischen Zeitschriften veröffentlichen.
Is it merely that I cannot found a school, or that a philosopher never can? I cannot found a school because I do not truly wish to be imitated. At any rate, not by those who publish articles in philosophical journals.
Der Gebrauch des Wortes »Schicksal«. Unser Verhalten zur Zukunft und Vergangenheit. Wieweit halten wir uns für die Zukunft verantwortlich? Wieviel spekulieren wir über die Zukunft? Wie denken wir über Vergangenheit und Zukunft? Wenn etwas Unangenehmes geschieht: fragen wir »Wer ist schuld?«, sagen wir »Jemand muß dran schuld sein«, oder sagen wir »Es war Gottes Wille«, »Es war Schicksal«?
The use of the word "fate." Our attitude toward future and past. To what extent do we hold ourselves responsible for the future? How much do we speculate about it? How do we think of past and future? When something unpleasant occurs: do we ask "Who is to blame?" do we say "Someone must be at fault," or do we say "It was God's will," "It was fate"?
Wie, eine Frage stellen, auf ihre Antwort dringen, oder sie nicht stellen, ein anderes Verhalten, eine andere Art des Lebens ausdrückt, so, in diesem Sinne, auch ein Ausspruch wie »Es ist Gottes Wille« oder »Wir sind nicht Herren über unser Schick- sal«. Was dieser Satz tut, oder doch Ähnliches, könnte auch ein Gebot tun! Auch eins, was man sich selbst gibt. Und umgekehrt kann ein Gebot, z. B. »Murre nicht!« als Feststellung einer Wahrheit ausgesprochen werden.
Just as posing a question, pressing for its answer, or refraining from asking it expresses a different conduct—a different form of life—so too does an utterance like "It is God's will" or "We are not masters of our fate." What this sentence accomplishes—or something akin to it—a commandment might also achieve! Even one given to oneself. Conversely, a commandment such as "Do not grumble!" could be uttered as the declaration of a truth.
Das Schicksal steht im Gegensatz zum Naturgesetz. Das Naturgesetz will man ergründen, und verwenden, das Schicksal nicht.
Fate stands in contrast to natural law. Natural law we seek to fathom and utilize; fate, not.
Es ist mir durchaus nicht klar, daß ich eine Fortsetzung meiner Arbeit durch Andre mehr wünsche, als eine Veränderung der Lebensweise, die alle diese Fragen überflüssig macht. (Darum könnte ich nie eine Schule gründen.)
It is entirely unclear to me whether I desire others to continue my work more than I desire a transformation in our way of life that would render all these questions superfluous. (Hence I could never found a school.)
Der Philosoph sagt »Sieh’ die Dinge so an!« – aber damit ist erstens nicht gesagt, daß die Leute sie so ansehen werden, zwei- tens mag er überhaupt mit seiner Mahnung zu spät kommen, und es ist auch möglich, daß so eine Mahnung überhaupt nichts ausrichten kann und der Impuls zu dieser Änderung der Anschauung von anders wo kommen muß. So ist es ganz unklar, ob Bacon irgend etwas bewegt hat, aufßer die Oberfläche der Gemüter seiner Leser.
The philosopher says "Look at things this way!"—but first, this does not ensure that people will view them thus; second, his admonition may come too late altogether, and it is possible that such urging achieves nothing, the impulse for this change in perspective having to arise elsewhere. Thus it is entirely unclear whether Bacon moved anything beyond the surface of his readers' minds.
Nichts kommt mir weniger wahrscheinlich vor, als daß ein Wissenschaftler, oder Mathematiker, der mich liest, dadurch in seiner Arbeitsweise ernstlich beeinflußt werden sollte. (In sofern sind meine Betrachtungen wie die Plakate an den Kartenschal- tern der englischen Bahnhöfe »Is your journey really neces- sary?« Als ob Einer, der das liest, sich sagen würde »On second thoughts, no.«) Hier muß man mit ganz anderen Geschützen kommen, als ich im Stande bin, in’s Feld zu führen. Am ehesten könnte ich noch dadurch eine Wirkung erzielen, daß, vor allem, durch meine Anregung eine große Menge Dreck geschrieben wird, und daß vielleicht dieser die Anregung zu etwas Gutem wird. Ich dürfte immer nur auf die aller indirekteste Wirkung hoffen.
Nothing seems less probable to me than that a scientist or mathematician who reads me would thereby be seriously influenced in their mode of work. (In this respect, my reflections resemble the posters at English railway ticket offices: "Is your journey really necessary?" As if someone reading this would think, "On second thought—no.") Here one must deploy entirely different artillery than I am capable of marshaling. At best, I might still produce an effect by inspiring a great deal of trash to be written—trash that perhaps becomes the impetus for something good. I may hope only for the most indirect of influences.
* Während des zweiten Weltkriegs und unmittelbar nachher.
* During the Second World War and immediately after.
Z. B. nichts dümmer, als das Geschwätz über Ursache und Wirkung in Büchern über Geschichte; nichts verkehrter, weni-ger durchdacht. Aber wer könnte dem Einhalt tun, dadurch, daß er das sagte? (Es wäre, als wollte ich durch reden die Klei- dung der Frauen und der Männer ändern.)
For instance, nothing is more foolish than the prattle about cause and effect in history books; nothing more misguided, less thoroughly considered. But who could put a stop to this by merely stating it? (It would be like trying to change men's and women's clothing through speech.)
Denke dran, wie man von Labors Spiel gesagt hat »Er spricht, Wie eigentümlich! Was war es, was einen in diesem Spiel so an ein Sprechen gemahnt hat? Und wie merkwürdig, daß die Ähn- lichkeit mit dem Sprechen nicht etwas uns Nebensächliches, sondern etwas Wichtiges und Großes ist! Die Musik, und gewiß manche Musik, möchten wir eine Sprache nennen; man- che Musik aber gewiß nicht. (Nicht, daß damit ein Werturteil gefällt sein muß!)
Recall how it was said of Laban's play: "He speaks." How peculiar! What was it that made this play so reminiscent of speech? And how remarkable that this resemblance to speech isn't merely incidental but something essential and profound! Music—certain kinds of music—we might call a language; other kinds certainly not. (This need not involve a value judgment!)
Das Buch ist voller Leben nicht wie ein Mensch, sondern wie ein Ameishaufen.
The book is full of life not like a human being, but like an anthill.
Man vergifit immer wieder, auf den Grund zu gehen. Man setzt die Fragezeichen nicht tief genug.
One always forgets to probe to the depths. The question marks aren't placed deeply enough.
Die Wehen bei der Geburt neuer Begriffe.
The labor pains of conceptual innovation.
»Die Weisheit ist grau.« Das Leben aber und die Religion sind farbenreich.
"Wisdom is grey." Yet life and religion are multicolored.
Es könnte sein, daß die Wissenschaft und Industrie, und ihr Fortschritt, das Bleibendste der heutigen Welt ist. Daß jedeMutmaßung eines Zusammenbruchs der Wissenschaft und Indu- strie einstweilen, und auf lange Zeit, ein bloßer Traum sei, und dafß Wissenschaft und Industrie nach und mit unendlichen Jam- mer die Welt einigen werden, ich meine, sie zu einem zusammen- fassen werden, in welchem dann freilich alles eher als der Friede wohnen wird.
It may be that science and industry, and their progress, are the most enduring aspects of the modern world. That any conjecture of their collapse remains, for now and the foreseeable future, mere fantasy; that science and industry will ultimately unify the world through infinite suffering—a unity in which peace will assuredly find no dwelling.
Denn die Wissenschaft und die Industrie entscheiden doch die Kriege, oder so scheint es.
For science and industry decide wars—or so it appears.
Interessiere Dich nicht für das, was, vermeintlich, Du allein falit!
Take no interest in what you supposedly do alone!
Der Kreis meiner Gedanken ist wahrscheinlich viel enger, als ich ahne.
The circumference of my thoughts is likely far narrower than I suspect.
Die Gedanken steigen, langsam, wie Blasen an die Oberfläche. (Manchmal ist es, als sähe man einen Gedanken, eine Idee, als undeutlicher Punkt fern am Horizont; und dann kommt er oft mit überraschender Geschwindigkeit näher.)
Thoughts rise slowly, like bubbles to the surface. (At times it's as if one glimpses a thought, an idea, as a faint speck on the horizon; then it often approaches with startling velocity.)
Wo schlechte Wirtschaft im Staat ist, wird, glaube ich, auch schlechte Wirtschaft in den Familien begünstigt. Der jederzeit zum Streike bereite Arbeiter wird auch seine Kinder nicht zur Ordnung erziehen.
Where there is mismanagement in the state, I believe domestic disorder is likewise encouraged. The ever-ready striker will not teach his children discipline.
Möge Gott dem Philosophen Einsicht geben in das, was vor allen Augen liegt.Das Leben ist wie ein Weg auf einer Bergschneide; rechts und links glitscherige Abhänge, auf denen Du in dieser, oder jener Richtung unaufhaltsam hinunterrutscht. Immer wieder sehe ich Menschen so rutschen und sage Wie könnte sich ein Mensch da helfen! Und das heifit: den freien Willen leugnen. Das ist die Stellungnahme, die sich in diesem Glauben ausdrückt. Er ist aber kein wissenschaftlicher Glaube, hat nichts mit wissenschaft lichen Überzeugungen zu tun.
May God grant the philosopher insight into what lies open before all eyes. Life is like a path along a mountain ridge—slippery slopes to either side where one slides inexorably in this or that direction. Repeatedly I watch people slip and think: How could anyone help themselves here! And this means: denying free will. Such is the stance expressed through this belief. Yet it is no scientific conviction; it has no connection to scientific doctrines.
Die Verantwortung leugnen, heißt, den Menschen nicht zur Verantwortung ziehen.
To deny responsibility is to refuse to hold people accountable.
Manche Menschen haben einen Geschmack, der sich zu einem ausgebildeten verhält, wie der Gesichtseindruck eines halb blin- den Auges zu dem eines normalen. Wo das normale Auge klare Artikulation sicht, sieht das schwache verwaschene Farbflecke.
Some possess a rudimentary taste that relates to cultivated taste as the visual impressions of a half-blind eye to those of a normal one. Where the healthy eye discerns clear articulation, the feeble eye perceives blurred patches of color.
Wer zu viel weiß, für den ist es schwer nicht zu lügen.
He who knows too much finds it hard not to lie.
Ich habe eine solche Angst davor, daß jemand im Hause Klavier spielt, daß ich, wenn es geschehen ist und das Klimpern aufgehört hat, noch eine Art Halluzination habe, als ginge es weiter. Ich kann es dann ganz deutlich hören, obwohl ich weiß, daß es nur in meiner Einbildung ist.
I dread piano-playing in the house so intensely that when it stops, I still hallucinate its continuation. I hear it distinctly, though knowing it exists only in my mind.
Es kommt mir vor, als könne ein religiöser Glaube nur etwas wie das leidenschaftliche Sich-entscheiden für ein Bezugssystemsein. Also obgleich es Glaube ist, doch eine Art des Lebens, oder eine Art das Leben zu beurteilen. Ein leidenschaftliches Ergrei- fen dieser Auffassung. Und die Instruktion in einem religiösen Glauben müßte also die Darstellung, Beschreibung jenes Bezugssystems sein und zugleich ein in's-Gewissen-reden. Und diese beiden müßten am Schluß bewirken, daß der Instruierte selber, aus eigenem, jenes Bezugssystem leidenschaftlich erfaßt. Es wäre, als ließe mich jemand auf der einen Seite meine hoff- nungslose Lage sehen, auf der andern stellte er mir das Rettungs- werkzeug dar, bis ich, aus eigenem, oder doch jedenfalls nicht von dem Instruktor an der Hand geführt, auf das zustürzte und es ergriffe.
It seems to me that religious faith must resemble a passionate commitment to a system of reference. Thus, though a belief, it becomes a way of living—or a way of evaluating life. A passionate grasping of this perspective. Instruction in religious faith would therefore entail both describing that system of reference and appealing to conscience. Ultimately, these two must lead the learner to embrace the system passionately through their own volition. It would be as if someone first showed me my hopeless situation, then presented the means of salvation—until I, unaided by the instructor, rushed to seize it.
Einmal wird vielleicht aus dieser Zivilisation eine Kultur ent- springen.
Perhaps one day a true culture will emerge from this civilization.
Dann wird es eine wirkliche Geschichte der Erfindungen des 18., 19. und 20. Jahrhunderts geben, die voll von tiefem Interesse sein wird.
Then there may arise a genuine history of 18th, 19th, and 20th-century inventions—a narrative of profound interest.
Wir sagen in einer wissenschaftlichen Untersuchung alles mögliche; machen viele Aussagen, deren Rolle in der Untersu chung wir nicht verstehen. Denn wir sagen ja nicht etwa alles mit einem bewußten Zweck, sondern unser Mund geht eben. Wir gehen durch herkömmliche Gedankenbewegungen, machen, automatisch, Gedankenübergänge gemäß den Techniken, die wir gelernt haben. Und nun müssen wir erst, was wir gesagt haben, sichten. Wir haben eine ganze Menge unnütze, ja zweck- widrige Bewegungen gemacht, müssen nun unsre Gedankenbe wegungen philosophisch klären.
In scientific inquiry we say all manner of things; we make countless statements whose role in the investigation eludes us. For we don't speak with deliberate purpose—our mouths simply move. We follow conventional thought-patterns, making automatic transitions through learned techniques. Now we must sift our utterances. Many useless, even counterproductive motions were made; we must now clarify these thought-movements philosophically.
Mir scheint, ich bin noch weit von dem Verständnis dieser Dinge, nämlich von dem Punkt, wo ich weiß, worüber ichsprechen muß, und worüber ich nicht zu sprechen brauche. Ich verwickle mich immer noch in Einzelheiten, ohne zu wissen, ob ich über diese Dinge überhaupt reden sollte; und es kommt mir vor, daß ich vielleicht ein großes Gebiet begehe, nur um es einmal aus der Betrachtung auszuschließen. Auch in diesem Falle aber wären diese Betrachtungen nicht wertlos; wenn sie sich nämlich nicht etwa nur im Kreise herumbewegen.
It seems to me that I am still far from understanding these matters – that is, from the point where I know what I must speak about and what I need not speak about. I still entangle myself in particulars without knowing whether I should even discuss these things; and it appears to me that I might be traversing a vast territory merely to exclude it from consideration. Even in this case, however, these reflections would not be worthless; for they might not simply circle around in a loop.
Beim Philosophieren muß man in's alte Chaos hinabsteigen, und sich dort wohifuhlen.
In philosophizing, one must descend into the ancient chaos and feel at home there.
Genie ist das Talent, worin der Charakter sich ausspricht. Darum, möchte ich sagen, hatte Kraus Talent, ein außerordentli- ches Talent, aber nicht Genie. Es gibt freilich Genieblitze, bei denen man dann, trotz des großen Talenteinsatzes, das Talent nicht merkt. Beispiel: »Denn tun können auch die Ochsen und die Esel....." Es ist merkwürdig, daß das z. B. so viel größer ist. als irgend etwas, was Kraus je geschrieben hat. Es ist hier eben nicht ein Verstandesskelett, sondern ein ganzer Mensch.
Genius is the talent through which character expresses itself. Therefore, I would say, Kraus had talent – extraordinary talent – but not genius. There are certainly flashes of genius where, despite the deployment of great talent, one does not perceive the talent itself. For example: "For oxen and donkeys can act too..."* It is remarkable how much greater this is, for instance, than anything Kraus ever wrote. Here, there is no mere skeleton of intellect, but a complete human being.
Das ist auch der Grund, warum die Größe dessen, was Einer schreibt, von allem Übrigen abhängt, was er schreibt und tut.
This is also why the greatness of what someone writes depends on everything else they write and do.
* Lichtenberg, Timorus, Vorrede. Vollständig lautes der Satz: Denn tun könnem auch die Ochsen und die Esel, aber versichern kann noch zur Zeit der Mensch n alinn.
* Lichtenberg, Timorus, Preface. The full sentence reads: "For oxen and donkeys can act too, but to affirm is something only man can do – at least for now."
Im Traum, und auch lange nach dem Erwachen, können uns Traumworte die höchste Bedeutung zu haben scheinen. Ist nicht die gleiche Illusion auch im Wachen möglich? Es kommt mir so vor, als unterläge ich ihr jetzt manchmal. Bei Verrückten scheint es oft so.Was ich hier schreibe, mag schwächliches Zeug sein; nun dann bin ich nicht im Stande, das Große, Wichtige herauszubringen. Aber es liegen in diesen schwächlichen Bemerkungen große Aus- blicke verborgen.
In dreams, and even long after waking, dream-words may seem to hold the highest significance. Is the same illusion not possible while awake? It strikes me that I sometimes succumb to it now. In the case of the insane, this often seems to be so. What I write here may be feeble stuff; if so, then I am incapable of producing what is great and important. Yet within these feeble remarks lie hidden vast vistas.
Schiller schreibt in einem Brief (ich glaube an Goethe)* von einer »poetischen Stimmung«. Ich glaube, ich weiß, was er meint, ich glaube sie selbst zu kennen. Es ist die Stimmung, in welcher man für die Natur empfänglich ist und in welcher die Gedanken so lebhaft erscheinen, wie die Natur. Merkwürdig ist aber, daß Schiller nicht besseres hervorgebracht hat (oder so scheint es mir) und ich bin daher auch gar nicht sicher überzeugt, daß, was ich in solcher Stimmung hervorbringe, wirklich etwas Wert ist. Es ist wohl möglich, daß meine Gedanken ihren Glanz dann nur von einem Licht, das hinter ihnen steht, empfangen. Daß sie nicht selbst leuchten.
Schiller writes in a letter (I believe to Goethe)* about a "poetische Stimmung" (poetic mood). I think I know what he means; I believe I have experienced it myself. It is the mood in which one is receptive to nature and in which thoughts appear as vividly as nature itself. Yet it is curious that Schiller did not produce better work (or so it seems to me), and thus I am not at all certain that what I produce in such a mood has real value. It may well be that my thoughts then merely borrow their brilliance from a light shining behind them – that they do not themselves glow.
Wo Andre weitergehn, dort bleib ich stehn.
Where others advance, there I remain standing.
[Zum Vorwort.] Nicht ohne Widerstreben übergebe ich das Buch der Öffentlichkeit. Die Hände, in die es geraten wird, sind zumeist nicht diejenigen, in denen ich es mir gerne vorstelle. Möge es das wünsche ich ihm bald gänzlich von den philoso phischen Journalisten vergessen werden, und so vielleicht einer bessern Art von Lesern aufbewahrt bleiben.
[To the Preface.] It is not without reluctance that I release this book to the public. The hands into which it will fall are, for the most part, not those in which I would prefer to imagine it. May it – this is my wish – soon be entirely forgotten by philosophical journalists, and thus perhaps preserved for a better kind of reader.
* Briel an Goethe, 17. Dezember 1791. Zu Philosophische Untersuchungen.
* Letter to Goethe, December 17, 1791.
For Philosophical Investigations.
Von den Sätzen, die ich hier niederschreibe, macht immer nur jeder so und so vielte einen Fortschritt; die andern sind wie das Klappen der Schere des Haarschneiders, der sie in Bewegungerhalten muß, um mit ihr im rechten Moment einen Schnitt zu machen.
Of the sentences I write down here, only every so many-th one constitutes progress; the others are like the clattering of a barber’s scissors, which he must keep in motion to make the right cut at the right moment.
1948
1948
Sowie ich auf entlegeneren Gebieten fortwährend Fragen antreffe, die ich nicht beantworten kann, wird es verständlich, warum ich mich in weniger entlegenen noch nicht auskenne. Denn wie weiß ich, daß, was hier die Antwort aufhält, nicht eben das ist, was dort mich hindert, den Nebel zu zerstreuen?
If I continually encounter questions in remote fields that I cannot answer, it becomes clear why I am still disoriented in less remote ones. For how do I know that what blocks the answer here is not precisely what prevents me there from dispelling the fog?
1948
1948
Rosinen mögen das Beste an einem Kuchen sein; aber ein Sack Rosinen ist nicht besser als ein Kuchen; und wer im Stande ist, uns einen Sack voll Rosinen zu geben, kann damit noch keinen Kuchen backen, geschweige, daß er etwas besseres kann. Ich denke an Kraus und seine Aphorismen, aber auch an mich selbst und meine philosophischen Bemerkungen.
Raisins may be the best part of a cake, but a sack of raisins is not better than a cake; and someone who can give us a sack of raisins cannot thereby bake a cake, let alone do anything greater. I am thinking of Kraus and his aphorisms, but also of myself and my philosophical remarks.
Ein Kuchen, das ist nicht gleichsam: verdünnte Rosinen.
A cake is not, as it were, diluted raisins.
1948
1948
Farben regen zum Philosophieren an. Vielleicht erklärt das die Leidenschaft Goethes für die Farbenlehre.
Colors provoke philosophizing. Perhaps this explains Goethe’s passion for the Theory of Colors.
Die Farben scheinen uns ein Rätsel aufzugeben, ein Rätsel, das uns anregt-nicht aufregt.
Colors seem to pose us a riddle – a riddle that stimulates us, not agitates us.
1948
1948
Der Mensch kann alles Schlechte in sich als Verblendung ansehen.
One may regard all that is bad within oneself as delusion.
1948
1948
Wenn es wahr ist, wie ich glaube, daßß Mahlers Musik nichts wert ist, dann ist die Frage, was er, meines Erachtens, mit seinem Talent hätte tun sollen. Denn ganz offenbar gehörten doch eineReihe sehr seltener Talente dazu, diese schlechte Musik zu machen. Hätte er z. B. seine Symphonien schreiben und verbrennen sollen? Oder hatte er sich Gewalt antun, und sie nicht schreiben sollen? Hätte er sie schreiben, und einsehen sollen, daß sie nichts wert seien? Aber wie hätte er das einsehen können? Ich sche es, weil ich seine Musik mit der der großen Komponisten vergleichen kann. Aber er konnte das nicht; denn, wem das cingefallen ist, der mag wohl gegen den Wert des Produkts mißtrausch sein, weil er ja wohl sieht, daß er nicht, sozusagen, die Natur der andern großen Komponisten habe, aber die Wertlosigkeit wird er deswegen nicht einsehen; denn er kann sich immer sagen, daß er zwar anders ist, als die übrigen (die er aber bewundert), aber in einer andern Art wertvoll. Man könnte vielleicht sagen: Wenn Keiner, den Du bewunderst, so ist wie Du, dann glaubst Du wohl nur darum an Deinen Wert, weil Du's bist. Sogar wer gegen die Eitelkeit kämpft, aber darin nicht ganz erfolgreich ist, wird sich immer über den Wert seines Produkts täuschen.
If it is true, as I believe, that Mahler’s music is worthless, then the question arises: what should he, in my view, have done with his talent? For it is evident that a series of very rare talents were required to produce this inferior music. Should he, for instance, have written his symphonies and then burned them? Or should he have restrained himself and refrained from composing them? Should he have written them while recognizing their worthlessness? But how could he have recognized this? I see it because I can compare his music with that of the great composers. But he could not do this; for whoever notices this disparity may well become suspicious of the value of his own product, since he likely perceives that he does not share, so to speak, the nature of other great composers. Yet this realization alone would not lead him to grasp its worthlessness, for he could always tell himself that while he differs from those he admires, he is valuable in another way. One might say: If none whom you admire resemble you, then your belief in your own worth likely stems merely from being yourself. Even those who struggle against vanity but do not fully succeed will perpetually delude themselves about the value of their work.
Am gefährlichsten aber scheint es zu sein, wenn man seine Arbeit irgendwie in die Stellung bringt, wo sie, zuerst von einem selbst und dann von Andern mit den alten großen Werken verglichen wird. An solchen Vergleich sollte man gar nicht denken. Denn wenn die Umstände heute wirklich so anders sind, als die frühern, daß man sein Werk der Art nach nicht mit den früheren Werken vergleichen kann, dann kann man auch den Wert nicht mit dem eines andern vergleichen. Ich selbst mache immer wieder den Fehler, von dem hier die Rede ist.
The greatest danger seems to lie in positioning one’s work in such a manner that it becomes comparable—first by oneself, then by others—to the old masterpieces. Such comparisons ought not to be entertained at all. For if circumstances today are truly so different from earlier times that one’s work cannot be compared in kind to earlier works, then its value cannot be measured against theirs either. I myself repeatedly commit the error under discussion here.
Konglomerat: Nationalgefühl, z. B.
Conglomerate: National sentiment, for example.
Tiere kommen auf den Zuruf ihres Namens. Ganz wie Menschen.
Animals come when their names are called. Just like humans.
Ich frage unzählige irrelevante Fragen. Möge ich durch dieses Wald mich durchschlagen können!Ich möchte eigentlich durch meine häufigen Interpunktions- zeichen das Tempo des Lesens verzögern. Denn ich möchte langsam gelesen werden. (Wie ich selbst lese.)
I ask countless irrelevant questions. May I find my way through this thicket! By my frequent use of punctuation marks, I actually wish to slow the tempo of reading. For I want to be read slowly. (As I myself read.)
Ich glaube, Bacon ist in seiner Philosophie stecken geblieben, und diese Gefahr droht auch mir. Er hatte eine lebhafte Vorstel- lung eines riesigen Gebäudes, sie entschwand ihm aber doch, wenn er wirklich in's Einzelne gehen wollte. Es war, als hätten Menschen seiner Zeit begonnen, ein großes Gebäude von den Fundamenten aufzuführen; und als hätte er in der Phantasie so etwas Ähnliches, die Erscheinung solches Gebäudes, gesehen, sie noch stolzer gesehen, als die vielleicht, die am Bau arbeiteten. Dazu war eine Ahnung der Methode nötig, aber durchaus nicht Talent zum Bauen. Das Schlimme aber war, daß er polemisch gegen die eigentlichen Bauleute vorging und seine Grenzen ent- weder nicht kannte, oder nicht erkennen wollte.
I believe Bacon became stuck in his philosophy, and this danger threatens me as well. He had a vivid conception of a massive edifice, yet this vision evaporated when he attempted to delve into particulars. It was as if people of his era had begun constructing a grand building from its foundations, and he had envisioned something similar in his imagination—even grander than what the actual builders might have achieved. This required an intuition of method, but by no means talent for construction. The pernicious aspect, however, was his polemical stance against genuine architects and his failure to recognize—or refusal to acknowledge—his own limitations.
Anderseits ist es aber ungeheuer schwierig diese Grenzen zu sehen, und d.h., klar darzustellen. Also, sozusagen, eine Mal- weise aufzufinden, dieses Unklare darzustellen. Denn ich möchte mir immer sagen: Mal wirklich nur, was Du sichst!
On the other hand, it is exceedingly difficult to discern these boundaries and, consequently, to delineate them clearly. That is, to invent a mode of depiction for this vagueness. For I always wish to tell myself: Paint only what you truly see!
Der Traum wird bei der Freudschen Analyse sozusagen zer- setzt. Er verliert seinen ersten Sinn völlig. Man könnte sich denken, daß er auf dem Theater gespielt würde, daß die Hand- lung des Stücks manchmal etwas unverständlich, aber zum Teil auch ganz verständlich wäre, oder doch uns schiene, und als würde nun diese Handlung in kleine Teile zerrissen und jedem Teil ein gänzlich andrer Sinn gegeben. Man könnte es sich auchso denken: Es wird auf ein großes Blatt Papier ein Bild gezeichnet und das Blatt nun solcher Art gefältelt, daß im ersten Bild ganz unzusammenhörige Stücke fürs Auge aneinander stoßen und ein neues, sinnvolles oder sinnioses, Bild entsteht (dies wäre der geträumte Traum, das erste Bild der latente Traumgedanke).
In Freudian analysis, the dream is, as it were, decomposed. It loses its original meaning entirely. One could imagine the dream being performed on stage, where the plot might seem partly unintelligible yet partly coherent—or at least appear so to us. This plot is then fragmented, with each fragment assigned an entirely different meaning. Alternatively, one might picture a large sheet of paper bearing a drawing that is folded in such a way that initially disconnected fragments collide visually, forming a new image—either meaningful or nonsensical (this would be the manifest dream, the first image being the latent dream-thought).
Ich könnte mir nun denken, daß Einer, der das entfaltete Bild sicht, ausriefe Ja, das ist die Lösung, das ist, was ich geträumt habe, aber ohne Lücken und Entstellungen. Es wäre dann eben diese Anerkennung, die die Lösung zur Lösung machte. Sowie, wenn Du beim Schreiben ein Wort suchst und nun sagst: Das ist es, das sagt, was ich wollte! Deine Anerkennung das Wort zum gefundenen, also gesuchten stempelt. (Hier könnte man wirklich sagen: erst wenn man gefunden hat, wisse man, was man gesucht hat-ähnlich wie Russell über das Wünschen redet.)
I could then imagine someone, upon seeing the unfolded image, exclaiming: Yes, this is the solution—this is what I dreamed, but without gaps or distortions. It is this very acknowledgment that renders the solution a solution. Similarly, when searching for a word while writing and then declaring: This is it—this expresses what I intended! Your endorsement stamps the word as the sought-for one. (Here one might truly say: Only upon finding it does one know what one was seeking—akin to Russell’s remarks on desiring.)
Was am Traum intriguiert, ist nicht sein kausaler Zusammen- hang mit Geschehnissen meines Lebens, etc., sondern eher dies, dafß er wie ein Teil einer Geschichte wirkt, und zwar ein sehr lebendiger, wovon der Rest im Dunkeln liegt. (Man möchte fragen: Woher kam diese Gestalt nun, und was ist aus ihr geworden?) Ja, auch wenn mir Einer nun zeigt, daß diese Geschichte gar keine richtige Geschichte war; daß in Wirklich- keit eine ganz andere ihr zugrunde lag, so daß ich enttäuscht ausrufen möchte Ach, so war es?, so ist hier doch scheinbar etwas gestohlen worden. Freilich, die erste Geschichte zerfällt nun, wie sich das Papier auseinanderfaltet; der Mann, den ich sah, war von da genommen, seine Worte von dort, die Umge bung im Traume wieder von wo anders; aber die Traumge- schichte hat dennoch ihren eigenen Reiz, wie ein Gemälde, das uns anzicht und inspiriert.
What intrigues about the dream is not its causal connection to events in my life, etc., but rather its effect as a fragment of a narrative—one that feels vividly alive, with the remainder shrouded in obscurity. (One wants to ask: Where did this figure come from, and what became of it?) Even if someone were to demonstrate that this narrative was no true story—that an entirely different one underlay it, prompting me to exclaim in disappointment, Ah, so that’s how it was?—something still seems stolen. To be sure, the initial narrative disintegrates as the paper unfolds: the man I saw was taken from here, his words from there, the dream’s setting from elsewhere. Yet the dream-story retains its allure, like a painting that captivates and inspires us.
Man kann nun freilich sagen, daß wir das Traumbild inspiriert betrachten, daß wir eben inspiriert sind. Denn, wenn wir einem Andern unsern Traum erzählen, so inspiriert ihn das Bild mei- stens nicht. Der Traum berührt uns wie eine entwicklungs- schwangere Idee.
One might certainly say that we contemplate the dream-image with inspiration—that we are indeed inspired. For when we recount our dream to another, the image typically fails to inspire them. The dream touches us like an idea pregnant with potential development.
Architektur verewigt und verherrlicht etwas. Darum kann es Architektur nicht geben, wo nichts zu verherrlichen ist.*
Architecture immortalizes and glorifies something. Hence there can be no architecture where there is nothing to glorify.*
Schlage Geld aus jedem Fehler.
Derive value from every error.
Das Verstehen und die Erklärung einer musikalischen Phrase. -Die einfachste Erklärung ist manchmal eine Geste; eine andere wäre etwa ein Tanzschritt, oder Worte, die einen Tanz beschrei- ben. Aber ist denn nicht das Verstehen der Phrase ein Erlebnis, während wir sie hören? Und was tut nun die Erklärung? Sollen wir an sie denken, während wir die Musik hören? Sollen wir uns den Tanz, oder was immer es ist, dabei vorstellen? Und wenn wir's tun, warum soll man das ein verständnisvolles Hören der Musik nennen?? Kommt's auf's Sehen des Tanzes an, so wäre es ja besser, er würde vorgeführt, statt der Musik. Alles das aber ist ein Mißverständnis.
The understanding and explanation of a musical phrase. - The simplest explanation is sometimes a gesture; another might be a dance step or words describing a dance. But is not the understanding of the phrase an experience while we hear it? And what does the explanation accomplish? Should we think of it while listening to the music? Should we imagine the dance, or whatever it may be? And if we do so, why should this be called an understanding listening to the music? If seeing the dance matters, then it would be better to perform it rather than play the music. But all this is a misunderstanding.
Ich gebe Einem eine Erklärung, sage ihm Es ist wie wenn....; nun sagt er Ja, jetzt verstehe ich's oder Ja, jetzt weiß ich, wie es zu spielen ist. Vor allem mußte er ja die Erklärung nicht annehmen; es ist ja nicht, als hätte ich ihm sozusagen überzeugende Gründe dafür gegeben, daß diese Stelle vergleichbar ist dem und dem. Ich erkläre ihm ja, z. B., nicht (aus)** Außerungen des Komponisten, diese Stelle habe das und das darzustellen.
I give someone an explanation, saying It is as if...; then he says Yes, now I understand or Yes, now I know how to play it. Above all, he need not accept the explanation; it is not as if I had provided convincing reasons, so to speak, that this passage is comparable to such-and-such. For example, I do not explain to him (from)** the composer's statements that this passage is meant to represent this or that.
Wenn ich nun frage Was erlebe ich denn eigentlich, wenn ich dies Thema höre und mit Verständnis höre? so kommen mir nichts als Plattheiten in den Kopf zur Antwort. So etwas wie Vorstellungen, Bewegungsempfindungen, Erinnerungen u. dergl.
If I now ask What do I actually experience when I hear this theme and hear it with understanding?, nothing but banalities come to mind as answers. Things like imaginings, kinesthetic sensations, memories, and the like.
* Mehrere Varianten im Manuskript.
* Multiple variants in the manuscript.
** Textstelle unklar.
** Passage unclear in the original.
Ich sage freilich Ich gehe mit aber was heißt das? Es könnteso etwas heißen wie: ich begleite die Musik mit Gebärden. Und wenn man darauf hinweist, daß das doch meistens nur in sehr rudimentärem Maße vor sich geht, erhält man etwa die Antwort, die rudimentären Bewegungen werden durch Vorstellungen ergänzt. Aber nehmen wir doch an, es begleite Einer die Musik in vollem Maße durch Bewegungen, inwiefern ist das ihr Ver- ständnis? Und will ich sagen, die Bewegungen seien das Verste- hen; oder seine Bewegungsempfindungen? (Was weiß ich von denen?) Wahr ist, daß ich seine Bewegungen, unter Umstän- den, als Zeichen seines Verständnisses ansehen werde.
Of course I say I move along with it - but what does that mean? It could mean something like: I accompany the music with gestures. And when it is pointed out that this mostly occurs only in a very rudimentary way, one might receive the answer that rudimentary movements are supplemented by imaginings. But let us assume someone fully accompanies the music with movements - in what way does this constitute understanding? And shall I say that the movements are the understanding, or his kinesthetic sensations? (What do I know of those?) The truth is that under certain circumstances, I will regard his movements as signs of understanding.
Soll ich aber (wenn ich Vorstellungen, Bewegungsempfindun- gen, etc. als Erklärung zurückweise) sagen, es sei eben das Ver- stehen ein spezifisches, nicht weiter analysierbares Erlebnis? Nun, das ginge an, wenn es nicht heißen soll: es sei ein spezifi- scher Erlebnisinhalt. Denn bei diesen Worten denkt man eigent- lich an Unterschiede wie die zwischen Sehen, Hören und Rie- chen.
But if I reject imaginings, kinesthetic sensations, etc., as explanations, should I then say that understanding is a specific, unanalyzable experience? Well, this would be acceptable if it does not mean: it is a specific experiential content. For with these words, one actually thinks of distinctions like those between seeing, hearing, and smelling.
Wie erklärt man denn Einem, was es heißt »Musik verstehen«? Indem man ihm die Vorstellungen, Bewegungsempfindungen, etc. nennt, die der Verstehende hat? Eber noch, indem man ihm die Ausdrucksbewegungen des Verstehenden zeigt. Ja, die Frage ist auch, welche Funktion hat das Erklären hier? Und was heißt es: verstehen, was es heißt, Musik zu verstehen? Mancher würde ja sagen: das zu verstehen heiße: selbst Musik zu verste- hen. Und die Frage wäre also »Kann man Einen denn lehren, Musik zu verstehen?«, denn nur so ein Unterricht wäre eine Erklärung der Musik zu nennen.
How does one explain what it means "to understand music"? By citing the imaginings, kinesthetic sensations, etc., that the understanding person has? More likely by showing the expressive movements of someone who understands. Indeed, the question is also: What function does the explanation serve here? And what does it mean to understand what it means to understand music? Some might say: To understand this means to understand music oneself. Thus the question becomes: "Can one teach someone to understand music?" For only such instruction could be called an explanation of music.
Das Verständnis der Musik hat einen gewissen Ausdruck, sowohl während des Hörens und Spielens, als auch zu andern Zeiten. Zu diesem Ausdruck gehören manchmal Bewegungen, manchmal aber nur, wie der Verstehende das Stück spielt, oder summt, auch hier und da Vergleiche, die er zieht, und Vorstel- lungen, die die Musik gleichsam illustrieren. Wer Musik ver- steht, wird anders (mit anderem Gesichtsausdruck, z. B.) zuhö ren, reden, als der es nicht versteht. Sein Verständnis eines Themas wird sich aber nicht nur in Phänomenen zeigen, die das Hören oder Spielen dieses Themas begleiten, sondern in einem Verständnis für Musik im allgemeinen.Das Verständnis der Musik ist eine Lebensäußerung des Men schen. Wie wäre sie Einem zu beschreiben? Nun, vor allem müßte man wohl die Musik beschreiben. Dann könnte man beschreiben, wie sich Menschen zu ihr verhalten. Aber ist das alles, was dazu nötig ist, oder gehört dazu, daß wir ihm selbst Verständnis beibringen? Nun, ihm Verständnis beibringen wird ihm in anderem Sinne lehren, was Verständnis ist, als eine Erkla- rung, die dies nicht tut. Ja auch, ihm Verständnis für Gedichte oder Malerei beibringen, kann zur Erklärung dessen gehören, was Verständnis für Musik sei.
The understanding of music has a certain expression, both during listening and performance, as well as at other times. This expression sometimes includes movements, but sometimes only how the understander plays or hums the piece, or the comparisons they draw and imaginings that illustrate the music. Someone who understands music will listen and speak differently (with a different facial expression, for instance) than one who does not. However, their understanding of a theme will manifest not only in phenomena accompanying the hearing or playing of this theme but in a general understanding of music.
1948
The understanding of music is an expression of human life. How is this to be described to someone? Well, first one would have to describe the music. Then one might describe how people relate to it. But is that all that is needed, or does it require teaching them understanding itself? Teaching them understanding will instruct them in a different sense about what understanding is than an explanation that does not do so. Indeed, teaching them understanding of poetry or painting can also contribute to explaining what understanding music might be.
1948
Unsre Kinder lernen schon in der Schule, Wasser bestebe aus den Gasen Wasserstoff und Sauerstoff, oder Zucker aus Kohlen- stoff, Wasserstoff und Sauerstoff. Wer es nicht versteht ist dumm. Die wichtigsten Fragen werden zugedeckt.
Our children already learn in school that water consists of the gases hydrogen and oxygen, or sugar of carbon, hydrogen, and oxygen. Those who do not grasp this are considered dull. The most crucial questions remain obscured.
1948
1948
Die Schönheit einer Sternfigur - eines Sechseck-Sterns etwa- wird beeinträchtigt, wenn man sie symmetrisch bezüglich einer bestimmten Achse sieht.
The beauty of a star figure - a hexagonal star, for instance - is diminished when viewed symmetrically relative to a specific axis.
1948
1948
1948
1948
Bach hat gesagt, er habe alles nur durch Fleiß geleistet. Aber ein solcher Fleiß setzt eben Demut und eine ungeheure Leidens- fähigkeit, also Kraft, voraus. Und wer sich dann vollkommen. ausdrücken kann, spricht eben zu uns die Sprache eines großen Menschen.Ich glaube, daß die Erziehung der Menschen heute dahingeht, die Leidensfähigkeit zu verringern. Eine Schule gilt heute fur gut, if the children have a good time. Und das war früher nicht der Maßstab. Und die Eltern möchten, daß die Kinder werden,wie sie selbst sind (only more so) und doch lassen sie sie durch eine Erziehung gehen, die von der ihren ganz verschieden ist. - Auf die Leidensfähigkeit gibt man nichts, denn Leiden soll es nicht geben, sie sind eigentlich veraltet.
Bach said that all his achievements came through diligence alone. But such diligence presupposes humility and immense capacity for suffering, hence strength. And whoever can express themselves completely thereby speaks to us in the language of a great human being. I believe that modern education aims to diminish people's capacity for suffering. A school is now considered good if the children have a good time. This was not the former standard. Parents want their children to become like themselves (only more so), yet subject them to an education entirely different from their own. - No value is placed on cultivating the capacity for suffering, for suffering should not exist - it has essentially become obsolete.
1948
1948
-Die Tücke des Objekts. - Ein unnötiger Anthropomorphis- mus. Man könnte von einer Tücke der Welt reden; sich leicht vorstellen, der Teufel habe die Welt geschaffen, oder einen Teil von ihr. Und es ist nicht nötig, ein Eingreifen des Dämons von Fall zu Fall sich vorzustellen; es kann alles den Naturgesetzen entsprechend vor sich gehen; es ist dann eben der ganze Plan von vornherein auf's Schlimme angelegt. Der Mensch aber befindet sich in dieser Welt, in der die Dinge zerbrechen, rutschen, alles mögliche Unheil anstiften. Und er ist natürlich eins von den Dingen. - Die Tücke des Objekts ist ein dummer Anthropo- morphismus. Denn die Wahrheit ist viel ernster als diese Fiktion.
-The cunning of the object.- An unnecessary anthropomorphism. One could speak of the world's cunning; easily imagine the devil created the world, or part of it. There is no need to posit the demon's intervention in individual cases; everything may proceed according to natural laws - the entire plan was simply devised from the outset for the worst. Yet humans exist within this world where things break, slip, and cause all manner of harm. Naturally, they themselves are among these things. - The cunning of the object is a foolish anthropomorphism. For the truth is far more grave than this fiction.
1948
1948
Ein stilistischer Behelf mag praktisch sein, und mir doch ver- boten. Das Schopenhauer'sche als welcher z. B. Es würde den Ausdruck manchmal bequemer, deutlicher, machen, kann aber nicht von dem gebraucht werden, der es als altväterisch empfin- det; und er darf sich nicht über diese Empfindung hinwegsetzen.
A stylistic device may be practically useful yet remain forbidden to me. The Schopenhauerian "as which," for instance. While it could sometimes make expression more convenient or clearer, it cannot be used by those who perceive it as antiquated - nor should they override this sensibility.
1948
1948
Religiöser Glaube und Aberglaube sind ganz verschieden. Der eine entspringt aus Furcht und ist eine Art falscher Wissenschaft. Der andre ist ein Vertraun.
Religious belief and superstition are entirely distinct. The latter arises from fear and constitutes a kind of false science. The former is a trusting.
1948
1948
Es wäre beinahe seltsam, wenn es nicht Tiere mit dem Seelenle ben von Pflanzen gäbe. D.h., mit dem mangelnden Seelenleben.
It would be almost strange if there were no animals with the psychic life of plants - that is, with an absence of psychic life.
1948
1948
Als ein Grundgesetz der Naturgeschichte könnte man es, glaube ich, betrachten, daß, wo immer etwas in der Natur eine Funktion hat, einen Zweck erfüllt, dieses selbe auch vorkommt, wo es keinen erfüllt, ja unzweckdienlich ist.
I believe we could consider it a fundamental law of natural history that whenever something in nature serves a function or fulfills a purpose, this same thing also occurs where it serves no purpose - indeed, proves counterproductive.
Erhalten die Träume manchmal den Schlaf, so kannst Du darauf rechnen, daß sie ihn manchmal stören; erfüllt die Traumhalluzi nation manchmal einen plausiblen Zweck (der eingebildeten Wunscherfüllung), so rechne darauf, daß sie auch das Gegenteil tut. Eine-dynamische Theorie der Träume gibt es nicht.
If dreams sometimes preserve sleep, you may count on their sometimes disturbing it; if dream hallucinations occasionally fulfill a plausible purpose (of imaginary wish-fulfillment), expect them to do the opposite at other times. There is no dynamic theory of dreams.
1948
1948
Worin liegt die Wichtigkeit des genauen Ausmalens von Ano- malien? Kann man es nicht, so zeigt das, daß man sich in den Begriffen nicht auskennt.
Wherein lies the importance of precisely delineating anomalies? If one cannot do so, it shows a lack of conceptual mastery.
1948
1948
Ich bin zu weich, zu schwach, und darum zu faul, um Bedeu- tendes zu leisten. Der Fleiß der Großen ist, unter andrem, ein Zeichen ihrer Kraft, abgesehen auch von ihrem inneren Reich- tum.
I am too soft, too weak, and therefore too indolent to accomplish anything significant. The diligence of great figures is, among other things, a mark of their strength - quite apart from their inner richness.
1948
1948
Wenn Gott wirklich die zu errettenden Menschen wählt, dann ist kein Grund, warum er sie nicht nach Nationen, Rassen, oder Temperamenten wählen soll. Warum die Wahl nicht in den Naturgesetzen ihren Ausdruck haben soll. (Er konnte ja auch so wählen, daß die Wahl einem Gesetz folgt.)
If God truly elects those to be saved, there is no reason why He should not choose them by nation, race, or temperament. Why should this election not find expression in natural laws? (He could even choose in such a way that the election follows a law.)
*Freud.
*Freud.
Ich habe Auszüge aus den Schriften von St. John of the Cross* gelesen, Leute seien zu Grunde gegangen, weil sie nicht das Gluck hatten, im richtigen Moment einen weisen geistlichen Fuhrer zu finden.
I have read excerpts from the writings of St. John of the Cross* stating that people perished because they lacked the good fortune to find a wise spiritual guide at the crucial moment.
Und wie kann man dann sagen, Gott versuche den Menschen nicht über seine Kräfte?
How then can it be said that God does not test humans beyond their strength?
Ich bin hier zwar geneigt, zu sagen, daß schiefe Begriffe viel Unheil angerichtet haben, aber die Wahrheit ist, daß ich gar nicht weiß, was Heil und was Unheil anstiftet.
Here I am inclined to say that distorted concepts have caused much harm, but the truth is I do not know what causes benefit or harm.
1948
1948
Wir dürfen nicht vergessen: auch unsere feineren, mehr philosophischen Bedenken haben eine instinktive Grundlage. Z.B. das Man kann nie wissen.... Das Zugänglichbleiben für weitere Argumente. Leute, denen man das nicht beibringen könnte, kamen uns geistig minderwertig vor. Noch unfähig einen gewissen Begriff zu bilden.
We must not forget: even our more refined, philosophical reservations have an instinctual foundation. For example, "One can never know..." Remaining open to further arguments. People incapable of learning this strike us as intellectually deficient - still unable to form certain concepts.
1948
1948
Wenn Nachtträume eine ähnliche Funktion haben, wie Tagträume, so dienen sie zum Teil dazu, den Menschen auf jede Möglichkeit (auch die schlimmste) vorzubereiten.
If night dreams serve a similar function to daydreams, they partly exist to prepare humans for every possibility (even the worst).
1948
1948
Wenn Einer mit voller Sicherheit an Gott glauben kann, warum dann nicht an des Andern Seele?
If one can believe in God with complete certainty, why not in another's soul?
1948
1948
* Des hl. Johannes vom Kreuz.
* St. John of the Cross.
Diese musikalische Phrase ist für mich eine Gebärde. Sie schleicht sich in mein Leben ein. Ich mache sie mir zu eigen. Die unendlichen Variationen des Lebens sind unserm Leben wesentlich. Und also eben der Gepflogenheit des Lebens. Aus-druck besteht für uns (in)* Unberechenbarkeit. Wüßte ich genau, wie er sein Gesicht verziehen, sich bewegen wird, so wäre kein Gesichtsausdruck, keine Gebärde vorhanden. - Stimmt das aber? Ich kann mir doch ein Musikstück, das ich (ganz) aus- wendig weiß, immer wieder anhören; und es könnte auch von einer Spieluhr gespielt werden. Seine Gebärden blieben für mich immer Gebärden, obgleich ich immer weiß, was kommen wird. Ja, ich kann sogar immer wieder überrascht sein. (In einem bestimmten Sinne.)
This musical phrase is a gesture to me. It insinuates itself into my life. I make it my own. The infinite variations of life are essential to our existence. And thus precisely to the customs of life. Expression exists for us (in)* unpredictability. If I knew exactly how he would contort his face or move, there would be no facial expression, no gesture present. — But is this true? After all, I can listen to a piece of music I know (entirely) by heart over and over again; it could even be played by a music box. Its gestures would always remain gestures to me, even though I always know what is coming. Indeed, I can even be surprised again and again. (In a certain sense.)
*Vermutung d. Herausgebers
*Editor’s conjecture
1948
1948
Der ehrliche religiöse Denker ist wie ein Seiltänzer. Er geht, dem Anscheine nach, beinahe nur auf der Luft.
The honest religious thinker is like a tightrope walker. He appears, as it were, to tread almost on air.
Sein Boden ist der schmalste, der sich denken läßt. Und doch läßt sich auf ihm wirklich gehen.
His ground is the narrowest that can be conceived. And yet it is truly possible to walk upon it.
1948
1948
Der feste Glaube. (An eine Verheißung z. B.) Ist er weniger sicher als die Überzeugung von einer mathematischen Wahrheit? -Aber werden dadurch die Sprachspiele ähnlicher!
Firm belief. (In a promise, for example.) Is it less certain than conviction in a mathematical truth? — But does this make the language-games any more similar!
1948
1948
Es ist für unsre Betrachtung wichtig, daß es Menschen gibt, von denen jemand fühlt, er werde nie wissen, was in ihnen vorgeht. Er werde sie nie verstehen. (Engländerinnen für Euro- paer.)
It is important for our consideration that there are people of whom someone feels he will never know what goes on inside them. He will never understand them. (Englishwomen to Europeans.)
1948
1948
Ich glaube, es ist eine wichtige und merkwürdige Tatsache, daß ein musikalisches Thema, wenn es in (sehr) verschiedenen Tempi gespielt wird, seinen Charakter ändert. Übergang von der Quantität zur Qualität.
I believe it is a significant and remarkable fact that a musical theme, when played at (very) different tempi, changes its character. A transition from quantity to quality.
1948
1948
Die Probleme des Lebens sind an der Oberfläche unlösbar, und nur in der Tiefe zu lösen. In den Dimensionen der Oberflä- che sind sie unlösbar.
The problems of life are insoluble on the surface, and only solvable in depth. In the dimensions of the surface, they are insoluble.
1948
1948
In einer Konversation: Einer wirft einen Ball; der Andre weiß nicht: soll er ihn zurückwerfen, oder einem Dritten zuwerfen, oder liegenlassen, oder aufheben und in die Tasche stecken, etc.
In a conversation: One throws a ball; the other does not know whether to throw it back, toss it to a third person, leave it lying, pick it up and put it in their pocket, etc.
1948
1948
Der große Architekt in einer schlechten Periode (Van der Nüll) hat eine ganz andere Aufgabe als der große Architekt in einer guten Periode. Man darf sich wieder nicht durch das allge- meine Begriffswort verführen lassen. Nimm nicht die Vergleich- barkeit, sondern die Unvergleichbarkeit als selbstverständlich hin.
The great architect in a bad period (Van der Nüll) has a completely different task than the great architect in a good period. One must not again be misled by the general conceptual term. Take incomparability, not comparability, as given.
1948
1948
Nichts ist doch wichtiger, als die Bildung von fiktiven Begrif- fen, die uns die unseren erst verstehen lehren.
Yet nothing is more important than the formation of fictional concepts that teach us to understand our own.
1948
1948
-Denken ist schwer- (Ward). Was heißt das eigentlich? Warum ist es schwer? Es ist beinahe ähnlich, als sagte man -Schauen ist schwer-. Denn angestrengtes Schauen ist schwer. Und man kann angestrengt schauen und doch nichts sehen, oder immer wieder etwas zu sehen glauben, und doch nicht deutlich sehen können. Man kann müde werden vom Schauen, auch wenn man nichts sieht.
—Thinking is hard (Ward). What does this actually mean? Why is it hard? It is almost like saying "Seeing is hard." For strained seeing is hard. And one can strain to see and yet see nothing, or keep thinking one sees something, yet remain unable to see clearly. One can grow weary from seeing, even when seeing nothing.
1948
1948
Wenn Du einen Knäuel nicht entwirren kannst, so ist das Gescheiteste, was Du tun kannst, das einzusehen; und das Anständigste, es zuzugestehen. [Antisemitismus.] Was man tun soll, das Übel zu heilen, ist nicht klar. Was man nicht tun darf, ist von Fall zu Fall klar.
If you cannot untangle a knot, the wisest thing you can do is to recognize this; and the most decent, to admit it. [Anti-Semitism.] What ought to be done to cure the evil is not clear. What ought not to be done is clear case by case.
Es ist merkwürdig, daß man die Zeichnungen von Busch oft »metaphysisch« nennen kann. So gibt es also eine Zeichenweise, die metaphysisch ist? »Gesehen mit dem Ewigen als Hinter- grund« könnte man sagen. Aber doch bedeuten diese Striche das nur in einer ganzen Sprache. Und es ist eine Sprache ohne Grammatik, man könnte ihre Regeln nicht angeben.
It is remarkable that Busch’s drawings can often be called "metaphysical." Thus, is there a mode of depiction that is metaphysical? "Seen against the background of eternity," one might say. Yet these lines signify this only within an entire language. And it is a language without grammar; one could not specify its rules.
Karl der Große hat im Alter vergebens versucht, schreiben zu lernen: und so kann Einer auch vergebens trachten, eine Gedan- kenbewegung zu erlernen. Sie wird ihm nie geläufig.
Charlemagne tried in vain to learn to write in old age: thus someone may strive in vain to master a movement of thought. It will never become fluent for them.
Eine Sprache, in der im Takt geredet wird, so daß man auch nach dem Metronom reden kann. Es ist nicht selbstverständlich, daß Musik sich, wie die unsere, wenigstens beiläufig, metrono mieren läßt. (Das Thema aus der 8. Symphonie** genau nach dem Metronom zu spielen.)
A language in which one speaks in strict rhythm, such that one could even speak to a metronome. It is not self-evident that music, like ours, can at least approximately be metronomized. (To play the theme from the Eighth Symphony** exactly according to the metronome.)
Schon in Menschen, die sämtlich die gleichen Gesichtszüge hätten, konnten wir uns nicht finden.
Even among people who all shared the same facial features, we could not find our way.
* Vgl. Tagebücher, 7. 10. 1916.
* Cf. Diaries, 7.10.1916.
** Achte Symphonie Beethovens.
** Beethoven’s Eighth Symphony.
Ist ein falscher Gedanke nur einmal kühn und klar ausge- drückt, so ist damit schon viel gewonnen.
If a false thought is just once boldly and clearly expressed, much is already gained.
Nur wenn man noch viel verrückter denkt, als die Philoso- phen, kann man ihre Probleme lösen.
Only by thinking far more crazily than philosophers can one solve their problems.
Denk, jemand sähe ein Pendel an und dächte dabei: So läßt Gott es gehen. Hat denn Gott nicht die Freiheit, auch einmal in Übereinstimmung mit einer Rechnung zu handeln?
Imagine someone watching a pendulum and thinking: This is how God makes it go. Does God not have the freedom to act once in accordance with a calculation?
Ein weit talentierterer Schriftsteller als ich hätte noch immer geringes Talent.
A writer far more talented than I might still have little talent.
Es ist ein körperliches Bedürfnis des Menschen, sich bei der Arbeit zu sagen Jetzt lassen wir's schon einmal, und daß man immer wieder gegen dieses Bedürfnis beim Philosophieren den- ken muß, macht diese Arbeit so anstrengend.
It is a physical need of humans to say to themselves during work, "Let’s leave it at that for now," and the fact that one must constantly resist this urge in philosophizing makes the work so exhausting.
Du mußt die Fehler Deines eigenen Stiles binnehmen. Beinahe wie die Unschönheiten des eigenen Gesichts.
You must accept the flaws of your own style. Almost like the unattractive features of your own face.
Steige immer von den kahlen Höhen der Gescheitheit in die grünenden Täler der Dummheit.
Always descend from the bare heights of cleverness into the green valleys of folly.
Ich habe eines von diesen Talenten, das immer wieder aus der Not eine Tugend machen muß.
I possess one of those talents that must continually make a virtue out of necessity.
Tradition ist nichts, was Einer lernen kann, ist nicht ein Faden, den Einer aufnehmen kann, wenn es ihm gefällt; so wenig, wie es möglich ist, sich die eigenen Ahnen auszusuchen.
Tradition is not something one can learn, nor a thread one can pick up at will; no more than one can choose one’s own ancestors.
Wer eine Tradition nicht hat und sie haben möchte, der ist wie ein unglücklich Verliebter.
Whoever lacks a tradition and desires one is like an unhappily lovesick person.
Der glücklich Verliebte und der unglücklich Verliebte haben Jeder sein eigenes Pathos.
The happily lovesick and the unhappily lovesick each have their own pathos.
Aber es ist schwerer gut unglücklich verliebt sein, als gut glücklich verliebt.
But it is harder to be well unhappily in love than well happily in love.
Moore hat mit seinem Paradox in ein philosophisches Wespennest gestochen; und wenn die Wespen nicht gehörig aufgeflogen sind, so ist es nur, weil sie zu träg waren.
Moore stirred up a philosophical hornet’s nest with his paradox; and if the hornets did not swarm properly, it was only because they were too sluggish.
Im Geistigen läßt sich ein Unternehmen meistens nicht fort- setzen, soll auch gar nicht fortgesetzt werden. Diese Gedanken düngen den Boden für eine neue Saat.
In spiritual matters, an undertaking often cannot be continued—nor should it be. Such thoughts fertilize the soil for new seeds.
So bist Du also ein schlechter Philosoph, wenn, was Du schreibst, schwer verständlich ist? Wärest Du besser, so würdest Du das Schwere leicht verständlich machen. Aber wer sagt, daß das möglich ist?! [Tolstoi.]
Are you then a bad philosopher if what you write is difficult to understand? Were you better, you would make the difficult easily comprehensible. But who says this is possible?! [Tolstoy.]
Das größte Glück des Menschen ist die Liebe. Angenommen, Du sagst vom Schizophrenischen: er liebt nicht, er kann nicht lieben, er will nicht lieben-wo ist der Unterschied?!
The greatest happiness for humans is love. Suppose you say of the schizophrenic: he does not love, he cannot love, he does not want to love—where is the distinction?!
1948
1948
-Er will nicht... heißt es ist in seiner Macht. Und wer will das sagen?! Wovon sagt man denn es ist in meiner Macht-?-Man sagtes, wo man einen Unterschied machen will. Dies Gewicht kann ich heben, will's aber nicht heben; jenes kann ich nicht heben.
-“He does not want to…” implies it is within his power. And who dares claim this?! What do we say is within my power?—We say it where we wish to mark a difference. This weight I can lift but choose not to; that one I cannot lift.
1948
1948
Gott hat es befohlen, also muß man's tun können. Das heißt gar nichts. Hier ist kein also. Die beiden Ausdrücke könnten höchstens das gleiche bedeuten.
God commanded it, therefore one must be capable of doing it. This means nothing. Here there is no “therefore.” The two expressions could at most signify the same thing.
Er hat es befohlen heißt hier ungefähr: Er wird strafen, wer es nicht tut. Und daraus folgt nichts über das Können. Und das ist der Sinn der Gnadenwahl.
“He commanded it” here roughly means: He will punish whoever does not do it. And from this follows nothing about capability. This is the meaning of predestination.
Das heißt aber nicht, daß es richtig ist, zu sagen: Er straft, obgleich man nicht anders kann. Wohl aber könnte man sagen: Hier wird gestraft, wo der Mensch nicht strafen dürfte. Und der Begriff der Strafe überhaupt ändert sich hier. Denn die alten Illustrationen lassen sich hier nicht mehr anwenden, oder müssen nun ganz anders angewendet werden. Sieh Dir nur eine Allegorie an, wie The Pilgrim's Progress, und wie hier alles- im menschlichen Sinne nicht stimmt. Aber stimmt sie nicht doch? D.h.: läßt sie sich nicht anwenden? Sie ist ja angewendet worden. (Auf den Bahnhöfen gibt es Zifferblätter mit zwei Zei- gern; sie zeigen an, wann der nächste Zug abfährt. Sie schauen aus wie Uhren und sind keine; haben aber ihre Verwendung.) (Es gäbe hier ein besseres Gleichnis.) Dem Menschen, der bei dieser Allegorie unwillig wird, könnte man sagen: Verwende sie anders oder kümmere Dich nicht um sie! (Aber manchen wird sie weit mehr verwirren, als sie ihm helfen kann.)
This does not mean it is correct to say: He punishes even though one cannot act otherwise. Rather, one could say: Here punishment is meted out where humans ought not to punish. And the very concept of punishment changes here. For the old illustrations no longer apply or must now be applied entirely differently. Consider an allegory like The Pilgrim’s Progress, where nothing aligns with human understanding—and yet does it not align? That is: Can it not be applied? It has been applied. (Train stations have dials with two hands indicating departure times; they resemble clocks but are not—yet serve a purpose.) (A better analogy exists here.) To those irritated by this allegory, one might say: Apply it differently or disregard it! (Though for some, it will confuse far more than help.)
1948
1948
Was der Leser auch kann, das überlaß dem Leser.
What the reader can do for themselves, leave to the reader.
Ich schreibe beinahe immer Selbstgespräche mit mir selbst. Sachen, die ich mir unter vier Augen sage.
I almost always write soliloquies with myself. Things I whisper to myself in private.
Ehrgeiz ist der Tod des Denkens.
Ambition is the death of thought.
Humor ist keine Stimmung, sondern eine Weltanschauung. Und darum, wenn es richtig ist, zu sagen, im Nazi-Deutschland sei der Humor vertilgt worden, so heißt das nicht so etwas wie, man sei nicht guter Laune gewesen, sondern etwas viel Tieferes und Wichtigeres.
Humor is not a mood but a worldview. Thus, if it is correct to say humor was eradicated in Nazi Germany, this signifies not merely an absence of cheerfulness but something far deeper and more consequential.
Zwei Menschen, die zusammen, über einen Witz etwa, lachen. Einer hat gewisse etwas ungewöhnliche Worte gebraucht und nun brechen sie beide in eine Art von Meckern aus. Das könnte Einem, der aus anderer Umgebung zu uns kommt, sebr sonder- bar vorkommen. Während wir es ganz vernünftig finden. (Ich beobachtete diese Szene neulich in einem Omnibus und konnte mich in Einen hineindenken, der das nicht gewohnt ist. Es kam mir dann ganz irrational vor und wie die Reaktionen eines uns fremden Tiers.)
Two people laughing together over a joke. One used slightly unusual words, and now both erupt into a sort of bleating. To someone from another culture, this might seem utterly strange, while we find it entirely reasonable. (I observed this scene recently on a bus and could imagine how it might appear to an outsider. It struck me as irrational, like the reactions of an alien creature.)
Der Begriff des Festes. Für uns mit Lustbarkeit verbunden; zu einer andern Zeit möglicherweise nur mit Furcht und Grauen. Was wir Witz und was wir Humor nennen, hat es gewiß in andern Zeiten nicht gegeben. Und diese beiden ändern sich beständig.
The concept of a festival. For us, linked to merriment; in another era, possibly only to fear and horror. What we call wit and humor certainly did not exist in other ages. And these two are perpetually evolving.
»Le style c’est l’homme«, »Le style c’est l’homme même«. Der erste Ausdruck hat eine billige epigrammatische Kürze. Der zweite, richtige, eröffnet eine ganz andere Perspektive. Er sagt, daß der Stil das Bild des Menschen sei.
"Le style c’est l’homme", "Le style c’est l’homme même". The first expression has a cheap epigrammatic brevity. The second, correct one opens an entirely different perspective. It states that style is the image of the person.
Es gibt Bemerkungen, die säen, und Bemerkungen, die ernten.
There are remarks that sow and remarks that reap.
Die Landschaft dieser Begriffsverhältnisse aus ihren unzähli-gen Stücken, wie sie die Sprache uns zeigt, zusammenstellen, ist zu schwer für mich. Ich kann es nur sehr unvollkommen tun.
To assemble the landscape of these conceptual relationships from the countless fragments presented to us by language is too difficult for me. I can only do it very imperfectly.
Wenn ich mich für eine Eventualität vorbereite, kannst Du ziemlich sicher sein, daß sie nicht eintreten wird. u. U.
If I prepare for an eventuality, you can be fairly certain it will not occur. Under certain circumstances.
Es ist schwer etwas zu wissen, und zu handeln, als wüßte man’s nicht.
It is difficult to know something and to act as though one did not know it.
Es gibt wirklich die Fälle, in denen Einem der Sinn dessen, was er sagen will, viel klarer vorschwebt, als er ihn in Worten auszudrucken vermag. (Mir geschieht dies sehr oft.) Es ist dann, als sähe man deutlich ein Traumbild vor sich, könnte es aber nicht so beschreiben, daß der Andre es auch sieht. Ja, das Bild steht für den Schreiber (mich) oft bleibend hinter den Worten, so daß sie es für mich zu beschreiben scheinen.
There truly exist cases where the meaning of what one wants to say hovers much more clearly before one’s mind than one can express it in words. (This happens to me very often.) It is as though one saw a dream image distinctly before one but could not describe it so that others might see it too. Indeed, for the writer (myself), the image often remains permanently behind the words, so that they seem to describe it for me.
Ein mittelmäßiger Schriftsteller muß sich hüten, einen rohen, inkorrekten Ausdruck zu schnell durch einen korrekten zu erset- zen. Dadurch tötet er den ersten Einfall, der doch noch ein lebendes Pflänzchen war. Und nun ist er dürr und gar nichts mehr wert. Man kann ihn nun auf den Mist werfen. Während das armselige Pflänzchen noch immer einen gewisen Nutzen hatte.
A mediocre writer must be careful not to replace a crude, incorrect expression too quickly with a correct one. By doing so, he kills the initial idea, which was still a living seedling. Now it has withered and become worthless. One can now throw it onto the dung heap. Whereas the pitiful seedling still had some use.
Das Veralten von Schriftstellern, die schließlich etwas waren, hängt damit zusammen, daß ihre Schriften von der ganzen Umgebung ihrer Zeit ergänzt, stark zu den Menschen sprechen, daß sie aber ohne diese Ergänzung sterben, gleichsam der Beleuchtung beraubt, die ihnen Farbe gab.
The obsolescence of writers who were once significant is connected to the fact that their works spoke powerfully to people through the entire context of their time, but without this context, they die, deprived as it were of the illumination that gave them color.
Und damit, glaube ich, hängt die Schönheit mathematischer Demonstrationen zusammen, wie sie selbst von Pascal empfun- den wurde. In dieser Anschauung der Welt hatten diese Demon- strationen Schönheit nicht das, was oberflächliche Menschen Schönheit nennen. Auch, ein Krystall ist nicht in jeder Umge bung schön - obwohl vielleicht in jeder reizvoll. -
And with this, I believe, is connected the beauty of mathematical demonstrations as even Pascal experienced it. In this view of the world, these demonstrations had a beauty not equivalent to what superficial people call beauty. Moreover, a crystal is not beautiful in every environment—though perhaps intriguing in any. —
Wie sich ganze Zeiten nicht aus den Zangen gewisser Begriffe befreien können-des Begriffes »schön« und »Schönheit« z. B.
How entire epochs cannot free themselves from the grip of certain concepts—the concept of "beautiful" and "beauty," for example.
Mein eigenes Denken über Kunst und Werte ist weit desillu- sionierter, als es das der Menschen vor 100 Jahren sein konnte. Und doch heißt das nicht, daß es deswegen richtiger ist. Es heißt nur, daß im Vordergrund meines Geistes Untergänge sind, die nicht im Vordergrund jener waren.
My own thinking about art and values is far more disillusioned than that of people a hundred years ago could have been. Yet this does not mean it is therefore more correct. It merely signifies that declines occupy the foreground of my mind which were not in the foreground of theirs.
Sorgen sind wie Krankheiten; man muß sie hinnehmen: das Schlimmste, was man tun kann, ist, sich gegen sie auflehnen. Sie kommen auch in Anfällen, durch innere, oder äußereAnlässe ausgelöst. Und man muß sich dann sagen: Wieder ein Anfall.-
Worries are like illnesses; one must accept them: the worst thing one can do is rebel against them. They also come in attacks, triggered by inner or outer occasions. And one must then tell oneself: Another attack.—
Wissenschaftliche Fragen können mich interessieren, aber nie wirklich fesseln. Das tun für mich nur begriffliche und ästheti sche Fragen. Die Lösung wissenschaftlicher Probleme ist mir, im Grunde, gleichgültig; jener andern Fragen aber nicht.
Scientific questions may interest me but never truly captivate me. Only conceptual and aesthetic questions do that. The solution of scientific problems is fundamentally indifferent to me; not so those other questions.
Auch wenn man nicht in Kreisen denkt, so geht man doch, manchmal geradenwegs durch's Walddickicht der Fragen in's Freie hinaus, manchmal auf verschlungenen, oder Zickzackwe- gen, die uns nicht in's Freie führen.
Even if one does not think in circles, one still sometimes walks straight through the thicket of questions into open terrain, sometimes along winding or zigzag paths that do not lead us into the open.
Der Sabbath ist nicht einfach die Zeit der Ruhe, der Erholung. Wir sollten unsre Arbeit von außen betrachten, nicht nur von innen.
The Sabbath is not merely a time of rest and recuperation. We should contemplate our work from without, not only from within.
Der Gruß der Philosophen unter einander sollte sein: Laß Dir Zeit!-
The greeting philosophers should exchange is: Take your time!—
Für den Menschen ist das Ewige, Wichtige, oft durch einen undurchdringlichen Schleier verdeckt. Er weiß: da drunten ist etwas, aber er sieht es nicht. Der Schleier reflektiert das Tages- licht.Warum soll der Mensch nicht todunglücklich werden? Es ist eine seiner Möglichkeiten. Wie im ›Corinthian Bagatel‹ dieser Weg der Kugel einer der möglichen Wege. Und vielleicht nicht einmal einer der seltenen.
For humans, the eternal and important is often veiled by an impenetrable curtain. They know something lies beneath, but they cannot see it. The curtain reflects the daylight. Why should man not become mortally unhappy? It is one of his possibilities. As in the 'Corinthian Bagatelle,' this path of the ball is one of the possible paths. And perhaps not even a rare one.
In den Tälern der Dummheit wächst für den Philosophen noch immer mehr Gras, als auf den kahlen Höhen der Gescheitheit.
In the valleys of folly, more grass still grows for the philosopher than on the barren heights of cleverness.
Die Zeitlichkeit der Uhr und die Zeitlichkeit in der Musik. Sie sind durchaus nicht gleiche Begriffe.
The temporality of the clock and the temporality in music are by no means identical concepts.
Streng im Takt gespielt, heißt nicht genau nach dem Metronom gespielt. Es wäre aber möglich, daß eine gewisse Art von Musik nach dem Metronom zu spielen wäre. (Ist das Anfangsthema (des zweiten Satzes)* der 8. Symphonie von dieser Art?)
Playing strictly in time does not mean playing exactly to the metronome. Yet it would be possible for a certain kind of music to be played to the metronome. (Is the opening theme (of the second movement)* of the 8th Symphony of this kind?)
Könnte man den Begriff der Höllenstrafen auch anders, als durch den Begriff der Strafe erklären? Oder den Begriff der Güte Gottes auch anders, als durch den Begriff der Gute?
Could one explain the concept of infernal punishments otherwise than through the concept of punishment? Or the concept of God’s goodness otherwise than through the concept of goodness?
Wenn Du mit Deinen Worten die rechte Wirkung erzielen willst, gewiß nicht.
If you wish to achieve the right effect with your words, certainly not.
* Zusatz des Herausgebers
* Editor’s addition
Denke, es würde Einem gelehrt: Es gibt ein Wesen, welches Dich, wenn Du das und das tust, so und so lebst, nach Deinem Tod an einen Ort der ewigen Qual bringen wird; die meisten Menschen kommen dorthin, eine geringe Anzahl an einen Ort der ewigen Freude. - Jenes Wesen hat von vornherein die ausgewählt, die an den guten Ort kommen sollen, und, da nur die an den Ort der Qual kommen, die eine bestimmte Art des Lebens geführt haben, die andern auch, von vornherein, zu dieser Art des Lebens bestimmt.Wie so eine Lehre wohl wirken würde?
Imagine someone being taught: There exists a being who, if you act in such and such a way, live such and such a life, will after your death transport you to a place of eternal torment; most people end up there, while a small number go to a place of eternal joy. — This being has from the outset selected those destined for the good place, and since only those who lead a certain kind of life end up in the place of torment, the others too are predetermined from the outset to lead this kind of life. How might such a doctrine take effect?
Es ist hier also von Strafe keine Rede, sondern eher von einer Art Naturgesetzlichkeit. Und, wem man es in diesem Lichte darstellt, der könnte nur Verzweiflung oder Unglauben aus die-ser Lehre ziehen.
Here, then, there is no talk of punishment, but rather of a kind of natural lawfulness. And whoever presents it in this light could only draw despair or disbelief from this doctrine.
Diese Lehre könnte keine ethische Erziehung sein. Und wen man ethisch erziehen und dennoch so lehren wollte, dem müßte man die Lehre, nach der ethischen Erziehung, als eine Art unbegreiflichen Geheimnisses darstellen.
This doctrine could not serve as ethical education. And if one wished to educate ethically while still teaching this, one would have to present the doctrine, after the ethical education, as a kind of incomprehensible mystery.
1949
1949
»Er hat sie, in seiner Güte, erwählt und er wird Dich strafen« hat ja keinen Sinn. Die beiden Hälften gehören zu verschiedenen Betrachtungsarten. Die zweite Hälfte ist ethisch und die erste ist es nicht. Und mit der ersten zusammen ist die zweite absurd.
»In His goodness, He has chosen them, and He will punish you« makes no sense. The two halves belong to different modes of contemplation. The second half is ethical, the first is not. And when combined with the first, the second becomes absurd.
1949
1949
Der Reim von »Rast« mit »Hast« ist ein Zufall. Aber ein glücklicher Zufall, und Du kannst diesen glücklichen Zufall entdecken.
The rhyme of »Rast« [rest] with »Hast« [haste] is coincidental. But it is a fortunate coincidence, and you can discover this fortunate accident.
1949
1949
In Beethovens Musik findet sich zum ersten Mal, was man den Ausdruck der Ironie nennen kann. Z.B. im ersten Satz der Neunten. Und zwar ist es bei ihm eine fürchterliche Ironie, etwa die des Schicksals. Bei Wagner kommt die Ironie wieder, aber in's Bürgerliche gewendet.
In Beethoven’s music, we encounter for the first time what might be called the expression of irony. For example, in the first movement of the Ninth Symphony. And here it is a terrible irony, akin to that of fate. In Wagner, irony reappears, but transposed into the bourgeois.
Man könnte wohl sagen, daß Wagner und Brahms, jeder in andrer Art, Beethoven nachgeahmt haben; aber was bei ihm kosmisch war, wird bei ihnen irdisch.
One might well say that Wagner and Brahms, each in their own way, imitated Beethoven; but what was cosmic in him becomes earthly in them.
Es kommen bei ihm die gleichen Ausdrücke vor, aber sie folgen andern Gesetzen.
The same expressions occur in his work, but they follow different laws.
Das Schicksal spielt ja auch in Mozarts oder Haydns Musik keinerlei Rolle. Damit beschäftigt sich diese Musik nicht.Tovey, dieser Esel, sagt einmal dies, oder etwas Ahnliches, habe damit zu tun, daß Mozart Lektüre einer gewissen Art gar nicht zugänglich gewesen sei. Als ob es ausgemacht wäre, daß nur die Bücher die Musik der Meister bestimmt hätten. Freilich hängen Musik und Bücher zusammen. Aber wenn Mozart in seiner Lektüre nicht große Tragik fand, fand er sie darum nicht im Leben? Und sehen Komponisten immer nur durch die Brillen der Dichter?
Fate plays no role whatsoever in the music of Mozart or Haydn either. This music does not concern itself with such matters. Tovey, that fool, once remarks that this, or something similar, has to do with Mozart’s supposed inaccessibility to a certain kind of literature. As if it were settled that only books could determine the music of the masters. Of course, music and books are connected. But if Mozart did not find great tragedy in his reading, did he therefore not find it in life? And do composers always see only through the spectacles of poets?
Einen dreifachen Kontrapunkt gibt es nur in einer ganz bestimmten musikalischen Umgebung.
A triple counterpoint exists only within a very specific musical environment.
Der seelenvolle Ausdruck in der Musik. Er ist nicht nach Graden der Stärke und des Tempos zu beschreiben. Sowenig wie der seelenvolle Gesichtsausdruck durch räumliche Maße. Ja er ist auch nicht durch ein Paradigma zu erklären, denn das gleiche Stück kann auf unzählige Arten mit echtem Ausdruck gespielt werden.
The soulful expression in music. It cannot be described in terms of degrees of intensity and tempo. No more than the soulful expression of a face can be measured spatially. Indeed, it cannot even be explained by a paradigm, for the same piece can be played with genuine expression in countless ways.
Das Wesen Gottes verbürge seine Existenz-d.h. eigentlich, dafß es sich hier um eine Existenz nicht handelt.
The essence of God guarantees His existence — which really means that here we are not dealing with an existence at all.
Könnte man denn nicht auch sagen, das Wesen der Farbe verbürge ihre Existenz? Im Gegensatz etwa zum weißen Ele- phanten. Denn es heißt ja nur: ich kann nicht erklären, was »Farbe« ist, was das Wort »Farbe« bedeutet, außer an der Hand des Farbmusters. Es gibt also hier nicht ein Erklären, wie es wäre, wenn es Farben gäbe
Could one not also say that the essence of color guarantees its existence? In contrast, say, to a white elephant. For this only means: I cannot explain what »color« is, what the word »color« means, except by pointing to color samples. Thus, there is no explanation here of what it would be like if colors existed.
Und man könnte nun sagen: Es läßt sich beschreiben, wie es wäre, wenn es Götter auf dem Olymp gäbe – aber nicht: wie es wäre, wenn es Gott gäbe. Und damit wird der Begriff »Gott« näher bestimmt.
And one might now say: We can describe what it would be like if there were gods on Olympus — but not: what it would be like if God existed. And this further defines the concept »God«.
Wie wird uns das Wort »Gott« beigebracht (d.h. seinGebrauch)? Ich kann davon keine ausführliche grammatische Beschreibung geben. Aber ich kann sozusagen Beiträge zu der Beschreibung machen; ich kann darüber manches sagen und vielleicht mit der Zeit eine Art Beispielsammlung anlegen.
How is the word »God« taught to us (i.e., its usage)? I cannot provide an exhaustive grammatical description. But I can, as it were, contribute to such a description; I can say much about it and perhaps, over time, assemble a kind of collection of examples.
Bedenke hier, daß man in einem Wörterbuch vielleicht gern solche Gebrauchsbeschreibungen gäbe, in Wirklichkeit aber nur einige wenige Beispiele und Erklärungen gibt. Ferner aber, daß mehr auch nicht nötig ist. Was könnten wir mit einer ungeheuer langen Beschreibung anfangen? Nun, wir könnten nichts mit ihr anfangen, wenn es sich um den Gebrauch von Wörtern uns geläufiger Sprachen handelte. Aber wie, wenn wir so eine Beschreibung des Gebrauchs eines assyrischen Worts vorfan- den? Und in welcher Sprache? Nun, in einer andern uns bekann- ten. In der Beschreibung wird oft das Wort manchmal vor- kommen, oder öfters, oder für gewöhnlich, oder fast immer, oder fast nie.
Consider here that a dictionary might ideally wish to give such usage descriptions but in reality provides only a few examples and explanations. Moreover, no more is needed. What could we do with an immensely long description? Well, we could do nothing with it if it concerned the usage of words in familiar languages. But what if we found such a description of the usage of an Assyrian word? And in what language? Well, in another language known to us. In the description, words like »sometimes« or »often« or »usually« or »almost always« or »almost never« would frequently appear.
Es ist schwer, sich ein gutes Bild einer solchen Beschreibung zu machen.
It is difficult to form a clear picture of such a description.
Und ich bin im Grunde doch ein Maler, und oft ein sehr schlechter Maler.
And fundamentally, I am still a painter, and often a very poor one.
Wie ist es denn, wenn Leute nicht den gleichen Sinn für Humor haben? Sie reagieren nicht richtig auf einander. Es ist, als wäre es unter gewissen Menschen Sitte einem Andern einen Ball zuzuwerfen, welcher ihn auffangen und zurückwerfen soll; aber gewisse Leute würfen ihn nicht zurück, sondern steckten ihn in die Tasche.
What is it like when people do not share the same sense of humor? They fail to respond appropriately to one another. It is as if, among certain people, it were customary to throw a ball to another, who should catch it and throw it back; but certain people would not throw it back, instead pocketing it.
Oder wie ist es, wenn Einer den Geschmack des Andern gar nicht zu erraten versteht?
Or what is it like when one person cannot begin to guess the other’s taste?
Ein in uns festes Bild kann man freilich dem Aberglauben vergleichen, aber doch auch sagen, daß man immer auf irgend einen festen Grund kommen muß, sei er nun ein Bild, oder nicht,und also sei ein Bild am Grunde alles Denkens zu respektieren und nicht als ein Aberglaube zu behandeln.
A fixed image within us may indeed be compared to superstition, yet one could also say that we must always arrive at some solid foundation—whether an image or not—and thus an image underlying all thinking is to be respected rather than treated as superstition.
Wenn das Christentum die Wahrheit ist, dann ist alle Philoso- phie darüber falsch.
If Christianity is the truth, then all philosophy written about it is false.
Kultur ist eine Ordensregel. Oder setzt doch eine Ordensregel voraus.
Culture is a monastic rule. Or at least presupposes one.
Die Traumerzählung, ein Gemenge von Erinnerungen. Oft zu einem sinnvollen und rätselhaften Ganzen. Gleichsam zu einem Fragment, das uns stark beeindruckt (manchmal nämlich), so daß wir nach einer Erklärung, nach Zusammenhängen suchen.
The dream recounting, a jumble of memories. Often coalescing into a meaningful and enigmatic whole. As it were, into a fragment that strongly impresses us (at times), compelling us to seek explanations and connections.
Aber warum kamen jetzt diese Erinnerungen? Wer will's sagen?-Es kann mit unserm gegenwärtigen Leben, also auch mit unsern Wünschen, Befürchtungen, etc., zusammenhängen.- Aber willst Du sagen, daß diese Erscheinung im bestimmten ursächlichen Zusammenhang stehen müsse? Ich will sagen, daß es nicht notwendigerweise Sinn haben muß, von einem Auffinden ihrer Ursache zu reden.
But why did these memories surface now? Who can say?—They may relate to our present life, hence to our desires, fears, etc.—But do you mean to assert that this phenomenon must stand in a determinate causal nexus? I mean to say that it need not make sense to speak of discovering its cause.
Shakespeare und der Traum. Ein Traum ist ganz unrichtig, absurd, zusammengesetzt, und doch ganz richtig: er macht in dieser seltsamen Zusammensetzung einen Eindruck. Warum? Ich weiß es nicht. Und wenn Shakespeare groß ist, wie von ihm ausgesagt wird, dann muß man von ihm sagen können: Es ist alles falsch, stimmt nicht- und ist doch ganz richtig nach einem eigenen Gesetz.
Shakespeare and the dream. A dream is utterly false, absurd, composite, yet entirely correct: in this strange composition, it makes an impression. Why? I do not know. And if Shakespeare is great, as claimed, then one must say of him: It is all false, does not cohere—and yet is entirely correct according to its own law.
Man könnte das auch so sagen: Wenn Shakespeare groß ist, kann er es nur in der Masse seiner Dramen sein, die sich ihreeigene Sprache und Welt schaffen, Er ist also ganz unrealistisch. (Wie der Traum.)
One might also put it this way: If Shakespeare is great, his greatness can reside only in the totality of his dramas, which create their own language and world. He is thus utterly unrealistic. (Like a dream.)
Es ist nichts Unerhörtes darin, daß der Charakter des Men- schen von der Außenwelt beeinflußt werden kann (Weininger). Denn das heißt ja nur, daß erfahrungsgemäß die Menschen sich mit den Umständen ändern. Fragt man: Wie könnte die Umge- bung den Menschen, das Ethische in ihm, zwingen? so ist die Antwort, daß er zwar sagen mag »Kein Mensch muß müssen«, aber doch unter solchen Umständen so und so handeln wird. »Du MUSST nicht, ich kann Dir einen (andern) Ausweg sagen, -aber Du wirst ihn nicht ergreifen.«
There is nothing extraordinary in the idea that human character can be influenced by the external world (Weininger). For this merely means that, empirically, people change with circumstances. If asked: How could the environment compel the ethical in a person?—the answer is that while one may say "No one must must," under such circumstances one will act thus and so. "You NEED not, I can show you another path—but you will not take it."
Ich glaube nicht, daß man Shakespeare mit einem andern Dichter zusammenhalten kann. War er vielleicht eher ein Sprach- schöpfer als ein Dichter?
I do not believe Shakespeare can be grouped with other poets. Was he perhaps more a creator of language than a poet?
Ich könnte Shakespeare nur anstaunen; nie etwas mit ihm anfangen.
I could only stand in awe of Shakespeare; I could never do anything with him.
Ich habe ein tiefes Mißtrauen gegen die allermeisten Bewunde- rer Shakespeares. Ich glaube, das Unglück ist, daß er, in der westlichen Kultur zum mindesten, einzig dasteht, und man ihn daher, um ihn einzureihen, falsch einreihen muß.
I deeply distrust the vast majority of Shakespeare’s admirers. I believe the misfortune is that, in Western culture at least, he stands alone, and thus to classify him, one must misclassify him.
Es ist nicht, als ob Shakespeare Typen von Menschen gut portraitierte und insofern wahr wäre. Er ist nicht naturwahr. Aber er hat eine so gelenke Hand und einen so eigenartigen Strich, daß jede seiner Figuren bedeutend, sehenswert ausschaut.
It is not as if Shakespeare portrayed types of people well and was thereby truthful. He is not true to nature. But he has such a supple hand and such singular strokes that every figure he creates appears significant, worth beholding.
-Das große Herz Beethovens- niemand könnte sagen »das große Herz Shakespeares«. -Die gelenke Hand, die neue Natur- formen der Sprache geschaffen hat«, schiene mir richtiger.
—The great heart of Beethoven—no one could speak of "the great heart of Shakespeare."—"The supple hand that created new natural forms of language" strikes me as more apt.
Der Dichter kann eigentlich nicht von sich sagen »Ich singe wie der Vogel singt« – aber Shakespeare hätte es vielleicht von sich sagen können.
A poet cannot truly say of himself, "I sing as the bird sings"—but Shakespeare might have been able to say it of himself.
Ein und dasselbe Thema hat in Moll einen andern Charakter als in Dur, aber von einem Charakter des Moll im allgemeinen zu sprechen, ist ganz falsch. (Bei Schubert klingt das Dur oft trauriger als das Moll.) Und so ist es, glaube ich, müßig und ohne Nutzen für das Verständnis der Malerei von den Charakteren der einzelnen Farben zu reden. Man denkt eigentlich dabei nur an spezielle Verwendungen. Daß Grün als Farbe einer Tischdecke die, Rot jene Wirkung hat, läßt auf ihre Wirkung in einem Bild keinen Schluß zu.
The same theme has a different character in minor than in major, but speaking of the character of minor in general is entirely wrong. (In Schubert, major often sounds sadder than minor.) Similarly, I believe it is idle and useless for understanding painting to speak of the characters of individual colors. One is really thinking only of specific uses. That green has this effect as a tablecloth color and red that one permits no conclusion about their effects in a painting.
Ich glaube nicht, daß Shakespeare über das »Dichterlos« hätte nachdenken können.
I do not believe Shakespeare could have reflected on the "poet's destiny."
Er konnte sich auch nicht selbst als Prophet oder Lehrer der Menschheit betrachten.
Nor could he regard himself as a prophet or teacher of humanity.
Die Menschen staunen ihn an, beinahe wie ein Naturschauspiel. Sie fühlen nicht, daß sie dadurch mit einem großen Menschen in Berührung kommen. Sondern mit einem Phänomen.
People marvel at him almost as at a natural spectacle. They do not feel they are thereby in contact with a great human being, but with a phenomenon.
Ich glaube, um einen Dichter zu genießen, dazu muß man auch die Kultur, zu der er gehört, gern haben. Ist die einem gleichgültig oder zuwider, so erkaltet die Bewunderung.
I believe that to enjoy a poet, one must also cherish the culture to which he belongs. If indifferent or hostile to it, admiration cools.
Wenn der an Gott Glaubende um sich sieht und fragt »Woher ist alles, was ich sehe?«, »Woher das alles?«, verlangt er keine (kausale) Erklärung; und der Witz seiner Frage ist, daß sie der Ausdruck dieses Verlangens ist. Er drückt also eine Einstellung zu allen Erklärungen aus. Aber wie zeigt sich die in seinem Leben?Es ist die Einstellung, die eine bestimmte Sache ernst nimmt, sie aber dann an einem bestimmten Punkt doch nicht ernst nimmt, und erklärt, etwas anderes sei noch ernster.
When the believer in God looks around and asks, "From whence comes all that I see?" "From whence does all this come?"—he is not demanding a (causal) explanation. The point of his question is that it expresses this demand. Thus, it conveys an attitude toward all explanations. But how is this attitude manifested in his life? It is the attitude of taking a certain matter seriously and then, at a certain point, not taking it seriously, declaring that something else is more serious.
So kann Einer sagen, es ist sehr ernst, daß der und der gestor- ben ist, ehe er ein bestimmtes Werk vollenden konnte; und in anderem Sinne kommt's darauf gar nicht an. Hier gebraucht man die Worte in einem tiefern Sinne.
Thus, one might say it is very serious that so-and-so died before completing a certain work; yet in another sense, it does not matter at all. Here, the words are used in a deeper sense.
Eigentlich möchte ich sagen, daß es auch hier nicht auf die Worte ankommt, die man ausspricht, oder auf das, was man dabei denkt, sondern auf den Unterschied, den sie an verschiede- nen Stellen im Leben machen. Wie weiß ich, daß zwei Menschen das gleiche meinen, wenn jeder sagt, er glaube an Gott? Und ganz dasselbe kann man bezüglich der 3 Personen sagen. Die Theologie, die auf den Gebrauch gewisser Worte und Phrasen dringt und andere verbannt, macht nichts klarer (Karl Barth). Sie fuchtelt sozusagen mit Worten, weil sie etwas sagen will und es nicht auszudrücken weiß. Die Praxis gibt den Worten ihren Sinn.
In truth, I want to say that even here, it is not the words spoken or the thoughts accompanying them that matter, but the difference they make at various points in life. How do I know that two people mean the same when each says he believes in God? The same applies to the Trinity. Theology, which insists on certain words and phrases while banning others, clarifies nothing (Karl Barth). It brandishes words, as it were, because it wants to say something and cannot express it. Practice gives words their meaning.
Ein Gottesbeweis sollte eigentlich etwas sein, wodurch man sich von der Existenz Gottes überzeugen kann. Aber ich denke mir, daß die Gläubigen, die solche Beweise lieferten, ihren Glauben mit ihrem Verstand analysieren und begründen woll- ten, obgleich sie selbst durch solche Beweise nie zum Glauben gekommen wären. Einen von der Existenz Gottes überzeugen könnte man vielleicht durch eine Art Erziehung, dadurch, daß man sein Leben so und so gestaltet.
A proof of God’s existence ought to be something by which one could convince oneself of God’s existence. But I think that believers who furnished such proofs wanted to analyze and justify their belief through reason, though they themselves would never have come to faith by such proofs. One might perhaps be convinced of God’s existence through a kind of education, by shaping one’s life in a particular way.
Das Leben kann zum Glauben an Gott erziehen. Und es sind auch Erfahrungen, die dies tun; aber nicht Visionen, oder son stige Sinneserfahrungen, die uns die Existenz dieses Wesens zeigen, sondern z. B. Leiden verschiedener Art. Und sie zeigen uns Gott nicht wie ein Sinneseindruck einen Gegenstand, noch lassen sie ihn vermuten. Erfahrungen, Gedanken, - das Leben kann uns diesen Begriff aufzwingen.
Life can educate one into belief in God. And experiences too can do this—not visions or other sensory experiences that show us the existence of this being, but, for example, sufferings of various sorts. These do not show us God as a sensory impression shows us an object, nor do they allow us to conjecture him. Experiences, thoughts—life can force this concept upon us.
Er ist dann etwa ähnlich dem Begriff Gegenstand.
It is then similar to the concept of object.
Ich kann Shakespeare darum nicht verstehen, weil ich in der gänzlichen Asymmetrie die Symmetrie finden will.
The reason I cannot understand Shakespeare is that I want to find symmetry in his utter asymmetry.
Mir kommt vor, seine Stücke seien, gleichsam, enorme Skiz zen, nicht Gemälde; sie seien hingeworfen, von einem, der sich sozusagen alles erlauben kann. Und ich verstehe, wie man das bewundern und es die höchste Kunst nennen kann, aber ich mag es nicht. Wer daher vor diesen Stücken sprachlos steht, den kann ich verstehen; wer sie aber bewundert, so wie man Beetho ven etwa bewundert, der scheint mir Shakespeare mißzuverste- hen.
It strikes me that his plays are, as it were, enormous sketches, not paintings; they are dashed off by someone who could permit himself anything, so to speak. And I understand how one may admire this and call it the highest art, but I do not like it. Hence, I can understand someone who stands speechless before these plays, but whoever admires them as one admires Beethoven, say, seems to me to misunderstand Shakespeare.
1950
1950
Eine Zeit mißversteht die andere, und eine kleine Zeit mißver- steht alle andern in ihrer eigenen häßlichen Weise.
One age misunderstands another; and a small age misunderstands all others in its own ugly way.
1950
1950
Wie Gott den Menschen beurteilt, das kann man sich gar nicht vorstellen. Wenn er dabei wirklich die Stärke der Versuchung und die Schwäche der Natur in Anschlag bringt, wen kann er dann verurteilen? Wenn aber nicht, so ergibt eben die Resultie- rende dieser beiden Kräfte das Ziel, zu dem er prädestiniert wurde. Er wurde also geschaffen, um entweder durch das Zusammenspiel der Kräfte zu siegen, oder unterzugehen. Und das ist überhaupt kein religiöser Gedanke, sondern eher eine wissenschaftliche Hypothese.
How God judges human beings is utterly inconceivable. If he really takes into account the strength of temptation and the frailty of nature, whom could he condemn? But if not, then the resultant of these two forces is simply the end for which each was predestined. Thus, he was created either to triumph through the interplay of forces or to perish. And this is not a religious thought at all but rather a scientific hypothesis.
Wenn Du also im Religiösen bleiben willst, mußt Du kämp- fen.
So if you wish to remain within the religious sphere, you must struggle.
1950
1950
Sieh Dir die Menschen an: Der eine ist Gift für den andern. Die Mutter für den Sohn, und umgekehrt, etc. etc. Aber die Mutter ist blind und der Sohn ist es auch. Vielleicht haben sie schlechtes Gewissen, aber was hilft ihnen das? Das Kind ist böse, aber niemand lehrt es anders sein, und die Eltern verderben es nur durch ihre dumme Zuneigung; und wie sollen sie es verstehen,und wie soll das Kind es verstehen? Sie sind sozusagen alle böse und alle unschuldig.
Observe people: One is poison to another. Mother to son and vice versa, etc., etc. But the mother is blind, and so is the son. Perhaps they have a bad conscience, but what good does that do them? The child is wicked, but no one teaches it to be otherwise, and the parents spoil it only through their foolish affection; and how should they grasp this, and how should the child grasp it? They are all, as it were, wicked and all innocent.
Die Philosophie hat keinen Fortschritt gemacht? Wenn Einer kratzt, wo es ihn juckt, muß ein Fortschritt zu sehen sein? Ist es sonst kein echtes Kratzen, oder kein echtes Jucken? Und kann nicht diese Reaktion auf die Reizung lange Zeit so weiterge- hen, che ein Mittel gegen das Jucken gefunden wird?
Has philosophy made no progress? If someone scratches where it itches, must progress be visible? Is this not genuine scratching or genuine itching otherwise? And cannot this reaction to irritation continue for a long time before a remedy for the itching is found?
Gott kann mir sagen: Ich richte Dich aus Deinem eigenen Munde. Du hast Dich vor Ekel vor Deinen eigenen Handlungen geschüttelt, wenn Du sie an Andern gesehen hast..
God could say to me: “I judge you out of your own mouth. You shuddered with disgust at your own actions when you saw them in others.”
Ist der Sinn des Glaubens an den Teufel der, daß nicht alles, was als cine Eingebung zu uns kommt, von gutem ist?
Is the meaning of belief in the devil that not everything that comes to us as an inspiration is good?
Man kann sich nicht beurteilen, wenn man sich in den Katego rien nicht auskennt. (Freges Schreibart ist manchmal groß; Freud schreibt ausgezeichnet, und es ist ein Vergnügen, ihn zu lesen, aber er ist nie groß in seinem Schreiben.)"
One cannot judge oneself if one lacks the categories. (Frege’s style of writing is sometimes great; Freud writes superbly, and it is a pleasure to read him, but he is never great in his writing.)
Vgl. Zemel, 5712
Cf. Zemel, 5712
Bach, Johann Sebastian 497. 550
Bach, Johann Sebastian 497. 550
Bacon, Francis 526, 537, 546
Bacon, Francis 526, 537, 546
Barth, Karl 571
Barth, Karl 571
Beethoven, Ludwig van 462, 485, 497, 528, 556, 564, 569
Beethoven, Ludwig van 462, 485, 497, 528, 556, 564, 569
Boltzmann, Ludwig 476
Boltzmann, Ludwig 476
Brahms, Johannes 466, 479 482, 484f., 565
Brahms, Johannes 466, 479 482, 484f., 565
Breuer, Josef 476, 501
Breuer, Josef 476, 501
Bruckner, Anton 454. 466, 477, 480. 485. 497
Bruckner, Anton 454. 466, 477, 480. 485. 497
Bunyan, John 488, 490, 559
Bunyan, John 488, 490, 559
Busch, Wilhelm 476, 556
Busch, Wilhelm 476, 556
Chamisso, Adelbert von 469
Chamisso, Adelbert von 469
Caesar 464
Caesar 464
Christus 468, 494, 495
Christ 468, 494, 495
Claudius, Matthias 532
Claudius, Matthias 532
Darwin, Charles 475
Darwin, Charles 475
Drobil, Michael 476
Drobil, Michael 476
Eddington, Sir Arthur Stanley 475
Eddington, Sir Arthur Stanley 475
Einstein, Albert 516
Einstein, Albert 516
Engelmann, Paul [(1891- 1965). Architekt, Wittgen- steins Freund.] 455.501
Engelmann, Paul [(1891- 1965). Architect, Wittgenstein's friend.] 455.501
Frege, Gottlob 476, 573
Frege, Gottlob 476, 573
Freud, Sigmund 476. 496. 500f., 511f., 516, 546f., 552, 573
Freud, Sigmund 476. 496. 500f., 511f., 516, 546f., 552, 573
Goethe, Johann Wolfgang von 462, 465, 475,497, 517, 543
Goethe, Johann Wolfgang von 462, 465, 475,497, 517, 543
Grillparzer, Franz 454, 468 480, 528
Grillparzer, Franz 454, 468 480, 528
Haydn, Joseph 480, 497, 565
Haydn, Joseph 480, 497, 565
Hertz, Heinrich 476
Hertz, Heinrich 476
Hitler, Adolf 515
Hitler, Adolf 515
Johannes vom Kreuz, Der hl. 552f.
St. John of the Cross 552f.
Kant, Immanuel 464
Kant, Immanuel 464
Karl der Große 556
Charlemagne 556
Keller, Gottfried 517
Keller, Gottfried 517
Kierkegaard, Søren 493f.. 503.525
Kierkegaard, Søren 493f.. 503.525
Kleist, Heinrich von 471
Kleist, Heinrich von 471
Kopernikus, Nikolaus 475
Copernicus, Nicolaus 475
Kraus, Karl 467, 476. 482. 516,542
Kraus, Karl 467, 476. 482. 516,542
Labor, Josef (1842-1924). Böhmischer Komponist und Organist; wirkte seit 1868 in Wien. Bekannter der Familie Wittgenstein.] 454. 464, 468, 473.504.538
Labor, Josef (1842-1924). Bohemian composer and organist; active in Vienna from 1868. Acquaintance of the Wittgenstein family.] 454. 464, 468, 473.504.538
Leibniz, Gottfried Wilhelm von 532
Leibniz, Gottfried Wilhelm von 532
Lenau, Nikolaus 454. 497. 525f.
Lenau, Nikolaus 454. 497. 525f.
Lessing, Gotthold Ephraim 461
Lessing, Gotthold Ephraim 461
Lichtenberg, Georg Chri-stoph 542
Lichtenberg, Georg Christoph 542
Longfellow, Henry 497
Longfellow, Henry 497
Loos, Adolf 476
Loos, Adolf 476
Macaulay, Thomas Babington 487
Macaulay, Thomas Babington 487
Mahler, Gustav 477. 503.544f.
Mahler, Gustav 477. 503.544f.
Mendelssohn-Bartholdy, Felix 452f., 471, 479f., 498, 501.504
Mendelssohn-Bartholdy, Felix 452f., 471, 479f., 498, 501.504
Milton, John 518
Milton, John 518
Moore, Georg Edward 558
Moore, George Edward 558
Mozart, Wolfgang Amadeus 497, 516, 528, 531, 565f.
Mozart, Wolfgang Amadeus 497, 516, 528, 531, 565f.
Nestroy, Johann 480
Nestroy, Johann 480
Newton, Isaac 132
Newton, Isaac 132
Nietzsche, Friedrich 462, 534
Nietzsche, Friedrich 462, 534
Nüll, Eduard van der 555
Nüll, Eduard van der 555
Pascal, Blaise 508, 162
Pascal, Blaise 508, 162
Paulus 492, 494
Paul 492, 494
Platon 471
Plato 471
Ramsey, Frank Plumpton [Englischer Mathematiker und Logiker, Wittgensteins Freund, starb 1930 im Alter von 26 Jahren.] 473
Ramsey, Frank Plumpton [English mathematician and logician, Wittgenstein's friend, died in 1930 aged 26.] 473
Renan, Ernest 457f.
Renan, Ernest 457f.
Rousseau, Jean-Jacques 478
Rousseau, Jean-Jacques 478
Russell, Bertrand 476, 491, 547
Russell, Bertrand 476, 491, 547
Schanz, Frida 467
Schanz, Frida 467
Schiller, Friedrich 543
Schiller, Friedrich 543
Schopenhauer, Arthur 476, 486, 497, 500, 551
Schopenhauer, Arthur 476, 486, 497, 500, 551
Schubert, Franz 480, 485, 507, 516, 523, 570
Schubert, Franz 480, 485, 507, 516, 523, 570
Schumann, Robert 453, 512
Schumann, Robert 453, 512
Shakespeare, William fos, 518f., 568-70, 572
Shakespeare, William fos, 518f., 568-70, 572
Sjögren, Arvid 454
Sjögren, Arvid 454
Sokrates 529
Socrates 529
Spengler, Oswald 462, 469, 472, 487, 516
Spengler, Oswald 462, 469, 472, 487, 516
Sraffa, Piero [(*1898-1983). italienisch-englischer Nationalökonom, Freund von Wittgenstein; erwähnt im Vorwort zu den Philoso phischen Untersuchungen.] 476
Sraffa, Piero [(*1898–1983). Italian-English economist, friend of Wittgenstein; mentioned in the preface to the Philosophical Investigations.] 476
Tolstoi, Leo 474, 533-558
Tolstoy, Leo 474, 533-558
Tovey, Donald 566
Tovey, Donald 566
Wagner, Richard 485, 502, 507, 528, 565
Wagner, Richard 485, 502, 507, 528, 565
Ward, James [(1843-1925)-Englischer Philosoph.] 555
Ward, James [(1843–1925). English philosopher.] 555
Weininger, Otto 472,476, 569
Weininger, Otto 472,476, 569
Ludwig Wittgenstein Werkausgabe in 8 Bänden
Ludwig Wittgenstein
Collected Works in 8 Volumes
1 Tractatus logico-philosophicus Tagebücher 1914-1916 Philosophische Untersuchungen
1 Tractatus logico-philosophicus
Notebooks 1914–1916
Philosophical Investigations
2 Philosophische Bemerkungen
2 Philosophical Remarks
3 Ludwig Wittgenstein und der Wiener Kreis
3 Ludwig Wittgenstein and the Vienna Circle
4 Philosophische Grammatik
4 Philosophical Grammar
5 Das Blaue Buch Eine philosophische Betrachtung (Das Braune Buch)
5 The Blue Book
A Philosophical Investigation
(The Brown Book)
6 Bemerkungen über die Grundlagen der Mathematik
6 Remarks on the Foundations
of Mathematics
7 Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie
7 Remarks on the Philosophy
of Psychology
Last Writings on the Philosophy
of Psychology
8 Bemerkungen über die Farben Über Gewißheit Zettel Vermischte Bemerkungen
8 Remarks on Colour
On Certainty
Slips
Miscellaneous Remarks
ISBN 978-3-518-28108-6
ISBN 978-3-518-28108-6
9783518281086 €22,00 (D)-€22,70 [A] www.suhrkampulk
9783518281086
€22.00 (D)–€22.70 [A]
www.suhrkampulk